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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2025-12-19 07:16:42 -0800 |
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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~ + +antiqua gedruckter Text+ + +======================================================================= + + + Die Geschwister + + + Von + + + Hugo Bertsch + + + Mit einem Vorwort von Adolf Wilbrandt + + + Achte Auflage + + + [Illustration] + + + Stuttgart und Berlin 1904 + J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + G. m. b. H. + + + + + Alle Rechte vorbehalten + + +Copyright 1903 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + G. m. b. H.+ + + + Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart + + + + + Vorwort + + +Ich habe die Freude, meinen Landsleuten ein Buch zu übergeben, das, so +recht aus der Tiefe unsrer Volkskraft heraufgekommen, eine merkwürdige, +herzbewegende Erscheinung und in einem gewissen Sinn etwas Einziges +ist. + +Vor zwei Jahren und länger, im September 1900, schickte mir aus +Brooklyn-Neuyork ein deutscher Fabrikarbeiter, Hugo Bertsch, ein +Buch, in das er ein Schauspiel hineingeschrieben hatte und allerlei +Gedankengänge, betitelt »Phantasien auf hohem Seil«. Er schrieb dazu: +»Wie Sie an beigeschicktem Manuskript ersehen, bin ich einer von den +Nichtallewerdenden, denen es in Kopf und Herzen stürmt. Einer, der +verbotene Wege wandelt -- wennso das Schriftstellern, wie ich annehme, +Privilegium der Studierten ist. Denn, hochgeehrter Herr! ich habe +leider, leider, außer meiner Schwarzwälder Dorfschule -- unterbrochen +noch mit schwerer Feldarbeit -- keine Bildung genossen. Gelesen habe +ich viel, in Büchern, mehr noch in Gottes großem Buch: die Welt, die +ich seit dem Verlassen meiner Heimat kreuz und quer durchwandert +bin. Als Farmer, Bergmann, Holzhacker, Ziegelbrenner, Matrose, +Fabrikarbeiter, in grobem Kittel, mit rauhen, schweren Händen -- aber +(ohne zu erröten) reiner, unsäglich empfindlicher Seele -- habe ich so +für mich gelesen, gelebt, geduldet -- geweint. Ein Sonderling. + +»Daß ich schreiben kann ~schier~ wie ich denke, das erfuhr ich, +als ich in ziemlich langen Briefen meine Reisen schilderte. Ich tat's +einmal, dann öfter, und schließlich -- gepackt von dem berühmten Buch: +Im dunkelsten England -- versuchte ich eine ähnliche Schilderung: Im +dunkelsten London. + +»Ein so ausgedehntes Werk zu schreiben war mir unmöglich, das merkte +ich bald. Den ganzen Tag arbeite ich schwer, und nach dem Nachtessen +ist es spät und die abgerackerten Knochen zerren auch den willigsten +Geist hinab, hinab aufs Bett zum Ruhen. Zudem ist meine Umgebung so +ruhestörend, daß ich oft lachen muß über die originelle Weise, wie ich +dichten muß. Notwendig entschloß ich mich zur kürzesten Form, meiner +armen, überladenen Seele Erleichterung zu verschaffen.« + +So hatte er denn versucht, ein Schauspiel zu schreiben, »ohne viel zu +wissen, was man Regeln des Dramas und dergleichen nennt«. »Mitleid +und Tränen zu locken für seine Helden«, nur das hatte ihn seinen +Weg geführt. »Mit Gottvertrauen ließ ich meiner Phantasie die Zügel +schießen, und bin gelandet jetzt -- im Graben? oder drüber? -- Das zu +urteilen überlasse ich Ihnen, edler Herr. + +»Jetzt aber kommt der Gipfel meiner Aufdringlichkeit -- und o, +Bescheidenheit, verhülle dein Erröten -- dein glühendster Verehrer wird +dein Verräter. + +»Nie und nimmer! schrie ich dutzendmal beim Schreiben des Manuskripts +-- nie wieder werde ich unter so unmenschlichen Hindernissen es +versuchen zu schreiben. Nur wenn gute Aussicht ist, daß ich das +Ziel erreiche, mit Dichten mein Brot zu verdienen, werd' ich's noch +~einmal~ versuchen. Selbstverständlich andernfalls nicht. Ich kann +glücklich und zufrieden leben als Arbeiter -- freilich glücklicher als +Schreiber -- schon wegen der Wollust, meine Seele zu entladen. Aber in +Ungewißheit schwanken zwischen beiden, macht mich sehr elend. + +»Geehrter, teurer Herr! Seien Sie mein Richter, Ratgeber, Erlöser. Was +denken Sie? + +»Was immer -- sagen Sie es mir mit kurzen, trockenen Worten. Ich bin +ein wahrer Virtuose im Entsagen, und Religion und Vertrauen auf das +Weiterleben jenseits gibt mir mehr als Mut, mich einzuschließen, +einzupuppen -- allein mit meinen süßen Gespenstern.« + +Ich las das Buch; mit Staunen, mit immer wechselnden Eindrücken und +mit einem tief tragischen Gefühl. Das Schauspiel: »Der Dieb« war ein +wildes, krasses Nachtbild aus der »unteren Schicht«, mit einer oft +überraschenden Beredsamkeit fesselloser Leidenschaft, aber sonst +so recht, was man »unmöglich« nennt. Nicht nur jede Kenntnis der +Bühne fehlte, auch das Leben erschien oft in übertrieben greller, +glühender Beleuchtung und verzerrter Gestalt. So schafft wohl leicht +ein ermüdetes, von außen gestörtes, sich mit Gewalt erhitzendes, vom +Willen gepeitschtes Gehirn. Es spielte aber auch -- und mehr noch in +den »Phantasien auf hohem Seil« -- diese verhängnisvolle Zwitterschaft +mit, die Verbindung von hohem Seelenschwung und Geistesflug mit der +ungeschulten Unbehilflichkeit. So viel Denken, auch Wissen, und so +viel Unorthographisches. So erstaunlich reiches Formtalent, feines +Sprachgefühl, und so viel undeutsche Wendungen, aus der englisch +redenden Umgebung unbewußt aufgenommen. Gewiß ein ungewöhnlich begabter +Mensch, gewiß auch ein Poet; aber wer und was sollte ihm zur Ausbildung +und zur Reife helfen? Nur wenn er den Arbeitskittel ausziehen und +herüberkommen konnte, um in der Luft der deutschen Dichter und mit +fördernden Genossen zu leben, nur dann konnt' er »werden«. Er war noch +nicht. + +Und so sagte ihm der lange Brief, den ich ihm in tiefstem Mitgefühl +schrieb, eigentlich doch nur das: kannst du dich freimachen, dir +Geld verschaffen, um ein paar Jahre sorgenlos dich auszubilden? Dann +versuch's! Dann kann's gelingen! + +Darüber ging seine Antwort wie mit stummem, entsagendem Kopfschütteln +hinweg. Er dankte mir nur mit rührenden Worten, daß ich seinen Wunsch +erfüllt; »in traurigen Momenten kam es ja über mich: Sie werden meine +Kindergartendichterei gar keiner Beantwortung wert halten und das arme +Geschreibsel als ›Schmiere‹ in den Korb werfen. ... Daß Sie aber einen +achtseitenlangen Brief an mich schreiben voll Sympathie und Gefühl +und Verständnis für meine Lage, hat mich so glücklich gemacht, daß +ich vollauf belohnt bin für alle Mühe und Bitterkeit, das Manuskript +herzustellen. ... + +»Daß es nun aus ist mit meiner ›Schriftstellerei‹, ist +selbstverständlich. ...« + +So schrieb er mir am 21. Oktober; aber im April 1901 kam ein dritter +Brief. Er stellte sich darin von neuem vor als »jenen zudringlichen +Fabrikarbeiter von Brooklyn«; dann fuhr er fort: »Damals äußerten +Sie sich ermutigend über mein Talent und zum Schluß Ihres langen +Schreibens wörtlich: ›Ich hoffe, daß Gott Ihnen doch noch etwas an +die Hand gibt, an dem Sie sich emporziehen können; solche Wunder sind +schon oft geschehn.‹ Und, hochgeehrter Herr! es ist geschehen. Gott +ließ das Wunder geschehen an mir. Sie wissen ja, daß ich die Feder +wegzulegen beschloß wegen Mangel an Zeit, Freiheit, Aufmunterung. ... +Ich verwünschte, verbannte die Ideale, die anstürmend wie Meereswogen +mein ruhiges Arbeiterleben unterwühlen; aber allem Widerstand zum Trotz +-- ich ~mußte, mußte~ dichten und schreiben. + +»Das war der Anfang des Wunders -- nur der Anfang. Was ich jetzt +schreibe, ~wie~ ich schreibe, das ist das Wunder, an dem ich mich +emporziehen werde, so wahr mich Gott liebhat und ich ihn. ... + +»Vielleicht ist es zum Kopfschütteln, wenn ich behaupte, daß ich +über meine Arbeit nicht befriedigt, sondern geradezu erstaunt bin, +verblüfft. Ich steh' vor dem Geschriebenen wie vor einem geahnten, aber +nie gesehenen Wunder. Daß so tief ich denken kann, empfinden kann, ein +solches Himmelreich voll Geister beherbergt habe ohne es zu wissen, die +lange Reihe von Jahren, das alles dünkt mich wie ein Geschenk von Gott, +eine Entschädigung für die erdrückenden Schwierigkeiten, unter denen +ich schreiben ~soll~. Oft lebe ich im Wahn, ein viel Höherer als +Menschen dichte für mich und meine schwieligen, harten Hände seien nur +sein Werkzeug, das Tinte und Feder beherrscht .... + +»Denken Sie ja nicht, diese wilden Sätze seien Schwulst, Überschätzung, +Überspannung -- es sind nur die Jauchzer einer glücklichen Seele, die +hofft, einen Freund gefunden zu haben, der sie kennt und schätzt.« + +Hugo Bertsch hatte damals etwa ein Drittel seiner neuen Dichtung +geschrieben; zunächst fragte er, ob ich mich ihrer wohl annehmen werde. +Ich, in großer Freude, erbot mich zu jedem möglichen Liebesdienst. +Das erfüllte ihn so mit Dankbarkeit, daß sie ihn fast niederdrückte, +traurig machte: »Sie haben mich um ein gut Teil Freiheit gebracht. Eh +ich Sie (brieflich) kennen lernte, schwelgte ich in voller Freiheit, +meine Dichterei betreffend. Ich konnte die Feder führen oder wegwerfen, +absolut wie es mir beliebte -- aber jetzt nicht mehr so. Ich darf +nicht das Vertrauen enttäuschen, das Ihre ... Seele mir schenkt. Ich +~muß~ jetzt die Hoffnung, die Sie in mich setzen, verwirklichen. +...« Er nahm mich aber als »Ratgeber«, »Wegweiser« an, weil er die +Notwendigkeit fühlte. »Ich habe (wie Don Karlos) auf dieser weiten Erde +niemand, niemand und so weiter, der mich aufmuntert, führen könnte.« + +So begann denn meine beratende Mitwirkung an dem hier vorliegenden +Buch. Es entstand langsam, mit großen Unterbrechungen, auch mit +tiefen Senkungen des Selbstgefühls und der Schaffensfreude, in +»nervenlähmender Mutlosigkeit«, wie er einmal schrieb; nicht zu +verwundern bei der Art, wie es entstand. Der Dichter, kein Jüngling +mehr, sondern »ein Mann in reifsten Jahren«, wie ich nun erst erfuhr, +»aber außergewöhnlich gesund und stark«; auch glücklich verheiratet, +mit einer Amerikanerin von irischer Abstammung, und »Vater zweier +herzallerliebster Kinderchen«, »alle kerngesund« -- er konnte eben doch +nur nach des Tages Arbeit »komponieren und schreiben«, in der Küche, +am Küchentisch. Und wenn er an Winterabenden schrieb, so saßen ihm die +Kinder, die nicht mehr wie im Sommer auf die Straße gehen konnten, +»schier buchstäblich auf dem Manuskript«. »Und wie die Jugend eben ist, +sie vergessen jeden Augenblick, daß Papa nicht gestört werden möchte. +Sprechen, lachen, an den Tisch stoßen stört mich wenig, das bin ich +gewohnt; aber mit Fragen anrennen über dies und jenes, das holt mich +rettungslos aus den Wolken herunter, wie der Pfeil den Vogel.« + +Alle diese Hindernisse äußerer und innerer Art schadeten der Dichtung; +es konnte nicht anders sein, umsoweniger, da sie ein ~Werdender~ +schrieb. Das Gespinst ward ungleich, gröbere Fäden oder zu matt +gefärbte liefen mit hinein. Hie und da verwilderte die müde, gehetzte, +überreizte Phantasie. Der Plan des Ganzen entartete zuletzt ins +Schwarze, Erbarmungs- und Hoffnungslose, Weltverneinende; gegen die +eigentliche Natur des Dichters, der mit germanischer Gesundheit und +Freudigkeit Gott und das Leben bejaht. Ich beriet ihn: kehr um! Geh +einen andern Weg! Er ließ das Werk eine gute Weile liegen, dann begann +ein neuer Anlauf. So gab er dem Buch die Form, in der ich es nun der +Welt übergebe. + +Es ist in jeder Zeile sein Werk und fast immer auch sein Wort; ich habe +nur die kleinen »orthographischen Schandtaten«, wie einer seiner Briefe +sie nennt, brüderlich verbessert, undeutsch englische Wortfügungen +deutsch gemacht, und Längen gekürzt oder ein Übermaß weggeschnitten, +da es in der Natur seiner »Inspirationen« liegt, gern und zuweilen +unaufhaltsam in die Verschwendung des Reichen zu entarten. Daß ich dies +alles mit seiner Zustimmung und auf seinen Wunsch getan hab', brauch' +ich kaum zu sagen. Auch so wird der Leser wohl noch hie und da etwas +»gröberes Gespinst« verspüren, halbversteckte Zeugen bejammernswerter +Schaffensnot. Auch sei er hiermit freundlich gewarnt, daß er nicht zu +viel Handlung oder Spannung erwarte. Es ist eine Seelengeschichte, die +sich langsam, beinahe ganz in Briefen fortschiebt; viel Persönliches +drin, in den »Helden« der Geschichte, Bruder und Schwester, sehr +viel Eigenstes. Tom, der Bruder, ist Arbeiter wie Hugo Bertsch, +Ausnahmsmensch an Begabung wie er, Grübler, Denker wie er. Und wenn +sich der gewarnte Leser mit gelassener, nicht stoffhungriger Sammlung +an den Tisch seines Gastgebers setzt, so wird er wohl staunen, denk' +ich, was dieser Fabrikarbeiter aus Brooklyn ihm auftischt: wie viel +Beredsamkeit, Geist, Satire, Stimmung, Humor, Tiefsinn, Phantasie. + +Hierin ist er meines Erachtens etwas Einziges, wie ich vorhin +sagte; und überhaupt wüßte ich ihm in unsrer Literatur nur einen zu +vergleichen, Ulrich Bräker, den »armen Mann im Tockenburg« aus Jung +Goethes Zeit, den auch ein unbezwingbares Talent aus der Tiefe emporzog +und zum »Naturdichter« machte. Sie haben auch Stammesgemeinschaft, +beide sind Alemannen; nur daß Bertsch ein Landsmann Schillers, +ein Schwabe, Bräker ein Schweizer ist. Auch in ihrem innersten +Wesen, deucht mir, ist viel Verwandtschaft; aber das Leben hat sie +verschiedene Wege geführt, und die Glocken der Zeit haben ihnen sehr +verschieden geläutet. Uli Bräker, der nach kurzen Abenteuern das +Leben in seinem stillen Tal verbrachte, nur den eintönigen Kampf +mit der Sorge kennend, blieb der träumerische, lyrische, kindliche, +naturselige Mensch, als den die Natur und die Muse ihn geschaffen +hatten. Hugo Bertsch, in früher Jugend hinaus und lange Jahre die +Welt durchwandernd, dann von den tausend Stimmen einer gewaltig +aufstrebenden Riesenstadt umbraust, von den Leiden und Wünschen und +Begierden seiner emporringenden Standesgenossen im Innersten ergriffen, +härtete sein weiches Herz für den großen Kampf. Noch nie hat ein Mensch +des »vierten Standes« mit so geist- und seelenvoller, hochaufflammender +Beredsamkeit für die Rechte dieses leidenden Standes und gegen das +Babel der Zeit gestritten, wie Hugo Bertsch in diesem Buch. Es ist +aber die edle, reine Beredsamkeit des ~Dichters~, der zuletzt, +im ruhelosen Weitertrachten der Gedanken -- ein echt deutsches Blut! +-- zum ~Philosophen~ wird. Die altpersische Weltvorstellung lebt +auf eine wunderbare Art in ihm auf: der gute und der böse Geist, die +den großen Weltkampf kämpfen, in dem der Geschaffene, der Mensch +mitstreiten soll. So findet sich sein »Held«, Tom Pratt, in der +Schöpfung wieder zurecht, und die Sonne kann auch ihm wieder scheinen. + +Doch ich sage nun nichts mehr von ihm und dem Buch. Es soll selber +reden. + +Auch mit Maxim Gorki, dem Russen, will ich ihn hier nicht vergleichen +-- so nahe der Gedanke liegt; vielleicht hat schon jeder, der bis +hierher las, an Gorki gedacht. Wer das ganze Buch gelesen, mag, wenn er +will, hernach selbst vergleichen. Ich sage nur: lest das Buch! + +Möchte doch der Erfolg es segnen und dem Schwaben in Brooklyn so viel +Mut und Freude und Freiheit schaffen, daß er von neuem auffliegen kann, +und höher noch und höher; daß er den Inhalt seines Lebens, die Welt, +die er gesehn, mit dem Jugendfeuer des endlich zum Wort kommenden +Erzählers vor uns ausbreiten kann, oder, wie er in einem seiner Briefe +sagt, »seiner Vergangenheit buntgewebten Teppich ausklopfen mit der +Zauberrute Poesie«. + + Adolf Wilbrandt + + + + + Einleitung + + Das verschollene Grab + + +~Grab~ -- welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das wuchtiger trifft, +schauriger, zermalmender, erstarrender? + +Tod -- -- man kann tot sein und noch im warmen Bette liegen, umgeben +von den lieben, teuren Angehörigen -- tot sein und beschienen werden +vom Licht und Blau der Welt, gefächelt werden von Luft und Atemzügen +der Lebenden, geküßt werden, umarmt, angeredet. + +Aber Grab -- dieses schwarze, hohle Loch ins Jenseits hinüber, durch +das keiner zurückkriecht, und rauchte am andern End' die Hölle. Wer +da hinuntersaust am schnurrenden Seil, im zugenagelten Sarg, und dann +Scholle auf Scholle den Marsch trommelt, bis es stiller wird, dumpfer, +immer dumpfer, so grabesstill, daß nichts mehr gehört wird in der +schaurigen Höhle als der Erde blähendes Verdauen. + +Droben jagen sich die Ereignisse Licht und Schatten gleich; auf und +unter geht der Tag, jeder Morgen Frisches begrüßend, jeder Abend +Gebrauchtes begrabend. + +Drunten wartet der Tote auf Erwachen, Wiedersehen, Auferstehen. +Vergessen von den Menschen, eh' er ganz verfault; vergessen von +Menschen, die in hysterische Zuckungen verfielen aus Schmerz über sein +Ableben; denen er alles war, Liebling, Vater, Mutter, Bruder, Schwester +... Du armer Tor da unten hoffst, die gedankenlose Natur werde sich +deiner erinnern nach Milliarden Jahren -- die herzlose Natur werde sich +deiner erbarmen -- die Brüterin der Brutalität -- Natur, die Säugerin +des Zähen, Starken, die Anbeterin des Lebendigen, die Todfeindin des +Toten, werde sich verlieben in morsche, längstverweste Knochen? Natur, +die nur das Neue will und nie ein zweites Mal das Selbe schafft -- die +Altes nur als Treppe nützt, als Dünger, Mist -- herz- und sinn- und +zwecklose, sie weiß nicht, was sie tut -- die Experimentiererin, die +in ruheloser Sucht nach immer wieder Neuem, allerletztem Neuem, der +Evolutionen hunderttausend-generationenlange Leiter auf und ab hüpft +-- lawinengleich Systeme rollt, Welten schleift, Sonnen und Planeten +fegt auf einen einz'gen, riesengroßen Trümmerhaufen -- herrlichste +Gebilde (der Vollkommenheit so nah um Haaresbreite) zu Scherben schlägt +wie lose Kinder ihren Weihnachtsskram, und liegen läßt für eine halbe +Ewigkeit -- Schund und Mißgeburten aber ~stehen~ läßt für eine +halbe Ewigkeit. + +Oder hoffst du armer Tor: ein Gott, der sich um Lebende nicht kümmert, +werd' sich um Tote scheren? Der keinen kleinen Finger rührt, wenn +Millionen sich in Qualen drehen, Millionen untergehen; der sich nicht +finden lassen will, der sich versteckt vor dir -- der werd' suchen -- +~dich~? -- -- + +~Gottes Acker~ -- welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das +majestätischer klingt, magischer, ehrfurchtsvoller, hoffnungsvoller? +Ist es nicht ein Gefühl, als erwache man aus schwerem Fiebertraum +in Mutters Armen, an Mutters warmer Brust, ein Kind -- und all +die Schreckensbilder der vergangnen Nacht (Tod, Grab, Verwesung) +weggescheucht von ihrem Lächeln, Trösten, Küssen, Lieben? + +Gottes Acker -- -- Und der Mensch mit seinen Hoffnungen ist der Same +-- mit seinem Lachen und Weinen, Genießen, Entsagen, Trotzen, Dulden, +Lieben, Hassen ist der Same. Hier werden seine Tugenden und Laster +eingebettet, seine Resignationen und Rebellionen. Hier werden seine +ungezählten, nie erfüllten Wünsche eingeackert -- all die Träumereien +von Glückseligkeit, die in diesem Leben, ach! aus süßem Sehnen nur zu +bittern Tränen reifen -- all die Leidenschaften, die vom Maienzug, der +Schmetterlinge weht auf Honigkelche, bis zum Tornado, der Felsen rollt +und durch schwarze Trichter Trümmer an den Himmel bläst, des Menschen +Seele schleifen wie Vandalen den Besiegten in die Sklaverei. All die +Reminiszenzen tausender Geschehnisse; all die Pläne und Fragmente -- +all die großen und kleinen Sünden und Gebete, die aneinander gereiht +erdenlebenslange, schwere Kette bilden vom ersten Atemzug bis hierher +zu diesem Röcheln aus dem Bette dort -- vom ersten Blick ins Licht, das +die Sonne spinnt durch den Spitzenvorhang (ein Silbernetz um Kind und +Wiege), bis hierher zu dieser Sterbekammerlampe, die am letzten Tropfen +saugt. + +Gottes Acker -- -- Und da liegen sie jetzt in langen Reihen, ruhig +die unruhigen Menschlein; im Leben keiner dem andern gleich, hier +alle gleich; im Leben höchst unbrüderlich, neidisch, egoistisch, hier +Kameraden auf ewige Zeiten, bescheiden, nachgiebig, unterwürfig. Noch +hat der Reiche sein Monument von Marmor über sich und der Nachbar nur +ein hölzernes Kreuzlein. Noch hat der eine Blumenbeete, wohlgepflegten +Rasen, Buchs und Zaun, von Gärtners kundiger Hand beschnitten, der +andre nur was ihm die Natur vorübereilend gnädig fallen läßt, Blümchen, +eingewickelt in ein Büschel Gras. Noch haben Leichensteine ihre Namen, +Worte, Daten. Ach, wie lang oder kurz, und die Ausgleichung ist auch +oben wie unten. Zeit und Wetter verwischen die Inschriften, zernagen +Stein und Eisenwerke -- und die sie setzten, sterben auch. + +Mein lieber Leser! Zweifellos hast du schon Kirchhöfe besucht, teils +aus Zufall, Langerweile, Pflicht, oder gar von jenem unbeschreiblichen +Gefühl gezogen, das uns Menschen den Ort zu besuchen zwingt, der als +Haltestation irdischer Laufbahn gilt. Und gewiß hast du dann mehr oder +minder tiefsinnige Betrachtungen angestellt über die Gegend und ihre +Bewohner, über das fernere Schicksal dieser Leutchen, das auch dein +Schicksal werden wird. + +Da ruht ein Vater, dort eine Mutter, hier ein Wiegenkind, daneben seine +Urahne, daneben die geknickte Kraft von zwanzig Sommern. Wie alt sie +waren am Todestage, wann geboren, wann gestorben, konntest du alles +am Leichenstein ablesen. Ob sie reich waren oder arm, geschätzt oder +nicht, das zeigt ziemlich genau die Beschaffenheit und Instandhaltung +der Grabstätte. Vor solchen Begräbnisstellen, die mit Inschriften +versehen sind und besucht und gepflegt werden von überlebenden +Verwandten und Freunden, hat die Phantasie wenig Spielraum zum Malen; +die Freiheit, im Rätselhaften, Geheimnisvollen jagen zu dürfen, wird +sehr beschnitten durch die Bekanntmachungen oben. + +Das richtige Grab mit allen seinen Mysterien und Schauern ist +das »~verschollene~ Grab«; das Grab bei der Kirchhofmauer +oder außerhalb der Kirchhofmauer; das eingesunkene, mit schiefem, +verwittertem Kreuz und Stein oder mit ~gar keinem~ Abzeichen +versehene Grab. Vor so einem verwahrlosten, vergessenen, zugedeckten +Loch stehen -- etwa bei Nacht, oder Abends im Herbst, wenn der +untergehende Tag, der naßkalte Nordost, der feuchte, schleichende, im +Gras und Schilf entlang kriechende Nebel, der tiefstehende Sichelmond, +die sterbende Natur in all ihrem Stöhnen, Röcheln vom Blätterrascheln +bis zum Uhuschrei im Forst, zum Unkenruf im Moor, zum Sensenklappern +verspäteter Mähder, Chorus spielt in leerem Haus vor ausgebrannten +Bühnenlichtern und fallenden Kulissen -- vor so einem verschollenen +Grabe stehen und nicht »Bruder! Bruder!« klagen -- mit schüttelndem +Haupt und feuchten Augen und Reue, Reue im Herzen -- »Bruder! wer du +auch seiest tief da unten -- wie schwer oder leicht die Erde dich +drückt -- ob du viel oder wenig zurückließest in dieser Welt, oder +alles, und ein leeres Stück Papier, die Quittung an das Glück, in +deinem Sarge liegt -- ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein +Weib, ein Mädchen; vielleicht bist du ein Heiliger oder ein Tyrann, ein +Mörder oder ein Gemordeter; ach! das ~eine~ nur weiß ich, fühle +ich: du bist ein Stück von mir. Die gleiche Luft hast du geatmet wie +ich -- die gleiche Sonne hat dich beschienen, die gleichen Sterne -- +die gleichen Sorgen, Träume, Leidenschaften haben dich gequält, und +Freiheit dich geneckt, und diese Erde, einst dein Spielplatz und der +meine jetzt, zieht uns beide niederwärts.. .« Stehen vor so einem Grab +und der Toten Mahnen und Gottes Stimme überhören können -- es kann +nicht sein. + +Mein lieber Leser! Willst du mir folgen? Ich führe dich zu einem Grab, +so verschollen, einsam; so wenig besucht, gepflegt; so wenig geweint +und gebetet wird vor diesem versunkenen Hügel ohne Namen, wie du wohl +nie in deinem Leben ein zweites Grab gesehen haben wirst; und ach! das +arme Herz, das da mit rauhen Steinen zugeschaufelt liegt, hat's nicht +verdient. Kaum zwanzig Monate sind es her, daß ich es zum ersten und +letzten Mal besuchte. Damals schlängelte sich ein Fußsteig an jenem +Grabe vorbei über den fichtenbewachsenen Hügelrücken; der Pfad ist +heute wohl verwachsen und verschwunden. Damals bezeichnete ein mit der +Axt gezimmertes Kreuz die Stätte des Todes; heute ist das Kreuzlein +wahrscheinlich umgestoßen vom Schneewehen, Sturmeswehen oder von +Bären und grasenden Büffeln. Damals war seine Umgebung eine Lichtung +im Wäldchen, spärlich mit Unkraut bewachsen; ~das~ kann wohl +geblieben sein; auch die sechs runden Steine mögen dort liegen, die +geordnet ein Kreuz bilden sollen. + +Und -- -- noch einmal, willst du mir folgen, lieber Leser? Der Weg +ist weit, wild, steil (gebe Gott, nicht abschreckend); vielleicht ist +er langweilig; vielleicht gereut es dich, ihn angetreten zu haben; +vielleicht mußt du weinen, schon auf halbem Wege. Aber dessen bin ich +sicher: bist du dort, der Lohn ist die Mühe wert; denn jede Träne, die +wir unsern Toten weinen, jede Blume, die wir streuen, jedes Lächeln +im Gefühl des Wiedersehens, jeder Blick, der tief und langgezogen +teure Bilder der Vergangenheit aus ihren Gräbern saugt -- ach! Brüder, +Menschenbrüder! jeder Gang und Schrei und Krampf der Seele -- mit +~Schmerzen~ nur erwärmen wir den kalten Puls der Körperwelt -- +auch die Allmacht spürt Grenzen ihrer Mittel, das einzige, womit sie +Tote auferwecken kann, ist: (viele nennen's Liebe, Sympathie), ist: der +~Menschen~ himmelstürmend Sehnen. + + + + + Bellevue-Hospital, Neuyork. + 25. August 1900. + + Schwester!! + +Jetzt ist es geschehen! -- Was? -- Das Langgefürchtete, +Unausbleibliche: meine Hand liegt abgesägt in der Maschine -- die linke +-- und die rechte kann der Lebensgefährtin Verbluten nicht stillen. + +Schwester! Ich weiß, es ist grausam unvorsichtig, Dich so zu +erschrecken, ohne Wahl der Worte, ohne Milderung im Ausdruck Dir die +Schauerbotschaft zu schicken; aber Worte können meine Verzweiflung +nicht mildern. Ich bin ruiniert, verloren, ein Krüppel; ich bin +arbeitslos, hoffnungslos arbeitslos. Zwanzig, vierzig Jahre soll ich +mit den mir noch übriggelassenen Knochen weiterleben ohne die Mittel +zum Leben, ohne Arbeit. Was soll jetzt werden aus mir, aus meinem +kranken, armen Weib, aus meinem Kind?! Die einzige Antwort, die mein +fieberndes Gehirn mir gibt auf diese Fragen, ist Schweiß in kalten +Tropfen. + +Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen -- früh -- gleich; +es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert +zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die +Dampfpfeife ihren Schrei in die Morgenluft hinausgekrischen und die +Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte +auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung -- die +Bandsäge -- diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde, +hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding +blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem +Vorgänger den Daumen abbiß; wie es ~seinem~ Vorgänger vier Finger +amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand +zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt +diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal +auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich +erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die +Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!! + +Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum. +Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das +ist wohl das Wahrscheinlichste -- ja, so ist es -- ich glitt auf dem +glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und +mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge -- und dann? -- was? -- +ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein +Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken -- +mich verrückt machend -- in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah +Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles sich drehen, ringeln, +überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in +die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen -- meine Hand! Ich +sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich +lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet +sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert +Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben +mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder, +spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken, +Handtüchern, Taschentüchern -- -- + +Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im +Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten +Hand -- Tom arbeitslos -- Tom ein Krüppel, Bettler -- Toms Zukunft +ruiniert -- Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm, +entfremdet -- das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all +das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren -- verloren -- +verloren. + +Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge, +die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine +Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!« +-- Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich +los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung -- dann wurd's +Nacht. + +Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich verkrüppelt wurde, +erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht. + +O, wär' ich nie erwacht! + +Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht +mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; -- +essen, trinken, atmen -- aber nicht denken. Ich werde zum Tier. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 27. August 1900. + + Schwester! + +Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große +Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir. + +Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein +werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet, +so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat +mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde +ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut +verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde, +zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch +meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen -- und leerem Magen. +Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts +-- sogar mit einem Anflug von »Sehr«. + +Was doch die Umgebung aus dem Menschen machen kann; ~alles~. Man +schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's; +rasend schnell, wenn der Kurs paßt -- langsam, wenn es gegen das Wollen +ist -- aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt. + +Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie +neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um +mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger, +höher, bequemer; ein ~Saal~ gegenüber dem engen Stübchen, das ich +jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich +nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin +mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; -- aber -- -- +Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen +in mir -- noch tat er's nie -- er wäre das Schurkenstück meines +Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin +im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen, +Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer, +der fürchterlichste Kumpan -- die Reue. Ich war immer ein Mustergatte +gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß +wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich +schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß +Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide +Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung +dieses Engels brennt mich wie Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva +mich besuchte in Bellevue -- mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager +und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom! +armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte +meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre +Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn -- -- O Schwester! wie weh +tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt +in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt +im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen +»Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen -- und husten sehn, und +denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird, +daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt -- unbemerkt. +Was ist ~ein~ Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo +Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen? + +Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen. +Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein +Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die +Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren +Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche +Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht +aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht +geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf dem Papier +herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke, +Spitalkrüppel -- oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in +die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander, +bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus +meinen Zeilen. + +Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil +ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? ~Der~ +Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten +Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im +Kirchhof; ~der~ Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel, +aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes +an; er nickt mir zu -- ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf -- ich +auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm -- ich ihm den +meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir +-- ich auf sein's. + +Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? -- Die Augen +schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief -- und fort!« + + * * * * * + + Pilot Knob, den 28. August 1900. + + Mein Bruder! + +Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder! +Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein +grenzenloses Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! -- So gut, +brav, fleißig, bescheiden -- ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an +Dir -- und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott! + + * * * * * + +Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf. +Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende, +todwunde Herz. + +Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und +~so~ will ich ~Dich~. O, welche Gnade, welche Kraft es dem +gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der +des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung. + +Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt, +der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze +Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!« +-- Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt +ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen, +Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz +zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die +Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum +Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie -- die Religion. Ich weiß, Du +lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es +versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen ~müssen~. O, +ich sage so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch +schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das +Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge +Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich +»Vaterunser« gibt. + +Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als +wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses, +hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist +hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht +helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in +Neuyork -- und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist +Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in +Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele -- +die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet +werden -- auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut +den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann +Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein +eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele +ist Gott -- geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen -- +~gefühlt~! Geh in Dich, ~bete~. Was ist das Dasein ohne +Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne +Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster +Intelligenz zum Segen aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es -- +der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig +sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es +begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung, +Glauben -- und das ist viel -- wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber +Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du +bist kein rettungsloser Mensch -- nur ein wenig locker im Glauben, ein +wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen, +der Rätsel, die wir nicht verstehen. + +Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen. +Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang -- und wenig leichter. Aber +Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester. +Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder +lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das +Papier geht aus. Der Brief ~muß~ fort. Gott sei mit Dir und Deinem +Weib und Kind. Amen! + + Jennie. + + * * * * * + + Brooklyn, den 1. September 1900. + + Teure Schwester! + +Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen +emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche -- +mehr als das tägliche Brot -- Mut zum Leben. Daß ich den mir holen muß +beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. -- -- +-- Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas +Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank! +-- -- + +Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich. + +»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende +Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle +gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend +ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als +die größten kennt. + +Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner +Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft +überwältigend. Ich werd's versuchen -- beten. Die alte Schule noch +einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe +riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's +versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft -- ich versuche mein +Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach, +wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber +ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung, +Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos, +nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und +gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein Dankgebet +sein anstatt -- -- Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange +genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts +gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt -- betteln +an der Pforte, die er gestern anspuckte -- und Gott ist unendlich +nachsichtig. + +»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre +oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser +hat man vergessen -- halb. Den Glauben -- ganz. Die Hoffnung ist +verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz +und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt +nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott. +Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe +suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans +Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als +den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst +mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung. +Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine +Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr, +das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um +Erlösung schreien -- aber ~mich~ höre. Es gibt Geschöpfe, die +keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können -- aber ~mich~ +zuerst. ~Mich~, ~mich~, dann wieder ~mich~ und immer ~mich~!« + +Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern. »Vaterunser!« werde +ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein +Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« -- -- + +O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen +die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die +Metzgerei, die Messerschleiferei -- -- armer Tom! -- -- + +Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert? + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 5. September 1900. + + Teure Schwester! + +Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden. +Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes, +seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager. +Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die +Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir, +während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über +die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den +Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so +mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen +schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen +Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich +herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat, +und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei +einrichten.« + +So weit meine Eva, jetzt höre ~mich~. Also, Wäscherei einrichten! +-- Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am +Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen; +hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu +ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich +anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage +noch ~auf~ und nicht ~unter~ dem Pantoffel. Der Waschkübel +ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre, +und -- die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt +werden bis dahin. + +Ja -- bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege +im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich +schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und +mühen in der Küche nebenan -- aber behilflich sein kann ich wohl noch +lange nicht, und dann auch nur mit ~einer~ Hand. + +Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen +-- Eva -- Bertie -- Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September. +Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe; +ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und +Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern +soll am Waschbrett -- -- Schwester! das ist ein Stich ins Herz, das +brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen +die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je +verzeihen werde. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 9. September 1900. + + Liebe Schwester! + +Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am +Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte +mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen +zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt, +Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber +forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor +loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die +wahre, unverfälschte Erlösung. + +Nach dem Mittagessen -- jetzt kommt der Generalbericht des »guten +Tages« -- versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem +Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von +der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich +plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte +einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich +mich durch; aber dort -- hm! -- ich bin noch immer wackelig, und die +Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist ~links~ beim +Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu +atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner +überängstlichen Eva -- und ~rückwärts~schreitend ging ich die +Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber +komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. -- Ja, ja, liebes +Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten +Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an +mir vorbei. + +»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung +mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister +Pratt!« + +So kam ich denn schließlich hinab -- hinaus -- und heraus. -- -- O +Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der +Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt. +Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die +dicke Luft. Die arme Erde -- ein Pflasterstein auf jedem Grashalm. +Bäume -- Sträucher -- Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von +des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt; +Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie +pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen +gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem +Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen -- +alles dampfend, rauchend, qualmend -- die Hölle für Tausende. ~Und +doch~ bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein +dürstend Herz zu tränken mit Entzücken. + +Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und +gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur +Hoftür. + +Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in +der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch +drei für dich und Mama.« + +Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe +stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und +lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends +bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte. + + Tom. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 12. September 1900. + + Bruder! + +Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen, +daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu +gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins +alte Lager, in Deine Brust. + +So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt, +dann -- nun ja -- es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt +Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt und +hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum +also verzagen? -- Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können +oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat +Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu +trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' ~wieder~ was unrecht. +Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden -- eine +heilige, tiefernste Mission ist unser Leben -- ~Seelen zu reifen~. + +Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand +zu verlieren, daß -- -- -- Nein, ich will Dich nicht schelten, armer +Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest -- aber nichts +mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen. + +Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier +ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten +kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo. +Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist +weit und reich. + +Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich +umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße, +ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das +aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und +nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum +Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett. + +Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir +habe -- geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst, +geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische; +Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt +über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die +jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und +der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern -- sonst +wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die ~Umgebung~, die +den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen +haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den +sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im +Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht, +bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist +ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso +notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor +diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater -- und Narren raten +besser. + +Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa -- zum Peter. +Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und -- leid tut's ihm, +daß sein Schwager Tom -- -- und so weiter. Wenn's dem ~Peter~ +leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut -- Bruder, Du kannst +Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig -- es ist sein +Alles. Zehn, zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen, +heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen, +schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere -- Todesgefahr vor +Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen -- Leichen sehen -- nicht im +Sonnenschein und Blau der Oberwelt -- in schwüler, fauler Grubenluft, +Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd. +Mitleid aus ~solcher Tiefe~, Bruder, das ist der Menschenseele +ungekünstelt reinster Ton. -- Also, dem Peter tut's leid! + +Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in +Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald +eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine +magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und +sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich +möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter +jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben -- -- + +Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ... + +Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke +ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir +aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut +zügelloser Gedanken? + +Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem +Schulkameraden Dick Teller. Der geht auch herum den Arm in der +Schlinge -- und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum -- der +liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide +beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein +Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns, +und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt +sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten. + +Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es +scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die +Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen -- +wir bekommen sie geschenkt. + +So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten, +rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn +ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar +nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie +viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend +Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis +zu Dir nach Neuyork! + +Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's +wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. -- Gutes Kind! + + Jennie. + + * * * * * + + Brooklyn, den 17. September 1900. + + Liebe Schwester! + +Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der +Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern, +wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen, +vielleicht zu langen Brief. + +Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der +Kirchenschwelle, war -- Heimweh; und so überwältigend war es, daß +ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich +plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die +Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte +leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend +andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes +Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter +Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine +Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue +Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere +grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur, +Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum. +Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte +den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der +Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher +zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch +ein Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen +hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den +Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos -- mit +tiefstem Menschenelend als Gesellschafter -- ein Sünder vielhundertfach +-- ein Gottesleugner und Spötter -- ein Bettler, den Verzweiflung +zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte +mit Spott und billigen Sarkasmen -- so kniete ich, zwischen Gott und +mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich +um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende; +reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme -- aber keinen so arm wie ich. +Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen -- ich nicht. Alle konnten sie +glauben -- ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten -- ich nicht. +Was tu' ich hier? -- Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden +ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein +Eigentum wieder, ich hab's verloren -- meinen Kinderglauben. + +Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum +füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die +Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng +verflechtend zu eins. Mein armes Herz -- das letzte, wenn ihm alles +fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf -- blutete -- blutete. + +Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener +in des Körpers Kerker -- wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann +fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt +mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt +zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure +Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus, +die Hütten der armen, schlichten Leute -- dort die Hütte der Jennie; +zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im +Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat +er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert +er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne +überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein +blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs. +Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine +heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die +Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« -- »Hier +ruht« -- -- Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr, +ohne gelebt zu haben. -- Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und +undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein +Licht auf und zeigt -- -- -- + +O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer, +Elend, Sorgen, gelitten in der ~Heimat~? Was ist an Mutters +Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind, +~nicht~ in Schlummer geküßt, weggerissen von der Mutter? Was ist +Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im +Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt? + +Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum +verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester +sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch +auf -- und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit +Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn +niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft. +Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß +aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen. + +Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der +Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete, +räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es +glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst +Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam +drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer +begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten. + +Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was; +einerlei). + +Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi. + +Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag. + +Am Samstag noch einer. + +Am Freitag sowieso. + +Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind +vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder. + +Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug +196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am +vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22 +Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent. +710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent. +Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde, +besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten, +das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!« +schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners. + +»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für +alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine +Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben +bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die +Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute +das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen +Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben +Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst +zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent +und 1 Dollar.« Und so weiter. ... + +Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren +war verdampft wie Spiritus im Rinnstein -- nach solcher Zahlenschlacht +am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib +sorgen. + +Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das +Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom +Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel +noch aus meiner Schulzeit. + +Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf +und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in +einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich +erhitzt -- besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste +Turnschule. + +Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem +Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse +Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz +und Salz. -- Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu +verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen +und ~mir~ den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und +bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt. +Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren, +lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich ~nicht~, noch +sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren. +Ein Leerer kann höchstens Taschen leeren. Ein Leerer kann aber +gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit +Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird +der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert +dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist +ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend; +aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die +Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt +mein Blut ins Kochen. + +Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos -- wie ein +virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit +dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt +sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als +Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen, +hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren +fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre +ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu +werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich, +aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist +zum Zähneknirschen für Engel. + +Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher +Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis +hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann +der Redner steigen und fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der +Wirbelsturm die losen Blätter. -- Offenbar kannte der geistliche Herr +gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren +Gurken, Spinat und Linsen. + +Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen +begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere +langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau +über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. ~Ich~ +betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland +dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend +Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität +triumphiert. Armer Jesus! + +Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und +berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten +und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben +hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle? +-- Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit +Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen -- und +dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich +krummen Schuhen. + +Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch +mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt. +Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel der Heilige +vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie +viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie +ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch +aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben. +Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit +gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz), +und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert, +behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel -- allein. Ja, ja, +allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das +sie hier umtoset, rettet diese Selige -- wen? -- ihr liebes, teures +Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer +Kinder, ihres Gatten untersinkt. + +So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen), +ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender +Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend. +Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und +löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den +~heiligsten~ Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater, +der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er +Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt -- dem sein Bild sah +ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter +Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren. +Ganz oben, links, im vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem +»Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt, +des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche +hineingeblasen wurde. + +Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt +überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's +paßt. + +Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig, +rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins: +Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten, +zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet +Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen, +daß Geld Teufelszeug wäre; -- und das ist wohl der Grund, warum die +Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat +sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug! + +Amen! -- Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's +gewährt. Herrgott! bist du genügsam. + +Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen, +krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie +es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir +gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu ~machen~; +-- ob ich's aber ~tragen~ kann mit einer? -- Barmherziger! warum +hast du mich so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus +mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße +und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich +schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.« + +Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's! +Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist +der armen Seele Himmel. + + Tom. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 23. September 1900. + + Lieber Bruder! + +Ich bin Dir zwei Briefe schuldig -- hier ist ~einer~: + +Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast +Du, he? + +Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen +entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu +kritisieren -- man geht in die Kirche, das ~eigene Selbst~ zu +kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock, +Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen -- man geht in die +Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem +Sünder gnädig!« -- Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark +und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf +irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte hinüberlangen +jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken +wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte +Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher, +hoffnungslos verwilderter Sünder -- Du fürchterliches Ding Du! -- Ist +das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr +zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem +Vater -- die Schweine mitbringen -- die Säu' hereinlassen zum Gastmahl, +daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt? + +So, das ist Brief eins -- jetzt kommt zwei: + + * * * * * + + Mein lieber Bruder nebst Familie! + +Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine +Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen -- jede +Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an +Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir +oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief +sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen +-- tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber +bin -- o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos +sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es +den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen +Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen, aber keines alles? +Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner +gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange +vor der Möglichkeit einer Lösung. + +Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du +Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen +Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die +guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen +Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast +Du zuerst und am längsten ~verloren~ und wirst ihn so leicht nicht +finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem +Winkel der Seele. + +Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der +Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers. +Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei +so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde. + +Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin +eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte +wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen +können und mehr aristokratisches benützen können -- Adler, Hirsche, +Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts +gemein haben, der Bettler ist. Du hast recht, wenn Du behauptest in +einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!