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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77490 ***
+
+
+ Die Juden von Zirndorf
+
+
+ Von demselben Verfasser:
+
+ _Melusine._ Roman 1896.
+
+ _Schläfst du Mutter?_ Novelle 1896.
+
+
+
+
+ Die Juden von Zirndorf
+
+
+ Roman
+
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Paris, Leipzig, München
+ Verlag von Albert Langen
+ 1897
+
+
+
+
+ Vorspiel
+
+
+Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die
+Geschlechter, und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft
+und neue Städte und neue Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde, so
+vermag sie doch dem heimatlichen Boden niemals seine Lieblichkeit zu
+rauben oder seine Rauhheit, kurz jene Gestalt und jenes Antlitz, womit
+die Heimat ihren Sohn erfüllt, indem sie ihn gleichsam als ihr Eigentum
+in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens nur diese Worte zur
+Mitgift wählt: aus meinem Thon bist du gemacht.
+
+Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts, die von den Mauern
+Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht, hat sicherlich im
+Lauf der Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten; es sei denn, daß
+ein gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt, oder daß eine
+ungestüme Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen
+hätte. Dort, wo Rednitz und Pegnitz zusammenfließen, haben freilich die
+letzten zweihundert Jahre den Flor der Wälder vernichtet, aber weiter
+hinüber, jenseits der alten Feste mit ihren Steinbrüchen und ihren
+dunklen Tannen, dehnt sich der fränkische Gau seit Urandenken als eine
+weite, breite, friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht und die
+Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe reift.
+
+Aber in jenem stillen Winkel zwischen den beiden Strömen haben die
+Kriege des siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar
+sehr Abbruch gethan. In den dreißiger Jahren befand sich hier das große
+Lager der Schweden, und der geängstigte Bauer fand seine guten Äcker mit
+Blut gedüngt. Schnellfüßig hastete der Kriegsschrecken durch Franken und
+die kurfürstlich Onolzbachischen und die Nürnbergischen sahen sich
+gleicherweise gedrängt, Mut und Gottvertrauen nicht fahren zu lassen.
+Lange Jahre gingen hin, bis die zertretenen Felder wieder zu ihrer
+natürlichen Fruchtbarkeit erwuchsen, und selbst nach dem Friedensschluß
+lag noch manches Stück Land verödet. Überall zeigten sich Spuren frecher
+Feindeshände. Unweit der Kapelle Karls des Großen, die am Schießanger in
+Fürth steht, ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe, und man sagt,
+die Schweden hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege.
+Nämlich jeder Stein bedeutet ein geplündertes Haus. Langsam entfaltete
+sich der Frieden wieder; gleichsam schüchtern wuchs er heran und sah mit
+ungläubigen Augen ins ebene Land der Regnitz hinauf. Das Volk begann zu
+vergessen und es kam die Zeit, wo schon die Väter und die alten
+Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten, und sie ließen sich
+die Mühe wahrlich nicht verdrießen, all die Fährlichkeiten, die sie
+erlitten, phantasievoll auszuschmücken, und was sie an Heldenthaten von
+andern vernommen, sich selbst zuzuschreiben. So war es Kriegerbrauch
+seit Kriege bestehen, und die von Franken waren mit ihrer Zunge immer
+ein wenig mehr Helden als mit ihrem Arm. Der Krieg gewinnt an Buntheit
+und an Frohheit, wenn ihn die Jahre fortgetragen haben, und gar mancher
+erzählt schmunzelnd von jenen Gräueln, die ihn einst erzittern ließen
+bis in seine tiefste Seele.
+
+Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich auch unter vielem
+anderem Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock, welcher mit seltsamen
+und fremdländischen Lettern bemalt war. Es war eine jüdische Inschrift
+auf einem Grabmonument, und die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der
+Juden gestohlen und ihn hier unter die Steine rechtgläubiger Christen
+geworfen. Kein Christ wagte es, den Stein zu entfernen, denn ein großes
+Befremden ging von ihm aus und seinen verschnörkelten Lettern, und sie
+hatten Furcht, daß sie dem Bann eines Zauberspruchs verfallen möchten,
+wenn ihre reine Hand den verruchten Judenblock berührte. Mehr als drei
+Jahrzehnte lag der Grabstein so; wollte man seine Inschrift in die
+Sprache jener Zeit übersetzen, so lautet sie: Der schöne Joseph, den man
+nur gern angesehen, unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden. Jetzt
+sind ihm der Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken
+Hand zugegeben worden. Die Jahre seines Lebens waren wenig und boeß. Er
+brachte sie nicht höher als auf siebzig. Er war ein solcher Regent, der
+wie Barak und Deborah, das Volk mit großem Ruhm regieret. Er suchte
+seine Lust in dem Studieren, sein Sterben war wie seine Geburt, nemlich
+ohne Sünde. Als seine Seele am fünften Tag in der Woche von ihm
+geschieden, hörte man Heulen und Weinen. In Bamberg ist er freudig
+gestorben, den achtundzwanzigsten Tag des Sivans. Jetzt ist dies die
+Zeit, da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider zerreißen und
+unsere Augen Thränen fließen lassen. Nach seinem Abscheiden hat man ihn
+zu Fürth zur Grabesruhe gebracht. Seine Seele soll gebunden sein in das
+Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams, Isaaks und Jakobs und
+der Sara.
+
+Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden, einen Stein aus ihrem
+Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen. Sie glaubten auch,
+die Seele des Joseph Gabriel, des Naphtali Sohn, hätte keine Ruhe und
+wandle allnächtlich klagend zum Schwedenstein. Denn auch sie wagten
+nicht, den Stein zu entfernen, weil der Schwedenstein als eine Art von
+Friedens-Symbol galt, und jede Beschädigung einer Vorbedeutung neuen
+Krieges gleichgeachtet wurde. Schwer trug der Bürger und der Bauer noch
+an Kriegeslasten, und viele ließen vom Pfaffen ein Bittgebet um langen
+Frieden sprechen.
+
+So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie
+ein Fremdling aus weiter Ferne. Es sprach eine unbekannte Sprache und
+seine edlere Form ließ es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen. Es
+blickte nicht hinaus auf die Ebene, sondern sah herein gegen die
+niederen Häuser und in die krummen, winkeligen Gassen von Fürth. Und
+unfern rauschte der Fluß hinunter ins Bistum Bamberg, und wenn er im
+Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit darüber
+hinauswälzte, so mußten stets einige Linden am Schießanger ihr Leben
+lassen. Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins
+Mainland hinab, innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und
+allerlei seltsamen Dingen, die der wildgewordene Strom aus der guten
+Stadt Nürnberg mit sich führte.
+
+Wenn der Stein des Joseph Gabriel an Gottesfrieden verlor, so gewann er
+hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen. Ernst
+besah er sich das Treiben der Leute, die um ihn herumwandelten wie die
+Sperlinge um einen gedeckten Tisch; Gewitter und Schneegestöber, Regen
+und Sonnenhitze, er hielt sie mit gleicher Geduldigkeit aus, und wenn
+die sanfte Nacht seine graue Stirn beschattete, so schien darauf noch
+ein süßer Abglanz der letzten purpurnen Sonnenröte zu haften oder ein
+Vorglanz des kommenden Morgenrots. Denn die Sonne strahlt diesem
+Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten Glut,
+welches die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben.
+
+Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen,
+die einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt
+tragen. An einem Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem großen
+Friedenspakt, – wie jubelte das Volk auf dem Schießanger, wie schwangen
+sich die Mädchen zum Tanz und wie lustige Weisen spielten die Zigeuner
+und Spielleute! – ging ein alter Mann, nachdem er lange Zeit
+nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden,
+gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab und der Himmel war von
+einem matten Rot getränkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden
+Fluß und Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her, und der schrille
+Laut verklang erst weit draußen in den Wiesen. Dann setzte wieder die
+Musik ein: Orgel und Fiedelbögen und die Maultrommel und die
+Wasserpfeife. Die Buben lachten und sprangen wilder als je um die alten
+Bäume, und die Mädchen hatten glänzendere Augen an diesem festlichen
+Tag. Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus und die
+Seiltänzer und Taschenspieler und die Zigeuner versprachen Wunder an
+Kunst zu bieten. Als die Dämmerung herabsank, befestigte man Pechfackeln
+an die Stämme und die fahrenden Häuser der Komödianten, und der schwere,
+braune Rauch erhob sich in weiten Wellungen und zog hinüber gegen den
+Strom, zog über die Wiesen hin, und einzelne tolle Funken sprangen
+knisternd in die Lindenäste. Die dumpfe Glut gab den Gesichtern der
+Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am Himmel
+verblaßten für jeden, der sich in diesem Leuchtkreis befand. Der alte
+Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte
+finster und forschend in das heitere Getümmel. Sein Gesicht war von
+grünlich-weißer Färbung und ein roter Bart floß mager um Wangen und
+Kinn, so daß er nur eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem
+Gesicht etwas Fremdes, etwas erschreckend Deutliches verlieh. Dann waren
+seine Augen: die braunen Sterne irrten unruhig in dem geröteten Weiß
+umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen so rasch wie die
+eines Raubtiers. Es waren die Augen der Juden, – voll Hast, voll
+Unfrieden, voll von unbestimmtem Flehen, von einer gedrückten Innigkeit,
+bald in Leidenschaft flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend,
+die Augen des gehetzten Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke
+dem Verfolger zuwendet, oder in bebender Sehnsucht hinausstarrt in das
+reiche, ferne Land der Freiheit. „Das Volk ist wild,“ murmelte er, „da
+tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird Gott ein Gericht
+halten, daß es unerhört sein wird.“ Er blieb stehen, verbeugte sich tief
+nach Osten und lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen.
+
+Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen seltsamen
+Tanz aus der Heimat und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine
+Menge von Zuschauern hatten sich im weiten Kreis versammelt, und das
+düstere Licht der Fackeln machte alle Augen größer und lichtreicher und
+gab den Gesichtern ein neues, fremdes Leben. So ist es immer in den
+Tagen Remigius, Leodegar und Lukretia in Fürth; da erwachen die Menschen
+aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und eine gütige Sonne lacht ihnen
+ins Herz.
+
+Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam
+in die Mitte des Kreises. Wunderlich irrten schmale Schatten auf ihren
+bleichen Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene
+Frauen, die man damals zu Florenz malte. Ein langes Gewand floß an ihrem
+Leib herab, und sie begann, ohne die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom
+Boden zu erheben, mit klagender Stimme ein Recitativ:
+
+ Ich weiß nicht, wo’s Vögelein ist,
+ Ich weiß nicht, wo’s pfeift.
+ Hinterm kleinen Lädelein,
+ Schätzlein, wo leist?
+
+ Es sitzt ja das Vögelein
+ Nicht alleweil im Nest,
+ Schwingt seine Flügelein,
+ Hüpft auf die Äst’.
+
+ Wo ich gelegen bin,
+ Darf ich wohl sagen.
+ Hinterm grün Nägeleinstock
+ Zwischen zwei Knaben.
+
+Doch weshalb sang sie dies so leise und melancholisch? Ihre Lippen
+zitterten und sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam
+und äffte sie, aber sie blieb starr wie eine Bildsäule; der Narr begann
+an ihr herumzuschnuppern und erklärte endlich grinsend, das sei ein
+feines Aschenputtel für sein Ehegespons. Er wollte sie eben umfassen und
+davontragen, da kam ein Ritter in glänzender Rüstung, um sie zu
+befreien. Und der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner
+wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kämpfte nun mit dem Ritter und als
+er nahe daran war, zu siegen, zog jener ein weißes, elfenbeinernes
+Kruzifix heraus und hielt es dem Bösen hin. Der Satan stieß ein
+schreckliches Geheul aus und sprang in großen Sätzen davon.
+
+Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg
+über die abschließende Bank hinweg und sein langer Kaftan flatterte im
+Abendwind, als er auf das blasse Mädchen zuschritt. Sie schlug ihre
+Augen zu ihm auf und schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost; seine
+Blicke bohrten sich gleich Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem
+flackernden Feuer dieser Augen, das lange und lange schon ihre Seele mit
+seltsamer Furcht, mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte. Es war, als ob
+ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen
+würde und darüber tief erschüttert wäre. Auch die Angst war darin zu
+lesen vor dem Unbegreiflichen dieser plötzlichen Klarheit, der Schrecken
+über die gespenstige Erscheinung des rotbärtigen Juden. Er hatte seine
+Finger um ihren Arm gelegt, daß sie wie Spangen sich schlossen und er
+blickte sie unverwandt an, – so, als ob er einen Wunsch, einen
+unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu senken wisse, so daß kein
+Mensch daran zu rühren vermochte. Die Musik schwieg, der Lärm in der
+nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein zielloses
+Grauen, viele nur Neugier und Erwartung; den Fluß hörte man rauschen und
+den Wind durch die Bäume streichen. Er warf gelbe Blätter herab und eine
+leichte Kühlnis ging herbstahnend über den Anger. Der Jude beugte sich
+nieder und murmelte in des Mädchens Ohr: „Gedenkst du noch an den
+Feuerbrand in deiner Heimat, Zirle? An den Vater, an die Mutter, an die
+Brüder und an alle andern, die tot sind? Zirle, denkst du’s noch?“ –
+Unaufhörlich flossen die Thränen über des Mädchens Wangen und es schaute
+völlig verloren in eine vergangene Nacht hinein. Und der Alte fuhr fort,
+zu ihr zu reden: „Um die Mitternacht des nächsten Vollmonds mußt du zu
+mir kommen; du wirst dann Zacharias Naar zu finden wissen, wo es auch
+sei. Den Messias verkündige ich, dem die geheimnisvollen Tiefen der
+Wesenheiten offenbar geworden sind.“
+
+Jetzt begann ein unwilliges Murren sich über die Störung des Festes und
+der Fröhlichkeit zu erheben. Zacharias Naar wandte sich ab von dem
+Mädchen und schritt bald darauf langsam dem Ausgang des Angers zu.
+Niemand kannte ihn. Alle wichen ihm aus und schnell lief ein Wort von
+Mund zu Mund: Ahasverus. „Ja, ja, er laufft umher wie der tolle Judt,“
+sagte ein ganz verschrumpftes, gebücktes Weib und schnüffelte mit der
+dünnen Nase in der Luft umher. Sie wisse ein Sprüchlein, erzählte sie
+mit ihrer klirrenden Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden:
+
+ Der Jud’ Ahasverus weit und breit
+ Vor alters und vor dieser Zeit
+ Bekannt, geht nun durch alle Welt,
+ Red’t alle Sprachen, veracht’ das Geld.
+ Was er von Christo reden thut,
+ Kannst hören hie, doch mit Unmut.
+ Veracht ihn nicht, laß wandern hin,
+ Weil Gott ihm geben solchen Sinn:
+ Daß er von Christo, seinem Sohn
+ Red’t alles Guts; doch laß ich schon
+ Dein Urteil selbst, wie es mag seyn,
+ Gott sieht und kennt das Herz allein.
+ Was im Herzen verborgen ist,
+ Bringt Wort heraus zu jeder Frist.
+
+Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der
+Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des
+Versöhnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der
+Gebetemurmelnden, den Tallis um die Schultern und starrte mit glühenden
+Augen gegen den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem
+Raum. Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen
+entstand ein unbestimmter Lärm, in dem sich eine schreiende oder
+keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Höhlengeruch erfüllte das Gotteshaus;
+es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach Rauch und faulem
+Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger Andacht in
+Bücher mit gebräunten Blättern. Der Raum glich einem unterirdischen
+Gemach für Verschwörer, einer Büßerklause für Asketen, denn nichts von
+Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter
+qualmten und wer aus freier Luft hereinkam, glaubte alsbald zu
+versinken, tief hinein in eine schwüle Schlucht, wo man einem strengen
+Gott finstere Gebete brachte.
+
+Das letzte Kaddisch war beendet; alle rüsteten sich schon zum Aufbruch.
+Da schritt Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand: ein Zeichen,
+daß er zu reden wünsche. Es wurde still und aller Augen wandten sich dem
+Fremdling zu. Der begann, – nicht laut und scheinbar mehr für sich
+selbst. Er sprach zuerst in hastig hingeworfenen Worten von der
+Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen Volkes; von der
+Unterdrückung, die es erlitten und von der Zerstreuung in alle Teile der
+Welt. Dann, als er gewiß war, daß alle aufmerksam lauschten, wurde seine
+Stimme lauter, sie verlor den Ton des Hingeworfenen, und seine Augen
+begannen zu blitzen. Er rief den alten Gott der Juden an, der Verheißung
+auf Verheißung gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet
+habe und die Qualen der Heimsuchung, ärger als zur Zeit der ägyptischen
+Plagen. Es wurde totenstill. Selbst die kalten Mauern schienen zu
+lauschen und diese Worte mit Begierde einzusaugen. Der Redner fuhr fort:
+„Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er streckt seine
+Hand wider sie aus und er schlägt es, so daß die Berge erzittern und
+ihre Leichen wie Kehricht mitten auf den Straßen liegen. Haben sie uns
+nicht beschuldet: ihr vergiftet unsere Brunnen? haben sie nicht unsere
+Brüder hingeschlachtet zu Tausenden? Haben sie nicht geschrien: ihr
+nehmt das Blut unserer Kinder zum Opfer beim Passahfeste? Ihr nehmt das
+Blut und braucht es für eure schwangeren Weiber? haben sie uns nicht
+ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser verbrannt? und unsere
+Güter geraubt? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und viele finden
+keine Hütte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns nicht
+aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes
+Vieh? nicht unsere Kinder verbrannt, nicht unsere Weiber geschändet und
+als die Pest kam, nicht schlimmer unter uns gewütet, denn die Pest? Bei
+alledem hat sich der Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt
+wird er ein Panier aufrichten dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm
+pfeifen vom Ende der Erde und siehe, eilends, flugs kommt es. Kein
+Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht giebt es sich dem
+Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt seiner
+Lenden, noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse
+sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind. Gebrüll
+hat’s wie die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt
+den Raub und trägt ihn davon und niemand vermag zu retten. Und es wird
+über Juda dröhnen wie Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin,
+siehe da ist angsterregende Finsternis und das Licht ward dunkel in dem
+Gewölbe darüber. Nahet euch, ihr Heiden, um zu hören, und ihr Völker,
+merket auf! Es höret die Erde, was sie erfüllet, der Weltkreis, und
+alles, was ihm entsproßt. Denn einen Groll hat der Herr auf alle Heiden,
+er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre Erschlagenen werden
+hingeworfen, und ihre Leichen, – aufsteigen soll ihr Gestank, und es
+sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut. Die Sterne sollen
+zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt
+werden. Aber unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere
+Steppe und blühen wie die Narzisse. Sie soll blühen, ja blühen und
+frohlocken, frohlocken und jubeln! Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr
+geschenkt und die Pracht des Karmel. Stärkt die erschlafften Glieder und
+die wankenden Kniee macht fest! Sagt zu denen, die bekümmerten Herzens
+sind, seid stark! Aufgethan werden die Augen der Blinden und die Ohren
+der Tauben geöffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und
+jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aufgestanden in
+der kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wahre Messias und das
+Himmelreich ist nah! Ja, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände
+beben! Habt ihr ihn nicht rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers?
+Ein neues Erlösungswerk geht ihm voran und Olam ha Tikkun wird erstehn.
+Das göttliche Wesen hat er allein erkannt, Sabbatai Zewi! Sammelt euch,
+Brüder, richtet euch empor, richtet eure Weiber empor, lehrt eure Kinder
+seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort! Im
+Jahre 5408 der Welt begann die Erlösungszeit zu tagen, und in diesem
+Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart. Wunder über Wunder hat er
+verrichtet und die Juden Kleinasiens und der Türkei jauchzen ihm zu.“
+
+Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner. Lange schon war die Kunde
+von dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle
+Laute gewesen, geheimnisvolle Andeutungen, von wandernden Mönchen, von
+wandernden Juden oder gar von Zigeunern hergetragen. Es war gleichsam
+nur das dumpfe Geräusch eines sehr fernen Wetters gewesen, das die
+Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei zu ergreifen vermag,
+aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig. Zum ersten Male
+nun war es wie ein Trompetenstoß in die Ohren der Juden gefahren, wie
+ein heller, schmetternder Schlachtruf, ein Klirren mit tausend Schildern
+und tausend Schwertern, ein wahrer Auferstehungsschrei. Es wurde
+leuchtend um ihre Augen, rings herum wurde es Tag, das bange Los der
+Unterdrückung schien einem Ende nahe: Sonne, Freiheit, göttliches
+Auserwähltsein zu großen Dingen, Glanz und Freudigkeit und verzückte
+Sehnsucht, – als eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger
+Glaubensdienste. In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu
+einer neuen Weltordnung; Knaben sahen sich zu Männern geworden, die
+Männer ballten ihre Fäuste und es rieselte ihnen kalt und heiß über den
+Rücken. Und als der erste Taumel sich gelegt, drängten sie sich um den
+Fremden, bestürmten ihn um Einzelheiten und lauschten atemlos. Vergessen
+war die Stunde der Heimkehr, vergessen die Gebote des Fasttags; die
+Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten mit erhitzten
+Wangen zu. Und sie sahen ihn in ihrer Phantasie förmlich lebendig
+werden, den geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der
+Geschichte wie ein glühendes Meteor hingewandelt ist und, ergriffen von
+lurjanischer Mystik, das Ende der Zeitalter herbeizuführen glaubte.
+Zacharias Naar erzählte, völlig versunken und hingegeben wie ein
+Träumender: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer und Winter, bei
+Tag oder bei Nacht, im Meer badete. Wie sein Leib von den Seebädern
+einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte
+er ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war, mied
+er sie und verstieß sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er
+hatte eine schöne Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder
+seine eigenen Verse sang. Das Jahr 1666 bezeichnete er als das
+messianische Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen
+und sie sollten nach Jerusalem zurückkehren. Seine Seele ergab sich
+jauchzend dem süßen Rausch des Gottesbewußtseins. Man hatte ihn von
+Smyrna verjagt, aber dann brach das glimmende Feuer zur großen und
+verheerenden Flamme aus. Seine Demütigung war seine Größe geworden und
+seine Verklärung. Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte
+sich in Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift:
+Thora, die Himmelstochter, wird mit dem Sohn des Himmels in
+unzertrennlichem Bund vereinigt. Fünfzig Talmudisten speisten an seiner
+Tafel und kein Armer ging hungrig von seiner Thüre. Er vergoß Ströme von
+Thränen beim Gebet, und Nächte lang sang er bei hellem Kerzenlicht die
+Psalmen. Er sang auch Liebeslieder. Er sang das Lied von der schönen
+Kaisertochter Melliselde:
+
+ Aufsteigend auf einen Berg
+ Und niederschreitend in ein Thal,
+ Kam ich zur schönen Melliselde
+ In des Kaisers Krönungssaal.
+ Mild kam sie einher
+ Mit flutendem Haar
+ Und ihr Antlitz milde,
+ Süß ihre Stimme war;
+ Ihr Antlitz glänzte wie ein Degen,
+ Ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl,
+ Ihre Lippen, das waren Korallen,
+ Ihr Fleisch wie Milch so fahl.
