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diff --git a/77490-0.txt b/77490-0.txt new file mode 100644 index 0000000..d5e67aa --- /dev/null +++ b/77490-0.txt @@ -0,0 +1,11247 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77490 *** + + + Die Juden von Zirndorf + + + Von demselben Verfasser: + + _Melusine._ Roman 1896. + + _Schläfst du Mutter?_ Novelle 1896. + + + + + Die Juden von Zirndorf + + + Roman + + von + Jakob Wassermann + + + Paris, Leipzig, München + Verlag von Albert Langen + 1897 + + + + + Vorspiel + + +Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die +Geschlechter, und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft +und neue Städte und neue Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde, so +vermag sie doch dem heimatlichen Boden niemals seine Lieblichkeit zu +rauben oder seine Rauhheit, kurz jene Gestalt und jenes Antlitz, womit +die Heimat ihren Sohn erfüllt, indem sie ihn gleichsam als ihr Eigentum +in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens nur diese Worte zur +Mitgift wählt: aus meinem Thon bist du gemacht. + +Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts, die von den Mauern +Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht, hat sicherlich im +Lauf der Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten; es sei denn, daß +ein gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt, oder daß eine +ungestüme Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen +hätte. Dort, wo Rednitz und Pegnitz zusammenfließen, haben freilich die +letzten zweihundert Jahre den Flor der Wälder vernichtet, aber weiter +hinüber, jenseits der alten Feste mit ihren Steinbrüchen und ihren +dunklen Tannen, dehnt sich der fränkische Gau seit Urandenken als eine +weite, breite, friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht und die +Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe reift. + +Aber in jenem stillen Winkel zwischen den beiden Strömen haben die +Kriege des siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar +sehr Abbruch gethan. In den dreißiger Jahren befand sich hier das große +Lager der Schweden, und der geängstigte Bauer fand seine guten Äcker mit +Blut gedüngt. Schnellfüßig hastete der Kriegsschrecken durch Franken und +die kurfürstlich Onolzbachischen und die Nürnbergischen sahen sich +gleicherweise gedrängt, Mut und Gottvertrauen nicht fahren zu lassen. +Lange Jahre gingen hin, bis die zertretenen Felder wieder zu ihrer +natürlichen Fruchtbarkeit erwuchsen, und selbst nach dem Friedensschluß +lag noch manches Stück Land verödet. Überall zeigten sich Spuren frecher +Feindeshände. Unweit der Kapelle Karls des Großen, die am Schießanger in +Fürth steht, ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe, und man sagt, +die Schweden hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege. +Nämlich jeder Stein bedeutet ein geplündertes Haus. Langsam entfaltete +sich der Frieden wieder; gleichsam schüchtern wuchs er heran und sah mit +ungläubigen Augen ins ebene Land der Regnitz hinauf. Das Volk begann zu +vergessen und es kam die Zeit, wo schon die Väter und die alten +Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten, und sie ließen sich +die Mühe wahrlich nicht verdrießen, all die Fährlichkeiten, die sie +erlitten, phantasievoll auszuschmücken, und was sie an Heldenthaten von +andern vernommen, sich selbst zuzuschreiben. So war es Kriegerbrauch +seit Kriege bestehen, und die von Franken waren mit ihrer Zunge immer +ein wenig mehr Helden als mit ihrem Arm. Der Krieg gewinnt an Buntheit +und an Frohheit, wenn ihn die Jahre fortgetragen haben, und gar mancher +erzählt schmunzelnd von jenen Gräueln, die ihn einst erzittern ließen +bis in seine tiefste Seele. + +Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich auch unter vielem +anderem Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock, welcher mit seltsamen +und fremdländischen Lettern bemalt war. Es war eine jüdische Inschrift +auf einem Grabmonument, und die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der +Juden gestohlen und ihn hier unter die Steine rechtgläubiger Christen +geworfen. Kein Christ wagte es, den Stein zu entfernen, denn ein großes +Befremden ging von ihm aus und seinen verschnörkelten Lettern, und sie +hatten Furcht, daß sie dem Bann eines Zauberspruchs verfallen möchten, +wenn ihre reine Hand den verruchten Judenblock berührte. Mehr als drei +Jahrzehnte lag der Grabstein so; wollte man seine Inschrift in die +Sprache jener Zeit übersetzen, so lautet sie: Der schöne Joseph, den man +nur gern angesehen, unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden. Jetzt +sind ihm der Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken +Hand zugegeben worden. Die Jahre seines Lebens waren wenig und boeß. Er +brachte sie nicht höher als auf siebzig. Er war ein solcher Regent, der +wie Barak und Deborah, das Volk mit großem Ruhm regieret. Er suchte +seine Lust in dem Studieren, sein Sterben war wie seine Geburt, nemlich +ohne Sünde. Als seine Seele am fünften Tag in der Woche von ihm +geschieden, hörte man Heulen und Weinen. In Bamberg ist er freudig +gestorben, den achtundzwanzigsten Tag des Sivans. Jetzt ist dies die +Zeit, da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider zerreißen und +unsere Augen Thränen fließen lassen. Nach seinem Abscheiden hat man ihn +zu Fürth zur Grabesruhe gebracht. Seine Seele soll gebunden sein in das +Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams, Isaaks und Jakobs und +der Sara. + +Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden, einen Stein aus ihrem +Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen. Sie glaubten auch, +die Seele des Joseph Gabriel, des Naphtali Sohn, hätte keine Ruhe und +wandle allnächtlich klagend zum Schwedenstein. Denn auch sie wagten +nicht, den Stein zu entfernen, weil der Schwedenstein als eine Art von +Friedens-Symbol galt, und jede Beschädigung einer Vorbedeutung neuen +Krieges gleichgeachtet wurde. Schwer trug der Bürger und der Bauer noch +an Kriegeslasten, und viele ließen vom Pfaffen ein Bittgebet um langen +Frieden sprechen. + +So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie +ein Fremdling aus weiter Ferne. Es sprach eine unbekannte Sprache und +seine edlere Form ließ es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen. Es +blickte nicht hinaus auf die Ebene, sondern sah herein gegen die +niederen Häuser und in die krummen, winkeligen Gassen von Fürth. Und +unfern rauschte der Fluß hinunter ins Bistum Bamberg, und wenn er im +Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit darüber +hinauswälzte, so mußten stets einige Linden am Schießanger ihr Leben +lassen. Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins +Mainland hinab, innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und +allerlei seltsamen Dingen, die der wildgewordene Strom aus der guten +Stadt Nürnberg mit sich führte. + +Wenn der Stein des Joseph Gabriel an Gottesfrieden verlor, so gewann er +hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen. Ernst +besah er sich das Treiben der Leute, die um ihn herumwandelten wie die +Sperlinge um einen gedeckten Tisch; Gewitter und Schneegestöber, Regen +und Sonnenhitze, er hielt sie mit gleicher Geduldigkeit aus, und wenn +die sanfte Nacht seine graue Stirn beschattete, so schien darauf noch +ein süßer Abglanz der letzten purpurnen Sonnenröte zu haften oder ein +Vorglanz des kommenden Morgenrots. Denn die Sonne strahlt diesem +Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten Glut, +welches die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben. + +Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen, +die einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt +tragen. An einem Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem großen +Friedenspakt, – wie jubelte das Volk auf dem Schießanger, wie schwangen +sich die Mädchen zum Tanz und wie lustige Weisen spielten die Zigeuner +und Spielleute! – ging ein alter Mann, nachdem er lange Zeit +nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden, +gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab und der Himmel war von +einem matten Rot getränkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden +Fluß und Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her, und der schrille +Laut verklang erst weit draußen in den Wiesen. Dann setzte wieder die +Musik ein: Orgel und Fiedelbögen und die Maultrommel und die +Wasserpfeife. Die Buben lachten und sprangen wilder als je um die alten +Bäume, und die Mädchen hatten glänzendere Augen an diesem festlichen +Tag. Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus und die +Seiltänzer und Taschenspieler und die Zigeuner versprachen Wunder an +Kunst zu bieten. Als die Dämmerung herabsank, befestigte man Pechfackeln +an die Stämme und die fahrenden Häuser der Komödianten, und der schwere, +braune Rauch erhob sich in weiten Wellungen und zog hinüber gegen den +Strom, zog über die Wiesen hin, und einzelne tolle Funken sprangen +knisternd in die Lindenäste. Die dumpfe Glut gab den Gesichtern der +Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am Himmel +verblaßten für jeden, der sich in diesem Leuchtkreis befand. Der alte +Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte +finster und forschend in das heitere Getümmel. Sein Gesicht war von +grünlich-weißer Färbung und ein roter Bart floß mager um Wangen und +Kinn, so daß er nur eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem +Gesicht etwas Fremdes, etwas erschreckend Deutliches verlieh. Dann waren +seine Augen: die braunen Sterne irrten unruhig in dem geröteten Weiß +umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen so rasch wie die +eines Raubtiers. Es waren die Augen der Juden, – voll Hast, voll +Unfrieden, voll von unbestimmtem Flehen, von einer gedrückten Innigkeit, +bald in Leidenschaft flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend, +die Augen des gehetzten Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke +dem Verfolger zuwendet, oder in bebender Sehnsucht hinausstarrt in das +reiche, ferne Land der Freiheit. „Das Volk ist wild,“ murmelte er, „da +tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird Gott ein Gericht +halten, daß es unerhört sein wird.“ Er blieb stehen, verbeugte sich tief +nach Osten und lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen. + +Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen seltsamen +Tanz aus der Heimat und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine +Menge von Zuschauern hatten sich im weiten Kreis versammelt, und das +düstere Licht der Fackeln machte alle Augen größer und lichtreicher und +gab den Gesichtern ein neues, fremdes Leben. So ist es immer in den +Tagen Remigius, Leodegar und Lukretia in Fürth; da erwachen die Menschen +aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und eine gütige Sonne lacht ihnen +ins Herz. + +Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam +in die Mitte des Kreises. Wunderlich irrten schmale Schatten auf ihren +bleichen Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene +Frauen, die man damals zu Florenz malte. Ein langes Gewand floß an ihrem +Leib herab, und sie begann, ohne die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom +Boden zu erheben, mit klagender Stimme ein Recitativ: + + Ich weiß nicht, wo’s Vögelein ist, + Ich weiß nicht, wo’s pfeift. + Hinterm kleinen Lädelein, + Schätzlein, wo leist? + + Es sitzt ja das Vögelein + Nicht alleweil im Nest, + Schwingt seine Flügelein, + Hüpft auf die Äst’. + + Wo ich gelegen bin, + Darf ich wohl sagen. + Hinterm grün Nägeleinstock + Zwischen zwei Knaben. + +Doch weshalb sang sie dies so leise und melancholisch? Ihre Lippen +zitterten und sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam +und äffte sie, aber sie blieb starr wie eine Bildsäule; der Narr begann +an ihr herumzuschnuppern und erklärte endlich grinsend, das sei ein +feines Aschenputtel für sein Ehegespons. Er wollte sie eben umfassen und +davontragen, da kam ein Ritter in glänzender Rüstung, um sie zu +befreien. Und der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner +wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kämpfte nun mit dem Ritter und als +er nahe daran war, zu siegen, zog jener ein weißes, elfenbeinernes +Kruzifix heraus und hielt es dem Bösen hin. Der Satan stieß ein +schreckliches Geheul aus und sprang in großen Sätzen davon. + +Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg +über die abschließende Bank hinweg und sein langer Kaftan flatterte im +Abendwind, als er auf das blasse Mädchen zuschritt. Sie schlug ihre +Augen zu ihm auf und schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost; seine +Blicke bohrten sich gleich Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem +flackernden Feuer dieser Augen, das lange und lange schon ihre Seele mit +seltsamer Furcht, mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte. Es war, als ob +ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen +würde und darüber tief erschüttert wäre. Auch die Angst war darin zu +lesen vor dem Unbegreiflichen dieser plötzlichen Klarheit, der Schrecken +über die gespenstige Erscheinung des rotbärtigen Juden. Er hatte seine +Finger um ihren Arm gelegt, daß sie wie Spangen sich schlossen und er +blickte sie unverwandt an, – so, als ob er einen Wunsch, einen +unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu senken wisse, so daß kein +Mensch daran zu rühren vermochte. Die Musik schwieg, der Lärm in der +nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein zielloses +Grauen, viele nur Neugier und Erwartung; den Fluß hörte man rauschen und +den Wind durch die Bäume streichen. Er warf gelbe Blätter herab und eine +leichte Kühlnis ging herbstahnend über den Anger. Der Jude beugte sich +nieder und murmelte in des Mädchens Ohr: „Gedenkst du noch an den +Feuerbrand in deiner Heimat, Zirle? An den Vater, an die Mutter, an die +Brüder und an alle andern, die tot sind? Zirle, denkst du’s noch?“ – +Unaufhörlich flossen die Thränen über des Mädchens Wangen und es schaute +völlig verloren in eine vergangene Nacht hinein. Und der Alte fuhr fort, +zu ihr zu reden: „Um die Mitternacht des nächsten Vollmonds mußt du zu +mir kommen; du wirst dann Zacharias Naar zu finden wissen, wo es auch +sei. Den Messias verkündige ich, dem die geheimnisvollen Tiefen der +Wesenheiten offenbar geworden sind.“ + +Jetzt begann ein unwilliges Murren sich über die Störung des Festes und +der Fröhlichkeit zu erheben. Zacharias Naar wandte sich ab von dem +Mädchen und schritt bald darauf langsam dem Ausgang des Angers zu. +Niemand kannte ihn. Alle wichen ihm aus und schnell lief ein Wort von +Mund zu Mund: Ahasverus. „Ja, ja, er laufft umher wie der tolle Judt,“ +sagte ein ganz verschrumpftes, gebücktes Weib und schnüffelte mit der +dünnen Nase in der Luft umher. Sie wisse ein Sprüchlein, erzählte sie +mit ihrer klirrenden Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden: + + Der Jud’ Ahasverus weit und breit + Vor alters und vor dieser Zeit + Bekannt, geht nun durch alle Welt, + Red’t alle Sprachen, veracht’ das Geld. + Was er von Christo reden thut, + Kannst hören hie, doch mit Unmut. + Veracht ihn nicht, laß wandern hin, + Weil Gott ihm geben solchen Sinn: + Daß er von Christo, seinem Sohn + Red’t alles Guts; doch laß ich schon + Dein Urteil selbst, wie es mag seyn, + Gott sieht und kennt das Herz allein. + Was im Herzen verborgen ist, + Bringt Wort heraus zu jeder Frist. + +Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der +Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des +Versöhnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der +Gebetemurmelnden, den Tallis um die Schultern und starrte mit glühenden +Augen gegen den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem +Raum. Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen +entstand ein unbestimmter Lärm, in dem sich eine schreiende oder +keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Höhlengeruch erfüllte das Gotteshaus; +es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach Rauch und faulem +Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger Andacht in +Bücher mit gebräunten Blättern. Der Raum glich einem unterirdischen +Gemach für Verschwörer, einer Büßerklause für Asketen, denn nichts von +Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter +qualmten und wer aus freier Luft hereinkam, glaubte alsbald zu +versinken, tief hinein in eine schwüle Schlucht, wo man einem strengen +Gott finstere Gebete brachte. + +Das letzte Kaddisch war beendet; alle rüsteten sich schon zum Aufbruch. +Da schritt Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand: ein Zeichen, +daß er zu reden wünsche. Es wurde still und aller Augen wandten sich dem +Fremdling zu. Der begann, – nicht laut und scheinbar mehr für sich +selbst. Er sprach zuerst in hastig hingeworfenen Worten von der +Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen Volkes; von der +Unterdrückung, die es erlitten und von der Zerstreuung in alle Teile der +Welt. Dann, als er gewiß war, daß alle aufmerksam lauschten, wurde seine +Stimme lauter, sie verlor den Ton des Hingeworfenen, und seine Augen +begannen zu blitzen. Er rief den alten Gott der Juden an, der Verheißung +auf Verheißung gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet +habe und die Qualen der Heimsuchung, ärger als zur Zeit der ägyptischen +Plagen. Es wurde totenstill. Selbst die kalten Mauern schienen zu +lauschen und diese Worte mit Begierde einzusaugen. Der Redner fuhr fort: +„Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er streckt seine +Hand wider sie aus und er schlägt es, so daß die Berge erzittern und +ihre Leichen wie Kehricht mitten auf den Straßen liegen. Haben sie uns +nicht beschuldet: ihr vergiftet unsere Brunnen? haben sie nicht unsere +Brüder hingeschlachtet zu Tausenden? Haben sie nicht geschrien: ihr +nehmt das Blut unserer Kinder zum Opfer beim Passahfeste? Ihr nehmt das +Blut und braucht es für eure schwangeren Weiber? haben sie uns nicht +ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser verbrannt? und unsere +Güter geraubt? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und viele finden +keine Hütte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns nicht +aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes +Vieh? nicht unsere Kinder verbrannt, nicht unsere Weiber geschändet und +als die Pest kam, nicht schlimmer unter uns gewütet, denn die Pest? Bei +alledem hat sich der Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt +wird er ein Panier aufrichten dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm +pfeifen vom Ende der Erde und siehe, eilends, flugs kommt es. Kein +Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht giebt es sich dem +Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt seiner +Lenden, noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse +sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind. Gebrüll +hat’s wie die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt +den Raub und trägt ihn davon und niemand vermag zu retten. Und es wird +über Juda dröhnen wie Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin, +siehe da ist angsterregende Finsternis und das Licht ward dunkel in dem +Gewölbe darüber. Nahet euch, ihr Heiden, um zu hören, und ihr Völker, +merket auf! Es höret die Erde, was sie erfüllet, der Weltkreis, und +alles, was ihm entsproßt. Denn einen Groll hat der Herr auf alle Heiden, +er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre Erschlagenen werden +hingeworfen, und ihre Leichen, – aufsteigen soll ihr Gestank, und es +sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut. Die Sterne sollen +zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt +werden. Aber unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere +Steppe und blühen wie die Narzisse. Sie soll blühen, ja blühen und +frohlocken, frohlocken und jubeln! Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr +geschenkt und die Pracht des Karmel. Stärkt die erschlafften Glieder und +die wankenden Kniee macht fest! Sagt zu denen, die bekümmerten Herzens +sind, seid stark! Aufgethan werden die Augen der Blinden und die Ohren +der Tauben geöffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und +jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aufgestanden in +der kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wahre Messias und das +Himmelreich ist nah! Ja, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände +beben! Habt ihr ihn nicht rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers? +Ein neues Erlösungswerk geht ihm voran und Olam ha Tikkun wird erstehn. +Das göttliche Wesen hat er allein erkannt, Sabbatai Zewi! Sammelt euch, +Brüder, richtet euch empor, richtet eure Weiber empor, lehrt eure Kinder +seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort! Im +Jahre 5408 der Welt begann die Erlösungszeit zu tagen, und in diesem +Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart. Wunder über Wunder hat er +verrichtet und die Juden Kleinasiens und der Türkei jauchzen ihm zu.“ + +Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner. Lange schon war die Kunde +von dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle +Laute gewesen, geheimnisvolle Andeutungen, von wandernden Mönchen, von +wandernden Juden oder gar von Zigeunern hergetragen. Es war gleichsam +nur das dumpfe Geräusch eines sehr fernen Wetters gewesen, das die +Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei zu ergreifen vermag, +aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig. Zum ersten Male +nun war es wie ein Trompetenstoß in die Ohren der Juden gefahren, wie +ein heller, schmetternder Schlachtruf, ein Klirren mit tausend Schildern +und tausend Schwertern, ein wahrer Auferstehungsschrei. Es wurde +leuchtend um ihre Augen, rings herum wurde es Tag, das bange Los der +Unterdrückung schien einem Ende nahe: Sonne, Freiheit, göttliches +Auserwähltsein zu großen Dingen, Glanz und Freudigkeit und verzückte +Sehnsucht, – als eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger +Glaubensdienste. In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu +einer neuen Weltordnung; Knaben sahen sich zu Männern geworden, die +Männer ballten ihre Fäuste und es rieselte ihnen kalt und heiß über den +Rücken. Und als der erste Taumel sich gelegt, drängten sie sich um den +Fremden, bestürmten ihn um Einzelheiten und lauschten atemlos. Vergessen +war die Stunde der Heimkehr, vergessen die Gebote des Fasttags; die +Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten mit erhitzten +Wangen zu. Und sie sahen ihn in ihrer Phantasie förmlich lebendig +werden, den geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der +Geschichte wie ein glühendes Meteor hingewandelt ist und, ergriffen von +lurjanischer Mystik, das Ende der Zeitalter herbeizuführen glaubte. +Zacharias Naar erzählte, völlig versunken und hingegeben wie ein +Träumender: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer und Winter, bei +Tag oder bei Nacht, im Meer badete. Wie sein Leib von den Seebädern +einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte +er ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war, mied +er sie und verstieß sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er +hatte eine schöne Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder +seine eigenen Verse sang. Das Jahr 1666 bezeichnete er als das +messianische Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen +und sie sollten nach Jerusalem zurückkehren. Seine Seele ergab sich +jauchzend dem süßen Rausch des Gottesbewußtseins. Man hatte ihn von +Smyrna verjagt, aber dann brach das glimmende Feuer zur großen und +verheerenden Flamme aus. Seine Demütigung war seine Größe geworden und +seine Verklärung. Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte +sich in Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift: +Thora, die Himmelstochter, wird mit dem Sohn des Himmels in +unzertrennlichem Bund vereinigt. Fünfzig Talmudisten speisten an seiner +Tafel und kein Armer ging hungrig von seiner Thüre. Er vergoß Ströme von +Thränen beim Gebet, und Nächte lang sang er bei hellem Kerzenlicht die +Psalmen. Er sang auch Liebeslieder. Er sang das Lied von der schönen +Kaisertochter Melliselde: + + Aufsteigend auf einen Berg + Und niederschreitend in ein Thal, + Kam ich zur schönen Melliselde + In des Kaisers Krönungssaal. + Mild kam sie einher + Mit flutendem Haar + Und ihr Antlitz milde, + Süß ihre Stimme war; + Ihr Antlitz glänzte wie ein Degen, + Ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl, + Ihre Lippen, das waren Korallen, + Ihr Fleisch wie Milch so fahl. + +Die Kinder folgten ihm auf den Straßen, so daß die Mütter seinen Namen +lobpriesen. Und er ließ verkünden, daß er vom Flusse Sabbation aus die +zehn Stämme nach dem heiligen Lande führen werde: auf einem Löwen +reitend, der einen siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben. + +Wie von einem ergreifenden Zauber gebannt, wanderten die Juden nach +Hause. Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt, das von Land zu Land +floß wie ein berauschender Strom. In dieser Nacht konnte keiner +schlafen. + +Man sagte damals, der Herr der Welten öffne seine Thore, den Propheten +zu empfangen, oder er pflücke die Sterne vom Himmel, als wären es +Trauben am Rebstock, das Volk sähe ein edles Licht, und die +Todesschatten verschwänden neben ihm; hinabgestürzt sei die Pracht der +Könige und das Rauschen ihrer Harfen; der Prophet steige zum Himmel +empor und oberhalb der Gestirne errichte er seinen Thron; viele Stimmen +schrieen zu ihm empor: Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Da +verkündete er schon das Morgenrot. In seiner Nähe gab es nichts +alltägliches mehr, der Fürst schien dem Bauer gleich, der Bettler dem +Richter, keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin, und es war +auch groß und erhaben, alle Pein der Kasteiung zu erdulden und der +aufgehenden Gnadensonne zerknirscht entgegenzuwinseln. Die Schule der +Kabbalisten glaubte die Verkündigung klarer zu verstehen. Aus dem +göttlichen Schoß hatte sich die neue göttliche Person entfaltet, der +wahre König, der Messias, der Erlöser und Befreier der Welt und die +Herrschaft des Metatron ist zu Ende. Es steht aber im Buche Sohar, +sagten sie: Metatron ist das erste der Geschöpfe, der Abglanz Gottes; er +ist die mittelste Säule, die das Himmlische vollkommen macht; er ist das +Vereinigende in der Mitte. Denn der wahre Messias ist der verkörperte +Urmensch, der Adam Kadmon der Schrift, ein Teil der Gottheit. + +Der Tag brach an, ein trüber und dunstiger Herbstmorgen. Ein kühler +trockner Wind ging durch die Gassen. Die christlichen Einwohner waren +verwundert über das aufgeregte Wesen der Juden. Der Rabbi Bärmann rannte +bleich von einem Haus ins andere. Der Rabbi Salman Klef stand, ein +vergilbtes Pergament lesend, stundenlang vor seinem Haus. Salman Ulman +Käsbauer rief mit lebhafter Stimme nach dem Fremdling von gestern. +Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und Boruchs Klöß wurde nicht +müde, an den heiligen Fasttag zu erinnern und daß man zur Schul gehen +müsse. Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der Richtung der +Stadt Nürnberg. Er brachte ein Sendschreiben. Michel Chased, der +Chassan, nahm es entgegen und die Juden, Männer, Weiber und Kinder in +stets wachsender Anzahl, sammelten sich um ihn, als er mit lauter Stimme +vorlas. Das Schreiben kam von dem berühmten Samuel Primo, einem Jünger +des Sabbatai, und lautete: „Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes, +Sabbatai Zewi, Messias und Erlöser des jüdischen Volkes, bietet allen +Söhnen Israels Frieden. Nachdem ihr gewürdigt worden seid, den großen +Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch den Propheten zu sehen, so +müssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure Fasten in frohe Tage +umgewandelt werden. Denn ihr werdet nicht mehr weinen. Freut euch mit +Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrübnis und der Trauer in +einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin.“ + +Ein Todesschweigen folgte diesen Worten. Die Zumutung des Propheten war +für dies Volk, das mit unerschütterlichem Fanatismus am Hergebrachten, +am überlieferten Gesetz hing, etwas Furchtbares und Unerhörtes. Wolf +Käsbauer wurde weiß wie Schnee und stotterte ein hebräisches Gebet. +Viele andere, besonders Frauen, beteten ihm nach. Aber es waren doch +auch solche da, die von Mut erfüllt waren für die neue und große Sache. +Sie riefen Hallelujah und ihre Augen leuchteten dem Kommenden froh +entgegen. Der Messias, weil er so fern war, wuchs ins Unermeßliche vor +ihren Augen, sein Haupt stand golden in den Morgenwolken, ihre Seele war +ausgefüllt von ihm, weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf ihnen +lastete, die Verachtung eines ganzen Volkes, einer ganzen Welt. Tagelang +wohnte eine dumpfe Angst über den Juden in Fürth; sie wagten nicht aus +ihren Häusern zu gehen, sie ergaben sich ganz den Gefühlen der +Zerknirschung oder der Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung. + +Da kam am zweiten Tage nach dem Feste Jom ha Kipurim die Kunde aus dem +Norden, der berühmte Hamburger Jude Manoel Texeira, der Vertraute der +Königin Christine von Schweden, habe sich öffentlich in der Synagoge für +den Messias erklärt. Aus Amsterdam, aus London, aus Prag, aus Mainz, aus +Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an den Propheten ab, und +seltsame Zeichen am Himmel machten auch vielen Christen das Herz schwer. +Der Jude Wassertrüdinger in Fürth, genannt Weiber-Lambden, der bei +schwangeren Weibern herumging und mit lauter Stimme Gebete las, sah +nämlich am Samstag Abend, dem ersten des Monats Tibeth, einen großen +anwachsenden Feuerschein am nördlichen Himmel. Seine Augen wurden naß +vor Grauen und mit seinem Hinkbein lief er, so schnell es ging, in die +Häuser der Juden und schrie mit halberstickter Stimme, daß Gott ein +Zeichen gegeben habe. Viel Volk sammelte sich schweigend an den Ufern +der Regnitz und Pegnitz und Christen und Juden standen in gleicher +Furcht, in gleicher mystischer Andacht Schulter an Schulter. Zacharias +Naar tauchte auf, fiel am Schilf des Flusses nieder und wandte sein +gelbes Gesicht mit den weiten Augen dem himmlischen Feuer zu. Er begann +ein flehendes Gebet zu singen, eine klagenvolle Anrufung des +Gottessohnes zu Smyrna und die Gemeinde fiel im Chorus beim letzten Vers +mit ein. Einsilbig rauschte der Fluß durchs Land und die erblassende +Röte des Firmaments beleuchtete unsicher die dunklen Talare der in süßer +Verzückung heimkehrenden Juden. + +In derselben Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm, riß das heilige +Kreuz von der katholischen Kirche herab und als die Juden in der +Morgenfrühe zum Gebet gingen, sahen sie über dem niederen Portal der +Synagoge die Anfangsbuchstaben vom Namen des Sabbatai Zewi in goldenen +Lettern stehen. + +Nun lebte ein Mann in Fürth, den man Maier Knöcker nannte; er hieß auch +Maier Nathan und bei den Christen Maier Satan. Er hatte einen offenen +Mund und eine häßliche Nase und war wegen seines Schacherns sehr +verhaßt. Knöckern heißt bei den Juden stammeln und ein Stammler war +Maier Knöcker, der Nathan. Er sah mit scheelen Augen in das erregte +Treiben seiner Glaubensbrüder, und inmitten des allgemeinen Rausches +blieb er nüchtern und kalt. Er war nur besorgt, daß er von seinem Geld +nichts verliere und beriet sich oft mit seiner Frau, wie man die Kasse +am besten verwahren solle. Er wohnte in einem alten Haus mit vielen +Löchern und Winkeln und jeden Tag in der Woche brachte er sein Geld in +ein anderes Versteck. Sobald eine Nachricht von auswärts kam über irgend +einen bedeutsamen Vorfall, irgend ein unerklärliches Ereignis, so begann +Maier Knöcker zu zittern und lief in sein Haus, um seine Schätze +nachzusehen. Und wie die Flut der Ereignisse schwoll und sich +ausbreitete und die Länder bedeckte, wuchs auch in der Seele des +Knöckers die Furcht vor dem Verluste seines Vermögens, und er konnte +keinen ruhigen Schlaf mehr finden und mußte seine Bissen bei den +Mahlzeiten in Unfrieden hinunterwürgen. Er betete sogar weniger, um +seinem Hab und Gut ein besserer Wächter sein zu können. Er verdammte +diese unruhigen Zeiten und es gab Tage, wo er sich nicht mehr über die +Gasse wagte und die Thüren versperrte, um irgend einen geheimnisvollen +Feind abzuhalten. + +Aber es lebte noch eine andere Furcht in diesem schiefen und +winkelreichen Haus, das in jeder Stunde einzufallen schien und das beim +hellen Mondschein der Herbstnächte einer Ruine glich. Der Maier Knöcker +hatte eine Tochter. Sie war nicht gerade schön, aber sie hatte die +üppigen Formen und die äußerliche Leidenschaft der jüdischen Weiber, und +in ihren Augen war etwas dumpf Sinnliches, das die Männer zu ihr trieb. +Rahel hatte nun vor langem ein Liebesverhältnis mit einem christlichen +Studiosus aus Erlangen angeknüpft und war in dessen Armen gefallen. Seit +Monaten nun fühlte sie ein junges Leben sich in ihrem Leib regen, und +wenn sie daran dachte, was Vater und Mutter sagen würden, wenn sie es +entdeckten, so wurde ihr Herz förmlich wund. Ihre Ratlosigkeit und +Traurigkeit verdunkelte ihr Leben und machte ihre Jugend finster und +bereuenswert. Aber als die Woge der Messiasbegeisterung in den stillen +Hofmarkt stürzte, sah das gequälte Mädchen darin eine Art Erlösung. Sie +fand es leichter als sonst, ihren leiblichen und seelischen Zustand zu +verbergen, denn die Erregung der Gemüter wandte sich nichts Einzelnem +mehr zu. Trotzdem rückte die Zeit immer näher, wo nichts mehr zu +verbergen war, wo sie, ohne zu reden, ihr Geheimnis offenbar werden +lassen mußte. Sie sann und sann in schlaflosen Nächten, vergoß zahllose +Thränen, und endlich ließ sie die angeborene Schlauheit des Weibes einen +abenteuerlichen Ausweg aus ihrer Bedrängnis finden. Sie beschloß, ihren +Geliebten um Hilfe zu bitten. + +Maier Knöcker war eben von der Abendschul nach Hause gekommen und +erzählte finster, daß er mit vier andern unverrichteter Sache wieder +gegangen sei. Die Juden vergäßen, sich zum Minjan zu versammeln; er sehe +darin ein schreckliches Zeichen. Und beklommenen Herzens lugte er hinaus +auf die Straße, als erwarte er Stunde für Stunde den unerbittlichen +Gegner alles häuslichen Friedens von Angesicht zu Angesicht zu schauen. +Da läutete die Hausglocke und Itzig Gänßhenker kam und berichtete +atemlos, daß sich ein wirkliches Gotteswunder begeben habe. An der Küste +von Nordschottland habe sich nämlich ein Schiff gezeigt, mit seidenen +Segeln und seidenen Tauen und die Schiffsleute, die es führten, hätten +hebräisch gesprochen und die Flagge habe die Inschrift getragen: die +zwölf Stämme oder die Geschlechter Israels. Dies Schiff sei für die +Braut des Messias bestimmt. + +Sie sprachen nun von vielen Dingen und Thelsela, das Weib des Knöckers, +mischte sich auch in die Unterhaltung, bis Boruchs Klöß kam und man im +Talmud lesen wollte. Auch Klöß wußte von dem geheimnisvollen Schiff und +alle, alle draußen wußten es schon. Es kam nicht zum Studium des +Talmuds, da Boruchs Klöß manche neue Seltsamkeiten zu berichten wußte: +wie ein jüdischer Schneider zu Mailand in einen Zustand von Raserei +gefallen sei und sich seitdem in prophetischen Verzückungen winde; +stundenlang liege er am Boden und spreche bald lachend, bald weinend von +der nahen Erlösung und von Sabbatais Macht im Himmel und auf Erden. +Ferner erzählte er, daß sein Oheim aus der Türkei nach Hause +zurückgekehrt sei. Der sei gänzlich betäubt von dem Großen und +Wundervollen, das er dort gesehen. Das Volk von Smyrna sei wie im +Wahnsinn und jauchze dem Befreier zu, der in Prozessionen von nie +gesehener Pracht durch die Straßen ziehe. Die Ungläubigen, die Chofrim, +seien ihres Lebens nicht sicher; Chajim Peña sei vom Volk fast +zerfleischt worden, als er gegen Sabbatai aufgetreten war; da sei des +Peña Tochter gekommen, habe mit verzückten Sinnen das Heil des Erlösers +ausgerufen, habe geweissagt und sei wie berauscht gewesen; da gaben sie +Chajim Peña frei, und er wurde später zum Jünger. So wurde weiter +erzählt und Boruchs Klöß wußte immer noch mehr Dinge und erstaunlichere +Dinge, als Itzig Gänßhenker. Maier Knöcker aber schwieg mit schwerem +Herzen. Ringsum sah er den wilden Tanz sich gestalten. Seine Klugheit +warnte ihn davor, zu widerstehen, um so mehr, als noch in derselben +Nacht das Gerücht laut wurde, Zacharias Naar stehe in Verbindung mit dem +Propheten selbst. Er erhielt dadurch eine förmliche Weihe; er ging in +die Häuser der Juden, überzeugte die Zweifler und entflammte die +Hoffenden. Überall schritt er umher, überall fand man ihn, oft hob er +sich gegen den dunklen Himmel der Felder ab, einsam in der Nacht. + +Die Glocke verkündete die Mitternacht. Ein junger Mensch schlich über +den Lilienplatz in die Wassergaß zum Haus des Knöckers. Er hatte ein +langes Rohr unter seinem Mantel verborgen, und sein Kopf war sorglich in +eine Kapuze gehüllt. Der rote Mond senkte sich gegen Westen und schien +ein zauberhaftes Blühen auf die Dächer zu breiten. Gelbe Blüten, zarte +Nebelschleier, er hauchte sie hin, daß es keiner sah, und die Steine +waren nicht mehr Steine, sondern es waren Knospen von Mondblüten und +jeder Zaunpfahl erwachte aus einem traumlosen Schlaf und guckte +schwermütig in diese Welt der Verkehrtheiten. Die brüchigen Häuser sahen +so unbekleidet, hilflos und gottverlassen aus! Manche waren förmlich +rührend in ihrer trostlosen Verfallenheit, während ihre Fenster +traurigen Augen glichen, die in die dunstige Glasglocke des Himmels +hineinstarrten, als ob sie geblendet wären von dem sanften, nächtlichen +Licht. + +Der junge Mensch überkletterte einen niederen Zaun, und erstieg eine +schmale, morsche Treppe, von wo aus er auf ein Dach kam und dort auf den +Zehen weiterschritt. Vor einem grünen Fensterladen stand er still und +steckte sein Rohr durch einen schmalen Spalt. Nun rief er mit dumpfer +und verstellter Stimme in das Sprachrohr: „_Baruch ado adonai elohim!_ O +ihr gerechten und gottliebenden Eheleute Maier Nathan und Thelsela! +freuet euch, denn eure Tochter, die eine Jungfrau ist, hat eine Tochter +in ihrem Leib empfangen, die wird die Braut sein dem Erlöser des Volkes +Israel, dem Messias zu Smyrna.“ + +Der Knöcker, der vergebens seine Kissen um Schlaf zerwühlt hatte und +dessen Phantasie in wilder Bewegung war, weckte sein Weib. „O meine +Liebste,“ flüsterte er beklommen, „hast du die himmlische Stimme gehört? +Es ist ein Engel dagewesen; stehe auf, wir wollen beten, daß du die +himmlische Stimme auch zu hören gewürdigt werdest.“ Zitternden Leibes +erhob sich die Frau, die ein müdes Gesicht und noch immer schöne, klare +Augen hatte. Sie lauschte in die Nacht hinaus, legte die vermagerte Hand +auf die klopfende Brust und kniete nieder. Da ertönte die Stimme von +neuem: „Ihr sollt eure Tochter in hohen Ehren halten und großen Fleiß +anwenden, daß sie wohl versorgt werde. Denn aus ihrem jungfräulichen +Leib wird die Messiasbraut geboren werden.“ + +Da packte Thelsela ihren Mann und zog ihn hinüber in das Zimmer, wo die +Tochter schlief. Sie schien ruhig zu schlummern, abgehärmt sah sie aus, +ihre Lider zuckten ein wenig. Und als die Mutter ihr die Decke vom +Körper ziehen wollte, stieß sie einen heiseren Schrei aus und krampfte +die Hände fest, in einer tödlichen Angst befangen, in den Stoff. Doch +der Knöcker streichelte ihr die Wangen und stotterte unverständliche +Zärtlichkeiten, während Thelsela den Leib des Mädchens befühlte, ernst +nickte und von Andachtsschauern durchrieselt wurde. Eine große Freude +hatte den Maier Nathan befallen; sein Haus war zu solch vorzüglichen +Dingen auserwählt worden, daß er in diesen Stunden sogar der Sorge um +sein Geld vergaß und mit seinem Weibe am Lager der Tochter sitzen blieb, +um ungeduldig den Anbruch des Tages zu erwarten. Über Rahels Wangen +flossen bittere Thränen. Mit weitgeöffneten Augen sah sie beständig auf +einen Punkt. Böse Gesichte schienen sie zu foltern; das Licht that ihr +weh, auch jede Tröstung schmerzte sie. + +Der Maier Nathan indessen, dem eine ganz neue Welt aufgegangen war, sah +sich schon als den Patriarchen der Gemeinde, gepriesen als den Vater +eines ganz unerhörten Glückes. Er nahm sein Weib bei der Hand, führte +sie in das Schlafgemach zurück, stotterte verwirrte Dinge, von denen die +Thelsela in ihrem blöden Sinn nichts verstehen konnte und ging fort, um +zuerst seinen Freund Boruchs Klöß und dann den Chassan aufzusuchen. + +Der Morgen war nahe. Eine seltsame, drückende Öde lag auf den Gassen. +Fern in der Ebene rauschte der Fluß, und bisweilen klang es herein wie +das Klappern eines Mühlenrades oder das Geläute von Kuhglocken. Den +Zenith belagerte eine große dicke Wolke. Wie ein Raubtier lag sie und +schien bereit, sich auf das Land zu stürzen. + +Fast in allen Judenhäusern war Licht. Wo auch Maier Knöcker das +neugierige Ohr an einen Thürverschluß oder an eine dünne Mauerwand +legte, hörte er Gebete murmeln, Klagen und Anrufungen und Lobpreisungen. + +Als der helle Tag angebrochen war, vernahm man etwas Wunderbares. Es +hieß nämlich, die Juden in dem Städtchen Avricourt rüsteten sich, nach +Jerusalem zu ziehen. Dann hieß es auch, Jakob Sasportas, der wütende +Feind des Zewi, sei plötzlich zum glühenden Anhänger geworden, und mit +der heiligen Schrift im Arm tanze er verzückt durch die Straßen von +Worms. Ferner kam die Nachricht, Manoel Texeira sei mit zehn Ältesten +nach Smyrna gepilgert und habe sich dem Messias zu Füßen geworfen. +Nathan Ghazati war von Sabbatai zum König von Griechenland und Elisa +Levi, der Bettler, zum Kaiser von Afrika bestimmt worden. Die +Palästiner, die durch Jakob Zemach eine Huldigung an den neuen König der +Juden abgeschickt hatten, schmückten ihren Tempel und zogen +psalmensingend und blumenstreuend durch die Stadt, gerade wie zu Davids +Zeiten. Sabbatai Raphael in Polen und Mathatia Bloch seien von heiligem +Geist erfaßt, so daß sie wahrsagten auf offenem Markt in Warschau und in +Thorn. + +So kommt der Föhn im Frühjahr und im Herbst über das deutsche Hochland +wie all diese Botschaften nach Fürth. Selbst die Christen wurden +miterregt und bedrückt von der Wucht der fremdartigen Ereignisse. Ein +Taumel ging durch das mittlere Europa, jene Mittelgebirgsländer, welche +fanatischen Strömungen so leicht zugänglich sind, die dann an irgend +einer Stelle einen tollen, hungrigen Strudel bilden, der alles Feine und +alles Friedliche in eine schwarze Tiefe hinunterzerrt. Die alte Welt +schien aufzuwachen aus einem Schlaf. Der Bedrücker fürchtete den +Bedrückten, der Knecht hatte reiche Träume von Freiheit. Kein Tag +verging, an dem nicht Kunde von Außerordentlichem eintraf, wäre es auch +nur ein geheimnisvolles, deutungsreiches Wort des Messias gewesen. Er +steht z. B. auf einer Terrasse am Meer, streckt seine Hand aus gegen +Chalkidike und spricht: Seht, ich gebe euch heute das Leben und den Tod. +Das wurde von wandernden Juden berichtet, oder es gingen Sendschreiben +durch die Städte; wunderliche Dinge lagen in der Luft. + +Maier Knöcker, der Nathan, der das unerwartete Glück, dessen er +teilhaftig geworden, voll Entzücken weitergetragen hatte, traf zuerst +auf Mißtrauen, dann auf Verwunderung, dann auf blinden Glauben. Er fand +einen begeisterten Apostel in Boruchs Klöß und dieser beredsame Mann +erwies sich in der That als der beste Anwalt einer so begnadeten Sache. +Die Ältesten der Gemeinde kamen zu Rahel, um sie durch Gebete gleichsam +heilig zu sprechen. Am gleichen Abend wurde ein großes Festmahl unter +dem Vorsitz des Ober-Rabbis abgehalten, und das Haus des Stammlers wurde +als eine Art frommer Zuflucht erklärt. Aber Rahel selbst blieb finster +und verschlossen dabei. Sie wich jedermann aus und hatte es verlernt, +Vater und Mutter gerade ins Gesicht zu sehen. Wenn einer länger mit ihr +redete, begann sie zu zittern. Ihre Hände waren feucht, ihre Lippen +trocken und aufgesprungen, ihre Augen gerötet. Sie konnte in keiner +Nacht mehr schlafen; die Finsternis nahm eine purpurne Färbung für sie +an, so daß es wie ein Vorhang vor ihren Blicken lag, undurchdringlich +und beängstigend. Oft bevor noch der Tag anbrach, erhob sie sich vom +Lager und schleppte sich hinauf in die Bodenkammer, um in irgend einer +Luke zu kauern und starren Blickes zu brüten, stundenlang. Oder sie +stieg in den Keller hinab, wo es sehr kühl war. Aber sie freute sich, +wenn sie fror; sie wünschte zu frieren, wünschte zu leiden, denn ein +äußerer Schmerz verlieh dem inneren Milderung. Am Sabbat nach der Schule +kamen die Weiber zu ihr; aber sie war so sehr bedrückt, daß sie vor den +Besucherinnen in lautes Weinen ausbrach. Sie rang die Hände, stöhnte, +warf sich zu Boden, fletschte die Zähne, und murmelte Worte ohne Sinn +und Klang. Das war ein sehenswertes Schauspiel für die Weiber, eine +Bestätigung des Wunders, das mit dieser Jungfrau vorgegangen. Sie +brachten Geschenke, doch das Mädchen warf sie ihnen vor die Füße und +schalt und drohte ganz fassungslos. Auch viele Männer kamen: Thurathara, +Wolf Batsch, Seligman Schrenz, Seligman Rumpel, Hirsch und Herz, die +Rumpeln, Wolf Bieresel, Joel und David, die Bieresel, Maier Anschel und +Itzik Gänßhenker, ja sogar Moses Bock aus Würzburg und Michael bar +Abraham aus Markt Erlbach. So schnell hatte sich die Kunde im Lande +verbreitet. Alle brachten sie Geschenke: Güldene Schleier oder Sternlein +oder durchgezogene Sternlein oder Umhänge von Drapd’or oder gestickte +von Gold, von goldenen oder silbernen Blumen, Kleider von Sammet mit +einer Blumenbordüre, einen Mantel von Damast, verbrämte Schuhe oder +Pantoffeln von gutem oder schlechtem Gold, oder von Bändern oder von +schwarzem oder gefärbtem Leder, Kartelsteine oder andere Gehänge, auch +Hand- und Leibschnallen, güldene Gürtel und einen Gürtel von Gold, der +mit Diamanten besetzt war, Ringe und Ohrgehänge, Handschuhe von Pelz und +Halstücher bis auf zwei Gülden Wert. + +Das waren festliche Tage für Maier Knöcker, den Nathan. Mit zitternden +Händen tastete er über den Reichtum; nahm die Tücher, faltete sie wieder +zusammen, liebkoste die Schuhe und Ringe, legte die Gehänge um seinen +Hals und stolzierte im Zimmer damit auf und ab; auch stellte er sich +damit vor einen Spiegel, machte Bücklinge, schnitt lächerliche Grimassen +und ging dem finsteren Schicksal mit kindischer Heiterkeit entgegen. + +Am Tag Dionysius war die Luft so klar, daß man die Kirchenglocken von +Nürnberg vernahm. Ein gelber Schimmer lag auf den Wiesen und der Himmel +war mit weißen, feinen, runden Wölkchen marmoriert. Ein Zug jüdischer +Spielleute, die von der Domprobstei Bamberg verwiesen worden waren, +brachte die Nachricht, der Messias sei von Smyrna aufgebrochen und käme +nach Deutschland, die Gläubigen um sich zu versammeln und an ihrer +Spitze ins heilige Land zu ziehen. + +Als Rahel dies vernahm, erwachte sie aus ihrer langen Apathie. In ihr +war nur ein Gedanke: daß sie fort sollte aus dem Land, wo der Geliebte +wohnte; denn in ihrer heißen und erregten Phantasie war ein Gerücht +schon einem Geschehnis gleich. Mit glühenden Augen eilte sie auf die +Gassen; niemand beachtete sie heute. Viele schienen in einer Tollheit +befangen, wie eine Schar Verschmachtender, denen man feurigen Wein +gegeben hat. Kein Ritus wurde mehr beachtet, weder das Abend-, noch das +Morgenminjan, weder der Socher, noch der Bund der Beschneidung. Über den +Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem Oberkörper; er hatte sich +auf die Brust die Worte gemalt: wir empfahen was unsere Thaten wert +sind; wir leiden Pein in heißen Flammen. Der Schmuel, der Richter der +Gemeinde, ein Mann von siebzig Jahren, der Tag und Nacht den Talmud +studiert, hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben, +und sein Leib war beinahe erstarrt. In hebräischen Worten schrie er +leidenschaftlich das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich +und andächtig um ihn her. Rahel eilte hinaus zum Schießanger, wo noch +von der Kirchweih die Wagen der Zigeuner standen, und dann lief sie +hinüber zum Schwedenstein, wo sie kraftlos ins Gras sank. Sie hörte die +Zigeuner schreien in ihrem Rotwälsch und sah sie gestikulieren, trotz +des Nebels, der über der Landschaft lag. Der Schulklopfer und der +Totengräber liefen an der Kapelle vorbei, aber sie nahm es nicht wahr. +Ihr war zu Mut, als läge sie schon tagelang hier, ohne Sinn für die +Flucht der Zeit und als müsse sie noch tagelang und wochenlang hier +kauern, unfähig zu begreifen, was in ihr vorging. Der Himmel bedeckte +sich mit Wolken und ein feiner Perlenregen fiel. Eine dieser Wolken, die +heraufzogen vom Vestner-Wald, hatte die Gestalt und die Züge des jungen +Studenten, den sie liebte. Sie sah es genau: die Wolke trug einen +schwarzen Bart, der zierlich um Kinn und Wangen stand und kokett +zugespitzt war. Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine Nase und +die unsteten Augen. Und dann stand er plötzlich bei ihr, Thomas Peter +Hummel, und ihr war, als könne sie seine Hand fassen. Er sprach ihr zu, +fein und schnell und geschickt und wenn er überzeugte, war es nicht in +dem, was er sagte, sondern in seiner Stimme, in seiner gewandten, +schlangenhaften Art, in seiner heiteren Geschwätzigkeit. Er wählte seine +Worte wie ein scharfer Politiker und spielte taschenspielerhaft mit +Gefühlen. Aber wie es in der Welt geht, sie liebte ihn. + +Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her. Ihr gemächlicher Schritt +zeigte, daß sie den Regen nicht achteten. Rahel erkannte Zacharias Naar +und jenes schlanke Mädchen, das sie bei den Schaustellungen am +Schießanger gesehen hatte. Sie war schön. Man muß die Augen zumachen, +wenn man sie sieht, dachte Rahel. Sie war blaß und krank, wie verzehrt +von einer geheimen Sehnsucht. Jede Linie an ihrem Körper hatte etwas +Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und Lieblichkeit. +Dennoch war etwas an ihr, das all dies Lügen strafte, vielleicht in der +Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen. Bald verschwanden sie an der +Biegung des Wiesenwegs. Rahel blickte starr in die leise dämmernde +Landschaft hinein und war froh, daß sie nicht gesehen worden war. Sie +fühlte nicht Kraft genug, wieder nach Hause zu gehen und fürchtete, die +einbrechende Nacht könne sie noch immer hier finden. Sie erschien sich +ausgestoßen und verfolgt; verurteilt, für sich allein Schmach, +Bedrückung, Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit zu ertragen; sie wollte +nicht mehr heimkehren. Sie haßte Vater und Mutter, haßte die bleichen, +gebetseifrigen, jüdischen Männer, ihre gefräßigen, schwatzhaften Weiber, +die altklugen Knaben, die frühreifen Mädchen, die kindischen, +fanatischen Greise: alle schienen ihr verächtlich und unrein. Doch wohin +sollte sie gehen, wenn nicht nach Hause; sie dachte, endlos ist die Welt +und für ein Judenmädchen giebt es kein Erbarmen und keine Unterkunft. +Jeder Christenknecht, selbst ein Räuber darf sie stoßen mit seinen +Füßen. Schließlich stechen sie dir gar noch die Augen aus, wenn sie es +für gut finden, und dann mußt du verhungern. Sie glaubte nicht an diesen +Messias, sie verachtete seine Prophezeiungen, vielleicht nur deshalb, +weil es ihr gelungen war, durch einen plumpen Betrug alle, die um sie +herum waren, völlig zu täuschen. + +Während sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah, teilten sich +dort die Wolken, und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut +schwefelgelben Lichtes über das ganze Firmament. Bäume, Steine, Wiesen, +das Wasser, der Wald, die Häuser in der Ferne, die Kirchtürme, ja die +Luft selbst schien ganz dick von diesem Gelb zu sein. Da lächelte Rahel +und die Spannung ihrer Seele löste sich. Ein tiefer Frieden erfüllte +sie, und sie schloß träumend die Augen. + +Ein Bauer kam über das Feld geschritten, der seinen Kopf mit einem Sack +verhüllt hatte. Er sah das Judenmädchen am Boden kauern und war so +erschrocken durch den Anblick, den sie bot, daß er sich bekreuzigte und +spornstreichs gegen die Häuser des Orts rannte. Eine Schar von Juden kam +ihm entgegen, die zum Schwedenstein wollte, um das Grabmal des Joseph +Gabriel, des Naphtali Sohn, mit Gewalt fortzunehmen, nachdem die Familie +beim Schultheiß und beim Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen +worden war. Der Bauer aus Ronhof oder Poppenreut, dessen eines Auge +erblindet war, machte den Juden die Mitteilung, daß er eine Hexe am +Schwedenstein gesehen habe. Aber jene erkannten schon von weitem die +Tochter des Knöckers, und einer lief zurück, um den Maier Nathan zu +holen. Der Ronhofer Bauer hatte schnell erhorcht, daß die Juden den +Schwedenstein berauben wollten; er schwang drohend den Arm, lief fort +und alarmierte einen Hornmacher, einen Schneider, einen Goldplätter und +zwei Metzger- oder Schlächterburschen, die in der Nähe des Schießangers +ihre Verrichtung hatten. Als Maier Knöcker bleich und atemlos aus der +Fischergasse kam, stürzten sich Hornschuch, der Kammacher und Federlein, +der Schneider, voll Wut auf ihn, während ein paar ganz verdorrte alte +Weiber aus dem Erdgeschoß eines grünen Hauses herauskeiften und ihren +Haß gegen das Jüdengesindel nicht zu zügeln vermochten. Die andern +Helden rannten mit dem Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten +sich baß auf die bevorstehende Prügelei; im Laufen verteilten sie die +Opfer unter sich und rechneten aus, daß jeder etwa drei Juden zum +Prügeln bekommen würde. + +Es war dunkel geworden: ein sanfter, milder Abend wider alle Erwartung. +Die Sterne blinkten hervor unter den Wolkentüchern; auch der volle Mond +stieg im Osten herauf, gerade über den Türmen Nürnbergs. Ein +olivenfarbenes Licht ging von ihm aus, während im Westen das finstere +Rot und das bronzene Gold allmählich verblaßten. Wer sich niederließ auf +die Kniee oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam hineinsah in +das weite ebene Land, konnte glauben, daß die Erde Atem schöpfe, wie ein +Mensch, daß das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde +sei, die sich auf und nieder bewegte in ruhigem Rhythmus. + +Kaum waren die händelsüchtigen Burschen am Schwedenstein angekommen, als +sie erstaunt und bestürzt stillstanden. Der Schelomo Schneiors, der +Bürgermeister der Juden, hatte sich seiner Kleider entledigt, und mit +einer kurzen Geißel, die fast wie eine Pritsche aussah, schlug er wütend +auf seinen Körper los. Sein Gesicht war so verzerrt, daß es einen +widerlichen Anblick bot, und seine dicken, blutroten Lippen schoben sich +Gebete murmelnd hin und her. Sein Körper zuckte vor Schmerz, und die +Rippen quollen förmlich heraus unter der magern, verwundeten Haut. Die +andern Juden standen totenbleich rings um ihn her wie Scharwächter und +beugten taktmäßig das Knie. Behrman der Levit rief mit einer Stimme, die +schrill und unheimlich hinausscholl in den friedlichen Abend der Felder, +eine kabbalistische Anrufung: Der König Messias wird erscheinen, und ein +auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben Sterne von der +Mitternachtsseite verschlingen, und eine schwarze Feuersäule wird vom +Himmel herabhangen sechzig Tage lang. Alsdann werden alle Völker +zusammentreten gegen die Sprößlinge Jakobs, und eine große Finsternis +wird in der Welt sein, fünfzehn Tage lang. + +Mit einem irren Schrei stürzte Maier Nathan, den seine Feinde nun +endlich losgelassen hatten, in den Kreis, ergriff Rahels Kopf mit beiden +Händen, streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme, warum +sie fort sei, ob sie krank sei, ob sie traurig sei. Rahel schüttelte nur +den Kopf. + +Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebüßt +und unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon; sie schickten +den Ronhofer Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil, damit er Bericht gebe +und sie wegen des Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe. Die +beiden Schlächterburschen und der Goldplätter, die alle drei sehr +gedrückt schienen, wünschten alsbald eine geruhsame Nacht und der +Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter. Am Gänsgraben kam +ihnen ein Leiterwagen entgegen, dessen Fuhrmann dem Hornmacher bekannt +war, und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit. Der Fuhrmann +wußte befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende +der Welt. Es sei gut, meinte er, daß man in Nürnberg keine Juden habe, +denn dort seien die Bürgersleute noch halbwegs zu vernünftigen Dingen zu +gebrauchen. Und er erzählte beiläufig, daß er am Juden-Bühel in Nürnberg +einen großen Stein gesehen habe mit der Inschrift: + + Der Stein ist nach den Juden blieben + Als sie von Nürnberg wurden vertrieben + In Wolfgang Eysen Haus, das ist wahr + Im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr. + +Allmählich, wie der Mond höher stieg, wurden die Gassen mondhell. +Herüber von den Wäldern der Veste wogten die schweren Dünste des +Herbstes. Die Blätter der Bäume, ein wenig regenfeucht, schimmerten +silbern und zitterten leise im Abendwind. + +Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet. Die Juden schienen +heute ein dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten offenbar +den unbestimmten Trieb, wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen schienen +auf dem Wege der Erfüllung, und die Schwülnis, die vom Orient herkam, +war viel drückender als einst vor sechzehnhundert Jahren, da man Jesus +Christus gekreuzigt hatte. + +Junge, jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher, mit aufgelösten +Haaren; manche hatten die Brust entblößt und ihre Augen glänzten wie von +übermäßigem Weingenuß. Knaben saßen in Gruppen vor den Thüren und sangen +Psalmen und Hymnen an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise +versammelt und gaben sich mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala +hin. Da erhob sich z. B. in einem Haus am Kohlmarkt der neunzigjährige +Chajim Chaim Rappaport und sprach: „Wäre er es nicht, der die Schmerzen +von Israel über sich nähme, wahrlich kein Mensch wäre es zu erdulden +imstande. Unsere Krankheiten wird er tragen und alle Übel und Schmerzen +nimmt er ab von der Welt.“ Dann verkündete er, Sabbatai Zewi habe den +vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Türke Murad +Effendi sei dadurch bekehrt worden. + +Im Hause des Ober-Rabbi hatten sich fünfzig Männer und Frauen zu einem +Mahl versammelt. Je weiter der Abend vorschritt, je ungezügelter wurde +der Freudenrausch, je heißer wurden die Köpfe vom Wein, vom Spiel, von +Erregung seltsamer Art. Viele tanzten sinnlose Tänze in dem Betsaal des +Ober-Rabbi und warfen die silbernen Becher in die Luft und viele, die +später kamen, knieten hin und schrieen mit heiserer Stimme Gebete. Der +Rabbi selbst war es, der zuerst die Kleider von sich warf und dann der +jungen, schönen Esther Fränkel das Gewand vom Leibe zerrte. Ihre Lippen +küßten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich umschlungen und +nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz umher. +Andere folgten bald dem Beispiel; überall erhoben sich bleiche Gesichter +von der Tafel, glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt +der Erlösungen hinein und nackt zu sein schien als der Gottheit +lautester Preis zu gelten: gerade wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich +die Freiheit empfängt und in wilder Zügellosigkeit sich selbst +zerfleischt und seine eigene Habe zerstört. Männer, die schon an der +Schwelle des Greisentums standen, gebärdeten sich wie Faune. Weiber mit +grauen Haaren gaben sich einem Taumel hin, der ihnen selbst fremd und +beklagenswert erscheinen mochte. Die Thelsela Knöcker trank fast ohne +auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit kindischer Stimme +hebräische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos zu Boden +sank. Es waren junge Mädchen da, die sich einer tollen, rasenden +Liebesgier überließen, gleichsam als wollten sie damit lange Jahre der +Entbehrungen in ihrem Gedächtnis verwischen. Manche sahen aus wie +Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten und schamlos +hineinstürzten in finstere Laster. Geschrei, Ächzen und schrilles Johlen +herrschte, eine scheußliche Musik, ausgeübt von fünf betrunkenen +Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon, den drei +oder vier Männer in einer dunkelen Ecke hersagten, oder ein fanatischer +Schrei um Erlösung, der von einem fernen Haus in einer fernen Gasse +erwidert wurde. Michel Chased, der Chassan, hatte die Gesetzrolle von +der Schule geholt und tanzte damit umher wie mit einer Geliebten; er +trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht mit ihr, und als er +keuchend, die anderen gleichsam um Atem bettelnd, zu Ende war, bohrte er +eine lange stählerne Nadel tief in den Oberarm, daß sein dunkelrotes +Blut auf die Gesetzrolle und auf den Boden rann. Boruchs Klöß, Wolf +Batsch und die Rumpeln knieten hin und leckten und schlürften winselnd +das halbgeronnene Blut, indes der Chassan bleich und steif in die Arme +seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen für kurze Zeit den +rotbärtigen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwörend die Hände +heben und wieder verschwinden. Ja, der alte Thurathara, dessen gerötete +Augen stets wie aus einem dünnen Spalt hervorblinzten, behauptete, jener +habe ein wunderschönes, blasses Kind auf den Armen getragen und lächelnd +und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben +geschaut. Der alte Seligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter +bedecken, wollte sie mit seinem Mantel umhüllen; aber jauchzend, mit +halbgeöffneten Lippen lief die feine Noemi davon, warf sich in die Arme +ihrer Freundin, der Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mädchen +küßten sich, warfen sich zu Boden und drückten ihre fieberheißen Körper +dicht aneinander. + +Und ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den +Dielen; denn sie schliefen nicht mehr in Betten. Bei Tage hüllten sie +sich in Tücher von grobem Stoff und hörten nicht auf, zu beten. Es gab +Männer, die sich des Schlafes gänzlich enthielten und sich Tag und Nacht +mit dem Studium des Gesetzes befaßten, denn durch die Tikkunim in der +Mitternachtsstunde wurden die Sünden verwischt. Maier Wolf, genannt der +Fünkler, und sein Bruder Samuel Fünkler gingen des Morgens bei dem +kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluß, um ihren Leib zu +reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemüter, und es war bald +ein gewöhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen taumelte +und sich geißelte, bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war. + +Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam +die Familie des Gabriel, des Naphtali Sohn auf dem Lilienplatz zusammen +und vier junge Männer trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal. Es war +eine Menge von Menschen dabei: Frauen und Kinder, die sich mit heiteren +Tüchern geschmückt hatten und Freudengebete sangen. Auch viele Männer +hatten sich eingefunden. Im langsamen, schmalen Zug schritten sie dem +Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem Stein, der mit +goldbestickter Sammetschärpe umwunden war. Dazu lugte der Mond über das +Dach der Michaeliskirche und es war, als müsse man überall erst die +feinen Nebel zerreißen, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht. +Über dem Fluß, weit hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst, +gleich einem weißen Gewölbe, oder wie die lange Säulenhalle eines +Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und da ein rätselhaftes +Licht. Das Wasser rauschte in den Frieden, und nichts Bewegtes war zu +sehen, außer den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem +jüdischen Zug an der Straße. + +Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten, kam aus dem +weitgeöffneten Thor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und +stammelte, oft unterbrochen durch staunende, erschreckte Ausrufe der +Zuhörer, ein Geist schwebe über die Gräber und singe wunderbare Weisen +und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai, Stern der Höhe! Alle blickten +angestrengt hinüber. Der Gräberort lag ausgebreitet an einer +Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein phantastisch +zerklüftetes Aussehen. Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene, +baumlos, häuserlos, einem Meer ähnlich, darin einsame Dörfer wie +Toteninseln lagen. + +Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, überwanden ihre +natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das +Thor. Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer spähend, +zum Grab des Joseph Gabriel. Am mutigsten waren die Knaben; sie sangen +ein Lied vom Stolze Zions, und ihre köstlichen frischen Stimmen +erfüllten die Nacht gleichsam mit Heiterkeit. + +Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger der +Christen stieß, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet +wurden. Deutlich war die alte Veste mit ihrem düstern Wald sichtbar und +ein leiser, flötender Hornruf klang herein. Der Totengräber kam und +Änsel Steinblaser trat als Vorbeter heraus, um die im Schulchan Aruch +vorgeschriebenen Gebete zu sagen. Aber er fing nicht an; Minuten +vergingen und weil die hinten Stehenden sein Gesicht nicht sehen +konnten, drängten sie sich gierig vor. Einige verwünschten schon die +Furcht vor den Christen, die sie veranlaßt hatte, die Ceremonie zur +Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlossen die Augen, um nichts +sehen zu müssen. Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich +gab, näherten sie sich ihm, so dicht sie konnten, und nun sahen sie, daß +er mit aufgerissenen Augen und mit leichenfahlem Gesicht beständig nach +einem Punkt starrte. Sie folgten seinem Blick und sahen eine weibliche +Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den Steinen stehen. Die +Stille tödlichen Schreckens entstand, als ob alle auf einmal zu atmen +aufgehört hätten; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme von +dorther, – eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden +Sprache. Elkan Hirsch, der Totengräber und Rabbi Seligman in der Clauß +waren die mutigsten, und da es doch eine menschliche Stimme war, die sie +vernahmen, so folgten schließlich auch die anderen Männer, dann die +Kinder und zuletzt die Frauen. + +Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen. Wer sie auch vorher bei +den Zigeunern gesehen hatte, würde sie nicht wiedererkannt haben. Nur +mit einem Hemd bekleidet stand sie da und schien doch nicht zu frieren. +Wer sie so sah, mußte im Innern jedes Leiden mitfühlen, das sie +bedrückte. Aber es war etwas listiges in ihrem Schmerz und etwas +begehrliches in ihren klagenden Augen. Sie hatte eine lange, schmale +Hand mit vielen Fältchen, mit überraschenden Bewegungen; oft scheint die +ganze Seele in den Formen einer Frauenhand zu liegen. + +„Ich habe nichts“, sagte das Mädchen, „ihr könnt mit mir thun, was ihr +wollt. Laßt mich nur hier.“ + +„Vielleicht liegt deine Mutter begraben hier?“ forschte Elkan Fränkel. +Ein junges Weib bot ihr einen schwarzen, englischen Shawl an, aber Zirle +wies ihn schweigend zurück. + +„Hört nur, was ich euch erzählen will“, flüsterte das Mädchen und +flüchtige Schauer überliefen sie, während sich alle dicht herandrängten. +„Ich bin im Kloster gewesen. Die Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus +Christus zu glauben. Was ich als Kind war, ist vergangen gewesen, denn +das war in Polen, müßt ihr wissen. Ich denke jetzt so genau daran. Die +Christen, so viel es gab im ganzen Land, sind hergefallen über uns, und +die Gassen waren voll Blut. Unser weißes Tischzeug war voll Blut und die +Betten. Mein Vater und meine Mutter und die zwei Brüder und die zwei +Schwestern sind alle totgeschlagen worden. In der Nacht haben sie die +Häuser verbrannt. Viele, viele Frauen und junge Mädchen haben sie in den +Tempel gesperrt und haben Feuer daran gelegt. Ach was für ein Wimmern +und Schreien! Und überall in Polen war es so. Ich habe mich versteckt in +einem Stall, wo lauter Schweine und Schafe waren. Ich habe nimmer +gewußt, ob es Tag oder Nacht war, habe Hunger gehabt und bin gelegen, +wie viel Tage weiß ich nicht. Wie ich fort bin, barfuß, habe ich mich +blutig gestoßen an den Steinen. Dann haben sie mich im Kloster +aufgenommen. Die Zeit verging. Aber wenn ich auch Christengebete sagte, +vergaß ich doch nichts. Es war immer, wie wenn ich meine Geschwister tot +sähe. Auch den Garten sah ich und die Lichter beim Chanukafest und am +Neujahrstag und wie wir an den Fluß gingen, um unsere Sünden ins Wasser +zu werfen. Freilich war es immer wie ein Traum und wie ich eines Tages +fort bin, weiß ich gar nicht und wie ich zu Zigeunern kam. Oft habe ich +fremde Stimmen gehört, auch wenn ich ganz allein war in der Nacht. Ein +Bräutigam wartet auf dich, rief es oft, er breitet seine Arme aus und +erwartet dich. Er ist mehr noch wie Jesus Christus, er ist selbst Gott. +Und eine andere Stimme rief mich Melliselde mit flutendem Haar, +Kaiserstochter, Messiasbraut. + +„Gestern, seht ihr, gestern kam mein Vater zu mir im Schlaf. Er sagte, +Gott hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt. Du sollst ihm +entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist aus Jakob, wie +es in der Bibel steht. Dann war ich den ganzen Tag darauf voll Angst und +konnte nicht Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist +meines Vaters und faßte mich mit seinen Händen an und trug mich +hierher.“ + +Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib, wo +die Hand des Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an +der linken Hüfte waren blutige Schrammen. + +Ein langes Schweigen entstand. Eine sonderbare Scheu hielt sie ab, das +junge Mädchen anzureden. Stille Schwärmerei, fanatische Gläubigkeit, +geheimnisvolle Extase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten +sie gesehen oder gefühlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren +Augen, machte sie verdutzt und voll Angst. + +Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Thores auf und kam mit +dumpfem, unruhigem Gemurmel näher. Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln +an, die einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen, und deren Rauch +die Mondscheibe verdüsterte. Von der Senkung des Hügels kam Zacharias +Naar herauf, nahm Zirle bei der Hand und sagte laut und vernehmlich: +„Führe sie, Tochter Zions! Alle, die da kommen, werden sich dir beugen.“ + +In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. Überall +standen aufgeregte Leute. Von Ottensoos, Schnaittach, Unterfarrnbach und +Hüttenbach waren die Juden hereingekommen. Niemand wußte, wie sich das +Gerücht so schnell verbreitet hatte, zu Fürth habe sich +Außerordentliches auf dem Gottesacker begeben, schier jede Stunde sei +unerschöpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden, Samuel Ermreuther und +Nachman Sandel Mahler, markgräfischer Schulklopfer, hatten große +kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen +bestreut: Rosen, Levkojen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer +vornehmen Gärtnerei. Guirlanden hingen an den Fenstern, und goldene und +silberne Leuchter standen auf den Simsen, ein wunderlicher Gegensatz zu +den alten, halbverfallenen Häusern. Höher und höher, sturmflutgleich, +stieg der Aufruhr der Gemüter. Da war ein kluger und vielgereister Jude, +namens David Tischbeck, ein Bruderssohn des Wolf Bieresel; er erzählte, +daß überall in deutschen, österreichischen, italienischen und spanischen +Landen so ein wüster Taumel, so eine entsetzliche Verwirrung herrsche, +daß niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder sein Kind in +Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu schwerem, +betäubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Keiner +behielt Besonnenheit und Könige begannen für ihren Thron zu zittern. + +Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi +vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequälte Rufe, wilde +Schreie, leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Stöhnen drangen heraus. +Naar ging versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die +Häuser bald im Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem +spitzen, düten-, oder kegelförmigen Hut, der nach der Vorschrift jener +Zeit orangegelb mit weißem Rand war, schritt unter den tiefhängenden +Ästen der Bäume dahin und die gelbgewordenen Blätter gerieten in leise +Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar ließ sich unter +einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich +zu recken und zu dehnen, und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der +Raben und Krähen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift +aus dem Gewand und mit träumerisch zaudernden Fingern formte er +Buchstaben und Worte immer bestimmter und rascher. „Mein Mund ist schwer +wie der Mund eines Mörders. Mein Geist schreit nach dir. Der blasse +Morgen drückt deine zitternden Lider zu, da du kommst. Du liegst schon +schlafen, und ich küsse im grünlichen Schein der Nachtwende dein Gewand. +Kraft, Kühnheit, Stolz und Genugthuung sind nichts mehr vor dir. Soll +ich lächelnd an den kommenden Tag denken, wenn du enteilst? Die Liebe +schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag. Was +ist im Himmel und auf Erden, außer der Liebe, Leib der Leiber und Schoß +aller Schoße! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe +durch die Dämmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose +Einsamkeit der großen Ewigkeiten hinab. Ich gehe, Gott zu suchen.“ +Hastig fuhr der Stift wieder über das Geschriebene und machte es +unleserlich. Dann wischte Naar alles mit feuchten Gräsern wieder aus und +schaute mit bitterem Mund hinaus ins Land, über dem die Sonne kam. Zum +zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig, bei jedem Zug den +Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: „Ist ein Gott in diesem leeren +All? Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern. +Ist ein Gott, daß er die Unbill räche, die Kränkung des Stolzes, daß er +den Höfling demütige? Ist ein barmherziger Vater, der das Feuer stillt, +wenn es des Armen Dach beleckt? Der den Schläfer auf nackter Erde +bewahrt, dem frierenden Hund eine Hütte giebt? Ich rufe dich, Ewiger und +deine Welten verneinen dich, deine Sonnen verleugnen dich. Ich suchte +dich und nirgends fand ich dich. Die Himmel sind echolos, wenn ich dich +rufe, schweigend starren die Wälder. Allein bin ich gegangen im +Angesicht der schweren Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und +meines Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und maßlos dehnen +sich die Himmel, aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein +Lächeln und wer gut ist verdirbt und die Falschen und Treulosen werden +zu Propheten. Aber laß es laufen, das Volk, laß es springen zu den +Kammern des Todes. Wo bist du Gott? Bist du, wo das Jahr zeitlos ist, +und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname? Bist du, wo +die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt? Bist +du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten +verschlafen? Ach wo lauf ich hin? Der Himmel ist nur in mir. Wo ist Raum +für meine Seele?“ + +Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm +und streute die Trümmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den +Häusern zu. + +Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit +Kerzen in den Händen. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin, +unter dem ein Knabe und ein Mädchen trippelten, beide noch Kinder. Sie +sollten einander vermählt werden, denn es war der Glaube jener Zeit, +dadurch den Rest der noch ungeborenen Seelen in die Leiblichkeit +eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum Eintreffen des +Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Name Benjamin und Eva war +hielten sich fest an den Händen, und ihre Augen standen voll Thränen; +wenn sie sich einander anschauten, so geschah es immer gleichzeitig, und +sie lächelten dabei ein wenig schwermütig wie solche Kinder, denen eine +Strafe bevorsteht, der sie nicht entrinnen können und die sie auch nicht +verdient haben. „Warum sie nur Kerzen tragen,“ sagte der kleine +Benjamin. – „Das gehört zum Heiraten“ erwiderte Eva. „Ich bin übrigens +froh,“ fügte sie sinnend hinzu, „ich habe mir schon lange gewünscht, zu +heiraten; alle sind sie so abscheulich zu mir.“ – „Alle Mädchen und +Buben werden verheiratet,“ flüsterte der Knabe zurück. „Im Schulhof +warten sie auf uns.“ – Plötzlich bedeckte sich Evas Gesicht mit einer +glühenden Röte. Die feine Noemi kam mit ihrer Freundin völlig nackt die +Gasse einhergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft schienen +ihre Körper heiß zu sein von Tanz und Ausschweifungen. Wie +besinnungslos, doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jeder +Bewegung war etwas Überschwengliches und in jedem Laut den sie von sich +gaben, etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wußte sich nicht zu helfen +vor Scham, und in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals +des Knaben, und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen. + +Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle. Über den Gärtnerplatz +ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen schweren Teller +südländischer Früchte, oder Schalen mit Wein oder Backwerk. Das war für +die Hungrigen bestimmt, im Namen des Messias. In diesen Tagen des +Wahnsinns ging auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften +nach, und keiner, wie mächtig er auch sein mochte, versuchte den +leidenschaftlichen Brand, der unter dem verachteten und verhaßten +Judenvolke ausgebrochen war, zu dämpfen, oder gar zu verspotten. +Hebräische Melodien klangen aus vielen Häusern und belebten die Seelen +der Zagen und Blutlosen. Fremde Musikanten kamen des Wegs, (es wußte +niemand woher), und spielten auf Instrumenten, die man vorher gar nicht +gesehen. Alles war zauberisch, überirdisch, aufregend und bestürzend. + +Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dort nahm ein +junges und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung +war, daß auch die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich. Die +Ceremonie geschah mit einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang +dabei wilde Lieder, oder sie schrie verzückt auf. Alle die dabei +standen, waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert, aber sie +empfanden es doch als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier. Mit +bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der +Synagoge blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf +hinein in alle Gassen, hinweg über alle Häuser, – wie ein Ruf aus den +dunklen Tiefen der Kabbala. Eine Krone auf dem Haar, kam Zirle einher, +mit einem Gefolge wie eine wahrhafte Königin. Wer sie sah, wurde völlig +gebannt und glaubte an sie, wie an den neuen Erlöser selbst. Ein junger +Christ, Namens Wagenseil, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext +auf Tritt und Schritt. Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in +dichterischen Worten und Zirle erhörte ihn, noch ehe der Tag zur Neige +ging. Ihr Wesen war ohne Schüchternheit; sie hatte etwas Glänzendes in +jeder Gebärde. Die Männer verloren alle Vernunft, wenn sie vor ihnen +stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein +unwiderstehliches Gepräge. Sie kam zu den Fastenden und Betenden und +richtete sie auf. Denn manche wälzten sich ja tagelang wie Würmer auf +der Erde, enthielten sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos +in den feuchten Winkeln unterirdischer Gewölbe, hatten Visionen, +„strahlende Nächte“, wie sie sagten, fromme Gesichte, widerstanden so +allen Verlockungen des Satans und erfüllten zur Nachtzeit die Luft mit +ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen studierten sie alle Bücher der +Kabbala, alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen; +ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gingen, ergaben sich oft einem +grenzenlosen Fanatismus, stellten sich auf den Markt unter viele Leute +und predigten, wie weiland Peter von Amiens mit hinreißender +Beredsamkeit, stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen +Versündigungen auf und fluchten den Christen mit bitteren Flüchen. Die +Kinder, waren sie auch noch so klein, wurden sich selbst überlassen, +viele Säuglinge schrieen umsonst nach der Mutterbrust und starben bald. +Hunger und Überfluß, Prunk und Erbärmlichkeit reichten sich die Hände. +Es fand kein regelmäßiger Gottesdienst mehr statt, und wenn man +gemeinsam vor dem Altar betete, war es einer Schändung des alten Gottes +gleich. Zigeuner zogen herum und vermehrten das Unheimliche und die +Verwirrung. Der Papst und der Kaiser schickten wie in alle Städte, auch +hierher Beamte und Abgesandte, die unverrichteter Sache wieder abziehen +mußten. Die freie Stadt Nürnberg schickte einen Hauptmann mit fünfzig +Reitern, aber den Hauptmann und seine Reiter sah man noch am selben +Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln. Am Fluß oben, gegen Buch +zu, wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender +Gelehrsamkeit. Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befaßte +sich auch mit Astrologie und Alchymie. Viele Leute behaupteten, er habe +den Stein der Weisen längst gefunden und ihn für einen unermeßlichen +Schatz an den Großtürken abgegeben. Nun, er wurde befragt, was er von +all dem Sturm und Aufruhr halte, und da sagte er: „Der Jüd ist ein +tolles Tier. So ihr ihn aus dem Käfig laßt, frißt er euch auf mit Stumpf +und Stiel. So er aber im Käfig ist, ist er zahm wie ein Hund. Viel +Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich. So du ihn +entzweihackst, kriechen zwei Blindschleichen hinweg.“ + +Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern, als zu dieser +Zeit der Dämonie und der Ekstase. Als die Nachricht eintraf, die Juden +von Frankfurt, von Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion, +entstand eine Erregung, die mit einer langen, inbrünstigen Andacht zu +vergleichen war. Alle Sehnsucht hatte nun ein Ziel bekommen, und jeder +wußte: auch ich werde dem Rufe des Propheten folgen. + +An demselben Tage, dem Tage Allerseelen, lag Rahel in dumpfer Apathie +auf einem Diwan und starrte gleichgültig durch das Fenster in den +Abendhimmel. Das Haus war leer, die Schritte mochten darin nachhallen, +und die Dielen knisterten oft von selbst. Rahel hatte die Mutter schon +seit zwei Tagen nicht gesehen, und auch der Vater war seit dem Morgen +fort gewesen. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert, +und keine der jüdischen Frauen kam mehr, um stundenlang bei ihr zu +sitzen. Aber darüber dachte sie nicht nach. Sie war froh, daß wieder die +Nacht kam, wo man nicht so viel sehen mußte, und wo man vielleicht auch +schlafen konnte. + +Als es dunkel war, kam Maier Nathan nach Hause. Sein Wesen war verstört, +und fortwährend brach er in kurzes meckerndes Lachen aus. Beim Schein +eines Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten +mit Perlen und Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen. Erhitzt von der +Arbeit, schnaufend und pustend kam er zurück und setzte sich neben seine +Tochter hin, das Kinn auf den Griff des Spatens gestützt. Er seufzte, +fuhr mit den Fingern in die Haare, schnitt Grimassen, sprang endlich +auf, warf den Spaten heftig von sich, focht mit den Armen in der Luft +umher und brach in ein glucksendes Weinen aus. Rahel rührte sich nicht. +Sie war daran gewöhnt, seit Zirle gekommen war. „Schadai, Schadai voller +Gnade!“ rief der Knöcker aus. „Ich hab die himmlische Stimme gehört, ich +hab se doch ganz sicher gehört mit meinen Ohren. Der liebe Gott soll +mich strafen, aber mein Rahelchen ist doch keine Hur!“ Er kniete vor +Rahel hin, strich mit der Hand über ihr Haar und stammelte: „Du bist +doch mein Rahelchen, mein gutes Jeleth, mein Engelchen. Mise meschinne +über die Narren, daß se an die falsche Braut glauben. Sterben sollen se +den Tod durch Aussatz.“ Und er erhob sich und rannte wie gepeitscht +davon. + +Die Nacht war schwer und stürmisch. Wilde Winde kamen von Süden, und +draußen in der Ebene gurgelte es wie in einem Strudel. Der Mond grinste +bisweilen fahl durch geborstene Wolken, und es war, als ob er selbst sie +zerrissen hätte und sie nun aufgelöst dahinjagte, über die Flächen des +Firmaments. Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter. Flatternde, +schwere, graue lichtsaugende Nebel fielen nieder, und die Blitze fuhren +hinein mit einem süß-gelben Leuchten. Rahel sah zu, und ihr wurde bitter +in der Kehle vor Grauen. Hinter dem Haus geriet der Hühnerstall in +Aufruhr. Alles gackerte und gluckste durcheinander, und der Hahn krähte +schmetternd; in der Ferne heulten die Hunde. + +Rahel war müde. Was da draußen vorging in der Welt, sie kümmerte sich +nicht darum. An nichts glaubte sie, mitten in einem Haufen von +Wahnsinnigen blieb sie ruhig und nachdenklich. Doch hatte sie Furcht vor +der Zukunft. Sie dachte: wenn sie alles erfahren, werden sie mich +steinigen. Und was soll aus dem Kind werden? dachte sie. Gegen zwei Uhr, +das Gewitter hatte sich verzogen, rief das Schofar die Juden in den +Tempelhof. Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut +Zirle, die er Zilla nannte. Es war ein feuriges und sinnlich +überschwengliches Liebesgedicht, und es hieß zum Schluß, daß er sie samt +ihrem Volk, den Lebenden und denen, welche von den Toten auferstehen +würden am siebzehnten Tag des Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde. +Darauf stellte Zacharias Naar drei Fragen an die schweigende Gemeinde: +Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias ergeben wollten? ob sie die +Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht scheuen wollten? ob sie +ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der Messiasbraut anerkennen und +ihren Befehlen folgen wollten? Ein leises, bebendes Ja aus vielen +hundert Kehlen antwortete. Dann trat Zirle in die Mitte des Kreises, hob +ihre Arme verzückt zum Himmel, und ein leidenschaftlich erregtes Gebet +ließ alle, die herumstanden, heiß werden vor Sehnsucht und Begierde nach +dem Neuen, Großen, Wundervollen, das für sie bereit war. Noch wußten sie +nichts, das ihnen Sicherheit gab, aber mehr war es, zu glauben und in +zügelloser Begeisterung dem Kommenden zuzuleben. Jauchzend wollten sie +ein Land verlassen, das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit für +sie gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu werfen, wenn im +Osten die guten Triften der ererbten Wohnsitze lockten, wenn ein +königlicher Prophet sie zum unverbrüchlichen Bunde rief. Das hier war +kein Vaterland für sie und konnte es niemals werden, wie sich auch die +Zeiten wandeln mochten. + +Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit; noch am +kommenden Tag sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden. Als man +auseinandergehen wollte, sprang Maier Knöcker, der Nathan plötzlich +schreiend auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und riß sie zu Boden. +Die andern Juden, entsetzt und empört, hätten ihn sicherlich in Stücke +zerrissen, wenn nicht sein Weib, die Thelsela und die tugendsame +Treinla, des Rabbi Man Ehewirtin, sich über ihn geworfen und flehentlich +um sein Leben gebeten hätten. + +Düster, gleich fernem Brandschein, zeigte sich der erste Streifen des +Morgenrots und hoch oben in der Luft zogen Vögel mit kurzen, zirpenden +Schreien dahin. + +Als Maier Knöcker nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber +es bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte. Ihr Blick war +scheu, verstört und furchtsam. „Gebenscht, ich hab se zugericht,“ sagte +der Nathan mit stumpfsinnigem Frohlocken. „Unbeschrien ich hab’r die +Haare ausgerissen, der falschen Braut.“ Er sah seine Tochter lange +durchdringend an, schüttelte bekümmert den Kopf und fragte dann die +Thelsela, wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels Niederkunft. +Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht; jedenfalls +aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit +finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn. In harten Worten +stellte er den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu +erkennen, daß Maier Nathan wirklich eine himmlische Stimme gehört habe. +Aber der Knöcker wurde darüber ganz fassungslos. Sein leidenschaftlicher +Protest und die schwermütige Bestätigung der Thatsache durch die +Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in +seiner wohlwollenden Art, man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft +abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, daß dem Messias zwei Bräute +bestimmt seien, obwohl der Zacharias Naar ein Gegner dieser Ansicht sei. + +Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ, sah er sich mit +Mißtrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem +Weg. Nur die erregte, ameisenhafte Geschäftigkeit, die überall +herrschte, schützte ihn vor Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast. +Ein wühlender Schmerz über die untergeordneten Zustände bedrückte ihn. +Er suchte nach der Reihe seine Schuldner auf und keifte überall und +drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder schnellen Laufs nach +Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und Pfandpapieren; seine +übermäßig dicke und weit hervorstehende Unterlippe bewegte sich +mechanisch in gehässigen Lauten. Da er sich so verachtet fand, nahm die +Liebe zu den Schätzen zu, wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in +die Mission seiner Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die +Ankunft der gottgeweihten Enkelin, überzeugt, daß es dabei an +himmlischen und weit erkennbaren Zeichen nicht fehlen werde. + +Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des 4. November +tuschelnd unter einem Hausthor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die +Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes. Es gab kein Mincha mehr, kein +Schachreth, kein Maarith, wie die Gebete der Tageszeiten heißen. „Wenn +es sich zuträgt, daß viele trinken werden,“ sagte Hutzel Davidla +zitternd und seine Mausaugen schauten glitzernd gegen Himmel, „dann hat +es unser Herrgott gewollt.“ Davidla gebrauchte das Wort ‚trinken‘ und +meinte damit den Tod, denn die Juden redeten ungern vom Sterben, und +schon im Talmud Ketuboth steht diese Redensart vom Trinken. Ein alter +Chronist, der zu Fürth lebte, schreibt: Man frage nicht, warum sich +dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet? Dies macht es, sie +wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben +der Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle, +alle müssen mit Entsetzen für den Dingen, die da kommen, aus der Welt +scheiden. + +Laubhüttenende, das Fest, das seit Jahrhunderten den süßen Zauber der +Idylle über das jüdische Leben gebreitet hatte, war unbeachtet +herangekommen und sah mitten hinein in den Taumel und Wirrwarr der +kommenden großen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern draußen +oder von Christen im Markt selbst erkauft worden waren, rumpelten +ununterbrochen vor die Häuser der Juden. Die streitenden Stimmen der +Fuhrleute mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und +Rinder wurden mit vielem Lärm erhandelt; die Gassen lagen voll von +zerbrochenem Hausrat, leeren Kisten, Kleiderfetzen und Leinwandfetzen, +Stroh, Pergamenten und Spänen. Wenn Christen vorbeikamen, hatten sie ein +finsteres und drohendes Gesicht und sahen aus, als ob sie die Mittel +überlegten, um all diese Anstalten zu nichte zu machen. + +Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den +Beinchen hin und her. Er dachte: wo nur die Eva ist? Ihm war so +unwohnlich. In das Haus des Maier Lambden sah er durch die hohlen +Fensterlöcher hinein; er sah Kasten auf Kasten getürmt, sah die Weiber +mit weißen Tüchern um den Kopf hin- und hereilen, wie sie die Schränke +leerten und das Geschirr verpackten, und er hörte das Silberzeug klirren +und den Lärm von Hammer und Meißel. Und daneben stand das Haus des +Samuel Ermreuther. Der ließ von seinen Söhnen das Dach abtragen, denn +nichts sollte den Gojim verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei +Itzig Genßhenker hatten sich viele junge Mädchen zusammengefunden und +nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder und sangen dazu alte Gesänge. +Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden Ortschaften durch die +Hauptstraße, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung vermochten sie +nicht länger Rast zu machen, als es nötig ist, um ein Gebet zu sagen. +Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen, mit ihrer jämmerlichen Habe, so +schnell es ging. + +Betrübt, mit trägen Schritten ging Benjamin an den Häusern entlang. Er +blickte in die Gärten hinein, in denen alle Blüten verwelkt waren und +alle Blätter den Boden bedeckten. Einmal sah er die kleine Eva über die +Gasse eilen, und er stürzte jauchzend zu ihr hin. Aber das Kind, mit +aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen, schüttelte heftig den Kopf +und sagte, sie habe zu viel zu thun, um plaudern zu können. Benjamin +hatte Hunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus +an den Fluß, wo er Haselstauden wußte und wo er sich sättigen wollte. Er +gehörte zu jenen Kindern, die stets im Märchen leben, und denen die +Welt, wie sie ist, so wenig giebt, daß sie darin verkümmern müssen. So +sah er durch seine melancholische Stimmung sich rings etwas Herrliches +ereignen. Farbe, Glanz und Heldentum waren da, ihn zu entzücken und sein +Herz in eine stürmische Bangnis zu versetzen. Er dachte mit klopfendem +Herzen an das Land der Verheißung, wo es keine Christen gab und keinen +bösen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein Spießrutenlaufen. Wie +klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein Vater wegen +einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Und seinen +Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht, weil er da übernachtet +hatte. Und die Mutter erzählte, daß ihre Muhme als Hexe verbrannt worden +war, obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war. Dies alles +machte ihn so ungeduldig, mächtig und stark zu sein. + +Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber. Er hörte eine Weile zu +und fragte sich, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Doch +dabei kam er zu keinem Schluß. Im Grunde schmerzte es ihn, von diesen +Feldern fort zu müssen, wer weiß, wie weit. Es war so schön hier! Wie +breit und ruhig lag das Land da! Ein grauer, glanzloser Nebel kroch über +ferne Äcker und da drüben lag Nürnberg mit seiner kaiserlichen Burg, mit +seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen Türmen. Alle Häuser +waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das viele Gold +und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der +Schüttinsel, der Metzgersprung, – wie bunt, wie wechselvoll, wie freudig +und schimmernd das alles! + +Und alles versank allmählich in der Dämmerung. Er ging heimwärts. Die +dumpfe, gleichsam drohende Geschäftigkeit, die überall herrschte und die +immer mehr anschwoll, erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer +Gartenthür lag ein Stein und dort ließ er sich ermüdet nieder. Samson +Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei Wagen vollbepackt und saßen +nun zwischen leeren Wänden. Auch David Tischbeck und Samuel Schrenz und +Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und Maier +Wolf: alle waren sie schon fertig und bereit, das Land der Pegnitz für +immer zu verlassen. Der Knabe fühlte gleichsam eine Reihe schwerer +Schicksale voraus, darum war er so traurig; dann kam wieder dies +Sagenhafte, das alle Vorgänge um ihn unwirklich machte, so daß er um ein +jedes Ding riesengroße Blumen emporschießen sah, oder eine schmerzlich +schöne Musik erscholl von irgendwoher und zog unaufhörlich durch die +kümmerlichen Gassen des Judenviertels. + +Der Knabe blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen, aber hastigen +Schritten daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da +fuhr sie zusammen, winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell +weitergehen, – gegen die Häuser der Christen hinüber. Dann besann sie +sich wieder eines anderen und setzte sich neben den Knaben auf den +Stein. „Morgen soll es fortgehen, weißt du das, Junge?“ fragte sie. Sie +konnte das R nicht gut aussprechen und das gab ihrer Stimme etwas +Rührendes. Rahel erwiderte nichts auf seine Antwort. Es war, als ob sie +sich ganz in sich selbst verkröche. Der Knabe sah, daß sie mit ihren +Händen das Gesicht bedeckt hatte, und die Ellbogen waren durch das +niedere Sitzen tief in den Schoß vergraben. Es fiel ihm ein, daß es im +Gesetz verboten sei, so niedrig zu sitzen; nur die Leidtragenden dürfen +es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf. Aber ehe er sich dessen +versah, hatte ihn das junge Mädchen heftig bei den Armen gepackt, zog +ihn an sich, nahm dann seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und +drückte die glühendheißen trockenen Lippen leidenschaftlich auf des +Knaben Mund. Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte +feiner Schweiß, der ihn gleich Nadeln förmlich verwundete. Und er hörte +Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen, die Wärme ihres Körpers +strömte auf ihn über, die Flut ihrer Haare umhüllte seinen Kopf. Und nun +fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder, und erst durch das laute +Schluchzen des jungen Mädchens kam er darauf, daß es wohl Thränen sein +mußten. Auf einmal stand sie auf, stieß den Knaben rauh von sich und +eilte davon. Gleich darauf aber kam sie wieder. Ihre Stimme war ruhig, +und sie schämte sich offenbar allzusehr, um sich zu dem Knaben +niederzubeugen. „Sag nichts, wo ich hingeh’,“ stammelte sie, „der liebe +Gott wird dir’s lohnen.“ + +In der Rosengaß stand ein kleines grünangestrichenes Haus, wo heute die +jüdische Waisenschul ist. Darin wohnte Thomas Peter Hummel, der +christliche Studiosus. Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis +des Flurs. Und es fiel ihr plötzlich, sie wußte nicht warum, ein Vers +aus dem Talmud Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre +Feste, Monden und Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im +Hintergrund, dann kam ein wüstes Lärmen und Durcheinanderreden, +Gläserklirren und Zurufe und auf einmal war es wieder ganz still. Eine +weiche, schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied zu singen, und Rahel +kannte die Stimme, die so verführerisch war und von der sie meinte, daß +niemand ihr widerstehen könne. Es war eine Stimme, von der man träumen +konnte, nächtelang. „Es ist ein’ Ros’ entsprungen aus einer großen Zahl“ +sang er, – ein altes Lied voll Trauer und pochender Sehnsucht. Wer es +sang, mußte gewiß um der Liebe willen leiden. Es war etwa so, wie wenn +ein Vogel gefangen sitzt, von dem man weiß, daß er nur durch Freiheit +leben kann, und er sitzt in einem schmalen Käfig und flattert sich die +Flügel wund. Das Lied mochte wohl schon lange zu Ende sein, aber Rahel +stand immer noch regungslos da, und ein schmaler Lichtstreifen aus der +Thürspalte fiel auf ihre Stirn. Plötzlich wurde die Thür aufgerissen und +lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der Schar von +Studenten am Tische in der übertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war, +zuwinkend, trat Thomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch +erfüllt, denn die jungen Leute saßen alle mit Pfeifen im Mund und +pafften fleißig drauf los. Hummel schloß die Thür wieder und setzte mit +einem Feuerstein ein Öllicht in Brand, um in den Keller zu gehen. Als er +sich mit dem Lämpchen in der Hand umdrehte, gewahrte er Rahel. Er +erbleichte und konnte nichts reden. Sein kleiner Mund kniff sich +zusammen, seine Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und +endlich stieß er einen dumpfen, fragenden Laut hervor. „Wir gehn fort +von hier,“ murmelte Rahel, und ihr Kinn sank gegen die Brust. Der +Student lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor +und sagte, in eine Stube könne er sie nicht führen; sie sollte mit ihm +in den Keller kommen. Darauf lief er zurück, erfand schnell eine Ausrede +bei den zechenden Kameraden, um länger ausbleiben zu können, und Rahel +folgte ihm in den feuchten Keller hinab. Hummel ließ sie auf ein leeres +Fäßchen setzen, nahm ihre Hand und sprach sehr schön zu ihr. Das war +seine Kunst, schön zu sprechen. Da vergaß er sich selbst und den andern, +ja sogar den Zweck seiner Rede vergaß er, wußte hundert Gründe oder +Dinge, an die kein Mensch dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten +ins zwanzigste und von da noch weiter, unterbrach niemals den freien +Fluß seiner Rede, setzte, wo es anging ein gelehrtes Citat statt eigener +Meinung, oder brachte füglich eine lehrreiche Geschichte von spannender +Erfindung an, kurz, er wußte das Wort so vollkommen zu gebrauchen, daß +er es in knapper Zeit vermochte, ein großes Unglück ganz winzig +erscheinen zu lassen, und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den +Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit. Dabei war seine Stimme +leise und berückend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seine Gesten +waren rund und gefällig, gemessen und wohlwollend, besonders, wenn er +Daumen und Zeigefinger mit den Spitzen zusammendrückte und dann den Arm +pendelartig auf- und abbewegte. So war er wirklich die verkörperte Liebe +und Uneigennützigkeit, und alles, was er sagte, hatte Klang und +Vernunft, sozusagen Hut und Schuh, und er vermochte einen Menschen zu +trösten, daß er all seine Schmerzen vergaß und sich so vollgeredet fand, +als habe er am Tisch des Großmoguls die köstlichsten Speisen gespeist. + +Rahel erhob sich also, reichte dem Studiosus die Hand und ging wieder, +gerade als oben das ungeduldige Fußgetrampel der andern Studenten hörbar +wurde. Sie ging in die Nacht hinaus. Sie erinnerte sich auch dunkel, daß +Thomas Peter ihr empfohlen hatte, die Juden zu warnen, es sei etwas im +Werk; aber das ließ sie kühl. Sie fühlte sich wie das tote Werkzeug in +einer fremden, mächtigen Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie +eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und sogleich zog +ein Schauer ihr die Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Körper. +Jenes Haus, das so Teures für sie beherbergt hatte, konnte nimmer ihre +Träume verschönen. Stand doch schon über seinem Eingang ein roher +Landsknechtspruch, neu hingemalt: + + Wer so fährt wie ich, fährt boeß. + Meines Vaters Guett hab’ ich versoffen, + Bis auff einen alten Filzhuett. + Der leit da. + Den ofen wer ich aach ball versaufen. + +Die Nacht war kalt und finster. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem +gelben Leuchten und ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und +Persönliches. Vor manchen Hausthüren der Christen standen Männer im +Schein düsterer Lichter und berieten offenbar über die Vorgänge im +Judenviertel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhaßt bei +ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl, +und sie glaubten es nicht zugeben zu dürfen, daß sich der Knecht so +leichterdings frei mache und davonziehe. Freilich, die zu Wucherzins +Verpflichteten rieben sich insgeheim die Hände und beglückwünschten sich +zu den so mühelos errungenen Kapitalien. + +Rahel wagte sich nicht heim. Sie wußte nicht, was sie davon abhielt, +aber ihre Seele verging förmlich in dieser Furcht. Sie wanderte dahin, +ohne über ein Ziel nachzudenken. Sie lebte völlig in einer dunklen +Innenwelt und die Blicke, die sie in die erleuchteten Fenster der +Wohnungen warf, hatten etwas Irres. Wie so oft, ging sie in das Haus des +frommen Elieser Rappaport, der ihr Verwandter war. Die ganze Familie saß +um den großen Tisch herum, sonst waren die Wände ganz kahl, die Schränke +fortgeschafft, Geschirr, Betten, Wäsche und Gewänder. So war es +unheimlich zu sehen, wie die Menschen um das trübe, rauchende Licht +herumhockten, mit blassen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden +Gesichtern, in denen gleichsam nur noch eine entfernte, eine fliehende +Sehnsucht, ein schüchternes Hoffen leuchtete, und wie sie dem Vorlesen +des Elieser lauschten. Und draußen fuhr der Wind herum, und überall +klimperte es und klirrte es und oft blökten ängstliche Rinder oder +wieherten die Pferde. + +Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand +hervortrat. Keiner achtete auf sie, denn man war es fast gewohnt, sie +auf leisen Sohlen hereinschleichen und nach einer halben Stunde +verschwinden zu sehen. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch, der +„Seelenfreude“, welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt +worden war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von +der Stärke des Glaubens handelt. „Einer hat drei gute Freund; einer is +sein Leibfreund, der ander is aach ein guter Freund, un der dritter, den +hat er vor gar nix geacht. Urbizling schickt der Melech, der König, ein +Boten nach den Mensch, er soll geschwind zum Melech kommen. Der Mensch +derschreckt sehr, denkt, was muß das bedeuten, als der Melech nach mer +schickt und fercht sich sehr, un geht zu sein Leibfreund, er soll mit +ihn gehn zum Melech, der will aber nit mit ihn gehn. Da geht er zu den +andern Freund, er soll mit ihn gehn zum Melech, da spricht er, ich will +dich begleiten bis an dem Schloß, aber weiter will ich nit gehn. Da geht +er zu den dritten Freund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er, +ich will mit dir gehn zum Melech un will dich beschermen. Un is mit ihm +gangen zum Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei Freund; einer +das is Geld, der ander, das is sein Weib un Kind, der dritt Freund, den +er vor nix hat gehalten, das is die Thora, die Gebote, die guten Thaten, +das acht der Mensch vor nix. Der Melech das is Got, der Bote das is der +Tod, den schickt Got urbizling, soll dem Menschen seine Seel nehmen. Der +beste Freund das is das Geld, das bleibt derheim, wenn er gleich noch +aso viel hat kann er doch nix mitnehmen. Der ander Freund das is sein +Weib un Kinder, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un weinen, kennen +ihm nit helfen. Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix, der geht +mit zum Melech.“ + +Die Stimme verklang wie in einer Höhle. Es befand sich aber noch ein +Rabe im Zimmer, der von Obadja Änsel aufgezogen worden war, und der +stets eine sehr sonderbare Redensart seines Herrn wiederholte. Er saß +auf einer Stange, duckte sich und krächzte seinen Spruch in die +gelehrtesten Diskurse hinein. Rahel sah den Vogel beständig an, denn ihr +war, als sei ein menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so +ist mein ganzes Volk wie dieser Rabe. Doppelt schwarz und doppelt +unruhig sah er aus im Gegensatz zu den glutgeröteten Gesichtern am +Tisch; mitten im Dunkel saßen alle in einem Lichtkreis wie auf einer +Insel in einem Ozean von Finsternis. + +Gebete und Fasten füllten allenthalben diese Nacht aus. Es gab freilich +manche, die wieder zaghaft geworden waren, und manche, die am liebsten +zurückgeblieben wären, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob +er die Schwächlinge und Feiglinge am Blick zu erkennen vermochte. Es war +erstaunlich, wenn er zu ihnen sprach und sie folgsam wurden wie Hunde, +wenn er seine Augen auf sie heftete und in geheimnisvoller Weise ihre +Entschlüsse formte wie Thon. + +Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Die Erregung in Deutschland +wurde immer stärker. Im Osten häuften sich die Ereignisse in +verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Türkei +zu Gast geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger +und einer großen Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach +Salonichi. Eine ganze Flottille von Smyrnaer Schiffen sei in seinem +Gefolge, Ehefrauen hätten ihre Männer verlassen um seinetwillen, Mütter +ihre Kinder, Jungfrauen und Knaben das elterliche Heim. Gold und +Geschmeide flösse ihm zu wie aus unerschöpflichen Bornen, und die +Khalifen der Bucharei und die Fürsten Afghanistans und die Rajahs von +Indien schickten Perlen und Geschmeide, schickten Gesandte, schickten +Speisen für seine Festmahle, Gewänder von Purpur und Seide und Sammet. +Dergleichen war wie ein Rausch für das ganze Judenvolk der Erde. Ihre +Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude, eine sinnlose +Vergötterung für den Menschengott erfüllte sie und der Jude, der so +leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugänglich ist, vergaß dabei +sein irdisches Gut und alle irdischen Dinge. Engel bliesen auf +Sturmschalmeien und der alte, finstere Gott der Juden, der Moses erhoben +und Pharao gezüchtigt hatte, kam selbst, um dem Messias +entgegenzuschreiten. Darum war es kein Wunder, wenn Zirle sich alsbald +zu ungeahnter Höhe emporgerissen fand. Ihre Seele, im Beginn dieser +Mission ein wenig fremd, entflammte sich im Angesicht des wunderbaren +Mysteriums. Ihr Wesen war nicht keusch, wer ihr gefiel, dem ergab sie +sich, oft mehr aus Mitleid als aus Begierde, denn sie sah die Männer vor +sich zerschmelzen wie Wachs. Dennoch blickte sie mit Schauern hinüber in +jenes heilige Land, wo der Sohn des Himmels ihrer harrte, der so schön +sein sollte, daß niemand ihn anzuschauen vermochte, ohne geblendet zu +werden. Sie empfing auf rätselhafte Art Briefe von ihm, deren Inhalt +ihrem Träumen und ihrem Wachen einen unabsehbaren Kreis von +Glückseligkeit verlieh. + +Einst ging sie am Haus des Knöckers vorbei und sah Rahel unter der Thüre +sitzen. Etwas in dem Gesicht des Mädchens zog sie an, vielleicht die +hilflosen Augen oder der hilflose Mund, der oft ein wenig geöffnet war. +Zirle trat näher, stellte sich vor Rahel hin, nahm ihre Hand und drückte +sie sanft. Rahel schüttelte befremdet den Kopf und lächelte störrisch. +Aber plötzlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten: es war, wie wenn +etwas in ihr zerbrochen wäre: sie fiel auf die Kniee und drückte ihr +Gesicht schluchzend in den Schoß Zirles, die sich schmerzlich +unzufrieden fand, um des Leidens des jungen Mädchens willen. Auf der +Gasse stand Wagen an Wagen, vollbepackt zur langen, schweren Reise. +Darin und in den Mienen der alten Männer, die so besorgt waren, und doch +eine freudige Zuversicht erheuchelten, lag plötzlich etwas +Erschütterndes für Zirle. + +Der Maier Nathan wurde mit jedem Tag unruhiger, fragte seine Tochter, +wann sie denn glaube, daß das Große sich ereignen würde, und holte den +Rat der Frau Pesla, einer erfahrenen Wehmutter, ein, von der noch in +alten Chroniken zu lesen ist: daß sie mit frühem Morgen jedesmal nach +dem Tempel geeylet sei, daß sie viele Jahre weder Fleisch noch Wein +genossen und ohne Betten auf der Erde lag. Wenn der Nathan sein Weib +betrachtete, die sich einer stillen Schwermut so gänzlich ergeben hatte, +daß sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte, so wurde er +recht bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine +Kostbarkeiten. Auch that er alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu +lenken und dies um so mehr, je stärker er die Verachtung empfand, mit +der man ihm begegnete. So errichtete er in einer Nacht einen großen +Scheiterhaufen hinter seinem Haus, setzte ihn in Brand und stand davor +wie vor einem Altar und betete, als das Feuer lohend gegen Himmel stieg. +Entsetzt kamen Männer herbeigelaufen, ihn zu fragen, was dies zu +bedeuten habe. „Ich hab’ Flachs hineingeworfen.“ sagte der Nathan, doch +kein Mensch konnte es verstehen. „Ich faste,“ fuhr er fort, „wegen eines +bösen Traums, und Rabbi bar Mechasja sagt, Fasten ist dem Traum, wie +Feuer dem Flachs.“ Alle schüttelten spöttisch die Köpfe und gingen. Die +Gerüchte, die über Rahel umliefen, wurden häßlich und abenteuerlich und +bald galt sie für unrein; und doch wanderte sie umher wie im Schlaf, +dachte der Wochen, wo noch die Liebe ihren Gang verschönt hatte, wo +keine Nacht saumselig genug war für den frischen Trunk des Glücks, wo +die ganze Welt einem Eden glich, – das aber war vorbei. + +Am Samstag Kreszenz, den 28. November, sollte der Aufbruch stattfinden. +Frühe des Morgens, lange, ehe der Osten sich rötete, versammelte sich +die Gemeinde in der Synagoge. Die heilige Schrift wurde aus der Lade +genommen und der Älteste trug sie mit gesenktem Kopf demütig und bleich +hinaus, während die Kille, Mann hinter Mann betend folgte und der +Schammes oder Schuldiener die Lichter verlöschte, die Thüre fest +versperrte und den großen, hohlen Schlüssel an einem sicheren Ort neben +der Klauß vergrub. Dann hörte man weinen hinter vielen Wänden: es galt +den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung. + +Unfern der Mauer des Gottesackers, da wo heute der Doggelesgarten steht, +kamen die Wagen zusammen. Der Regen wälzte sich daher im grauenden Tag +und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte. Doppelt öde lagen die +weiten Felder in der Dämmerung und die verlassenen Häuser drüben +schienen zu rufen, ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und +Warnendes. Frauen kreischten auf dem feuchten Plan, Hunde bellten, +Kinder wimmerten, die Männer riefen nach ihren Angehörigen und die +Rinder brüllten. Nicht am wenigsten machte sich der Rabe des Obadja +Änsel in dem Tumult bemerkbar. Zigeuner gesellten sich dem Zug bei und +sie wurden geduldet, weil sie als Wegweiser dienen konnten; ihre Weiber +riefen sich ihr gellendes Rotwälsch durch den brausenden Wind zu und aus +einem verschlossenen Zigeunerwagen tönte in seltsamer Unbekümmertheit +eine Geige in langen Mollaccorden. Dann kam ein Bote und meldete, die +freie Reichsstadt Nürnberg gebe den Durchzug durch ihr Gebiet nicht +frei. Das nächste Ziel der Wanderung war daher die Schwedenveste im +Süden und dann weiter Stein und Roßstall. Auch griff die Besorgnis um +sich, die Nürnberger möchten Soldaten aufbieten und die Juden am Abzug +verhindern. Vielen schien es, als ob Geschehnisse sich wiederholten von +vieltausendjährigem Alter. Der Himmel gab ihnen recht; vor allen Plagen +schien die Plage der Finsternis sich vorzudrängen. Der Tag war +angebrochen und doch war es noch Nacht. Die Wege waren durchweicht und +die Wagenräder standen tief im Kot. Zirle, der man eine Art vornehmer +Karosse gegeben hatte, lehnte bleich, mit zuckenden Lippen im Rücksitz. +Im strömenden Regen stand der junge Wagenseil vor dem Gefährt. Er war +wie trunken von seiner Liebe. Unter großer Feierlichkeit hatte er +gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jünger des +Messias geworden. Nun wollte er mit fortziehen, wollte getrost alle +Bande der Heimat zerschneiden, nur um unverwandt in dies wundervolle +Antlitz schauen zu können. Unbeachtenswert erschien es ihm, daß sie die +Braut des Sabbatai war; darin war so viel Überirdisches und +Unsinnliches, daß ihn nichts bei diesem Gedanken beunruhigte. Er wußte +freilich nicht, daß er das Unglück für diese Gemeinde in der Hand trug. +Die stille Gärung unter den Christen des Hofmarkts war vom alten Pfarrer +Wagenseil zur offenen Flamme geschürt worden, und noch im Lauf des Tages +entstand ein geschäftiges Einverständnis mit den Nürnbergischen zur +raschen That. Nur die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen, die in der +Stimmung dieser Tage lag, hatte den feindseligen Arm gelähmt. + +Um den Gottesacker vor frevlerischen Händen zu sichern, wurde das Thor +mit fünffachem heiligem Siegel verschlossen. Gegen acht Uhr wurde +endlich, mitten in der größten Verwirrung durch ein dreimaliges +Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Zigeuner hatten sich +bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten Wagen gemacht und rauften um +Fleisch und Brot wie die Wölfe. Keiner verstand den andern im Tumult; +Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In manchen Augen +tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen unsicheren +und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch rastlose +Geschäftigkeit unkenntlich macht. Der Lärm und das Geschrei erscholl +weit hinaus, scheuchte die Krähen aus den kahlen Feldern empor und die +Peitschen der Kärrner schallten durchdringend bis an den Wald hinüber +und klangen zurück als ein schüchternes, zitterndes Echo. Die Wolken +sahen aus wie zerzauste Leinwand und der ganze Himmel war wie ein +graues, schwankes Tuch. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stießen die +kleine Judengemeinde dieses Dorfes, sowie die von Ermreuth und Bocksdorf +zu dem großen Hauptzug. Bald flatterten schlecht befestigte Zelttücher +im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der Luft herum. Was +half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der Talmudisten? Was +half der strenge Glaube und die sichere Begeisterung? Der finstere +Judengott ließ offenbar nicht mit sich spaßen und streckte seine +grausame Hand herab, daß sie wie eine Mauer vor jenen süßen und +verlockenden Zielen stand, die eine morgenländische Phantasie +heraufgezaubert hatte. Oft stand ein Gefährt fest im dicken Kot und +fünfzig und mehr Männer mußten es unter Anspannung aller Kräfte mit den +Schultern herausschieben. Ein Wagen diente als Betzelt, und in ihm war +auch die heilige Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi und +der Chassan und die Rumpeln und Wolf Batsch saßen herum und sangen +Lieder des Sabbatai. Boruchs Klöß in seinem Wagen hielt sein Weib +umschlungen; eine Art von Mittagessen, eine fettige Mehlspeise, stand in +einer zinnernen Schüssel vor ihnen, aber sie aßen nicht, sondern sahen +beide nur stumpfsinnig hinein in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie +schallten in ihre erbärmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen +mitgenommen, und die Tiere miauten unaufhörlich aus unauffindbaren +Verstecken. Dann wurde wieder das Ächzen des Windes laut; an den +spärlichen Baumalleen der Straße flogen die braunen, nassen Blätter in +einem geisterhaften Tanz umher, und die Äste bogen sich knarrend und +brachen doch nicht. Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen +Dächer, die Achsen wimmerten gleichsam, an vielen Gespannen standen die +Tiere störrisch still und waren nicht fortzubringen, man mochte sie +quälen oder ihnen gütlich zureden. Die ganze Natur war aufgelöst in eine +erdrückende Bangnis. Im Gefährt des Maier Knöcker war es ruhig, denn die +Thelsela kauerte teilnahmslos in einem Winkel und in einem andern Winkel +kauerte Rahel. Nur der Nathan selbst schien froh bewegt. Aus irgend +einem Grund schien er sehr glücklich zu sein, rülpste beständig wie ein +Narr, zwinkerte freundlich mit den Augen und fragte: „Rahelchen, wann +kommt das güldene Mädchen? das himmlische Töchterchen?“ Seine Unterlippe +war sicherlich noch dicker und unförmlicher geworden, und seine Augen +waren hektisch gerötet. + +Endlich erreichte die Karawane den Wald, – nach vier Stunden. Ein +Fußgänger hätte den vierten Teil dieser Zeit nötig gehabt. In sanfter +Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde eine Stunde Rast +gehalten. Der Wald war finster. Damals glich er noch sehr den Urwäldern +der Vorzeit. Es war so dunkel, wie es zu vorgeschrittener Dämmerungszeit +im freien Feld ist, die Zweige trieften vom Regen, der Boden war ganz +schwarz und schlammig. Ein eigentümlich klirrendes oder raschelndes +Geräusch ging wie eine Welle durch den ganzen Wald. Zwischen den Stämmen +in der Tiefe lagerte aufdringlich die Nacht und die Nadeln und das Laub +am Boden waren naß und schlüpfrig. Bisweilen war der ferne Schrei eines +Wildes vernehmbar oder ein Geräusch gleich dem Schlagen einer Axt. Der +Himmel war verschwunden, auch die Ebene war nicht mehr zu sehen, und +Regenschleier und Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren +Bilde. Ein Vogel flog auf und huschte scheu und hastig ins tiefere +Gehölz, in den tieferen Frieden des Waldes. Über dem sumpfigen Grund lag +eine schwere Starrheit, etwas Gelähmtes. Wie fern fühlten sich alle +schon der Heimat, ihren Gärten, ihren Häusern, dem Bereich ihrer +Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem +dicken Wolltuch geschützt, an einer Buche. Wohl war sie stumpf und müde, +doch fühlte sie etwas in sich, das sie merklich von allen unterschied; +sie fühlte sich edler und besser, gleichsam geweiht durch die vergangene +Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich, +täglich mehr, täglich erschreckender, und doch war es so märchenhaft und +unglaubwürdig, dies zu tragen, daß die Seele stark wurde und sich +aufrichtete, als sei sie selbst etwas Körperliches. Sie trug die Zukunft +im Schoß, ein neues Geschlecht, Kämpfer später Zeiten. + +Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Es ging zur Höhe, wo die Veste +stand, von wo man ins Thal der Regnitz gelangen konnte. Männer und +Weiber waren ausgestiegen und schleppten sich zu Fuß. Viele der Kärrner, +die für schweres Geld gemietet worden waren, weil die meisten jüdischen +jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren verstanden, und die an der +nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mußten, machten schon +bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Frauen trugen ihre Kinder auf +dem Rücken, in Tücher eingehüllt. Wie langsam und mühevoll ging es +hinan! Das Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft, die Zigeuner +heulten durcheinander, daß es rings wiederhallte wie in einem Kessel, +und als einmal eine Wildsau über den Weg rannte, kreischten die +furchtsamen Weiber durchdringend auf, und auch viele Männer wurden blaß +und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Höhe begannen die +Steinbrüche, die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft +und ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrüpp und überhängende +Äste aus dem Weg zu räumen, und man mußte vorsichtig sein, damit kein +Rad dem Abgrund eines Steinbruchs zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes +Wasser, und es schien brunnentief zu sein. Der Regen bildete enge Ringe +und der Himmel sah hinein und spiegelte sich darin mit düsterer Stirn. +Schutt und Geröll und unbehauene Steine lagen umher; allenthalben gab es +Löcher und tückische Schluchten, und das Heidekraut wuchs an den Hängen +und die Brennessel. Wie große Ruinen waren diese Brüche, wie die +zerstörten Häuser von Riesen, und sie hatten dazu etwas so frisch +Verlassenes, daß man oft aus einem Abgrund den ungeheuren Leib des +Bewohners auftauchen zu sehen glaubte. + +Es ward Abend. Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen +des Weges, oder im Weggraben, und die Räder fuhren hinein, und das +Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war es und zugleich unheimlich, +daß noch keiner an eine Umkehr dachte, da sie doch nur Peinigungen und +Mühsale vor sich sahen. Sie blickten unerschüttert hinaus in diese +mysteriösen Weiten, und es war eine dumpfe Ergebung, die sie so +hinwandeln hieß, verstummt vor dem unhörbaren Gebot dieses Hüters in der +Ferne. Wühlten Zweifel in ihrer Seele? Waren sie zu müde, mit ihren +Zweifeln sich abzufinden? Zu stoisch oder zu sklavisch, den Willen jener +Idee zu brechen? Zu feige, um sich bloßzustellen durch Ahnungen? Wer +kann es wissen. Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen. Als es +dunkler und dunkler wurde, erhob sich ein ungestümer Sturm. Die Stämme +erzitterten, viele Pechfackeln verlöschten und die Funken flogen +beängstigend gegen die Kronen der Bäume. + +Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten +von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale. +Der ganze Wagenzug stand fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares +Schweigen, eine wahre Totenstille entstand im Nu. Alle wußten, was +nun kommen würde, und sie waren so feig, daß sie förmlich +zusammenschrumpften vor Angst. Da oder dort, in einer Lücke des Gehölzes +erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürgersoldaten, +beleuchtet von den Fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten. +Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den matten Zug der Auswanderer; +sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil geworden +war. Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte: zu den Waffen, zu den +Waffen! Es war ein heiserer Schrei, halb erstickt durch die Erkenntnis +der Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts. Da krachte schon eine Flinte, +schwer und donnernd; der greise Rabbi Elieser sank, ohne einen Laut von +sich zu geben, ins schwammige Erdreich, und sein altes Blut floß +ungehemmt dahin und mischte sich mit dem Regen. Jetzt wurden die Gemüter +aufgerüttelt. Sie fühlten, daß es nicht nur die Freiheit war, die sie +jetzt erringen sollten; hier stand der Jude vor dem Christen, Glaube +gegen Glaube. Viele waren plötzlich wie betrunken. Sie stürzten zu den +Wagen, packten, was sie gerade fanden: ein Küchengerät, einen Strick, +eine Latte, einen Eisenstab, einen Besen, eine Flasche, ein altes +ehernes Thürschloß, Lenkriemen für die Pferde, Steine, Stöcke und +Baumäste, das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter +Landsknechte. Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht, +aber da sie nicht mit der Hantierung vertraut waren, ergriffen sie sie +vorn am Lauf und schwangen die Kolben drohend in der Luft. Doch schon +knallten die Nürnberger von allen Seiten ihre Gewehre los und ein Knabe +und zwei Frauen folgten dem armen Elieser in den Tod. Die Weiber +begannen ein herzzerreißendes Weinen; das Schluchzen muß tief in den +Schoß der Erde gedrungen sein, denn noch heute hört man es zur Nachtzeit +in den Wäldern dorten. Die Zigeuner allein verstanden zu schießen, aber +sie hatten kein Ziel, denn die Pferde der Angreifer waren überaus +unruhig und sprangen förmlich gequält von Baum zu Baum, während sie im +Fackelfeuer ihre eignen Schatten vor sich tanzen sahen. Viele alte +Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen, wo die heilige +Schrift sich befand, küßten die Schrift mit bebenden Lippen und beteten +ein Schemenesre und sangen Psalmen. Die Kinder verkrochen sich unter die +Räder und waren gänzlich betäubt vor Schreck. Einer der Angreifer schrie +auf seinem bockenden Gaul etwas von Ergeben und Umkehren, aber seine +Worte verhallten, worauf er Befehl zu neuem Feuern gab. Nun mußten +Boruchs Klöß und Wolf Bieresel an den finstern Tod glauben und fielen +hin und streckten sich aus zu jenem langen und gefürchteten Frieden. Die +Verzweiflung erschafft sich eine wilde Soldateska. Mit ihren grotesken +Waffen liefen die Juden auf ihre grausamen Feinde zu und fürchteten +weder Sterben noch Wunden. Sie sahen nicht mehr, sie waren wie im +Rausch, sie schrieen hebräische Worte und ihre wunderliche Kleidung gab +ihnen etwas Gespensterhaftes. Ein Teil stürzte zu Boden über Knorren und +Wurzeln, denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig, die nassen Zweige +schlugen ihnen ins Gesicht und dann lagen sie da und wälzten sich in +konvulsivischen Zuckungen. Nichts mehr schien zu helfen, eine blutige +Nacht schien im Nahen zu sein, da gellte plötzlich eine wie toll +kreischende Stimme: Feuer! der Wald brennt! Und: der Wald brennt! der +Wald brennt! lief es weiter in der Kette. Die Tannenstämme am zweiten +Steinbruch waren wie von innen erleuchtet durch eine dicke gleichmäßige +Glut. In der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor, ruhig +und blendend. Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen, die +nassen Blätter glänzten, das nasse Moos. Bis in den Grund der +Steinbrüche leuchtete der Brand. Schlängelnde Flammen spiegelten sich +jäh im nachtschwarzen Moorwasser. Aufsteigend und aufsteigend wie aus +einem unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der +Feuersbrunst. Das feuchte Holz prasselte und knatterte, die Flammen +leckten gierig von Baum zu Baum, angetrieben durch den sausenden Sturm, +der von den Feldern herauffegte. Es wurde drückend heiß; als ob sie aus +den Wolken hervorgetreten wären, erschienen die Ruinen der Schwedenveste +zwischen den Feuern. Schrei auf Schrei erschallte, Schreie gräßlicher +Angst, wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher vernommen +hat. Die Gäule der Landsknechte heulten mit jenen Tönen, die stundenweit +ins Land dringen, und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch +Gestrüpp und über Felsen. Ein junger Reiter, der Sohn des Nürnberger +Stadtschreibers, blieb mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen, +während das tolle Roß weitersauste zur Tiefe. Hilflos, mit stets +schwächer werdenden Rufen hing er wie einst Absalom und mußte die +Flammen heranschleichen sehen und ihn belecken bei lebendigem Leib. +Unter den Juden war die Verwirrung so groß geworden, daß viele +geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten; die mit Pferden +bespannten Wagen rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und +wurden halb zerschmettert; schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken +und die Zigeuner machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen selbst +jetzt noch, was ihnen unter die Faust kam. In der größten Ratlosigkeit +erschien Zacharias Naar. Er stellte sich vor die Fliehenden, erhob die +Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen. Er führte sie so sicher durch +die Flammen, als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Durchzug frei gäben und +alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten, und ruhig zogen die Fuhrleute +die Wagen nach. + +Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloßen +Diele. Rahel, durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert, war mit +einer Frühgeburt niedergekommen. Sie lag regungslos in der Ecke auf +nacktem Stroh, während draußen der große Tumult wie Laute aus einer +fernen Welt, wie durch Mauern zu ihr kam. Sie wußte kaum, wie sie es +hatte ertragen können, und doch war ihr jetzt so gut. Sie hörte, wie die +beiden Ochsen vor dem Gefährt gutmütig blökten; ihr dünkte, sie sei +wieder bei ihrer alten Tante in Rot, wie vor zwei Jahren. Ein feiner +Lichtschein, der stärker und stärker wurde, fiel in den Raum, aber auch +das vermehrte ihr Wohlbehagen. Es war ihr, als stünde der Geliebte neben +ihrem Lager und streichle sie, und sie sah einen alten, gepreßten +Lederdeckel vor sich schweben, den sie oft in seiner Wohnung gesehen +hatte, und der etwas Fremdes und Liebliches, etwas Märchenhaftes an sich +hatte. Er hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen, aber was war ihr +der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der +bitteren und leidenschaftlichen Liebe, die sie empfunden! In ihr sang +und klang es stolz von alten Liedern mit einem süßen, hallenden +Kehrreim, da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart umhaucht und die +stille Nacht von Liebe schwer ist. + +Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von +Zacharias Naar ins Thal. Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem +Neugeborenen und achtete nicht das durchdringende Quietschen des Wurms. +Er war völlig zusammengebogen, der Nathan, und schien nur noch ein +Haufen von Kleidern. Er hatte die Fäuste geballt wie zum Schlag und +bisweilen zitterte er am ganzen Körper. Das Wesen, das vor ihm sich +wand, war ein Knabe. Sonst vermochte er nichts mehr zu denken. In seinem +Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster. Ihm +gegenüber saß sein Weib. Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt. Sie +war durch nichts bewegt worden. Es schien, als könne sie durch nichts +mehr in der Welt überrascht werden, nicht durch Reichtum und Kleinodien, +nicht durch Schmerzen und die Wandlungen des blinden Schicksals. + +Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende +Höhe und in den glühenden Himmel. Scheu wichen sie zurück vor den Juden, +die sich langsam zu sammeln begannen. Aus allen Richtungen kamen die +Verstreuten und fanden sich mit Freudenrufen ein. Für die Nacht wurde +ein Lager bereitet; die Zigeuner, deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre, +waren spurlos verschwunden. Zacharias Naar stand sinnend an einem +Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem Werk zu: dem brennenden Wald. + +Noch in der Nacht kam eine große Menge von Bauern, mit Sensen, Beilen +und Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter großen +Opfern an Gold und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden. +Der Rest der Nacht verlief ruhig; aber am Mittag des nächsten Tages +wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen, um den +Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in +den Schutz der Markgrafen von Onolzbach zu begeben. Der Vormittag sollte +der Bestattung der Toten gewidmet werden. Das Kind des Wolf Batsch und +die Frau des Samuel Ermreuther waren in der Eile im Wald liegen +geblieben und ihre Leichen waren verbrannt. Die Familie des Elieser war +die ganze Nacht wach geblieben, war an der Leiche des Greises gesessen, +während die Frauen an den Sterbekleidern näheten. Auch in den andern +Wagen, in denen es Verstorbene gab, blieb das Licht brennen zu den +aufrichtigen Thränen der Trauernden. Oft klang der Schrei des Wildes aus +der Höhe des Waldes herab, wo sich das Feuer beruhigt hatte; über der +Ruine lag eine schwere Rauchkrone, und die noch glimmenden Stämme +leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein. + +Der Morgen kam mit dichtem, regungslosem Nebel. Die Gräber waren rasch +gegraben, denn das geschieht bei den Juden mit Hingebung, weil sie alles +für ein gutes Werk ansehen, was für einen Verstorbenen geschieht. Die +Weiber mußten in der Behausung bleiben, sie durften nicht mitgehen bei +Begräbnissen, außer den nächsten Blutsverwandtinnen, und denen durfte +sich während dieser Zeit kein Mann nähern, weil es hieß, der Engel des +Todes tanze mit dem bloßen Schwert vor den Weibern her. Bevor der Körper +in den Sarg gebettet wurde, begoß man ihn dreimal mit Wasser, und ein +alter Chronist sagt schon, daß dies etwas anderes bedeute, als eine +äußerliche Reinigung. Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten: +ich will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von eurer +Unreinigkeit, und von all euren Götzen will ich euch reinigen. Und als +die Begießung geschehen, faßte der Chassan den Körper bei der großen +Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft der Menschen völlig auf. Dann +wurde der Leichnam mit weißen Kleidern angethan, sein Haupt wurde mit +dem Tallis bedeckt und also angekleidet wurde er in den Sarg gelegt. Die +Zizis, die nicht vergessen werden durften, sahen ein Stück aus dem Sarg +hervor. Und weil die Juden alle Erde außer der Erde Kanaans für unrein +achten, so bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weißen Erde, die +aus dem heiligen Land sein soll, und auf die Erde legten sie zerbrochene +Scherben von Töpfen. Und dann wurde der Sarg zum Grab getragen, und es +war üblich, ihn auf diesem Weg dreimal niederzusetzen. Und jeder Freund +warf drei Schaufeln Erde in das Grab, und der nächste Blutsverwandte +zerriß seine Kleider. Der Totengräber nahm dabei ein Messer verkehrt in +die Hand und schnitt oben einen Riß in das Kleid dieses Leidtragenden, +der dann den Riß mit der Hand vollendete. + +Bald waren die Bestattungen zu Ende. Die Sonne brach hervor aus den +Nebeln, und leuchtend lag alles Land da. Langsam schritten die +Leidtragenden zurück, und sie wuschen dreimal ihre Hände, weil sie sich +mit dem Tod verunreinigt haben. Und manche rissen auch dreimal Gras aus, +um es rückwärts hinter sich zu werfen. + +Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen, daß Maier +Knöcker, der Nathan, gänzlich in Wahnsinn verfallen sei. Der Eindruck +dieser Kunde war nicht tief, um so mehr, als Zacharias Naar vor dem +Aufbruch in Worten von eindringlicher Kraft den Mut und die Zuversicht +schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel. Sie vergaßen Not und Mühen +wieder und weihten sich gänzlich dem Glauben an die große Zukunft, an +die Macht und Unumstößlichkeit all dieses Langgehofften, Langentbehrten. +In solchen Stimmungen des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose, die +blaß und kümmerlich aus den Feldern grüßte, als ein Freudezeichen, jeder +frühe Sonnenstrahl hatte etwas Berauschendes, Liebenswürdiges und +Ergreifendes an sich. Der eine Mensch macht den andern gut und froh; es +ist ein stummes Zureden unter ihnen, ein wortloses Sichbestärken. Es +ist, als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des Rechtes, +zum Dienst des Glücks, und wenn einer ein fallendes Meteor in der Nacht +gewahrt, ist es ihm eine Glücksbürgschaft für Tage, für Wochen. Es giebt +Perioden in der Geschichte der Menschen, die etwas Nervöses und +Zuckendes an sich haben, ein Hintaumeln von der Schlucht zur Höhe, ein +bewußtloses Berauschtsein; da wachsen dann Menschen, die etwas von der +erschreckenden Empfindlichkeit junger und feuriger Pferde haben, und +denen ein seltsamer Morgentraum die Begeisterung zu großen Thaten +verleihen kann. Denn an sich giebt es keine Freuden und giebt es keine +Erlösungen in diesem wunderlichen Labyrinth von Schicksalen, in dem wir +leben. + +Mit gutem Mut zogen die Juden im Schein der Herbstsonne gegen das Thal +der Rednitz hinunter. Drei Wagen, – die des Obadja Änsel, des Hutzel +Davidla, des Simon Fränkel, – waren schon früher aufgebrochen und +bildeten gleichsam die Vorhut. Sie fuhren nicht mehr so langsam wie am +vorhergehenden Tag. Die weißen Wagendecken leuchteten freundlich in der +Landschaft, der Wald stand in seinem matten Grün wie eine niedere Wand +am Horizont, der Himmel war klar und rein und lichtbegossen, und das +Licht strömte verschwenderisch über die Gefilde. Drüben, weit drüben, +lag die alte Kadozburg und auf der andern Seite, noch weiter, kaum noch +als zarte Silhouette erkennbar, das Kaiserschloß von Nürnberg. + +Da sah der Hauptzug, wie seine Vorhut im Gelände stille hielt. Der Maier +Lambden hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl +fremder Wagen, die aus einem Gehölz herausgefahren kämen, das sie bis +jetzt bedeckt habe. Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke und sahen +aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; denn sie +fürchteten einen neuen Überfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche +Augen hatte, sagte, es seien Leute, die eine ungewohnte und +fremdländische Kleidung trügen; aber er hielte sie für Juden. Dann sagte +er, Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane entgegen. +Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit mit +einander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja Änsel die Arme +ausbreitete wie ein Ertrinkender und dann hinfiel wie ein Stock. Und +dann liefen zwei nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen +auszubrechen und gebärdeten sich wie Verrückte. Zirle stand und schaute +unablässig in die Ferne, wo diese Scenen sich ereigneten und plötzlich +stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, als ob sie alles durch +die Lüfte vernommen hätte, und sank vom Wagen herab. Die vordersten +Wagen kehrten um, kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein +lähmender, tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so +wanderungslustigen Menschen gelegt. + +Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten. + +Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene +Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur das dunkle +Bild des Geheimnisvollen und Rätselhaften hinterlassen. Wenn nicht seine +außerordentliche Schönheit die Welt betrunken gemacht, so war es doch +der Zauber seines Geistes, die Größe seiner Seele oder das Hinreißende +seiner Worte. Oder wäre es nichts dergleichen gewesen? Es giebt Stimmen +aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder einem schlechten +Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder einem +banalen Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen +kennen? Oft ist die Geschichte wie ein dummes Frauenzimmer und läßt sich +bethören von der Fabel und von der Fama und das ist gut, denn wie sollte +der arme Nachgeborene die Fülle erdrückender Wahrheit ertragen, die sie +ihm sonst nicht vorenthalten könnte? Der Grundpfeiler alles dessen, was +besteht, ist die wohlthätige Lüge. Wenn in Polen ein Froschmensch zur +Welt kommt und der Türke macht einen Gottmenschen daraus, so ist das +nicht weniger wichtig, als die wahrhafte Mission eines Heilands. + +Der fremde Zug, der den Weg der Fürther Juden so jäh gehemmt hatte, war +ein kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold +des Landes verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war groß +und kann nicht in den herkömmlichen Worten beschrieben werden. Es war, +wie wenn ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt, auf den man alles +gesetzt, von dem man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war +schlimmer. Es war mehr wie der Tod, schrecklicher wie der Tod, etwas, +das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in einem grellen Bild zeigte. Die +Juden sind ein starkes und störrisches Volk; doch sind sie nur groß, +wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind nicht lange groß, +denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne Größe. Auch +Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden, ein +Stück Judenschicksal: Macht oder Sklaverei. + +Viele zogen wieder nach Fürth zurück. Einige Familien der +österreichischen Vertriebenen, die große Not litten, und furchtbare +Entbehrungen hinter sich hatten, siedelten sich nebst einigen jungen +Leuten aus Fürth in dem stillen Thale an. Bei ihnen blieb Thelsela, das +Weib des blödsinnigen Maier Nathan, mit ihrer Tochter und ihrem Enkel, +der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde, von dem in den +folgenden Blättern die Rede ist. Die Thelsela war zu müde geworden, nach +der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren, an der Seite der Christen +zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelitten, an die Reihe ihrer +Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben +ein neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; sie war auch nicht die +Frau, viele Worte um das Leben zu machen. Sie trug knechtisch und trug +still. Sie war vernünftig geblieben, doch ihre Vernunft hatte etwas +Dunkles, Bitteres und Lehrhaftes. + +Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach +gegründet wurde, hieß zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die +einwandernden Christen in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die +Felder um ihn herum waren fruchtbar und voll Segen und waren stets +bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben. Schön ist dies Land +und voll von unmittelbarer Poesie für den, den es geboren hat. + +Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden. Ihr Leben +verlor sich in eine Folge von Sagen und schließlich wurden auch ihre +Thaten märchenhaft. Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte, und +eine neue Zeit kam. Und das Kommende war immer größer, freier und +vollendeter, als das Vergangene, und der Jude, anfänglich nur Knecht, +wert genug, den Fußtritt des übelgelaunten Herrn zu empfangen, that +seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die Geheimnisse +dieses Herrn. Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die +Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege, und oft +verrichtete er ungesehen wahrhaft kaiserliche Dinge, wenn die Monarchen +schliefen und die Minister schwach waren. Sabbatai wurde ein Moslem, und +manche sagen zum Schein. Der Jude wurde ein Kulturmensch, und manche +sagen zum Schein. Manche sagen, der Verderber und der Verführer sitze in +ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als ihre Erbauer. Dies +ist sicher: ein Schauspieler oder ein gütiger Mensch, voll innerlicher +Schönheit und doch häßlich; lüstern und asketisch, ein Charlatan oder +ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist +der Jude. Hat ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz +oder der Erfolg? Gott allein weiß es. Vor den Blicken thut sich ein +unermeßliches Bild auf, denn das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen +einer einzelnen Person: sein Charakter ist sein Schicksal. + + + + + Die Juden von Zirndorf + + + Erstes Kapitel + +Im Jahre 1885 fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage +nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete unaufhörlich bis +über die Mitte des August hinaus. Die Saaten gingen völlig zu Grund +dabei, und zu Ende des August war alles Land, das durch den Ring der +Dörfer Poppenreuth, Kalkreuth, Buch, Altenberg, Kadolzburg, Zirndorf, +Bach und Unterfarrnbach eingeschlossen ist, ein einziger See. Sogar noch +weiter, bis ins Thal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und +nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und +gurgelnd schlug das Wasser gegen den Eisenbahndamm in Fürth, als ob er +zornig wäre, daß es so hoch nicht reichen konnte. Der Frohnmüllers-Steg +war weggerissen, ja sogar die stärkere Brücke, die nach dem Weiler +Dambach führt; die Badeanstalt war gänzlich zerstört; tagelang sah man +die Bretter und Balken und die kleinen Schindeldächer der zerrissenen +Hütten die Strömung hinuntertreiben. In der Fischergasse und in der +Pegnitzgasse und am Schießanger und in all den kleinen Winkeln beleckte +das Wasser die Häuser, füllte die Keller, und schlug drohend an die +Schwelle mancher kleinen Krämerei oder Metzgerei, oder an die niederen +Simse der Goldschlägerwohnungen, deren Gehämmer sonst lustig und mit +anziehender Taktmäßigkeit den ganzen Tag erschallte. Wenn die Weiber des +morgens zum grünen Markt wollten, mußten sie in Booten fahren fast bis +zur Stadtwage hin, und sie standen dabei viel Angst aus. + +Wie eine große, gebirgige und geheimnisvolle Insel sah der Vestnerwald +mit seinem viereckigen Turm in das überschwemmte Land. Wenn man von dort +aus gegen Zirndorf hinunterblickte, sah es aus wie der Ozean selbst; nur +ein paar Pappelbäume oder die Bäume einer Obstanpflanzung oder weit in +der Ferne quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen, oder der hohe +Pfahl, worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird, +ragten aus dem Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche +Bewegung wie ein matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum größten Teil +verschont geblieben, weil es etwas höher lag. Kein Rauch stieg aus den +Schloten der Ziegelei am Eingang der Hauptstraße. All die roten Dächer +sahen gleichsam ergeben in das helle Grau des Himmels, und die Raben, +die hoch in der Luft mit unruhigerem Flügelschlag als sonst dahinzogen, +hatten etwas Schmerzliches, ja vielleicht Verzweifeltes in ihren +plötzlichen gellenden Schreien. + +Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten, +besonders zweien: Sürich Sperling, dem St. Sebalderwirt und Martin +Ambrunn, der die „gläserne Burg“ innehatte. Auch das Turnerfest war auf +den nächsten Sommer verschoben worden und die Fürther Kirchweih stand +vor der Thür; da würde ohnehin wieder alles Geld in die Stadt wandern. +Als der Burgwirt keinen Ausweg mehr sah, schickte er bei allen Juden +herum und ließ sagen, daß er von nun ab auch koscheres Fleisch zum +Aushacken bringen werde und daß der Schochat die üblichen Formalitäten +vornehmen werde. Auch der Bauer litt schwer unter der Wassersflut und +mancher, dem bislang eine selige Thalerfülle im Beutel geklappert, +schlich nunmehr gebückt und finster ins Wirtshaus, um daselbst seinen +ganzen Groll gegen die Zechbrüder auszuleeren. Zwischen den Dörfern +Altenberg und Zirndorf, die sehr nahe beieinanderlagen, wurde der +Verkehr durch Boote vermittelt, und an einem Donnerstag war es, die +Wolken hingen niedrig, waren zerzaust und regenschwer, fuhren zwei Kähne +ungefähr gleichzeitig, der eine von Zirndorf, der andere von Altenberg +ab und befanden sich einander in Sehweite, noch ehe jeder hundert Meter +zurückgelegt hatte. Der Wind strich übers Wasser und warf kurze, +lautlose Wellen auf, so daß ein nervöses Leben in die starre Fläche +geriet. In kleinen Entfernungen erhoben sich die Chausseebäume aus der +Flut, und das dünne Zweigwerk hing wie trauernd nieder und wurde vom +Wasser bespült. Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote näherten +sich rasch; aber das von Zirndorf kommende, in dem Sürich Sperling, +seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frühwald +von Fürth und ein ganz fremder, vornehm aussehender junger Mann saßen, +glitt viel schneller dahin als das andere. Sie waren sich auf zehn +Schritte nahe gekommen, und Sürich Sperling schrie eine Warnung hinüber; +doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme, und es hatte den +Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten +wichen furchtsam aus, aber Sürich Sperling, der das aus einer alten +Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des +Kahns gegen die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stieß +dadurch ziemlich heftig an einen Baumstamm. Gleichzeitig ertönte ein +entsetzlicher Schrei aus fünf oder sechs Kehlen, und ein junger Mensch +von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber ins Wasser. „Laßt das +Judenpack versaufen,“ krächzte Sürich Sperling, und die zwei Knechte und +Herr Frühwald begannen zu lachen, während sie hastig davonruderten. +Selbst der schwarzbärtige junge Mann grinste, offenbar nur um seinen +Reisegefährten gefällig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Stumpf +der Zigarette ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der +Stelle des Unglücks hinüber. Etwas Düsteres und Drohendes glomm in +seinen Augen, doch war es kaum klar, gegen wen sich solche Gefühle +kehrten. Sürich Sperlings Boot fuhr erbarmungslos davon, und sie +überließen es den jüdischen Männern, den Verunglückten aus dem Wasser zu +ziehen. + +Dort herrschte große Ratlosigkeit, der leichte Kahn wurde vom +anschwellenden Wind und von einer leichten Strömung fortgetragen, und +die Köpfe waren so verwirrt, daß der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und +der andere es dorthin lenkte. Keiner konnte schwimmen. Wasser war ihnen +das unfehlbar totbringende Element; und als Elkan Geyer in heller Angst +um seinen Sohn doch den Rock von sich warf, um in die Flut zu springen, +hielten ihn sechs Arme zurück, wobei das Boot fast zum Kippen gekommen +wäre. Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus. Agathon +tauchte aus dem Wasser empor, erfaßte den weit überhängenden Ast eines +Birnbaumes, und mit bewundernswerter Kraft hatte er auch die andere Hand +an den Ast geklammert. Dann schnellte er aus dem Wasser und kletterte +mit der Behendigkeit eines Affen ins dichtere Gezweig des Baumes. Als er +droben saß, streckte er seinen Kopf wie aus einem Korbgeflecht heraus +und sah hämisch ins Boot. „Komm, komm, Agathon!“ rief Elkan Geyer mit +der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewußten. + +„Mag nicht!“ schallte es kurz zurück. + +„Aber Aga, so komm doch!“ bat Elkan erschrocken. Er kannte den +wunderlichen Starrsinn seines Sohnes. + +„Ich will aber nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.“ + +„Aber Aga, deine Kleider sind naß, und du wirst totkrank werden.“ + +„Gut, dann will ich totkrank werden.“ + +„Lieber Junge, jetzt hopp!“ rief Isidor Rosenau entschlossen und +befehlend. + +„Ich will euch etwas sagen,“ erwiderte Agathon sehr ernst. „Ich werde +warten, bis Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird, und wenn +es morgen wird. Ich will ihm sagen, daß er ein Hund ist, ich will ihm +sagen, daß er es büßen muß. Ihr, ihr laßt euch ja alles gefallen. Euch +dürfen sie die Ohren abreißen, dann küßt ihr ihnen noch die Hand. Bloß +daheim könnt ihr schimpfen.“ + +„Aber Aga, so komm doch,“ flehte Elkan Geyer. „Du kannst doch nicht da +droben sitzen bleiben bis in die Nacht, chaas we Scholam, Gott behüte.“ + +„Ja, ich bleibe sitzen,“ beharrte Agathon und seine Augen funkelten. + +„So a Meschuggas!“ rief Isidor Rosenau entrüstet. Und er packte sein +Ruder und stieß den Kahn vom Baum. Elkan Geyer schlug jammernd die Hände +zusammen und bat, man solle doch zurückfahren und einer solle den Baum +erklimmen. Aber die andern lachten ihn aus. „A Chutzpa von dein Jung, +wahrhaftig a Gemeinheit,“ sagte Bärman Schrot. „Was haste dei Jeleth nit +besser gezogn? Meins thät so was nicht. Cholilah, ich schlagets tot.“ + +Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig +auf die Landung, um allein wieder zurückfahren zu können. Er saß da, den +Kopf in die Hand gestützt, und sah verträumt hinaus gegen den Horizont, +wo ein leises, trübes Roth die Wolken zu säumen begann, das sich auch im +Wasser spiegelte mit einem seltsam schwanken Schein. Es war überhaupt +etwas Verträumtes in seinem ganzen Wesen; in seinem Blick lag eine +flehende Hilflosigkeit; sein frühergrautes Haar mochte Zeuge davon sein, +wie er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn +es andere fortwarfen, hob es Elkan Geyer erst auf, und er wußte seine +Angelegenheiten immer von einer Seite anzugreifen, von wo sie mißlingen +mußten. + +Agathon fror auf seinem Baum erbärmlich. Aber er verzog keine Miene, +wenn er auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht, +als gälte es, sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Unten gluckste +das Wasser; wenn man lange hinlauschte, war es, als plauderte es immer +in demselben müden Rhythmus mit hellen, wiederkommenden Lauten. + +In diesem Augenblick hatte er eine seltsame Erscheinung. Aus dem Wasser +hob sich ein Körper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht +fast sehnsüchtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf +und die Arme Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung. +Und daneben zeigte sich ein kleines Männchen, spitz, winzig, mit einem +gefälligen Grinsen auf den Zügen, in beständigen Verbeugungen begriffen, +und er reichte der großen Gestalt die Hand. Aber wie diese die Hand +nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich angstvoll zurück, +strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst, der in der Ferne über dem +Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und +atmete tief auf, als er dann nichts weiter sah als die glatte Fläche, +und kein Geräusch weiter vernahm als das klagende Glucksen des Wassers. + +Als es zu dämmern anfing, wurde ein klatschender Ruderschlag hörbar. +Elkan Geyer kam. Agathon zögerte nicht (umsoweniger, als sein Vater +allein war) und ließ sich, nachdem er flüchtig den Horizont abgeguckt, +ins Boot hinab. Sie fuhren heim auf der stillen Fläche, über die es +langsam hindunkelte, und sie sprachen kein Wort miteinander. Die Krähen +flogen ums Boot, lautlos und geängstigt, und bisweilen war das Wasser +von einer Schicht gelber Blätter bedeckt. Die Röte am westlichen Himmel +glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige +Wolken lagerten dort, die großen, sensenschwingenden Männern glichen. Am +Kirchhof landeten die beiden, schritten die kotige Straße des Dorfes +hinauf und waren bald daheim: in diesem kleinen, grüngestrichenen +Häuschen, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jedem +Augenblick zusammenzubrechen schien. Das Dach drückte schwer auf Giebel +und Mauern, und die Fenster waren so unregelmäßig gebaut, daß sie leicht +den schielenden Augen eines Menschen zu vergleichen waren. Elkan Geyer +schritt durch den langen, finstern Gang mit den brüchigen +Ziegelsteinfließen, an vielen Thüren vorbei in die Kammer, wo die +Obstvorräte und Spezereien für den kleinen Kramladen aufgestapelt lagen. +Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte da: es roch nach +frischen Äpfeln und nach alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach +eingemachten Früchten, nach Essig und nach Konserven, nach geräuchertem +Fleisch und nach Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und +düster-grünes Tuch war über große Kasten gebreitet. + +Agathon war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzündete und +dann bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute. Mit seiner müden +Stimme begann er zu reden, daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter +machen könne, als er es thäte, und wie er, Agathon, sich eigentlich die +Zukunft vorstelle? Daran läge jetzt alles, mehr als alles; das sei +bitter ernst und er, Elkan, werde ja jetzt alt und es werde ihm schon +schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch dürfe er sich ja nicht +schlecht benehmen gegen Sürich Sperling, denn er, Elkan, sei tief +verschuldet bei diesem Mann, so daß er sich keinen Rat in der Welt mehr +wisse. Niemand wolle helfen, auch der Großvater nicht, Enoch Karkau, der +es doch sicherlich vermöchte. Elkan Geyer sagte gewiß mehr, als er +beabsichtigte; er bemerkte endlich, wie Agathons Glieder zitterten, +vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm, +sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, daß die Mutter nichts +merke. + +Gedankenvoll ging Elkan Geyer hinaus in den kleinen Hof, der zwischen +Haus und Gemüsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war, +traf er seinen alten Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Karkau +war zweiundachtzig Jahre alt, aber er übte noch immer sein Handwerk als +Seiler aus. Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth, war +schweigsam und mürrisch, und niemand konnte ihn auf mehr als sechzig +schätzen. Zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach +geschlafen, niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf +verlassen. Hier war ihm jeder Stein bekannt und die ganze übrige Welt +war für ihn ein Gleichnis. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem +Gold, und Gefühlen anderer Art war er gänzlich verschlossen. Die Welt, +in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er dachte auch nicht an den +Tod. Er war fromm, d. h. er ging allmorgendlich zum Gottesdienst, sowie +jeden Abend, um den Tallis, den er seit neunundsechzig Jahren um die +Schultern legte, von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Gebetbuch mit +den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen. Das war für ihn +eine tote Pflicht geworden, über die man nicht nachdenkt. Der Lauf der +Welt war ihm gleichgültig. Die Stürme, die um die Mitte des Jahrhunderts +die Völker hatten erbeben lassen, der Bürgerkrieg im Innern achtzehn +Jahre später, er hatte kaum danach gefragt; der Kampf der siebziger +Jahre, obwohl er einen Sohn dabei verloren hatte, war für ihn ein +„Muschikaam“ gewesen, eine Narretei. So hatte er sein langes Leben +gelebt und war alt geworden. + +Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von +Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins +war blutrot und leuchtete selbst durch die Dunkelheit. Von der +„gläsernen Burg“ her erschallte das Geschrei der Zecher, und einer war +es, der mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe +Melodie sang: spinn’ spinne Töchterlein. Die Abendglocken begannen zu +läuten; bald klang es fern, bald klang es nah, und jeder, der auf der +Straße ging, klaubte sich unwillkürlich seine eigene Weise zusammen aus +den abgehackten Tönen. + +Enoch Karkau hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne +angezündet, holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdärmen angefüllt war, +und bedeckte sie mit einem runden, tellerartigen Holzsturz, den er zur +Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs +versehen hatte. + +„Nun, Vater“, flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des +Alten, die mit großen, braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren. + +Enoch schwieg. + +„Und wenn’s Jette erfährt?“ murmelte Elkan. „Schließlich ist sie doch +dein Kind.