summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2025-12-19 07:16:42 -0800
committerwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2025-12-19 07:16:42 -0800
commite0715054fb0cac96fe91e0247a33696d74a640d3 (patch)
tree50ae4e34b9c998f5003a1b14d547c298cbc77362
Initial commit of ebook 77504 filesHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--77504-0.txt5745
-rw-r--r--77504-h/77504-h.htm6132
-rw-r--r--77504-h/images/cover.jpgbin0 -> 1033716 bytes
-rw-r--r--77504-h/images/i_220.jpgbin0 -> 1862 bytes
-rw-r--r--77504-h/images/signet.jpgbin0 -> 5118 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
8 files changed, 11893 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/77504-0.txt b/77504-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..ec3e0f5
--- /dev/null
+++ b/77504-0.txt
@@ -0,0 +1,5745 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 ***
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~
+ +antiqua gedruckter Text+
+
+=======================================================================
+
+
+ Die Geschwister
+
+
+ Von
+
+
+ Hugo Bertsch
+
+
+ Mit einem Vorwort von Adolf Wilbrandt
+
+
+ Achte Auflage
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Stuttgart und Berlin 1904
+ J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
+ G. m. b. H.
+
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+ +Copyright 1903 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
+ G. m. b. H.+
+
+
+ Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
+
+
+
+
+ Vorwort
+
+
+Ich habe die Freude, meinen Landsleuten ein Buch zu übergeben, das, so
+recht aus der Tiefe unsrer Volkskraft heraufgekommen, eine merkwürdige,
+herzbewegende Erscheinung und in einem gewissen Sinn etwas Einziges
+ist.
+
+Vor zwei Jahren und länger, im September 1900, schickte mir aus
+Brooklyn-Neuyork ein deutscher Fabrikarbeiter, Hugo Bertsch, ein
+Buch, in das er ein Schauspiel hineingeschrieben hatte und allerlei
+Gedankengänge, betitelt »Phantasien auf hohem Seil«. Er schrieb dazu:
+»Wie Sie an beigeschicktem Manuskript ersehen, bin ich einer von den
+Nichtallewerdenden, denen es in Kopf und Herzen stürmt. Einer, der
+verbotene Wege wandelt -- wennso das Schriftstellern, wie ich annehme,
+Privilegium der Studierten ist. Denn, hochgeehrter Herr! ich habe
+leider, leider, außer meiner Schwarzwälder Dorfschule -- unterbrochen
+noch mit schwerer Feldarbeit -- keine Bildung genossen. Gelesen habe
+ich viel, in Büchern, mehr noch in Gottes großem Buch: die Welt, die
+ich seit dem Verlassen meiner Heimat kreuz und quer durchwandert
+bin. Als Farmer, Bergmann, Holzhacker, Ziegelbrenner, Matrose,
+Fabrikarbeiter, in grobem Kittel, mit rauhen, schweren Händen -- aber
+(ohne zu erröten) reiner, unsäglich empfindlicher Seele -- habe ich so
+für mich gelesen, gelebt, geduldet -- geweint. Ein Sonderling.
+
+»Daß ich schreiben kann ~schier~ wie ich denke, das erfuhr ich,
+als ich in ziemlich langen Briefen meine Reisen schilderte. Ich tat's
+einmal, dann öfter, und schließlich -- gepackt von dem berühmten Buch:
+Im dunkelsten England -- versuchte ich eine ähnliche Schilderung: Im
+dunkelsten London.
+
+»Ein so ausgedehntes Werk zu schreiben war mir unmöglich, das merkte
+ich bald. Den ganzen Tag arbeite ich schwer, und nach dem Nachtessen
+ist es spät und die abgerackerten Knochen zerren auch den willigsten
+Geist hinab, hinab aufs Bett zum Ruhen. Zudem ist meine Umgebung so
+ruhestörend, daß ich oft lachen muß über die originelle Weise, wie ich
+dichten muß. Notwendig entschloß ich mich zur kürzesten Form, meiner
+armen, überladenen Seele Erleichterung zu verschaffen.«
+
+So hatte er denn versucht, ein Schauspiel zu schreiben, »ohne viel zu
+wissen, was man Regeln des Dramas und dergleichen nennt«. »Mitleid
+und Tränen zu locken für seine Helden«, nur das hatte ihn seinen
+Weg geführt. »Mit Gottvertrauen ließ ich meiner Phantasie die Zügel
+schießen, und bin gelandet jetzt -- im Graben? oder drüber? -- Das zu
+urteilen überlasse ich Ihnen, edler Herr.
+
+»Jetzt aber kommt der Gipfel meiner Aufdringlichkeit -- und o,
+Bescheidenheit, verhülle dein Erröten -- dein glühendster Verehrer wird
+dein Verräter.
+
+»Nie und nimmer! schrie ich dutzendmal beim Schreiben des Manuskripts
+-- nie wieder werde ich unter so unmenschlichen Hindernissen es
+versuchen zu schreiben. Nur wenn gute Aussicht ist, daß ich das
+Ziel erreiche, mit Dichten mein Brot zu verdienen, werd' ich's noch
+~einmal~ versuchen. Selbstverständlich andernfalls nicht. Ich kann
+glücklich und zufrieden leben als Arbeiter -- freilich glücklicher als
+Schreiber -- schon wegen der Wollust, meine Seele zu entladen. Aber in
+Ungewißheit schwanken zwischen beiden, macht mich sehr elend.
+
+»Geehrter, teurer Herr! Seien Sie mein Richter, Ratgeber, Erlöser. Was
+denken Sie?
+
+»Was immer -- sagen Sie es mir mit kurzen, trockenen Worten. Ich bin
+ein wahrer Virtuose im Entsagen, und Religion und Vertrauen auf das
+Weiterleben jenseits gibt mir mehr als Mut, mich einzuschließen,
+einzupuppen -- allein mit meinen süßen Gespenstern.«
+
+Ich las das Buch; mit Staunen, mit immer wechselnden Eindrücken und
+mit einem tief tragischen Gefühl. Das Schauspiel: »Der Dieb« war ein
+wildes, krasses Nachtbild aus der »unteren Schicht«, mit einer oft
+überraschenden Beredsamkeit fesselloser Leidenschaft, aber sonst
+so recht, was man »unmöglich« nennt. Nicht nur jede Kenntnis der
+Bühne fehlte, auch das Leben erschien oft in übertrieben greller,
+glühender Beleuchtung und verzerrter Gestalt. So schafft wohl leicht
+ein ermüdetes, von außen gestörtes, sich mit Gewalt erhitzendes, vom
+Willen gepeitschtes Gehirn. Es spielte aber auch -- und mehr noch in
+den »Phantasien auf hohem Seil« -- diese verhängnisvolle Zwitterschaft
+mit, die Verbindung von hohem Seelenschwung und Geistesflug mit der
+ungeschulten Unbehilflichkeit. So viel Denken, auch Wissen, und so
+viel Unorthographisches. So erstaunlich reiches Formtalent, feines
+Sprachgefühl, und so viel undeutsche Wendungen, aus der englisch
+redenden Umgebung unbewußt aufgenommen. Gewiß ein ungewöhnlich begabter
+Mensch, gewiß auch ein Poet; aber wer und was sollte ihm zur Ausbildung
+und zur Reife helfen? Nur wenn er den Arbeitskittel ausziehen und
+herüberkommen konnte, um in der Luft der deutschen Dichter und mit
+fördernden Genossen zu leben, nur dann konnt' er »werden«. Er war noch
+nicht.
+
+Und so sagte ihm der lange Brief, den ich ihm in tiefstem Mitgefühl
+schrieb, eigentlich doch nur das: kannst du dich freimachen, dir
+Geld verschaffen, um ein paar Jahre sorgenlos dich auszubilden? Dann
+versuch's! Dann kann's gelingen!
+
+Darüber ging seine Antwort wie mit stummem, entsagendem Kopfschütteln
+hinweg. Er dankte mir nur mit rührenden Worten, daß ich seinen Wunsch
+erfüllt; »in traurigen Momenten kam es ja über mich: Sie werden meine
+Kindergartendichterei gar keiner Beantwortung wert halten und das arme
+Geschreibsel als ›Schmiere‹ in den Korb werfen. ... Daß Sie aber einen
+achtseitenlangen Brief an mich schreiben voll Sympathie und Gefühl
+und Verständnis für meine Lage, hat mich so glücklich gemacht, daß
+ich vollauf belohnt bin für alle Mühe und Bitterkeit, das Manuskript
+herzustellen. ...
+
+»Daß es nun aus ist mit meiner ›Schriftstellerei‹, ist
+selbstverständlich. ...«
+
+So schrieb er mir am 21. Oktober; aber im April 1901 kam ein dritter
+Brief. Er stellte sich darin von neuem vor als »jenen zudringlichen
+Fabrikarbeiter von Brooklyn«; dann fuhr er fort: »Damals äußerten
+Sie sich ermutigend über mein Talent und zum Schluß Ihres langen
+Schreibens wörtlich: ›Ich hoffe, daß Gott Ihnen doch noch etwas an
+die Hand gibt, an dem Sie sich emporziehen können; solche Wunder sind
+schon oft geschehn.‹ Und, hochgeehrter Herr! es ist geschehen. Gott
+ließ das Wunder geschehen an mir. Sie wissen ja, daß ich die Feder
+wegzulegen beschloß wegen Mangel an Zeit, Freiheit, Aufmunterung. ...
+Ich verwünschte, verbannte die Ideale, die anstürmend wie Meereswogen
+mein ruhiges Arbeiterleben unterwühlen; aber allem Widerstand zum Trotz
+-- ich ~mußte, mußte~ dichten und schreiben.
+
+»Das war der Anfang des Wunders -- nur der Anfang. Was ich jetzt
+schreibe, ~wie~ ich schreibe, das ist das Wunder, an dem ich mich
+emporziehen werde, so wahr mich Gott liebhat und ich ihn. ...
+
+»Vielleicht ist es zum Kopfschütteln, wenn ich behaupte, daß ich
+über meine Arbeit nicht befriedigt, sondern geradezu erstaunt bin,
+verblüfft. Ich steh' vor dem Geschriebenen wie vor einem geahnten, aber
+nie gesehenen Wunder. Daß so tief ich denken kann, empfinden kann, ein
+solches Himmelreich voll Geister beherbergt habe ohne es zu wissen, die
+lange Reihe von Jahren, das alles dünkt mich wie ein Geschenk von Gott,
+eine Entschädigung für die erdrückenden Schwierigkeiten, unter denen
+ich schreiben ~soll~. Oft lebe ich im Wahn, ein viel Höherer als
+Menschen dichte für mich und meine schwieligen, harten Hände seien nur
+sein Werkzeug, das Tinte und Feder beherrscht ....
+
+»Denken Sie ja nicht, diese wilden Sätze seien Schwulst, Überschätzung,
+Überspannung -- es sind nur die Jauchzer einer glücklichen Seele, die
+hofft, einen Freund gefunden zu haben, der sie kennt und schätzt.«
+
+Hugo Bertsch hatte damals etwa ein Drittel seiner neuen Dichtung
+geschrieben; zunächst fragte er, ob ich mich ihrer wohl annehmen werde.
+Ich, in großer Freude, erbot mich zu jedem möglichen Liebesdienst.
+Das erfüllte ihn so mit Dankbarkeit, daß sie ihn fast niederdrückte,
+traurig machte: »Sie haben mich um ein gut Teil Freiheit gebracht. Eh
+ich Sie (brieflich) kennen lernte, schwelgte ich in voller Freiheit,
+meine Dichterei betreffend. Ich konnte die Feder führen oder wegwerfen,
+absolut wie es mir beliebte -- aber jetzt nicht mehr so. Ich darf
+nicht das Vertrauen enttäuschen, das Ihre ... Seele mir schenkt. Ich
+~muß~ jetzt die Hoffnung, die Sie in mich setzen, verwirklichen.
+...« Er nahm mich aber als »Ratgeber«, »Wegweiser« an, weil er die
+Notwendigkeit fühlte. »Ich habe (wie Don Karlos) auf dieser weiten Erde
+niemand, niemand und so weiter, der mich aufmuntert, führen könnte.«
+
+So begann denn meine beratende Mitwirkung an dem hier vorliegenden
+Buch. Es entstand langsam, mit großen Unterbrechungen, auch mit
+tiefen Senkungen des Selbstgefühls und der Schaffensfreude, in
+»nervenlähmender Mutlosigkeit«, wie er einmal schrieb; nicht zu
+verwundern bei der Art, wie es entstand. Der Dichter, kein Jüngling
+mehr, sondern »ein Mann in reifsten Jahren«, wie ich nun erst erfuhr,
+»aber außergewöhnlich gesund und stark«; auch glücklich verheiratet,
+mit einer Amerikanerin von irischer Abstammung, und »Vater zweier
+herzallerliebster Kinderchen«, »alle kerngesund« -- er konnte eben doch
+nur nach des Tages Arbeit »komponieren und schreiben«, in der Küche,
+am Küchentisch. Und wenn er an Winterabenden schrieb, so saßen ihm die
+Kinder, die nicht mehr wie im Sommer auf die Straße gehen konnten,
+»schier buchstäblich auf dem Manuskript«. »Und wie die Jugend eben ist,
+sie vergessen jeden Augenblick, daß Papa nicht gestört werden möchte.
+Sprechen, lachen, an den Tisch stoßen stört mich wenig, das bin ich
+gewohnt; aber mit Fragen anrennen über dies und jenes, das holt mich
+rettungslos aus den Wolken herunter, wie der Pfeil den Vogel.«
+
+Alle diese Hindernisse äußerer und innerer Art schadeten der Dichtung;
+es konnte nicht anders sein, umsoweniger, da sie ein ~Werdender~
+schrieb. Das Gespinst ward ungleich, gröbere Fäden oder zu matt
+gefärbte liefen mit hinein. Hie und da verwilderte die müde, gehetzte,
+überreizte Phantasie. Der Plan des Ganzen entartete zuletzt ins
+Schwarze, Erbarmungs- und Hoffnungslose, Weltverneinende; gegen die
+eigentliche Natur des Dichters, der mit germanischer Gesundheit und
+Freudigkeit Gott und das Leben bejaht. Ich beriet ihn: kehr um! Geh
+einen andern Weg! Er ließ das Werk eine gute Weile liegen, dann begann
+ein neuer Anlauf. So gab er dem Buch die Form, in der ich es nun der
+Welt übergebe.
+
+Es ist in jeder Zeile sein Werk und fast immer auch sein Wort; ich habe
+nur die kleinen »orthographischen Schandtaten«, wie einer seiner Briefe
+sie nennt, brüderlich verbessert, undeutsch englische Wortfügungen
+deutsch gemacht, und Längen gekürzt oder ein Übermaß weggeschnitten,
+da es in der Natur seiner »Inspirationen« liegt, gern und zuweilen
+unaufhaltsam in die Verschwendung des Reichen zu entarten. Daß ich dies
+alles mit seiner Zustimmung und auf seinen Wunsch getan hab', brauch'
+ich kaum zu sagen. Auch so wird der Leser wohl noch hie und da etwas
+»gröberes Gespinst« verspüren, halbversteckte Zeugen bejammernswerter
+Schaffensnot. Auch sei er hiermit freundlich gewarnt, daß er nicht zu
+viel Handlung oder Spannung erwarte. Es ist eine Seelengeschichte, die
+sich langsam, beinahe ganz in Briefen fortschiebt; viel Persönliches
+drin, in den »Helden« der Geschichte, Bruder und Schwester, sehr
+viel Eigenstes. Tom, der Bruder, ist Arbeiter wie Hugo Bertsch,
+Ausnahmsmensch an Begabung wie er, Grübler, Denker wie er. Und wenn
+sich der gewarnte Leser mit gelassener, nicht stoffhungriger Sammlung
+an den Tisch seines Gastgebers setzt, so wird er wohl staunen, denk'
+ich, was dieser Fabrikarbeiter aus Brooklyn ihm auftischt: wie viel
+Beredsamkeit, Geist, Satire, Stimmung, Humor, Tiefsinn, Phantasie.
+
+Hierin ist er meines Erachtens etwas Einziges, wie ich vorhin
+sagte; und überhaupt wüßte ich ihm in unsrer Literatur nur einen zu
+vergleichen, Ulrich Bräker, den »armen Mann im Tockenburg« aus Jung
+Goethes Zeit, den auch ein unbezwingbares Talent aus der Tiefe emporzog
+und zum »Naturdichter« machte. Sie haben auch Stammesgemeinschaft,
+beide sind Alemannen; nur daß Bertsch ein Landsmann Schillers,
+ein Schwabe, Bräker ein Schweizer ist. Auch in ihrem innersten
+Wesen, deucht mir, ist viel Verwandtschaft; aber das Leben hat sie
+verschiedene Wege geführt, und die Glocken der Zeit haben ihnen sehr
+verschieden geläutet. Uli Bräker, der nach kurzen Abenteuern das
+Leben in seinem stillen Tal verbrachte, nur den eintönigen Kampf
+mit der Sorge kennend, blieb der träumerische, lyrische, kindliche,
+naturselige Mensch, als den die Natur und die Muse ihn geschaffen
+hatten. Hugo Bertsch, in früher Jugend hinaus und lange Jahre die
+Welt durchwandernd, dann von den tausend Stimmen einer gewaltig
+aufstrebenden Riesenstadt umbraust, von den Leiden und Wünschen und
+Begierden seiner emporringenden Standesgenossen im Innersten ergriffen,
+härtete sein weiches Herz für den großen Kampf. Noch nie hat ein Mensch
+des »vierten Standes« mit so geist- und seelenvoller, hochaufflammender
+Beredsamkeit für die Rechte dieses leidenden Standes und gegen das
+Babel der Zeit gestritten, wie Hugo Bertsch in diesem Buch. Es ist
+aber die edle, reine Beredsamkeit des ~Dichters~, der zuletzt,
+im ruhelosen Weitertrachten der Gedanken -- ein echt deutsches Blut!
+-- zum ~Philosophen~ wird. Die altpersische Weltvorstellung lebt
+auf eine wunderbare Art in ihm auf: der gute und der böse Geist, die
+den großen Weltkampf kämpfen, in dem der Geschaffene, der Mensch
+mitstreiten soll. So findet sich sein »Held«, Tom Pratt, in der
+Schöpfung wieder zurecht, und die Sonne kann auch ihm wieder scheinen.
+
+Doch ich sage nun nichts mehr von ihm und dem Buch. Es soll selber
+reden.
+
+Auch mit Maxim Gorki, dem Russen, will ich ihn hier nicht vergleichen
+-- so nahe der Gedanke liegt; vielleicht hat schon jeder, der bis
+hierher las, an Gorki gedacht. Wer das ganze Buch gelesen, mag, wenn er
+will, hernach selbst vergleichen. Ich sage nur: lest das Buch!
+
+Möchte doch der Erfolg es segnen und dem Schwaben in Brooklyn so viel
+Mut und Freude und Freiheit schaffen, daß er von neuem auffliegen kann,
+und höher noch und höher; daß er den Inhalt seines Lebens, die Welt,
+die er gesehn, mit dem Jugendfeuer des endlich zum Wort kommenden
+Erzählers vor uns ausbreiten kann, oder, wie er in einem seiner Briefe
+sagt, »seiner Vergangenheit buntgewebten Teppich ausklopfen mit der
+Zauberrute Poesie«.
+
+ Adolf Wilbrandt
+
+
+
+
+ Einleitung
+
+ Das verschollene Grab
+
+
+~Grab~ -- welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das wuchtiger trifft,
+schauriger, zermalmender, erstarrender?
+
+Tod -- -- man kann tot sein und noch im warmen Bette liegen, umgeben
+von den lieben, teuren Angehörigen -- tot sein und beschienen werden
+vom Licht und Blau der Welt, gefächelt werden von Luft und Atemzügen
+der Lebenden, geküßt werden, umarmt, angeredet.
+
+Aber Grab -- dieses schwarze, hohle Loch ins Jenseits hinüber, durch
+das keiner zurückkriecht, und rauchte am andern End' die Hölle. Wer
+da hinuntersaust am schnurrenden Seil, im zugenagelten Sarg, und dann
+Scholle auf Scholle den Marsch trommelt, bis es stiller wird, dumpfer,
+immer dumpfer, so grabesstill, daß nichts mehr gehört wird in der
+schaurigen Höhle als der Erde blähendes Verdauen.
+
+Droben jagen sich die Ereignisse Licht und Schatten gleich; auf und
+unter geht der Tag, jeder Morgen Frisches begrüßend, jeder Abend
+Gebrauchtes begrabend.
+
+Drunten wartet der Tote auf Erwachen, Wiedersehen, Auferstehen.
+Vergessen von den Menschen, eh' er ganz verfault; vergessen von
+Menschen, die in hysterische Zuckungen verfielen aus Schmerz über sein
+Ableben; denen er alles war, Liebling, Vater, Mutter, Bruder, Schwester
+... Du armer Tor da unten hoffst, die gedankenlose Natur werde sich
+deiner erinnern nach Milliarden Jahren -- die herzlose Natur werde sich
+deiner erbarmen -- die Brüterin der Brutalität -- Natur, die Säugerin
+des Zähen, Starken, die Anbeterin des Lebendigen, die Todfeindin des
+Toten, werde sich verlieben in morsche, längstverweste Knochen? Natur,
+die nur das Neue will und nie ein zweites Mal das Selbe schafft -- die
+Altes nur als Treppe nützt, als Dünger, Mist -- herz- und sinn- und
+zwecklose, sie weiß nicht, was sie tut -- die Experimentiererin, die
+in ruheloser Sucht nach immer wieder Neuem, allerletztem Neuem, der
+Evolutionen hunderttausend-generationenlange Leiter auf und ab hüpft
+-- lawinengleich Systeme rollt, Welten schleift, Sonnen und Planeten
+fegt auf einen einz'gen, riesengroßen Trümmerhaufen -- herrlichste
+Gebilde (der Vollkommenheit so nah um Haaresbreite) zu Scherben schlägt
+wie lose Kinder ihren Weihnachtsskram, und liegen läßt für eine halbe
+Ewigkeit -- Schund und Mißgeburten aber ~stehen~ läßt für eine
+halbe Ewigkeit.
+
+Oder hoffst du armer Tor: ein Gott, der sich um Lebende nicht kümmert,
+werd' sich um Tote scheren? Der keinen kleinen Finger rührt, wenn
+Millionen sich in Qualen drehen, Millionen untergehen; der sich nicht
+finden lassen will, der sich versteckt vor dir -- der werd' suchen --
+~dich~? -- --
+
+~Gottes Acker~ -- welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das
+majestätischer klingt, magischer, ehrfurchtsvoller, hoffnungsvoller?
+Ist es nicht ein Gefühl, als erwache man aus schwerem Fiebertraum
+in Mutters Armen, an Mutters warmer Brust, ein Kind -- und all
+die Schreckensbilder der vergangnen Nacht (Tod, Grab, Verwesung)
+weggescheucht von ihrem Lächeln, Trösten, Küssen, Lieben?
+
+Gottes Acker -- -- Und der Mensch mit seinen Hoffnungen ist der Same
+-- mit seinem Lachen und Weinen, Genießen, Entsagen, Trotzen, Dulden,
+Lieben, Hassen ist der Same. Hier werden seine Tugenden und Laster
+eingebettet, seine Resignationen und Rebellionen. Hier werden seine
+ungezählten, nie erfüllten Wünsche eingeackert -- all die Träumereien
+von Glückseligkeit, die in diesem Leben, ach! aus süßem Sehnen nur zu
+bittern Tränen reifen -- all die Leidenschaften, die vom Maienzug, der
+Schmetterlinge weht auf Honigkelche, bis zum Tornado, der Felsen rollt
+und durch schwarze Trichter Trümmer an den Himmel bläst, des Menschen
+Seele schleifen wie Vandalen den Besiegten in die Sklaverei. All die
+Reminiszenzen tausender Geschehnisse; all die Pläne und Fragmente --
+all die großen und kleinen Sünden und Gebete, die aneinander gereiht
+erdenlebenslange, schwere Kette bilden vom ersten Atemzug bis hierher
+zu diesem Röcheln aus dem Bette dort -- vom ersten Blick ins Licht, das
+die Sonne spinnt durch den Spitzenvorhang (ein Silbernetz um Kind und
+Wiege), bis hierher zu dieser Sterbekammerlampe, die am letzten Tropfen
+saugt.
+
+Gottes Acker -- -- Und da liegen sie jetzt in langen Reihen, ruhig
+die unruhigen Menschlein; im Leben keiner dem andern gleich, hier
+alle gleich; im Leben höchst unbrüderlich, neidisch, egoistisch, hier
+Kameraden auf ewige Zeiten, bescheiden, nachgiebig, unterwürfig. Noch
+hat der Reiche sein Monument von Marmor über sich und der Nachbar nur
+ein hölzernes Kreuzlein. Noch hat der eine Blumenbeete, wohlgepflegten
+Rasen, Buchs und Zaun, von Gärtners kundiger Hand beschnitten, der
+andre nur was ihm die Natur vorübereilend gnädig fallen läßt, Blümchen,
+eingewickelt in ein Büschel Gras. Noch haben Leichensteine ihre Namen,
+Worte, Daten. Ach, wie lang oder kurz, und die Ausgleichung ist auch
+oben wie unten. Zeit und Wetter verwischen die Inschriften, zernagen
+Stein und Eisenwerke -- und die sie setzten, sterben auch.
+
+Mein lieber Leser! Zweifellos hast du schon Kirchhöfe besucht, teils
+aus Zufall, Langerweile, Pflicht, oder gar von jenem unbeschreiblichen
+Gefühl gezogen, das uns Menschen den Ort zu besuchen zwingt, der als
+Haltestation irdischer Laufbahn gilt. Und gewiß hast du dann mehr oder
+minder tiefsinnige Betrachtungen angestellt über die Gegend und ihre
+Bewohner, über das fernere Schicksal dieser Leutchen, das auch dein
+Schicksal werden wird.
+
+Da ruht ein Vater, dort eine Mutter, hier ein Wiegenkind, daneben seine
+Urahne, daneben die geknickte Kraft von zwanzig Sommern. Wie alt sie
+waren am Todestage, wann geboren, wann gestorben, konntest du alles
+am Leichenstein ablesen. Ob sie reich waren oder arm, geschätzt oder
+nicht, das zeigt ziemlich genau die Beschaffenheit und Instandhaltung
+der Grabstätte. Vor solchen Begräbnisstellen, die mit Inschriften
+versehen sind und besucht und gepflegt werden von überlebenden
+Verwandten und Freunden, hat die Phantasie wenig Spielraum zum Malen;
+die Freiheit, im Rätselhaften, Geheimnisvollen jagen zu dürfen, wird
+sehr beschnitten durch die Bekanntmachungen oben.
+
+Das richtige Grab mit allen seinen Mysterien und Schauern ist
+das »~verschollene~ Grab«; das Grab bei der Kirchhofmauer
+oder außerhalb der Kirchhofmauer; das eingesunkene, mit schiefem,
+verwittertem Kreuz und Stein oder mit ~gar keinem~ Abzeichen
+versehene Grab. Vor so einem verwahrlosten, vergessenen, zugedeckten
+Loch stehen -- etwa bei Nacht, oder Abends im Herbst, wenn der
+untergehende Tag, der naßkalte Nordost, der feuchte, schleichende, im
+Gras und Schilf entlang kriechende Nebel, der tiefstehende Sichelmond,
+die sterbende Natur in all ihrem Stöhnen, Röcheln vom Blätterrascheln
+bis zum Uhuschrei im Forst, zum Unkenruf im Moor, zum Sensenklappern
+verspäteter Mähder, Chorus spielt in leerem Haus vor ausgebrannten
+Bühnenlichtern und fallenden Kulissen -- vor so einem verschollenen
+Grabe stehen und nicht »Bruder! Bruder!« klagen -- mit schüttelndem
+Haupt und feuchten Augen und Reue, Reue im Herzen -- »Bruder! wer du
+auch seiest tief da unten -- wie schwer oder leicht die Erde dich
+drückt -- ob du viel oder wenig zurückließest in dieser Welt, oder
+alles, und ein leeres Stück Papier, die Quittung an das Glück, in
+deinem Sarge liegt -- ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein
+Weib, ein Mädchen; vielleicht bist du ein Heiliger oder ein Tyrann, ein
+Mörder oder ein Gemordeter; ach! das ~eine~ nur weiß ich, fühle
+ich: du bist ein Stück von mir. Die gleiche Luft hast du geatmet wie
+ich -- die gleiche Sonne hat dich beschienen, die gleichen Sterne --
+die gleichen Sorgen, Träume, Leidenschaften haben dich gequält, und
+Freiheit dich geneckt, und diese Erde, einst dein Spielplatz und der
+meine jetzt, zieht uns beide niederwärts.. .« Stehen vor so einem Grab
+und der Toten Mahnen und Gottes Stimme überhören können -- es kann
+nicht sein.
+
+Mein lieber Leser! Willst du mir folgen? Ich führe dich zu einem Grab,
+so verschollen, einsam; so wenig besucht, gepflegt; so wenig geweint
+und gebetet wird vor diesem versunkenen Hügel ohne Namen, wie du wohl
+nie in deinem Leben ein zweites Grab gesehen haben wirst; und ach! das
+arme Herz, das da mit rauhen Steinen zugeschaufelt liegt, hat's nicht
+verdient. Kaum zwanzig Monate sind es her, daß ich es zum ersten und
+letzten Mal besuchte. Damals schlängelte sich ein Fußsteig an jenem
+Grabe vorbei über den fichtenbewachsenen Hügelrücken; der Pfad ist
+heute wohl verwachsen und verschwunden. Damals bezeichnete ein mit der
+Axt gezimmertes Kreuz die Stätte des Todes; heute ist das Kreuzlein
+wahrscheinlich umgestoßen vom Schneewehen, Sturmeswehen oder von
+Bären und grasenden Büffeln. Damals war seine Umgebung eine Lichtung
+im Wäldchen, spärlich mit Unkraut bewachsen; ~das~ kann wohl
+geblieben sein; auch die sechs runden Steine mögen dort liegen, die
+geordnet ein Kreuz bilden sollen.
+
+Und -- -- noch einmal, willst du mir folgen, lieber Leser? Der Weg
+ist weit, wild, steil (gebe Gott, nicht abschreckend); vielleicht ist
+er langweilig; vielleicht gereut es dich, ihn angetreten zu haben;
+vielleicht mußt du weinen, schon auf halbem Wege. Aber dessen bin ich
+sicher: bist du dort, der Lohn ist die Mühe wert; denn jede Träne, die
+wir unsern Toten weinen, jede Blume, die wir streuen, jedes Lächeln
+im Gefühl des Wiedersehens, jeder Blick, der tief und langgezogen
+teure Bilder der Vergangenheit aus ihren Gräbern saugt -- ach! Brüder,
+Menschenbrüder! jeder Gang und Schrei und Krampf der Seele -- mit
+~Schmerzen~ nur erwärmen wir den kalten Puls der Körperwelt --
+auch die Allmacht spürt Grenzen ihrer Mittel, das einzige, womit sie
+Tote auferwecken kann, ist: (viele nennen's Liebe, Sympathie), ist: der
+~Menschen~ himmelstürmend Sehnen.
+
+
+
+
+ Bellevue-Hospital, Neuyork.
+ 25. August 1900.
+
+ Schwester!!
+
+Jetzt ist es geschehen! -- Was? -- Das Langgefürchtete,
+Unausbleibliche: meine Hand liegt abgesägt in der Maschine -- die linke
+-- und die rechte kann der Lebensgefährtin Verbluten nicht stillen.
+
+Schwester! Ich weiß, es ist grausam unvorsichtig, Dich so zu
+erschrecken, ohne Wahl der Worte, ohne Milderung im Ausdruck Dir die
+Schauerbotschaft zu schicken; aber Worte können meine Verzweiflung
+nicht mildern. Ich bin ruiniert, verloren, ein Krüppel; ich bin
+arbeitslos, hoffnungslos arbeitslos. Zwanzig, vierzig Jahre soll ich
+mit den mir noch übriggelassenen Knochen weiterleben ohne die Mittel
+zum Leben, ohne Arbeit. Was soll jetzt werden aus mir, aus meinem
+kranken, armen Weib, aus meinem Kind?! Die einzige Antwort, die mein
+fieberndes Gehirn mir gibt auf diese Fragen, ist Schweiß in kalten
+Tropfen.
+
+Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen -- früh -- gleich;
+es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert
+zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die
+Dampfpfeife ihren Schrei in die Morgenluft hinausgekrischen und die
+Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte
+auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung -- die
+Bandsäge -- diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde,
+hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding
+blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem
+Vorgänger den Daumen abbiß; wie es ~seinem~ Vorgänger vier Finger
+amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand
+zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt
+diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal
+auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich
+erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die
+Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!!
+
+Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum.
+Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das
+ist wohl das Wahrscheinlichste -- ja, so ist es -- ich glitt auf dem
+glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und
+mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge -- und dann? -- was? --
+ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein
+Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken --
+mich verrückt machend -- in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah
+Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles sich drehen, ringeln,
+überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in
+die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen -- meine Hand! Ich
+sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich
+lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet
+sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert
+Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben
+mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder,
+spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken,
+Handtüchern, Taschentüchern -- --
+
+Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im
+Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten
+Hand -- Tom arbeitslos -- Tom ein Krüppel, Bettler -- Toms Zukunft
+ruiniert -- Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm,
+entfremdet -- das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all
+das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren -- verloren --
+verloren.
+
+Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge,
+die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine
+Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!«
+-- Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich
+los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung -- dann wurd's
+Nacht.
+
+Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich verkrüppelt wurde,
+erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht.
+
+O, wär' ich nie erwacht!
+
+Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht
+mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; --
+essen, trinken, atmen -- aber nicht denken. Ich werde zum Tier.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 27. August 1900.
+
+ Schwester!
+
+Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große
+Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir.
+
+Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein
+werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet,
+so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat
+mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde
+ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut
+verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde,
+zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch
+meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen -- und leerem Magen.
+Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts
+-- sogar mit einem Anflug von »Sehr«.
+
+Was doch die Umgebung aus dem Menschen machen kann; ~alles~. Man
+schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's;
+rasend schnell, wenn der Kurs paßt -- langsam, wenn es gegen das Wollen
+ist -- aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt.
+
+Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie
+neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um
+mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger,
+höher, bequemer; ein ~Saal~ gegenüber dem engen Stübchen, das ich
+jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich
+nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin
+mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; -- aber -- --
+Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen
+in mir -- noch tat er's nie -- er wäre das Schurkenstück meines
+Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin
+im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen,
+Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer,
+der fürchterlichste Kumpan -- die Reue. Ich war immer ein Mustergatte
+gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß
+wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich
+schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß
+Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide
+Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung
+dieses Engels brennt mich wie Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva
+mich besuchte in Bellevue -- mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager
+und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom!
+armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte
+meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre
+Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn -- -- O Schwester! wie weh
+tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt
+in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt
+im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen
+»Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen -- und husten sehn, und
+denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird,
+daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt -- unbemerkt.
+Was ist ~ein~ Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo
+Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen?
+
+Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen.
+Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein
+Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die
+Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren
+Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche
+Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht
+aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht
+geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf dem Papier
+herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke,
+Spitalkrüppel -- oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in
+die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander,
+bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus
+meinen Zeilen.
+
+Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil
+ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? ~Der~
+Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten
+Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im
+Kirchhof; ~der~ Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel,
+aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes
+an; er nickt mir zu -- ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf -- ich
+auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm -- ich ihm den
+meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir
+-- ich auf sein's.
+
+Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? -- Die Augen
+schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief -- und fort!«
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 28. August 1900.
+
+ Mein Bruder!
+
+Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder!
+Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein
+grenzenloses Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! -- So gut,
+brav, fleißig, bescheiden -- ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an
+Dir -- und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott!
+
+ * * * * *
+
+Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf.
+Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende,
+todwunde Herz.
+
+Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und
+~so~ will ich ~Dich~. O, welche Gnade, welche Kraft es dem
+gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der
+des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung.
+
+Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt,
+der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze
+Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!«
+-- Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt
+ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen,
+Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz
+zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die
+Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum
+Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie -- die Religion. Ich weiß, Du
+lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es
+versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen ~müssen~. O,
+ich sage so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch
+schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das
+Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge
+Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich
+»Vaterunser« gibt.
+
+Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als
+wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses,
+hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist
+hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht
+helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in
+Neuyork -- und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist
+Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in
+Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele --
+die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet
+werden -- auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut
+den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann
+Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein
+eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele
+ist Gott -- geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen --
+~gefühlt~! Geh in Dich, ~bete~. Was ist das Dasein ohne
+Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne
+Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster
+Intelligenz zum Segen aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es --
+der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig
+sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es
+begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung,
+Glauben -- und das ist viel -- wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber
+Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du
+bist kein rettungsloser Mensch -- nur ein wenig locker im Glauben, ein
+wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen,
+der Rätsel, die wir nicht verstehen.
+
+Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen.
+Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang -- und wenig leichter. Aber
+Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester.
+Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder
+lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das
+Papier geht aus. Der Brief ~muß~ fort. Gott sei mit Dir und Deinem
+Weib und Kind. Amen!
+
+ Jennie.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 1. September 1900.
+
+ Teure Schwester!
+
+Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen
+emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche --
+mehr als das tägliche Brot -- Mut zum Leben. Daß ich den mir holen muß
+beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. -- --
+-- Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas
+Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank!
+-- --
+
+Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich.
+
+»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende
+Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle
+gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend
+ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als
+die größten kennt.
+
+Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner
+Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft
+überwältigend. Ich werd's versuchen -- beten. Die alte Schule noch
+einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe
+riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's
+versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft -- ich versuche mein
+Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach,
+wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber
+ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung,
+Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos,
+nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und
+gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein Dankgebet
+sein anstatt -- -- Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange
+genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts
+gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt -- betteln
+an der Pforte, die er gestern anspuckte -- und Gott ist unendlich
+nachsichtig.
+
+»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre
+oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser
+hat man vergessen -- halb. Den Glauben -- ganz. Die Hoffnung ist
+verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz
+und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt
+nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott.
+Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe
+suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans
+Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als
+den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst
+mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung.
+Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine
+Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr,
+das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um
+Erlösung schreien -- aber ~mich~ höre. Es gibt Geschöpfe, die
+keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können -- aber ~mich~
+zuerst. ~Mich~, ~mich~, dann wieder ~mich~ und immer ~mich~!«
+
+Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern. »Vaterunser!« werde
+ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein
+Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« -- --
+
+O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen
+die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die
+Metzgerei, die Messerschleiferei -- -- armer Tom! -- --
+
+Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert?
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 5. September 1900.
+
+ Teure Schwester!
+
+Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden.
+Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes,
+seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager.
+Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die
+Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir,
+während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über
+die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den
+Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so
+mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen
+schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen
+Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich
+herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat,
+und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei
+einrichten.«
+
+So weit meine Eva, jetzt höre ~mich~. Also, Wäscherei einrichten!
+-- Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am
+Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen;
+hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu
+ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich
+anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage
+noch ~auf~ und nicht ~unter~ dem Pantoffel. Der Waschkübel
+ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre,
+und -- die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt
+werden bis dahin.
+
+Ja -- bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege
+im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich
+schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und
+mühen in der Küche nebenan -- aber behilflich sein kann ich wohl noch
+lange nicht, und dann auch nur mit ~einer~ Hand.
+
+Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen
+-- Eva -- Bertie -- Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September.
+Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe;
+ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und
+Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern
+soll am Waschbrett -- -- Schwester! das ist ein Stich ins Herz, das
+brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen
+die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je
+verzeihen werde.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 9. September 1900.
+
+ Liebe Schwester!
+
+Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am
+Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte
+mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen
+zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt,
+Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber
+forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor
+loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die
+wahre, unverfälschte Erlösung.
+
+Nach dem Mittagessen -- jetzt kommt der Generalbericht des »guten
+Tages« -- versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem
+Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von
+der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich
+plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte
+einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich
+mich durch; aber dort -- hm! -- ich bin noch immer wackelig, und die
+Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist ~links~ beim
+Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu
+atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner
+überängstlichen Eva -- und ~rückwärts~schreitend ging ich die
+Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber
+komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. -- Ja, ja, liebes
+Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten
+Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an
+mir vorbei.
+
+»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung
+mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister
+Pratt!«
+
+So kam ich denn schließlich hinab -- hinaus -- und heraus. -- -- O
+Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der
+Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt.
+Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die
+dicke Luft. Die arme Erde -- ein Pflasterstein auf jedem Grashalm.
+Bäume -- Sträucher -- Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von
+des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt;
+Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie
+pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen
+gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem
+Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen --
+alles dampfend, rauchend, qualmend -- die Hölle für Tausende. ~Und
+doch~ bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein
+dürstend Herz zu tränken mit Entzücken.
+
+Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und
+gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur
+Hoftür.
+
+Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in
+der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch
+drei für dich und Mama.«
+
+Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe
+stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und
+lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends
+bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 12. September 1900.
+
+ Bruder!
+
+Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen,
+daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu
+gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins
+alte Lager, in Deine Brust.
+
+So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt,
+dann -- nun ja -- es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt
+Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt und
+hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum
+also verzagen? -- Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können
+oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat
+Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu
+trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' ~wieder~ was unrecht.
+Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden -- eine
+heilige, tiefernste Mission ist unser Leben -- ~Seelen zu reifen~.
+
+Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand
+zu verlieren, daß -- -- -- Nein, ich will Dich nicht schelten, armer
+Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest -- aber nichts
+mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen.
+
+Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier
+ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten
+kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo.
+Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist
+weit und reich.
+
+Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich
+umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße,
+ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das
+aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und
+nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum
+Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett.
+
+Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir
+habe -- geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst,
+geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische;
+Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt
+über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die
+jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und
+der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern -- sonst
+wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die ~Umgebung~, die
+den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen
+haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den
+sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im
+Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht,
+bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist
+ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso
+notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor
+diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater -- und Narren raten
+besser.
+
+Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa -- zum Peter.
+Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und -- leid tut's ihm,
+daß sein Schwager Tom -- -- und so weiter. Wenn's dem ~Peter~
+leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut -- Bruder, Du kannst
+Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig -- es ist sein
+Alles. Zehn, zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen,
+heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen,
+schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere -- Todesgefahr vor
+Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen -- Leichen sehen -- nicht im
+Sonnenschein und Blau der Oberwelt -- in schwüler, fauler Grubenluft,
+Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd.
+Mitleid aus ~solcher Tiefe~, Bruder, das ist der Menschenseele
+ungekünstelt reinster Ton. -- Also, dem Peter tut's leid!
+
+Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in
+Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald
+eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine
+magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und
+sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich
+möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter
+jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben -- --
+
+Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ...
+
+Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke
+ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir
+aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut
+zügelloser Gedanken?
+
+Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem
+Schulkameraden Dick Teller. Der geht auch herum den Arm in der
+Schlinge -- und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum -- der
+liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide
+beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein
+Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns,
+und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt
+sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten.
+
+Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es
+scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die
+Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen --
+wir bekommen sie geschenkt.
+
+So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten,
+rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn
+ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar
+nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie
+viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend
+Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis
+zu Dir nach Neuyork!
+
+Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's
+wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. -- Gutes Kind!
+
+ Jennie.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 17. September 1900.
+
+ Liebe Schwester!
+
+Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der
+Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern,
+wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen,
+vielleicht zu langen Brief.
+
+Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der
+Kirchenschwelle, war -- Heimweh; und so überwältigend war es, daß
+ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich
+plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die
+Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte
+leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend
+andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes
+Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter
+Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine
+Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue
+Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere
+grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur,
+Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum.
+Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte
+den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der
+Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher
+zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch
+ein Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen
+hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den
+Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos -- mit
+tiefstem Menschenelend als Gesellschafter -- ein Sünder vielhundertfach
+-- ein Gottesleugner und Spötter -- ein Bettler, den Verzweiflung
+zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte
+mit Spott und billigen Sarkasmen -- so kniete ich, zwischen Gott und
+mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich
+um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende;
+reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme -- aber keinen so arm wie ich.
+Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen -- ich nicht. Alle konnten sie
+glauben -- ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten -- ich nicht.
+Was tu' ich hier? -- Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden
+ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein
+Eigentum wieder, ich hab's verloren -- meinen Kinderglauben.
+
+Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum
+füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die
+Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng
+verflechtend zu eins. Mein armes Herz -- das letzte, wenn ihm alles
+fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf -- blutete -- blutete.
+
+Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener
+in des Körpers Kerker -- wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann
+fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt
+mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt
+zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure
+Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus,
+die Hütten der armen, schlichten Leute -- dort die Hütte der Jennie;
+zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im
+Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat
+er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert
+er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne
+überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein
+blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs.
+Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine
+heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die
+Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« -- »Hier
+ruht« -- -- Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr,
+ohne gelebt zu haben. -- Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und
+undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein
+Licht auf und zeigt -- -- --
+
+O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer,
+Elend, Sorgen, gelitten in der ~Heimat~? Was ist an Mutters
+Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind,
+~nicht~ in Schlummer geküßt, weggerissen von der Mutter? Was ist
+Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im
+Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt?
+
+Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum
+verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester
+sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch
+auf -- und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit
+Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn
+niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft.
+Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß
+aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen.
+
+Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der
+Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete,
+räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es
+glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst
+Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam
+drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer
+begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten.
+
+Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was;
+einerlei).
+
+Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi.
+
+Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag.
+
+Am Samstag noch einer.
+
+Am Freitag sowieso.
+
+Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind
+vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder.
+
+Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug
+196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am
+vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22
+Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent.
+710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent.
+Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde,
+besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten,
+das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!«
+schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners.
+
+»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für
+alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine
+Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben
+bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die
+Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute
+das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen
+Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben
+Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst
+zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent
+und 1 Dollar.« Und so weiter. ...
+
+Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren
+war verdampft wie Spiritus im Rinnstein -- nach solcher Zahlenschlacht
+am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib
+sorgen.
+
+Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das
+Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom
+Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel
+noch aus meiner Schulzeit.
+
+Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf
+und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in
+einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich
+erhitzt -- besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste
+Turnschule.
+
+Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem
+Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse
+Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz
+und Salz. -- Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu
+verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen
+und ~mir~ den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und
+bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt.
+Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren,
+lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich ~nicht~, noch
+sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren.
+Ein Leerer kann höchstens Taschen leeren. Ein Leerer kann aber
+gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit
+Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird
+der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert
+dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist
+ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend;
+aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die
+Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt
+mein Blut ins Kochen.
+
+Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos -- wie ein
+virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit
+dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt
+sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als
+Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen,
+hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren
+fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre
+ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu
+werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich,
+aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist
+zum Zähneknirschen für Engel.
+
+Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher
+Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis
+hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann
+der Redner steigen und fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der
+Wirbelsturm die losen Blätter. -- Offenbar kannte der geistliche Herr
+gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren
+Gurken, Spinat und Linsen.
+
+Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen
+begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere
+langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau
+über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. ~Ich~
+betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland
+dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend
+Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität
+triumphiert. Armer Jesus!
+
+Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und
+berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten
+und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben
+hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle?
+-- Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit
+Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen -- und
+dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich
+krummen Schuhen.
+
+Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch
+mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt.
+Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel der Heilige
+vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie
+viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie
+ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch
+aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben.
+Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit
+gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz),
+und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert,
+behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel -- allein. Ja, ja,
+allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das
+sie hier umtoset, rettet diese Selige -- wen? -- ihr liebes, teures
+Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer
+Kinder, ihres Gatten untersinkt.
+
+So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen),
+ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender
+Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend.
+Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und
+löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den
+~heiligsten~ Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater,
+der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er
+Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt -- dem sein Bild sah
+ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter
+Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren.
+Ganz oben, links, im vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem
+»Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt,
+des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche
+hineingeblasen wurde.
+
+Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt
+überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's
+paßt.
+
+Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig,
+rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins:
+Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten,
+zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet
+Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen,
+daß Geld Teufelszeug wäre; -- und das ist wohl der Grund, warum die
+Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat
+sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug!
+
+Amen! -- Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's
+gewährt. Herrgott! bist du genügsam.
+
+Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen,
+krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie
+es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir
+gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu ~machen~;
+-- ob ich's aber ~tragen~ kann mit einer? -- Barmherziger! warum
+hast du mich so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus
+mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße
+und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich
+schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.«
+
+Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's!
+Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist
+der armen Seele Himmel.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 23. September 1900.
+
+ Lieber Bruder!
+
+Ich bin Dir zwei Briefe schuldig -- hier ist ~einer~:
+
+Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast
+Du, he?
+
+Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen
+entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu
+kritisieren -- man geht in die Kirche, das ~eigene Selbst~ zu
+kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock,
+Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen -- man geht in die
+Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem
+Sünder gnädig!« -- Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark
+und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf
+irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte hinüberlangen
+jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken
+wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte
+Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher,
+hoffnungslos verwilderter Sünder -- Du fürchterliches Ding Du! -- Ist
+das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr
+zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem
+Vater -- die Schweine mitbringen -- die Säu' hereinlassen zum Gastmahl,
+daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt?
+
+So, das ist Brief eins -- jetzt kommt zwei:
+
+ * * * * *
+
+ Mein lieber Bruder nebst Familie!
+
+Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine
+Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen -- jede
+Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an
+Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir
+oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief
+sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen
+-- tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber
+bin -- o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos
+sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es
+den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen
+Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen, aber keines alles?
+Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner
+gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange
+vor der Möglichkeit einer Lösung.
+
+Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du
+Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen
+Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die
+guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen
+Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast
+Du zuerst und am längsten ~verloren~ und wirst ihn so leicht nicht
+finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem
+Winkel der Seele.
+
+Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der
+Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers.
+Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei
+so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde.
+
+Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin
+eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte
+wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen
+können und mehr aristokratisches benützen können -- Adler, Hirsche,
+Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts
+gemein haben, der Bettler ist. Du hast recht, wenn Du behauptest in
+einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!«
+
+Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden
+für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein
+stolzer Bruder!
+
+Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er?
+Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann --
+sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben,
+und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern.
+
+Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube,
+ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der
+Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne
+zum Betteln für -- andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich
+sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch
+noch möglich -- und all diese Talente ziehen stark bei den Herren.
+Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie
+mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz
+wieder, und die Herren bekamen ~auch~ was -- das Nachsehen -- denn
+Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven
+Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall.
+
+O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde
+Zeit, die ich mir aussuchte von den vierundzwanzig, ist verbraucht
+mitsamt der Nasenspitze der folgenden.
+
+Bruder! meinen Segen Euch allen.
+
+ Deine Schwester.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 27. September 1900.
+
+ Liebe, gute Schwägerin!
+
+Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut
+bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den
+Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann
+nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so
+schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn
+man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann
+denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht.
+
+Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie
+ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es
+sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit
+Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet.
+Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am
+Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich
+schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut
+haben und das hat mir weh getan, weil Tom so viel leiden tut und nicht
+einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt
+und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr
+Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und
+sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig
+gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig
+daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst
+steht das Herz still.
+
+Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er
+nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt.
+
+Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe
+schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief.
+Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt
+um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich
+Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen.
+Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter
+in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis.
+Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe
+schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal
+amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch
+aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat
+uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn
+ich sterbe ich will Dich und Tom und Bertie und Elsie und alle von
+Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel
+beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den
+Brief.
+
+ Deine treue Schwägerin
+
+ Eva Pratt.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 1. Oktober 1900.
+
+ Teure Schwägerin!
+
+Gute Seele! Du kannst also doch auch Briefe schreiben, und schöne,
+herzige Briefe. Ich spotte nicht. Ich meine es ernst und ehrlich, Dein
+Schreiben hat mich tiefer ergriffen als die längste Predigt -- und
+nebenbei mein Urteil über Dich verworfen. Denke Dir, Schwester! ich
+wußte nie, daß Du schreiben und lesen kannst. Hätte ich das gewußt,
+wie oft würde ich Dir geschrieben haben -- Intimes, Heimliches, unter
+Frauen so -- Klatschiges -- Du verstehst mich.
+
+Der unflätige Tom ist aber schuld an diesem Mißverständnis -- ich nicht
+-- wahrlich nicht. Dann bist du selber, liebe Eva, auch ein ganz klein
+wenig schuld, daß ich Dich so verkehrt beurteilen mußte. Fünf Jahre
+lang bist Du meine Schwägerin und nie, nie hast Du mir eine Zeile
+geopfert. Dein Mann so oft, und Du nie. Nicht ~einmal~ hast Du
+meine zahlreichen Grüße und Glückwünsche (persönlich an Dich gerichtet)
+beantwortet, und die ganze Sache, als wäre sie Dir keinen Federstrich
+wert, Deinem teuren, treuen, anbetungswürdigen Herrn Gemahl, Deinem
+Götzen überlassen.
+
+Wahrhaftig, das macht mich jetzt so wütend auf den Tom, daß ich -- --
+jawohl, ich tu's -- hier gleich -- sofort fang' ich an und reiße ihm
+die Maske vom Gesicht und Dir, unglückliches, verblendetes Weib, den
+Schleier von den Augen. Ha! ich besitze Deines Gatten sämtliche Briefe
+seit seiner Abreise von Pilot Knob -- und somit auch den Brief, worin
+er Dich als seine »Zukünftige« schildert. Hier ist er:
+
+ St. Louis, den -- --
+
+ Teure, herzensgute, einzige Schwester!
+
+Ich bin Dir -- -- und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen).
+Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind ~wieder~
+zehn -- macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier
+und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen
+Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig,
+eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein
+Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender,
+weißglühender, alles schmelzender Liebe! -- Sie ist ein Modell des
+weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu,
+scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an
+der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen,
+muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden
+seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther,
+vom Baum springend auf das ahnungslose Opfer. -- Sie ist das Modell
+einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes
+leicht glaubend, Böses nicht begreifend. -- Sie ist das Modell eines
+fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben
+-- über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern -- ~ergeben~
+muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit
+diesem Engel Eva.
+
+Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu
+Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen,
+ich ging' beschwören, es ~habe~ keine Schattenseiten, sondern
+überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar,
+leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes
+Ding der Welt.
+
+Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr -- -- jetzt
+kommt der tiefste Schatten -- ach, er lastet wie die Winternacht ihrer
+nordischen Heimat auf diesem Maienbild -- Eva ist ungebildet. Sie hat,
+fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte
+ich -- schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott
+erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen --
+anstatt zur Schule. Wer ist schuld? -- Und so weiter und so weiter.
+
+ Liebe Schwägerin!
+
+Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest
+weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der
+Korrespondenz, wie ich sie führe und liebe. ~Er~ ist es! Bezahl
+ihm's heim! -- Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel
+treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen,
+daß er eine Teilung fürchtet mit seiner ~Schwester~, auf tausend
+Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht --
+die schwarze, gelbe, grüne!
+
+Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine
+Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief
+erhalten von Jennie -- und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief
+von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft -- -- Ach! Hier
+fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand.
+
+O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin!
+Vater, Mutter verloren -- die Heimat zweimal verloren -- das
+heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren -- dann Gesundheit
+verloren -- und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück
+das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet,
+Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir -- -- --
+
+Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir ~später~
+schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und
+schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und
+Deinen Schützlingen.
+
+ Jennie Daly.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 5. Oktober 1900.
+
+ Liebe Schwester!
+
+So -- so -- hm! -- Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit
+Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter.
+Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, ~errät~ Bertie. Daß er
+seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden.
+Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht -- und mein Vater
+die seine ebenfalls nicht -- und wenn die »Pratts« (nach Darwin)
+vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den
+Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden.
+
+Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann
+und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem
+Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann
+hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.«
+
+»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn
+Mama dir's verboten hat?«
+
+»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage,
+Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's
+sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll
+nichts sagen, aber alles sagt er.«
+
+Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse
+eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft.
+
+»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die Sache ruhen; nur ein
+klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja
+verzeihlich.
+
+Du treue, gute Seele! -- »Mann und Weib sind ein Leib -- und eine
+Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden
+Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich
+von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat.
+
+Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die
+Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll
+Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«.
+
+Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter
+Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen.
+Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an ~Dir~,
+Schwester, ~später~ bei Gelegenheit) an meinem -- hinterlistigen
+Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis
+preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen
+hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben.
+
+Also -- Verrat Nummer eins.
+
+Es war vor etlichen Wochen -- genau das Datum weiß ich nicht --
+ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm,
+mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie
+Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe.
+So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als
+ich bald wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es
+konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie
+fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der
+Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte
+ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und
+wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute,
+wie Schluchzen, Stöhnen -- sogar Küssen.
+
+Ich bin ein ~Mensch~. Trotz des Blutverlustes der paar
+vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen;
+und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig
+werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett -- -- Sapperment! ich
+wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster
+nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen,
+diesen Ohs und Ahs!
+
+Plötzlich -- -- sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so
+mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht
+beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich
+sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das
+immer dort gehangen hatte, es war fort -- verschwunden -- und die ganze
+volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele.
+
+Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind.
+
+So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein
+Bett zu verlassen. Vorsichtig, mich festhaltend an Bett und Wand,
+wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr:
+Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem
+Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald
+weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig
+gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht -- im Profil so
+unsäglich überirdisch, marmorgleich -- die scharfe, dünne Nase -- das
+scharfe, dünne Kinn -- die merkwürdig tiefen Augen -- ich hatte Angst,
+das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ...
+
+»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie!
+Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes
+Engelchen? -- Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die
+Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel -- sehr gern im
+Himmel. Kind!!«
+
+Das letzte Wort wurde geschrieen -- die vorhergehenden gestöhnt in
+Grabestiefe -- abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und
+einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger
+Schwalben im Nest.
+
+Gott der Mutterliebe!
+
+Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama
+liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist
+krank, Elsie -- sehr krank -- Papa und Mama werden bald kommen -- Mama
+kommt gern -- Papa kommt auch gern -- Bertie will noch spielen, dann
+kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder -- alle. Wie lieb hat
+Elsie Mama? ~So~ lieb -- ~so~ lieb!«
+
+Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte
+Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und
+Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen -- vom Marmor
+auf das Glas.
+
+Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen!
+
+Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür,
+aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich
+die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte.
+Also oft -- oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt.
+
+Ich schlief ein.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 15. Oktober 1900.
+
+ Liebe Schwester!
+
+Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft
+mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben -- wie alles, was man
+wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter.
+
+Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte,
+versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit;
+und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl, daß man
+zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es
+kommt!
+
+O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so
+schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den
+Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots.
+Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der
+Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther,
+schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach
+dort oben -- Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung -- und die
+Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der
+Menschheit, küßte die Millionenstadt.
+
+Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des
+pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und -- der Wind füllte
+seine Augen mit Wasser. -- --
+
+Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel
+bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die
+Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine
+Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so
+herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen
+paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen
+-- Enttäuschung.
+
+Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand
+ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit.
+
+Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am
+Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein
+bestes Gewand, Halstuch, Gesicht -- sein Bestes hinten und vorne.
+Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße
+hinab nach dem Fährboot. Hinab -- hinab, aber so majestätisch, daß es
+geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends,
+auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert,
+in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das
+Gleichgewicht wieder her!
+
+Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In
+Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen
+Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat
+Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn.
+
+Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier
+liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er
+bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die
+Firma -- wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren --
+arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib
+und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen!
+
+Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der
+Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend
+oder neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich,
+unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie
+eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die
+Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender
+Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der
+Stock -- Toms Bettelstab.
+
+In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls,
+schier abrutschend vor Bescheidenheit -- und Angst -- und bettelte
+alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung.
+
+Und -- wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie.
+Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir --
+~Hoffnung~, mich unterbringen zu können, irgendwo -- nicht gerade
+in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo -- wahrscheinlich
+-- möglich -- allem Anschein nach -- immerhin -- kann ja sein -- so
+oder so -- wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte.
+Hoffentlich.
+
+Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich
+meiner!«
+
+Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der
+Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir
+unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen
+Anstellungen, die nur eine oder gar ~gar~ keine Klaue besaßen.
+
+Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der
+Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du kannst schreiben, rechnen und
+kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz
+kriegen als Wächter« und so weiter.
+
+Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein
+Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich
+zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber
+dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft.
+
+Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher
+stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der
+Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung
+~gegeben~ -- und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten.
+
+Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite.
+Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost,
+doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er
+schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die
+»Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens
+gleich. -- Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die
+Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei
+mit seinem Hauswesen -- ~das~ sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich
+diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er
+machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit
+ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also ~das~ hat
+dem das Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort
+oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! -- Aber -- hm --
+so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar
+so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß,
+soll's der andre bekommen.
+
+Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen -- hoffentlich.
+Im Glauben ging ich hinein -- in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein
+Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last.
+
+Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles,
+was ich erbetteln konnt'? Ooo! -- Am Sonntag noch war ich zur Meß
+gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum
+Vater der Armen, mein Weib betete.
+
+Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos,
+daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich
+zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge
+zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich
+beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand
+groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer
+Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet.
+
+Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht
+fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken
+war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine
+Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche Schnorrerei muß ich
+erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen --
+und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das
+hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt
+ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter
+Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken -- es könnt'
+ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine
+Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der
+Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die
+Verwandlung ist fertig!«
+
+Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht
+ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.
+
+Wohin jetzt -- zuerst? -- Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße
+brachten mich auch nicht näher gen Himmel. -- Wohin jetzt? -- Langsam
+schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos --
+zwecklos.
+
+An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine
+Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete
+mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir
+ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine
+Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug
+einen Lumpensack, so groß wie -- -- pah! warum meinen Humor vergraben,
+eh er stinkt -- raus!! -- -- die trug einen Lumpensack so groß wie
+der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug
+falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener,
+der trug einen falschen -- nein! einen aufrichtigen -- nein! einen
+beneidenswerten -- ja! Rausch.
+
+Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime
+Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf
+dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! ~Tragen~ ist
+die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen -- jeder, jede,
+jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt
+den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das
+Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat
+muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die
+Krone tragen; und ich -- die Verzweiflung.
+
+An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und
+das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von
+Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen
+Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der
+Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele
+nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den
+Brustkorb -- das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt -- gelt,
+Bruder Mensch, das hält dich kalt.
+
+An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der
+andern, und alle waren sie sperrangelweit offen. Schräg über sah ich
+eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem
+festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der
+Schnapshöhle geworfen -- und hier nicht hereingelassen.
+
+Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in
+jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger
+fronen.
+
+Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen
+Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik
+Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen -- anstatt Hände und
+Gewissen.
+
+Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem
+Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer
+als Jesus Christus, und heute -- bist du ein Heros außer Arbeit. ~Ich~
+bin ein ~Feigling~ außer Arbeit; aber ich werde begraben und dann
+vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.
+
+Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend
+arme, arbeitsslose Menschen und -- warten auf den Messias. Wären
+~mehr~ Parkbänke da, dann säßen ~Zehn~tausende fest und
+warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den
+Messias.
+
+Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich
+dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über
+sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel unter
+sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum
+Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das
+sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im
+Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott
+geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder
+sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich
+spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher
+und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich -- und ganze
+Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen.
+Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen
+verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach
+Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten
+schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht,
+aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein
+Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.
+
+Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das
+Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie ~das~ Schiff den
+Hafen finden kann -- das seh' ich nicht.
+
+Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des
+Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im
+hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung -- das seh' ich.
+
+Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber.
+Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum
+Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen -- das seh'
+ich nicht.
+
+Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen,
+ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer
+dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut,
+Menschenelendsgrenzen -- das seh' ich.
+
+Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum,
+Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram,
+Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer,
+Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis
+herab zum geilen Rattenfänger -- und Pferde, mehr im Wert als
+tausend Arbeitswochen eines armen Tom -- sie alle führen hier ein
+Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und
+Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte
+Vieh. Aber ~eine~ Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen
+Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer
+armer Leute geweint -- das seh' ich nicht.
+
+ * * * * *
+
+ Schwester!
+
+Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des
+Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere,
+wenn ich allein gelassen bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir,
+mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.
+
+»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe
+Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der
+liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so
+eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes
+Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige,
+Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß.
+Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit.
+Vater unser, der du bist im Himmel.«
+
+O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.
+
+~So~ darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 22. Oktober 1900.
+
+ Meine Schwester!
+
+Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben -- und das ist
+vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit
+stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den
+Dämpfer auf.
+
+Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß
+ich mich ändern muß -- total ändern. Nicht reformieren, sondern
+revolutionieren muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament
+wenigstens, auf das sich bauen läßt.
+
+Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft
+schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig
+Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen
+Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die
+meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher
+Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es
+geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem
+früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die
+Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz,
+den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste
+Segen. So geht's.
+
+Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er
+kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden
+Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel
+aber -- der Himmel helf!
+
+Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück
+soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das
+Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde
+soviel Geduld gebären -- eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee
+bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und -- selber angreifen. Jeden
+Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber. Kommt
+das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag'
+ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und
+glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam
+eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das
+lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.
+
+Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus,
+von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab,
+den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer
+Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist
+einträglicher als -- -- ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den
+Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.
+
+Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern
+ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der
+Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung
+besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das
+Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist
+also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das
+Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung
+füttere -- es schleift mich fort am Halfter.
+
+In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende
+Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu
+schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf die
+Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß
+das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf
+seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die
+Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker
+das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er
+sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall
+lockt damit.
+
+Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem
+billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der
+Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's
+beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas
+stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen
+Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und
+Schweinefüß'.
+
+Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich
+erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern,
+die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte
+am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses
+Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als
+Bezahlung.
+
+Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie)
+Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen
+Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.
+
+Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich
+finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage
+ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal
+verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal
+waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei
+lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden,
+Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine
+Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere
+hinten.
+
+Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings
+bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends
+heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen ~später~ wahnsinnig
+-- und das ist auch was wert.
+
+Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein
+Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle
+ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe
+jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer
+Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und --
+'raus mit dem Bock! --
+
+So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!
+
+Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat
+besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die
+unruhige Seele, so ohne Salz und Schmalz -- -- aber ich will nicht
+murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche
+Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein
+toller Stier -- aber Tom ist nicht verrückt.
+
+Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr
+Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen
+von Dreck -- wir werden nicht verhungern.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 3. November 1900.
+
+ Teure Schwester!
+
+Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur
+Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine
+Familie, dann -- brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat
+er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als
+er hungrig wird beim Fasten.
+
+Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über
+den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten
+kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann.
+Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen
+Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der
+Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen
+Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf er vor dem Unglück
+bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder
+nagendes Gewissen.
+
+Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich
+aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig
+ist oder kein Krüppel.
+
+Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete
+meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?«
+frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir
+keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben
+retten kannst du auch nicht -- -- aber stehlen kannst du -- stehlen --
+sogar schwören, einen falschen Eid schwören -- einem reichen Protzen
+die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren --
+die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere
+~auch~ verzweifeln.«
+
+Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom
+Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 12. November 1900.
+
+ Teure Schwester!
+
+Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur ~eine~ Hand zu haben, als
+nur ~einen~ Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie ~geht's~,
+Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«
+
+Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon
+fragen: »Wie ~steht's~, Mister Pratt?«
+
+Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen
+begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen
+mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten
+Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte --
+wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister
+Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit
+einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient
+nichts; und verdient er nichts, dann -- nun ja, dann hört alles auf!
+
+Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu
+werden, ist im stande und verwildert zum ~Bettler~. Der Bettler
+aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit
+nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in
+Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr,
+ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der
+Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv
+genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut
+des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden,
+abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze
+gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein -- dann macht die christliche
+Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt sich auf
+den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich
+die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme
+Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus
+wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere
+Gangart -- das kommt vom Saufen! -- Ist der Bettler jedoch ein
+Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann -- ja, hier
+beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom
+Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt
+wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt,
+wimmert -- ~lügt~. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem
+Bettler -- nach einem Wagen, dem er ausweichen muß -- nach einem
+Regentropfen, dem er entfliehen muß -- nach einem irgend Etwas -- nach
+einem scheuen Gaul -- tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen,
+was er ~lügt~) mit der Hand die Herzgegend reibt -- als hätt'
+er eins -- -- --. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit,
+Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der
+Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn
+mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!
+
+Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben -- mir ekelt.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 15. November 1900.
+
+ Liebe, gute Schwester!
+
+Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten
+Brief -- und werde abbitten.
+
+Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe.
+Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand.
+Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und
+einen Laib Brot für uns drei.
+
+Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest -- Gott wird dich finden
+und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.
+
+Es gibt doch noch gute Menschen.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 20. November 1900.
+
+ Liebe Schwester!
+
+Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und
+gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.
+
+Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt
+des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben.
+Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte
+Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist.
+Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch -- aber
+rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus
+vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den
+Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen
+bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm
+Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige
+Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn -- oder gar keinem Lohn.
+Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine
+Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn
+der Monat fällig ist.
+
+Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein
+Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank
+(Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach--O--Weh«
+so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf -- ~der~ weiß, wie
+schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu
+Tag!
+
+Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine
+Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium,
+daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand,
+und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen.
+Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste -- daß sich
+die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des
+Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare
+Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und
+Sonnenbrand ...
+
+Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen; der Arbeitslose darf
+sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen,
+auf und ab. Ist er durstig -- dort steht ein Wassertrog für ihn, ein
+Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen
+plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig -- zahllose
+Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten
+Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die
+Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger,
+Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.
+
+Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung -- am
+Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen
+Tag. Der Arbeitslose darf -- stehen darf er nicht dort -- sitzen
+auch nicht lang' -- aber scheu durch die Hecken blicken und sehen:
+wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche
+tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln;
+Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen,
+Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die
+Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn
+sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden
+vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender,
+dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die
+Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder
+Madames Hut das Wagnis wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher
+Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen.
+Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die
+kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.
+
+Und um und um drehen sich die Räder.
+
+Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und
+Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren
+Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren,
+ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer
+verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu
+streuen -- bis Erbrechen folgt?
+
+Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig
+wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann
+ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt
+und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der
+Unabhängigkeitserklärung. -- Aber die Gesellschaft kann sich schützen
+gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel
+geführt -- der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.
+
+Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria«
+schreien -- oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den
+Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 25. November 1900.
+
+ Schwester!
+
+Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten
+uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der
+Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet,
+keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und
+Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.
+
+Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die
+er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht,
+bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen
+wünscht und keine findet.
+
+Ich klagte über meine Not.
+
+Über die Menschen ~er~.
+
+Ich betete ihn an.
+
+Er hauchte mich an.
+
+Wir gelobten uns ewige Treue.
+
+So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die
+Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben -- wie
+nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.
+
+Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken:
+»ja« -- die Riesen schütteln: »nein«.
+
+Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen
+der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand,
+dem Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der
+Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün
+und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis -- und weinen
+Wasserfälle.
+
+Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der
+Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer -- und auf Wolken
+wieder aufwärts bis zur Quelle -- hin und her. Die Blumen hauchen ihre
+Seelen aus vor Lust und Sehnen -- die Blumen weinen Tau -- die Blumen
+sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer -- und
+nimmer wieder.
+
+Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als
+Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir -- --
+mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts -- mit einer
+Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust -- mit Sonnen -- Sonnen -- --
+Sonnen -- -- --
+
+Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.
+
+Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die
+Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht
+nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's,
+schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins
+Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die
+Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein
+tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.
+
+Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den
+Seraphs Harfen spielte -- mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über
+blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf
+die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.
+
+Ach! Ach! Dahin! Dahin! -- --
+
+Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag
+vorher war bis zum Abend -- ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der
+Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster
+in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich;
+ich war still und traurig.
+
+Seltsam -- ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda
+und -- erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die
+wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand,
+Mauer -- eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem
+Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer
+um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer
+drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden
+Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich
+war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer
+fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's.
+
+Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit ~eines~
+Wunsches Unterschied); Blumen und Fruchtbäume und wundervoll grünes
+Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles
+Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin -- ein Zug, der
+auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem
+idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt
+bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich.
+
+Da -- gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o
+Himmel! es war das Pförtchen -- der tausendfach gelobte, geschilderte,
+besungene Eingang in das Paradies.
+
+Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen
+weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten
+Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war
+unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines,
+grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen.
+Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs
+über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank,
+und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten
+Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im
+Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener
+Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras,
+nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines
+Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein
+dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen und sich dann im Gras
+herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall.
+
+Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu
+husten. Die Wirkung war -- entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie
+von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit
+verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht
+und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte
+den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts,
+wagerecht übers rechte. Und -- jetzt erst ging mir ein Licht auf
+über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein
+Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel
+mit einem Federmesser.
+
+»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig,
+und seine Beschäftigung wieder aufnehmend.
+
+»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort.
+
+»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.«
+
+»Hundert, wenn's Euch beliebt!« -- Ich war so verwirrt, daß ich ganz
+vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt.
+
+»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber
+bedeutend leutseliger dieses Mal.
+
+»Von der Erde unten,« erwiderte ich.
+
+»Das kann ich riechen, haha! -- Von welchem Land oder Königreich, will
+ich wissen.«
+
+»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.«
+
+»Von Transvaal?«
+
+»Von Amerika.«
+
+»Von Amerika?!« -- Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher
+in Amerika, wenn ich fragen darf?«
+
+»Von Neuyork.«
+
+»Neuyork? Neuyork? Hm -- wo liegt das Ding?«
+
+»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt.
+
+»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork -- Long Island --
+das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der
+zweite, der hier vorspricht.«
+
+»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis.
+
+»Ingersoll.«
+
+Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!«
+
+»Und?« -- Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins
+Gesicht. »Und?«
+
+»Ingersoll, der Atheist!«
+
+»Und?«
+
+»Der Gottesleugner!«
+
+»Und?«
+
+»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein
+Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«
+
+»Und?«
+
+»Und?! -- ~Den~ habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«
+
+»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken,
+»dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel
+wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und
+meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch -- nur
+ans Buch.«
+
+Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar
+nicht an den Herrgott glaubt?«
+
+»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern
+Glauben -- er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen;
+Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«
+
+Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine
+unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null
+war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der
+Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein
+solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und
+Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder
+Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf
+man.
+
+Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen
+der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der
+Küster längst den Strang verlassen.
+
+Und da saß er nun vor mir -- und wie?
+
+Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die
+Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren.
+Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf
+den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem
+Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und
+Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen
+Hände, die Netz und Ruder zogen -- und dann durchnagelt wurden am
+Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen
+See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von
+der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom -- und dort
+durchnagelt wurden am Kreuz.
+
+Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele.
+Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr
+noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft,
+heiliger Petrus?«
+
+Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte,
+gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die
+Antwort zu geben.
+
+»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.
+
+»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt
+Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er
+mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«.
+Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht, seine Augen schossen
+Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser
+schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige,
+ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter,
+daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass
+Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? -- Und
+wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine
+ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande,
+wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und
+Kraftverlust! -- -- Ach was --«
+
+Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er
+hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein
+Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben
+mit der Arbeit, aber ~so~ den Stoff verpfuschen, das ist zum
+Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung
+und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen
+wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt
+ist's geschehen -- und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht
+vollkommen.«
+
+Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete
+ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar
+Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag,
+und warf es im Bogen über die Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden
+sie sich noch abreißen nächstens.«
+
+»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie
+betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.
+
+»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich
+abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln
+ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen;
+dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte
+der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber
+~den~ Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da
+unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm
+war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten.
+Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf
+hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge,
+Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei,
+Schändung -- das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein
+krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im
+Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und
+Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist
+den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im
+Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee
+von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner
+Politik, Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische
+Senatoren; und Judas -- ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht
+blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen
+mich für zehn Cent, und nicht ~einer~ hängt sich auf vor Scham und
+Reue -- nicht ~einer~. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir
+ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«
+
+Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten.
+Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier
+schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t
+gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«
+
+Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich,
+in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das
+Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein
+gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«
+
+»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen
+vertragen, 's ist Anhäusers.«
+
+Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er
+das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf
+öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede
+seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes
+Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine
+Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm ein zwischen
+Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und
+trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« --
+Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.
+
+Ich antwortete: »Tom Pratt.«
+
+Er blätterte im Register. »Tom Platt.«
+
+»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! -- nicht Platt.«
+
+»Tom Pratt -- Pratt -- Tom Pratt --«
+
+Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste
+Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf
+seinen Lippen heißt ewige Seligkeit.
+
+Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines
+Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines
+Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste;
+Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!«
+schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet
+seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot!
+Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« -- Er griff nach dem
+dreipfündigen Schlüssel und -- mir flog etwas an den Schädel, daß mir
+Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten.
+
+-- -- Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich
+eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett --
+schwer wie Blei.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 1. Dezember 1900.
+
+ Teure Schwester!
+
+Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden
+können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn
+plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So,
+gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich
+und meine Eva gestern morgen erleben durften.
+
+Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete
+und stark regnete, blieb ich im Haus.
+
+Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«.
+
+»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter,
+ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« -- sondern ein
+Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine
+Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag
+in Fetzen -- überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich
+habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen
+hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen
+erschreckt, die Tür erreichte.
+
+»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung
+-- zwölf Dollar die Woche -- -- lies doch -- hier sieht's schwarz auf
+weiß:
+
+ »Werter Herr Pratt!
+
+Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden,
+die Sie jedoch sofort antreten müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer
+Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen
+als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten
+brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in
+jeder Art müssen Sie sein -- und das sind Sie --«
+
+Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den
+Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen
+auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel,
+im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er
+ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit
+seiner Persönlichkeit.
+
+Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen,
+Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig
+wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir
+nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr.
+
+Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd -- derweil
+Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß
+Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde
+zu knüpfen.
+
+Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde
+später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß.