+
+Die Kinder folgten ihm auf den Straßen, so daß die Mütter seinen Namen
+lobpriesen. Und er ließ verkünden, daß er vom Flusse Sabbation aus die
+zehn Stämme nach dem heiligen Lande führen werde: auf einem Löwen
+reitend, der einen siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben.
+
+Wie von einem ergreifenden Zauber gebannt, wanderten die Juden nach
+Hause. Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt, das von Land zu Land
+floß wie ein berauschender Strom. In dieser Nacht konnte keiner
+schlafen.
+
+Man sagte damals, der Herr der Welten öffne seine Thore, den Propheten
+zu empfangen, oder er pflücke die Sterne vom Himmel, als wären es
+Trauben am Rebstock, das Volk sähe ein edles Licht, und die
+Todesschatten verschwänden neben ihm; hinabgestürzt sei die Pracht der
+Könige und das Rauschen ihrer Harfen; der Prophet steige zum Himmel
+empor und oberhalb der Gestirne errichte er seinen Thron; viele Stimmen
+schrieen zu ihm empor: Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Da
+verkündete er schon das Morgenrot. In seiner Nähe gab es nichts
+alltägliches mehr, der Fürst schien dem Bauer gleich, der Bettler dem
+Richter, keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin, und es war
+auch groß und erhaben, alle Pein der Kasteiung zu erdulden und der
+aufgehenden Gnadensonne zerknirscht entgegenzuwinseln. Die Schule der
+Kabbalisten glaubte die Verkündigung klarer zu verstehen. Aus dem
+göttlichen Schoß hatte sich die neue göttliche Person entfaltet, der
+wahre König, der Messias, der Erlöser und Befreier der Welt und die
+Herrschaft des Metatron ist zu Ende. Es steht aber im Buche Sohar,
+sagten sie: Metatron ist das erste der Geschöpfe, der Abglanz Gottes; er
+ist die mittelste Säule, die das Himmlische vollkommen macht; er ist das
+Vereinigende in der Mitte. Denn der wahre Messias ist der verkörperte
+Urmensch, der Adam Kadmon der Schrift, ein Teil der Gottheit.
+
+Der Tag brach an, ein trüber und dunstiger Herbstmorgen. Ein kühler
+trockner Wind ging durch die Gassen. Die christlichen Einwohner waren
+verwundert über das aufgeregte Wesen der Juden. Der Rabbi Bärmann rannte
+bleich von einem Haus ins andere. Der Rabbi Salman Klef stand, ein
+vergilbtes Pergament lesend, stundenlang vor seinem Haus. Salman Ulman
+Käsbauer rief mit lebhafter Stimme nach dem Fremdling von gestern.
+Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und Boruchs Klöß wurde nicht
+müde, an den heiligen Fasttag zu erinnern und daß man zur Schul gehen
+müsse. Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der Richtung der
+Stadt Nürnberg. Er brachte ein Sendschreiben. Michel Chased, der
+Chassan, nahm es entgegen und die Juden, Männer, Weiber und Kinder in
+stets wachsender Anzahl, sammelten sich um ihn, als er mit lauter Stimme
+vorlas. Das Schreiben kam von dem berühmten Samuel Primo, einem Jünger
+des Sabbatai, und lautete: „Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes,
+Sabbatai Zewi, Messias und Erlöser des jüdischen Volkes, bietet allen
+Söhnen Israels Frieden. Nachdem ihr gewürdigt worden seid, den großen
+Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch den Propheten zu sehen, so
+müssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure Fasten in frohe Tage
+umgewandelt werden. Denn ihr werdet nicht mehr weinen. Freut euch mit
+Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrübnis und der Trauer in
+einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin.“
+
+Ein Todesschweigen folgte diesen Worten. Die Zumutung des Propheten war
+für dies Volk, das mit unerschütterlichem Fanatismus am Hergebrachten,
+am überlieferten Gesetz hing, etwas Furchtbares und Unerhörtes. Wolf
+Käsbauer wurde weiß wie Schnee und stotterte ein hebräisches Gebet.
+Viele andere, besonders Frauen, beteten ihm nach. Aber es waren doch
+auch solche da, die von Mut erfüllt waren für die neue und große Sache.
+Sie riefen Hallelujah und ihre Augen leuchteten dem Kommenden froh
+entgegen. Der Messias, weil er so fern war, wuchs ins Unermeßliche vor
+ihren Augen, sein Haupt stand golden in den Morgenwolken, ihre Seele war
+ausgefüllt von ihm, weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf ihnen
+lastete, die Verachtung eines ganzen Volkes, einer ganzen Welt. Tagelang
+wohnte eine dumpfe Angst über den Juden in Fürth; sie wagten nicht aus
+ihren Häusern zu gehen, sie ergaben sich ganz den Gefühlen der
+Zerknirschung oder der Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung.
+
+Da kam am zweiten Tage nach dem Feste Jom ha Kipurim die Kunde aus dem
+Norden, der berühmte Hamburger Jude Manoel Texeira, der Vertraute der
+Königin Christine von Schweden, habe sich öffentlich in der Synagoge für
+den Messias erklärt. Aus Amsterdam, aus London, aus Prag, aus Mainz, aus
+Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an den Propheten ab, und
+seltsame Zeichen am Himmel machten auch vielen Christen das Herz schwer.
+Der Jude Wassertrüdinger in Fürth, genannt Weiber-Lambden, der bei
+schwangeren Weibern herumging und mit lauter Stimme Gebete las, sah
+nämlich am Samstag Abend, dem ersten des Monats Tibeth, einen großen
+anwachsenden Feuerschein am nördlichen Himmel. Seine Augen wurden naß
+vor Grauen und mit seinem Hinkbein lief er, so schnell es ging, in die
+Häuser der Juden und schrie mit halberstickter Stimme, daß Gott ein
+Zeichen gegeben habe. Viel Volk sammelte sich schweigend an den Ufern
+der Regnitz und Pegnitz und Christen und Juden standen in gleicher
+Furcht, in gleicher mystischer Andacht Schulter an Schulter. Zacharias
+Naar tauchte auf, fiel am Schilf des Flusses nieder und wandte sein
+gelbes Gesicht mit den weiten Augen dem himmlischen Feuer zu. Er begann
+ein flehendes Gebet zu singen, eine klagenvolle Anrufung des
+Gottessohnes zu Smyrna und die Gemeinde fiel im Chorus beim letzten Vers
+mit ein. Einsilbig rauschte der Fluß durchs Land und die erblassende
+Röte des Firmaments beleuchtete unsicher die dunklen Talare der in süßer
+Verzückung heimkehrenden Juden.
+
+In derselben Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm, riß das heilige
+Kreuz von der katholischen Kirche herab und als die Juden in der
+Morgenfrühe zum Gebet gingen, sahen sie über dem niederen Portal der
+Synagoge die Anfangsbuchstaben vom Namen des Sabbatai Zewi in goldenen
+Lettern stehen.
+
+Nun lebte ein Mann in Fürth, den man Maier Knöcker nannte; er hieß auch
+Maier Nathan und bei den Christen Maier Satan. Er hatte einen offenen
+Mund und eine häßliche Nase und war wegen seines Schacherns sehr
+verhaßt. Knöckern heißt bei den Juden stammeln und ein Stammler war
+Maier Knöcker, der Nathan. Er sah mit scheelen Augen in das erregte
+Treiben seiner Glaubensbrüder, und inmitten des allgemeinen Rausches
+blieb er nüchtern und kalt. Er war nur besorgt, daß er von seinem Geld
+nichts verliere und beriet sich oft mit seiner Frau, wie man die Kasse
+am besten verwahren solle. Er wohnte in einem alten Haus mit vielen
+Löchern und Winkeln und jeden Tag in der Woche brachte er sein Geld in
+ein anderes Versteck. Sobald eine Nachricht von auswärts kam über irgend
+einen bedeutsamen Vorfall, irgend ein unerklärliches Ereignis, so begann
+Maier Knöcker zu zittern und lief in sein Haus, um seine Schätze
+nachzusehen. Und wie die Flut der Ereignisse schwoll und sich
+ausbreitete und die Länder bedeckte, wuchs auch in der Seele des
+Knöckers die Furcht vor dem Verluste seines Vermögens, und er konnte
+keinen ruhigen Schlaf mehr finden und mußte seine Bissen bei den
+Mahlzeiten in Unfrieden hinunterwürgen. Er betete sogar weniger, um
+seinem Hab und Gut ein besserer Wächter sein zu können. Er verdammte
+diese unruhigen Zeiten und es gab Tage, wo er sich nicht mehr über die
+Gasse wagte und die Thüren versperrte, um irgend einen geheimnisvollen
+Feind abzuhalten.
+
+Aber es lebte noch eine andere Furcht in diesem schiefen und
+winkelreichen Haus, das in jeder Stunde einzufallen schien und das beim
+hellen Mondschein der Herbstnächte einer Ruine glich. Der Maier Knöcker
+hatte eine Tochter. Sie war nicht gerade schön, aber sie hatte die
+üppigen Formen und die äußerliche Leidenschaft der jüdischen Weiber, und
+in ihren Augen war etwas dumpf Sinnliches, das die Männer zu ihr trieb.
+Rahel hatte nun vor langem ein Liebesverhältnis mit einem christlichen
+Studiosus aus Erlangen angeknüpft und war in dessen Armen gefallen. Seit
+Monaten nun fühlte sie ein junges Leben sich in ihrem Leib regen, und
+wenn sie daran dachte, was Vater und Mutter sagen würden, wenn sie es
+entdeckten, so wurde ihr Herz förmlich wund. Ihre Ratlosigkeit und
+Traurigkeit verdunkelte ihr Leben und machte ihre Jugend finster und
+bereuenswert. Aber als die Woge der Messiasbegeisterung in den stillen
+Hofmarkt stürzte, sah das gequälte Mädchen darin eine Art Erlösung. Sie
+fand es leichter als sonst, ihren leiblichen und seelischen Zustand zu
+verbergen, denn die Erregung der Gemüter wandte sich nichts Einzelnem
+mehr zu. Trotzdem rückte die Zeit immer näher, wo nichts mehr zu
+verbergen war, wo sie, ohne zu reden, ihr Geheimnis offenbar werden
+lassen mußte. Sie sann und sann in schlaflosen Nächten, vergoß zahllose
+Thränen, und endlich ließ sie die angeborene Schlauheit des Weibes einen
+abenteuerlichen Ausweg aus ihrer Bedrängnis finden. Sie beschloß, ihren
+Geliebten um Hilfe zu bitten.
+
+Maier Knöcker war eben von der Abendschul nach Hause gekommen und
+erzählte finster, daß er mit vier andern unverrichteter Sache wieder
+gegangen sei. Die Juden vergäßen, sich zum Minjan zu versammeln; er sehe
+darin ein schreckliches Zeichen. Und beklommenen Herzens lugte er hinaus
+auf die Straße, als erwarte er Stunde für Stunde den unerbittlichen
+Gegner alles häuslichen Friedens von Angesicht zu Angesicht zu schauen.
+Da läutete die Hausglocke und Itzig Gänßhenker kam und berichtete
+atemlos, daß sich ein wirkliches Gotteswunder begeben habe. An der Küste
+von Nordschottland habe sich nämlich ein Schiff gezeigt, mit seidenen
+Segeln und seidenen Tauen und die Schiffsleute, die es führten, hätten
+hebräisch gesprochen und die Flagge habe die Inschrift getragen: die
+zwölf Stämme oder die Geschlechter Israels. Dies Schiff sei für die
+Braut des Messias bestimmt.
+
+Sie sprachen nun von vielen Dingen und Thelsela, das Weib des Knöckers,
+mischte sich auch in die Unterhaltung, bis Boruchs Klöß kam und man im
+Talmud lesen wollte. Auch Klöß wußte von dem geheimnisvollen Schiff und
+alle, alle draußen wußten es schon. Es kam nicht zum Studium des
+Talmuds, da Boruchs Klöß manche neue Seltsamkeiten zu berichten wußte:
+wie ein jüdischer Schneider zu Mailand in einen Zustand von Raserei
+gefallen sei und sich seitdem in prophetischen Verzückungen winde;
+stundenlang liege er am Boden und spreche bald lachend, bald weinend von
+der nahen Erlösung und von Sabbatais Macht im Himmel und auf Erden.
+Ferner erzählte er, daß sein Oheim aus der Türkei nach Hause
+zurückgekehrt sei. Der sei gänzlich betäubt von dem Großen und
+Wundervollen, das er dort gesehen. Das Volk von Smyrna sei wie im
+Wahnsinn und jauchze dem Befreier zu, der in Prozessionen von nie
+gesehener Pracht durch die Straßen ziehe. Die Ungläubigen, die Chofrim,
+seien ihres Lebens nicht sicher; Chajim Peña sei vom Volk fast
+zerfleischt worden, als er gegen Sabbatai aufgetreten war; da sei des
+Peña Tochter gekommen, habe mit verzückten Sinnen das Heil des Erlösers
+ausgerufen, habe geweissagt und sei wie berauscht gewesen; da gaben sie
+Chajim Peña frei, und er wurde später zum Jünger. So wurde weiter
+erzählt und Boruchs Klöß wußte immer noch mehr Dinge und erstaunlichere
+Dinge, als Itzig Gänßhenker. Maier Knöcker aber schwieg mit schwerem
+Herzen. Ringsum sah er den wilden Tanz sich gestalten. Seine Klugheit
+warnte ihn davor, zu widerstehen, um so mehr, als noch in derselben
+Nacht das Gerücht laut wurde, Zacharias Naar stehe in Verbindung mit dem
+Propheten selbst. Er erhielt dadurch eine förmliche Weihe; er ging in
+die Häuser der Juden, überzeugte die Zweifler und entflammte die
+Hoffenden. Überall schritt er umher, überall fand man ihn, oft hob er
+sich gegen den dunklen Himmel der Felder ab, einsam in der Nacht.
+
+Die Glocke verkündete die Mitternacht. Ein junger Mensch schlich über
+den Lilienplatz in die Wassergaß zum Haus des Knöckers. Er hatte ein
+langes Rohr unter seinem Mantel verborgen, und sein Kopf war sorglich in
+eine Kapuze gehüllt. Der rote Mond senkte sich gegen Westen und schien
+ein zauberhaftes Blühen auf die Dächer zu breiten. Gelbe Blüten, zarte
+Nebelschleier, er hauchte sie hin, daß es keiner sah, und die Steine
+waren nicht mehr Steine, sondern es waren Knospen von Mondblüten und
+jeder Zaunpfahl erwachte aus einem traumlosen Schlaf und guckte
+schwermütig in diese Welt der Verkehrtheiten. Die brüchigen Häuser sahen
+so unbekleidet, hilflos und gottverlassen aus! Manche waren förmlich
+rührend in ihrer trostlosen Verfallenheit, während ihre Fenster
+traurigen Augen glichen, die in die dunstige Glasglocke des Himmels
+hineinstarrten, als ob sie geblendet wären von dem sanften, nächtlichen
+Licht.
+
+Der junge Mensch überkletterte einen niederen Zaun, und erstieg eine
+schmale, morsche Treppe, von wo aus er auf ein Dach kam und dort auf den
+Zehen weiterschritt. Vor einem grünen Fensterladen stand er still und
+steckte sein Rohr durch einen schmalen Spalt. Nun rief er mit dumpfer
+und verstellter Stimme in das Sprachrohr: „_Baruch ado adonai elohim!_ O
+ihr gerechten und gottliebenden Eheleute Maier Nathan und Thelsela!
+freuet euch, denn eure Tochter, die eine Jungfrau ist, hat eine Tochter
+in ihrem Leib empfangen, die wird die Braut sein dem Erlöser des Volkes
+Israel, dem Messias zu Smyrna.“
+
+Der Knöcker, der vergebens seine Kissen um Schlaf zerwühlt hatte und
+dessen Phantasie in wilder Bewegung war, weckte sein Weib. „O meine
+Liebste,“ flüsterte er beklommen, „hast du die himmlische Stimme gehört?
+Es ist ein Engel dagewesen; stehe auf, wir wollen beten, daß du die
+himmlische Stimme auch zu hören gewürdigt werdest.“ Zitternden Leibes
+erhob sich die Frau, die ein müdes Gesicht und noch immer schöne, klare
+Augen hatte. Sie lauschte in die Nacht hinaus, legte die vermagerte Hand
+auf die klopfende Brust und kniete nieder. Da ertönte die Stimme von
+neuem: „Ihr sollt eure Tochter in hohen Ehren halten und großen Fleiß
+anwenden, daß sie wohl versorgt werde. Denn aus ihrem jungfräulichen
+Leib wird die Messiasbraut geboren werden.“
+
+Da packte Thelsela ihren Mann und zog ihn hinüber in das Zimmer, wo die
+Tochter schlief. Sie schien ruhig zu schlummern, abgehärmt sah sie aus,
+ihre Lider zuckten ein wenig. Und als die Mutter ihr die Decke vom
+Körper ziehen wollte, stieß sie einen heiseren Schrei aus und krampfte
+die Hände fest, in einer tödlichen Angst befangen, in den Stoff. Doch
+der Knöcker streichelte ihr die Wangen und stotterte unverständliche
+Zärtlichkeiten, während Thelsela den Leib des Mädchens befühlte, ernst
+nickte und von Andachtsschauern durchrieselt wurde. Eine große Freude
+hatte den Maier Nathan befallen; sein Haus war zu solch vorzüglichen
+Dingen auserwählt worden, daß er in diesen Stunden sogar der Sorge um
+sein Geld vergaß und mit seinem Weibe am Lager der Tochter sitzen blieb,
+um ungeduldig den Anbruch des Tages zu erwarten. Über Rahels Wangen
+flossen bittere Thränen. Mit weitgeöffneten Augen sah sie beständig auf
+einen Punkt. Böse Gesichte schienen sie zu foltern; das Licht that ihr
+weh, auch jede Tröstung schmerzte sie.
+
+Der Maier Nathan indessen, dem eine ganz neue Welt aufgegangen war, sah
+sich schon als den Patriarchen der Gemeinde, gepriesen als den Vater
+eines ganz unerhörten Glückes. Er nahm sein Weib bei der Hand, führte
+sie in das Schlafgemach zurück, stotterte verwirrte Dinge, von denen die
+Thelsela in ihrem blöden Sinn nichts verstehen konnte und ging fort, um
+zuerst seinen Freund Boruchs Klöß und dann den Chassan aufzusuchen.
+
+Der Morgen war nahe. Eine seltsame, drückende Öde lag auf den Gassen.
+Fern in der Ebene rauschte der Fluß, und bisweilen klang es herein wie
+das Klappern eines Mühlenrades oder das Geläute von Kuhglocken. Den
+Zenith belagerte eine große dicke Wolke. Wie ein Raubtier lag sie und
+schien bereit, sich auf das Land zu stürzen.
+
+Fast in allen Judenhäusern war Licht. Wo auch Maier Knöcker das
+neugierige Ohr an einen Thürverschluß oder an eine dünne Mauerwand
+legte, hörte er Gebete murmeln, Klagen und Anrufungen und Lobpreisungen.
+
+Als der helle Tag angebrochen war, vernahm man etwas Wunderbares. Es
+hieß nämlich, die Juden in dem Städtchen Avricourt rüsteten sich, nach
+Jerusalem zu ziehen. Dann hieß es auch, Jakob Sasportas, der wütende
+Feind des Zewi, sei plötzlich zum glühenden Anhänger geworden, und mit
+der heiligen Schrift im Arm tanze er verzückt durch die Straßen von
+Worms. Ferner kam die Nachricht, Manoel Texeira sei mit zehn Ältesten
+nach Smyrna gepilgert und habe sich dem Messias zu Füßen geworfen.
+Nathan Ghazati war von Sabbatai zum König von Griechenland und Elisa
+Levi, der Bettler, zum Kaiser von Afrika bestimmt worden. Die
+Palästiner, die durch Jakob Zemach eine Huldigung an den neuen König der
+Juden abgeschickt hatten, schmückten ihren Tempel und zogen
+psalmensingend und blumenstreuend durch die Stadt, gerade wie zu Davids
+Zeiten. Sabbatai Raphael in Polen und Mathatia Bloch seien von heiligem
+Geist erfaßt, so daß sie wahrsagten auf offenem Markt in Warschau und in
+Thorn.
+
+So kommt der Föhn im Frühjahr und im Herbst über das deutsche Hochland
+wie all diese Botschaften nach Fürth. Selbst die Christen wurden
+miterregt und bedrückt von der Wucht der fremdartigen Ereignisse. Ein
+Taumel ging durch das mittlere Europa, jene Mittelgebirgsländer, welche
+fanatischen Strömungen so leicht zugänglich sind, die dann an irgend
+einer Stelle einen tollen, hungrigen Strudel bilden, der alles Feine und
+alles Friedliche in eine schwarze Tiefe hinunterzerrt. Die alte Welt
+schien aufzuwachen aus einem Schlaf. Der Bedrücker fürchtete den
+Bedrückten, der Knecht hatte reiche Träume von Freiheit. Kein Tag
+verging, an dem nicht Kunde von Außerordentlichem eintraf, wäre es auch
+nur ein geheimnisvolles, deutungsreiches Wort des Messias gewesen. Er
+steht z. B. auf einer Terrasse am Meer, streckt seine Hand aus gegen
+Chalkidike und spricht: Seht, ich gebe euch heute das Leben und den Tod.
+Das wurde von wandernden Juden berichtet, oder es gingen Sendschreiben
+durch die Städte; wunderliche Dinge lagen in der Luft.
+
+Maier Knöcker, der Nathan, der das unerwartete Glück, dessen er
+teilhaftig geworden, voll Entzücken weitergetragen hatte, traf zuerst
+auf Mißtrauen, dann auf Verwunderung, dann auf blinden Glauben. Er fand
+einen begeisterten Apostel in Boruchs Klöß und dieser beredsame Mann
+erwies sich in der That als der beste Anwalt einer so begnadeten Sache.