« + +Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden +für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein +stolzer Bruder! + +Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er? +Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann -- +sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben, +und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern. + +Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube, +ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der +Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne +zum Betteln für -- andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich +sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch +noch möglich -- und all diese Talente ziehen stark bei den Herren. +Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie +mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz +wieder, und die Herren bekamen ~auch~ was -- das Nachsehen -- denn +Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven +Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall. + +O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde +Zeit, die ich mir aussuchte von den vierundzwanzig, ist verbraucht +mitsamt der Nasenspitze der folgenden. + +Bruder! meinen Segen Euch allen. + + Deine Schwester. + + * * * * * + + Brooklyn, den 27. September 1900. + + Liebe, gute Schwägerin! + +Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut +bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den +Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann +nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so +schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn +man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann +denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht. + +Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie +ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es +sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit +Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet. +Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am +Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich +schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut +haben und das hat mir weh getan, weil Tom so viel leiden tut und nicht +einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt +und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr +Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und +sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig +gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig +daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst +steht das Herz still. + +Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er +nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt. + +Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe +schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief. +Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt +um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich +Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen. +Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter +in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis. +Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe +schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal +amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch +aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat +uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn +ich sterbe ich will Dich und Tom und Bertie und Elsie und alle von +Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel +beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den +Brief. + + Deine treue Schwägerin + + Eva Pratt. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 1. Oktober 1900. + + Teure Schwägerin! + +Gute Seele! Du kannst also doch auch Briefe schreiben, und schöne, +herzige Briefe. Ich spotte nicht. Ich meine es ernst und ehrlich, Dein +Schreiben hat mich tiefer ergriffen als die längste Predigt -- und +nebenbei mein Urteil über Dich verworfen. Denke Dir, Schwester! ich +wußte nie, daß Du schreiben und lesen kannst. Hätte ich das gewußt, +wie oft würde ich Dir geschrieben haben -- Intimes, Heimliches, unter +Frauen so -- Klatschiges -- Du verstehst mich. + +Der unflätige Tom ist aber schuld an diesem Mißverständnis -- ich nicht +-- wahrlich nicht. Dann bist du selber, liebe Eva, auch ein ganz klein +wenig schuld, daß ich Dich so verkehrt beurteilen mußte. Fünf Jahre +lang bist Du meine Schwägerin und nie, nie hast Du mir eine Zeile +geopfert. Dein Mann so oft, und Du nie. Nicht ~einmal~ hast Du +meine zahlreichen Grüße und Glückwünsche (persönlich an Dich gerichtet) +beantwortet, und die ganze Sache, als wäre sie Dir keinen Federstrich +wert, Deinem teuren, treuen, anbetungswürdigen Herrn Gemahl, Deinem +Götzen überlassen. + +Wahrhaftig, das macht mich jetzt so wütend auf den Tom, daß ich -- -- +jawohl, ich tu's -- hier gleich -- sofort fang' ich an und reiße ihm +die Maske vom Gesicht und Dir, unglückliches, verblendetes Weib, den +Schleier von den Augen. Ha! ich besitze Deines Gatten sämtliche Briefe +seit seiner Abreise von Pilot Knob -- und somit auch den Brief, worin +er Dich als seine »Zukünftige« schildert. Hier ist er: + + St. Louis, den -- -- + + Teure, herzensgute, einzige Schwester! + +Ich bin Dir -- -- und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen). +Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind ~wieder~ +zehn -- macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier +und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen +Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig, +eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein +Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender, +weißglühender, alles schmelzender Liebe! -- Sie ist ein Modell des +weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu, +scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an +der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen, +muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden +seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther, +vom Baum springend auf das ahnungslose Opfer. -- Sie ist das Modell +einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes +leicht glaubend, Böses nicht begreifend. -- Sie ist das Modell eines +fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben +-- über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern -- ~ergeben~ +muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit +diesem Engel Eva. + +Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu +Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen, +ich ging' beschwören, es ~habe~ keine Schattenseiten, sondern +überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar, +leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes +Ding der Welt. + +Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr -- -- jetzt +kommt der tiefste Schatten -- ach, er lastet wie die Winternacht ihrer +nordischen Heimat auf diesem Maienbild -- Eva ist ungebildet. Sie hat, +fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte +ich -- schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott +erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen -- +anstatt zur Schule. Wer ist schuld? -- Und so weiter und so weiter. + + Liebe Schwägerin! + +Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest +weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der +Korrespondenz, wie ich sie führe und liebe. ~Er~ ist es! Bezahl +ihm's heim! -- Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel +treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen, +daß er eine Teilung fürchtet mit seiner ~Schwester~, auf tausend +Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht -- +die schwarze, gelbe, grüne! + +Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine +Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief +erhalten von Jennie -- und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief +von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft -- -- Ach! Hier +fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand. + +O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin! +Vater, Mutter verloren -- die Heimat zweimal verloren -- das +heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren -- dann Gesundheit +verloren -- und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück +das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet, +Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir -- -- -- + +Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir ~später~ +schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und +schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und +Deinen Schützlingen. + + Jennie Daly. + + * * * * * + + Brooklyn, den 5. Oktober 1900. + + Liebe Schwester! + +So -- so -- hm! -- Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit +Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter. +Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, ~errät~ Bertie. Daß er +seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden. +Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht -- und mein Vater +die seine ebenfalls nicht -- und wenn die »Pratts« (nach Darwin) +vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den +Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden. + +Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann +und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem +Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann +hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.« + +»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn +Mama dir's verboten hat?« + +»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage, +Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's +sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll +nichts sagen, aber alles sagt er.« + +Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse +eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft. + +»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die Sache ruhen; nur ein +klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja +verzeihlich. + +Du treue, gute Seele! -- »Mann und Weib sind ein Leib -- und eine +Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden +Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich +von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat. + +Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die +Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll +Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«. + +Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter +Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen. +Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an ~Dir~, +Schwester, ~später~ bei Gelegenheit) an meinem -- hinterlistigen +Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis +preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen +hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben. + +Also -- Verrat Nummer eins. + +Es war vor etlichen Wochen -- genau das Datum weiß ich nicht -- +ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm, +mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie +Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe. +So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als +ich bald wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es +konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie +fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der +Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte +ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und +wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute, +wie Schluchzen, Stöhnen -- sogar Küssen. + +Ich bin ein ~Mensch~. Trotz des Blutverlustes der paar +vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen; +und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig +werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett -- -- Sapperment! ich +wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster +nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen, +diesen Ohs und Ahs! + +Plötzlich -- -- sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so +mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht +beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich +sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das +immer dort gehangen hatte, es war fort -- verschwunden -- und die ganze +volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele. + +Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind. + +So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein +Bett zu verlassen. Vorsichtig, mich festhaltend an Bett und Wand, +wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr: +Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem +Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald +weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig +gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht -- im Profil so +unsäglich überirdisch, marmorgleich -- die scharfe, dünne Nase -- das +scharfe, dünne Kinn -- die merkwürdig tiefen Augen -- ich hatte Angst, +das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ... + +»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie! +Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes +Engelchen? -- Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die +Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel -- sehr gern im +Himmel. Kind!!« + +Das letzte Wort wurde geschrieen -- die vorhergehenden gestöhnt in +Grabestiefe -- abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und +einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger +Schwalben im Nest. + +Gott der Mutterliebe! + +Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama +liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist +krank, Elsie -- sehr krank -- Papa und Mama werden bald kommen -- Mama +kommt gern -- Papa kommt auch gern -- Bertie will noch spielen, dann +kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder -- alle. Wie lieb hat +Elsie Mama? ~So~ lieb -- ~so~ lieb!« + +Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte +Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und +Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen -- vom Marmor +auf das Glas. + +Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen! + +Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür, +aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich +die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte. +Also oft -- oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt. + +Ich schlief ein. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 15. Oktober 1900. + + Liebe Schwester! + +Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft +mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben -- wie alles, was man +wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter. + +Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte, +versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit; +und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl, daß man +zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es +kommt! + +O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so +schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den +Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots. +Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der +Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther, +schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach +dort oben -- Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung -- und die +Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der +Menschheit, küßte die Millionenstadt. + +Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des +pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und -- der Wind füllte +seine Augen mit Wasser. -- -- + +Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel +bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die +Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine +Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so +herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen +paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen +-- Enttäuschung. + +Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand +ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit. + +Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am +Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein +bestes Gewand, Halstuch, Gesicht -- sein Bestes hinten und vorne. +Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße +hinab nach dem Fährboot. Hinab -- hinab, aber so majestätisch, daß es +geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends, +auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert, +in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das +Gleichgewicht wieder her! + +Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In +Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen +Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat +Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn. + +Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier +liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er +bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die +Firma -- wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren -- +arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib +und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen! + +Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der +Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend +oder neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich, +unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie +eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die +Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender +Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der +Stock -- Toms Bettelstab. + +In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls, +schier abrutschend vor Bescheidenheit -- und Angst -- und bettelte +alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung. + +Und -- wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie. +Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir -- +~Hoffnung~, mich unterbringen zu können, irgendwo -- nicht gerade +in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo -- wahrscheinlich +-- möglich -- allem Anschein nach -- immerhin -- kann ja sein -- so +oder so -- wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte. +Hoffentlich. + +Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich +meiner!« + +Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der +Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir +unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen +Anstellungen, die nur eine oder gar ~gar~ keine Klaue besaßen. + +Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der +Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du kannst schreiben, rechnen und +kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz +kriegen als Wächter« und so weiter. + +Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein +Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich +zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber +dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft. + +Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher +stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der +Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung +~gegeben~ -- und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten. + +Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite. +Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost, +doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er +schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die +»Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens +gleich. -- Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die +Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei +mit seinem Hauswesen -- ~das~ sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich +diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er +machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit +ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also ~das~ hat +dem das Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort +oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! -- Aber -- hm -- +so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar +so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß, +soll's der andre bekommen. + +Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen -- hoffentlich. +Im Glauben ging ich hinein -- in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein +Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last. + +Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles, +was ich erbetteln konnt'? Ooo! -- Am Sonntag noch war ich zur Meß +gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum +Vater der Armen, mein Weib betete. + +Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos, +daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich +zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge +zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich +beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand +groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer +Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet. + +Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht +fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken +war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine +Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche Schnorrerei muß ich +erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen -- +und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das +hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt +ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter +Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken -- es könnt' +ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine +Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der +Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die +Verwandlung ist fertig!« + +Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht +ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen. + +Wohin jetzt -- zuerst? -- Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße +brachten mich auch nicht näher gen Himmel. -- Wohin jetzt? -- Langsam +schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos -- +zwecklos. + +An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine +Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete +mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir +ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine +Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug +einen Lumpensack, so groß wie -- -- pah! warum meinen Humor vergraben, +eh er stinkt -- raus!! -- -- die trug einen Lumpensack so groß wie +der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug +falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener, +der trug einen falschen -- nein! einen aufrichtigen -- nein! einen +beneidenswerten -- ja! Rausch. + +Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime +Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf +dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! ~Tragen~ ist +die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen -- jeder, jede, +jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt +den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das +Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat +muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die +Krone tragen; und ich -- die Verzweiflung. + +An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und +das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von +Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen +Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der +Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele +nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den +Brustkorb -- das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt -- gelt, +Bruder Mensch, das hält dich kalt. + +An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der +andern, und alle waren sie sperrangelweit offen. Schräg über sah ich +eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem +festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der +Schnapshöhle geworfen -- und hier nicht hereingelassen. + +Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in +jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger +fronen. + +Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen +Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik +Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen -- anstatt Hände und +Gewissen. + +Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem +Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer +als Jesus Christus, und heute -- bist du ein Heros außer Arbeit. ~Ich~ +bin ein ~Feigling~ außer Arbeit; aber ich werde begraben und dann +vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben. + +Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend +arme, arbeitsslose Menschen und -- warten auf den Messias. Wären +~mehr~ Parkbänke da, dann säßen ~Zehn~tausende fest und +warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den +Messias. + +Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich +dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über +sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel unter +sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum +Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das +sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im +Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott +geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder +sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich +spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher +und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich -- und ganze +Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen. +Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen +verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach +Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten +schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht, +aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein +Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich. + +Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das +Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie ~das~ Schiff den +Hafen finden kann -- das seh' ich nicht. + +Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des +Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im +hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung -- das seh' ich. + +Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber. +Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum +Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen -- das seh' +ich nicht. + +Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen, +ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer +dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut, +Menschenelendsgrenzen -- das seh' ich. + +Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum, +Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram, +Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer, +Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis +herab zum geilen Rattenfänger -- und Pferde, mehr im Wert als +tausend Arbeitswochen eines armen Tom -- sie alle führen hier ein +Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und +Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte +Vieh. Aber ~eine~ Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen +Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer +armer Leute geweint -- das seh' ich nicht. + + * * * * * + + Schwester! + +Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des +Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere, +wenn ich allein gelassen bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir, +mein teures Weib, und diktiert die Zeilen. + +»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe +Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der +liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so +eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes +Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige, +Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß. +Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit. +Vater unser, der du bist im Himmel.« + +O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden. + +~So~ darf ich schließen, Schwester. Leb wohl! + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 22. Oktober 1900. + + Meine Schwester! + +Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben -- und das ist +vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit +stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den +Dämpfer auf. + +Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß +ich mich ändern muß -- total ändern. Nicht reformieren, sondern +revolutionieren muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament +wenigstens, auf das sich bauen läßt. + +Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft +schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig +Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen +Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die +meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher +Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es +geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem +früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die +Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz, +den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste +Segen. So geht's. + +Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er +kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden +Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel +aber -- der Himmel helf! + +Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück +soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das +Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde +soviel Geduld gebären -- eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee +bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und -- selber angreifen. Jeden +Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber. Kommt +das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag' +ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und +glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam +eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das +lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich. + +Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus, +von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab, +den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer +Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist +einträglicher als -- -- ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den +Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag. + +Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern +ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der +Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung +besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das +Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist +also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das +Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung +füttere -- es schleift mich fort am Halfter. + +In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende +Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu +schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf die +Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß +das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf +seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die +Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker +das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er +sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall +lockt damit. + +Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem +billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der +Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's +beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas +stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen +Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und +Schweinefüß'. + +Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich +erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern, +die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte +am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses +Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als +Bezahlung. + +Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie) +Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen +Platz durch Hausarrest am folgenden Tag. + +Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich +finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage +ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal +verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal +waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei +lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden, +Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine +Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere +hinten. + +Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings +bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends +heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen ~später~ wahnsinnig +-- und das ist auch was wert. + +Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein +Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle +ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe +jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer +Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und -- +'raus mit dem Bock! -- + +So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen! + +Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat +besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die +unruhige Seele, so ohne Salz und Schmalz -- -- aber ich will nicht +murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche +Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein +toller Stier -- aber Tom ist nicht verrückt. + +Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr +Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen +von Dreck -- wir werden nicht verhungern. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 3. November 1900. + + Teure Schwester! + +Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur +Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine +Familie, dann -- brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat +er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als +er hungrig wird beim Fasten. + +Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über +den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten +kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann. +Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen +Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der +Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen +Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf er vor dem Unglück +bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder +nagendes Gewissen. + +Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich +aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig +ist oder kein Krüppel. + +Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete +meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?« +frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir +keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben +retten kannst du auch nicht -- -- aber stehlen kannst du -- stehlen -- +sogar schwören, einen falschen Eid schwören -- einem reichen Protzen +die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren -- +die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere +~auch~ verzweifeln.« + +Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom +Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 12. November 1900. + + Teure Schwester! + +Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur ~eine~ Hand zu haben, als +nur ~einen~ Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie ~geht's~, +Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.« + +Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon +fragen: »Wie ~steht's~, Mister Pratt?« + +Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen +begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen +mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten +Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte -- +wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister +Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit +einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient +nichts; und verdient er nichts, dann -- nun ja, dann hört alles auf! + +Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu +werden, ist im stande und verwildert zum ~Bettler~. Der Bettler +aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit +nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in +Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr, +ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der +Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv +genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut +des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden, +abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze +gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein -- dann macht die christliche +Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt sich auf +den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich +die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme +Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus +wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere +Gangart -- das kommt vom Saufen! -- Ist der Bettler jedoch ein +Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann -- ja, hier +beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom +Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt +wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt, +wimmert -- ~lügt~. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem +Bettler -- nach einem Wagen, dem er ausweichen muß -- nach einem +Regentropfen, dem er entfliehen muß -- nach einem irgend Etwas -- nach +einem scheuen Gaul -- tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen, +was er ~lügt~) mit der Hand die Herzgegend reibt -- als hätt' +er eins -- -- --. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit, +Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der +Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn +mehr fürs Detailgeschäft. Fertig! + +Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben -- mir ekelt. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 15. November 1900. + + Liebe, gute Schwester! + +Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten +Brief -- und werde abbitten. + +Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe. +Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand. +Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und +einen Laib Brot für uns drei. + +Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest -- Gott wird dich finden +und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset. + +Es gibt doch noch gute Menschen. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 20. November 1900. + + Liebe Schwester! + +Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und +gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren. + +Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt +des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben. +Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte +Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist. +Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch -- aber +rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus +vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den +Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen +bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm +Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige +Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn -- oder gar keinem Lohn. +Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine +Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn +der Monat fällig ist. + +Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein +Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank +(Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach--O--Weh« +so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf -- ~der~ weiß, wie +schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu +Tag! + +Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine +Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium, +daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand, +und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen. +Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste -- daß sich +die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des +Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare +Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und +Sonnenbrand ... + +Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen; der Arbeitslose darf +sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen, +auf und ab. Ist er durstig -- dort steht ein Wassertrog für ihn, ein +Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen +plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig -- zahllose +Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten +Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die +Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger, +Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara. + +Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung -- am +Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen +Tag. Der Arbeitslose darf -- stehen darf er nicht dort -- sitzen +auch nicht lang' -- aber scheu durch die Hecken blicken und sehen: +wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche +tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln; +Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen, +Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die +Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn +sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden +vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender, +dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die +Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder +Madames Hut das Wagnis wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher +Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen. +Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die +kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten. + +Und um und um drehen sich die Räder. + +Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und +Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren +Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren, +ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer +verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu +streuen -- bis Erbrechen folgt? + +Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig +wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann +ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt +und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der +Unabhängigkeitserklärung. -- Aber die Gesellschaft kann sich schützen +gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel +geführt -- der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen. + +Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria« +schreien -- oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den +Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 25. November 1900. + + Schwester! + +Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten +uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der +Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet, +keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und +Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn. + +Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die +er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht, +bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen +wünscht und keine findet. + +Ich klagte über meine Not. + +Über die Menschen ~er~. + +Ich betete ihn an. + +Er hauchte mich an. + +Wir gelobten uns ewige Treue. + +So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die +Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben -- wie +nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann. + +Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken: +»ja« -- die Riesen schütteln: »nein«. + +Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen +der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand, +dem Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der +Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün +und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis -- und weinen +Wasserfälle. + +Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der +Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer -- und auf Wolken +wieder aufwärts bis zur Quelle -- hin und her. Die Blumen hauchen ihre +Seelen aus vor Lust und Sehnen -- die Blumen weinen Tau -- die Blumen +sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer -- und +nimmer wieder. + +Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als +Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir -- -- +mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts -- mit einer +Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust -- mit Sonnen -- Sonnen -- -- +Sonnen -- -- -- + +Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom. + +Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die +Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht +nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's, +schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins +Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die +Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein +tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer. + +Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den +Seraphs Harfen spielte -- mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über +blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf +die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind. + +Ach! Ach! Dahin! Dahin! -- -- + +Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag +vorher war bis zum Abend -- ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der +Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster +in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich; +ich war still und traurig. + +Seltsam -- ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda +und -- erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die +wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand, +Mauer -- eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem +Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer +um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer +drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden +Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich +war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer +fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's. + +Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit ~eines~ +Wunsches Unterschied); Blumen und Fruchtbäume und wundervoll grünes +Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles +Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin -- ein Zug, der +auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem +idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt +bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich. + +Da -- gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o +Himmel! es war das Pförtchen -- der tausendfach gelobte, geschilderte, +besungene Eingang in das Paradies. + +Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen +weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten +Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war +unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines, +grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen. +Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs +über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank, +und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten +Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im +Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener +Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras, +nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines +Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein +dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen und sich dann im Gras +herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall. + +Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu +husten. Die Wirkung war -- entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie +von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit +verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht +und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte +den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts, +wagerecht übers rechte. Und -- jetzt erst ging mir ein Licht auf +über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein +Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel +mit einem Federmesser. + +»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig, +und seine Beschäftigung wieder aufnehmend. + +»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort. + +»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.« + +»Hundert, wenn's Euch beliebt!« -- Ich war so verwirrt, daß ich ganz +vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt. + +»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber +bedeutend leutseliger dieses Mal. + +»Von der Erde unten,« erwiderte ich. + +»Das kann ich riechen, haha! -- Von welchem Land oder Königreich, will +ich wissen.« + +»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.« + +»Von Transvaal?« + +»Von Amerika.« + +»Von Amerika?!« -- Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher +in Amerika, wenn ich fragen darf?« + +»Von Neuyork.« + +»Neuyork? Neuyork? Hm -- wo liegt das Ding?« + +»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt. + +»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork -- Long Island -- +das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der +zweite, der hier vorspricht.« + +»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis. + +»Ingersoll.« + +Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!« + +»Und?« -- Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins +Gesicht. »Und?« + +»Ingersoll, der Atheist!« + +»Und?« + +»Der Gottesleugner!« + +»Und?« + +»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein +Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!« + +»Und?« + +»Und?! -- ~Den~ habt ihr in den Himmel 'reingelassen?« + +»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken, +»dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel +wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und +meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch -- nur +ans Buch.« + +Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar +nicht an den Herrgott glaubt?« + +»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern +Glauben -- er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen; +Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.« + +Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine +unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null +war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der +Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein +solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und +Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder +Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf +man. + +Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen +der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der +Küster längst den Strang verlassen. + +Und da saß er nun vor mir -- und wie? + +Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die +Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren. +Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf +den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem +Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und +Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen +Hände, die Netz und Ruder zogen -- und dann durchnagelt wurden am +Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen +See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von +der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom -- und dort +durchnagelt wurden am Kreuz. + +Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele. +Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr +noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft, +heiliger Petrus?« + +Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte, +gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die +Antwort zu geben. + +»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich. + +»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt +Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er +mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«. +Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht, seine Augen schossen +Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser +schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige, +ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter, +daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass +Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? -- Und +wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine +ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande, +wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und +Kraftverlust! -- -- Ach was --« + +Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er +hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein +Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben +mit der Arbeit, aber ~so~ den Stoff verpfuschen, das ist zum +Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung +und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen +wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt +ist's geschehen -- und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht +vollkommen.« + +Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete +ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar +Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag, +und warf es im Bogen über die Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden +sie sich noch abreißen nächstens.« + +»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie +betäubt von dem Gehörten und Gesehenen. + +»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich +abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln +ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen; +dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte +der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber +~den~ Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da +unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm +war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten. +Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf +hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge, +Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei, +Schändung -- das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein +krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im +Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und +Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist +den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im +Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee +von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner +Politik, Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische +Senatoren; und Judas -- ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht +blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen +mich für zehn Cent, und nicht ~einer~ hängt sich auf vor Scham und +Reue -- nicht ~einer~. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir +ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹« + +Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten. +Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier +schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t +gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.« + +Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich, +in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das +Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein +gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.« + +»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen +vertragen, 's ist Anhäusers.« + +Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er +das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf +öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede +seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes +Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine +Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm ein zwischen +Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und +trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« -- +Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen. + +Ich antwortete: »Tom Pratt.« + +Er blätterte im Register. »Tom Platt.« + +»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! -- nicht Platt.« + +»Tom Pratt -- Pratt -- Tom Pratt --« + +Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste +Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf +seinen Lippen heißt ewige Seligkeit. + +Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines +Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines +Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste; +Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!« +schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet +seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot! +Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« -- Er griff nach dem +dreipfündigen Schlüssel und -- mir flog etwas an den Schädel, daß mir +Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten. + +-- -- Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich +eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett -- +schwer wie Blei. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 1. Dezember 1900. + + Teure Schwester! + +Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden +können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn +plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So, +gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich +und meine Eva gestern morgen erleben durften. + +Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete +und stark regnete, blieb ich im Haus. + +Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«. + +»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter, +ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« -- sondern ein +Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine +Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag +in Fetzen -- überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich +habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen +hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen +erschreckt, die Tür erreichte. + +»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung +-- zwölf Dollar die Woche -- -- lies doch -- hier sieht's schwarz auf +weiß: + + »Werter Herr Pratt! + +Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden, +die Sie jedoch sofort antreten müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer +Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen +als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten +brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in +jeder Art müssen Sie sein -- und das sind Sie --« + +Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den +Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen +auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel, +im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er +ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit +seiner Persönlichkeit. + +Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen, +Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig +wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir +nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr. + +Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd -- derweil +Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß +Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde +zu knüpfen. + +Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde +später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß. + +Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten -- das heißt, +sofort nach sechs Uhr Abends. Das ist die Zeit, wo das Geschäft +geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen +wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude +abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf +die er seine Findigkeit konzentrieren soll. + +Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« -- -- + +Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt +wie von diesem »Aber«. + +»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im +Amt) -- sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen, +muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen +Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein +alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie +die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst. +Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.« + +Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß, +von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein +solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im ~Barbierstuhl~ und +sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben +hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel +verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut +fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau +viel doktert und -- trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß er +seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither +abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen +für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß, +»verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist +der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat +ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger +Mann. Adieu!« + +Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich +nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«, +dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen +herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit +beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe +suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein, +sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete +ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle +der Arbeitslosigkeit. + +Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war +und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir +knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten +und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der +Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot +für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum +aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war -- die +ganze Himmelsharmonie von vorhin ausgellte in so schrille, wilde, +nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen +Weltordnung -- -- + +O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern. +Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein. +Was ich erbettle -- ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist +meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich +schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen, +totwürgen -- so will es die Ordnung hier auf Erden. + +Und ich bin für Ordnung. + + Tom. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 1. Dezember 1900. + + Mein Bruder! + +Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe +nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein +Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die +mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch; +und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein +rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen +genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben +bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese -- -- ~Versuch's!!~ + +War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig), wenn auch nur ein +hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur +und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll. +Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der +Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken. +O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten, +das zum -- Weinen wär' -- hahaha! -- -- + +Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema, +ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen, +übernatürlichen, aus der Hexenwelt -- irgend eins. Schreib einen +Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie +man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig +wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man +reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder +umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch +Fluchen, oder ~nicht~ umgekehrt. + +Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche +stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein +Waschweib. Fort, Feder -- Seife her. + +Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal. + + Jennie. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 1. Dezember 1900. + + Teure Schwägerin! + +Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn +nie zu Gesicht bekommen, hörst Du -- nie! Dieser Brief ist nur an Dich +und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren. + +Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer +grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; -- aber Notwendigkeit, +Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva -- mir +graut vor der Zukunft Deines Gatten -- meines Bruders. Nicht, weil er +seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim +zerstört werden kann -- mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe, +wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet -- sein schöner, +großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen +Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er +ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber +auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als +andere Männer -- aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider +Gottes, viel zu viel in ~einer~ Seele. + +Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können -- +gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom +betrügen -- um ihn zu retten. + +Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott +und Menschen. Wo kann er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine +findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht +in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das +zuerst, einzig und allein -- vorläufig. + +Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig +mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen +Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu +für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm +Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als +sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen -- was er denkt und leidet, +auszutoben mit der Feder aufs Papier -- schon das ist viel gewonnen. + +Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut -- +aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut. +So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet +zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn. +Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott +sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub. +Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat +er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele +wird zum tickenden Gewerke -- die Erscheinungen der Welt ziehen durch +die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr. + +Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr erreichen. Sag ihm nie, was +ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die +Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach +ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß +Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er +dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit +der er das Hauswesen retten kann; -- denn aufrichtig gesprochen: ich +zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird. +Die Gelehrten haben ~auch~ ihre Angst und Not mit Konkurrenz. +Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im +Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es +besser kommen? -- Unsere armen Kinder! -- Die Nächte sind lang, auch +hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die +Stunden vor zwölf -- die Stunden nach zwölf -- das Ticken der Uhr +-- wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's +die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich -- draußen +vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am +Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach -- keine Mutter könnt's +ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden +Kleinen -- ohne Glauben an guter Geister Gegenwart. + +~Ich~ habe ~ein~ Kreuz zu tragen -- das für Jennie. Sechs +mehr von meinen Kindern -- das für die Mutter. Peter legt auch noch +Holz auf meine Schultern -- das für die Gattin. Das schwerste aber, +das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der +Schwester aufbürdet. + +Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich -- ebenso geduldig, stumm, +gottergeben -- und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten, +als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung, +Aufopferung. + +Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre +Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt, +und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind +notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott! +So wäret Ihr doch wenigstens bei mir -- und tothungern lassen wir Euch +nicht. Sag das Tom. + +Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit +weg zu sein, so weit weg. + +Dann muß ich Dich ~noch~ etwas fragen, das ich immer vergeß beim +Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts +mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse +absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin! + +Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig +liebenden Schwägerin, Schwester + + Jennie Daly. + + * * * * * + + Brooklyn, den 4. Dezember 1900. + + Liebe Schwägerin! + +Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei +Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork. +Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der +Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen. +Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut. + +O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel +schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst. +Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank +wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen. +Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein +und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn +krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als +Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt +zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der +andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete +daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist +hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass +sind große Schmerzen. + +Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu +Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht +wegreisen weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen +wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob. +Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die +paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen +wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich +sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir +wollen hoffen zu Gott. + +Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach +der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht +schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt. +Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben +mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut. +Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er +ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht +auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er +schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne +meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann. +Deine Dich liebende Schwester Schwägerin. + + Eva Pratt. + + * * * * * + + Brooklyn, den 4. Dezember 1900. + + Teure, liebe Schwester! + +Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung +-- irgendwo in Indiana oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche +Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet, +wahrscheinlich aber gelesen jetzt. + +Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder +Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen +kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen. +Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus +hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen +ziehen ab -- und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom. + +Aber -- hm -- Schriftsteller werden? Bücher schreiben -- Romane -- +Gedichte -- Dramen? -- Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich +tatsächlich erschrecken -- nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust +voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe. +Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er +oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie +geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort -- und bis die wieder anwächst, +wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe +ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie +wär's zum Beispiel -- --? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die +friedenstörenden Kobolde. + +Soll ich's probieren? -- Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so +plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher, +soll Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder +werden es andere tun für mich? + +Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in +die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle -- es ist Dein Werk. +Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich +hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne +dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um -- +Inspiration! + +Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt +sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder, +hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine +Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung +nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält, +eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine +Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es +nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder, +hörst Du, um aller Vernunft willen -- Jennie! Du mit sechs Kindern, +die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen +für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb +Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus. +Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück -- jeder Cent gesegnet von mir, +meinem Weib und Kind. + +Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es +kaum Arbeit nennen, denn ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus +übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen, +herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen +als -- meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf! + + Tom. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 9. Dezember 1900. + + Bruder Tom! + +Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der +Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben. + +Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage? +Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. ~Ich~ +nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie +Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt -- oder ist es +nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich +werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde +Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen -- nur +umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie +ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. -- +Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert +und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so +ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter, privilegierter +Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde. + +Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und -- gegrüßt +seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister, +Teufel, Fledermäuse und -- Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht! +Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten +Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total +anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem +Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern, +fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution! + +Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag, +zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir +eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium +und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können +mitteilen, aber -- nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu. + +Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das +war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum +Tanzen ums Feuer. + +Jetzt ist der Streik beendet und -- verloren. Ich habe nie etwas +Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel +Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten +nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber. Mäuler, Mäuler +-- ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen, +Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein. + +Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich +ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und +schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon -- oder +nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll +verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine +Herren!« -- Ja, ja, ja. + +Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler +in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei +diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird +der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit? + +Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde -- +besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch; +denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und +die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen +wie feuerspeiende Krater -- ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in +sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß +sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast +wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln +so über alle Maßen hündisch ängstlich vor dem Grubenverwalter, daß, +wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir +armen Mütter -- Gott steh uns bei mit solchen Männern -- wir sollen +eine Generation aufrichtiger Bürger gebären. + +Und wie widerwärtig sie sind -- knurrig -- bissig beinah. Mein +Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen +Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht +(jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit +Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was +schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er +will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck) +mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum +Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden. + +Der Rest ist -- Schnarchen! + +Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm, +wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte +heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner -- der Vater meiner +sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter +Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig, +mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von ~meiner~ Seite. Meine +Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu +halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin +der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich jedoch bald aufgefressen +haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den +Knochen. + +Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer, +die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die +Löwen sind selten -- und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher. +Die besten Männer sind die, welche ~Menschen~ sind -- wie Du, +mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so +begabt wie Du -- oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut, +ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben +könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette +mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm' +zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! -- + +Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat +sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte. +Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle +Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so +einem Schrei wie dieser. + +Jetzt schläft er wieder -- und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die +Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort. + +Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine +Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den +Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und +Unglück -- diese Extreme im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer +für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir +zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In +jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast +nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe +anheimgestellt). + +Und in die Kirche gehst Du auch fleißig. + +Und, und, und -- Lebt wohl und lang' und glücklich! + + Jennie. + + * * * * * + + Neuyork, den 20. Dezember 1900. + + Liebe Schwester! + +(9 Uhr Nachts.) + +Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel +regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als +Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine +per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und +Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf +gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als +wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der +einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil +tanzen möchte zur Unsterblichkeit. + +Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult +und erwartet -- seinen Verwandlungsprozeß zum Dichter. Er nimmt +Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich +ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld) +und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht +zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen. +Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben +könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser +imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger, +sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm +Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem +verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das +Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer +der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den +Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum. + +Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen +Verleger sucht, der's fressen soll -- das Ungeheuer nämlich. + +O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen +Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die +sogar Genien ermattet -- den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft +behalten zur Hoffnung -- und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt +meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken +leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen +elf darbenden Kindern wird jeden Tag rüstiger -- und kommt Pat, dann +geht Pratt -- und wohin? + +Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche +andre Gedanken -- wie die Liliputaner den Gulliver -- diesen Riesen +nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von +Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch -- der +Kampf ist begonnen -- die Geister stürmen -- ich werde geschleift -- -- +Wohin?? + +(10 Uhr Nachts.) + +Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich +so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in +greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht, +weint, -- es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne. +Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel. + +(11 Uhr Nachts.) + +Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt. +Ich denke viel an Dich -- und schreibe. Ich denke an mein Kind -- +und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge -- aber ich +schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder +die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit +krallenden Fingern erdrosseln? + +Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der +feigste Knabe und erst wieder ruhig werden kann, wenn ich mein Weib +und Kind umarme. + +(12 Uhr Nachts.) + +Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und +jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich +bete. Das ist meine Gebetstunde. + +(1 Uhr Nachts.) + +Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten, +öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine +Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal +jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß +schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte. +Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an +dem die Schöpfung hängt -- die Räder, die sie treiben -- die Walzen, +Formen, Pfannen, Feilen, Zangen -- die Drehbank, auf der Planeten rund +geraspelt werden -- die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft +-- das Sternensieb -- Seiher für die Nebelflecken -- und hundert +Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit +unbeschreiblicher Geduld und Güte. ~Eine~ Frage nur, und sie +dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf +Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor +dieser Frage -- ~du~ allein kannst sie beantworten.« + +(2 Uhr Nachts.) + +Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem was dran, drin und drauf +klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte +nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst -- +ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva. +Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die +Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche +Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden, +das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber +küssen -- nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt +schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber, +Schwester! wenn Du sie sehen könntest -- schlafen -- und ein Mann +wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und +sie anbeten. -- Ich tu's oft. + +In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge, +vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß +oder kniete ich oft vor ihrem Bett -- mit einer Andacht wie der Pilger +vor dem Bilde der Madonna. + +Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken +brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde. +Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt +Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher, +idealer, vom Dulden, Entsagen -- sogar Hungerleiden. + +Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu +beichten, ich rechne felsenfest auf Verschwiegenheit (Du bist mir eine +schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut. + +Also: + +Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit +Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann. + +Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl +überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie. + +Drittens: Gott segne euch Frauen. + +Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder -- eure +wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize. + +Fünftens: Ich liebe euch ~alle~ -- sehr, oder weniger -- aber alle. + +Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich +jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich +nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche +Freundinnen mitbringen -- ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu +allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es, +wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht! +Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was +werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer +Krönung? Denn ~ihr~ seid die Krone der Schöpfung -- nicht der +Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit +Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht +vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte +wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder) +geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das +Messer schliff und Ketten schmiedete. -- Er wird seine Handlungen +Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt +ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten +auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch +nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er +sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib. +Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch +der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit -- aus Angst vor ihrer +Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart; +sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie +ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach +den Wolken -- hahaha! + +Ist das zu viel gesagt? -- Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an, +den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser +von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst -- aber das sind +nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den +er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten +Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht +und freien Wahlzettel -- hahaha! + +Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend von allem, was +Menschen befriedigen kann -- Wohlstand förmlich gebärend -- und +Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben, +verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es, +nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er +selber. + +(3 Uhr Nachts.) + +Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen? + +Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der +ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns +wird das andere überdauern? ~Eins~ sind wir nicht, sie und +ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist, +führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable +Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch +Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort. +Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte +leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos -- das andere nötigt dem +ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom +Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es +Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht +eins von beiden weggetragen wird als Leiche. + +Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es +mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener +Kerze durch ein grenzenloses Labyrinth -- durch die Mammuthöhle. Der +einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein ~eigener~ Atem; der +Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn +ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert -- wie Echo -- das +Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« -- Manchem Geist und Gespenst +begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich, +der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach -- +nach -- was? Dem Eingang, dem Ausgang. + +Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort +draußen. Wiesen, blumenbesät -- Wälder, duftend von Harz und Blättern +-- spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den +Ausgang -- oder hätt' ich nie gesucht, gefunden -- den Eingang. -- -- + +»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das +Himmelreich nicht eingehen.« + + »Und was kein Verstand der Verständigen sieht, + Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!« + +Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen +Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke. +Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben, +wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner +lahmen Theorie. + +Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der +jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und +Unverschämtheit zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der +Allmächtige sich verneigen muß. + +Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du +bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten -- was +ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe +auch anheimgestellt). + +Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten +Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs +Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines +Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde, +wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich +umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die +goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft. + +Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!« + +»Was ist es, mein Kind?« + +»Darf ich dich fragen, Papa?« + +»Ja, mein Kind.« + +»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und +der Mann dich begraben tut da hinab und dann -- --« Er hielt inne. + +»Und? -- Weiter.« + +»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was +tätst du sagen?« + +»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen +läßt?« + +»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und +nie wieder 'raufkommen läßt -- was tätst du sagen?« + +»Hm -- ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.« + +»~Ich~ tät's aber sagen, Papa.« + +»Und was?« + +»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.« + +»Wüst? -- Mir kannst du's schon sagen, was ist es?« + +»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So -- -- du lügst ~auch~!« + +Schwester, das ist stark; ist es nicht? -- Aber Bertie sagt's, Du +kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins +Gesicht, gerade so wie er's ~mir~ sagte. + +(4 Uhr Nachts.) + +Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch +von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das +Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus, +Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan. + +Ich denke an Dich -- und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe, +gute Jennie! + +(5 Uhr Morgens.) + +Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein +werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren +zu können auf den einzigen Punkt -- ich werde ein Gedicht schreiben, +einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß +über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten +und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den +Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im +blauen Äther kreist -- unerreichbar für Speer und Bogen. + +Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit +Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein +Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von +Sorgengedanken -- wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen +Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges. + +Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen +sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll. + +Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der +Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde -- und all mein +Denken zischt ins Leere. + +(6 Uhr Morgens.) + +Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was +würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte +und Papier! + +(7 Uhr Morgens.) + +Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und +das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb +gesetzt; eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen +von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben +Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am +Einbrechen hinderte, wird herausgelassen. + +Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so +mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch +einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen. + + Tom. + + * * * * * + + Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901. + + Teure, teure Schwester! + +Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der +unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher +Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren +Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind +wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören? +Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es +so lang', bis sie mich herauslassen hier -- und heim. + +Die Uhr schlägt eins. + +Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere +Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in +jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken. +Jetzt sind sie müd und legen sich aufs Ohr und saugen Sauerstoff ein +zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen. + +Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall -- und bin +allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen +können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller +Linderung bar. + +~Die Toten~ lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld +bezahlt! + +Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier. +Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden -- und die öde, +graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein +einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am +Bettchen meiner noch ~lebenden~ Elsie, meiner noch ~gesunden~ +Eva, und mit ~zwei~ kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war +vom Zählen -- mein Glück. + +Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der +Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen -- und saugten sich fester und +fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen. + +Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer. +Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß +und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine +Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das +eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie +schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht' er Raub, Elsie mit +dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel +Gottes »Engel werden« trugen. + +(3 Uhr Nachts.) + +Dreimal drei ist neun -- das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist +vier -- das kann ~auch~ bewiesen werden vor einer Versammlung von +Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt. +Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen, +beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit +mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den +Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde. + +Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele +in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding +herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen +auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich +vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier -- und unwillkürlich beginne +ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange +zu dem Schluß: daß ~ich~, ich selber die Unsterblichkeit meiner +Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß -- nicht der andere. Er kann +wohl unterrichtet sein über ~seine~, aber über ~meine~? -- +Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn +ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen -- --- + +Halt!! + +Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der +Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten. +Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der +sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die ~Vogelstrauße~ im +großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt) +unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend, +wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts +sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich +große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten, +überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das +es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben +Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen +sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die +~komische~ Seite. Daß die Strauße nicht ~gerader~ laufen +und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die +~betrübende~ Seite. + +Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit +dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege +steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten +Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim +Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor +und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster +ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl unter Blitz und Donner im Paradies +herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie +tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der +Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit +Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen. + +Diese Sorte Philosophen sind die ~Büffel~ im Wildpark der +Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen +Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das +nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen +sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis +an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die +Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh +zu den Ohren heraus, ist die ~komische~ Seite. Daß sie lebenslang +Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher +bleiben, ist die ~betrübende~ Seite. + +Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel, +die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren +Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber, +Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am +Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben, +sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd -- Blumen zertretend -- +Harmonien und Schönheiten ignorierend -- glücklichen, lachenden +Menschen ausweichend wie der Pest -- auf Kirchhhöfen herumgeisternd +-- mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die +gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der +Pessimist macht sich die Höllenqualen ~umgekehrt~, er beißt die +Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das +ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was: +»mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß +ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die +~komische~ Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker +nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger +wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur. + +Dann gibt es ~lachende~ Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist +jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran. + +Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder +vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles +rauben bis auf die leere Schale. + +Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles, +sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft -- geben +nie etwas von sich -- Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle +Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt +und glücklich gemacht zu haben. + +Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit +sich so entleeren, daß sie geistig schier zu den Bankerotten zählen. +Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben +aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt. + +Dann gibt es -- -- Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist +dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und +sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das +Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am +linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von +vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was +kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer, +und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und -- drei +Originalitäten nur -- kein einziger Beweis darin, der zieht und hält. +Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen +möchten. + +Und ach, was bin ~ich~ herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden, +und hab' gesucht nach Quellen und Oasen -- nach dem Körnchen Wahrheit +im Berg von Kleie -- in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits +Beweise gesucht und ~keinen~ gefunden, mit dem der Zweifel nicht +Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich +gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln, +Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich +sterben müßt' an Verstopfung -- schluckt' ich nicht hin und wieder eine +Kontroverspredigt als Abführmittel. + + * * * * * + +Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht ~einzig~ durch +Gefühl. + +Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben. + +Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des +letzteren geringerer Erfahrung. + +Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen +Lebens gelöst ist. + +Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das +kann, ~wenn er will~, garantiert die ewige Gerechtigkeit. + +-- Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch -- mir wird ja selber übel. + +Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von +St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend +sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die +Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab. + +Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte +die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten +nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit +verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals +noch ledigen Tom Pratt. + +Dann ging's los. Eigentlich ~nicht~: zu meinem Ärger und meines +Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine +Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen +einer in der Nacht gehabten Cholera. + +Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein +Weibchen meinte, das ~Apfelmus~, das sie ihm kochte zum Abendbrot, +sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch +wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der +Bemerkung: »Bier ~und~ Apfelmus hat's getan -- Punktum!« + +Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich +auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun +verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich +schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden +Straßenwaggon irgendwohin zu fahren -- nur weg, weg vom bratenden +Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten +Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige +Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte +mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon +entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte +Kreuzung nicht gewesen. + +Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich +fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die +Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden +schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem +ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden, +den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins +Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf die Haut; der Hut wollte +fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen +Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern +vorbei wie geflogen. + +Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange +Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs +Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich +absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer +vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem +wahnsinnigen Radfahrer. + +Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der -- Schlafenden. + +Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich +ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie +Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an. + +»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch! +Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre +Eltern -- die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich +wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie +hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die +Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück. +Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen +in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und +~eine~ Wiege hat genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen, +reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende, +friedlich, eng beisammen -- ~aber hier~. + +Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang, +immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem +Altar. Dort betete ich für die Toten -- für alle Toten. Dann schritt +ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend, +über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches +Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder +ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein +Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel. + +Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! -- Ich bebte vor Angst, mein Atem +könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn +Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem +Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott, +~das~ Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen +hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir +die, die ich suchte, träumte, wünschte -- ~so~ wünschte ich mir +die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles -- so +träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut, +Hilflosigkeit. Und ~ich~ ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene, +Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller +Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ... + +Ob ich einen Schrei ausstieß? -- Das Mädchen richtete sich erschrocken +auf, sah mich an und -- -- der Traum war aus. Das Bild verwischt. +Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen -- das +schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein -- ach! das herrliche +Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem +Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels +unterscheiden kann, fort war es -- fort. + +Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so +majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz -- so überirdisch, daß ich +nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die +Schlüssel trug zu meinem Himmelreich -- den Zutritt zur Glückseligkeit +mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt +war ~ich~ der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier +blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus +gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!« + +Ich tat's -- und sank zu Füßen meiner -- ~Eva~. + + * * * * * + +Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die +Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag +beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen --- es ist +doch nur der Venus Vorgespann. + +So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen und beweisen vom +Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist -- laß sie nur predigen +und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen, +ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die +Schöpfung opfert -- zum ~Weib~. -- -- + +Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war +eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte. +Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war +gerissen zwischen Gott und mir -- irgend jemand stand zwischen mir und +Gott. Ich ging ein wenig hin und her -- aber das brachte mich nicht +näher. Ich setzte mich ans Fenster -- aber das machte mich unruhiger. +Ich stand wieder auf -- kniete nochmals. Die letzten Küsse eines +Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte, +brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen. + +»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich +hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken +gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem +Bett zu rufen. + +Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom +Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt -- entgegengesetzt aber +von »~Ihr~«. + +Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst +in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland. +Auf Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte +er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine +Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen +Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem +Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt -- warf sich platt +ins Gras, mit dem Gesicht nach unten -- und so blieb er liegen. + +Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche +Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder +und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig +überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese +über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des +Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und +Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen +als Schlummerlied der Sommernacht. + + * * * * * + +Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete +und umsah, war es mir, als wäre ~ich~ das Leben und alles andere +tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der +Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft; +als sei ~ich~ das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der +Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte +nicht, daß es der große Mississippi war, der gurgelnd und plätschernd +am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser +auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche, +Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich +bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken +und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die +Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer +gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer +eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier +unten sich dreht und treibt und stößt und zieht -- Leben saugt und gibt +-- mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit +benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht +Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust -- und Wanderung durch winterkalte +Nacht. + +Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist +der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen +Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So +strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast, +während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen +banger Nächte ging. + +Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte, +wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde +hier am Boden lag, kein Meer noch Land. + +Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner +Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von +dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die +feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis +und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen -- Beten hat der +Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort? + +Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich +decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und +morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt -- +nur ~einer~ hat den Platz behauptet -- nur ~einer~ hat sich +durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen ~einer~. +Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein -- ~einer~ war der +Stärkste, Zäheste -- der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht +einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele -- +~einer~, ~einer~ nur. Und dieser eine, der bin ~ich~! -- +Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk, +der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah -- und drücken sie das Universum +durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich +stellen kann und darf. + +Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung? + +O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! -- +Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche +~Opfer~?! -- Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr +Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt +von tausend Mühen ~meinetwegen~ ihr Leib zu Grabe sinkt -- das +erste Opfer. Arme, arme Mutter du! -- Und hinter dir, zum gleichen +Zweck verwendet, ~deine~ Mutter. Und hinter ~ihr~ ~ihre~ +Mutter. Und ~ihre~ Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie +im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter, +marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der +Vergangenheit heraus -- vorbei an mir. + +Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer? +Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's +keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? -- Ach, +es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die +andere hin. + +Und diese Blicke all auf mich geheftet -- dieser Augen Trillionenzahlen +starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der +Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je +weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden, +Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang -- und so mein Ekel. +Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der +Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter +ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen +Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen +Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der +Eingeweide Gift gemischt. + +Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit +mir? Gibt's keine andere Leiter? + +Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die +viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest +du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen +Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten, +die um Rache schreien -- Bastardmischung zwischen Tier und Menschen +unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel -- mußtest du +vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später« +überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen; +Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all +die Klagen, Seufzer -- der Schlachten Brüllen -- der Folterkammern +schrilles Schreien -- der Kerker hohles Heulen -- der Krankenstuben +Stöhnen -- den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem +andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen +Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch +Teil an mir zu Kot zermahlt. + +Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie +du, o Ewiger, dein Ebenbild? + +-- -- -- Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als +seh' ich ein reibend Schwefelholz an meiner Kerkerwand und find' die +Tür -- -- Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es +möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, ~auch +du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein~? -- Die gleiche Scheu +vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken, +Sehnen ist uns eigen -- nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche +Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand +der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen +-- mich im engen Zirkel meines Selbst -- dich im unermessenen Raum, +mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du +mit Licht -- er mit Nacht. Du mit Wärme -- er mit Kälte. Du mit Leben +-- er mit Tod. Du mit Geist und Willen -- er mit Körperträgheit. Du +mit Liebe, Wahrheit, Schönheit -- er mit allen Gegenteilen. -- -- Und +dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder +links, Ewiger! ~das kann ich~?? -- Ich kann dir trotzen und deine +Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit +verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit +Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes? + +O, daß du mir diese Waffe zeigst -- scharfgeschliffen wie sie ist, sie +mir anvertrauest -- welch ein Vertrauen! -- Nach langer, langer Nacht +gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus +der Mutter Augen Liebe trinkt und ~dann~ die Milch der Brust -- +~ich liebe dich, Gott~! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich +ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an -- +mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät -- aber lieben? -- Leere +Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch +Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst. + +Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst -- ist +~Vater~ schöner, inniger als Gott -- »Vater, ich liebe dich! +~Vereint~ sind wir allmächtig. ~Vereint~ sind wir die ewige +Glückseligkeit -- ~getrennt verloren~.« + +Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und +flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre -- +lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht -- »Vater, ich +liebe dich!« + +Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich +will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn +ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von +dir -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!« + +Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib +-- hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall, +wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und +rauhem Wetter; die Felsen ~mich~ vor allzuviel Besuch. Ist Gott +nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir +viermal passend neue Kleider schenkt« -- -- »Vater, ich liebe dich!« + +Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten, +Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend +Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn +Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft, +und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand +abgerungen in der Zeiten Lauf -- und jeder Blick in jene sternenvollen +Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt -- -- »Vater, ich liebe dich!« + +Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt +zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies +von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt +sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und +Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit +deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf +trillionmeilenhohe Leuchter -- ich kann mir das Denken verhalten -- +die Vernunft schänden -- bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein +Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr +dich höhnen? -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!« + +Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht -- mit vollster Seele +liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten +im Meisterwerk. O, dieser ~Spiegel~ -- und der Rahmen zu dem +Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich +und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber +so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen +Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier +sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die +er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und +Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus +dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in +langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel, +bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum +verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und +triumphierender Genugtuung -- gemischt mit weher Sorge, der Spiegel +möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben -- denn Schöneres kann +er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom +Tod -- das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod +auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste. +~Der Spiegel ist das Kind!~ Des Kindes Seele, des Kindes Augen -- +Leib und Seele widerspiegelnd. + + »Vater, ich liebe dich!« + +Schaudere -- -- was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser +hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit +Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe? +Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du +aufgebaut. + +»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist +der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes +Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion, +Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine +Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und +fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer +höheren Höhen -- aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem +Leben, zu reinerer Erkenntnis -- aus des Daseins Sturm und Drang +die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes +Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann -- ~von dannen es kommen wird +am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die +Lebenden und Toten~! + + »Vater, ich liebe dich!« + +Und nahet mir des Lebens letzte Stunde -- und jenes Ding, das Blut +gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt -- -- + +Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück +und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im +Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die +ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die +erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken +Brücke. Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch +einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie +nie zuvor -- und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin -- und Heimweh, +eh ich abgereist -- und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach! +durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang +und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis +wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen. + +Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in +die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel +Blumen sind zertreten worden -- viel ist herumgestritten und gerissen +worden -- Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen +schier in Fetzen -- wild war sein Spiel im langen Tag -- doch, gebe +Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus +Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann -- +-- ist Schlafenszeit. + + »Vater, ich liebe dich!« + +Ob ich unsterblich bin? -- Unwiderruflich, ja! ~wenn ich will~. + +Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? -- Unwiderruflich, ja! + +O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und +deiner Küsse Seligkeit! + +Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom ersten Werden bis hierher +und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend + + Dein liebes + + Kind. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 1. Januar 1901. + + Lieber Bruder mit Weib und Kind! + +Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen +Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch +einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und +Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden. + +Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch +könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen +Menschen -- wir armen Leute! + +Also, Neujahr. + +Als ordnungsliebende Hausfrau -- (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen +Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut +und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur +Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot -- hier +ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem +guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem +Hauptartikel der Haushaltung -- mit Peter. + +Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier Wochen. Er kam also +herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen +in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige +Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in +Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock, +und -- die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie +ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt +ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf +nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet. +Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser +Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das +Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der +letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt, +Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts +weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt +der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild +zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine +Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen -- hahaha! + +Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel, +raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für +drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik +ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern +Bergleuten, jedoch eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und +bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten. + +Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und +geht's dem Alter nach, bin ich ~noch einmal~ Nächstes; ich bin +schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft +interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche +für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet +Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und +versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig +ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach +vornehmen. + +Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht +abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt: +zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge +Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der +~andere~ der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester, +sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester ~Sohn~. + +Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf +meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben, +mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe +allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott. + +Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung aber endgültig +aufhört, sage ich: der ~kleine~ Peter. Der kleine Peter ist größer +als ich! + +Er ist jetzt vierzehn Jahre alt -- und seines Vaters Ebenbild. Er hat +ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen -- aber auch +die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau +des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut +wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit +sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie -- +Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle. + +An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem +Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß, +schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so +weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an -- es dünkt mir +oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen. +Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So +war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben +opferte -- einem Wahn. + +Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst +wird dann verdoppelt: Vater ~und~ Sohn; denn Bergmannsleben ist +ein gefährliches Leben. Ach! + +Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum +zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte +die Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu +viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der +Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung, +Enttäuschung -- sag' ich es gerade heraus -- aus der markverzehrenden +Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie +ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt, +träumt, träumt -- -- + +Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich +aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der +Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend -- ungeliebt. Daß ich +~das~ überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der +Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. -- Ich bin +also auch eine Riesin und stärker noch als Peter! + +Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das +Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist +das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung, +meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich +entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der +Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie. + +Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel +zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form -- Gott! wie muß +dein ~Ganzes~ sein, ein Sonnenmeer! + +Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird er Priester. Das ist +sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude +erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester +-- -- Aber ich will nicht sündigen, guter Gott -- ich will nicht zu +viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende +Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's, +Gott. -- Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr. + +Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling. +Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch +Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn +Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner, +hahaha! + +Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine +Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen +am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen +und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit +spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und +zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern. + +Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten +sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte. +Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts +und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner, +frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge +und Wälder, Ruhe alles. + +In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben +im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel. + +Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und +kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen. + +Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar +und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den +Raum zu wälzen -- geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht +-- anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig +flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das +Menschenherz -- die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben, +Hoffen. + +Und wieder schloß ich meine Augen. + +Da -- o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so +ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir: + + »Stille Nacht! heilige Nacht! + Alles schläft, einsam wacht + Nur das traute, hochheilige Paar --« + +O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn -- er +ist mein Kind! mein Kind! -- -- O, der Mutterfreuden höchster Berg, den +ich erstiegen habe -- nur ein Schritt vom Himmel -- nur noch sterben. + +Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum +diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf +in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten +Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre, +rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren, +Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der +Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen, +in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut, +den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß +zur Kirche -- die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend +zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die +Waise -- und der Bruder ihr so fern -- sich anklammern an den Mann, der +jetzt ihres Kindes Vater ist -- -- Gott! wenn das der Plan war, dann +lob' ich das Schicksal und bet' es an! + +Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen +und lächelte: »War's schön, Mama?« + +Siehst Du, Bruder Tom, ich war ~auch~ für ein Stündchen in des +lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen. + +Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten. +Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die +Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der ~Himmel~ zeigte durch +zerrissener Wolken Schleier das Bild der ~Unvergänglichkeit~. +Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf. + +Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die +Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter. + +»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten, +»hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?« + +»Gar nicht, Mama.« + +»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten, +»hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?« + +»Sollt's meinen, Mama.« + +»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?« + +»Ja, Mama.« + +»Willie! friert's dich?« + +»Nein.« + +Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie! +kannst du langsamer gehen, ein wenig?« + +»Ja, Mama.« + +»Nur ein wenig. So. -- Willie?« + +»Mama?« + +Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen -- und wendete sich +um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme. +»Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier +kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen -- aber +ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz +gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja und Nein, den Blick +nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß +mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich -- bitte -- bitte!