+
+Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten -- das heißt,
+sofort nach sechs Uhr Abends. Das ist die Zeit, wo das Geschäft
+geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen
+wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude
+abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf
+die er seine Findigkeit konzentrieren soll.
+
+Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« -- --
+
+Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt
+wie von diesem »Aber«.
+
+»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im
+Amt) -- sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen,
+muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen
+Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein
+alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie
+die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst.
+Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«
+
+Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß,
+von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein
+solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im ~Barbierstuhl~ und
+sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben
+hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel
+verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut
+fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau
+viel doktert und -- trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß er
+seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither
+abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen
+für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß,
+»verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist
+der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat
+ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger
+Mann. Adieu!«
+
+Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich
+nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«,
+dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen
+herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit
+beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe
+suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein,
+sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete
+ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle
+der Arbeitslosigkeit.
+
+Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war
+und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir
+knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten
+und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der
+Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot
+für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum
+aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war -- die
+ganze Himmelsharmonie von vorhin ausgellte in so schrille, wilde,
+nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen
+Weltordnung -- --
+
+O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern.
+Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein.
+Was ich erbettle -- ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist
+meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich
+schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen,
+totwürgen -- so will es die Ordnung hier auf Erden.
+
+Und ich bin für Ordnung.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.
+
+ Mein Bruder!
+
+Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe
+nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein
+Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die
+mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch;
+und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein
+rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen
+genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben
+bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese -- -- ~Versuch's!!~
+
+War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig), wenn auch nur ein
+hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur
+und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll.
+Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der
+Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken.
+O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten,
+das zum -- Weinen wär' -- hahaha! -- --
+
+Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema,
+ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen,
+übernatürlichen, aus der Hexenwelt -- irgend eins. Schreib einen
+Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie
+man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig
+wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man
+reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder
+umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch
+Fluchen, oder ~nicht~ umgekehrt.
+
+Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche
+stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein
+Waschweib. Fort, Feder -- Seife her.
+
+Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.
+
+ Jennie.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.
+
+ Teure Schwägerin!
+
+Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn
+nie zu Gesicht bekommen, hörst Du -- nie! Dieser Brief ist nur an Dich
+und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.
+
+Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer
+grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; -- aber Notwendigkeit,
+Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva -- mir
+graut vor der Zukunft Deines Gatten -- meines Bruders. Nicht, weil er
+seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim
+zerstört werden kann -- mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe,
+wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet -- sein schöner,
+großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen
+Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er
+ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber
+auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als
+andere Männer -- aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider
+Gottes, viel zu viel in ~einer~ Seele.
+
+Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können --
+gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom
+betrügen -- um ihn zu retten.
+
+Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott
+und Menschen. Wo kann er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine
+findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht
+in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das
+zuerst, einzig und allein -- vorläufig.
+
+Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig
+mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen
+Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu
+für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm
+Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als
+sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen -- was er denkt und leidet,
+auszutoben mit der Feder aufs Papier -- schon das ist viel gewonnen.
+
+Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut --
+aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut.
+So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet
+zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn.
+Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott
+sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub.
+Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat
+er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele
+wird zum tickenden Gewerke -- die Erscheinungen der Welt ziehen durch
+die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.
+
+Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr erreichen. Sag ihm nie, was
+ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die
+Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach
+ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß
+Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er
+dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit
+der er das Hauswesen retten kann; -- denn aufrichtig gesprochen: ich
+zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird.
+Die Gelehrten haben ~auch~ ihre Angst und Not mit Konkurrenz.
+Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im
+Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es
+besser kommen? -- Unsere armen Kinder! -- Die Nächte sind lang, auch
+hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die
+Stunden vor zwölf -- die Stunden nach zwölf -- das Ticken der Uhr
+-- wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's
+die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich -- draußen
+vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am
+Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach -- keine Mutter könnt's
+ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden
+Kleinen -- ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.
+
+~Ich~ habe ~ein~ Kreuz zu tragen -- das für Jennie. Sechs
+mehr von meinen Kindern -- das für die Mutter. Peter legt auch noch
+Holz auf meine Schultern -- das für die Gattin. Das schwerste aber,
+das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der
+Schwester aufbürdet.
+
+Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich -- ebenso geduldig, stumm,
+gottergeben -- und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten,
+als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung,
+Aufopferung.
+
+Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre
+Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt,
+und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind
+notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott!
+So wäret Ihr doch wenigstens bei mir -- und tothungern lassen wir Euch
+nicht. Sag das Tom.
+
+Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit
+weg zu sein, so weit weg.
+
+Dann muß ich Dich ~noch~ etwas fragen, das ich immer vergeß beim
+Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts
+mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse
+absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!
+
+Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig
+liebenden Schwägerin, Schwester
+
+ Jennie Daly.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 4. Dezember 1900.
+
+ Liebe Schwägerin!
+
+Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei
+Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork.
+Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der
+Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen.
+Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.
+
+O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel
+schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst.
+Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank
+wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen.
+Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein
+und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn
+krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als
+Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt
+zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der
+andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete
+daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist
+hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass
+sind große Schmerzen.
+
+Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu
+Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht
+wegreisen weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen
+wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob.
+Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die
+paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen
+wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich
+sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir
+wollen hoffen zu Gott.
+
+Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach
+der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht
+schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt.
+Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben
+mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut.
+Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er
+ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht
+auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er
+schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne
+meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann.
+Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.
+
+ Eva Pratt.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 4. Dezember 1900.
+
+ Teure, liebe Schwester!
+
+Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung
+-- irgendwo in Indiana oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche
+Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet,
+wahrscheinlich aber gelesen jetzt.
+
+Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder
+Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen
+kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen.
+Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus
+hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen
+ziehen ab -- und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.
+
+Aber -- hm -- Schriftsteller werden? Bücher schreiben -- Romane --
+Gedichte -- Dramen? -- Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich
+tatsächlich erschrecken -- nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust
+voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe.
+Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er
+oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie
+geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort -- und bis die wieder anwächst,
+wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe
+ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie
+wär's zum Beispiel -- --? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die
+friedenstörenden Kobolde.
+
+Soll ich's probieren? -- Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so
+plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher,
+soll Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder
+werden es andere tun für mich?
+
+Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in
+die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle -- es ist Dein Werk.
+Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich
+hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne
+dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um --
+Inspiration!
+
+Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt
+sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder,
+hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine
+Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung
+nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält,
+eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine
+Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es
+nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder,
+hörst Du, um aller Vernunft willen -- Jennie! Du mit sechs Kindern,
+die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen
+für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb
+Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus.
+Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück -- jeder Cent gesegnet von mir,
+meinem Weib und Kind.
+
+Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es
+kaum Arbeit nennen, denn ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus
+übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen,
+herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen
+als -- meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 9. Dezember 1900.
+
+ Bruder Tom!
+
+Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der
+Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.
+
+Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage?
+Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. ~Ich~
+nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie
+Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt -- oder ist es
+nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich
+werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde
+Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen -- nur
+umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie
+ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. --
+Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert
+und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so
+ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter, privilegierter
+Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.
+
+Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und -- gegrüßt
+seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister,
+Teufel, Fledermäuse und -- Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht!
+Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten
+Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total
+anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem
+Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern,
+fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!
+
+Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag,
+zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir
+eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium
+und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können
+mitteilen, aber -- nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.
+
+Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das
+war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum
+Tanzen ums Feuer.
+
+Jetzt ist der Streik beendet und -- verloren. Ich habe nie etwas
+Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel
+Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten
+nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber. Mäuler, Mäuler
+-- ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen,
+Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.
+
+Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich
+ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und
+schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon -- oder
+nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll
+verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine
+Herren!« -- Ja, ja, ja.
+
+Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler
+in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei
+diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird
+der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?
+
+Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde --
+besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch;
+denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und
+die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen
+wie feuerspeiende Krater -- ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in
+sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß
+sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast
+wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln
+so über alle Maßen hündisch ängstlich vor dem Grubenverwalter, daß,
+wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir
+armen Mütter -- Gott steh uns bei mit solchen Männern -- wir sollen
+eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.
+
+Und wie widerwärtig sie sind -- knurrig -- bissig beinah. Mein
+Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen
+Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht
+(jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit
+Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was
+schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er
+will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck)
+mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum
+Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.
+
+Der Rest ist -- Schnarchen!
+
+Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm,
+wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte
+heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner -- der Vater meiner
+sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter
+Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig,
+mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von ~meiner~ Seite. Meine
+Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu
+halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin
+der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich jedoch bald aufgefressen
+haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den
+Knochen.
+
+Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer,
+die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die
+Löwen sind selten -- und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher.
+Die besten Männer sind die, welche ~Menschen~ sind -- wie Du,
+mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so
+begabt wie Du -- oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut,
+ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben
+könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette
+mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm'
+zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! --
+
+Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat
+sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte.
+Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle
+Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so
+einem Schrei wie dieser.
+
+Jetzt schläft er wieder -- und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die
+Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.
+
+Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine
+Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den
+Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und
+Unglück -- diese Extreme im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer
+für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir
+zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In
+jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast
+nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe
+anheimgestellt).
+
+Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.
+
+Und, und, und -- Lebt wohl und lang' und glücklich!
+
+ Jennie.
+
+ * * * * *
+
+ Neuyork, den 20. Dezember 1900.
+
+ Liebe Schwester!
+
+(9 Uhr Nachts.)
+
+Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel
+regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als
+Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine
+per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und
+Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf
+gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als
+wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der
+einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil
+tanzen möchte zur Unsterblichkeit.
+
+Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult
+und erwartet -- seinen Verwandlungsprozeß zum Dichter. Er nimmt
+Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich
+ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld)
+und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht
+zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen.
+Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben
+könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser
+imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger,
+sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm
+Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem
+verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das
+Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer
+der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den
+Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.
+
+Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen
+Verleger sucht, der's fressen soll -- das Ungeheuer nämlich.
+
+O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen
+Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die
+sogar Genien ermattet -- den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft
+behalten zur Hoffnung -- und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt
+meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken
+leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen
+elf darbenden Kindern wird jeden Tag rüstiger -- und kommt Pat, dann
+geht Pratt -- und wohin?
+
+Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche
+andre Gedanken -- wie die Liliputaner den Gulliver -- diesen Riesen
+nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von
+Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch -- der
+Kampf ist begonnen -- die Geister stürmen -- ich werde geschleift -- --
+Wohin??
+
+(10 Uhr Nachts.)
+
+Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich
+so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in
+greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht,
+weint, -- es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne.
+Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.
+
+(11 Uhr Nachts.)
+
+Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt.
+Ich denke viel an Dich -- und schreibe. Ich denke an mein Kind --
+und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge -- aber ich
+schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder
+die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit
+krallenden Fingern erdrosseln?
+
+Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der
+feigste Knabe und erst wieder ruhig werden kann, wenn ich mein Weib
+und Kind umarme.
+
+(12 Uhr Nachts.)
+
+Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und
+jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich
+bete. Das ist meine Gebetstunde.
+
+(1 Uhr Nachts.)
+
+Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten,
+öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine
+Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal
+jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß
+schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte.
+Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an
+dem die Schöpfung hängt -- die Räder, die sie treiben -- die Walzen,
+Formen, Pfannen, Feilen, Zangen -- die Drehbank, auf der Planeten rund
+geraspelt werden -- die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft
+-- das Sternensieb -- Seiher für die Nebelflecken -- und hundert
+Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit
+unbeschreiblicher Geduld und Güte. ~Eine~ Frage nur, und sie
+dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf
+Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor
+dieser Frage -- ~du~ allein kannst sie beantworten.«
+
+(2 Uhr Nachts.)
+
+Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem was dran, drin und drauf
+klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte
+nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst --
+ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva.
+Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die
+Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche
+Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden,
+das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber
+küssen -- nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt
+schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber,
+Schwester! wenn Du sie sehen könntest -- schlafen -- und ein Mann
+wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und
+sie anbeten. -- Ich tu's oft.
+
+In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge,
+vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß
+oder kniete ich oft vor ihrem Bett -- mit einer Andacht wie der Pilger
+vor dem Bilde der Madonna.
+
+Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken
+brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde.
+Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt
+Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher,
+idealer, vom Dulden, Entsagen -- sogar Hungerleiden.
+
+Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu
+beichten, ich rechne felsenfest auf Verschwiegenheit (Du bist mir eine
+schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.
+
+Also:
+
+Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit
+Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.
+
+Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl
+überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.
+
+Drittens: Gott segne euch Frauen.
+
+Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder -- eure
+wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.
+
+Fünftens: Ich liebe euch ~alle~ -- sehr, oder weniger -- aber alle.
+
+Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich
+jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich
+nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche
+Freundinnen mitbringen -- ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu
+allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es,
+wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht!
+Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was
+werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer
+Krönung? Denn ~ihr~ seid die Krone der Schöpfung -- nicht der
+Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit
+Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht
+vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte
+wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder)
+geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das
+Messer schliff und Ketten schmiedete. -- Er wird seine Handlungen
+Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt
+ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten
+auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch
+nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er
+sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib.
+Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch
+der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit -- aus Angst vor ihrer
+Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart;
+sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie
+ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach
+den Wolken -- hahaha!
+
+Ist das zu viel gesagt? -- Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an,
+den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser
+von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst -- aber das sind
+nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den
+er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten
+Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht
+und freien Wahlzettel -- hahaha!
+
+Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend von allem, was
+Menschen befriedigen kann -- Wohlstand förmlich gebärend -- und
+Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben,
+verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es,
+nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er
+selber.
+
+(3 Uhr Nachts.)
+
+Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?
+
+Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der
+ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns
+wird das andere überdauern? ~Eins~ sind wir nicht, sie und
+ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist,
+führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable
+Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch
+Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort.
+Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte
+leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos -- das andere nötigt dem
+ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom
+Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es
+Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht
+eins von beiden weggetragen wird als Leiche.
+
+Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es
+mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener
+Kerze durch ein grenzenloses Labyrinth -- durch die Mammuthöhle. Der
+einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein ~eigener~ Atem; der
+Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn
+ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert -- wie Echo -- das
+Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« -- Manchem Geist und Gespenst
+begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich,
+der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach --
+nach -- was? Dem Eingang, dem Ausgang.
+
+Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort
+draußen. Wiesen, blumenbesät -- Wälder, duftend von Harz und Blättern
+-- spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den
+Ausgang -- oder hätt' ich nie gesucht, gefunden -- den Eingang. -- --
+
+»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das
+Himmelreich nicht eingehen.«
+
+ »Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
+ Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«
+
+Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen
+Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke.
+Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben,
+wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner
+lahmen Theorie.
+
+Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der
+jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und
+Unverschämtheit zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der
+Allmächtige sich verneigen muß.
+
+Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du
+bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten -- was
+ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe
+auch anheimgestellt).
+
+Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten
+Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs
+Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines
+Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde,
+wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich
+umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die
+goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft.
+
+Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!«
+
+»Was ist es, mein Kind?«
+
+»Darf ich dich fragen, Papa?«
+
+»Ja, mein Kind.«
+
+»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und
+der Mann dich begraben tut da hinab und dann -- --« Er hielt inne.
+
+»Und? -- Weiter.«
+
+»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was
+tätst du sagen?«
+
+»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen
+läßt?«
+
+»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und
+nie wieder 'raufkommen läßt -- was tätst du sagen?«
+
+»Hm -- ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.«
+
+»~Ich~ tät's aber sagen, Papa.«
+
+»Und was?«
+
+»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.«
+
+»Wüst? -- Mir kannst du's schon sagen, was ist es?«
+
+»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So -- -- du lügst ~auch~!«
+
+Schwester, das ist stark; ist es nicht? -- Aber Bertie sagt's, Du
+kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins
+Gesicht, gerade so wie er's ~mir~ sagte.
+
+(4 Uhr Nachts.)
+
+Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch
+von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das
+Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus,
+Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan.
+
+Ich denke an Dich -- und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe,
+gute Jennie!
+
+(5 Uhr Morgens.)
+
+Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein
+werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren
+zu können auf den einzigen Punkt -- ich werde ein Gedicht schreiben,
+einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß
+über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten
+und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den
+Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im
+blauen Äther kreist -- unerreichbar für Speer und Bogen.
+
+Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit
+Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein
+Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von
+Sorgengedanken -- wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen
+Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges.
+
+Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen
+sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll.
+
+Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der
+Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde -- und all mein
+Denken zischt ins Leere.
+
+(6 Uhr Morgens.)
+
+Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was
+würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte
+und Papier!
+
+(7 Uhr Morgens.)
+
+Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und
+das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb
+gesetzt; eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen
+von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben
+Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am
+Einbrechen hinderte, wird herausgelassen.
+
+Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so
+mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch
+einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901.
+
+ Teure, teure Schwester!
+
+Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der
+unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher
+Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren
+Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind
+wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören?
+Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es
+so lang', bis sie mich herauslassen hier -- und heim.
+
+Die Uhr schlägt eins.
+
+Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere
+Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in
+jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken.
+Jetzt sind sie müd und legen sich aufs Ohr und saugen Sauerstoff ein
+zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen.
+
+Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall -- und bin
+allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen
+können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller
+Linderung bar.
+
+~Die Toten~ lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld
+bezahlt!
+
+Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier.
+Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden -- und die öde,
+graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein
+einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am
+Bettchen meiner noch ~lebenden~ Elsie, meiner noch ~gesunden~
+Eva, und mit ~zwei~ kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war
+vom Zählen -- mein Glück.
+
+Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der
+Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen -- und saugten sich fester und
+fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen.
+
+Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer.
+Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß
+und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine
+Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das
+eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie
+schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht' er Raub, Elsie mit
+dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel
+Gottes »Engel werden« trugen.
+
+(3 Uhr Nachts.)
+
+Dreimal drei ist neun -- das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist
+vier -- das kann ~auch~ bewiesen werden vor einer Versammlung von
+Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt.
+Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen,
+beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit
+mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den
+Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde.
+
+Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele
+in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding
+herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen
+auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich
+vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier -- und unwillkürlich beginne
+ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange
+zu dem Schluß: daß ~ich~, ich selber die Unsterblichkeit meiner
+Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß -- nicht der andere. Er kann
+wohl unterrichtet sein über ~seine~, aber über ~meine~? --
+Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn
+ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen -- ---
+
+Halt!!
+
+Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der
+Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten.
+Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der
+sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die ~Vogelstrauße~ im
+großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt)
+unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend,
+wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts
+sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich
+große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten,
+überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das
+es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben
+Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen
+sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die
+~komische~ Seite. Daß die Strauße nicht ~gerader~ laufen
+und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die
+~betrübende~ Seite.
+
+Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit
+dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege
+steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten
+Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim
+Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor
+und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster
+ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl unter Blitz und Donner im Paradies
+herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie
+tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der
+Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit
+Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen.
+
+Diese Sorte Philosophen sind die ~Büffel~ im Wildpark der
+Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen
+Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das
+nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen
+sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis
+an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die
+Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh
+zu den Ohren heraus, ist die ~komische~ Seite. Daß sie lebenslang
+Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher
+bleiben, ist die ~betrübende~ Seite.
+
+Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel,
+die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren
+Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber,
+Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am
+Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben,
+sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd -- Blumen zertretend --
+Harmonien und Schönheiten ignorierend -- glücklichen, lachenden
+Menschen ausweichend wie der Pest -- auf Kirchhhöfen herumgeisternd
+-- mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die
+gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der
+Pessimist macht sich die Höllenqualen ~umgekehrt~, er beißt die
+Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das
+ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was:
+»mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß
+ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die
+~komische~ Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker
+nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger
+wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur.
+
+Dann gibt es ~lachende~ Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist
+jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran.
+
+Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder
+vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles
+rauben bis auf die leere Schale.
+
+Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles,
+sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft -- geben
+nie etwas von sich -- Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle
+Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt
+und glücklich gemacht zu haben.
+
+Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit
+sich so entleeren, daß sie geistig schier zu den Bankerotten zählen.
+Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben
+aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt.
+
+Dann gibt es -- -- Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist
+dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und
+sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das
+Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am
+linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von
+vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was
+kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer,
+und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und -- drei
+Originalitäten nur -- kein einziger Beweis darin, der zieht und hält.
+Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen
+möchten.
+
+Und ach, was bin ~ich~ herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden,
+und hab' gesucht nach Quellen und Oasen -- nach dem Körnchen Wahrheit
+im Berg von Kleie -- in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits
+Beweise gesucht und ~keinen~ gefunden, mit dem der Zweifel nicht
+Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich
+gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln,
+Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich
+sterben müßt' an Verstopfung -- schluckt' ich nicht hin und wieder eine
+Kontroverspredigt als Abführmittel.
+
+ * * * * *
+
+Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht ~einzig~ durch
+Gefühl.
+
+Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben.
+
+Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des
+letzteren geringerer Erfahrung.
+
+Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen
+Lebens gelöst ist.
+
+Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das
+kann, ~wenn er will~, garantiert die ewige Gerechtigkeit.
+
+-- Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch -- mir wird ja selber übel.
+
+Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von
+St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend
+sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die
+Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab.
+
+Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte
+die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten
+nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit
+verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals
+noch ledigen Tom Pratt.
+
+Dann ging's los. Eigentlich ~nicht~: zu meinem Ärger und meines
+Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine
+Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen
+einer in der Nacht gehabten Cholera.
+
+Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein
+Weibchen meinte, das ~Apfelmus~, das sie ihm kochte zum Abendbrot,
+sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch
+wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der
+Bemerkung: »Bier ~und~ Apfelmus hat's getan -- Punktum!«
+
+Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich
+auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun
+verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich
+schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden
+Straßenwaggon irgendwohin zu fahren -- nur weg, weg vom bratenden
+Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten
+Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige
+Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte
+mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon
+entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte
+Kreuzung nicht gewesen.
+
+Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich
+fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die
+Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden
+schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem
+ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden,
+den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins
+Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf die Haut; der Hut wollte
+fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen
+Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern
+vorbei wie geflogen.
+
+Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange
+Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs
+Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich
+absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer
+vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem
+wahnsinnigen Radfahrer.
+
+Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der -- Schlafenden.
+
+Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich
+ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie
+Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an.
+
+»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch!
+Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre
+Eltern -- die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich
+wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie
+hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die
+Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück.
+Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen
+in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und
+~eine~ Wiege hat genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen,
+reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende,
+friedlich, eng beisammen -- ~aber hier~.
+
+Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang,
+immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem
+Altar. Dort betete ich für die Toten -- für alle Toten. Dann schritt
+ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend,
+über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches
+Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder
+ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein
+Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel.
+
+Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! -- Ich bebte vor Angst, mein Atem
+könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn
+Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem
+Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott,
+~das~ Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen
+hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir
+die, die ich suchte, träumte, wünschte -- ~so~ wünschte ich mir
+die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles -- so
+träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut,
+Hilflosigkeit. Und ~ich~ ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene,
+Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller
+Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ...
+
+Ob ich einen Schrei ausstieß? -- Das Mädchen richtete sich erschrocken
+auf, sah mich an und -- -- der Traum war aus. Das Bild verwischt.
+Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen -- das
+schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein -- ach! das herrliche
+Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem
+Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels
+unterscheiden kann, fort war es -- fort.
+
+Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so
+majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz -- so überirdisch, daß ich
+nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die
+Schlüssel trug zu meinem Himmelreich -- den Zutritt zur Glückseligkeit
+mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt
+war ~ich~ der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier
+blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus
+gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!«
+
+Ich tat's -- und sank zu Füßen meiner -- ~Eva~.
+
+ * * * * *
+
+Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die
+Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag
+beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen --- es ist
+doch nur der Venus Vorgespann.
+
+So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen und beweisen vom
+Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist -- laß sie nur predigen
+und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen,
+ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die
+Schöpfung opfert -- zum ~Weib~. -- --
+
+Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war
+eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte.
+Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war
+gerissen zwischen Gott und mir -- irgend jemand stand zwischen mir und
+Gott. Ich ging ein wenig hin und her -- aber das brachte mich nicht
+näher. Ich setzte mich ans Fenster -- aber das machte mich unruhiger.
+Ich stand wieder auf -- kniete nochmals. Die letzten Küsse eines
+Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte,
+brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen.
+
+»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich
+hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken
+gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem
+Bett zu rufen.
+
+Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom
+Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt -- entgegengesetzt aber
+von »~Ihr~«.
+
+Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst
+in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland.
+Auf Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte
+er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine
+Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen
+Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem
+Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt -- warf sich platt
+ins Gras, mit dem Gesicht nach unten -- und so blieb er liegen.
+
+Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche
+Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder
+und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig
+überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese
+über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des
+Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und
+Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen
+als Schlummerlied der Sommernacht.
+
+ * * * * *
+
+Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete
+und umsah, war es mir, als wäre ~ich~ das Leben und alles andere
+tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der
+Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft;
+als sei ~ich~ das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der
+Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte
+nicht, daß es der große Mississippi war, der gurgelnd und plätschernd
+am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser
+auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche,
+Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich
+bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken
+und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die
+Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer
+gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer
+eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier
+unten sich dreht und treibt und stößt und zieht -- Leben saugt und gibt
+-- mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit
+benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht
+Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust -- und Wanderung durch winterkalte
+Nacht.
+
+Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist
+der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen
+Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So
+strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast,
+während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen
+banger Nächte ging.
+
+Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte,
+wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde
+hier am Boden lag, kein Meer noch Land.
+
+Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner
+Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von
+dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die
+feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis
+und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen -- Beten hat der
+Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort?
+
+Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich
+decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und
+morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt --
+nur ~einer~ hat den Platz behauptet -- nur ~einer~ hat sich
+durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen ~einer~.
+Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein -- ~einer~ war der
+Stärkste, Zäheste -- der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht
+einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele --
+~einer~, ~einer~ nur. Und dieser eine, der bin ~ich~! --
+Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk,
+der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah -- und drücken sie das Universum
+durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich
+stellen kann und darf.
+
+Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung?
+
+O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! --
+Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche
+~Opfer~?! -- Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr
+Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt
+von tausend Mühen ~meinetwegen~ ihr Leib zu Grabe sinkt -- das
+erste Opfer. Arme, arme Mutter du! -- Und hinter dir, zum gleichen
+Zweck verwendet, ~deine~ Mutter. Und hinter ~ihr~ ~ihre~
+Mutter. Und ~ihre~ Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie
+im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter,
+marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der
+Vergangenheit heraus -- vorbei an mir.
+
+Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer?
+Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's
+keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? -- Ach,
+es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die
+andere hin.
+
+Und diese Blicke all auf mich geheftet -- dieser Augen Trillionenzahlen
+starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der
+Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je
+weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden,
+Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang -- und so mein Ekel.
+Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der
+Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter
+ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen
+Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen
+Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der
+Eingeweide Gift gemischt.
+
+Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit
+mir? Gibt's keine andere Leiter?
+
+Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die
+viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest
+du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen
+Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten,
+die um Rache schreien -- Bastardmischung zwischen Tier und Menschen
+unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel -- mußtest du
+vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später«
+überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen;
+Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all
+die Klagen, Seufzer -- der Schlachten Brüllen -- der Folterkammern
+schrilles Schreien -- der Kerker hohles Heulen -- der Krankenstuben
+Stöhnen -- den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem
+andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen
+Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch
+Teil an mir zu Kot zermahlt.
+
+Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie
+du, o Ewiger, dein Ebenbild?
+
+-- -- -- Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als
+seh' ich ein reibend Schwefelholz an meiner Kerkerwand und find' die
+Tür -- -- Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es
+möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, ~auch
+du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein~? -- Die gleiche Scheu
+vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken,
+Sehnen ist uns eigen -- nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche
+Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand
+der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen
+-- mich im engen Zirkel meines Selbst -- dich im unermessenen Raum,
+mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du
+mit Licht -- er mit Nacht. Du mit Wärme -- er mit Kälte. Du mit Leben
+-- er mit Tod. Du mit Geist und Willen -- er mit Körperträgheit. Du
+mit Liebe, Wahrheit, Schönheit -- er mit allen Gegenteilen. -- -- Und
+dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder
+links, Ewiger! ~das kann ich~?? -- Ich kann dir trotzen und deine
+Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit
+verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit
+Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?
+
+O, daß du mir diese Waffe zeigst -- scharfgeschliffen wie sie ist, sie
+mir anvertrauest -- welch ein Vertrauen! -- Nach langer, langer Nacht
+gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus
+der Mutter Augen Liebe trinkt und ~dann~ die Milch der Brust --
+~ich liebe dich, Gott~! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich
+ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an --
+mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät -- aber lieben? -- Leere
+Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch
+Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.
+
+Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst -- ist
+~Vater~ schöner, inniger als Gott -- »Vater, ich liebe dich!
+~Vereint~ sind wir allmächtig. ~Vereint~ sind wir die ewige
+Glückseligkeit -- ~getrennt verloren~.«
+
+Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und
+flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre --
+lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht -- »Vater, ich
+liebe dich!«
+
+Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich
+will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn
+ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von
+dir -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«
+
+Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib
+-- hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall,
+wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und
+rauhem Wetter; die Felsen ~mich~ vor allzuviel Besuch. Ist Gott
+nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir
+viermal passend neue Kleider schenkt« -- -- »Vater, ich liebe dich!«
+
+Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten,
+Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend
+Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn
+Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft,
+und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand
+abgerungen in der Zeiten Lauf -- und jeder Blick in jene sternenvollen
+Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt -- -- »Vater, ich liebe dich!«
+
+Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt
+zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies
+von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt
+sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und
+Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit
+deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf
+trillionmeilenhohe Leuchter -- ich kann mir das Denken verhalten --
+die Vernunft schänden -- bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein
+Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr
+dich höhnen? -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«
+
+Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht -- mit vollster Seele
+liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten
+im Meisterwerk. O, dieser ~Spiegel~ -- und der Rahmen zu dem
+Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich
+und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber
+so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen
+Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier
+sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die
+er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und
+Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus
+dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in
+langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel,
+bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum
+verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und
+triumphierender Genugtuung -- gemischt mit weher Sorge, der Spiegel
+möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben -- denn Schöneres kann
+er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom
+Tod -- das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod
+auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste.
+~Der Spiegel ist das Kind!~ Des Kindes Seele, des Kindes Augen --
+Leib und Seele widerspiegelnd.
+
+ »Vater, ich liebe dich!«
+
+Schaudere -- -- was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser
+hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit
+Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe?
+Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du
+aufgebaut.
+
+»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist
+der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes
+Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion,
+Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine
+Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und
+fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer
+höheren Höhen -- aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem
+Leben, zu reinerer Erkenntnis -- aus des Daseins Sturm und Drang
+die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes
+Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann -- ~von dannen es kommen wird
+am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die
+Lebenden und Toten~!
+
+ »Vater, ich liebe dich!«
+
+Und nahet mir des Lebens letzte Stunde -- und jenes Ding, das Blut
+gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt -- --
+
+Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück
+und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im
+Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die
+ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die
+erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken
+Brücke. Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch
+einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie
+nie zuvor -- und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin -- und Heimweh,
+eh ich abgereist -- und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach!
+durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang
+und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis
+wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.
+
+Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in
+die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel
+Blumen sind zertreten worden -- viel ist herumgestritten und gerissen
+worden -- Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen
+schier in Fetzen -- wild war sein Spiel im langen Tag -- doch, gebe
+Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus
+Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann --
+-- ist Schlafenszeit.
+
+ »Vater, ich liebe dich!«
+
+Ob ich unsterblich bin? -- Unwiderruflich, ja! ~wenn ich will~.
+
+Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? -- Unwiderruflich, ja!
+
+O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und
+deiner Küsse Seligkeit!
+
+Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom ersten Werden bis hierher
+und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend
+
+ Dein liebes
+
+ Kind.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 1. Januar 1901.
+
+ Lieber Bruder mit Weib und Kind!
+
+Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen
+Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch
+einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und
+Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.
+
+Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch
+könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen
+Menschen -- wir armen Leute!
+
+Also, Neujahr.
+
+Als ordnungsliebende Hausfrau -- (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen
+Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut
+und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur
+Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot -- hier
+ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem
+guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem
+Hauptartikel der Haushaltung -- mit Peter.
+
+Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier Wochen. Er kam also
+herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen
+in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige
+Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in
+Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock,
+und -- die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie
+ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt
+ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf
+nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet.
+Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser
+Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das
+Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der
+letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt,
+Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts
+weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt
+der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild
+zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine
+Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen -- hahaha!
+
+Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel,
+raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für
+drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik
+ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern
+Bergleuten, jedoch eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und
+bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.
+
+Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und
+geht's dem Alter nach, bin ich ~noch einmal~ Nächstes; ich bin
+schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft
+interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche
+für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet
+Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und
+versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig
+ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach
+vornehmen.
+
+Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht
+abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt:
+zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge
+Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der
+~andere~ der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester,
+sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester ~Sohn~.
+
+Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf
+meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben,
+mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe
+allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.
+
+Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung aber endgültig
+aufhört, sage ich: der ~kleine~ Peter. Der kleine Peter ist größer
+als ich!
+
+Er ist jetzt vierzehn Jahre alt -- und seines Vaters Ebenbild. Er hat
+ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen -- aber auch
+die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau
+des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut
+wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit
+sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie --
+Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.
+
+An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem
+Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß,
+schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so
+weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an -- es dünkt mir
+oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen.
+Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So
+war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben
+opferte -- einem Wahn.
+
+Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst
+wird dann verdoppelt: Vater ~und~ Sohn; denn Bergmannsleben ist
+ein gefährliches Leben. Ach!
+
+Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum
+zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte
+die Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu
+viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der
+Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung,
+Enttäuschung -- sag' ich es gerade heraus -- aus der markverzehrenden
+Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie
+ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt,
+träumt, träumt -- --
+
+Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich
+aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der
+Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend -- ungeliebt. Daß ich
+~das~ überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der
+Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. -- Ich bin
+also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!
+
+Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das
+Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist
+das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung,
+meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich
+entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der
+Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.
+
+Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel
+zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form -- Gott! wie muß
+dein ~Ganzes~ sein, ein Sonnenmeer!
+
+Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird er Priester. Das ist
+sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude
+erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester
+-- -- Aber ich will nicht sündigen, guter Gott -- ich will nicht zu
+viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende
+Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's,
+Gott. -- Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.
+
+Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling.
+Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch
+Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn
+Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner,
+hahaha!
+
+Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine
+Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen
+am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen
+und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit
+spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und
+zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.
+
+Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten
+sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte.
+Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts
+und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner,
+frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge
+und Wälder, Ruhe alles.
+
+In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben
+im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.
+
+Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und
+kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.
+
+Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar
+und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den
+Raum zu wälzen -- geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht
+-- anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig
+flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das
+Menschenherz -- die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben,
+Hoffen.
+
+Und wieder schloß ich meine Augen.
+
+Da -- o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so
+ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:
+
+ »Stille Nacht! heilige Nacht!
+ Alles schläft, einsam wacht
+ Nur das traute, hochheilige Paar --«
+
+O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn -- er
+ist mein Kind! mein Kind! -- -- O, der Mutterfreuden höchster Berg, den
+ich erstiegen habe -- nur ein Schritt vom Himmel -- nur noch sterben.
+
+Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum
+diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf
+in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten
+Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre,
+rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren,
+Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der
+Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen,
+in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut,
+den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß
+zur Kirche -- die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend
+zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die
+Waise -- und der Bruder ihr so fern -- sich anklammern an den Mann, der
+jetzt ihres Kindes Vater ist -- -- Gott! wenn das der Plan war, dann
+lob' ich das Schicksal und bet' es an!
+
+Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen
+und lächelte: »War's schön, Mama?«
+
+Siehst Du, Bruder Tom, ich war ~auch~ für ein Stündchen in des
+lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.
+
+Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten.
+Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die
+Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der ~Himmel~ zeigte durch
+zerrissener Wolken Schleier das Bild der ~Unvergänglichkeit~.
+Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.
+
+Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die
+Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.
+
+»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten,
+»hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«
+
+»Gar nicht, Mama.«
+
+»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten,
+»hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«
+
+»Sollt's meinen, Mama.«
+
+»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«
+
+»Ja, Mama.«
+
+»Willie! friert's dich?«
+
+»Nein.«
+
+Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie!
+kannst du langsamer gehen, ein wenig?«
+
+»Ja, Mama.«
+
+»Nur ein wenig. So. -- Willie?«
+
+»Mama?«
+
+Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen -- und wendete sich
+um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme.
+»Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier
+kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen -- aber
+ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz
+gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja und Nein, den Blick
+nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß
+mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich -- bitte -- bitte!«
+
+Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke
+Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein
+die Seligen -- da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend,
+liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« -- --
+
+Tom! male weiter, wenn du willst -- ich muß schwenken. Die wilde Jagd
+kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken,
+und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie
+tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister.
+O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als
+schönstes Träumen!
+
+ Jennie.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 14. Januar 1901.
+
+ Liebe Schwester!
+
+Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze
+ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann
+gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter
+und zähle die Pflastersteine.
+
+Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt
+»Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit
+einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.
+
+Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den
+Gefallen nicht tun und -- -- nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht
+-- aber -- aber -- ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann
+mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche
+ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!
+
+Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht
+fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube
+kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne
+Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die
+Sorge, ~ich~ möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen,
+die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt,
+aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.
+
+Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne ~den~, den man sich
+selber macht -- ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die
+Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig,
+ohnehin, um verrückt werden zu können.
+
+Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine
+Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie
+geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! --
+Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das
+Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den
+erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie
+er zu uns spricht! Wenn wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir
+jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an
+mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was
+komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt,
+was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen
+»Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer
+wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh
+nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch
+alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg
+von Mister Rouß' Sanktum -- der Einarmige sitzt dort!
+
+Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner
+Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt
+neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen
+könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« -- lache nicht -- geradezu
+meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer,
+ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und
+Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und
+einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur
+all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische,
+die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und
+Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll.
+Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den Mississippi
+hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte
+mit ihr ums Horn nach Frisco -- der Anschauungsunterricht damals kommt
+mir trefflich zu statten jetzt.
+
+»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom«
+schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres
+und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in
+Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch
+festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See
+möcht' es ihm entführen.
+
+Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält ~ihr~
+Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker
+das Ding beurteilen: »Mißgeburt -- Ohren zu lang -- Nase platt -- Augen
+blöde -- Mund dumm.«
+
+Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn
+~ich~ zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll
+es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht
+beim allerersten Schuß? -- Ein schlechter Schütze verknallt sein
+ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs
+Vielschießen an -- nicht einmal so sehr auf Übung -- scharfes Auge
+(des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für
+Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!
+
+Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 22. Januar 1901.
+
+ Teure Schwester!
+
+Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!«
+
+Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr,
+und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine
+meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für
+Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer
+formt zu aufgeweckten Menschen.
+
+Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester,
+wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich
+lachen macht bei solchen Entbehrungen? -- oder ist's Galgenhumor? --
+Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem
+Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit,
+Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an.
+Schwermut zog sie aber zum Selbstmord.