+Die Ältesten der Gemeinde kamen zu Rahel, um sie durch Gebete gleichsam
+heilig zu sprechen. Am gleichen Abend wurde ein großes Festmahl unter
+dem Vorsitz des Ober-Rabbis abgehalten, und das Haus des Stammlers wurde
+als eine Art frommer Zuflucht erklärt. Aber Rahel selbst blieb finster
+und verschlossen dabei. Sie wich jedermann aus und hatte es verlernt,
+Vater und Mutter gerade ins Gesicht zu sehen. Wenn einer länger mit ihr
+redete, begann sie zu zittern. Ihre Hände waren feucht, ihre Lippen
+trocken und aufgesprungen, ihre Augen gerötet. Sie konnte in keiner
+Nacht mehr schlafen; die Finsternis nahm eine purpurne Färbung für sie
+an, so daß es wie ein Vorhang vor ihren Blicken lag, undurchdringlich
+und beängstigend. Oft bevor noch der Tag anbrach, erhob sie sich vom
+Lager und schleppte sich hinauf in die Bodenkammer, um in irgend einer
+Luke zu kauern und starren Blickes zu brüten, stundenlang. Oder sie
+stieg in den Keller hinab, wo es sehr kühl war. Aber sie freute sich,
+wenn sie fror; sie wünschte zu frieren, wünschte zu leiden, denn ein
+äußerer Schmerz verlieh dem inneren Milderung. Am Sabbat nach der Schule
+kamen die Weiber zu ihr; aber sie war so sehr bedrückt, daß sie vor den
+Besucherinnen in lautes Weinen ausbrach. Sie rang die Hände, stöhnte,
+warf sich zu Boden, fletschte die Zähne, und murmelte Worte ohne Sinn
+und Klang. Das war ein sehenswertes Schauspiel für die Weiber, eine
+Bestätigung des Wunders, das mit dieser Jungfrau vorgegangen. Sie
+brachten Geschenke, doch das Mädchen warf sie ihnen vor die Füße und
+schalt und drohte ganz fassungslos. Auch viele Männer kamen: Thurathara,
+Wolf Batsch, Seligman Schrenz, Seligman Rumpel, Hirsch und Herz, die
+Rumpeln, Wolf Bieresel, Joel und David, die Bieresel, Maier Anschel und
+Itzik Gänßhenker, ja sogar Moses Bock aus Würzburg und Michael bar
+Abraham aus Markt Erlbach. So schnell hatte sich die Kunde im Lande
+verbreitet. Alle brachten sie Geschenke: Güldene Schleier oder Sternlein
+oder durchgezogene Sternlein oder Umhänge von Drapd’or oder gestickte
+von Gold, von goldenen oder silbernen Blumen, Kleider von Sammet mit
+einer Blumenbordüre, einen Mantel von Damast, verbrämte Schuhe oder
+Pantoffeln von gutem oder schlechtem Gold, oder von Bändern oder von
+schwarzem oder gefärbtem Leder, Kartelsteine oder andere Gehänge, auch
+Hand- und Leibschnallen, güldene Gürtel und einen Gürtel von Gold, der
+mit Diamanten besetzt war, Ringe und Ohrgehänge, Handschuhe von Pelz und
+Halstücher bis auf zwei Gülden Wert.
+
+Das waren festliche Tage für Maier Knöcker, den Nathan. Mit zitternden
+Händen tastete er über den Reichtum; nahm die Tücher, faltete sie wieder
+zusammen, liebkoste die Schuhe und Ringe, legte die Gehänge um seinen
+Hals und stolzierte im Zimmer damit auf und ab; auch stellte er sich
+damit vor einen Spiegel, machte Bücklinge, schnitt lächerliche Grimassen
+und ging dem finsteren Schicksal mit kindischer Heiterkeit entgegen.
+
+Am Tag Dionysius war die Luft so klar, daß man die Kirchenglocken von
+Nürnberg vernahm. Ein gelber Schimmer lag auf den Wiesen und der Himmel
+war mit weißen, feinen, runden Wölkchen marmoriert. Ein Zug jüdischer
+Spielleute, die von der Domprobstei Bamberg verwiesen worden waren,
+brachte die Nachricht, der Messias sei von Smyrna aufgebrochen und käme
+nach Deutschland, die Gläubigen um sich zu versammeln und an ihrer
+Spitze ins heilige Land zu ziehen.
+
+Als Rahel dies vernahm, erwachte sie aus ihrer langen Apathie. In ihr
+war nur ein Gedanke: daß sie fort sollte aus dem Land, wo der Geliebte
+wohnte; denn in ihrer heißen und erregten Phantasie war ein Gerücht
+schon einem Geschehnis gleich. Mit glühenden Augen eilte sie auf die
+Gassen; niemand beachtete sie heute. Viele schienen in einer Tollheit
+befangen, wie eine Schar Verschmachtender, denen man feurigen Wein
+gegeben hat. Kein Ritus wurde mehr beachtet, weder das Abend-, noch das
+Morgenminjan, weder der Socher, noch der Bund der Beschneidung. Über den
+Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem Oberkörper; er hatte sich
+auf die Brust die Worte gemalt: wir empfahen was unsere Thaten wert
+sind; wir leiden Pein in heißen Flammen. Der Schmuel, der Richter der
+Gemeinde, ein Mann von siebzig Jahren, der Tag und Nacht den Talmud
+studiert, hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben,
+und sein Leib war beinahe erstarrt. In hebräischen Worten schrie er
+leidenschaftlich das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich
+und andächtig um ihn her. Rahel eilte hinaus zum Schießanger, wo noch
+von der Kirchweih die Wagen der Zigeuner standen, und dann lief sie
+hinüber zum Schwedenstein, wo sie kraftlos ins Gras sank. Sie hörte die
+Zigeuner schreien in ihrem Rotwälsch und sah sie gestikulieren, trotz
+des Nebels, der über der Landschaft lag. Der Schulklopfer und der
+Totengräber liefen an der Kapelle vorbei, aber sie nahm es nicht wahr.
+Ihr war zu Mut, als läge sie schon tagelang hier, ohne Sinn für die
+Flucht der Zeit und als müsse sie noch tagelang und wochenlang hier
+kauern, unfähig zu begreifen, was in ihr vorging. Der Himmel bedeckte
+sich mit Wolken und ein feiner Perlenregen fiel. Eine dieser Wolken, die
+heraufzogen vom Vestner-Wald, hatte die Gestalt und die Züge des jungen
+Studenten, den sie liebte. Sie sah es genau: die Wolke trug einen
+schwarzen Bart, der zierlich um Kinn und Wangen stand und kokett
+zugespitzt war. Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine Nase und
+die unsteten Augen. Und dann stand er plötzlich bei ihr, Thomas Peter
+Hummel, und ihr war, als könne sie seine Hand fassen. Er sprach ihr zu,
+fein und schnell und geschickt und wenn er überzeugte, war es nicht in
+dem, was er sagte, sondern in seiner Stimme, in seiner gewandten,
+schlangenhaften Art, in seiner heiteren Geschwätzigkeit. Er wählte seine
+Worte wie ein scharfer Politiker und spielte taschenspielerhaft mit
+Gefühlen. Aber wie es in der Welt geht, sie liebte ihn.
+
+Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her. Ihr gemächlicher Schritt
+zeigte, daß sie den Regen nicht achteten. Rahel erkannte Zacharias Naar
+und jenes schlanke Mädchen, das sie bei den Schaustellungen am
+Schießanger gesehen hatte. Sie war schön. Man muß die Augen zumachen,
+wenn man sie sieht, dachte Rahel. Sie war blaß und krank, wie verzehrt
+von einer geheimen Sehnsucht. Jede Linie an ihrem Körper hatte etwas
+Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und Lieblichkeit.
+Dennoch war etwas an ihr, das all dies Lügen strafte, vielleicht in der
+Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen. Bald verschwanden sie an der
+Biegung des Wiesenwegs. Rahel blickte starr in die leise dämmernde
+Landschaft hinein und war froh, daß sie nicht gesehen worden war. Sie
+fühlte nicht Kraft genug, wieder nach Hause zu gehen und fürchtete, die
+einbrechende Nacht könne sie noch immer hier finden. Sie erschien sich
+ausgestoßen und verfolgt; verurteilt, für sich allein Schmach,
+Bedrückung, Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit zu ertragen; sie wollte
+nicht mehr heimkehren. Sie haßte Vater und Mutter, haßte die bleichen,
+gebetseifrigen, jüdischen Männer, ihre gefräßigen, schwatzhaften Weiber,
+die altklugen Knaben, die frühreifen Mädchen, die kindischen,
+fanatischen Greise: alle schienen ihr verächtlich und unrein. Doch wohin
+sollte sie gehen, wenn nicht nach Hause; sie dachte, endlos ist die Welt
+und für ein Judenmädchen giebt es kein Erbarmen und keine Unterkunft.
+Jeder Christenknecht, selbst ein Räuber darf sie stoßen mit seinen
+Füßen. Schließlich stechen sie dir gar noch die Augen aus, wenn sie es
+für gut finden, und dann mußt du verhungern. Sie glaubte nicht an diesen
+Messias, sie verachtete seine Prophezeiungen, vielleicht nur deshalb,
+weil es ihr gelungen war, durch einen plumpen Betrug alle, die um sie
+herum waren, völlig zu täuschen.
+
+Während sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah, teilten sich
+dort die Wolken, und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut
+schwefelgelben Lichtes über das ganze Firmament. Bäume, Steine, Wiesen,
+das Wasser, der Wald, die Häuser in der Ferne, die Kirchtürme, ja die
+Luft selbst schien ganz dick von diesem Gelb zu sein. Da lächelte Rahel
+und die Spannung ihrer Seele löste sich. Ein tiefer Frieden erfüllte
+sie, und sie schloß träumend die Augen.
+
+Ein Bauer kam über das Feld geschritten, der seinen Kopf mit einem Sack
+verhüllt hatte. Er sah das Judenmädchen am Boden kauern und war so
+erschrocken durch den Anblick, den sie bot, daß er sich bekreuzigte und
+spornstreichs gegen die Häuser des Orts rannte. Eine Schar von Juden kam
+ihm entgegen, die zum Schwedenstein wollte, um das Grabmal des Joseph
+Gabriel, des Naphtali Sohn, mit Gewalt fortzunehmen, nachdem die Familie
+beim Schultheiß und beim Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen
+worden war. Der Bauer aus Ronhof oder Poppenreut, dessen eines Auge
+erblindet war, machte den Juden die Mitteilung, daß er eine Hexe am
+Schwedenstein gesehen habe. Aber jene erkannten schon von weitem die
+Tochter des Knöckers, und einer lief zurück, um den Maier Nathan zu
+holen. Der Ronhofer Bauer hatte schnell erhorcht, daß die Juden den
+Schwedenstein berauben wollten; er schwang drohend den Arm, lief fort
+und alarmierte einen Hornmacher, einen Schneider, einen Goldplätter und
+zwei Metzger- oder Schlächterburschen, die in der Nähe des Schießangers
+ihre Verrichtung hatten. Als Maier Knöcker bleich und atemlos aus der
+Fischergasse kam, stürzten sich Hornschuch, der Kammacher und Federlein,
+der Schneider, voll Wut auf ihn, während ein paar ganz verdorrte alte
+Weiber aus dem Erdgeschoß eines grünen Hauses herauskeiften und ihren
+Haß gegen das Jüdengesindel nicht zu zügeln vermochten. Die andern
+Helden rannten mit dem Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten
+sich baß auf die bevorstehende Prügelei; im Laufen verteilten sie die
+Opfer unter sich und rechneten aus, daß jeder etwa drei Juden zum
+Prügeln bekommen würde.
+
+Es war dunkel geworden: ein sanfter, milder Abend wider alle Erwartung.
+Die Sterne blinkten hervor unter den Wolkentüchern; auch der volle Mond
+stieg im Osten herauf, gerade über den Türmen Nürnbergs. Ein
+olivenfarbenes Licht ging von ihm aus, während im Westen das finstere
+Rot und das bronzene Gold allmählich verblaßten. Wer sich niederließ auf
+die Kniee oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam hineinsah in
+das weite ebene Land, konnte glauben, daß die Erde Atem schöpfe, wie ein
+Mensch, daß das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde
+sei, die sich auf und nieder bewegte in ruhigem Rhythmus.
+
+Kaum waren die händelsüchtigen Burschen am Schwedenstein angekommen, als
+sie erstaunt und bestürzt stillstanden. Der Schelomo Schneiors, der
+Bürgermeister der Juden, hatte sich seiner Kleider entledigt, und mit
+einer kurzen Geißel, die fast wie eine Pritsche aussah, schlug er wütend
+auf seinen Körper los. Sein Gesicht war so verzerrt, daß es einen
+widerlichen Anblick bot, und seine dicken, blutroten Lippen schoben sich
+Gebete murmelnd hin und her. Sein Körper zuckte vor Schmerz, und die
+Rippen quollen förmlich heraus unter der magern, verwundeten Haut. Die
+andern Juden standen totenbleich rings um ihn her wie Scharwächter und
+beugten taktmäßig das Knie. Behrman der Levit rief mit einer Stimme, die
+schrill und unheimlich hinausscholl in den friedlichen Abend der Felder,
+eine kabbalistische Anrufung: Der König Messias wird erscheinen, und ein
+auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben Sterne von der
+Mitternachtsseite verschlingen, und eine schwarze Feuersäule wird vom
+Himmel herabhangen sechzig Tage lang. Alsdann werden alle Völker
+zusammentreten gegen die Sprößlinge Jakobs, und eine große Finsternis
+wird in der Welt sein, fünfzehn Tage lang.
+
+Mit einem irren Schrei stürzte Maier Nathan, den seine Feinde nun
+endlich losgelassen hatten, in den Kreis, ergriff Rahels Kopf mit beiden
+Händen, streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme, warum
+sie fort sei, ob sie krank sei, ob sie traurig sei. Rahel schüttelte nur
+den Kopf.
+
+Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebüßt
+und unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon; sie schickten
+den Ronhofer Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil, damit er Bericht gebe
+und sie wegen des Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe. Die
+beiden Schlächterburschen und der Goldplätter, die alle drei sehr
+gedrückt schienen, wünschten alsbald eine geruhsame Nacht und der
+Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter. Am Gänsgraben kam
+ihnen ein Leiterwagen entgegen, dessen Fuhrmann dem Hornmacher bekannt
+war, und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit. Der Fuhrmann
+wußte befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende
+der Welt. Es sei gut, meinte er, daß man in Nürnberg keine Juden habe,
+denn dort seien die Bürgersleute noch halbwegs zu vernünftigen Dingen zu
+gebrauchen. Und er erzählte beiläufig, daß er am Juden-Bühel in Nürnberg
+einen großen Stein gesehen habe mit der Inschrift:
+
+ Der Stein ist nach den Juden blieben
+ Als sie von Nürnberg wurden vertrieben
+ In Wolfgang Eysen Haus, das ist wahr
+ Im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr.
+
+Allmählich, wie der Mond höher stieg, wurden die Gassen mondhell.
+Herüber von den Wäldern der Veste wogten die schweren Dünste des
+Herbstes. Die Blätter der Bäume, ein wenig regenfeucht, schimmerten
+silbern und zitterten leise im Abendwind.
+
+Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet. Die Juden schienen
+heute ein dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten offenbar
+den unbestimmten Trieb, wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen schienen
+auf dem Wege der Erfüllung, und die Schwülnis, die vom Orient herkam,
+war viel drückender als einst vor sechzehnhundert Jahren, da man Jesus
+Christus gekreuzigt hatte.
+
+Junge, jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher, mit aufgelösten
+Haaren; manche hatten die Brust entblößt und ihre Augen glänzten wie von
+übermäßigem Weingenuß. Knaben saßen in Gruppen vor den Thüren und sangen
+Psalmen und Hymnen an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise
+versammelt und gaben sich mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala
+hin. Da erhob sich z. B. in einem Haus am Kohlmarkt der neunzigjährige
+Chajim Chaim Rappaport und sprach: „Wäre er es nicht, der die Schmerzen
+von Israel über sich nähme, wahrlich kein Mensch wäre es zu erdulden
+imstande. Unsere Krankheiten wird er tragen und alle Übel und Schmerzen
+nimmt er ab von der Welt.“ Dann verkündete er, Sabbatai Zewi habe den
+vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Türke Murad
+Effendi sei dadurch bekehrt worden.
+
+Im Hause des Ober-Rabbi hatten sich fünfzig Männer und Frauen zu einem
+Mahl versammelt. Je weiter der Abend vorschritt, je ungezügelter wurde
+der Freudenrausch, je heißer wurden die Köpfe vom Wein, vom Spiel, von
+Erregung seltsamer Art. Viele tanzten sinnlose Tänze in dem Betsaal des
+Ober-Rabbi und warfen die silbernen Becher in die Luft und viele, die
+später kamen, knieten hin und schrieen mit heiserer Stimme Gebete. Der
+Rabbi selbst war es, der zuerst die Kleider von sich warf und dann der
+jungen, schönen Esther Fränkel das Gewand vom Leibe zerrte. Ihre Lippen
+küßten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich umschlungen und
+nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz umher.
+Andere folgten bald dem Beispiel; überall erhoben sich bleiche Gesichter
+von der Tafel, glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt
+der Erlösungen hinein und nackt zu sein schien als der Gottheit
+lautester Preis zu gelten: gerade wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich
+die Freiheit empfängt und in wilder Zügellosigkeit sich selbst
+zerfleischt und seine eigene Habe zerstört. Männer, die schon an der
+Schwelle des Greisentums standen, gebärdeten sich wie Faune. Weiber mit
+grauen Haaren gaben sich einem Taumel hin, der ihnen selbst fremd und
+beklagenswert erscheinen mochte. Die Thelsela Knöcker trank fast ohne
+auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit kindischer Stimme
+hebräische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos zu Boden
+sank. Es waren junge Mädchen da, die sich einer tollen, rasenden
+Liebesgier überließen, gleichsam als wollten sie damit lange Jahre der
+Entbehrungen in ihrem Gedächtnis verwischen. Manche sahen aus wie
+Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten und schamlos
+hineinstürzten in finstere Laster. Geschrei, Ächzen und schrilles Johlen
+herrschte, eine scheußliche Musik, ausgeübt von fünf betrunkenen
+Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon, den drei
+oder vier Männer in einer dunkelen Ecke hersagten, oder ein fanatischer
+Schrei um Erlösung, der von einem fernen Haus in einer fernen Gasse
+erwidert wurde. Michel Chased, der Chassan, hatte die Gesetzrolle von
+der Schule geholt und tanzte damit umher wie mit einer Geliebten; er
+trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht mit ihr, und als er
+keuchend, die anderen gleichsam um Atem bettelnd, zu Ende war, bohrte er
+eine lange stählerne Nadel tief in den Oberarm, daß sein dunkelrotes
+Blut auf die Gesetzrolle und auf den Boden rann. Boruchs Klöß, Wolf
+Batsch und die Rumpeln knieten hin und leckten und schlürften winselnd
+das halbgeronnene Blut, indes der Chassan bleich und steif in die Arme
+seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen für kurze Zeit den
+rotbärtigen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwörend die Hände
+heben und wieder verschwinden. Ja, der alte Thurathara, dessen gerötete
+Augen stets wie aus einem dünnen Spalt hervorblinzten, behauptete, jener
+habe ein wunderschönes, blasses Kind auf den Armen getragen und lächelnd
+und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben
+geschaut. Der alte Seligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter
+bedecken, wollte sie mit seinem Mantel umhüllen; aber jauchzend, mit
+halbgeöffneten Lippen lief die feine Noemi davon, warf sich in die Arme
+ihrer Freundin, der Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mädchen
+küßten sich, warfen sich zu Boden und drückten ihre fieberheißen Körper
+dicht aneinander.
+
+Und ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den
+Dielen; denn sie schliefen nicht mehr in Betten. Bei Tage hüllten sie
+sich in Tücher von grobem Stoff und hörten nicht auf, zu beten. Es gab
+Männer, die sich des Schlafes gänzlich enthielten und sich Tag und Nacht
+mit dem Studium des Gesetzes befaßten, denn durch die Tikkunim in der
+Mitternachtsstunde wurden die Sünden verwischt. Maier Wolf, genannt der
+Fünkler, und sein Bruder Samuel Fünkler gingen des Morgens bei dem
+kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluß, um ihren Leib zu
+reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemüter, und es war bald
+ein gewöhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen taumelte
+und sich geißelte, bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war.
+
+Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam
+die Familie des Gabriel, des Naphtali Sohn auf dem Lilienplatz zusammen
+und vier junge Männer trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal. Es war
+eine Menge von Menschen dabei: Frauen und Kinder, die sich mit heiteren
+Tüchern geschmückt hatten und Freudengebete sangen. Auch viele Männer
+hatten sich eingefunden. Im langsamen, schmalen Zug schritten sie dem
+Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem Stein, der mit
+goldbestickter Sammetschärpe umwunden war. Dazu lugte der Mond über das
+Dach der Michaeliskirche und es war, als müsse man überall erst die
+feinen Nebel zerreißen, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht.
+Über dem Fluß, weit hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst,
+gleich einem weißen Gewölbe, oder wie die lange Säulenhalle eines
+Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und da ein rätselhaftes
+Licht. Das Wasser rauschte in den Frieden, und nichts Bewegtes war zu
+sehen, außer den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem
+jüdischen Zug an der Straße.
+
+Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten, kam aus dem
+weitgeöffneten Thor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und
+stammelte, oft unterbrochen durch staunende, erschreckte Ausrufe der
+Zuhörer, ein Geist schwebe über die Gräber und singe wunderbare Weisen
+und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai, Stern der Höhe! Alle blickten
+angestrengt hinüber. Der Gräberort lag ausgebreitet an einer
+Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein phantastisch
+zerklüftetes Aussehen. Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene,
+baumlos, häuserlos, einem Meer ähnlich, darin einsame Dörfer wie
+Toteninseln lagen.
+
+Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, überwanden ihre
+natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das
+Thor. Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer spähend,
+zum Grab des Joseph Gabriel. Am mutigsten waren die Knaben; sie sangen
+ein Lied vom Stolze Zions, und ihre köstlichen frischen Stimmen
+erfüllten die Nacht gleichsam mit Heiterkeit.
+
+Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger der
+Christen stieß, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet
+wurden. Deutlich war die alte Veste mit ihrem düstern Wald sichtbar und
+ein leiser, flötender Hornruf klang herein. Der Totengräber kam und
+Änsel Steinblaser trat als Vorbeter heraus, um die im Schulchan Aruch
+vorgeschriebenen Gebete zu sagen. Aber er fing nicht an; Minuten
+vergingen und weil die hinten Stehenden sein Gesicht nicht sehen
+konnten, drängten sie sich gierig vor. Einige verwünschten schon die
+Furcht vor den Christen, die sie veranlaßt hatte, die Ceremonie zur
+Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlossen die Augen, um nichts
+sehen zu müssen. Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich
+gab, näherten sie sich ihm, so dicht sie konnten, und nun sahen sie, daß
+er mit aufgerissenen Augen und mit leichenfahlem Gesicht beständig nach
+einem Punkt starrte. Sie folgten seinem Blick und sahen eine weibliche
+Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den Steinen stehen. Die
+Stille tödlichen Schreckens entstand, als ob alle auf einmal zu atmen
+aufgehört hätten; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme von
+dorther, – eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden
+Sprache. Elkan Hirsch, der Totengräber und Rabbi Seligman in der Clauß
+waren die mutigsten, und da es doch eine menschliche Stimme war, die sie
+vernahmen, so folgten schließlich auch die anderen Männer, dann die
+Kinder und zuletzt die Frauen.
+
+Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen. Wer sie auch vorher bei
+den Zigeunern gesehen hatte, würde sie nicht wiedererkannt haben. Nur
+mit einem Hemd bekleidet stand sie da und schien doch nicht zu frieren.