« + +Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke +Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein +die Seligen -- da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend, +liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« -- -- + +Tom! male weiter, wenn du willst -- ich muß schwenken. Die wilde Jagd +kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken, +und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie +tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister. +O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als +schönstes Träumen! + + Jennie. + + * * * * * + + Brooklyn, den 14. Januar 1901. + + Liebe Schwester! + +Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze +ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann +gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter +und zähle die Pflastersteine. + +Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt +»Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit +einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen. + +Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den +Gefallen nicht tun und -- -- nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht +-- aber -- aber -- ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann +mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche +ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen! + +Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht +fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube +kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne +Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die +Sorge, ~ich~ möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen, +die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt, +aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz. + +Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne ~den~, den man sich +selber macht -- ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die +Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig, +ohnehin, um verrückt werden zu können. + +Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine +Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie +geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! -- +Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das +Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den +erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie +er zu uns spricht! Wenn wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir +jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an +mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was +komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt, +was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen +»Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer +wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh +nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch +alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg +von Mister Rouß' Sanktum -- der Einarmige sitzt dort! + +Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner +Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt +neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen +könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« -- lache nicht -- geradezu +meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer, +ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und +Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und +einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur +all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische, +die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und +Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll. +Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den Mississippi +hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte +mit ihr ums Horn nach Frisco -- der Anschauungsunterricht damals kommt +mir trefflich zu statten jetzt. + +»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom« +schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres +und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in +Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch +festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See +möcht' es ihm entführen. + +Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält ~ihr~ +Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker +das Ding beurteilen: »Mißgeburt -- Ohren zu lang -- Nase platt -- Augen +blöde -- Mund dumm.« + +Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn +~ich~ zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll +es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht +beim allerersten Schuß? -- Ein schlechter Schütze verknallt sein +ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs +Vielschießen an -- nicht einmal so sehr auf Übung -- scharfes Auge +(des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für +Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank! + +Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 22. Januar 1901. + + Teure Schwester! + +Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!« + +Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr, +und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine +meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für +Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer +formt zu aufgeweckten Menschen. + +Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester, +wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich +lachen macht bei solchen Entbehrungen? -- oder ist's Galgenhumor? -- +Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem +Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit, +Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an. +Schwermut zog sie aber zum Selbstmord. + +In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer +lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all +ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf, +Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern; +und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit. +-- Schwester! warum begehst ~Du~ nicht Selbstmord und entfliehst +einem Dasein so voller Schatten? + +O, warum denn fragen -- hier steht ja die Antwort neben mir: Arme Eva +mein! Das ~Kind~ ist fort -- ja, die Elsie ist fort -- und mit +dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis. +Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich, +das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische, +unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn +lieben, anschauen, mit ihm reden. + +Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt, +der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es +war mein schwerster Gang -- und leichter dünkt es mich, Arbeit zu +erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft +abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's +Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich +mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an +seine Kanzleitür. + +»Herein!« + +Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist +auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das +Kontor betrat. + +»Setzen Sie sich!« + +Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker +Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt +ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie +wünschen?« + +»Ja,« hauchte ich. + +»Was wünschen Sie?« + +»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt. +Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war +letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit +zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren +-- konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat, +dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn, +als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen +vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not, +mein Herr! und flehe um Nachsicht.« + +Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu +binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die +Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte. + +Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer +Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen, +wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich +liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär' +Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o, +ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren. + +»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich +sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das +allein soll mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein +Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch +anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein. +Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich, +wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen -- hoffend jedoch, +daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann +ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen, +sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles +schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!« + +Er winkte ab. + +Ich ging. + +Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren +lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So +zwischen Himmel und Hölle hängend -- mein Gott! sind das Zeiten, die +meiner harren. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 24. Januar 1901. + + Teure, liebe Schwester! + +Warum ich Dir schon wieder schreibe? -- Ich lebe in qualvollster +Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter- +oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich +an einem Bindfaden hängend über dem Niagara; wenn der Faden nicht +reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich. + +Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen? +Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich +an Dein armer + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 28. Januar 1901. + + Liebe, teure Schwester! + +Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird +oben. Warten würgt sonst die Hoffnung -- bei mir wird die Hoffnung +blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau +hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische +Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort. +Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die +ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete +ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über +die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben +und mir aushändigen -- und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin +ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester. + +O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren +Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll +umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten +zeigt, können kaum solche Zauber wecken. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 4. Februar 1901. + + Liebe Schwester! + +Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein +paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber +~nichts~ ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not? +Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit +Lamentieren? + +Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir +alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage, +von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben +nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung, +Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch -- +Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen +kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel +herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer +Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und +Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden; +unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich +bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie +Mondgebirge. + +Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen. +Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den +ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz +landet, wo Nansen den Pol stecken ließ. Dein Söhnchen Peter braucht +nicht ins Bergwerk -- nicht so früh untern Boden -- ein passendes +Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer +spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung +jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene +Beiwerk -- und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern +(ach, ich möchte ~allen~ Kindern) soll geholfen werden. -- +Glückauf! + +Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen, +nicht ~ein~ Briefchen wert? Bitte, antworte. + + Tom. + + * * * * * + + Brooklyn, den 11. Februar 1901. + + Schwester! + +Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter +Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine +Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin, +daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann +und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe +mir! + +Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine +Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und +mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer, +es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes +Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein. + +Was das bedeutet? -- Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster +Bedeutung. O, ~der~ Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich +werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich +vernichten, und weiß ~wie~. Er hat Erfahrung im Fach und trifft +jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin +ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was +weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend. +Aber ~den~ Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern +rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine +Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen +kann. + +Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste: +mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu +rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen -- Bankrott. +Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen. +Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen +sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort. +Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch. +... Der ~eine~ nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich +verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt -- mit Bitten und mit +Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen +-- der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist: + + Tom. + + * * * * * + + Pilot Knob, den 16. Februar 1901. + + Armer Tom! + +Gewiß -- Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und +keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen -- oder +gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von +Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was +soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth +von Unglück -- gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang, +und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum +Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie +Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst. +Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten +Körper und -- verkrüppelten ~Geist~. Dein krankes Weib wird noch +eine Weile waschen, und dann wird sie ~nicht~ mehr waschen. Man +sieht den Schluß des Trauerspiels kommen -- natürlich. Er kann nicht +anders lauten als: »verdorben und gestorben.« + +Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen. +Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das +Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen. +Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler -- das fühle +ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich +hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts. Es gibt keinen +Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind +ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als +hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus +getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen +wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot. +Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur +blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende +seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich. + +O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen -- +hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen -- +schlafen. -- Das ~eine~ muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die +Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir +reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen, +nach ~Montana~. Morgen. Auch das noch! Was dann? -- Peter hat +sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der +Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache +der Flucht. Und ~ich~, ich kann mich nicht losreißen vom Grab +meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt. +Ich verliere immer, immer. Daß ich ~eine~ Stunde meines Lebens +wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! -- Aber still, still. +Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele, +die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still, +still. Tom, ich muß schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen. +Aber besser so -- wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier. +-- -- -- + +Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die +wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke -- wie der +Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt. +Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier -- und Jennie ist +gegangen. + + * * * * * + + Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901. + + Lieber Schwager Tom! + +Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden +lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie +doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch +kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es +noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer +zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser +gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist. +Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am +Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die +Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist +sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und +hat wenig Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel +hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat +Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen +weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf +der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt +nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn +man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie +auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat +gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein +guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in +seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif +gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett. +Dann ist sie gestorben um zwölf. + + Dein Schwager + + Peter Daly. + + * * * * * + + Deer Lodge, Montana, 17. März 1901. + + Lieber Onkel Tom! + +Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei +Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden +Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht +klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama +ist ja tot. Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht +und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich +nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und +alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr +Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig. +Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über +diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann +nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat +der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so +notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden +am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy +auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege +ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke: +Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt +und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten +in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist +als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und +draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald -- -- +ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin. +Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein +Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte +sie am Herzen, bis ich wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht +auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und +Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles +verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm. + +Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie +hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie +fortging. Die schöne, gute Mama. + +Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht +weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen. + +Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel +Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche +ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft +von Euch gesprochen. Nun ist sie tot. + + Willie Daly. + + * * * * * + + Deer Lodge, den 24. März 1901. + + Lieber Onkel Tom! + +Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum +schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht +jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht +aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es +ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun. +Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und was für eine Nacht. Schnee, +Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen +nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung +und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der +lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und +Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist +so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben +täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit +uns in Pilot Knob. + +Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten +Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte, +Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die +Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr +tickt wie damals. + +O, meine Mama! -- Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen +in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der +Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und +mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am +Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu +Schatten. + +O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!! + + Willie Daly. + + * * * * * + + Deer Lodge, den 27. April 1901. + + Lieber Onkel Tom! + +Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach +Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist +schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du +bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir -- nur gute Worte +wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden, +kalten Land -- so verlassen. + +Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit +~nicht~ zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte +Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen, +sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag' +Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit +der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in +der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank. + +Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine +armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden +muß, sonst wär' ich kein braver Bruder. + +Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat +sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist +sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen +und gesagt: »Kinder, das ist nun eure neue Mama, und die müßt ihr +ebenso lieb haben wie die alte Mama.« + +Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht. +Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große +Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und +sterben sollen. -- Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben. +Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und +immer. + +Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt +jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht +zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke, +trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum +kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber +Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly +weiß alles von mir und wird den Brief nur ~mir~ geben. Mister +Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was +ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber +dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das +tut kein vernünftiger Mann.« + +Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist +die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und +müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt. + +Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde doch besser tun und +schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt +heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd. + +Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden. + + Willie Daly. + + + + +Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem +Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien +Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in +farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte +bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter +von Buxton her in die Niederung geritten. + +Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des +gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in +Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen +war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden +vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen +seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit +dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch +erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung. + +Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus +dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete +sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend, +ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte, +ohne abzusteigen, mit dem Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer +erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch +vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie +doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter +talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang +aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und +verschwand in Kellys Laden. + +Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer +des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig +die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich +ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in +Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor +einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie +halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und +pfeifend. + +Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über +ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen +breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen +die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst +ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch +mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die +größte in das Innere -- in die Küche. Die war eigentlich der einzige +Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen +zu abgesonderten Räumen, die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten +sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die +Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das +zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig, +robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich, +unheimlich im höchsten Grad. + +Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden. +Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in +die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug +in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue. +Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete +er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die +Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß +noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von +dir verlassen wurde --« + +Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat +ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den +Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und +erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den +Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der +Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden -- -- + +»Onkel Tom!!« schrie Willie und -- -- + +Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das +hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es über die Kniee, preßte sein +Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals, +wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen +will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende +Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich +aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von +Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände, +von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte +formen zu wollen -- bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles +wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind +gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos +allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele, +die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte. + +Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört, +bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer, +anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem +Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids +richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach +einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten. +Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken, +schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben +zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind +wieder an sich -- seiner Schwester Kind -- und wiegte und wiegte. +Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und -- Willie war im +Traumland. + +Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab. +Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies +eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider -- -- +Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes, +und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken -- zweifellos Merkmale +brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's +vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett. + +Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und +leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen +zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer +füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen, +schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein +traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend. +Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den +Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den +Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind +wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue +der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr +Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden +lag, auf und machte den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne +waren so fest aufeinander gebissen -- er konnte nicht beten. + +Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett +der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne +Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker, +einem Totenhaus -- und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein +wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem +andern zu drücken, zu umarmen -- eins nach dem andern abzuküssen auf +Mund, Stirne, Augen -- so lang und so feurig mit Küssen und Weinen, +bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. -- +Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut -- schloß die +Küche ebenfalls -- verließ das Blockhaus und trat ins Freie. + +Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von +überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als +Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits +warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die +Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge +und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht. +Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten +Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen, +die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen. + +Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er +richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in +die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher. +Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog +jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten +ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend +sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ. + +Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom +stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich +sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor, +und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das +Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten +Frau, wegen der kurzen Trauerfrist. + +Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht +~so~ lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter +fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete +seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte +dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu +gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner +Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei +Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle +seine Pläne durchreißen können? + +Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte +die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem +gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der +neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen +Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ +alle ~die~ Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen, +kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn +Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten +sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der +Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen +-- vom Lampenlicht und von Peters Gesicht. + +Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das +Weib da neben ihm -- das wußte er schon -- war eine an Leib und Seele +bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann +als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten +Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen +Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit +wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte +sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht, +Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen +hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. ~Ein~ +unbedachtes Wort vor ~diesem~ Weib, und die Kriegserklärung ist +fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte -- +das ist für Peter nicht schmeichelhaft. + +Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete +in sein Geschäft -- und legte aus -- erklärte, erzählte. Viel wurde +zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger +Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf +~Willie~ zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die +Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien +gesiegt. Der Friedensvertrag lautete: + +~Erstens~: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die +Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber ~mit~ +Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke. + +~Zweitens~: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin +hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei +Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit +Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur +Auswanderung. + +~Drittens~: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden +fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt. + +Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt +hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das +Dokument lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf +den Tisch. + +»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin +schon einmal gefragt. + +»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. -- »Nimm's nur!« + +Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab +es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«. + +Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen. + +Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete +Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte +überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht. +Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ +das Haus. + +Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und +Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf +der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne« +überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt. + +Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war +untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei +Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende +sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und +verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er +trug einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und +legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins +Stroh. + +Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben +heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den +kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das +nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre +alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die +Gefangenschaft. Das fünfte Mal -- -- + +»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter. +Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr: +daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher. +Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form, +daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte +sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in +Aufrechtsitzen umänderte. + +»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den +Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose --« + +Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem +Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der +Schlafkammer und versuchte zu fliehen. + +Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es, +ihm den Weg zu vertreten. + +»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins +von fünfen, eins. Den Willie laß mir!« + +Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch +Schlaftrunkene seitwärts -- und Tom rannte nach dem wartenden Wagen. +Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los; +Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein. + +»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter +flogen die Räuber durch Staub und Finsternis. + +»Tom!« klang es noch einmal. + +Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die +Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!« + + * * * * * + +Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die +Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton +trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten +sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie +nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf +sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als +hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen +Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts +mehr sie bewegte? + +Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg +machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am +Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz +herunter, wie er gehen sollte. »So und so -- fünf Minuten steigen;« +dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die +das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er. +»Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar +nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.« + +Tom verschwand in der angegebenen Richtung. + +Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die +Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen +Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger +bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach +einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern +zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor, +eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten +sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht. +Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit +ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in +die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still -- man +hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am +Zwieback. + +Da -- plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein +wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen. +Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu +zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? -- +Ein wildes Tier? -- Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen +ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen +sich überhaupt nicht stören. + +Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut +in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine +Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf. + +»Fehlgelaufen, Sir?« + +Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite, +damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er +redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt +zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte +er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus +Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß, +wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!« + +Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte +den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies +Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung +der großen Tanne und verschwanden. + +Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der +Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf. + +Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus +ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm +und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf. + +Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die +Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber -- den Hut ab -- etwa +zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken +und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem +frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung. + +Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt +und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise +bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu +verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht -- und +niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen +schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit +heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder +nebenan, als hätte ~er~, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das +Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt. + +Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände +nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es +wohl, auf was er sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er +nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe, +neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter, +glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche +Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. +Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...« + +Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne -- durch +Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend, +gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer +Farben -- so kam der ~Gerufene~ herab zu den Kindern. + + * * * * * + +Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann +trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden +Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei +Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester, +die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein +Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war, +wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann. + +Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden +während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu +unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende Worte +und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons +einziger Straße. + +Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so +ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus +in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen +Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter +nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann +bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen +Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und +begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten +sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff +aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte. + +Sie ließen es sich aber schweigend gefallen. + +Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden +paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht +und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben. + +Auch das ließen sie sich schweigend gefallen. + +Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und +Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen +gekehrt und -- zu Asche verbrannt. + +Auch das ließen sie sich schweigend gefallen. + +Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der +Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so +aussah, als sollten die Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten +und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls +dann gefressen werden -- da erschien als rettender Engel ~Tom~. +Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der +Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte. + +»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht +mehr da! Schau doch! schau!« + +Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten +auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene. + +Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue, +schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus. +Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den +nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht +eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das +eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder +Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen +Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine +blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles +schillerte in Farben und Flitter. + +Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf +die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit +einem Appetit, der -- unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten +werden kann. + +Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann, die beiden Frauen +am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre +neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum +Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und +beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel +Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch. +Endlich war er frei -- und atmete auf. + +Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann +mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch +verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als +er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl, +und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder. +Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz +aufhören über Sommer.« + +Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten +nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie +noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen +schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem +Pfad zum Bahnhof. + +Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden +eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er +abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist +überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City verkehrt, und das +Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier. + +Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach +dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige +Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des +offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte +er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen +plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je +zuvor. + +Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und +Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer +neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit. +Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete +mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not +rund gebliebenen Beinchen. + +Neben der Molly saß Lilli -- schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe +hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die +innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von +krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt +den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht +hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein +ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend +ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck. + +Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose +heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und +Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe. + +Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen +bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende +Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen, +verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt -- o jetzt -- +Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den +waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie +erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der +Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte. + +Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und +das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr. + +Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort +liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht, +als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine +statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden +Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie! + +Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen +Tunnel -- wie ein Sarg ins Grab. + +Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten +heiß über seine Wangen. »Jennie! Schwester!« hörte man ihn nur hin und +wieder seufzen. »Jennie! Schwester!« + +Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen +hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt +mit dem Haupt in die Wagenecke -- und schlief. + + * * * * * + +Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres. + +Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten, +grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote, +Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde. +Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert +und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land, +gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer +streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen, +gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich, +geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne +tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und +Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt +mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben +langen Tag, und wird nicht müde. + +Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den +Strand. Mit Wasser auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen +konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße +Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste +kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das +triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels +und des Meeres Mächte -- mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg +erklärten -- der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres +höckerigem Rücken -- und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine +Feuerpfanne spie -- heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf +Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag. + +Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres +lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und +Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden +Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten +Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt +versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von +Augenblick zu Augenblick. + +»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!« + +»Und kühlt!« schrieen die Knaben. + +»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die +Mädchen. + +»Ach, Onkel Tom! -- Papa! lieber Papa! -- Ist das Meer immer so schön +wie heute?« lachten Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen +hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend. + +Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen +erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich +auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des +Himmels grauer Decke schnappt -- liebkosend wusch es ihre Beinchen, +so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum +in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und +hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen. + +O, Meer und Kind! + +Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich +geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß ~ein~ +großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres +Flut und Ebbe will. + +Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt +und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom +nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen +Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung. +Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen, +wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit +dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche +engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, ~das~ kann nicht +beschworen werden, denn der Knabe schläft. Gleichmäßig atmet er mit +dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber +bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er +gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung +der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau. + +Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil +ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es +lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln. + +Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem +offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft +schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und +Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender +List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit +~einem~ heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu +erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm +herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und +nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe, +beginnt die Königin zu buchstabieren: + + »Der Seestern. + Roman von Tom Pratt. + (Sechstes bis zehntes Tausend).« + +Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und herunter -- auf +Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur +und tote Körper seelische Gefühle webend. + +Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die +Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden, +schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die +gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen. + +Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm +zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke +meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort +in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der +bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist +der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie +liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja, +dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat, +wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der +Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur +Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz. +Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! -- +Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die +bleichen Wangen aufwärts; -- ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn +niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva +himmelblaue Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und +heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf +das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde. + +Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen, +fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang +bildet vom Sturm zur Ruhe -- da ist es ihr, als sei noch nie im +Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so +weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie +zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um ~ihn~ und sie und +diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden +wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder +Plätschern der Brandung -- alles ist ein einzig herrliches, liebes, +oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren +Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und +jedes Ding ist verschönerte Verklärung. + +Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die +Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte +Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag +im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden +-- an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder -- an das Wanderlied, das +ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi -- an die +Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land -- an Vaters jähen Tod +-- der Mutter frühes Sterben -- die Verlassenheit der Waisenzeit -- die +Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein -- +an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um +ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm -- an den +Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis -- an Toms Geständnis -- an das +erste Licht nach langer Finsternis -- ans Paradies der Liebe -- an der +Vermählung Doppelfrucht -- höchstes Glück auf dieser Erde -- -- ach! +an Elfies Sterben -- an des Gatten gräßliche Verstümmelung -- Tränen +-- Elend -- Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das +Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen: +Jennie ist erfroren in Montana -- der Jennie Kinder verderben -- die +Welt geht unter, und es gibt keinen Gott! + +Da, o da -- mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das +gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt +die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen +Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand +erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem +Krüppel Tom sein erstes Buch: »~Der Seestern~.« + +Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird +weiterdichten -- ~muß~ weiterdichten; aus Pflicht für Weib +und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus +unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen. + +Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen! + +O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? -- Nein, um +auferstehen zu können! -- Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich, +die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht. +Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur +Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott, +~keiner~ führt vorbei und ~jeder~ durch die salzigbittere +Wüste: ~Schmerz~. + +Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste +der Führer bleibt die ~Sehnsucht~ ... + +Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht +das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört +der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und +alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung. + +Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die +offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich +tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten +Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?« + +Ein selig Lächeln ist die Antwort. + +»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das +Meer die Schlummerlieder singt?« + +Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend, tiefe Schwermut +zeigend, senkt und öffnet er die Lider. + +»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen -- weicht +zurück -- langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und +bleiben so. + +Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja. + +Die schöne Frau nickt auch. + +Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was? +Das verschollene Grab. + + [Illustration] + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 *** diff --git a/77504-h/77504-h.htm b/77504-h/77504-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f0f8734 --- /dev/null +++ b/77504-h/77504-h.htm @@ -0,0 +1,6132 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Die Geschwister | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; + font-weight: normal; + clear: both;} + +h1 { font-size: 210%} +h2, .s2 { font-size: 175%} +.s3 { font-size: 125%} +.s4 { font-size: 110%} +.s5 { font-size: 90%} + +h2 { + padding-top: 2.0em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + text-indent: 1em; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; +} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} +.p6 {margin-top: 6em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always; +} +h1 { page-break-before: avoid; +} +h2.nobreak {page-break-before: avoid; +} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.mleft8 {margin-left: 8em;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.padtop3 {padding-top: 3em;} + +.padbot2 {padding-bottom: 2em;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em; +} + +em.gesperrt { + font-style: normal; +} + +.antiqua { font-style: italic;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} + +/* Illustration classes */ +.illowe6 {width: 6em;} +.x-ebookmaker .illowe6 {width: 12%; margin: auto 44%; +} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h1>Die Geschwister</h1> + +<p class="p2 center">Von</p> + +<p class="s2 p2 center">Hugo Bertsch</p> + +<p class="p4 s4 center">Mit einem Vorwort von <b>Adolf Wilbrandt</b></p> + +<p class="p2 padbot2 center">Achte Auflage</p> + +<figure class="figcenter padtop3 illowe6" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt=""> +</figure> + +<p class="s3 p6 center">Stuttgart und Berlin 1904</p> +<p class="s4 center">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger</p> +<p class="s5 center">G. m. b. H.</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 center">Alle Rechte vorbehalten</p><br> +<hr class="r5"> +<p class="s5 center antiqua">Copyright 1903 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br> +G. m. b. H.</p><br> +<p class="p4 s5 center">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2> +</div> + + +<p>Ich habe die Freude, meinen Landsleuten ein Buch zu übergeben, das, so +recht aus der Tiefe unsrer Volkskraft heraufgekommen, eine merkwürdige, +herzbewegende Erscheinung und in einem gewissen Sinn etwas Einziges ist.</p> + +<p>Vor zwei Jahren und länger, im September 1900, schickte mir aus +Brooklyn-Neuyork ein deutscher Fabrikarbeiter, Hugo Bertsch, ein +Buch, in das er ein Schauspiel hineingeschrieben hatte und allerlei +Gedankengänge, betitelt »Phantasien auf hohem Seil«. Er schrieb dazu: +»Wie Sie an beigeschicktem Manuskript ersehen, bin ich einer von den +Nichtallewerdenden, denen es in Kopf und Herzen stürmt. Einer, der +verbotene Wege wandelt — wennso das Schriftstellern, wie ich annehme, +Privilegium der Studierten ist. Denn, hochgeehrter Herr! ich habe +leider, leider, außer meiner Schwarzwälder Dorfschule — unterbrochen +noch mit schwerer Feldarbeit — keine Bildung genossen. Gelesen habe +ich viel, in Büchern, mehr noch in Gottes großem Buch: die Welt, die +ich seit dem Verlassen meiner Heimat kreuz und quer durchwandert +bin. Als Farmer, Bergmann, Holzhacker,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Ziegelbrenner, Matrose, +Fabrikarbeiter, in grobem Kittel, mit rauhen, schweren Händen — aber +(ohne zu erröten) reiner, unsäglich empfindlicher Seele — habe ich so +für mich gelesen, gelebt, geduldet — geweint. Ein Sonderling.</p> + +<p>»Daß ich schreiben kann <em class="gesperrt">schier</em> wie ich denke, das erfuhr ich, +als ich in ziemlich langen Briefen meine Reisen schilderte. Ich tat's +einmal, dann öfter, und schließlich — gepackt von dem berühmten Buch: +Im dunkelsten England — versuchte ich eine ähnliche Schilderung: Im +dunkelsten London.</p> + +<p>»Ein so ausgedehntes Werk zu schreiben war mir unmöglich, das merkte +ich bald. Den ganzen Tag arbeite ich schwer, und nach dem Nachtessen +ist es spät und die abgerackerten Knochen zerren auch den willigsten +Geist hinab, hinab aufs Bett zum Ruhen. Zudem ist meine Umgebung so +ruhestörend, daß ich oft lachen muß über die originelle Weise, wie ich +dichten muß. Notwendig entschloß ich mich zur kürzesten Form, meiner +armen, überladenen Seele Erleichterung zu verschaffen.«</p> + +<p>So hatte er denn versucht, ein Schauspiel zu schreiben, »ohne viel zu +wissen, was man Regeln des Dramas und dergleichen nennt«. »Mitleid +und Tränen zu locken für seine Helden«, nur das hatte ihn seinen +Weg geführt. »Mit Gottvertrauen ließ ich meiner Phantasie die Zügel +schießen, und bin gelandet jetzt — im Graben? oder drüber? — Das zu +urteilen überlasse ich Ihnen, edler Herr.</p> + +<p>»Jetzt aber kommt der Gipfel meiner Aufdringlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> — und o, +Bescheidenheit, verhülle dein Erröten — dein glühendster Verehrer wird +dein Verräter.</p> + +<p>»Nie und nimmer! schrie ich dutzendmal beim Schreiben des Manuskripts +— nie wieder werde ich unter so unmenschlichen Hindernissen es +versuchen zu schreiben. Nur wenn gute Aussicht ist, daß ich das +Ziel erreiche, mit Dichten mein Brot zu verdienen, werd' ich's noch +<em class="gesperrt">einmal</em> versuchen. Selbstverständlich andernfalls nicht. Ich kann +glücklich und zufrieden leben als Arbeiter — freilich glücklicher als +Schreiber — schon wegen der Wollust, meine Seele zu entladen. Aber in +Ungewißheit schwanken zwischen beiden, macht mich sehr elend.</p> + +<p>»Geehrter, teurer Herr! Seien Sie mein Richter, Ratgeber, Erlöser. Was +denken Sie?</p> + +<p>»Was immer — sagen Sie es mir mit kurzen, trockenen Worten. Ich bin +ein wahrer Virtuose im Entsagen, und Religion und Vertrauen auf das +Weiterleben jenseits gibt mir mehr als Mut, mich einzuschließen, +einzupuppen — allein mit meinen süßen Gespenstern.«</p> + +<p>Ich las das Buch; mit Staunen, mit immer wechselnden Eindrücken und +mit einem tief tragischen Gefühl. Das Schauspiel: »Der Dieb« war ein +wildes, krasses Nachtbild aus der »unteren Schicht«, mit einer oft +überraschenden Beredsamkeit fesselloser Leidenschaft, aber sonst +so recht, was man »unmöglich« nennt. Nicht nur jede Kenntnis der +Bühne fehlte, auch das Leben erschien oft in übertrieben greller, +glühender Beleuchtung und verzerrter Gestalt. So schafft wohl leicht +ein ermüdetes, von außen gestörtes,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> sich mit Gewalt erhitzendes, vom +Willen gepeitschtes Gehirn. Es spielte aber auch — und mehr noch in +den »Phantasien auf hohem Seil« — diese verhängnisvolle Zwitterschaft +mit, die Verbindung von hohem Seelenschwung und Geistesflug mit der +ungeschulten Unbehilflichkeit. So viel Denken, auch Wissen, und so +viel Unorthographisches. So erstaunlich reiches Formtalent, feines +Sprachgefühl, und so viel undeutsche Wendungen, aus der englisch +redenden Umgebung unbewußt aufgenommen. Gewiß ein ungewöhnlich begabter +Mensch, gewiß auch ein Poet; aber wer und was sollte ihm zur Ausbildung +und zur Reife helfen? Nur wenn er den Arbeitskittel ausziehen und +herüberkommen konnte, um in der Luft der deutschen Dichter und mit +fördernden Genossen zu leben, nur dann konnt' er »werden«. Er war noch +nicht.</p> + +<p>Und so sagte ihm der lange Brief, den ich ihm in tiefstem Mitgefühl +schrieb, eigentlich doch nur das: kannst du dich freimachen, dir +Geld verschaffen, um ein paar Jahre sorgenlos dich auszubilden? Dann +versuch's! Dann kann's gelingen!</p> + +<p>Darüber ging seine Antwort wie mit stummem, entsagendem Kopfschütteln +hinweg. Er dankte mir nur mit rührenden Worten, daß ich seinen Wunsch +erfüllt; »in traurigen Momenten kam es ja über mich: Sie werden meine +Kindergartendichterei gar keiner Beantwortung wert halten und das arme +Geschreibsel als ›Schmiere‹ in den Korb werfen. ... Daß Sie aber einen +achtseitenlangen Brief an mich schreiben voll Sympathie und Gefühl +und Verständnis<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> für meine Lage, hat mich so glücklich gemacht, daß +ich vollauf belohnt bin für alle Mühe und Bitterkeit, das Manuskript +herzustellen. ...</p> + +<p>»Daß es nun aus ist mit meiner ›Schriftstellerei‹, ist +selbstverständlich. ...