+
+In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer
+lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all
+ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf,
+Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern;
+und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit.
+-- Schwester! warum begehst ~Du~ nicht Selbstmord und entfliehst
+einem Dasein so voller Schatten?
+
+O, warum denn fragen -- hier steht ja die Antwort neben mir: Arme Eva
+mein! Das ~Kind~ ist fort -- ja, die Elsie ist fort -- und mit
+dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis.
+Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich,
+das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische,
+unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn
+lieben, anschauen, mit ihm reden.
+
+Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt,
+der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es
+war mein schwerster Gang -- und leichter dünkt es mich, Arbeit zu
+erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft
+abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's
+Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich
+mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an
+seine Kanzleitür.
+
+»Herein!«
+
+Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist
+auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das
+Kontor betrat.
+
+»Setzen Sie sich!«
+
+Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker
+Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt
+ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie
+wünschen?«
+
+»Ja,« hauchte ich.
+
+»Was wünschen Sie?«
+
+»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt.
+Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war
+letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit
+zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren
+-- konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat,
+dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn,
+als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen
+vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not,
+mein Herr! und flehe um Nachsicht.«
+
+Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu
+binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die
+Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte.
+
+Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer
+Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen,
+wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich
+liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär'
+Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o,
+ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren.
+
+»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich
+sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das
+allein soll mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein
+Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch
+anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein.
+Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich,
+wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen -- hoffend jedoch,
+daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann
+ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen,
+sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles
+schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!«
+
+Er winkte ab.
+
+Ich ging.
+
+Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren
+lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So
+zwischen Himmel und Hölle hängend -- mein Gott! sind das Zeiten, die
+meiner harren.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 24. Januar 1901.
+
+ Teure, liebe Schwester!
+
+Warum ich Dir schon wieder schreibe? -- Ich lebe in qualvollster
+Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter-
+oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich
+an einem Bindfaden hängend über dem Niagara; wenn der Faden nicht
+reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich.
+
+Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen?
+Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich
+an Dein armer
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 28. Januar 1901.
+
+ Liebe, teure Schwester!
+
+Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird
+oben. Warten würgt sonst die Hoffnung -- bei mir wird die Hoffnung
+blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau
+hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische
+Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort.
+Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die
+ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete
+ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über
+die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben
+und mir aushändigen -- und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin
+ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester.
+
+O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren
+Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll
+umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten
+zeigt, können kaum solche Zauber wecken.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 4. Februar 1901.
+
+ Liebe Schwester!
+
+Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein
+paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber
+~nichts~ ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not?
+Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit
+Lamentieren?
+
+Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir
+alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage,
+von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben
+nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung,
+Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch --
+Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen
+kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel
+herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer
+Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und
+Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden;
+unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich
+bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie
+Mondgebirge.
+
+Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen.
+Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den
+ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz
+landet, wo Nansen den Pol stecken ließ. Dein Söhnchen Peter braucht
+nicht ins Bergwerk -- nicht so früh untern Boden -- ein passendes
+Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer
+spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung
+jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene
+Beiwerk -- und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern
+(ach, ich möchte ~allen~ Kindern) soll geholfen werden. --
+Glückauf!
+
+Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen,
+nicht ~ein~ Briefchen wert? Bitte, antworte.
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Brooklyn, den 11. Februar 1901.
+
+ Schwester!
+
+Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter
+Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine
+Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin,
+daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann
+und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe
+mir!
+
+Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine
+Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und
+mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer,
+es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes
+Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein.
+
+Was das bedeutet? -- Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster
+Bedeutung. O, ~der~ Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich
+werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich
+vernichten, und weiß ~wie~. Er hat Erfahrung im Fach und trifft
+jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin
+ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was
+weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend.
+Aber ~den~ Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern
+rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine
+Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen
+kann.
+
+Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste:
+mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu
+rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen -- Bankrott.
+Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen.
+Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen
+sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort.
+Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch.
+... Der ~eine~ nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich
+verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt -- mit Bitten und mit
+Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen
+-- der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist:
+
+ Tom.
+
+ * * * * *
+
+ Pilot Knob, den 16. Februar 1901.
+
+ Armer Tom!
+
+Gewiß -- Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und
+keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen -- oder
+gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von
+Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was
+soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth
+von Unglück -- gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang,
+und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum
+Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie
+Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst.
+Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten
+Körper und -- verkrüppelten ~Geist~. Dein krankes Weib wird noch
+eine Weile waschen, und dann wird sie ~nicht~ mehr waschen. Man
+sieht den Schluß des Trauerspiels kommen -- natürlich. Er kann nicht
+anders lauten als: »verdorben und gestorben.«
+
+Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen.
+Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das
+Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen.
+Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler -- das fühle
+ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich
+hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts. Es gibt keinen
+Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind
+ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als
+hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus
+getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen
+wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot.
+Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur
+blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende
+seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich.
+
+O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen --
+hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen --
+schlafen. -- Das ~eine~ muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die
+Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir
+reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen,
+nach ~Montana~. Morgen. Auch das noch! Was dann? -- Peter hat
+sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der
+Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache
+der Flucht. Und ~ich~, ich kann mich nicht losreißen vom Grab
+meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt.
+Ich verliere immer, immer. Daß ich ~eine~ Stunde meines Lebens
+wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! -- Aber still, still.
+Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele,
+die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still,
+still. Tom, ich muß schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen.
+Aber besser so -- wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier.
+-- -- --
+
+Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die
+wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke -- wie der
+Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt.
+Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier -- und Jennie ist
+gegangen.
+
+ * * * * *
+
+ Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901.
+
+ Lieber Schwager Tom!
+
+Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden
+lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie
+doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch
+kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es
+noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer
+zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser
+gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist.
+Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am
+Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die
+Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist
+sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und
+hat wenig Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel
+hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat
+Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen
+weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf
+der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt
+nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn
+man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie
+auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat
+gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein
+guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in
+seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif
+gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett.
+Dann ist sie gestorben um zwölf.
+
+ Dein Schwager
+
+ Peter Daly.
+
+ * * * * *
+
+ Deer Lodge, Montana, 17. März 1901.
+
+ Lieber Onkel Tom!
+
+Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei
+Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden
+Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht
+klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama
+ist ja tot. Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht
+und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich
+nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und
+alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr
+Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig.
+Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über
+diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann
+nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat
+der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so
+notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden
+am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy
+auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege
+ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke:
+Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt
+und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten
+in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist
+als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und
+draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald -- --
+ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin.
+Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein
+Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte
+sie am Herzen, bis ich wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht
+auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und
+Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles
+verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.
+
+Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie
+hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie
+fortging. Die schöne, gute Mama.
+
+Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht
+weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.
+
+Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel
+Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche
+ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft
+von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.
+
+ Willie Daly.
+
+ * * * * *
+
+ Deer Lodge, den 24. März 1901.
+
+ Lieber Onkel Tom!
+
+Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum
+schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht
+jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht
+aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es
+ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun.
+Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und was für eine Nacht. Schnee,
+Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen
+nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung
+und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der
+lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und
+Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist
+so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben
+täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit
+uns in Pilot Knob.
+
+Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten
+Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte,
+Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die
+Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr
+tickt wie damals.
+
+O, meine Mama! -- Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen
+in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der
+Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und
+mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am
+Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu
+Schatten.
+
+O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!
+
+ Willie Daly.
+
+ * * * * *
+
+ Deer Lodge, den 27. April 1901.
+
+ Lieber Onkel Tom!
+
+Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach
+Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist
+schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du
+bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir -- nur gute Worte
+wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden,
+kalten Land -- so verlassen.
+
+Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit
+~nicht~ zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte
+Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen,
+sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag'
+Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit
+der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in
+der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.
+
+Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine
+armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden
+muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.
+
+Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat
+sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist
+sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen
+und gesagt: »Kinder, das ist nun eure neue Mama, und die müßt ihr
+ebenso lieb haben wie die alte Mama.«
+
+Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht.
+Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große
+Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und
+sterben sollen. -- Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben.
+Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und
+immer.
+
+Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt
+jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht
+zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke,
+trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum
+kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber
+Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly
+weiß alles von mir und wird den Brief nur ~mir~ geben. Mister
+Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was
+ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber
+dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das
+tut kein vernünftiger Mann.«
+
+Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist
+die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und
+müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.
+
+Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde doch besser tun und
+schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt
+heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.
+
+Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.
+
+ Willie Daly.
+
+
+
+
+Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem
+Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien
+Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in
+farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte
+bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter
+von Buxton her in die Niederung geritten.
+
+Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des
+gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in
+Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen
+war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden
+vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen
+seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit
+dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch
+erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.
+
+Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus
+dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete
+sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend,
+ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte,
+ohne abzusteigen, mit dem Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer
+erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch
+vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie
+doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter
+talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang
+aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und
+verschwand in Kellys Laden.
+
+Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer
+des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig
+die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich
+ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in
+Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor
+einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie
+halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und
+pfeifend.
+
+Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über
+ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen
+breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen
+die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst
+ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch
+mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die
+größte in das Innere -- in die Küche. Die war eigentlich der einzige
+Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen
+zu abgesonderten Räumen, die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten
+sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die
+Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das
+zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig,
+robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich,
+unheimlich im höchsten Grad.
+
+Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden.
+Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in
+die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug
+in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue.
+Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete
+er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die
+Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß
+noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von
+dir verlassen wurde --«
+
+Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat
+ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den
+Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und
+erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den
+Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der
+Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden -- --
+
+»Onkel Tom!!« schrie Willie und -- --
+
+Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das
+hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es über die Kniee, preßte sein
+Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals,
+wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen
+will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende
+Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich
+aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von
+Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände,
+von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte
+formen zu wollen -- bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles
+wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind
+gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos
+allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele,
+die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.
+
+Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört,
+bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer,
+anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem
+Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids
+richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach
+einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten.
+Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken,
+schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben
+zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind
+wieder an sich -- seiner Schwester Kind -- und wiegte und wiegte.
+Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und -- Willie war im
+Traumland.
+
+Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab.
+Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies
+eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider -- --
+Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes,
+und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken -- zweifellos Merkmale
+brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's
+vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.
+
+Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und
+leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen
+zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer
+füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen,
+schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein
+traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend.
+Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den
+Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den
+Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind
+wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue
+der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr
+Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden
+lag, auf und machte den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne
+waren so fest aufeinander gebissen -- er konnte nicht beten.
+
+Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett
+der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne
+Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker,
+einem Totenhaus -- und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein
+wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem
+andern zu drücken, zu umarmen -- eins nach dem andern abzuküssen auf
+Mund, Stirne, Augen -- so lang und so feurig mit Küssen und Weinen,
+bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. --
+Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut -- schloß die
+Küche ebenfalls -- verließ das Blockhaus und trat ins Freie.
+
+Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von
+überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als
+Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits
+warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die
+Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge
+und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht.
+Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten
+Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen,
+die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.
+
+Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er
+richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in
+die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher.
+Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog
+jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten
+ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend
+sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.
+
+Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom
+stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich
+sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor,
+und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das
+Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten
+Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.
+
+Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht
+~so~ lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter
+fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete
+seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte
+dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu
+gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner
+Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei
+Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle
+seine Pläne durchreißen können?
+
+Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte
+die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem
+gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der
+neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen
+Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ
+alle ~die~ Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen,
+kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn
+Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten
+sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der
+Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen
+-- vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.
+
+Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das
+Weib da neben ihm -- das wußte er schon -- war eine an Leib und Seele
+bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann
+als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten
+Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen
+Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit
+wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte
+sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht,
+Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen
+hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. ~Ein~
+unbedachtes Wort vor ~diesem~ Weib, und die Kriegserklärung ist
+fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte --
+das ist für Peter nicht schmeichelhaft.
+
+Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete
+in sein Geschäft -- und legte aus -- erklärte, erzählte. Viel wurde
+zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger
+Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf
+~Willie~ zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die
+Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien
+gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:
+
+~Erstens~: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die
+Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber ~mit~
+Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.
+
+~Zweitens~: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin
+hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei
+Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit
+Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur
+Auswanderung.
+
+~Drittens~: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden
+fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.
+
+Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt
+hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das
+Dokument lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf
+den Tisch.
+
+»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin
+schon einmal gefragt.
+
+»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. -- »Nimm's nur!«
+
+Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab
+es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.
+
+Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.
+
+Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete
+Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte
+überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht.
+Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ
+das Haus.
+
+Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und
+Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf
+der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne«
+überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.
+
+Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war
+untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei
+Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende
+sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und
+verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er
+trug einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und
+legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins
+Stroh.
+
+Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben
+heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den
+kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das
+nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre
+alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die
+Gefangenschaft. Das fünfte Mal -- --
+
+»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter.
+Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr:
+daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher.
+Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form,
+daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte
+sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in
+Aufrechtsitzen umänderte.
+
+»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den
+Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose --«
+
+Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem
+Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der
+Schlafkammer und versuchte zu fliehen.
+
+Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es,
+ihm den Weg zu vertreten.
+
+»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins
+von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«
+
+Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch
+Schlaftrunkene seitwärts -- und Tom rannte nach dem wartenden Wagen.
+Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los;
+Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.
+
+»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter
+flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.
+
+»Tom!« klang es noch einmal.
+
+Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die
+Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«
+
+ * * * * *
+
+Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die
+Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton
+trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten
+sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie
+nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf
+sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als
+hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen
+Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts
+mehr sie bewegte?
+
+Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg
+machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am
+Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz
+herunter, wie er gehen sollte. »So und so -- fünf Minuten steigen;«
+dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die
+das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er.
+»Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar
+nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«
+
+Tom verschwand in der angegebenen Richtung.
+
+Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die
+Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen
+Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger
+bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach
+einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern
+zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor,
+eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten
+sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht.
+Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit
+ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in
+die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still -- man
+hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am
+Zwieback.
+
+Da -- plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein
+wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen.
+Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu
+zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? --
+Ein wildes Tier? -- Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen
+ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen
+sich überhaupt nicht stören.
+
+Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut
+in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine
+Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.
+
+»Fehlgelaufen, Sir?«
+
+Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite,
+damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er
+redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt
+zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte
+er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus
+Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß,
+wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«
+
+Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte
+den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies
+Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung
+der großen Tanne und verschwanden.
+
+Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der
+Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.
+
+Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus
+ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm
+und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.
+
+Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die
+Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber -- den Hut ab -- etwa
+zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken
+und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem
+frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.
+
+Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt
+und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise
+bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu
+verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht -- und
+niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen
+schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit
+heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder
+nebenan, als hätte ~er~, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das
+Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.
+
+Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände
+nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es
+wohl, auf was er sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er
+nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe,
+neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter,
+glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche
+Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
+Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«
+
+Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne -- durch
+Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend,
+gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer
+Farben -- so kam der ~Gerufene~ herab zu den Kindern.
+
+ * * * * *
+
+Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann
+trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden
+Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei
+Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester,
+die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein
+Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war,
+wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.
+
+Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden
+während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu
+unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende Worte
+und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons
+einziger Straße.
+
+Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so
+ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus
+in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen
+Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter
+nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann
+bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen
+Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und
+begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten
+sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff
+aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.
+
+Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.
+
+Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden
+paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht
+und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.
+
+Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
+
+Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und
+Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen
+gekehrt und -- zu Asche verbrannt.
+
+Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
+
+Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der
+Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so
+aussah, als sollten die Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten
+und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls
+dann gefressen werden -- da erschien als rettender Engel ~Tom~.
+Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der
+Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.
+
+»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht
+mehr da! Schau doch! schau!«
+
+Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten
+auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.
+
+Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue,
+schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus.
+Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den
+nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht
+eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das
+eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder
+Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen
+Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine
+blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles
+schillerte in Farben und Flitter.
+
+Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf
+die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit
+einem Appetit, der -- unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten
+werden kann.
+
+Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann, die beiden Frauen
+am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre
+neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum
+Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und
+beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel
+Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch.
+Endlich war er frei -- und atmete auf.
+
+Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann
+mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch
+verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als
+er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl,
+und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder.
+Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz
+aufhören über Sommer.«
+
+Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten
+nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie
+noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen
+schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem
+Pfad zum Bahnhof.
+
+Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden
+eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er
+abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist
+überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City verkehrt, und das
+Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.
+
+Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach
+dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige
+Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des
+offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte
+er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen
+plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je
+zuvor.
+
+Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und
+Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer
+neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit.
+Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete
+mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not
+rund gebliebenen Beinchen.
+
+Neben der Molly saß Lilli -- schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe
+hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die
+innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von
+krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt
+den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht
+hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein
+ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend
+ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.
+
+Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose
+heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und
+Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.
+
+Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen
+bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende
+Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen,
+verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt -- o jetzt --
+Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den
+waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie
+erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der
+Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.
+
+Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und
+das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.
+
+Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort
+liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht,
+als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine
+statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden
+Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!
+
+Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen
+Tunnel -- wie ein Sarg ins Grab.
+
+Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten
+heiß über seine Wangen. »Jennie! Schwester!« hörte man ihn nur hin und
+wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«
+
+Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen
+hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt
+mit dem Haupt in die Wagenecke -- und schlief.
+
+ * * * * *
+
+Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.
+
+Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten,
+grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote,
+Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde.
+Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert
+und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land,
+gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer
+streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen,
+gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich,
+geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne
+tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und
+Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt
+mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben
+langen Tag, und wird nicht müde.
+
+Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den
+Strand. Mit Wasser auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen
+konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße
+Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste
+kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das
+triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels
+und des Meeres Mächte -- mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg
+erklärten -- der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres
+höckerigem Rücken -- und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine
+Feuerpfanne spie -- heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf
+Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.
+
+Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres
+lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und
+Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden
+Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten
+Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt
+versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von
+Augenblick zu Augenblick.
+
+»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«
+
+»Und kühlt!« schrieen die Knaben.
+
+»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die
+Mädchen.
+
+»Ach, Onkel Tom! -- Papa! lieber Papa! -- Ist das Meer immer so schön
+wie heute?« lachten Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen
+hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.
+
+Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen
+erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich
+auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des
+Himmels grauer Decke schnappt -- liebkosend wusch es ihre Beinchen,
+so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum
+in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und
+hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.
+
+O, Meer und Kind!
+
+Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich
+geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß ~ein~
+großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres
+Flut und Ebbe will.
+
+Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt
+und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom
+nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen
+Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung.
+Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen,
+wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit
+dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche
+engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, ~das~ kann nicht
+beschworen werden, denn der Knabe schläft. Gleichmäßig atmet er mit
+dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber
+bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er
+gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung
+der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.
+
+Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil
+ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es
+lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.
+
+Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem
+offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft
+schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und
+Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender
+List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit
+~einem~ heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu
+erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm
+herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und
+nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe,
+beginnt die Königin zu buchstabieren:
+
+ »Der Seestern.
+ Roman von Tom Pratt.
+ (Sechstes bis zehntes Tausend).«
+
+Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und herunter -- auf
+Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur
+und tote Körper seelische Gefühle webend.
+
+Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die
+Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden,
+schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die
+gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.
+
+Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm
+zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke
+meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort
+in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der
+bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist
+der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie
+liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja,
+dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat,
+wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der
+Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur
+Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz.
+Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! --
+Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die
+bleichen Wangen aufwärts; -- ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn
+niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva
+himmelblaue Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und
+heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf
+das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.
+
+Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen,
+fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang
+bildet vom Sturm zur Ruhe -- da ist es ihr, als sei noch nie im
+Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so
+weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie
+zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um ~ihn~ und sie und
+diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden
+wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder
+Plätschern der Brandung -- alles ist ein einzig herrliches, liebes,
+oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren
+Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und
+jedes Ding ist verschönerte Verklärung.
+
+Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die
+Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte
+Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag
+im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden
+-- an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder -- an das Wanderlied, das
+ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi -- an die
+Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land -- an Vaters jähen Tod
+-- der Mutter frühes Sterben -- die Verlassenheit der Waisenzeit -- die
+Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein --
+an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um
+ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm -- an den
+Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis -- an Toms Geständnis -- an das
+erste Licht nach langer Finsternis -- ans Paradies der Liebe -- an der
+Vermählung Doppelfrucht -- höchstes Glück auf dieser Erde -- -- ach!
+an Elfies Sterben -- an des Gatten gräßliche Verstümmelung -- Tränen
+-- Elend -- Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das
+Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen:
+Jennie ist erfroren in Montana -- der Jennie Kinder verderben -- die
+Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!
+
+Da, o da -- mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das
+gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt
+die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen
+Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand
+erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem
+Krüppel Tom sein erstes Buch: »~Der Seestern~.«
+
+Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird
+weiterdichten -- ~muß~ weiterdichten; aus Pflicht für Weib
+und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus
+unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.
+
+Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!
+
+O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? -- Nein, um
+auferstehen zu können! -- Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich,
+die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht.
+Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur
+Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott,
+~keiner~ führt vorbei und ~jeder~ durch die salzigbittere
+Wüste: ~Schmerz~.
+
+Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste
+der Führer bleibt die ~Sehnsucht~ ...
+
+Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht
+das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört
+der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und
+alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.
+
+Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die
+offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich
+tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten
+Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«
+
+Ein selig Lächeln ist die Antwort.
+
+»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das
+Meer die Schlummerlieder singt?«
+
+Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend, tiefe Schwermut
+zeigend, senkt und öffnet er die Lider.
+
+»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen -- weicht
+zurück -- langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und
+bleiben so.
+
+Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.
+
+Die schöne Frau nickt auch.
+
+Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was?
+Das verschollene Grab.
+
+ [Illustration]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 ***
diff --git a/77504-h/77504-h.htm b/77504-h/77504-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..f0f8734
--- /dev/null
+++ b/77504-h/77504-h.htm
@@ -0,0 +1,6132 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>
+ Die Geschwister | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
+body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+}
+
+ h1,h2,h3 {
+ text-align: center;
+ font-weight: normal;
+ clear: both;}
+
+h1 { font-size: 210%}
+h2, .s2 { font-size: 175%}
+.s3 { font-size: 125%}
+.s4 { font-size: 110%}
+.s5 { font-size: 90%}
+
+h2 {
+ padding-top: 2.0em;
+ margin-bottom: 1.5em;
+ page-break-before: avoid;
+ text-indent: 1em; }
+
+p {
+ margin-top: .51em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .49em;
+ text-indent: 1em;
+}
+
+.p0 {text-indent: 0em;}
+.p2 {margin-top: 2em;}
+.p4 {margin-top: 4em;}
+.p6 {margin-top: 6em;}
+
+hr {
+ width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: 33.5%;
+ margin-right: 33.5%;
+ clear: both;
+}
+
+hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;}
+hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
+@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
+hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;}
+
+div.chapter {page-break-before: always;
+}
+h1 { page-break-before: avoid;
+}
+h2.nobreak {page-break-before: avoid;
+}
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: small;
+ text-align: right;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ text-indent: 0;
+} /* page numbers */
+
+.mleft8 {margin-left: 8em;}
+
+.center {text-align: center;}
+
+.right {text-align: right;}
+
+.padtop3 {padding-top: 3em;}
+
+.padbot2 {padding-bottom: 2em;}
+
+.gesperrt
+{
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+}
+
+.x-ebookmaker .gesperrt {
+ letter-spacing: 0.15em;
+ margin-right: -0.25em;
+}
+
+em.gesperrt {
+ font-style: normal;
+}
+
+.antiqua { font-style: italic;}
+
+img {
+ max-width: 100%;
+ height: auto;
+}
+img.w100 {width: 100%;}
+
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;
+}
+
+/* Transcriber's notes */
+.transnote {background-color: #E6E6FA;
+ color: black;
+ font-size:small;
+ padding:0.5em;
+ margin-bottom:5em;
+ font-family:sans-serif, serif;
+}
+
+/* Illustration classes */
+.illowe6 {width: 6em;}
+.x-ebookmaker .illowe6 {width: 12%; margin: auto 44%;
+}
+
+ </style>
+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h1>Die Geschwister</h1>
+
+<p class="p2 center">Von</p>
+
+<p class="s2 p2 center">Hugo Bertsch</p>
+
+<p class="p4 s4 center">Mit einem Vorwort von <b>Adolf Wilbrandt</b></p>
+
+<p class="p2 padbot2 center">Achte Auflage</p>
+
+<figure class="figcenter padtop3 illowe6" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p class="s3 p6 center">Stuttgart und Berlin 1904</p>
+<p class="s4 center">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger</p>
+<p class="s5 center">G. m. b. H.</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 center">Alle Rechte vorbehalten</p><br>
+<hr class="r5">
+<p class="s5 center antiqua">Copyright 1903 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br>
+G. m. b. H.</p><br>
+<p class="p4 s5 center">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
+</div>
+
+
+<p>Ich habe die Freude, meinen Landsleuten ein Buch zu übergeben, das, so
+recht aus der Tiefe unsrer Volkskraft heraufgekommen, eine merkwürdige,
+herzbewegende Erscheinung und in einem gewissen Sinn etwas Einziges ist.</p>
+
+<p>Vor zwei Jahren und länger, im September 1900, schickte mir aus
+Brooklyn-Neuyork ein deutscher Fabrikarbeiter, Hugo Bertsch, ein
+Buch, in das er ein Schauspiel hineingeschrieben hatte und allerlei
+Gedankengänge, betitelt »Phantasien auf hohem Seil«. Er schrieb dazu:
+»Wie Sie an beigeschicktem Manuskript ersehen, bin ich einer von den
+Nichtallewerdenden, denen es in Kopf und Herzen stürmt. Einer, der
+verbotene Wege wandelt — wennso das Schriftstellern, wie ich annehme,
+Privilegium der Studierten ist. Denn, hochgeehrter Herr! ich habe
+leider, leider, außer meiner Schwarzwälder Dorfschule — unterbrochen
+noch mit schwerer Feldarbeit — keine Bildung genossen. Gelesen habe
+ich viel, in Büchern, mehr noch in Gottes großem Buch: die Welt, die
+ich seit dem Verlassen meiner Heimat kreuz und quer durchwandert
+bin. Als Farmer, Bergmann, Holzhacker,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Ziegelbrenner, Matrose,
+Fabrikarbeiter, in grobem Kittel, mit rauhen, schweren Händen — aber
+(ohne zu erröten) reiner, unsäglich empfindlicher Seele — habe ich so
+für mich gelesen, gelebt, geduldet — geweint. Ein Sonderling.</p>
+
+<p>»Daß ich schreiben kann <em class="gesperrt">schier</em> wie ich denke, das erfuhr ich,
+als ich in ziemlich langen Briefen meine Reisen schilderte. Ich tat's
+einmal, dann öfter, und schließlich — gepackt von dem berühmten Buch:
+Im dunkelsten England — versuchte ich eine ähnliche Schilderung: Im
+dunkelsten London.</p>
+
+<p>»Ein so ausgedehntes Werk zu schreiben war mir unmöglich, das merkte
+ich bald. Den ganzen Tag arbeite ich schwer, und nach dem Nachtessen
+ist es spät und die abgerackerten Knochen zerren auch den willigsten
+Geist hinab, hinab aufs Bett zum Ruhen. Zudem ist meine Umgebung so
+ruhestörend, daß ich oft lachen muß über die originelle Weise, wie ich
+dichten muß. Notwendig entschloß ich mich zur kürzesten Form, meiner
+armen, überladenen Seele Erleichterung zu verschaffen.«</p>
+
+<p>So hatte er denn versucht, ein Schauspiel zu schreiben, »ohne viel zu
+wissen, was man Regeln des Dramas und dergleichen nennt«. »Mitleid
+und Tränen zu locken für seine Helden«, nur das hatte ihn seinen
+Weg geführt. »Mit Gottvertrauen ließ ich meiner Phantasie die Zügel
+schießen, und bin gelandet jetzt — im Graben? oder drüber? — Das zu
+urteilen überlasse ich Ihnen, edler Herr.</p>
+
+<p>»Jetzt aber kommt der Gipfel meiner Aufdringlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> — und o,
+Bescheidenheit, verhülle dein Erröten — dein glühendster Verehrer wird
+dein Verräter.</p>
+
+<p>»Nie und nimmer! schrie ich dutzendmal beim Schreiben des Manuskripts
+— nie wieder werde ich unter so unmenschlichen Hindernissen es
+versuchen zu schreiben. Nur wenn gute Aussicht ist, daß ich das
+Ziel erreiche, mit Dichten mein Brot zu verdienen, werd' ich's noch
+<em class="gesperrt">einmal</em> versuchen. Selbstverständlich andernfalls nicht. Ich kann
+glücklich und zufrieden leben als Arbeiter — freilich glücklicher als
+Schreiber — schon wegen der Wollust, meine Seele zu entladen. Aber in
+Ungewißheit schwanken zwischen beiden, macht mich sehr elend.</p>
+
+<p>»Geehrter, teurer Herr! Seien Sie mein Richter, Ratgeber, Erlöser. Was
+denken Sie?</p>
+
+<p>»Was immer — sagen Sie es mir mit kurzen, trockenen Worten. Ich bin
+ein wahrer Virtuose im Entsagen, und Religion und Vertrauen auf das
+Weiterleben jenseits gibt mir mehr als Mut, mich einzuschließen,
+einzupuppen — allein mit meinen süßen Gespenstern.«</p>
+
+<p>Ich las das Buch; mit Staunen, mit immer wechselnden Eindrücken und
+mit einem tief tragischen Gefühl. Das Schauspiel: »Der Dieb« war ein
+wildes, krasses Nachtbild aus der »unteren Schicht«, mit einer oft
+überraschenden Beredsamkeit fesselloser Leidenschaft, aber sonst
+so recht, was man »unmöglich« nennt. Nicht nur jede Kenntnis der
+Bühne fehlte, auch das Leben erschien oft in übertrieben greller,
+glühender Beleuchtung und verzerrter Gestalt. So schafft wohl leicht
+ein ermüdetes, von außen gestörtes,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> sich mit Gewalt erhitzendes, vom
+Willen gepeitschtes Gehirn. Es spielte aber auch — und mehr noch in
+den »Phantasien auf hohem Seil« — diese verhängnisvolle Zwitterschaft
+mit, die Verbindung von hohem Seelenschwung und Geistesflug mit der
+ungeschulten Unbehilflichkeit. So viel Denken, auch Wissen, und so
+viel Unorthographisches. So erstaunlich reiches Formtalent, feines
+Sprachgefühl, und so viel undeutsche Wendungen, aus der englisch
+redenden Umgebung unbewußt aufgenommen. Gewiß ein ungewöhnlich begabter
+Mensch, gewiß auch ein Poet; aber wer und was sollte ihm zur Ausbildung
+und zur Reife helfen? Nur wenn er den Arbeitskittel ausziehen und
+herüberkommen konnte, um in der Luft der deutschen Dichter und mit
+fördernden Genossen zu leben, nur dann konnt' er »werden«. Er war noch
+nicht.</p>
+
+<p>Und so sagte ihm der lange Brief, den ich ihm in tiefstem Mitgefühl
+schrieb, eigentlich doch nur das: kannst du dich freimachen, dir
+Geld verschaffen, um ein paar Jahre sorgenlos dich auszubilden? Dann
+versuch's! Dann kann's gelingen!</p>
+
+<p>Darüber ging seine Antwort wie mit stummem, entsagendem Kopfschütteln
+hinweg. Er dankte mir nur mit rührenden Worten, daß ich seinen Wunsch
+erfüllt; »in traurigen Momenten kam es ja über mich: Sie werden meine
+Kindergartendichterei gar keiner Beantwortung wert halten und das arme
+Geschreibsel als ›Schmiere‹ in den Korb werfen. ... Daß Sie aber einen
+achtseitenlangen Brief an mich schreiben voll Sympathie und Gefühl
+und Verständnis<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> für meine Lage, hat mich so glücklich gemacht, daß
+ich vollauf belohnt bin für alle Mühe und Bitterkeit, das Manuskript
+herzustellen. ...</p>
+
+<p>»Daß es nun aus ist mit meiner ›Schriftstellerei‹, ist
+selbstverständlich. ...«</p>
+
+<p>So schrieb er mir am 21. Oktober; aber im April 1901 kam ein dritter
+Brief. Er stellte sich darin von neuem vor als »jenen zudringlichen
+Fabrikarbeiter von Brooklyn«; dann fuhr er fort: »Damals äußerten
+Sie sich ermutigend über mein Talent und zum Schluß Ihres langen
+Schreibens wörtlich: ›Ich hoffe, daß Gott Ihnen doch noch etwas an
+die Hand gibt, an dem Sie sich emporziehen können; solche Wunder sind
+schon oft geschehn.‹ Und, hochgeehrter Herr! es ist geschehen. Gott
+ließ das Wunder geschehen an mir. Sie wissen ja, daß ich die Feder
+wegzulegen beschloß wegen Mangel an Zeit, Freiheit, Aufmunterung. ...
+Ich verwünschte, verbannte die Ideale, die anstürmend wie Meereswogen
+mein ruhiges Arbeiterleben unterwühlen; aber allem Widerstand zum Trotz
+— ich <em class="gesperrt">mußte, mußte</em> dichten und schreiben.</p>
+
+<p>»Das war der Anfang des Wunders — nur der Anfang. Was ich jetzt
+schreibe, <em class="gesperrt">wie</em> ich schreibe, das ist das Wunder, an dem ich mich
+emporziehen werde, so wahr mich Gott liebhat und ich ihn. ...</p>
+
+<p>»Vielleicht ist es zum Kopfschütteln, wenn ich behaupte, daß ich
+über meine Arbeit nicht befriedigt, sondern geradezu erstaunt bin,
+verblüfft. Ich steh' vor dem Geschriebenen wie vor einem geahnten, aber
+nie gesehenen Wunder. Daß so tief ich denken kann,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> empfinden kann, ein
+solches Himmelreich voll Geister beherbergt habe ohne es zu wissen, die
+lange Reihe von Jahren, das alles dünkt mich wie ein Geschenk von Gott,
+eine Entschädigung für die erdrückenden Schwierigkeiten, unter denen
+ich schreiben <em class="gesperrt">soll</em>. Oft lebe ich im Wahn, ein viel Höherer als
+Menschen dichte für mich und meine schwieligen, harten Hände seien nur
+sein Werkzeug, das Tinte und Feder beherrscht ....</p>
+
+<p>»Denken Sie ja nicht, diese wilden Sätze seien Schwulst, Überschätzung,
+Überspannung — es sind nur die Jauchzer einer glücklichen Seele, die
+hofft, einen Freund gefunden zu haben, der sie kennt und schätzt.«</p>
+
+<p>Hugo Bertsch hatte damals etwa ein Drittel seiner neuen Dichtung
+geschrieben; zunächst fragte er, ob ich mich ihrer wohl annehmen werde.
+Ich, in großer Freude, erbot mich zu jedem möglichen Liebesdienst.
+Das erfüllte ihn so mit Dankbarkeit, daß sie ihn fast niederdrückte,
+traurig machte: »Sie haben mich um ein gut Teil Freiheit gebracht. Eh
+ich Sie (brieflich) kennen lernte, schwelgte ich in voller Freiheit,
+meine Dichterei betreffend. Ich konnte die Feder führen oder wegwerfen,
+absolut wie es mir beliebte — aber jetzt nicht mehr so. Ich darf
+nicht das Vertrauen enttäuschen, das Ihre ... Seele mir schenkt. Ich
+<em class="gesperrt">muß</em> jetzt die Hoffnung, die Sie in mich setzen, verwirklichen.
+...« Er nahm mich aber als »Ratgeber«, »Wegweiser« an, weil er die
+Notwendigkeit fühlte. »Ich habe (wie Don Karlos) auf dieser weiten Erde
+niemand, niemand und so weiter, der mich aufmuntert, führen könnte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
+
+<p>So begann denn meine beratende Mitwirkung an dem hier vorliegenden
+Buch. Es entstand langsam, mit großen Unterbrechungen, auch mit
+tiefen Senkungen des Selbstgefühls und der Schaffensfreude, in
+»nervenlähmender Mutlosigkeit«, wie er einmal schrieb; nicht zu
+verwundern bei der Art, wie es entstand. Der Dichter, kein Jüngling
+mehr, sondern »ein Mann in reifsten Jahren«, wie ich nun erst erfuhr,
+»aber außergewöhnlich gesund und stark«; auch glücklich verheiratet,
+mit einer Amerikanerin von irischer Abstammung, und »Vater zweier
+herzallerliebster Kinderchen«, »alle kerngesund« — er konnte eben doch
+nur nach des Tages Arbeit »komponieren und schreiben«, in der Küche,
+am Küchentisch. Und wenn er an Winterabenden schrieb, so saßen ihm die
+Kinder, die nicht mehr wie im Sommer auf die Straße gehen konnten,
+»schier buchstäblich auf dem Manuskript«. »Und wie die Jugend eben ist,
+sie vergessen jeden Augenblick, daß Papa nicht gestört werden möchte.