“ + +„Sie waaß ja nix,“ erwiderte Enoch mürrisch. + +„Sie wird’s bald wissen. Sürich Sperling ist ein Halsabschneider.“ + +„Wärst nit leichtsinnig gewesen. Mer hätten kei Scheuer zu bauen +gebraucht. Was haste nu? Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.“ + +Elkan rang stumm die Hände. Dann sagte er: „Du hast so vielen das Messer +an die Gurgel gesetzt, Vater. Da kann ich’s begreifen, daß du gegen +deine Kinder so bist.“ + +Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung. +Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und +sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich. + +Im Zimmer vorn rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe +lagen in gelber Sauce in einer großen Schüssel. Die Kinder hatten Teller +von Blech vor sich, die alt waren und unappetitlich aussahen. Nur die +Magd und Frau Jette hatten Porzellanteller. In der großen Ofennische +brodelte singend der Kaffee, und sein Geruch vermischte sich mit dem +übergelaufener und verbrannter Milch. Das Zimmer war niedrig und schwül, +und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte. Die Möbel schienen +schief zu stehen, die Dielen waren rissig, und zu den gardinenlosen +Fenstern schaute unbehindert die schwarze Nacht oder wer sonst noch +wollte herein. Und doch zeugte alles von der Hand einer unermüdlich +scheuernden Hausfrau, die nur zu schwach war, das Reich, das man ihr +gegeben, völlig zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das +sah man schon an den Gesichtern der Kinder, die so unbekümmert dasaßen, +als ob sie niemandem zu gehorchen brauchten. Sie nahmen sich selbst +Kartoffeln so viel sie wollten und Butter und Brot, und wenn eines ein +größeres Stück Häring erwischte, erhob das andere ein neidisches +Zetergeschrei. Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an +den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein leises und begehrliches Miauen +aus, wozu die Kinder und die dicke Bauernmagd schadenfroh kicherten. „Wo +ist Aga, Mama?“ fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von fünf Jahren. +Frau Jettes Mund verzog sich zu einem ärgerlichen Grinsen. „Red nicht, +wenn du’s Mund voll hast!“ schrie sie und schlug mit der Faust auf den +Tisch. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert werden, +suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln. Enoch +Karkau kam mit müden, tappenden Schritten herein, pustete sein +Laternchen aus und stellte es in einen dreieckigen Eckschrank, der +zugleich als Waschbehälter diente, wusch sich die Hände und sprach das +übliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch besetzt fand, ließ +er sich schwer in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah mit +glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein +zitterte. „Warum singt denn der Mann immer, Großpapa?“ fragte der +Pausbäckige. Enoch grunzte und schüttelte den Kopf. „Was singt er denn, +Großpapa?“ – „Sei still!“ schrie Frau Jette heiser und erregt und +klopfte mit zwei Fäusten auf den Tisch, daß alles klapperte. „Spinn’ +spinne Töchterlein, singt er,“ flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die +ältere Schwester zu, Mirjam, ein Kind von wunderbarer Schönheit. +Plötzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei +seinem aufgerichteten Schwanz, öffnete die Thüre und warf das +quietschende Tierchen heftig an die gegenüberliegende Flurwand. Gerade +trat Elkan Geyer auf die Schwelle, warf dem Alten einen schmerzlichen +Blick zu und nickte. + +Eine Fensterscheibe erbebte und klirrte leise. Aller Blicke wandten sich +dorthin. Mirjam stieß einen Schrei aus und legte die Händchen vor die +Augen. Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. „Sürich Sperling“, +murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu +einer breiten, gräßlichen Fratze verzerrt, augenlos und mit +plattgedrückter Nase hereinstierte. Elkan Geyer wurde totenbleich und +machte einen Schritt gegen das Fenster. Da war Sürich Sperling schon +wieder verschwunden. Jubelnd sprang Mirjam, die alle Leiden schnell +vergaß, dem Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es +leidenschaftlich küßte. Die Magd kicherte ohne Grund in sich hinein, und +Enoch schlich wieder in seinen Sofawinkel, um geduldig zu warten, bis +die Zeit für ihn kam, um zu essen. + +„Wo ist Aga?“ fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann +forschend an. Elkan Geyer sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die +Erde, und ein Schatten rätselhafter Besorgnis ging über seine Stirn. Er +öffnete die Thür und rief in den Flur: „Agathon! Agathon!“ Nichts +antwortete dem Ruf, und die Stille im Haus erschien groß und drückend. +Die Kinder schwiegen am Tisch, selbst die dicke Magd hatte aufgehört zu +kichern und Elkan lauschte und lauschte und hörte nur das Ticken der +Pendeluhr im Zimmer. Er hatte eine unbestimmte Angst und dachte nicht +weiter, als wie seltsam dieser Name sei, wenn man ihn laut rufe: +Agathon. Frau Jette wollte hinausgehen, um zu suchen. Aber Elkan hielt +sie zurück, schlug murrend die Thür zu und setzte sich an den Tisch, um +zu essen. + +Nach einer halben Stunde stürzten die Rosenaus Mädchen herein: mit +fliegenden Haaren, überreizt lachend, atemlos. Sie waren immer aus +irgend einem Grunde atemlos. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor: würdig, +ernst, gemessen. Die Mädchen sprachen den Bauerndialekt der Gegend, was +von den wilden und südlichen Zügen ihres Gesichts wunderlich abstach. +Sie ließen sich in allen Dingen völlig gehen, während Isidor sich einen +städtischen Anstrich zu geben bemüht war. Er trug einen steifen, +englischen Hut, Kravatten nach der neuesten Mode, umgestülpte Hosen und +hellgelbe, obwohl kotbedeckte Schuhe. Seine Finger waren von Ringen +jeglicher Façon bevölkert, und seine Uhrkette war schwer von goldenem +Behängsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch, +dem nichts in der Welt mehr neu sein kann; er ging in der Stadt am +liebsten dorthin, wo man ihn nicht kannte, denn nichts beglückte ihn +mehr, als wenn man ihn für keinen Juden ansah. Die Mädchen küßten die +Kinder der Reihe nach ab, und Isidor machte einen Witz und sah sich um, +ob niemand lache. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit: +ein junger Mann sei seit gestern im Dorf, dessen Verwandter die Ziegelei +kaufen werde. Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker, doch +niemand wisse, was er sei, noch was er wolle. Bei der Nennung des Namens +begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurück und schloß die +Augen. Die Mädchen sahen es nicht; sie bemerkten nichts in der Welt, was +nicht sie selbst betraf. + +Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander. Der +schwächliche und furchtsame Elkan schien von einer wilden Beredsamkeit +ergriffen, aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln, und sein Gesicht +wurde grausam und kalt. „E betuchter Mann, dei Schwiegervater, boruch ha +schem,“ bemerkte er höhnisch. + +„Und wenn er mir das Haus weg nimmt und das letzte Stück Brot, zuletzt +findet sich immer noch ein Ausweg. Gott wird helfen.“ + +Isidor lächelte kühl und flüchtig und klimperte mit den Thalern in +seiner Tasche. Und Elkan Geyer fuhr fort: „Der Sürich ist nicht wie +Gläubiger sonst, das muß man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in +ihm. Rastlos kommt er herein und in seinen Augen funkelt’s vor Haß. Er +kommt herein, streckt seinen Hals, lacht oder knipst mit den Fingern. +Ich weiß nicht was es ist, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas +Edles an sich.“ + +Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte +starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen +Bartrand schien ganz versteinert zu sein. Er grämte sich auch darüber, +daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines +abgebrauchten Hausrats. Sie lauern auf meinen Tod, dachte er, aber den +Gefallen will ich ihnen nicht thun. Das Kätzchen miaute vor der Thür. Er +hörte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte +sich sonderbar fremd mit Bildern des Tages. + +„Ach ja, euern Aga habe ich gesehen!“ rief plötzlich Helene Rosenau ganz +laut. Auf einmal schilderte sie da ein ganzes Drama, und alle lauschten +erregt. Sie suchte sich durch das Feuer ihrer Rede gleichsam für den +Leichtsinn zu entschuldigen, der sie den Vorfall so lang hatte +verschweigen lassen. + +Sürich Sperling stand an seinem Haus am Kirchenplatz. Das Haus war +beleuchtet vom hellen Feuer der Schmiede gegenüber. Das kleine Lämelche +Erdmann ging vorüber, das schon seit dreißig Jahren die Gebete in der +Spitalschule las. Es schlenkerte so daher, und das Köpfchen wackelte hin +und wackelte her, und Sürich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und +als das Lämelche sich furchtsam aus dem Staub machen wollte, ging Sürich +hin und zog es bei den Ohren zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen +lange in die Augen, und sein rotes Gesicht wurde blaß, ja es erhielt für +diesen Augenblick etwas Hoheitsvolles; sein Mund begann zu lächeln, – +schmerzlich. „Hin ist hin,“ sagte er und machte mit dem Arm eine +unbestimmte weite Gebärde. „Ich bin ein Mann, mit dem’s die Welt +verdorben hat. Wenn ich einen Juden seh’, kocht mein Blut, das muß ich +noch büßen. Ich kann die Juden riechen, wie der Hund das Wild. Schmied +komm mal rüber, leg’ den Kerl da unter deinen Amboß.“ Der Schmied trat +heraus ins Freie und nickte Sürich freundlich zu, der den Kopf des +Lämelche niederzog, daß das Männchen zu schreien anfing. Jetzt kam +Agathon Geyer aus dem Schatten des Brunnens, stürzte auf den Wirt zu und +spie ihm ins Gesicht. Sürich Sperling ließ sein Opfer los, packte +Agathon, nahm ihn wie ein Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der +Schmied lachte, die Mägde am Brunnen lachten auch; stets fanden sie den +Sebalderwirt überaus spaßhaft. + +Aber er war in Wahrheit ein prächtiger Mensch. Er war gebaut wie ein +Steinbild. „Er ist ein Germane, das Urbild des Germanen,“ sagte +Professor Brünotte in Fürth. In ihm schien sich alles Glänzende und +Rohe, alles Kraftvolle und Plumpe der Rasse vereinigt zu haben. Er +liebte und haßte ohne Rechenschaft und Künstelei, ohne Berechnung und +Überlegung. Er haßte die Juden unbeschreiblich; jede Gebärde, jeder Ton +der Stimme, jede Handlung regte ihn auf wie Wein. Es war unerhört und +wunderlich; keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf. Er +war ein Tier: wild, stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund der Welt +zugänglich. Niemals hatte er vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war +er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute, +die sich fürchteten, wenn irgend einer von der Regierung ins Dorf kam; +sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und für den Wirt. Denn +Sürich Sperling verachtete den Adel und verachtete das Gesetz und +verachtete den Pfaffen, und die am Ruder sitzen verachtete er. Er war +ein Sohn dieser großen Natur rings umher, dieser breiten Ebene, die sich +ausstreckt und ausstreckt, riesenleibig. Wenn er einen Soldaten sah, +spuckte er kurz auflachend in eine Ecke. Ja, er bewirtete gar keinen +Soldaten; sie bekamen einfach kein Bier bei ihm. Und doch war sein Gemüt +kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rätselhaft in seinem +Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein +Riese gewesen sein, und von seiner Mutter erzählt man sich seltsame +Dinge, die an die Berichte über die Kleopatra erinnern. Sürich Sperling +paßte nicht herein in diese Welt. „Das Urbild des Germanen“ fand kein +Bett, worin es bequem ruhen konnte. + + + Zweites Kapitel + +Kaum hatte die schwarze Helene gesagt, was sie gesehen, als Elkan Geyer +mit einem schwachen Aufschrei seinen Hut vom Nagel riß und hinausrannte. +Die Kinder begriffen nicht, worum es sich handelte und blickten scheu +und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen trällernd am heißen +Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte Enoch war +still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die +beängstigende Stimmung von ihm ausflösse. + +Elkan Geyer eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer +schwatzende Jungfern. Das Wasser lief plätschernd in den Trog, und der +dünne Strahl war blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Sürich +Sperling hockte vor seinem Haus auf den Steinfließen, hatte das Gesicht +zwischen die Hände geklemmt und starrte unverwandt hinüber in die Esse, +vor deren Glut die Gesellen silhouettenhaft hin und hereilten. Elkan +Geyer ging hin zu ihm und fragte: „Was haben Sie mit meinem Sohn +gemacht? Reden Sie!“ Sürich Sperling schwieg, ja, er erhob nicht einmal +die Augen. Mechanisch wiederholte Elkan seine Frage, aber der Andere +öffnete den Mund nicht, machte keine Bewegung, blieb starr wie im +Schlaf. Sein Gesicht hatte den Ausdruck wie bei einem Menschen, der über +das Tiefste und Geheimnisvollste des Lebens nachdenkt, oder wie bei +einem Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist +mit ihm vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der +Schulter zu rütteln. Er hätte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht +Furcht und Verzweiflung getrieben hätten. Da richtete sich Sürich +Sperling auf und ging schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht +getraute, ihm zu folgen, zitterte vor Besorgnis. Er ging hinüber zu den +Mägden. Ja, sagten sie, sie hätten Agathon gesehen. Mit dem Arm wiesen +sie gegen die Richtung von Elkans Haus. Er schloß sekundenlang die +Augen, – erleichtert, und kehrte dann seufzend den finsteren und +schmutzigen Weg zurück. + +Frau Jette kam ihm im Flur entgegen, und ihr Gesicht, das auch sonst von +einem kranken, bräunlichen Gelb war, sah ganz erschreckend aus. Ihre +Augen fragten, ihr Mund nicht. Wenn es auch fast stockfinster war, Elkan +sah es doch; er bemerkte diesen irren Glanz, in dem alles Durchwühlte +der Frauenseele lag. Die Rosenaus hatten sich mit banalen Trostsprüchen +entfernt; wenn es wo nicht mehr munter und witzig herging, wurde es +ihnen unbehaglich. „Er ist nicht da?“ stieß Elkan heftig hervor, indem +er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand antwortete. Aber +kaum hatte Frau Jette die Thür hinter sich geschlossen, als sie leise +wieder aufging und Agathon hereintrat. Sofort gewahrten alle, selbst das +kleinste der Kinder, daß in seinem Gesicht etwas war, das sie vorher +nicht darin gesehen hatten. Er schlich mehr, als daß er ging, sagte +weder guten Abend, noch sonst irgend eine Silbe, setzte sich auf einen +der Holzstühle neben seine Schwester Mirjam, der er flüchtig +schmeichelnd übers Haar strich, nahm einen der erkalteten Erdäpfel von +der Platte, schälte ihn und begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn +gerichtet, aber er schien nichts davon zu bemerken. Mit bleiernem und +glanzlosem Blick guckte er auf seinen Teller und aß anscheinend mit Ekel +und Überwindung. An seinem Hals war eine blutige Schramme. + +„Wo warst denn du?“ fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat +an den Tisch. Seine Stimme bebte. Agathon sah seinen Vater ausdruckslos +an und fuhr fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm +gestützt, weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend +an. + +„Woher hast du die Schramme?“ fragte Elkan Geyer weiter und stützte +beide Fäuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu +funkeln. Auch Enoch trat jetzt herzu, schob den Kopf Agathons mit der +Hand so weit zurück, daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und sah +ihn finster an. Agathon schlug die Augen nieder. „Woher hast du die +Schramme?“ brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus. – „Vom +Baum“ murmelte Agathon. Elkan Geyer verfärbte sich, und fing an zum +Erstaunen aller andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg zu +berichten. + +Agathon erhob sich und verließ das Zimmer. „Sag’ mir nur um +Gotteswillen, was der Jung’ hat! Er is meschugge, rein meschugge!“ +klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster, wo man die Straße entlang +sehen konnte. Ihm war, als sähe er den Wasserspiegel im Fernen oder +spüre den feuchten, kühlen Hauch der Flut. Sein Herz wurde eng. In ihm +lebte jenes hinreißende Vertrauen auf ihren Gott und auf den Kommenden, +den Messias, das in allen frommen Juden schlummert, und das ihn selten +verließ, – wie jetzt. + +Er ging, um nach Agathon zu sehen, denn der Gedanke an ihn bedrückte +seine Sinne. Er öffnete eine Thür des finstern Flurs und kam in eine +kalte, kahle Kammer, wo auf einem elenden, hochbeinigen Holztisch eine +Kerze stand. Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt, die Finger in +den Haaren verwühlt. Es war das Neue Testament. Kaum hatte Elkan das +Buch angesehen, als er es mit einer wütenden Bewegung packte, es unter +dem Ellbogen Agathons hervorzerrte, die einzelnen Blätter zerfetzte und +den Band in eine Ecke warf. „Das thust du! Das thust du mir!“ flüsterte +er atemlos. Agathon schwieg und wandte die Augen von denen seines Vaters +nicht und veränderte nicht seine seltsam kauernde Stellung. Elkan +empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm, setzte sich auf den +Bettrand und fragte schüchtern: „Was hat er mit dir gemacht, der +Sürich?“ + +Agathons Augen funkelten katzenhaft. Er schüttelte den Kopf und sah +begierig in den schmalen Spiegel an der grünen Wand, als ob er jede +Veränderung seines Gesichts studieren müsse. + +„Kannst du’s nicht sagen? Deinem Vater?“ + +„Nein.“ + +„Ja, aber –!“ + +„Nein. – Warum hast du denn das Buch zerrissen?“ + +„Weil es Sünde ist, es zu lesen, Sünde gegen den Gott Israels. Woher +hast du’s?“ + +„Sünde? Das kann ich mir nicht denken. Du sagst, Israel ist Gottes +Lieblingsvolk? Er beschützt es vor allen andern?“ + +„Ja.“ + +„Das ist Unsinn, wirklicher Unsinn.“ + +„Agathon!“ + +„Ja! Das ist ja dumm. Ist es wahr, daß wir das Blut aller Völker +vergiften?“ + +„Was für Reden!“ + +„Wir haben Jesus gekreuzigt und –“ + +„Wir –! nicht wir, Aga.“ + +„– aber ohne das wäre er nicht Jesus. Sie haben uns also Jesus zu +verdanken.“ + +„Natürlich.“ + +„Aber das ist es,“ fuhr Agathon in einem seltsamen Gedankensprung fort, +„wir haben kein Vaterland.“ + +„Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschützt der +Kaiser und das Gesetz.“ + +„Aber Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man +beschützt werden muß, ist man auch nicht daheim.“ + +„Du bist ein Talmudist. Du willst zu klug sein. Das Leben ist viel +einfacher, als die Klugheit eines Knaben.“ + +„Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb hätte, warum +könnten wir dann nicht Offiziere sein? Aber wir sind Unebenbürtige in +diesem Land und wir sind doch mehr als alle, stärker als alle!“ Wieder +funkelten seine Augen und plötzlich lief ein heftiges Zittern durch +seinen Körper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt, seine +Hände waren ineinander gekrampft, und er stieß einen Laut des Grauens +aus. Elkan blickte verstört umher, aber er gewahrte nichts. Er packte +Agathon bei den Armen, schüttelte ihn und begegnete seinem +ausdruckslosen, leeren, starrenden Blick. + +Die Thüre knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast +sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft. Fast mechanisch verließ +Elkan das Zimmer. Als er wiederum den Flur entlang schritt, überfiel ihn +beklemmend das Gefühl seiner Not. Morgen würde ihn Sürich Sperling +pfänden lassen, und selbst die kleine Krämerei, die den Bedarf für den +Tag deckte, würde zu Grunde gehen. Hätte er nur seiner Kinder Geld bei +Löwengard bekommen können! Doch daran war nicht zu denken. + +Der Fremde, Joelsohn mit Namen, stand während der nächsten halben Stunde +und murmelte Gebete; er verneigte sich mehr als hundertmal; seine Augen +flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht +hatte einen theatralisch-inbrünstigen Ausdruck. Als er mit dem Beten +fertig war, wurden seine Mienen finster und feindselig; er beantwortete +alle Fragen so kurz als möglich, schaute keinem ins Gesicht und als die +Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam und sie kichernd vor ihn +hinsetzte, wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um +nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut, +den er während des Essens aufbehielt, mochte schon ein greisenhaftes +Alter erreicht haben. + +Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, dem man in der obern Kammer am +Giebel eine Bettstätte gab. Immer klang es wie Wasserrauschen und +Wellengeplätscher herein ins Dorf, überall schienen Schatten zu huschen. +Der Regen strömte herab, dann war es wieder still, dann kam ein +summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine +Strahlen legten sich scheu auf die Dächer und auf die Flut. Frau Jette +sagte am Morgen, sie habe zweimal das Hauptthor knarren hören, aber alle +lachten sie aus, besonders Isidor Rosenau, der auch schon wieder da war, +„auf einen Sprung“, wie er sagte, und der Veranlassung nahm, die +Existenz von „Geistern“ ernstlich zu bezweifeln. Frisches, warmes Brot +stand auf dem Tisch und der Kaffee brodelte schon wieder in der Nische. +Draußen lag der Herbst, jetzt schon offenbar und unverhüllt, mit +bleiernem Himmel und stoßweisen Winden. Die Männer kamen herein mit den +Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht +zur Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch häßliche Zwistigkeiten +und Scheelsucht, wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschte, +daran verhindert wurde, sein Amt auszuüben. + +Die Kinder kamen lachend und schwatzend, wenig eingeschüchtert durch die +finstere und asketische Miene des Joelsohn. Es war noch lange Zeit bis +zum Schulbeginn; nur Agathon rüstete sich zum Aufbruch; er mußte um acht +Uhr in Fürth sein, und das war eine Stunde Wegs, die er täglich zweimal +zurücklegen mußte. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der +Stadt. Er steckte die Bücher, die er heut brauchen würde, in seinen +Träger und war dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst. Oft +besann er sich lange, drückte die Augen zusammen, schaute fremd auf +alle, die im Zimmer waren, auf seine Geschwister und auf seine Mutter. +Er spielte im Dorf als Schüler der obersten Klasse in Fürth eine gewisse +Rolle, aber es ist sicher, daß ihn das nie eitel gemacht hatte. Elkan +Geyer war schon aufgebrochen, er ging über Land; wie er sagte wegen der +Geschäfte, in Wahrheit nur aus Angst vor Sürich Sperling. + +Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den man dem Muhl der Gemeinde +gespielt und Enoch mit großem Geräusch seinen Kaffee schlürfte, +erschallte auf der Straße ein gellender, durchdringender Schrei, wie +wenn einer, die Finger zwischen den Zähnen, in der Art des Metzgerpfiffs +aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei, d. +h. er überstürzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm; +er lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf +ihn hatte gehen sehen. Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich +durchschüttelt. Isidor riß das Fenster auf und schaute hinaus; dann +verließ er den Platz am Fenster, ergriff seinen steifen Hut und rannte +hinaus. Agathon stand mitten im Zimmer, weiß wie ein Hemd, und ein +irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Frau +Jette, die sich weit hinausgebeugt, sah am Kirchenplatz viele Menschen +stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen sie und starrten +hinunter. Der kleine Pausbäckige heulte, Mirjam lächelte verwundert und +Joelsohn lächelte verächtlich. + +Die Magd Kathrin stürzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht +mehr Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie ließ die Unterkiefer +herabhängen, daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche, den +Arm zu heben. „Was ist denn?“ fragte Frau Jette mit starrendem Herzen. +Kathrin brachte kein Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich +flüsterte das Mädchen: „Sie hom en – sie hom en – erstochen!“ – „Elkan!“ +schrie Frau Jette mit aufgehobenen Händen. Die Magd schüttelte den Kopf. +„Naa, naa,“ brachte sie atemlos hervor, „’n Sürich Sperling heit Nacht!“ +Alle schwiegen. Joelsohn und Enoch Karkau beteten. Die Kinder eilten auf +die Straße, standen aber vor der Thür furchtsam still. + +Agathon verließ bald das Dorf, um nach Fürth zu gehen. Er verfolgte +zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus ging +er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere +Schlachthausbrücke. Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände; +überall rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die fernen +Morgen-Nebel hoben, entstanden phantastische Städtebilder. Am +Schlachthaus war der Anprall der Wogen gewaltig; das Gerassel der Wagen +auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung. + +Hier traf Agathon seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen mußte, +jeden Tag um dieselbe Minute und an derselben Stelle eine Frau, die +leise murmelnd daherkam, und überhaupt mehr kroch, als sie ging. Sie +hatte leicht gerötete Wangen, vielleicht war sie einmal sehr schön +gewesen, auch war sie nicht arm gekleidet. Erst hatte sie Agathon wenig +beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen, bösen und +trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie +aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen; immer wenn sie seinen Weg +kreuzte, funkelten seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte, +begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn förmlich ihr entgegen. Wenn er +sie sah, war ihm, als müsse alles, was er an diesem Tag unternahm, +zerbrechen und fehlschlagen. + +Heute kam sie nicht. Er blieb am ersten Brückenpfeiler stehen und sah +sich um. Sie kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum +zurückgelegt, begann dadurch gleichsam aufzuwachen und fuhr sich mit der +Hand über die Augen. Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden +Gassen des Uferviertels. + +Sonst wenig geneigt zu Gesprächen, redete er am Obstmarkt einen +Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch +aussah. Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der +Kleine, gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons: „Wie sonderbar es +hier riecht? Nicht? So frisch.“ + +„Nach Kohl,“ entgegnete Agathon sarkastisch. + +„Au!“ schrie der Kleine enthusiastisch. Er war wie erlöst durch diesen +anscheinenden Witz. „Hast du die salischen Kaiser gelernt?“ fragte er +dann. + +„Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen,“ murmelte Agathon. „Ich kann +nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was weiß ich. Das quält +mich. Wenn Bojesen nicht wäre, ich könnte nichts arbeiten, nichts denken +in allen den Stunden. Das ist alles tot.“ + +Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten und jammerte dann, ziemlich +unmotiviert anknüpfend, daß ihm sein Bein weh thäte. Agathon wurde immer +bleicher, je näher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die +Laden geöffnet und die Kaufleute und Commis, meist Juden, standen +frisiert und frisch gewaschen vor den Thüren und Auslagefenstern, die +Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Die Commis machten jetzt sehr +verdrießliche Gesichter; sie zeichneten sich alle durch energisch +aufgedrehte Schnurrbärte aus und benahmen sich im ganzen, als die +wichtigen Personen, die sie waren, sehr formvollendet. + +Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude, +eine schwarze, undurchdringliche Masse. Viele standen um eine +Litfaßsäule, wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein +gelbes Stück Seife emporhielt, als wäre es eine Brandfackel. Die Schüler +machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin. +Kaum war Agathon und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in ein +philosophisches Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen +Seitenblick auf den Mitschüler warf, am Eck der Mathildenstraße +angekommen, als eine ganze Anzahl von Klassenkameraden Agathons auf ihn +zustürzte, ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrieen: +es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe, +er solle erzählen, wie und warum es denn zugegangen sei u. s. w. Die +Schüler der niederen Klassen machten respektvoll Platz und wagten am +Rande des Kreises kaum ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu erlauschen. +Agathon sah sich dicht umstellt, und der Kleine sah voll naiver Furcht +zu ihm auf und fragte: „Warum hast du denn das mir nicht gesagt?“ + +Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des +Schulhauses, und die Schar strömte unaufhaltsam und laut lärmend in die +hallenden Korridore. Der Mord beschäftigte die jugendlichen Köpfe; sie +sahen die finstere Nacht des Dorfes und hörten den letzten, erstickten +Schrei des Opfers. Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl, steif +und still – und hörte nichts von dem Toben um sich. Ein feines, süßes +Wohlbehagen kam über ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und draußen +lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und sah +damit die fernen Länder, den Globus und er fühlte sich weit über der +Erde. Er fühlte sich edler und älter, wie ein Mensch, der seine tiefst +schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat. + +Der Unterricht begann. Herr „Professor“ Schachno spazierte mit seinen +kurzen, dicken Beinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu +schlummern. Oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam +ein Hymnus an jene sanfte Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine +Hauptthätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten. Das schien ihm +das Ideal aller Pädagogik zu sein. Ein vergessenes Heft, ein schlecht +gelernter Vers, ein Tintenfleck, ein unzeitgemäßes Lachen, ein +unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler, einzig und allein +ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte deutsche +Litteratur und sprach über Goethe so, als ob Goethe froh sein müßte, +einen Sigismund Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte +gerade wieder und schlummerte auch ein wenig dabei, als sich Agathon +Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick gerade vor sich +hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen. Alle Schüler +erhoben sich bang und flüsternd. Agathon stürzte zum Podium, fiel in die +Kniee, machte eine Armbewegung, als ob er die Füße eines Menschen +umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser +unsichtbaren Gestalt, Sürich Sperlings. + + + Drittes Kapitel + +Niemals sinkt der Abend so still herab und so unbemerkbar, als wenn die +Kirchenglocken anfangen zu läuten, fern oder nah; der Nebel sinkt wie +ein haltloses Gespinst über die Dächer, gleitet an den Häuserwänden +herab und umhüllt flatternd die Laternenlichter. Starr und grau liegt er +in den Gärten und giebt ihnen das Ansehen eines Sees. Die Schritte +scheinen leiser zu werden wie auf Teppichen. + +Agathon stand auf dem nebelnassen Pflaster und schaute in eine glänzend +erleuchtete Etage hinauf. Er dachte etwas verwundert nach über die +Pracht und den Reichtum dieses Judenhauses, – denn in dieser Stadt gab +es mehr Judenpaläste als Christenhütten, und ging dann weiter und +begegnete den Juden, die aus dem Abendgottesdienst kommend, die +Gebetbücher trugen und laut feilschten und handelten. Als er sie sah, +fühlte Agathon, daß diese alte Religion der Juden etwas totes sein +müsse, etwas nicht mehr zu Erweckendes, Steinernes, Gespensterhaftes. Er +wandte seine Augen ab von diesen häßlichen Gesichtern voll +Schacher-Eifers und Glaubensheuchelei. + +Die Kirchweihbuden füllten den Kohlmarkt, die Königsstraße bis zur +protestantischen Kirche und zum grünen Markt. Eine festestrunkene Menge +wogte dort. Die Ausrufer der Schaubuden schrieen sich heiser und +verdrehten den Körper, als ob sie Leibschmerzen hätten; mit gesträubten +Haaren schrieen sie die Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus. Wirr und +schrill klangen die Orgeln, Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der +Tiere drang aus der Menagerie. Kindertrompeten, Pfeifen und Ratschen +erschallten, ein wüstes Summen, Surren und Johlen. Kinder mit vor +Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn. In den +Wirtschaften gröhlten die Zecher. Aus dem Gäßchen hinterm Königsplatz +drangen Fischgerüche; Heringsbratereien verbreiteten ihren Gestank. An +der Glückshalle stand Kopf an Kopf in bewegungslosem Gedränge. Daneben +lief ein großes Caroussel auf Schienen; es wurde durch einen sinnreichen +Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt. Man sah dann nur +schattenhafte Gestalten, verzerrte Gesichter und hörte bacchantische +Schreie. Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln; es +sah aus wie eine Höhle, die von schwarzem, schwälendem Rauch durchzogen +war wie von mattglänzenden Schleiern. + +Agathon schob sich durch die Massen, während seine Seele wunderbar warm +und gerührt wurde. Ein heißes und ziehendes Heimatsgefühl erfaßte ihn; +alle Farben empfand er doppelt intensiv. Er hatte freudige Augen für +das, was rings um ihn her geschah und sah die vielen Gegenstände, die +allenthalben zur Schau geboten wurden, mit zärtlichen Blicken an, als +könne jene Linie in ihrer Form die Wärme seines Innern steigern. Er sah +viele bekannte Gesichter, ohne sich bewußt zu werden, daß er sie +irgendwo gesehen. Er stand am Kasperl-Theater und schaute den +belanglosen Rüpelstücken der Holzpuppe zu; ein alter Arbeiter mit grauem +Lockenhaar und fast antikem Profil, offenbar ein Italiener, stand neben +ihm und wollte schier sterben vor Lachen. Die Kirchenglocke begann +wieder zu läuten. Bestürzt blickte Agathon an dem hohen Turm empor. + +Der Ausrufer des Wachsfiguren-Kabinets strengte sich vielleicht mehr an, +als all seine Kameraden. Mit krebsrotem Gesicht schrie er, verdrehte die +Augen und warf hin und wieder seinem Gegenüber, dem Ausrufer des +Flohtheaters wütende Blicke zu. Dann läutete er, gab der Orgel einen +Wink, sich bemerkbar zu machen und die korpulente Dame am Kassatisch +stützte schwermütig das dunkle Haupt in die Hand. „Hier kann man sehen +die Passion Christi, unseres Heilands, in siebzehn Stationen, – +großartig, meine Damen und Herren, großartig!“ schrie der Krebsköpfige, +der sich nur noch in bellenden Lauten vernehmlich machen konnte. + +Wie von einer Faust gestoßen, bestieg Agathon das Podium; zahlte zwanzig +Pfennig, das einzige Geldstück, das er besaß, und verschwand hastig +hinter der braunen Portiere. + +Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes. Nur wenig +Leute gingen mit scheuen Schritten umher. Gegen eine scharlachrote Wand +hoben sich sanft die Gruppen der Leidensstationen ab. Das gleichmäßige +und beruhigende Licht milderte das Starre der Wachsgebilde. Es war etwas +Stilles, Erhabenes, Heiliges über den Gestalten, etwas das zur Anbetung +drängte. Ferne Zeiten stiegen langsam herauf, und es war, als ob die +Schicksalsgöttin träumend die Augen aufschlüge, um den Beschauer +bestürzt und versonnen zu machen. Das ist der Heiland, dachte Agathon +befremdet, als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand. Er preßte die +Hände zusammen und dachte nach. Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe +vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm +wurden lebendig. Er lächelte traurig und begriff, daß er um etwas +betrogen worden war, ohne daß er es hatte hindern können. + +Draußen war der Nebel dichter geworden. Viele Buden wurden geschlossen. +Agathon ließ sich stoßen und schieben, bis er in dunkle, unbelebte +Gassen kam. Immer eiliger ging er, und seine Gedanken wurden immer +quälender. Unversehens stand er vor der Claußschule, wo sich nur die +frömmsten Juden zum Abendgebet versammelten. Ein Lächeln, dessen +Bedeutung er selbst nicht begriff, glitt über seine Züge, und er trat in +das dunkle, düstere und niedrige Gemach. Der Vorbeter an seinem kleinen +Pult lallte mit zitterigem Stimmchen das Schlußgebet. Es lag etwas +Gläubiges in der Art des Chassans; sonst waren nur verbissene, steinerne +Gesichter hier, voll von einer jahrhundertalten Grausamkeit, voll Haß, +Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer. Agathon sah es. Zum erstenmal +in seinem Leben wurde ihm klar, daß Jude sein eine Ausnahme sein heiße; +zum erstenmal hörte er diese hebräischen Formeln mit Unsicherheit und +Groll und er glaubte sich in einer Art von Zelle, wo man verderbliche +Verschwörungen anstiftet. + +Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, als er die Stube verließ. Als er +auf die Straße trat, prallte er erschrocken zurück. Stefan Gudstikker +stand dicht vor ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes +Fenster hinauf. Die Gasse war sehr eng, daher mußte er den Kopf weit +zurückbiegen. Indem er noch gegen die Mauer nach rückwärts schritt, +stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden Agathon, bat um +Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand. + +„Ach, Sie sind ja der junge Mann da, – Sie sind es doch? Sie sind doch +neulich bei der Bootfahrt –“ Die schwarzen Augen hinter den Gläsern +leuchteten flüchtig, fast drohend auf. „Sagen Sie mal junger Mann, haben +Sie vielleicht ein Streichholz bei sich?“ + +In diesem Augenblick kam raschen Schrittes ein Arbeiter mit brennender +Cigarre aus dem Thor. Gudstikker bat ihn mit etwas übertriebener +Höflichkeit um Feuer. Dann ging er an Agathons Seite weiter. „Was meinen +Sie denn zu der geheimnisvollen Geschichte da mit dem Mord?“ sagte er, +den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in die nebelerfüllte Luft blasend. + +„Ich?“ + +„Ja, – natürlich.“ + +„Ich weiß nicht.“ + +„Es interessiert Sie wohl gar nicht? Sie thun wenigstens so. Wo gehn Sie +denn hin?“ + +„Zu Baron Löwengard.“ + +„So? Was wollen Sie denn dort?“ + +„Ich darf dort zu abend essen!“ erwiderte Agathon bissig. + +Gudstikker lachte laut. + +„Ja, Dienstag und Freitag. Da übernacht’ ich auch dort, weil Mittwoch +und Samstag die Schule schon um sieben beginnt.“ + +„Das alles dürfen Sie? Sogar übernachten? Komisch. Ist das ein Jude, +dieser – Baron? Natürlich. Sagen Sie mal, – Ihre Eltern sind wohl sehr +arm?“ + +„Ja.“ + +„Auch der Alte, der Seiler, Karkau oder wie er heißt –?“ + +„Ja.“ + +„Wie alt sind Sie denn? Sechzehn?“ + +„Siebzehn.“ + +„Na, um so besser. So kennen wir uns also. Ich heiße Gudstikker. +Rufname: Stefan. Geboren 12. Mai 1859. Sonntag Nachmittag. Verrichtung +unbekannt. Der Mord interessiert Sie also nicht?“ + +Agathon blieb stehen und lehnte sich an die Mauer. + +„Ich weiß Einiges und möchte gern mehr erfahren. Sie sind ein stolzer, +junger Mann, das ist mir klar. Aber nun erzählen Sie einmal, was hat +Sürich Sperling damals getrieben? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit +Ihnen ins Haus. Sie rührten sich nicht. Andere hätten gezappelt wie ein +Fisch, jawohl, wie ein Fisch. Ich habe ja alles gesehen vom oberen +Stock. Ich wohnte ja in St. Sebald.“ + +Schweigend gingen beide weiter. + +„Nun reden Sie doch,“ begann Gudstikker wieder und stellte den Kragen +seines Mantels in die Höhe. „Ich würde ja schweigen. Ich kannte den +Sürich Sperling schon lange. Wer ihn umgebracht hat, muß ein Vogel oder +ein Genie von Verbrecher sein. Ein Genie, jawohl. Er hatte einen Stich +in der Brust, nicht größer wie ein Schlangenbiß. Der Thäter ist am +Weinlaub heraufgeklettert wie ein Mondsüchtiger, – Thatsache! hat sich +durch ein schmales Fenstergitter gezwängt und hat nichts geraubt, +absolut nichts. Fatale Sache. Mir wär’ es ja gleichgültig, aber Sürich +Sperling war kein gewöhnliches Exemplar der Species Mensch. Er konnte +lumpen durch sieben Nächte, ohne Schlaf zu fühlen. Wenn er müde wurde, +setzte er sich einfach in einen Stuhl, schloß für zwanzig Minuten die +Augen und dann wußte er von sich und der Welt nichts mehr. Erhob er sich +wieder, so war er so frisch wie vor den sieben Tagen. Einmal, als er +melancholisch geworden war, ging er auf seinen Speicher und zertrümmerte +mit der nackten Faust Kisten und Kasten und Bretter um sich her. Seinen +Hund, wenn er unfolgsam war, schlug er halbtot, und danach konnte er +sich hinsetzen und heulen wie ein kleines Mädchen. Bis vor sechs Jahren +hatte er überhaupt keine Frau berührt und als es kam, wäre das arme Weib +ihm fast in den Armen gestorben. Das war ein Mensch!“ + +Wieder entstand ein langes Schweigen. Agathon wurde durch das ganze +Wesen Gudstikkers förmlich verwundet. Seine Geschwätzigkeit beunruhigte +und jede Geste erschreckte ihn. + +„Wie heißen Sie denn eigentlich?“ fragte Gudstikker. + +„Agathon.“ + +„A – ga – thon –? Agathon _Geyer_?“ + +„Ja.“ + +„Seltsam. Wie kommen Sie zu dem Namen. Agathon ... So hieß mein Vater. +Sonst weiß ich keinen im ganzen Kreis und ich bin doch bekannt wie ein +bunter Hund. Na gleichviel.“ Wieder eine Pause. Dann wurde Gudstikkers +Stimme gütig und mütterlich. „Sehen Sie, Sie gefallen mir. Ich weiß kaum +warum, aber vielleicht steckt etwas in Ihnen, was in mir nicht steckt. +Sie sind ein Jude. Bei den Leuten giebt es manchmal Individuen von +wunderlicher Kraft. Besonders in Ihrem Alter. Daran mag es liegen. Wenn +sie so jung sind, ist ihre Seele von einem reinlichen, unbeschmutzten +Feuer erfüllt. Sie sind starke Träumer, möchten die Welt aus den Angeln +heben und wissen doch nichts von der Welt. Wenn sie es nur wüßten! Gehen +Sie hin, Agathon, wecken Sie Ihr Volk auf. Sagen Sie, wach auf mein +Volk, wie der Prophet in der Bibel. Dann werden auch die Deutschen +erwachen, besonders da oben im Norden, – wach auf Norden! Eins oder das +andere wird dann totgeschlagen. Na gleichviel, was scheren mich die +Philosophen. Glauben Sie, daß es heut’ nacht regnen wird?“ + +„Ich weiß nicht. Vielleicht doch. Vielleicht schneit es. Vielleicht auch +nicht.“ + +„Ah, Sie sind boshaft. Na gleichviel. Ich muß Ihnen sagen, es ist nicht +Neugierde, wenn ich Sie vorhin fragte, was Sürich Sperling mit Ihnen +gemacht hat. Auch nicht Teilnahme. Nun, werden Sie nur nicht wieder +ungeduldig. Stellen Sie sich die Nacht vor, die laue Herbstnacht und die +Situation! Später kam Sürich in mein Zimmer, bleich, erregt, und sprach +von gleichgültigen Sachen. Er erzählte von der Ziegelei, die der Vater +meiner Braut jetzt gekauft, und plötzlich legte er sich auf mein Bett +und sagte keine Silbe mehr.“ + +„Keine Silbe?“ fragte Agathon mechanisch. + +„Ganz so. Nach fünf Minuten stand er auf, ging vors Haus und dort saß er +dann wieder zwei geschlagene Stunden, ohne sich zu rühren. Um neun Uhr +ging der Schmied heim und rief ihn an. Wer aber nicht antwortete, war +Sürich. Und wer um zehn Uhr in sein Zimmer stolperte, ohne sich um die +Wirtschaft zu kümmern, war Sürich. Nun, am Morgen war das +„personifizierte Germanentum“ tot und das Rätsel ist, wer es umgebracht +hat. Wenn nicht die Eisenstäbe am Fenster verbogen wären und das +Weinholz demoliert, ich würde glauben, er selbst – nun, nun, was ist +denn los?“ + +Agathon hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte, +als ob er zu Boden sinken wolle. Gudstikker schüttelte den Kopf und warf +den Cigarettenstumpf weit über die Gasse. Agathon blickte ihn gespannt +an beim matten Schein des Straßenlichts, als ob er sein Gesicht nie +wieder vergessen wollte und ging dann weg, ohne ein Wort zu sagen, dem +Löwengard’schen Palast an der nächsten Ecke zu. Scheu betrat er das +breite, lichtgebadete, mit schweren Teppichen belegte Vestibül. Der +Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit Darstellungen aus der +antiken Mythologie geschmückt. Vor ihm stand wie eine lebende Gestalt +Kassandra, den Arm gegen das brennende Troja erhoben. Sie war fast +nackt, die Brüste waren geschwellt von Haß. Stets mußte Agathon die +Augen vor dem Bild niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scham vor +dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz. Auch wurden seine +Sinne oft wild erregt, wenn er in der Nacht sich des Bildes erinnerte. + +Stefan Gudstikker hörte fast nicht auf, den Kopf zu schütteln. Dann +wandte er sich nach der Friedrichstraße, lauschte mit gesenktem Kopf auf +das Stimmengewirr aus den Gasthäusern, das mit dem Wimmern der Geigen +und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war. Schweigend zogen +Musikanten an ihm vorbei und der Älteste zählte immer die Tageseinnahme. +Gudstikker sah das alles mit den Augen des Beobachters, der sich freut, +daß ihm nichts von den kleinsten Dingen des Lebens entgeht und den die +Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt hat, den ganzen reichen, +vielgestaltigen Bau der Wesen in einige Weisheitssprüche zu schachteln. + +Der kalte Glanz des Mondes brach hervor. Gudstikker ging am Rand der +Anlage auf und ab, rauchte unablässig und spähte gegen die +Straßenflüchte. Die Turmuhren schlugen acht, kreischend fielen die +Rollläden herab, die kleinen Ladnerinnen eilten kichernd von dannen, und +die Commis drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor. + +Endlich kam sie, Käthe Estrich. Mit schwachem Lächeln hing sie sich an +den Arm ihres Verlobten und schmiegte sich an ihn. „Denk, ich konnte +kaum kommen. Der Vater hat so geschimpft über dich. Du seiest zu nichts +gut in der Welt. Sie plagen mich immer mit dir und quälen mich. Ach, +wenn du doch berühmt würdest, Stefan. Bist du bös? Bitte, nicht bös +sein! Ich hab’ ja nur dich, nur dich allein.“ + +„Ich bin nicht bös, aber du darfst nicht so dumm reden. Wie geht’s dir?“ + +„Schlecht.“ + +„Warst du beim Arzt?“ + +„Nein.“ + +„Nein! – Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte, das +wäre eine größere Heldenthat, als über mich schimpfen. Aber unser ganzes +Bürgertum ist borniert darin. Von hundert Mädchen sind neunzig +bleichsüchtig und lebensmüd.“ + +„Ach, Stefan, ich möchte sterben, – mit dir.“ + +„Sterben! ja, wenn es sonst nichts wäre, als eben sterben. Mein Gott!“ + +„Du bist so kalt mit mir!“ flüsterte Käthe und schauerte zusammen, als +ob diese Kälte sie frösteln mache. „Ich muß wieder heim,“ fuhr sie mit +derselben leisen Stimme fort; „ich wollte dich nur sehen.“ Gudstikker +mußte sie fast tragen. Als sie am Ziel waren, küßte er sie flüchtig auf +die Wange und ließ sie allein. + +Am jüdischen Waisenhaus, wo er vorbeikam, waren alle Fenster schon +dunkel. Unter dem Portal stand ein Knabe in Lumpen, kotbedeckt, +verwahrlost. Doch zwei klare Augen blickten mit seltsamer Treuherzigkeit +empor in das erleuchtete Treppenhaus. „Wie heißt du?“ fragte Gudstikker +und beugte sich herab zu dem Kind, das seine Finger in den Mund steckte +und verlegen zu Boden sah. „Wie heißt du?“ wiederholte er fast streng. + +„Weiß nicht.“ + +„Wem gehörst du denn?“ + +„Weiß nicht.“ + +„Wo ist denn deine Mutter?“ + +„Tot.“ + +„Aber dein Vater?“ + +„Auch tot,“ sagte der Knabe und machte eine Handbewegung, die das größte +Erstaunen ausdrücken sollte. + +„Aber was thust du da?“ + +Der Knabe drückte sich scheu an ihn und fragte bang: „Gell du bist der +Herr Jesus?“ + +Da erschallte ein herzzerreißendes Schreien im Innern des Waisenhauses. +„Hörst? Hörst?“ machte der Knabe, streckte die Arme von sich und begann +leise zu schluchzen. + +Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen +hinan. + + + Viertes Kapitel + +Wie in einem wirklichen Traum gefangen, ging Agathon in die Küche, wo es +von köstlichen Speisen duftete, und aß, was man ihm an Überbleibseln und +für die Tafel Unbrauchbarem gab. Dann ging er in die Bodenkammer hinauf, +wo er die Nacht verbringen durfte. Von unten klang Musik herauf, +Gläserklingen, dumpfe Rufe der Fröhlichkeit, das Schlürfen des +Tanzschrittes, und das lange, wogende Murmeln der Gespräche. Etwas Neues +und Feierliches war heute über ihn gekommen, das ihm die Welt in anderem +Licht zeigte als bisher, doch war alles noch verhüllt. + +Er wälzte sich lange Zeit schlaflos auf dem Strohlager und sah in die +dunkle, schwere Nacht hinaus. Zuweilen erfüllte ein bitteres Gefühl sein +Herz, daß er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach +schlafen mußte. Denn daß der Baron ein Vetter seiner Mutter war, hatte +er Stefan Gudstikker stolz verschwiegen. Er witterte in diesem Menschen +einen Feind, der zugleich etwas seltsam Anziehendes besaß. Er brachte +gleichsam den fremden Laut aus diesem fremden Land. Man lehrte ihn in +der Schule die Liebe zum deutschen Vaterland. Da brannte ein geheimes +Feuer in seinen Augen, das zu reden schien, oder doch nach einem +Vaterland für ihn zu suchen schien. Oder war es dies Deutschland? Was +sagte dann das stumme Abweisen in den Gesichtern der Mitschüler, oder +der kühle Blick der Lehrer, wenn er Agathon streifte? Und Deutschland +bemühte sich auch gar nicht so sehr, sich ihm als Vaterland angenehm zu +machen. Deutschland war eben so freundlich, ihn zu dulden und er durfte +dafür die große Hymne mitsingen. Aber wo war es denn, dies Vaterland, +dies geheimnisvolle, liebevolle? + +Er konnte nicht schlafen. Sein geschärftes Ohr vernahm durchdringender +noch den Lärm des Festes und es war, als ob ihn eine Stimme riefe. Eine +dunkle Sehnsucht ließ ihn zittern vor Ungeduld; er sprang aus dem Bett, +warf sich wieder in die Kleider und, die Augen noch umschleiert von der +Finsternis, stieg er die Treppe hinab mit dem Bewußtsein einer Schuld. +Es war ihm gleich, wohin er kam; daher öffnete er im zweiten Stock eine +Thüre (viel deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten) und befand +sich nun in einem großen Salon, der noch warm war von einem lang +erloschenen Kaminfeuer und trotz des Dunkels glaubte er, daß Möbel und +Tapeten um ihn her grün sein müßten. Er lächelte, setzte sich in einen +weichen Fauteuil am Kamin und versank darin wie in einem Lager von +Flaumfedern. Er harrte jetzt förmlich auf die Veranlassung, die ihn +hierhergerufen. Die Musik unter ihm machte die Dunkelheit rings +eigentümlich zittern. + +Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch, wie wenn jemand weint und er +will es nicht hören lassen. Agathon ging hin, öffnete die Thüre und +stand nun verlegen, bestürzt vor seiner Base, die die glückliche Braut +war und der man heute das große Verlobungsfest gab. Sie saß vor einer +Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch. + +Jeanette blickte auf, und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor. +Endlich murmelte sie heiser eine Frage: was er hier zu suchen habe. + +Agathon zuckte die Achseln. „Ich – nichts. Ich habe dich nur so weinen +hören.“ + +„Von oben? Von deiner Kammer?“ + +„Ja, von meiner Kammer.“ Agathon wurde bleich und ließ den Blick +verächtlich in dem königlich geschmückten Boudoir umherschweifen. +„Nein,“ sagte er plötzlich entschlossen, „nicht von meiner Kammer.“ + +„Nun?“ + +Agathon schwieg. Die großen, durchdringenden, von Thränen nassen Augen +des Mädchens erweckten ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm. Jeanette nahm +ihn rasch bei der Hand. „Nun gestehe. Weshalb bist du gekommen? Hast du +Hunger? Dann soll dir Babette geben, was du willst. Auch Wein sollst du +haben. Ich will es ihr gleich sagen. Oder willst du Geld? Hier ist meine +ganze Börse.“ Sie lächelte bitter und wollte aufstehen. Doch Agathon, +der immer bleicher geworden war, nahm ihre Hand und drückte sie mit +großer Kraft fest zusammen, so daß das Mädchen schmerzlich seufzend und +überrascht zurücksank. „Ich bin nicht das, was du meinst,“ sagte +Agathon. + +„So?“ Ein flüchtiger und unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht. + +„Ich bin nicht hungrig,“ sagte Agathon leise. + +„Das mußt du allerdings wissen.“ + +„Ich brauche auch kein Geld. Also nimm dein Geld hier weg, sonst muß ich +es nehmen und zum Fenster hinauswerfen.“ + +Jeanette streckte zögernd ihre Hand nach dem Geld aus und nahm es +langsam an sich. Sie sah lange in Agathons erregtes Gesicht, dann faßte +sie ihn plötzlich an beiden Händen, zog ihn zu sich und sagte herzlich: +„Nun sprich!“ + +Agathon schüttelte den Kopf. „Ich glaubte, _du_ hast etwas zu sagen. Ich +habe nicht geweint. Freilich woher sollst du Vertrauen haben, bei meinen +schlechten Kleidern.“ Er lächelte wieder, wandte das Gesicht ab und +starrte ins Dunkle. Die Wände schienen sich aufzuthun vor seinen +Blicken, und aus zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an, unter denen +die Menschen Schätze zusammentragen, um sie wieder von Sorgen bewachen +zu lassen. + +„Gerade du!“ flüsterte Jeanette jetzt erregt. Sie ließ seine Hand nicht +mehr los, und er fühlte, wie heiß ihre Hand war. „Ich habe dich stets +übersehen wie einen Schatten. Du hast dich auch so schmal gemacht wie +ein Schatten, du wunderlicher Agathon. Aber du hast komische Augen, +sehr!“ + +Agathon antwortete nicht. + +„Rede, Agathon, hast du eigentlich schon sehr viel Böses gethan? Warum +zitterst du nun? Ach, was hast du?“ + +„Böses, fragst du? Warum fragst du es. Was ich gethan hab’, war nicht +böse. Es war auch nicht gut. Nein, es ist etwas anderes als das. Es wäre +schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte. Oder +kann es böse sein, wenn es dich erhebt, glücklich macht? Oder gut, wenn +es das ganze finstere Leben erkennen läßt und was man versäumt hat und +was andere versäumt haben –?“ + +Jeanette, ganz erregt über das Wesen des jungen Menschen, flüsterte +stockend: „Setz dich doch zu mir. So. Später einmal mußt du öfter +kommen. Bloß zu mir allein. Siehst du, sie wollen mich einem alten, +wackeligen, zahnlosen, gichtigen Menschen verloben und das der +Geschäftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig +verkaufen lassen in das Bett dieses Schweins. Erröte nicht, Agathon, das +ist nicht die Stunde zum Erröten, freilich ist es nichts Neues, denn bei +uns werden ja alle Mädchen verschachert wie Häuser und Grundstücke, aber +du wirst doch zugeben, daß man bisweilen auch aus anderen Gründen +heiraten kann. Wie? Aus Liebe zum Beispiel, wie?“ + +„Aus Liebe, ja,“ wiederholte Agathon und zuckte zusammen. + +„Sieh her, sieh her,“ sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild +und ordnungslos in die Stirn, und sie zog Agathon dichter neben sich. +„Hab ich nicht die weichste Haut, die du dir denken kannst? Rühr mich +nur an! Hab ich nicht einen weichen Mund? siehst du, ich küsse dich +damit, und ein klopfendes Herz? und mag ich nicht alles, was schön ist, +z. B. deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, da darf auf der +einen Seite eine Kirche voll Geld und Ehren sein, und auf der andern +Seite ich: verstoßen, verachtet, oder ein Frauenzimmer, das sich +verkauft oder verkaufen läßt für Geld, dann nimmst du mich, wenn du mich +liebst, verstehst du? Ja du freust dich sogar, wenn du mir zeigen +kannst, wie viel du für mich giebst und lachst ihnen allen ins Gesicht. +Und doch giebt es einen Mann, an den ich geglaubt hatte, und der anders +gehandelt hat wie ich dir sage, – nicht für Kirchen voll Geld und Ehren, +sondern bloß weil er leiden wollte um mich. Ist das nicht närrisch? Ich +sitze da mit meinem Herzen voll Leben, daß es nur so brennt und soll das +Schwein heiraten und habe Ja gesagt nur aus Rache gegen den +Leidenssüchtigen dort. Triffst du ihn einmal, Agathon, so gieb ihm dies +Haar da von mir, sag ihm, wie schön meine Haare sind, wie sie fluten und +wallen wie bei einer Fee, und sag ihm, wie meine Augen leuchten in +diesem Reichtum um mich, und wie ich ihn verachte, den Anstand und die +Bürgerlichkeit und so weiter. Pfui!“ + +Agathon starrte fassungslos in diese wilden, zigeunerhaften, +leidenschaftlichen Züge. Jeanette sprang auf und klatschte in die Hände. +„Ich weiß es,“ rief sie und lachte schrill. „Ich will etwas Göttliches +aushecken. Du mußt dabei sein! Du mußt alles thun, was ich will und +nicht widersprechen. Nur heute thu’, was ich will, und ich will immer +deine Magd sein. Ein Lieutenant ist dabei, was sagst du dazu! Ein Adler +im Taubennest. Donnerwetter nochmal!“ + +Sie lachte nervös und fuhr fort, Agathon zu putzen. Sie legte ihm eine +weiße Stickerei um den Hals, gab ihm rote Saffianschuhe, in die er kaum +hineinkam, weiße Handschuhe, eine rote Schärpe und eine Art +Soldatenmütze. Dann nahm sie eine Puppe aus ihrem Schrank, wickelte sie +in Seidenpapier, nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und +Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle +Zimmer zur Treppe, über die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der +Saalthür stand, die der Lakai mit einem Gemisch von Respekt und +Verdutztheit eifrig aufstieß. Mit blitzenden Augen sah Jeanette in das +bunte Treiben der Gäste. Nicht einmal die Haare hatte sie geordnet. Sie +hingen ebenso wild und ordnungslos um die Stirn wie vorher. + +Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon, wo +sie so lang bleibe und was der Unfug bedeute. Alle hätten schon nach ihr +gefragt. Jeanette zuckte die Achseln, sah ihn gar nicht an, ging in die +Mitte des Saales, wo die Herren sie mit leisem Händeklatschen und mit +gedämpften, gleichsam kosenden Beifallrufen empfingen. Die Damen zogen +sich naserümpfend zurück. „Also meine Herren,“ begann Jeanette, „hier +ist der General und Preisrichter. Er hat zu dem Zweck eine rote Schärpe. +Er ist mein Freund. Ich habe für jeden von euch eine Aufgabe. Wer sie +löst, darf mich küssen!“ + +„Bravo!“ rief der Chorus schmeichelnd. + +„Ich hoffe, mein Bräutigam giebt mir die Erlaubnis –?“ + +„Wird nicht gefragt,“ murmelte der Chorus ergeben. + +„Der Preisrichter soll meinen Bräutigam kennen lernen. Salomon! – +Sa–lo–moon!“ + +Ein alter, grinsender, gebückt gehender Mensch mit brauner Perücke und +gefärbtem Bart schob sich einher. Er hatte ein süßliches Lächeln, das +bald wohlwollend, bald neckisch, bald traurig wurde, ohne den Ausdruck +des Süßlichen zu verlieren. Mit einem tiefen, ironischen Bückling +stellte Jeanette den Greis vor. „Salomon Hecht, Witwer.“ Ihrem Vater, +der sie beiseite ziehen wollte, warf sie einen langen, drohenden Blick +zu, so daß er kopfschüttelnd abließ und ängstlich harrte, was kommen +sollte. + +Herren und Damen standen lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen. Es +war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft: jüdische Kaufleute mit den +üblichen Formen der Bärte und den glatten, pomadisierten Haaren. Juden +von der Presse mit dem spitzfindigen, alles hinnehmenden, alles +entschuldigenden Lächeln, der schmalen Tournüre und den tänzelnden +Schritten. Juden vom niederen Beamtendienst mit dieser überhobenen +Wichtigkeit und dem unerschütterlichen Ernst. Jüdische Ärzte und +Advokaten mit gleichsam stechenden Manieren, voll Höflichkeit und +Gesuchtheit. Alle Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene +Intelligenz des Augenblicks, die von den verborgenen Werten der Dinge +nichts weiß, die an der Stunde festklebt, mit der Stunde rechnet und die +Augen schließt, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter hatten etwas +Überlebtes, etwas von dem Abgeglühtsein, wie es das gemeine Leben mit +sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen +Genüssen, von der Verachtung des wahren Ernstes, von Frivolität und der +Sucht, den Tag leicht zu nehmen. Sie alle trugen Fräcke und tadellose +Wäsche, aber darin lag etwas seltsam Anachronistisches, das sich in +Worte nicht fassen läßt. Die Geschäftsleute hatten das Übergewicht, das +ist klar. Sie fühlten das Geld in ihrer Tasche klimpern und waren +überzeugt von den höchsten Eigenschaften dieser Macht: wie Sklaven, die +heuchlerisch ihre Gewalt verstecken und sich auf die Stunde freuen, wo +sie die Krallen zeigen dürfen. + +Jeanette nahm ihre Puppe und ein langes Stück Bindfaden, dessen eines +Ende sie um den Porzellanhals der Puppe schnürte; dann stellte sie sich +auf einen Stuhl, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit warf sie das +leichte Spielzeug so gegen die Decke, daß die Schnur in einem stählernen +Haken im Plafond hängen blieb. Dann zog sie unten, so daß die Puppe etwa +drei Meter vom Boden entfernt, schweben blieb. „So meine Herren!“ rief +Jeanette und zog die Brauen bald hoch, bald auseinander wie eine Katze. +„Jetzt müssen Sie springen! Anlauf ist die Schwelle des Salons. Absprung +vom Rand des Teppichs. Wer die Puppe mit den Fingern erreicht und +herabziehen kann, ist Sieger. Wenn mehr als einer siegt, müssen die +Betreffenden noch einmal springen. Niemand darf sich ausschließen, das +ist die einzige Bedingung.“ Und sie warf stolz den Kopf zurück und +verschränkte wartend die Arme. + +Alle traten zurück und sahen sich ratlos an. Viele lächelten +schwerfällig, einige wandten sich vorsichtig zur Thür. „Die Lakaien +schließen die Thüren!“ gellte Jeanette erregt. Unwilliges Murmeln ward +laut. Der Baron ging energischen Schritts zu seiner Tochter und wollte +reden. Sie schnitt ihm das Wort ab. „Eine Silbe, Vater, und ich erkläre +meine Weigerung, mich mit dem Schwein zu verloben,“ flüsterte sie ihm +zu. Der Baron setzte sich an den Tisch und bohrte wütend in seiner Nase. +Die Damen gingen bleich, mit halbgeschlossenen Augen und sozusagen mit +gerümpften Schultern in den Nebenraum. Einige jüngere Herren begannen +die Sache heiter zu nehmen, vielleicht um nicht für feig zu gelten, +vielleicht aus Furcht vor Jeanettens spöttischer Zunge. Der Lieutenant, +nach dem alle mit den Blicken suchten, war spurlos verschwunden. Endlich +begann Elias Heumann, das „Tuchgeschäft“ mit einer möglichst harmlosen +Miene zu springen; er suchte sich den Anschein zu geben, als springe er +eben probeweise, um die Sache in einem um so scherzhafteren Licht +erscheinen zu lassen. Aber nicht nur, daß das Tuchgeschäft sich kaum +einen Zoll vom Boden erhob, nein es fiel auch noch am Rand des Teppichs +hin und humpelte keuchend in eine Ecke, um sich während einer +Viertelstunde der Betrachtung des sanften Sternenhimmels zu widmen. +Agathon lachte; aber das Lachen starb auf seinen Lippen, als er in die +Augen des Barons sah, in denen ein unheimliches Feuer glühte; er biß die +Zähne zusammen, und plötzlich mußte er an die arme, niedere Stube zu +Haus denken, und das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem +Schattengewühle auf. Und er verlor sich selbst: aus diesen Schatten +erhoben sich Generationen, Greise und Greisinnen, die mit müdem +Kopfschütteln vorbeigingen. + +Jeanette klatschte und nun sprang Nathan Kirschbaum, das Bankgeschäft, +rot im Gesicht, mit unterlaufenen Augen und plumpste wie ein junger Hund +auf das glatte Parkett. Dann sprang die Hopfenhandlung Alois Cohn nebst +Theilhaber, das Viehgeschäft Eduard Steinam, die Kurzwarenfabrik René +Reinemann, der Feuilletonist Moritz Goldbach. Es war grotesk, wenn sie +in der Luft den Arm ausstreckten, die Beine anzogen, den Kopf zwischen +den Schultern versteckten, und dann gänzlich zerschmettert, gleichsam +platzend vor Scham und Menschenhaß wieder an der Erde anlangten. Dazu +wurde nun sehr wenig gelacht, die Gesichter wurden immer finsterer und +endlich als schon niemand mehr springen wollte, trat der Baron mit einem +heiseren „Jetzt ist es genug!“ dazwischen. Da setzte sich Jeanette, die +bis dahin ernst geblieben war, in einen Sessel und fing an zu lachen, +daß alle sich bestürzt umblickten. Es war etwas Hysterisches, etwas +Bitteres und Tragisches in diesem Lachen. Dann hörte sie ebenso +plötzlich auf, ging zu Agathon, riß ihm die Lappen ab, mit denen sie ihn +geputzt und rief ihm herrisch zu: „Springen Sie!“ Agathon, überrascht +durch das plötzliche Sie, rührte sich erst nicht. Doch nahm er +schließlich gar keinen Anlauf, sondern schnellte sich gewandt von den +Fußballen in die Höhe, ergriff die Puppe und riß sie herab. + +„Gott sei Dank! Endlich ein Mann!“ rief Jeanette, nahm seinen Kopf +zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund mit einer geheimnisvollen +und durchdringenden Glut. Ihre Lippen waren feucht, ihre Haare waren +feucht und knisterten dennoch und ihr Atem war heiß wie ihre Hände. + +Ein eisiges Schweigen war entstanden. Agathon schauderte bis ins Herz +bei ihrem Kuß. Dann wurde Jeanette heftig zurückgerissen und der Baron, +in maßloser Wut, stand mit geballten Fäusten hinter ihr, während der +Bräutigam daneben furchtsam lächelte. „Was willst du?“ flüsterte +Jeanette. + +Der Baron wurde schneebleich. „Ich will dich aus dem Haus peitschen +lassen,“ sagte er bebend. + +„Ich will _auch_, daß du mich peitschen läßt, hörst du? Das kannst du +nur einmal, aber wenn ich das Schwein da heirate, bin ich für immer +gepeitscht. Ich will einen Mann haben und keinen Getreidesack und keinen +Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst du das nicht? +Verstehst du nicht, daß ich nicht unter diesen abgegriffenen +Papierseelen da verkehren mag? Seid ihr denn Menschen, was? Sagt doch +selbst! Was soll ich denn anfangen mit diesem Schwein in der Nacht, wenn +ich von Männern träume, die nicht ein paar matte Nachtlichter im Kopf +haben, sondern Augen, Augen, Augen –? Wenn ihr nur das wollt, was ihr +wollt, dann handelt! Verhandelt euern letzten Flederwisch im letzten +Kehrichtfaß, und für das andere geb’ ich mich nicht her wie eure +hochmütigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie eine Hexe. Da! da habt +ihr und mich laßt zufrieden! da! da! da!“ Und sie ging hin, weiß wie +Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die Ringe +an den Fingern, riß die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit +einem Ruck die Knöpfe der Taille. Da stürzte Löwengard mit +unartikuliertem Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und +wollte sie forttragen, hinaustragen. Sie wehrte sich wild, und in dem +Kampf fiel sie hart zu Boden. Die Damen eilten herbei, – jammernd, +scheltend, der Bräutigam suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem +Arm, dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen, viele +wandten sich feig und finster nach der Thüre, der Lakai sah mit +eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum, und auf +einmal blieben alle regungslos stehen. + +Der jetzt hereintrat, ohne daß der Lakai auch nur versucht hätte, ihn +abzuhalten, war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas +wie eine große, seltsame Ruine; etwas in seinem Gesicht, das man +unvergänglich nennen möchte: so einen Schimmer von wandelloser Milde und +Güte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln, das man +zuweilen bei alten Männern sieht, die die Jugend müde hinwanken sehen +und selber niemals müd zu werden scheinen, so kam er herein und Agathon +lächelte auf seine stille Weise, wie ein Kind, das an den Wendepunkt +eines Märchens gelangt ist, wo die wohlbekannte gute Fee kommt, um die +Verwicklung zu lösen. Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja +Löwengard von Roth in seinen ärmlichen Lumpen. + +Der Alte ging also ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als +er dessen Gesicht sah, das von verräterischer Scham erfüllt war, ließ +die halbausgestreckte Hand wieder sinken und nahm ruhig Platz. Da er nun +sah, daß der Sohn sich seiner schämte, sagte er nichts, sondern sah +lächelnd und nickend vor sich hin. Dann nahm er die Hand des „Barons“, +zog ihn zu sich nieder, deutete ein paarmal auf das Kaminfeuer und sagte +nach jedem Wort pausierend: „So hat’s Gott gewollt.“ Der Baron machte +sich verlegen los, warf dem Lakaien einen zornigen Blick zu, den dieser +achselzuckend hinnahm und trat mit einem betretenen Lachen zu seinen +Gästen, die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette +kroch auf den Knieen zu dem Greis hin, streichelte seine großen Hände +und sagte: „Großvater, was hast du denn? Warum kommst du denn so spät +noch zu uns?“ Mit einer scheuen und beschwichtigenden Geste wandte sie +sich nun zu den andern und sagte: „Er weint.“ + +Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: „Sag’s +ihnen nicht. Sie wollen nicht sein gestört. Und mein Sohn hat vergessen, +daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack. Hat er vergessen, daß ich bin +arm. Heut abend ist abgebrannt ganz Roth. Der Herr hat mich wollen +gedenken lassen, daß es mir gegangen is zu gut im Leben. Sei ruhig, sei +ruhig, ich sag’s bloß dir. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, nebbich, +alles is hin.“ + +Bald wußten es alle im Saal. Der Feuilletonist schlug mit einem +boshaften Seitenblick auf den Baron vor, man solle sammeln. Übrigens +brach die Gesellschaft rasch auf, und der Baron, verstört, verzweifelt, +verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen +oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen, dem er +ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ. Dann forderte er Jeanette auf, +mit ihm zu kommen. Agathon hörte ihn schreien; er wurde immer heiserer, +schien um sich zu schlagen ... Der Lakai suchte ein vertrauliches +Gespräch mit Agathon anzuknüpfen; seine Worte klangen widerlich zurück +von den Wänden des verödeten Saales. Agathon schlich beschämt in seine +Kammer, warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in einen +schweren Schlaf. + +Am Morgen hörte er vom Hausgesinde, daß Fräulein Jeanette verschwunden +sei. Agathon fühlte sich darüber glücklich, ohne zu wissen warum. Die +Luft war kühl, scharf und gleichsam gereinigt, als er zur Schule ging. +Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht +hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung. Besonders an diesen +neblichen Oktobermorgen; alles ist mit Frieden gesättigt, die Dächer +glänzen, die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz, der Rauch +erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein scheint sich zu brüsten im +Gefühl seiner Pflichterfüllung. Die Mägde haben weiße Schürzen, und das +knattert ordentlich, wenn sie zum Markt gehen. Die Bäckerbuben pfeifen +Lieder, die man nirgends sonst gehört hat; sie halten jeden Ton lang +aus, besonders in der Höhe. Über die große Brücke rauscht und rollt der +Schnellzug, aus dem rätselhafte, übernächtige Gesichter in die weite, +überschwemmte Ebene schauen. Dann saust der Zug herein, die Schranke am +Dambacher Weg ist geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und +warten gutmütig. Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug, +rasselnd, polternd, pustend, und Agathon hört, wie er mit schrillem +Pfiff am Bahnhof hält, und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein, um +in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am Haus des +Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und der als edler +Menschenfreund bekannt ist; über eine halbe Million hat er für das +Waisenhaus vermacht. Es giebt viele Dinge, die Agathon bewundert, und er +liebt die Menschen. Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt +ihm merkwürdig vor. Er weiß, daß es neu ist, was er fühlt, aber er will +sich nicht durchforschen. Es ist, als ob man in seinem Herzen etwas +baue, und er will warten bis es fertig ist. Er denkt an jenes erste Bild +der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die +Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und wie er daran denkt, erschrickt er, +bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem +monotonen Diskant. + +In der Schule hörte er nichts von dem was gelehrt wurde, hatte nichts +gelernt, eine wichtige Lektion nicht geschrieben, wurde in den +Strafbogen eingeschrieben, ohne daß er sich einen Gedanken darüber +gemacht hätte. Er begriff nicht, warum er tote Wissenschaft in sich +hineinstopfen solle, da es doch des frischen Lebens genug gab. Aber er +begriff die Verachtung, in der die meisten Lehrer bei den Schülern +stehen; es gilt nicht der Person, sondern dem Amt. Draußen war die +Freiheit, der Wald, unbegrenzt, dunkel, voll von Erlösungen für den, der +sie sucht; aber die Schule wollte, daß man nichts anderes wolle als die +Schule. Das ließ ihn den Lehrer verachten und seine Handwerkerart, die +großen, feierlichen Dinge der Geschichte so hinzusagen, als ob es nichts +wäre, Mythologie zu lehren, als ob es gälte, ein Adreßbuch durchzulesen. +An diesem Morgen begann Agathon plötzlich durch ein wunderbares Spiel +seiner Seele zu sehen, wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele +genommen wäre. Und diese große Umwälzung beschäftigte ihn sehr, so daß +seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur _ein_ Lehrer war es, an dem er +mit abgöttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik +zu rühren wagte. Es war nichts an ihm als das, wie er die Wissenschaft +der Chemie vor den Schülern zerlegte, so daß auch der Blöde und der +Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit seinem Arm hinein in +die Nacht der Natur, oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel +hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder sein ließ vor +den Augen seiner Zuhörer. Er that nicht wichtig mit der Wissenschaft und +spielte nie mit ihr, machte auch nichts „Interessantes“ daraus, sondern +eher etwas Heiliges. Da stand er hinter seinen Retorten und Röhren wie +einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu predigen, +dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt. Nie ging er auf +die tote Formel ein, wie ein junger Priester, der die gedruckten +Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat. So war +Erich Bojesen. + +Da Agathon Geyer nun nicht um die Welt aufmerksam werden wollte, nahm +„Professor“ Schachno die Gelegenheit wahr, ihn die „Braut von Korinth“ +fünfmal abschreiben zu lassen. Agathon lächelte. + + + Fünftes Kapitel + +Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben, der immer still vor sich +hinschluchzte, das Innere des großen, hallenden Gebäudes betreten hatte, +hörte das Schreien wieder auf. Doch in einem jener Energieanfälle, die +oft über ihn kamen und durch die er in seiner Achtung gewann, beschloß +er, der Sache auf den Grund zu gehen. Und er stieg die Treppe hinan, +wurde nachdenklich gestimmt durch den feierlichen, ja düsteren Stil des +Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung, machte +seine Glossen zu dem großen, bemalten Glasfenster, das den Propheten +Japhta mit seiner Tochter zeigte, in einer naiven und herzlichen +Darstellung, die an Cranach und seine Schule mahnte. Auf dem großen +Korridor war es still und öde. Er öffnete die nächste Thüre, wobei sich +das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte, um auch etwas zu +sehen, und hatte einen großen, weißgetünchten, fast finsteren Saal vor +sich, in welchem Bett an Bett stand, wohl dreißig oder vierzig wie in +einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger +weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen +Lippen, angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer +zurückzuhalten. Eine dumpfe Luft schlug heraus wie aus einer Katakombe +und Gudstikker schloß schnell die Thüre, stand ratlos da und sah die +Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen. +Da ertönte wieder das Schreien: lauter, klarer und eindringlicher. Der +Kleine rang stumm die Hände und das Eckige und Verzweifelte in der +Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte. + +In einem schmalen, matt erhellten Raum saß der Schammes mit einer blauen +Brille, riesenhaften Filzschuhen, einer dicken Uhrkette und einer Art +Kaftan und nickte schläfrig; und wenn ihn sein Gegenüber, der Wohlthäter +Abraham Porkes anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht und +kehrte dann wieder an die Grenze des Schlummers zurück. In der Mitte des +Raumes war ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren auf ein Brett mit +Riemen festgeschnallt, und wenn der Schammes, das Rohr in der Hand, mit +seinem devoten Gesicht emporschnellte, schlug er zugleich mit dem Rohr +klatschend auf den Rücken des Knaben. Dieser öffnete dann den Mund zu +einem Schrei, der lang hinhallte und langsam erstarb, worauf er in eine +schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes +und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht sofort das +Gesicht dieses Knaben gesehen hätte, das sich mühsam emporhob: ein +feines, reines Gesicht, mit einer Lieblichkeit, die nur den frühen +Schmerzen zukommt, mit einer unerfahrenen Gläubigkeit. Schwarze Locken +fielen in die Stirn, auf die deutlichen Brauen, unter denen hilflos +fragende Augen hervorschimmerten mit jenem Knabenblick, der manchem +erfahrenen Mann etwas zu denken giebt. Kaum sah der kleine Bursche an +Stefans Seite das Unglück seines Freundes, als er auf ihn zustürzte und, +da er mit den Ärmchen nicht hinaufreichte, bitterlich zu weinen anfing. + +„Ruhig! was ist hier los?“ sagte der Wohlthäter in sanftem Baß. + +„Ruhig, was ist hier los?“ wiederholte getreulich der Schammes und +zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der +Unterlippe hervorragte. + +„Wo kommt ihr her?“ fragte der Wohlthäter und schaute seine dicken +Finger an, als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt. + +„Wo kommt ihr her?“ fragte der Schammes und versteckte seinen Zahn, so +gut es ging. + +Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die +Riemen und hob den Knaben herab. „Ignazle, guts Ignazle“, flüsterte der +Kleine mit der Betonung einer Mutter. „Siehst mich nit? Thut’s weh?“ + +„Ruhig!“ donnerte Abraham Porkes. „Was erlauben Sie sich, junger Mann!“ + +„Ja, was erlauben Sie sich!“ sagte der Schammes mit einer +unbeschreiblichen Stimme und schneuzte sich in ein blaues Tuch mit +thalergroßen, roten Flecken. + +„Was hat der Junge gethan?“ fragte Gudstikker mit einer Hoheit, die ihn +selbst überraschte und sehr befriedigte. + +„Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muß bestraft werden. Da +alle andern Mittel vergebens sind, muß er bestraft werden. Seine Mutter +selbst hat ihn hergebracht, – kurz und gut, was haben Sie hier zu suchen +und dieser nichtsnutzige Bengel da?“ + +„Ja!“ machte der Schammes und sah streng aus. + +Gudstikker lachte. „Wollen Sie mir das Kind überlassen?“ fragte er dann. +„Ich werde ihn heilen. Er interessiert mich.“ + +„Sind Sie Jude?“ + +„Nein.“ + +„Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.“ + +„Aber Herr Kommerzienrat! Sie, bei Ihrer Vernunft und Bildung! Sie +kennen ja auch meine Mutter, Elise Gudstikker. Es kann Ihnen ja gleich +sein. Und wenn Sie ihn wieder verlangen, können Sie ihn haben.“ + +„Ja, wenn Sie glauben,“ meinte Porges unentschieden. „Gut“, sagte er +dann, „auf acht Tage; vorausgesetzt, daß nichts geschieht, was unsere +Religion – na, also gut, der Junge weiß das schon selbst. Adieu junger +Mann, machen Sie’s gut, grüßen Sie Ihre Mutter. Sie gefallen mir!“ + +Gudstikker ging heim mit den zwei Knaben. Der Zerlumpte konnte sich +nicht trennen und überhäufte das Judenkind mit Liebkosungen. Gudstikker +zog die Schultern hinauf und lachte in sich hinein. Er wußte, daß die +beiden froh waren, den Knaben los zu sein. + +Zu Hause angelangt, fand er seine Mutter unpäßlich. Sie lag auf dem +Sofa, sah etwas kummervoll aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu +erklären, wie er zu den Kindern komme. Sie kannte seine Art, eigenwillig +und schnell zu handeln, gut genug. Sie kannte auch seine redselige und +mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich neugierig zu zeigen. Ihrer +apathischen und lebensweisen Art war das fremd. Ihr Leben bewegte sich +hin und her zwischen Seufzen und gleichgültig gewährendem Lächeln, dabei +hatte sie jene eigentümliche Strenge, die dem Blick etwas +Unwiderstehliches giebt, einen Blick, von dem man glaubt, daß er den +Körper wie Glas durchdringe. Den jüdischen Knaben sah sie an, lachte +leise und hart, betrachtete seine langen, feinen, dünnen Finger, das +abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig wieder hin und +sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe. + +„Können sie hier schlafen, Mutter? Oder in der Kammer?