«</p> + +<p>So schrieb er mir am 21. Oktober; aber im April 1901 kam ein dritter +Brief. Er stellte sich darin von neuem vor als »jenen zudringlichen +Fabrikarbeiter von Brooklyn«; dann fuhr er fort: »Damals äußerten +Sie sich ermutigend über mein Talent und zum Schluß Ihres langen +Schreibens wörtlich: ›Ich hoffe, daß Gott Ihnen doch noch etwas an +die Hand gibt, an dem Sie sich emporziehen können; solche Wunder sind +schon oft geschehn.‹ Und, hochgeehrter Herr! es ist geschehen. Gott +ließ das Wunder geschehen an mir. Sie wissen ja, daß ich die Feder +wegzulegen beschloß wegen Mangel an Zeit, Freiheit, Aufmunterung. ... +Ich verwünschte, verbannte die Ideale, die anstürmend wie Meereswogen +mein ruhiges Arbeiterleben unterwühlen; aber allem Widerstand zum Trotz +— ich <em class="gesperrt">mußte, mußte</em> dichten und schreiben.</p> + +<p>»Das war der Anfang des Wunders — nur der Anfang. Was ich jetzt +schreibe, <em class="gesperrt">wie</em> ich schreibe, das ist das Wunder, an dem ich mich +emporziehen werde, so wahr mich Gott liebhat und ich ihn. ...</p> + +<p>»Vielleicht ist es zum Kopfschütteln, wenn ich behaupte, daß ich +über meine Arbeit nicht befriedigt, sondern geradezu erstaunt bin, +verblüfft. Ich steh' vor dem Geschriebenen wie vor einem geahnten, aber +nie gesehenen Wunder. Daß so tief ich denken kann,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> empfinden kann, ein +solches Himmelreich voll Geister beherbergt habe ohne es zu wissen, die +lange Reihe von Jahren, das alles dünkt mich wie ein Geschenk von Gott, +eine Entschädigung für die erdrückenden Schwierigkeiten, unter denen +ich schreiben <em class="gesperrt">soll</em>. Oft lebe ich im Wahn, ein viel Höherer als +Menschen dichte für mich und meine schwieligen, harten Hände seien nur +sein Werkzeug, das Tinte und Feder beherrscht ....</p> + +<p>»Denken Sie ja nicht, diese wilden Sätze seien Schwulst, Überschätzung, +Überspannung — es sind nur die Jauchzer einer glücklichen Seele, die +hofft, einen Freund gefunden zu haben, der sie kennt und schätzt.«</p> + +<p>Hugo Bertsch hatte damals etwa ein Drittel seiner neuen Dichtung +geschrieben; zunächst fragte er, ob ich mich ihrer wohl annehmen werde. +Ich, in großer Freude, erbot mich zu jedem möglichen Liebesdienst. +Das erfüllte ihn so mit Dankbarkeit, daß sie ihn fast niederdrückte, +traurig machte: »Sie haben mich um ein gut Teil Freiheit gebracht. Eh +ich Sie (brieflich) kennen lernte, schwelgte ich in voller Freiheit, +meine Dichterei betreffend. Ich konnte die Feder führen oder wegwerfen, +absolut wie es mir beliebte — aber jetzt nicht mehr so. Ich darf +nicht das Vertrauen enttäuschen, das Ihre ... Seele mir schenkt. Ich +<em class="gesperrt">muß</em> jetzt die Hoffnung, die Sie in mich setzen, verwirklichen. +...« Er nahm mich aber als »Ratgeber«, »Wegweiser« an, weil er die +Notwendigkeit fühlte. »Ich habe (wie Don Karlos) auf dieser weiten Erde +niemand, niemand und so weiter, der mich aufmuntert, führen könnte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p> + +<p>So begann denn meine beratende Mitwirkung an dem hier vorliegenden +Buch. Es entstand langsam, mit großen Unterbrechungen, auch mit +tiefen Senkungen des Selbstgefühls und der Schaffensfreude, in +»nervenlähmender Mutlosigkeit«, wie er einmal schrieb; nicht zu +verwundern bei der Art, wie es entstand. Der Dichter, kein Jüngling +mehr, sondern »ein Mann in reifsten Jahren«, wie ich nun erst erfuhr, +»aber außergewöhnlich gesund und stark«; auch glücklich verheiratet, +mit einer Amerikanerin von irischer Abstammung, und »Vater zweier +herzallerliebster Kinderchen«, »alle kerngesund« — er konnte eben doch +nur nach des Tages Arbeit »komponieren und schreiben«, in der Küche, +am Küchentisch. Und wenn er an Winterabenden schrieb, so saßen ihm die +Kinder, die nicht mehr wie im Sommer auf die Straße gehen konnten, +»schier buchstäblich auf dem Manuskript«. »Und wie die Jugend eben ist, +sie vergessen jeden Augenblick, daß Papa nicht gestört werden möchte. +Sprechen, lachen, an den Tisch stoßen stört mich wenig, das bin ich +gewohnt; aber mit Fragen anrennen über dies und jenes, das holt mich +rettungslos aus den Wolken herunter, wie der Pfeil den Vogel.«</p> + +<p>Alle diese Hindernisse äußerer und innerer Art schadeten der Dichtung; +es konnte nicht anders sein, umsoweniger, da sie ein <em class="gesperrt">Werdender</em> +schrieb. Das Gespinst ward ungleich, gröbere Fäden oder zu matt +gefärbte liefen mit hinein. Hie und da verwilderte die müde, gehetzte, +überreizte Phantasie. Der Plan des Ganzen entartete zuletzt ins +Schwarze, Erbarmungs-<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> und Hoffnungslose, Weltverneinende; gegen die +eigentliche Natur des Dichters, der mit germanischer Gesundheit und +Freudigkeit Gott und das Leben bejaht. Ich beriet ihn: kehr um! Geh +einen andern Weg! Er ließ das Werk eine gute Weile liegen, dann begann +ein neuer Anlauf. So gab er dem Buch die Form, in der ich es nun der +Welt übergebe.</p> + +<p>Es ist in jeder Zeile sein Werk und fast immer auch sein Wort; ich habe +nur die kleinen »orthographischen Schandtaten«, wie einer seiner Briefe +sie nennt, brüderlich verbessert, undeutsch englische Wortfügungen +deutsch gemacht, und Längen gekürzt oder ein Übermaß weggeschnitten, +da es in der Natur seiner »Inspirationen« liegt, gern und zuweilen +unaufhaltsam in die Verschwendung des Reichen zu entarten. Daß ich dies +alles mit seiner Zustimmung und auf seinen Wunsch getan hab', brauch' +ich kaum zu sagen. Auch so wird der Leser wohl noch hie und da etwas +»gröberes Gespinst« verspüren, halbversteckte Zeugen bejammernswerter +Schaffensnot. Auch sei er hiermit freundlich gewarnt, daß er nicht zu +viel Handlung oder Spannung erwarte. Es ist eine Seelengeschichte, die +sich langsam, beinahe ganz in Briefen fortschiebt; viel Persönliches +drin, in den »Helden« der Geschichte, Bruder und Schwester, sehr +viel Eigenstes. Tom, der Bruder, ist Arbeiter wie Hugo Bertsch, +Ausnahmsmensch an Begabung wie er, Grübler, Denker wie er. Und wenn +sich der gewarnte Leser mit gelassener, nicht stoffhungriger Sammlung +an den Tisch seines Gastgebers setzt, so<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> wird er wohl staunen, denk' +ich, was dieser Fabrikarbeiter aus Brooklyn ihm auftischt: wie viel +Beredsamkeit, Geist, Satire, Stimmung, Humor, Tiefsinn, Phantasie.</p> + +<p>Hierin ist er meines Erachtens etwas Einziges, wie ich vorhin +sagte; und überhaupt wüßte ich ihm in unsrer Literatur nur einen zu +vergleichen, Ulrich Bräker, den »armen Mann im Tockenburg« aus Jung +Goethes Zeit, den auch ein unbezwingbares Talent aus der Tiefe emporzog +und zum »Naturdichter« machte. Sie haben auch Stammesgemeinschaft, +beide sind Alemannen; nur daß Bertsch ein Landsmann Schillers, +ein Schwabe, Bräker ein Schweizer ist. Auch in ihrem innersten +Wesen, deucht mir, ist viel Verwandtschaft; aber das Leben hat sie +verschiedene Wege geführt, und die Glocken der Zeit haben ihnen sehr +verschieden geläutet. Uli Bräker, der nach kurzen Abenteuern das +Leben in seinem stillen Tal verbrachte, nur den eintönigen Kampf +mit der Sorge kennend, blieb der träumerische, lyrische, kindliche, +naturselige Mensch, als den die Natur und die Muse ihn geschaffen +hatten. Hugo Bertsch, in früher Jugend hinaus und lange Jahre die +Welt durchwandernd, dann von den tausend Stimmen einer gewaltig +aufstrebenden Riesenstadt umbraust, von den Leiden und Wünschen und +Begierden seiner emporringenden Standesgenossen im Innersten ergriffen, +härtete sein weiches Herz für den großen Kampf. Noch nie hat ein Mensch +des »vierten Standes« mit so geist- und seelenvoller, hochaufflammender +Beredsamkeit für die Rechte dieses leidenden Standes und gegen das +Babel der Zeit<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> gestritten, wie Hugo Bertsch in diesem Buch. Es ist +aber die edle, reine Beredsamkeit des <em class="gesperrt">Dichters</em>, der zuletzt, +im ruhelosen Weitertrachten der Gedanken — ein echt deutsches Blut! +— zum <em class="gesperrt">Philosophen</em> wird. Die altpersische Weltvorstellung lebt +auf eine wunderbare Art in ihm auf: der gute und der böse Geist, die +den großen Weltkampf kämpfen, in dem der Geschaffene, der Mensch +mitstreiten soll. So findet sich sein »Held«, Tom Pratt, in der +Schöpfung wieder zurecht, und die Sonne kann auch ihm wieder scheinen.</p> + +<p>Doch ich sage nun nichts mehr von ihm und dem Buch. Es soll selber +reden.</p> + +<p>Auch mit Maxim Gorki, dem Russen, will ich ihn hier nicht vergleichen +— so nahe der Gedanke liegt; vielleicht hat schon jeder, der bis +hierher las, an Gorki gedacht. Wer das ganze Buch gelesen, mag, wenn er +will, hernach selbst vergleichen. Ich sage nur: lest das Buch!</p> + +<p>Möchte doch der Erfolg es segnen und dem Schwaben in Brooklyn so viel +Mut und Freude und Freiheit schaffen, daß er von neuem auffliegen kann, +und höher noch und höher; daß er den Inhalt seines Lebens, die Welt, +die er gesehn, mit dem Jugendfeuer des endlich zum Wort kommenden +Erzählers vor uns ausbreiten kann, oder, wie er in einem seiner Briefe +sagt, »seiner Vergangenheit buntgewebten Teppich ausklopfen mit der +Zauberrute Poesie«.</p> + +<p class="right">Adolf Wilbrandt</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung</h2> +<hr class="r5"> +<h3>Das verschollene Grab</h3> +</div> + + +<p><em class="gesperrt">Grab</em> — welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das wuchtiger trifft, +schauriger, zermalmender, erstarrender?</p> + +<p>Tod — — man kann tot sein und noch im warmen Bette liegen, umgeben +von den lieben, teuren Angehörigen — tot sein und beschienen werden +vom Licht und Blau der Welt, gefächelt werden von Luft und Atemzügen +der Lebenden, geküßt werden, umarmt, angeredet.</p> + +<p>Aber Grab — dieses schwarze, hohle Loch ins Jenseits hinüber, durch +das keiner zurückkriecht, und rauchte am andern End' die Hölle. Wer +da hinuntersaust am schnurrenden Seil, im zugenagelten Sarg, und dann +Scholle auf Scholle den Marsch trommelt, bis es stiller wird, dumpfer, +immer dumpfer, so grabesstill, daß nichts mehr gehört wird in der +schaurigen Höhle als der Erde blähendes Verdauen.</p> + +<p>Droben jagen sich die Ereignisse Licht und Schatten gleich; auf und +unter geht der Tag, jeder Morgen<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Frisches begrüßend, jeder Abend +Gebrauchtes begrabend.</p> + +<p>Drunten wartet der Tote auf Erwachen, Wiedersehen, Auferstehen. +Vergessen von den Menschen, eh' er ganz verfault; vergessen von +Menschen, die in hysterische Zuckungen verfielen aus Schmerz über sein +Ableben; denen er alles war, Liebling, Vater, Mutter, Bruder, Schwester +... Du armer Tor da unten hoffst, die gedankenlose Natur werde sich +deiner erinnern nach Milliarden Jahren — die herzlose Natur werde sich +deiner erbarmen — die Brüterin der Brutalität — Natur, die Säugerin +des Zähen, Starken, die Anbeterin des Lebendigen, die Todfeindin des +Toten, werde sich verlieben in morsche, längstverweste Knochen? Natur, +die nur das Neue will und nie ein zweites Mal das Selbe schafft — die +Altes nur als Treppe nützt, als Dünger, Mist — herz- und sinn- und +zwecklose, sie weiß nicht, was sie tut — die Experimentiererin, die +in ruheloser Sucht nach immer wieder Neuem, allerletztem Neuem, der +Evolutionen hunderttausend-generationenlange Leiter auf und ab hüpft +— lawinengleich Systeme rollt, Welten schleift, Sonnen und Planeten +fegt auf einen einz'gen, riesengroßen Trümmerhaufen — herrlichste +Gebilde (der Vollkommenheit so nah um Haaresbreite) zu Scherben schlägt +wie lose Kinder ihren Weihnachtsskram, und liegen läßt für eine halbe +Ewigkeit — Schund und Mißgeburten aber <em class="gesperrt">stehen</em> läßt für eine +halbe Ewigkeit.</p> + +<p>Oder hoffst du armer Tor: ein Gott, der sich um<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Lebende nicht kümmert, +werd' sich um Tote scheren? Der keinen kleinen Finger rührt, wenn +Millionen sich in Qualen drehen, Millionen untergehen; der sich nicht +finden lassen will, der sich versteckt vor dir — der werd' suchen — +<em class="gesperrt">dich</em>? — —</p> + +<p><em class="gesperrt">Gottes Acker</em> — welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das +majestätischer klingt, magischer, ehrfurchtsvoller, hoffnungsvoller? +Ist es nicht ein Gefühl, als erwache man aus schwerem Fiebertraum +in Mutters Armen, an Mutters warmer Brust, ein Kind — und all +die Schreckensbilder der vergangnen Nacht (Tod, Grab, Verwesung) +weggescheucht von ihrem Lächeln, Trösten, Küssen, Lieben?</p> + +<p>Gottes Acker — — Und der Mensch mit seinen Hoffnungen ist der Same +— mit seinem Lachen und Weinen, Genießen, Entsagen, Trotzen, Dulden, +Lieben, Hassen ist der Same. Hier werden seine Tugenden und Laster +eingebettet, seine Resignationen und Rebellionen. Hier werden seine +ungezählten, nie erfüllten Wünsche eingeackert — all die Träumereien +von Glückseligkeit, die in diesem Leben, ach! aus süßem Sehnen nur zu +bittern Tränen reifen — all die Leidenschaften, die vom Maienzug, der +Schmetterlinge weht auf Honigkelche, bis zum Tornado, der Felsen rollt +und durch schwarze Trichter Trümmer an den Himmel bläst, des Menschen +Seele schleifen wie Vandalen den Besiegten in die Sklaverei. All die +Reminiszenzen tausender Geschehnisse; all die Pläne und Fragmente — +all die großen und kleinen Sünden und Gebete, die aneinander gereiht +erdenlebenslange, schwere Kette<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> bilden vom ersten Atemzug bis hierher +zu diesem Röcheln aus dem Bette dort — vom ersten Blick ins Licht, das +die Sonne spinnt durch den Spitzenvorhang (ein Silbernetz um Kind und +Wiege), bis hierher zu dieser Sterbekammerlampe, die am letzten Tropfen +saugt.</p> + +<p>Gottes Acker — — Und da liegen sie jetzt in langen Reihen, ruhig +die unruhigen Menschlein; im Leben keiner dem andern gleich, hier +alle gleich; im Leben höchst unbrüderlich, neidisch, egoistisch, hier +Kameraden auf ewige Zeiten, bescheiden, nachgiebig, unterwürfig. Noch +hat der Reiche sein Monument von Marmor über sich und der Nachbar nur +ein hölzernes Kreuzlein. Noch hat der eine Blumenbeete, wohlgepflegten +Rasen, Buchs und Zaun, von Gärtners kundiger Hand beschnitten, der +andre nur was ihm die Natur vorübereilend gnädig fallen läßt, Blümchen, +eingewickelt in ein Büschel Gras. Noch haben Leichensteine ihre Namen, +Worte, Daten. Ach, wie lang oder kurz, und die Ausgleichung ist auch +oben wie unten. Zeit und Wetter verwischen die Inschriften, zernagen +Stein und Eisenwerke — und die sie setzten, sterben auch.</p> + +<p>Mein lieber Leser! Zweifellos hast du schon Kirchhöfe besucht, teils +aus Zufall, Langerweile, Pflicht, oder gar von jenem unbeschreiblichen +Gefühl gezogen, das uns Menschen den Ort zu besuchen zwingt, der als +Haltestation irdischer Laufbahn gilt. Und gewiß hast du dann mehr oder +minder tiefsinnige Betrachtungen angestellt über die Gegend und ihre +Bewohner,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> über das fernere Schicksal dieser Leutchen, das auch dein +Schicksal werden wird.</p> + +<p>Da ruht ein Vater, dort eine Mutter, hier ein Wiegenkind, daneben seine +Urahne, daneben die geknickte Kraft von zwanzig Sommern. Wie alt sie +waren am Todestage, wann geboren, wann gestorben, konntest du alles +am Leichenstein ablesen. Ob sie reich waren oder arm, geschätzt oder +nicht, das zeigt ziemlich genau die Beschaffenheit und Instandhaltung +der Grabstätte. Vor solchen Begräbnisstellen, die mit Inschriften +versehen sind und besucht und gepflegt werden von überlebenden +Verwandten und Freunden, hat die Phantasie wenig Spielraum zum Malen; +die Freiheit, im Rätselhaften, Geheimnisvollen jagen zu dürfen, wird +sehr beschnitten durch die Bekanntmachungen oben.</p> + +<p>Das richtige Grab mit allen seinen Mysterien und Schauern ist +das »<em class="gesperrt">verschollene</em> Grab«; das Grab bei der Kirchhofmauer +oder außerhalb der Kirchhofmauer; das eingesunkene, mit schiefem, +verwittertem Kreuz und Stein oder mit <em class="gesperrt">gar keinem</em> Abzeichen +versehene Grab. Vor so einem verwahrlosten, vergessenen, zugedeckten +Loch stehen — etwa bei Nacht, oder Abends im Herbst, wenn der +untergehende Tag, der naßkalte Nordost, der feuchte, schleichende, im +Gras und Schilf entlang kriechende Nebel, der tiefstehende Sichelmond, +die sterbende Natur in all ihrem Stöhnen, Röcheln vom Blätterrascheln +bis zum Uhuschrei im Forst, zum Unkenruf im Moor, zum Sensenklappern +verspäteter Mähder,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Chorus spielt in leerem Haus vor ausgebrannten +Bühnenlichtern und fallenden Kulissen — vor so einem verschollenen +Grabe stehen und nicht »Bruder! Bruder!« klagen — mit schüttelndem +Haupt und feuchten Augen und Reue, Reue im Herzen — »Bruder! wer du +auch seiest tief da unten — wie schwer oder leicht die Erde dich +drückt — ob du viel oder wenig zurückließest in dieser Welt, oder +alles, und ein leeres Stück Papier, die Quittung an das Glück, in +deinem Sarge liegt — ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein +Weib, ein Mädchen; vielleicht bist du ein Heiliger oder ein Tyrann, ein +Mörder oder ein Gemordeter; ach! das <em class="gesperrt">eine</em> nur weiß ich, fühle +ich: du bist ein Stück von mir. Die gleiche Luft hast du geatmet wie +ich — die gleiche Sonne hat dich beschienen, die gleichen Sterne — +die gleichen Sorgen, Träume, Leidenschaften haben dich gequält, und +Freiheit dich geneckt, und diese Erde, einst dein Spielplatz und der +meine jetzt, zieht uns beide niederwärts.. .« Stehen vor so einem Grab +und der Toten Mahnen und Gottes Stimme überhören können — es kann +nicht sein.</p> + +<p>Mein lieber Leser! Willst du mir folgen? Ich führe dich zu einem Grab, +so verschollen, einsam; so wenig besucht, gepflegt; so wenig geweint +und gebetet wird vor diesem versunkenen Hügel ohne Namen, wie du wohl +nie in deinem Leben ein zweites Grab gesehen haben wirst; und ach! das +arme Herz, das da mit rauhen Steinen zugeschaufelt liegt, hat's nicht +verdient. Kaum zwanzig Monate sind es her,<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> daß ich es zum ersten und +letzten Mal besuchte. Damals schlängelte sich ein Fußsteig an jenem +Grabe vorbei über den fichtenbewachsenen Hügelrücken; der Pfad ist +heute wohl verwachsen und verschwunden. Damals bezeichnete ein mit der +Axt gezimmertes Kreuz die Stätte des Todes; heute ist das Kreuzlein +wahrscheinlich umgestoßen vom Schneewehen, Sturmeswehen oder von +Bären und grasenden Büffeln. Damals war seine Umgebung eine Lichtung +im Wäldchen, spärlich mit Unkraut bewachsen; <em class="gesperrt">das</em> kann wohl +geblieben sein; auch die sechs runden Steine mögen dort liegen, die +geordnet ein Kreuz bilden sollen.</p> + +<p>Und — — noch einmal, willst du mir folgen, lieber Leser? Der Weg +ist weit, wild, steil (gebe Gott, nicht abschreckend); vielleicht ist +er langweilig; vielleicht gereut es dich, ihn angetreten zu haben; +vielleicht mußt du weinen, schon auf halbem Wege. Aber dessen bin ich +sicher: bist du dort, der Lohn ist die Mühe wert; denn jede Träne, die +wir unsern Toten weinen, jede Blume, die wir streuen, jedes Lächeln +im Gefühl des Wiedersehens, jeder Blick, der tief und langgezogen +teure Bilder der Vergangenheit aus ihren Gräbern saugt — ach! Brüder, +Menschenbrüder! jeder Gang und Schrei und Krampf der Seele — mit +<em class="gesperrt">Schmerzen</em> nur erwärmen wir den kalten Puls der Körperwelt — +auch die Allmacht spürt Grenzen ihrer Mittel, das einzige, womit sie +Tote auferwecken kann, ist: (viele nennen's Liebe, Sympathie), ist: der +<em class="gesperrt">Menschen</em> himmelstürmend Sehnen.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<div class="chapter"> + +<p class="right">Bellevue-Hospital, Neuyork.<br> +25. August 1900.</p> + +<p class="mleft8">Schwester!!</p><br> + +</div> + +<p>Jetzt ist es geschehen! — Was? — Das Langgefürchtete, +Unausbleibliche: meine Hand liegt abgesägt in der Maschine — die linke +— und die rechte kann der Lebensgefährtin Verbluten nicht stillen.</p> + +<p>Schwester! Ich weiß, es ist grausam unvorsichtig, Dich so zu +erschrecken, ohne Wahl der Worte, ohne Milderung im Ausdruck Dir die +Schauerbotschaft zu schicken; aber Worte können meine Verzweiflung +nicht mildern. Ich bin ruiniert, verloren, ein Krüppel; ich bin +arbeitslos, hoffnungslos arbeitslos. Zwanzig, vierzig Jahre soll ich +mit den mir noch übriggelassenen Knochen weiterleben ohne die Mittel +zum Leben, ohne Arbeit. Was soll jetzt werden aus mir, aus meinem +kranken, armen Weib, aus meinem Kind?! Die einzige Antwort, die mein +fieberndes Gehirn mir gibt auf diese Fragen, ist Schweiß in kalten +Tropfen.</p> + +<p>Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen — früh — gleich; +es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert +zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die +Dampfpfeife ihren Schrei in die<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Morgenluft hinausgekrischen und die +Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte +auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung — die +Bandsäge — diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde, +hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding +blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem +Vorgänger den Daumen abbiß; wie es <em class="gesperrt">seinem</em> Vorgänger vier Finger +amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand +zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt +diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal +auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich +erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die +Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!!</p> + +<p>Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum. +Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das +ist wohl das Wahrscheinlichste — ja, so ist es — ich glitt auf dem +glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und +mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge — und dann? — was? — +ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein +Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken — +mich verrückt machend — in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah +Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> sich drehen, ringeln, +überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in +die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen — meine Hand! Ich +sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich +lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet +sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert +Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben +mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder, +spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken, +Handtüchern, Taschentüchern — —</p> + +<p>Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im +Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten +Hand — Tom arbeitslos — Tom ein Krüppel, Bettler — Toms Zukunft +ruiniert — Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm, +entfremdet — das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all +das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren — verloren — +verloren.</p> + +<p>Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge, +die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine +Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!« +— Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich +los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung — dann wurd's +Nacht.</p> + +<p>Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> verkrüppelt wurde, +erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht.</p> + +<p>O, wär' ich nie erwacht!</p> + +<p>Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht +mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; — +essen, trinken, atmen — aber nicht denken. Ich werde zum Tier.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 27. August 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große +Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir.</p> + +<p>Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein +werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet, +so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat +mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde +ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut +verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde, +zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch +meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen — und leerem Magen. +Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts +— sogar mit einem Anflug von »Sehr«.</p> + +<p>Was doch die Umgebung aus dem Menschen<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> machen kann; <em class="gesperrt">alles</em>. Man +schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's; +rasend schnell, wenn der Kurs paßt — langsam, wenn es gegen das Wollen +ist — aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt.</p> + +<p>Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie +neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um +mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger, +höher, bequemer; ein <em class="gesperrt">Saal</em> gegenüber dem engen Stübchen, das ich +jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich +nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin +mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; — aber — — +Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen +in mir — noch tat er's nie — er wäre das Schurkenstück meines +Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin +im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen, +Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer, +der fürchterlichste Kumpan — die Reue. Ich war immer ein Mustergatte +gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß +wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich +schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß +Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide +Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung +dieses Engels brennt mich wie<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva +mich besuchte in Bellevue — mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager +und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom! +armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte +meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre +Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn — — O Schwester! wie weh +tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt +in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt +im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen +»Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen — und husten sehn, und +denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird, +daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt — unbemerkt. +Was ist <em class="gesperrt">ein</em> Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo +Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen?</p> + +<p>Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen. +Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein +Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die +Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren +Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche +Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht +aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht +geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> dem Papier +herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke, +Spitalkrüppel — oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in +die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander, +bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus +meinen Zeilen.</p> + +<p>Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil +ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? <em class="gesperrt">Der</em> +Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten +Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im +Kirchhof; <em class="gesperrt">der</em> Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel, +aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes +an; er nickt mir zu — ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf — ich +auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm — ich ihm den +meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir +— ich auf sein's.</p> + +<p>Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? — Die Augen +schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief — und fort!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 28. August 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Mein Bruder!</span><br> +</p> + +<p>Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder! +Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein +grenzenloses<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! — So gut, +brav, fleißig, bescheiden — ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an +Dir — und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf. +Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende, +todwunde Herz.</p> + +<p>Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und +<em class="gesperrt">so</em> will ich <em class="gesperrt">Dich</em>. O, welche Gnade, welche Kraft es dem +gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der +des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung.</p> + +<p>Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt, +der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze +Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!« +— Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt +ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen, +Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz +zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die +Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum +Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie — die Religion. Ich weiß, Du +lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es +versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen <em class="gesperrt">müssen</em>. O, +ich sage<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch +schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das +Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge +Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich +»Vaterunser« gibt.</p> + +<p>Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als +wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses, +hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist +hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht +helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in +Neuyork — und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist +Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in +Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele — +die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet +werden — auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut +den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann +Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein +eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele +ist Gott — geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen — +<em class="gesperrt">gefühlt</em>! Geh in Dich, <em class="gesperrt">bete</em>. Was ist das Dasein ohne +Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne +Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster +Intelligenz zum Segen<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es — +der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig +sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es +begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung, +Glauben — und das ist viel — wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber +Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du +bist kein rettungsloser Mensch — nur ein wenig locker im Glauben, ein +wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen, +der Rätsel, die wir nicht verstehen.</p> + +<p>Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen. +Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang — und wenig leichter. Aber +Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester. +Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder +lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das +Papier geht aus. Der Brief <em class="gesperrt">muß</em> fort. Gott sei mit Dir und Deinem +Weib und Kind. Amen!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 1. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen +emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche — +mehr als das tägliche Brot — Mut zum Leben. Daß ich den mir<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> holen muß +beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. — — +— Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas +Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank! +— —</p> + +<p>Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich.</p> + +<p>»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende +Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle +gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend +ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als +die größten kennt.</p> + +<p>Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner +Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft +überwältigend. Ich werd's versuchen — beten. Die alte Schule noch +einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe +riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's +versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft — ich versuche mein +Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach, +wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber +ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung, +Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos, +nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und +gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Dankgebet +sein anstatt — — Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange +genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts +gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt — betteln +an der Pforte, die er gestern anspuckte — und Gott ist unendlich +nachsichtig.</p> + +<p>»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre +oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser +hat man vergessen — halb. Den Glauben — ganz. Die Hoffnung ist +verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz +und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt +nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott. +Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe +suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans +Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als +den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst +mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung. +Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine +Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr, +das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um +Erlösung schreien — aber <em class="gesperrt">mich</em> höre. Es gibt Geschöpfe, die +keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können — aber <em class="gesperrt">mich</em> +zuerst. <em class="gesperrt">Mich</em>, <em class="gesperrt">mich</em>, dann wieder <em class="gesperrt">mich</em> und immer +<em class="gesperrt">mich</em>!«</p> + +<p>Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern.<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> »Vaterunser!« werde +ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein +Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« — —</p> + +<p>O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen +die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die +Metzgerei, die Messerschleiferei — — armer Tom! — —</p> + +<p>Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert?</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 5. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden. +Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes, +seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager. +Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die +Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir, +während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über +die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den +Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so +mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen +schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen +Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich +herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> +und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei einrichten.«</p> + +<p>So weit meine Eva, jetzt höre <em class="gesperrt">mich</em>. Also, Wäscherei einrichten! +— Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am +Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen; +hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu +ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich +anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage +noch <em class="gesperrt">auf</em> und nicht <em class="gesperrt">unter</em> dem Pantoffel. Der Waschkübel +ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre, +und — die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt +werden bis dahin.</p> + +<p>Ja — bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege +im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich +schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und +mühen in der Küche nebenan — aber behilflich sein kann ich wohl noch +lange nicht, und dann auch nur mit <em class="gesperrt">einer</em> Hand.</p> + +<p>Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen +— Eva — Bertie — Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September. +Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe; +ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und +Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern +soll am Waschbrett — — Schwester! das<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ist ein Stich ins Herz, das +brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen +die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je +verzeihen werde.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 9. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am +Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte +mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen +zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt, +Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber +forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor +loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die +wahre, unverfälschte Erlösung.</p> + +<p>Nach dem Mittagessen — jetzt kommt der Generalbericht des »guten +Tages« — versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem +Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von +der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich +plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte +einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich +mich durch; aber dort — hm! — ich bin noch immer wackelig, und die +Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist <em class="gesperrt">links</em> beim<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu +atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner +überängstlichen Eva — und <em class="gesperrt">rückwärts</em>schreitend ging ich die +Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber +komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. — Ja, ja, liebes +Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten +Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an +mir vorbei.</p> + +<p>»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung +mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister +Pratt!«</p> + +<p>So kam ich denn schließlich hinab — hinaus — und heraus. — — O +Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der +Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt. +Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die +dicke Luft. Die arme Erde — ein Pflasterstein auf jedem Grashalm. +Bäume — Sträucher — Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von +des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt; +Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie +pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen +gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem +Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen — +alles dampfend, rauchend,<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> qualmend — die Hölle für Tausende. <em class="gesperrt">Und +doch</em> bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein +dürstend Herz zu tränken mit Entzücken.</p> + +<p>Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und +gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur +Hoftür.</p> + +<p>Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in +der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch +drei für dich und Mama.«</p> + +<p>Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe +stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und +lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends +bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 12. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Bruder!</span><br> +</p> + +<p>Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen, +daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu +gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins +alte Lager, in Deine Brust.</p> + +<p>So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt, +dann — nun ja — es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt +Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> und +hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum +also verzagen? — Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können +oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat +Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu +trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' <em class="gesperrt">wieder</em> was unrecht. +Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden — eine +heilige, tiefernste Mission ist unser Leben — <em class="gesperrt">Seelen zu reifen</em>.</p> + +<p>Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand +zu verlieren, daß — — — Nein, ich will Dich nicht schelten, armer +Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest — aber nichts +mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen.</p> + +<p>Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier +ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten +kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo. +Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist +weit und reich.</p> + +<p>Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich +umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße, +ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das +aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und +nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum +Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> + +<p>Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir +habe — geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst, +geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische; +Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt +über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die +jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und +der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern — sonst +wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die <em class="gesperrt">Umgebung</em>, die +den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen +haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den +sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im +Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht, +bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist +ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso +notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor +diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater — und Narren raten +besser.</p> + +<p>Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa — zum Peter. +Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und — leid tut's ihm, +daß sein Schwager Tom — — und so weiter. Wenn's dem <em class="gesperrt">Peter</em> +leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut — Bruder, Du kannst +Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig — es ist sein +Alles. Zehn,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen, +heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen, +schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere — Todesgefahr vor +Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen — Leichen sehen — nicht im +Sonnenschein und Blau der Oberwelt — in schwüler, fauler Grubenluft, +Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd. +Mitleid aus <em class="gesperrt">solcher Tiefe</em>, Bruder, das ist der Menschenseele +ungekünstelt reinster Ton. — Also, dem Peter tut's leid!</p> + +<p>Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in +Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald +eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine +magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und +sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich +möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter +jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben — —</p> + +<p>Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ...</p> + +<p>Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke +ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir +aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut +zügelloser Gedanken?</p> + +<p>Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem +Schulkameraden Dick Teller. Der<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> geht auch herum den Arm in der +Schlinge — und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum — der +liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide +beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein +Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns, +und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt +sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten.</p> + +<p>Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es +scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die +Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen — +wir bekommen sie geschenkt.</p> + +<p>So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten, +rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn +ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar +nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie +viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend +Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis +zu Dir nach Neuyork!</p> + +<p>Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's +wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. — Gutes Kind!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 17. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der +Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern, +wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen, +vielleicht zu langen Brief.</p> + +<p>Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der +Kirchenschwelle, war — Heimweh; und so überwältigend war es, daß +ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich +plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die +Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte +leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend +andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes +Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter +Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine +Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue +Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere +grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur, +Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum. +Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte +den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der +Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher +zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch +ein<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen +hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den +Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos — mit +tiefstem Menschenelend als Gesellschafter — ein Sünder vielhundertfach +— ein Gottesleugner und Spötter — ein Bettler, den Verzweiflung +zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte +mit Spott und billigen Sarkasmen — so kniete ich, zwischen Gott und +mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich +um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende; +reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme — aber keinen so arm wie ich. +Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen — ich nicht. Alle konnten sie +glauben — ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten — ich nicht. +Was tu' ich hier? — Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden +ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein +Eigentum wieder, ich hab's verloren — meinen Kinderglauben.</p> + +<p>Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum +füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die +Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng +verflechtend zu eins. Mein armes Herz — das letzte, wenn ihm alles +fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf — blutete — blutete.</p> + +<p>Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener +in des Körpers Kerker —<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann +fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt +mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt +zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure +Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus, +die Hütten der armen, schlichten Leute — dort die Hütte der Jennie; +zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im +Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat +er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert +er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne +überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein +blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs. +Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine +heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die +Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« — »Hier +ruht« — — Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr, +ohne gelebt zu haben. — Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und +undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein +Licht auf und zeigt — — —</p> + +<p>O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer, +Elend, Sorgen, gelitten in der <em class="gesperrt">Heimat</em>? Was ist an Mutters +Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind, +<em class="gesperrt">nicht</em> in Schlummer geküßt, weggerissen von<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> der Mutter? Was ist +Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im +Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt?</p> + +<p>Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum +verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester +sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch +auf — und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit +Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn +niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft. +Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß +aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen.</p> + +<p>Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der +Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete, +räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es +glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst +Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam +drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer +begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten.</p> + +<p>Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was; +einerlei).</p> + +<p>Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi.</p> + +<p>Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag.</p> + +<p>Am Samstag noch einer.</p> + +<p>Am Freitag sowieso.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind +vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder.</p> + +<p>Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug +196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am +vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22 +Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent. +710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent. +Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde, +besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten, +das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!« +schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners.</p> + +<p>»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für +alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine +Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben +bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die +Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute +das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen +Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben +Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst +zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent +und 1 Dollar.« Und so weiter. ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren +war verdampft wie Spiritus im Rinnstein — nach solcher Zahlenschlacht +am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib +sorgen.</p> + +<p>Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das +Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom +Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel +noch aus meiner Schulzeit.</p> + +<p>Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf +und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in +einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich +erhitzt — besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste +Turnschule.</p> + +<p>Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem +Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse +Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz +und Salz. — Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu +verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen +und <em class="gesperrt">mir</em> den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und +bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt. +Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren, +lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich <em class="gesperrt">nicht</em>, noch +sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren. +Ein Leerer kann höchstens<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Taschen leeren. Ein Leerer kann aber +gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit +Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird +der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert +dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist +ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend; +aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die +Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt +mein Blut ins Kochen.</p> + +<p>Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos — wie ein +virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit +dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt +sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als +Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen, +hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren +fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre +ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu +werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich, +aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist +zum Zähneknirschen für Engel.</p> + +<p>Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher +Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis +hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann +der Redner steigen und<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der +Wirbelsturm die losen Blätter. — Offenbar kannte der geistliche Herr +gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren +Gurken, Spinat und Linsen.</p> + +<p>Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen +begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere +langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau +über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. <em class="gesperrt">Ich</em> +betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland +dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend +Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität +triumphiert. Armer Jesus!</p> + +<p>Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und +berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten +und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben +hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle? +— Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit +Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen — und +dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich +krummen Schuhen.</p> + +<p>Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch +mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt. +Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> der Heilige +vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie +viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie +ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch +aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben. +Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit +gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz), +und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert, +behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel — allein. Ja, ja, +allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das +sie hier umtoset, rettet diese Selige — wen? — ihr liebes, teures +Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer +Kinder, ihres Gatten untersinkt.</p> + +<p>So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen), +ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender +Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend. +Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und +löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den +<em class="gesperrt">heiligsten</em> Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater, +der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er +Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt — dem sein Bild sah +ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter +Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren. +Ganz oben, links, im<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem +»Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt, +des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche +hineingeblasen wurde.</p> + +<p>Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt +überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's +paßt.</p> + +<p>Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig, +rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins: +Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten, +zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet +Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen, +daß Geld Teufelszeug wäre; — und das ist wohl der Grund, warum die +Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat +sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug!</p> + +<p>Amen! — Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's +gewährt. Herrgott! bist du genügsam.</p> + +<p>Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen, +krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie +es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir +gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu <em class="gesperrt">machen</em>; +— ob ich's aber <em class="gesperrt">tragen</em> kann mit einer? — Barmherziger! warum +hast du mich<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus +mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße +und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich +schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.«</p> + +<p>Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's! +Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist +der armen Seele Himmel.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 23. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Lieber Bruder!</span><br> +</p> + +<p>Ich bin Dir zwei Briefe schuldig — hier ist <em class="gesperrt">einer</em>:</p> + +<p>Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast +Du, he?</p> + +<p>Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen +entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu +kritisieren — man geht in die Kirche, das <em class="gesperrt">eigene Selbst</em> zu +kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock, +Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen — man geht in die +Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem +Sünder gnädig!« — Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark +und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf +irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> hinüberlangen +jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken +wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte +Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher, +hoffnungslos verwilderter Sünder — Du fürchterliches Ding Du! — Ist +das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr +zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem +Vater — die Schweine mitbringen — die Säu' hereinlassen zum Gastmahl, +daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt?</p> + +<p>So, das ist Brief eins — jetzt kommt zwei:</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Mein lieber Bruder nebst Familie!</span><br> +</p> + +<p>Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine +Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen — jede +Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an +Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir +oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief +sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen +— tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber +bin — o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos +sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es +den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen +Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen,<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> aber keines alles? +Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner +gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange +vor der Möglichkeit einer Lösung.</p> + +<p>Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du +Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen +Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die +guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen +Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast +Du zuerst und am längsten <em class="gesperrt">verloren</em> und wirst ihn so leicht nicht +finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem +Winkel der Seele.</p> + +<p>Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der +Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers. +Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei +so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde.</p> + +<p>Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin +eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte +wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen +können und mehr aristokratisches benützen können — Adler, Hirsche, +Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts +gemein haben, der Bettler ist. Du<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> hast recht, wenn Du behauptest in +einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!«</p> + +<p>Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden +für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein +stolzer Bruder!</p> + +<p>Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er? +Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann — +sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben, +und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern.</p> + +<p>Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube, +ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der +Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne +zum Betteln für — andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich +sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch +noch möglich — und all diese Talente ziehen stark bei den Herren. +Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie +mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz +wieder, und die Herren bekamen <em class="gesperrt">auch</em> was — das Nachsehen — denn +Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven +Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall.</p> + +<p>O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde +Zeit, die ich mir aussuchte<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> von den vierundzwanzig, ist verbraucht +mitsamt der Nasenspitze der folgenden.</p> + +<p>Bruder! meinen Segen Euch allen.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Deine Schwester.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 27. September 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe, gute Schwägerin!</span><br> +</p> + +<p>Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut +bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den +Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann +nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so +schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn +man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann +denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht.</p> + +<p>Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie +ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es +sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit +Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet. +Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am +Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich +schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut +haben und das hat mir weh getan, weil<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Tom so viel leiden tut und nicht +einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt +und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr +Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und +sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig +gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig +daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst +steht das Herz still.</p> + +<p>Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er +nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt.</p> + +<p>Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe +schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief. +Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt +um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich +Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen. +Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter +in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis. +Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe +schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal +amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch +aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat +uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn +ich sterbe ich will Dich<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und Tom und Bertie und Elsie und alle von +Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel +beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den +Brief.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Deine treue Schwägerin</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Eva Pratt.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Oktober 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwägerin!</span><br> +</p> + +<p>Gute Seele! Du kannst also doch auch Briefe schreiben, und schöne, +herzige Briefe. Ich spotte nicht. Ich meine es ernst und ehrlich, Dein +Schreiben hat mich tiefer ergriffen als die längste Predigt — und +nebenbei mein Urteil über Dich verworfen. Denke Dir, Schwester! ich +wußte nie, daß Du schreiben und lesen kannst. Hätte ich das gewußt, +wie oft würde ich Dir geschrieben haben — Intimes, Heimliches, unter +Frauen so — Klatschiges — Du verstehst mich.</p> + +<p>Der unflätige Tom ist aber schuld an diesem Mißverständnis — ich nicht +— wahrlich nicht. Dann bist du selber, liebe Eva, auch ein ganz klein +wenig schuld, daß ich Dich so verkehrt beurteilen mußte. Fünf Jahre +lang bist Du meine Schwägerin und nie, nie hast Du mir eine Zeile +geopfert. Dein Mann so oft, und Du nie. Nicht <em class="gesperrt">einmal</em> hast Du +meine zahlreichen Grüße und Glückwünsche (persönlich an Dich gerichtet) +beantwortet, und die ganze Sache, als wäre sie Dir keinen Federstrich +wert, Deinem<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> teuren, treuen, anbetungswürdigen Herrn Gemahl, Deinem +Götzen überlassen.