+Wer sie so sah, mußte im Innern jedes Leiden mitfühlen, das sie
+bedrückte. Aber es war etwas listiges in ihrem Schmerz und etwas
+begehrliches in ihren klagenden Augen. Sie hatte eine lange, schmale
+Hand mit vielen Fältchen, mit überraschenden Bewegungen; oft scheint die
+ganze Seele in den Formen einer Frauenhand zu liegen.
+
+„Ich habe nichts“, sagte das Mädchen, „ihr könnt mit mir thun, was ihr
+wollt. Laßt mich nur hier.“
+
+„Vielleicht liegt deine Mutter begraben hier?“ forschte Elkan Fränkel.
+Ein junges Weib bot ihr einen schwarzen, englischen Shawl an, aber Zirle
+wies ihn schweigend zurück.
+
+„Hört nur, was ich euch erzählen will“, flüsterte das Mädchen und
+flüchtige Schauer überliefen sie, während sich alle dicht herandrängten.
+„Ich bin im Kloster gewesen. Die Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus
+Christus zu glauben. Was ich als Kind war, ist vergangen gewesen, denn
+das war in Polen, müßt ihr wissen. Ich denke jetzt so genau daran. Die
+Christen, so viel es gab im ganzen Land, sind hergefallen über uns, und
+die Gassen waren voll Blut. Unser weißes Tischzeug war voll Blut und die
+Betten. Mein Vater und meine Mutter und die zwei Brüder und die zwei
+Schwestern sind alle totgeschlagen worden. In der Nacht haben sie die
+Häuser verbrannt. Viele, viele Frauen und junge Mädchen haben sie in den
+Tempel gesperrt und haben Feuer daran gelegt. Ach was für ein Wimmern
+und Schreien! Und überall in Polen war es so. Ich habe mich versteckt in
+einem Stall, wo lauter Schweine und Schafe waren. Ich habe nimmer
+gewußt, ob es Tag oder Nacht war, habe Hunger gehabt und bin gelegen,
+wie viel Tage weiß ich nicht. Wie ich fort bin, barfuß, habe ich mich
+blutig gestoßen an den Steinen. Dann haben sie mich im Kloster
+aufgenommen. Die Zeit verging. Aber wenn ich auch Christengebete sagte,
+vergaß ich doch nichts. Es war immer, wie wenn ich meine Geschwister tot
+sähe. Auch den Garten sah ich und die Lichter beim Chanukafest und am
+Neujahrstag und wie wir an den Fluß gingen, um unsere Sünden ins Wasser
+zu werfen. Freilich war es immer wie ein Traum und wie ich eines Tages
+fort bin, weiß ich gar nicht und wie ich zu Zigeunern kam. Oft habe ich
+fremde Stimmen gehört, auch wenn ich ganz allein war in der Nacht. Ein
+Bräutigam wartet auf dich, rief es oft, er breitet seine Arme aus und
+erwartet dich. Er ist mehr noch wie Jesus Christus, er ist selbst Gott.
+Und eine andere Stimme rief mich Melliselde mit flutendem Haar,
+Kaiserstochter, Messiasbraut.
+
+„Gestern, seht ihr, gestern kam mein Vater zu mir im Schlaf. Er sagte,
+Gott hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt. Du sollst ihm
+entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist aus Jakob, wie
+es in der Bibel steht. Dann war ich den ganzen Tag darauf voll Angst und
+konnte nicht Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist
+meines Vaters und faßte mich mit seinen Händen an und trug mich
+hierher.“
+
+Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib, wo
+die Hand des Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an
+der linken Hüfte waren blutige Schrammen.
+
+Ein langes Schweigen entstand. Eine sonderbare Scheu hielt sie ab, das
+junge Mädchen anzureden. Stille Schwärmerei, fanatische Gläubigkeit,
+geheimnisvolle Extase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten
+sie gesehen oder gefühlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren
+Augen, machte sie verdutzt und voll Angst.
+
+Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Thores auf und kam mit
+dumpfem, unruhigem Gemurmel näher. Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln
+an, die einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen, und deren Rauch
+die Mondscheibe verdüsterte. Von der Senkung des Hügels kam Zacharias
+Naar herauf, nahm Zirle bei der Hand und sagte laut und vernehmlich:
+„Führe sie, Tochter Zions! Alle, die da kommen, werden sich dir beugen.“
+
+In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. Überall
+standen aufgeregte Leute. Von Ottensoos, Schnaittach, Unterfarrnbach und
+Hüttenbach waren die Juden hereingekommen. Niemand wußte, wie sich das
+Gerücht so schnell verbreitet hatte, zu Fürth habe sich
+Außerordentliches auf dem Gottesacker begeben, schier jede Stunde sei
+unerschöpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden, Samuel Ermreuther und
+Nachman Sandel Mahler, markgräfischer Schulklopfer, hatten große
+kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen
+bestreut: Rosen, Levkojen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer
+vornehmen Gärtnerei. Guirlanden hingen an den Fenstern, und goldene und
+silberne Leuchter standen auf den Simsen, ein wunderlicher Gegensatz zu
+den alten, halbverfallenen Häusern. Höher und höher, sturmflutgleich,
+stieg der Aufruhr der Gemüter. Da war ein kluger und vielgereister Jude,
+namens David Tischbeck, ein Bruderssohn des Wolf Bieresel; er erzählte,
+daß überall in deutschen, österreichischen, italienischen und spanischen
+Landen so ein wüster Taumel, so eine entsetzliche Verwirrung herrsche,
+daß niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder sein Kind in
+Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu schwerem,
+betäubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Keiner
+behielt Besonnenheit und Könige begannen für ihren Thron zu zittern.
+
+Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi
+vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequälte Rufe, wilde
+Schreie, leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Stöhnen drangen heraus.
+Naar ging versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die
+Häuser bald im Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem
+spitzen, düten-, oder kegelförmigen Hut, der nach der Vorschrift jener
+Zeit orangegelb mit weißem Rand war, schritt unter den tiefhängenden
+Ästen der Bäume dahin und die gelbgewordenen Blätter gerieten in leise
+Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar ließ sich unter
+einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich
+zu recken und zu dehnen, und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der
+Raben und Krähen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift
+aus dem Gewand und mit träumerisch zaudernden Fingern formte er
+Buchstaben und Worte immer bestimmter und rascher. „Mein Mund ist schwer
+wie der Mund eines Mörders. Mein Geist schreit nach dir. Der blasse
+Morgen drückt deine zitternden Lider zu, da du kommst. Du liegst schon
+schlafen, und ich küsse im grünlichen Schein der Nachtwende dein Gewand.
+Kraft, Kühnheit, Stolz und Genugthuung sind nichts mehr vor dir. Soll
+ich lächelnd an den kommenden Tag denken, wenn du enteilst? Die Liebe
+schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag. Was
+ist im Himmel und auf Erden, außer der Liebe, Leib der Leiber und Schoß
+aller Schoße! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe
+durch die Dämmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose
+Einsamkeit der großen Ewigkeiten hinab. Ich gehe, Gott zu suchen.“
+Hastig fuhr der Stift wieder über das Geschriebene und machte es
+unleserlich. Dann wischte Naar alles mit feuchten Gräsern wieder aus und
+schaute mit bitterem Mund hinaus ins Land, über dem die Sonne kam. Zum
+zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig, bei jedem Zug den
+Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: „Ist ein Gott in diesem leeren
+All? Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern.
+Ist ein Gott, daß er die Unbill räche, die Kränkung des Stolzes, daß er
+den Höfling demütige? Ist ein barmherziger Vater, der das Feuer stillt,
+wenn es des Armen Dach beleckt? Der den Schläfer auf nackter Erde
+bewahrt, dem frierenden Hund eine Hütte giebt? Ich rufe dich, Ewiger und
+deine Welten verneinen dich, deine Sonnen verleugnen dich. Ich suchte
+dich und nirgends fand ich dich. Die Himmel sind echolos, wenn ich dich
+rufe, schweigend starren die Wälder. Allein bin ich gegangen im
+Angesicht der schweren Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und
+meines Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und maßlos dehnen
+sich die Himmel, aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein
+Lächeln und wer gut ist verdirbt und die Falschen und Treulosen werden
+zu Propheten. Aber laß es laufen, das Volk, laß es springen zu den
+Kammern des Todes. Wo bist du Gott? Bist du, wo das Jahr zeitlos ist,
+und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname? Bist du, wo
+die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt? Bist
+du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten
+verschlafen? Ach wo lauf ich hin? Der Himmel ist nur in mir. Wo ist Raum
+für meine Seele?“
+
+Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm
+und streute die Trümmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den
+Häusern zu.
+
+Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit
+Kerzen in den Händen. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin,
+unter dem ein Knabe und ein Mädchen trippelten, beide noch Kinder. Sie
+sollten einander vermählt werden, denn es war der Glaube jener Zeit,
+dadurch den Rest der noch ungeborenen Seelen in die Leiblichkeit
+eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum Eintreffen des
+Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Name Benjamin und Eva war
+hielten sich fest an den Händen, und ihre Augen standen voll Thränen;
+wenn sie sich einander anschauten, so geschah es immer gleichzeitig, und
+sie lächelten dabei ein wenig schwermütig wie solche Kinder, denen eine
+Strafe bevorsteht, der sie nicht entrinnen können und die sie auch nicht
+verdient haben. „Warum sie nur Kerzen tragen,“ sagte der kleine
+Benjamin. – „Das gehört zum Heiraten“ erwiderte Eva. „Ich bin übrigens
+froh,“ fügte sie sinnend hinzu, „ich habe mir schon lange gewünscht, zu
+heiraten; alle sind sie so abscheulich zu mir.“ – „Alle Mädchen und
+Buben werden verheiratet,“ flüsterte der Knabe zurück. „Im Schulhof
+warten sie auf uns.“ – Plötzlich bedeckte sich Evas Gesicht mit einer
+glühenden Röte. Die feine Noemi kam mit ihrer Freundin völlig nackt die
+Gasse einhergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft schienen
+ihre Körper heiß zu sein von Tanz und Ausschweifungen. Wie
+besinnungslos, doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jeder
+Bewegung war etwas Überschwengliches und in jedem Laut den sie von sich
+gaben, etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wußte sich nicht zu helfen
+vor Scham, und in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals
+des Knaben, und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen.
+
+Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle. Über den Gärtnerplatz
+ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen schweren Teller
+südländischer Früchte, oder Schalen mit Wein oder Backwerk. Das war für
+die Hungrigen bestimmt, im Namen des Messias. In diesen Tagen des
+Wahnsinns ging auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften
+nach, und keiner, wie mächtig er auch sein mochte, versuchte den
+leidenschaftlichen Brand, der unter dem verachteten und verhaßten
+Judenvolke ausgebrochen war, zu dämpfen, oder gar zu verspotten.
+Hebräische Melodien klangen aus vielen Häusern und belebten die Seelen
+der Zagen und Blutlosen. Fremde Musikanten kamen des Wegs, (es wußte
+niemand woher), und spielten auf Instrumenten, die man vorher gar nicht
+gesehen. Alles war zauberisch, überirdisch, aufregend und bestürzend.
+
+Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dort nahm ein
+junges und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung
+war, daß auch die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich. Die
+Ceremonie geschah mit einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang
+dabei wilde Lieder, oder sie schrie verzückt auf. Alle die dabei
+standen, waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert, aber sie
+empfanden es doch als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier. Mit
+bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der
+Synagoge blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf
+hinein in alle Gassen, hinweg über alle Häuser, – wie ein Ruf aus den
+dunklen Tiefen der Kabbala. Eine Krone auf dem Haar, kam Zirle einher,
+mit einem Gefolge wie eine wahrhafte Königin. Wer sie sah, wurde völlig
+gebannt und glaubte an sie, wie an den neuen Erlöser selbst. Ein junger
+Christ, Namens Wagenseil, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext
+auf Tritt und Schritt. Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in
+dichterischen Worten und Zirle erhörte ihn, noch ehe der Tag zur Neige
+ging. Ihr Wesen war ohne Schüchternheit; sie hatte etwas Glänzendes in
+jeder Gebärde. Die Männer verloren alle Vernunft, wenn sie vor ihnen
+stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein
+unwiderstehliches Gepräge. Sie kam zu den Fastenden und Betenden und
+richtete sie auf. Denn manche wälzten sich ja tagelang wie Würmer auf
+der Erde, enthielten sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos
+in den feuchten Winkeln unterirdischer Gewölbe, hatten Visionen,
+„strahlende Nächte“, wie sie sagten, fromme Gesichte, widerstanden so
+allen Verlockungen des Satans und erfüllten zur Nachtzeit die Luft mit
+ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen studierten sie alle Bücher der
+Kabbala, alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen;
+ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gingen, ergaben sich oft einem
+grenzenlosen Fanatismus, stellten sich auf den Markt unter viele Leute
+und predigten, wie weiland Peter von Amiens mit hinreißender
+Beredsamkeit, stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen
+Versündigungen auf und fluchten den Christen mit bitteren Flüchen. Die
+Kinder, waren sie auch noch so klein, wurden sich selbst überlassen,
+viele Säuglinge schrieen umsonst nach der Mutterbrust und starben bald.
+Hunger und Überfluß, Prunk und Erbärmlichkeit reichten sich die Hände.
+Es fand kein regelmäßiger Gottesdienst mehr statt, und wenn man
+gemeinsam vor dem Altar betete, war es einer Schändung des alten Gottes
+gleich. Zigeuner zogen herum und vermehrten das Unheimliche und die
+Verwirrung. Der Papst und der Kaiser schickten wie in alle Städte, auch
+hierher Beamte und Abgesandte, die unverrichteter Sache wieder abziehen
+mußten. Die freie Stadt Nürnberg schickte einen Hauptmann mit fünfzig
+Reitern, aber den Hauptmann und seine Reiter sah man noch am selben
+Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln. Am Fluß oben, gegen Buch
+zu, wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender
+Gelehrsamkeit. Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befaßte
+sich auch mit Astrologie und Alchymie. Viele Leute behaupteten, er habe
+den Stein der Weisen längst gefunden und ihn für einen unermeßlichen
+Schatz an den Großtürken abgegeben. Nun, er wurde befragt, was er von
+all dem Sturm und Aufruhr halte, und da sagte er: „Der Jüd ist ein
+tolles Tier. So ihr ihn aus dem Käfig laßt, frißt er euch auf mit Stumpf
+und Stiel. So er aber im Käfig ist, ist er zahm wie ein Hund. Viel
+Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich. So du ihn
+entzweihackst, kriechen zwei Blindschleichen hinweg.“
+
+Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern, als zu dieser
+Zeit der Dämonie und der Ekstase. Als die Nachricht eintraf, die Juden
+von Frankfurt, von Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion,
+entstand eine Erregung, die mit einer langen, inbrünstigen Andacht zu
+vergleichen war. Alle Sehnsucht hatte nun ein Ziel bekommen, und jeder
+wußte: auch ich werde dem Rufe des Propheten folgen.
+
+An demselben Tage, dem Tage Allerseelen, lag Rahel in dumpfer Apathie
+auf einem Diwan und starrte gleichgültig durch das Fenster in den
+Abendhimmel. Das Haus war leer, die Schritte mochten darin nachhallen,
+und die Dielen knisterten oft von selbst. Rahel hatte die Mutter schon
+seit zwei Tagen nicht gesehen, und auch der Vater war seit dem Morgen
+fort gewesen. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert,
+und keine der jüdischen Frauen kam mehr, um stundenlang bei ihr zu
+sitzen. Aber darüber dachte sie nicht nach. Sie war froh, daß wieder die
+Nacht kam, wo man nicht so viel sehen mußte, und wo man vielleicht auch
+schlafen konnte.
+
+Als es dunkel war, kam Maier Nathan nach Hause. Sein Wesen war verstört,
+und fortwährend brach er in kurzes meckerndes Lachen aus. Beim Schein
+eines Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten
+mit Perlen und Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen. Erhitzt von der
+Arbeit, schnaufend und pustend kam er zurück und setzte sich neben seine
+Tochter hin, das Kinn auf den Griff des Spatens gestützt. Er seufzte,
+fuhr mit den Fingern in die Haare, schnitt Grimassen, sprang endlich
+auf, warf den Spaten heftig von sich, focht mit den Armen in der Luft
+umher und brach in ein glucksendes Weinen aus. Rahel rührte sich nicht.
+Sie war daran gewöhnt, seit Zirle gekommen war. „Schadai, Schadai voller
+Gnade!“ rief der Knöcker aus. „Ich hab die himmlische Stimme gehört, ich
+hab se doch ganz sicher gehört mit meinen Ohren. Der liebe Gott soll
+mich strafen, aber mein Rahelchen ist doch keine Hur!“ Er kniete vor
+Rahel hin, strich mit der Hand über ihr Haar und stammelte: „Du bist
+doch mein Rahelchen, mein gutes Jeleth, mein Engelchen. Mise meschinne
+über die Narren, daß se an die falsche Braut glauben. Sterben sollen se
+den Tod durch Aussatz.“ Und er erhob sich und rannte wie gepeitscht
+davon.
+
+Die Nacht war schwer und stürmisch. Wilde Winde kamen von Süden, und
+draußen in der Ebene gurgelte es wie in einem Strudel. Der Mond grinste
+bisweilen fahl durch geborstene Wolken, und es war, als ob er selbst sie
+zerrissen hätte und sie nun aufgelöst dahinjagte, über die Flächen des
+Firmaments. Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter. Flatternde,
+schwere, graue lichtsaugende Nebel fielen nieder, und die Blitze fuhren
+hinein mit einem süß-gelben Leuchten. Rahel sah zu, und ihr wurde bitter
+in der Kehle vor Grauen. Hinter dem Haus geriet der Hühnerstall in
+Aufruhr. Alles gackerte und gluckste durcheinander, und der Hahn krähte
+schmetternd; in der Ferne heulten die Hunde.
+
+Rahel war müde. Was da draußen vorging in der Welt, sie kümmerte sich
+nicht darum. An nichts glaubte sie, mitten in einem Haufen von
+Wahnsinnigen blieb sie ruhig und nachdenklich. Doch hatte sie Furcht vor
+der Zukunft. Sie dachte: wenn sie alles erfahren, werden sie mich
+steinigen. Und was soll aus dem Kind werden? dachte sie. Gegen zwei Uhr,
+das Gewitter hatte sich verzogen, rief das Schofar die Juden in den
+Tempelhof. Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut
+Zirle, die er Zilla nannte. Es war ein feuriges und sinnlich
+überschwengliches Liebesgedicht, und es hieß zum Schluß, daß er sie samt
+ihrem Volk, den Lebenden und denen, welche von den Toten auferstehen
+würden am siebzehnten Tag des Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde.
+Darauf stellte Zacharias Naar drei Fragen an die schweigende Gemeinde:
+Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias ergeben wollten? ob sie die
+Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht scheuen wollten? ob sie
+ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der Messiasbraut anerkennen und
+ihren Befehlen folgen wollten? Ein leises, bebendes Ja aus vielen
+hundert Kehlen antwortete. Dann trat Zirle in die Mitte des Kreises, hob
+ihre Arme verzückt zum Himmel, und ein leidenschaftlich erregtes Gebet
+ließ alle, die herumstanden, heiß werden vor Sehnsucht und Begierde nach
+dem Neuen, Großen, Wundervollen, das für sie bereit war. Noch wußten sie
+nichts, das ihnen Sicherheit gab, aber mehr war es, zu glauben und in
+zügelloser Begeisterung dem Kommenden zuzuleben. Jauchzend wollten sie
+ein Land verlassen, das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit für
+sie gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu werfen, wenn im
+Osten die guten Triften der ererbten Wohnsitze lockten, wenn ein
+königlicher Prophet sie zum unverbrüchlichen Bunde rief. Das hier war
+kein Vaterland für sie und konnte es niemals werden, wie sich auch die
+Zeiten wandeln mochten.
+
+Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit; noch am
+kommenden Tag sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden. Als man
+auseinandergehen wollte, sprang Maier Knöcker, der Nathan plötzlich
+schreiend auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und riß sie zu Boden.
+Die andern Juden, entsetzt und empört, hätten ihn sicherlich in Stücke
+zerrissen, wenn nicht sein Weib, die Thelsela und die tugendsame
+Treinla, des Rabbi Man Ehewirtin, sich über ihn geworfen und flehentlich
+um sein Leben gebeten hätten.
+
+Düster, gleich fernem Brandschein, zeigte sich der erste Streifen des
+Morgenrots und hoch oben in der Luft zogen Vögel mit kurzen, zirpenden
+Schreien dahin.
+
+Als Maier Knöcker nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber
+es bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte. Ihr Blick war
+scheu, verstört und furchtsam. „Gebenscht, ich hab se zugericht,“ sagte
+der Nathan mit stumpfsinnigem Frohlocken. „Unbeschrien ich hab’r die
+Haare ausgerissen, der falschen Braut.“ Er sah seine Tochter lange
+durchdringend an, schüttelte bekümmert den Kopf und fragte dann die
+Thelsela, wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels Niederkunft.
+Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht; jedenfalls
+aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit
+finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn. In harten Worten
+stellte er den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu
+erkennen, daß Maier Nathan wirklich eine himmlische Stimme gehört habe.
+Aber der Knöcker wurde darüber ganz fassungslos. Sein leidenschaftlicher
+Protest und die schwermütige Bestätigung der Thatsache durch die
+Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in
+seiner wohlwollenden Art, man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft
+abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, daß dem Messias zwei Bräute
+bestimmt seien, obwohl der Zacharias Naar ein Gegner dieser Ansicht sei.
+
+Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ, sah er sich mit
+Mißtrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem
+Weg. Nur die erregte, ameisenhafte Geschäftigkeit, die überall
+herrschte, schützte ihn vor Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast.
+Ein wühlender Schmerz über die untergeordneten Zustände bedrückte ihn.
+Er suchte nach der Reihe seine Schuldner auf und keifte überall und
+drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder schnellen Laufs nach
+Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und Pfandpapieren; seine
+übermäßig dicke und weit hervorstehende Unterlippe bewegte sich
+mechanisch in gehässigen Lauten. Da er sich so verachtet fand, nahm die
+Liebe zu den Schätzen zu, wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in
+die Mission seiner Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die
+Ankunft der gottgeweihten Enkelin, überzeugt, daß es dabei an
+himmlischen und weit erkennbaren Zeichen nicht fehlen werde.
+
+Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des 4. November
+tuschelnd unter einem Hausthor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die
+Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes. Es gab kein Mincha mehr, kein
+Schachreth, kein Maarith, wie die Gebete der Tageszeiten heißen. „Wenn
+es sich zuträgt, daß viele trinken werden,“ sagte Hutzel Davidla
+zitternd und seine Mausaugen schauten glitzernd gegen Himmel, „dann hat
+es unser Herrgott gewollt.“ Davidla gebrauchte das Wort ‚trinken‘ und
+meinte damit den Tod, denn die Juden redeten ungern vom Sterben, und
+schon im Talmud Ketuboth steht diese Redensart vom Trinken. Ein alter
+Chronist, der zu Fürth lebte, schreibt: Man frage nicht, warum sich
+dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet? Dies macht es, sie
+wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben
+der Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle,
+alle müssen mit Entsetzen für den Dingen, die da kommen, aus der Welt
+scheiden.