“ + +Der Judenknabe, den sein kleiner Kamerad aus Gott weiß welchem Grund +Ignazle nannte, während er Sema Hellmut hieß, sprach kein Wort. Aber er +schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte, dem +träumerischen Spiel seiner Augen nach zu schließen. Diese einfache und +gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen, der fortwährend leise in +sich hineinbrummte, die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche, +die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden, er besah es mit +scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen inneren +Unruhe. Er schien gar nicht empfänglich zu sein für die unaufhörlichen +Liebkosungen seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick +angstvoll in den des kleinen Zerlumpten. + +„Nun, das ist doch jüdische Degeneration, wie sie im Buch steht,“ sagte +Gudstikker zu seiner Mutter. + +„Ich weiß nicht, was im Buch steht,“ entgegnete sie lakonisch. „Ich will +dir sagen, die Juden sind viel bessere Menschen als wir, edlere +Menschen. Sie trinken nicht, sie betrinken sich nicht, sie sind +eigentlich viel fremder in der Welt als wir. Wenn bei uns nicht alles +aus dem Leim geht, haben wir es bloß den Juden zu danken.“ + +„Meinst du? Das hat zwei Seiten. Es giebt solche Juden und solche. Die +einen scheinen auserlesen für alles, was gut, groß, prophetisch ist. Die +andern, die meisten, sind Würmer, Schlangen, Mistzeug. Ich bin der +Ansicht, es läßt sich auch gar nicht leugnen, daß unsere ganze +Kulturkrankheit Judentum heißt.“ + +„Wer weiß, vielleicht heißt sie auch anders,“ entgegnete Frau Gudstikker +mit seltsamem Lächeln und spielte mit einem elfenbeinernen Kruzifix an +der Wand. „Das sind so Worte, mein Lieber. Aber ich kann darüber nicht +reden. Ich bin zu dumm. Alle Frauen sind ja dumm.“ (Wieder dies feine +Lächeln.) + +Gudstikker schwieg und verfolgte ein eigentümliches Schauspiel zu seinen +Füßen. Der große Bernhardinerhund, Faust, ein energisches, edles und +kühnes Tier, erhob sich aus seiner Ofenecke, tappte zu den zwei Kindern, +beschnüffelte den drolligen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund der +Kinder), beschnüffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die +Hand des Knaben, freudig und förmlich demütig, dann ließ er sich neben +Sema nieder und hörte nicht auf, ihn gespannt anzublicken, als ob er +einen Befehl erwarte. Es war wie ein Bild aus einem alten und +vergessenen Buch. + +Da gewahrte Sema eine Geige an der Wand über der Kommode; seine Augen +wurden groß und begehrlich. Er stand auf, machte eine bittende Gebärde, +wobei er auf das Instrument deutete und kaum das erstaunte Nicken Frau +Gudstikkers abwartete; dann stellte er sich auf die Zehen und nahm die +Violine herab, kehrte auf seinen Platz zurück und begann vorsichtig +lauschend zu stimmen. Hierauf nahm er den Bogen und spielte. Aber wenn +man sagt, er spielte, dann ist es zu wenig. Es war nicht mehr der kleine +Knabe mit dem bisweilen aufstrahlenden Blick und der müden Blässe der +Wangen; es war irgend eine verstorbene wundervolle Künstlerseele, die +mit fleischgewordener fester Hand den ärmlichen Bogen führte. Es waren +solche Töne, die gleichsam den Himmel durchsichtig machen, ohne daß man +Gott selber findet, ein schwermütiger Hymnus an alles Liebliche des +Frühlings und des Sommers, das unbeklagt hingegangen ist, um nicht mehr +zu erscheinen, oder es war die Trauer um die Jugend, die zu leiden +hatte, oder ein Märchen selbst ersonnen in einer einsamen Nacht, – +unaussprechlich. + +Als Sema die Arme sinken ließ, lauschte er selbst noch den Tönen nach. +Er schien nicht zu ahnen, was er mit seinem Spiel gethan; er blickte nur +bewegt auf den still vor sich hin heulenden Wendelin, seinen kleinen +Freund, auf die regungslos hingestreckte Frau Gudstikker, auf den +verloren träumenden jungen Mann. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, +stand auf, legte die Geige auf die Kommode, ging zum Ofen, rieb seine +Hände an den Kacheln, legte die Stirn an den Messingring der Nische, und +bei alledem folgte ihm der große Hund Faust, und ließ nicht ab, ihn mit +seinen feuchten, treuen, glänzenden Augen anzustarren. + +Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat +Gudstikker seine Mutter um Geld. Er habe keines mehr und bekomme erst +morgen wieder. Sie habe kein Geld für ihn, erwiderte sie. Er solle seine +Uhr versetzen. + +„Mutter,“ erwiderte er ernst, „du weißt, daß ich nichts versetze. Es +geht gegen meine Natur. Willst du, oder willst du nicht?“ + +Sie gab, was sie entbehren konnte. „Wie lange wird es noch dauern mit +deinen großen Ideen,“ seufzte sie. „Wir alle haben zu leiden gehabt +unter deinen großen Ideen.“ + +Gudstikker lachte verächtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins +Caféhaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen, +politischen und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener +Schwamm das Wasser, zahlte erst als es dämmerte, dann ging er zu einem +Trödler, versetzte seine Uhr und machte sich auf den Weg nach Zirndorf, +um die Nacht im Ziegeleigebäude zu verbringen. + +Das Wasser war nun so weit zurückgetreten, daß die gewöhnlichen Wege +gangbar waren: den Damm entlang zur äußeren Turnhalle, dann tiefer ins +Thal hinab, durch Äcker und Wiesen. Bei Dambach war ein Notsteg +errichtet und schwankte hin und her wie eine Schaukel. Der Abenddunst +huschte schattenhaft über das Wasser, das rauschend und grollend +dahinschoß. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe. +Aus der öden Ebene wurde ein Nebel- und Elfenreich, die ferne Stadt +schien eine alte Festung, aus Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu +hüpfen, oder sich zu verschieben wie eine Coulisse. Der Mond war +tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem ruhigen breiten +Wasser, womit die Wiesen überschwemmt waren. Quä, machten die Raben, +schienen sich zu besinnen, wohin sie fliegen sollten. Lichter schauten +aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte, wie Leuchtkäfer; ein Bauer +schrie, ein Hund bellte, dann fingen plötzlich die Glocken in der Stadt +an herüberzuläuten; es war wie das Gerippe zu einer Melodie, die lang +und feierlich hinströmen muß, wie dunkler Wein aus grünem Glas. + +Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie schwankte beinahe müßig dahin, +griff nach Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war +Agathon. Gudstikker griff aus und wünschte guten Abend. Agathon +erschrak. + +„Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf?“ fragte Gudstikker. + +„An Vieles. Oder an nichts.“ + +„Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen? Sie sind ein Träumer, aber ein +aufgeregter. Sie machen sicherlich noch mal irgend welchen Tumult in der +Welt. Sie sind so ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, daß es +kocht, auf einmal fliegt der Deckel herunter –!“ + +Agathon lächelte überlegen. „Was denken Sie sich eigentlich dabei? Sie +kennen mich doch gar nicht. Sie wollen mir nur imponieren.“ + +Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf. Dann rauchte er sehr +nachdenklich weiter, bis er die Stille unterbrach. „Was sagen Sie nun zu +dem Abend? Da könnt ich nun einfach sterben. Aber dafür haben Sie ja gar +keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. Ach, ich muß Ihnen etwas +erzählen. Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer. Ein Romanstoff. +Es ist sehr fein, rätselhaft, metaphysisch sozusagen. Als ich an eurem +Waisenhaus vorbeiging, hörte ich furchtbares Schreien. Die Straße +menschenleer, nur ein kleiner Junge stürzt auf mich zu, nennt mich Herr +Jesus, zerrt mich die Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsäle, durch +ein ödes Schulzimmer, durch eine Art Karzer oder Betsaal und auf einmal +hör’ ich wieder schreien.“ + +„Im Haus?“ + +„Im Haus. Ich öffne eine Thür, zwei große Kerle in schwarzem Talar +stehen da, der eine betet und der andere sticht mit seinen Nadeln in den +Körper eines Knaben, der, merken Sie auf, der an der Decke hängt, mit +den Füßen nach oben. Ich bin wie toll, schlage den einen zu Boden, +drücke den anderen an die Wand, schneide den Knaben ab und gehe mit ihm +fort. Zuhause sieht der Junge meine Geige und fängt nun an zu spielen, – +ich habe nie im Leben dergleichen gehört. Ich heule, meine Mutter heult, +die Leute auf der Gasse bleiben stehn, der kleine Bengel, der +mitgelaufen ist, wird ohnmächtig ...“ Gudstikker schwieg erschöpft. Es +war, als sähe er jetzt alles viel deutlicher, als zur Zeit der +Ereignisse selbst. + +Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mißtrauen von der Seite an. +„Weshalb hatten sie ihn denn so gezüchtigt?“ fragte er. + +„O, das ist sehr einfach!“ Gudstikker sagte etwas, wobei Agathon die +Hände zusammenschlug. + +„Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben,“ seufzte der andere. +„Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. _Exempla +odiosa sunt._ Ich will Ihnen sagen, wir sind zu gebildet, um noch +brauchbare Menschen zu sein. Sürich Sperling war kein Gebildeter, aber +ein Mensch.“ + +„Warum reden Sie stets davon!“ sagte Agathon unwillig. + +Gudstikker blieb stehen und heftete seine Augen durchdringend auf den +Gefährten; und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des +Mondes. Sie waren auf dem Hügelkamm angelangt. Zu den Seiten blickte die +Waldnacht sie an, in der Tiefe schimmerten die Lichter von Zirndorf. +Agathon lehnte sich an einen Baumstamm; sein Gesicht hatte einen +visionären Ausdruck. „Ich sehe ihn,“ sagte er. „Er nickt.“ + +Gudstikker wich scheu zurück. + +„Hören Sie,“ fuhr Agathon fort, „mir ist, als könnte ich die Zukunft +genau sehen. Einer hat mich hinaufgehoben, daß ich es sehen kann: Sürich +Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen +Sie mich nichts.“ + +Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an seiner erloschenen Cigarette. +Über den Mond zogen flaumige Wolken, ohne daß sie seinen Glanz merklich +zu mindern vermochten. + +„Was ist eigentlich Ihr Beruf?“ fragte Agathon. + +Gudstikker errötete. „Ich schreibe,“ sagte er, bemüht, sich selbst zu +verspotten. „Ich mache in Kunst. Ja, man wird bald von mir hören.“ + +„Aber nicht lange,“ fügte Agathon versunken hinzu. „Sie haben bloß +Funken, keine Flamme.“ Er brach erschrocken ab, als er Gudstikkers +verzerrtes Gesicht gewahrte. + +An der Ziegelei trennten sie sich. Agathon ging heim. Es war der +Vorabend der letzten Tage des Laubhüttenfestes. Zum erstenmal hatte +Elkan Geyer keine Hütte gebaut. Doch trotzdem war es sehr festlich. Die +fromme Liebe, mit der man die Feier begann, übergoldete gleichsam die +Ärmlichkeit. Aus nichtigen Dingen entstand unter den Händen einer +einfachen Frau Poesie: Äpfel, Nüsse, Trauben, schwer gelagert auf +blendend weißen Decken, gescheuerte Dielen und Fenster, die +Festtagslampe, eine kupferne Ampel, dampfende Speisen, frischgewaschene +Kinder, die froh sind, daß alles anders ist, als am Werktag. + +Enoch Karkau starrte im Sofawinkel. Der Fremde, Joelsohn, war wieder da +und las Gebete. Elkan Geyer sah Keinen an; sein Gesicht war wie +durchpflügt von Unglück. So ging er seit dem Mord herum, und nichts war +aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe hatte er im letzten +Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten eingehändigt. Frau +Jette siechte nur so hin. Es war oft, als ringe sie mit einer +unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen. +Daher leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen, wie von der +Gewißheit der Niederlage erfüllt und doch voll trotziger +Widerstandslust. Die Sorge um die Kinder beschäftigte sie am meisten, +und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur Elkan endlich einmal die +streitige Chassanstelle erhielte. + +Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still. +Joelsohn las den Israelit, die Zeitung für das Judentum, und sah +plötzlich empor. + +„Es steht schlimm mit Jisroel,“ sagte er. „Habt’r gelesen von Rußland? +Habt’r gelesen von Wien? Is der Jüd a Verbrecher, daß er sich soll +steinigen lassen von die Gojim? Es wird e böses End nehmen, en End mit +Schrecken.“ + +Sie sprachen dann vom Brand in Roth, und vom Bankrott einiger Nürnberger +Bankfirmen. Frau Jette sagte, daß Isidor Rosenau entschlossen sei, sein +Geld beim Baron Löwengard zu erheben. Das sei lächerlich, warf Enoch +Karkau hin; Löwengard sei sicher wie Rothschild. Joelsohn hörte dies +alles nicht; er redete sich in eine flammende Hitze gegen die Christen +und wurde schließlich ganz fantastisch in seinen Anklagen. Er ist um ein +paar Jahrhunderte verspätet, dachte Agathon. Es gab viele solcher Juden, +besonders in der Stadt; es waren Zeloten. Das Gebet ging ihnen über +alles, über Gott selbst und wer nicht betete, war der Feind und der +Christ; etwas Unreines, Fettiges, Übelriechendes lag über diesen +Eiferern wie über abgestandenen Speisen. + +„Ja“, sagte Elkan Geyer müde, „das ist ja ganz recht, aber schließlich +sind wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel, bei +einem fremden Volk. Was können wir fordern? Nichts. Erobert, genommen +haben wir ja genug, das muß wahr sein, die einen viel, die andern +wenig.“ + +„Und wenn der Messias kommt?“ murmelte Joelsohn fanatisch. + +Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten +gleichzeitig. Darin lag etwas schmerzlich Zweifelndes. Agathon liebte in +diesem Augenblick seinen Vater sehr. + +Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefühl +von Macht und Freiheit; ihm war, als könne er all diese bunten +Verwicklungen des Lebens lösen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte +noch nicht schlafen, darum ging er in den Hof und schlürfte gleichsam +die Nacht in sich ein, die so still war, spätsommerlich lau, trotzdem +der Oktober schon weit vorgerückt war. Der zerbrochene Zaun, der +verwilderte Gemüsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Häuser: +alles in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hörte etwas +murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, öffnete das Scheunenthor und +wurde ganz bleich vor Bestürzung, als er auf einem Strohlager den alten +Gedalja gewahrte, der in einen mattleuchtenden Kerzenstumpf +hineinstarrte und Agathon eifrig zu sich herwinkte, als er ihn +erblickte. + +„Psch! nix reden!“ rief er mit unterdrückter Stimme. „Mausstill sein, +sonst schneid’ ich d’r ab die Ohren. Setz’ dich her zu mir, und ich will +d’r sagen was Guts fors ganze Leben. So. Ob de bist reich, ob de bist +arm, ’s is ganz egal; ob de bist gottesfürchtig, ob de bist nit +gottesfürchtig, ’s is aach egal. Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der +Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie Nebukodnezor? Ich will dir geben +en guten Rat un sollst’n nit vergessen fors ganze Leben. Sag’ niemals, +un wenn de wirst siebzig Jahr, sag’ niemals, daß de hast einen Menschen, +wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich geworden neunzig +Jahr, un meine Kinder schämen sich meiner. Hab’ ich gehabt e Gut, e +Haus, un e Viech, un e Fraa, un es Unglück is gekommen un hat +aufgesperrt sein Rachen, daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune +meines Vetters, bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer für die +Nacht. Glauben is kaaner mehr in der Welt, ich spür’s am eignen Fleisch, +Gott hat die Zeit verloren, sie is ihm gefallen aus der Hand, nebbich. +Du hörst se schreien von Juden un Christen, aber was se meinen is das +Geld un was se nicht meinen, is die Frommheit. Was is Gott? Is das Gott, +wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der Thora? Is das Papier Gott? Is +das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der Mond? Nix is Gott; Gott +is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du bist Gott, e +Gespenst is Gott, e Stück Armut un Elend.“ + +Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Thränen. +Zerrissen mit sich und der Welt lag er da. Und Agathon war wie +versteinert. Dann begann der Alte wieder, leiser und ruhiger: „Jetzt +gehste wieder hin, wo de bist hergekommen, legst dich schlafen un bist +still. Du bist e Chuchem und wirst thun wollen e Mitzwe bei en alten +Mann. Ich muß sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches +Gesicht.“ + +Agathon wandte sich, verschloß die Thür, ging ins Haus, in sein Zimmer, +kleidete sich aus, – alles mechanisch. Dann legte er sich ins Bett und +dachte nach, weit über Mitternacht hinaus. + + + Sechstes Kapitel + +Er stand auf, fühlte förmlich die Nacht um sich her mit den Fingern, +kleidete sich an, ging hinab, und obwohl er sich gar nicht bemühte, +leise zu gehen, schwebte er doch nur so hin über die Treppe und den +Flur. Auf der Straße war es zauberhaft still: die Häuser, die Gärten, +die Brunnen, alles gefroren in Ruhe. Er schlich um das Wirtshaus St. +Sebald herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem +vergitterten Fenster, preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch +und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings +Schlafgemach. Es war vollkommen finster, doch sah er jeden Gegenstand, +auch den verstecktesten, mit brennender Deutlichkeit. Sürich Sperling +lag nicht im Bett, sondern saß auf einem Stuhl, starrte in den leeren +Ofen und sagte: „Ja, mein Junge, in der Hölle haben sie auch nicht immer +Vorrat an Feuer; mich friert.“ – „Soll ich einschüren?“ fragte Agathon +sanft. – „Ja, ja, aber findest du nicht, daß es hier nach angebranntem +Kaffee riecht?“ Agathon kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu +gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schließlich wurde es naß und +er sah, daß er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Thür und +von den flackernden Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er +führte an einer Leine zwei Hunde, zwei Katzen und zwei weiße Mäuse, die +alle gehorsam hinter ihm her schritten. Er ging auf Agathon zu und +reichte ihm einen Brief, über den Agathon in große Bestürzung geriet und +dann sah er plötzlich seine Mutter, die mit rollenden Augen irgend etwas +Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte: „Es +lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es lebe der +Bankrott. Es lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfaß schnarcht. Es +lebe die Revolution. Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es +lebe der Tod.“ Plötzlich wurde es hell im Zimmer, Agathon wußte nicht, +ob durch die Flammen im Zimmer oder durch ein Feuer, das draußen war. Da +begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden, und Agathon sah +nichts mehr, als ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete +nieder. Doch als er wieder aufschaute, sah er statt dessen eine nackte +Frau. Es war Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn +bei der Hand und führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt, +durch Wiesen und Wälder und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine +Brücke, die über einen grauenhaften Schlund hinweg führte, und endlich +kam ein Garten auf einem Hügel, und in der Tiefe erwachte der Morgen, +die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles war zerstoben, glänzend kam +der Tag. – + +Frau Jette blieb, als die Männer morgens zur Schul gingen, im Bett +liegen. Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott von +Wassertrüdinger & Co. in Nürnberg. Darüber war alles erregt im Dorf. +Aber der Putz, in dem die Weiber zur Synagoge eilten, war darum um +nichts weniger prächtig. In Sammt und Seite rauschten sie einher, mit +kostbaren Hüten und gelben Schuhen, was im Rahmen des schmutzigen Dorfes +mit seinen Düngerhaufen ziemlich komisch war. Hinter den Frauen +schritten ernster und stiller die jungen Mädchen. Es waren Mädchen mit +schönen zarten Gesichtern dabei, voll von jener grundlosen Schwermut, +die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine Tiefe +haben, mit jenen breiten Hüften, die später Geist und Feinheit gänzlich +verdrängen müssen. + +Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen +und kamen kaum vorwärts. Isidor Rosenau, Samuel Bergmann, Max Lippmann, +David Krailsheimer, alle redeten mit den Händen, fochten mit den Armen +in der Luft umher: man danke für die „Kovet“ einen halben Goij zum +Chassan zu haben; man wisse wohl nicht, daß Elkan Geyer kein geborener +Zirndorfer sei –? So? das sei gleichgültig? wenn er nur ein guter Jüd +sei –? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht seinen Sohn in die +Christenschule nach „Ferth“ –? Das thaten andere auch –? Gut, dann seien +andere auch Chasserem, Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich +nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm? Sogar rasieren habe er sich +früher einmal lassen. + +Die schwarzen Cylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her. + +Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst +beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von vielleicht +sechzehn Jahren zu ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst +aus Polen eingewanderten Frau. Sie kam ganz aus freien Stücken zu ihm, +der vor ihrer Schönheit errötete, vor ihrer Unbefangenheit. + +„Sie sind Agathon Geyer?“ redete sie ihn in einem reinen Deutsch an, mit +einer glockenhellen, melodischen Stimme. + +Er nickte langsam. + +„Ich habe viel von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?“ + +Er nickte wieder. + +„Aber warum wollen das die Leute da nicht?“ + +„Ich weiß es nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.“ + +„Braucht ihr es denn so nötig?“ + +„Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld +hätten, das für uns Kinder bei Baron Löwengard deponiert ist, hätten sie +gar nichts.“ Er sprach etwas wirr und stockend und war ärgerlich über +seine ungewohnte Mitteilfreude. + +„Wissen Sie was,“ sagte Monika Olifat, „wir wollen Freunde werden. +Vorausgesetzt, daß Sie es wollen.“ Agathon sah sie an und jetzt errötete +sie. „Ich suche einen Freund,“ fuhr sie etwas verwirrt und wie +entschuldigend fort. „Also wollen Sie?“ Sie hielt ihm schüchtern die +Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein. + +„Freunde sind Verbündete,“ sagte Monika Olifat. „Sie dürfen nichts +voneinander verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt +sagen wir uns Du.“ Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem +für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge. + +Der Tempel war ein kalter, kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern, +alten Gebetspulten, moderiger Luft, einem Balkon für die Frauen und dem +Altar. Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie +vorher auf der Straße. Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel +betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war anfangs +reichlich mit gelehrten und biblischen Citaten geschmückt, erging sich +dann in pathetischen Äußerungen über die Heiden, befaßte sich des +Weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der +Mischna, empfahl „die Fahne des Glaubens hochzuhalten“ und schloß mit +einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers. Da erschallte ein grelles, +erschreckendes Gelächter im Hintergrund, gerade als der Gottesdienst mit +dem Kaddisch endigen sollte. Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen +um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine +Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es war +Gedalja; Enoch Karkau ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verließ +die Gemeinde das Haus. + +Als Agathon nach Haus kam, saß Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm +stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am +Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Pausbäckige +trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich +summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau +und regnerisch. + +„Es nützt nix, Enoch,“ sagte Gedalja. „Ich waaß, daß de hast vergraben +dein Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu +geben dervon.“ + +„Schweig still, du versündigst dich,“ erwiderte Enoch durch die Zähne. + +Der andere Greis schien es nicht zu hören. „Es nützt nix,“ sagte er +eintönig und bekümmert. „Wucher treibste aach und ich seh dich noch +kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch +kommen ins Zuchthaus, so wahr ich leb un so wahr ich da sitz.“ + +„Gedalja!“ murmelte Elkan Geyer gequält. + +„Was soll ich thun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er +ausleiht Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich habs +gehört von en redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de +hast gericht zu Grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen +sein Ansehn über dich. Aber haste zu Grund gericht den Bäcker, wirste +aach zu Grund richten den Schuster. Un endlich wird kommen der +Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen, wie du hast gehabt +kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name un deine Familie un +is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreißig Thaler, Enoch, +voriges Jahr Pesach zu gutem un ich hab d’r zurückgegeben fufzig Thaler +um Schues? Die Welt is groß und dreht sich, ich waaß und mancher +verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packts aach +und er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und +bin stumm.“ + +Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er, +der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen +etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er +hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze +Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und +Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und +nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So +rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge +aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht. + +Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren +Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann, +die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen +Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert, +sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir +können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen +daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“ + +Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem +Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand. + +Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war +gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum +Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle, +und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den +erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in +Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften, +Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf +verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den +neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob +befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg +zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende +Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer +ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen +unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein +Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch +hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die +Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in +die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe. + +Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben +langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der +heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm +wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern. +Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für +die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und +Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun +und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte +ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und +winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere +Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon +trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen +villenartigen Charakter. + +„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte +eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie +sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich +niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon +anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein +Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum +gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre +Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die +Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein +unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein +Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor, +daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste +stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu +verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein. + +Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns +unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“ + +Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war +still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen +dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum +merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten +fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das +Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und +matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten +Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale +Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden +Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin +erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen +von Leidenschaft und spielender Anmut. + +„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen. + +„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme. + +„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und +streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“ + +Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und +ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er +lächelte voll Scham und Reue. + +Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof +in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem +Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts +bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose, +ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So +stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem +Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich +Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er +wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich +legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so +unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit +einem dumpfen Schrei floh er. + +Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja, +kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im +Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald +bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich +hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz +un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab +gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das +Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie +mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag +sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de +kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de +hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist +un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit +einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka +Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn +de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste +hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen +Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit +verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine +Worte.“ + +Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als +vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem +verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der +zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft +an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf +dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak +wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam +spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt +Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten +in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die +Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, +wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die +Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und +schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die +Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig +zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das +erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. +Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, +entfernte er sich wieder. + +Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er +zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das +inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her +Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte, +erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand +schwer auf seine Schulter legte. + + + Siebentes Kapitel + +Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum +Brunnen, und als sie zurückkam, waren Sema und Wendelin verschwunden. +Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen +Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre im Grund zarte und +stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen +erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als +Stefan Gudstikker spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er +herumgestreunt sei. + +„Du weißt, ich streune nicht, Mutter,“ entgegnete er mit blitzenden +Augen, den Kopf hoch aufrichtend. + +„Ja, ich weiß es,“ entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch +auf seine staubbedeckten Stiefel. + +„Wo sind die Knaben?“ + +„Fort.“ + +„Wie. Fort –?“ + +„Ich habe sie heimgeschickt.“ + +„Was heißt das? Du weißt doch, daß ich sie nötig hatte? Daß ich den +interessanten, psychologischen Fall untersuchen wollte?“ + +„Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen +Ideen. Darüber bist du Herr.“ + +Gudstikker atmete schwer. „Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,“ +preßte er endlich hervor, nahm seinen Hut und stürzte fort. Sie lächelte +gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit +nach. + +Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um +sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung +erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte. + +„Sie haben mich fast geschlagen,“ waren Käthes erste Worte. „Ich sei +heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.“ + +„So.“ Er nahm heftig ihren Arm und schritt weiter. + +„Nein, nein,“ wehrte sie angstvoll. „Nicht hingehen jetzt. Du darfst +nicht aufbrausen.“ + +„Ich schlag alles kurz und klein.“ + +„Nein! bitte, nicht!“ + +Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung. + +„Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei +deinem Genie! Warum ist alles so traurig in der Welt!“ + +„Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht +haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich +habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.“ + +„Ich glaube ja so gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ist +ein Jahr.“ + +„Nur Geduld. Du wirst sehen. Glaubst du, daß ihr ein Abendessen für mich +übrig habt?“ + +„Willst du kommen? Wirklich? Wie herrlich!“ + +„Mach nur um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! +Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!“ + +„Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.“ + +„Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen +Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, – +na, du müßtest ihn sehen. Er sieht aus, wie, es klingt läppisch, aber +ich muß es sagen, ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken. +Nun, das ist verrückt. Man muß nicht Litteratur reden, wenn man’s +vermeiden kann. Was die Hauptsache ist, unter den Papieren meines Vaters +hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl +unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit, +liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen. +Dasselbe was in Agathons Augen liegt. Manchmal möchte man seine Hand +nehmen und ihn versichern, daß man glücklich ist. Aber du schläfst ja?“ + +„Nein, ich bin nur sehr müde.“ + +Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker +war sehr liebenswürdig gegen Familie Estrich. Er küßte seine künftige +Schwiegermutter auf die Stirn, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der +Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen Lieder zur Guitarre, +Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um +seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht +plötzlich finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn, +sprach zu sich selbst und lachte kurz auf. + +Er suchte ein Café auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat, +erhielt sein Gesicht wieder den gleichmäßigen, aufmerksamen und +übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte Erich Bojesen, den Lehrer, und +setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und +erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann, +deren Verlauf er soeben beigewohnt hätte. „Also wie geht es Ihnen, +lieber Bojesen?“ fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. „Gut?“ + +„Ja. Sie sind sehr aufgelegt, scheint mir.“ + +„Sehr aufgelegt, das ist wahr; man kann schon sagen froh.“ Er lachte +herzlich, denn er hielt dafür, daß dies „man kann schon sagen“ eine +witzige Wendung sei. „Aber Ihnen? Sie sind immer allein. Ich habe Sie +noch nicht anders als allein gesehen.“ + +„Nun, das ist so Gelehrten-Art,“ erwiderte Bojesen mit einer sanften +Selbstironie. „Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, +sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und +Verkommenes daran; etwas gänzlich, wie soll ich sagen, Zerstörtes, nein +Stillstehendes, Sumpfiges.“ + +Es war unbegreiflich, aber eine Thatsache, daß alle Menschen mit denen +Gudstikker in Berührung kam, ihm alsbald ihr Herz eröffneten und sich +mitteilten wie Kinder. + +„Kein Wunder,“ sagte Gudstikker, „wie leben wir auch. Wir haben ja gar +kein Nationalgefühl mehr. Man kann nicht sagen, daß hier die Juden in +der Herrschaft sind, nein, man kann es nur rätselhaft finden, wenn man +einen Christen findet in der ganzen Provinz, ich meine einen anständig +gekleideten, der den Kopf auf eigene Rechnung zu tragen wagt.“ + +„Ach, das meine ich eigentlich nicht,“ entgegnete Bojesen leicht +errötend. „Es ist freilich ein Kardinalthema. Die Juden bringen ja das +ganze geistige Leben in eine wogende Bewegung. Überall sind sie +gleichsam die Kohlensäure des öffentlichen Lebens, wenn der Vergleich +geht (er lächelte). Sehen Sie doch um sich, die ganze Presse liegt in +ihren Händen; ich will nicht erörtern, ob das ein Unglück ist oder +nicht. Natürlich haben sie auch den Handel inne, aber, was die +Hauptsache ist, auch die Litteratur. Alles andere ist kein Unglück, +sehen Sie. Die Presse bedarf des jüdischen Geistes, ja, da mögen Sie den +Kopf schütteln, sie braucht diese scharfen, eindringlichen Reagentien, +dieser Gewandtheit und Schlüpfrigkeit, mit einem Wort, der Kohlensäure. +Der Handel, – nun, wo ist die Quelle des großen industriellen +Aufschwungs, der großen Kapitalswerke? Davon will ich gar nicht reden. +Aber die Kunst, sehen Sie, das ist ein schmerzliches Thema.“ + +„Ich verstehe. Sie haben Recht; sie machen uns zu vielseitig.“ + +„Vielleicht. Aber das ist es nicht. O, wie viel habe ich nachgedacht +darüber.“ Der Ton des jungen Lehrers wurde plötzlich innig. „Nein, das +ist es nicht. Sehen Sie sich um, früher hatten die Juden genug zu thun, +sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Aber nun nahmen sie +Teil an der reichen und feinen Kultur, die sie selbst mitschaffen +halfen, und infolgedessen wuchsen sie in die Kunst hinein. Es war eine +notwendige, unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische +Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Was sie schaffen, +wohlverstanden, ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, +das ist keine Frage mehr; das hat auch mit der Kunst, wie ich sie meine, +nichts zu thun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, +echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zu +Grunde. Sehen Sie, das sag ich Ihnen aus meiner Seele heraus: sie +richten uns zu Grunde. Alles was wir erworben haben, lang und mühselig, +damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das _haben_ sie +und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe +Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben +keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es +liegt, daß sie uns überall das Brot wegnehmen: sie haben keine Tiefe. +Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine +Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Urteilen Sie +selbst, welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm +krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an +Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und +die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist alles, was ich sagen kann, und +das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem +Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine +neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät giebt und mit +grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre +Ihnen, mein Lieber, das ist eines von diesen Dingen, die das Schicksal +und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die +„Judenfrage“, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssen die Juden +fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache, arm +und still! Religion! Was kann uns das heute sein! Nichts. Sie sollen +sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über +sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr +Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien oder wo. +Nicht bei uns mehr! Nein, nicht bei uns! Sonst geht der Verfall weiter +und weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das +Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre, +abgesehen davon, daß es gar nicht gekommen wäre und die germanischen +Völker sich einen Gott nach _ihrem_ Blut geschaffen hätten.“ + +Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und vermochte nichts +zu sagen. Bojesen lächelte schwermütig. „Aber ich bin ganz abgeschweift +von meinem Thema,“ bemerkte er mit einer Miene, die gleichsam um +Verzeihung bat, für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. „Ich +meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses +und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker +oder zum zufriedenen Dummkopf. Und man kann nicht Einfluß haben auf die +Jugend, nein, das ist unmöglich, sehen Sie. Es klingt erstaunlich, aber +es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine +Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man +macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch +davon darf ich gar nicht reden.“ + +„Sie haben wohl viel Schlimmes hinter sich?“ fragte Gudstikker, der sich +völlig bewußt war, eine banale Frage zu thun. Aber er empfand deutlich, +daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich +förmlich betäubte durch das Mitteilenkönnen, und daß er sich jedem +Fremden ebenso eröffnet hätte. + +„Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich. Es ist eigentlich zu gewöhnlich, +um viel Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich +enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Nun, +dann hat mich die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer +geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber da traf mich das Unglück, daß +ich mich verliebte. Und jetzt kann ich gern den Bankrott meines Lebens +erklären. Die Frauen wollen nicht mitthun, wenn der Mann nach den +Sternen klettert. Die Toilette kann ja dabei Schaden leiden.“ + +Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum +leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, die Lichter wurden zum +Teil verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten seltsam heraus aus den +dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien +stillzustehn. + +„Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,“ begann Lehrer +Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, „und nicht daheim bei dieser Frau, +in die ich mich verliebt habe –? Nicht wahr, Sie wundern sich? Jeden +Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen +ich Audienz gebe. Dann mögen sie zusehen, was sie anfangen. Aber ich +weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die +wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten +sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben, +vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann! Ach sagen Sie mir, lieber +Freund, was soll man thun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung +ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper? +Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die +schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber +vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch +eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man thun mit +einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird uns +zum Stein!“ + +Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz. + +„Ja,“ fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich +selbst zu zerfleischen, fort, „wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen +niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren Freundschaft +man da angewiesen ist! Davon will ich schon gar nicht reden. Nein, +lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen _Sie_ mir etwas. Ich werde +Ihnen dankbar dafür sein.“ + +Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen +bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie +alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, so daß das Bewußtsein eines +Zieles dabei sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei +keinem Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit +oder Hindernisrennen betrachten. „Aber das kommt von oben und geht durch +bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt, +der ist gebrandmarkt. Drei Stützen hat die Schule heutzutage: Religion, +Patriotismus und Strafzettel. Nun malen Sie sich das aus.“ + +Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel +auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker und ging heim, +– in dasselbe Haus, das er nie mehr hatte betreten wollen. + +Bojesen empfand jenes Grauen vor den eignen vier Wänden, das den +energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache +seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, +der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen +festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. +Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein, +er hatte eine jener Stimmungen, in denen man ganz einsam zu sein glaubt +auf dem Erdball. In einem bergigen Viertel am Fluß kam Bojesen an ein +Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten: „Zum siebenten Himmel“ +geschmückt waren. An der Thüre hing ein pomphaftes Plakat, das halb +zerfetzt war vom Wind. + +Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts. +Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann +sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem +verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken +und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie +auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische standen die +Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine sehr verblühte +Dame brachte Bojesen das Verlangte. Sie fand sich veranlaßt, zu +erklären, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das +Publikum sich schlecht betragen habe. Eine Dienstmagd, drei Soldaten, +ein Fuhrmann und ein Schauspieler aus Preußen seien hinausgeworfen +worden. Bojesen lachte leise, fast lautlos. Er sah in die Höhe, in +irgend eine sonnige Ferne und murmelte: „Geliebt und verloren.“ Er +dachte, wenn einer der ehrwürdigen Kollegen ihn hier sähe, wäre noch +mehr verloren. So saß er vielleicht eine Stunde lang, ohne sich zu +rühren, ohne etwas Planhaftes zu denken. Da schob sich der Vorhang des +Podiums zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten +Schultern guckte heraus. Dieses Gesicht war leuchtend bleich, mit einer +niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, +mit einem trotzigen Mund. „Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!“ rief +eine Stimme im Hintergrund, eine heisere, aber jugendliche Stimme. +Bojesen blickte hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte +lächelnd zurück, sah Bojesen flüchtig an und verschwand. Bojesen vergaß +niemals den Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn +angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er thun oder denken +sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück, +und sah eine sehr armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Coulissen an +der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als +er auf sie zukam. „Sie wollen wohl spionieren? O ich fürchte mich nicht. +Thun Sie es nur. Sie sehen auch nicht aus, als ob Sie verstünden, +weshalb Sie in der Welt herumlaufen. Nun, weshalb kommen Sie? Ich kenne +zwar Ihren Namen nicht, aber Ihr Gesicht, – hierzuland giebt es nur zwei +Arten von Gesichtern, müde und stupide. Nun, was wollen Sie?“ + +„Es lebe die Anarchie!“ rief die exaltierte Stimme wieder. „Morgenröte! +Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der +kommende Messias der Freude!“ + +„Hören Sie? Das ist der Glühende,“ sagte Luisina, Bojesen zunickend. +„Hat es nicht etwas Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, +dies Lachen hatte etwas Schrilles, wie wenn Glasscheiben klirren. Sie +bog sich dabei vor, und blieb so lange gebeugt, als sie lachte. Dann +wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. „Ja“, sagte sie +mit dem Wesen einer Frau, die ihre Worte fast als zu wertvoll erachtet, +um gesprochen zu werden, „ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten. Ich +lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene +Thaler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will, zu lieben, wenn +ich will und wen ich will, aber das ist unmoralisch. Ist es nicht +unmoralisch, Sie gelehrter Herr? Sie sehen nämlich aus wie ein Pfund +Zahlen.“ + +„Ich bin der tanzende Stern des Chaos!“ erschallte die Stimme des +Glühenden, und eine fette Stimme brummte befriedigt bravo. + +Bojesen hatte sich an eine Coulisse gelehnt und sah sie mit +halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. „Glauben Sie an Zufälle?“ fragte +er endlich. „Nun, ich bin hier hereingekommen, mit dem Bewußtsein, daß +ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Nein, ich kenne Sie +nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte +ich einen andern Rahmen für dies Bild. Denn es ist ein Bild, – nun ja, +was sag ich, Sie spotten meiner. Mit Recht.“ + +„Ach!“ Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen +war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen mit Angst +auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu, +lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den +seinen und sagte: „Kommen Sie, um den müden Mann zu spielen? Auf diesem +Theater, wo man nur tanzt und lacht und singt? Wo man eure Welt vergißt? +Schlecht haben Sie die Zeit gewählt, Verehrtester; ich empfehle mich +gehorsamst.“ Damit ging sie graziös und schnell. + +Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor +gleichsam sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den +Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte +nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten +Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? Was rauscht es +leise, was schlägt es an den steinernen Pfeiler? + + Es fließt der Fluß und stehet nicht + Und Gott ist und vergehet nicht + +murmelte er vor sich hin. Er suchte ein Gasthaus auf, irgend ein kleines +in einer kleinen Gasse, wo er in einem harten Bett, in einer feuchten +Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von irgend einem Bild +gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig +zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von +Fenster. + +Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau +daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er +ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte +und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein. + +Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es +still, und die Schüler erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch +aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen +Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel, +Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts +kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte +ernst: „Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen +Sie in einer Stunde aufs Rektorat.“ Gnädig nickend verschwand er. + +Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch +herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer. +Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was +soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die +Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen +aufeinander loszustürzen, schienen besinnungslos hinzutaumeln, dann +schien ein H oder ein I plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten, +aber nichts konnte die allgemeine Flucht und Verwirrung hemmen. Bojesen +las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann +erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in +die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers +noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare +und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden +hatte. + +Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Thor zum Leben +aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. +Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die +Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu +lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der +Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der +Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll +entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet +uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir +vielleicht was wir werden _sollen_, aber das ist kein Beruf. Die Schule +speichert nur Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in +unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. +Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr Schuld und ich +muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der +Schüler und bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir wie +Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht immerfort fressen +wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu +lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren +Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie ein +Mensch. Alles was ihr sagt, ist euch so leblos geworden wie ein Brett, +weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns +herunter von einem Turm, daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um +uns über das Allerwichtigste im Leben aufzuklären? Warum eröffnet ihr +uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum thut das die Schule nicht, +trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die +Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie lauter Schmutz daraus und +kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen +sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige +Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine +Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist +ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht +denken darf, ohne ganz verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer +nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf +eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können +eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr Schuld mit +eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch +und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er +dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Thut mit mir, was +ihr wollt, es ist mir gleich. Was ich geschrieben habe, mußte ich +schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im +Innern hat mir befohlen. + +Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war +etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen +großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er +den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im +Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu +entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an +das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von +Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die +mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von +Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja er sah es mit seinen +eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette +gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten +am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war +keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, _diese_ Jugend da mit +den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem cynischen, +brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und +dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er +sah es selbst. + +Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt, +allein. Als jener den Lehrer gewahrte, wandte er sich und ging langsam +in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm, (der Saal war leer) und machte +die Thüre zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die +Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons +Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über +Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder +nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch, +grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht +lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück +verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner +Hand zu bedeuten hatte. + +Eine Viertelstunde später wurde Agathon zum Rektor gerufen. + + + Achtes Kapitel + +Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt. +Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das +von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt +sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen +oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor +Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar +nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen. + +Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den +kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie +sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten +Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken +darf?“ + +Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit +erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die +schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu +verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von +geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor +Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie +führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau, +auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen +Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher +Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“ + +Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum +erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der +Stadt. + +Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu, +zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher +Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist, +und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen +wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“ + +„Gestern, Herr Rektor.“ + +„Lauter!“ + +Agathon schwieg. + +„Lauter.“ + +„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“ + +„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt. + +„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut. + +„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“ + +„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich. + +„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig. + +„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft +zermalmende Bedeutung hatte. + +Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte +die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig +schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du? +Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines +frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes, +oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude +oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder +auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und +befriedigt. + +„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln, +ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die +Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit +niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen +regungslos auf den Knieen. + +„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und +Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall +ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“ + +Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank +auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo +man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese +Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn +Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam +allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge. + +Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß +Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte +er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen, +wie Sie dazu gekommen sind?“ + +Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins +Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten +Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor +den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist +schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele +Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich +habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen +Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel +mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“ + +„Und was war das?“ + +„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen +Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen, +was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen +Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als +wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem +anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins +Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu +töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends +mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins +Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm +Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem +Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß +ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich +weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele +schließen.“ + +Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit +aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu +nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da +lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland +gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer, +weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen +großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist +Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So +sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen. + +„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen, +stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut +wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche +Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz +anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine +Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer +die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere +Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich +Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie +wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann +wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken +all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So +sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis. +Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem +Bettrand wie aus Stein. So war es.“ + +Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln +oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles +unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der +Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es +wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide +Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und +machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je +gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch +verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn +anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend +zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne. +Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein +Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich +hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden. + +„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt. + +„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir +zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“ + +Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab. + +Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der +Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt, +Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen, +viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen +im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst +die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere +Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er +war verwundert über die Knaben. + +Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des +Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich +aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein +und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden, +darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand +den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die +Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk +war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch +alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen +ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden +vernichten würde. + +Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines +besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele +um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging +und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung +herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den +Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem, +Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte, +schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und +begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es +dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so +eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet: +Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in +die Augen. + +„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete +Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln. + +„Bist du denn auch gut?“ + +„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und +wer es weiß, ist es nicht mehr.“ + +„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen, +so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine +neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern +ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen? +Alles ist schon wieder in Gang.“ + +„Zweitens?“ + +„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein +schöner Mann.“ + +„Stefan Gudstikker?“ + +„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein +Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch: + + Es ist so still, daß alle Wandrer staunen. + Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet, + Hört man die Elfen und die Blumen raunen. + Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet, + Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen; + Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“ + +„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast +es gelernt?“ + +„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“ + +„Weshalb fürchten?“ + +„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du +bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich +glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“ + +„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend. + +Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie +zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten. + +Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er +wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn +ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm +einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos +anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da, +junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den +Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau +Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche. + +Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister, +die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan +Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie +aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am +Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen +hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter +allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften +Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer +geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer +Augenlider beantwortete, wieder hinausging. + +Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, – +geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen +hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf +dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster +mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit +gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines +Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die +zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau +Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und +mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen +Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in +drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne +sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied +heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte +seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach +bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm +nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich +die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten +sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich +ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und +durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit +Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild +dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres +Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder. + +Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür +und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit +blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte. +Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf, +brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen +hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen. + +Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer +da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab, +rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der +Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie +mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen +Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen. + +„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er +redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf, +die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches, +daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich. +Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt +dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich +abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die +Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber +Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin +ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for +sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben, +ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“ + +Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle +erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen +nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf +der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas. +Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf +die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen +begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine +Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu +heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut +auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige +Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er +vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus +auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den +grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und +wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit +bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben; +der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und +Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen. + +Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee +berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht +gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht +gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die +Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner +Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten +Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare +gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch, +Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen +mit dir selber.“ + +Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog. +Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte. + +Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf +die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker +begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm +einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon +erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend +einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem +vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum? + +Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein +des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von +mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin +nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine +Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß +ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht, +welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind, +dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde? +Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“ + +Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er +zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“ + +Gudstikker nickte und erwiderte: „An meinen Vater.“ + +„Und warum zeigen Sie mir das!“ rief Agathon voll Kummer. + +„Warum? Das weiß ich selbst nicht. Ich mußte wohl. Jetzt können Sie +sehen, wie das Leben ist. Wie ein Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält +uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen, als er will.“ + +Agathon hörte das nicht. Er sah verloren in die breite Mauer der +aufgeschichteten Ziegelsteine, die sich für seine Blicke öffnete wie ein +Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ. Das war seine +Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht! Hatte seine Mutter das +empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das alles, wohin? Er +begriff es nicht. + +„Ich weiß was Sie denken,“ sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an +banalen Weisheiten fort: „Es giebt nur zwei Wege für einen Menschen, – +in die Berge, oder ins Thal. Droben ist er allein, im Thal wird er +gewöhnlich. Ach das ist auch falsch. Worte! Ich bin jetzt +Ziegeleiverwalter, Aufseher oder dergleichen.“ Er lachte bissig. „Wissen +Sie, daß die Untersuchung über den Mord vorerst eingestellt ist? Man hat +absolut keine Spur. Ja, die Herren da oben sind schlau. Einmal hatten +sie sogar den armen Lämelche Erdmann in Verdacht. Dann auch Ihren +Vater.“ + +„Was –?“ + +„Ja. Das ist nicht minder komisch. Er ist sogar verhört worden. Wissen +Sie das nicht? Irgendwer hat mir gesagt, daß er seitdem von Furcht +gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er früher +einmal gegen Sürich Sperling hatte.“ + +„Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?“ + +„Wahr.“ + +„Nein nein, das ist nicht möglich.“ + +„Weshalb regen Sie sich auf? Ich kenne da einen Fall, er ist ziemlich +sonderbar. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die +Familie, es sind Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Edward +Nieberding, war zu Gast. Als nun alle den goldnen Ring suchten, wurde +Nieberding völlig gelähmt. Denn er war vorher allein in jenem Zimmer +gewesen, wo der Ring gelegen war. Beachten Sie wohl, es konnte nicht der +Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist ja selbst ein reicher +Mensch, aber er suchte gar nicht mit, damit man nicht glaube, er suche +nur deshalb, um zu zeigen, daß er den Ring nicht habe. Er wähnte sich +beargwohnt, und er bildete sich schließlich so fest ein, jeder vermute +ihn als den Dieb, daß er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche +finden, wenn man ihn nur durchsuchte. Er hat mir später alles erzählt. +Schließlich ergab es sich, daß die kleine Katze den Ring fortgeschleppt +hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt das alles ist. Unsere +Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand thut.“ + +Als Agathon dem Haus zuschritt, sah er auf einmal den Sema Hellmut neben +sich gehen. Er sah dessen große, fragende Augen auf sich gerichtet mit +einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe. Der Knabe sah aus, als sei er +bekümmert über sein Unvermögen, die trübe Stimmung Agathons zu +verscheuchen. Es war etwas selten Reines und Anbetendes in jenem +flüchtigen Blick, der auch die Bitte auszudrücken schien: Darf ich mit +dir gehn? + +„Kennst du Wendelin?“ fragte Sema unter dem Zwang, etwas zu sagen, was +ihn nicht als dumm erscheinen ließ. „Es ist ein guter Kerl. Er hat keine +Mutter und keinen Vater und gar, gar kein Geld.“ + +Agathon schwieg. Er wunderte und freute sich über das bedürftige +Anschmiegen des Knaben. Aber er dachte daran nur halb. Der andere Teil +seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet, seinem Vater, seiner +Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die Wolken und das alles +dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den +Wolken auszufließen schien. + +„Du bist schön, Agathon,“ sagte Sema unsicher und schwieg betrübt, als +er keine Antwort bekam. + +Daheim fand Agathon alles friedlich, – von einem unheilvollen Frieden +erfüllt. Müßig wandelte er in den Garten. Ein kalter und feuchter Wind +ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens. Plötzlich sah +er seinen Vater im Garten schaufeln. Er keuchte dabei und grub ruhelos, +bald hier, bald dort, – ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen. +„Was thust du, Vater?