</p> + +<p>Wahrhaftig, das macht mich jetzt so wütend auf den Tom, daß ich — — +jawohl, ich tu's — hier gleich — sofort fang' ich an und reiße ihm +die Maske vom Gesicht und Dir, unglückliches, verblendetes Weib, den +Schleier von den Augen. Ha! ich besitze Deines Gatten sämtliche Briefe +seit seiner Abreise von Pilot Knob — und somit auch den Brief, worin +er Dich als seine »Zukünftige« schildert. Hier ist er:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">St. Louis, den — —</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure, herzensgute, einzige Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich bin Dir — — und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen). +Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind <em class="gesperrt">wieder</em> +zehn — macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier +und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen +Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig, +eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein +Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender, +weißglühender, alles schmelzender Liebe! — Sie ist ein Modell des +weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu, +scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an +der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen, +muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden +seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther, +vom<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Baum springend auf das ahnungslose Opfer. — Sie ist das Modell +einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes +leicht glaubend, Böses nicht begreifend. — Sie ist das Modell eines +fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben +— über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern — <em class="gesperrt">ergeben</em> +muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit +diesem Engel Eva.</p> + +<p>Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu +Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen, +ich ging' beschwören, es <em class="gesperrt">habe</em> keine Schattenseiten, sondern +überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar, +leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes +Ding der Welt.</p> + +<p>Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr — — jetzt +kommt der tiefste Schatten — ach, er lastet wie die Winternacht ihrer +nordischen Heimat auf diesem Maienbild — Eva ist ungebildet. Sie hat, +fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte +ich — schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott +erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen — +anstatt zur Schule. Wer ist schuld? — Und so weiter und so weiter.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwägerin!</span><br> +</p> + +<p>Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest +weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der +Korrespondenz, wie<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ich sie führe und liebe. <em class="gesperrt">Er</em> ist es! Bezahl +ihm's heim! — Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel +treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen, +daß er eine Teilung fürchtet mit seiner <em class="gesperrt">Schwester</em>, auf tausend +Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht — +die schwarze, gelbe, grüne!</p> + +<p>Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine +Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief +erhalten von Jennie — und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief +von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft — — Ach! Hier +fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand.</p> + +<p>O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin! +Vater, Mutter verloren — die Heimat zweimal verloren — das +heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren — dann Gesundheit +verloren — und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück +das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet, +Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir — — —</p> + +<p>Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir <em class="gesperrt">später</em> +schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und +schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und +Deinen Schützlingen.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie Daly.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 5. Oktober 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>So — so — hm! — Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit +Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter. +Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, <em class="gesperrt">errät</em> Bertie. Daß er +seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden. +Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht — und mein Vater +die seine ebenfalls nicht — und wenn die »Pratts« (nach Darwin) +vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den +Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden.</p> + +<p>Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann +und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem +Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann +hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.«</p> + +<p>»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn +Mama dir's verboten hat?«</p> + +<p>»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage, +Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's +sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll +nichts sagen, aber alles sagt er.«</p> + +<p>Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse +eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft.</p> + +<p>»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Sache ruhen; nur ein +klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja +verzeihlich.</p> + +<p>Du treue, gute Seele! — »Mann und Weib sind ein Leib — und eine +Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden +Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich +von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat.</p> + +<p>Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die +Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll +Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«.</p> + +<p>Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter +Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen. +Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an <em class="gesperrt">Dir</em>, +Schwester, <em class="gesperrt">später</em> bei Gelegenheit) an meinem — hinterlistigen +Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis +preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen +hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben.</p> + +<p>Also — Verrat Nummer eins.</p> + +<p>Es war vor etlichen Wochen — genau das Datum weiß ich nicht — +ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm, +mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie +Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe. +So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als +ich bald<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es +konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie +fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der +Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte +ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und +wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute, +wie Schluchzen, Stöhnen — sogar Küssen.</p> + +<p>Ich bin ein <em class="gesperrt">Mensch</em>. Trotz des Blutverlustes der paar +vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen; +und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig +werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett — — Sapperment! ich +wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster +nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen, +diesen Ohs und Ahs!</p> + +<p>Plötzlich — — sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so +mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht +beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich +sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das +immer dort gehangen hatte, es war fort — verschwunden — und die ganze +volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele.</p> + +<p>Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind.</p> + +<p>So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein +Bett zu verlassen. Vorsichtig,<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> mich festhaltend an Bett und Wand, +wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr: +Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem +Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald +weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig +gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht — im Profil so +unsäglich überirdisch, marmorgleich — die scharfe, dünne Nase — das +scharfe, dünne Kinn — die merkwürdig tiefen Augen — ich hatte Angst, +das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ...</p> + +<p>»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie! +Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes +Engelchen? — Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die +Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel — sehr gern im +Himmel. Kind!!«</p> + +<p>Das letzte Wort wurde geschrieen — die vorhergehenden gestöhnt in +Grabestiefe — abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und +einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger +Schwalben im Nest.</p> + +<p>Gott der Mutterliebe!</p> + +<p>Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama +liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist +krank, Elsie — sehr krank — Papa und Mama werden bald kommen — Mama +kommt gern —<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Papa kommt auch gern — Bertie will noch spielen, dann +kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder — alle. Wie lieb hat +Elsie Mama? <em class="gesperrt">So</em> lieb — <em class="gesperrt">so</em> lieb!«</p> + +<p>Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte +Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und +Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen — vom Marmor +auf das Glas.</p> + +<p>Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen!</p> + +<p>Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür, +aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich +die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte. +Also oft — oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt.</p> + +<p>Ich schlief ein.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 15. Oktober 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft +mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben — wie alles, was man +wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter.</p> + +<p>Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte, +versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit; +und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl,<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> daß man +zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es +kommt!</p> + +<p>O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so +schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den +Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots. +Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der +Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther, +schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach +dort oben — Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung — und die +Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der +Menschheit, küßte die Millionenstadt.</p> + +<p>Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des +pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und — der Wind füllte +seine Augen mit Wasser. — —</p> + +<p>Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel +bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die +Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine +Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so +herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen +paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen +— Enttäuschung.</p> + +<p>Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand +ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<p>Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am +Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein +bestes Gewand, Halstuch, Gesicht — sein Bestes hinten und vorne. +Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße +hinab nach dem Fährboot. Hinab — hinab, aber so majestätisch, daß es +geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends, +auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert, +in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das +Gleichgewicht wieder her!</p> + +<p>Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In +Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen +Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat +Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn.</p> + +<p>Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier +liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er +bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die +Firma — wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren — +arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib +und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen!</p> + +<p>Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der +Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend +oder<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich, +unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie +eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die +Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender +Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der +Stock — Toms Bettelstab.</p> + +<p>In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls, +schier abrutschend vor Bescheidenheit — und Angst — und bettelte +alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung.</p> + +<p>Und — wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie. +Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir — +<em class="gesperrt">Hoffnung</em>, mich unterbringen zu können, irgendwo — nicht gerade +in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo — wahrscheinlich +— möglich — allem Anschein nach — immerhin — kann ja sein — so +oder so — wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte. +Hoffentlich.</p> + +<p>Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich +meiner!«</p> + +<p>Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der +Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir +unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen +Anstellungen, die nur eine oder gar <em class="gesperrt">gar</em> keine Klaue besaßen.</p> + +<p>Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der +Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> kannst schreiben, rechnen und +kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz +kriegen als Wächter« und so weiter.</p> + +<p>Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein +Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich +zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber +dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft.</p> + +<p>Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher +stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der +Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung +<em class="gesperrt">gegeben</em> — und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten.</p> + +<p>Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite. +Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost, +doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er +schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die +»Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens +gleich. — Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die +Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei +mit seinem Hauswesen — <em class="gesperrt">das</em> sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich +diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er +machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit +ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also <em class="gesperrt">das</em> hat +dem das<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort +oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! — Aber — hm — +so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar +so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß, +soll's der andre bekommen.</p> + +<p>Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen — hoffentlich. +Im Glauben ging ich hinein — in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein +Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last.</p> + +<p>Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles, +was ich erbetteln konnt'? Ooo! — Am Sonntag noch war ich zur Meß +gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum +Vater der Armen, mein Weib betete.</p> + +<p>Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos, +daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich +zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge +zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich +beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand +groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer +Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet.</p> + +<p>Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht +fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken +war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine +Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Schnorrerei muß ich +erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen — +und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das +hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt +ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter +Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken — es könnt' +ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine +Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der +Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die +Verwandlung ist fertig!«</p> + +<p>Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht +ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.</p> + +<p>Wohin jetzt — zuerst? — Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße +brachten mich auch nicht näher gen Himmel. — Wohin jetzt? — Langsam +schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos — +zwecklos.</p> + +<p>An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine +Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete +mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir +ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine +Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug +einen Lumpensack, so groß wie — — pah! warum meinen Humor vergraben, +eh er stinkt — raus!! — — die trug einen Lumpensack so groß<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> wie +der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug +falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener, +der trug einen falschen — nein! einen aufrichtigen — nein! einen +beneidenswerten — ja! Rausch.</p> + +<p>Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime +Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf +dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! <em class="gesperrt">Tragen</em> ist +die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen — jeder, jede, +jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt +den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das +Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat +muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die +Krone tragen; und ich — die Verzweiflung.</p> + +<p>An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und +das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von +Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen +Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der +Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele +nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den +Brustkorb — das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt — gelt, +Bruder Mensch, das hält dich kalt.</p> + +<p>An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der +andern, und alle waren sie<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> sperrangelweit offen. Schräg über sah ich +eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem +festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der +Schnapshöhle geworfen — und hier nicht hereingelassen.</p> + +<p>Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in +jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger +fronen.</p> + +<p>Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen +Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik +Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen — anstatt Hände und +Gewissen.</p> + +<p>Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem +Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer +als Jesus Christus, und heute — bist du ein Heros außer Arbeit. +<em class="gesperrt">Ich</em> bin ein <em class="gesperrt">Feigling</em> außer Arbeit; aber ich werde +begraben und dann vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.</p> + +<p>Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend +arme, arbeitsslose Menschen und — warten auf den Messias. Wären +<em class="gesperrt">mehr</em> Parkbänke da, dann säßen <em class="gesperrt">Zehn</em>tausende fest und +warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den +Messias.</p> + +<p>Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich +dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über +sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> unter +sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum +Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das +sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im +Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott +geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder +sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich +spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher +und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich — und ganze +Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen. +Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen +verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach +Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten +schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht, +aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein +Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.</p> + +<p>Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das +Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie <em class="gesperrt">das</em> Schiff den +Hafen finden kann — das seh' ich nicht.</p> + +<p>Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des +Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im +hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung — das seh' ich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> + +<p>Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber. +Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum +Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen — das seh' +ich nicht.</p> + +<p>Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen, +ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer +dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut, +Menschenelendsgrenzen — das seh' ich.</p> + +<p>Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum, +Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram, +Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer, +Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis +herab zum geilen Rattenfänger — und Pferde, mehr im Wert als +tausend Arbeitswochen eines armen Tom — sie alle führen hier ein +Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und +Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte +Vieh. Aber <em class="gesperrt">eine</em> Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen +Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer +armer Leute geweint — das seh' ich nicht.</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des +Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere, +wenn ich allein gelassen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir, +mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.</p> + +<p>»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe +Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der +liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so +eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes +Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige, +Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß. +Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit. +Vater unser, der du bist im Himmel.«</p> + +<p>O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.</p> + +<p><em class="gesperrt">So</em> darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 22. Oktober 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Meine Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben — und das ist +vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit +stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den +Dämpfer auf.</p> + +<p>Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß +ich mich ändern muß — total ändern. Nicht reformieren, sondern +revolutionieren<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament +wenigstens, auf das sich bauen läßt.</p> + +<p>Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft +schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig +Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen +Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die +meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher +Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es +geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem +früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die +Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz, +den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste +Segen. So geht's.</p> + +<p>Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er +kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden +Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel +aber — der Himmel helf!</p> + +<p>Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück +soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das +Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde +soviel Geduld gebären — eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee +bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und — selber angreifen. Jeden +Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Kommt +das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag' +ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und +glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam +eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das +lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.</p> + +<p>Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus, +von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab, +den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer +Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist +einträglicher als — — ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den +Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.</p> + +<p>Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern +ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der +Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung +besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das +Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist +also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das +Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung +füttere — es schleift mich fort am Halfter.</p> + +<p>In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende +Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu +schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> die +Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß +das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf +seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die +Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker +das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er +sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall +lockt damit.</p> + +<p>Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem +billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der +Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's +beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas +stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen +Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und +Schweinefüß'.</p> + +<p>Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich +erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern, +die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte +am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses +Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als +Bezahlung.</p> + +<p>Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie) +Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen +Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<p>Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich +finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage +ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal +verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal +waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei +lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden, +Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine +Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere +hinten.</p> + +<p>Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings +bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends +heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen <em class="gesperrt">später</em> wahnsinnig +— und das ist auch was wert.</p> + +<p>Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein +Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle +ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe +jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer +Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und — +'raus mit dem Bock! —</p> + +<p>So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!</p> + +<p>Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat +besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die +unruhige<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Seele, so ohne Salz und Schmalz — — aber ich will nicht +murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche +Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein +toller Stier — aber Tom ist nicht verrückt.</p> + +<p>Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr +Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen +von Dreck — wir werden nicht verhungern.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 3. November 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur +Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine +Familie, dann — brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat +er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als +er hungrig wird beim Fasten.</p> + +<p>Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über +den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten +kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann. +Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen +Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der +Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen +Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> er vor dem Unglück +bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder +nagendes Gewissen.</p> + +<p>Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich +aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig +ist oder kein Krüppel.</p> + +<p>Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete +meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?« +frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir +keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben +retten kannst du auch nicht — — aber stehlen kannst du — stehlen — +sogar schwören, einen falschen Eid schwören — einem reichen Protzen +die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren — +die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere +<em class="gesperrt">auch</em> verzweifeln.«</p> + +<p>Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom +Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 12. November 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur <em class="gesperrt">eine</em> Hand zu haben, als +nur <em class="gesperrt">einen</em> Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie <em class="gesperrt">geht's</em>, +Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<p>Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon +fragen: »Wie <em class="gesperrt">steht's</em>, Mister Pratt?«</p> + +<p>Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen +begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen +mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten +Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte — +wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister +Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit +einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient +nichts; und verdient er nichts, dann — nun ja, dann hört alles auf!</p> + +<p>Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu +werden, ist im stande und verwildert zum <em class="gesperrt">Bettler</em>. Der Bettler +aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit +nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in +Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr, +ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der +Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv +genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut +des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden, +abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze +gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein — dann macht die christliche +Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> sich auf +den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich +die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme +Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus +wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere +Gangart — das kommt vom Saufen! — Ist der Bettler jedoch ein +Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann — ja, hier +beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom +Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt +wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt, +wimmert — <em class="gesperrt">lügt</em>. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem +Bettler — nach einem Wagen, dem er ausweichen muß — nach einem +Regentropfen, dem er entfliehen muß — nach einem irgend Etwas — nach +einem scheuen Gaul — tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen, +was er <em class="gesperrt">lügt</em>) mit der Hand die Herzgegend reibt — als hätt' +er eins — — —. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit, +Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der +Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn +mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!</p> + +<p>Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben — mir ekelt.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 15. November 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe, gute Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten +Brief — und werde abbitten.</p> + +<p>Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe. +Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand. +Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und +einen Laib Brot für uns drei.</p> + +<p>Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest — Gott wird dich finden +und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.</p> + +<p>Es gibt doch noch gute Menschen.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 20. November 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und +gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.</p> + +<p>Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt +des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben. +Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte +Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist. +Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch — aber +rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den +Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen +bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm +Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige +Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn — oder gar keinem Lohn. +Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine +Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn +der Monat fällig ist.</p> + +<p>Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein +Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank +(Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach—O—Weh« +so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf — <em class="gesperrt">der</em> weiß, wie +schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu +Tag!</p> + +<p>Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine +Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium, +daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand, +und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen. +Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste — daß sich +die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des +Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare +Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und +Sonnenbrand ...</p> + +<p>Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen;<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> der Arbeitslose darf +sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen, +auf und ab. Ist er durstig — dort steht ein Wassertrog für ihn, ein +Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen +plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig — zahllose +Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten +Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die +Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger, +Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.</p> + +<p>Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung — am +Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen +Tag. Der Arbeitslose darf — stehen darf er nicht dort — sitzen +auch nicht lang' — aber scheu durch die Hecken blicken und sehen: +wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche +tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln; +Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen, +Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die +Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn +sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden +vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender, +dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die +Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder +Madames Hut das Wagnis<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher +Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen. +Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die +kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.</p> + +<p>Und um und um drehen sich die Räder.</p> + +<p>Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und +Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren +Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren, +ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer +verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu +streuen — bis Erbrechen folgt?</p> + +<p>Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig +wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann +ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt +und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der +Unabhängigkeitserklärung. — Aber die Gesellschaft kann sich schützen +gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel +geführt — der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.</p> + +<p>Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria« +schreien — oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den +Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 25. November 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten +uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der +Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet, +keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und +Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.</p> + +<p>Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die +er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht, +bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen +wünscht und keine findet.</p> + +<p>Ich klagte über meine Not.</p> + +<p>Über die Menschen <em class="gesperrt">er</em>.</p> + +<p>Ich betete ihn an.</p> + +<p>Er hauchte mich an.</p> + +<p>Wir gelobten uns ewige Treue.</p> + +<p>So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die +Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben — wie +nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.</p> + +<p>Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken: +»ja« — die Riesen schütteln: »nein«.</p> + +<p>Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen +der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand, +dem<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der +Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün +und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis — und weinen +Wasserfälle.</p> + +<p>Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der +Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer — und auf Wolken +wieder aufwärts bis zur Quelle — hin und her. Die Blumen hauchen ihre +Seelen aus vor Lust und Sehnen — die Blumen weinen Tau — die Blumen +sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer — und +nimmer wieder.</p> + +<p>Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als +Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir — — +mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts — mit einer +Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust — mit Sonnen — Sonnen — — +Sonnen — — —</p> + +<p>Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.</p> + +<p>Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die +Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht +nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's, +schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins +Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die +Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein +tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> + +<p>Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den +Seraphs Harfen spielte — mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über +blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf +die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.</p> + +<p>Ach! Ach! Dahin! Dahin! — —</p> + +<p>Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag +vorher war bis zum Abend — ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der +Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster +in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich; +ich war still und traurig.</p> + +<p>Seltsam — ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda +und — erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die +wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand, +Mauer — eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem +Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer +um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer +drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden +Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich +war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer +fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's.</p> + +<p>Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit <em class="gesperrt">eines</em> +Wunsches Unterschied); Blumen<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> und Fruchtbäume und wundervoll grünes +Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles +Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin — ein Zug, der +auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem +idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt +bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich.</p> + +<p>Da — gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o +Himmel! es war das Pförtchen — der tausendfach gelobte, geschilderte, +besungene Eingang in das Paradies.</p> + +<p>Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen +weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten +Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war +unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines, +grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen. +Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs +über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank, +und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten +Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im +Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener +Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras, +nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines +Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein +dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> und sich dann im Gras +herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall.</p> + +<p>Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu +husten. Die Wirkung war — entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie +von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit +verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht +und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte +den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts, +wagerecht übers rechte. Und — jetzt erst ging mir ein Licht auf +über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein +Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel +mit einem Federmesser.</p> + +<p>»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig, +und seine Beschäftigung wieder aufnehmend.</p> + +<p>»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort.</p> + +<p>»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.«</p> + +<p>»Hundert, wenn's Euch beliebt!« — Ich war so verwirrt, daß ich ganz +vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt.</p> + +<p>»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber +bedeutend leutseliger dieses Mal.</p> + +<p>»Von der Erde unten,« erwiderte ich.</p> + +<p>»Das kann ich riechen, haha! — Von welchem Land oder Königreich, will +ich wissen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.«</p> + +<p>»Von Transvaal?«</p> + +<p>»Von Amerika.«</p> + +<p>»Von Amerika?!« — Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher +in Amerika, wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Von Neuyork.«</p> + +<p>»Neuyork? Neuyork? Hm — wo liegt das Ding?«</p> + +<p>»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt.</p> + +<p>»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork — Long Island — +das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der +zweite, der hier vorspricht.«</p> + +<p>»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis.</p> + +<p>»Ingersoll.«</p> + +<p>Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!«</p> + +<p>»Und?« — Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins +Gesicht. »Und?«</p> + +<p>»Ingersoll, der Atheist!«</p> + +<p>»Und?«</p> + +<p>»Der Gottesleugner!«</p> + +<p>»Und?«</p> + +<p>»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein +Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«</p> + +<p>»Und?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<p>»Und?! — <em class="gesperrt">Den</em> habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«</p> + +<p>»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken, +»dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel +wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und +meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch — nur +ans Buch.«</p> + +<p>Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar +nicht an den Herrgott glaubt?«</p> + +<p>»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern +Glauben — er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen; +Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«</p> + +<p>Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine +unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null +war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der +Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein +solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und +Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder +Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf +man.</p> + +<p>Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen +der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der +Küster längst den Strang verlassen.</p> + +<p>Und da saß er nun vor mir — und wie?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> + +<p>Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die +Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren. +Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf +den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem +Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und +Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen +Hände, die Netz und Ruder zogen — und dann durchnagelt wurden am +Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen +See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von +der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom — und dort +durchnagelt wurden am Kreuz.</p> + +<p>Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele. +Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr +noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft, +heiliger Petrus?«</p> + +<p>Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte, +gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die +Antwort zu geben.</p> + +<p>»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.</p> + +<p>»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt +Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er +mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«. +Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht,<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> seine Augen schossen +Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser +schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige, +ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter, +daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass +Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? — Und +wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine +ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande, +wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und +Kraftverlust! — — Ach was —«</p> + +<p>Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er +hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein +Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben +mit der Arbeit, aber <em class="gesperrt">so</em> den Stoff verpfuschen, das ist zum +Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung +und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen +wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt +ist's geschehen — und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht +vollkommen.«</p> + +<p>Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete +ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar +Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag, +und warf es im Bogen über die<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden +sie sich noch abreißen nächstens.«</p> + +<p>»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie +betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.</p> + +<p>»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich +abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln +ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen; +dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte +der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber +<em class="gesperrt">den</em> Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da +unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm +war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten. +Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf +hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge, +Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei, +Schändung — das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein +krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im +Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und +Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist +den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im +Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee +von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner +Politik,<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische +Senatoren; und Judas — ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht +blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen +mich für zehn Cent, und nicht <em class="gesperrt">einer</em> hängt sich auf vor Scham und +Reue — nicht <em class="gesperrt">einer</em>. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir +ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«</p> + +<p>Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten. +Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier +schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t +gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«</p> + +<p>Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich, +in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das +Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein +gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«</p> + +<p>»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen +vertragen, 's ist Anhäusers.«</p> + +<p>Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er +das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf +öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede +seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes +Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine +Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> ein zwischen +Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und +trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« — +Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.</p> + +<p>Ich antwortete: »Tom Pratt.«</p> + +<p>Er blätterte im Register. »Tom Platt.«</p> + +<p>»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! — nicht Platt.«</p> + +<p>»Tom Pratt — Pratt — Tom Pratt —«</p> + +<p>Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste +Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf +seinen Lippen heißt ewige Seligkeit.</p> + +<p>Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines +Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines +Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste; +Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!« +schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet +seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot! +Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« — Er griff nach dem +dreipfündigen Schlüssel und — mir flog etwas an den Schädel, daß mir +Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten.</p> + +<p>— — Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich +eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett — +schwer wie Blei.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 1. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden +können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn +plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So, +gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich +und meine Eva gestern morgen erleben durften.</p> + +<p>Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete +und stark regnete, blieb ich im Haus.</p> + +<p>Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«.</p> + +<p>»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter, +ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« — sondern ein +Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine +Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag +in Fetzen — überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich +habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen +hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen +erschreckt, die Tür erreichte.</p> + +<p>»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung +— zwölf Dollar die Woche — — lies doch — hier sieht's schwarz auf +weiß:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Werter Herr Pratt!</span><br> +</p> + +<p>Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden, +die Sie jedoch sofort antreten<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer +Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen +als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten +brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in +jeder Art müssen Sie sein — und das sind Sie —«</p> + +<p>Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den +Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen +auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel, +im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er +ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit +seiner Persönlichkeit.</p> + +<p>Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen, +Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig +wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir +nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr.</p> + +<p>Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd — derweil +Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß +Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde +zu knüpfen.</p> + +<p>Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde +später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß.</p> + +<p>Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten — das heißt, +sofort nach sechs Uhr Abends.<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Das ist die Zeit, wo das Geschäft +geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen +wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude +abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf +die er seine Findigkeit konzentrieren soll.</p> + +<p>Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« — —</p> + +<p>Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt +wie von diesem »Aber«.</p> + +<p>»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im +Amt) — sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen, +muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen +Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein +alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie +die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst. +Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«</p> + +<p>Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß, +von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein +solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im <em class="gesperrt">Barbierstuhl</em> und +sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben +hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel +verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut +fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau +viel doktert und — trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> er +seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither +abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen +für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß, +»verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist +der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat +ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger +Mann. Adieu!«</p> + +<p>Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich +nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«, +dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen +herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit +beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe +suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein, +sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete +ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle +der Arbeitslosigkeit.</p> + +<p>Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war +und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir +knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten +und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der +Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot +für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum +aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war — die +ganze Himmelsharmonie<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> von vorhin ausgellte in so schrille, wilde, +nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen +Weltordnung — —</p> + +<p>O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern. +Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein. +Was ich erbettle — ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist +meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich +schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen, +totwürgen — so will es die Ordnung hier auf Erden.</p> + +<p>Und ich bin für Ordnung.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Mein Bruder!</span><br> +</p> + +<p>Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe +nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein +Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die +mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch; +und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein +rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen +genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben +bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese — — <em class="gesperrt">Versuch's!!</em></p> + +<p>War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig),<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> wenn auch nur ein +hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur +und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll. +Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der +Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken. +O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten, +das zum — Weinen wär' — hahaha! — —</p> + +<p>Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema, +ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen, +übernatürlichen, aus der Hexenwelt — irgend eins. Schreib einen +Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie +man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig +wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man +reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder +umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch +Fluchen, oder <em class="gesperrt">nicht</em> umgekehrt.</p> + +<p>Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche +stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein +Waschweib. Fort, Feder — Seife her.</p> + +<p>Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwägerin!</span><br> +</p> + +<p>Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn +nie zu Gesicht bekommen, hörst Du — nie! Dieser Brief ist nur an Dich +und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.</p> + +<p>Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer +grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; — aber Notwendigkeit, +Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva — mir +graut vor der Zukunft Deines Gatten — meines Bruders. Nicht, weil er +seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim +zerstört werden kann — mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe, +wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet — sein schöner, +großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen +Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er +ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber +auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als +andere Männer — aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider +Gottes, viel zu viel in <em class="gesperrt">einer</em> Seele.</p> + +<p>Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können — +gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom +betrügen — um ihn zu retten.</p> + +<p>Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott +und Menschen. Wo kann<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine +findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht +in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das +zuerst, einzig und allein — vorläufig.</p> + +<p>Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig +mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen +Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu +für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm +Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als +sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen — was er denkt und leidet, +auszutoben mit der Feder aufs Papier — schon das ist viel gewonnen.</p> + +<p>Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut — +aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut. +So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet +zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn. +Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott +sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub. +Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat +er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele +wird zum tickenden Gewerke — die Erscheinungen der Welt ziehen durch +die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.</p> + +<p>Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> erreichen. Sag ihm nie, was +ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die +Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach +ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß +Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er +dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit +der er das Hauswesen retten kann; — denn aufrichtig gesprochen: ich +zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird. +Die Gelehrten haben <em class="gesperrt">auch</em> ihre Angst und Not mit Konkurrenz. +Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im +Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es +besser kommen? — Unsere armen Kinder! — Die Nächte sind lang, auch +hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die +Stunden vor zwölf — die Stunden nach zwölf — das Ticken der Uhr +— wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's +die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich — draußen +vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am +Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach — keine Mutter könnt's +ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden +Kleinen — ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ich</em> habe <em class="gesperrt">ein</em> Kreuz zu tragen — das für Jennie. Sechs +mehr von meinen Kindern — das für die Mutter. Peter legt auch noch +Holz auf meine Schultern<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> — das für die Gattin. Das schwerste aber, +das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der +Schwester aufbürdet.</p> + +<p>Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich — ebenso geduldig, stumm, +gottergeben — und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten, +als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung, +Aufopferung.</p> + +<p>Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre +Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt, +und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind +notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott! +So wäret Ihr doch wenigstens bei mir — und tothungern lassen wir Euch +nicht. Sag das Tom.</p> + +<p>Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit +weg zu sein, so weit weg.</p> + +<p>Dann muß ich Dich <em class="gesperrt">noch</em> etwas fragen, das ich immer vergeß beim +Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts +mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse +absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!