+Sprechen, lachen, an den Tisch stoßen stört mich wenig, das bin ich
+gewohnt; aber mit Fragen anrennen über dies und jenes, das holt mich
+rettungslos aus den Wolken herunter, wie der Pfeil den Vogel.«</p>
+
+<p>Alle diese Hindernisse äußerer und innerer Art schadeten der Dichtung;
+es konnte nicht anders sein, umsoweniger, da sie ein <em class="gesperrt">Werdender</em>
+schrieb. Das Gespinst ward ungleich, gröbere Fäden oder zu matt
+gefärbte liefen mit hinein. Hie und da verwilderte die müde, gehetzte,
+überreizte Phantasie. Der Plan des Ganzen entartete zuletzt ins
+Schwarze, Erbarmungs-<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> und Hoffnungslose, Weltverneinende; gegen die
+eigentliche Natur des Dichters, der mit germanischer Gesundheit und
+Freudigkeit Gott und das Leben bejaht. Ich beriet ihn: kehr um! Geh
+einen andern Weg! Er ließ das Werk eine gute Weile liegen, dann begann
+ein neuer Anlauf. So gab er dem Buch die Form, in der ich es nun der
+Welt übergebe.</p>
+
+<p>Es ist in jeder Zeile sein Werk und fast immer auch sein Wort; ich habe
+nur die kleinen »orthographischen Schandtaten«, wie einer seiner Briefe
+sie nennt, brüderlich verbessert, undeutsch englische Wortfügungen
+deutsch gemacht, und Längen gekürzt oder ein Übermaß weggeschnitten,
+da es in der Natur seiner »Inspirationen« liegt, gern und zuweilen
+unaufhaltsam in die Verschwendung des Reichen zu entarten. Daß ich dies
+alles mit seiner Zustimmung und auf seinen Wunsch getan hab', brauch'
+ich kaum zu sagen. Auch so wird der Leser wohl noch hie und da etwas
+»gröberes Gespinst« verspüren, halbversteckte Zeugen bejammernswerter
+Schaffensnot. Auch sei er hiermit freundlich gewarnt, daß er nicht zu
+viel Handlung oder Spannung erwarte. Es ist eine Seelengeschichte, die
+sich langsam, beinahe ganz in Briefen fortschiebt; viel Persönliches
+drin, in den »Helden« der Geschichte, Bruder und Schwester, sehr
+viel Eigenstes. Tom, der Bruder, ist Arbeiter wie Hugo Bertsch,
+Ausnahmsmensch an Begabung wie er, Grübler, Denker wie er. Und wenn
+sich der gewarnte Leser mit gelassener, nicht stoffhungriger Sammlung
+an den Tisch seines Gastgebers setzt, so<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> wird er wohl staunen, denk'
+ich, was dieser Fabrikarbeiter aus Brooklyn ihm auftischt: wie viel
+Beredsamkeit, Geist, Satire, Stimmung, Humor, Tiefsinn, Phantasie.</p>
+
+<p>Hierin ist er meines Erachtens etwas Einziges, wie ich vorhin
+sagte; und überhaupt wüßte ich ihm in unsrer Literatur nur einen zu
+vergleichen, Ulrich Bräker, den »armen Mann im Tockenburg« aus Jung
+Goethes Zeit, den auch ein unbezwingbares Talent aus der Tiefe emporzog
+und zum »Naturdichter« machte. Sie haben auch Stammesgemeinschaft,
+beide sind Alemannen; nur daß Bertsch ein Landsmann Schillers,
+ein Schwabe, Bräker ein Schweizer ist. Auch in ihrem innersten
+Wesen, deucht mir, ist viel Verwandtschaft; aber das Leben hat sie
+verschiedene Wege geführt, und die Glocken der Zeit haben ihnen sehr
+verschieden geläutet. Uli Bräker, der nach kurzen Abenteuern das
+Leben in seinem stillen Tal verbrachte, nur den eintönigen Kampf
+mit der Sorge kennend, blieb der träumerische, lyrische, kindliche,
+naturselige Mensch, als den die Natur und die Muse ihn geschaffen
+hatten. Hugo Bertsch, in früher Jugend hinaus und lange Jahre die
+Welt durchwandernd, dann von den tausend Stimmen einer gewaltig
+aufstrebenden Riesenstadt umbraust, von den Leiden und Wünschen und
+Begierden seiner emporringenden Standesgenossen im Innersten ergriffen,
+härtete sein weiches Herz für den großen Kampf. Noch nie hat ein Mensch
+des »vierten Standes« mit so geist- und seelenvoller, hochaufflammender
+Beredsamkeit für die Rechte dieses leidenden Standes und gegen das
+Babel der Zeit<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> gestritten, wie Hugo Bertsch in diesem Buch. Es ist
+aber die edle, reine Beredsamkeit des <em class="gesperrt">Dichters</em>, der zuletzt,
+im ruhelosen Weitertrachten der Gedanken — ein echt deutsches Blut!
+— zum <em class="gesperrt">Philosophen</em> wird. Die altpersische Weltvorstellung lebt
+auf eine wunderbare Art in ihm auf: der gute und der böse Geist, die
+den großen Weltkampf kämpfen, in dem der Geschaffene, der Mensch
+mitstreiten soll. So findet sich sein »Held«, Tom Pratt, in der
+Schöpfung wieder zurecht, und die Sonne kann auch ihm wieder scheinen.</p>
+
+<p>Doch ich sage nun nichts mehr von ihm und dem Buch. Es soll selber
+reden.</p>
+
+<p>Auch mit Maxim Gorki, dem Russen, will ich ihn hier nicht vergleichen
+— so nahe der Gedanke liegt; vielleicht hat schon jeder, der bis
+hierher las, an Gorki gedacht. Wer das ganze Buch gelesen, mag, wenn er
+will, hernach selbst vergleichen. Ich sage nur: lest das Buch!</p>
+
+<p>Möchte doch der Erfolg es segnen und dem Schwaben in Brooklyn so viel
+Mut und Freude und Freiheit schaffen, daß er von neuem auffliegen kann,
+und höher noch und höher; daß er den Inhalt seines Lebens, die Welt,
+die er gesehn, mit dem Jugendfeuer des endlich zum Wort kommenden
+Erzählers vor uns ausbreiten kann, oder, wie er in einem seiner Briefe
+sagt, »seiner Vergangenheit buntgewebten Teppich ausklopfen mit der
+Zauberrute Poesie«.</p>
+
+<p class="right">Adolf Wilbrandt</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung</h2>
+<hr class="r5">
+<h3>Das verschollene Grab</h3>
+</div>
+
+
+<p><em class="gesperrt">Grab</em> — welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das wuchtiger trifft,
+schauriger, zermalmender, erstarrender?</p>
+
+<p>Tod — — man kann tot sein und noch im warmen Bette liegen, umgeben
+von den lieben, teuren Angehörigen — tot sein und beschienen werden
+vom Licht und Blau der Welt, gefächelt werden von Luft und Atemzügen
+der Lebenden, geküßt werden, umarmt, angeredet.</p>
+
+<p>Aber Grab — dieses schwarze, hohle Loch ins Jenseits hinüber, durch
+das keiner zurückkriecht, und rauchte am andern End' die Hölle. Wer
+da hinuntersaust am schnurrenden Seil, im zugenagelten Sarg, und dann
+Scholle auf Scholle den Marsch trommelt, bis es stiller wird, dumpfer,
+immer dumpfer, so grabesstill, daß nichts mehr gehört wird in der
+schaurigen Höhle als der Erde blähendes Verdauen.</p>
+
+<p>Droben jagen sich die Ereignisse Licht und Schatten gleich; auf und
+unter geht der Tag, jeder Morgen<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Frisches begrüßend, jeder Abend
+Gebrauchtes begrabend.</p>
+
+<p>Drunten wartet der Tote auf Erwachen, Wiedersehen, Auferstehen.
+Vergessen von den Menschen, eh' er ganz verfault; vergessen von
+Menschen, die in hysterische Zuckungen verfielen aus Schmerz über sein
+Ableben; denen er alles war, Liebling, Vater, Mutter, Bruder, Schwester
+... Du armer Tor da unten hoffst, die gedankenlose Natur werde sich
+deiner erinnern nach Milliarden Jahren — die herzlose Natur werde sich
+deiner erbarmen — die Brüterin der Brutalität — Natur, die Säugerin
+des Zähen, Starken, die Anbeterin des Lebendigen, die Todfeindin des
+Toten, werde sich verlieben in morsche, längstverweste Knochen? Natur,
+die nur das Neue will und nie ein zweites Mal das Selbe schafft — die
+Altes nur als Treppe nützt, als Dünger, Mist — herz- und sinn- und
+zwecklose, sie weiß nicht, was sie tut — die Experimentiererin, die
+in ruheloser Sucht nach immer wieder Neuem, allerletztem Neuem, der
+Evolutionen hunderttausend-generationenlange Leiter auf und ab hüpft
+— lawinengleich Systeme rollt, Welten schleift, Sonnen und Planeten
+fegt auf einen einz'gen, riesengroßen Trümmerhaufen — herrlichste
+Gebilde (der Vollkommenheit so nah um Haaresbreite) zu Scherben schlägt
+wie lose Kinder ihren Weihnachtsskram, und liegen läßt für eine halbe
+Ewigkeit — Schund und Mißgeburten aber <em class="gesperrt">stehen</em> läßt für eine
+halbe Ewigkeit.</p>
+
+<p>Oder hoffst du armer Tor: ein Gott, der sich um<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Lebende nicht kümmert,
+werd' sich um Tote scheren? Der keinen kleinen Finger rührt, wenn
+Millionen sich in Qualen drehen, Millionen untergehen; der sich nicht
+finden lassen will, der sich versteckt vor dir — der werd' suchen —
+<em class="gesperrt">dich</em>? — —</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Gottes Acker</em> — welch ein Wort! Gibt es ein zweites, das
+majestätischer klingt, magischer, ehrfurchtsvoller, hoffnungsvoller?
+Ist es nicht ein Gefühl, als erwache man aus schwerem Fiebertraum
+in Mutters Armen, an Mutters warmer Brust, ein Kind — und all
+die Schreckensbilder der vergangnen Nacht (Tod, Grab, Verwesung)
+weggescheucht von ihrem Lächeln, Trösten, Küssen, Lieben?</p>
+
+<p>Gottes Acker — — Und der Mensch mit seinen Hoffnungen ist der Same
+— mit seinem Lachen und Weinen, Genießen, Entsagen, Trotzen, Dulden,
+Lieben, Hassen ist der Same. Hier werden seine Tugenden und Laster
+eingebettet, seine Resignationen und Rebellionen. Hier werden seine
+ungezählten, nie erfüllten Wünsche eingeackert — all die Träumereien
+von Glückseligkeit, die in diesem Leben, ach! aus süßem Sehnen nur zu
+bittern Tränen reifen — all die Leidenschaften, die vom Maienzug, der
+Schmetterlinge weht auf Honigkelche, bis zum Tornado, der Felsen rollt
+und durch schwarze Trichter Trümmer an den Himmel bläst, des Menschen
+Seele schleifen wie Vandalen den Besiegten in die Sklaverei. All die
+Reminiszenzen tausender Geschehnisse; all die Pläne und Fragmente —
+all die großen und kleinen Sünden und Gebete, die aneinander gereiht
+erdenlebenslange, schwere Kette<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> bilden vom ersten Atemzug bis hierher
+zu diesem Röcheln aus dem Bette dort — vom ersten Blick ins Licht, das
+die Sonne spinnt durch den Spitzenvorhang (ein Silbernetz um Kind und
+Wiege), bis hierher zu dieser Sterbekammerlampe, die am letzten Tropfen
+saugt.</p>
+
+<p>Gottes Acker — — Und da liegen sie jetzt in langen Reihen, ruhig
+die unruhigen Menschlein; im Leben keiner dem andern gleich, hier
+alle gleich; im Leben höchst unbrüderlich, neidisch, egoistisch, hier
+Kameraden auf ewige Zeiten, bescheiden, nachgiebig, unterwürfig. Noch
+hat der Reiche sein Monument von Marmor über sich und der Nachbar nur
+ein hölzernes Kreuzlein. Noch hat der eine Blumenbeete, wohlgepflegten
+Rasen, Buchs und Zaun, von Gärtners kundiger Hand beschnitten, der
+andre nur was ihm die Natur vorübereilend gnädig fallen läßt, Blümchen,
+eingewickelt in ein Büschel Gras. Noch haben Leichensteine ihre Namen,
+Worte, Daten. Ach, wie lang oder kurz, und die Ausgleichung ist auch
+oben wie unten. Zeit und Wetter verwischen die Inschriften, zernagen
+Stein und Eisenwerke — und die sie setzten, sterben auch.</p>
+
+<p>Mein lieber Leser! Zweifellos hast du schon Kirchhöfe besucht, teils
+aus Zufall, Langerweile, Pflicht, oder gar von jenem unbeschreiblichen
+Gefühl gezogen, das uns Menschen den Ort zu besuchen zwingt, der als
+Haltestation irdischer Laufbahn gilt. Und gewiß hast du dann mehr oder
+minder tiefsinnige Betrachtungen angestellt über die Gegend und ihre
+Bewohner,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> über das fernere Schicksal dieser Leutchen, das auch dein
+Schicksal werden wird.</p>
+
+<p>Da ruht ein Vater, dort eine Mutter, hier ein Wiegenkind, daneben seine
+Urahne, daneben die geknickte Kraft von zwanzig Sommern. Wie alt sie
+waren am Todestage, wann geboren, wann gestorben, konntest du alles
+am Leichenstein ablesen. Ob sie reich waren oder arm, geschätzt oder
+nicht, das zeigt ziemlich genau die Beschaffenheit und Instandhaltung
+der Grabstätte. Vor solchen Begräbnisstellen, die mit Inschriften
+versehen sind und besucht und gepflegt werden von überlebenden
+Verwandten und Freunden, hat die Phantasie wenig Spielraum zum Malen;
+die Freiheit, im Rätselhaften, Geheimnisvollen jagen zu dürfen, wird
+sehr beschnitten durch die Bekanntmachungen oben.</p>
+
+<p>Das richtige Grab mit allen seinen Mysterien und Schauern ist
+das »<em class="gesperrt">verschollene</em> Grab«; das Grab bei der Kirchhofmauer
+oder außerhalb der Kirchhofmauer; das eingesunkene, mit schiefem,
+verwittertem Kreuz und Stein oder mit <em class="gesperrt">gar keinem</em> Abzeichen
+versehene Grab. Vor so einem verwahrlosten, vergessenen, zugedeckten
+Loch stehen — etwa bei Nacht, oder Abends im Herbst, wenn der
+untergehende Tag, der naßkalte Nordost, der feuchte, schleichende, im
+Gras und Schilf entlang kriechende Nebel, der tiefstehende Sichelmond,
+die sterbende Natur in all ihrem Stöhnen, Röcheln vom Blätterrascheln
+bis zum Uhuschrei im Forst, zum Unkenruf im Moor, zum Sensenklappern
+verspäteter Mähder,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Chorus spielt in leerem Haus vor ausgebrannten
+Bühnenlichtern und fallenden Kulissen — vor so einem verschollenen
+Grabe stehen und nicht »Bruder! Bruder!« klagen — mit schüttelndem
+Haupt und feuchten Augen und Reue, Reue im Herzen — »Bruder! wer du
+auch seiest tief da unten — wie schwer oder leicht die Erde dich
+drückt — ob du viel oder wenig zurückließest in dieser Welt, oder
+alles, und ein leeres Stück Papier, die Quittung an das Glück, in
+deinem Sarge liegt — ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du ein
+Weib, ein Mädchen; vielleicht bist du ein Heiliger oder ein Tyrann, ein
+Mörder oder ein Gemordeter; ach! das <em class="gesperrt">eine</em> nur weiß ich, fühle
+ich: du bist ein Stück von mir. Die gleiche Luft hast du geatmet wie
+ich — die gleiche Sonne hat dich beschienen, die gleichen Sterne —
+die gleichen Sorgen, Träume, Leidenschaften haben dich gequält, und
+Freiheit dich geneckt, und diese Erde, einst dein Spielplatz und der
+meine jetzt, zieht uns beide niederwärts.. .« Stehen vor so einem Grab
+und der Toten Mahnen und Gottes Stimme überhören können — es kann
+nicht sein.</p>
+
+<p>Mein lieber Leser! Willst du mir folgen? Ich führe dich zu einem Grab,
+so verschollen, einsam; so wenig besucht, gepflegt; so wenig geweint
+und gebetet wird vor diesem versunkenen Hügel ohne Namen, wie du wohl
+nie in deinem Leben ein zweites Grab gesehen haben wirst; und ach! das
+arme Herz, das da mit rauhen Steinen zugeschaufelt liegt, hat's nicht
+verdient. Kaum zwanzig Monate sind es her,<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> daß ich es zum ersten und
+letzten Mal besuchte. Damals schlängelte sich ein Fußsteig an jenem
+Grabe vorbei über den fichtenbewachsenen Hügelrücken; der Pfad ist
+heute wohl verwachsen und verschwunden. Damals bezeichnete ein mit der
+Axt gezimmertes Kreuz die Stätte des Todes; heute ist das Kreuzlein
+wahrscheinlich umgestoßen vom Schneewehen, Sturmeswehen oder von
+Bären und grasenden Büffeln. Damals war seine Umgebung eine Lichtung
+im Wäldchen, spärlich mit Unkraut bewachsen; <em class="gesperrt">das</em> kann wohl
+geblieben sein; auch die sechs runden Steine mögen dort liegen, die
+geordnet ein Kreuz bilden sollen.</p>
+
+<p>Und — — noch einmal, willst du mir folgen, lieber Leser? Der Weg
+ist weit, wild, steil (gebe Gott, nicht abschreckend); vielleicht ist
+er langweilig; vielleicht gereut es dich, ihn angetreten zu haben;
+vielleicht mußt du weinen, schon auf halbem Wege. Aber dessen bin ich
+sicher: bist du dort, der Lohn ist die Mühe wert; denn jede Träne, die
+wir unsern Toten weinen, jede Blume, die wir streuen, jedes Lächeln
+im Gefühl des Wiedersehens, jeder Blick, der tief und langgezogen
+teure Bilder der Vergangenheit aus ihren Gräbern saugt — ach! Brüder,
+Menschenbrüder! jeder Gang und Schrei und Krampf der Seele — mit
+<em class="gesperrt">Schmerzen</em> nur erwärmen wir den kalten Puls der Körperwelt —
+auch die Allmacht spürt Grenzen ihrer Mittel, das einzige, womit sie
+Tote auferwecken kann, ist: (viele nennen's Liebe, Sympathie), ist: der
+<em class="gesperrt">Menschen</em> himmelstürmend Sehnen.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="right">Bellevue-Hospital, Neuyork.<br>
+25. August 1900.</p>
+
+<p class="mleft8">Schwester!!</p><br>
+
+</div>
+
+<p>Jetzt ist es geschehen! — Was? — Das Langgefürchtete,
+Unausbleibliche: meine Hand liegt abgesägt in der Maschine — die linke
+— und die rechte kann der Lebensgefährtin Verbluten nicht stillen.</p>
+
+<p>Schwester! Ich weiß, es ist grausam unvorsichtig, Dich so zu
+erschrecken, ohne Wahl der Worte, ohne Milderung im Ausdruck Dir die
+Schauerbotschaft zu schicken; aber Worte können meine Verzweiflung
+nicht mildern. Ich bin ruiniert, verloren, ein Krüppel; ich bin
+arbeitslos, hoffnungslos arbeitslos. Zwanzig, vierzig Jahre soll ich
+mit den mir noch übriggelassenen Knochen weiterleben ohne die Mittel
+zum Leben, ohne Arbeit. Was soll jetzt werden aus mir, aus meinem
+kranken, armen Weib, aus meinem Kind?! Die einzige Antwort, die mein
+fieberndes Gehirn mir gibt auf diese Fragen, ist Schweiß in kalten
+Tropfen.</p>
+
+<p>Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen — früh — gleich;
+es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert
+zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die
+Dampfpfeife ihren Schrei in die<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Morgenluft hinausgekrischen und die
+Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte
+auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung — die
+Bandsäge — diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde,
+hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding
+blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem
+Vorgänger den Daumen abbiß; wie es <em class="gesperrt">seinem</em> Vorgänger vier Finger
+amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand
+zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt
+diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal
+auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich
+erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die
+Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!!</p>
+
+<p>Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum.
+Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das
+ist wohl das Wahrscheinlichste — ja, so ist es — ich glitt auf dem
+glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und
+mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge — und dann? — was? —
+ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein
+Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken —
+mich verrückt machend — in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah
+Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> sich drehen, ringeln,
+überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in
+die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen — meine Hand! Ich
+sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich
+lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet
+sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert
+Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben
+mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder,
+spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken,
+Handtüchern, Taschentüchern — —</p>
+
+<p>Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im
+Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten
+Hand — Tom arbeitslos — Tom ein Krüppel, Bettler — Toms Zukunft
+ruiniert — Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm,
+entfremdet — das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all
+das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren — verloren —
+verloren.</p>
+
+<p>Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge,
+die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine
+Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!«
+— Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich
+los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung — dann wurd's
+Nacht.</p>
+
+<p>Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> verkrüppelt wurde,
+erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht.</p>
+
+<p>O, wär' ich nie erwacht!</p>
+
+<p>Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht
+mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; —
+essen, trinken, atmen — aber nicht denken. Ich werde zum Tier.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 27. August 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große
+Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir.</p>
+
+<p>Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein
+werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet,
+so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat
+mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde
+ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut
+verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde,
+zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch
+meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen — und leerem Magen.
+Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts
+— sogar mit einem Anflug von »Sehr«.</p>
+
+<p>Was doch die Umgebung aus dem Menschen<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> machen kann; <em class="gesperrt">alles</em>. Man
+schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's;
+rasend schnell, wenn der Kurs paßt — langsam, wenn es gegen das Wollen
+ist — aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt.</p>
+
+<p>Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie
+neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um
+mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger,
+höher, bequemer; ein <em class="gesperrt">Saal</em> gegenüber dem engen Stübchen, das ich
+jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich
+nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin
+mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; — aber — —
+Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen
+in mir — noch tat er's nie — er wäre das Schurkenstück meines
+Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin
+im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen,
+Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer,
+der fürchterlichste Kumpan — die Reue. Ich war immer ein Mustergatte
+gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß
+wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich
+schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß
+Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide
+Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung
+dieses Engels brennt mich wie<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva
+mich besuchte in Bellevue — mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager
+und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom!
+armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte
+meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre
+Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn — — O Schwester! wie weh
+tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt
+in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt
+im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen
+»Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen — und husten sehn, und
+denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird,
+daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt — unbemerkt.
+Was ist <em class="gesperrt">ein</em> Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo
+Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen?</p>
+
+<p>Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen.
+Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein
+Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die
+Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren
+Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche
+Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht
+aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht
+geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> dem Papier
+herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke,
+Spitalkrüppel — oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in
+die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander,
+bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus
+meinen Zeilen.</p>
+
+<p>Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil
+ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? <em class="gesperrt">Der</em>
+Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten
+Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im
+Kirchhof; <em class="gesperrt">der</em> Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel,
+aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes
+an; er nickt mir zu — ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf — ich
+auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm — ich ihm den
+meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir
+— ich auf sein's.</p>
+
+<p>Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? — Die Augen
+schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief — und fort!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 28. August 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Mein Bruder!</span><br>
+</p>
+
+<p>Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder!
+Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein
+grenzenloses<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! — So gut,
+brav, fleißig, bescheiden — ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an
+Dir — und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf.
+Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende,
+todwunde Herz.</p>
+
+<p>Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und
+<em class="gesperrt">so</em> will ich <em class="gesperrt">Dich</em>. O, welche Gnade, welche Kraft es dem
+gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der
+des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung.</p>
+
+<p>Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt,
+der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze
+Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!«
+— Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt
+ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen,
+Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz
+zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die
+Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum
+Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie — die Religion. Ich weiß, Du
+lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es
+versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen <em class="gesperrt">müssen</em>. O,
+ich sage<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch
+schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das
+Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge
+Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich
+»Vaterunser« gibt.</p>
+
+<p>Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als
+wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses,
+hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist
+hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht
+helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in
+Neuyork — und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist
+Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in
+Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele —
+die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet
+werden — auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut
+den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann
+Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein
+eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele
+ist Gott — geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen —
+<em class="gesperrt">gefühlt</em>! Geh in Dich, <em class="gesperrt">bete</em>. Was ist das Dasein ohne
+Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne
+Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster
+Intelligenz zum Segen<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es —
+der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig
+sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es
+begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung,
+Glauben — und das ist viel — wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber
+Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du
+bist kein rettungsloser Mensch — nur ein wenig locker im Glauben, ein
+wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen,
+der Rätsel, die wir nicht verstehen.</p>
+
+<p>Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen.
+Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang — und wenig leichter. Aber
+Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester.
+Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder
+lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das
+Papier geht aus. Der Brief <em class="gesperrt">muß</em> fort. Gott sei mit Dir und Deinem
+Weib und Kind. Amen!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 1. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen
+emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche —
+mehr als das tägliche Brot — Mut zum Leben. Daß ich den mir<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> holen muß
+beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. — —
+— Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas
+Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank!
+— —</p>
+
+<p>Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich.</p>
+
+<p>»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende
+Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle
+gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend
+ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als
+die größten kennt.</p>
+
+<p>Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner
+Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft
+überwältigend. Ich werd's versuchen — beten. Die alte Schule noch
+einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe
+riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's
+versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft — ich versuche mein
+Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach,
+wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber
+ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung,
+Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos,
+nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und
+gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Dankgebet
+sein anstatt — — Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange
+genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts
+gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt — betteln
+an der Pforte, die er gestern anspuckte — und Gott ist unendlich
+nachsichtig.</p>
+
+<p>»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre
+oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser
+hat man vergessen — halb. Den Glauben — ganz. Die Hoffnung ist
+verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz
+und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt
+nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott.
+Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe
+suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans
+Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als
+den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst
+mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung.
+Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine
+Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr,
+das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um
+Erlösung schreien — aber <em class="gesperrt">mich</em> höre. Es gibt Geschöpfe, die
+keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können — aber <em class="gesperrt">mich</em>
+zuerst. <em class="gesperrt">Mich</em>, <em class="gesperrt">mich</em>, dann wieder <em class="gesperrt">mich</em> und immer
+<em class="gesperrt">mich</em>!«</p>
+
+<p>Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern.<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> »Vaterunser!« werde
+ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein
+Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« — —</p>
+
+<p>O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen
+die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die
+Metzgerei, die Messerschleiferei — — armer Tom! — —</p>
+
+<p>Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert?</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 5. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden.
+Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes,
+seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager.
+Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die
+Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir,
+während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über
+die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den
+Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so
+mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen
+schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen
+Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich
+herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei einrichten.«</p>
+
+<p>So weit meine Eva, jetzt höre <em class="gesperrt">mich</em>. Also, Wäscherei einrichten!
+— Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am
+Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen;
+hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu
+ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich
+anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage
+noch <em class="gesperrt">auf</em> und nicht <em class="gesperrt">unter</em> dem Pantoffel. Der Waschkübel
+ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre,
+und — die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt
+werden bis dahin.</p>
+
+<p>Ja — bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege
+im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich
+schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und
+mühen in der Küche nebenan — aber behilflich sein kann ich wohl noch
+lange nicht, und dann auch nur mit <em class="gesperrt">einer</em> Hand.</p>
+
+<p>Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen
+— Eva — Bertie — Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September.
+Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe;
+ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und
+Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern
+soll am Waschbrett — — Schwester! das<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ist ein Stich ins Herz, das
+brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen
+die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je
+verzeihen werde.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 9. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am
+Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte
+mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen
+zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt,
+Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber
+forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor
+loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die
+wahre, unverfälschte Erlösung.</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen — jetzt kommt der Generalbericht des »guten
+Tages« — versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem
+Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von
+der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich
+plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte
+einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich
+mich durch; aber dort — hm! — ich bin noch immer wackelig, und die
+Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist <em class="gesperrt">links</em> beim<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu
+atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner
+überängstlichen Eva — und <em class="gesperrt">rückwärts</em>schreitend ging ich die
+Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber
+komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. — Ja, ja, liebes
+Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten
+Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an
+mir vorbei.</p>
+
+<p>»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung
+mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister
+Pratt!«</p>
+
+<p>So kam ich denn schließlich hinab — hinaus — und heraus. — — O
+Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der
+Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt.
+Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die
+dicke Luft. Die arme Erde — ein Pflasterstein auf jedem Grashalm.
+Bäume — Sträucher — Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von
+des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt;
+Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie
+pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen
+gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem
+Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen —
+alles dampfend, rauchend,<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> qualmend — die Hölle für Tausende. <em class="gesperrt">Und
+doch</em> bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein
+dürstend Herz zu tränken mit Entzücken.</p>
+
+<p>Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und
+gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur
+Hoftür.</p>
+
+<p>Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in
+der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch
+drei für dich und Mama.«</p>
+
+<p>Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe
+stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und
+lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends
+bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 12. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Bruder!</span><br>
+</p>
+
+<p>Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen,
+daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu
+gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins
+alte Lager, in Deine Brust.</p>
+
+<p>So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt,
+dann — nun ja — es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt
+Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> und
+hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum
+also verzagen? — Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können
+oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat
+Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu
+trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' <em class="gesperrt">wieder</em> was unrecht.
+Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden — eine
+heilige, tiefernste Mission ist unser Leben — <em class="gesperrt">Seelen zu reifen</em>.</p>
+
+<p>Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand
+zu verlieren, daß — — — Nein, ich will Dich nicht schelten, armer
+Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest — aber nichts
+mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen.</p>
+
+<p>Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier
+ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten
+kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo.
+Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist
+weit und reich.</p>
+
+<p>Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich
+umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße,
+ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das
+aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und
+nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum
+Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+
+<p>Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir
+habe — geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst,
+geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische;
+Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt
+über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die
+jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und
+der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern — sonst
+wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die <em class="gesperrt">Umgebung</em>, die
+den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen
+haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den
+sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im
+Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht,
+bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist
+ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso
+notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor
+diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater — und Narren raten
+besser.</p>
+
+<p>Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa — zum Peter.
+Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und — leid tut's ihm,
+daß sein Schwager Tom — — und so weiter. Wenn's dem <em class="gesperrt">Peter</em>
+leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut — Bruder, Du kannst
+Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig — es ist sein
+Alles. Zehn,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen,
+heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen,
+schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere — Todesgefahr vor
+Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen — Leichen sehen — nicht im
+Sonnenschein und Blau der Oberwelt — in schwüler, fauler Grubenluft,
+Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd.
+Mitleid aus <em class="gesperrt">solcher Tiefe</em>, Bruder, das ist der Menschenseele
+ungekünstelt reinster Ton. — Also, dem Peter tut's leid!</p>
+
+<p>Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in
+Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald
+eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine
+magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und
+sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich
+möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter
+jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben — —</p>
+
+<p>Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ...</p>
+
+<p>Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke
+ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir
+aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut
+zügelloser Gedanken?</p>
+
+<p>Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem
+Schulkameraden Dick Teller. Der<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> geht auch herum den Arm in der
+Schlinge — und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum — der
+liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide
+beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein
+Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns,
+und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt
+sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten.</p>
+
+<p>Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es
+scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die
+Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen —
+wir bekommen sie geschenkt.</p>
+
+<p>So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten,
+rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn
+ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar
+nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie
+viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend
+Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis
+zu Dir nach Neuyork!</p>
+
+<p>Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's
+wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. — Gutes Kind!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 17. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der
+Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern,
+wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen,
+vielleicht zu langen Brief.</p>
+
+<p>Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der
+Kirchenschwelle, war — Heimweh; und so überwältigend war es, daß
+ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich
+plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die
+Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte
+leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend
+andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes
+Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter
+Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine
+Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue
+Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere
+grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur,
+Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum.
+Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte
+den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der
+Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher
+zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch
+ein<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen
+hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den
+Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos — mit
+tiefstem Menschenelend als Gesellschafter — ein Sünder vielhundertfach
+— ein Gottesleugner und Spötter — ein Bettler, den Verzweiflung
+zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte
+mit Spott und billigen Sarkasmen — so kniete ich, zwischen Gott und
+mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich
+um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende;
+reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme — aber keinen so arm wie ich.
+Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen — ich nicht. Alle konnten sie
+glauben — ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten — ich nicht.
+Was tu' ich hier? — Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden
+ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein
+Eigentum wieder, ich hab's verloren — meinen Kinderglauben.</p>
+
+<p>Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum
+füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die
+Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng
+verflechtend zu eins. Mein armes Herz — das letzte, wenn ihm alles
+fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf — blutete — blutete.</p>
+
+<p>Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener
+in des Körpers Kerker —<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann
+fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt
+mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt
+zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure
+Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus,
+die Hütten der armen, schlichten Leute — dort die Hütte der Jennie;
+zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im
+Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat
+er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert
+er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne
+überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein
+blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs.
+Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine
+heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die
+Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« — »Hier
+ruht« — — Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr,
+ohne gelebt zu haben. — Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und
+undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein
+Licht auf und zeigt — — —</p>
+
+<p>O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer,
+Elend, Sorgen, gelitten in der <em class="gesperrt">Heimat</em>? Was ist an Mutters
+Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind,
+<em class="gesperrt">nicht</em> in Schlummer geküßt, weggerissen von<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> der Mutter? Was ist
+Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im
+Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt?</p>
+
+<p>Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum
+verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester
+sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch
+auf — und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit
+Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn
+niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft.
+Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß
+aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen.</p>
+
+<p>Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der
+Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete,
+räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es
+glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst
+Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam
+drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer
+begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten.</p>
+
+<p>Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was;
+einerlei).</p>
+
+<p>Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi.</p>
+
+<p>Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag.</p>
+
+<p>Am Samstag noch einer.</p>
+
+<p>Am Freitag sowieso.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind
+vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder.</p>
+
+<p>Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug
+196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am
+vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22
+Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent.
+710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent.
+Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde,
+besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten,
+das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!«
+schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners.</p>
+
+<p>»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für
+alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine
+Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben
+bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die
+Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute
+das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen
+Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben
+Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst
+zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent
+und 1 Dollar.« Und so weiter. ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren
+war verdampft wie Spiritus im Rinnstein — nach solcher Zahlenschlacht
+am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib
+sorgen.</p>
+
+<p>Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das
+Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom
+Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel
+noch aus meiner Schulzeit.</p>
+
+<p>Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf
+und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in
+einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich
+erhitzt — besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste
+Turnschule.</p>
+
+<p>Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem
+Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse
+Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz
+und Salz. — Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu
+verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen
+und <em class="gesperrt">mir</em> den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und
+bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt.
+Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren,
+lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich <em class="gesperrt">nicht</em>, noch
+sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren.
+Ein Leerer kann höchstens<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Taschen leeren. Ein Leerer kann aber
+gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit
+Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird
+der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert
+dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist
+ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend;
+aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die
+Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt
+mein Blut ins Kochen.</p>
+
+<p>Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos — wie ein
+virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit
+dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt
+sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als
+Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen,
+hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren
+fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre
+ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu
+werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich,
+aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist
+zum Zähneknirschen für Engel.</p>
+
+<p>Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher
+Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis
+hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann
+der Redner steigen und<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der
+Wirbelsturm die losen Blätter. — Offenbar kannte der geistliche Herr
+gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren
+Gurken, Spinat und Linsen.</p>
+
+<p>Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen
+begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere
+langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau
+über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. <em class="gesperrt">Ich</em>
+betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland
+dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend
+Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität
+triumphiert. Armer Jesus!</p>
+
+<p>Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und
+berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten
+und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben
+hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle?
+— Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit
+Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen — und
+dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich
+krummen Schuhen.</p>
+
+<p>Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch
+mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt.
+Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> der Heilige
+vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie
+viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie
+ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch
+aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben.
+Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit
+gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz),
+und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert,
+behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel — allein. Ja, ja,
+allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das
+sie hier umtoset, rettet diese Selige — wen? — ihr liebes, teures
+Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer
+Kinder, ihres Gatten untersinkt.</p>
+
+<p>So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen),
+ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender
+Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend.
+Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und
+löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den
+<em class="gesperrt">heiligsten</em> Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater,
+der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er
+Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt — dem sein Bild sah
+ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter
+Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren.
+Ganz oben, links, im<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem
+»Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt,
+des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche
+hineingeblasen wurde.</p>
+
+<p>Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt
+überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's
+paßt.</p>
+
+<p>Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig,
+rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins:
+Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten,
+zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet
+Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen,
+daß Geld Teufelszeug wäre; — und das ist wohl der Grund, warum die
+Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat
+sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug!</p>
+
+<p>Amen! — Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's
+gewährt. Herrgott! bist du genügsam.</p>
+
+<p>Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen,
+krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie
+es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir
+gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu <em class="gesperrt">machen</em>;
+— ob ich's aber <em class="gesperrt">tragen</em> kann mit einer? — Barmherziger! warum
+hast du mich<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus
+mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße
+und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich
+schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.«</p>
+
+<p>Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's!
+Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist
+der armen Seele Himmel.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 23. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Lieber Bruder!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich bin Dir zwei Briefe schuldig — hier ist <em class="gesperrt">einer</em>:</p>
+
+<p>Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast
+Du, he?</p>
+
+<p>Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen
+entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu
+kritisieren — man geht in die Kirche, das <em class="gesperrt">eigene Selbst</em> zu
+kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock,
+Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen — man geht in die
+Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem
+Sünder gnädig!« — Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark
+und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf
+irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> hinüberlangen
+jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken
+wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte
+Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher,
+hoffnungslos verwilderter Sünder — Du fürchterliches Ding Du! — Ist
+das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr
+zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem
+Vater — die Schweine mitbringen — die Säu' hereinlassen zum Gastmahl,
+daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt?</p>
+
+<p>So, das ist Brief eins — jetzt kommt zwei:</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Mein lieber Bruder nebst Familie!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine
+Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen — jede
+Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an
+Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir
+oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief
+sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen
+— tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber
+bin — o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos
+sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es
+den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen
+Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen,<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> aber keines alles?
+Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner
+gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange
+vor der Möglichkeit einer Lösung.</p>
+
+<p>Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du
+Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen
+Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die
+guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen
+Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast
+Du zuerst und am längsten <em class="gesperrt">verloren</em> und wirst ihn so leicht nicht
+finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem
+Winkel der Seele.</p>
+
+<p>Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der
+Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers.
+Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei
+so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde.</p>
+
+<p>Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin
+eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte
+wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen
+können und mehr aristokratisches benützen können — Adler, Hirsche,
+Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts
+gemein haben, der Bettler ist. Du<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> hast recht, wenn Du behauptest in
+einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!«</p>
+
+<p>Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden
+für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein
+stolzer Bruder!</p>
+
+<p>Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er?
+Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann —
+sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben,
+und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern.</p>
+
+<p>Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube,
+ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der
+Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne
+zum Betteln für — andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich
+sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch
+noch möglich — und all diese Talente ziehen stark bei den Herren.
+Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie
+mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz
+wieder, und die Herren bekamen <em class="gesperrt">auch</em> was — das Nachsehen — denn
+Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven
+Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall.</p>
+
+<p>O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde
+Zeit, die ich mir aussuchte<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> von den vierundzwanzig, ist verbraucht
+mitsamt der Nasenspitze der folgenden.</p>
+
+<p>Bruder! meinen Segen Euch allen.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Deine Schwester.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 27. September 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe, gute Schwägerin!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut
+bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den
+Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann
+nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so
+schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn
+man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann
+denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht.</p>
+
+<p>Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie
+ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es
+sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit
+Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet.
+Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am
+Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich
+schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut
+haben und das hat mir weh getan, weil<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Tom so viel leiden tut und nicht
+einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt
+und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr
+Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und
+sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig
+gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig
+daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst
+steht das Herz still.</p>
+
+<p>Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er
+nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt.</p>
+
+<p>Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe
+schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief.
+Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt
+um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich
+Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen.
+Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter
+in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis.
+Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe
+schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal
+amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch
+aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat
+uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn
+ich sterbe ich will Dich<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> und Tom und Bertie und Elsie und alle von
+Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel
+beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den
+Brief.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Deine treue Schwägerin</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Eva Pratt.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Oktober 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwägerin!</span><br>
+</p>
+
+<p>Gute Seele! Du kannst also doch auch Briefe schreiben, und schöne,
+herzige Briefe. Ich spotte nicht. Ich meine es ernst und ehrlich, Dein
+Schreiben hat mich tiefer ergriffen als die längste Predigt — und
+nebenbei mein Urteil über Dich verworfen. Denke Dir, Schwester! ich
+wußte nie, daß Du schreiben und lesen kannst. Hätte ich das gewußt,
+wie oft würde ich Dir geschrieben haben — Intimes, Heimliches, unter
+Frauen so — Klatschiges — Du verstehst mich.</p>
+
+<p>Der unflätige Tom ist aber schuld an diesem Mißverständnis — ich nicht
+— wahrlich nicht. Dann bist du selber, liebe Eva, auch ein ganz klein
+wenig schuld, daß ich Dich so verkehrt beurteilen mußte. Fünf Jahre
+lang bist Du meine Schwägerin und nie, nie hast Du mir eine Zeile
+geopfert. Dein Mann so oft, und Du nie. Nicht <em class="gesperrt">einmal</em> hast Du
+meine zahlreichen Grüße und Glückwünsche (persönlich an Dich gerichtet)
+beantwortet, und die ganze Sache, als wäre sie Dir keinen Federstrich
+wert, Deinem<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> teuren, treuen, anbetungswürdigen Herrn Gemahl, Deinem
+Götzen überlassen.</p>
+
+<p>Wahrhaftig, das macht mich jetzt so wütend auf den Tom, daß ich — —
+jawohl, ich tu's — hier gleich — sofort fang' ich an und reiße ihm
+die Maske vom Gesicht und Dir, unglückliches, verblendetes Weib, den
+Schleier von den Augen. Ha! ich besitze Deines Gatten sämtliche Briefe
+seit seiner Abreise von Pilot Knob — und somit auch den Brief, worin
+er Dich als seine »Zukünftige« schildert. Hier ist er:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">St. Louis, den — —</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure, herzensgute, einzige Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich bin Dir — — und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen).
+Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind <em class="gesperrt">wieder</em>
+zehn — macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier
+und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen
+Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig,
+eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein
+Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender,
+weißglühender, alles schmelzender Liebe! — Sie ist ein Modell des
+weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu,
+scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an
+der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen,
+muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden
+seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther,
+vom<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Baum springend auf das ahnungslose Opfer. — Sie ist das Modell
+einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes
+leicht glaubend, Böses nicht begreifend. — Sie ist das Modell eines
+fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben
+— über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern — <em class="gesperrt">ergeben</em>
+muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit
+diesem Engel Eva.</p>
+
+<p>Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu
+Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen,
+ich ging' beschwören, es <em class="gesperrt">habe</em> keine Schattenseiten, sondern
+überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar,
+leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes
+Ding der Welt.</p>
+
+<p>Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr — — jetzt
+kommt der tiefste Schatten — ach, er lastet wie die Winternacht ihrer
+nordischen Heimat auf diesem Maienbild — Eva ist ungebildet. Sie hat,
+fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte
+ich — schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott
+erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen —
+anstatt zur Schule. Wer ist schuld? — Und so weiter und so weiter.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwägerin!</span><br>
+</p>
+
+<p>Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest
+weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der
+Korrespondenz, wie<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ich sie führe und liebe. <em class="gesperrt">Er</em> ist es! Bezahl
+ihm's heim! — Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel
+treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen,
+daß er eine Teilung fürchtet mit seiner <em class="gesperrt">Schwester</em>, auf tausend
+Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht —
+die schwarze, gelbe, grüne!</p>
+
+<p>Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine
+Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief
+erhalten von Jennie — und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief
+von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft — — Ach! Hier
+fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand.</p>
+
+<p>O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin!
+Vater, Mutter verloren — die Heimat zweimal verloren — das
+heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren — dann Gesundheit
+verloren — und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück
+das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet,
+Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir — — —</p>
+
+<p>Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir <em class="gesperrt">später</em>
+schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und
+schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und
+Deinen Schützlingen.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie Daly.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 5. Oktober 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>So — so — hm! — Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit
+Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter.
+Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, <em class="gesperrt">errät</em> Bertie. Daß er
+seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden.
+Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht — und mein Vater
+die seine ebenfalls nicht — und wenn die »Pratts« (nach Darwin)
+vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den
+Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden.</p>
+
+<p>Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann
+und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem
+Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann
+hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.«</p>
+
+<p>»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn
+Mama dir's verboten hat?«</p>
+
+<p>»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage,
+Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's
+sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll
+nichts sagen, aber alles sagt er.«</p>
+
+<p>Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse
+eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft.</p>
+
+<p>»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Sache ruhen; nur ein
+klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja
+verzeihlich.</p>
+
+<p>Du treue, gute Seele! — »Mann und Weib sind ein Leib — und eine
+Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden
+Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich
+von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat.</p>
+
+<p>Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die
+Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll
+Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«.</p>
+
+<p>Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter
+Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen.
+Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an <em class="gesperrt">Dir</em>,
+Schwester, <em class="gesperrt">später</em> bei Gelegenheit) an meinem — hinterlistigen
+Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis
+preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen
+hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben.</p>
+
+<p>Also — Verrat Nummer eins.</p>
+
+<p>Es war vor etlichen Wochen — genau das Datum weiß ich nicht —
+ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm,
+mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie
+Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe.
+So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als
+ich bald<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es
+konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie
+fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der
+Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte
+ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und
+wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute,
+wie Schluchzen, Stöhnen — sogar Küssen.</p>
+
+<p>Ich bin ein <em class="gesperrt">Mensch</em>. Trotz des Blutverlustes der paar
+vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen;
+und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig
+werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett — — Sapperment! ich
+wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster
+nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen,
+diesen Ohs und Ahs!</p>
+
+<p>Plötzlich — — sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so
+mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht
+beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich
+sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das
+immer dort gehangen hatte, es war fort — verschwunden — und die ganze
+volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele.</p>
+
+<p>Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind.</p>
+
+<p>So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein
+Bett zu verlassen. Vorsichtig,<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> mich festhaltend an Bett und Wand,
+wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr:
+Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem
+Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald
+weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig
+gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht — im Profil so
+unsäglich überirdisch, marmorgleich — die scharfe, dünne Nase — das
+scharfe, dünne Kinn — die merkwürdig tiefen Augen — ich hatte Angst,
+das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ...</p>
+
+<p>»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie!
+Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes
+Engelchen? — Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die
+Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel — sehr gern im
+Himmel. Kind!!«</p>
+
+<p>Das letzte Wort wurde geschrieen — die vorhergehenden gestöhnt in
+Grabestiefe — abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und
+einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger
+Schwalben im Nest.</p>
+
+<p>Gott der Mutterliebe!</p>
+
+<p>Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama
+liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist
+krank, Elsie — sehr krank — Papa und Mama werden bald kommen — Mama
+kommt gern —<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> Papa kommt auch gern — Bertie will noch spielen, dann
+kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder — alle. Wie lieb hat
+Elsie Mama? <em class="gesperrt">So</em> lieb — <em class="gesperrt">so</em> lieb!«</p>
+
+<p>Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte
+Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und
+Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen — vom Marmor
+auf das Glas.</p>
+
+<p>Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen!</p>
+
+<p>Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür,
+aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich
+die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte.
+Also oft — oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt.</p>
+
+<p>Ich schlief ein.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 15. Oktober 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft
+mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben — wie alles, was man
+wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter.</p>
+
+<p>Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte,
+versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit;
+und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl,<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> daß man
+zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es
+kommt!</p>
+
+<p>O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so
+schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den
+Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots.
+Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der
+Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther,
+schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach
+dort oben — Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung — und die
+Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der
+Menschheit, küßte die Millionenstadt.</p>
+
+<p>Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des
+pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und — der Wind füllte
+seine Augen mit Wasser. — —</p>
+
+<p>Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel
+bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die
+Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine
+Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so
+herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen
+paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen
+— Enttäuschung.</p>
+
+<p>Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand
+ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<p>Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am
+Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein
+bestes Gewand, Halstuch, Gesicht — sein Bestes hinten und vorne.
+Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße
+hinab nach dem Fährboot. Hinab — hinab, aber so majestätisch, daß es
+geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends,
+auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert,
+in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das
+Gleichgewicht wieder her!</p>
+
+<p>Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In
+Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen
+Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat
+Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn.</p>
+
+<p>Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier
+liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er
+bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die
+Firma — wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren —
+arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib
+und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen!</p>
+
+<p>Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der
+Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend
+oder<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich,
+unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie
+eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die
+Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender
+Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der
+Stock — Toms Bettelstab.</p>
+
+<p>In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls,
+schier abrutschend vor Bescheidenheit — und Angst — und bettelte
+alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung.</p>
+
+<p>Und — wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie.
+Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir —
+<em class="gesperrt">Hoffnung</em>, mich unterbringen zu können, irgendwo — nicht gerade
+in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo — wahrscheinlich
+— möglich — allem Anschein nach — immerhin — kann ja sein — so
+oder so — wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte.
+Hoffentlich.</p>
+
+<p>Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich
+meiner!«</p>
+
+<p>Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der
+Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir
+unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen
+Anstellungen, die nur eine oder gar <em class="gesperrt">gar</em> keine Klaue besaßen.</p>
+
+<p>Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der
+Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> kannst schreiben, rechnen und
+kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz
+kriegen als Wächter« und so weiter.</p>
+
+<p>Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein
+Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich
+zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber
+dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft.</p>
+
+<p>Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher
+stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der
+Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung
+<em class="gesperrt">gegeben</em> — und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten.</p>
+
+<p>Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite.
+Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost,
+doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er
+schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die
+»Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens
+gleich. — Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die
+Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei
+mit seinem Hauswesen — <em class="gesperrt">das</em> sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich
+diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er
+machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit
+ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also <em class="gesperrt">das</em> hat
+dem das<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort
+oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! — Aber — hm —
+so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar
+so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß,
+soll's der andre bekommen.</p>
+
+<p>Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen — hoffentlich.
+Im Glauben ging ich hinein — in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein
+Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last.</p>
+
+<p>Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles,
+was ich erbetteln konnt'? Ooo! — Am Sonntag noch war ich zur Meß
+gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum
+Vater der Armen, mein Weib betete.</p>
+
+<p>Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos,
+daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich
+zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge
+zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich
+beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand
+groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer
+Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet.</p>
+
+<p>Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht
+fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken
+war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine
+Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Schnorrerei muß ich
+erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen —
+und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das
+hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt
+ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter
+Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken — es könnt'
+ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine
+Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der
+Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die
+Verwandlung ist fertig!«</p>
+
+<p>Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht
+ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.</p>
+
+<p>Wohin jetzt — zuerst? — Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße
+brachten mich auch nicht näher gen Himmel. — Wohin jetzt? — Langsam
+schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos —
+zwecklos.</p>
+
+<p>An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine
+Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete
+mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir
+ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine
+Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug
+einen Lumpensack, so groß wie — — pah! warum meinen Humor vergraben,
+eh er stinkt — raus!! — — die trug einen Lumpensack so groß<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> wie
+der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug
+falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener,
+der trug einen falschen — nein! einen aufrichtigen — nein! einen
+beneidenswerten — ja! Rausch.</p>
+
+<p>Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime
+Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf
+dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! <em class="gesperrt">Tragen</em> ist
+die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen — jeder, jede,
+jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt
+den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das
+Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat
+muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die
+Krone tragen; und ich — die Verzweiflung.</p>
+
+<p>An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und
+das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von
+Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen
+Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der
+Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele
+nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den
+Brustkorb — das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt — gelt,
+Bruder Mensch, das hält dich kalt.</p>
+
+<p>An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der
+andern, und alle waren sie<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> sperrangelweit offen. Schräg über sah ich
+eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem
+festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der
+Schnapshöhle geworfen — und hier nicht hereingelassen.</p>
+
+<p>Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in
+jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger
+fronen.</p>
+
+<p>Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen
+Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik
+Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen — anstatt Hände und
+Gewissen.</p>
+
+<p>Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem
+Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer
+als Jesus Christus, und heute — bist du ein Heros außer Arbeit.
+<em class="gesperrt">Ich</em> bin ein <em class="gesperrt">Feigling</em> außer Arbeit; aber ich werde
+begraben und dann vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.</p>
+
+<p>Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend
+arme, arbeitsslose Menschen und — warten auf den Messias. Wären
+<em class="gesperrt">mehr</em> Parkbänke da, dann säßen <em class="gesperrt">Zehn</em>tausende fest und
+warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den
+Messias.</p>
+
+<p>Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich
+dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über
+sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> unter
+sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum
+Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das
+sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im
+Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott
+geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder
+sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich
+spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher
+und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich — und ganze
+Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen.
+Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen
+verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach
+Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten
+schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht,
+aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein
+Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.</p>
+
+<p>Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das
+Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie <em class="gesperrt">das</em> Schiff den
+Hafen finden kann — das seh' ich nicht.</p>
+
+<p>Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des
+Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im
+hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung — das seh' ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber.
+Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum
+Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen — das seh'
+ich nicht.</p>
+
+<p>Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen,
+ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer
+dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut,
+Menschenelendsgrenzen — das seh' ich.</p>
+
+<p>Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum,
+Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram,
+Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer,
+Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis
+herab zum geilen Rattenfänger — und Pferde, mehr im Wert als
+tausend Arbeitswochen eines armen Tom — sie alle führen hier ein
+Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und
+Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte
+Vieh. Aber <em class="gesperrt">eine</em> Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen
+Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer
+armer Leute geweint — das seh' ich nicht.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des
+Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere,
+wenn ich allein gelassen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir,
+mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.</p>
+
+<p>»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe
+Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der
+liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so
+eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes
+Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige,
+Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß.
+Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit.
+Vater unser, der du bist im Himmel.«</p>
+
+<p>O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">So</em> darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 22. Oktober 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Meine Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben — und das ist
+vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit
+stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den
+Dämpfer auf.</p>
+
+<p>Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß
+ich mich ändern muß — total ändern. Nicht reformieren, sondern
+revolutionieren<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament
+wenigstens, auf das sich bauen läßt.</p>
+
+<p>Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft
+schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig
+Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen
+Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die
+meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher
+Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es
+geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem
+früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die
+Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz,
+den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste
+Segen. So geht's.</p>
+
+<p>Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er
+kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden
+Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel
+aber — der Himmel helf!</p>
+
+<p>Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück
+soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das
+Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde
+soviel Geduld gebären — eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee
+bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und — selber angreifen. Jeden
+Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Kommt
+das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag'
+ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und
+glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam
+eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das
+lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.</p>
+
+<p>Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus,
+von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab,
+den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer
+Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist
+einträglicher als — — ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den
+Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.</p>
+
+<p>Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern
+ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der
+Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung
+besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das
+Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist
+also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das
+Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung
+füttere — es schleift mich fort am Halfter.</p>
+
+<p>In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende
+Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu
+schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> die
+Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß
+das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf
+seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die
+Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker
+das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er
+sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall
+lockt damit.</p>
+
+<p>Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem
+billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der
+Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's
+beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas
+stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen
+Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und
+Schweinefüß'.</p>
+
+<p>Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich
+erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern,
+die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte
+am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses
+Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als
+Bezahlung.</p>
+
+<p>Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie)
+Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen
+Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich
+finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage
+ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal
+verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal
+waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei
+lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden,
+Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine
+Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere
+hinten.</p>
+
+<p>Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings
+bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends
+heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen <em class="gesperrt">später</em> wahnsinnig
+— und das ist auch was wert.</p>
+
+<p>Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein
+Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle
+ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe
+jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer
+Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und —
+'raus mit dem Bock! —</p>
+
+<p>So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!</p>
+
+<p>Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat
+besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die
+unruhige<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Seele, so ohne Salz und Schmalz — — aber ich will nicht
+murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche
+Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein
+toller Stier — aber Tom ist nicht verrückt.</p>
+
+<p>Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr
+Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen
+von Dreck — wir werden nicht verhungern.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 3. November 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur
+Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine
+Familie, dann — brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat
+er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als
+er hungrig wird beim Fasten.</p>
+
+<p>Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über
+den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten
+kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann.
+Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen
+Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der
+Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen
+Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> er vor dem Unglück
+bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder
+nagendes Gewissen.</p>
+
+<p>Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich
+aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig
+ist oder kein Krüppel.</p>
+
+<p>Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete
+meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?«
+frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir
+keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben
+retten kannst du auch nicht — — aber stehlen kannst du — stehlen —
+sogar schwören, einen falschen Eid schwören — einem reichen Protzen
+die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren —
+die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere
+<em class="gesperrt">auch</em> verzweifeln.«</p>
+
+<p>Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom
+Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 12. November 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur <em class="gesperrt">eine</em> Hand zu haben, als
+nur <em class="gesperrt">einen</em> Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie <em class="gesperrt">geht's</em>,
+Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon
+fragen: »Wie <em class="gesperrt">steht's</em>, Mister Pratt?«</p>
+
+<p>Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen
+begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen
+mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten
+Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte —
+wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister
+Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit
+einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient
+nichts; und verdient er nichts, dann — nun ja, dann hört alles auf!</p>
+
+<p>Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu
+werden, ist im stande und verwildert zum <em class="gesperrt">Bettler</em>. Der Bettler
+aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit
+nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in
+Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr,
+ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der
+Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv
+genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut
+des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden,
+abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze
+gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein — dann macht die christliche
+Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> sich auf
+den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich
+die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme
+Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus
+wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere
+Gangart — das kommt vom Saufen! — Ist der Bettler jedoch ein
+Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann — ja, hier
+beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom
+Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt
+wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt,
+wimmert — <em class="gesperrt">lügt</em>. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem
+Bettler — nach einem Wagen, dem er ausweichen muß — nach einem
+Regentropfen, dem er entfliehen muß — nach einem irgend Etwas — nach
+einem scheuen Gaul — tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen,
+was er <em class="gesperrt">lügt</em>) mit der Hand die Herzgegend reibt — als hätt'
+er eins — — —. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit,
+Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der
+Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn
+mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!</p>
+
+<p>Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben — mir ekelt.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 15. November 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe, gute Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten
+Brief — und werde abbitten.</p>
+
+<p>Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe.
+Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand.
+Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und
+einen Laib Brot für uns drei.</p>
+
+<p>Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest — Gott wird dich finden
+und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.</p>
+
+<p>Es gibt doch noch gute Menschen.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 20. November 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und
+gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.</p>
+
+<p>Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt
+des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben.
+Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte
+Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist.
+Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch — aber
+rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den
+Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen
+bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm
+Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige
+Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn — oder gar keinem Lohn.
+Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine
+Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn
+der Monat fällig ist.</p>
+
+<p>Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein
+Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank
+(Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach—O—Weh«
+so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf — <em class="gesperrt">der</em> weiß, wie
+schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu
+Tag!</p>
+
+<p>Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine
+Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium,
+daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand,
+und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen.
+Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste — daß sich
+die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des
+Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare
+Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und
+Sonnenbrand ...</p>
+
+<p>Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen;<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> der Arbeitslose darf
+sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen,
+auf und ab. Ist er durstig — dort steht ein Wassertrog für ihn, ein
+Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen
+plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig — zahllose
+Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten
+Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die
+Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger,
+Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.</p>
+
+<p>Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung — am
+Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen
+Tag. Der Arbeitslose darf — stehen darf er nicht dort — sitzen
+auch nicht lang' — aber scheu durch die Hecken blicken und sehen:
+wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche
+tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln;
+Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen,
+Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die
+Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn
+sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden
+vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender,
+dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die
+Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder
+Madames Hut das Wagnis<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher
+Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen.
+Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die
+kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.</p>
+
+<p>Und um und um drehen sich die Räder.</p>
+
+<p>Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und
+Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren
+Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren,
+ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer
+verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu
+streuen — bis Erbrechen folgt?</p>
+
+<p>Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig
+wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann
+ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt
+und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der
+Unabhängigkeitserklärung. — Aber die Gesellschaft kann sich schützen
+gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel
+geführt — der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.</p>
+
+<p>Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria«
+schreien — oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den
+Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 25. November 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten
+uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der
+Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet,
+keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und
+Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.</p>
+
+<p>Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die
+er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht,
+bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen
+wünscht und keine findet.</p>
+
+<p>Ich klagte über meine Not.</p>
+
+<p>Über die Menschen <em class="gesperrt">er</em>.</p>
+
+<p>Ich betete ihn an.</p>
+
+<p>Er hauchte mich an.</p>
+
+<p>Wir gelobten uns ewige Treue.</p>
+
+<p>So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die
+Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben — wie
+nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.</p>
+
+<p>Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken:
+»ja« — die Riesen schütteln: »nein«.</p>
+
+<p>Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen
+der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand,
+dem<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der
+Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün
+und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis — und weinen
+Wasserfälle.</p>
+
+<p>Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der
+Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer — und auf Wolken
+wieder aufwärts bis zur Quelle — hin und her. Die Blumen hauchen ihre
+Seelen aus vor Lust und Sehnen — die Blumen weinen Tau — die Blumen
+sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer — und
+nimmer wieder.</p>
+
+<p>Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als
+Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir — —
+mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts — mit einer
+Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust — mit Sonnen — Sonnen — —
+Sonnen — — —</p>
+
+<p>Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.</p>
+
+<p>Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die
+Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht
+nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's,
+schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins
+Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die
+Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein
+tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
+
+<p>Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den
+Seraphs Harfen spielte — mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über
+blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf
+die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.</p>
+
+<p>Ach! Ach! Dahin! Dahin! — —</p>
+
+<p>Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag
+vorher war bis zum Abend — ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der
+Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster
+in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich;
+ich war still und traurig.</p>
+
+<p>Seltsam — ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda
+und — erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die
+wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand,
+Mauer — eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem
+Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer
+um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer
+drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden
+Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich
+war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer
+fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's.</p>
+
+<p>Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit <em class="gesperrt">eines</em>
+Wunsches Unterschied); Blumen<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> und Fruchtbäume und wundervoll grünes
+Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles
+Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin — ein Zug, der
+auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem
+idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt
+bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich.</p>
+
+<p>Da — gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o
+Himmel! es war das Pförtchen — der tausendfach gelobte, geschilderte,
+besungene Eingang in das Paradies.</p>
+
+<p>Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen
+weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten
+Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war
+unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines,
+grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen.
+Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs
+über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank,
+und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten
+Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im
+Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener
+Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras,
+nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines
+Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein
+dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> und sich dann im Gras
+herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall.</p>
+
+<p>Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu
+husten. Die Wirkung war — entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie
+von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit
+verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht
+und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte
+den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts,
+wagerecht übers rechte. Und — jetzt erst ging mir ein Licht auf
+über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein
+Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel
+mit einem Federmesser.</p>
+
+<p>»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig,
+und seine Beschäftigung wieder aufnehmend.</p>
+
+<p>»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort.</p>
+
+<p>»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.«</p>
+
+<p>»Hundert, wenn's Euch beliebt!« — Ich war so verwirrt, daß ich ganz
+vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt.</p>
+
+<p>»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber
+bedeutend leutseliger dieses Mal.</p>
+
+<p>»Von der Erde unten,« erwiderte ich.</p>
+
+<p>»Das kann ich riechen, haha! — Von welchem Land oder Königreich, will
+ich wissen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.«</p>
+
+<p>»Von Transvaal?«</p>
+
+<p>»Von Amerika.«</p>
+
+<p>»Von Amerika?!« — Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher
+in Amerika, wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Von Neuyork.«</p>
+
+<p>»Neuyork? Neuyork? Hm — wo liegt das Ding?«</p>
+
+<p>»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt.</p>
+
+<p>»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork — Long Island —
+das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der
+zweite, der hier vorspricht.«</p>
+
+<p>»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis.</p>
+
+<p>»Ingersoll.«</p>
+
+<p>Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!«</p>
+
+<p>»Und?« — Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins
+Gesicht. »Und?«</p>
+
+<p>»Ingersoll, der Atheist!«</p>
+
+<p>»Und?«</p>
+
+<p>»Der Gottesleugner!«</p>
+
+<p>»Und?«</p>
+
+<p>»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein
+Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«</p>
+
+<p>»Und?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<p>»Und?! — <em class="gesperrt">Den</em> habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«</p>
+
+<p>»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken,
+»dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel
+wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und
+meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch — nur
+ans Buch.«</p>
+
+<p>Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar
+nicht an den Herrgott glaubt?«</p>
+
+<p>»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern
+Glauben — er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen;
+Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«</p>
+
+<p>Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine
+unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null
+war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der
+Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein
+solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und
+Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder
+Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf
+man.</p>
+
+<p>Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen
+der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der
+Küster längst den Strang verlassen.</p>
+
+<p>Und da saß er nun vor mir — und wie?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
+
+<p>Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die
+Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren.
+Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf
+den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem
+Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und
+Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen
+Hände, die Netz und Ruder zogen — und dann durchnagelt wurden am
+Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen
+See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von
+der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom — und dort
+durchnagelt wurden am Kreuz.</p>
+
+<p>Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele.
+Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr
+noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft,
+heiliger Petrus?«</p>
+
+<p>Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte,
+gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die
+Antwort zu geben.</p>
+
+<p>»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.</p>
+
+<p>»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt
+Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er
+mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«.
+Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht,<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> seine Augen schossen
+Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser
+schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige,
+ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter,
+daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass
+Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? — Und
+wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine
+ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande,
+wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und
+Kraftverlust! — — Ach was —«</p>
+
+<p>Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er
+hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein
+Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben
+mit der Arbeit, aber <em class="gesperrt">so</em> den Stoff verpfuschen, das ist zum
+Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung
+und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen
+wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt
+ist's geschehen — und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht
+vollkommen.«</p>
+
+<p>Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete
+ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar
+Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag,
+und warf es im Bogen über die<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden
+sie sich noch abreißen nächstens.«</p>
+
+<p>»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie
+betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.</p>
+
+<p>»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich
+abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln
+ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen;
+dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte
+der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber
+<em class="gesperrt">den</em> Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da
+unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm
+war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten.
+Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf
+hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge,
+Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei,
+Schändung — das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein
+krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im
+Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und
+Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist
+den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im
+Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee
+von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner
+Politik,<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische
+Senatoren; und Judas — ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht
+blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen
+mich für zehn Cent, und nicht <em class="gesperrt">einer</em> hängt sich auf vor Scham und
+Reue — nicht <em class="gesperrt">einer</em>. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir
+ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«</p>
+
+<p>Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten.
+Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier
+schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t
+gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«</p>
+
+<p>Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich,
+in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das
+Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein
+gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«</p>
+
+<p>»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen
+vertragen, 's ist Anhäusers.«</p>
+
+<p>Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er
+das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf
+öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede
+seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes
+Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine
+Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> ein zwischen
+Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und
+trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« —
+Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.</p>
+
+<p>Ich antwortete: »Tom Pratt.«</p>
+
+<p>Er blätterte im Register. »Tom Platt.«</p>
+
+<p>»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! — nicht Platt.«</p>
+
+<p>»Tom Pratt — Pratt — Tom Pratt —«</p>
+
+<p>Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste
+Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf
+seinen Lippen heißt ewige Seligkeit.</p>
+
+<p>Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines
+Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines
+Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste;
+Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!«
+schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet
+seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot!
+Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« — Er griff nach dem
+dreipfündigen Schlüssel und — mir flog etwas an den Schädel, daß mir
+Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten.</p>
+
+<p>— — Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich
+eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett —
+schwer wie Blei.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 1. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden
+können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn
+plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So,
+gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich
+und meine Eva gestern morgen erleben durften.</p>
+
+<p>Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete
+und stark regnete, blieb ich im Haus.</p>
+
+<p>Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«.</p>
+
+<p>»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter,
+ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« — sondern ein
+Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine
+Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag
+in Fetzen — überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich
+habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen
+hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen
+erschreckt, die Tür erreichte.</p>
+
+<p>»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung
+— zwölf Dollar die Woche — — lies doch — hier sieht's schwarz auf
+weiß:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Werter Herr Pratt!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden,
+die Sie jedoch sofort antreten<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer
+Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen
+als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten
+brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in
+jeder Art müssen Sie sein — und das sind Sie —«</p>
+
+<p>Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den
+Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen
+auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel,
+im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er
+ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit
+seiner Persönlichkeit.</p>
+
+<p>Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen,
+Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig
+wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir
+nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr.</p>
+
+<p>Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd — derweil
+Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß
+Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde
+zu knüpfen.</p>
+
+<p>Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde
+später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß.</p>
+
+<p>Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten — das heißt,
+sofort nach sechs Uhr Abends.<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Das ist die Zeit, wo das Geschäft
+geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen
+wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude
+abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf
+die er seine Findigkeit konzentrieren soll.</p>
+
+<p>Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« — —</p>
+
+<p>Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt
+wie von diesem »Aber«.</p>
+
+<p>»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im
+Amt) — sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen,
+muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen
+Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein
+alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie
+die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst.
+Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«</p>
+
+<p>Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß,
+von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein
+solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im <em class="gesperrt">Barbierstuhl</em> und
+sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben
+hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel
+verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut
+fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau
+viel doktert und — trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> er
+seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither
+abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen
+für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß,
+»verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist
+der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat
+ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger
+Mann. Adieu!«</p>
+
+<p>Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich
+nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«,
+dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen
+herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit
+beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe
+suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein,
+sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete
+ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle
+der Arbeitslosigkeit.</p>
+
+<p>Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war
+und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir
+knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten
+und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der
+Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot
+für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum
+aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war — die
+ganze Himmelsharmonie<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> von vorhin ausgellte in so schrille, wilde,
+nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen
+Weltordnung — —</p>
+
+<p>O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern.
+Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein.
+Was ich erbettle — ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist
+meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich
+schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen,
+totwürgen — so will es die Ordnung hier auf Erden.</p>
+
+<p>Und ich bin für Ordnung.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Mein Bruder!</span><br>
+</p>
+
+<p>Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe
+nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein
+Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die
+mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch;
+und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein
+rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen
+genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben
+bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese — — <em class="gesperrt">Versuch's!!</em></p>
+
+<p>War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig),<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> wenn auch nur ein
+hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur
+und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll.
+Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der
+Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken.
+O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten,
+das zum — Weinen wär' — hahaha! — —</p>
+
+<p>Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema,
+ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen,
+übernatürlichen, aus der Hexenwelt — irgend eins. Schreib einen
+Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie
+man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig
+wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man
+reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder
+umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch
+Fluchen, oder <em class="gesperrt">nicht</em> umgekehrt.</p>
+
+<p>Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche
+stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein
+Waschweib. Fort, Feder — Seife her.</p>
+
+<p>Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwägerin!</span><br>
+</p>
+
+<p>Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn
+nie zu Gesicht bekommen, hörst Du — nie! Dieser Brief ist nur an Dich
+und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.</p>
+
+<p>Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer
+grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; — aber Notwendigkeit,
+Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva — mir
+graut vor der Zukunft Deines Gatten — meines Bruders. Nicht, weil er
+seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim
+zerstört werden kann — mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe,
+wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet — sein schöner,
+großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen
+Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er
+ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber
+auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als
+andere Männer — aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider
+Gottes, viel zu viel in <em class="gesperrt">einer</em> Seele.</p>
+
+<p>Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können —
+gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom
+betrügen — um ihn zu retten.</p>
+
+<p>Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott
+und Menschen. Wo kann<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine
+findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht
+in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das
+zuerst, einzig und allein — vorläufig.</p>
+
+<p>Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig
+mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen
+Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu
+für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm
+Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als
+sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen — was er denkt und leidet,
+auszutoben mit der Feder aufs Papier — schon das ist viel gewonnen.</p>
+
+<p>Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut —
+aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut.
+So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet
+zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn.
+Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott
+sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub.
+Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat
+er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele
+wird zum tickenden Gewerke — die Erscheinungen der Welt ziehen durch
+die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.</p>
+
+<p>Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> erreichen. Sag ihm nie, was
+ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die
+Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach
+ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß
+Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er
+dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit
+der er das Hauswesen retten kann; — denn aufrichtig gesprochen: ich
+zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird.
+Die Gelehrten haben <em class="gesperrt">auch</em> ihre Angst und Not mit Konkurrenz.
+Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im
+Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es
+besser kommen? — Unsere armen Kinder! — Die Nächte sind lang, auch
+hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die
+Stunden vor zwölf — die Stunden nach zwölf — das Ticken der Uhr
+— wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's
+die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich — draußen
+vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am
+Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach — keine Mutter könnt's
+ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden
+Kleinen — ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ich</em> habe <em class="gesperrt">ein</em> Kreuz zu tragen — das für Jennie. Sechs
+mehr von meinen Kindern — das für die Mutter. Peter legt auch noch
+Holz auf meine Schultern<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> — das für die Gattin. Das schwerste aber,
+das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der
+Schwester aufbürdet.</p>
+
+<p>Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich — ebenso geduldig, stumm,
+gottergeben — und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten,
+als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung,
+Aufopferung.</p>
+
+<p>Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre
+Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt,
+und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind
+notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott!
+So wäret Ihr doch wenigstens bei mir — und tothungern lassen wir Euch
+nicht. Sag das Tom.</p>
+
+<p>Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit
+weg zu sein, so weit weg.</p>
+
+<p>Dann muß ich Dich <em class="gesperrt">noch</em> etwas fragen, das ich immer vergeß beim
+Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts
+mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse
+absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!</p>
+
+<p>Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig
+liebenden Schwägerin, Schwester</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie Daly.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 4. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwägerin!</span><br>
+</p>
+
+<p>Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei
+Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork.
+Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der
+Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen.
+Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.</p>
+
+<p>O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel
+schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst.
+Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank
+wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen.
+Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein
+und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn
+krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als
+Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt
+zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der
+andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete
+daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist
+hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass
+sind große Schmerzen.</p>
+
+<p>Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu
+Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht
+wegreisen<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen
+wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob.
+Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die
+paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen
+wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich
+sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir
+wollen hoffen zu Gott.</p>
+
+<p>Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach
+der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht
+schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt.
+Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben
+mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut.
+Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er
+ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht
+auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er
+schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne
+meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann.
+Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Eva Pratt.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 4. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure, liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung
+— irgendwo in Indiana<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche
+Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet,
+wahrscheinlich aber gelesen jetzt.</p>
+
+<p>Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder
+Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen
+kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen.
+Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus
+hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen
+ziehen ab — und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.</p>
+
+<p>Aber — hm — Schriftsteller werden? Bücher schreiben — Romane —
+Gedichte — Dramen? — Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich
+tatsächlich erschrecken — nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust
+voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe.
+Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er
+oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie
+geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort — und bis die wieder anwächst,
+wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe
+ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie
+wär's zum Beispiel — —? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die
+friedenstörenden Kobolde.</p>
+
+<p>Soll ich's probieren? — Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so
+plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher,
+soll<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder
+werden es andere tun für mich?</p>
+
+<p>Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in
+die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle — es ist Dein Werk.
+Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich
+hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne
+dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um —
+Inspiration!</p>
+
+<p>Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt
+sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder,
+hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine
+Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung
+nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält,
+eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine
+Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es
+nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder,
+hörst Du, um aller Vernunft willen — Jennie! Du mit sechs Kindern,
+die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen
+für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb
+Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus.
+Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück — jeder Cent gesegnet von mir,
+meinem Weib und Kind.</p>
+
+<p>Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es
+kaum Arbeit nennen, denn<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus
+übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen,
+herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen
+als — meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 9. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Bruder Tom!</span><br>
+</p>
+
+<p>Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der
+Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.</p>
+
+<p>Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage?
+Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. <em class="gesperrt">Ich</em>
+nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie
+Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt — oder ist es
+nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich
+werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde
+Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen — nur
+umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie
+ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. —
+Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert
+und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so
+ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter,<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> privilegierter
+Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.</p>
+
+<p>Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und — gegrüßt
+seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister,
+Teufel, Fledermäuse und — Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht!
+Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten
+Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total
+anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem
+Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern,
+fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!</p>
+
+<p>Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag,
+zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir
+eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium
+und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können
+mitteilen, aber — nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.</p>
+
+<p>Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das
+war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum
+Tanzen ums Feuer.</p>
+
+<p>Jetzt ist der Streik beendet und — verloren. Ich habe nie etwas
+Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel
+Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten
+nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber.<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Mäuler, Mäuler
+— ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen,
+Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.</p>
+
+<p>Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich
+ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und
+schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon — oder
+nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll
+verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine
+Herren!« — Ja, ja, ja.</p>
+
+<p>Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler
+in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei
+diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird
+der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?</p>
+
+<p>Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde —
+besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch;
+denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und
+die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen
+wie feuerspeiende Krater — ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in
+sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß
+sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast
+wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln
+so über alle Maßen hündisch ängstlich<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> vor dem Grubenverwalter, daß,
+wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir
+armen Mütter — Gott steh uns bei mit solchen Männern — wir sollen
+eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.</p>
+
+<p>Und wie widerwärtig sie sind — knurrig — bissig beinah. Mein
+Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen
+Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht
+(jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit
+Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was
+schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er
+will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck)
+mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum
+Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.</p>
+
+<p>Der Rest ist — Schnarchen!</p>
+
+<p>Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm,
+wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte
+heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner — der Vater meiner
+sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter
+Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig,
+mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von <em class="gesperrt">meiner</em> Seite. Meine
+Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu
+halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin
+der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> jedoch bald aufgefressen
+haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den
+Knochen.</p>
+
+<p>Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer,
+die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die
+Löwen sind selten — und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher.
+Die besten Männer sind die, welche <em class="gesperrt">Menschen</em> sind — wie Du,
+mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so
+begabt wie Du — oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut,
+ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben
+könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette
+mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm'
+zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! —</p>
+
+<p>Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat
+sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte.
+Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle
+Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so
+einem Schrei wie dieser.</p>
+
+<p>Jetzt schläft er wieder — und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die
+Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.</p>
+
+<p>Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine
+Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den
+Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und
+Unglück — diese Extreme<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer
+für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir
+zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In
+jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast
+nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe
+anheimgestellt).</p>
+
+<p>Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.</p>
+
+<p>Und, und, und — Lebt wohl und lang' und glücklich!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Neuyork, den 20. Dezember 1900.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>(9 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel
+regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als
+Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine
+per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und
+Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf
+gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als
+wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der
+einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil
+tanzen möchte zur Unsterblichkeit.</p>
+
+<p>Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult
+und erwartet — seinen Verwandlungsprozeß<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> zum Dichter. Er nimmt
+Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich
+ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld)
+und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht
+zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen.
+Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben
+könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser
+imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger,
+sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm
+Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem
+verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das
+Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer
+der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den
+Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.</p>
+
+<p>Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen
+Verleger sucht, der's fressen soll — das Ungeheuer nämlich.</p>
+
+<p>O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen
+Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die
+sogar Genien ermattet — den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft
+behalten zur Hoffnung — und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt
+meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken
+leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen
+elf darbenden Kindern wird jeden Tag<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> rüstiger — und kommt Pat, dann
+geht Pratt — und wohin?</p>
+
+<p>Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche
+andre Gedanken — wie die Liliputaner den Gulliver — diesen Riesen
+nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von
+Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch — der
+Kampf ist begonnen — die Geister stürmen — ich werde geschleift — —
+Wohin??</p>
+
+<p>(10 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich
+so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in
+greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht,
+weint, — es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne.
+Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.</p>
+
+<p>(11 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt.
+Ich denke viel an Dich — und schreibe. Ich denke an mein Kind —
+und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge — aber ich
+schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder
+die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit
+krallenden Fingern erdrosseln?</p>
+
+<p>Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der
+feigste Knabe und erst wieder<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> ruhig werden kann, wenn ich mein Weib
+und Kind umarme.</p>
+
+<p>(12 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und
+jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich
+bete. Das ist meine Gebetstunde.</p>
+
+<p>(1 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten,
+öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine
+Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal
+jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß
+schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte.
+Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an
+dem die Schöpfung hängt — die Räder, die sie treiben — die Walzen,
+Formen, Pfannen, Feilen, Zangen — die Drehbank, auf der Planeten rund
+geraspelt werden — die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft
+— das Sternensieb — Seiher für die Nebelflecken — und hundert
+Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit
+unbeschreiblicher Geduld und Güte. <em class="gesperrt">Eine</em> Frage nur, und sie
+dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf
+Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor
+dieser Frage — <em class="gesperrt">du</em> allein kannst sie beantworten.«</p>
+
+<p>(2 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> was dran, drin und drauf
+klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte
+nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst —
+ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva.
+Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die
+Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche
+Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden,
+das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber
+küssen — nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt
+schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber,
+Schwester! wenn Du sie sehen könntest — schlafen — und ein Mann
+wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und
+sie anbeten. — Ich tu's oft.</p>
+
+<p>In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge,
+vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß
+oder kniete ich oft vor ihrem Bett — mit einer Andacht wie der Pilger
+vor dem Bilde der Madonna.</p>
+
+<p>Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken
+brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde.
+Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt
+Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher,
+idealer, vom Dulden, Entsagen — sogar Hungerleiden.</p>
+
+<p>Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu
+beichten, ich rechne felsenfest auf<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Verschwiegenheit (Du bist mir eine
+schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.</p>
+
+<p>Also:</p>
+
+<p>Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit
+Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.</p>
+
+<p>Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl
+überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.</p>
+
+<p>Drittens: Gott segne euch Frauen.</p>
+
+<p>Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder — eure
+wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.</p>
+
+<p>Fünftens: Ich liebe euch <em class="gesperrt">alle</em> — sehr, oder weniger — aber alle.</p>
+
+<p>Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich
+jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich
+nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche
+Freundinnen mitbringen — ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu
+allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es,
+wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht!
+Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was
+werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer
+Krönung? Denn <em class="gesperrt">ihr</em> seid die Krone der Schöpfung — nicht der
+Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit
+Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span>
+vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte
+wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder)
+geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das
+Messer schliff und Ketten schmiedete. — Er wird seine Handlungen
+Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt
+ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten
+auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch
+nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er
+sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib.
+Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch
+der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit — aus Angst vor ihrer
+Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart;
+sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie
+ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach
+den Wolken — hahaha!</p>
+
+<p>Ist das zu viel gesagt? — Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an,
+den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser
+von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst — aber das sind
+nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den
+er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten
+Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht
+und freien Wahlzettel — hahaha!</p>
+
+<p>Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> von allem, was
+Menschen befriedigen kann — Wohlstand förmlich gebärend — und
+Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben,
+verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es,
+nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er
+selber.</p>
+
+<p>(3 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?</p>
+
+<p>Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der
+ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns
+wird das andere überdauern? <em class="gesperrt">Eins</em> sind wir nicht, sie und
+ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist,
+führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable
+Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch
+Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort.
+Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte
+leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos — das andere nötigt dem
+ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom
+Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es
+Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht
+eins von beiden weggetragen wird als Leiche.</p>
+
+<p>Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es
+mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener
+Kerze durch ein<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> grenzenloses Labyrinth — durch die Mammuthöhle. Der
+einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein <em class="gesperrt">eigener</em> Atem; der
+Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn
+ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert — wie Echo — das
+Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« — Manchem Geist und Gespenst
+begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich,
+der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach —
+nach — was? Dem Eingang, dem Ausgang.</p>
+
+<p>Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort
+draußen. Wiesen, blumenbesät — Wälder, duftend von Harz und Blättern
+— spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den
+Ausgang — oder hätt' ich nie gesucht, gefunden — den Eingang. — —</p>
+
+<p>»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das
+Himmelreich nicht eingehen.«</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Und was kein Verstand der Verständigen sieht,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen
+Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke.
+Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben,
+wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner
+lahmen Theorie.</p>
+
+<p>Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der
+jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und
+Unverschämtheit<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der
+Allmächtige sich verneigen muß.</p>
+
+<p>Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du
+bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten — was
+ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe
+auch anheimgestellt).</p>
+
+<p>Am Dekorationstag waren wir zwei auf dem Kirchhof und schmückten
+Klein-Elsies Grab. Als das geschehen war, setzte ich mich, Bertie aufs
+Knie hebend, dem Hügel gegenüber und begann mit jeder Faser meines
+Geistes Garantien zu sammeln: ob je wieder eine Zeit kommen werde,
+wo das liebe Kind, das hier vor mir vergraben liegt, ebenso mich
+umhalsen wird und ich es küssen auf die purpurroten Lippchen, auf die
+goldlockige Stirne, wie wir's taten so oft und oft.</p>
+
+<p>Hier begann Bertie, etwas unsicher wie mich dünkt, zu fragen: »Papa!«</p>
+
+<p>»Was ist es, mein Kind?«</p>
+
+<p>»Darf ich dich fragen, Papa?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind.«</p>
+
+<p>»Was tätst du sagen jetzt, wenn der liebe Gott dich sterben läßt und
+der Mann dich begraben tut da hinab und dann — —« Er hielt inne.</p>
+
+<p>»Und? — Weiter.«</p>
+
+<p>»Und der liebe Gott dich vergessen tut und drunten läßt, Papa. Was
+tätst du sagen?«</p>
+
+<p>»Du meinst, wenn der liebe Gott mich nicht von den Toten auferstehen
+läßt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>»Ja, Papa. Wenn er dich drunten läßt für immer und immer und immer, und
+nie wieder 'raufkommen läßt — was tätst du sagen?«</p>
+
+<p>»Hm — ich glaub', ich hielt 's Maul und sagte nichts.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> tät's aber sagen, Papa.«</p>
+
+<p>»Und was?«</p>
+
+<p>»Ich mag's nicht sagen, es ist wüst.«</p>
+
+<p>»Wüst? — Mir kannst du's schon sagen, was ist es?«</p>
+
+<p>»Ich würd' halt sagen zum lieben Gott: So — — du lügst <em class="gesperrt">auch</em>!«</p>
+
+<p>Schwester, das ist stark; ist es nicht? — Aber Bertie sagt's, Du
+kannst Dich drauf verlassen, er sagt es dem lieben Herrgott ins
+Gesicht, gerade so wie er's <em class="gesperrt">mir</em> sagte.</p>
+
+<p>(4 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Das ist die stillste, ruhigste Stunde in der Großstadt. Kein Geräusch
+von nah noch ferne stört den Frieden. Keine Wagen rasseln über das
+Straßenpflaster noch. Keine Dampfpfeifen heulen durch die Nacht. Uhus,
+Hähne, Frösche und Moskitos gibt es nicht auf Manhattan.</p>
+
+<p>Ich denke an Dich — und mein liebes, teures Pilot Knob. Träume, ruhe,
+gute Jennie!</p>
+
+<p>(5 Uhr Morgens.)</p>
+
+<p>Morgenstund' hat Gold im Mund. Schwester, wenn ich je so glücklich sein
+werde, ohne Existenzsorgen meine ganze Energie und Seele konzentrieren
+zu können auf den einzigen Punkt — ich werde ein<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> Gedicht schreiben,
+einen Pegasus reiten, ein so wildes, rasendes, unbändiges Prärieroß
+über den Büchermarkt klappern lassen, daß sich Händler, Agenten
+und Rezensenten die herumfliegenden Papierschnitzel und den
+Manuskriptenstaub nicht aus den Augen reiben werden, bis der Greif im
+blauen Äther kreist — unerreichbar für Speer und Bogen.</p>
+
+<p>Schlag den Athleten mit Nervenfieber. Schlag den Poeten mit
+Nahrungssorgen. Schlag dem Kondor die Flügel ab. Oooo! Es ist ein
+Gefühl, das mich überkommt, wenn Dichtergedanken abprallen von
+Sorgengedanken — wie der Schreck eines Lebendigbegrabenen, dessen
+Finger abprallen vom Deckel seines zugenagelten Sarges.</p>
+
+<p>Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie der Ewige über den Sternen
+sitzt, neben mir, und mir Gedanken einhaucht, die ich schreiben soll.</p>
+
+<p>Ich habe Augenblicke, wo ich fühle, wie die Fürchterlichen der
+Finsternis mir ein Loch bohren durch die Gehirnrinde — und all mein
+Denken zischt ins Leere.</p>
+
+<p>(6 Uhr Morgens.)</p>
+
+<p>Bald ist es Tag. Ich habe mich eine Nacht lang mit Dir unterhalten. Was
+würde werden aus mir ohne diese Unterhaltung? Gesegnet sei Feder, Tinte
+und Papier!</p>
+
+<p>(7 Uhr Morgens.)</p>
+
+<p>Von jetzt an bis acht Uhr muß ich verschiedenes in Ordnung stellen, und
+das Schreiben hört auf. Das Geschäft wird um acht präzis in Betrieb
+gesetzt;<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> eine halbe Stunde früher jedoch öffnet der Aufseher die Türen
+von außen. Tom Pratt, der vierzehn Stunden lang sämtliche Spitzbuben
+Neuyorks (und das sind viele, die in Wallstreet gar nicht gezählt) am
+Einbrechen hinderte, wird herausgelassen.</p>
+
+<p>Warum sie mich einschließen? Die Menschen sind heutigentags so
+mißtrauisch, daß sie den Nachtwächter, der das Haus bewacht, durch
+einen abermals bewachten Wächter wieder bewachen.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Neuyork, Neujahrsnacht 1900-1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure, teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Da sitz' ich nun die halbe Nacht schon, eingeriegelt in der
+unheimlichen Warenburg, und schüttle den Kopf in peinlicher
+Untätigkeit. Ich kann absolut keinen zu meiner Dichtung brauchbaren
+Gedanken fassen. Die Inspirationen, die mein Gehirn belagern, sind
+wahnsinnig. Was soll ich tun? Singen, beten, Geister beschwören?
+Schlafen darf ich nicht, und kann und möchte ich nicht. Und noch ist es
+so lang', bis sie mich herauslassen hier — und heim.</p>
+
+<p>Die Uhr schlägt eins.</p>
+
+<p>Wir feiern Neujahr. Soeben hat der Lärm nachgelassen, mit dem unsere
+Durchschnittsbürger den Wechsel begrüßen. Sie haben wieder, wie in
+jeder Silvesternacht, gewaltig getutet, geknallt, gebrüllt, getrunken.
+Jetzt sind sie müd und legen sich aufs<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Ohr und saugen Sauerstoff ein
+zum frischen Lachen und Lustigsein, morgen.</p>
+
+<p>Ach, Schwester! Ich habe meinen melancholischen Anfall — und bin
+allein. Wär' ich unter Menschen, ich möchte meine Schwermut abladen
+können durch überirdische Gutherzigkeit, aber hier bin ich aller
+Linderung bar.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Toten</em> lassen mich nicht ruhen, bis ich ihnen meine Schuld
+bezahlt!</p>
+
+<p>Hier sitze ich. Die Pendeluhr tickt. Die Feder kratzt auf dem Papier.
+Ein armes Mäuslein nagt an Brettern unterm Fußboden — und die öde,
+graue Nacht ist Silvesternacht. Und zwölf Monate zurück? Was kann ein
+einzig Jahr verwüsten? Saß ich nicht ebenso still wie jetzt, aber am
+Bettchen meiner noch <em class="gesperrt">lebenden</em> Elsie, meiner noch <em class="gesperrt">gesunden</em>
+Eva, und mit <em class="gesperrt">zwei</em> kräftigen Armen, und zählte, bis ich müde war
+vom Zählen — mein Glück.</p>
+
+<p>Da lagen herumgestreut, weiß wie Flocken, die Seelen, die Gott der
+Allgütige mir schenkte zu meiner eigenen — und saugten sich fester und
+fester mit jedem Atemzug, Lächeln, Seufzen, Erwachen.</p>
+
+<p>Draußen jagte der Wind in wildem Zug durch Finsternis und Häusermeer.
+Kälte drückte an Türen und Fenster und wimmerte um Einlaß; und ich saß
+und träumte, schwärmte, schwelgte, betrachtete wieder und wieder meine
+Schützlinge: mein schönes, treues Weib, wie es hingebettet auf das
+eigene Lockenpolster ausruhte von des Tages Last; meine Kinder, Bertie
+schlafend sein Schwesterchen umarmend, als fürcht'<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> er Raub, Elsie mit
+dem wehen Zug um ihre Lippen, die im Traume mehr als sonst den Stempel
+Gottes »Engel werden« trugen.</p>
+
+<p>(3 Uhr Nachts.)</p>
+
+<p>Dreimal drei ist neun — das kann bewiesen werden. Dreimal drei ist
+vier — das kann <em class="gesperrt">auch</em> bewiesen werden vor einer Versammlung von
+Schafsköpfen. Beweis ist also nicht so unfehlbar, als er sich ausgibt.
+Daß Advokaten das Gegenteil, sogar von bewiesenen Beweisen, beweisen,
+beweist die Unzuverlässigkeit der ganzen Beweiserei. Es kommt also weit
+mehr darauf an, wie der Kopf oder der Mensch beschaffen ist, der den
+Beweis glaubt, als über was und wie da bewiesen und vereinbart wurde.</p>
+
+<p>Sagt mir also einer: »Bruderherz! du hast eine unsterbliche Seele
+in deinem Korpus,« und beweist mir, daß ich ein solches Ding
+herumtrage, dann steigt (in meinem Schädel wenigstens) das Mißtrauen
+auf, ich gehöre möglicherweise zu der Schafskopfkategorie, die sich
+vorrechnen läßt: dreimal drei ist vier — und unwillkürlich beginne
+ich Selbstkritik zu üben an meiner geistigen Befähigung. Ich gelange
+zu dem Schluß: daß <em class="gesperrt">ich</em>, ich selber die Unsterblichkeit meiner
+Seele fühlen, spüren, wissen, beweisen muß — nicht der andere. Er kann
+wohl unterrichtet sein über <em class="gesperrt">seine</em>, aber über <em class="gesperrt">meine</em>? —
+Sapperment! Wenn er nicht einmal weiß, ob ich Leibschmerzen habe, wenn
+ich Gesichter schneiden muß, um ihn auf den Gedanken zu führen — —-</p>
+
+<p>Halt!!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p>
+
+<p>Es gibt Philosophen, die beweisen, daß die Existenz Gottes und der
+Seele nicht kann bewiesen werden mit den gegebenen Anhaltspunkten.
+Es fehle, was die Mathematiker heißen, die bekannte Größe, auf der
+sich aufbauen läßt. Diese Herren sind die <em class="gesperrt">Vogelstrauße</em> im
+großen Wildpark der Gelehrtenwelt. Sie rennen (vom Problem verfolgt)
+unablässig im Kreis herum, am gleichen Punkt immer wieder anlangend,
+wo sie absprangen, und glauben, weil sie (mit dem Kopf im Sand) nichts
+sehen, können andere auch nichts sehen. Sie legen manches Mal ziemlich
+große, vielversprechende Eier. Die Hauptsache aber, das Ausbrüten,
+überlassen sie dem heiligen Licht und Feuer dort oben; und bis das
+es fertig kriegt mit seinem natürlichen, langsamen Prozeß, da haben
+Ratten und Käfer den Dotter gefressen. Daß Spatzen und Bachstelzen
+sich hin und wieder erdreisten, die Eier ausbrüten zu können, ist die
+<em class="gesperrt">komische</em> Seite. Daß die Strauße nicht <em class="gesperrt">gerader</em> laufen
+und so aus der Wüste heraus ins üppige Grenzland gelangen, ist die
+<em class="gesperrt">betrübende</em> Seite.</p>
+
+<p>Es gibt aber auch Philosophen, die so geradeaus laufen, daß sie mit
+dem Schädel ein Loch durch jegliche Mauer rennen, die ihnen im Wege
+steht. Durch dieses Loch schauen die Herren die allerübernatürlichsten
+Dinge, und je nach dem Grad der gehabten Gehirnerschütterung beim
+Mauerbrechen sehen sie den Himmel offen, die Zionsstadt mit Perlentor
+und goldenem Straßenpflaster. Den Herrgott sehen sie im Wolkenpolster
+ruhen leibhaftig, oder im Rollstuhl<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> unter Blitz und Donner im Paradies
+herumkutschieren wie ein preiswütiges Automobil. Die Engel sehen sie
+tanzen, geigen und geschäftig die einlaufenden Seelen abwiegen, wie der
+Krämer Butter und Kartoffeln. Kurzum, sie sehen das ewige Leben mit
+Haut und Haaren als vollständig bewiesene Tatsache, und so weiter, Amen.</p>
+
+<p>Diese Sorte Philosophen sind die <em class="gesperrt">Büffel</em> im Wildpark der
+Gelehrtenwelt. Sie sind hartköpfig, eisenstirnig. Mit gewalttätigen
+Hörnern zerquetschen, was nicht zu ihrem Vaterunser schwört, das
+nennen sie Kopfarbeit. Rote Farben, rote Lappen und Fahnen reizen
+sie zum Schäumen; dafür stehen sie aber, ungleich den Straußen, bis
+an den Bauch im Futter. Daß ihnen das üppigste Gras (während die
+Herdenglöcklein läuten) zum Hals hineinwächst und gleichzeitig Stroh
+zu den Ohren heraus, ist die <em class="gesperrt">komische</em> Seite. Daß sie lebenslang
+Gottesgelehrsamkeit studieren und gerade in diesem Fach Hornviecher
+bleiben, ist die <em class="gesperrt">betrübende</em> Seite.</p>
+
+<p>Dann gibt es Philosophen, sogenannte Pessimisten, Weltschmerzapostel,
+die vom Resignieren buchstäblich austrocknen, verdorren. Sie verlieren
+Fleisch, Fett, Appetit, warmes, eisenhaltiges Blut, tätige Leber,
+Galle, Magensäure, Zähne, Haare, Glauben, Hoffnung, Liebe, Freude am
+Dasein. Arm in Arm mit dem Weltschmerz schreiten sie durchs Leben,
+sorgfältig Dornen und Distelköpfe sammelnd — Blumen zertretend —
+Harmonien und Schönheiten ignorierend — glücklichen, lachenden
+Menschen ausweichend wie<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> der Pest — auf Kirchhhöfen herumgeisternd
+— mit Gerippen und Totenschädeln spielend. Dem Tantalus flogen die
+gebratenen Tauben vom Munde weg, so oft er die Zunge reckte danach; der
+Pessimist macht sich die Höllenqualen <em class="gesperrt">umgekehrt</em>, er beißt die
+Zähne zusammen, wenn das Füllhorn sich ausleeren möchte in ihn. Das
+ist jedoch nicht die betrübende Seite, sondern er sagt es selber, was:
+»mein Geborenwordensein halte ich für das allergrößte Unglück«. Daß
+ihm hierin jedermann beistimmt, sogar sein leiblicher Vater, ist die
+<em class="gesperrt">komische</em> Seite. Verglichen mit Tieren können diese Sorte Denker
+nicht werden: es gibt kein Tierchen, das sich nicht mehr oder weniger
+wärmt und sonnt in Gottes herrlicher Natur.</p>
+
+<p>Dann gibt es <em class="gesperrt">lachende</em> Philosophen. Die Hälfte von ihnen ist
+jedoch kindisch. Die anderen stehlen Witze und hängen ihre Marke dran.</p>
+
+<p>Dann gibt es philosophische Piraten (Atheisten), die jeder
+vorüberziehenden Seele Steuer, Anker, Segel, Kompaß, kurzum alles
+rauben bis auf die leere Schale.</p>
+
+<p>Dann gibt es egoistische, geizige Philosophen. Sie behalten alles,
+sammeln mit eifrigem Betrachten Wissen, Weisheit, Urteilskraft — geben
+nie etwas von sich — Schweigen ist ihr Grundsatz. Sie sterben wie alle
+Geizhälse, reich an geistigen Schätzen, ohne übrigens jemand beschenkt
+und glücklich gemacht zu haben.</p>
+
+<p>Dann gibt es verschwenderische Philosophen, die mit Schwatzhaftigkeit
+sich so entleeren, daß sie geistig<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> schier zu den Bankerotten zählen.
+Sie machen allerdings manchen um sich herum klug, vorsichtig, sterben
+aber wie jeder Verschwender, ausgepumpt.</p>
+
+<p>Dann gibt es — — Der Globus wimmelt von Philosophen. Die Luft ist
+dick und schwefelsauer von ihrem Stöhnen, Seufzen, Lamentieren und
+sogar Fluchen. Und ach, was haben die Herren zusammengedichtet? Das
+Denkerregiment mit Sokrates am rechten Flügel und Spencerlein am
+linken, was haben sie bewiesen, entdeckt, festgenagelt im Lauf von
+vielen hundert Jahren? Andere Wissenschaften haben Wunder gewirkt. Was
+kann die Philosophie am Tag der Prüfung zeigen? Bücher, tonnenschwer,
+und leiht wie Spreu ihr Inhalt. Bücher, tausendzählig, und — drei
+Originalitäten nur — kein einziger Beweis darin, der zieht und hält.
+Es ist der wackeligste Turm von Babel, den sie in den Himmel bauen
+möchten.</p>
+
+<p>Und ach, was bin <em class="gesperrt">ich</em> herumgeirrt in dieser Steppe der Irrenden,
+und hab' gesucht nach Quellen und Oasen — nach dem Körnchen Wahrheit
+im Berg von Kleie — in diesem Chaos von Einerseits und Anderseits
+Beweise gesucht und <em class="gesperrt">keinen</em> gefunden, mit dem der Zweifel nicht
+Fußball spielen darf nach Lust und Vergnügen. Ach, was hab' ich
+gelesen, geschluckt, studiert, mit philosophischen Rosinen, Zwiebeln,
+Gurken und Limburgerkäsen mich so überfüttert, daß ich elendiglich
+sterben müßt' an Verstopfung — schluckt' ich nicht hin und wieder eine
+Kontroverspredigt als Abführmittel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Unterhaltung zwischen Gott und Mensch geschieht <em class="gesperrt">einzig</em> durch
+Gefühl.</p>
+
+<p>Gefühl ohne Erfahrung bleibt die unterste Stufe des Leben.</p>
+
+<p>Der Unterschied zwischen höchstem Geist und Geschöpf besteht in des
+letzteren geringerer Erfahrung.</p>
+
+<p>Ich zweifle nicht, daß mit höchster Erfahrung das Problem des ewigen
+Lebens gelöst ist.</p>
+
+<p>Die Bestimmung des Menschen ist: jenes Problem zu lösen. Daß er das
+kann, <em class="gesperrt">wenn er will</em>, garantiert die ewige Gerechtigkeit.</p>
+
+<p>— Aber das ist ja wieder greulicher Quatsch — mir wird ja selber übel.</p>
+
+<p>Sonntag im Sommer. Sehr heiß, staubig. Sehr windstill. Die Straßen von
+St. Louis glühen gleich einem Backofen. Jung und alt, was nur irgend
+sich freimachen kann, flüchtet hinaus in die schattigen Vorstädte, die
+Parks, oder treibt in Booten den großen Mississippi auf und ab.</p>
+
+<p>Schon früh am Morgen warf ich mich in feiertäglichen Staat. Ich hatte
+die Einladung meines Freundes, mit ihm und seiner Neuvermählten
+nach deren Eltern Farm einen Ausflug zu machen, angenommen. Mit
+verzeihlicher Eitelkeit putzte, frisierte und rasierte ich den damals
+noch ledigen Tom Pratt.</p>
+
+<p>Dann ging's los. Eigentlich <em class="gesperrt">nicht</em>: zu meinem Ärger und meines
+Freundes noch viel größerem Leidwesen lag der Ärmste, als ich in seine
+Behausung trat, im Bett und stöhnte. Er laborierte an den Nachwehen
+einer in der Nacht gehabten Cholera.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p>
+
+<p>Er behauptete, das Biertrinken bei der Hitze hab's verschuldet. Sein
+Weibchen meinte, das <em class="gesperrt">Apfelmus</em>, das sie ihm kochte zum Abendbrot,
+sei die Ursache. Zu dieser rührenden, in der Dissonanz sogar noch
+wohllautenden Harmonie der Neuvermählten schlug ich Takt mit der
+Bemerkung: »Bier <em class="gesperrt">und</em> Apfelmus hat's getan — Punktum!«</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen (so lange nötigte die Gastfreundschhaft mich
+auszuhalten) durfte ich endlich gehen. Der halbe Sonntag war nun
+verbraucht, verpfuscht; meine Feiertagslaune ebenfalls. Ärgerlich
+schritt ich nach der Avenue, um mit dem ersten mir begegnenden
+Straßenwaggon irgendwohin zu fahren — nur weg, weg vom bratenden
+Weichbild der Häusermasse. Halbwegs mußte ich meiner blankgewichsten
+Schuhe wegen einem Neubau ausweichen, ganz hinüber auf die sonnige
+Seite der Straße; dann wieder herüber auf die schattige. Das kühlte
+mich nicht; auch nicht, als mir ein nördlich fahrender Tramwaggon
+entschlüpfte, den ich hätte erreichen können, wär' die verdammte
+Kreuzung nicht gewesen.</p>
+
+<p>Nach längerem Warten bestieg ich den nächsten, einen westlich
+fahrenden Waggon. Der war jedoch zum Erdrücken vollgepfropft; die
+Sitzenden erstickten schier, so tief saßen sie drunten; die Stehenden
+schoben sich hin und her und schwankten wie Betrunkene, je nach dem
+ungleichmäßigen Rollen des Fuhrwerks. Den außen am Geländer Hängenden,
+den Allergemartertsten, zu denen ich gehörte, wirbelte Staub ins
+Gesicht; die Sonne brannte ihnen Blasen auf<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> die Haut; der Hut wollte
+fortfliegen; und mit des Jammers stummen Blicken schauten die armen
+Hühneraugen. Aber fort ging's, fort wenigstens, immer an den Häusern
+vorbei wie geflogen.</p>
+
+<p>Mit einem Mal tauchten Bäume auf, Grasflächen, Blumenbeete, lange
+Eisengitter längs der Straße. »Ein Kirchhof!« zuckte es mir durchs
+Gehirn wie Erlösung, und ich weiß nicht, wie noch warum ich
+absprang von dem raschfahrenden Waggon. Graziös hüpfte ich einer
+vorbeirasselnden Equipage aus der Fahrlinie, etwas ungeschickter einem
+wahnsinnigen Radfahrer.</p>
+
+<p>Dann trat ich durchs Gitterportal ins Reich der — Schlafenden.</p>
+
+<p>Welch labende Kühle fächelte mir der heilige Ort ums Haupt, das ich
+ehrfurchtsvoll entblößte. Die Luft gewürzt mit tausend Düften; wie
+Segen, wie ein Zug aus offener Himmelstür wehte es mich an.</p>
+
+<p>»Gott sei mit euch!« grüßte ich die Anwesenden; »Gott sei mit euch!
+Wie schön haben euch die Lebenden gebettet. Wie schön die Kinder ihre
+Eltern — die Eltern ihre Hoffnungen. Liebe und Verehrung haben sich
+wund und augenmüde gesponnen an der Decke, die euch hüllt, bis Gott sie
+hebt.« Wie nah sind doch die Lebenden den Toten; ein Pulsschlag ist die
+Trennung. Wie innig nah verwandt ist Freud und Leid, Glück und Unglück.
+Schmerz und Lust sind Bettgenossen. Haß und Liebe wohnen eng beisammen
+in derselben Kammer; wenn eines wacht, legt sich das andere nieder. Und
+<em class="gesperrt">eine</em> Wiege hat<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> genügt für Myriaden Gegensätze, die sich stoßen,
+reiben lebenslang, bis sie müde liegen wieder wie im Anfang so am Ende,
+friedlich, eng beisammen — <em class="gesperrt">aber hier</em>.</p>
+
+<p>Langsam schritt ich die geschlängelten Pfade des Friedhofs entlang,
+immer tiefer hinein ins Herz, bis wo die Kapelle steht mit geweihtem
+Altar. Dort betete ich für die Toten — für alle Toten. Dann schritt
+ich weiter und weiter, zikzackig, planlos, rechts und links schwenkend,
+über Hügel, Rasenplätze, Kieswege. Bald zog mich ein gigantisches
+Monument, bald ein hölzernes Täfelchen, ein Blümchen »Einsam«, oder
+ganze Garben Hyazinthen, Lilien und Maßliebchen, als liege dort ein
+Heiliger und hauche sich durch Lehm und Sand hindurch zum Himmel.</p>
+
+<p>Gott! Da, ein Weib! Ein Mädchen! — Ich bebte vor Angst, mein Atem
+könnte die Erscheinung verwehen, und hielt inne zu atmen. Keine zehn
+Schritt von da, wo ich stand, kniete ein Mädchen auf rasenbewachsenem
+Grab, das Kreuzlein als Stütze gebrauchend für Gesicht und Hände. Gott,
+<em class="gesperrt">das</em> Bild, das mich bannte, als wär' mein ganzes Erdenwallen
+hier am Ziel und machte halt: da kniete endlich leibhaftig vor mir
+die, die ich suchte, träumte, wünschte — <em class="gesperrt">so</em> wünschte ich mir
+die Begegnung, den Ort, den Zufall, Umstände, Zeit und alles — so
+träumte ich ihre Gestalt, Jugend, Kleider, ihre Verlassenheit, Armut,
+Hilflosigkeit. Und <em class="gesperrt">ich</em> ihr Retter jetzt! Ich der Auserkorene,
+Gottgesandte, der diese auf ihrer Mutter Grab verzweifelnde, von aller<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span>
+Welt verlassene Waise aufhebt, heimträgt, glücklich macht ...</p>
+
+<p>Ob ich einen Schrei ausstieß? — Das Mädchen richtete sich erschrocken
+auf, sah mich an und — — der Traum war aus. Das Bild verwischt.
+Das arme, hilfesuchende Waisenkind mit den flehenden Augen — das
+schutzlose Wesen, dem ich Retter wollte sein — ach! das herrliche
+Idyll von naiver Jugendschwärmerei, das ich mir malte mit so stillem
+Blau, als nur die Sehnsucht noch vom kälteren Blau des Himmels
+unterscheiden kann, fort war es — fort.</p>
+
+<p>Und vor mir stand an seiner Statt ein Cherub, der mich anblickte, so
+majestätisch, daß ich zum Bettler schmolz — so überirdisch, daß ich
+nackt in aller meiner Sinnlichkeit mich fühlte. Ein Cherub, der die
+Schlüssel trug zu meinem Himmelreich — den Zutritt zur Glückseligkeit
+mir gestatten konnte oder verwehren, je nach seiner Willkür. Jetzt
+war <em class="gesperrt">ich</em> der Arme, Hilflose, Bettler und Verzweifelte. Hier
+blieb nichts mehr zu retten für mich, nichts als mit letztem Atem aus
+gepreßter Brust zu wimmern: »Gnade!«</p>
+
+<p>Ich tat's — und sank zu Füßen meiner — <em class="gesperrt">Eva</em>.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Goldorangengelb am wolkenlosen Horizont stieg die Abendsonne in die
+Nacht hinab. Das himmlische Licht, das mit blendender Majestät den Tag
+beherrscht, daß aller Augen Blicke sich verhüllen müssen —- es ist
+doch nur der Venus Vorgespann.</p>
+
+<p>So viel sie auch singen und dichten mögen, predigen<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> und beweisen vom
+Höchsten, das eine Sonne über allen Sonnen ist — laß sie nur predigen
+und blinzeln, weil es Tag ist: des Abends magnetische Schatten führen,
+ohne auf Widerstand zu treffen, auch sie zu dem Hochaltar, auf dem die
+Schöpfung opfert — zum <em class="gesperrt">Weib</em>. — —</p>
+
+<p>Ich konnte keine Stunde lang leben, das fühlte ich. Meine Kammer war
+eng, jetzt war sie tatsächlich ein Sarg, der sich zu schließen drohte.
+Ich kniete nieder und versuchte zu beten; aber die Verbindung war
+gerissen zwischen Gott und mir — irgend jemand stand zwischen mir und
+Gott. Ich ging ein wenig hin und her — aber das brachte mich nicht
+näher. Ich setzte mich ans Fenster — aber das machte mich unruhiger.
+Ich stand wieder auf — kniete nochmals. Die letzten Küsse eines
+Mädchens, das ich vom Kirchhof nach ihrem Kosthaus geleitet hatte,
+brannten meine Lippen, meine Wangen, meine Stirne wie glühende Kohlen.</p>
+
+<p>»Ich ersticke!« schrie ich, und Hut und Rock ergreifend eilte ich
+hinaus ins nächtliche Gewühl der Stadt, von dem wahnsinnigen Gedanken
+gerissen, eine unbescholtene Jungfrau mitten in der Nacht aus ihrem
+Bett zu rufen.</p>
+
+<p>Ein vorübersausender Straßenbahnwagen schnappte mich jedoch weg vom
+Erdboden, und fort ging's auf rollendem Gefährt — entgegengesetzt aber
+von »<em class="gesperrt">Ihr</em>«.</p>
+
+<p>Eine Stunde später, im Norden, wo die Großstadt sich malerisch auflöst
+in Landschaft, wankte ein Mensch, offenbar ziellos, durch Farmland.
+Auf<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Augenblicke blieb er stehen und reckte die Arme aus, als wollte
+er die Welt mit allem, was sie birgt, umfangen. Dann setzte er seine
+Wanderung wieder fort. Wer ihn nicht kannte, würd' ihn für einen
+Verirrten halten, oder gar für einen jener Unglücklichen, die dem
+Dasein entfliehen möchten. Plötzlich machte er halt — warf sich platt
+ins Gras, mit dem Gesicht nach unten — und so blieb er liegen.</p>
+
+<p>Dicht an ihm vorüber rauschte ein mächtiger Strom, unerschöpfliche
+Wassermassen wälzend. Ringsum wogten, wie die Wasser dort, die Felder
+und Wälder hier. In eifersüchtigem Wettstreit, sich gegenseitig
+überragen zu können, reckten sich die Bäume über Sträucher, diese
+über Blumen und Gräser. Lauwarm wehte die Nachtluft um das Ganze, des
+Stromes züngelnde Wellen, des Waldes wogende Wipfel, das Weben und
+Leben der Welt hier unten, hinauftragend in die lichtgefüllten Höhen
+als Schlummerlied der Sommernacht.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als ich mich von langem, erlösendem Weinen endlich wieder aufrichtete
+und umsah, war es mir, als wäre <em class="gesperrt">ich</em> das Leben und alles andere
+tot. Mir war, als sei die Welt ein Nebelbild, Schein, und ich der
+Zweck, der Mittelpunkt, der rote Faden, der die beiden Enden knüpft;
+als sei <em class="gesperrt">ich</em> das Bild und dieser unermeßlich weite Raum nur der
+Rahmen zum Bild. Vor mir lag in weitem Becken ein Wasser; ich bemerkte
+nicht, daß es der große Mississippi war, der<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> gurgelnd und plätschernd
+am Ufer vorbeimarschiert durchs Tal, zum Meer, und unablässig Wasser
+auf Wasser drängend ewig sich verändert. Ringsherum standen Gebüsche,
+Fruchtbäume, Schilf und wilde Blumen, wie leblose tote Dinge; ich
+bemerkte nicht, daß sie alle grünen, wachsen, blühen, ewig sich recken
+und dehnen, sich verändern. Hoch über meinem Scheitel pendelten die
+Sterne als eine Welt über der Welt. Mir schien sie regungslos, immer
+gleich, auf dunkelblauem Samt die edelsteingestickte Bettgardine einer
+eingeschlafenen Natur. Ich bemerkte nicht, daß alles dort oben wie hier
+unten sich dreht und treibt und stößt und zieht — Leben saugt und gibt
+— mit gleichem Recht und Grund wie ich Unendlichkeit und Ewigkeit
+benützt als Tummelplatz für der Liebe Maientanz, für der Sehnsucht
+Herbstgefühl, für sommerschwüle Lust — und Wanderung durch winterkalte
+Nacht.</p>
+
+<p>Dort stehen sieben Sterne und spiegeln sich auf dem Wasser. Das ist
+der Orion. So strahlte er in stiller Majestät über dem Griechischen
+Meer, während Homers Lieder die gottgeschwängerten Lüfte tränkten. So
+strahlte er in stiller Majestät über der Urwelt dampfendem Morast,
+während giftig hauchendes Gestöhn der Drachen durch das Schweigen
+banger Nächte ging.</p>
+
+<p>Es gab eine Zeit, wo jenes Licht dort oben nicht am Firmamente glänzte,
+wo andere Lichter oder keine jene Kohlensäcke füllten, und keine Erde
+hier am Boden lag, kein Meer noch Land.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>Senkrecht über meinem Scheitel hängt ein grüner, magisch reiner
+Stern und schaut herab aus seiner Welt in meine. Welch ein Weg von
+dort zu mir? von jener Sonne, von jener Welt in Brand und Glut, die
+feuerlodernd ihre Fackeln wirft, als gält' es Untergang der Finsternis
+und Kälte. Welch einen Raum zum Denken, Staunen — Beten hat der
+Schöpfer aussgespannt zwischen hier und dort?</p>
+
+<p>Aus all den kreisenden Systemen und den ungezählten Wesen, die sich
+decken und verstecken hinter Kohlenstaub und Eis, die heute sind und
+morgen nicht; aus allem, was da oben und hier unten den Raum erfüllt —
+nur <em class="gesperrt">einer</em> hat den Platz behauptet — nur <em class="gesperrt">einer</em> hat sich
+durchgerungen, durchgelebt. Aus diesem Chaos von Atomen <em class="gesperrt">einer</em>.
+Von allem, was sich regt im Kampf ums Dasein — <em class="gesperrt">einer</em> war der
+Stärkste, Zäheste — der Glückliche, der Sieger aus der Schlacht
+einer halben Ewigkeit, mit Feinden wie der Sand am Meer so viele —
+<em class="gesperrt">einer</em>, <em class="gesperrt">einer</em> nur. Und dieser eine, der bin <em class="gesperrt">ich</em>! —
+Ich bin der Unbezwingliche, der einzig Lebensfähige, das Meisterwerk,
+der Schöpfung Krone, dem Schöpfer nah — und drücken sie das Universum
+durch ein Sieb, sie treffen nichts, das ebenbürtig zwischen uns sich
+stellen kann und darf.</p>
+
+<p>Ist das hochmütig geredet? Ist das Gotteslästerung?</p>
+
+<p>O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! —
+Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span>
+<em class="gesperrt">Opfer</em>?! — Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr
+Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt
+von tausend Mühen <em class="gesperrt">meinetwegen</em> ihr Leib zu Grabe sinkt — das
+erste Opfer. Arme, arme Mutter du! — Und hinter dir, zum gleichen
+Zweck verwendet, <em class="gesperrt">deine</em> Mutter. Und hinter <em class="gesperrt">ihr</em> <em class="gesperrt">ihre</em>
+Mutter. Und <em class="gesperrt">ihre</em> Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie
+im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter,
+marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der
+Vergangenheit heraus — vorbei an mir.</p>
+
+<p>Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer?
+Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's
+keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? — Ach,
+es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die
+andere hin.</p>
+
+<p>Und diese Blicke all auf mich geheftet — dieser Augen Trillionenzahlen
+starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der
+Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je
+weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden,
+Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang — und so mein Ekel.
+Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der
+Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter
+ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen
+Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span>
+Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der
+Eingeweide Gift gemischt.</p>
+
+<p>Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit
+mir? Gibt's keine andere Leiter?</p>
+
+<p>Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die
+viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest
+du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen
+Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten,
+die um Rache schreien — Bastardmischung zwischen Tier und Menschen
+unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel — mußtest du
+vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später«
+überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen;
+Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all
+die Klagen, Seufzer — der Schlachten Brüllen — der Folterkammern
+schrilles Schreien — der Kerker hohles Heulen — der Krankenstuben
+Stöhnen — den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem
+andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen
+Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch
+Teil an mir zu Kot zermahlt.</p>
+
+<p>Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie
+du, o Ewiger, dein Ebenbild?</p>
+
+<p>— — — Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als
+seh' ich ein reibend Schwefelholz<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> an meiner Kerkerwand und find' die
+Tür — — Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es
+möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, <em class="gesperrt">auch
+du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein</em>? — Die gleiche Scheu
+vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken,
+Sehnen ist uns eigen — nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche
+Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand
+der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen
+— mich im engen Zirkel meines Selbst — dich im unermessenen Raum,
+mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du
+mit Licht — er mit Nacht. Du mit Wärme — er mit Kälte. Du mit Leben
+— er mit Tod. Du mit Geist und Willen — er mit Körperträgheit. Du
+mit Liebe, Wahrheit, Schönheit — er mit allen Gegenteilen. — — Und
+dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder
+links, Ewiger! <em class="gesperrt">das kann ich</em>?? — Ich kann dir trotzen und deine
+Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit
+verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit
+Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?</p>
+
+<p>O, daß du mir diese Waffe zeigst — scharfgeschliffen wie sie ist, sie
+mir anvertrauest — welch ein Vertrauen! — Nach langer, langer Nacht
+gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus
+der Mutter Augen Liebe trinkt und<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> <em class="gesperrt">dann</em> die Milch der Brust —
+<em class="gesperrt">ich liebe dich, Gott</em>! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich
+ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an —
+mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät — aber lieben? — Leere
+Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch
+Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.</p>
+
+<p>Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst — ist
+<em class="gesperrt">Vater</em> schöner, inniger als Gott — »Vater, ich liebe dich!
+<em class="gesperrt">Vereint</em> sind wir allmächtig. <em class="gesperrt">Vereint</em> sind wir die ewige
+Glückseligkeit — <em class="gesperrt">getrennt verloren</em>.«</p>
+
+<p>Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und
+flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre —
+lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht — »Vater, ich
+liebe dich!«</p>
+
+<p>Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich
+will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn
+ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von
+dir — — »Vater, ich bleib' dir treu!«</p>
+
+<p>Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib
+— hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall,
+wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und
+rauhem Wetter; die Felsen <em class="gesperrt">mich</em> vor allzuviel Besuch. Ist Gott
+nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir
+viermal<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> passend neue Kleider schenkt« — — »Vater, ich liebe dich!«</p>
+
+<p>Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten,
+Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend
+Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn
+Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft,
+und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand
+abgerungen in der Zeiten Lauf — und jeder Blick in jene sternenvollen
+Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt — — »Vater, ich liebe dich!«</p>
+
+<p>Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt
+zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies
+von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt
+sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und
+Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit
+deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf
+trillionmeilenhohe Leuchter — ich kann mir das Denken verhalten —
+die Vernunft schänden — bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein
+Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr
+dich höhnen? — — »Vater, ich bleib' dir treu!«</p>
+
+<p>Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht — mit vollster Seele
+liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten
+im Meisterwerk. O, dieser <em class="gesperrt">Spiegel</em> — und der Rahmen zu dem<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
+Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich
+und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber
+so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen
+Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier
+sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die
+er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und
+Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus
+dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in
+langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel,
+bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum
+verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und
+triumphierender Genugtuung — gemischt mit weher Sorge, der Spiegel
+möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben — denn Schöneres kann
+er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom
+Tod — das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod
+auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste.
+<em class="gesperrt">Der Spiegel ist das Kind!</em> Des Kindes Seele, des Kindes Augen —
+Leib und Seele widerspiegelnd.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Vater, ich liebe dich!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Schaudere — — was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser
+hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit
+Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe?<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du
+aufgebaut.</p>
+
+<p>»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist
+der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes
+Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion,
+Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine
+Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und
+fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer
+höheren Höhen — aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem
+Leben, zu reinerer Erkenntnis — aus des Daseins Sturm und Drang
+die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes
+Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann — <em class="gesperrt">von dannen es kommen wird
+am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die
+Lebenden und Toten</em>!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Vater, ich liebe dich!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Und nahet mir des Lebens letzte Stunde — und jenes Ding, das Blut
+gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt — —</p>
+
+<p>Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück
+und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im
+Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die
+ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die
+erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken
+Brücke.<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch
+einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie
+nie zuvor — und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin — und Heimweh,
+eh ich abgereist — und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach!
+durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang
+und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis
+wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.</p>
+
+<p>Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in
+die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel
+Blumen sind zertreten worden — viel ist herumgestritten und gerissen
+worden — Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen
+schier in Fetzen — wild war sein Spiel im langen Tag — doch, gebe
+Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus
+Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann —
+— ist Schlafenszeit.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Vater, ich liebe dich!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Ob ich unsterblich bin? — Unwiderruflich, ja! <em class="gesperrt">wenn ich will</em>.</p>
+
+<p>Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? — Unwiderruflich, ja!</p>
+
+<p>O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und
+deiner Küsse Seligkeit!</p>
+
+<p>Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> ersten Werden bis hierher
+und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Dein liebes</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Kind.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 1. Januar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Lieber Bruder mit Weib und Kind!</span><br>
+</p>
+
+<p>Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen
+Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch
+einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und
+Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.</p>
+
+<p>Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch
+könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen
+Menschen — wir armen Leute!</p>
+
+<p>Also, Neujahr.</p>
+
+<p>Als ordnungsliebende Hausfrau — (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen
+Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut
+und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur
+Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot — hier
+ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem
+guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem
+Hauptartikel der Haushaltung — mit Peter.</p>
+
+<p>Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Wochen. Er kam also
+herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen
+in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige
+Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in
+Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock,
+und — die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie
+ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt
+ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf
+nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet.
+Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser
+Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das
+Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der
+letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt,
+Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts
+weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt
+der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild
+zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine
+Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen — hahaha!</p>
+
+<p>Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel,
+raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für
+drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik
+ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern
+Bergleuten, jedoch<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und
+bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.</p>
+
+<p>Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und
+geht's dem Alter nach, bin ich <em class="gesperrt">noch einmal</em> Nächstes; ich bin
+schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft
+interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche
+für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet
+Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und
+versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig
+ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach
+vornehmen.</p>
+
+<p>Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht
+abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt:
+zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge
+Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der
+<em class="gesperrt">andere</em> der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester,
+sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester <em class="gesperrt">Sohn</em>.</p>
+
+<p>Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf
+meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben,
+mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe
+allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.</p>
+
+<p>Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> aber endgültig
+aufhört, sage ich: der <em class="gesperrt">kleine</em> Peter. Der kleine Peter ist größer
+als ich!</p>
+
+<p>Er ist jetzt vierzehn Jahre alt — und seines Vaters Ebenbild. Er hat
+ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen — aber auch
+die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau
+des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut
+wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit
+sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie —
+Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.</p>
+
+<p>An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem
+Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß,
+schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so
+weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an — es dünkt mir
+oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen.
+Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So
+war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben
+opferte — einem Wahn.</p>
+
+<p>Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst
+wird dann verdoppelt: Vater <em class="gesperrt">und</em> Sohn; denn Bergmannsleben ist
+ein gefährliches Leben. Ach!</p>
+
+<p>Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum
+zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte
+die<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu
+viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der
+Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung,
+Enttäuschung — sag' ich es gerade heraus — aus der markverzehrenden
+Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie
+ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt,
+träumt, träumt — —</p>
+
+<p>Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich
+aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der
+Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend — ungeliebt. Daß ich
+<em class="gesperrt">das</em> überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der
+Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. — Ich bin
+also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!</p>
+
+<p>Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das
+Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist
+das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung,
+meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich
+entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der
+Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.</p>
+
+<p>Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel
+zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form — Gott! wie muß
+dein <em class="gesperrt">Ganzes</em> sein, ein Sonnenmeer!</p>
+
+<p>Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> er Priester. Das ist
+sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude
+erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester
+— — Aber ich will nicht sündigen, guter Gott — ich will nicht zu
+viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende
+Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's,
+Gott. — Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.</p>
+
+<p>Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling.
+Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch
+Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn
+Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner,
+hahaha!</p>
+
+<p>Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine
+Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen
+am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen
+und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit
+spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und
+zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.</p>
+
+<p>Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten
+sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte.
+Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts
+und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner,
+frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge
+und Wälder, Ruhe alles.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben
+im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.</p>
+
+<p>Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und
+kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.</p>
+
+<p>Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar
+und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den
+Raum zu wälzen — geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht
+— anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig
+flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das
+Menschenherz — die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben,
+Hoffen.</p>
+
+<p>Und wieder schloß ich meine Augen.</p>
+
+<p>Da — o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so
+ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Stille Nacht! heilige Nacht!</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Alles schläft, einsam wacht</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Nur das traute, hochheilige Paar —«</span><br>
+</p>
+
+<p>O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn — er
+ist mein Kind! mein Kind! — — O, der Mutterfreuden höchster Berg, den
+ich erstiegen habe — nur ein Schritt vom Himmel — nur noch sterben.</p>
+
+<p>Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum
+diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten
+Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre,
+rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren,
+Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der
+Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen,
+in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut,
+den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß
+zur Kirche — die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend
+zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die
+Waise — und der Bruder ihr so fern — sich anklammern an den Mann, der
+jetzt ihres Kindes Vater ist — — Gott! wenn das der Plan war, dann
+lob' ich das Schicksal und bet' es an!</p>
+
+<p>Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen
+und lächelte: »War's schön, Mama?«</p>
+
+<p>Siehst Du, Bruder Tom, ich war <em class="gesperrt">auch</em> für ein Stündchen in des
+lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.</p>
+
+<p>Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten.
+Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die
+Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der <em class="gesperrt">Himmel</em> zeigte durch
+zerrissener Wolken Schleier das Bild der <em class="gesperrt">Unvergänglichkeit</em>.
+Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p>
+
+<p>Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die
+Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.</p>
+
+<p>»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten,
+»hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«</p>
+
+<p>»Gar nicht, Mama.«</p>
+
+<p>»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten,
+»hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«</p>
+
+<p>»Sollt's meinen, Mama.«</p>
+
+<p>»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«</p>
+
+<p>»Ja, Mama.«</p>
+
+<p>»Willie! friert's dich?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie!
+kannst du langsamer gehen, ein wenig?«</p>
+
+<p>»Ja, Mama.«</p>
+
+<p>»Nur ein wenig. So. — Willie?«</p>
+
+<p>»Mama?«</p>
+
+<p>Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen — und wendete sich
+um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme.
+»Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier
+kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen — aber
+ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz
+gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> und Nein, den Blick
+nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß
+mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich — bitte — bitte!«</p>
+
+<p>Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke
+Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein
+die Seligen — da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend,
+liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« — —</p>
+
+<p>Tom! male weiter, wenn du willst — ich muß schwenken. Die wilde Jagd
+kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken,
+und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie
+tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister.
+O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als
+schönstes Träumen!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Jennie.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 14. Januar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze
+ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann
+gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter
+und zähle die Pflastersteine.</p>
+
+<p>Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt
+»Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit
+einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den
+Gefallen nicht tun und — — nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht
+— aber — aber — ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann
+mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche
+ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!</p>
+
+<p>Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht
+fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube
+kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne
+Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die
+Sorge, <em class="gesperrt">ich</em> möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen,
+die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt,
+aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.</p>
+
+<p>Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne <em class="gesperrt">den</em>, den man sich
+selber macht — ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die
+Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig,
+ohnehin, um verrückt werden zu können.</p>
+
+<p>Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine
+Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie
+geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! —
+Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das
+Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den
+erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie
+er zu uns spricht! Wenn<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir
+jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an
+mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was
+komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt,
+was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen
+»Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer
+wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh
+nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch
+alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg
+von Mister Rouß' Sanktum — der Einarmige sitzt dort!</p>
+
+<p>Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner
+Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt
+neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen
+könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« — lache nicht — geradezu
+meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer,
+ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und
+Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und
+einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur
+all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische,
+die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und
+Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll.
+Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> Mississippi
+hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte
+mit ihr ums Horn nach Frisco — der Anschauungsunterricht damals kommt
+mir trefflich zu statten jetzt.</p>
+
+<p>»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom«
+schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres
+und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in
+Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch
+festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See
+möcht' es ihm entführen.</p>
+
+<p>Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält <em class="gesperrt">ihr</em>
+Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker
+das Ding beurteilen: »Mißgeburt — Ohren zu lang — Nase platt — Augen
+blöde — Mund dumm.«</p>
+
+<p>Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn
+<em class="gesperrt">ich</em> zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll
+es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht
+beim allerersten Schuß? — Ein schlechter Schütze verknallt sein
+ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs
+Vielschießen an — nicht einmal so sehr auf Übung — scharfes Auge
+(des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für
+Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!</p>
+
+<p>Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 22. Januar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!«</p>
+
+<p>Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr,
+und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine
+meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für
+Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer
+formt zu aufgeweckten Menschen.</p>
+
+<p>Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester,
+wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich
+lachen macht bei solchen Entbehrungen? — oder ist's Galgenhumor? —
+Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem
+Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit,
+Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an.
+Schwermut zog sie aber zum Selbstmord.</p>
+
+<p>In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer
+lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all
+ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf,
+Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern;
+und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit.
+— Schwester! warum begehst <em class="gesperrt">Du</em> nicht Selbstmord und entfliehst
+einem Dasein so voller Schatten?</p>
+
+<p>O, warum denn fragen — hier steht ja die Antwort<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> neben mir: Arme Eva
+mein! Das <em class="gesperrt">Kind</em> ist fort — ja, die Elsie ist fort — und mit
+dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis.
+Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich,
+das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische,
+unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn
+lieben, anschauen, mit ihm reden.</p>
+
+<p>Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt,
+der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es
+war mein schwerster Gang — und leichter dünkt es mich, Arbeit zu
+erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft
+abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's
+Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich
+mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an
+seine Kanzleitür.</p>
+
+<p>»Herein!«</p>
+
+<p>Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist
+auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das
+Kontor betrat.</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich!«</p>
+
+<p>Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker
+Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt
+ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie
+wünschen?«</p>
+
+<p>»Ja,« hauchte ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p>
+
+<p>»Was wünschen Sie?«</p>
+
+<p>»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt.
+Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war
+letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit
+zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren
+— konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat,
+dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn,
+als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen
+vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not,
+mein Herr! und flehe um Nachsicht.«</p>
+
+<p>Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu
+binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die
+Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte.</p>
+
+<p>Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer
+Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen,
+wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich
+liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär'
+Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o,
+ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren.</p>
+
+<p>»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich
+sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das
+allein soll<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein
+Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch
+anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein.
+Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich,
+wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen — hoffend jedoch,
+daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann
+ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen,
+sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles
+schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!«</p>
+
+<p>Er winkte ab.</p>
+
+<p>Ich ging.</p>
+
+<p>Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren
+lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So
+zwischen Himmel und Hölle hängend — mein Gott! sind das Zeiten, die
+meiner harren.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 24. Januar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Teure, liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Warum ich Dir schon wieder schreibe? — Ich lebe in qualvollster
+Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter-
+oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich
+an einem Bindfaden hängend über dem<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Niagara; wenn der Faden nicht
+reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich.</p>
+
+<p>Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen?
+Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich
+an Dein armer</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 28. Januar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe, teure Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird
+oben. Warten würgt sonst die Hoffnung — bei mir wird die Hoffnung
+blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau
+hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische
+Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort.
+Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die
+ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete
+ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über
+die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben
+und mir aushändigen — und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin
+ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester.</p>
+
+<p>O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren
+Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll
+umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten
+zeigt, können kaum solche Zauber wecken.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 4. Februar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Liebe Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein
+paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber
+<em class="gesperrt">nichts</em> ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not?
+Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit
+Lamentieren?</p>
+
+<p>Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir
+alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage,
+von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben
+nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung,
+Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch —
+Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen
+kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel
+herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer
+Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und
+Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden;
+unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich
+bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie
+Mondgebirge.</p>
+
+<p>Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen.
+Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den
+ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz
+landet, wo Nansen den Pol stecken<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> ließ. Dein Söhnchen Peter braucht
+nicht ins Bergwerk — nicht so früh untern Boden — ein passendes
+Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer
+spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung
+jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene
+Beiwerk — und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern
+(ach, ich möchte <em class="gesperrt">allen</em> Kindern) soll geholfen werden. —
+Glückauf!</p>
+
+<p>Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen,
+nicht <em class="gesperrt">ein</em> Briefchen wert? Bitte, antworte.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Brooklyn, den 11. Februar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Schwester!</span><br>
+</p>
+
+<p>Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter
+Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine
+Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin,
+daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann
+und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe
+mir!</p>
+
+<p>Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine
+Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und
+mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer,
+es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes
+Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Was das bedeutet? — Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster
+Bedeutung. O, <em class="gesperrt">der</em> Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich
+werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich
+vernichten, und weiß <em class="gesperrt">wie</em>. Er hat Erfahrung im Fach und trifft
+jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin
+ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was
+weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend.
+Aber <em class="gesperrt">den</em> Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern
+rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine
+Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen
+kann.</p>
+
+<p>Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste:
+mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu
+rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen — Bankrott.
+Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen.
+Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen
+sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort.
+Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch.
+... Der <em class="gesperrt">eine</em> nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich
+verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt — mit Bitten und mit
+Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen
+— der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Tom.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Pilot Knob, den 16. Februar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Armer Tom!</span><br>
+</p>
+
+<p>Gewiß — Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und
+keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen — oder
+gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von
+Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was
+soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth
+von Unglück — gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang,
+und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum
+Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie
+Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst.
+Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten
+Körper und — verkrüppelten <em class="gesperrt">Geist</em>. Dein krankes Weib wird noch
+eine Weile waschen, und dann wird sie <em class="gesperrt">nicht</em> mehr waschen. Man
+sieht den Schluß des Trauerspiels kommen — natürlich. Er kann nicht
+anders lauten als: »verdorben und gestorben.«</p>
+
+<p>Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen.
+Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das
+Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen.
+Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler — das fühle
+ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich
+hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts.<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Es gibt keinen
+Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind
+ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als
+hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus
+getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen
+wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot.
+Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur
+blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende
+seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich.</p>
+
+<p>O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen —
+hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen —
+schlafen. — Das <em class="gesperrt">eine</em> muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die
+Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir
+reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen,
+nach <em class="gesperrt">Montana</em>. Morgen. Auch das noch! Was dann? — Peter hat
+sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der
+Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache
+der Flucht. Und <em class="gesperrt">ich</em>, ich kann mich nicht losreißen vom Grab
+meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt.
+Ich verliere immer, immer. Daß ich <em class="gesperrt">eine</em> Stunde meines Lebens
+wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! — Aber still, still.
+Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele,
+die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still,
+still. Tom, ich muß<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen.
+Aber besser so — wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier.
+— — —</p>
+
+<p>Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die
+wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke — wie der
+Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt.
+Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier — und Jennie ist
+gegangen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Lieber Schwager Tom!</span><br>
+</p>
+
+<p>Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden
+lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie
+doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch
+kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es
+noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer
+zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser
+gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist.
+Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am
+Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die
+Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist
+sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und
+hat wenig<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel
+hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat
+Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen
+weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf
+der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt
+nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn
+man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie
+auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat
+gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein
+guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in
+seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif
+gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett.
+Dann ist sie gestorben um zwölf.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Dein Schwager</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Peter Daly.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, Montana, 17. März 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Lieber Onkel Tom!</span><br>
+</p>
+
+<p>Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei
+Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden
+Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht
+klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama
+ist ja tot.<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht
+und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich
+nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und
+alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr
+Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig.
+Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über
+diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann
+nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat
+der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so
+notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden
+am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy
+auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege
+ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke:
+Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt
+und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten
+in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist
+als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und
+draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald — —
+ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin.
+Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein
+Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte
+sie am Herzen, bis ich<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht
+auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und
+Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles
+verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.</p>
+
+<p>Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie
+hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie
+fortging. Die schöne, gute Mama.</p>
+
+<p>Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht
+weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.</p>
+
+<p>Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel
+Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche
+ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft
+von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Willie Daly.</span><br>
+</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, den 24. März 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Lieber Onkel Tom!</span><br>
+</p>
+
+<p>Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum
+schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht
+jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht
+aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es
+ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun.
+Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> was für eine Nacht. Schnee,
+Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen
+nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung
+und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der
+lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und
+Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist
+so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben
+täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit
+uns in Pilot Knob.</p>
+
+<p>Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten
+Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte,
+Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die
+Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr
+tickt wie damals.</p>
+
+<p>O, meine Mama! — Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen
+in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der
+Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und
+mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am
+Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu
+Schatten.</p>
+
+<p>O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Willie Daly.</span><br>
+</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Deer Lodge, den 27. April 1901.</span><br>
+<br>
+<span style="margin-left: 1em;">Lieber Onkel Tom!</span><br>
+</p>
+
+<p>Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach
+Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist
+schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du
+bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir — nur gute Worte
+wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden,
+kalten Land — so verlassen.</p>
+
+<p>Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit
+<em class="gesperrt">nicht</em> zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte
+Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen,
+sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag'
+Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit
+der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in
+der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.</p>
+
+<p>Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine
+armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden
+muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.</p>
+
+<p>Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat
+sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist
+sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen
+und gesagt: »Kinder, das ist nun<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> eure neue Mama, und die müßt ihr
+ebenso lieb haben wie die alte Mama.«</p>
+
+<p>Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht.
+Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große
+Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und
+sterben sollen. — Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben.
+Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und
+immer.</p>
+
+<p>Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt
+jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht
+zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke,
+trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum
+kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber
+Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly
+weiß alles von mir und wird den Brief nur <em class="gesperrt">mir</em> geben. Mister
+Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was
+ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber
+dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das
+tut kein vernünftiger Mann.«</p>
+
+<p>Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist
+die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und
+müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.</p>
+
+<p>Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> doch besser tun und
+schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt
+heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.</p>
+
+<p>Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Willie Daly.</span><br>
+</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p>Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem
+Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien
+Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in
+farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte
+bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter
+von Buxton her in die Niederung geritten.</p>
+
+
+<p>Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des
+gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in
+Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen
+war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden
+vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen
+seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit
+dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch
+erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.</p>
+
+<p>Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus
+dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete
+sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend,
+ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte,
+ohne abzusteigen, mit dem<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer
+erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch
+vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie
+doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter
+talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang
+aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und
+verschwand in Kellys Laden.</p>
+
+<p>Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer
+des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig
+die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich
+ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in
+Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor
+einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie
+halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und
+pfeifend.</p>
+
+<p>Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über
+ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen
+breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen
+die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst
+ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch
+mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die
+größte in das Innere — in die Küche. Die war eigentlich der einzige
+Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen
+zu abgesonderten Räumen,<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten
+sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die
+Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das
+zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig,
+robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich,
+unheimlich im höchsten Grad.</p>
+
+<p>Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden.
+Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in
+die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug
+in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue.
+Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete
+er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die
+Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß
+noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von
+dir verlassen wurde —«</p>
+
+<p>Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat
+ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den
+Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und
+erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den
+Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der
+Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden — —</p>
+
+<p>»Onkel Tom!!« schrie Willie und — —</p>
+
+<p>Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das
+hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> über die Kniee, preßte sein
+Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals,
+wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen
+will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende
+Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich
+aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von
+Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände,
+von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte
+formen zu wollen — bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles
+wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind
+gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos
+allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele,
+die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.</p>
+
+<p>Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört,
+bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer,
+anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem
+Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids
+richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach
+einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten.
+Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken,
+schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben
+zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind
+wieder an sich — seiner Schwester<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Kind — und wiegte und wiegte.
+Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und — Willie war im
+Traumland.</p>
+
+<p>Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab.
+Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies
+eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider — —
+Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes,
+und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken — zweifellos Merkmale
+brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's
+vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.</p>
+
+<p>Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und
+leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen
+zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer
+füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen,
+schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein
+traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend.
+Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den
+Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den
+Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind
+wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue
+der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr
+Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden
+lag, auf und machte<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne
+waren so fest aufeinander gebissen — er konnte nicht beten.</p>
+
+<p>Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett
+der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne
+Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker,
+einem Totenhaus — und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein
+wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem
+andern zu drücken, zu umarmen — eins nach dem andern abzuküssen auf
+Mund, Stirne, Augen — so lang und so feurig mit Küssen und Weinen,
+bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. —
+Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut — schloß die
+Küche ebenfalls — verließ das Blockhaus und trat ins Freie.</p>
+
+<p>Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von
+überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als
+Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits
+warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die
+Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge
+und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht.
+Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten
+Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen,
+die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er
+richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in
+die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher.
+Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog
+jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten
+ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend
+sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.</p>
+
+<p>Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom
+stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich
+sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor,
+und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das
+Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten
+Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.</p>
+
+<p>Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht
+<em class="gesperrt">so</em> lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter
+fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete
+seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte
+dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu
+gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner
+Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei
+Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle
+seine Pläne durchreißen können?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte
+die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem
+gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der
+neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen
+Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ
+alle <em class="gesperrt">die</em> Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen,
+kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn
+Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten
+sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der
+Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen
+— vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.</p>
+
+<p>Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das
+Weib da neben ihm — das wußte er schon — war eine an Leib und Seele
+bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann
+als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten
+Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen
+Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit
+wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte
+sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht,
+Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen
+hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. <em class="gesperrt">Ein</em>
+unbedachtes Wort vor <em class="gesperrt">diesem</em> Weib, und die Kriegserklärung ist<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span>
+fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte —
+das ist für Peter nicht schmeichelhaft.</p>
+
+<p>Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete
+in sein Geschäft — und legte aus — erklärte, erzählte. Viel wurde
+zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger
+Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf
+<em class="gesperrt">Willie</em> zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die
+Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien
+gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Erstens</em>: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die
+Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber <em class="gesperrt">mit</em>
+Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Zweitens</em>: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin
+hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei
+Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit
+Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur
+Auswanderung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Drittens</em>: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden
+fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.</p>
+
+<p>Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt
+hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das
+Dokument<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf
+den Tisch.</p>
+
+<p>»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin
+schon einmal gefragt.</p>
+
+<p>»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. — »Nimm's nur!«</p>
+
+<p>Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab
+es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.</p>
+
+<p>Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.</p>
+
+<p>Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete
+Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte
+überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht.
+Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ
+das Haus.</p>
+
+<p>Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und
+Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf
+der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne«
+überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.</p>
+
+<p>Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war
+untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei
+Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende
+sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und
+verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er
+trug<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und
+legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins
+Stroh.</p>
+
+<p>Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben
+heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den
+kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das
+nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre
+alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die
+Gefangenschaft. Das fünfte Mal — —</p>
+
+<p>»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter.
+Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr:
+daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher.
+Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form,
+daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte
+sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in
+Aufrechtsitzen umänderte.</p>
+
+<p>»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den
+Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose —«</p>
+
+<p>Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem
+Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der
+Schlafkammer und versuchte zu fliehen.</p>
+
+<p>Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es,
+ihm den Weg zu vertreten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins
+von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«</p>
+
+<p>Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch
+Schlaftrunkene seitwärts — und Tom rannte nach dem wartenden Wagen.
+Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los;
+Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.</p>
+
+<p>»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter
+flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.</p>
+
+<p>»Tom!« klang es noch einmal.</p>
+
+<p>Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die
+Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die
+Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton
+trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten
+sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie
+nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf
+sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als
+hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen
+Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts
+mehr sie bewegte?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
+
+<p>Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg
+machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am
+Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz
+herunter, wie er gehen sollte. »So und so — fünf Minuten steigen;«
+dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die
+das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er.
+»Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar
+nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«</p>
+
+<p>Tom verschwand in der angegebenen Richtung.</p>
+
+<p>Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die
+Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen
+Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger
+bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach
+einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern
+zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor,
+eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten
+sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht.
+Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit
+ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in
+die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still — man
+hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am
+Zwieback.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>Da — plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein
+wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen.
+Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu
+zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? —
+Ein wildes Tier? — Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen
+ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen
+sich überhaupt nicht stören.</p>
+
+<p>Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut
+in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine
+Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.</p>
+
+<p>»Fehlgelaufen, Sir?«</p>
+
+<p>Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite,
+damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er
+redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt
+zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte
+er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus
+Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß,
+wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«</p>
+
+<p>Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte
+den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies
+Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung
+der großen Tanne und verschwanden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p>
+
+<p>Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der
+Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.</p>
+
+<p>Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus
+ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm
+und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.</p>
+
+<p>Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die
+Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber — den Hut ab — etwa
+zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken
+und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem
+frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.</p>
+
+<p>Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt
+und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise
+bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu
+verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht — und
+niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen
+schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit
+heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder
+nebenan, als hätte <em class="gesperrt">er</em>, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das
+Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.</p>
+
+<p>Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände
+nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es
+wohl, auf was er<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er
+nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe,
+neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter,
+glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche
+Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
+Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«</p>
+
+<p>Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne — durch
+Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend,
+gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer
+Farben — so kam der <em class="gesperrt">Gerufene</em> herab zu den Kindern.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann
+trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden
+Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei
+Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester,
+die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein
+Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war,
+wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.</p>
+
+<p>Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden
+während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu
+unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Worte
+und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons
+einziger Straße.</p>
+
+<p>Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so
+ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus
+in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen
+Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter
+nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann
+bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen
+Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und
+begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten
+sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff
+aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.</p>
+
+<p>Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.</p>
+
+<p>Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden
+paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht
+und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.</p>
+
+<p>Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.</p>
+
+<p>Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und
+Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen
+gekehrt und — zu Asche verbrannt.</p>
+
+<p>Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.</p>
+
+<p>Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der
+Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so
+aussah, als sollten die<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten
+und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls
+dann gefressen werden — da erschien als rettender Engel <em class="gesperrt">Tom</em>.
+Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der
+Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.</p>
+
+<p>»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht
+mehr da! Schau doch! schau!«</p>
+
+<p>Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten
+auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.</p>
+
+<p>Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue,
+schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus.
+Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den
+nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht
+eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das
+eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder
+Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen
+Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine
+blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles
+schillerte in Farben und Flitter.</p>
+
+<p>Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf
+die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit
+einem Appetit, der — unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten
+werden kann.</p>
+
+<p>Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann,<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> die beiden Frauen
+am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre
+neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum
+Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und
+beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel
+Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch.
+Endlich war er frei — und atmete auf.</p>
+
+<p>Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann
+mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch
+verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als
+er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl,
+und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder.
+Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz
+aufhören über Sommer.«</p>
+
+<p>Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten
+nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie
+noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen
+schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem
+Pfad zum Bahnhof.</p>
+
+<p>Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden
+eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er
+abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist
+überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> verkehrt, und das
+Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.</p>
+
+<p>Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach
+dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige
+Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des
+offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte
+er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen
+plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je
+zuvor.</p>
+
+<p>Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und
+Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer
+neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit.
+Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete
+mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not
+rund gebliebenen Beinchen.</p>
+
+<p>Neben der Molly saß Lilli — schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe
+hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die
+innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von
+krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt
+den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht
+hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein
+ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend
+ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
+
+<p>Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose
+heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und
+Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.</p>
+
+<p>Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen
+bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende
+Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen,
+verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt — o jetzt —
+Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den
+waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie
+erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der
+Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.</p>
+
+<p>Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und
+das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.</p>
+
+<p>Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort
+liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht,
+als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine
+statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden
+Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!</p>
+
+<p>Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen
+Tunnel — wie ein Sarg ins Grab.</p>
+
+<p>Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten
+heiß über seine Wangen. »Jennie!<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Schwester!« hörte man ihn nur hin und
+wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«</p>
+
+<p>Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen
+hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt
+mit dem Haupt in die Wagenecke — und schlief.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.</p>
+
+<p>Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten,
+grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote,
+Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde.
+Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert
+und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land,
+gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer
+streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen,
+gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich,
+geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne
+tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und
+Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt
+mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben
+langen Tag, und wird nicht müde.</p>
+
+<p>Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den
+Strand. Mit Wasser<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen
+konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße
+Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste
+kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das
+triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels
+und des Meeres Mächte — mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg
+erklärten — der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres
+höckerigem Rücken — und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine
+Feuerpfanne spie — heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf
+Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.</p>
+
+<p>Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres
+lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und
+Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden
+Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten
+Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt
+versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von
+Augenblick zu Augenblick.</p>
+
+<p>»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«</p>
+
+<p>»Und kühlt!« schrieen die Knaben.</p>
+
+<p>»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die
+Mädchen.</p>
+
+<p>»Ach, Onkel Tom! — Papa! lieber Papa! — Ist das Meer immer so schön
+wie heute?« lachten<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen
+hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.</p>
+
+<p>Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen
+erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich
+auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des
+Himmels grauer Decke schnappt — liebkosend wusch es ihre Beinchen,
+so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum
+in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und
+hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.</p>
+
+<p>O, Meer und Kind!</p>
+
+<p>Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich
+geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß <em class="gesperrt">ein</em>
+großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres
+Flut und Ebbe will.</p>
+
+<p>Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt
+und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom
+nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen
+Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung.
+Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen,
+wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit
+dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche
+engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, <em class="gesperrt">das</em> kann nicht
+beschworen werden, denn der Knabe<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> schläft. Gleichmäßig atmet er mit
+dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber
+bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er
+gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung
+der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.</p>
+
+<p>Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil
+ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es
+lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.</p>
+
+<p>Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem
+offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft
+schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und
+Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender
+List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit
+<em class="gesperrt">einem</em> heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu
+erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm
+herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und
+nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe,
+beginnt die Königin zu buchstabieren:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Der Seestern.</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Roman von Tom Pratt.</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">(Sechstes bis zehntes Tausend).«</span><br>
+</p>
+
+<p>Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> herunter — auf
+Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur
+und tote Körper seelische Gefühle webend.</p>
+
+<p>Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die
+Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden,
+schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die
+gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.</p>
+
+<p>Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm
+zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke
+meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort
+in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der
+bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist
+der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie
+liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja,
+dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat,
+wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der
+Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur
+Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz.
+Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! —
+Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die
+bleichen Wangen aufwärts; — ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn
+niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva
+himmelblaue<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und
+heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf
+das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.</p>
+
+<p>Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen,
+fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang
+bildet vom Sturm zur Ruhe — da ist es ihr, als sei noch nie im
+Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so
+weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie
+zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um <em class="gesperrt">ihn</em> und sie und
+diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden
+wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder
+Plätschern der Brandung — alles ist ein einzig herrliches, liebes,
+oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren
+Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und
+jedes Ding ist verschönerte Verklärung.</p>
+
+<p>Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die
+Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte
+Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag
+im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden
+— an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder — an das Wanderlied, das
+ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi — an die
+Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land — an Vaters jähen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Tod
+— der Mutter frühes Sterben — die Verlassenheit der Waisenzeit — die
+Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein —
+an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um
+ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm — an den
+Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis — an Toms Geständnis — an das
+erste Licht nach langer Finsternis — ans Paradies der Liebe — an der
+Vermählung Doppelfrucht — höchstes Glück auf dieser Erde — — ach!
+an Elfies Sterben — an des Gatten gräßliche Verstümmelung — Tränen
+— Elend — Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das
+Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen:
+Jennie ist erfroren in Montana — der Jennie Kinder verderben — die
+Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!</p>
+
+<p>Da, o da — mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das
+gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt
+die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen
+Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand
+erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem
+Krüppel Tom sein erstes Buch: »<em class="gesperrt">Der Seestern</em>.«</p>
+
+<p>Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird
+weiterdichten — <em class="gesperrt">muß</em> weiterdichten; aus Pflicht für Weib
+und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus
+unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!</p>
+
+<p>O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? — Nein, um
+auferstehen zu können! — Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich,
+die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht.
+Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur
+Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott,
+<em class="gesperrt">keiner</em> führt vorbei und <em class="gesperrt">jeder</em> durch die salzigbittere
+Wüste: <em class="gesperrt">Schmerz</em>.</p>
+
+<p>Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste
+der Führer bleibt die <em class="gesperrt">Sehnsucht</em> ...</p>
+
+<p>Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht
+das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört
+der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und
+alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.</p>
+
+<p>Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die
+offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich
+tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten
+Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«</p>
+
+<p>Ein selig Lächeln ist die Antwort.</p>
+
+<p>»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das
+Meer die Schlummerlieder singt?«</p>
+
+<p>Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend,<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> tiefe Schwermut
+zeigend, senkt und öffnet er die Lider.</p>
+
+<p>»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen — weicht
+zurück — langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und
+bleiben so.</p>
+
+<p>Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.</p>
+
+<p>Die schöne Frau nickt auch.</p>
+
+<p>Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was?
+Das verschollene Grab.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="i_220">
+ <img class="w100" src="images/i_220.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77504 ***</div>
+</body>
+</html>
diff --git a/77504-h/images/cover.jpg b/77504-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e058587
--- /dev/null
+++ b/77504-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/77504-h/images/i_220.jpg b/77504-h/images/i_220.jpg
new file mode 100644
index 0000000..9422ecf
--- /dev/null
+++ b/77504-h/images/i_220.jpg
Binary files differ
diff --git a/77504-h/images/signet.jpg b/77504-h/images/signet.jpg
new file mode 100644
index 0000000..4e011b7
--- /dev/null
+++ b/77504-h/images/signet.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6c72794
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..e3c812f
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #77504
+(https://www.gutenberg.org/ebooks/77504)