+
+Laubhüttenende, das Fest, das seit Jahrhunderten den süßen Zauber der
+Idylle über das jüdische Leben gebreitet hatte, war unbeachtet
+herangekommen und sah mitten hinein in den Taumel und Wirrwarr der
+kommenden großen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern draußen
+oder von Christen im Markt selbst erkauft worden waren, rumpelten
+ununterbrochen vor die Häuser der Juden. Die streitenden Stimmen der
+Fuhrleute mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und
+Rinder wurden mit vielem Lärm erhandelt; die Gassen lagen voll von
+zerbrochenem Hausrat, leeren Kisten, Kleiderfetzen und Leinwandfetzen,
+Stroh, Pergamenten und Spänen. Wenn Christen vorbeikamen, hatten sie ein
+finsteres und drohendes Gesicht und sahen aus, als ob sie die Mittel
+überlegten, um all diese Anstalten zu nichte zu machen.
+
+Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den
+Beinchen hin und her. Er dachte: wo nur die Eva ist? Ihm war so
+unwohnlich. In das Haus des Maier Lambden sah er durch die hohlen
+Fensterlöcher hinein; er sah Kasten auf Kasten getürmt, sah die Weiber
+mit weißen Tüchern um den Kopf hin- und hereilen, wie sie die Schränke
+leerten und das Geschirr verpackten, und er hörte das Silberzeug klirren
+und den Lärm von Hammer und Meißel. Und daneben stand das Haus des
+Samuel Ermreuther. Der ließ von seinen Söhnen das Dach abtragen, denn
+nichts sollte den Gojim verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei
+Itzig Genßhenker hatten sich viele junge Mädchen zusammengefunden und
+nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder und sangen dazu alte Gesänge.
+Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden Ortschaften durch die
+Hauptstraße, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung vermochten sie
+nicht länger Rast zu machen, als es nötig ist, um ein Gebet zu sagen.
+Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen, mit ihrer jämmerlichen Habe, so
+schnell es ging.
+
+Betrübt, mit trägen Schritten ging Benjamin an den Häusern entlang. Er
+blickte in die Gärten hinein, in denen alle Blüten verwelkt waren und
+alle Blätter den Boden bedeckten. Einmal sah er die kleine Eva über die
+Gasse eilen, und er stürzte jauchzend zu ihr hin. Aber das Kind, mit
+aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen, schüttelte heftig den Kopf
+und sagte, sie habe zu viel zu thun, um plaudern zu können. Benjamin
+hatte Hunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus
+an den Fluß, wo er Haselstauden wußte und wo er sich sättigen wollte. Er
+gehörte zu jenen Kindern, die stets im Märchen leben, und denen die
+Welt, wie sie ist, so wenig giebt, daß sie darin verkümmern müssen. So
+sah er durch seine melancholische Stimmung sich rings etwas Herrliches
+ereignen. Farbe, Glanz und Heldentum waren da, ihn zu entzücken und sein
+Herz in eine stürmische Bangnis zu versetzen. Er dachte mit klopfendem
+Herzen an das Land der Verheißung, wo es keine Christen gab und keinen
+bösen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein Spießrutenlaufen. Wie
+klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein Vater wegen
+einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Und seinen
+Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht, weil er da übernachtet
+hatte. Und die Mutter erzählte, daß ihre Muhme als Hexe verbrannt worden
+war, obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war. Dies alles
+machte ihn so ungeduldig, mächtig und stark zu sein.
+
+Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber. Er hörte eine Weile zu
+und fragte sich, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Doch
+dabei kam er zu keinem Schluß. Im Grunde schmerzte es ihn, von diesen
+Feldern fort zu müssen, wer weiß, wie weit. Es war so schön hier! Wie
+breit und ruhig lag das Land da! Ein grauer, glanzloser Nebel kroch über
+ferne Äcker und da drüben lag Nürnberg mit seiner kaiserlichen Burg, mit
+seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen Türmen. Alle Häuser
+waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das viele Gold
+und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der
+Schüttinsel, der Metzgersprung, – wie bunt, wie wechselvoll, wie freudig
+und schimmernd das alles!
+
+Und alles versank allmählich in der Dämmerung. Er ging heimwärts. Die
+dumpfe, gleichsam drohende Geschäftigkeit, die überall herrschte und die
+immer mehr anschwoll, erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer
+Gartenthür lag ein Stein und dort ließ er sich ermüdet nieder. Samson
+Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei Wagen vollbepackt und saßen
+nun zwischen leeren Wänden. Auch David Tischbeck und Samuel Schrenz und
+Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und Maier
+Wolf: alle waren sie schon fertig und bereit, das Land der Pegnitz für
+immer zu verlassen. Der Knabe fühlte gleichsam eine Reihe schwerer
+Schicksale voraus, darum war er so traurig; dann kam wieder dies
+Sagenhafte, das alle Vorgänge um ihn unwirklich machte, so daß er um ein
+jedes Ding riesengroße Blumen emporschießen sah, oder eine schmerzlich
+schöne Musik erscholl von irgendwoher und zog unaufhörlich durch die
+kümmerlichen Gassen des Judenviertels.
+
+Der Knabe blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen, aber hastigen
+Schritten daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da
+fuhr sie zusammen, winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell
+weitergehen, – gegen die Häuser der Christen hinüber. Dann besann sie
+sich wieder eines anderen und setzte sich neben den Knaben auf den
+Stein. „Morgen soll es fortgehen, weißt du das, Junge?“ fragte sie. Sie
+konnte das R nicht gut aussprechen und das gab ihrer Stimme etwas
+Rührendes. Rahel erwiderte nichts auf seine Antwort. Es war, als ob sie
+sich ganz in sich selbst verkröche. Der Knabe sah, daß sie mit ihren
+Händen das Gesicht bedeckt hatte, und die Ellbogen waren durch das
+niedere Sitzen tief in den Schoß vergraben. Es fiel ihm ein, daß es im
+Gesetz verboten sei, so niedrig zu sitzen; nur die Leidtragenden dürfen
+es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf. Aber ehe er sich dessen
+versah, hatte ihn das junge Mädchen heftig bei den Armen gepackt, zog
+ihn an sich, nahm dann seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und
+drückte die glühendheißen trockenen Lippen leidenschaftlich auf des
+Knaben Mund. Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte
+feiner Schweiß, der ihn gleich Nadeln förmlich verwundete. Und er hörte
+Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen, die Wärme ihres Körpers
+strömte auf ihn über, die Flut ihrer Haare umhüllte seinen Kopf. Und nun
+fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder, und erst durch das laute
+Schluchzen des jungen Mädchens kam er darauf, daß es wohl Thränen sein
+mußten. Auf einmal stand sie auf, stieß den Knaben rauh von sich und
+eilte davon. Gleich darauf aber kam sie wieder. Ihre Stimme war ruhig,
+und sie schämte sich offenbar allzusehr, um sich zu dem Knaben
+niederzubeugen. „Sag nichts, wo ich hingeh’,“ stammelte sie, „der liebe
+Gott wird dir’s lohnen.“
+
+In der Rosengaß stand ein kleines grünangestrichenes Haus, wo heute die
+jüdische Waisenschul ist. Darin wohnte Thomas Peter Hummel, der
+christliche Studiosus. Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis
+des Flurs. Und es fiel ihr plötzlich, sie wußte nicht warum, ein Vers
+aus dem Talmud Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre
+Feste, Monden und Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im
+Hintergrund, dann kam ein wüstes Lärmen und Durcheinanderreden,
+Gläserklirren und Zurufe und auf einmal war es wieder ganz still. Eine
+weiche, schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied zu singen, und Rahel
+kannte die Stimme, die so verführerisch war und von der sie meinte, daß
+niemand ihr widerstehen könne. Es war eine Stimme, von der man träumen
+konnte, nächtelang. „Es ist ein’ Ros’ entsprungen aus einer großen Zahl“
+sang er, – ein altes Lied voll Trauer und pochender Sehnsucht. Wer es
+sang, mußte gewiß um der Liebe willen leiden. Es war etwa so, wie wenn
+ein Vogel gefangen sitzt, von dem man weiß, daß er nur durch Freiheit
+leben kann, und er sitzt in einem schmalen Käfig und flattert sich die
+Flügel wund. Das Lied mochte wohl schon lange zu Ende sein, aber Rahel
+stand immer noch regungslos da, und ein schmaler Lichtstreifen aus der
+Thürspalte fiel auf ihre Stirn. Plötzlich wurde die Thür aufgerissen und
+lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der Schar von
+Studenten am Tische in der übertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war,
+zuwinkend, trat Thomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch
+erfüllt, denn die jungen Leute saßen alle mit Pfeifen im Mund und
+pafften fleißig drauf los. Hummel schloß die Thür wieder und setzte mit
+einem Feuerstein ein Öllicht in Brand, um in den Keller zu gehen. Als er
+sich mit dem Lämpchen in der Hand umdrehte, gewahrte er Rahel. Er
+erbleichte und konnte nichts reden. Sein kleiner Mund kniff sich
+zusammen, seine Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und
+endlich stieß er einen dumpfen, fragenden Laut hervor. „Wir gehn fort
+von hier,“ murmelte Rahel, und ihr Kinn sank gegen die Brust. Der
+Student lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor
+und sagte, in eine Stube könne er sie nicht führen; sie sollte mit ihm
+in den Keller kommen. Darauf lief er zurück, erfand schnell eine Ausrede
+bei den zechenden Kameraden, um länger ausbleiben zu können, und Rahel
+folgte ihm in den feuchten Keller hinab. Hummel ließ sie auf ein leeres
+Fäßchen setzen, nahm ihre Hand und sprach sehr schön zu ihr. Das war
+seine Kunst, schön zu sprechen. Da vergaß er sich selbst und den andern,
+ja sogar den Zweck seiner Rede vergaß er, wußte hundert Gründe oder
+Dinge, an die kein Mensch dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten
+ins zwanzigste und von da noch weiter, unterbrach niemals den freien
+Fluß seiner Rede, setzte, wo es anging ein gelehrtes Citat statt eigener
+Meinung, oder brachte füglich eine lehrreiche Geschichte von spannender
+Erfindung an, kurz, er wußte das Wort so vollkommen zu gebrauchen, daß
+er es in knapper Zeit vermochte, ein großes Unglück ganz winzig
+erscheinen zu lassen, und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den
+Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit. Dabei war seine Stimme
+leise und berückend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seine Gesten
+waren rund und gefällig, gemessen und wohlwollend, besonders, wenn er
+Daumen und Zeigefinger mit den Spitzen zusammendrückte und dann den Arm
+pendelartig auf- und abbewegte. So war er wirklich die verkörperte Liebe
+und Uneigennützigkeit, und alles, was er sagte, hatte Klang und
+Vernunft, sozusagen Hut und Schuh, und er vermochte einen Menschen zu
+trösten, daß er all seine Schmerzen vergaß und sich so vollgeredet fand,
+als habe er am Tisch des Großmoguls die köstlichsten Speisen gespeist.
+
+Rahel erhob sich also, reichte dem Studiosus die Hand und ging wieder,
+gerade als oben das ungeduldige Fußgetrampel der andern Studenten hörbar
+wurde. Sie ging in die Nacht hinaus. Sie erinnerte sich auch dunkel, daß
+Thomas Peter ihr empfohlen hatte, die Juden zu warnen, es sei etwas im
+Werk; aber das ließ sie kühl. Sie fühlte sich wie das tote Werkzeug in
+einer fremden, mächtigen Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie
+eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und sogleich zog
+ein Schauer ihr die Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Körper.
+Jenes Haus, das so Teures für sie beherbergt hatte, konnte nimmer ihre
+Träume verschönen. Stand doch schon über seinem Eingang ein roher
+Landsknechtspruch, neu hingemalt:
+
+ Wer so fährt wie ich, fährt boeß.
+ Meines Vaters Guett hab’ ich versoffen,
+ Bis auff einen alten Filzhuett.
+ Der leit da.
+ Den ofen wer ich aach ball versaufen.
+
+Die Nacht war kalt und finster. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem
+gelben Leuchten und ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und
+Persönliches. Vor manchen Hausthüren der Christen standen Männer im
+Schein düsterer Lichter und berieten offenbar über die Vorgänge im
+Judenviertel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhaßt bei
+ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl,
+und sie glaubten es nicht zugeben zu dürfen, daß sich der Knecht so
+leichterdings frei mache und davonziehe. Freilich, die zu Wucherzins
+Verpflichteten rieben sich insgeheim die Hände und beglückwünschten sich
+zu den so mühelos errungenen Kapitalien.
+
+Rahel wagte sich nicht heim. Sie wußte nicht, was sie davon abhielt,
+aber ihre Seele verging förmlich in dieser Furcht. Sie wanderte dahin,
+ohne über ein Ziel nachzudenken. Sie lebte völlig in einer dunklen
+Innenwelt und die Blicke, die sie in die erleuchteten Fenster der
+Wohnungen warf, hatten etwas Irres. Wie so oft, ging sie in das Haus des
+frommen Elieser Rappaport, der ihr Verwandter war. Die ganze Familie saß
+um den großen Tisch herum, sonst waren die Wände ganz kahl, die Schränke
+fortgeschafft, Geschirr, Betten, Wäsche und Gewänder. So war es
+unheimlich zu sehen, wie die Menschen um das trübe, rauchende Licht
+herumhockten, mit blassen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden
+Gesichtern, in denen gleichsam nur noch eine entfernte, eine fliehende
+Sehnsucht, ein schüchternes Hoffen leuchtete, und wie sie dem Vorlesen
+des Elieser lauschten. Und draußen fuhr der Wind herum, und überall
+klimperte es und klirrte es und oft blökten ängstliche Rinder oder
+wieherten die Pferde.
+
+Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand
+hervortrat. Keiner achtete auf sie, denn man war es fast gewohnt, sie
+auf leisen Sohlen hereinschleichen und nach einer halben Stunde
+verschwinden zu sehen. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch, der
+„Seelenfreude“, welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt
+worden war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von
+der Stärke des Glaubens handelt. „Einer hat drei gute Freund; einer is
+sein Leibfreund, der ander is aach ein guter Freund, un der dritter, den
+hat er vor gar nix geacht. Urbizling schickt der Melech, der König, ein
+Boten nach den Mensch, er soll geschwind zum Melech kommen. Der Mensch
+derschreckt sehr, denkt, was muß das bedeuten, als der Melech nach mer
+schickt und fercht sich sehr, un geht zu sein Leibfreund, er soll mit
+ihn gehn zum Melech, der will aber nit mit ihn gehn. Da geht er zu den
+andern Freund, er soll mit ihn gehn zum Melech, da spricht er, ich will
+dich begleiten bis an dem Schloß, aber weiter will ich nit gehn. Da geht
+er zu den dritten Freund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er,
+ich will mit dir gehn zum Melech un will dich beschermen. Un is mit ihm
+gangen zum Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei Freund; einer
+das is Geld, der ander, das is sein Weib un Kind, der dritt Freund, den
+er vor nix hat gehalten, das is die Thora, die Gebote, die guten Thaten,
+das acht der Mensch vor nix. Der Melech das is Got, der Bote das is der
+Tod, den schickt Got urbizling, soll dem Menschen seine Seel nehmen. Der
+beste Freund das is das Geld, das bleibt derheim, wenn er gleich noch
+aso viel hat kann er doch nix mitnehmen. Der ander Freund das is sein
+Weib un Kinder, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un weinen, kennen
+ihm nit helfen. Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix, der geht
+mit zum Melech.“
+
+Die Stimme verklang wie in einer Höhle. Es befand sich aber noch ein
+Rabe im Zimmer, der von Obadja Änsel aufgezogen worden war, und der
+stets eine sehr sonderbare Redensart seines Herrn wiederholte. Er saß
+auf einer Stange, duckte sich und krächzte seinen Spruch in die
+gelehrtesten Diskurse hinein. Rahel sah den Vogel beständig an, denn ihr
+war, als sei ein menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so
+ist mein ganzes Volk wie dieser Rabe. Doppelt schwarz und doppelt
+unruhig sah er aus im Gegensatz zu den glutgeröteten Gesichtern am
+Tisch; mitten im Dunkel saßen alle in einem Lichtkreis wie auf einer
+Insel in einem Ozean von Finsternis.
+
+Gebete und Fasten füllten allenthalben diese Nacht aus. Es gab freilich
+manche, die wieder zaghaft geworden waren, und manche, die am liebsten
+zurückgeblieben wären, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob
+er die Schwächlinge und Feiglinge am Blick zu erkennen vermochte. Es war
+erstaunlich, wenn er zu ihnen sprach und sie folgsam wurden wie Hunde,
+wenn er seine Augen auf sie heftete und in geheimnisvoller Weise ihre
+Entschlüsse formte wie Thon.
+
+Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Die Erregung in Deutschland
+wurde immer stärker. Im Osten häuften sich die Ereignisse in
+verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Türkei
+zu Gast geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger
+und einer großen Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach
+Salonichi. Eine ganze Flottille von Smyrnaer Schiffen sei in seinem
+Gefolge, Ehefrauen hätten ihre Männer verlassen um seinetwillen, Mütter
+ihre Kinder, Jungfrauen und Knaben das elterliche Heim. Gold und
+Geschmeide flösse ihm zu wie aus unerschöpflichen Bornen, und die
+Khalifen der Bucharei und die Fürsten Afghanistans und die Rajahs von
+Indien schickten Perlen und Geschmeide, schickten Gesandte, schickten
+Speisen für seine Festmahle, Gewänder von Purpur und Seide und Sammet.
+Dergleichen war wie ein Rausch für das ganze Judenvolk der Erde. Ihre
+Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude, eine sinnlose
+Vergötterung für den Menschengott erfüllte sie und der Jude, der so
+leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugänglich ist, vergaß dabei
+sein irdisches Gut und alle irdischen Dinge. Engel bliesen auf
+Sturmschalmeien und der alte, finstere Gott der Juden, der Moses erhoben
+und Pharao gezüchtigt hatte, kam selbst, um dem Messias
+entgegenzuschreiten. Darum war es kein Wunder, wenn Zirle sich alsbald
+zu ungeahnter Höhe emporgerissen fand. Ihre Seele, im Beginn dieser
+Mission ein wenig fremd, entflammte sich im Angesicht des wunderbaren
+Mysteriums. Ihr Wesen war nicht keusch, wer ihr gefiel, dem ergab sie
+sich, oft mehr aus Mitleid als aus Begierde, denn sie sah die Männer vor
+sich zerschmelzen wie Wachs. Dennoch blickte sie mit Schauern hinüber in
+jenes heilige Land, wo der Sohn des Himmels ihrer harrte, der so schön
+sein sollte, daß niemand ihn anzuschauen vermochte, ohne geblendet zu
+werden. Sie empfing auf rätselhafte Art Briefe von ihm, deren Inhalt
+ihrem Träumen und ihrem Wachen einen unabsehbaren Kreis von
+Glückseligkeit verlieh.
+
+Einst ging sie am Haus des Knöckers vorbei und sah Rahel unter der Thüre
+sitzen. Etwas in dem Gesicht des Mädchens zog sie an, vielleicht die
+hilflosen Augen oder der hilflose Mund, der oft ein wenig geöffnet war.
+Zirle trat näher, stellte sich vor Rahel hin, nahm ihre Hand und drückte
+sie sanft. Rahel schüttelte befremdet den Kopf und lächelte störrisch.
+Aber plötzlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten: es war, wie wenn
+etwas in ihr zerbrochen wäre: sie fiel auf die Kniee und drückte ihr
+Gesicht schluchzend in den Schoß Zirles, die sich schmerzlich
+unzufrieden fand, um des Leidens des jungen Mädchens willen. Auf der
+Gasse stand Wagen an Wagen, vollbepackt zur langen, schweren Reise.
+Darin und in den Mienen der alten Männer, die so besorgt waren, und doch
+eine freudige Zuversicht erheuchelten, lag plötzlich etwas
+Erschütterndes für Zirle.
+
+Der Maier Nathan wurde mit jedem Tag unruhiger, fragte seine Tochter,
+wann sie denn glaube, daß das Große sich ereignen würde, und holte den
+Rat der Frau Pesla, einer erfahrenen Wehmutter, ein, von der noch in
+alten Chroniken zu lesen ist: daß sie mit frühem Morgen jedesmal nach
+dem Tempel geeylet sei, daß sie viele Jahre weder Fleisch noch Wein
+genossen und ohne Betten auf der Erde lag. Wenn der Nathan sein Weib
+betrachtete, die sich einer stillen Schwermut so gänzlich ergeben hatte,
+daß sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte, so wurde er
+recht bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine
+Kostbarkeiten. Auch that er alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu
+lenken und dies um so mehr, je stärker er die Verachtung empfand, mit
+der man ihm begegnete. So errichtete er in einer Nacht einen großen
+Scheiterhaufen hinter seinem Haus, setzte ihn in Brand und stand davor
+wie vor einem Altar und betete, als das Feuer lohend gegen Himmel stieg.
+Entsetzt kamen Männer herbeigelaufen, ihn zu fragen, was dies zu
+bedeuten habe. „Ich hab’ Flachs hineingeworfen.“ sagte der Nathan, doch
+kein Mensch konnte es verstehen. „Ich faste,“ fuhr er fort, „wegen eines
+bösen Traums, und Rabbi bar Mechasja sagt, Fasten ist dem Traum, wie
+Feuer dem Flachs.“ Alle schüttelten spöttisch die Köpfe und gingen. Die
+Gerüchte, die über Rahel umliefen, wurden häßlich und abenteuerlich und
+bald galt sie für unrein; und doch wanderte sie umher wie im Schlaf,
+dachte der Wochen, wo noch die Liebe ihren Gang verschönt hatte, wo
+keine Nacht saumselig genug war für den frischen Trunk des Glücks, wo
+die ganze Welt einem Eden glich, – das aber war vorbei.
+
+Am Samstag Kreszenz, den 28. November, sollte der Aufbruch stattfinden.
+Frühe des Morgens, lange, ehe der Osten sich rötete, versammelte sich
+die Gemeinde in der Synagoge. Die heilige Schrift wurde aus der Lade
+genommen und der Älteste trug sie mit gesenktem Kopf demütig und bleich
+hinaus, während die Kille, Mann hinter Mann betend folgte und der
+Schammes oder Schuldiener die Lichter verlöschte, die Thüre fest
+versperrte und den großen, hohlen Schlüssel an einem sicheren Ort neben
+der Klauß vergrub. Dann hörte man weinen hinter vielen Wänden: es galt
+den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung.