</p> + +<p>Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig +liebenden Schwägerin, Schwester</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie Daly.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 4. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwägerin!</span><br> +</p> + +<p>Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei +Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork. +Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der +Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen. +Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.</p> + +<p>O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel +schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst. +Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank +wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen. +Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein +und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn +krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als +Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt +zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der +andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete +daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist +hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass +sind große Schmerzen.</p> + +<p>Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu +Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht +wegreisen<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen +wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob. +Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die +paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen +wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich +sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir +wollen hoffen zu Gott.</p> + +<p>Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach +der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht +schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt. +Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben +mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut. +Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er +ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht +auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er +schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne +meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann. +Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Eva Pratt.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 4. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure, liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung +— irgendwo in Indiana<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche +Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet, +wahrscheinlich aber gelesen jetzt.</p> + +<p>Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder +Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen +kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen. +Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus +hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen +ziehen ab — und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.</p> + +<p>Aber — hm — Schriftsteller werden? Bücher schreiben — Romane — +Gedichte — Dramen? — Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich +tatsächlich erschrecken — nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust +voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe. +Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er +oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie +geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort — und bis die wieder anwächst, +wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe +ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie +wär's zum Beispiel — —? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die +friedenstörenden Kobolde.</p> + +<p>Soll ich's probieren? — Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so +plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher, +soll<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder +werden es andere tun für mich?</p> + +<p>Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in +die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle — es ist Dein Werk. +Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich +hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne +dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um — +Inspiration!</p> + +<p>Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt +sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder, +hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine +Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung +nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält, +eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine +Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es +nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder, +hörst Du, um aller Vernunft willen — Jennie! Du mit sechs Kindern, +die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen +für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb +Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus. +Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück — jeder Cent gesegnet von mir, +meinem Weib und Kind.</p> + +<p>Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es +kaum Arbeit nennen, denn<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus +übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen, +herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen +als — meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 9. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Bruder Tom!</span><br> +</p> + +<p>Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der +Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.</p> + +<p>Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage? +Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. <em class="gesperrt">Ich</em> +nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie +Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt — oder ist es +nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich +werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde +Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen — nur +umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie +ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. — +Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert +und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so +ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> privilegierter +Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.</p> + +<p>Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und — gegrüßt +seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister, +Teufel, Fledermäuse und — Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht! +Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten +Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total +anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem +Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern, +fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!</p> + +<p>Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag, +zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir +eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium +und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können +mitteilen, aber — nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.</p> + +<p>Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das +war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum +Tanzen ums Feuer.</p> + +<p>Jetzt ist der Streik beendet und — verloren. Ich habe nie etwas +Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel +Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten +nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber.<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Mäuler, Mäuler +— ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen, +Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.</p> + +<p>Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich +ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und +schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon — oder +nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll +verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine +Herren!« — Ja, ja, ja.</p> + +<p>Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler +in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei +diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird +der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?</p> + +<p>Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde — +besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch; +denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und +die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen +wie feuerspeiende Krater — ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in +sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß +sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast +wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln +so über alle Maßen hündisch ängstlich<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> vor dem Grubenverwalter, daß, +wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir +armen Mütter — Gott steh uns bei mit solchen Männern — wir sollen +eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.</p> + +<p>Und wie widerwärtig sie sind — knurrig — bissig beinah. Mein +Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen +Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht +(jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit +Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was +schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er +will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck) +mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum +Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.</p> + +<p>Der Rest ist — Schnarchen!</p> + +<p>Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm, +wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte +heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner — der Vater meiner +sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter +Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig, +mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von <em class="gesperrt">meiner</em> Seite. Meine +Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu +halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin +der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> jedoch bald aufgefressen +haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den +Knochen.</p> + +<p>Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer, +die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die +Löwen sind selten — und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher. +Die besten Männer sind die, welche <em class="gesperrt">Menschen</em> sind — wie Du, +mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so +begabt wie Du — oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut, +ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben +könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette +mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm' +zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! —</p> + +<p>Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat +sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte. +Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle +Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so +einem Schrei wie dieser.</p> + +<p>Jetzt schläft er wieder — und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die +Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.</p> + +<p>Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine +Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den +Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und +Unglück — diese Extreme<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer +für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir +zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In +jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast +nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe +anheimgestellt).</p> + +<p>Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.</p> + +<p>Und, und, und — Lebt wohl und lang' und glücklich!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Neuyork, den 20. Dezember 1900.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>(9 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel +regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als +Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine +per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und +Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf +gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als +wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der +einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil +tanzen möchte zur Unsterblichkeit.</p> + +<p>Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult +und erwartet — seinen Verwandlungsprozeß<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> zum Dichter. Er nimmt +Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich +ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld) +und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht +zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen. +Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben +könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser +imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger, +sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm +Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem +verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das +Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer +der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den +Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.</p> + +<p>Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen +Verleger sucht, der's fressen soll — das Ungeheuer nämlich.</p> + +<p>O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen +Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die +sogar Genien ermattet — den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft +behalten zur Hoffnung — und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt +meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken +leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen +elf darbenden Kindern wird jeden Tag<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> rüstiger — und kommt Pat, dann +geht Pratt — und wohin?</p> + +<p>Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche +andre Gedanken — wie die Liliputaner den Gulliver — diesen Riesen +nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von +Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch — der +Kampf ist begonnen — die Geister stürmen — ich werde geschleift — — +Wohin??</p> + +<p>(10 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich +so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in +greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht, +weint, — es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne. +Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.</p> + +<p>(11 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt. +Ich denke viel an Dich — und schreibe. Ich denke an mein Kind — +und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge — aber ich +schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder +die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit +krallenden Fingern erdrosseln?</p> + +<p>Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der +feigste Knabe und erst wieder<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> ruhig werden kann, wenn ich mein Weib +und Kind umarme.</p> + +<p>(12 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und +jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich +bete. Das ist meine Gebetstunde.</p> + +<p>(1 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten, +öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine +Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal +jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß +schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte. +Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an +dem die Schöpfung hängt — die Räder, die sie treiben — die Walzen, +Formen, Pfannen, Feilen, Zangen — die Drehbank, auf der Planeten rund +geraspelt werden — die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft +— das Sternensieb — Seiher für die Nebelflecken — und hundert +Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit +unbeschreiblicher Geduld und Güte. <em class="gesperrt">Eine</em> Frage nur, und sie +dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf +Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor +dieser Frage — <em class="gesperrt">du</em> allein kannst sie beantworten.«</p> + +<p>(2 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> was dran, drin und drauf +klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte +nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst — +ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva. +Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die +Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche +Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden, +das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber +küssen — nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt +schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber, +Schwester! wenn Du sie sehen könntest — schlafen — und ein Mann +wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und +sie anbeten. — Ich tu's oft.</p> + +<p>In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge, +vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß +oder kniete ich oft vor ihrem Bett — mit einer Andacht wie der Pilger +vor dem Bilde der Madonna.</p> + +<p>Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken +brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde. +Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt +Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher, +idealer, vom Dulden, Entsagen — sogar Hungerleiden.</p> + +<p>Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu +beichten, ich rechne felsenfest auf<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Verschwiegenheit (Du bist mir eine +schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.</p> + +<p>Also:</p> + +<p>Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit +Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.</p> + +<p>Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl +überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.</p> + +<p>Drittens: Gott segne euch Frauen.</p> + +<p>Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder — eure +wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.</p> + +<p>Fünftens: Ich liebe euch <em class="gesperrt">alle</em> — sehr, oder weniger — aber alle.</p> + +<p>Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich +jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich +nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche +Freundinnen mitbringen — ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu +allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es, +wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht! +Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was +werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer +Krönung? Denn <em class="gesperrt">ihr</em> seid die Krone der Schöpfung — nicht der +Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit +Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> +vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte +wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder) +geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das +Messer schliff und Ketten schmiedete. — Er wird seine Handlungen +Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt +ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten +auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch +nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er +sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib. +Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch +der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit — aus Angst vor ihrer +Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart; +sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie +ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach +den Wolken — hahaha!</p> + +<p>Ist das zu viel gesagt? — Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an, +den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser +von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst — aber das sind +nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den +er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten +Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht +und freien Wahlzettel — hahaha!</p> + +<p>Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> von allem, was +Menschen befriedigen kann — Wohlstand förmlich gebärend — und +Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben, +verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es, +nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er +selber.</p> + +<p>(3 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?</p> + +<p>Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der +ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns +wird das andere überdauern? <em class="gesperrt">Eins</em> sind wir nicht, sie und +ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist, +führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable +Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch +Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort. +Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte +leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos — das andere nötigt dem +ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom +Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es +Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht +eins von beiden weggetragen wird als Leiche.</p> + +<p>Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es +mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener +Kerze durch ein<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> grenzenloses Labyrinth — durch die Mammuthöhle. Der +einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein <em class="gesperrt">eigener</em> Atem; der +Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn +ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert — wie Echo — das +Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« — Manchem Geist und Gespenst +begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich, +der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach — +nach — was? Dem Eingang, dem Ausgang.</p> + +<p>Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort +draußen. Wiesen, blumenbesät — Wälder, duftend von Harz und Blättern +— spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den +Ausgang — oder hätt' ich nie gesucht, gefunden — den Eingang. — —</p> + +<p>»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das +Himmelreich nicht eingehen.«</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Und was kein Verstand der Verständigen sieht,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«</span><br> +</p> + +<p>Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen +Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke. +Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben, +wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner +lahmen Theorie.</p> + +<p>Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der +jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und +Unverschämtheit<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der +Allmächtige sich verneigen muß.</p> + +<p>Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du +bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten — was +ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe +auch anheimgestellt).</p> + +<p>Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten +Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs +Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines +Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde, +wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich +umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die +goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft.</p> + +<p>Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!«</p> + +<p>»Was ist es, mein Kind?«</p> + +<p>»Darf ich dich fragen, Papa?«</p> + +<p>»Ja, mein Kind.«</p> + +<p>»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und +der Mann dich begraben tut da hinab und dann — —« Er hielt inne.</p> + +<p>»Und? — Weiter.«</p> + +<p>»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was +tätst du sagen?«</p> + +<p>»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen +läßt?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und +nie wieder 'raufkommen läßt — was tätst du sagen?«</p> + +<p>»Hm — ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> tät's aber sagen, Papa.«</p> + +<p>»Und was?«</p> + +<p>»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.«</p> + +<p>»Wüst? — Mir kannst du's schon sagen, was ist es?«</p> + +<p>»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So — — du lügst <em class="gesperrt">auch</em>!«</p> + +<p>Schwester, das ist stark; ist es nicht? — Aber Bertie sagt's, Du +kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins +Gesicht, gerade so wie er's <em class="gesperrt">mir</em> sagte.</p> + +<p>(4 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch +von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das +Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus, +Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan.</p> + +<p>Ich denke an Dich — und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe, +gute Jennie!</p> + +<p>(5 Uhr Morgens.)</p> + +<p>Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein +werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren +zu können auf den einzigen Punkt — ich werde ein<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Gedicht schreiben, +einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß +über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten +und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den +Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im +blauen Äther kreist — unerreichbar für Speer und Bogen.</p> + +<p>Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit +Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein +Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von +Sorgengedanken — wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen +Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges.</p> + +<p>Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen +sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll.</p> + +<p>Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der +Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde — und all mein +Denken zischt ins Leere.</p> + +<p>(6 Uhr Morgens.)</p> + +<p>Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was +würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte +und Papier!</p> + +<p>(7 Uhr Morgens.)</p> + +<p>Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und +das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb +gesetzt;<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen +von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben +Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am +Einbrechen hinderte, wird herausgelassen.</p> + +<p>Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so +mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch +einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure, teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der +unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher +Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren +Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind +wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören? +Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es +so lang', bis sie mich herauslassen hier — und heim.</p> + +<p>Die Uhr schlägt eins.</p> + +<p>Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere +Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in +jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken. +Jetzt sind sie müd und legen sich aufs<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Ohr und saugen Sauerstoff ein +zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen.</p> + +<p>Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall — und bin +allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen +können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller +Linderung bar.</p> + +<p><em class="gesperrt">Die Toten</em> lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld +bezahlt!</p> + +<p>Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier. +Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden — und die öde, +graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein +einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am +Bettchen meiner noch <em class="gesperrt">lebenden</em> Elsie, meiner noch <em class="gesperrt">gesunden</em> +Eva, und mit <em class="gesperrt">zwei</em> kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war +vom Zählen — mein Glück.</p> + +<p>Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der +Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen — und saugten sich fester und +fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen.</p> + +<p>Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer. +Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß +und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine +Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das +eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie +schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht'<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> er Raub, Elsie mit +dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel +Gottes »Engel werden« trugen.</p> + +<p>(3 Uhr Nachts.)</p> + +<p>Dreimal drei ist neun — das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist +vier — das kann <em class="gesperrt">auch</em> bewiesen werden vor einer Versammlung von +Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt. +Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen, +beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit +mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den +Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde.</p> + +<p>Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele +in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding +herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen +auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich +vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier — und unwillkürlich beginne +ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange +zu dem Schluß: daß <em class="gesperrt">ich</em>, ich selber die Unsterblichkeit meiner +Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß — nicht der andere. Er kann +wohl unterrichtet sein über <em class="gesperrt">seine</em>, aber über <em class="gesperrt">meine</em>? — +Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn +ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen — —-</p> + +<p>Halt!!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p> + +<p>Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der +Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten. +Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der +sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die <em class="gesperrt">Vogelstrauße</em> im +großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt) +unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend, +wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts +sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich +große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten, +überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das +es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben +Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen +sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die +<em class="gesperrt">komische</em> Seite. Daß die Strauße nicht <em class="gesperrt">gerader</em> laufen +und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die +<em class="gesperrt">betrübende</em> Seite.</p> + +<p>Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit +dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege +steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten +Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim +Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor +und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster +ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> unter Blitz und Donner im Paradies +herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie +tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der +Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit +Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen.</p> + +<p>Diese Sorte Philosophen sind die <em class="gesperrt">Büffel</em> im Wildpark der +Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen +Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das +nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen +sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis +an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die +Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh +zu den Ohren heraus, ist die <em class="gesperrt">komische</em> Seite. Daß sie lebenslang +Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher +bleiben, ist die <em class="gesperrt">betrübende</em> Seite.</p> + +<p>Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel, +die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren +Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber, +Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am +Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben, +sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd — Blumen zertretend — +Harmonien und Schönheiten ignorierend — glücklichen, lachenden +Menschen ausweichend wie<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> der Pest — auf Kirchhhöfen herumgeisternd +— mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die +gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der +Pessimist macht sich die Höllenqualen <em class="gesperrt">umgekehrt</em>, er beißt die +Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das +ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was: +»mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß +ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die +<em class="gesperrt">komische</em> Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker +nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger +wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur.</p> + +<p>Dann gibt es <em class="gesperrt">lachende</em> Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist +jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran.</p> + +<p>Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder +vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles +rauben bis auf die leere Schale.</p> + +<p>Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles, +sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft — geben +nie etwas von sich — Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle +Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt +und glücklich gemacht zu haben.</p> + +<p>Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit +sich so entleeren, daß sie geistig<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> schier zu den Bankerotten zählen. +Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben +aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt.</p> + +<p>Dann gibt es — — Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist +dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und +sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das +Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am +linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von +vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was +kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer, +und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und — drei +Originalitäten nur — kein einziger Beweis darin, der zieht und hält. +Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen +möchten.</p> + +<p>Und ach, was bin <em class="gesperrt">ich</em> herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden, +und hab' gesucht nach Quellen und Oasen — nach dem Körnchen Wahrheit +im Berg von Kleie — in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits +Beweise gesucht und <em class="gesperrt">keinen</em> gefunden, mit dem der Zweifel nicht +Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich +gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln, +Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich +sterben müßt' an Verstopfung — schluckt' ich nicht hin und wieder eine +Kontroverspredigt als Abführmittel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht <em class="gesperrt">einzig</em> durch +Gefühl.</p> + +<p>Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben.</p> + +<p>Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des +letzteren geringerer Erfahrung.</p> + +<p>Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen +Lebens gelöst ist.</p> + +<p>Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das +kann, <em class="gesperrt">wenn er will</em>, garantiert die ewige Gerechtigkeit.</p> + +<p>— Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch — mir wird ja selber übel.</p> + +<p>Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von +St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend +sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die +Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab.</p> + +<p>Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte +die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten +nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit +verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals +noch ledigen Tom Pratt.</p> + +<p>Dann ging's los. Eigentlich <em class="gesperrt">nicht</em>: zu meinem Ärger und meines +Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine +Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen +einer in der Nacht gehabten Cholera.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> + +<p>Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein +Weibchen meinte, das <em class="gesperrt">Apfelmus</em>, das sie ihm kochte zum Abendbrot, +sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch +wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der +Bemerkung: »Bier <em class="gesperrt">und</em> Apfelmus hat's getan — Punktum!«</p> + +<p>Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich +auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun +verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich +schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden +Straßenwaggon irgendwohin zu fahren — nur weg, weg vom bratenden +Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten +Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige +Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte +mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon +entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte +Kreuzung nicht gewesen.</p> + +<p>Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich +fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die +Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden +schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem +ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden, +den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins +Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> die Haut; der Hut wollte +fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen +Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern +vorbei wie geflogen.</p> + +<p>Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange +Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs +Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich +absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer +vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem +wahnsinnigen Radfahrer.</p> + +<p>Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der — Schlafenden.</p> + +<p>Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich +ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie +Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an.</p> + +<p>»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch! +Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre +Eltern — die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich +wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie +hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die +Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück. +Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen +in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und +<em class="gesperrt">eine</em> Wiege hat<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen, +reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende, +friedlich, eng beisammen — <em class="gesperrt">aber hier</em>.</p> + +<p>Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang, +immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem +Altar. Dort betete ich für die Toten — für alle Toten. Dann schritt +ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend, +über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches +Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder +ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein +Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel.</p> + +<p>Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! — Ich bebte vor Angst, mein Atem +könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn +Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem +Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott, +<em class="gesperrt">das</em> Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen +hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir +die, die ich suchte, träumte, wünschte — <em class="gesperrt">so</em> wünschte ich mir +die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles — so +träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut, +Hilflosigkeit. Und <em class="gesperrt">ich</em> ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene, +Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> +Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ...</p> + +<p>Ob ich einen Schrei ausstieß? — Das Mädchen richtete sich erschrocken +auf, sah mich an und — — der Traum war aus. Das Bild verwischt. +Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen — das +schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein — ach! das herrliche +Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem +Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels +unterscheiden kann, fort war es — fort.</p> + +<p>Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so +majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz — so überirdisch, daß ich +nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die +Schlüssel trug zu meinem Himmelreich — den Zutritt zur Glückseligkeit +mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt +war <em class="gesperrt">ich</em> der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier +blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus +gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!«</p> + +<p>Ich tat's — und sank zu Füßen meiner — <em class="gesperrt">Eva</em>.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die +Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag +beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen —- es ist +doch nur der Venus Vorgespann.</p> + +<p>So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> und beweisen vom +Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist — laß sie nur predigen +und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen, +ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die +Schöpfung opfert — zum <em class="gesperrt">Weib</em>. — —</p> + +<p>Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war +eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte. +Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war +gerissen zwischen Gott und mir — irgend jemand stand zwischen mir und +Gott. Ich ging ein wenig hin und her — aber das brachte mich nicht +näher. Ich setzte mich ans Fenster — aber das machte mich unruhiger. +Ich stand wieder auf — kniete nochmals. Die letzten Küsse eines +Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte, +brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen.</p> + +<p>»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich +hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken +gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem +Bett zu rufen.</p> + +<p>Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom +Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt — entgegengesetzt aber +von »<em class="gesperrt">Ihr</em>«.</p> + +<p>Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst +in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland. +Auf<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte +er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine +Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen +Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem +Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt — warf sich platt +ins Gras, mit dem Gesicht nach unten — und so blieb er liegen.</p> + +<p>Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche +Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder +und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig +überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese +über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des +Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und +Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen +als Schlummerlied der Sommernacht.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete +und umsah, war es mir, als wäre <em class="gesperrt">ich</em> das Leben und alles andere +tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der +Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft; +als sei <em class="gesperrt">ich</em> das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der +Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte +nicht, daß es der große Mississippi war, der<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> gurgelnd und plätschernd +am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser +auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche, +Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich +bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken +und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die +Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer +gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer +eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier +unten sich dreht und treibt und stößt und zieht — Leben saugt und gibt +— mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit +benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht +Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust — und Wanderung durch winterkalte +Nacht.</p> + +<p>Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist +der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen +Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So +strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast, +während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen +banger Nächte ging.</p> + +<p>Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte, +wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde +hier am Boden lag, kein Meer noch Land.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner +Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von +dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die +feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis +und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen — Beten hat der +Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort?</p> + +<p>Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich +decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und +morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt — +nur <em class="gesperrt">einer</em> hat den Platz behauptet — nur <em class="gesperrt">einer</em> hat sich +durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen <em class="gesperrt">einer</em>. +Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein — <em class="gesperrt">einer</em> war der +Stärkste, Zäheste — der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht +einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele — +<em class="gesperrt">einer</em>, <em class="gesperrt">einer</em> nur. Und dieser eine, der bin <em class="gesperrt">ich</em>! — +Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk, +der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah — und drücken sie das Universum +durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich +stellen kann und darf.</p> + +<p>Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung?</p> + +<p>O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! — +Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> +<em class="gesperrt">Opfer</em>?! — Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr +Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt +von tausend Mühen <em class="gesperrt">meinetwegen</em> ihr Leib zu Grabe sinkt — das +erste Opfer. Arme, arme Mutter du! — Und hinter dir, zum gleichen +Zweck verwendet, <em class="gesperrt">deine</em> Mutter. Und hinter <em class="gesperrt">ihr</em> <em class="gesperrt">ihre</em> +Mutter. Und <em class="gesperrt">ihre</em> Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie +im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter, +marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der +Vergangenheit heraus — vorbei an mir.</p> + +<p>Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer? +Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's +keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? — Ach, +es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die +andere hin.</p> + +<p>Und diese Blicke all auf mich geheftet — dieser Augen Trillionenzahlen +starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der +Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je +weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden, +Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang — und so mein Ekel. +Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der +Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter +ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen +Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> +Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der +Eingeweide Gift gemischt.</p> + +<p>Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit +mir? Gibt's keine andere Leiter?</p> + +<p>Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die +viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest +du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen +Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten, +die um Rache schreien — Bastardmischung zwischen Tier und Menschen +unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel — mußtest du +vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später« +überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen; +Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all +die Klagen, Seufzer — der Schlachten Brüllen — der Folterkammern +schrilles Schreien — der Kerker hohles Heulen — der Krankenstuben +Stöhnen — den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem +andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen +Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch +Teil an mir zu Kot zermahlt.</p> + +<p>Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie +du, o Ewiger, dein Ebenbild?</p> + +<p>— — — Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als +seh' ich ein reibend Schwefelholz<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> an meiner Kerkerwand und find' die +Tür — — Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es +möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, <em class="gesperrt">auch +du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein</em>? — Die gleiche Scheu +vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken, +Sehnen ist uns eigen — nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche +Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand +der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen +— mich im engen Zirkel meines Selbst — dich im unermessenen Raum, +mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du +mit Licht — er mit Nacht. Du mit Wärme — er mit Kälte. Du mit Leben +— er mit Tod. Du mit Geist und Willen — er mit Körperträgheit. Du +mit Liebe, Wahrheit, Schönheit — er mit allen Gegenteilen. — — Und +dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder +links, Ewiger! <em class="gesperrt">das kann ich</em>?? — Ich kann dir trotzen und deine +Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit +verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit +Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?</p> + +<p>O, daß du mir diese Waffe zeigst — scharfgeschliffen wie sie ist, sie +mir anvertrauest — welch ein Vertrauen! — Nach langer, langer Nacht +gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus +der Mutter Augen Liebe trinkt und<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> <em class="gesperrt">dann</em> die Milch der Brust — +<em class="gesperrt">ich liebe dich, Gott</em>! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich +ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an — +mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät — aber lieben? — Leere +Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch +Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.</p> + +<p>Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst — ist +<em class="gesperrt">Vater</em> schöner, inniger als Gott — »Vater, ich liebe dich! +<em class="gesperrt">Vereint</em> sind wir allmächtig. <em class="gesperrt">Vereint</em> sind wir die ewige +Glückseligkeit — <em class="gesperrt">getrennt verloren</em>.«</p> + +<p>Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und +flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre — +lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht — »Vater, ich +liebe dich!«</p> + +<p>Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich +will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn +ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von +dir — — »Vater, ich bleib' dir treu!«</p> + +<p>Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib +— hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall, +wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und +rauhem Wetter; die Felsen <em class="gesperrt">mich</em> vor allzuviel Besuch. Ist Gott +nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir +viermal<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> passend neue Kleider schenkt« — — »Vater, ich liebe dich!«</p> + +<p>Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten, +Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend +Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn +Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft, +und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand +abgerungen in der Zeiten Lauf — und jeder Blick in jene sternenvollen +Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt — — »Vater, ich liebe dich!«</p> + +<p>Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt +zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies +von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt +sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und +Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit +deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf +trillionmeilenhohe Leuchter — ich kann mir das Denken verhalten — +die Vernunft schänden — bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein +Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr +dich höhnen? — — »Vater, ich bleib' dir treu!«</p> + +<p>Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht — mit vollster Seele +liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten +im Meisterwerk. O, dieser <em class="gesperrt">Spiegel</em> — und der Rahmen zu dem<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> +Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich +und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber +so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen +Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier +sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die +er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und +Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus +dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in +langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel, +bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum +verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und +triumphierender Genugtuung — gemischt mit weher Sorge, der Spiegel +möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben — denn Schöneres kann +er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom +Tod — das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod +auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste. +<em class="gesperrt">Der Spiegel ist das Kind!</em> Des Kindes Seele, des Kindes Augen — +Leib und Seele widerspiegelnd.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Vater, ich liebe dich!«</span><br> +</p> + +<p>Schaudere — — was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser +hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit +Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe?<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du +aufgebaut.</p> + +<p>»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist +der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes +Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion, +Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine +Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und +fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer +höheren Höhen — aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem +Leben, zu reinerer Erkenntnis — aus des Daseins Sturm und Drang +die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes +Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann — <em class="gesperrt">von dannen es kommen wird +am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die +Lebenden und Toten</em>!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Vater, ich liebe dich!«</span><br> +</p> + +<p>Und nahet mir des Lebens letzte Stunde — und jenes Ding, das Blut +gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt — —</p> + +<p>Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück +und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im +Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die +ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die +erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken +Brücke.<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch +einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie +nie zuvor — und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin — und Heimweh, +eh ich abgereist — und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach! +durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang +und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis +wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.</p> + +<p>Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in +die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel +Blumen sind zertreten worden — viel ist herumgestritten und gerissen +worden — Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen +schier in Fetzen — wild war sein Spiel im langen Tag — doch, gebe +Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus +Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann — +— ist Schlafenszeit.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Vater, ich liebe dich!«</span><br> +</p> + +<p>Ob ich unsterblich bin? — Unwiderruflich, ja! <em class="gesperrt">wenn ich will</em>.</p> + +<p>Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? — Unwiderruflich, ja!</p> + +<p>O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und +deiner Küsse Seligkeit!</p> + +<p>Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> ersten Werden bis hierher +und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Dein liebes</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Kind.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Januar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Lieber Bruder mit Weib und Kind!</span><br> +</p> + +<p>Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen +Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch +einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und +Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.</p> + +<p>Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch +könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen +Menschen — wir armen Leute!</p> + +<p>Also, Neujahr.</p> + +<p>Als ordnungsliebende Hausfrau — (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen +Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut +und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur +Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot — hier +ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem +guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem +Hauptartikel der Haushaltung — mit Peter.</p> + +<p>Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Wochen. Er kam also +herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen +in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige +Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in +Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock, +und — die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie +ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt +ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf +nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet. +Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser +Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das +Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der +letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt, +Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts +weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt +der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild +zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine +Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen — hahaha!</p> + +<p>Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel, +raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für +drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik +ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern +Bergleuten, jedoch<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und +bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.</p> + +<p>Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und +geht's dem Alter nach, bin ich <em class="gesperrt">noch einmal</em> Nächstes; ich bin +schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft +interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche +für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet +Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und +versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig +ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach +vornehmen.</p> + +<p>Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht +abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt: +zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge +Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der +<em class="gesperrt">andere</em> der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester, +sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester <em class="gesperrt">Sohn</em>.</p> + +<p>Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf +meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben, +mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe +allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.</p> + +<p>Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> aber endgültig +aufhört, sage ich: der <em class="gesperrt">kleine</em> Peter. Der kleine Peter ist größer +als ich!</p> + +<p>Er ist jetzt vierzehn Jahre alt — und seines Vaters Ebenbild. Er hat +ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen — aber auch +die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau +des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut +wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit +sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie — +Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.</p> + +<p>An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem +Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß, +schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so +weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an — es dünkt mir +oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen. +Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So +war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben +opferte — einem Wahn.</p> + +<p>Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst +wird dann verdoppelt: Vater <em class="gesperrt">und</em> Sohn; denn Bergmannsleben ist +ein gefährliches Leben. Ach!</p> + +<p>Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum +zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte +die<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu +viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der +Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung, +Enttäuschung — sag' ich es gerade heraus — aus der markverzehrenden +Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie +ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt, +träumt, träumt — —</p> + +<p>Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich +aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der +Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend — ungeliebt. Daß ich +<em class="gesperrt">das</em> überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der +Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. — Ich bin +also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!</p> + +<p>Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das +Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist +das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung, +meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich +entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der +Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.</p> + +<p>Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel +zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form — Gott! wie muß +dein <em class="gesperrt">Ganzes</em> sein, ein Sonnenmeer!</p> + +<p>Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> er Priester. Das ist +sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude +erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester +— — Aber ich will nicht sündigen, guter Gott — ich will nicht zu +viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende +Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's, +Gott. — Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.</p> + +<p>Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling. +Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch +Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn +Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner, +hahaha!</p> + +<p>Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine +Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen +am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen +und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit +spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und +zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.</p> + +<p>Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten +sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte. +Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts +und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner, +frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge +und Wälder, Ruhe alles.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben +im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.</p> + +<p>Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und +kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.</p> + +<p>Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar +und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den +Raum zu wälzen — geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht +— anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig +flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das +Menschenherz — die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben, +Hoffen.