“ fragte er. + +Elkan ließ den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agathon sah trotz +der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. „Du bist jetzt so alt, um +alles zu verstehen, Agathon. Gott hat seine Hand abgezogen von uns und +sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist du, +Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.“ Elkan betete ein Lobgebet. + +„Vater,“ sagte Agathon „ich kann nicht mehr in die Schule und darf es +auch nicht. Ich werde davon gejagt, obwohl es recht und gut war, was ich +gethan habe.“ + +Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem +langen, schweren Schweigen ging er mit suchenden Schritten ins Haus. +Agathon blieb, nahm seine Mütze ab und gab das Haar den Winden preis. +Die Nacht öffnete sich ihm mit einer Reihe schwüler Wunder, unvorhanden +für fremde Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch erkannte er +den Gott nicht. + +Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und erklärte sanft, daß man nichts +„übereilen“ müsse. Es sei alles beim Alten und hier sei eine „Pillule“. +Doch war sein Gesicht sorgenvoller als sonst. Agathon sah die Augen +Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten jeder seiner Bewegungen. + +„Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,“ murmelte +Elkan. + +„Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,“ +sagte Gedalja. „Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit +vergessen an den Elkan? Elkan is brav, ich waaß, aber worum soll er nit +vergessen an die Braven, wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder? +Wenn de tot bist, waaßt de nix dervon und denkst in deiner Sterbestund, +du hast gelebt e großes Leben, e reiches Leben un nit e Elkanleben. E +Chillik! Gehängt is gehängt, mit’n Strick oder mit’n Goldfaden hat mei +seliger Onkel g’sagt. E weiser Mann.“ + +Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt +sah er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein +Geschenk erwarten konnte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war +unbewegt, nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei +Uhr schlug, kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit +diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und +verklärter. Sie brachten ihm Reichtümer, von denen er nicht begriff, daß +er sie je hatte entbehren können, er fühlte sich wachsen und es war, als +hörte er einen Ruf über die Felder hinhallen, der ihm galt: lang und +eindringlich. + +Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des +Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer. Er verlangte den +Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den +Tisch und las. Kaum war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein +Gefolterter. Gedalja ging zu ihm, aber Elkan ließ sich nicht halten, +sein Gesicht wurde plötzlich blaurot, er fiel über Agathon her, preßte +die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht ein +furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht +hätte. „Aus meinem Haus, du Christ!“ röchelte er und stieg schwer und +schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf, begleitet von der +händeringenden Frau Hellmut. + +Gedalja strich Agathons Haar langsam und nachdenklich mit der Hand. „Was +haste gethan?“ murmelte er. „Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is +geworden e wildes Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der +Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder, user.“ Er nickte; Agathon +lehnte die Stirn an seine Schulter. + +„Zum Doktor! Zum Doktor!“ kreischte die Pflegerin und rannte selbst +fort. Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: „Sie stirbt. +Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot.“ Seine Augen waren glanzlos, +die Arme hingen schlaff. + +Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem +überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu +gewahrten. Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ganz +ruhig. Er ging ins Zimmer der Mutter, an Elkan vorbei, der sich +zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und trat an das Lager der +Kranken. Ihr Gesicht war gelb wie altes Pergament, – es war grausig. +Ihre Augen blickten matt, leblos, stumpf, gleichsam den Tod suchend. +Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die jüngere Mutter, die entsagt +hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage +erlegen war. Und dann war auch dies alles tot für Agathon. Er nahm ihre +Hand und begegnete ihren Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene +Brust, gegen die das Herz verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster +möge offen sein und da öffnete es jemand, als ob es eine unsichtbare +Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll, er wußte nicht ob vor +Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. „Werde gesund, Mutter, wache, +Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.“ Er kannte seine +Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper +aufatmen ließ, sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm +genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das +Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte +plötzlich unter seiner bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie +drückte mit den schwachen, fleischlosen Fingern seine Hand und rief +seinen Namen. Und je länger er die erloschenen Züge ansah, je mehr +belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise, – bis sie ganz frei, +mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam, hereingeleitet +von der Pflegerin, richtete sie sich zu dessen Erstaunen empor, legte +den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren +Kindern mit einem Lächeln zu, das eine eigene Mischung von +Schalkhaftigkeit und Inbrunst war. + + + Neuntes Kapitel + +Novemberstürme! + +Bojesen schritt durch die leeren Gassen mit den flackernden Lichtern und +der Umhang seines Mantels wehte hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf, +rollte hin über die Steine und blieb vor dem Eingang des „siebenten +Himmels“ ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station kennt. Bojesen +hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal, das voll von Menschen war, +meist sehr seltsamen Existenzen. Er nahm Platz, bestellte Bier und +wandte bald keinen Blick mehr vom Podium, wo die Schaustellung +stattfand. Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond, und +ein Ritter wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen +den Arm aus. Da öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine +Erscheinung stand zwischen ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte, +diesem geliebten Bilde jemals nahe zu kommen, warf sich auf die Erde und +gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein Zauberer aus einer mangelhaft +funktionierenden Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein +Pergamentum vor und machte die Gebärde des Sichverschreibens. Das that +der Ritter, darauf fiel die schöne Luisina aus den Wolken, die Nacht war +beendet, das primitive Wasser und der komische Mond verschwunden und die +Pantomime ward zum Bacchanal. Wilde Mädchen mit wilden Haaren stürzten +auf die Scene und zerrten junge Männer hinter sich nach. In diesem +köstlichsten Theater spielte das Publikum die Orgien, die man ihm +vorspielte, selbst mit. Ein langhaariger Mensch, eine Art von Künstler, +saß am Klavier und entlockte dem unwilligen Instrumente eine Folge von +schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der Glühende erschien mit +emporgehobenen Armen und ekstatischen Begeisterungsausbrüchen, die +Köchin kam und schrie, sie könne das Wasser zum Punsch nicht kochen, +denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das Feuer aus. „Nimm +das Feuer meiner Brust, Aglaia!“ heulte der Glühende. „Kein Orkan des +Universums vermag es zu löschen!“ Ein Mann mit glattem, langem Haupthaar +war da, den man Barbin nannte und der sich sehr ängstlich gebärdete, +obwohl er sehr laut den Übermütigen zu spielen versuchte. Sein Äußeres +wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie +die Städte hervorbringen, eines jener unglücklichen Geschöpfe, für die +die Zeit eine käufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Münze nichts giebt, +womit sie ihr Leben verkürzen können. Dieser Barbin wandte sich sehr oft +an den Glühenden, als flehe er ihn um seinen Schutz an, und er suchte +dies durch ironische Worte zu bemänteln, die aber von dem tollen +Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden. Luisina schien alle Ruhe und +Besinnung verloren zu haben. Sie befahl dem Glühenden, sich zum Schemel +ihrer Füße zu machen, und er legte sich platt auf die Erde. Die andern +Mädchen tranken Wein in Strömen. „Wann wird denn nun der Böse seine +Urkunde geltend machen?“ fragte Bojesen eine Brünhilde, die neben ihm +saß, in einer männlichen Pose, das Schnapsglas in der Hand. Sie +erwiderte: „Ja, das ist nichts für Pfaffen und Professoren hier im +siebenten Himmel.“ Alsbald begann der Tanz mit Jubel und Singen und auf +einmal war alles still. Einige Burschen in Tricots mit prachtvoll +gebauten Körpern machten halsbrecherische Kunststücke. Barbin machte +vergebliche Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, bis es ihm +gelang, den Pianisten vom Klavier zu vertreiben. Er setzte sich hin und +spielte mit grotesken, schlangenhaften Windungen seines Körpers irgend +eine tolle Phantasie. + +Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen. „Nun, da sind Sie +ja wieder“ redete sie ihn spöttisch an. „Was wissen Sie Neues? +Eigentlich ist mir Ihr Anblick verhaßt. Warum sind Sie so finster, +nachdenklich, schwermütig? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Hier giebt es +kein Amt für Sie. Höchstens eines. Wenn der Tag anbricht kommt nämlich +der Teufel wieder, um mir meinen Ritter zu holen. Er kommt in Gestalt +eines Polizisten. Das ist ein Amt für Sie.“ + +„Warum sagen Sie mir das alles?“ + +„Das will ich Ihnen erklären. Mir ist, als spräche ich in Ihrer Person +zur ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehört. +Aber so ist es um unsere Zeit bestellt, daß wer sich freuen will, sich +von ganzem Herzen ausleben will, all sein Heil und seine Seligkeit im +Lachen sucht, daß der zu solchen Dingen kommt. Da wo sonst das +Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, da muß er sein Höchstes +suchen und finden, denn überall sonst ist es zu anständig dazu. Und für +ein Weib! Was soll ein armes Weib thun in eurem Kreis von schalen +Vergnügungen, von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen? Was soll +sie thun, da sie erst anfängt, unter Menschen zu zählen, wenn sie +heiratet. Was kann sie dafür, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder +darauf stolz ist, wenn er ein wenig unglücklich ist? wo die Lebensfreude +bei der Prostitution anfängt? Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie +haben ein Gesicht, dem ich eigentlich viel vertrauen könnte. Glauben Sie +mir, nicht die Not allein ist Schuld an dem „Fall“, wie man es nennt, so +vieler Menschen, sondern die Sehnsucht nach, – ja, wonach sag ich doch +gleich, – die Sehnsucht nach, – es ist zu schwer, ich kann es nicht +sagen.“ + +Sie schwieg. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in +den Taumel, der sich rings um sie gestaltete. Der Glühende sprach nur +noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das arme Instrument ein und +gab seinem Körper stets einen erschreckenden Ruck, wenn er vom +Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Viele tanzten, +schnell und feurig, oder leise sich wiegend und träumerisch, allein oder +zu zweien. Die Brünhilde neben Bojesen war selig, wie aufgelöst vor +Weichheit und nippte gerührt von ihrem Glas. Auf einmal war in einem Nu +das Podium leer, die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht; auf einmal +war auch Barbin still und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Die +Tanzenden hielten ein und flüsterten: „Die Dämonen“. + +Auf der Bühne erschienen in einem matten, grünen Licht vier Männer mit +düstergrünen Gewändern, so enganschließend, daß sie wie nackt aussahen, +grünen Gesichtern und begannen ein phantastisches, unheimliches, +aufregendes Spiel. Wie Fische im Wasser, so bewegten sie sich in der +Luft; ihre Füße schienen des festen Grundes nicht zu bedürfen, ihre +Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz gebunden. Bald schienen sie +alle ein einziger Leib zu sein, der sich in entsetzlichen Krümmungen +wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich, wurde von +unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die +Bretter zurück. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der +Jäger aus der Ferne pfeift, bald glichen sie Würmern und krochen auf +unbegreifliche Art an den Seidenwänden empor, alles blitzschnell, +fischhaft, dämonisch. Jeder sah zu, als ob sich ein spannendes Drama +entwickeln würde. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer +Entfernung, im Dämmerlicht fast unmerklich, Luisina. Sie schien ihn +lange beobachtet zu haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann +nach der Thüre, als sie sah, daß er ihr folgen würde. Sie hatte einen +Pelzmantel um den Körper gelegt und ein blaues, seidenes Tuch um den +Kopf und ihre großen Augen sahen mit einem ungewissen, zitternden Glanz, +aber doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne. Draußen sprach sie +kein Wort; sondern stumm forderte sie Bojesen auf mit ihr zu gehen. So +wanderte er schweigend an ihrer Seite weiter. + +Welch eine Nacht ist das! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich +Dunkelheit und auch nicht Helligkeit, – eine jener seltsamen +Herbstnächte, in denen sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben +scheint. Es fehlen auch jene Stimmen, jenes unklare, unbestimmte +Geräusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des Tages ist. Der Wind +hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe lag in einem +graugelb geschimmerten Flaum von Wolken. Er sah ganz verquollen aus, wie +Farbe auf feinem Fliespapier. Das Leben war von den Straßen wie +fortgeblasen. Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen +Gardinen sahen aus, als ob sie schliefen; Bojesen konnte die Straße +entlang blicken bis an die Grenzen des Horizonts, und diese lange, +unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes. + +Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren +Entschlüssen ringend. Bojesen folgte ihr, mehr gezogen durch die intime +Macht, die sie auf ihn ausübte, als freiwillig. An einem einzelnen und +sehr vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie endlich Halt, +drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen Knopf +und ging dann die teppichbelegte Steintreppe empor, hastig, atemlos. Aus +einer Thüre kam ein junges Mädchen, dessen Gesicht alsbald das größte +Erstaunen ausdrückte. „Jeanette!“ rief sie aus. „Ist Nieberding zu +Hause?“ fragte Jeanette-Luisina bebend. – „Nein, Edward ist noch nicht +da“, entgegnete das Mädchen bestürzt und schüchtern und blickte +furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht einmal sich zu +bewegen wußte. + +„Ach Cornely!“ rief Jeanette und faßte mit beiden Händen nach der +dargebotenen Hand des Mädchens. + +„Was, meine Gute? Komm doch herein. Willst du warten auf Edward? Es ist +alles so sonderbar, was du thust“, sagte Cornely mit ihrer leisen, +kindlichen und zutraulichen Stimme. Sie hatte stets ein schwaches und +undeutbares Lächeln auf den Lippen; aber hätte man ein Tuch über den +Mund gebreitet, so wäre auf dem übrigen Gesicht ein Ausdruck von +Schwermut, mehr wie von Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck +eines Geschöpfs, das durch irgend eine Situation vollständig betäubt ist +und sich nur bestrebt, ihre Gedanken geheim zu halten. Ihr Haar war von +einem dunklen Gelb, wie es etwa das Stroh hat, wenn es lange in Scheunen +gelegen und verstaubt ist. Ihr Gesicht war von Sommersprossen bedeckt; +ihre vollen Lippen waren trocken und aufgesprungen und erinnerten in der +Farbe an ein Stück verwaschenen roten Kattuns. + +Dann saßen sie im Salon, bei dunklem Licht, das durch gelbrote +Seidenschirme schimmerte und in den Ecken förmlich zu verfließen schien, +als ob es hinstrebte zu der allgemeinen Nacht draußen. + +„Ich habe diesen Herrn mitgebracht, Cornely, – es ist Herr –“ + +„Bojesen.“ + +„Ja; Herr Bojesen hatte also die Güte, mich zu begleiten, weil ich nicht +allein gehen konnte, zweitens weil er ein Freund von mir ist und dabei +sein muß bei dem, was ich jetzt vorhabe.“ + +Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte +sich dem vibrierenden Wesen des jungen Weibes nicht eine Sekunde lang +entziehen. Er dachte wieder an sein eignes Weib, die, er wußte es, zu +Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe lief, mit der kleinen Lampe +hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse aufgescheucht wurde +wie ein Vögelchen und auf ihn wartete, wartete. + +Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu heiß wurde, stand sie da +in ihrem Theaterkostüm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten +sich seltsam. Cornely stieß einen leisen Schrei aus und faltete die +Hände. + +„Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely?“ sagte +Jeanette. „Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim +Pfänderspiel zur alten Jungfer machte?“ Etwas Triumphierendes lag in +ihrem Gesicht. Das Kostüm schillerte zauberhaft im matten Lampenlicht. + +„Selbstüberwindung ist die größte Freiheit,“ erwiderte die Bleiche mit +ihrem sanften Lächeln. + +Die Hausthüre wurde zugeworfen, schlürfende Schritte wurden laut, und +Bojesen glaubte eine heiße, zitternde Erregung in Jeanette mitzufühlen. +Ein junger Mann trat ins Zimmer und blieb wie versteinert stehen, weiß +wie Leinwand. Er war schlank, groß und bartlos, hatte dicke Lippen und +eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete Augen und einen eigenen +Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren seine Hände. Sie +waren lang, zartlinig wie ein gotischer Bogen und bewegungslos: müde +Hände. Cornely schlich geräuschlos und etwas bestürzt davon, als er kam. + +„Du bist erstaunt, wie ich sehe,“ flüsterte Jeanette. „Aber willst du +dich nicht erholen? Dieser Herr hier darf dich nicht stören. Ich will, +daß er bleibt, und ich will, daß du so bist, als ob er nicht da wäre. +Verstehst du?“ + +Edward Nieberding senkte den Kopf und ließ sich in ein Fauteuil fallen. +„Rede! Was willst du? Ich begreife nichts von alledem.“ + +„Wie solltest du auch das begreifen!“ erwiderte Jeanette +leidenschaftlich erregt. „Wie könnte ich das vermuten! Du, der eher +begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du! +Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der das +alles gepachtet hat, diese eisigen Dinge von Resignation und kühler +Anbetung und von der unsinnlichen Macht des Schönen oder wie du es +nennst? Rede du! Rede! Hast du mich nicht irre gemacht an allem was +strahlt in dieser Welt und was warm ist?“ + +„Verschone mich, Jeanette! Wie thöricht von dir! Warum in der Gegenwart +eines Fremden? Was thust du!“ + +„Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind +ein Mann. Ich frage Sie nun, – und dazu sind Sie hier, daß Sie mir auf +Ihr Gewissen antworten, denn Sie sehen ehrlich aus, – ich frage Sie nun: +kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet, gehe fort von mir, +gehe weit fort, denn dann wird meine Liebe zu dir immer größer und mein +Gefühl reiner –? Der sie bittet, küsse mich nicht, denn sonst begehre +ich dich und das würde meine Liebe verringern –? Ich will von dir +träumen, genau so redet er, ich will träumen, wie du bei Mondschein am +Seeufer wandelst, weit von mir, wie du den Elfen gleichst, die ungesehen +um dich huschen, – dann liebe ich dich wild, unfaßbar. Was sagen Sie +dazu? Oder nein, antworten Sie noch nicht, erst dies –“ + +„Jeanette!“ + +„Still! Dies: was sagen Sie dazu, wenn ein Mann sagt, erst dann werde +ich eine Frau wahrhaft lieben, wenn Sie einen Andern geheiratet hat und +von diesem Andern ein Kind gehabt hat –? Und nicht genug mit diesen +Worten, – der mich hinschickt, und mir rät, den andern zu nehmen, der +mich bethörte, mich alles vergessen läßt, was ich mir schuldig wäre! Was +sagen Sie dazu, Herr? Nun? urteilen Sie! Schweigen Sie nicht, sonst war +es überflüssig, daß Sie kamen.“ + +Eine lange Pause entstand. + +„Wenn ich nun reden muß, und wenn dies alles vorgefallen ist,“ sagte +Bojesen langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervösen +Züge des jungen Mannes, „dann ist es erstaunlich, aber doch zu erklären. +Es liegt in der Zeit. Ich wette, Herr Nieberding, Sie können den Anblick +eines nackten Menschen nicht ertragen? Ich nehme auch an, daß Sie nie +trinken, nie spielen, nicht mit Kindern spielen können? Ich bin ja nicht +als Arzt hier, aber weil ich nun doch in dieser Lage bin, will ich +sagen, was ich denke. Ja, es liegt in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es +nennen wollen, ist gleichgültig. Es ist all dies Mystische und +Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir +nicht mehr wissen, was Kraft oder Rohheit oder wahrhafte Scham oder +Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding, wie? Ich weiß es, ich hatte +auch schon einiges über Sie gehört. Nun, Ihr Volk ist es, das uns dies +Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen +bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe, +nicht mehr die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das +Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles was Sie zum Märtyrer +macht. Glauben Sie mir, glauben Sie einem der viel erfahren und +vielleicht ein wenig gedacht hat, es giebt viele von Ihrer Art. Es sind +Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich +geißeln, ist dieses wohlbekannte Ich, diese Phrase von der +Individualität, vor der jetzt alles auf den Knieen rutscht. Und wenn ich +sage, die Juden sind Schuld, so ist das keine gedankenlose Anschuldigung +von mir. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie sind entweder +ehrwürdig oder komisch; nein die neuen, die sogenannten modernen Juden, +die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des +Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und +ihrer geistigen Schärfe kommen, und ein Pseudochristentum aufrichten mit +Gefühlskasteiungen, fleckenloser Liebe und dergleichen. Ich weiß es nur +zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres Volks. Auch Christus war ja ein +Jude.“ + +Nieberding erhob sich, schwankend und zitternd trat er auf Bojesen zu +und flüsterte: „Herr –!“ + +Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg. + +„Ich habe ihn geliebt,“ sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor +sich hin. „Weißt du, wozu ich nun geworden bin?“ fragte sie laut und +fest. + +Edward Nieberding, der am Fenster gestanden und unbeweglich +hinausgesehen hatte, wandte sich um und sagte: „Jeanette, du hast +niemals eine Schätzung gehabt für das edle Gestein und für seltene +Menschen. Aber daß du zu solchen Mitteln greifen mußt! Ich denke, das +war unnötig. Ich denke, das ist alles zu theatralisch. Seine +einleuchtenden Erläuterungen mag sich dieser Herr für den Hörsaal +sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant oder ein Bacchus, +damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest gegen +meine Gefühle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Du durftest +nicht kommen und mir ein Schauspiel vorspielen. Ich trinke das Leben aus +den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde Genüsse, +wo andere nur Narrheiten sehen, – gut, laß mich so sein. Geh’ jetzt +fort, wenn du barmherzig bist, und laß mich allein. Ich werde dich +lieben bis ich sterbe.“ + +Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren +Mund auf den seinen, und so blieben sie, in diesem traumhaften Kuß, +minutenlang. „Und nun leb wohl,“ sagte Jeanette, „wer weiß, wo wir uns +wieder finden.“ + +„Im Kot oder bei den Sternen,“ entgegnete Nieberding, trübe lächelnd. Er +stieß ein wenig mit der Zunge an, was seinen Worten oft etwas Herzliches +und Kindliches gab. + +An der Treppe stand Cornely. Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, als sie +Jeanette fest anblickte. „Was war es?“ fragte sie hastig, mit einem +scheuen Seitenblick auf Bojesen. + +Jeanette schüttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Thränen. Deshalb +lächelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. „Du weißt alles, +was geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weißt, was mein Vater +gethan hat, daß er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Siehst +du, Cornely, arme, ich habe eine so komische Moral in mir, bei der du +staunst. Was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was +dir die Selbstüberwindung ist, ist mir die Feigheit und Furcht. So sind +einmal die Menschen. Gute Nacht, Liebe.“ + +Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte, +wie wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festhalten könnte. + +„Bojesen,“ sagte das junge Mädchen, als sie das Thor hinter sich +geschlossen hatten, und nahm seine Hand, „in dieser Stunde sind Sie ein +guter Freund von mir geworden.“ + +Es schneite. Große Flocken fielen hernieder, die alsbald hinschmolzen im +Schein der Laternen. Es war ein friedliches Fallen, ein lautloses und +märchenhaftes Herabgleiten der schimmernden, zitternden Krystalle. +Einige Zeit gingen beide schweigend. Plötzlich sagte Jeanette, indem sie +ihre Schritte hemmte: „Wissen Sie, woran ich denke? An die Dämonen von +heute abend. Ich denke mir, so ist die Welt, so sind die Menschen; ein +zielloses Hin- und Hergleiten, so daß es einen beängstigt, daß man +fürchtet, jeder muß den Hals brechen und jeder wird doch wieder durch +den andern getragen und beschützt. Und dann das, was ich nicht so recht +ausdrücken kann; es ist vielleicht dies Spielen auf die Wirkung oder so +... Meinen Sie nicht, daß wir lauter solche grüne Dämonen sind?“ + +„Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol, und wir können +nichts anderes thun, als alles, was uns zustößt, symbolisch zu +betrachten. Darum sind auch die Dichter am größten, die das Leben +möglichst vereinfachen.“ + +Wieder entstand ein Schweigen. „Ach, die Dichter,“ sagte Jeanette dann +nachdenklich und traurig. „Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt +von den berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und in andern +großen Städten und mein Vater war ganz versessen auf die berühmten +Leute. Da hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem mir vorher +wirklich das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer +enttäuscht worden! Ich habe mich nur immer gefragt: du lieber Gott, wie +konnten diese Leute das oder das schreiben. Sie hatten doch so große +Gedanken und so große Gefühle in ihren Büchern und waren nun Menschen, +vor denen man auch nicht _so_ viel Ehrfurcht haben konnte. Und Ehrfurcht +will ich haben vor einem wirklichen Dichter, ob er jung oder alt ist. +Lachen Sie mich nur aus. Aber diese Leute hatten alle so nachlässige +Gesichter, so unneugierig, was sie sagten, waren so vorbereitet und sie +liebten es so sehr, geistreich zu sein oder auch vornehm zu schweigen. O +nein, ich hasse die Dichter.“ + +Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen. Alles was +sie sagte, kann gar nicht so wiedergegeben werden, weil der warme Laut +fehlt, das Eindringliche, Natürliche und Graziöse ihres Wesens. + +„Sie wundern sich ein wenig über mich,“ fuhr sie fort und schlug den +Mantel fröstelnd zusammen. „Ich auch. Ich habe stets geglaubt, +wahnsinnig zu werden bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch eine von +diesen Jüdinnen sein könnte, – ja, schauen Sie nur, – die mit zwanzig +anfangen, fett zu werden, heiraten, französische Romane lesen, Kinder +bekommen, Migräne haben und immer fetter und dümmer werden. Nein so bin +ich nicht. Es hat große Jüdinnen gegeben und ich habe mein Vorbild. +Später, später einmal sollen Sie es erfahren. Auch ich bin ein Symbol.“ +Der junge Mann sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen Arm +nehmen wolle und wo er sie hinführen solle. + +Sie nahm den Arm. „Wohin? Ach, irgend wohin. Nein, fragen Sie nicht +wohin, jetzt. Sagen Sie mir eins, Bojesen. Sind Sie nicht ein wenig +Dichter?“ + +„Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.“ + +„Das sagen Sie so pedantisch. Ich denke, man kann dadurch ein so stolzer +Dichter werden, – so daß man zu stolz ist, um zu schreiben.“ + +„Welch ein schönes Wort sprechen Sie da aus!“ rief Bojesen. + +Sie waren an einer Allee. Beschneite Bäume, beschneite Wege blickten +ihnen entgegen. Hinter einem halbzerstörten Staket lagen Steine in +großem Wirrsal, Mörtelbehälter, Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und +dahinter war der unfertige Bau mit öden, schwarzen Fensterhöhlen. +Daneben war ein Haus schon fertig gebaut, aber es war noch unbewohnt. Im +Erdgeschoß brannte einer jener Trockenöfen, die bei feuchter Jahreszeit +tagelang in den Räumen der Neubauten aufgestellt werden. Eine düstere +Röte ging von dort aus, strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die +blätterlosen Sträucher und Bäume bis über die Straße. Der Raum selbst +erschien wie das Innere eines Kamins. Die beiden gingen an den Fenstern +vorbei, guckten neugierig hinein, und sie sahen vier Knaben um den +Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem +jungen Menschen, der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen +redete. „Agathon Geyer!“ flüsterte Bojesen erschrocken und aufs höchste +erstaunt und Jeanette stieß einen leisen Schrei aus. Bojesen hatte ihn +sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agathon ein wenig seitwärts +trat, konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen +sah er ins Feuer. Die Knaben schienen ganz versunken zu sein, schienen +Agathons Worte zu trinken, und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in +ihren Gesichtern, vom ältesten, der etwa sechzehn Jahr alt war und die +Kappe der Waisenhauszöglinge trug, bis zum jüngsten, der etwa dreizehn +Jahre alt war. + +„Wir wollen gehen,“ sagte Bojesen leise, „es ist kalt.“ Jeanette riß +sich los und sagte im Weitergehen langsam: „Hat er nicht etwas von einem +jungen Christus?“ + +„Ja, es ist etwas Außerordentliches in ihm. Aber Sie kennen ihn?“ + +Jeanette nickte. Sie blieb stehen, schaute hilflos umher und schien +nachzusinnen. „Wohin? wohin?“ murmelte sie beklommen. + +In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Mantel vermummte Gestalt +vorüber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen +Bojesens begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wußte, was er von +der Begegnung zu halten habe. Er lächelte resigniert. + +Jeanette eilte rasch weiter und Bojesen hatte Mühe, ihr zu folgen. Bald +standen sie vor dem „siebenten Himmel“. Sie traten ein; schwüler Dunst +schlug ihnen entgegen. Sie sahen ein wüstes Durcheinander im Schein der +heruntergebrannten Lichter. Barbin schlief auf dem Billard; die +Brünhilde schlief auf der Erde, die jungen Männer in Tricot schliefen +auf dem Podium, Liebespaare saßen flüsternd oder stumpfsinnig in +finstern Ecken, der Glühende allein war noch völlig wach. Er hockte an +der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn leicht und +nachlässig in die geründete Hand gestützt, den Blick verloren, mit +stillem Triumph in der Ferne weilen lassend. Eine Schnapsflasche stand +vor ihm auf dem Boden. + +„Was sinnst du, Liebling der Götter?“ fragte Jeanette, seine Schulter +leicht mit den Fingern berührend. + + „Auf daß sie ewig fern und heißbegehrt, + Die Sterne, unerreichbar für mich bleiben. + Wer seinen Idealen jemals naht, + Kann sich getrost zu den Verlorenen schreiben.“ + +Jeanette lachte. „Solches Blech!“ + +Bojesen sah Jeanette an, die in großen Zügen Wein trank und sein Gesicht +wurde finster. + +Der Glühende stand auf und begann wieder zu recitieren: + + „Und nun zieht der Tag mit seinem Morgenrot einher! + Ach! so wilde Liebe hegen, das ist Sünde, + Süß und schwer. + Wenn ich doch auf einem Felsen stünde, + Weit im Meer, + Und erlöst von meinen Träumen wär’!“ + +Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu +spielen. Jeanette erhob sich, faßte den Rock mit den Fingerspitzen +beider Hände, so daß die seidnen Strümpfe sichtbar wurden, und tanzte: +lächelnd, berückend. Bojesen stand auf, ging hinab vom Podium in die +Dämmerung des übrigen Raumes, und stellte sich unter die Schläfer, +betrachtete das jünglinghafte Gesicht Barbins, sah den aufgesperrten +Mund des hageren Pianisten und die schnarchende Brünhilde. In ihm +erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett, wie er es jetzt +vernahm, fast wie hinter Mauern, hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen. +Er glaubte kaum, daß ihn mit diesen Gefühlen der Erdboden würde tragen +können, so schwer war seine Seele von ihnen. + +Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich +stehen. Er war wie gelähmt. Sie blickte ihn verträumt und +selbstvergessen an; ihre Augen waren jetzt von einem dunklen, +undurchdringlichen Grün, und die roten Lippen gaben dem überaus bleichen +Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt, etwas Vampyrhaftes. Langsam +nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn fort, hinaus in den finstern Gang +und weiter. + + + Zehntes Kapitel + +Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agathon von der Höhe +herabstieg ins Dorf. Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im +Schnee, spärlich behangen mit braunroten Blättern. Weithin leuchtete die +Schneedecke der Landschaft, und bisweilen lag ein dunkles, mürbes Blatt +auf diesem Weiß gleich einem großen Blutstropfen. Wenn Agathon durchs +Dorf ging, grüßten ihn viele Christen, – scheu, fast ehrerbietig. Rasch +hatte sich die Kunde verbreitet, daß Frau Jette durch seine wunderbare +Berührung gesundet war, und alle suchten in seinem Gesicht, an seinem +Wesen nach einem äußeren Zeichen dieser inneren Kraft. Er fühlte sich +Herr über diese Kraft, gehoben, emporgetragen; alles was rein in ihm +war, hatte sich mit diesen Gefühlen vereinigt, und alles Düstere und +Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie verbrauchtes Gewand. Er +hatte ein altes Buch aufgefunden und fand darin die Geschichte des +Sabbatai Zewi. Mit durstigen Augen las er sie. Wie wußte er gut zu +scheiden unter dem Wahren und Erlogenen, dem Phantastischen und +Tiefsinnigen! Wie sah er durch die Person des seltsamen Propheten in die +Seelen der Menschen, die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen, nicht +der beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters, sondern dem prunk- und +goldstrotzenden Worthelden, dem Halboffenbarer, dem, der mit ihrer +Begeisterung spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet. Aber +noch fehlte an allen diesen Dingen der innere Bezug auf sein eigenes +Thun, und er fand sich in der Welt mit einer Binde vor den Augen, des +gütigen Lösers harrend. Es war nichts von Prophetentum oder +Prophetenwollen in ihm. Das reiche innere Leben verlieh seinen Zügen +etwas Übermenschliches, dem schwer jemand zu widerstehen vermochte. Mehr +als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern: nackte Frauen, +die ihn neckten, die ihn zu sich zogen, ihn umarmten, ihn verlachten. +Wie oft sprang er auf vom Bett und trat ans Fenster, um durch die Kälte +sein Blut zur Ruhe zu bringen. Wie oft schaute er bittend in den +schwarzen Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete, daß +das Gewölbe des Himmels sich zu einer freundlichen Vision öffne. Dann +legte er sich wieder hin, und die Bilder kamen von Neuem, zudringlicher +und feuriger. Dann suchte er seine Gedanken abzulenken, dachte an die +Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr, die nur wie ferner +Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben, das er selbst noch lebte. + +Es gab zwei Wesen im Hause, die ihn oft und viel beschäftigten. Das eine +war Frau Thella Hellmut, das andere Sema. Jene hatte das Schreckhafte, +das sie anfangs für ihn gehabt, verloren. Doch ihre ganze Art hatte +etwas von einem Irrlicht. Ruhelos, beständig redend, beständig +geschäftig ging sie umher, und obwohl schon lange nichts mehr für sie zu +thun war, obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch gar kein Geld dazu +dagewesen wäre, ging sie nicht. Das war ja schließlich zu erklären, denn +bevor sie nicht zu andern Leuten gerufen wurde, lebte sie hier billig +und „ein Maul mehr macht die Kille nicht arm“, sagte Gedalja. Oft saß +sie dann wieder und sprach kein Wort, besonders wenn die Nacht im Nahen +war. Dann quollen ihre Augen ein wenig hervor unter den entzündeten +Lidern, sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin, nickte und +atmete wie beglückt tief auf. Wenn sie dann jemand anredete, sagte sie +leise und entschieden: „Stören Sie mich nicht! stören Sie meine +Erinnerungen nicht!“ Agathon pflegte sie dann wohl genau anzublicken, +und es wollte ihm scheinen, als ob diese Frau einmal sehr schön gewesen +wäre: vielleicht nur einen Tag lang wahrhaft schön, in der Seele und am +Körper, um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde. So +dachte Agathon oft über die Menschen, indem er sie in der Vergangenheit +wirken, oder in einer bestimmten, von ihm selbst erfundenen Situation +handeln sah. + +Was Sema anbetrifft, so wußte Agathon nicht, was er mit ihm beginnen +sollte. Mit ängstlicher Fürsorge achtete er auf alles, was Agathon that, +suchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen, schleppte einen Stuhl +herbei, wenn Agathon stand, brachte ihm den Löffel, der bei der Suppe +fehlte, schlich in eine Ecke, um zu weinen, wenn ihm jener etwas +abschlug, und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agathons Abwesenheit +ernstlich über seinen Lebensberuf beratschlagten, hörte Sema, immer +bleicher werdend, zu und fing auf einmal ohne jede Veranlassung an, laut +zu schluchzen. Es war mehr wie eifersüchtige Verliebtheit, es war eine +völlige Anbetung, ein Sichverlieren und Sichauflösen, der Wunsch, nichts +zu sein, und den vergötterten Freund wachsen zu sehen. + +So vergingen Tage. Einmal wanderten beide in die Stadt, als ihnen am +Frommüllersteg der Hund Faust begegnete, der einsam und schwermütig +umherstreifte. Er gewahrte kaum Sema, als er mit kurzem, dumpfem Bellen +seine Freude zu erkennen gab und sich so fest an den Knaben drängte, daß +dieser beinahe gefallen wäre. Auch Sema schien erfreut und folgte dem +großen Hund, der bald voraussprang, bald keuchend zurückkehrte und sich +erst beruhigte, als die beiden vor Gudstikkers Haus angelangt waren. Es +dämmerte schon; ein Sturmwind fegte über das Land, der Fluß rauschte +bedrohlich. Agathon wollte sich verabschieden, aber Sema bat ihn +herzlich und bewegt, mit hinaufzugehn. Frau Gudstikker schien etwas +erstaunt; sie lachte in ihrer halb spöttischen, halb freundlichen Art +und legte ein philosophisches Werk, in dem sie gelesen, zur Seite. + +Hier war es nun, wo Sema wieder die Geige zur Hand nahm und spielte. Es +schien nicht, als ob er sich dabei Mühe gäbe, als ob er dabei ein Können +zeigen wolle. Er schien jetzt zu reden. Doch war etwas von jenen Träumen +in seinem Spiel, in die unsere Seele das Kostbarste und Reinste legt, +was sie selbst besitzt. Von dieser Stunde an war Sema etwas mehr, als +der kleine, liebebedürftige Knabe in Agathons Augen. Niemals hatte er so +deutlich wie in jenem engen, dunklen Zimmer gefühlt, wo das Glück +wohnte, das er suchte. Er sah den klugen Kopf der alternden Frau sich +gegen den bläulichen Abendhimmel abzeichnen, er sah das leuchtende, +entflammte Gesicht des Spielers und den klaren, kräftigen Funken, der +seine Augen verschönte, aber er sah außerdem noch mehr. Die Töne wurden +gleichsam zu Fäden und die Fäden zu einem Schleier, der alle +Vergangenheit bedeckte, und eine geisterhafte Hand schien darauf mit +goldenen Lettern die Losungsworte der kommenden Zeit zu schreiben. + +Als Sema aufgehört hatte zu spielen, öffnete sich plötzlich die Thüre, +der kleine Wendelin schob sich herein und stürzte mit einem wahren +Freudejauchzen auf seinen Freund zu. Es blieb unerklärlich, woher er kam +und wie er von Semas Anwesenheit gewußt hatte. + +Später gingen die drei zusammen fort, nachdem Agathon noch einige +ironische Fragen Frau Gudstikkers beantwortet hatte. Aber er glaubte zu +fühlen, daß diese Ironie nur der Mantel wäre, um eine Bewegung zu +verbergen, deren sie sich schämte. + +„Wo hast du das Spielen gelernt?“ fragte Agathon. + +„Ich hab es nicht gelernt.“ + +„Aber du mußt doch die Noten gelernt haben.“ + +„Es sind keine Noten.“ + +„Nein, es sind keine Noten,“ betätigte Wendelin treuherzig. + +„Wieso kannst du dann spielen?“ + +„Ich weiß es nicht.“ + +Agathon schüttelte den Kopf. „Es ist wunderbar,“ sagte er sinnend. + +„Ich habe oft in der Waisenschule gespielt,“ erwiderte Sema schüchtern. +„Dann hat es der Direktor verboten. Es regt die Knaben auf, sagte er, es +macht sie rebellisch. Mein Spiel sei heidnisch, sagte er.“ + +„Ist er so streng?“ + +„Es ist schrecklich dort.“ + +„Furchtbar!“ rief Wendelin mit aufgerissenen Augen. + +„Aber es sind doch viele Knaben dort.“ + +„Sie sind alle sehr unglücklich. Alle haben sie so bleiche Gesichter und +müssen immer beten und beten.“ + +„Werden sie denn hart bestraft?“ + +„Ach nein, aber keiner liebt sie. Im Winter sind die Zimmer kalt. Das +Essen ist auch nicht so viel. Und so früh muß man aufstehen. Die Lehrer +haben so finstere Gesichter. Manchmal kommt Herr Porkes und examiniert. +Das ist schrecklich.“ + +„Und das ist wahr?“ + +„O, sehr wahr.“ + +„Und der Kleine, war er auch dort?“ + +„Nein. Er ist ja Christ. Er läuft mir immer nach, – gerade wie ich dir,“ +sagte Sema mit Thränen in den Augen. „Er bettelt und wohnt bei einer +alten Frau. Ist es deine Großmutter, Wendl?“ + +„Groß –? ja, sie ist bö–ös!“ + +Ein langes Schweigen entstand. Plötzlich sagte Agathon: „Glaubst du an +einen Gott, Sema?“ + +Der Knabe blickte bestürzt in den Abendhimmel. „Ich habe noch nicht +darüber nachgedacht,“ erwiderte er bedächtig. „Meine Mutter spricht nie +davon.“ + +„Hast du mich ein wenig lieb, Sema?“ + +Sema beugte sich herab, suchte Agathons Hand und küßte die Finger. +Agathon erschrak. „Kannst du verschweigen, was ich dir sage? Und du auch +Wendelin? Gut. Wir wollen die Waisenknaben herausführen aus diesem +dunklen Haus. Was können die Lehrer machen, wenn sie alle zusammen +fortgehen, eine Nacht lang? Am Morgen können sie ja wiederkommen. Ich +will dir dann auch sagen, weshalb. O, ich wußte schon früher, daß sie +unglücklich sein müssen. Kennst du den Ältesten der Knaben?“ + +„Ja, er heißt Martin Ohlik. Sie merken alle viel auf ihn, und er ist +gescheit.“ + +„Kannst du es möglich machen, daß er in der Nacht kommt, wenn alle +schlafen? Daß er zu uns kommt und mit uns spricht?“ + +„Ist das nicht gefährlich, Agathon?“ + +„Nein. Bei Tag ist es doch nicht möglich.“ + +„Nein, bei Tag werden sie bewacht.“ + +„Also, willst du es thun?“ + +„Ja, alles!“ + +„Gut. Erst wollen wir sehen, wo wir uns treffen. Im Freien ist es zu +kalt. Ich weiß ein leeres Haus am Engelhardtspark. Dort wird seit acht +Tagen ein Trockenofen gebrannt.“ + +Sema entfernte sich und kam nach einer Stunde mit Martin Ohlik wieder, +der ein feuriger Bursche war und der seine Mission wie eine +Lebensaufgabe empfand, die ihn bis in den Tod erfüllen könnte. In +schwerer Finsternis wandelten Agathon und Sema nach Zirndorf, während +Wendelin in einem Faß unter der Güterhalle Unterschlupf fand. + +Es war eine solche Unordnung und vielleicht ahnungsvolle Unruhe im +Geyerschen Hauswesen, daß am Morgen die Abwesenheit Agathons nur ganz +flüchtig zur Sprache kam. Nur Sema wurde gezüchtigt. Aber er litt es +stumm. Er schien einen Triumph dabei zu empfinden, für Agathon Schmerzen +zu erdulden. + +Die Juden im Dorf waren nicht gut zu sprechen auf die Geyerschen. Man +redete schlimm über Elkan; nicht nur des verhafteten Enoch wegen, nicht +nur des heidnischen Agathon wegen. Denn Elkan Geyer mußte ein +wahnwitziger Mann sein, daß er solche Worte im Mund führen konnte; Elkan +Geyer mußte etwas Unauslöschliches in der Brust tragen, daß er tagelang +in den Wirtshäusern saß, sein Geschäft gehen ließ, wie es ging und die +Frau für sieben Mäuler allein sorgen ließ. Elkan mußte ein verkommener +Mann sein, daß er sich dem Schnapsgenuß ergab: ein Jude, der Schnaps +trank! Niemand hatte je so etwas gehört. + +Währenddem geschahen auch in der Welt allerlei Dinge, die besser nicht +geschehen wären. Es waren da Gärungen, die das Problem mit den Juden an +die Oberfläche der brodelnden Zeit brachte, und man sprach allenthalben +von einer Juden-„Frage“, als ob das eine Frage wäre, die zu beantworten +ist. In Rußland und Österreich trieben sie es schlimm, und in +Deutschland glaubte sich ein oder der andere Schuhmacher müßiger Weise +zum Messias geboren und erhob seine giftschwärende Zunge gegen den +mehrbesitzenden Judenmann. Dabei schrieen die am Ruder Zeter und Mordio +gegen ein rotes oder schwarzes Fähnchen, das in irgend einem Winkel +auftauchte, die Waffe forderte Menschen und immer mehr Menschen, so daß +sogar der geduldige Bauer den Kopf zu schütteln begann und an ein +gemeinsames Vorgehen seines Standes dachte. In den Künsten schrieen sie +auch nach dem Erlöser, dem erwählten Großen, und wie dergleichen +Redewendungen fließen, und jeder, der etwa die Hosen auszog, oder +Pflanzen statt des Fleisches aß oder auf peinliche Art die Armut der +Armen bewies, war ein Genie. Es war eine große Zeit, in der es wohl wert +erschien, zu leben. Thron und Hütte waren in gleicher Weise von dem +Bewußtsein persönlicher Machtlosigkeit durchdrungen und vor lauter +Stimmen hörte niemand eine Stimme. + +Wenn Agathon im Kreis seiner Angehörigen um sich blickte, waren es die +kleineren Geschwister, die sehr gedrückt schienen von all den Vorgängen, +bei denen ihnen Ursache und Urteil fehlte. Da war die kleine Mirjam. Sie +war ein Mädchen von blühender, dunkler Schönheit, von einfachem, +nachdenksamem Wesen, und sie hatte den herrlichsten Mund, der sich +denken läßt. Darin lag eine magdhafte Ergebenheit, etwas von jener +biblischen Treue, wie sie in der Geschichte des Jephta eine Rolle +spielt. Und doch erwuchs sie schon langsam zu jenem Hausfrauentypus, +der, nüchtern und resigniert, in allem, was das weite Leben betrifft, +stumpf und tot ist und all sein Ideal im Geld und im Reinwaschen der +Dielen sucht. Gedalja ging eines Tages über Land und kam nicht wieder. +Er ging hausieren und wollte offenbar dem Hausstand einen Brotesser +beseitigen. Oftmals sehnte sich Agathon nach ihm und vermutete nicht, +ihn unter so tragischen Umständen wiedersehen zu müssen. + +Agathon gab an einem der späten Novembertage eine überraschende Probe +von der Macht, die er im Innern fühlte. Die Estrichsche Ziegelei wurde +vergrößert. Trockenhäuser sollten gebaut werden und der Grund wurde bis +an die Grenze des Geyerschen Anwesens ausgegraben. Als dann die Mauern +aufgeführt wurden, nahmen die Arbeiter nicht die geringste Rücksicht auf +den Garten, sondern demolierten den Zaun, warfen die schadhaften +Ziegelsteine herüber, und als Frau Jette eines Morgens mit gellendem +Geschimpfe unter sie fuhr, wurde sie ausgelacht, und nun entstand unter +den Arbeitern ein förmlicher Feldzug gegen die jüdische Familie und +jeder Angriff von Frau Jette wurde mit Hohn und Gelächter begrüßt, mit +Spott und Haßreden gegen das Judenpack. Sie ging zu Estrich selbst, aber +das half so gut wie nichts und sie schien gänzlich verzweifelt, fast +mehr aus Eigensinn, als aus Sorge um den Besitz. Da trat eines Morgens, +als sie sich wieder zur Zielscheibe des Spotts machte und blindlings +drauflos schrie, Agathon an ihre Seite, verschloß ihr den Mund mit der +Hand, während die Maurer mit cynischer Neugier oder mit verstecktem +Ernst ihm ins Gesicht sahen. Er trat zu einem jungen Menschen, der beim +Kalklöschen beschäftigt war und fragte ihn: „Hast du eine Mutter +daheim?“ Das Du und Agathons fester, fast trauriger Blick verwirrte den +Andern, der unter den Lärmendsten gewesen war. Er schlug die Augen +nieder und sagte nichts. Seine Kameraden kicherten. „So sag doch,“ fuhr +Agathon fort, „mir darfst du’s schon sagen.“ Der Maurer lachte und wußte +nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Endlich schüttelte er in +unbestimmter Weise den Kopf. „Aber wenn du eine hättest, würdest du sie +doch nicht beschimpfen lassen,“ sagte Agathon, eindringlich und gütig +lächelnd; „nimm mal an, du hast daheim einen Garten, und der Garten ist +fast alles, was ihr habt, denk’ dir das aus, und es kommen solche Leute, +die sich ein Vergnügen daraus machen, den Garten zu ruinieren, den Zaun +umzureißen, die Beete mit Steinen zu bewerfen, auf denen ihr im Sommer +euer Gemüs’ wachsen laßt, und davon habt ihr viele Tage zu essen, mußt +du wissen. Ich glaube, du thätst unmäßig zornig werden, wie?“ Und +Agathon legte seine Hand auf die schwielige Hand des Maurers, der +betreten die Zähne zeigte und mit einigen Zweigen des verdorrten +Buschwerks spielte. Die andern hatten alles gehört und waren nach und +nach still geworden. Doch war es ein sehr mißtrauisches Schweigen. +Deshalb trat Agathon zu dem nächsten, der ein älterer Mann war mit +mächtigem Bart. „Denkst du, Herr Gevatter, ich bin reicher als du?“ +fragte er kühn. „Sieh doch her, was ich am Leib hab! Und mein Hemd, ob’s +von besserm Stoff ist, als deines. Im Gegenteil, deins ist von besserem +Stoff, der Stoff kostet mehr, das kannst du getrost glauben.“ Damit zog +er seinen Rock aus und hielt dem Alten seinen Hemdärmel zum Anfühlen +hin, was dieser auch that, fast mechanisch und dabei nachdenklich aus +seiner Pfeife paffte und dem jungen Mann, der so unbekümmert vor ihm +stand, prüfend ins Gesicht sah. Jetzt lachten die andern wieder, aber +diesmal gutmütig, einige murmelten sogar Beifall. „Ihr denkt wohl, es +giebt lauter reiche Juden?“ fragte Agathon, sich aufs Geratewohl an ein +paar andere wendend und wieder in seinen Rock schlüpfend. „Das ist nicht +wahr. Mein Vater muß sich mehr plagen wie ihr und hat weniger Lohn. Da +ist kein Baumeister, der ihm am Samstag was auszahlt. Also gelt, das +thut ihr nicht wieder mit den Steinen.“ Damit nickte er freundlich und +ging langsam ins Haus. „A sakrischer Kerl,“ sagte der alte Maurer +paffend und sah ihm nach. „’s Dunerwetter soll mi derschlog’n, aber öitz +maan i, mer thenna die Staaner raus.“ + +So geschah es. Am Abend waren die Steine aus dem Garten verschwunden. + +Frau Jette stand im Flur, als Agathon zurückkam und blickte ihn starr +an, nicht fähig, ein Wort hervorzubringen. Sie standen da in einer +dunklen Ecke und ehe sichs Agathon versah, war sie auf einen Holzblock +gesunken und schluchzte herzbrechend. „Ach Aga!“ flüsterte sie, „ach +Aga!“ Er schwieg und blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt; +er fühlte wohl, was sie beweinte, und daß es sich nicht auf diesen Tag +und nicht auf die letztvergangenen Tage bezog. + +Gegen Abend, bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne +ging Agathon fort. Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam, sah er +Stefan Gudstikker aus der Gartenthüre kommen, hastig über die Straße +eilen und mit schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei +verschwinden. Agathon erschrak, und obwohl er sonst nicht unaufgefordert +zu Monika kam, entschloß er sich heute doch dazu. Er klopfte an und auf +ein leises Herein öffnete er die Thür und sah sie allein im Zimmer, am +Fenster sitzen, in der Dämmerung. Ihre Mutter und Schwester waren wie +gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt. Monika erwiderte freundlich +Agathons Gruß und drückte seine Hand. + +„Bist du bös, daß ich gekommen bin?“ fragte Agathon beklommen. + +„Ich? nein, ich freue mich. Immer bin ich froh, dich zu sehen, Agathon.“ + +„Wirklich?“ + +Monika nickte eifrig, dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf +die Felder. „Ich muß dir etwas vorlesen,“ sagte sie nach einer Weile. + +Während sie das Papier aus der Tasche zog und entfaltete, sagte Agathon: +„Du spielst ja gar nicht mehr mit deiner Puppe?“ + +„O nein,“ erwiderte sie überrascht lächelnd, – wie erstaunt darüber, daß +sie je mit Puppen zu spielen vermocht hatte. + +„Du weißt doch, daß Gudstikker verlobt ist,“ platzt Agathon auf einmal +heraus. + +„Ja das weiß ich,“ entgegnete sie, wiederum lächelnd: ruhig und wissend. +„Aber höre zu: + + Wir küssen uns bei Kerzenlicht, + Sonst sehn wir uns vor Thränen nicht. + Sonst ist uns gar zu still die Stund’, + Zu schweigsam der beklommene Mund. + + Wir küssen uns in finsterer Nacht, + Weil sie die Zukunft schöner macht. + Wir sehn das goldne Haus am Meer + Von Schätzen voll, von Sorgen leer. + + Was spricht der Vogel Zeitvorbei? + Daß alles dies vergänglich sei? + Was spricht die Mutter Zweifelschwer? + Ein Schattenbild das Haus am Meer? + + Der Vogel hat die Nacht vertrieben, + Die Mutter ist bei uns geblieben. + Den blassen Traum an jener Wand + Hat sie verblasen und verbrannt.“ + +Es entstand eine lange Pause. + +„Wie konntest du es denn lesen,“ fragte Agathon endlich bedrückt, „da es +doch schon dunkel ist?“ + +„Ich kenne es auswendig,“ flüsterte Monika, ganz in sich versunken. „Es +ist schön, es ist schöner als schön.“ + +„Aber weshalb nimmst du denn das Papier, wenn du es auswendig weißt? Nur +damit du es sehen kannst? Nur damit du die Schrift sehen kannst? O wie +rot wirst du, Monika! Du bist glühend rot.“ Agathons Stimme zitterte. +„Monika!“ rief er dann. + +„Was?“ + +„Es ist ein unwahres Gedicht. Es ist schön, aber unwahr. Alles was darin +steht ist schön, und nur, weil es schön ist, steht’s da, aber es ist +erlogen. Ich weiß, wer es gemacht hat. Aber er ist kein wahrhaftiger +Mensch. Nur ein wahrhafter Mensch kann wirklich ein Kunstwerk machen. +Ich meine nicht so, daß er im Leben nicht lügen darf, aber mit seiner +Seele darf er nicht spielen. Er aber spielt, Monika. Verzeih’ mir, daß +ich es gesagt habe.“ + +Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen, und es war auch, als +ob ein anderer, ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hätte. Als er +fort war, saß sie im Finstern bis ihre Mutter kam. + +Agathon traf Stefan Gudstikker wie schon einmal, unter einem Laternchen +am Ziegeleigebäude stehend. Nach einigem Hin- und Herreden lud er +Agathon ein, mit ihm ins Haus zu kommen. Agathon folgte ihm. Der alte +Estrich, brummig und knurrig, wenn er liebenswürdig war, beinahe +komisch, erfüllte das Zimmer mit dem Rauch seiner Pfeife und ging bald +fort. Käthe erschien still, scheu und gedrückt. Sie hatte bisweilen ein +ergebenes Lächeln für ihren Verlobten, jedes Stirnrunzeln von ihm schien +sie zu beeinflussen, jedem halben Wort schien sie nachzusinnen. Ihr +Wesen war fast zu kindlich, bisweilen ein wenig dumm. Sicherlich war sie +über die wichtigsten Dinge des Lebens noch im Unklaren. Gudstikker +strich ihr oft über die Haare; er schien sich der grenzenlosen Macht +über das einfache Kind zu freuen; ja, er schien damit zu prahlen. Oft +wenn sie etwas sagte, lachte Gudstikker, – es war nur ein Stoß, wie der +Ton aus einer Trompete, und Agathon dachte wie in einer Erleuchtung: er +hat ihr den Glauben geraubt. Was hat er ihr dafür gegeben? Seine eigene +Person. Jeder Tag lehrte Agathon mit unabweisbarer Stimme das Leben wie +es wirklich war, wie es nicht aus einem göttlichen Wesen floß, sondern +aus dunklen, unterirdischen Quellen, vielgestaltig, mit Trübsand +vermischt, nur selten Gold im Grunde führend, selten im geraden Strom, +klar und kraftvoll rauschend. + +Sie sprachen von dem Mord. Käthe fand es gräßlich, daß man den Thäter +nicht erwischt habe. Sie fürchte sich jede Nacht. + +Agathon lächelte seltsam. „Vielleicht ist es kein so schrecklicher +Mensch, Fräulein Käthe. Vielleicht betrachtet er es wie eine große That. +Vielleicht hat er sich dadurch befreit von allem Schmutz seiner Seele. +Und er fühlt auch gar keine Gewissensbisse, im Gegenteil. Er hat sich +vielleicht geopfert, für ein ganzes Volk, nicht? Ist denn ein solcher +Mord wirklich so schrecklich? Es giebt auch keine böse Vergeltung für +einen so guten Mord. Das ist unmöglich.“ + +Gudstikker sprang auf und blickte Agathon durchdringend an. Dann +schüttelte er den Kopf, lachte, ging ans Fenster. Die Scheiben waren mit +Eisblumen bemalt, und das Mondlicht zitterte daran. „Aber was für ein +Mensch muß das gewesen sein!“ rief er aus. „Ein Ungeheuer!“ + +„Nein, vielleicht nur ein Mensch ohne ‚Nerven‘. Giebt es nicht solche +Menschen, die wie ein Stück Ackererde sind?“ + +Plötzlich hörte man draußen das ängstliche und fortgesetzte Miauen einer +Katze. Alle lauschten. Gudstikker und Agathon gingen hinaus. + +Der Mond stand hoch und rein am Himmel. Der Schnee blitzte und funkelte +weit umher. Auf den Feldern lag der Rauhreif, schimmernd wie +Silberstaub. Vor dem Thor lag ein Kätzchen in seinem Blut. Gudstikker +kniete hin und streichelte das Tier zärtlich, redete ihm zu wie einem +kranken Kind. Dann gebärdete er sich wie rasend, drohte den Kerl zu +erdrosseln und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu können. Agathon +wollte ihn trösten, obwohl er etwas Gekünsteltes in diesem Zorn fühlte, +als er einen Schatten gewahrte und Käthe neben sich sah. Sie hatte einen +Shawl um den Kopf. Ihre Lippen, deren Rot durch eine scharfe und runde +Linie von der blassen Haut abgegrenzt war, waren ein wenig geöffnet. +„Ist das Kätzchen tot?“ fragte sie. + +Gudstikker nickte. + +„Wer hat es gethan? Vielleicht der Vater, Stefan. Er stellt immer den +Katzen nach. Ich hab’ das alles vergangene Nacht geträumt. Kannst du’s +glauben? Auch Herrn Agathon hab’ ich gesehn.“ Sie drückte flüchtig +Agathons Hand, der sie beständig ansah. + +„Dein Vater, sagst du!“ fuhr Gudstikker auf. „Weißt du, daß es mir jetzt +zu bunt wird? Weißt du’s nicht. Nun, dann will ich dir’s sagen. Ich bin +mir zu gut dazu. So!“ + +Wieder fühlte Agathon das Künstliche dieses Wutausbruches und fragte +sich vergeblich nach Gründen. + +„Stefan,“ flüsterte Käthe und legte ihre beiden Hände um seinen Arm, +„ich will thun, was du immer von mir verlangt hast. Ich will mit dir +fliehn, wohin du willst.“ + +Es entstand eine peinliche Pause. „Es ist kalt, Herzchen,“ erwiderte +Gudstikker endlich und streichelte tröstend ihre Hand. „Geh nur und leg +dich schlafen. Du wirst ja krank!“ + +Bald darauf gingen Agathon und Gudstikker zusammen gegen den Pfarrhof, +wo dieser wohnte. „Sehen Sie,“ sagte Gudstikker, „da haben Sie ein Opfer +unserer Kultur. In dem Mädchen steckt ein prachtvoller Kern. Aber sie +ist gänzlich unsinnlich. Ja, das erscheint ihr schrecklich, was ein Mann +unter Liebe versteht. So sind viele. Ich habe vielleicht hundert Mädchen +kennen gelernt, auch durch andere, die dem Mann nur aus Mitleid +gestattet haben, wozu sie die Natur drängen sollte. Es ist eine +Krankheit heutzutage. Sowie ein Weib an der Kultur teilnimmt, wird sie +blutlos.“ + +Agathon hörte gespannt und beunruhigt zu. In seinem stillen Sinn dachte +er, Gudstikker wolle sich in einen Rausch reden. Schließlich sagte er +ihm etwas hastig gute Nacht. + +Als er heimging, hatte er eine seltsame Hallucination. Aus einem dunklen +Thorweg trat Käthe Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hände. Als er +weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den +Winternebel auflöste, dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie. Wie +groß war sein Erstaunen und sein Schrecken, als er sie auf einmal +wirklich sah! Raschen Schritts kam sie und lächelte matt, als sie vor +ihm stehen blieb. Sie wolle zu Stefan, sagte sie. Und auf sein +Gegenbitten schüttelte sie unentschlossen den Kopf. + +„Was wollen Sie denn bei ihm?“ + +„Ich weiß nicht. Ich will ihn nur sehen. Wenn ich noch einmal in sein +Gesicht sehe, weiß ich alles.“ + +„Was? Was denn?“ Agathon zitterte. + +„Ach, – nichts.“ + +In diesem Augenblick ging viel vor in Agathons Seele. Er sah dieses +zarte Geschöpf vor sich, wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte. Er sah +die kleinen, mondlichtübergossenen Häuser, die dunkle Unendlichkeit des +Nachthimmels, zage Sterne, glänzende Fensterscheiben, – dies alles im +Gegensatz zu der komischen Unruhe der Menschen, ihrer Lust an der Lüge, +ihrer Furcht vor dem Kampf, und zum erstenmal sprach heute die Natur ein +lautes Wort zu ihm, und er konnte die gärende Inbrunst seiner Seele +nicht mehr mißverstehen. Da stand nun dies stille, wortkarge Geschöpf +vor ihm mit dem treuherzigen Blick, dem hilflosen Zucken um die Lippen +und sie sah ihn ratlos an, als Agathon wie erleuchtet lächelte. + +„Sie sind immer so traurig, Fräulein Käthe,“ sagte er. + +Sie nickte. + +„Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen.“ + +„Aber wie kann ich das,“ erwiderte sie seufzend. + +„Ich kann es, ich will Sie froh machen,“ sagte Agathon. + +Sie blickte ihn ungläubig an, als sie auf dem knarrenden Schnee +weitergingen. Agathon mußte jetzt wunderlicherweise an Gudstikkers +ewig-schmutzige Fingernägel denken, und er raisonnierte, daß ein Mensch +mit schmutzigen Nägeln niemals ein solches Mädchen küssen dürfte, selbst +wenn er ein Dichter ist, den es nach Reinheit und Verehrung dürstet. Er +dachte an Monika und eine Glut stieg in ihm auf, daß sein Blick förmlich +verhängt wurde. Dann liefen seine Gedanken weit fort zu Sabbatai Zewi +und seinen Freudenfesten, und er zweifelte nicht an der Ehrlichkeit des +Propheten, der das Leben in so großen Linien gelebt und alle Mitlebenden +beglückt hatte. + +„Ein Wort, Fräulein Käthe, – vertrauen Sie mir?“ + +„Sie sind so merkwürdig, Agathon. Man muß Ihnen vertrauen, auch wenn man +nicht will.“ + +„Und Sie wollen alles thun, – von jetzt bis Mitternacht, alles was ich +will. Es ist nichts Böses.“ + +„Aber es ist spät.“ + +„Eben hat es acht Uhr geschlagen.“ + +„Was soll ich denn thun?“ + +„Nichts als das: in unserem Hof steht ein Schlitten. Da sollen Sie sich +hineinsetzen. Ich fahre Sie.“ + +„Jetzt? Um Gotteswillen, jetzt! Ich kann nicht. Meine Mutter läßt mich +nicht fort.“ + +„Ach, wie das Aschenbrödel sind Sie! Aber heute dürfen Sie den Prinzen +sehn.“ + +„Den Prinzen?“ + +„Gewiß. Ich ziehe meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei +Weinzierlein.“ + +„Bis –? Nein Agathon, das ist zu weit.“ + +„Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und nicht furchtsam sein. Ich hab’ +auch noch ein dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter.“ + +„Sie sind so jung, Agathon, und das vergißt man ganz, wenn man Sie +hört.“ + +Eine Viertelstunde später flog der Schlitten die Landstraße hinaus und +Agathon auf Stahlschuhen hinterher. Rechts lag der Wald, dann lag er +links; das Mondlicht wohnte in ihm, die braunen Blätter glänzten +silbern, die Birkenrinde strahlte wie Gold, der Schnee lag wie ein +faltenloses, frischgewaschenes Tuch da, der Himmel wölbte sich in +stillem, matten, kalten Licht und der Frieden, der mit den beiden +gleichsam Seite an Seite zog, breitete sich aus, herrlich und rein. +„Sehen Sie nur die Elfen,“ sagte Agathon, „sie freuen sich, daß wir +kommen. Wenn wir auf dem See sind, werden sie Leuchtfeuer anzünden, +Bewillkommnungsfeuer. Die Irrlichter zeigen uns den Weg. Sehen Sie dort! +Ein Irrlicht, blau und grün –! Ist Ihnen warm? Das ist gut. Mir ist auch +warm. Das nächste Mal müssen wir Mirjam mitnehmen. Sie kann lachen, daß +es meilenweit hinausjubelt, besonders wenn es so kalt ist, wie heute.“ + +„Wer ist Mirjam?“ + +„Meine kleine Schwester.“ + +„Ein schöner Name.“ + +„Er ist hebräisch und heißt: die Widerspenstige.“ + +„So?“ + +„Ja. Auch Maria heißt die Widerspenstige. Aber Mirjam ist gut und +lustig, und sie stellt Fragen wie eine alte Frau.“ + +Dies alles wurde im vollen Lauf hin- und hergesprochen, auf der +klirrenden Schneebahn. Und endlich kam der See. Zauberhaft! +Glattgefroren war die weite, breite Fläche, Schimmer auf Schimmer, +golden und silbern, schwebte daher, tausend hellblitzende Funken besäten +den Schlittenpfad und Agathon flog hin wie der Wind, wie ein Pfeil! +„Jetzt beginnt das Märchen,“ rief er aus. „Jetzt kommen Feen und +Geister.“ + +„Und der Prinz?“ + +„Der kommt zuletzt.“ + +„Nein, zuerst, – wie’s versprochen war!“ + + „Haia! juchhaia! + Mein Waidruf schallt. + Auf! Mir zur Frohnde, + Wiesen und Wald! + + Haia, juchhaia! + Elfisches Reich, + Wo ist die Königin, + Blitzend und bleich.“ + +Vom Ufer erhob sich die Gnomenschar, lachend, echoend, tanzte mit weiten +Sprüngen um das Gefährt. „Mir ist heiß!“ rief Käthe lachend und schlug +voll Entzücken die Hände zusammen, denn die Landschaft war zum +Zauberreich geworden. Man sah Lichter blitzen wie in einem Saal; +bisweilen tönte es aus der Ferne wie Gesang von hellen Mädchenstimmen, +bisweilen wie Glockenklang; Ritter und Knappen und edle Damen stiegen +aus der Tiefe zum Tanz gekleidet; denn hier war einst eine mächtige Burg +versunken. Käthes Blut floß rasch und stürmisch. Sie jubelte und +klatschte in die Hände wie ein Kind. Sie erinnerte sich nicht, je so +glücklich gewesen zu sein, sie war wie berauscht und Agathon lächelte +sie an, seltsam, träumerisch. Wie ein Sturm fuhr die Sehnsucht in seine +Brust, ein ganzes Land, ein ganzes Volk so glücklich zu machen. Es ist +eine dunkle Zeit, dachte Agathon, und wer ihr die Freude bringt, kommt +mit einer flammenden Fackel zu ihr. + +Heimwärts flog der Schlitten, dem sinkenden Mond entgegen. + + + Elftes Kapitel + +In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung an der Luisenstraße, +und der kalte, neblige Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines +Innern. Da begegnete ihm ein Bote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er +riß den Brief auf und las: + +Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich +einmal erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen +Sie nicht, warum. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn zwei Schicksale sich +verketten, der Weg zum Glück doppelt so schmal wird? Das Leben ist so +klein und kann nicht durch einen großen Sinn regiert werden. Können Sie +sich denken, daß man nicht mehr an all die schönen Worte glaubt, von +Freiheit u. s. w. Sondern nur an das taube, blinde Ungefähr –? Der eine +sucht sein Schicksal, den andern findet es. Was rede ich da! Gestern +traf ich meinen Großvater, und ich will nicht sagen, in welcher +Verfassung. Kommen Sie nicht wieder! + +Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie dieses +gequälten Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen, +sah auf seine Uhr, kehrte hastig in seine Wohnung zurück, setzte sich an +den Schreibtisch, kaute einige Zeit beklommen am Federhalter und begann: + +Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie +ist es? Was soll ich davon denken? Bedeutet _das_ die Schrankenlosigkeit +der Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche, +banale Roman-Reue? Muß ich das glauben? Nie. Das Schicksal ist +ungewöhnlich mit uns verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm +revanchieren. Ich sehe dich noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in +deiner Hinreißendheit. Und nun? + +So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. +Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. „Erich, du +schreibst an eine Frau,“ sagte sie langsam und betont. + +„Fanny, du phantasierst.“ + +„Erich, du schreibst an eine Frau.“ Sie war leichenblaß und hatte mit +der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefaßt. + +In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge, +oder er wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben +zusammen und zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen. + +„Schön,“ sagte Fanny Bojesen, „damit bekennst du dich ja schuldig. Ich +verbittere dir das Leben. Ich bin nüchtern und kalt. Ich bin +verständnislos, ich bin dumm. Ich bin ungeduldig und nervös. Das hast du +doch alles geschrieben dieser, – dieser Dame?“ + +„Du hast sonderbare Vorstellungen von einem Liebesbrief, mein Schatz.“ + +„Nun ja, freilich, Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird +dich zu Grund richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit +Verzweiflungsausbrüchen. Ich bin mir zu gut dazu, mit einem Wort, obwohl +ich zu vielen Dingen nicht zu gut bin, wie das einmal geht. Aber ich +will nur auf das Ende warten.“ + +„Aber du phantasierst ja, du träumst,“ rief Bojesen, erschrocken und +gespannt. + +„Wir schlafen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.“ + +„Was soll das heißen?“ + +„Ich kann nachts nicht schlafen, und ich höre dich, wenn du überhaupt zu +Hause schläfst. Die Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht +bist du dann bei ihr, verstehst du?“ + +Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte +Cigarren und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu thun +pflegte. In den düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die +Herren, die, das akademische Viertel benutzend, gravitätisch oder +tiefsinnig umherstolzierten, die Hand auf dem Rücken oder zwischen dem +zweiten und dritten Knopf der Rockbrust. Es ist nicht leicht zu sagen, +worüber sie nachdachten, und es ist unwahrscheinlich anzunehmen, daß sie +über des Lebens Alltäglichkeiten nachdachten. Denn so wichtige Herren, +wie sie waren, mußten sie auch über Gegenstände versonnen sein, die dem +Gepräge ihrer Persönlichkeit entsprechen konnten. Doktor Rosenblatt (es +ist die Eigentümlichkeit und das Martyrium dieses Standes, daß er sich +stets mit einem imaginären Doktor- oder Professortitel schmücken muß, +damit die Würde des Standes in den Augen der profanen Welt gewinne), +Doktor Rosenblatt also hatte, um seinerseits eine Ausnahme zu +dokumentiren, beide Hände auf dem Rücken. Er pflegte jedes Klassenzimmer +mit der Konstatierung der Thatsache zu betreten, daß es stinke. Er +pflegte dies in einem heftigen Schrei zu behaupten und pflegte dann die +Fenster aufzureißen. Zugegeben, daß dies eine Unklugheit von ihm war, +ein Pfeil, der auf ihn selbst zurückgehen konnte, so ist doch +andererseits anzuerkennen, daß diese kategorische Erklärung von seiten +des Trefflichen wiederum als ein Beweis seines fortgeschrittenen +Reinlichkeitssinnes gelten konnte. Dieses Zeugnis war zum Exempel Herrn +Professor Schachno mit nichten zu erteilen. Denn auf den glänzenden +Flächen seines Rockes wäre es der Analyse Bojesens leicht gewesen, den +Speisezettel des Ehrenwerten für die Frist des abgelaufenen Semesters zu +geben. Aber Professor Schachno war ein Stoiker; dies erklärt alles; ein +liebenswürdiger, standesbewußter Mann, der sein Erziehungsideal, die +Strafarbeit, stets in Gedanken zu vervollkommnen bestrebt war. + +Bojesen sah die finstern Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie +nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, daß etwas in der Luft lag. Als er +später eine der unteren Klassen in den Anfangsgründen der anorganischen +Chemie unterrichtete, bemerkte er, daß er innerlich mit ganz anderen +Dingen so intensiv beschäftigt war, daß Scenen und Bilder in seinem +Geist entstanden, und sein Bewußtsein bei dem, was er lehrte, ganz +verdunkelt war. + +Nach Ablauf der Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen +lächelte, entließ seine Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und +stand alsbald vor dem Herrscher des Schulreichs. Und nicht nur vor ihm +allein. Fünf der ältesten Herren bildeten gleichsam seine Garde, – eine +Hochburg unbestechlicher Rechtlichkeit, unwandelbarer Sittlichkeit, +unerschütterlichen Ernstes. + +„Herr Bojesen,“ begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen +Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, „Sie sind uns als Kollege lieb +gewesen und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der +strengen Thatkraft überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten, – +glaubten wir. Wir glaubten, in Ihnen dereinst eine stolze Säule unserer +Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten Mitbürger, einen +tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier, sittlicher Wandel, +Religiosität, das sind Orden, die die Brust eines Beraters der Jugend +mehr schmücken, als königliche Orden. Wir müssen bekennen, daß wir uns +in Ihnen getäuscht haben.“ + +Ein undefinierbares Murmeln der Garde begleitete diese Worte, die an +Hoheit, Einsicht und Milde als gleich vollendet bezeichnet werden +müssen. + +„Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?“ entgegnete Bojesen ruhig. + +„Damit soll gesagt sein, daß Sie, wie unsere gewissenhaften +Nachforschungen zweifellos ergeben haben, in Bezug auf Ihre moralische +Führung nicht geeignet sind, einen günstigen Einfluß auf die Schüler zu +üben, Herr Bojesen, – kurz, daß Sie sich auf Abwegen befinden. Als +Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu warnen, Sie kraft meines Alters +aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand dieses Instituts dagegen ist +es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer Lehrtätigkeit Abstand nehmen +zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium berichtet und +weiteren Bescheid empfangen haben.“ + +Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der +Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort: + +„Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon +es auch sei. Wir waren vorsichtig in Bezug auf unsere Schritte. Sie +verkehren in einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und +verrufenen Frauenzimmern. Es ist schändlich und für mich als Haupt einer +Anstalt, an deren Ruf kein Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit +über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es +ist beschämend für mich, einen solchen Vorfall so deutlich konstatieren +zu müssen. Aber Sie zwingen mich dazu, Herr. Ihr unverzeihlicher +Fehltritt fällt um so schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind und +trotzdem nicht Ehrgefühl genug besaßen, sich als Pädagog zu zügeln. Aber +nicht einmal das allein war maßgebend für mich. Nur aus wenigen +Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher Zuhörer graben +können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, daß Sie es +im Unterricht, – meine Herren geben Sie wohl acht, aber mäßigen Sie Ihre +edle Entrüstung, daß Sie es sogar nicht verschmähten, skeptische Worte +fallen zu lassen, die die Religiosität der Schüler gefährden konnten, +und daß Sie so auf dem verbrecherischen Wege sind, die scheußliche +Zeitkrankheit des Atheismus und der Pietätlosigkeit mitverbreiten zu +helfen. Wir wissen, daß Sie sich mit dem dimittirten Schüler Agathon +Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll befaßt haben, und jetzt +wird mir auch vieles von der unerhörten That dieses unglückseligen und +irregeleiteten Jünglings klar. Und nun noch zur schwersten Anklage, der +gegenüber nichts, aber auch n–nichts Sie rechtfertigen kann. Sie haben +in einem öffentlichen Lokal, in der Unterredung mit einem Ihrer +auserwählten Freunde, Reden von einer wahrhaft, – kurz, von einer +wahrhaft socialdemokratischen Tendenz geführt, so daß Ihre Worte an +Nebentischen gehört wurden. Ich hoffe, Sie bereuen dies alles und werden +ein besserer Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen +anvertraut hat, ist ein anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich +Sie, uns zu verlassen. Oder haben Sie noch etwas einzuwenden? Aber ich +mache Sie aufmerksam, daß unsere Zeit kurz bemessen ist.“ + +Bojesen rührte sich nicht. Seine Hand zitterte immer noch leise. Seine +Augen schauten unverwandt ins Weite, als suchten sie sich mit den +kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit schon jetzt +vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges, halb +trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der +Reihe nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe +schüttelten. Endlich sagte Bojesen: „Meine Verbrechen sind Verbrechen. +Für Sie müssen es solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen +einwenden. Aber was die ‚unschuldigen Blüten‘ betrifft, darüber möchte +ich noch ein paar Worte sagen. Das was ich immer wollte, was aber ein +Unding ist, ein Windmühlenkampf, ist, daß ich die Schüler veranlassen +wollte, selber zu denken, aus Andeutungen, aus Anschauungen ein Gesetz +zu konstruieren. Ich habe ihnen aus der Wissenschaft immer ein +schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum für das Gedächtnis. +Aber Sie, meine Herren, arbeiten nur für ein totgeborenes Kind. Was Sie +thun, ist immer aussichtslos. Als unverdauliche Speise bleibt es im +Magen Ihrer Pfleglinge liegen. Sie geben sich nie die Mühe, +herunterzusteigen, sondern bleiben hochmütig auf dem Katheder und auf +dem Lehrbuch sitzen. So wie Sie es treiben, ist die Schule eine +Verdummungsanstalt, und kein munter fließendes Wasser wird aus diesem +Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige Marionetten, oder wie Sie +es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre Institutionen, das +mögen Sie wissen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muß +es mit dem Herzen thun, nicht mit dem Vocabulaire. Ich möchte sagen, er +muß ein wenig spielen dabei, Sie müßten beinahe ein wenig Künstler sein. +Aber wie soll der Staat das aufbringen. Sie, Herr Horamus, der Sie +dastehen als Lehrer der Geschichte, seien Sie aufrichtig, haben Sie +jemals daran gedacht, den Schüler mit den großen, menschlichen Dingen +der Geschichte vertraut zu machen? Haben Sie jemals den Geist des +grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht? Haben Sie jemals ein +farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von mehr sittlichem +Wert, als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastien-Namen, glauben Sie +mir. Aber davon haben Sie ja selbst keine Ahnung, wie sollten Sie mir +Antwort geben können. Ein _null-ouvert_ im Skat ist Ihnen weit +interessanter. Und was Religiosität und Vaterlandsliebe betrifft, Herr +Rektor, so haben Sie keine Angst. Beide zeigen sich nicht im +Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist Duckmäuserei +und Frömmelei. Beruhigen Sie sich nur, ich gehe schon. Vielleicht kommt +die Zeit selbst für Sie noch, der Sie graue Haare haben, wo Sie mit +Angst an das denken werden, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich empfehle +mich den Herren.“ + +Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in +unbeschreiblicher Verblüffung zurück. „Gehen Sie hinunter, Schachno, und +verhindern Sie, daß er mit den Schülern spricht,“ sagte der Rektor +erregt. + +Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und +ging die Mathildenstraße entlang, bis die Häuser zu Ende waren, bis die +Ebene vor ihm lag, – anscheinend grenzenlos. Und wie er weiter und immer +weiter ging, vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz, +und all das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf +in eine große allgemeine Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in +eine wie hingehauchte Traurigkeit um vergebliches Ringen. Er empfand +jene Müdigkeit zu denken, die uns mit einem unsicheren und seltsamen +Stolz erfüllt, uns zu vagen, aber tröstlichen Bildern führt, bis an die +Thüre jener Schwermut, die sich mit liebevoller Innigkeit an alle +Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels +eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht. + +Still und neblig, wie erfroren lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer +Wand von Schleiern erhob sich bisweilen in der Ferne ein Gehölz. Der +Himmel war unbeweglich; keine einzelne Wolke war zu sehen: nur eine +schwerhingezogene Decke. Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das +Grüblerische, Insichgekehrte dieser Landschaft. Raben flogen lautlos +über die Äcker, setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen, die +aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit den schlauen und +boshaften Augen auf den Wanderer. + +Bojesen nahm in einem Dorfwirtshaus ein kärgliches Mittagsmahl ein, +unterhielt sich mit den Bauern und machte zum erstenmal die Beobachtung, +daß der fränkische Bauer ein intelligenter, ernster und gutherziger +Menschenschlag ist, der nichts von der tückischen Pfiffigkeit und von +dem versteckten Städterhaß vieler andern Bauern besitzt. + +Als es schon dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als +ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre. Fast mechanisch, als wäre es die +Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses, wandte er sich nach der +Richtung von Jeanettens Wohnung, und er fand sie allein. + +Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand. + +„Du bist so froh,“ sagte sie und blickte bang nach der Thür. Doch gleich +darauf sprang sie empor und tanzte trällernd im Zimmer umher. Nichts +lächelte in ihrem Gesicht. Der Mund war geöffnet und ließ die kleinen +Zähne sehen. Die Augenlider waren gesenkt, mühevoll sinnend. So tanzte +sie. + +„Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin,“ sagte sie +verächtlich. „Die Herren der Gesellschaft werden zum ‚siebenten Himmel‘ +kommen, und ich werde die Sensation sein, der Stadtklatsch. Das ist mir +zu widerlich. In acht Tagen gehe ich fort, oder in vierzehn Tagen, wenn +ich mit meinen Vorübungen fertig bin. Ich gehe nach Paris. Ich brauche +anderes Leben. Es wird auch ein anderer Tod sein, wenn es so kommt.“ Sie +lachte mit ihrem harten, stoßweisen Lachen. + +„Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?“ + +„Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder +Kunst werden. Sieh her, den Tanz der Liebe. Alles ist Feuer, hinneigende +und doch verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und +schließlich die unterdrückte Erregtheit. Dann der Haß. Offene Glut, +wildes Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich +denk’ es mir wundervoll. Eure andern Künste haben alle abgewirtschaftet. +Sie beruhen auf der Eitelkeit. Es giebt nur noch Wissenschaft und Tanz +in der Zukunft.“ + +Bojesen sah hilflos vor sich hin. + +„Was machst du denn für ein Gesicht? Wie ein melancholischer +Briefträger,“ sagte sie. + +Bojesen hatte so vieles sagen wollen. Jetzt erinnerte er sich an nichts, +oder es erschien ihm zu düster. „Jedesmal, wenn ich komme, bist du +anders,“ bemerkte er mit etwas jugendlicher Verzweiflung. + +Jeanette lachte spöttisch und begann wieder zu tanzen: auf den Zehen, +den Körper in vornehmen, wellenhaften Bewegungen vor- und zurückbiegend +und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel +schauend. Dann holte sie Wein, dessen Purpur in den dunklen Gläsern und +in der beginnenden Dämmerung ganz schwarz erschien. + +Währenddem öffnete sich die Thür und Bojesen sah einen alten, sehr +gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es +war Gedalja. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete +sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff +und wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und +zündete die Lampe an. „Hast du was verkauft, Großvaterle?“ fragte sie, +die Hand in die des Alten legend. + +Gedalja verneinte. „Se welln nix haben. Se sin alle versehen. Se welln +bloß ihrn Spaß haben mit em alten Jüden. Ich will nit klagen, Enkelin, +nit klagen. Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb’? Wer +wird reden zu mir in die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten +Mann über neunzig, wo hat kein Haus un kein Hof un kein Bett? Bin ich +nit gewesen e Beheema, e Vieh, daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e +Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird sein zu Fetzen? +Wo sin meine Kinder, daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine +Worte? O Enkelin, es is gut, e Chalef zu nehmen, e Schwert und zu +zerreißen sein eignes Herz.“ + +Danach war es lange Zeit still im Zimmer. Bojesen hatte nicht vom Boden +aufgeblickt. Gedalja begann wieder. „Ich waaß nit, was de hast gethan un +was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d’rs an an deine Stirn +und deine Augen, daß de willst hoch naus, daß de hast überspannte +Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es giebt im Jüdischen e +Sprichwort un haaßt: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die +Schmue e Ponim. So is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil +afn Schabbes, natürlicherweis. Sei vernünftig! Sei immer bei dir un hab +gut acht auf deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit +hast ausgelöscht ’s Licht; nor die Thoren scheuen den Schlaf beim +Finstern. Bleib’ e gute Jüdin, wenn de aach nit glaubst, denn wir sin e +großes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk d’r was ich hab’ gesagt. Haste +vielleicht was z’essen? Hunger hab’ ich aach. Bin in ganzen Tag +rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.“ + +Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an. +Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er +haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein +Panzer. + +Er irrte lange Zeit durch die Straßen, aß gegen sieben Uhr irgendwo zu +Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor +Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am +gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er +glaubte, diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und +stand vor Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern +wandte. Bojesen lächelte ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine +Zeitlang standen sie Auge in Auge, ohne eine Bewegung. „Wie lange stehen +Sie schon?“ fragte endlich Bojesen mit schlecht verhehltem Spott. Aber +Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die Hand bot und sagte: „Thun +Sie das nicht. Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen, +wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihrer Mutter +sähe? Ich stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine pathetische +Phrase.“ Er schob seinen Arm unter den Bojesens und zog ihn mit sich +fort. + +„Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?“ fragte Bojesen, noch immer +sarkastisch. + +„Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Grad.“ + +„Sie sind Arzt?“ + +„Verzeihen Sie, – ein Wort: kommen Sie eben von ihr?“ + +„Nein.“ + +„Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.“ + +„Ein schöner Beruf.“ + +„J–Ja!“ + +„Aber er macht hart, grausam.“ + +„Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.“ + +„Im Gegenteil –?“ + +„Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühlsnüancen.“ + +„Das sind Worte. Es giebt solche und solche Ärzte.“ + +„Allerdings.“ + +Darauf schwiegen sie. „Verzeihen Sie,“ sagte Nieberding, „darf ich Sie +zu einem Abendessen einladen?“ + +„Danke, ich habe schon gegessen.“ + +„Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.“ + +„Wenn es Ihnen nicht unbequem ist –.“ Nieberdings offene Herzlichkeit +und seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein +wenig. Bald saßen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches +Feuer brannte. Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand +eine nagende Unruhe. Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für +Bojesen war es seltsam zu sehen, wie sie den Bruder küßte, mit einer +verhaltenen und stolzen Leidenschaft, und wieder ging. + +Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: „Was +halten Sie von Jeanette Löwengard?“ + +Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. „Sie ist ein feines Tier,“ sagte +er endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel. + +Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen +wieder. + +„Und Sie,“ fuhr Bojesen fort, „welche Art von Frauen lieben Sie? Sagen +Sie nicht, daß es diese Luisina sei, denn das steht Ihnen fern. Sie +lieben die schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die größer +sind als Sie, die präraphaelitischen Gestalten, hab’ ich nicht recht?“ + +Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu +widersprechen und in seinen Sinnen wurde es ganz dunkel. Bojesens weit +aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen, als was er jetzt +sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung glich der +einer Katze. Er war wie verwandelt. + +Nach einer Weile begann Edward Nieberding: „Etwas muß ich Ihnen noch +sagen. Sie haben beliebt, mich als den Typus des modernen decadenten +Juden hinzustellen. So war es doch, nicht? Ich habe viel darüber +nachgedacht. Wenn etwas daran wahr ist, ist es dies: wir wirklich +modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele +Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem +Geist.“ + +Bojesen sprang mit leidenschaftlich-erregtem Gesicht auf und schlug mit +der platten Hand auf den Tisch. „Zum Teufel, Herr, wiederholen Sie dies! +Wiederholen Sie dies! Das ist es, was _ich_ sagen wollte. Das ist es, +was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum +aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die +Fenster zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Es ist gut, daß Sie +das sagen, der Sie an Leib und Seele schon zu den Toten gehören. Sind +wir nicht ein krankes Geschlecht bis ins Mark? Sehen Sie her (Bojesen +machte eine erschreckende Gebärde), sehen Sie her, was ich bin! Heute +bin ich neunundzwanzig! Was werde ich mit vierzig sein! Geben Sie uns +nur dies geistige Christentum wieder, endlich, das unsere starke, +säftereiche Rasse aufgelöst und vernichtet hat binnen sechzehnhundert +oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den natürlichsten und +erhabensten Vorgang unseres Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen? +Wenn wir in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn Tausende +von wahrhaft großen Weibern auf der Gasse und in Spezialitätentheatern +lungern und eine anämische Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht +hinauskommen über die niedrigen Begriffe von Ehre und Nächstenliebe, +wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik nehmen? Sie, moderner Jude, sind +daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem asketischen Verlangen, der +Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch begehren, der Sie +das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen werden. Ja, ja! +richten Sie nur das neue Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die +Renaissance, von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie +geboren ist! Nur zu!“ + +„Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,“ erwiderte Nieberding +traurig und mit gesenkter Stimme. „Aber das ist ja gleich, wenn Sie es +fühlen. Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklärung hat uns +nur allein die katholische Kirche gegeben.“ + +„Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie +beiseite, samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind traurige Dinge, +zu deren Verteidigung die Poesie nötig ist. Und reden Sie niemals per +‚uns‘, wenn Sie so etwas sagen, denn das ist direkt komisch. Sie sind +ein Emigrant, und es giebt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. +Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht +blind. Hören Sie auf, an das geistige Christentum zu denken. Wir haben +genug an dem greisenhaften Gewimmer dieses Tolstoi da drüben. Sie können +ja schlimmstenfalls in die Gesellschaft für ethische Kultur eintreten, +oder in den christlichen Verein junger Männer. Es ist ein eigenes +Schicksal, daß gerade das Judentum ein Christentum gebären mußte, und +daß die Mutter jetzt absolut zum Kind werden will. Alle Religionen von +dort drüben entbehren der Freude. Wie traurig, daß der menschliche Geist +durch Jahrtausende sein seelisches Heil von Epileptikern empfangen +mußte. Wir wären schon längst zu Grund gerichtet, wenn nicht die großen +Fontänen Shakespeare und Goethe und anderen den trockenen Boden ernährt +hätten. Aber sie waren so hoch, daß ihre Spitzen noch von der +untergegangenen Sonne des Griechentums vergoldet wurden. Und jetzt? +Jetzt sind wir im Begriff, eine Nation von Säufern und Phlegmatikern zu +werden. Ich kann jetzt ganz ruhig darüber reden, ich ärgere mich, daß +ich mich erregt habe. Sie sehen, daß ich nicht etwa so borniert bin, ein +Judenfeind zu sein. Im Gegenteil. Der wirkliche Antisemit müßte ein noch +feurigerer Antichrist sein.“ + +„Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ sagte Nieberding fast verzweifelt, +„das ist alles nicht klar. Es ist so schematisch. Und das Leben ist doch +so vielgestaltig. Sie preisen die Juden, um damit einen Schlag gegen die +Juden führen zu können. Das leuchtet mir sehr ein. Aber haben Sie nicht +einmal gesagt, die Juden trinken nicht? Das ist nicht wahr. Der +russische Jude ist ein großer Trunkenbold und meist ein übler, +verwerflicher Charakter. Die Galizier sind scheußliche Mädchenhändler, +und was sie sonst noch treiben, weiß Gott. Also sittlich und geistig +haben wir nichts voraus. Aber der Jude hat stets am meisten gelitten, +wenn er Stärke und Energie genug besaß, sich aus der Dumpfheit seiner +religiösen Schranken zu heben, wenn er, der ewig Wandernde, Heimatlose, +endlich Dach und Heimat fand. Aber was soll ich da sagen. Man wird so +leicht sentimental. Das alles läuft darauf hinaus, – ach, ich weiß +nicht.“ + +„Ich weiß schon. Daß wir am Ende einer Kulturepoche stehen und niemand +weiß, was werden soll. Unsere ganze Gesellschaft verstopft sich Geist +und Ohren mit Musik. Niemals war ein blödsinniger Musikkultus zu solchen +Ehren gelangt. Die Sonne läuft von Osten nach Westen und die Kultur hat +es stets gethan. Amerika ist das Land der Zukunft. Eine alte Geschichte, +das. Es mutet mich so kindisch an, wenn in Paris die Gräfin Rothschild +ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords öffentlich und +feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten läßt. In Rom +war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine +anständige Decadence inscenieren. Unsere gute Gesellschaft ist +ausschließlich auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und diese +sogenannten heiligsten Güter der Nation u. s. w., dann Socialdemokratie, +Frauenemanzipation, Militarismus, der Kultus mit den Erfindungen, das +alles kommt mir vor wie ein Kindertrompetenkonzert. Letzte Zuckungen. In +ein paar Jahrzehnten fallen die morschen Dielen unseres +Kinderspielzimmers auseinander, und es wird uns grausen. Haben Sie noch +ein Glas Wein? – Danke. + +„Es kann gar nicht geleugnet werden, daß wir viel schneller dem Abgrund +zurutschen, seit die Juden emanzipiert sind, wie das schöne Wort nun +einmal heißt. Ach bitte, lassen Sie mich reden, ich bin einmal so schön +drin. Nehmen Sie an, daß ich mich betäuben will. Die Juden sind bis zu +dem Punkt ungefährlich, als sie nicht an der Kultur eines Volkes +teilnehmen. Sobald das kommt, sind alle prägnanten Linien verwischt, das +Bild wird unruhig, die Gärung beginnt. Es ist, als ob diese Nation eine +Art giftiger Sauerteig wäre. Nun, ich kenne so viele gebildete Juden, +wahrhaft gebildete Menschen, Künstler oder Männer der Wissenschaft oder +auch Kaufleute, aber ich muß sagen, so sympathisch und lieb mir die +meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen +Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin +das besteht, ist mir wahrhaftig ein Rätsel. Aber da sind die +Wohlthätigen. Sie sind mir in tiefster Seele verhaßt. Es ist, als hätten +sie eine Firmentafel auf der Stirn: Salomon Bär, Wohlthäter. Da sind die +Künstler: bedeutende Menschen oft, aber seelisch gänzlich verwachsen, +Krüppel. Oder ihre Künstlerschaft ist so aufdringlich, verbreitet +förmlich einen penetranten Geruch. Da haben Sie die Frauen, guter Gott, +welch ein Thema! Ein Buch! Das ist auserwählter Morast.“ + +Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in +ihre Gläser. Dann begann Bojesen von neuem: + +„Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken +eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal +ein großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist +selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste +Menschenexemplar ist, das man finden kann, um und um. Alle reinen +Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen, +ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die die Nation je +besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz, alles +und alles, ausgenommen den Humor. In seinem Kopf sitzen ein paar Augen +voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen Sinn, +feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite +hin borniert, – kurz, wundervoll.“ + +Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an +einem Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene +Achse, wobei die Kettchen klapperten. „Es ist sonderbar,“ sagte er, „wie +alles, auch das Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es +mit dem eigentlichen Sinn des Lebens vergleicht.“ + +„Ja, aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht, +wie der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er für einen Zweck +habe, da er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine +Verdichtungsmaschine, sagte er pathetisch.“ + +„Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche +betrachtet. Das ist ja trivial. Aber daß wir hier sitzen und uns über +Christentum und Judentum echauffieren, ist auch trivial. Symbol, Symbol, +alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie +bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand +überschreiten darf. Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf +eine Kerze und plötzlich, der Fakir selbst steht am andern Ende des +Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne daß jemand daran gerührt. Nun +ist aber das Seltsame, sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie +überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden. Das enthält für mich +ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.“ + +„Hm,“ machte Bojesen. „Hm. – Wer singt denn da?“ + +„Meine Schwester.“ + +„Sie singt sehr schön.“ + +„Ja, dabei wird sie lebendig. Sie sollten sie sehen dabei.“ + +„Ich muß gehn,“ sagte Bojesen, „es ist spät.“ + +„Wieviel –?“ + +„Zwölf.“ + +„Schon! Darf ich Sie begleiten?“ + +Bojesen sah rasch auf, lächelte flüchtig ironisch, da aber Nieberding +ernst und unbefangen blieb, sagte er: „Gewiß, wenn es Ihnen Spaß macht.“ + +Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen +lichtlos und still. Nieberding murmelte: + + „Mühsam ist der Pfad und lang, + Und kein fetter Pfaffe schreit + Ein versöhnliches Gebenedeit, + Wenn dein Fuß im Dunkel vorwärts drang.“ + +„Von wem ist das?“ fragte Bojesen. + +„Von Gudstikker. Es sind wunderschöne Verse, die ich gelesen habe. Ich +muß ihn aufsuchen, muß ihn sehen, mit ihm sprechen.“ + +„Was sehen Sie denn da?“ + +„O, ein großes Talent.“ + +„Kein Charakter, doch ein Genie,“ sagte Bojesen bitter. + +„Was meinen Sie damit?“ + +„Nun, dieses große Talent, – ich kenne es genau und schon lange. Er ist +ein kleiner, niedriger Schleicher, eine Intrigantenseele, ein +verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die Kunst eines +solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick +noch so sehr blendet.“ + +Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt +hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein +beunruhigtes und mißtrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet, +selten begegnete ihnen ein Mensch. In den Wirtschaften war es still. Die +Polizisten an den Straßenecken regten sich nicht. Der Turm einer Kirche +erhob sich plötzlich auf einem Platz und dann gab dies der ganzen +Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, daß Bojesen glaubte, +mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Aber es ist +bisweilen nicht unser leibliches Ohr, das hört, sondern ein innerliches, +der Vergangenheit zulauschendes. Zwischen zwei Häusern der breiten +Königsstraße ist ein Ausblick hügelabwärts auf den Weg und die Wiesen, +und daneben steht ein Gasthaus. Es heißt vielleicht: zur Krone. Durch +die grünverhängten Fenster drang nun trotz der späten Stunde die +Fistelstimme einer Soubrette, die irgend ein lascives Lied mit +entschiedener Betonung einzelner Wichtigkeiten zum Besten gab. Die +Stimme war so, daß man die Haltung des Körpers danach beurteilen konnte; +ja, man glaubte die stereotyp lächelnden Lippen und die gezierten Gesten +zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und der +Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an +den Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte. +Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort. + +Bald zeigte sich der viereckige und so charakteristische Rathausturm. +Ein Symbol des Spießbürgertums, dachte Bojesen. Er betrat die +Rosengasse, und sah das jüdische Waisenhaus vor sich liegen. Auf einmal +sah er eine Schar von Knaben, zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben auf der +Straße stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos +ordnen und dann ebenso geheimnißvoll die Straße hinaufmarschieren. Sie +trugen die schwarze Mütze mit dem Lederschirm, bis auf zwei, die an der +Spitze gingen. In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer. +Hintennach trippelte ein komisches kleines Kerlchen, das bisweilen +weinerlich seufzte, wenn es ihm zu schnell ging. + +Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu +folgen. Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon +kurzweg anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen +Gassen des Altstadtviertels, durch den Schießanger und Bojesen wurde so +begierig, zu erfahren, was all dies bedeute, daß er seine Vorsicht +vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte. Einige standen still und +wandten sich ihm zu. Agathon kam, stutzte, erkannte ihn, ließ den Kopf +sinken und schwieg. Da außen war es heller. Der Himmel schien von einem +gutverborgenen und weit entfernten Licht innerlich erleuchtet, und +Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen. + +„Thun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!“ sagte Agathon endlich +flehend. + +„Was geschieht hier, Agathon?“ fragte Bojesen, und er war seltsam +bewegt, aus einem Grund, der ihm noch viel zu denken gab. Er war matt +und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber. + +„Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,“ entgegnete Agathon und heftete den +Blick fest in den des Lehrers. „Diese alle sind sehr unglückliche, +verlassene Knaben. Sie gehen mit mir und ehe es Tag wird, kehren sie +zurück.“ + +„Und wenn es entdeckt wird –?“ + +Agathon lächelte so, daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er nickte ihm +flüchtig zu und machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal +umzudrehen. „Wie romantisch,“ murmelte er und suchte sich über das alles +zu stellen; aber sein Herz war beklommen und in einer feierlichen +Stimmung, die seiner Natur sonst fremd war, kam er nach Hause. + +Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von +ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein +Vertrauen zu ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen +ließ. Agathon ging langsam, mit insichgekehrtem Blick; seine Kleider +waren etwas beschmutzt. Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch +gespannten Erwartung, eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht +erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken. + +Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat, +die aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruß nicht. Auf ihrem +Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit, +ja Verzweiflung, daß Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins +Haus ging und am Wohnzimmer pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte +den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf den Diwan, +wo Monika lag. Agathon ging auf den Fußspitzen hin und sah sie. Sie +schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die geschlossenen Lider +und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Thränen. Der +Körper war in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine weit nach +rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters +eingekrampft, die Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie +ein Stich von der Stirn bis zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken +waren es, sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde, +diese offenbar so sehr heißen Lippen zu küssen. Und dann im Nu verlangte +seine Phantasie mehr, etwas, das wie ein schwüles Rätsel vor ihm +aufstieg. Die wogende Brust des jungen Mädchen, die offene und +leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos einer Wucht von Träumen +überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden +Zähnen, – das ließ Agathon schaudern, und er verdeckte die Augen mit der +Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte schwer, +streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther +und ging. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie verblasen. +Er ging heim, und da dunkelte es schon, und er war so erregt, daß er wie +blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den +Corridor kam, um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die +Magd unter ihrer Thüre. Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam +wartend vor dem düstern Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches +Lächeln umspielte ihre dicken, feuchten Lippen und Agathon starrte sie +furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er niemals entrinnen konnte. Sie +sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand, und er +fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen +Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert. +Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich +machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche +Treppe hinab. + +Die Finsternis des Hofes empfing ihn, – es wurde ihm zu eng da. Er ging +hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof heimwärts und wußte +nicht, wieviel Zeit verronnen war, als er wieder vor Olifats Haus stand +und hinaufschaute. Da öffnete sich jedoch die Gartenthür; Monikas +Gesicht schaute heraus. Sie blickte hinauf und hinunter, und als sie +keine Menschenseele gewahrte, kam sie schnell auf Agathon zu, stockte, +machte wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder, +umklammerte fest Agathons Kniee und begann in einer klagenden und +kummervollen Weise zu schluchzen. + +Agathon wurde bis in die Lippen bleich. „Was ist denn nur!“ stammelte +er. Aber nichts antwortete ihm, und er sah Monikas Schultern beständig +zucken, und ihr Weinen wurde immer verstörter, fassungsloser. Es schien +aus einer Tiefe zu kommen, wohin sonst nicht leicht ein menschlicher +Schmerz gelangt. Es klang dumpf und erstickt. Agathon wollte sie +emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz +unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen +und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und +Schuldiges war und der von einer andern zu kommen schien, als jener +Monika, die Agathon bisher gekannt. Er wagte nichts zu sagen. + +„Ach, Agathon,“ flüsterte endlich Monika mit einer gleichsam +weitentfernten Stimme, „dich hab’ ich erwartet, so lange, so lange. +Denke nicht schlecht von mir, bitte dich, thu’s nicht. Höre mich immer +an, wenn du kannst und verstoße mich nicht. Es hat Gott gewollt, daß ich +hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon!“ Und sie blickte +mit dem Ausdruck einer vollkommen tierischen Verzweiflung in sein +Gesicht. Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf, wie sie oft in +einer finstern Landschaft kommt, wenn uns vor einem unsichtbaren +Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus irgend einem Grunde +erschien sie ihm niedrig, und wenn er später über diese Stunde +nachdachte, verlor er sich in Staunen über jenes zweite Selbst, das mit +uns herumzugehen scheint und einen prophetischen Geist und eine viel +tiefere, wenn auch flüchtige Einsicht in die Dinge zu haben scheint, als +unser unmittelbares Ich. + +Er drückte ihr unentschlossen die Hand und sagte beklommen gute Nacht. +Kaum war er fort, so bereute er tief, was er gethan, doch die Stimme des +Lämelche Erdmann schreckte ihn empor aus seinem Brüten. Lämelche Erdmann +stand vor dem Wirtshaus, focht ratlos mit den Armen durch die Luft, und +schrie Agathon zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte: + +„He! Agathon! schnell! Dei Vatter, dei Vatter! Schlemassel, +Schlemassel!“ + + + Zwölftes Kapitel + +Links in dem dumpferhellten Vorflur der Schenke, die Agathon betrat, +standen drei Stühle, und auf jedem saß mit aufgerissenen Augen einer von +den jüdischen Händlern, die um diese Zeit zu einem Glas zu gehen +pflegten. Sie starrten nach der Thüre des Wirtszimmers, auf welche mit +plumpen, schwarzen Lettern: Gastlokal gemalt war. Doch drinnen war es +ruhig. Im Flur stand außerdem noch eine dicke, alte Magd mit +schwimmenden, kleinen Augen, ein Bauer Jochen Gensfleisch, ein anderer +Bauer Jochen Wässerlein, Lämelche Erdmann, Pavlovsky, wie immer +schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen +Widersetzlichen sofort zu zermalmen, der Wirt selbst mit einem Gesicht, +wie es alte Komödianten haben, und außerdem Doktor Schreigemut, +wohlwollend und zugleich besorgt lächelnd. + +Folgendes war geschehen. + +Nachdem Jochen Gensfleisch gekommen war, setzte er sich an den Ofen zur +schnurrenden Katze, stopfte seine Pfeife und begann mit dem Wirt ein +Gespräch: + +„Schwere Zeiten, Martin, schwere Zeiten.“ + +„Jaa.“ + +„’s Geld is rar und was der Jüd is, dou haaßts, mer nemma die Bauern die +Schlappen, deï kenna barfes laafen.“ + +„No, no, Jochen; fangst öitz schon wieder oo zon schimpfen. Ge zou, halt +dei Maul.“ + +„Naa, Martin, mei Maul halt i niet, mei Maul hot kan Balken. I ho +fufzehundert Märkli verlorn dei den Saujuden. Dou mouß ma si abrackern +und Blout schwitzen fer die Saujuden. Naa, Martin, mir kummst grod +reecht. Mei Maul halt i niet. Naa, Martin, naa.“ + +„No ja, öitz sei nor still, mer mou si ja schäma.“ + +Indes kamen Jochen Wässerlein und sein Großknecht, dann der Schmied. Und +hintennach trippelte Lämelche Erdmann. Die drei Händler: David +Krailsheimer, Bärmann Schrot und Max Lippmann saßen eifrig plaudernd in +der andern Ecke. + +„Lämelche!“ schrie der Schmied, „dou kummst her.“ + +„Gimm an a Gackala[1], Martin, daß er kan Rausch kreïgt,“ höhnte der +Großknecht. + +[1] Ei. + +„Dou steigst afn Schemel, Erdmännla, oder i zeïg di bei dein Krägala +nauf.“ + +Lämelche sah alle der Reihe nach ängstlich an, lächelte blöd und +versuchte auf den Stuhl zu steigen. Jochen Gensfleisch gab ihm einen +Stoß auf den Rücken, und mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es +dem kleinen Mann, den Stuhl zu erklimmen. + +„Öitz packst die Katz bein Schwanz,“ gebot der Schmied. + +„Aber glei, sunst gitts a Tracht,“ setzte Jochen Gensfleisch hinzu und +schmunzelte. + +Lämelche blickte schaudernd auf den schnurrenden Kater und rieb die +Finger aneinander. + +„Obst glei die Katz packst –!“ + +„Dees es d’r überhaupt a Schiekleter[2], der hots dick hinter die Ohren. +I glaab alleweil, do is nit ganz sauber in der Gschicht mit ’n Sürich +Sperling. Alli Tag und alli Tag is er dreïbnghockt.“ + +[2] Schielender. + +„Erdmännla, hast’n Sürich Sperling derstochn? Wennst es nit hast, no +konst aa die Katz bein Schwanz packen.“ + +Lämelche blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er +einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem +Bogen aus. Ja, er schloß sogar die Augen, und wenn die Katzen des Nachts +vor seinem Hause schrieen, verstopfte er sich die Ohren und lag dennnoch +in unbeschreiblicher Furcht in seinem Bett. + +Die drei Juden im andern Winkel hatten davon gesprochen, wie Isidor +Rosenau, der doch Vermögen und ein gutes Einkommen habe, am besten zu +verschadchene, zu verheiraten sei. David Krailsheimer, der berühmteste +und geschickteste Schadchen in der Gegend, machte entsprechende +Vorschläge. + +„Jou, kaane isn recht,“ schimpfte er. „Er will Geld, Geld. Er nemmt vom +Misbeach. Viermal bin ich hiegeloffen wegn der Rahel Rosenstein ... No, +Isidor, nix mitn Schiddich? Wie viel hat se? sagt er. Dreißig Mill, sag +ich. Verzig kann ich verlange, ich maan, verzig is nit zoviel, sagt er. +Wie haißt verzig, sag ich, sie is a scheens Madla. Was thu’ ich mit der +Schönheit, sagt er, fer die Schönheit kann ich mer kaafen, waaßt was? an +Hutzelstiel. Etz waaßt es. No, sie is brav, sag ich. Ich pfeif d’r auf +die Bravheit, sagt er. Wenn se hat verzig Mill, braucht se nit zu sein +brav. No, was sagst de daderzu? Is es nit himmelschreiend? Geh ich noch +amal zon alten Rosenstein. No, sagt er, will ich geben fünfunddreißig, +kaan Heller mehr. Püh, wie haißt, sagt der Isidor, wenn ihm nit wert es +der Name Rosenau fünf Mill, soll er aach behalten sei Tochter. Soll se +eimachen, süß oder sauer. No, was sagste daderzu! Chuzpe vorn Dohle!“ + +„E Beheeme,“ pflichtete Lippmann bei. + +„Hillels Geduld ghert derzu, wahrhaftik,“ konstatierte Bärmann Schrot. + +„No, was is dermehr mitn?“ begann David Krailsheimer wieder mit seiner +Fistelstimme und grinste (dieses Grinsen hatte nicht einmal den Anschein +eines Lachens). „Was is dermehr? Wenn er so alt wird wie Mesuschelach, +ich laaf nemmer nachra Fraa fer’n. Lehachlesponim! – Da sich! ’s +Erdmännla! – Also, wie gsagt, ich bin joze. Der Silbermann in Ferth is +aach a ganz gute Partie fer die Rosensteini.“ + +„Jou! Chalomes mit Backfisch! Der Silbermann is e Phantast. Red in aaner +Tour von Neigung. Wenn ka Neigung do is, is ka Massel do, sagt er. A +Narr!“ + +„Bei den haaßts aach: viel Schmerchel, weng Serchel, – wenn mern sicht, +lacht er!“ bemerkte Max Lippmann, um gleich darauf die andern anzustoßen +und sie auf Lämelche Erdmann aufmerksam zu machen. Sie drehten sich um, +hörten die letzten Worte des Schmieds, wurden blaß und stierten halb +furchtsam, halb entrüstet hinüber. Martin Ambrunn war betreten, suchte +sich ins Mittel zu legen, aber der Schmied blinzelte ihm bedeutungsvoll +zu und so nahm die Scene ihren Fortgang. Doktor Schreigemut und der +Apotheker betraten den Raum und lachten, als sie sahen, wie Jochen +Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelche Erdmann um den +Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht, +das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas, +das jenseits aller menschlichen Empfindungen liegt. Das Tier, das nicht +scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr +behaglich fort zu schnurren. + +Jetzt erhoben sich die drei im Winkel, ihre Bierkrüge in der Faust als +Waffe, begannen ein Geschrei, als ob dem Lämelche mit Schreien geholfen +wäre, aber näher als auf vier Schritte kamen sie nicht an den Tisch der +Bauern heran, – bis der Schmied einen zinnernen Teller ergriff, worin +sich zwei Wecken befanden, und ihn dem Bärmann Schrot so heftig an die +Nase warf, daß dieser Körperteil sofort blutete und sein Besitzer in ein +Hilfegeschrei ausbrach. Die andern zwei, insonderheit der rotbärtige +Krailsheimer, hatten beständig hinter dem breiten Rücken des Schrot +Deckung gesucht, jetzt sahen sie sich schutzlos. Die Bauern brüllten, +der Schmied brüllte, der Wirt brüllte als Vermittler, die Magd jammerte, +der Doktor blickte besorgt um sich, der Apotheker hielt dem Schrot ein +blaues Tuch vor die Nase, die zwei Händler thaten ihr bestes, um den +Lärm zu vermehren, die Katze sprang mit einem Satz auf den Ofen, ein +kleiner Junge lief fort, den Gendarm zu holen, und mitten in dem +unsinnigen Lärm und Getöse ging die Thüre auf und Elkan Geyer kam +herein. + +Sein Erscheinen bewirkte eine augenblickliche, totenhafte Stille, denn +alle zusammen hatten den Blick auf ihn geheftet, als die Thür +aufgegangen war. Er war vollständig, von oben bis unten, Kopf, Gesicht +und Hände und Kleider, mit Kot bedeckt, was um so merkwürdiger war, als +die Landschaft voll Schnee und alles im Umkreis gefroren war. Seine +Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die +Augenbrauen herab, und den Hut schien er irgendwo verloren zu haben. +Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen +Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war +nicht geschlossen. Sobald er eingetreten war, machte er eine +weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden +Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen die +Schultern. + +„Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?“ raunte ihm Krailsheimer zu. +„Biste schikker?“ + +Elkan schüttelte den Kopf. „Lämelche, komm her zu mir,“ lallte er. „Bist +du nicht jeden Tag in der Woch beim Sürich Sperling gewesen?“ + +„Nein, nein,“ wehrte sich Lämelche Erdmann mit gilfender Stimme, „weißt +denn nicht, Elkanleben, Schoode, der de bist, weißt denn nicht, daß +meine Schwester oben wohnt im Dachstübche?“ + +„Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,“ sagte Elkan langsam, legte die +Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt +hatten, mit leerem Ausdruck an. „Ich war bei ihm in der Nacht,“ murmelte +er, dicht an den Apotheker herantretend. „Und wie alles still war, rief +er nimmer nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, sondern fing an, +im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie +lächelten.“ + +„Ruf mir meinen Sohn, Krailsheimer!“ schrie er plötzlich, streckte beide +Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie +ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck +und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. +Pavlovsky kam, von dem Müllerburschen begleitet, Lämelche lief fort, um +Agathon zu holen, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur +und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand +berühren ließ. + +Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim +Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: „Aga, ich will dir was +sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling +umgebracht. Bin ich herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und +hab’s auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil meine +schuldige Hand befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt +und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte +mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch, +daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen +Wasser ist durchgebrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was +schaust so? Gell, ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer, +daß sie mich heimtragen.“ + +Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach +Haus gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte, +die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und +mehr. Er fühlte sich wie zerrissen. Und während der nächsten Stunden kam +ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist, +in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war nicht mehr jung; eine +Einsicht, eine Inspiration, hatte seine Jahre weit überflogen. Er hatte +eine That begangen, für die andere sühnen und leiden müssen. Er jedoch +hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm damit +geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er +war sehend geworden durch diese That und alles um ihn herum, Menschen +und Dinge und Fügungen, hatten förmlich einen Bund geschlossen, ihn zu +schützen. Er hatte sich keiner irdischen Obrigkeit unterworfen gefühlt, +doch auch keiner von jenen göttlichen Mächten, die er bisher verehrt. +Eine Stimme in ihm, die ihm aber fremd war und ihn schaudern ließ, so +oft er sie vernahm, rief ihn zu etwas ganz Neuem. Und er wußte jetzt, +worin dies Neue bestand! + +Daheim waren überall bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kinder +waren nicht zu Bett. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf +dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze +stand auf dem Kommode-Eck in einem dicht mit Grünspan überzogenen +Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen. Die +schweren Sorgen um das Brot waren nicht nur auf den Stirnen zu lesen, +sondern auch auf Tellern und in Schränken. Joelsohn war auch wieder da. +Agathon ging dem finstern, schleichenden Beter aus dem Weg. + +Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief er den bleich, mit +geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem +entsetzten Starrblick. Eine tiefe Furche lief auf beiden Seiten seines +Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerte an die übertriebenen +Falten eines grotesken Schnitzwerks. + +Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige +Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war ganz finster. +Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster +sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen +Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in +zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er +näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den +Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch +die verschränkten Arme. Vor ihr saß Joelsohn mit seinem Asketengesicht, +den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den gebogenen, hageren +Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab +schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit +seinesgleichen zusammen, um darin alles zu verscharren, was frei und +schön ist, seit Jahrtausenden. Und da saß er und murmelte das +Schemenesre: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o +Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben. + +„Vater!“ flüsterte Agathon leidenschaftlich. „Vater, hör mich an.“ + +„Licht, Licht!“ erwiderte Elkan dumpf. + +„Ich hab keine Streichhölzer da. Hör nur erst. Es ist nicht wahr, daß du +Sürich Sperling getötet hast. Ich hab’s gethan.“ + +„Nein, Aga, du willst eine Wohlthat an mir thun, aber es ist umsonst.“ + +„Weißt du denn noch genau, wie es war? Bist du ins Haus und hast es +gethan, während er schlief?“ + +„So war’s. Oft wenn er hereinkam ins Haus, hab ich ihm das böseste +gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knieen +vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein +Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Seine Augen leuchteten vor +Haß; etwas Überirdisches von Haß und Vernichtungsfreude lag darin. Wie +ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir, +wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis die Nacht +kam, wo ich mich hinlegte zum Schlafen. Aber ich schlief nicht, sondern +ging hin ...“ + +„Es war ein Traum, Vater!“ rief Agathon und preßte seine Finger um den +Arm Elkans. + +„Erst hab ich’s auch gedacht, aber wenn man solche Dinge durchmacht, +giebt es solche Träume. Aber an einem Tag, es war, wie deine Mutter so +wunderbar gesund wurde, an diesem Tage fiel’s auf mich herunter wie +Centnerlast: Ich hab’s gethan. Wenn sich auch die ganze Seele in mir +dagegen aufbäumt, so ist die That doch da wie schwarzes Gewand, wie die +Finsternis selber.“ + +„Es war ein Traum, Vater,“ begann Agathon mit seltsamer Freudigkeit und +jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. „Ich war es, ich hab +es gethan. Das weiß ich und kann es verantworten. Ich bin kein Jude mehr +und auch kein Christ mehr und ich habe nicht euer Schuldfühlen in mir. +So ist meine That über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von +deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer +und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich +heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was +bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für die +künftige Arbeit. Ich weiß, daß mir genau so ist, als ob mit Sürich +Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht +nur der christliche Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und +Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch. +Vielleicht hab auch ich nicht die That begangen, sondern der neue, +fremde Geist, der jetzt kommt, – ach, mir schwindelt, ich kann gar nicht +weiter denken.“ + +Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er +seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er +plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach +Licht. + +In stetem, ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und +gleißend im Lichtstrom eines Fensters. Am Abend noch wanderte Agathon +umher und sah Gudstikker von ferne. Doch in weitem Bogen wich er ihm +aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Stefan Gudstikker, der zu den +Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das +Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in +Streit gelegen, heimzugehen und dem andern einen langen Brief zu +schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen +auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – große Worte, +Verlegenheitsworte. Er liebte die melancholischen und resignierten Töne, +prahlte gern vor Unkundigen, sagte die Pläne zu seinen Arbeiten +jedermann in überschwenglichen Phrasen voraus, indem er ihn in eine +abgelegene Kneipe zog, schimpfte über alles Große und Anerkannte, +erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder, +wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem +hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch +neben all diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen +hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große +zu verstehen und sich ihm hinzugeben. + +Als Agathon am Haus der Estrichs vorbeiging, sah er einen helleren +Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Drinnen erblickte er +ein Bild voll Frieden. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke und seine +Spitze bog sich unter der Decke. Käthe saß am Klavier in einem alten, +blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer +schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie +wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre +sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und der Alte sah aus, als ob +er heute sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte +sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos +ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing es wie eine Fülle feinen +Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis +brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über +Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des +Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt. Da das Dorf im Thal liegt, sah er +nur den Turm; er schien auf den Feldern der Nähe zu stehen und zeichnete +sich schroff und rätselhaft klar gegen den Himmel ab. + +Hier traf er nun doch auf einmal Stefan Gudstikker, der wie aus der Erde +emportauchte. + +„Wo kommen Sie denn her?“ fragte Agathon. + +„Von Nürnberg,“ erwiderte Gudstikker unwirsch. + +Agathon wußte, daß er log und fragte sich vergeblich nach dem Grund der +Lüge. + +„Man läßt mir keinen Frieden,“ polterte Gudstikker. „Gesellschaften, +Huldigungen, Damen, Stammbuchverse, zum Teufel damit.“ + +„Und was machen Sie sonst?“ fragte Agathon unmutig. + +„Ich? Ich versumpfe. Ich sterbe in Caféchantant-Luft mit angehenden +Genies, wie Sie. Ja, Sie sind auch so einer, so ein Weltverbesserer. +Himmlischer Himmel, welch ein Quark! Das Leben ist rauh und nüchtern +geworden und die Paulusse werden verlacht. Prophet sein, ja, gut, ich +habe nichts dagegen, wenn ihr euch auf betrunkene Hausierer und reiche +Morphinistinnen beschränkt. Im übrigen: es lebe der Storch und die +Gemütlichkeit.“ + +„Sie sind sonderbar,“ sagte Agathon zerstreut. + +„Ich will Ihnen etwas sagen, das sollten Sie sich merken,“ fuhr +Gudstikker fort, „unserm Leben fehlt der Erdgeruch. Das ist es, was wir +brauchen. Und nun leben Sie wohl. Ich muß der Sippschaft da drinnen die +üblichen Geschenke bringen.“ Gudstikkers feines Seelenleben pflegte sich +oft in Geschmacklosigkeiten zu manifestieren. + +Agathon hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ihn ernst, ob er nicht +wisse, was mit Monika Olifat vorgegangen sei. + +„Ich?“ machte Gudstikker. „Vorgegangen? Nein, ich weiß nichts, auf Ehre +nichts!“ Und er legte die Hand auf die Brust. Dann ging er, nickend, den +Hutrand berührend. + +Agathon ging in Olifats Garten und starrte zu den Fenstern empor. Die +Gardinen hingen unbeweglich hinter den Scheiben, und kein Schatten glitt +an ihnen vorbei. Agathon ging hinauf. Frau Olifat lag auf dem Diwan und +las in einem abgegriffenen Band. Sie war eine unansehnliche Dame, die +beständig etwas einfältig lächelte und es liebte, von ihrer großen +Vergangenheit zu erzählen. Sie war schwach und von einem falschen Gefühl +der Noblesse bis ins Lächerliche durchdrungen. Als Agathon kam, spielte +Monika mit ihrer kleinen Schwester Ball. Das Kind war voll Begeisterung +dabei. Sein goldblondes Haar fiel zu beiden Seiten des Halses bis auf +die Brust und bei jeder Bewegung flogen die Haare über Stirn und Wangen. +Monika saß auf einem niederen Schemel und fing den Ball oder warf ihn +fort, ohne die Richtung ihres Blicks zu ändern. Und wenn ihr der Ball +entwischte, ließ sie Esther danach suchen. + +Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf +in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die +weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der +Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß, +und den sie bei jeder Bewegung fast mechanisch zurückschob. Jede +Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den +Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die +Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich +vorbeisausen. Esther konnte dann gar nicht begreifen, wie man so dumm +sein konnte. Nachher kam ein anderes Spiel, das Agathon noch nie gesehen +hatte. Monika setzte sich dazu ganz auf die Erde und legte zwanzig +Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen +die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, umsomehr, als Monika dabei +fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; und ihr Lächeln +hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen. + +„Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?“ fragte Agathon, +eigentümlich bewegt. + +Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie: +„Also jetzt, wenn du den Buben erwischst, darfst du mich schlagen, +Esther.“ + +„Fest?“ + +„Fest schlagen, ja. So fest du willst.“ + +„Den Herzbuben?“ + +„Ja.“ Monika legte sich nun mit dem ganzen Körper auf die Dielen, +streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen. + +„Du bist unanständig, _ma fille_,“ sagte ihre Mutter flötend. „_Il faut +avoir plus de dignité chez ce jeune homme._“ Es gab nichts Komischeres, +als die Gravität, womit sie ihr merkwürdiges Französisch sprach. + +Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen +Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und +löschte das Licht aus. Eine kurze Zeit lang standen sie unschlüssig im +Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander +sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Als Agathon an der +Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die +Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände +nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen +hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen +drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie +weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich. + +Dann stand Agathon vor dem Gartenthor und träumte, sah über das weite, +nachtdunkle, schneeblaue Land, und nun fühlte er, wie sehr er dies Land +liebte, das ihm Heimat war und ihm so vertraut war in jedem +Tannengehölz, in jeder Hecke. + +Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste +Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der +Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um +die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er +lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde, +böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer +wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des +Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als +ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen +dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den +Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun +sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig +über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am +Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten +Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in +Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen, +kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine +Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher +Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel. +„Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in +philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer +Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“ +Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans +Ohr legte und sprang davon. + +Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die +Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die +Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau +Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen. +Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen +und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen +konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine +Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau +Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am +Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten. + +„Heute schon?“ fragte Agathon. + +„Ja, heute.“ + +„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“ + +Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar. + +„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du +vermagst.“ + +„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“ + +„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in +jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als +glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war +göttlich von dir, Sema.“ + +„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr, +Agathon.“ + +„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der +zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in +mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und +niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du +dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen +ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all +die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“ + +Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die +Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“ + +„Wie?“ + +„Das Kind des Königs, sagt sie.“ + +„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“ + +Sema nickte stumm. + +Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung +mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach +einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis, +Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen +steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was +soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und +Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er +es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die +Hochs und die Hurras.“ + +„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem +Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser +Frau. + +„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in +meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr, +wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein +königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich +bin.“ + +„Aber wie ist er so, als Mensch?“ + +„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon, +und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen. +Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“ + +„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“ + +„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht +fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe +manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm +aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte +ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er +ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er +ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist +zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie +er will. Sie lassen’s nicht zu.“ + +Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als +sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort, +Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein +wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf. +Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit +roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten +gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden +zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten, +aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich +eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger +Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne. + +Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als +Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch +der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen +Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig +Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das +Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art +eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug +in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee +gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand +zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr, +klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete +zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine +Mutter. + +Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der +andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus +zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den +Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter +waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu +kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit +zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr +als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert +hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des +Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer +auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk, +voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der +alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren +zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde +Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder +Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch +diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose, +von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch +erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens +zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um +sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu +schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in +seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum +Mysterium geworden ist. + +Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner +Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie +sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes +nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle, +da der Vater so krank sei. + +Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein +Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er +ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde. +Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, +sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein +Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die +Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein. + + + Dreizehntes Kapitel + +An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der +sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener +gleichgültigen Vernachlässigung des äußeren Menschen, die sich bis zum +Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und +Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst ganz +geringfügige Menschen zu grüßen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in +den Läden nach dem Preis der Waren fragt, – kurz, in all jenen Dingen, +die so tief gehen, wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als +das offene Geständnis der Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände +ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte, und wenn es zuhause +kalt ist, träumt man lange und hingebend den Traum vom offenen +Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, und man giebt sich dann gern den +Anschein, in alle Tiefen der Metaphysik versunken zu sein. + +Er war verlassen, und er überredete sich, daß er in seiner Einsamkeit +glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen, +die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast +war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die +eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus, die vorbeisausenden Züge der +Ludwigsbahn, Menschen, Hunde und Karossen, alles hatte sich verändert, +hatte in seinen Augen gleichsam etwas Ephemeres erhalten und schien +schon allein durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die sie +umfangen hielt, verächtlich. Oft wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern +fuhr, daß es schien, als koche die ganze Atmosphäre, kam sich Bojesen +als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum, das sich im +Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener +geschickten Dame, die unsere Lebensfäden so kühn und unberechenbar +ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor +seinem Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die +Bücher im Regal, – sie hatten etwas Komisches für ihn. + +Um etwas zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die +zwei Söhne des Witwers Salomon Hecht zum Privatunterricht zu bekommen. +Salomon Hecht setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte +Gespräche zu führen. Ja, er überfiel den Armen oft auf öffentlichen +Plätzen, in der Trambahn damit, wobei er so laut schrie in seinem +abscheulichen Jargon, daß es möglichst viele Passanten hören konnten. +Sie sollten nämlich hören, die Passanten, und es weitersagen, daß er, +Salomon Hecht, ein entschiedener Materialist sei, – zunächst. Ferner ein +Freidenker, ein Freigeist, ein Atheist, der jetzt einen +„Freidenkerverein“ ins Leben zu rufen beabsichtige. Denn nichts erschien +Salomon Hecht als ein so erhabenes geistiges Prestige, als das, ein +Atheist zu sein. Er fand es edel und vollkommen; jeder Atheist war +gleichsam _a priori_ sein Freund; er suchte Korpsgeist unter die +Atheisten zu bringen und sie zu organisieren. + +In diesen Tagen hörte Bojesen, Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht, +und dieses Buch habe großes Aufsehen gemacht. Er unterwerfe darin das +Militärwesen einer bitteren und vernichtenden Satire, und die Leiden +seines Helden, eines tragisch endenden Offiziers, seien „erschütternd +treu“ und „realistisch fein“ und „psychologisch tief“ geschildert. Die +Zeitungen bemächtigten sich der Sache und machten sie in dieser oder +jener Weise zu der ihren, d. h. sie modelten solange daran herum, bis +sie mit Not ein grelles, politisches Kleid bekam. Er bat Salomon Hecht, +ihm das Buch zu borgen. Herr Hecht hatte die Ränder des Buches dazu +benutzt, um seinen Bleistift in kritischen und philosophischen +Aphorismen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich Bojesen lange Zeit +nicht entschließen, den Roman zu lesen, denn wenn er ein solches Buch +zur Hand nahm, hatte er dasselbe Gefühl, als solle er sich in ein Bett +legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schließlich las er es +doch, und er fand viel Virtuosität der Schilderung darin, viel +Seiltänzerkunst, viel blendendes Detail, viel Flittertand in Attributen; +denn mit den heutigen Fachlitteraten ist es so, daß ihnen ein gutes +Attribut mehr gilt, als ein guter Gedanke. Und was die realistischen +Feinheiten betrifft, so muß es zutreffen, daß vieles zu fein sein mag, +um haltbar zu sein und vieles zu wahr, um Kunst zu sein. Bojesen sah, +daß viel Wollen in diesem Buch steckte, das nicht zur Kraft entwickelt +war und mehr solches, das erheuchelt war; er beobachtete darin jenes +wunderbare Spielen mit der Natürlichkeit, jene leicht überspannte +kokette Romantik der Gefühle, die so gefährlich ist, als sie realistisch +scheint. Doch dachte er an all dies nicht mehr einen Tag später, denn +viel bedeutsamere Dinge drängten sich vor ihn hin. + +Eines davon allerdings, wofür er gar keine Augen hatte. Wenn er heim kam +und sich in seinem Zimmer verschloß, wurde oft vor der Thüre ein +schwaches Knistern hörbar. Dies Knistern stammte von einem Kleide, und +die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen. Und selbe Fanny Bojesen schlich +über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem Laut zusammen +und legte ihr Ohr an die Thüre des Gemachs, hinter dem sich Bojesen +verschanzt hatte, um gestorben zu sein für Leben und Liebe. Sie wurde +nicht müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von +drinnen belohnte ihre Mühe. Was sie oft nach solch fruchtlosem +Spionieren that, war dies: sie setzte sich in ihrem Zimmer an den Tisch +und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende Epistel des +unglücklichen Weibes, und diese Epistel erfuhr am folgenden Morgen stets +das Schicksal des Verbrennens. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie +sich; wenn er kam, versteckte sie sich; aber nie war ihr Gehör feiner +und wachsamer gewesen für jedes Geräusch, das auf sein Kommen oder Gehen +deutete; wenn sie sich zufällig begegneten, wußte sie ihr Gesicht von +Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen, und war sie dann allein, +so weinte sie stundenlang. Als später das Dienstmädchen abgeschafft +wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu +servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu +gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem mag +Erich Bojesen in dieser Zeit manche Thräne ahnungslos mitgegessen haben, +die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte. + +Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der +Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches +Reich von Hypothesen, auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer +Probleme. Es schien ihm oft, als ob sein kühler Verstand dabei in die +Brüche gehen müsse, aber all dies gefährliche Balancieren im Reich +unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen, +und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen +Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine +erhitzte Wonne gerathen, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst +gebraut und konnte vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und +lohnender Arbeit gerückt sei. + +Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er +sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es ist jener wissende +Zustand, in den wir geraten, wenn wir über unsere Berufssphäre +hinausspähen und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlieren, das die +Quelle unserer Leistungen ist. Da wurde ein Brief in sein Zimmer +geworfen, der den Poststempel Paris trug und so lautete: + +„Eines Wortes bist Du noch wert. Ich erfülle Deine Bitte: hier hast du +ein Lebenszeichen. Ich kann es Dir mit Recht senden, denn ich _lebe_ +hier. Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die +ich stets gewesen bin, nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst Du Dich +wahnsinnig am immergefüllten Lebensbecher. Tausende purzeln, hunderte +steigen, tausende jubeln und sterben zugleich. Aber es ist vielleicht +nicht das Echte; nicht Nektar, sondern Haschich. Nichts für +Deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für Euch Perlen am alternden +Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, Euch dort +ein wenig toll zu machen. Ich habe hier von einem König gehört, der bei +Euch leben soll, – ein Heliogabal, unerkannt, ein Sonnenfürst. Wie ist +es? Für den seid ihr ja viel zu stumpfsinnig.“ + +Dies der Brief. Bojesen warf ihn in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder +auf, legte ihn mit etwas feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn +dann in lauter quadratische kleine Stückchen. In diesem Augenblick kam +ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor, und alles, was er wußte, so +oberflächlich, daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß. +Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück +Papier: Wissenschaft. + + Es war ein Mann, ich weiß nicht wie er hieß, + Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde + Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ, + Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte. + +Doch Bojesen vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, daß sein Gedanke +dabei die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen +erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein +beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische +setzte jedoch sein ganzes Sinnen und Wachen daran, den Grund dieses +ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er glaubte +nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen +Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las, +sondern forschte, erfand Meßapparate und andere Instrumente, stellte +Gesetze und Regeln auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit, +die verging, bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr, +die ihn zu stolzen, gigantischen Hypothesen führten. Und nach langer, +langer Zeit begann er zu graben, emporzugraben, und je mehr er grub, je +vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis endlich die letzte Schicht Erde von +selbst fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte, – +ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war +beglückt, als er sah, daß das Licht die Ursache des Dröhnens war. Doch +wie andere Dinge hätte er sehen können, wenn er noch hundert Meter +emporgekrabbelt wäre! Wie hätte das Surren und Brausen von tausend +irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre +er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den +Schicksalen, die in das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte +er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das +künstliche einer Maschinenhalle. + +„Albern,“ flüsterte Bojesen und warf das Schriftstück in ein Fach. Jetzt +erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief zugefügt +hatte. Jeanettens Bild stieg herauf. Nun wußte er sein ruheloses +Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor +den Möbeln schäme, daß er sie je getäuscht und hintergangen mit seinem +nächtlichen Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch +blicken mochte: in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in +den Augen eine melancholische Vertieftheit, die er in Wirklichkeit nie +bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes, +als daran, wie er sie wieder gewinnen könne, und der thörichteste Ausweg +erschien ihm schließlich als der beste. Er kleidete sich an, um zu Baron +Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, daß +jener die Macht besitzen könne, sie zurückzurufen oder auf seine Bitte +eine List zu ihrer Rückkehr gebrauchen würde. Er wußte nicht mehr, was +er that. + +Der Löwengardsche Palast hatte sich in nichts verändert. Noch immer +trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann +sich Merkur auf dem Dache, ob er fliegen solle oder nicht. Außerdem +tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen, so daß die +Balkonträger zu schwitzen schienen, und die Sonne vergoldete die ganze +Fassade, – eine ahnungsvolle, milde, belebende Sonne. Auch im Innern des +Hauses hatte sich nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht, +als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und +hunderte in Not gerissen hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener +Gast die Ursache der vornehmen Stille des Vestibüls sei. Aber es +scheint, als ob solch ein Unglück nur dazu diente, seinen Urheber zu +erhöhen; wenigstens verschiebt sich nichts in seinen Lebensgewohnheiten, +und wenn die Gläubiger sich über die Prozente geeinigt haben, ist das +Schild seiner Ehre um nichts fleckenreicher als vorher. + +Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreßten Lippen +stand er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte und +sich dann entschloß, ihm einen Sitz anzubieten. Er ließ die Berloques an +seiner schweren Uhrkette klappern, beugte sich gönnerhaft vor und +fragte, womit er dienen könne. + +„Ich komme wegen Ihrer Tochter,“ erwiderte Bojesen kühl. + +Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff +empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde förmlich +steinern, als er sagte: „Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard +nichts zu thun. Wenn dies also der einzige Zweck Ihrer Anwesenheit ist, +muß ich bedauern. Wenn meine Tochter in Not ist, hat die Firma keinen +Grund, diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit zu schenken.“ Es war klar, daß +Herr Löwengard nur redete, um die Meinung der „Firma“ zu offenbaren; +alles was ihn betraf, kam auch in höherem Maß der „Firma“ zu; außerhalb +der „Firma“ gab es nichts, das so wertvoll gewesen wäre, um nur fünf +Worte aneinander zu heften oder fünf Sekunden zu verschwenden. + +„Ihre Tochter ist nicht in Not,“ entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. „Ich +wollte nur fragen, ob Sie nicht wünschen, Sie zurückzurufen. Ich bin in +diesem Fall –“ + +„Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, daß meine Tochter mit den +Angelegenheiten der Firma nichts zu thun hat. Sie ist tot für das Haus +Löwengard. Ich sehe außerdem keinen Anlaß, dies Gespräch fortzusetzen. +Sie sind mir unbekannt.“ + +Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte +mit finsterem Blick dem Auf- und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf +dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man +den Pfropfen aus einer Flasche reißt. „Vatergefühle und dergleichen +kennen Sie wohl nicht?“ sagte er, empfand jedoch zugleich das +Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig. + +„Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,“ erwiderte der Bankier +hochmütig und pathetisch. + +„Und Sohnesgefühle!“ fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an +Gedaljas Schicksal dachte. „In Ihrem Haus scheint das erblich zu sein. +Wo ist da der berühmte jüdische Familiensinn? Wenn Ihre Tochter ein +Schuldschein wäre, hätte die Firma freilich mehr Grund, sich zu +erhitzen.“ + +„Mein Herr!“ rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen +blickten unsicher nach der Thüre. + +Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken begriffen. Sie ergoß Ströme +purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, wie ein +Teppich, war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe +des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment +und war bald verschwunden, eine breite, gleichmäßige, brennende Röte +hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den Bureaux der „Firma“, +wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde, und sah durch die mit +grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult; Commis neben Commis: +bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit Augengläsern, mit +beschäftigten, sorgenvollen Mienen, – freudlose Rechenmaschinen. Staub! + +Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender +geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein +abgebrochener Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd +im Widerschein des westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine +Lokomotive, stumm und kalt, ein Lastwagen, Bahnwärter- und +Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und weit drüben ein +schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und das erste +oder vielleicht vorjährige blasse Grün eines Wiesenfragments. Und vieles +von diesem weckte auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit in +ihm, ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen, und er hatte fast Heimweh. +Er begegnete Leuten, meist Arbeitern, auch Spaziergängern, die die +kohlendampferfüllte Gegend als „frische Luft“ betrachteten, und Bojesen +fragte sich wie ein Kind, dem alles neu und absurd ist: was wollen sie? +woher kommen und wohin gehen sie? + +Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht sehr weit +von Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt +oben an den Hängen hin, zwischen den Gesträuchen, zur Rechten die Mauer +des Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben +lag das ebene Thal, das vom Horizont verschlungen wurde. + +Er fand die Thüre der Villa offen, und während er die Stufen hinaufging, +fand er, daß es komisch genug sei, zu einem Mann zu gehen, den man im +eigentlichen Sinn brutalisiert hat, und ihn um seine Gesellschaft zu +betteln. + +Da er niemand sah, klopfte er an die nächste Thür und als niemand +antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer; er schlug an der +Seitenwand eine Portiere zurück und stand betroffen still. + +An einem Diwan kniete, ganz in sich zusammengeschrumpft und -gekauert, +Cornely Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen +räusperte. Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und +rief angstvoll: „Was ist? Ist er tot?“ + +Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm +schüchtern die Hand und flehte: „Bringen Sie ihn zurück! Sagen Sie mir, +wo er ist! Ich weiß nicht, was ich thun soll, guter Gott, schon seit +zwei Tagen! Wo mag er sein?“ + +Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen +Zuckungen unterworfen war und von Schlaflosigkeit und Sorgen seltsam alt +war. Als sie sich so schweigend betrachtet sah, ließ sie den Kopf sinken +und ihre Ohren wurden glühend rot, während Stirn und Wangen nichts von +ihrer leblosen Farbe verloren. Sie setzte sich auf einen kleinen Sessel, +ließ die Arme schlaff hängen und sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht und +Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht, was mit mir ist.“ + +Bojesen wußte es in der That nicht. Er setzte sich ihr gegenüber, +spielte mit dem Hut in seiner Hand und suchte nach Worten. + +„Er ist ja mein Bruder,“ fuhr Cornely mit einer krankhaften +Versunkenheit fort und lächelte, daß es Bojesen wie ein Stich traf. + +„Aber zwei Tage, Fräulein! Wie oft bleiben junge Männer zwei Tage aus!“ + +„Haben Sie einmal Manfred gelesen?“ fragte Cornely, als hätte sie seine +Worte nicht gehört. Doch sie selbst schien über das, was sie sagte, so +entsetzt, daß ihr Gesicht eine aschengraue Färbung erhielt. + +Auch Bojesen war erschrocken und schaute sie mit großen Augen an. Er +fühlte, wie sein Herz langsamer schlug, als müsse es erst neue Kraft +sammeln. Er nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe. + +„Es ist seltsam mit uns jungen Mädchen,“ sagte sie wieder mit ihrer +singenden und gleichsam entfernten Stimme, und sah hinaus an den kahlen +Himmel, gegen den sich die kahlen Äste naher Bäume wie feine +Filigran-Arbeit abzeichneten. „Seltsam. Immer bleiben wir die +ahnungsvollen Engel. Und was erleiden wir alles, wenn ihr glaubt, wir +schlafen. Die Männer mögen nur das Süße an uns. Aber all das ist ja +sinnlos. Finden Sie nicht, daß ich wie im Fieber rede?“ Sie lachte und +Bojesen fühlte wiederum jenen Stich. Er war noch niemals so befangen +gewesen, seine Unterlippe wurde ganz wund. + +„Warum kommt er denn nicht!