+
+Unfern der Mauer des Gottesackers, da wo heute der Doggelesgarten steht,
+kamen die Wagen zusammen. Der Regen wälzte sich daher im grauenden Tag
+und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte. Doppelt öde lagen die
+weiten Felder in der Dämmerung und die verlassenen Häuser drüben
+schienen zu rufen, ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und
+Warnendes. Frauen kreischten auf dem feuchten Plan, Hunde bellten,
+Kinder wimmerten, die Männer riefen nach ihren Angehörigen und die
+Rinder brüllten. Nicht am wenigsten machte sich der Rabe des Obadja
+Änsel in dem Tumult bemerkbar. Zigeuner gesellten sich dem Zug bei und
+sie wurden geduldet, weil sie als Wegweiser dienen konnten; ihre Weiber
+riefen sich ihr gellendes Rotwälsch durch den brausenden Wind zu und aus
+einem verschlossenen Zigeunerwagen tönte in seltsamer Unbekümmertheit
+eine Geige in langen Mollaccorden. Dann kam ein Bote und meldete, die
+freie Reichsstadt Nürnberg gebe den Durchzug durch ihr Gebiet nicht
+frei. Das nächste Ziel der Wanderung war daher die Schwedenveste im
+Süden und dann weiter Stein und Roßstall. Auch griff die Besorgnis um
+sich, die Nürnberger möchten Soldaten aufbieten und die Juden am Abzug
+verhindern. Vielen schien es, als ob Geschehnisse sich wiederholten von
+vieltausendjährigem Alter. Der Himmel gab ihnen recht; vor allen Plagen
+schien die Plage der Finsternis sich vorzudrängen. Der Tag war
+angebrochen und doch war es noch Nacht. Die Wege waren durchweicht und
+die Wagenräder standen tief im Kot. Zirle, der man eine Art vornehmer
+Karosse gegeben hatte, lehnte bleich, mit zuckenden Lippen im Rücksitz.
+Im strömenden Regen stand der junge Wagenseil vor dem Gefährt. Er war
+wie trunken von seiner Liebe. Unter großer Feierlichkeit hatte er
+gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jünger des
+Messias geworden. Nun wollte er mit fortziehen, wollte getrost alle
+Bande der Heimat zerschneiden, nur um unverwandt in dies wundervolle
+Antlitz schauen zu können. Unbeachtenswert erschien es ihm, daß sie die
+Braut des Sabbatai war; darin war so viel Überirdisches und
+Unsinnliches, daß ihn nichts bei diesem Gedanken beunruhigte. Er wußte
+freilich nicht, daß er das Unglück für diese Gemeinde in der Hand trug.
+Die stille Gärung unter den Christen des Hofmarkts war vom alten Pfarrer
+Wagenseil zur offenen Flamme geschürt worden, und noch im Lauf des Tages
+entstand ein geschäftiges Einverständnis mit den Nürnbergischen zur
+raschen That. Nur die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen, die in der
+Stimmung dieser Tage lag, hatte den feindseligen Arm gelähmt.
+
+Um den Gottesacker vor frevlerischen Händen zu sichern, wurde das Thor
+mit fünffachem heiligem Siegel verschlossen. Gegen acht Uhr wurde
+endlich, mitten in der größten Verwirrung durch ein dreimaliges
+Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Zigeuner hatten sich
+bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten Wagen gemacht und rauften um
+Fleisch und Brot wie die Wölfe. Keiner verstand den andern im Tumult;
+Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In manchen Augen
+tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen unsicheren
+und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch rastlose
+Geschäftigkeit unkenntlich macht. Der Lärm und das Geschrei erscholl
+weit hinaus, scheuchte die Krähen aus den kahlen Feldern empor und die
+Peitschen der Kärrner schallten durchdringend bis an den Wald hinüber
+und klangen zurück als ein schüchternes, zitterndes Echo. Die Wolken
+sahen aus wie zerzauste Leinwand und der ganze Himmel war wie ein
+graues, schwankes Tuch. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stießen die
+kleine Judengemeinde dieses Dorfes, sowie die von Ermreuth und Bocksdorf
+zu dem großen Hauptzug. Bald flatterten schlecht befestigte Zelttücher
+im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der Luft herum. Was
+half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der Talmudisten? Was
+half der strenge Glaube und die sichere Begeisterung? Der finstere
+Judengott ließ offenbar nicht mit sich spaßen und streckte seine
+grausame Hand herab, daß sie wie eine Mauer vor jenen süßen und
+verlockenden Zielen stand, die eine morgenländische Phantasie
+heraufgezaubert hatte. Oft stand ein Gefährt fest im dicken Kot und
+fünfzig und mehr Männer mußten es unter Anspannung aller Kräfte mit den
+Schultern herausschieben. Ein Wagen diente als Betzelt, und in ihm war
+auch die heilige Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi und
+der Chassan und die Rumpeln und Wolf Batsch saßen herum und sangen
+Lieder des Sabbatai. Boruchs Klöß in seinem Wagen hielt sein Weib
+umschlungen; eine Art von Mittagessen, eine fettige Mehlspeise, stand in
+einer zinnernen Schüssel vor ihnen, aber sie aßen nicht, sondern sahen
+beide nur stumpfsinnig hinein in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie
+schallten in ihre erbärmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen
+mitgenommen, und die Tiere miauten unaufhörlich aus unauffindbaren
+Verstecken. Dann wurde wieder das Ächzen des Windes laut; an den
+spärlichen Baumalleen der Straße flogen die braunen, nassen Blätter in
+einem geisterhaften Tanz umher, und die Äste bogen sich knarrend und
+brachen doch nicht. Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen
+Dächer, die Achsen wimmerten gleichsam, an vielen Gespannen standen die
+Tiere störrisch still und waren nicht fortzubringen, man mochte sie
+quälen oder ihnen gütlich zureden. Die ganze Natur war aufgelöst in eine
+erdrückende Bangnis. Im Gefährt des Maier Knöcker war es ruhig, denn die
+Thelsela kauerte teilnahmslos in einem Winkel und in einem andern Winkel
+kauerte Rahel. Nur der Nathan selbst schien froh bewegt. Aus irgend
+einem Grund schien er sehr glücklich zu sein, rülpste beständig wie ein
+Narr, zwinkerte freundlich mit den Augen und fragte: „Rahelchen, wann
+kommt das güldene Mädchen? das himmlische Töchterchen?“ Seine Unterlippe
+war sicherlich noch dicker und unförmlicher geworden, und seine Augen
+waren hektisch gerötet.
+
+Endlich erreichte die Karawane den Wald, – nach vier Stunden. Ein
+Fußgänger hätte den vierten Teil dieser Zeit nötig gehabt. In sanfter
+Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde eine Stunde Rast
+gehalten. Der Wald war finster. Damals glich er noch sehr den Urwäldern
+der Vorzeit. Es war so dunkel, wie es zu vorgeschrittener Dämmerungszeit
+im freien Feld ist, die Zweige trieften vom Regen, der Boden war ganz
+schwarz und schlammig. Ein eigentümlich klirrendes oder raschelndes
+Geräusch ging wie eine Welle durch den ganzen Wald. Zwischen den Stämmen
+in der Tiefe lagerte aufdringlich die Nacht und die Nadeln und das Laub
+am Boden waren naß und schlüpfrig. Bisweilen war der ferne Schrei eines
+Wildes vernehmbar oder ein Geräusch gleich dem Schlagen einer Axt. Der
+Himmel war verschwunden, auch die Ebene war nicht mehr zu sehen, und
+Regenschleier und Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren
+Bilde. Ein Vogel flog auf und huschte scheu und hastig ins tiefere
+Gehölz, in den tieferen Frieden des Waldes. Über dem sumpfigen Grund lag
+eine schwere Starrheit, etwas Gelähmtes. Wie fern fühlten sich alle
+schon der Heimat, ihren Gärten, ihren Häusern, dem Bereich ihrer
+Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem
+dicken Wolltuch geschützt, an einer Buche. Wohl war sie stumpf und müde,
+doch fühlte sie etwas in sich, das sie merklich von allen unterschied;
+sie fühlte sich edler und besser, gleichsam geweiht durch die vergangene
+Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich,
+täglich mehr, täglich erschreckender, und doch war es so märchenhaft und
+unglaubwürdig, dies zu tragen, daß die Seele stark wurde und sich
+aufrichtete, als sei sie selbst etwas Körperliches. Sie trug die Zukunft
+im Schoß, ein neues Geschlecht, Kämpfer später Zeiten.
+
+Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Es ging zur Höhe, wo die Veste
+stand, von wo man ins Thal der Regnitz gelangen konnte. Männer und
+Weiber waren ausgestiegen und schleppten sich zu Fuß. Viele der Kärrner,
+die für schweres Geld gemietet worden waren, weil die meisten jüdischen
+jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren verstanden, und die an der
+nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mußten, machten schon
+bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Frauen trugen ihre Kinder auf
+dem Rücken, in Tücher eingehüllt. Wie langsam und mühevoll ging es
+hinan! Das Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft, die Zigeuner
+heulten durcheinander, daß es rings wiederhallte wie in einem Kessel,
+und als einmal eine Wildsau über den Weg rannte, kreischten die
+furchtsamen Weiber durchdringend auf, und auch viele Männer wurden blaß
+und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Höhe begannen die
+Steinbrüche, die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft
+und ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrüpp und überhängende
+Äste aus dem Weg zu räumen, und man mußte vorsichtig sein, damit kein
+Rad dem Abgrund eines Steinbruchs zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes
+Wasser, und es schien brunnentief zu sein. Der Regen bildete enge Ringe
+und der Himmel sah hinein und spiegelte sich darin mit düsterer Stirn.
+Schutt und Geröll und unbehauene Steine lagen umher; allenthalben gab es
+Löcher und tückische Schluchten, und das Heidekraut wuchs an den Hängen
+und die Brennessel. Wie große Ruinen waren diese Brüche, wie die
+zerstörten Häuser von Riesen, und sie hatten dazu etwas so frisch
+Verlassenes, daß man oft aus einem Abgrund den ungeheuren Leib des
+Bewohners auftauchen zu sehen glaubte.
+
+Es ward Abend. Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen
+des Weges, oder im Weggraben, und die Räder fuhren hinein, und das
+Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war es und zugleich unheimlich,
+daß noch keiner an eine Umkehr dachte, da sie doch nur Peinigungen und
+Mühsale vor sich sahen. Sie blickten unerschüttert hinaus in diese
+mysteriösen Weiten, und es war eine dumpfe Ergebung, die sie so
+hinwandeln hieß, verstummt vor dem unhörbaren Gebot dieses Hüters in der
+Ferne. Wühlten Zweifel in ihrer Seele? Waren sie zu müde, mit ihren
+Zweifeln sich abzufinden? Zu stoisch oder zu sklavisch, den Willen jener
+Idee zu brechen? Zu feige, um sich bloßzustellen durch Ahnungen? Wer
+kann es wissen. Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen. Als es
+dunkler und dunkler wurde, erhob sich ein ungestümer Sturm. Die Stämme
+erzitterten, viele Pechfackeln verlöschten und die Funken flogen
+beängstigend gegen die Kronen der Bäume.
+
+Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten
+von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale.
+Der ganze Wagenzug stand fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares
+Schweigen, eine wahre Totenstille entstand im Nu. Alle wußten, was
+nun kommen würde, und sie waren so feig, daß sie förmlich
+zusammenschrumpften vor Angst. Da oder dort, in einer Lücke des Gehölzes
+erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürgersoldaten,
+beleuchtet von den Fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten.
+Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den matten Zug der Auswanderer;
+sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil geworden
+war. Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte: zu den Waffen, zu den
+Waffen! Es war ein heiserer Schrei, halb erstickt durch die Erkenntnis
+der Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts. Da krachte schon eine Flinte,
+schwer und donnernd; der greise Rabbi Elieser sank, ohne einen Laut von
+sich zu geben, ins schwammige Erdreich, und sein altes Blut floß
+ungehemmt dahin und mischte sich mit dem Regen. Jetzt wurden die Gemüter
+aufgerüttelt. Sie fühlten, daß es nicht nur die Freiheit war, die sie
+jetzt erringen sollten; hier stand der Jude vor dem Christen, Glaube
+gegen Glaube. Viele waren plötzlich wie betrunken. Sie stürzten zu den
+Wagen, packten, was sie gerade fanden: ein Küchengerät, einen Strick,
+eine Latte, einen Eisenstab, einen Besen, eine Flasche, ein altes
+ehernes Thürschloß, Lenkriemen für die Pferde, Steine, Stöcke und
+Baumäste, das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter
+Landsknechte. Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht,
+aber da sie nicht mit der Hantierung vertraut waren, ergriffen sie sie
+vorn am Lauf und schwangen die Kolben drohend in der Luft. Doch schon
+knallten die Nürnberger von allen Seiten ihre Gewehre los und ein Knabe
+und zwei Frauen folgten dem armen Elieser in den Tod. Die Weiber
+begannen ein herzzerreißendes Weinen; das Schluchzen muß tief in den
+Schoß der Erde gedrungen sein, denn noch heute hört man es zur Nachtzeit
+in den Wäldern dorten. Die Zigeuner allein verstanden zu schießen, aber
+sie hatten kein Ziel, denn die Pferde der Angreifer waren überaus
+unruhig und sprangen förmlich gequält von Baum zu Baum, während sie im
+Fackelfeuer ihre eignen Schatten vor sich tanzen sahen. Viele alte
+Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen, wo die heilige
+Schrift sich befand, küßten die Schrift mit bebenden Lippen und beteten
+ein Schemenesre und sangen Psalmen. Die Kinder verkrochen sich unter die
+Räder und waren gänzlich betäubt vor Schreck. Einer der Angreifer schrie
+auf seinem bockenden Gaul etwas von Ergeben und Umkehren, aber seine
+Worte verhallten, worauf er Befehl zu neuem Feuern gab. Nun mußten
+Boruchs Klöß und Wolf Bieresel an den finstern Tod glauben und fielen
+hin und streckten sich aus zu jenem langen und gefürchteten Frieden. Die
+Verzweiflung erschafft sich eine wilde Soldateska. Mit ihren grotesken
+Waffen liefen die Juden auf ihre grausamen Feinde zu und fürchteten
+weder Sterben noch Wunden. Sie sahen nicht mehr, sie waren wie im
+Rausch, sie schrieen hebräische Worte und ihre wunderliche Kleidung gab
+ihnen etwas Gespensterhaftes. Ein Teil stürzte zu Boden über Knorren und
+Wurzeln, denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig, die nassen Zweige
+schlugen ihnen ins Gesicht und dann lagen sie da und wälzten sich in
+konvulsivischen Zuckungen. Nichts mehr schien zu helfen, eine blutige
+Nacht schien im Nahen zu sein, da gellte plötzlich eine wie toll
+kreischende Stimme: Feuer! der Wald brennt! Und: der Wald brennt! der
+Wald brennt! lief es weiter in der Kette. Die Tannenstämme am zweiten
+Steinbruch waren wie von innen erleuchtet durch eine dicke gleichmäßige
+Glut. In der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor, ruhig
+und blendend. Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen, die
+nassen Blätter glänzten, das nasse Moos. Bis in den Grund der
+Steinbrüche leuchtete der Brand. Schlängelnde Flammen spiegelten sich
+jäh im nachtschwarzen Moorwasser. Aufsteigend und aufsteigend wie aus
+einem unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der
+Feuersbrunst. Das feuchte Holz prasselte und knatterte, die Flammen
+leckten gierig von Baum zu Baum, angetrieben durch den sausenden Sturm,
+der von den Feldern herauffegte. Es wurde drückend heiß; als ob sie aus
+den Wolken hervorgetreten wären, erschienen die Ruinen der Schwedenveste
+zwischen den Feuern. Schrei auf Schrei erschallte, Schreie gräßlicher
+Angst, wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher vernommen
+hat. Die Gäule der Landsknechte heulten mit jenen Tönen, die stundenweit
+ins Land dringen, und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch
+Gestrüpp und über Felsen. Ein junger Reiter, der Sohn des Nürnberger
+Stadtschreibers, blieb mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen,
+während das tolle Roß weitersauste zur Tiefe. Hilflos, mit stets
+schwächer werdenden Rufen hing er wie einst Absalom und mußte die
+Flammen heranschleichen sehen und ihn belecken bei lebendigem Leib.
+Unter den Juden war die Verwirrung so groß geworden, daß viele
+geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten; die mit Pferden
+bespannten Wagen rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und
+wurden halb zerschmettert; schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken
+und die Zigeuner machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen selbst
+jetzt noch, was ihnen unter die Faust kam. In der größten Ratlosigkeit
+erschien Zacharias Naar. Er stellte sich vor die Fliehenden, erhob die
+Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen. Er führte sie so sicher durch
+die Flammen, als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Durchzug frei gäben und
+alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten, und ruhig zogen die Fuhrleute
+die Wagen nach.
+
+Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloßen
+Diele. Rahel, durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert, war mit
+einer Frühgeburt niedergekommen. Sie lag regungslos in der Ecke auf
+nacktem Stroh, während draußen der große Tumult wie Laute aus einer
+fernen Welt, wie durch Mauern zu ihr kam. Sie wußte kaum, wie sie es
+hatte ertragen können, und doch war ihr jetzt so gut. Sie hörte, wie die
+beiden Ochsen vor dem Gefährt gutmütig blökten; ihr dünkte, sie sei
+wieder bei ihrer alten Tante in Rot, wie vor zwei Jahren. Ein feiner
+Lichtschein, der stärker und stärker wurde, fiel in den Raum, aber auch
+das vermehrte ihr Wohlbehagen. Es war ihr, als stünde der Geliebte neben
+ihrem Lager und streichle sie, und sie sah einen alten, gepreßten
+Lederdeckel vor sich schweben, den sie oft in seiner Wohnung gesehen
+hatte, und der etwas Fremdes und Liebliches, etwas Märchenhaftes an sich
+hatte. Er hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen, aber was war ihr
+der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der
+bitteren und leidenschaftlichen Liebe, die sie empfunden! In ihr sang
+und klang es stolz von alten Liedern mit einem süßen, hallenden
+Kehrreim, da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart umhaucht und die
+stille Nacht von Liebe schwer ist.
+
+Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von
+Zacharias Naar ins Thal. Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem
+Neugeborenen und achtete nicht das durchdringende Quietschen des Wurms.
+Er war völlig zusammengebogen, der Nathan, und schien nur noch ein
+Haufen von Kleidern. Er hatte die Fäuste geballt wie zum Schlag und
+bisweilen zitterte er am ganzen Körper. Das Wesen, das vor ihm sich
+wand, war ein Knabe. Sonst vermochte er nichts mehr zu denken. In seinem
+Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster. Ihm
+gegenüber saß sein Weib. Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt. Sie
+war durch nichts bewegt worden. Es schien, als könne sie durch nichts
+mehr in der Welt überrascht werden, nicht durch Reichtum und Kleinodien,
+nicht durch Schmerzen und die Wandlungen des blinden Schicksals.
+
+Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende
+Höhe und in den glühenden Himmel. Scheu wichen sie zurück vor den Juden,
+die sich langsam zu sammeln begannen. Aus allen Richtungen kamen die
+Verstreuten und fanden sich mit Freudenrufen ein. Für die Nacht wurde
+ein Lager bereitet; die Zigeuner, deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre,
+waren spurlos verschwunden. Zacharias Naar stand sinnend an einem
+Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem Werk zu: dem brennenden Wald.
+
+Noch in der Nacht kam eine große Menge von Bauern, mit Sensen, Beilen
+und Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter großen
+Opfern an Gold und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden.
+Der Rest der Nacht verlief ruhig; aber am Mittag des nächsten Tages
+wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen, um den
+Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in
+den Schutz der Markgrafen von Onolzbach zu begeben. Der Vormittag sollte
+der Bestattung der Toten gewidmet werden. Das Kind des Wolf Batsch und
+die Frau des Samuel Ermreuther waren in der Eile im Wald liegen
+geblieben und ihre Leichen waren verbrannt. Die Familie des Elieser war
+die ganze Nacht wach geblieben, war an der Leiche des Greises gesessen,
+während die Frauen an den Sterbekleidern näheten. Auch in den andern
+Wagen, in denen es Verstorbene gab, blieb das Licht brennen zu den
+aufrichtigen Thränen der Trauernden. Oft klang der Schrei des Wildes aus
+der Höhe des Waldes herab, wo sich das Feuer beruhigt hatte; über der
+Ruine lag eine schwere Rauchkrone, und die noch glimmenden Stämme
+leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein.
+
+Der Morgen kam mit dichtem, regungslosem Nebel. Die Gräber waren rasch
+gegraben, denn das geschieht bei den Juden mit Hingebung, weil sie alles
+für ein gutes Werk ansehen, was für einen Verstorbenen geschieht. Die
+Weiber mußten in der Behausung bleiben, sie durften nicht mitgehen bei
+Begräbnissen, außer den nächsten Blutsverwandtinnen, und denen durfte
+sich während dieser Zeit kein Mann nähern, weil es hieß, der Engel des
+Todes tanze mit dem bloßen Schwert vor den Weibern her. Bevor der Körper
+in den Sarg gebettet wurde, begoß man ihn dreimal mit Wasser, und ein
+alter Chronist sagt schon, daß dies etwas anderes bedeute, als eine
+äußerliche Reinigung. Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten:
+ich will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von eurer
+Unreinigkeit, und von all euren Götzen will ich euch reinigen. Und als
+die Begießung geschehen, faßte der Chassan den Körper bei der großen
+Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft der Menschen völlig auf. Dann
+wurde der Leichnam mit weißen Kleidern angethan, sein Haupt wurde mit
+dem Tallis bedeckt und also angekleidet wurde er in den Sarg gelegt. Die
+Zizis, die nicht vergessen werden durften, sahen ein Stück aus dem Sarg
+hervor. Und weil die Juden alle Erde außer der Erde Kanaans für unrein
+achten, so bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weißen Erde, die
+aus dem heiligen Land sein soll, und auf die Erde legten sie zerbrochene
+Scherben von Töpfen. Und dann wurde der Sarg zum Grab getragen, und es
+war üblich, ihn auf diesem Weg dreimal niederzusetzen. Und jeder Freund
+warf drei Schaufeln Erde in das Grab, und der nächste Blutsverwandte
+zerriß seine Kleider. Der Totengräber nahm dabei ein Messer verkehrt in
+die Hand und schnitt oben einen Riß in das Kleid dieses Leidtragenden,
+der dann den Riß mit der Hand vollendete.
+
+Bald waren die Bestattungen zu Ende. Die Sonne brach hervor aus den
+Nebeln, und leuchtend lag alles Land da. Langsam schritten die
+Leidtragenden zurück, und sie wuschen dreimal ihre Hände, weil sie sich
+mit dem Tod verunreinigt haben. Und manche rissen auch dreimal Gras aus,
+um es rückwärts hinter sich zu werfen.