</p> + +<p>Und wieder schloß ich meine Augen.</p> + +<p>Da — o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so +ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Stille Nacht! heilige Nacht!</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Alles schläft, einsam wacht</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Nur das traute, hochheilige Paar —«</span><br> +</p> + +<p>O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn — er +ist mein Kind! mein Kind! — — O, der Mutterfreuden höchster Berg, den +ich erstiegen habe — nur ein Schritt vom Himmel — nur noch sterben.</p> + +<p>Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum +diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten +Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre, +rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren, +Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der +Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen, +in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut, +den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß +zur Kirche — die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend +zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die +Waise — und der Bruder ihr so fern — sich anklammern an den Mann, der +jetzt ihres Kindes Vater ist — — Gott! wenn das der Plan war, dann +lob' ich das Schicksal und bet' es an!</p> + +<p>Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen +und lächelte: »War's schön, Mama?«</p> + +<p>Siehst Du, Bruder Tom, ich war <em class="gesperrt">auch</em> für ein Stündchen in des +lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.</p> + +<p>Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten. +Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die +Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der <em class="gesperrt">Himmel</em> zeigte durch +zerrissener Wolken Schleier das Bild der <em class="gesperrt">Unvergänglichkeit</em>. +Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<p>Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die +Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.</p> + +<p>»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten, +»hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«</p> + +<p>»Gar nicht, Mama.«</p> + +<p>»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten, +»hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«</p> + +<p>»Sollt's meinen, Mama.«</p> + +<p>»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«</p> + +<p>»Ja, Mama.«</p> + +<p>»Willie! friert's dich?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie! +kannst du langsamer gehen, ein wenig?«</p> + +<p>»Ja, Mama.«</p> + +<p>»Nur ein wenig. So. — Willie?«</p> + +<p>»Mama?«</p> + +<p>Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen — und wendete sich +um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme. +»Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier +kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen — aber +ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz +gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> und Nein, den Blick +nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß +mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich — bitte — bitte!«</p> + +<p>Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke +Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein +die Seligen — da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend, +liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« — —</p> + +<p>Tom! male weiter, wenn du willst — ich muß schwenken. Die wilde Jagd +kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken, +und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie +tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister. +O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als +schönstes Träumen!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 14. Januar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze +ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann +gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter +und zähle die Pflastersteine.</p> + +<p>Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt +»Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit +einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den +Gefallen nicht tun und — — nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht +— aber — aber — ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann +mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche +ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!</p> + +<p>Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht +fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube +kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne +Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die +Sorge, <em class="gesperrt">ich</em> möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen, +die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt, +aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.</p> + +<p>Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne <em class="gesperrt">den</em>, den man sich +selber macht — ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die +Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig, +ohnehin, um verrückt werden zu können.</p> + +<p>Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine +Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie +geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! — +Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das +Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den +erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie +er zu uns spricht! Wenn<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir +jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an +mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was +komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt, +was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen +»Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer +wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh +nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch +alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg +von Mister Rouß' Sanktum — der Einarmige sitzt dort!</p> + +<p>Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner +Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt +neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen +könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« — lache nicht — geradezu +meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer, +ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und +Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und +einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur +all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische, +die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und +Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll. +Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Mississippi +hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte +mit ihr ums Horn nach Frisco — der Anschauungsunterricht damals kommt +mir trefflich zu statten jetzt.</p> + +<p>»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom« +schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres +und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in +Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch +festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See +möcht' es ihm entführen.</p> + +<p>Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält <em class="gesperrt">ihr</em> +Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker +das Ding beurteilen: »Mißgeburt — Ohren zu lang — Nase platt — Augen +blöde — Mund dumm.«</p> + +<p>Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn +<em class="gesperrt">ich</em> zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll +es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht +beim allerersten Schuß? — Ein schlechter Schütze verknallt sein +ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs +Vielschießen an — nicht einmal so sehr auf Übung — scharfes Auge +(des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für +Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!</p> + +<p>Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 22. Januar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!«</p> + +<p>Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr, +und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine +meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für +Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer +formt zu aufgeweckten Menschen.</p> + +<p>Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester, +wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich +lachen macht bei solchen Entbehrungen? — oder ist's Galgenhumor? — +Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem +Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit, +Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an. +Schwermut zog sie aber zum Selbstmord.</p> + +<p>In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer +lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all +ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf, +Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern; +und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit. +— Schwester! warum begehst <em class="gesperrt">Du</em> nicht Selbstmord und entfliehst +einem Dasein so voller Schatten?</p> + +<p>O, warum denn fragen — hier steht ja die Antwort<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> neben mir: Arme Eva +mein! Das <em class="gesperrt">Kind</em> ist fort — ja, die Elsie ist fort — und mit +dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis. +Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich, +das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische, +unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn +lieben, anschauen, mit ihm reden.</p> + +<p>Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt, +der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es +war mein schwerster Gang — und leichter dünkt es mich, Arbeit zu +erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft +abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's +Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich +mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an +seine Kanzleitür.</p> + +<p>»Herein!«</p> + +<p>Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist +auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das +Kontor betrat.</p> + +<p>»Setzen Sie sich!«</p> + +<p>Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker +Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt +ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie +wünschen?«</p> + +<p>»Ja,« hauchte ich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> + +<p>»Was wünschen Sie?«</p> + +<p>»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt. +Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war +letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit +zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren +— konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat, +dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn, +als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen +vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not, +mein Herr! und flehe um Nachsicht.«</p> + +<p>Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu +binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die +Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte.</p> + +<p>Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer +Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen, +wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich +liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär' +Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o, +ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren.</p> + +<p>»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich +sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das +allein soll<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein +Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch +anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein. +Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich, +wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen — hoffend jedoch, +daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann +ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen, +sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles +schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!«</p> + +<p>Er winkte ab.</p> + +<p>Ich ging.</p> + +<p>Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren +lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So +zwischen Himmel und Hölle hängend — mein Gott! sind das Zeiten, die +meiner harren.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 24. Januar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Teure, liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Warum ich Dir schon wieder schreibe? — Ich lebe in qualvollster +Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter- +oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich +an einem Bindfaden hängend über dem<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Niagara; wenn der Faden nicht +reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich.</p> + +<p>Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen? +Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich +an Dein armer</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 28. Januar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe, teure Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird +oben. Warten würgt sonst die Hoffnung — bei mir wird die Hoffnung +blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau +hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische +Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort. +Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die +ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete +ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über +die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben +und mir aushändigen — und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin +ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester.</p> + +<p>O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren +Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll +umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten +zeigt, können kaum solche Zauber wecken.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 4. Februar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein +paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber +<em class="gesperrt">nichts</em> ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not? +Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit +Lamentieren?</p> + +<p>Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir +alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage, +von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben +nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung, +Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch — +Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen +kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel +herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer +Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und +Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden; +unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich +bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie +Mondgebirge.</p> + +<p>Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen. +Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den +ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz +landet, wo Nansen den Pol stecken<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> ließ. Dein Söhnchen Peter braucht +nicht ins Bergwerk — nicht so früh untern Boden — ein passendes +Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer +spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung +jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene +Beiwerk — und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern +(ach, ich möchte <em class="gesperrt">allen</em> Kindern) soll geholfen werden. — +Glückauf!</p> + +<p>Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen, +nicht <em class="gesperrt">ein</em> Briefchen wert? Bitte, antworte.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 11. Februar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br> +</p> + +<p>Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter +Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine +Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin, +daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann +und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe +mir!</p> + +<p>Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine +Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und +mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer, +es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes +Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Was das bedeutet? — Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster +Bedeutung. O, <em class="gesperrt">der</em> Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich +werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich +vernichten, und weiß <em class="gesperrt">wie</em>. Er hat Erfahrung im Fach und trifft +jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin +ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was +weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend. +Aber <em class="gesperrt">den</em> Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern +rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine +Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen +kann.</p> + +<p>Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste: +mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu +rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen — Bankrott. +Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen. +Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen +sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort. +Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch. +... Der <em class="gesperrt">eine</em> nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich +verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt — mit Bitten und mit +Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen +— der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 16. Februar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Armer Tom!</span><br> +</p> + +<p>Gewiß — Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und +keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen — oder +gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von +Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was +soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth +von Unglück — gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang, +und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum +Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie +Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst. +Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten +Körper und — verkrüppelten <em class="gesperrt">Geist</em>. Dein krankes Weib wird noch +eine Weile waschen, und dann wird sie <em class="gesperrt">nicht</em> mehr waschen. Man +sieht den Schluß des Trauerspiels kommen — natürlich. Er kann nicht +anders lauten als: »verdorben und gestorben.«</p> + +<p>Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen. +Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das +Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen. +Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler — das fühle +ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich +hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts.<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Es gibt keinen +Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind +ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als +hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus +getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen +wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot. +Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur +blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende +seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich.</p> + +<p>O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen — +hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen — +schlafen. — Das <em class="gesperrt">eine</em> muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die +Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir +reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen, +nach <em class="gesperrt">Montana</em>. Morgen. Auch das noch! Was dann? — Peter hat +sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der +Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache +der Flucht. Und <em class="gesperrt">ich</em>, ich kann mich nicht losreißen vom Grab +meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt. +Ich verliere immer, immer. Daß ich <em class="gesperrt">eine</em> Stunde meines Lebens +wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! — Aber still, still. +Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele, +die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still, +still. Tom, ich muß<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen. +Aber besser so — wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier. +— — —</p> + +<p>Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die +wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke — wie der +Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt. +Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier — und Jennie ist +gegangen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Lieber Schwager Tom!</span><br> +</p> + +<p>Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden +lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie +doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch +kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es +noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer +zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser +gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist. +Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am +Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die +Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist +sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und +hat wenig<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel +hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat +Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen +weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf +der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt +nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn +man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie +auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat +gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein +guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in +seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif +gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett. +Dann ist sie gestorben um zwölf.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Dein Schwager</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Peter Daly.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, Montana, 17. März 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Lieber Onkel Tom!</span><br> +</p> + +<p>Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei +Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden +Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht +klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama +ist ja tot.<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht +und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich +nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und +alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr +Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig. +Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über +diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann +nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat +der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so +notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden +am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy +auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege +ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke: +Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt +und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten +in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist +als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und +draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald — — +ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin. +Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein +Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte +sie am Herzen, bis ich<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht +auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und +Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles +verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.</p> + +<p>Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie +hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie +fortging. Die schöne, gute Mama.</p> + +<p>Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht +weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.</p> + +<p>Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel +Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche +ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft +von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Willie Daly.</span><br> +</p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, den 24. März 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Lieber Onkel Tom!</span><br> +</p> + +<p>Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum +schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht +jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht +aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es +ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun. +Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> was für eine Nacht. Schnee, +Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen +nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung +und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der +lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und +Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist +so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben +täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit +uns in Pilot Knob.</p> + +<p>Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten +Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte, +Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die +Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr +tickt wie damals.</p> + +<p>O, meine Mama! — Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen +in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der +Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und +mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am +Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu +Schatten.</p> + +<p>O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Willie Daly.</span><br> +</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, den 27. April 1901.</span><br> +<br> +<span style="margin-left: 1em;">Lieber Onkel Tom!</span><br> +</p> + +<p>Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach +Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist +schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du +bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir — nur gute Worte +wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden, +kalten Land — so verlassen.</p> + +<p>Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit +<em class="gesperrt">nicht</em> zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte +Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen, +sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag' +Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit +der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in +der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.</p> + +<p>Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine +armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden +muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.</p> + +<p>Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat +sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist +sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen +und gesagt: »Kinder, das ist nun<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> eure neue Mama, und die müßt ihr +ebenso lieb haben wie die alte Mama.«</p> + +<p>Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht. +Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große +Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und +sterben sollen. — Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben. +Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und +immer.</p> + +<p>Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt +jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht +zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke, +trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum +kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber +Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly +weiß alles von mir und wird den Brief nur <em class="gesperrt">mir</em> geben. Mister +Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was +ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber +dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das +tut kein vernünftiger Mann.«</p> + +<p>Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist +die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und +müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.</p> + +<p>Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> doch besser tun und +schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt +heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.</p> + +<p>Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Willie Daly.</span><br> +</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> + +<p>Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem +Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien +Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in +farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte +bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter +von Buxton her in die Niederung geritten.</p> + + +<p>Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des +gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in +Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen +war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden +vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen +seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit +dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch +erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.</p> + +<p>Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus +dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete +sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend, +ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte, +ohne abzusteigen, mit dem<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer +erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch +vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie +doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter +talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang +aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und +verschwand in Kellys Laden.</p> + +<p>Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer +des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig +die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich +ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in +Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor +einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie +halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und +pfeifend.</p> + +<p>Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über +ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen +breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen +die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst +ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch +mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die +größte in das Innere — in die Küche. Die war eigentlich der einzige +Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen +zu abgesonderten Räumen,<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten +sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die +Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das +zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig, +robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich, +unheimlich im höchsten Grad.</p> + +<p>Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden. +Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in +die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug +in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue. +Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete +er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die +Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß +noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von +dir verlassen wurde —«</p> + +<p>Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat +ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den +Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und +erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den +Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der +Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden — —</p> + +<p>»Onkel Tom!!« schrie Willie und — —</p> + +<p>Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das +hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> über die Kniee, preßte sein +Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals, +wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen +will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende +Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich +aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von +Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände, +von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte +formen zu wollen — bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles +wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind +gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos +allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele, +die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.</p> + +<p>Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört, +bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer, +anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem +Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids +richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach +einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten. +Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken, +schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben +zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind +wieder an sich — seiner Schwester<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Kind — und wiegte und wiegte. +Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und — Willie war im +Traumland.</p> + +<p>Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab. +Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies +eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider — — +Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes, +und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken — zweifellos Merkmale +brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's +vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.</p> + +<p>Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und +leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen +zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer +füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen, +schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein +traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend. +Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den +Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den +Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind +wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue +der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr +Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden +lag, auf und machte<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne +waren so fest aufeinander gebissen — er konnte nicht beten.</p> + +<p>Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett +der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne +Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker, +einem Totenhaus — und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein +wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem +andern zu drücken, zu umarmen — eins nach dem andern abzuküssen auf +Mund, Stirne, Augen — so lang und so feurig mit Küssen und Weinen, +bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. — +Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut — schloß die +Küche ebenfalls — verließ das Blockhaus und trat ins Freie.</p> + +<p>Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von +überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als +Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits +warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die +Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge +und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht. +Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten +Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen, +die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er +richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in +die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher. +Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog +jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten +ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend +sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.</p> + +<p>Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom +stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich +sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor, +und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das +Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten +Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.</p> + +<p>Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht +<em class="gesperrt">so</em> lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter +fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete +seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte +dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu +gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner +Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei +Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle +seine Pläne durchreißen können?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p> + +<p>Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte +die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem +gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der +neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen +Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ +alle <em class="gesperrt">die</em> Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen, +kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn +Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten +sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der +Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen +— vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.</p> + +<p>Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das +Weib da neben ihm — das wußte er schon — war eine an Leib und Seele +bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann +als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten +Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen +Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit +wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte +sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht, +Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen +hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. <em class="gesperrt">Ein</em> +unbedachtes Wort vor <em class="gesperrt">diesem</em> Weib, und die Kriegserklärung ist<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> +fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte — +das ist für Peter nicht schmeichelhaft.</p> + +<p>Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete +in sein Geschäft — und legte aus — erklärte, erzählte. Viel wurde +zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger +Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf +<em class="gesperrt">Willie</em> zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die +Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien +gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:</p> + +<p><em class="gesperrt">Erstens</em>: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die +Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber <em class="gesperrt">mit</em> +Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.</p> + +<p><em class="gesperrt">Zweitens</em>: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin +hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei +Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit +Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur +Auswanderung.</p> + +<p><em class="gesperrt">Drittens</em>: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden +fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.</p> + +<p>Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt +hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das +Dokument<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf +den Tisch.</p> + +<p>»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin +schon einmal gefragt.</p> + +<p>»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. — »Nimm's nur!«</p> + +<p>Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab +es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.</p> + +<p>Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.</p> + +<p>Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete +Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte +überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht. +Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ +das Haus.</p> + +<p>Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und +Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf +der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne« +überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.</p> + +<p>Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war +untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei +Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende +sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und +verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er +trug<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und +legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins +Stroh.</p> + +<p>Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben +heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den +kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das +nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre +alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die +Gefangenschaft. Das fünfte Mal — —</p> + +<p>»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter. +Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr: +daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher. +Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form, +daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte +sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in +Aufrechtsitzen umänderte.</p> + +<p>»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den +Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose —«</p> + +<p>Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem +Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der +Schlafkammer und versuchte zu fliehen.</p> + +<p>Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es, +ihm den Weg zu vertreten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins +von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«</p> + +<p>Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch +Schlaftrunkene seitwärts — und Tom rannte nach dem wartenden Wagen. +Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los; +Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.</p> + +<p>»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter +flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.</p> + +<p>»Tom!« klang es noch einmal.</p> + +<p>Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die +Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die +Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton +trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten +sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie +nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf +sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als +hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen +Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts +mehr sie bewegte?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> + +<p>Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg +machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am +Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz +herunter, wie er gehen sollte. »So und so — fünf Minuten steigen;« +dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die +das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er. +»Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar +nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«</p> + +<p>Tom verschwand in der angegebenen Richtung.</p> + +<p>Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die +Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen +Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger +bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach +einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern +zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor, +eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten +sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht. +Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit +ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in +die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still — man +hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am +Zwieback.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> + +<p>Da — plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein +wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen. +Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu +zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? — +Ein wildes Tier? — Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen +ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen +sich überhaupt nicht stören.</p> + +<p>Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut +in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine +Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.</p> + +<p>»Fehlgelaufen, Sir?«</p> + +<p>Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite, +damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er +redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt +zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte +er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus +Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß, +wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«</p> + +<p>Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte +den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies +Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung +der großen Tanne und verschwanden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> + +<p>Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der +Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.</p> + +<p>Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus +ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm +und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.</p> + +<p>Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die +Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber — den Hut ab — etwa +zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken +und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem +frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.</p> + +<p>Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt +und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise +bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu +verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht — und +niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen +schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit +heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder +nebenan, als hätte <em class="gesperrt">er</em>, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das +Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.</p> + +<p>Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände +nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es +wohl, auf was er<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er +nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe, +neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter, +glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche +Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. +Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«</p> + +<p>Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne — durch +Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend, +gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer +Farben — so kam der <em class="gesperrt">Gerufene</em> herab zu den Kindern.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann +trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden +Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei +Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester, +die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein +Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war, +wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.</p> + +<p>Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden +während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu +unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Worte +und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons +einziger Straße.</p> + +<p>Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so +ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus +in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen +Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter +nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann +bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen +Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und +begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten +sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff +aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.</p> + +<p>Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.</p> + +<p>Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden +paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht +und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.</p> + +<p>Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.</p> + +<p>Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und +Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen +gekehrt und — zu Asche verbrannt.</p> + +<p>Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.</p> + +<p>Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der +Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so +aussah, als sollten die<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten +und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls +dann gefressen werden — da erschien als rettender Engel <em class="gesperrt">Tom</em>. +Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der +Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.</p> + +<p>»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht +mehr da! Schau doch! schau!«</p> + +<p>Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten +auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.</p> + +<p>Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue, +schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus. +Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den +nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht +eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das +eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder +Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen +Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine +blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles +schillerte in Farben und Flitter.</p> + +<p>Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf +die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit +einem Appetit, der — unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten +werden kann.</p> + +<p>Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> die beiden Frauen +am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre +neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum +Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und +beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel +Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch. +Endlich war er frei — und atmete auf.</p> + +<p>Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann +mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch +verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als +er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl, +und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder. +Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz +aufhören über Sommer.«</p> + +<p>Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten +nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie +noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen +schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem +Pfad zum Bahnhof.</p> + +<p>Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden +eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er +abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist +überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> verkehrt, und das +Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.</p> + +<p>Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach +dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige +Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des +offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte +er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen +plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je +zuvor.</p> + +<p>Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und +Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer +neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit. +Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete +mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not +rund gebliebenen Beinchen.</p> + +<p>Neben der Molly saß Lilli — schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe +hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die +innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von +krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt +den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht +hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein +ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend +ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> + +<p>Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose +heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und +Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.</p> + +<p>Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen +bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende +Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen, +verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt — o jetzt — +Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den +waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie +erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der +Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.</p> + +<p>Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und +das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.</p> + +<p>Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort +liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht, +als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine +statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden +Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!</p> + +<p>Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen +Tunnel — wie ein Sarg ins Grab.</p> + +<p>Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten +heiß über seine Wangen. »Jennie!<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Schwester!« hörte man ihn nur hin und +wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«</p> + +<p>Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen +hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt +mit dem Haupt in die Wagenecke — und schlief.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.</p> + +<p>Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten, +grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote, +Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde. +Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert +und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land, +gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer +streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen, +gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich, +geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne +tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und +Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt +mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben +langen Tag, und wird nicht müde.</p> + +<p>Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den +Strand. Mit Wasser<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen +konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße +Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste +kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das +triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels +und des Meeres Mächte — mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg +erklärten — der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres +höckerigem Rücken — und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine +Feuerpfanne spie — heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf +Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.</p> + +<p>Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres +lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und +Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden +Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten +Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt +versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von +Augenblick zu Augenblick.</p> + +<p>»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«</p> + +<p>»Und kühlt!« schrieen die Knaben.</p> + +<p>»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die +Mädchen.</p> + +<p>»Ach, Onkel Tom! — Papa! lieber Papa! — Ist das Meer immer so schön +wie heute?« lachten<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen +hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.</p> + +<p>Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen +erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich +auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des +Himmels grauer Decke schnappt — liebkosend wusch es ihre Beinchen, +so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum +in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und +hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.</p> + +<p>O, Meer und Kind!</p> + +<p>Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich +geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß <em class="gesperrt">ein</em> +großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres +Flut und Ebbe will.</p> + +<p>Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt +und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom +nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen +Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung. +Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen, +wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit +dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche +engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, <em class="gesperrt">das</em> kann nicht +beschworen werden, denn der Knabe<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> schläft. Gleichmäßig atmet er mit +dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber +bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er +gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung +der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.</p> + +<p>Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil +ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es +lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.</p> + +<p>Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem +offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft +schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und +Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender +List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit +<em class="gesperrt">einem</em> heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu +erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm +herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und +nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe, +beginnt die Königin zu buchstabieren:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Der Seestern.</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Roman von Tom Pratt.</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">(Sechstes bis zehntes Tausend).«</span><br> +</p> + +<p>Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> herunter — auf +Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur +und tote Körper seelische Gefühle webend.</p> + +<p>Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die +Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden, +schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die +gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.</p> + +<p>Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm +zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke +meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort +in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der +bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist +der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie +liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja, +dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat, +wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der +Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur +Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz. +Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! — +Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die +bleichen Wangen aufwärts; — ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn +niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva +himmelblaue<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und +heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf +das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.</p> + +<p>Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen, +fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang +bildet vom Sturm zur Ruhe — da ist es ihr, als sei noch nie im +Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so +weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie +zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um <em class="gesperrt">ihn</em> und sie und +diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden +wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder +Plätschern der Brandung — alles ist ein einzig herrliches, liebes, +oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren +Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und +jedes Ding ist verschönerte Verklärung.</p> + +<p>Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die +Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte +Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag +im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden +— an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder — an das Wanderlied, das +ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi — an die +Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land — an Vaters jähen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Tod +— der Mutter frühes Sterben — die Verlassenheit der Waisenzeit — die +Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein — +an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um +ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm — an den +Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis — an Toms Geständnis — an das +erste Licht nach langer Finsternis — ans Paradies der Liebe — an der +Vermählung Doppelfrucht — höchstes Glück auf dieser Erde — — ach! +an Elfies Sterben — an des Gatten gräßliche Verstümmelung — Tränen +— Elend — Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das +Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen: +Jennie ist erfroren in Montana — der Jennie Kinder verderben — die +Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!</p> + +<p>Da, o da — mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das +gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt +die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen +Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand +erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem +Krüppel Tom sein erstes Buch: »<em class="gesperrt">Der Seestern</em>.«</p> + +<p>Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird +weiterdichten — <em class="gesperrt">muß</em> weiterdichten; aus Pflicht für Weib +und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus +unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!</p> + +<p>O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? — Nein, um +auferstehen zu können! — Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich, +die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht. +Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur +Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott, +<em class="gesperrt">keiner</em> führt vorbei und <em class="gesperrt">jeder</em> durch die salzigbittere +Wüste: <em class="gesperrt">Schmerz</em>.</p> + +<p>Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste +der Führer bleibt die <em class="gesperrt">Sehnsucht</em> ...</p> + +<p>Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht +das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört +der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und +alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.</p> + +<p>Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die +offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich +tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten +Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«</p> + +<p>Ein selig Lächeln ist die Antwort.</p> + +<p>»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das +Meer die Schlummerlieder singt?«</p> + +<p>Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend,<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> tiefe Schwermut +zeigend, senkt und öffnet er die Lider.</p> + +<p>»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen — weicht +zurück — langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und +bleiben so.</p> + +<p>Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.</p> + +<p>Die schöne Frau nickt auch.</p> + +<p>Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was? +Das verschollene Grab.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe6" id="i_220"> + <img class="w100" src="images/i_220.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77504-h/images/cover.jpg b/77504-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e058587 --- /dev/null +++ b/77504-h/images/cover.jpg diff --git a/77504-h/images/i_220.jpg b/77504-h/images/i_220.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9422ecf --- /dev/null +++ b/77504-h/images/i_220.jpg diff --git a/77504-h/images/signet.jpg b/77504-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4e011b7 --- /dev/null +++ b/77504-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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