“ rief sie plötzlich, rang die Hände und +legte sie dann, wie vor Schmerz, an die Schläfen. Ihr ganzer Schmerz +hatte etwas so Unterdrücktes und Gepreßtes, daß Bojesen ganz ungeduldig +wurde, ihr zu helfen. „Ach bitte, Herr – ich weiß Ihren Namen nicht mehr +– gehen Sie ins Café National nach Nürnberg; heute ist doch Mittwoch? er +soll dort einen Freund treffen, Estrich heißt er, glaub’ ich, Theobald +oder Balduin, ich weiß nicht. Sagen Sie ihm, wie Sie mich gesehen haben. +Seien Sie mir nicht böse, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. O, +ich ahne, ich ahne wieder, was gekommen ist.“ + +Bojesen ging, schaudernd und fröstelnd. Er sprang, als er die +Hauptstraße erreicht hatte, auf die Plattform der Pferdebahn und sah im +trüben Licht, das die Gegenstände mehr zu verfinstern, als zu +verdeutlichen schien, einige bärtige und monotone Gesichter. Es +ereignete sich eine Episode während der Fahrt, die die heiße Bitterkeit +in seinem Innern bis ins Unerträgliche aufwühlte. Der Wagen fuhr +ziemlich rasch auf der Straße dahin, die nun schon Landstraße geworden +war. Rechts und links standen vereinzelte Häuser, arme Mietskasernen, +traurige Gärten, sandige Bauplätze, Hecken, leere Wirtschaftsgärten. Am +„oberen Kreuzweg“ kam ein Dienstmann aus einem Thor gelaufen und rannte +in einer Entfernung von über hundert Metern dem Wagen nach. Der +Schaffner befand sich im Innern des Wagens und die Leute neben Bojesen +lachten und schienen sehr gespannt, ob der Dienstmann den Wagen +erreichen werde, aber ihre Freude über das atemlose Humpeln des Menschen +war noch größer als ihre Spannung. Bojesen zitterte vor Scham und Zorn +und griff an die Schnur, um dem Kutscher das Haltesignal zu geben. Als +der Müdgelaufene kam, wurden die Mienen der so froh Gelaunten plötzlich +ernst und sinnend und sie hörten den neuen Passagier so heftig atmen, +daß es klang wie bei einem Kind, das sich verschnauft, wenn es geweint +hat. Dabei rann ihm der Schweiß aus allen Poren, und er begann nun noch +zu reden, suchte seine Eile gleichsam zu entschuldigen. Bojesen erschien +das Ganze wie ein böser Traum und er dachte haßerfüllt an die +prahlerische Verkündigung christlicher Tugenden. + +Im Café war seine Frage nach Nieberding umsonst. Er fragte nach diesem +unbestimmten Herrn Estrich; der Kellner schien selbst erstaunt, ihn zu +vermissen. Er komme seit Jahr und Tag täglich um sieben Uhr. Es müsse +sich etwas mit ihm begeben haben. + +Als Bojesen durch die schiefen, bergigen Gassen zum Bahnhof schritt, +geriet er durch den Hauch des Mittelalters, der ihn aus den stillen +Bauten anwehte, in einige Verwirrung. Harlekine eilten an ihm vorbei, +Damen im Domino, die schäkernd und kichernd zum Maskenball trippelten; +überall machte sich der Karneval breit. Plötzlich stand Bojesen, +totenbleich werdend, still. Er lehnte sich an einen Laternenpfahl, +packte ihn mit den Händen und starrte mit bebenden Lippen einer Frau +nach, in deren Gesicht er nur einen einzigen flüchtigen Blick geworfen +und das ihm, wie in einer Hallucination, Jeanettens Züge gezeigt hatte. + +Am nächsten Tag fand er Nieberding zu Hause. Cornely war wie sonst, +still und verschlossen, mit dem wunderlichen, scheuen Lächeln um die +Lippen. Ein Blick, der ihn traf, schien um Verzeihung zu bitten und +Bojesen nickte ihr kaum merklich zu. In Nieberdings Wesen lag eine +leidenschaftliche Abgekehrtheit; sein Gesicht war farbloser und seine +Augen mehr gerötet als sonst. + +Bojesen schloß sich wieder in sein Studierzimmer ein, für Tage. Er that +oft nichts anderes, als stundenlang vor sich hinbrüten. Draußen war +Sturm. Die Straße war mit Schiefer- und Ziegelsteinen besät, die +Pappelbäume der Allee bogen sich wie Reiser. Die Hüte armer +Unvorsichtiger flogen auf Dächer und in abgelegene Remisen. Beständig +pfiff und jauchzte und heulte und wühlte es um die Mauern wie bei einem +Wrack, das hülflos auf Felsenboden sitzt. Es sang und brummte und +brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit Wolken glich einer +hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht schreckhaft +und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte. + +An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im +Sturm und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und +hörte den entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend +des Marktes kam, hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut +übertönte. Er glaubte die Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt +und lauschte. + +„No sag’ selber, hab’ ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen +gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Chafruse, daß se mer +gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind +derlebt? Hu–uch! wirbel wirbel bl bll bll–!“ + +Bojesen war so entsetzt, daß er keinen Schritt mehr machen konnte. + +„Holla! aach e Mann, den ich kenn!“ rief Gedalja und lachte unbändig. +„Komm mit, Mann, komm mitle! Ich, – ich kenn’ die Welt, ich kenn’ se, +ich bin der Chuchem von der Mannischtanna. Ich bin e Gelehrter vom +Himmel, hä!“ + +Bojesen wich instinktiv zurück und packte Frau Hellmut, die den Greis +begleitete, fest beim Arm. „Ist er betrunken?“ flüsterte er ihr zu. + +Sie schüttelte den Kopf. „Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.“ + +„Und was führen Sie ihn denn herum?“ + +„Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!“ Und sie rannte ihm, in die +Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Straße umhertanzte. +Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen +Schauder. Es war ihm, als sähe er hier den Zusammenbruch eines Volkes. + +Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind. +Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft +unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf. + +„Ich kenne ihn,“ sagte Bojesen. „Es erschreckt mich sehr, das alles.“ + +„Wer sind Sie denn?“ + +„Bojesen.“ + +„So? Der Lehrer?“ + +„Gewesen, ja.“ + +„Sema spricht oft von Ihnen. Er geht seit vier Wochen in die Schule +dort, wo Sie waren. Vorher war er krank. Da ließ ich ihn daheim. Er +spricht fast so oft von Ihnen, als von Agathon Geyer.“ + +„So? Wo ist Agathon?“ + +„Das weiß kein Mensch. Sein Vater ist tot. Die Mutter bekommt von der +Gemeinde Almosen. Der alte Karkau wird nächste Woch verhandelt. Es is +traurig mit der Familie.“ + +„Kann ich einmal mit Ihrem Sohn reden? Er ist ein Freund von Agathon?“ + +„Ja. Er ist ja viel jünger. Ja, Sie können schon reden mit ihm. Marsch, +hopp, Gedalja!“ + +Bojesen wußte nicht, weshalb er mit Sema reden wollte und was er sagen +wollte. Aber alles was mit Agathon zusammenhing, erschien ihm rein und +der Mühe des Forschens wert. + +Der Mond verschwand wieder. Die Straße war leer. Hohl brauste der Sturm, +wie wenn er aus den fernsten Winkeln des Weltalls käme und den Erdball +vor sich hertriebe wie die Hüte der Knaben. + +Sie kamen in den Schindelhof, einen engen, finstern Durchgang. Am +Abhang, gegen den Fluß zu, lag Frau Hellmuts Wohnung in einem kleinen, +einstöckigen, alten, verfallenen Hause. Gedalja kauerte sich nieder und +weigerte sich, hinaufzugehen. Er stierte vor sich hin und lachte boshaft +und trotzig. + +„Wissen Sie, sein eigener Sohn hat ihn aus dem Haus gejagt,“ sagte Frau +Hellmut. „Mein Sema hat ihn gefunden. Er ist auf der Brücke gestanden +und hat unaufhörlich ins Wasser gestarrt.“ + +Sema kam herunter; ihm gelang es, den Greis hinaufzubringen. Droben +kroch er auf allen Vieren, lachte, äffte den Wind, hockte sich auf einen +Schemel, lachte. + +„Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muß d’r was sagn!“ +flüsterte er kaum hörbar. „Ich hab’ d’rs ja gleich g’sagt. Geld will ich +kaans. Ich pfeif d’r af dei Geld.“ Plötzlich fuhr er wie toll auf und +stieß Sema mit voller Kraft weit von sich, daß er gegen den Ofen +taumelte. „Dei Geld? Naa! Dei Geld? Da klebt Schweiß draa un Blut, +Samuel! Es rollt – tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla! +Chuzpeponim! Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!“ + +„Warum thun Sie ihn nicht fort?“ fragte Bojesen erschüttert. + +„Morgen, Herr Bojesen.“ Bei dem Namen blickte Sema hastig auf und +blickte Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und fragte +flehend: „Wo ist Agathon?“ + +Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und +streichelte sie. Dann erschrak er, weil er etwas von dem Ausdruck von +Jeanettens Augen in den seinen gewahrte. Eine Zeitlang war es still. +Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden +Greises, dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war. Sema saß vor +Gedalja auf der Erde. + +Als Bojesen die finstern Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema +nach. „Herr Bojesen,“ rief er leise, „die Schüler!“ In abgerissenen +Worten, atemlos, ganz von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden, +erzählte er, daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den +Rektor überfallen wollten, wenn er vom Wirtshaus heimgehen würde; sie +wollten sich in Clowns-Kostüme kleiden; sie thäten es aus lauter +Begeisterung für Bojesen, aber es würde ihnen doch schlecht gehen, wenn +es herauskäme, meinte Sema. Auch würden sie vielleicht den Rektor +schlagen, denn sie seien ganz außer Rand und Band, darum habe er, Sema, +Angst. Und am andern Morgen wollten sie dann alle zu Bojesen kommen und +ihm ein Geschenk bringen. + +Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand +beschwichtigend auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand +und ging, während ihm der Knabe lange Zeit hülflos und verlassen die +schmale, dunkle Gasse nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der +in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte +ihn brüllen, während er bang in die Nacht sah. + +Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging +über die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der +Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen. +Bojesen empfand ein Grauen davor, heimzukehren und sann darüber nach, +wie er die Nacht zubringen könne. Darum verfiel er darauf, den +„siebenten Himmel“ aufzusuchen. + +Der Innenraum war raucherfüllt. Neben dem Glühenden bemerkte der +erstaunte Bojesen Herrn Salomon Hecht, der sich sogleich ängstlich +erhob. „Äch kann doch nächt in solche Lokale verhandeln,“ sagte er. +„Kommens in mei Wohnung. Äch hab a prachtvolles Haus da draußen un a +große Bibliothek hab ich aach. Komme’s amal in Fraidenkerverain, da bän +äch Vorstand. Ham Se atheistische Gedichte aach gemacht? Die missen Se +machen. Gestern hab äch gschprochen übern moderne Materialismus. Der +Doktor Gudstikker war aach dabai. Kenne Se ’n Doktor Gudstikker? Also +wenn Se was wolln, komme Se zo mir. Äch gäb Ihne Empfehlunge, so viel Se +wolln.“ + +Der Glühende sah aus, als ob ihm mit Empfehlungen nicht ganz gedient sei +und blickte neidisch auf den Pelzmantel des reichen Gelehrten, dessen +Benehmen Bojesen sehr erheiterte, besonders als er die lüsternen Blicke +sah, die Jener hinter den Vorhang des Podiums warf. + +„Ach, da is ja der Herr Doktor Bojesen,“ sagte Herr Hecht plötzlich, als +ob er ihn jetzt erst bemerkte. „Apropos, ham Se gehärt von den +Goldmacher in Närnberg? Se ham en jetzt verhaft’, glaab ich. Un von den +Agathon Geyer, wo se hier verjagt ham? Ham Se nix ghärt? Heit Abend +war’s. Es soll e gräßliches Gewitter gewesen sei un gebrannt hat’s aach, +mer waaß aber noch nix bestimmtes. Ham S’n das nit ghärt? No gut Nacht!“ +Schnell schritt er davon. Bojesen, tief erschreckt, eilte ihm nach, rief +ihm nach, aber Herr Hecht sah und hörte nichts mehr. Auch der Glühende, +sein Schützling, eilte ihm nach, um ihm seine Gedichte zu geben, doch +der Mäcen war verschwunden. Bojesen war unruhig, mochte aber nicht +weiter nach Agathons Schicksal fragen, nicht aus Furcht, Schlechtes zu +hören, sondern vielleicht eher aus dem gegenteiligen Grund; gerade das +drückte ihn nieder und machte ihn völlig mutlos. Er verwickelte sich in +eine ziemlich blödsinnige Unterhaltung mit dem Glühenden, während der +Anblick des Ortes, seiner gleichsam gestorbenen Buntheit, seines völlig +erfrorenen Frohsinns, seiner Fülle an umgestürzten Stühlen, Käserinden, +Wursthäuten, Bierresten und geflickten Vorhängen ihn düster und +verschlossen machte. Später taute die vermoderte Fröhlichkeit wieder +auf. Junge Damen von unbekannter Herkunft wurden sichtbar; sie hatten +Larven vor den Gesichtern, was sie wahrlich nicht häßlicher machte; dann +junge Männer mit gespreizter, wollüstiger, berauschter Ausgelassenheit; +Rauch, Weingerüche, das Geräusch von Küssen, zuletzt Barbin mit einer +Menge seiner verschnörkelten Weisheit und dem letzten Aufgebot seiner +kindlichen Eleganz. Und hier hatte Bojesen vordem eine frische, +glanzvolle, jubelnde Welt erblickt. + +Zwei bewußtlose Damen schliefen schon auf dem Billard, zwei wenig +schamhafte Paare hielten sich unter den Coulissen umschlungen. Die +Büffetdame ließ sich in einer großmütigen Apathie vom Glühenden küssen; +eine Art von Kellner stieg auf den Tisch und hielt eine Rede für sich +allein und für seine Brüder im Himmel; ein pockennarbiges Fräulein +kletterte in einem Anfall von Weltschmerz auf den Schenktisch und langte +nach der Rumflasche. Ein offenbar schwachherziges und geistesarmes +Individuum vergab aller Welt alle möglichen Unthaten und schluchzte in +einem anarchischen Gefühl von Solidarität vor sich hin und Barbin, +dessen edlere Abstammung durch jede Linie seines Körpers dokumentiert +war, vermachte dem Glühenden einen mündlichen Traktat zur Erlangung der +Klassikerwürde und ließ sich bald darauf herab, die pockennarbige Dame +um die Taille zu fassen und zärtlich nach ihrem Wohlsein zu forschen. + +So verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm: – eine Nacht für +alle und dann den Tod in den Wellen sterben, ein Wort des Glühenden, +hier zu versuchsweiser Illustration gelangt. Bojesen verließ erst das +Haus, als der milde Februartag schon lange angebrochen war. Er hatte +geschlummert dort oder nicht geschlummert, es war ihm unklar. Er hatte +auch nicht Lust, darüber klar zu werden. Oder war es kein Traum, daß ein +weißer, schmeichelnder Arm seinen Hals umschlungen hatte? Ein Arm, der +kalt war wie Schlangenhaut? Oder war es vor langer Zeit gewesen, in +einer weit früheren Epoche? Im Café sprachen Leute von Agathon Geyer. +Was kümmerte ihn, Bojesen, Agathon Geyer? Von vielen anderen aufregenden +Dingen sprachen sie. Wie, der König selbst habe ein Machtwort +gesprochen? Na, gleichviel. Bojesens Augenlider sind schwer. War es dann +weiter ein Traum, daß er wieder im Schindelhof war bei Frau Hellmut? Daß +sie allein war und daß sie lange zu ihm redete, daß sie einen alten, +vergilbten Brief brachte und daraus vorlas? Ich bin kein König wie eure +Könige sonst sind. Aber ich konnte kein königliches Wort aufbieten, so +stark, daß es mich befreite von der Knechtschaft der müßigen Gesetze. +Die Mißkönige haben es vermocht, daß die Völker Sklaven aus ihren Herren +gemacht haben. Was könnte ich dir sein, mein Volk, wenn du mich nicht +nur König nennen wolltest, sondern auch sein ließest. + +Es war offenbar ein Traum und Bojesens Hände waren müd. + +Die Straßen reingefegt, reingeleckt vom Sturm. Die Sonne dumpf, dunstig, +bei verhängtem Himmel. Einem Entschluß folgend, den er schon gestern bis +in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt mechanisch +vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um dort die sechste Klasse zur +Vernunft zu bringen und von knabenhaften Streichen abzuhalten, die ihm +selbst nur schaden konnten. Er that es widerwillig, denn er hatte sich +gesagt, laß diese Jugend revoltieren. + +Noch immer war es düster und kalt in den steinernen Räumen. Herr +Dunkelschott fühlte sich sehr bedeutend, als er sich bei Bojesens +Anblick ostentativ abwandte. Die Uhr schlug acht, – so schrill, wie wenn +die Glocke genau wüßte, welche Sklaverei sie vorbereite für viele +jugendliche Seelen, – als Bojesen die Klasse betrat. Es brannte kein +Licht, deshalb sah alles grau aus, auch die Gesichter der Knaben, auch +die Straße. Sobald die Knaben ihn gewahrten, entstand ein feierliches +Schweigen, sie rührten sich nicht. Dann kam einer, wohl der Mutigste, +ein junger Mensch mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an +die Züge Agathon Geyers erinnerte, und reichte Bojesen die Hand. Bojesen +drückte sie. Dann erhoben sich auf einmal alle in blinder, sorgloser +Erregung, mit einem mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten Ausrufen, +stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein, drückten und schüttelten seine +Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die +Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoßend machte. Bojesen, +in seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald +bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte +ihnen, was er sagen wollte: ernst, verständlich und verständig, und alle +schienen beschämt. In ihren Blicken war das offene Versprechen des +Gehorsams zu lesen. + +In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen und der Rektor trat +ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche +Versteinerung mit ihm vor. Er lallte, und seine Brille fiel von der +Stirn auf die Nase. Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und +einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig stehen +blieben. Bojesen wollte nicht die Scene zu einer theatralischen +Auseinandersetzung führen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er +entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor, der, +Gott weiß es, noch lange brauchte, um wieder in die natürliche +Herrschaft seiner Muskeln zu gelangen. + +Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe luftiger und beglückender +Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von +denen die Welt ein großes, paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch +als der Abend kam, wurde es wieder dunkel in ihm. Er ging über den +Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette innegehabt und die noch leer +stand. Die alte Dame, die hier wohnte, ließ Bojesen ungehindert +eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete auf eigene Art ein menschliches +Verstehen, als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer. + +So blieb er, legte sich auf die Ottomane und ließ den gefürchteten +Schatten kommen. Er dachte, daß er sie küssen könne, dann ging sie +hastig, ohne zu sehen oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, – +geschwätzige Gestalten. Alle hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den +Zehen leicht dahinhuschten, sich ein Tuch umnahmen, es wieder liegen +ließen und sie sahen aus, als hätten sie dreißig Tage lang unter der +Erde gelegen. + +Es war sehr spät, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wußte +gar nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster. +Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen, dann begab er +sich vorsichtig und leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein +schlief, zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres +Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand. +Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts. Plötzlich +erwachte sie. Sie fuhr jäh empor, schrie auf, streckte die Hände aus und +schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf die Dielen +geheftet und atmete tief auf. + +Am andern Morgen nahm Bojesen eine Zeitung zur Hand, die erste seit +langer Zeit und las sonderbare Berichte und viele Phrasen eines +Reporters über Agathon Geyer. + + + Vierzehntes Kapitel + +Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg, welches vom großen +Schustergäßchen gegen Burg und Weinmarkt läuft, steht ein altes, graues, +düsteres Gebäude, das schwer in seinen Formen ist und gleichsam etwas +Unnahbares und Zurückhaltendes an sich hat. Selten sah man zur Tageszeit +das Thor sich öffnen, das von schwerem Eichenholz war und jene +bewunderungswürdige Schmiedearbeit in Schloß, Angel und Glockenzug +aufwies, durch die unsere alten Häuser so merkwürdig sind. Niemals hatte +man des Abends oder auch zu nachtschlafender Zeit die vor Staub und +Bejahrtheit gänzlich blinden Fenster erleuchtet gesehen, – kurz, dies +Haus glich in allem dem übriggebliebenen Block aus einer abgestorbenen +Kulturepoche, und hätte jemand das Stiegenhaus betreten können, so würde +es ihm zweifellos nicht verwunderlich gewesen sein, wenn ihm +vertrocknete, mürrische Ratsherren in Perrücke, Wadenstrümpfen und +Schnallenschuhen, oder ein Student mit Barett und Degen begegnet wären, +gerade als seien sie ohne weiteres aus einem der verblaßten Gemälde des +Rathaussaales gestiegen, wo sie ein wahres Märchenleben an unaufhörlich +besetzten Tafeln führen. + +Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt. Nicht in allen seinen Räumen, +sondern vornehmlich in einer großen, hohen, mit Steinen gepflasterten +Küche, die ein Fenster nach dem einsamen, stillen Hof hatte mit seinen +Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte +Baldewin Estrich seit ungezählten Jahren seinen Tag und einen großen +Teil der Nacht, um zu experimentieren, zu analysieren, in Retorten +dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen Flammen noch +seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen, und was er auf diese Art +suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die +Kunst des „Goldmachens.“ + +Wer nun annehmen würde, daß Baldewin Estrich aus gemeiner Habsucht oder +aus dem Drang, reich zu werden, dies unternommen hatte, würde sehr +irren. Auch war er weit davon entfernt, der Wissenschaft einen Dienst +leisten zu wollen. Ja, er war sogar überzeugt, daß sein Weg von dem der +Wissenschaft weit, weitab lag, und daß er ein Gespött der Fachgelehrten +bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten, wo Wunder +und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht +und Besitz schlagen sollten. Er war nicht bethört durch jene uralten +Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen Nachrichten +über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen +Geheimnis. Nein. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig, +unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre +vergessenen Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser +Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war +nicht das, was er darin suchte, – ein Mittel, die Menschheit glücklicher +zu machen, ihren wahnsinnigen Wettlauf nach Phantomen aufzuhalten. Er +war eine sattsam bekannte Erscheinung in unserer Provinz und je weniger +man über sein Thun wußte, je mehr wurde ihm aus Kräften der Fama +zugelegt. Dann, nach seiner großen Niederlage vor sich selbst und jenen +sonderbaren Idealen, begann er aus eigenen Mitteln hinauszubauen über +das Vorhandene, stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an, +um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage Etwas, Äther oder +sonstwie genannt, das jetzt dem Geist der modernen Forscher, lange nach +Baldewin Estrich wieder so nahe gerückt ist. So kam er, wohl auf vielen, +wirren Umwegen zu seiner tiefsten und wunderlichsten Lebensaufgabe, – +eine für den Fremdling in diesen Gebieten erstaunliche Gedankenkette, +für die aber der Gelehrte unserer Zeit ein Begreifen hat, weil ihm das +Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein +untrennbares Eins bedeutet. Freilich wollte Baldewin Estrich mit der +Praktik nichts gemein haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie +ein Mann, der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für jene späten +Geschlechter, die da wohnen werden, wenn all das Meer von Sand +fruchtbares Erdreich geworden ist. Durch nichts glaubte er die Menschen +_mehr_ glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte, ihnen den +Frieden zu bringen, wenn er die heißeste Begierde stillen konnte, die +sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, +daß sie der Überfluß gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit +Glut sein ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und +seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit und stillen Größe. Nur +wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der +Stadt; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen, in denen der +werdende Verbrecher Unterschlupf findet, ebenso wie der gewordene; in +jenen Herbergen, wo der reisende Bettler ein Nachtquartier findet, in +all den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den abgelegenen Gassen der +Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern, in Kellern und +übelberufenen Höfen, – kurz, an jenen Orten, wo sich das menschliche +Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und es +war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in +seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle. + +Er lebte ganz allein. Das weite, düstere Haus, das ihm selbst nicht +einmal in seinen letzten Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von +Zeit zu Zeit: seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um +den Kopf zu schütteln und alles, was Estrich that oder sagte, +unbegreiflich zu finden; Käthe kam, um begeistert den dürftigen Reden +des Oheims zu lauschen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie an ihn und +sein Werk glaube. Aber er konnte es nicht ertragen, Menschen um sich zu +sehen, und oft bat er die beiden, wieder zu gehen, obwohl er, was Käthe +betrifft, wußte, wie viel List und Schleichwege sie gebrauchen mußte, um +zu ihm zu gelangen. + +Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an +seine Träume gesetzt. Nun war er arm und litt tief darunter. Er konnte +einen, wie er glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht +ausführen, weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und +teuren Apparates fehlte. Alles was er an Barem aufbringen konnte, betrug +nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte sich an seinen Bruder in +Zirndorf, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes, +denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine +Hand hingegeben haben, als Geld zu solch lächerlichen und frevelhaften +Zwecken. Da trug es sich zu, daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt +wurde, – auf eigentümliche Art. + +Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in einer der Anlagen, von +denen die Villen des Marienviertels umgeben sind. Estrich, gebückter als +sonst, in schmerzliches Träumen verloren, schritt gleichgültig gegen +Menschen und Dinge seines Wegs, als etwa hundert Schritte seitwärts, +gegen den Tunnel, mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen +Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den +Haaren nach sich. Sie lag auf der Erde, und so schleifte er sie weiter +wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag +seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben Augenblick, als Estrich +dies gewahrte, sprang ein Mann aus dem Schatten eines Hausthors, stellte +sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los +zu lassen, worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte. +Nieberding (dies war der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische +Aufforderung. Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die +Brust, daß er zurücktaumelte. Aber Nieberding wiederholte in denselben +Worten seine Aufforderung und fügte hinzu: „Schlagen Sie mich nur. Sie +müssen sich ja schämen.“ Nichts konnte charakteristischer für ihn sein, +als dieses Verhalten. Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer +Bart, eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und ein tiefer Zorn, der +nur seine Stimme vibrieren ließ, mochten Eindruck auf den Burschen +machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen weiter, er +fluchend, sie heulend. + +Nieberding und Estrich waren fast die ganze Nacht zusammen. Nieberding +nahm gierig all die Thesen des Greises in sich auf. Seine an Idealen so +armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an dieser +willkürlichen Umwertung der Materie, an diesem alten und nun +wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die ganze, fremde +mittelalterlich-romantische Welt dieser Versuchsküche, das überzeugte +und überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich +inmitten seines Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister +der Luft zu bannen, daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und +beseelten, all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden +Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft eine Nacht und einmal +sogar zwei Nächte hindurch in dem alten düstern Bau, wo er in einem +riesengroßen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach +zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum +Ankauf des elektrischen Apparats. Ernst, mit feierlichem Schweigen nahm +der Greis das Geld; dann bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen. +Und Nieberding ging, um teilzunehmen an der Flut des Frohsinns, die der +Karneval durch die Gassen schickte. + +Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf +braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate +anschaffen und die Mischung, die jetzt im Thongefäß vor ihm stand, mußte +ihm zeigen, ob sein Leben ein fantastisches Irrwandeln oder ein +Schicksalspfad war. Sein Arm zitterte, als er die Hand vor die Augen +legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken. +Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus. Die Galerien des Hofes +versanken mehr und mehr in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah +bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Der Kater Marius, Estrichs +einziger Gefährte während der langen, schweigenden Nächte, saß +schnurrend an der heißen Glut des Kamins, und ein fernes, unaufhörliches +Wagengerassel ließ die Fenster leise klirren. + +Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, – eine hektische Röte +war auf seine Wangen getreten, – nahm das Thongefäß, betrachtete die +weiße schillernde Mischung, entzündete ein Drummondsches Kalklicht, +hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die dicklich kochende +Masse, daß ein übelriechender Qualm den weiten Raum erfüllte und den +Chemiker in einer Wolke versteckte. Dann nahm er eine pulverisierte +Masse von einer sanften, violetten Färbung und schüttete eine +Messerspitze voll in das Gefäß, das er dann hermetisch verschloß. +Hierauf verlöschte er die Flamme, stellte den Topf ins Wasser, um ihn +einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt dann unruhig, +mit zusammengepreßten Lippen auf und ab. Als er dann das Gefäß +zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte, fand er ihn unverändert, +außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in ein bräunliches Gelb +spielte. Mutlos ließ er die Arme sinken. Schließlich ist die ungeheure +Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht +nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und +Basen, Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen +Feinden an, mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die +Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem +unerträglichen Dunst. Er nahm ein Fläschchen vom Sims, das eine +blauschwarze Flüssigkeit enthielt, die beim Licht herrliche Reflexe +warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer noch +hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte +einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen, um den +schlechten Geruch zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner +bebenden Hand entsank; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken +bebte Estrich zurück, ging ans Fenster, öffnete es, und die milde Luft +des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn. In tiefen +Gedanken saß er am Fenster, fast zwei Stunden lang. Dann stand er +schwerfällig und leise stöhnend auf, um die Lampe zu füllen, die +heruntergebrannt war. Seine Blicke hefteten sich auf die +halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter all den schwarzgewordenen +oder ganz düsterroten Stücken erblickte er einen großen, schwach +glänzenden Gegenstand. Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz +dieses Gegenstands zu. Seiner Wahrnehmung fast mißtrauisch gesinnt, +hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu blicken, bis ihn plötzliche +Ungeduld und Erwartung näher treten ließen. Er zündete eine Kerze an, +holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm es in die +Hand, schrie laut und durchdringend auf, daß es in allen Teilen des +Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Kniee ... + +Gold! + +Er hielt Gold in den Händen. + +Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand, +und es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum +Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum auszufüllen. + +Gold! + +Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen +Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun +auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der +jeglichen Hunger stillen, jeden Durst befriedigen konnte; für den es +nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte +es ihm geschenkt, das edle Geheimnis? Ein langsam glühender +Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, – bedeuteten sie mehr als jene +teuren Vorrichtungen? + +Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht +länger in dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon +war er durch viele Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die +Stirn legte, zurückkehrte, die eiserne Truhe aufschloß und alles was er +noch an barem Geld besaß, in Gold und in Banknoten, zu sich steckte. +Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den Herbergen für +Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im äußersten Norden. +Und keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, – nicht allein. +Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm, +verkommene Gestalten, die den Tod auf den Wangen trugen oder das +Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in Lumpen, barfuß, mit bloßer Brust, +keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters, +Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, – und diese ganze tolle, +entfesselte Schar in stetem lawinenartigem Anschwellen. Wo Baldewin +Estrich die Ersten aufgetrieben hatte, er würde kaum mehr fähig gewesen +sein, darüber Rechenschaft zu geben, denn er handelte wie im Traum, in +einer Trunkenheit, die nach Thaten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter +sie verteilt, immer mehr, und die Kunde davon ging wie ein Lauffeuer von +Straße zu Straße, so daß der Haufen mehr und mehr anschwoll und zuletzt +die ganze Breitegasse, so lang sie sich streckte, ausfüllte. In den +Häusern wurden die Fenster aufgerissen, und lachende, winkende oder +furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei erschien in den +Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren, aber das +Ungestüm des Pöbels stieg ums Hundertfache und war durch nichts mehr in +der Welt zu ersticken in dieser Stunde. In den Annalen unserer Stadt +steht dieser Februar-Abend mit großen Lettern verzeichnet. + +Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiter-Regiments auf mit +blankgezogenen Säbeln, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen +können, als die dicht gestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über +die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen +und trunkenen Lauten der Begierde. Und alles drängte nach oben, wo +Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen +stand, die ihm näher und näher rückten, förmlich tobsüchtig gemacht +durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf +den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als könne er +nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien dies alles +fürchterliche Traumbilder, diese von den scheußlichsten Instinkten +bewegte Masse, die um ihn wogte, die ihn haßerfüllt anstierte, die den +kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte, als ob sie ihn erdrücken +und ersticken wollte, die nach Geld schrie und heulte, nach Geld und +nach sonst nichts. Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte +seine Brust, und er erschien sich wie mitten ins große Meer verschlagen, +schiffbrüchig, hoffnungslos dem Tod geweiht. Da nahm er all die +Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen +Bewegung und schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den +ausgestreckten Händen, den funkelnden Augen entgegen. Heisere, +wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich fortgerissen wie in +einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert, fühlte Stoß auf +Stoß an seiner Brust, sah hundert andere Arme hoffnungslos ausgestreckt, +und wieder die ersten, die mehr Geld wollten, mehr, da wollten ihm fast +die Sinne schwinden. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn, +sank zusammen, wurde mit Füßen getreten, fühlte Blut an sich +herabströmen, und doch schlossen sich seine Augen nicht, als wolle seine +Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden. + +Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich +weiter. Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher, +als die andern. Ihr Geist befand sich in einer völligen Raserei, und +diese Raserei war ansteckend. Alle unterdrückten Lüste des Pöbels kamen +im Verlauf von Minuten zum Vorschein. Viele zertrümmerten die +Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die Stockwerke +hinauf; viele Weiber benutzten ihre Schuhe oder Stiefel als +Wurfgeschosse. Die Rufe: Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder +kreischten durch die Luft. Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und +mit dem Schrei: nieder mit den Juden! erstürmten entfesselte Scharen die +verschlossenen Räume, demolierten Tische, Fenster, Verkaufsgegenstände +und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung. An vielen Punkten +gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden +abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte. Die Infanterie war mit +gefällten Bajonnetten im Anmarsch und trieb eine Horde wild kreischender +Weiber und Kinder vor sich her und alles deutete auf einen blutigen +Ausgang. + +Während all dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die +Gassen gefahren; schwere, erschreckend schwarze Wolken waren +heraufgezogen und hatten sich im Norden getürmt, während ihnen gegenüber +ein Stück fast reinen Himmels lag, auf dem der klare Mond schwamm. Dann +fingen aus dieser Wolkenwand, deren beängstigendes Dunkel die Firste der +Häuser seltsam bleich erscheinen ließ, Blitze an zu zucken, leiser +Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze +wurden fahler, zackiger, breiter, gleichsam schneidender und tiefer, der +Donner weniger schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend +angesammelt, ohne daß in dem bunten Tumult irgend jemand darauf geachtet +hätte. + +Die Soldaten, anscheinend nicht ohne Freude, begannen erregte Massen von +Männern und Weibern vor sich her zu treiben, und einige junge Offiziere +suchten einen Ehrgeiz darin, sich durch besonders kriegerisches Vorgehen +auszuzeichnen. Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen +eine ganze Kompagnie; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus; +eine zügellose Erbitterung ergriff den Pöbelhaufen; Steine flogen unter +die Soldaten, Schuhe, aufgestellte Messer, Glasscherben von +eingedrückten Fenstern, ja ganze Holzklötze, bis endlich der Hauptmann +Ulrichs, ein kleiner Wüterich der Garnison, unbarmherzig zu +entschiedenem, offenem Angriff überging. Die wenigen, die dem Militär +Trotz geboten hatten wandten sich, als sie einige Kameraden im Blut +liegen sahen, zur Flucht. Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer +Schrecken verbreitete sich; nur noch verzerrte Gesichter waren zu +erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt, die +Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt. Schreien +und Weinen schallte von den Häusern herab und aus den ferner liegenden +Straßen kamen Zuschauer herbei, – zahllos; bald mitergriffen von dem +furchtbaren Schauspiel, schrien sie entweder so viel sie konnten, +ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten förmlich +entflammt den immer noch thätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch +von der nachkommenden Eskadron Kavallerie in die Seitenstraßen +vertrieben. Währenddem floh und floh der geängstigte Volkshaufen in +immer mehr überhand nehmender Angst und Verwirrung und gelangte auf den +Lorenzerplatz, wo die Thore der Kirche weit offen standen. Aus dem +Grunde, wie aus einer endlosen dunklen Höhle schimmerte das glührote, +ewige Licht und die ganze verfolgte von den Soldaten wie Gänse oder +Hühner einhergetriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich +unter heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als +ob sie beten wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das +unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus +dem seitab sich schiebenden Publikum; Polizisten und Gendarmen +versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten schienen wie +trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und vernahmen die +Befehle ihrer Vorgesetzten gar nicht mehr. Die ersten Reihen wollten +eben durch das Thor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in +Wahrheit förmlich aufwuchs. Die Soldaten wagten nicht vorwärts zu gehen. +Sie sahen in das Gesicht dieses Menschen, Agathon Geyers, halb voll +blöder Neugier, halb staunend. Die Hintersten schoben nach vorn, der +Lieutenant schrie, was los sei, aber es war, als ob Agathon für sie eine +Mauer darstellte. Er hielt die Arme ausgebreitet und obwohl zu beiden +Seiten noch ein breiter Raum blieb, durch den viele bequem hätten in die +Kirche dringen können, wagte doch keiner, sich zu rühren. + +Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen +Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte, +der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den +Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein. +Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse) +ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den +Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem +Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen, +elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen +Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die +durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel +eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem +plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und +zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die +Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten, +liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde +der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der +Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu +kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich +niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der +Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt +und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere +leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische +Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu +weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben +die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die +Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen +herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen +eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte +schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der +Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, +es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang +riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn +emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder. + +Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände +empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die +am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende +oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das +Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend +wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon +blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der +Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend +gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht; +wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er +die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie +trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen +war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein +Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen; +wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen +mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst +verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und +je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von +einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte +stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden +müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden, +verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und +je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je +mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die +mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter, +einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der +Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel +abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu +schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte +in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an +den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur +fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt +eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm +gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die +Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte +er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während +die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem +fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines +benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes +schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche +einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in +die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das +Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende +die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die +Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob +beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da +stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer +Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien: + +„Laßt sie brennen, die Kirche!“ + +Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm +aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast +flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu +empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der +Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des +Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch +einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er +alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der +Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische +Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen, +asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon. +Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt +sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt +von einem erregten Schwarm. + +Die Glocke hatte aufgehört zu läuten. + + + Fünfzehntes Kapitel + +Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen +Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem +Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm +lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter, +den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk +fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen +die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu +besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war +licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose +Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch +aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg, +erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die +ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt +im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz, +ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein +glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen +war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein +riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von +allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis. +Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es +sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen +Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde +und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines +Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die +Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte +sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an +Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann +Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk +unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der +Stadt. + +Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können. +Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, +mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person +und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine +außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß. +Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein +mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche +ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine +Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen, +furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen +Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur. +Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler +Rasse. + +Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese +kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen +mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge, +hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne +Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die +Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer +Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre +Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in +einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich +eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom +Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein +neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe +Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern, +schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. +Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich +und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten +Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen, +das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem +Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein +Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon +hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt. + +Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie +schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum +und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging +hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, – +langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich +Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem +höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren +in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren +die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit +seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit. + +Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das +ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. +Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus, +vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette +lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins +Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst +die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf. +Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen +dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons +Namen. + +Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet +und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel +geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette +blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an. + +„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du +nicht Furcht?“ + +„_Was_ weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet. + +„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten +dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle +möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher +Mensch sollst du sein.“ + +„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich. + +„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein +gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der +Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“ + +„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s +dir?“ + +„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß +dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“ + +Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von +gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig. + +Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht. +Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr +gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer +Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer +ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen +friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von +Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas, +das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie +lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie +nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen +wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte +Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie +führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es +war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über +das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie +plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht, +gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig, +aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich +jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit +ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich +auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf +ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck +einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre +Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so +lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen +nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du +müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein +Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon +mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr. + +„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da +und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“ +Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und +flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“ +fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß +ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann +würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich +tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“ + +Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte +mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines +Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem +Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die +langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute +lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer +Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers. +Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur +Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben +und nun tanzte sie den _goignade_, einen altfranzösischen Tanz voll +wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte. +Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie +fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle +in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon +wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das +Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne, +legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem +Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach. + +Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und +mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in +diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele +zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte +er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war +etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt. +Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem +circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie. + +„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich +kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir +zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich +hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er +den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre +Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt, +Agathon?“ + +Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du, +daß ich es gethan hätte?“ + +Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan +hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen +sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd: +„Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“ +fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner +Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren +zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und +Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon +vermochte kaum klar zu werden. + +„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen +Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf +meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe +alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure +Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die +Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, +was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du +sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst, +bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden +alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der +reine Brunnen Versiegenicht.“ + +Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von +Bojesen.“ + +„Bojesen ... lieber Gott, ja.“ + +„Du kennst ihn?“ + +„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“ + +„Er ist sehr interessant.“ + +„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte. +Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit +einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich +aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten +Augen. „_Diese_ Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein +Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch +sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum? + +„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen +Schweigen. + +„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den +Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist +alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die +Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du? +Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, +ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben +bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er +hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der +bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der +Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her, +daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten +fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie +nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen, +ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das +Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur +die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und +die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und +werden ein neues Geschlecht gründen.“ + +Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der +Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit +ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle. +„Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd. +„Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“ + +„Sterben? Nein, leben.“ + +Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick. + +„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe +dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter +dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“ + +„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern +strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man +selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer +müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst +du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein +Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der +Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die +Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden +sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist +wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen +und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben +nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente +Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr, +dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das +Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“ + +Ein langes Schweigen entstand. + +„Du meinst vielleicht, es ist dieser Atheismus,“ begann Agathon wieder. +„Nein, das wäre ja borniert. Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder +und sie wollen selber Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Du +weißt ja, wie ichs meine, drum lachst du so verschmitzt. Aber siehst du, +Jeanette,“ fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher, +„eins fehlt mir noch und ich weiß nicht was es ist. Es macht mich +unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir, als stünde +ich vor einer dicken Mauer. Dann bin ich wie ein Kind.“ + +Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Diwan, während ihre Füße +den Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den +Stoff hindurch ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas +gewaltsam geschwungene Kurve, während ihn Jeanette mit einem heißen, +träumerischen Blick gleichsam suchte. + +Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon, sowie ein Domino, +denn Jeanette wollte, daß er abends mit zum Fest ginge. Er wunderte sich +über ihr Wesen, das so sehr an Grellheit abgenommen hatte, über ihren +Gang, der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre +Worte, die bald kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren. + +Der Festsaal war groß und reich. Die Mitte des Raumes, der die Höhe +einer Kirche hatte, war von bläulich-grünem Licht erfüllt. Die Galerien +und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem +breiten, düstern Feuerband, das um diese milde Dämmerung geschlungen +war, in der die Säulen traumhaft glänzten, die Guirlanden wie aus dem +schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut +schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel +glich. Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des +Geräuschlosen, Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle +Töne in einen Ton, alle Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende +Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres, über dem der Tag +aufgehen will. + +Aber plötzlich, ganz mit einem Male, auf einen Anstoß, wurde Agathon +sehend. Und zwar in solchem Maß, daß er vor Grauen, Scham und +Beleidigung wie verwundet war. Er schritt einen etwas abseits gelegenen +Wandelgang dahin, als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann am +Seitenausgang stehen sah. Der Alte spähte lauernd und unruhig in den +Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte. Bald +darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und fast +kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske verlor +sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riß +er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine +Augen fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte +humpelte hinaus. Das Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide +Hände gegen die Brust und atmete auf, dann warf sie beide Arme in die +Luft, als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und +sprang wieder mit dem kindlichen Gebahren, das sie forcierte, davon. +Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er sah +statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie +ein Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule +schlich in der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung, +Müdigkeit, Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuß +war, der abgefeuert wird, eine nahende, nagende Angst, das fletschende +Gespenst seiner Sorgen wieder zu verscheuchen; einen vierten, der, +künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte und dessen Züge durch +eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung +zerwühlt waren; einen fünften, der grinsend und nickend durch die Reihen +strolchte, der Cynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten, +vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll +Anstand, Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben +überflüssig schien, um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag, +während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen +zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich drehend, mit erlogenem +Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter Bettler +bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu +werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein +drittes, das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des +Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu +vermeiden suchte; ein viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger +Seele dasaß, während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im +Innern beschäftigte. Und hinter der Buntheit der Gewänder, der +Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom Wein +geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es. +Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen +Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren +gezogen, daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel +Jammer, ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein +Mischmasch von Betrübnissen, Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke +Herr mit dem gütigen, ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten +wie an einer Schnur, und er wird all dies Glück, das ihm anvertraut ist, +morgen getrost an der Börse verspielen; den ungünstigen Fall erwägend, +hat er bereits eine Schiffskarte im Portefeuille. Dieser +unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der +durch schmutzige Manipulationen in seiner eigenen Meinung längst der +Schatten eines anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem +schwermütigen Blick lebt nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie, +die Schwermütige zu sein; ihr Haus ist ein finsteres Bild der +Verkommenheit, der Vernachlässigung, der Sittenlosigkeit, des geraubten, +erborgten Prunkes, des versteckten Hungers; jener wohlwollende Graubart +ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit +jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger +Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter +Verleumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben, +thränennasse Betten, von Lastern befleckte Hände, das wahnsinnige Geheul +Unterliegender, Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die +erheuchelte Trauer, der verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die +Raserei der Liebe, Krankheit und Tod, eine Armee bis zur Tollheit +verzerrter Gesichter, die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine +ganze fallende, stürzende, vermorschte Gesellschaft und darüber, +darunter – nichts. + +Es war Agathon, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der +Visionen zusammengepreßt würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende +Masse des Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe +Hilfe, Rettung, und gepeinigt floh er, erreichte die Straße, eilte +weiter, ohne sich umzublicken und wußte kaum, wie er in Jeanettens +Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide den Saal betreten hatten, +nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm, wollte Licht +machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie vernichtet +aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender. + +Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn +verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt so finster +vor. Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an +seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob. +Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in +knisterndes Haar. „Jeanette,“ flüsterte er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er +glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es entstand eine Hitze um ihn, die +aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde starr am Körper und seine +Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust zusammenschnürte +gleich einem Strick. „Jeanette,“ flüsterte er wieder. Diesmal war es +fast ein Hilferuf. + +Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine große, blutrote Orange +neben den Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber +von einem zitternden Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem +Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid, das sie trug, warf +förmlich Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals, entblößt, +leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer +warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er saß und blickte sie +unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo +bist du, Agathon? + +Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe, +daß ihre Körper sich streiften, und Agathon wurde völlig ausgefüllt von +dem Bewußtsein dieser großen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die +Welt rückte für ihn plötzlich in eine maßlose Ferne; versank in einen +Abgrund. Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte +jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war ihm, als ob er selbst die Frucht +zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß. Er fühlte nicht die +Süßigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewußt, daß er aß. Sie +beschäftigten sich damit, die ätherischen Öle der saftreichen Schale in +die Flamme zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agathon +lächelte aber wie über etwas Fernes, in einem andern Leben Erlebtes, er +lächelte Jeanettens Lächeln mit, vielleicht aus Furcht, daß sie aufhören +könne zu lächeln. Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen +ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr Blick verschlingend groß, +unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern. Sie stand auf. + +Die Kerze war erloschen. Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen +und an seinem Halse die kalte, feuchte Berührung eines Mundes. All seine +Sinne schmerzten, daß er glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, daß er +die Nacht schier verwünschte. Was er dann empfand, war eine sich +ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer luftleer sei, und +endlich eine verzweifelte, brennende Begierde. + +„Was zitterst du so?“ fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre +Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag +mit offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut +ihres Körpers, und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen. +Sie küßte ihn; er dachte, daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen, +denn er glaubte, zu ertrinken in einer heißen Gischt, sein ganzer Leib +war ein zuckender Schmerz, der alles in einen übermäßigen Rausch +versetzte, dann kam ein bewußtloses Versinken, – aus einer großen Höhe, +tiefer und tiefer; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und +plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen, +voll von einem grenzenlosen, vorher nie erfaßten, noch geahnten Jammer. + +Er wußte nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das +Zimmer verließ, auf der Straße stand, die sich breit hindehnte in einem +mühsam aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah +das Thor offen; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der +noch mit Stroh umwunden war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf +die Arme und begann bitterlich zu weinen. Nicht mühselig flossen seine +Thränen, sondern reich. + +Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus glühenden Dünsten, aus +der Umarmung riesenhafter Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische war +in der Luft. Die Nebel der vergangenen Nacht hatten den Karneval +mitgenommen. Die Sonne des Aschermittwochs vergoldete manchen +Garderobefetzen im Kehricht. + +Jeanette lag noch da, wie er sie verlassen. Sie schlief. Ihr Gesicht +hatte etwas so Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder in die +Züge zurückkehren sollte. Die geschlossenen Lider hatten eine Müdigkeit, +die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war. +Das über und über wirre und krause Haar zeugte von einer +leidenschaftlichen Gutmütigkeit. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein +schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust. + +Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte: +„Nun, du siehst wohl, daß die Welt aus Schmutz besteht.“ + +Agathon schwieg. + +„Du siehst, was ich bin,“ fuhr sie fort. „Und du kommst und verlangst, +daß wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit. +Ja, ja, rede nicht, ich weiß schon, weil wir schwach sind, müssen wir +stärker werden und so weiter. Aber jetzt ist deine Mauer gefallen, +Agathon, und du hast nicht gedacht, was für eine schmutzige Sache sie +verdeckt.“ + +„Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil +du es willst?“ fragte Agathon. „Oder deswegen, weil Christus es gewollt +hat? Weil wir uns der Genüsse schämen? Könnte es das nicht sein, +Jeanette? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib +Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Wozu Götter? _Ein_ +Gott ist schon Götzendienst. Warum sollte das Schmutz sein, was so +erhaben sein kann? Du mußt nicht lachen.“ + +„Wirklich? Kann es das? Nein, so was! Kann es so erhaben sein? Köstlich. +Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde.“ + +„Was hast du nur, Jeanette?“ + +Sie sprach mit starrem Blick vor sich hin: „Auch du, auch du, Agathon, +mußtest fallen. Niemals hätte ich es geglaubt. Es ist mir ganz klar, +wozu es dich treibt, klarer wie dir. Du willst die Sinnlichkeit wieder +auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das +liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Ja, +eher kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mußt neue Menschen formen. +Das ist alles unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das +ist das Wort, das dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst, +dann glaube ich an dich. Ist es nicht unanständig, wenn wir die Kleider +abnehmen und uns sehen? Ist es nicht unanständig, Kleider zu haben und +an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind schuld, daß wir so krank +lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die Sinnlichkeit +erstickt, schleudert die Könige vom Thron. Gott, ich bin so klug. Ich +freue mich so, daß ich klug bin. Pfui, ich mag nicht mehr leben.“ + +Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, daß der Stuhl +hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. „Nun sollst du alles wissen. +Damit wenigstens _ein_ Mensch weiß, was ich leide. Nicht mich ruft der +König, sondern ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen +Schleichweg, keine Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes +Medikament sein. Vielleicht finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz +und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land. Denn siehst +du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin. +Ich langweile mich bei Putz und Schmuck und beim schönsten Sonnenaufgang +und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es ist mehr als die +Langweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu +Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt +geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen _Menschen_ kennen +gelernt. Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert +mit den Pulsschlägen der Nacht, ich habe den vornehmsten Pöbel rasend +gemacht mit tanzen, ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen +lassen, – nein, ich habe mich gelangweilt. Ich habe mich in den Betten +gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich habe um Krieg +gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in die +Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer +aufgesucht und fand sie so öde, daß mir war, als müßte ich sie in den +Arm zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, – alles war +umsonst. Und was willst _du_, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich +packe heut mein Bündel und fahre. Geh, aber sei vorsichtig, denn du bist +ja ein gefährlicher Mensch.“ Sie ging zum Fenster, riß es auf und sog +mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein. Als Agathon nicht ging, +stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein +bösartiger Hund. + +Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine +lange Prozession von Kindern zog die Straße herab. Die zuerst Kommenden +beteten, wodurch das silberhelle, monoton gleitende Murmeln entstand; +die letzte Schar sang. Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche +Gleichgültigkeit, eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit, daß es +zugleich lächerlich und schrecklich war. Den Nachtrab bildeten sechs +Ministranten in weißen Gewändern; zwei trugen ein ungeheures schwarzes +Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war gänzlich fasziniert. Sie +schauderte. + +Agathon wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote +verließe, deren Seele man da draußen schon zum Grabe geleitete. + +Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Wagens, der den +Sarg trug, – einen kleinen, schmalen Kindersarg, der nicht schwarz und +nicht anders war, obwohl er vielleicht hatte schwarz sein sollen. Es war +ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem +Kranze darauf und sang im Chor. Agathon meinte, er müsse den Tod um die +Zukunft fragen, da das Leben so schweigsam war. + + + Sechzehntes Kapitel + +Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker +beeilt, die vornehme Bel-Etage eines vornehmen Hauses zu mieten. Seine +stolze Mutter hatte es verschmäht, bei ihm zu wohnen, und sie hatte +gelacht, als er ihr Geld anbieten wollte. Er betrieb eine eigene Art von +Leutseligkeit gegen seine Bekannten, die darin bestand, daß er seinen +berühmten Namen, auf Visitenkarten gedruckt, häufig in ihre Briefkasten +schob; er ließ das Haar ein wenig länger wachsen, den Bart ein wenig +imposanter stutzen, kaufte einen Brillantring, der beim Schreiben ein +schwüles Feuerwerk von Strahlen gab, ließ sich photographieren, und zwar +in einem Smoking, in einer Kravatte von durchbrochenem Rips, den +Cylinder in der Hand, mit fest nach vorwärts gerichtetem, gleichsam +unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund. Nach solchen +Vorbereitungen beschloß er, seinen Kollegen in der Hauptstadt ein +Rendez-vous zu geben und sprach gegen seine vertrauten Freunde +stirnrunzelnd von den Kniffen, die er werde anwenden müssen, um gewissen +Festlichkeiten zu entgehen. Seine Gewohnheit, einsam zu sein, lasse ihn +diesen Schritt nur mit großer Überwindung thun. + +Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein +würziger Strom Vorfrühlingsluft floß herein. Gudstikker war beschäftigt, +seine Reiselektüre zu sichten, als sich die Thüre öffnete und Monika +Olifat hereinkam. Sie öffnete die Thüre nur wenig und schob sich +furchtsam durch den Spalt. Sie hatte mit einem großen Shawl den Kopf +verhüllt. Gudstikker war so überrascht, daß er die brennende Cigarre +fallen ließ. Doch dies dauerte nur einen Augenblick; dann war er völlig +gefaßt, ja, er schien sich sogar zu freuen. Er ging hin und bot ihr die +Hand. + +Monika sah nicht, daß er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank +vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, ließ den Blick unsicher +umherschweifen und murmelte: „Du gehst fort, Stefan?