+
+Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen, daß Maier
+Knöcker, der Nathan, gänzlich in Wahnsinn verfallen sei. Der Eindruck
+dieser Kunde war nicht tief, um so mehr, als Zacharias Naar vor dem
+Aufbruch in Worten von eindringlicher Kraft den Mut und die Zuversicht
+schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel. Sie vergaßen Not und Mühen
+wieder und weihten sich gänzlich dem Glauben an die große Zukunft, an
+die Macht und Unumstößlichkeit all dieses Langgehofften, Langentbehrten.
+In solchen Stimmungen des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose, die
+blaß und kümmerlich aus den Feldern grüßte, als ein Freudezeichen, jeder
+frühe Sonnenstrahl hatte etwas Berauschendes, Liebenswürdiges und
+Ergreifendes an sich. Der eine Mensch macht den andern gut und froh; es
+ist ein stummes Zureden unter ihnen, ein wortloses Sichbestärken. Es
+ist, als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des Rechtes,
+zum Dienst des Glücks, und wenn einer ein fallendes Meteor in der Nacht
+gewahrt, ist es ihm eine Glücksbürgschaft für Tage, für Wochen. Es giebt
+Perioden in der Geschichte der Menschen, die etwas Nervöses und
+Zuckendes an sich haben, ein Hintaumeln von der Schlucht zur Höhe, ein
+bewußtloses Berauschtsein; da wachsen dann Menschen, die etwas von der
+erschreckenden Empfindlichkeit junger und feuriger Pferde haben, und
+denen ein seltsamer Morgentraum die Begeisterung zu großen Thaten
+verleihen kann. Denn an sich giebt es keine Freuden und giebt es keine
+Erlösungen in diesem wunderlichen Labyrinth von Schicksalen, in dem wir
+leben.
+
+Mit gutem Mut zogen die Juden im Schein der Herbstsonne gegen das Thal
+der Rednitz hinunter. Drei Wagen, – die des Obadja Änsel, des Hutzel
+Davidla, des Simon Fränkel, – waren schon früher aufgebrochen und
+bildeten gleichsam die Vorhut. Sie fuhren nicht mehr so langsam wie am
+vorhergehenden Tag. Die weißen Wagendecken leuchteten freundlich in der
+Landschaft, der Wald stand in seinem matten Grün wie eine niedere Wand
+am Horizont, der Himmel war klar und rein und lichtbegossen, und das
+Licht strömte verschwenderisch über die Gefilde. Drüben, weit drüben,
+lag die alte Kadozburg und auf der andern Seite, noch weiter, kaum noch
+als zarte Silhouette erkennbar, das Kaiserschloß von Nürnberg.
+
+Da sah der Hauptzug, wie seine Vorhut im Gelände stille hielt. Der Maier
+Lambden hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl
+fremder Wagen, die aus einem Gehölz herausgefahren kämen, das sie bis
+jetzt bedeckt habe. Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke und sahen
+aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; denn sie
+fürchteten einen neuen Überfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche
+Augen hatte, sagte, es seien Leute, die eine ungewohnte und
+fremdländische Kleidung trügen; aber er hielte sie für Juden. Dann sagte
+er, Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane entgegen.
+Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit mit
+einander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja Änsel die Arme
+ausbreitete wie ein Ertrinkender und dann hinfiel wie ein Stock. Und
+dann liefen zwei nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen
+auszubrechen und gebärdeten sich wie Verrückte. Zirle stand und schaute
+unablässig in die Ferne, wo diese Scenen sich ereigneten und plötzlich
+stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, als ob sie alles durch
+die Lüfte vernommen hätte, und sank vom Wagen herab. Die vordersten
+Wagen kehrten um, kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein
+lähmender, tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so
+wanderungslustigen Menschen gelegt.
+
+Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten.
+
+Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene
+Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur das dunkle
+Bild des Geheimnisvollen und Rätselhaften hinterlassen. Wenn nicht seine
+außerordentliche Schönheit die Welt betrunken gemacht, so war es doch
+der Zauber seines Geistes, die Größe seiner Seele oder das Hinreißende
+seiner Worte. Oder wäre es nichts dergleichen gewesen? Es giebt Stimmen
+aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder einem schlechten
+Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder einem
+banalen Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen
+kennen? Oft ist die Geschichte wie ein dummes Frauenzimmer und läßt sich
+bethören von der Fabel und von der Fama und das ist gut, denn wie sollte
+der arme Nachgeborene die Fülle erdrückender Wahrheit ertragen, die sie
+ihm sonst nicht vorenthalten könnte? Der Grundpfeiler alles dessen, was
+besteht, ist die wohlthätige Lüge. Wenn in Polen ein Froschmensch zur
+Welt kommt und der Türke macht einen Gottmenschen daraus, so ist das
+nicht weniger wichtig, als die wahrhafte Mission eines Heilands.
+
+Der fremde Zug, der den Weg der Fürther Juden so jäh gehemmt hatte, war
+ein kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold
+des Landes verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war groß
+und kann nicht in den herkömmlichen Worten beschrieben werden. Es war,
+wie wenn ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt, auf den man alles
+gesetzt, von dem man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war
+schlimmer. Es war mehr wie der Tod, schrecklicher wie der Tod, etwas,
+das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in einem grellen Bild zeigte. Die
+Juden sind ein starkes und störrisches Volk; doch sind sie nur groß,
+wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind nicht lange groß,
+denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne Größe. Auch
+Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden, ein
+Stück Judenschicksal: Macht oder Sklaverei.
+
+Viele zogen wieder nach Fürth zurück. Einige Familien der
+österreichischen Vertriebenen, die große Not litten, und furchtbare
+Entbehrungen hinter sich hatten, siedelten sich nebst einigen jungen
+Leuten aus Fürth in dem stillen Thale an. Bei ihnen blieb Thelsela, das
+Weib des blödsinnigen Maier Nathan, mit ihrer Tochter und ihrem Enkel,
+der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde, von dem in den
+folgenden Blättern die Rede ist. Die Thelsela war zu müde geworden, nach
+der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren, an der Seite der Christen
+zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelitten, an die Reihe ihrer
+Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben
+ein neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; sie war auch nicht die
+Frau, viele Worte um das Leben zu machen. Sie trug knechtisch und trug
+still. Sie war vernünftig geblieben, doch ihre Vernunft hatte etwas
+Dunkles, Bitteres und Lehrhaftes.
+
+Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach
+gegründet wurde, hieß zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die
+einwandernden Christen in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die
+Felder um ihn herum waren fruchtbar und voll Segen und waren stets
+bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben. Schön ist dies Land
+und voll von unmittelbarer Poesie für den, den es geboren hat.
+
+Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden. Ihr Leben
+verlor sich in eine Folge von Sagen und schließlich wurden auch ihre
+Thaten märchenhaft. Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte, und
+eine neue Zeit kam. Und das Kommende war immer größer, freier und
+vollendeter, als das Vergangene, und der Jude, anfänglich nur Knecht,
+wert genug, den Fußtritt des übelgelaunten Herrn zu empfangen, that
+seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die Geheimnisse
+dieses Herrn. Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die
+Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege, und oft
+verrichtete er ungesehen wahrhaft kaiserliche Dinge, wenn die Monarchen
+schliefen und die Minister schwach waren. Sabbatai wurde ein Moslem, und
+manche sagen zum Schein. Der Jude wurde ein Kulturmensch, und manche
+sagen zum Schein. Manche sagen, der Verderber und der Verführer sitze in
+ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als ihre Erbauer. Dies
+ist sicher: ein Schauspieler oder ein gütiger Mensch, voll innerlicher
+Schönheit und doch häßlich; lüstern und asketisch, ein Charlatan oder
+ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist
+der Jude. Hat ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz
+oder der Erfolg? Gott allein weiß es. Vor den Blicken thut sich ein
+unermeßliches Bild auf, denn das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen
+einer einzelnen Person: sein Charakter ist sein Schicksal.
+
+
+
+
+ Die Juden von Zirndorf
+
+
+ Erstes Kapitel
+
+Im Jahre 1885 fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage
+nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete unaufhörlich bis
+über die Mitte des August hinaus. Die Saaten gingen völlig zu Grund
+dabei, und zu Ende des August war alles Land, das durch den Ring der
+Dörfer Poppenreuth, Kalkreuth, Buch, Altenberg, Kadolzburg, Zirndorf,
+Bach und Unterfarrnbach eingeschlossen ist, ein einziger See. Sogar noch
+weiter, bis ins Thal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und
+nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und
+gurgelnd schlug das Wasser gegen den Eisenbahndamm in Fürth, als ob er
+zornig wäre, daß es so hoch nicht reichen konnte. Der Frohnmüllers-Steg
+war weggerissen, ja sogar die stärkere Brücke, die nach dem Weiler
+Dambach führt; die Badeanstalt war gänzlich zerstört; tagelang sah man
+die Bretter und Balken und die kleinen Schindeldächer der zerrissenen
+Hütten die Strömung hinuntertreiben. In der Fischergasse und in der
+Pegnitzgasse und am Schießanger und in all den kleinen Winkeln beleckte
+das Wasser die Häuser, füllte die Keller, und schlug drohend an die
+Schwelle mancher kleinen Krämerei oder Metzgerei, oder an die niederen
+Simse der Goldschlägerwohnungen, deren Gehämmer sonst lustig und mit
+anziehender Taktmäßigkeit den ganzen Tag erschallte. Wenn die Weiber des
+morgens zum grünen Markt wollten, mußten sie in Booten fahren fast bis
+zur Stadtwage hin, und sie standen dabei viel Angst aus.
+
+Wie eine große, gebirgige und geheimnisvolle Insel sah der Vestnerwald
+mit seinem viereckigen Turm in das überschwemmte Land. Wenn man von dort
+aus gegen Zirndorf hinunterblickte, sah es aus wie der Ozean selbst; nur
+ein paar Pappelbäume oder die Bäume einer Obstanpflanzung oder weit in
+der Ferne quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen, oder der hohe
+Pfahl, worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird,
+ragten aus dem Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche
+Bewegung wie ein matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum größten Teil
+verschont geblieben, weil es etwas höher lag. Kein Rauch stieg aus den
+Schloten der Ziegelei am Eingang der Hauptstraße. All die roten Dächer
+sahen gleichsam ergeben in das helle Grau des Himmels, und die Raben,
+die hoch in der Luft mit unruhigerem Flügelschlag als sonst dahinzogen,
+hatten etwas Schmerzliches, ja vielleicht Verzweifeltes in ihren
+plötzlichen gellenden Schreien.
+
+Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten,
+besonders zweien: Sürich Sperling, dem St. Sebalderwirt und Martin
+Ambrunn, der die „gläserne Burg“ innehatte. Auch das Turnerfest war auf
+den nächsten Sommer verschoben worden und die Fürther Kirchweih stand
+vor der Thür; da würde ohnehin wieder alles Geld in die Stadt wandern.
+Als der Burgwirt keinen Ausweg mehr sah, schickte er bei allen Juden
+herum und ließ sagen, daß er von nun ab auch koscheres Fleisch zum
+Aushacken bringen werde und daß der Schochat die üblichen Formalitäten
+vornehmen werde. Auch der Bauer litt schwer unter der Wassersflut und
+mancher, dem bislang eine selige Thalerfülle im Beutel geklappert,
+schlich nunmehr gebückt und finster ins Wirtshaus, um daselbst seinen
+ganzen Groll gegen die Zechbrüder auszuleeren. Zwischen den Dörfern
+Altenberg und Zirndorf, die sehr nahe beieinanderlagen, wurde der
+Verkehr durch Boote vermittelt, und an einem Donnerstag war es, die
+Wolken hingen niedrig, waren zerzaust und regenschwer, fuhren zwei Kähne
+ungefähr gleichzeitig, der eine von Zirndorf, der andere von Altenberg
+ab und befanden sich einander in Sehweite, noch ehe jeder hundert Meter
+zurückgelegt hatte. Der Wind strich übers Wasser und warf kurze,
+lautlose Wellen auf, so daß ein nervöses Leben in die starre Fläche
+geriet. In kleinen Entfernungen erhoben sich die Chausseebäume aus der
+Flut, und das dünne Zweigwerk hing wie trauernd nieder und wurde vom
+Wasser bespült. Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote näherten
+sich rasch; aber das von Zirndorf kommende, in dem Sürich Sperling,
+seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frühwald
+von Fürth und ein ganz fremder, vornehm aussehender junger Mann saßen,
+glitt viel schneller dahin als das andere. Sie waren sich auf zehn
+Schritte nahe gekommen, und Sürich Sperling schrie eine Warnung hinüber;
+doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme, und es hatte den
+Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten
+wichen furchtsam aus, aber Sürich Sperling, der das aus einer alten
+Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des
+Kahns gegen die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stieß
+dadurch ziemlich heftig an einen Baumstamm. Gleichzeitig ertönte ein
+entsetzlicher Schrei aus fünf oder sechs Kehlen, und ein junger Mensch
+von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber ins Wasser. „Laßt das
+Judenpack versaufen,“ krächzte Sürich Sperling, und die zwei Knechte und
+Herr Frühwald begannen zu lachen, während sie hastig davonruderten.
+Selbst der schwarzbärtige junge Mann grinste, offenbar nur um seinen
+Reisegefährten gefällig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Stumpf
+der Zigarette ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der
+Stelle des Unglücks hinüber. Etwas Düsteres und Drohendes glomm in
+seinen Augen, doch war es kaum klar, gegen wen sich solche Gefühle
+kehrten. Sürich Sperlings Boot fuhr erbarmungslos davon, und sie
+überließen es den jüdischen Männern, den Verunglückten aus dem Wasser zu
+ziehen.
+
+Dort herrschte große Ratlosigkeit, der leichte Kahn wurde vom
+anschwellenden Wind und von einer leichten Strömung fortgetragen, und
+die Köpfe waren so verwirrt, daß der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und
+der andere es dorthin lenkte. Keiner konnte schwimmen. Wasser war ihnen
+das unfehlbar totbringende Element; und als Elkan Geyer in heller Angst
+um seinen Sohn doch den Rock von sich warf, um in die Flut zu springen,
+hielten ihn sechs Arme zurück, wobei das Boot fast zum Kippen gekommen
+wäre. Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus. Agathon
+tauchte aus dem Wasser empor, erfaßte den weit überhängenden Ast eines
+Birnbaumes, und mit bewundernswerter Kraft hatte er auch die andere Hand
+an den Ast geklammert. Dann schnellte er aus dem Wasser und kletterte
+mit der Behendigkeit eines Affen ins dichtere Gezweig des Baumes. Als er
+droben saß, streckte er seinen Kopf wie aus einem Korbgeflecht heraus
+und sah hämisch ins Boot. „Komm, komm, Agathon!“ rief Elkan Geyer mit
+der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewußten.
+
+„Mag nicht!“ schallte es kurz zurück.
+
+„Aber Aga, so komm doch!“ bat Elkan erschrocken. Er kannte den
+wunderlichen Starrsinn seines Sohnes.
+
+„Ich will aber nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.“
+
+„Aber Aga, deine Kleider sind naß, und du wirst totkrank werden.“
+
+„Gut, dann will ich totkrank werden.“
+
+„Lieber Junge, jetzt hopp!“ rief Isidor Rosenau entschlossen und
+befehlend.
+
+„Ich will euch etwas sagen,“ erwiderte Agathon sehr ernst. „Ich werde
+warten, bis Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird, und wenn
+es morgen wird. Ich will ihm sagen, daß er ein Hund ist, ich will ihm
+sagen, daß er es büßen muß. Ihr, ihr laßt euch ja alles gefallen. Euch
+dürfen sie die Ohren abreißen, dann küßt ihr ihnen noch die Hand. Bloß
+daheim könnt ihr schimpfen.“
+
+„Aber Aga, so komm doch,“ flehte Elkan Geyer. „Du kannst doch nicht da
+droben sitzen bleiben bis in die Nacht, chaas we Scholam, Gott behüte.“
+
+„Ja, ich bleibe sitzen,“ beharrte Agathon und seine Augen funkelten.
+
+„So a Meschuggas!“ rief Isidor Rosenau entrüstet. Und er packte sein
+Ruder und stieß den Kahn vom Baum. Elkan Geyer schlug jammernd die Hände
+zusammen und bat, man solle doch zurückfahren und einer solle den Baum
+erklimmen. Aber die andern lachten ihn aus. „A Chutzpa von dein Jung,
+wahrhaftig a Gemeinheit,“ sagte Bärman Schrot. „Was haste dei Jeleth nit
+besser gezogn? Meins thät so was nicht. Cholilah, ich schlagets tot.“
+
+Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig
+auf die Landung, um allein wieder zurückfahren zu können. Er saß da, den
+Kopf in die Hand gestützt, und sah verträumt hinaus gegen den Horizont,
+wo ein leises, trübes Roth die Wolken zu säumen begann, das sich auch im
+Wasser spiegelte mit einem seltsam schwanken Schein. Es war überhaupt
+etwas Verträumtes in seinem ganzen Wesen; in seinem Blick lag eine
+flehende Hilflosigkeit; sein frühergrautes Haar mochte Zeuge davon sein,
+wie er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn
+es andere fortwarfen, hob es Elkan Geyer erst auf, und er wußte seine
+Angelegenheiten immer von einer Seite anzugreifen, von wo sie mißlingen
+mußten.
+
+Agathon fror auf seinem Baum erbärmlich. Aber er verzog keine Miene,
+wenn er auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht,
+als gälte es, sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Unten gluckste
+das Wasser; wenn man lange hinlauschte, war es, als plauderte es immer
+in demselben müden Rhythmus mit hellen, wiederkommenden Lauten.
+
+In diesem Augenblick hatte er eine seltsame Erscheinung. Aus dem Wasser
+hob sich ein Körper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht
+fast sehnsüchtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf
+und die Arme Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung.
+Und daneben zeigte sich ein kleines Männchen, spitz, winzig, mit einem
+gefälligen Grinsen auf den Zügen, in beständigen Verbeugungen begriffen,
+und er reichte der großen Gestalt die Hand. Aber wie diese die Hand
+nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich angstvoll zurück,
+strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst, der in der Ferne über dem
+Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und
+atmete tief auf, als er dann nichts weiter sah als die glatte Fläche,
+und kein Geräusch weiter vernahm als das klagende Glucksen des Wassers.
+
+Als es zu dämmern anfing, wurde ein klatschender Ruderschlag hörbar.
+Elkan Geyer kam. Agathon zögerte nicht (umsoweniger, als sein Vater
+allein war) und ließ sich, nachdem er flüchtig den Horizont abgeguckt,
+ins Boot hinab. Sie fuhren heim auf der stillen Fläche, über die es
+langsam hindunkelte, und sie sprachen kein Wort miteinander. Die Krähen
+flogen ums Boot, lautlos und geängstigt, und bisweilen war das Wasser
+von einer Schicht gelber Blätter bedeckt. Die Röte am westlichen Himmel
+glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige
+Wolken lagerten dort, die großen, sensenschwingenden Männern glichen. Am
+Kirchhof landeten die beiden, schritten die kotige Straße des Dorfes
+hinauf und waren bald daheim: in diesem kleinen, grüngestrichenen
+Häuschen, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jedem
+Augenblick zusammenzubrechen schien. Das Dach drückte schwer auf Giebel
+und Mauern, und die Fenster waren so unregelmäßig gebaut, daß sie leicht
+den schielenden Augen eines Menschen zu vergleichen waren. Elkan Geyer
+schritt durch den langen, finstern Gang mit den brüchigen
+Ziegelsteinfließen, an vielen Thüren vorbei in die Kammer, wo die
+Obstvorräte und Spezereien für den kleinen Kramladen aufgestapelt lagen.
+Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte da: es roch nach
+frischen Äpfeln und nach alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach
+eingemachten Früchten, nach Essig und nach Konserven, nach geräuchertem
+Fleisch und nach Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und
+düster-grünes Tuch war über große Kasten gebreitet.
+
+Agathon war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzündete und
+dann bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute. Mit seiner müden
+Stimme begann er zu reden, daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter
+machen könne, als er es thäte, und wie er, Agathon, sich eigentlich die
+Zukunft vorstelle? Daran läge jetzt alles, mehr als alles; das sei
+bitter ernst und er, Elkan, werde ja jetzt alt und es werde ihm schon
+schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch dürfe er sich ja nicht
+schlecht benehmen gegen Sürich Sperling, denn er, Elkan, sei tief
+verschuldet bei diesem Mann, so daß er sich keinen Rat in der Welt mehr
+wisse. Niemand wolle helfen, auch der Großvater nicht, Enoch Karkau, der
+es doch sicherlich vermöchte. Elkan Geyer sagte gewiß mehr, als er
+beabsichtigte; er bemerkte endlich, wie Agathons Glieder zitterten,
+vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm,
+sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, daß die Mutter nichts
+merke.
+
+Gedankenvoll ging Elkan Geyer hinaus in den kleinen Hof, der zwischen
+Haus und Gemüsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war,
+traf er seinen alten Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Karkau
+war zweiundachtzig Jahre alt, aber er übte noch immer sein Handwerk als
+Seiler aus. Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth, war
+schweigsam und mürrisch, und niemand konnte ihn auf mehr als sechzig
+schätzen. Zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach
+geschlafen, niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf
+verlassen. Hier war ihm jeder Stein bekannt und die ganze übrige Welt
+war für ihn ein Gleichnis. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem
+Gold, und Gefühlen anderer Art war er gänzlich verschlossen. Die Welt,
+in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er dachte auch nicht an den
+Tod. Er war fromm, d. h. er ging allmorgendlich zum Gottesdienst, sowie
+jeden Abend, um den Tallis, den er seit neunundsechzig Jahren um die
+Schultern legte, von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Gebetbuch mit
+den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen. Das war für ihn
+eine tote Pflicht geworden, über die man nicht nachdenkt. Der Lauf der
+Welt war ihm gleichgültig. Die Stürme, die um die Mitte des Jahrhunderts
+die Völker hatten erbeben lassen, der Bürgerkrieg im Innern achtzehn
+Jahre später, er hatte kaum danach gefragt; der Kampf der siebziger
+Jahre, obwohl er einen Sohn dabei verloren hatte, war für ihn ein
+„Muschikaam“ gewesen, eine Narretei. So hatte er sein langes Leben
+gelebt und war alt geworden.
+
+Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von
+Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins
+war blutrot und leuchtete selbst durch die Dunkelheit. Von der
+„gläsernen Burg“ her erschallte das Geschrei der Zecher, und einer war
+es, der mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe
+Melodie sang: spinn’ spinne Töchterlein. Die Abendglocken begannen zu
+läuten; bald klang es fern, bald klang es nah, und jeder, der auf der
+Straße ging, klaubte sich unwillkürlich seine eigene Weise zusammen aus
+den abgehackten Tönen.
+
+Enoch Karkau hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne
+angezündet, holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdärmen angefüllt war,
+und bedeckte sie mit einem runden, tellerartigen Holzsturz, den er zur
+Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs
+versehen hatte.
+
+„Nun, Vater“, flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des
+Alten, die mit großen, braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren.
+
+Enoch schwieg.
+
+„Und wenn’s Jette erfährt?“ murmelte Elkan. „Schließlich ist sie doch
+dein Kind.“
+
+„Sie waaß ja nix,“ erwiderte Enoch mürrisch.