“ + +„Aber natürlich, Närrchen, ich muß doch,“ erwiderte Gudstikker. +„Begreifst du denn nicht, daß ich muß? Am fünften führt man mein Stück +auf und heute, – na ja, noch drei Tage. Willst du dich nicht lieber auf +den Stuhl da setzen?“ + +„Also du gehst fort,“ wiederholte Monika mechanisch. „Du gehst fort.“ +Und sie wollte die Hand an die Stirn heben, ließ sie aber im Schoß +ruhen. Beide Hände lagen da, schwer, aneinandergepreßt. + +Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart +hervor. Dann nahm er ihre Hand und sagte: „Liebes Kind, die Pflicht +ruft. Da ist nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, daß ich nicht +wieder komme, nicht wieder zu dir komme? Wer kann es wagen, dies zu +behaupten? Sieh doch selbst; angenommen, wir könnten uns nicht wieder +treffen, selbst diesen Fall angenommen sage ich, bliebe uns nicht die +köstliche Erinnerung übrig, dir und mir? Flammen in der Vergangenheit +wärmen selbst die Zukunft, sagt irgendwo ein großer Dichter. Du wirst +das verstehen, denn du bist ja so klug wie wenig Weiber. Ist es denn ein +so großes Unglück, einmal an dem vollen Becher des Lebens getrunken zu +haben? Die Hauptsache ist, daß man satt ist, verstehst du. Ich behandle +ein solches Thema in meiner neuen Arbeit. Es ist außerordentlich +interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren Kritiker, +aber das macht Spaß. Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt; sie meint +sogar, daß es eine ganz philosophische Färbung hat. Sie hat ihr eigenes +Urteil in derlei Sachen, weißt du. Mein Gott, was hat sie aber auch +durchgemacht! Da ist es leicht, Philosophie zu haben. Nach dem Tod +meines Vaters ist es ihr verdammt schlecht gegangen. So schlecht, daß +sie ihr Brautkleid, eigentlich das Theuerste, was sie besitzt, ins +Pfandhaus tragen mußte. Und bis heute hat sie es nicht wieder einlösen +können. Man kann getrost sagen, daß es ihre Lebensaufgabe geworden ist, +ihr Brautkleid wieder einzulösen. Trotz alledem hat sie sich nie von +ihrem Hund trennen wollen. Ein prickelnder Stoff, was? Da kann sich ein +Balzac die Zähne ausbeißen. In letzter Zeit kränkelte sie übrigens. Du +könntest einmal hingehen. Aber rege sie nicht auf. Nur keine Scenen, +mein liebes Kind, nur keine Scenen, und vor allem keine Dummheiten. Noch +etwas, – daß du mir eine ordentliche Hebamme nimmst, und wenn möglich +einen geschickten Arzt dazu. Deine Mutter hat ja keinen Dunst von +solchen Sachen, _ta chère maman_ hehe. Ich muß sagen, ich freue mich +außerordentlich. Es ist eigentlich ein erhebendes Gefühl. Wie? Was sagst +du?“ + +Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine +lange Linie rosenroter Wölkchen. „Nun ja,“ sagte sie gepreßt. Das war +alles. Ihre beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glänzten +verräterisch, und als sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte, +perlte Thräne auf Thräne herab, ohne daß sie es zu hindern vermochte. Im +Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler und hielt ihre Stirn mit +beiden Händen. + +Es zeigt sich, daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht +verändern, daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der +Umwandlungen. Es scheint, als ob Charaktere oder Seelen über +Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und +Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen. Es ist dann gleichgültig, +ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstikker +heißt. + +Gudstikker stand am Fenster, pfiff eine Arie und betrachtete ebenfalls +die rosige Wolkenkette. Und in den Pausen seiner Kunstausübung murmelte +er: „Jaja, die Weiber, die Weiber.“ Dann dachte er daran, sich von +seiner Mutter zu verabschieden und er machte sich auf den Weg. + +Als er in die Stadt ging (seine Wohnung lag am Engelhardtspark in der +Nähe derjenigen Nieberdings), dunkelte es schon. Gudstikker fand sich +unvermittelt aus seiner siegesgewissen Stimmung gehoben. Er ging am +Redaktionshaus des „Tagblatts“ vorbei, als ein schriller Lärm ihn +aufmerksam machte. Seine zu jeder Zeit wache und geschäftige Neugier +hieß ihn stillstehn und lauschen. Er vernahm ein immer zunehmendes +Keifen, Brüllen, Schimpfen und Fluchen. Dazwischen wurde eine klagende +oder mahnende Stimme laut, und endlich wurde eine Thüre mit aller Wucht +zugeworfen; dann war es still. Gudstikker wollte seinen Weg fortsetzen, +als unter dem Thor des Hauses die Gestalt eines Greises erschien. +Gudstikker erkannte Baldewin Estrich und lachte. Eigentlich war es ihm +kaum klar, weshalb er lachte, denn der Alte bot bei den zahlreichen, +halbgeheilten Narben an Gesicht, Hals und Händen einen ziemlich +jämmerlichen Anblick; aber das hielt ihn nicht ab. Er raisonnierte +dabei: Gold machen allein wäre ja nicht so schlimm, das thun wir ja alle +auf unsere Art; aber Baldewin heißen außerdem –! + +Indessen kam Estrich auf ihn zu und erkannte ihn, obwohl er ihn erst +einmal in Zirndorf gesehen hatte, obwohl es dunkel war und obwohl er +erregt schien von dem Streit. + +„Was haben Sie denn dort drin gemacht?“ fragte Gudstikker lustig, +jedoch, wie ihm schien, sehr menschenfreundlich. Er gedachte, sich auf +eine Seelen-Analyse dieses „Originals“ vorzubereiten. + +Der Alte blieb stehen und sah unsicher umher. „Wo kann man trinken?“ +murmelte er. „Ich habe Durst!“ + +Gudstikker führte ihn in eine nahe Kneipe, wo als einziger Gast ein +jüdischer Hausierer saß, mit seiner Tagesbilanz beschäftigt, ein Glas +Zuckerwasser vor sich. + +Baldewin Estrich bestellte Schnaps. Gudstikker, der sich immer noch als +der Mann über einer komischen Situation fühlte, lächelte die Tischplatte +und demnächst seine etwas besser gepflegten Fingernägel wohlgefällig an. + +In der Schenke qualmte nur eine einzige Lampe. Die Fenster waren +geschlossen und schienen auch seit Jahrzehnten geschlossen zu sein, der +Atmosphäre nach zu schließen. Draußen war es noch nicht finster; die +Tiefe des Himmels war noch gelb. Estrich schaute in sein Glas und sagte: +„Junger Mann, ich habe abgerechnet. Ich bin leergepumpt, hohl, ein +hohles Faß. Ich habe gelebt, jawohl; aber für was? Für einen Fußtritt, +da haben Sie’s. Jetzt bin ich an der Reihe, Fußtritte zu geben. Also +aufgepaßt, da sind Zündhölzer: zwanzigtausend Gulden, achtzigtausend +Mark, sechsunddreißigtausend Mark, fünftausend Mark und daneben ein +kleines Loch und daneben ein kleiner Mann und daneben ein kleines +Schnapsglas ... hihihihi! Jetzt kommen meine Fußtritte. Meine Katze erbt +mein Haus, punktum. Meine Katze erbt mein Gold. So. Und wenn ich auch +noch keinen Notar und keine Zeitung für mich hab’, ich setz’ es durch. +Kein Mensch soll über meine Schwelle, so lang sie noch Schwelle, so lang +mein Haus Haus bleibt. Jetzt kommen meine Fußtritte, ihr satansträchtige +Brut, ihr Wanzenfutter, ihr Christen und Juden. He du! He! He Jud!“ + +Der Hausierer hob den Kopf. Als er das funkelnde Metall in Estrichs Hand +gewahrte, kam er näher. Vor dem Tisch schnappte er jäh zusammen wie ein +Messer, und seine Augen schienen herauszufallen. „Gott der Gerechte, was +ham Se da in der Hand? Werd’s doch user nit sein Gold? Is es? Is es +wahrhaftik? Odder welln Se machn zon Schoode en arme Jüd? Es is, schemaa +Jisroel, es is! Gott was e scheener Glanz! Gott was e scheenes Gold! +Chutzpeponim, was haste zum Narrn en arme Meschofesjüd! Gott, was e +scheenes, was e faines Gold!“ + +Gudstikker hatte nicht mehr Lust zu lachen. Im Gegenteil. Furcht und +Scham malten sich auf seinem Gesicht. Vielleicht seit seiner Kindheit +zum erstenmal vergaß er seine Rolle als Redner. Vielleicht zum erstenmal +wurde er erschüttert durch ein Bild der großartigen und bejammernswerten +Lebensschlacht. Der Hausierer stand da mit ein wenig vorgestreckten +Händen, und eine verschlingende Habgier brannte in seinem Gesicht, grub +neue Furchen und Runzeln hinein; seine Glieder bebten, sein Kopf +schaukelte mechanisch mit einer leisen Bewegung hin und her, seine +Finger krallten sich allmählich einwärts und seine feuchten Lippen +lallten. Baldewin Estrich schien sich nicht sättigen zu können an diesem +Anblick. Er streichelte das Metall, und halb scherzend, halb +schmeichelnd trällerte er eine Cadenz. Dann erhob er sich. Sein Gesicht +nahm einen überaus düstern und feindseligen Ausdruck an. Er spie aus, +schleuderte sein Glas gegen die Dielen, daß es zerschmetterte, warf Geld +auf den Tisch und verließ mit kräftigem Schritt und erhobenem Kopf den +Raum, wobei seine langen Haare flatterten. + +Während Gudstikker die Stufen hinunterschritt, die von der Kneipe auf +die Straße führten, stieß er so heftig mit einem Menschen zusammen, daß +ihm der Hut vom Kopf in die Gosse flog. Als er sich umsah, empört und +bereit zu schimpfen, war es Nieberding, den er in der letzten Zeit näher +kennen gelernt hatte. Nieberding schien nicht allein zerstreut und +abwesend, sondern auf seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder +aufregender Sorgen. Auf seinem Gesicht lag jener leise Ekel, in den sich +bei schwachen Naturen so schnell jede Mißstimmung verwandelt, und ohne +sich zu entschuldigen, man hätte glauben können, ohne den Stoß gefühlt +zu haben, eilte er seinem Hause zu. + +Er war in fieberhafter Ungeduld, das was er gehört, der Schwester +mitzuteilen. Er klopfte an ihre Thüre, doch sie antwortete nicht. Er +drückte auf die Klinke, doch sie war versperrt. Er pochte stärker und +rief ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in den Salon zurück und +schritt unruhig umher. Seine matten Augen lagen viel tiefer als sonst; +der suchende, krankhafte Glanz in ihnen teilte sich bei längerer +Betrachtung dem ganzen Gesicht mit. Seine Hände schienen ein eigenes +Leben für sich zu führen, schienen stets mit einander im Kampf zu +liegen, sich gegenseitig aufzureiben, worauf sie dann wieder lange Zeit +bewegungslos und müde herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im +Gebet zu falten, begierig nach einem Leiden. + +Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette, die sich in +einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte. Überall im Volk gärte +eine gewisse Erregung über das Schicksal des Königs, eine Unruhe, die +täglich zunahm, ein wachsender Haß gegen die Minister, gegen den Hof, +gegen die Familie des Fürsten, eine nahezu thatbereite Neugier. Leute, +die den König einmal gesehen, hatten ihn nie wieder vergessen. Der +Eindruck seiner Person war so tief, daß, wer ihn sah, selbst ein Stück +Vornehmheit und Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so außerhalb +alles Gewöhnlichen, Menschlich-Alltäglichen, daß der Nimbus, der seine +Handlungen umgab, fortwährend blendender und hinreißender wurde. + +Als Cornely noch nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten. Sie +wußten nichts bestimmtes. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen +Ahnung erfaßt, noch einmal so heftig er konnte an die Thüre. Dann +lauschte er und glaubte nichts zu vernehmen als einen Seufzer, der wie +durch viele Tücher gedämpft herausklang. Nun erbrach er mit Hilfe des +Dieners die Thüre. + +Es bot sich ihm dieser Anblick: Seine Schwester lag mit nacktem +Oberkörper vor einem großen Christusbild, das sie sich heimlich +verschafft haben mußte, denn Nieberding hatte nichts von seinem +Vorhandensein gewußt. Ihr unglücklicher Körper war mit Striemen bedeckt. +Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer schmalen Linie verzogen, +die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern. Nieberding schob den +Diener ungestüm hinaus und kniete nieder zu ihr; hob sie auf und legte +sie aufs Bett. Statt sie wiederzubeleben, starrte er sie an, während +sein Herz langsamer schlug. + +„Cornely,“ flüsterte er an ihrem Ohr. + +Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie bebend die Decke bis an den Hals +hinauf. + +„Was hast du gethan, Cornely?“ sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine +zunehmende Furcht sichtbar war. + +Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des +Bruders. „Geh nie mehr fort,“ stammelte sie. „Ich kann nicht mehr +schweigen. Ich habe dich geliebt, liebe dich Edward, es ist entsetzlich. +Drücke meine Hand nicht so. Dafür büße ich vor Jesus Christus, denn +schon lange bin ich keine Jüdin mehr. Ich denke genau so wie du.“ + +„Schwester!“ rief Nieberding und wich zurück. + +„Versteh’ mich recht,“ fuhr Cornely fort, allmählich in einen +fieberhaften Ton verfallend, „nicht als Bruder habe ich dich geliebt. +Nein, so, daß ich keinen Schlaf, keine Ruh’ mehr hatte von der Stund’ +an.“ + +Die Furcht in Nieberdings Gesicht nahm beständig zu. Einmal blickte er +um sich, als erhoffe er durch irgend einen Zwischenfall Befreiung von +dem Gequälten der Situation. Wirklich erschien gleich darauf die Gestalt +Bojesens vor der Schwelle und hinter ihm eine Sekunde lang das neugierig +grinsende Gesicht des Dieners. + +Bojesen war erstaunt; doch es schien, als ob er sich nur mit Mühe in +dies Erstaunen finden könne, gegenüber einem Gegenstand, der ihn bis +jetzt gänzlich in Anspruch genommen hatte. Seine Kleidung wies solche +Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung auf, daß, wer +ihn früher gekannt, nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als das. Obwohl +Nieberding erleichtert aufatmete, als er den Eindringling gewahrte, +wandte er sich ihm doch mit einem ungeduldigen und unwilligen +Stirnrunzeln zu. + +„Sie wissen nicht, wo Agathon Geyer ist?“ begann Bojesen ohne weitere +Einleitung als einen flüchtigen, mürrischen Gruß. + +Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agathon Geyer gar nicht. Er +wurde immer mehr verwundert durch Bojesens nervöses, förmlich zuckendes +Wesen. Er fuhr sich zahllose Male mit der flachen Hand über die Stirn +und lächelte verstört in sich hinein. + +„Ich habe ja gar nicht gefragt, ob sie ihn kennen,“ sagte Bojesen und +blickte sich mit leeren Augen im Korridor um, wohin ihn Nieberding +geführt hatte. + +„Aber was giebt es denn? Was haben Sie?“ + +„Entschuldigen Sie, daß ich komme,“ murmelte Bojesen. „Entschuldigen Sie +nur. Natürlich können Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne +ich bei allen möglichen Leuten herum, hier und in Nürnberg. Deswegen +komme ich auch zu Ihnen. Kennen Sie die Schrift?“ Er hatte einen +verschlossenen Brief aus der Brusttasche gezogen, dessen Adresse er +Nieberding hinhielt. + +Nieberding erbleichte. „Es ist Jeanettens Hand.“ + +„Jeanettens Hand, sehr richtig,“ erwiderte Bojesen mit einem hämischen +Zucken der Mundwinkel. „Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt alles +Geschirr auf die Dielen wirft, sehr richtig. Ich glaubte schon Ruhe zu +haben vor Jeanettens Hand. Aber das braucht Sie ja gar nicht zu +interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen. Er kann +dann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: ‚Jeanettens Hand‘.“ + +Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester +zurückgewichen war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen +gegenüber. Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen +erschien ihm so überlegen an Leidenschaft, daß er Angst hatte, ihn zu +einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen. „Und was will sie? Weshalb +schreibt sie an diesen Agathon?“ wagte er endlich zu forschen. + +„Ach fragen Sie nicht so frisiert. Sie schreibt an ihn. Punktum. Ich +wußte es stets. Sie hat auch mir geschrieben. Sie bittet mich bei allem, +was mir heilig sei, als ob’s dergleichen noch gäbe, ja, also ich solle +Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an den sie +sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden. +Nun, da dieser Agathon auch von der Polizei gesucht wird, ist die Sache +schwierig. Sie wissen ja, was man sich von dem merkwürdigen Menschen +erzählt. Der Brief, den sie mir schreibt, ist auf seltsames Papier +gekritzelt. Schwarz mit grüner Tinte. Der Poststempel ist von irgend +einem Dorf da im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf. Das wollt’ +ich Sie bitten. Ich kann nicht allein. Es sind so öde Strecken. Oder wir +wollen einen Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.“ + +Wie gebannt starrte Nieberding in das leidenschaftlich erregte Gesicht +des Lehrers, auf dem die trübe Korridor-Ampel ein unruhiges +Schattenspiel veranstaltete. Fast willenlos nahm er den Hut vom +Kleiderstock und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand +sie am Fenster stehend. Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die +Hand; er komme bald wieder. + +Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick +wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding die +aufgebrochene Thür von draußen angelehnt hatte (er that dies mit einem +gewissen Eifer, als könne er dadurch die Schwester für sich günstig +stimmen), nahm Cornely einen Shawl, hüllte den Kopf damit ein, strich +die wirrgewordenen Haare flüchtig zurück, schlug mit einer krampfhaften +Gebärde die Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre +Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch +kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren +Schritt nicht. Sie ging immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern, +mit einem Ausdruck im Gesicht, der ein Gemisch von müder Erwartung und +furchtsamem Horchen war. So glich sie einer fast verwelkten Pflanze. + +Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber +jetzt bemerkte sie, daß es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde +ihr so jähe klar, daß sie fröstelnd stillstand und überlegte. In der +einen Straße befand sich ein Lastwagen, und auf ihm waren, trotz der +Abendstunde, noch Leute damit beschäftigt, dicke massive Eisenschienen +auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab ein hallendes Getöse, ein +schrilles wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer fernen Volksmenge +glich; in einer andern Straße spielten Kinder, so als ob die Nacht gar +keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern Straße +rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum +Durchgehen. Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie +kannte solches Leben nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die +Schürzen der Mädchen huschen, die über die Straße liefen; sie sah es +tropfen von den Balkonen, wo man die Zimmerpalmen begoß; es kletterte in +Gestalt einer Katze über die Zäune, es bellte als Hund, es läutete als +Abendgeläut. + +Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen +Vorstellungen. Sie dachte an Jeanette, an das Pfänderspiel von einst und +bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergaß, daß Jahre +hingegangen waren seit der Stunde jenes Pfänderspiels und es kam ihr +vor, als könne sie Jeanette treffen wie damals, wenn sie nur das Haus +des Barons betrete. Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand, schämte +sie sich und kehrte seufzend um. + +Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich an den Rand ihres Bettes nieder +und dachte nach. Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände +und Fügungen sie zu dem geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als +ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder, +ersticke jede Freiheit, jeden Willen zur Freiheit. Unter all diesen +Gedanken war auch einer, der sie zittern ließ. Zittern vor dem Reichtum, +vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater war Sklavenhändler in +Amerika gewesen. Dies war genug für sie, daß sie die Seelen +Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, daß die Luft um sie herum +erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens. +Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie, die Berührung mit dem +Holz des Bettes könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu +einem kaum erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben, +haltlos, voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie, +das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast +mechanisch, wie ein Fallender nach einem Halt greift, nahm sie Bleistift +und Papier und schrieb, ohne auszusetzen, fast ohne sich zu besinnen, +mit glühenden Augen und in völliger Selbstvergessenheit: + + Sag’ mir an, du trübes Gespenst, + Was du Wissen und Leiden nennst? + + Sag’ mir, du ruhige Finsternis, + Warum Gott seinen Sohn verließ? + + Sprich, du Himmel ohne Gnaden, + Weshalb hat mich der Freund verraten? + + O sprich, du lange Einsamkeit, + Was ist Tod und was ist Zeit? + + Da begann das trübe Gespenst: + Was du Wissen und Leiden nennst, + Das ist kraft eines deutlichen Traumes; + Das ist Spiel jenes bunten Saumes, + Saum vom Kleide der Ewigkeit, + Kraft eines langerloschenen Lichts, + Dies ist Wissen, dies ist Leid + Und sonst nichts. + + Sprach die ruhige Finsternis: + Warum Gott seinen Sohn verließ, + Das ist kraft seiner Lust zur Freude; + Das ist Kampfspiel, das stets erneute + Hangen und Bangen am Lebensbaum. + Gott wünschte einen Sohn des Lichts; + Seine Vaterliebe, sie ist nur ein Traum + Und sonst nichts. + + Sprach der Himmel ohne Gnaden: + Mit Recht hat dich der Freund verraten. + Freundschaft ist zärtliches Betrügen, + Kopfnicken und Rückenbiegen. + Umklammert deine Faust das Schwert, + Freue dich des Verrätergerichts; + Entbehren ist, was dich der Freund gelehrt, + Und sonst nichts. + + Sprach die lange Einsamkeit: + Frage nicht, was Tod und Zeit. + Tod bist du und Zeit bist du, + Rast und Flucht und Kampf und Ruh. + Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten + Wirst du am Tage des großen Verzichts + Hin vor meine Füße gleiten, + Und sonst nichts. + +Als Cornely dies geschrieben, schaute sie geraume Zeit mit staunenden +Augen ins Lampenlicht. Dann erhob sie sich, packte das schwere Kreuz an +der Wand und trug es mit ihren schwachen Armen hinaus in den Korridor. +Hierauf suchte sie die Thüre zu schließen, da aber das Schloß nicht +fungierte, verrammelte sie sie mit einem Stuhl und einem Tischchen und +begann sich mit einer träumerischen Ruhe zu entkleiden. Die Ruhe, die +sie erfüllte, war so frauenhaft und ausgeglichen, daß sie sich ganz +neubelebt fühlte. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor +den Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und +verlornen Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und +der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie +nicht den eigenen Körper, sondern freundliche Gestalten umschwebten sie, +deren Nähe ihr beglückend dünkte. + +Bald darauf ging sie zu Bett. + + + Siebzehntes Kapitel + +Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei, als Agathon an +einem kalten Spätnachmittag nach Fürth kam. Er war schon ziemlich lange +umhergewandert, ohne daß er sich entschließen konnte, jemand von den +Menschen aufzusuchen, die er kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem +ersten Stock eines Hauses der Schwabacherstraße zu seinem großen +Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte diese +lebhafte Dame auch ihn erblickt und erkannt. „_Ah, monsieur Geyer!_“ +schrie sie und gestikulierte mit beängstigender Heftigkeit. „_Ah, +monsieur Geyer! entrez, je vous prie! Consolez une misérable femme!_“ +Agathon lächelte und ging hinauf. + +Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haßerfüllten Blick +auf ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit +einer schmeichlerischen Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete +und schlang beide Arme um den Hals der verängstigt dabei stehenden +kleinen Esther. Frau Olifat stürzte sich sogleich über Agathon her, +erklärte ihm mit einer betäubenden Beredsamkeit halb deutsch, halb +französisch, daß sie für ein paar Wochen nach der Stadt gezogen sei, der +Gesellschaft halber, daß sie die „Supposition“ habe, im Sommer nach den +Seen zu reisen; es blieb unerklärt, welche Seen sie dabei im Sinne habe. +Sodann klagte sie in leidenschaftlichen Worten über Monikas Benehmen, +die den ganzen Tag dasitze, ohne sich zu rühren, ohne zu essen, ohne zu +sprechen, ohne zu lachen, „_tout comme une morte_“. Dann setzte sich die +gute Matrone hin und begann aus vollen Kräften zu schluchzen. Esther +lief zu ihr, kletterte auf ihren Schoß, schmiegte sich an ihre Brust und +blickte feindselig ihre Schwester Monika an, die während alledem keine +Miene verzog. Bald sprang Frau Olifat wieder auf, ergriff Monikas Hände +und begann von neuem in sie hineinzureden. Doch das Mädchen wandte mit +einer affektierten, bösartigen Gleichgültigkeit, als sei sie taub, das +Gesicht nach einer andern Richtung. Die gequälte Mutter wurde zornig; +unerschöpflich entfloß ein Strom von Schmähungen ihren Lippen, und +einmal erhob sie den Arm wie zum Schlag. Darauf packte sie Esther, riß +und schleppte das Kind durchs Zimmer zur Thüre und dröhnend fiel die +Thür hinter ihr ins Schloß. + +Agathon sah sich mit Monika allein. Wieder fühlte er eine atemraubende +Beklemmung ihr gegenüber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen +hatten sich, kaum daß die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem +brennenden Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten feucht, – vor Scham und +Verzweiflung. „Ich kann ja gehen, Agathon, wenn Sie nicht wollen, daß +ich bleibe,“ sagte sie mit einer eigentümlich brüchigen Stimme, und um +ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln. + +Gern wäre Agathon hingegangen und hätte ihre Hand ergriffen, nur +vielleicht um sie zu bitten, sie möge wieder du sagen. Aber er konnte +nicht. Diese unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo er war. +„Was hast du nun eigentlich, Monika?“ fragte er ruhig. + +Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agathon hatte dabei das +Gefühl, als blicke er in einen Raum mit kahlen Wänden, während vorher +der intime Zauber der Behaglichkeit diesen selben Raum erfüllt hatte. +Etwas Zerflossenes, ja etwas Hündisches war in Monikas Augen. + +„Ich weiß es, du hast Gudstikker geliebt,“ sagte nun Agathon wieder, +„aber deshalb mußt du doch nicht so am Leben verzweifeln, Monika. Du +warst doch sonst so froh und immer voll Hoffnung; du hast einen immer +ausgelacht, wenn man traurig war, Monika. Und jetzt? Was ist mit dir? +Ist denn das Leben für dich weniger groß und gut geworden? Viele haben +geliebt und entbehren müssen, das ist gewiß wahr, Monika. Aber sieh, nun +kommt bald der Frühling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne +auf dich scheint, und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine +Wangen werden wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles +vergessen haben, Monika, diesen ganzen elenden Winter für dich wirst du +vergessen haben.“ + +Da richtete sich Monika auf, und über ihre Züge ging eine zuckende +Bewegung. „O Agathon,“ rief sie aus, „nie mehr können meine Wangen rot +werden, nie mehr, nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne +sehen, nie mehr kann ich vergessen, Agathon, nie mehr, nie mehr.“ + +Agathon näherte sich ihr und beugte sich herab zu ihr, ergriff ihre Hand +und schaute sie an. „Was hast du gethan, Monika? Sprich! Warum schweigst +du? Warum verschweigst du mir’s?“ + +Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agathons Nacken. So sah +sie zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der +Ferne zu erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: „Er hat mich +betrogen. Geh’ hin und räche mich.“ + +„Monika!“ schrie Agathon auf und machte sich los von ihr. + +„Es ist so finster,“ flüsterte Monika verstört und schauerte zusammen. +„Es wird schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben mit allem, was +ich bin. Aber denke nicht schlecht von mir, Agathon, bitte dich, thu’s +nicht. Geh’ nicht fort jetzt, nicht fort. Du hättest es doch wissen +müssen, schon lange. Geh’ nicht fort jetzt.“ Als die Thüre sich hinter +Agathon geschlossen hatte, warf sie sich jammernd zu Boden. Aber bald +darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm lag. „Wo wohnt +er?“ + +Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt nannte die Straße und das +Haus. + +Gudstikker war daheim, als Agathon bei ihm anklopfte. Er zeigte ein +überraschtes und freudiges Gesicht bei seinem Anblick und ging mit +ausgestreckten Händen auf ihn zu, um aber auf halbem Wege wie +angewurzelt stehen zu bleiben. „Na, was machen _Sie_ denn für ein +Gesicht, Verehrungswürdiger,“ sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb +trotzig. + +Agathon stand ihm gegenüber, und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie +verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er +noch die Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lügnerische +Gesicht geblickt, war er wie entwaffnet. Es war die Lüge selbst, die ihm +in ihrer ganzen brutalen Unbekümmertheit entgegentrat. Glätte und +Spitzigkeit, Zähigkeit, scheinheiliger Ernst, – Agathon fand kein +anderes Wort dafür, als das Wort jüdisch, in seinem häßlichsten Sinn. +Gudstikker schien ihm die jüdischeste Natur, die er je getroffen. + +Gudstikker war indes das lange Schweigen unbehaglich. Er bemerkte eine +gewisse Veränderung in Agathons Wesen, seit dieser bei ihm eingetreten +war. „Ach, Sie kommen wohl wegen der kleinen Monika,“ sagte er +nachlässig, in dem sichtlichen Bestreben, Agathon zu verletzen. „Ich sah +es Ihnen gleich an. Bischen verliebt, was? Aber das geht schon vorüber. +Trösten Sie sich nur und legen Sie vor allem Ihre Berserkermiene ab. +Unsereins kann sich nicht bei dem schönen Geschlecht aufhalten. Was für +so ein Weib der Lebensinhalt, ist für uns eben nur ein Episödchen. Ja +ja. Eben bin ich im Begriff, mein Verhältnis mit der kleinen Käthe in +Ordnung zu bringen, d. h. wohlverstanden, zu lösen, hehe. Deswegen habe +ich meine Abreise verschoben und das Vergnügen genießen können, Sie noch +zu sehen. Die kleine Estrich muß sich eben auch trösten. Sie ist mir +doch zu sehr kleines Bürgermädchen. Mein Gott, man verlangt doch ein +bischen Kultur. Und dann, der schaffende Mensch muß frei sein. +Rücksichtslos muß er alles zur Seite schieben, was im Wege steht, und +wenn es nicht anders geht – zerstampfen. So. Nun haben Sie meine +Lebensanschauung.“ + +Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen, aus denen mühelos +Phrase um Phrase quoll. Er schwieg. + +„Ich will Ihnen etwas sagen,“ meinte Gudstikker nach einer peinlichen +Pause und in etwas prahlerischem Ton, der noch unangenehmer berührte +durch das Hingeworfene, anscheinend Leichte und Elastische seiner +Redeweise. „Ich will Ihnen sagen, Sie sind ein Idealist. Was sag’ ich, +Idealist! Ein verschwommener Träumer, ein unverbesserlicher +Hanshasenfuß. Der moderne Mann muß grausam sein, rachsüchtig, blind für +die Krüppel und Lahmen und Bettler. Sie kommen daher als Ritter eines +kleinen Mädchens, das in leichter Stunde vom Piedestal der Tugend stieg. +Was macht das? Leben wir etwa, um tugendhaft zu sein? he? Oder leben +wir, um zu leben? Was Sie wollen, ist ja alles ganz schön und grün, aber +es verrät keinen großen Geist, keinen starken Geist. (Wie kann er +wissen, was ich will, dachte Agathon.) Kennen Sie das wahre Elend der +Welt? Nein. Kommen daher mit prophetischen Gelüsten und haben keine +Augen für die wahre Not der Zeit. Soll ich einen Abend lang Ihren +Asmodai machen? Soll ich? Mein Weg führt mich ohnedies dorthin, wohin +ich Sie führen will, – Studien halber natürlich. Allons, kommen Sie.“ + +Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers. +Zugleich empfand er ein fast unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die +bisweilen hinter dem schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein +Flämmchen. Er suchte sich allem diesen zu entziehen, aber umsonst. Er +folgte Gudstikker, der mehrmals kurz und herausfordernd vor sich +hinlachte, auf die Straße. + +Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo die +verrufenen Häuser standen; wo wenige Laternen ein dürftiges Licht +spendeten, und wo die Schutzleute zu zweien und dreien gingen, streng, +finster, sorgsam spähend. + +Sie kamen zunächst an ein kleines, einstöckiges Haus, über dessen Portal +eine grüne Lampe brannte. Die Fenster waren mit Jalousien dicht +verhängt. + +Als Gudstikker das Thor geöffnet hatte und zur linken Seite in einen mit +verblichener, gleichsam abgesessener Pracht ausstatteten Salon getreten +war, kam den Beiden eine Schar von geschminkten Mädchen +entgegengesprungen, die mit Gudstikker sehr vertraut thaten, sich an +seinen Arm hingen, lachten, trällerten, scherzten, nach Wein riefen und +sich auf jede Weise und aufs äußerste bemerkbar zu machen suchten. Sie +waren mit nichts bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen; ihre +Augen glänzten krankhaft oder schienen müde, ihre Bewegungen waren +geziert, ihr Lachen übertrieben, ihre Scherze frivol. Ihr Gang hatte +etwas Schwankendes, das Spiel ihrer Hände und Finger etwas Gieriges, +Abenteuerliches. Seltsamerweise beachteten sie Agathon gar nicht: manche +blickten scheu nach ihm hin, aber thaten dann wieder, als sähen sie ihn +nicht. Bisweilen erschien eine ältere Dame und führte anzügliche Reden, +die nach ihrer Absicht etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch +läutete die Portalglocke, dann verschwand eines der Mädchen, lächelnd +und nickend, gleichsam voll Versprechungen, und die Andern sahen +teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend. + +Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gönnerhaft verabreichte er seine +Worte, lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern +zurück, klatschte leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf +einem schrillklingenden Klavier an, tauschte heitere Reminiscenzen mit +der Dame des Hauses, lächelte nachsichtig, wenn ihn die Mädchen neckten +und ihn den „schwarzen Doktor“ nannten, und bei alledem schwand eine +gewisse ernste Falte nicht von seinem Gesicht und ein stechender Blick +nicht aus seinen Augen. Bald ging er weiter mit Agathon in ein daneben +befindliches Gebäude, und Agathon folgte wie gezogen, halb betäubt durch +eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah er +den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel, +matte, von Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die für den +Gebrauch der Nacht überschminkten Frauengesichter, in denen jedes +Leiden, jeder Schmerz, jedes Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit +verschwunden war, wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern, +atmete den Rauch der Cigaretten, den Dunst der Weine und wurde behandelt +wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht. Er sah in dunkle +Nebenkammern, wie man wohl auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren +verfolgt: auch dort hatte das heimische Laster seine Spuren selbst in +die Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Männer lungern +und sich erhitzen um einen Kuß, von dem sie vergessen wollten, wie feil +er war und wie jedem er gewährt worden war. Er sah Spielkarten fliegen +und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen, Pfropfen knallen, +Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen, wie mancher seine Ohren +verschloß gegen Stimmen, die er nicht hören wollte, nie hören durfte, +ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die Kammern dieser Frauen +und Mädchen, die von einem überhäuften und unsinnigen Pomp starrten, +worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen, worin ein +rotes oder grünes Licht eine künstliche Schwülnis hervorbrachte und +selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Absichtsvolles und +Dekoratives verlieh, gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der +poetischen Verführung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein +ersinnt und dem sentimental gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die +verschnörkelten, steilen Treppen, auf denen die Mädchen hinauf- und +hinabeilten und dabei berechneten, wie viel sie noch verdienen müßten, +um sich bezahlt zu machen dafür, daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich +mästen durften, ohne daß man mehr von ihnen verlangte, als daß sie +lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett oder mager sein, blond +oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe, als die, zu +lachen. Und jedes neue Läuten der Portalglocke brachte einen neuen Gast +in diese besuchteste Krämerei der Stadt: Junge Leute, die mit zitternden +Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu +warten, was man mit ihnen beginnen würde; schiefe Greise, die hier einen +letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren; Männer, +von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den +erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie +wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen, junge +Bräutigame, die hier ein Mittel fanden, die ideale Schwärmerei des +Brautstandes zu überdauern, geachtete Bürger, die liebenswürdige und +gute Frauen besaßen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um +Erbarmen flehend, suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und +diese antworteten: ‚Hier giebt es kein Erbarmen; wer hier eintritt, für +den ist keine Hoffnung. So ist unsre Welt.‘ Und er tändelte weiter mit +den Mädchen, während Agathon Ruhe, Kraft und Besinnung verlor und Bild +auf Bild in stummer Reihenfolge ihn bedrängte. Oft war es auch ein +leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den +Strudel und versank. Erschüttert wollte Agathon fliehen, doch schon war +Gudstikker neben ihm, der ihn führte, – durch die menschenleeren Gassen +der Stadt. + +Warum, warum ist das alles? fragte Agathon flüsternd. Aber nichts gab +ihm Antwort, während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn +wirkte. Und er sah durch die Mauern der Häuser, armer und reicher +Häuser, und er hatte auch deutliche Hallucinationen, die wie Angstrufe +waren, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, eines Staates, der +wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt, um unrettbar in den +Abgrund zu tauchen. Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das +lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt, und um jenen +öffentlichen Anstand zu wahren, der noch die letzte Klammer der +berstenden Wände bildet. Er sah, daß jedes Haus eine Wunde hatte, die +unheilbar war; daß jede Thüre eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen +Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; daß jedes Glas +eines jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel +begangen worden wären; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief, +daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines +begangenen Frevels getrübt wurden, daß die Bereitwilligkeit, sich zu +verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer war, als in jenen +öffentlichen; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens +verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt; +daß die Prostitution bei Tag und Nacht, jahraus, jahrein durch die +Gassen geht und harmlos scherzend Gift sät; daß die Kaserne und das +Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das Wirtshaus, das +Theater und die Schule von _einem_ Schmerz gepeinigt, von _einer_ Lüge +erhalten, von _einer_ Hoffnung betrogen werden. Und Agathon sah das Ziel +in der Ferne zerstäuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg +erleuchtet, langsam vergehen und erkannte, daß er gegen die gigantische +Masse des Elends nichts war als ein Kind, das mit seinen Händchen +Gebirge abtragen will. Und Jude oder Christ, was bedeutete ihm das noch +gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf, der hier zwischen +schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ hatten in gleicher +Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es stand +und ihre ergraute, blinde, lahme und taube Moral, halbverreckt an +Altersschwäche, konnte nicht den Tod finden, wenn man ihr Leben in +angestrengtem Bemühen durch Kunstmittel verlängerte. + +„Gute Nacht, Bester,“ sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus +standen. „Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut gethan. Die Welt ist +viel größer, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute +Nacht.“ + +Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb, als er sich allein +sah, lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden +Gudstikkers waren alle diese Bilder und Gesichte vorbei, förmlich +schwarz gemacht durch die Nacht. Er hatte kein Bett, keinen +Zufluchtsort, begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe. +Betrunkene taumelten an ihm vorbei, betrunkene Männer und ganz junge +Leute, gröhlend oder still, begeistert oder trübsinnig. Alles was noch +lebendig war auf den Straßen, wurde durch diesen Geist der Besoffenheit +bewegt, der einen übelriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch +morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren +unmutig machen; er wird diese Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer +Kinder brütet, den Mann und die Liebe verachten lassen und wird das Bild +einer morschen Indolenz bis zur Greifbarkeit verdeutlichen, alle Gefühle +der Anmut und Frische zerstören, jede Vereinigung von Kräften +unterwühlen. + +Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt. + +Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt +Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit, von einem +übertriebenen Nimbus verklärt. Agathon blickte auf sie hin, wie auf eine +tröstende Gestalt. Ehe er es überlegte, befand er sich schon vor dem +Haus, in dem der Lehrer wohnte. Da das Thor bei der späten Stunde schon +geschlossen war, ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten +Steinfließen nieder, umschloß die Kniee mit den Armen und wartete. Er +wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit. Im dritten +Stock, wo Bojesen wohnte, öffnete sich bisweilen ein Fenster. Das +Vorbeidefilieren der Betrunkenen minderte sich. Die Uhren schlugen eins, +zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger zu +werden, körperlicher. Und Agathon saß und wartete auf Bojesen wie auf +eine Lichtgestalt. Wenn es Morgen war, würde man das Thor öffnen, und +Agathon konnte dann zu ihm gehen. Was er dort wollte, daran dachte er +kaum. + +Aber war dies nun nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas +zusammengekrümmte Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die +Hände tief in den Taschen vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens +Züge? Agathon mußte unwillkürlich lächeln, daß dies seltsam schiefe Bild +eines Menschen, diese schwankende Nachtgestalt eine solche Ähnlichkeit +aufwies. Aber warum starrte nun dieser Schein-Bojesen so? suchte in +seinen Taschen nach Schlüsseln –? brummte, als er sie nicht fand –? + +Es erwies sich, daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem +falschen Bojesen und Bojesen, der Lichtgestalt. Und schließlich erhob +Agathon in einem stechenden Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu +einem Schrei, den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen, +der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können, zurück und +lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl. „Ich – suchte – Sie – sch– +schon – l– lange genug – Ag– Agathon,“ sagte er. + +Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin. + +Bojesen zog den Brief aus seiner Brusttasche mit einer völlig +mechanischen Bewegung. „Da lesen Sie ihn gleich,“ sagte er und war +plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache. „Sagen Sie mir, was es ist. +Sagen Sie es mir. Ich vergehe sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann +mich nicht losreißen, verbrenne mir das Herz dabei, verliere mein +Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich bin hin, eine Null, ein +hohler Stamm, ein mürbes Blatt, ausgeblasen, bankrott. Was weichen Sie +zurück vor mir? Agathon, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die Tugend +selbst, daß Sie mich verachten dürfen? Was weichen Sie zurück mit diesen +entsetzten Augen?“ + +Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch, der von Bojesen auf ihn +einströmte. Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit überstürzten +Sätzen, purzelnden Worten und grotesken Armbewegungen. + +„Nein, nein, ich bin nicht betrunken,“ fuhr er fort, als fühle er +plötzlich den Grund; „nur ein paar Gläser Grog, das ist alles für einen +Bankrotteur. Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser, +sein Gang schwerfälliger) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund – –“ + +Da wandte sich Agathon, nachdem er den Brief an sich genommen und ging +fort, so schnell er immer konnte. Und hinter sich hörte er den +verzweifelten, gleichsam ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen: +Agathon! Agathon! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß +neben sich dumpf rauschen hörte, vernahm er es immer noch, dies: +Agathon, als ob es aus dem Bett des Stromes käme. + +Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die +unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgethan hatten, schlossen +diese Pforten von selbst wieder. Über der schier mit Händen zugreifenden +Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt, ein brennendes Land. +Erst brannte es sichtbar, lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch +und man hörte keinen Hilferuf. + +Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals +der Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein +anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und +verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der +Umgebung. Nach einiger Mühe gelang es Agathon, sich durch das +verrammelte Thor zu zwängen. Er legte sich vor den Ofen und bemerkte, +daß seine Kniee vor Kälte schlotterten. Doch er empfand es kaum. Sein +überaus bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheuren +Bewegung seines Innern. + +Schließlich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hähne begannen +schon zu krähen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und +erkannte Jeanettens Schriftzüge. Er riß ihn auf, und eine Banknote fiel +heraus. Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden +Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte: Komme +sogleich hierher. + + + Achtzehntes Kapitel + +Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem öden Bahnhof und +erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein +Viertel nach acht Uhr saß er in einem Coupé, sah sich durch die Ebenen +Frankens rasen, über denen ein lichter und milder Nebel lag, sah Flüsse +unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die +flüchtige Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern +festzuhalten, die sich ängstlich an sanftansteigende Höhen klammerten, +von Städten, die erst aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles +sei vorher gar nicht dagewesen, sondern sei um dieses Tages willen +eigens für ihn gemacht. Dann kamen die Mittelgebirgsländer mit der +idyllischen Ruhe dicht zusammenliegender Marktflecken, mit alten +Steinbrüchen, tiefen Thälern, kahlen Hügelketten, vergoldet von der +Morgensonne, die sich gleichsam schlaftrunken aus umlagernden Wolken +löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine weite, endlose, +dürre Ebene, über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich +jagenden Bildern wie in einem Scheindasein. + +In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Straße, die ihm +Jeanette angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne +Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das +Haus. Eine sehr alte Frau öffnete ihm. Auf sein Fragen wies sie ihn ohne +weiteres in ein längliches, etwas dumpfes und schwüles Zimmer. Sie wisse +schon, sagte sie in karger, mißtrauischer Weise; er möge warten. + +So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und +blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen, +wie er hierhergelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen +erloschen, seine Haltung zeugte von einem mühselig sich verkriechenden +Schmerz. So war alles um ihn her eine mehr oder minder leblose +Täuschung. + +Plötzlich ging die Thür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf einen Shawl, +den sie über den Schultern gehabt, achtlos in eine Ecke. Sie schien +gänzlich außer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem +Feuer erfüllt. Sie hatte Agathon kaum begrüßt, als sie auf den nächsten +Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte. + +„Warum bist du nicht früher gekommen, Agathon?“ murmelte sie nach einer +Weile. „Ich habe dich erwartet. Doch, es war vielleicht besser. Gestern +hättest du mich doch nicht hier in der Stadtwohnung getroffen.“ + +Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm +empor. Seine Berührung schien sie zu trösten, auch das Beruhigende, +Klärende, Wärmende seines Blicks. Sie drückte ihm die Hand, und Agathon +dachte, daß sie sehr verändert sei. „Ich glaubte, ich hätte den Verstand +verloren,“ sagte sie und strich sich über die Stirn. „Setz dich zu mir, +Agathon, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut ist es, daß du da +bist und ich zu dir reden kann!“ + +Und sie erzählte. + +Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen +Schlösser gebracht worden, in dem sich der König gerade aufhielt. Es war +ein unerhörter Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing, aber ihre +Erregung hatte den Blick dafür gänzlich verschleiert. Sie mußte ihre +Kleider entfernen und in einem seltsamen Phantasiegewand vor dem König +erscheinen. Sie hatte den Eindruck, als verfolge man mit ihrer Person +irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der doch seit Jahren sich von +allen Frauen ferngehalten. Er verachtete und geringschätzte die Frauen +und war hart und brutal gegen sie. Sie sah also den König. Jene ganze +Leidenschaft, deren Gefäß sie von da ab war, erfüllte sie sogleich bei +jenem ersten Anblick. Er war von ziemlich fetter, aber zugleich +riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so breit und mächtig, daß +sie für jeden, über den sie sich beugten etwas Zermalmendes hatten. Sein +Gesicht war außergewöhnlich bleich, sein Haar glanzlos, tiefschwarz und +es stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch alles das wurde in +Wahrheit belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren +sie von einem hinreißenden Ausdruck, von einem lodernden Feuer erfüllt. +Es schien, daß ihnen keine Qual erspart geblieben, daß sie keine +Schönheit unwiderstrahlt gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in +sie zu schauen. Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers. In +seinem Wesen war wenig von Majestät. Ruhelosigkeit, die Angst des +Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit beherrschten ihn. + +„Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,“ fuhr Jeanette fort. +„Das ganze Schloß, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in +Bewegung, in Hast, in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in einer +mit sechs Pferden bespannten Karosse in die Residenz und Vorreiter mit +Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es, die Bahn zu benutzen. Es +ist alles von einer bestrickenden Pracht, was er unternimmt. Am Morgen, +ich hatte nicht schlafen können, sondern war am Fenster gelegen und +hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die Unruhe, die +ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn, wie +sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als er den Wagen +verließ. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er +zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich +glaube, sie wußten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der +Adjutant, der sein Freund und Vertrauter war, zu ihm, und ließ mich mit +ihm allein.“ + +Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme +wieder. „Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon, +und wenn ich so alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in +den Saal, der von Licht und Gold strahlte, wußte ich, daß meine Seele +diesem Mann unwiderruflich angehöre, und ich küßte in Gedanken die +geheimnisvolle Hand des Schicksals, das mich zu ihm geführt. Wundere +dich nicht über meine Worte, Agathon, aber sie sind mir im Augenblick +die natürlichsten Worte von der Welt. Ich wußte, daß ich für ihn sterben +könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts +bedeute gegenüber dem Glück, seine Magd zu sein. „„Wer hat dich +hereingelassen?““ fragte er mich. Ich fand keine Antwort. Meine Zunge +gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich am ganzen +Körper. „„Du bist Tänzerin?““ – ‚Ja, Majestät.‘ – „„Dann tanze.““ Er +stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik +ertönte, ebenso zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht +war. Es war, wie wenn ein ganzer Wald mit allen seinen Mysterien sich in +die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt. Du lachst +vielleicht darüber, aber ich habe dergleichen noch nicht gehört. Ich +tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mein Bewußtsein verloren +hätte und ganz leblos hinschwebte, aber dann ging eine außerordentliche +Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr +die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand in +der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, daß alles was +Nerv und Bewegung heißt, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht. +Das Höhnische, Verächtliche, Finstere verschwand von seinem Gesicht; +zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten +schmerzlich verloren in die weite Ferne. Als die Musik schwieg, stand er +auf und reichte mir die Hand, die ich küßte. „„Wer bist du?““ fragte er. +‚Alles was Majestät aus mir machen will,‘ erwiderte ich. Er zuckte +zusammen. „„Majestät, Majestät,““ murmelte er. „„Bald nicht mehr +Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Thor, bettelnder Hund. Majestät! +Jedes Glied einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort +beschmutzt, jede That bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab’ ich +dem Volk vertraut. Aber jetzt weiß ich etwas anderes; die Seele des +Volkes ist so tief, daß man sie auf den Knieen suchen muß. Ich habe mir +den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die +du um dich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen. +Um Land und Volk und um den Freund bin ich betrogen worden und dazu muß +ich schweigen. Und dazu darf ich nicht einmal Frieden haben in der +Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich +ahnungslos Majestät. Was ist Majestät heute, daß sie sich beugen muß vor +einem Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger +und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt? +Eine schöne Majestät, die sich der Kirche opfern soll und keine Hand +rühren darf ohne den Pfaffen. Wäre ich doch jung gestorben, damals als +ich noch glaubte, König zu sein, ein Volk zu besitzen. Wäre ich doch +gestorben! Geh’ fort, Weib, verlasse mich.““ Das waren seine Worte, +Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham. +Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so +heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht +mehr sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus. + +„Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum +benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen +Gesichtern, auch einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen. +Es war die Deputation des Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten +den König ‚zur Vernunft‘ bringen, Agathon. Bald darauf geschah etwas +Schreckliches. Der Adjutant erhielt den Befehl, niemand vorzulassen und +stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügelthür. Er verweigerte der +Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen und lauten Hin- und +Herreden erschien der König unter der Thüre. Er hatte die Schloßwache +und alle Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, daß der Ausdruck +seines Gesichts so schrecklich gewesen sei, daß niemand mehr zu atmen, +geschweige denn zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl +der König den Soldaten, die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen +auszustechen. „„Noch bin ich der König!““ rief er aus und erhob die +Hand. Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die +Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht, +zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr mächtig. Er lief auf und +ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte die Fäuste, +rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der +Seitengemächer zu führen. Aber der König ließ die drei Saalthüren +versperren und ließ vor jeder Thüre zwei Posten mit aufgepflanztem +Bajonett patrouillieren. Die Deputierten schwebten in Todesangst. + +„Nun verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß irgend etwas sich ereignete. +Man sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Das war +vorgestern. Gestern nun kam eine berittene militärische Abteilung mit +einem Oberst, der in Paradeuniform war. Er hatte ein Dekret, das ihm +Zugang zum König verschaffen mußte. Ein Arzt begleitete ihn. Die +Abgesandten wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den +Wagen, und in Begleitung der Berittenen wurde er fortgebracht. Sie haben +ihn als gefangen erklärt. Alle Diener weinten. So ist es zugegangen, +Agathon, das ist heilige Wahrheit. Das Volk in der ganzen Stadt ist +erregt, hast du es nicht bemerkt? Noch ärger ist es bei den Bauern +draußen. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen bin, ich habe mich +verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was ich thun soll, +mein Hirn ist wie zerfressen. Denke dir, dieser hohe Mann ist oft bei +einer einfachen Bäuerin da draußen gewesen und hat gefragt, was er thun +solle. Ich habe einen furchtbaren Schmerz in mir, daß dieser Mann +verbluten muß. Er war für die Freude geboren.“ + +Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen +Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand +er und seine Gestalt schwankte. Er sah den König vor sich stehen und +erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen, außer auf schlechten +Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht dazu. Jeanette stürzte +auf ihn zu, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick und wie durch ein +wunderbares Zeichen verstand sie alles. „Er ist tot“, schrie sie +entsetzt auf und fiel bewußtlos zu Boden. + +Agathon faßte sich, seufzte tief auf, rief die Aufwärterin und ging, als +er sah, daß keine Gefahr vorhanden war. In der That gewahrte er jetzt +die nervöse Unruhe, von der die Bevölkerung ergriffen war. Überall +standen Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Die Gendarmerie war +verstärkt worden. Vor den Zeitungsredaktionen standen Hunderte spähend +und wartend und achteten nicht den Regen, der sie durchnäßte. Viele +Tausende von Menschen standen dichtgedrängt vor der Residenz und keiner +von ihnen wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz. +Dabei wußten alle, daß der König gar nicht in der Stadt war, sondern in +einem kleinen Lustschloß an einem nahgelegenen See. Die Behörde hatte +bekannt gemacht, der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen, +da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt +habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr bald alles, und ein +wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm. Er ließ sich von +Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte +sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu +sich genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die +Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das +Gefühl, als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen, als jede +Dampfmaschine es vermocht hätte. Außerhalb der Stadt fragte er noch +Handwerksburschen oder Bauern nach der Wegrichtung und erschrak nicht +vor der Nachricht, daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien, obgleich +die Nacht schon angebrochen war. In diesen Stunden fühlte Agathon eine +göttliche Macht in sich; das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu +Bewußtsein, er wurde nicht müde. Die Kraft und Einsicht der Besten im +Lande war zusammengeflossen in ihm, und es giebt keinen Vergleich für +die Glut seiner Sehnsucht in dieser Stunde. An der Grenze alles Denkens +und aller Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle, +dumpfe, doch gewaltige Regungen. Sein eigner Ruf: ‚Laßt sie verbrennen, +die Kirche‘ lag wie ein Erlösungswort in seinem Ohr, klang in seiner +Seele wider. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König +befreien; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle, +die sich ihm nahten, von _einem_ Trieb entflammen zu lassen. + +Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein +Licht. Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich. +Der Regen plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und +Wälder, und kaum vermochten sich die Höhenzüge gegen den Himmel +abzuheben. Oft gelangte Agathon an einen Kreuzweg, aber kühn und +unbesorgt schritt er weiter. Er wußte, daß er nicht fehlgehen würde. +Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft ein geheimnisvolles +Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn ablenken oder +ängstigen. + +Endlich tauchte in der Tiefe ein, freilich oft unterbrochener, Kranz von +Lichtern auf: die Seeufer. Agathons Augen wurden naß vor Freude. In +kurzer Zeit war er im Thal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er +betrat, waren in Bewegung. In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat +die nächste Schenke, die fast einer Höhle glich, die gestopft voll war +von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar +Kinder auf der Straße standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der +sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches, +der aus Pfeifen quoll, der gleichsam von der Zeit gerösteten Bilder und +Wände, fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer +schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich seine Haut löste. Dabei +glaubte er fortwährend zu sinken, zu fallen, durch zahllose +Wiederholungen desselben Raumes. + +Die Bauern wurden aufmerksam. Sein Gesicht von geradezu phantastischer +Blässe übte auf sie den Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um +ihn her, und einige, die frech oder höhnisch gelächelt hatten, lächelten +nicht mehr, als Agathon zu sprechen begann. Seine hohle und erschöpfte +Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum, sie hatte etwas +Klingendes, Messerscharfes, unmittelbar Überzeugendes. Seine Rede schien +von einem unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er +blieb so bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war ein +Sturm sich überstürzender Worte, es war der Schmerz und der Zorn des +Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen +schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist +nicht, aber dessen Herz wahnsinnig war. + +Die Wirkung von Agathons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum +glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien, +tobten, stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher, +zerbrachen Gläser und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern, +daß sein Kopf an die Decke stieß, schlugen den Wirt nieder, der sie +besänftigen wollte, und in kurzer Zeit hatte sich dieser Zustand eines +tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet. Ein alter Bauer, +dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte beständig, eine Art +Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die jungen Leute +um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren. +Agathon saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war +verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er +starrte hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem +spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten. +Er sah auch Lichter, die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt +huschten wie Fackeln, die man hin und her trägt. Da erschallten im +Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich wiederholten und +fortpflanzten und an Stärke zunahmen. „Der König ist tot!“ gellte +plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon saß. „Er ist +ertrunken!“ schrie eine andere, und „Im See ertrunken!“ eine dritte +Stimme. „Er hat sich hineingestürzt!“ – „Nein, nein, nicht wahr!“ Und +vieler solcher Rufe. Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein +Stock zu Boden. + +Der angebrochene Morgen sah nun das Landvolk in hellen Scharen gegen das +königliche Lustschlößchen ziehen, und man erfuhr, daß die Leiche des +Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen +Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen +am Seeufer und vor dem Schloßpark. Viele schrien um Einlaß, und als +niemand erschien, erbrachen sie das Thor. Eine beispiellose Erregung +hatte alle Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln, Schaufeln und Hacken +organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu ziehen und +die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten ganze Regimenter Infanterie +aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter Kerl, +der sich auf eine unerklärliche Weise den Wortlaut einer „Proklamation +an mein Volk“ verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war, +lief damit von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus +ins andere, und wurde nicht müde, sie aus der Kopie immer wieder in +einer schlichten und rührenden Weise vorzulesen und jedem, der sie +hörte, gleichviel ob Mann oder Weib, stürzten dabei die Thränen aus den +Augen. Denn diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was +jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist +unbekannt geblieben, und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu +wünschen. Ihre Sprache war einfach und klar, jedes Wort ein tiefes +Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer bitteren Ruhe +diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals +ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die +Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Thron +entstanden war. + +In der Stadt war aller Verkehr, waren alle Beziehungen der Gewerbe und +des Handels ertötet. Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken, +alle waren geschlossen. Trauerfahnen wehten, vierundzwanzig Stunden lang +tönten ununterbrochen die Glocken in einem dumpfen und niederdrückenden +Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und +Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer +schämten sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich +nicht mehr öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war, +dessen Stolz bis zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof +gefürchtet war, er genoß die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem +Maß. Selten wohl war ein ganzes Land von einem Gefühl solcher Trauer +durchbebt wie in jenen Tagen. + +Agathon ging durch die Straßen der Stadt, einsam und verlassen. Er +fühlte sich krank und wund. Er mochte nicht zu Jeanette gehen, weil er +Furcht davor hatte, reden zu müssen. Es war etwas so Vergebliches für +ihn, jetzt noch zu leben. Er sah lauter trauernde Menschen um sich und +seine früheren Wünsche waren erstickt. + +Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen +stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile +blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder saßen darin und +spielten, drei schöne Kinder mit frischroten Wangen. Sie spielten ein +gewöhnliches Spiel und waren ganz allein. Aber wie sie sich dabei +benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren, wie +ihre Augen glänzten, wie sie mit einander und mit sich selbst zufrieden +und befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig +unterschied von allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so +Warmes, Gutes, Befreiendes, es stand in so grellem Gegensatz zu der +Stimmung auf der Straße, daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart +berührte. + +Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern +wie unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg +fort. + + + Neunzehntes Kapitel + +Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün +auf den Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den +Bäumen des Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden +Himmel ziehen und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken! + +„Ich wußte wohl, daß der kleine Sema dem Tod entgegenging,“ sagte +Agathon zu Monika, als sie vom Vestnerwald gegen das Dorf zuschritten. +„Oder ich fühlte es vielleicht nur. Aber vielleicht ist er doch noch zu +retten. Die Leute sind nur so schrecklich arm.“ + +„Aber _warum_ fühltest du es denn?“ fragte Monika, die stets ein wenig +neugierig war. + +„Ach, er ist heimatlos. Seine Seele ist deshalb zerrissen. Er hat nichts +Biegsames in sich. Alles bricht bei der ersten Berührung. Und er ist so +alt. Er hat Jahrtausende gelebt. Solche Kinder giebt es viele bei uns +Juden.“ + +Dann schwiegen sie lange Zeit. Plötzlich an einer einsamen Stelle beim +kleinen Pulvermagazin, blieb Monika stehen, umarmte Agathon mit einer +leidenschaftlichen Bewegung und stammelte: „Wie dank’ ich dir, daß du +mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Alles, was +ich bin, gehört dir. Du hast es nicht geachtet, daß ich gesündigt habe, +du bist groß, Agathon, und schön, das weiß nur ich.“ + +„Es ist kein Zufall, daß alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine +Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern +du gehst vor der Zeit einher.“ + +„Und was willst du thun jetzt, Agathon?“ + +„Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich +wird es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.“ + +„Warten, Agathon? Worauf?“ + +Agathon schüttelte lächelnd den Kopf. + +Und als es Abend war, standen sie in Frau Olifats Garten und bewunderten +die farbigen Gluten des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und +wiegte ihr Kind im Arm. Esther saß singend mit Mirjam vor dem Thor, Frau +Olifat und Frau Jette unterhielten sich auf einer morschen Gartenbank +nahe der Laube, und sie sprachen insbesondere davon, daß die kleine +Käthe Estrich ins Kloster gegangen sei und den Schleier genommen habe. +Darüber konnten die beiden Frauen kaum zur Ruhe kommen. + +Die Vögel sangen, eine Amsel schlug und ein Zeisig lockte. Das schrille +Geschrei spielender Kinder drang aus dem Dorf. In der gläsernen Burg +sangen die Zecher wieder und Mirjam erklärte der Freundin wichtig, daß +es das Lied: ‚spinn’ spinne, Töchterlein‘ sei. + +Monika blickte hinauf in die Äste des Baumes, wo die Äpfel hingen, +seltsam vergoldet vom Rot der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und +sagte begehrlich: „Ich möchte so gern einen haben, Agathon, einen Apfel +von da droben.“ + +„Du mußt warten, Monika.“ + +„Immer warten! Worauf denn?“ + +„Sie sind noch nicht reif, Liebste.“ + +„Das dauert aber noch so lange ...“ + +„O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Laß sie erst reif +sein, Monika.“ + +Und Agathon küßte die junge Mutter auf die Stirn. + + + Ende. + + + Druck von Hesse & Becker in Leipzig. + + + + + Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München. + + Jakob Wassermann + + Melusine + + Ein Liebesroman + + Preis 2 Mark 50 Pf. + + Der Liebesroman von _Jakob Wassermann_ „_Melusine_“ ist ein + schweres und trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an + fühlt man sich seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt + bereits das Ende der Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man + merkt schon an dem Ton, an der Vortragsart des Verfassers, daß er + uns Verhältnisse schildert, aus denen es kein Entrinnen giebt, + bange, zerrüttete, trostlose Verhältnisse, in denen die + Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich weinen, ohne etwas + ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft scheues und + schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und einem + bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend, + die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos, + von ihrem Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine + Geliebte ist. Sie haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal + mit ihm gebrochen, aber sie ist arm und hilflos und so muß sie + sich von ihm brutalisieren lassen. In der Familienpension lernt + sie einen jungen Studenten kennen, und ein leidenschaftliches + Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den beiden. Aber das + Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit Ekel vor + der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die + Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so + entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch + dem Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch + dessen nicht. Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor + unserer Seele. Eine große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz + in Moll klingt und das ein eigenartiges und dichterisches genannt + werden darf. + + (Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.) + + + + + Kleine Bibliothek Langen. + + Band I + + Jakob Wassermann, Schläfst Du Mutter? + + „Schläfst Du Mutter?“ ist die rührende Geschichte eines Knaben. + Ohne Sentimentalität und ohne gesuchte Naivität vorgetragen, + bringt die Novelle eine Reihe feiner Seelenmalereien aus dem + Leben des Kindes, bis es gleichsam aufwachend in die Wirklichkeit + hineinsieht. Es träumt von der Zeit, wo es kein Träumer mehr sein + wird. Aufgerüttelt von den dunklen Mächten der Natur steht der + Knabe am Totenbett der Mutter und weiß nicht, was das ist: tot + sein. + + Band II + + Marcel Prévost, Julchens Heirat + + „Julchens Heirat“ enthält die Gedanken und Betrachtungen einer + kleinen Pariserin beim Herannahen ihrer Hochzeit und die + Erfahrungen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe macht. Es ist + durchaus kein naives Buch, aber geistreich und graziös. Man muß + bei diesem Buch in _Prévost_ wieder den Meister der feinen Form + bewundern. + + Band III + + Amalie Skram, Verraten + + „Verraten“ ist die Geschichte von einem jungen Mädchen, das nach + altem Muster, in Unkenntnis mit den natürlichsten Dingen, + erzogen, an einen braven und lebensfrohen Schiffskapitän + verheiratet wird. Das Resultat ist eine unglückliche Ehe, indem + die junge Frau, in der Überzeugung ihrer eigenen Vortrefflichkeit + und der Schlechtigkeit ihres Mannes, diesem, der sie aufrichtig + liebt, das Leben so traurig macht, daß er sich zuletzt aus + Verzweiflung in die Wellen stürzt. + + _Björnstjerne Björnson_ schreibt über dieses Buch: „_Verraten_“ + ist an psychologischer Tiefe und Macht der Darstellung ein + Meisterwerk, das uns den Eindruck hinterläßt, als wären wir + draußen auf dem Meere, als schauten wir in die Wassertiefe hinab + und als leuchtete uns daraus ein Paar großer Augen entgegen. Den + Kopf kann man nicht erkennen, aber man sieht, wie die Augen sich + öffnen und schließen ... kalt wie das Meer. + + Band IV + + Heinrich Mann, Das Wunderbare u. a. Novellen. + + Der Verfasser dieser Erzählungen ist seit Jahren ein häufiger + Gast in unseren besten illustrierten Blättern, hier tritt er zum + ersten Male mit einem gesammelten Werk vor das Publikum. Die + wunderlichen Ereignisse und die eigentümlichen Menschen, die er + mit Vorliebe schildert, bedeuten für ihn nicht allein Mittel, um + seine Leser zu unterhalten, er wählt sie auch, weil die stark + bewegten Schicksale ihn am tiefsten in die geheimnisvolle Welt + blicken lassen, die hinter dem zufälligen Leben der Menschen + liegt: die Natur. + + Band V + + Guy de Maupassant, Pariser Abenteuer. + + _Maupassant_ ist als Dichter wohl auch in Deutschland zu bekannt, + als daß er besonderer Empfehlungen bedürfte. Die Genialität, die + ihn stets gleichsam den seelischen Kern einer Handlung finden + läßt, die spielende Anmut, womit er oft selbst das bitterste + sagt, setzen stets aufs neue, auch bei diesen Novellen, in + Erstaunen. + + Band VI + + Hermann Bang, Fräulein Caja. + + Mit einer zauberhaften Kunst vermag es der Verfasser, die grauen + und alltäglichen Menschen, von denen er uns erzählt, in das + schärfste Licht hervor zu heben. Der Blick des Lesers wird + unaufhörlich gefesselt von den dargestellten Einzelheiten, die er + alle aus eigenen Beobachtungen wiedererkennt, und die sich hier + zu ergreifenden Menschenschilderungen und tief wirkenden + Interieurs vereinigen. Mit Recht gilt Hermann Bang für den + eigentümlichsten und bedeutendsten Erzähler Skandinaviens. + + Jeder Band ist mit einem künstlerischen Titelbild versehen + und kostet elegant broschiert 1 Mark, gebunden in Leder + 2 Mark. + + + + + Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München. + + + SIMPLICISSIMUS + + ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT + + Preis 10 Pf. + + Albert Langen’s Verlag. München. + + Abonnement vierteljährlich 1.25 Mk. + + + I. Jahrgang + + (1896-97) elegant gebunden 7.50 Mk. + + + Hesse & Becker, Leipzig + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 3]: + ... friedliche fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht ... + ... friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht ... + + [S. 46]: + ... Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt dem ... + ... Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt, dem ... + + [S. 117]: + ... Während Frau Jette einen Scherz erzählte, dem ... + ... Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den ... + + [S. 194]: + ... Augen rings um. Der Raum lehrte sich; die Kellner ... + ... Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner ... + + [S. 198]: + ... Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte ... + ... Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, ... + + [S. 201]: + ... die Gassen näßte und emporstieg und stieg zum ... + ... die Gassen näßte und emporstieg zum ... + + [S. 201]: + ... Bojesen las mit wachsenden Erstaunen, erst kopfschüttelnd, ... + ... Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, ... + + [S. 212]: + ... war etwas größer, als Bojesen), und sein Gesicht ... + ... war etwas größer als Bojesen), und sein Gesicht ... + + [S. 255]: + ... Ein langes Schweichen entstand. Plötzlich sagte ... + ... Ein langes Schweigen entstand. Plötzlich sagte ... + + [S. 298]: + ... „Was meinen Sie damit.“ ... + ... „Was meinen Sie damit?“ ... + + [S. 439]: + ... Agathon lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde ... + ... Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77490 *** |