+
+„Sie wird’s bald wissen. Sürich Sperling ist ein Halsabschneider.“
+
+„Wärst nit leichtsinnig gewesen. Mer hätten kei Scheuer zu bauen
+gebraucht. Was haste nu? Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.“
+
+Elkan rang stumm die Hände. Dann sagte er: „Du hast so vielen das Messer
+an die Gurgel gesetzt, Vater. Da kann ich’s begreifen, daß du gegen
+deine Kinder so bist.“
+
+Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung.
+Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und
+sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich.
+
+Im Zimmer vorn rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe
+lagen in gelber Sauce in einer großen Schüssel. Die Kinder hatten Teller
+von Blech vor sich, die alt waren und unappetitlich aussahen. Nur die
+Magd und Frau Jette hatten Porzellanteller. In der großen Ofennische
+brodelte singend der Kaffee, und sein Geruch vermischte sich mit dem
+übergelaufener und verbrannter Milch. Das Zimmer war niedrig und schwül,
+und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte. Die Möbel schienen
+schief zu stehen, die Dielen waren rissig, und zu den gardinenlosen
+Fenstern schaute unbehindert die schwarze Nacht oder wer sonst noch
+wollte herein. Und doch zeugte alles von der Hand einer unermüdlich
+scheuernden Hausfrau, die nur zu schwach war, das Reich, das man ihr
+gegeben, völlig zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das
+sah man schon an den Gesichtern der Kinder, die so unbekümmert dasaßen,
+als ob sie niemandem zu gehorchen brauchten. Sie nahmen sich selbst
+Kartoffeln so viel sie wollten und Butter und Brot, und wenn eines ein
+größeres Stück Häring erwischte, erhob das andere ein neidisches
+Zetergeschrei. Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an
+den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein leises und begehrliches Miauen
+aus, wozu die Kinder und die dicke Bauernmagd schadenfroh kicherten. „Wo
+ist Aga, Mama?“ fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von fünf Jahren.
+Frau Jettes Mund verzog sich zu einem ärgerlichen Grinsen. „Red nicht,
+wenn du’s Mund voll hast!“ schrie sie und schlug mit der Faust auf den
+Tisch. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert werden,
+suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln. Enoch
+Karkau kam mit müden, tappenden Schritten herein, pustete sein
+Laternchen aus und stellte es in einen dreieckigen Eckschrank, der
+zugleich als Waschbehälter diente, wusch sich die Hände und sprach das
+übliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch besetzt fand, ließ
+er sich schwer in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah mit
+glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein
+zitterte. „Warum singt denn der Mann immer, Großpapa?“ fragte der
+Pausbäckige. Enoch grunzte und schüttelte den Kopf. „Was singt er denn,
+Großpapa?“ – „Sei still!“ schrie Frau Jette heiser und erregt und
+klopfte mit zwei Fäusten auf den Tisch, daß alles klapperte. „Spinn’
+spinne Töchterlein, singt er,“ flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die
+ältere Schwester zu, Mirjam, ein Kind von wunderbarer Schönheit.
+Plötzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei
+seinem aufgerichteten Schwanz, öffnete die Thüre und warf das
+quietschende Tierchen heftig an die gegenüberliegende Flurwand. Gerade
+trat Elkan Geyer auf die Schwelle, warf dem Alten einen schmerzlichen
+Blick zu und nickte.
+
+Eine Fensterscheibe erbebte und klirrte leise. Aller Blicke wandten sich
+dorthin. Mirjam stieß einen Schrei aus und legte die Händchen vor die
+Augen. Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. „Sürich Sperling“,
+murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu
+einer breiten, gräßlichen Fratze verzerrt, augenlos und mit
+plattgedrückter Nase hereinstierte. Elkan Geyer wurde totenbleich und
+machte einen Schritt gegen das Fenster. Da war Sürich Sperling schon
+wieder verschwunden. Jubelnd sprang Mirjam, die alle Leiden schnell
+vergaß, dem Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es
+leidenschaftlich küßte. Die Magd kicherte ohne Grund in sich hinein, und
+Enoch schlich wieder in seinen Sofawinkel, um geduldig zu warten, bis
+die Zeit für ihn kam, um zu essen.
+
+„Wo ist Aga?“ fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann
+forschend an. Elkan Geyer sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die
+Erde, und ein Schatten rätselhafter Besorgnis ging über seine Stirn. Er
+öffnete die Thür und rief in den Flur: „Agathon! Agathon!“ Nichts
+antwortete dem Ruf, und die Stille im Haus erschien groß und drückend.
+Die Kinder schwiegen am Tisch, selbst die dicke Magd hatte aufgehört zu
+kichern und Elkan lauschte und lauschte und hörte nur das Ticken der
+Pendeluhr im Zimmer. Er hatte eine unbestimmte Angst und dachte nicht
+weiter, als wie seltsam dieser Name sei, wenn man ihn laut rufe:
+Agathon. Frau Jette wollte hinausgehen, um zu suchen. Aber Elkan hielt
+sie zurück, schlug murrend die Thür zu und setzte sich an den Tisch, um
+zu essen.
+
+Nach einer halben Stunde stürzten die Rosenaus Mädchen herein: mit
+fliegenden Haaren, überreizt lachend, atemlos. Sie waren immer aus
+irgend einem Grunde atemlos. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor: würdig,
+ernst, gemessen. Die Mädchen sprachen den Bauerndialekt der Gegend, was
+von den wilden und südlichen Zügen ihres Gesichts wunderlich abstach.
+Sie ließen sich in allen Dingen völlig gehen, während Isidor sich einen
+städtischen Anstrich zu geben bemüht war. Er trug einen steifen,
+englischen Hut, Kravatten nach der neuesten Mode, umgestülpte Hosen und
+hellgelbe, obwohl kotbedeckte Schuhe. Seine Finger waren von Ringen
+jeglicher Façon bevölkert, und seine Uhrkette war schwer von goldenem
+Behängsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch,
+dem nichts in der Welt mehr neu sein kann; er ging in der Stadt am
+liebsten dorthin, wo man ihn nicht kannte, denn nichts beglückte ihn
+mehr, als wenn man ihn für keinen Juden ansah. Die Mädchen küßten die
+Kinder der Reihe nach ab, und Isidor machte einen Witz und sah sich um,
+ob niemand lache. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit:
+ein junger Mann sei seit gestern im Dorf, dessen Verwandter die Ziegelei
+kaufen werde. Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker, doch
+niemand wisse, was er sei, noch was er wolle. Bei der Nennung des Namens
+begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurück und schloß die
+Augen. Die Mädchen sahen es nicht; sie bemerkten nichts in der Welt, was
+nicht sie selbst betraf.
+
+Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander. Der
+schwächliche und furchtsame Elkan schien von einer wilden Beredsamkeit
+ergriffen, aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln, und sein Gesicht
+wurde grausam und kalt. „E betuchter Mann, dei Schwiegervater, boruch ha
+schem,“ bemerkte er höhnisch.
+
+„Und wenn er mir das Haus weg nimmt und das letzte Stück Brot, zuletzt
+findet sich immer noch ein Ausweg. Gott wird helfen.“
+
+Isidor lächelte kühl und flüchtig und klimperte mit den Thalern in
+seiner Tasche. Und Elkan Geyer fuhr fort: „Der Sürich ist nicht wie
+Gläubiger sonst, das muß man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in
+ihm. Rastlos kommt er herein und in seinen Augen funkelt’s vor Haß. Er
+kommt herein, streckt seinen Hals, lacht oder knipst mit den Fingern.
+Ich weiß nicht was es ist, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas
+Edles an sich.“
+
+Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte
+starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen
+Bartrand schien ganz versteinert zu sein. Er grämte sich auch darüber,
+daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines
+abgebrauchten Hausrats. Sie lauern auf meinen Tod, dachte er, aber den
+Gefallen will ich ihnen nicht thun. Das Kätzchen miaute vor der Thür. Er
+hörte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte
+sich sonderbar fremd mit Bildern des Tages.
+
+„Ach ja, euern Aga habe ich gesehen!“ rief plötzlich Helene Rosenau ganz
+laut. Auf einmal schilderte sie da ein ganzes Drama, und alle lauschten
+erregt. Sie suchte sich durch das Feuer ihrer Rede gleichsam für den
+Leichtsinn zu entschuldigen, der sie den Vorfall so lang hatte
+verschweigen lassen.
+
+Sürich Sperling stand an seinem Haus am Kirchenplatz. Das Haus war
+beleuchtet vom hellen Feuer der Schmiede gegenüber. Das kleine Lämelche
+Erdmann ging vorüber, das schon seit dreißig Jahren die Gebete in der
+Spitalschule las. Es schlenkerte so daher, und das Köpfchen wackelte hin
+und wackelte her, und Sürich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und
+als das Lämelche sich furchtsam aus dem Staub machen wollte, ging Sürich
+hin und zog es bei den Ohren zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen
+lange in die Augen, und sein rotes Gesicht wurde blaß, ja es erhielt für
+diesen Augenblick etwas Hoheitsvolles; sein Mund begann zu lächeln, –
+schmerzlich. „Hin ist hin,“ sagte er und machte mit dem Arm eine
+unbestimmte weite Gebärde. „Ich bin ein Mann, mit dem’s die Welt
+verdorben hat. Wenn ich einen Juden seh’, kocht mein Blut, das muß ich
+noch büßen. Ich kann die Juden riechen, wie der Hund das Wild. Schmied
+komm mal rüber, leg’ den Kerl da unter deinen Amboß.“ Der Schmied trat
+heraus ins Freie und nickte Sürich freundlich zu, der den Kopf des
+Lämelche niederzog, daß das Männchen zu schreien anfing. Jetzt kam
+Agathon Geyer aus dem Schatten des Brunnens, stürzte auf den Wirt zu und
+spie ihm ins Gesicht. Sürich Sperling ließ sein Opfer los, packte
+Agathon, nahm ihn wie ein Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der
+Schmied lachte, die Mägde am Brunnen lachten auch; stets fanden sie den
+Sebalderwirt überaus spaßhaft.
+
+Aber er war in Wahrheit ein prächtiger Mensch. Er war gebaut wie ein
+Steinbild. „Er ist ein Germane, das Urbild des Germanen,“ sagte
+Professor Brünotte in Fürth. In ihm schien sich alles Glänzende und
+Rohe, alles Kraftvolle und Plumpe der Rasse vereinigt zu haben. Er
+liebte und haßte ohne Rechenschaft und Künstelei, ohne Berechnung und
+Überlegung. Er haßte die Juden unbeschreiblich; jede Gebärde, jeder Ton
+der Stimme, jede Handlung regte ihn auf wie Wein. Es war unerhört und
+wunderlich; keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf. Er
+war ein Tier: wild, stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund der Welt
+zugänglich. Niemals hatte er vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war
+er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute,
+die sich fürchteten, wenn irgend einer von der Regierung ins Dorf kam;
+sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und für den Wirt. Denn
+Sürich Sperling verachtete den Adel und verachtete das Gesetz und
+verachtete den Pfaffen, und die am Ruder sitzen verachtete er. Er war
+ein Sohn dieser großen Natur rings umher, dieser breiten Ebene, die sich
+ausstreckt und ausstreckt, riesenleibig. Wenn er einen Soldaten sah,
+spuckte er kurz auflachend in eine Ecke. Ja, er bewirtete gar keinen
+Soldaten; sie bekamen einfach kein Bier bei ihm. Und doch war sein Gemüt
+kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rätselhaft in seinem
+Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein
+Riese gewesen sein, und von seiner Mutter erzählt man sich seltsame
+Dinge, die an die Berichte über die Kleopatra erinnern. Sürich Sperling
+paßte nicht herein in diese Welt. „Das Urbild des Germanen“ fand kein
+Bett, worin es bequem ruhen konnte.
+
+
+ Zweites Kapitel
+
+Kaum hatte die schwarze Helene gesagt, was sie gesehen, als Elkan Geyer
+mit einem schwachen Aufschrei seinen Hut vom Nagel riß und hinausrannte.
+Die Kinder begriffen nicht, worum es sich handelte und blickten scheu
+und fragend umher. Isidor stand leise und verlegen trällernd am heißen
+Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln. Der alte Enoch war
+still; sein Blick hatte sich umschleiert; es war, als ob die
+beängstigende Stimmung von ihm ausflösse.
+
+Elkan Geyer eilte die Gasse hinunter. Am Brunnen standen noch immer
+schwatzende Jungfern. Das Wasser lief plätschernd in den Trog, und der
+dünne Strahl war blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers. Sürich
+Sperling hockte vor seinem Haus auf den Steinfließen, hatte das Gesicht
+zwischen die Hände geklemmt und starrte unverwandt hinüber in die Esse,
+vor deren Glut die Gesellen silhouettenhaft hin und hereilten. Elkan
+Geyer ging hin zu ihm und fragte: „Was haben Sie mit meinem Sohn
+gemacht? Reden Sie!“ Sürich Sperling schwieg, ja, er erhob nicht einmal
+die Augen. Mechanisch wiederholte Elkan seine Frage, aber der Andere
+öffnete den Mund nicht, machte keine Bewegung, blieb starr wie im
+Schlaf. Sein Gesicht hatte den Ausdruck wie bei einem Menschen, der über
+das Tiefste und Geheimnisvollste des Lebens nachdenkt, oder wie bei
+einem Kranken, dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat. Was ist
+mit ihm vorgegangen? dachte Elkan und er wagte es, diesen Feind an der
+Schulter zu rütteln. Er hätte nicht den Mut dazu gehabt, wenn ihn nicht
+Furcht und Verzweiflung getrieben hätten. Da richtete sich Sürich
+Sperling auf und ging schweigend ins Haus. Elkan, der sich nicht
+getraute, ihm zu folgen, zitterte vor Besorgnis. Er ging hinüber zu den
+Mägden. Ja, sagten sie, sie hätten Agathon gesehen. Mit dem Arm wiesen
+sie gegen die Richtung von Elkans Haus. Er schloß sekundenlang die
+Augen, – erleichtert, und kehrte dann seufzend den finsteren und
+schmutzigen Weg zurück.
+
+Frau Jette kam ihm im Flur entgegen, und ihr Gesicht, das auch sonst von
+einem kranken, bräunlichen Gelb war, sah ganz erschreckend aus. Ihre
+Augen fragten, ihr Mund nicht. Wenn es auch fast stockfinster war, Elkan
+sah es doch; er bemerkte diesen irren Glanz, in dem alles Durchwühlte
+der Frauenseele lag. Die Rosenaus hatten sich mit banalen Trostsprüchen
+entfernt; wenn es wo nicht mehr munter und witzig herging, wurde es
+ihnen unbehaglich. „Er ist nicht da?“ stieß Elkan heftig hervor, indem
+er in die Stube trat und sich unruhig umsah. Niemand antwortete. Aber
+kaum hatte Frau Jette die Thür hinter sich geschlossen, als sie leise
+wieder aufging und Agathon hereintrat. Sofort gewahrten alle, selbst das
+kleinste der Kinder, daß in seinem Gesicht etwas war, das sie vorher
+nicht darin gesehen hatten. Er schlich mehr, als daß er ging, sagte
+weder guten Abend, noch sonst irgend eine Silbe, setzte sich auf einen
+der Holzstühle neben seine Schwester Mirjam, der er flüchtig
+schmeichelnd übers Haar strich, nahm einen der erkalteten Erdäpfel von
+der Platte, schälte ihn und begann zu essen. Aller Augen waren auf ihn
+gerichtet, aber er schien nichts davon zu bemerken. Mit bleiernem und
+glanzlosem Blick guckte er auf seinen Teller und aß anscheinend mit Ekel
+und Überwindung. An seinem Hals war eine blutige Schramme.
+
+„Wo warst denn du?“ fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat
+an den Tisch. Seine Stimme bebte. Agathon sah seinen Vater ausdruckslos
+an und fuhr fort zu kauen. Frau Jette hatte sich, den Kopf auf den Arm
+gestützt, weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend
+an.
+
+„Woher hast du die Schramme?“ fragte Elkan Geyer weiter und stützte
+beide Fäuste auf den Tisch. Seine weichen, guten Augen begannen zu
+funkeln. Auch Enoch trat jetzt herzu, schob den Kopf Agathons mit der
+Hand so weit zurück, daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und sah
+ihn finster an. Agathon schlug die Augen nieder. „Woher hast du die
+Schramme?“ brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus. – „Vom
+Baum“ murmelte Agathon. Elkan Geyer verfärbte sich, und fing an zum
+Erstaunen aller andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg zu
+berichten.
+
+Agathon erhob sich und verließ das Zimmer. „Sag’ mir nur um
+Gotteswillen, was der Jung’ hat! Er is meschugge, rein meschugge!“
+klagte Frau Jette. Elkan stand am Fenster, wo man die Straße entlang
+sehen konnte. Ihm war, als sähe er den Wasserspiegel im Fernen oder
+spüre den feuchten, kühlen Hauch der Flut. Sein Herz wurde eng. In ihm
+lebte jenes hinreißende Vertrauen auf ihren Gott und auf den Kommenden,
+den Messias, das in allen frommen Juden schlummert, und das ihn selten
+verließ, – wie jetzt.
+
+Er ging, um nach Agathon zu sehen, denn der Gedanke an ihn bedrückte
+seine Sinne. Er öffnete eine Thür des finstern Flurs und kam in eine
+kalte, kahle Kammer, wo auf einem elenden, hochbeinigen Holztisch eine
+Kerze stand. Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt, die Finger in
+den Haaren verwühlt. Es war das Neue Testament. Kaum hatte Elkan das
+Buch angesehen, als er es mit einer wütenden Bewegung packte, es unter
+dem Ellbogen Agathons hervorzerrte, die einzelnen Blätter zerfetzte und
+den Band in eine Ecke warf. „Das thust du! Das thust du mir!“ flüsterte
+er atemlos. Agathon schwieg und wandte die Augen von denen seines Vaters
+nicht und veränderte nicht seine seltsam kauernde Stellung. Elkan
+empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm, setzte sich auf den
+Bettrand und fragte schüchtern: „Was hat er mit dir gemacht, der
+Sürich?“
+
+Agathons Augen funkelten katzenhaft. Er schüttelte den Kopf und sah
+begierig in den schmalen Spiegel an der grünen Wand, als ob er jede
+Veränderung seines Gesichts studieren müsse.
+
+„Kannst du’s nicht sagen? Deinem Vater?“
+
+„Nein.“
+
+„Ja, aber –!“
+
+„Nein. – Warum hast du denn das Buch zerrissen?“
+
+„Weil es Sünde ist, es zu lesen, Sünde gegen den Gott Israels. Woher
+hast du’s?“
+
+„Sünde? Das kann ich mir nicht denken. Du sagst, Israel ist Gottes
+Lieblingsvolk? Er beschützt es vor allen andern?“
+
+„Ja.“
+
+„Das ist Unsinn, wirklicher Unsinn.“
+
+„Agathon!“
+
+„Ja! Das ist ja dumm. Ist es wahr, daß wir das Blut aller Völker
+vergiften?“
+
+„Was für Reden!“
+
+„Wir haben Jesus gekreuzigt und –“
+
+„Wir –! nicht wir, Aga.“
+
+„– aber ohne das wäre er nicht Jesus. Sie haben uns also Jesus zu
+verdanken.“
+
+„Natürlich.“
+
+„Aber das ist es,“ fuhr Agathon in einem seltsamen Gedankensprung fort,
+„wir haben kein Vaterland.“
+
+„Warum nicht? Hier ist unser Vaterland! Deutschland! Uns beschützt der
+Kaiser und das Gesetz.“
+
+„Aber Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland, Vater. Und wo man
+beschützt werden muß, ist man auch nicht daheim.“
+
+„Du bist ein Talmudist. Du willst zu klug sein. Das Leben ist viel
+einfacher, als die Klugheit eines Knaben.“
+
+„Ich bin kein Knabe mehr, Vater. Wenn uns das Volk lieb hätte, warum
+könnten wir dann nicht Offiziere sein? Aber wir sind Unebenbürtige in
+diesem Land und wir sind doch mehr als alle, stärker als alle!“ Wieder
+funkelten seine Augen und plötzlich lief ein heftiges Zittern durch
+seinen Körper; er stand da, sein schmales Gesicht war verzerrt, seine
+Hände waren ineinander gekrampft, und er stieß einen Laut des Grauens
+aus. Elkan blickte verstört umher, aber er gewahrte nichts. Er packte
+Agathon bei den Armen, schüttelte ihn und begegnete seinem
+ausdruckslosen, leeren, starrenden Blick.
+
+Die Thüre knarrte, und Frau Jette kam herein. Sie sagte, ein armer Gast
+sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft. Fast mechanisch verließ
+Elkan das Zimmer. Als er wiederum den Flur entlang schritt, überfiel ihn
+beklemmend das Gefühl seiner Not. Morgen würde ihn Sürich Sperling
+pfänden lassen, und selbst die kleine Krämerei, die den Bedarf für den
+Tag deckte, würde zu Grunde gehen. Hätte er nur seiner Kinder Geld bei
+Löwengard bekommen können! Doch daran war nicht zu denken.
+
+Der Fremde, Joelsohn mit Namen, stand während der nächsten halben Stunde
+und murmelte Gebete; er verneigte sich mehr als hundertmal; seine Augen
+flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht
+hatte einen theatralisch-inbrünstigen Ausdruck. Als er mit dem Beten
+fertig war, wurden seine Mienen finster und feindselig; er beantwortete
+alle Fragen so kurz als möglich, schaute keinem ins Gesicht und als die
+Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam und sie kichernd vor ihn
+hinsetzte, wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um
+nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden. Sein Hut,
+den er während des Essens aufbehielt, mochte schon ein greisenhaftes
+Alter erreicht haben.
+
+Alle gingen zur Ruhe, auch der Fremde, dem man in der obern Kammer am
+Giebel eine Bettstätte gab. Immer klang es wie Wasserrauschen und
+Wellengeplätscher herein ins Dorf, überall schienen Schatten zu huschen.
+Der Regen strömte herab, dann war es wieder still, dann kam ein
+summender Wind, dann trat wieder der Mond aus den Wolken, und seine
+Strahlen legten sich scheu auf die Dächer und auf die Flut. Frau Jette
+sagte am Morgen, sie habe zweimal das Hauptthor knarren hören, aber alle
+lachten sie aus, besonders Isidor Rosenau, der auch schon wieder da war,
+„auf einen Sprung“, wie er sagte, und der Veranlassung nahm, die
+Existenz von „Geistern“ ernstlich zu bezweifeln. Frisches, warmes Brot
+stand auf dem Tisch und der Kaffee brodelte schon wieder in der Nische.
+Draußen lag der Herbst, jetzt schon offenbar und unverhüllt, mit
+bleiernem Himmel und stoßweisen Winden. Die Männer kamen herein mit den
+Gebetsriemen, um das Morgengebet zu verrichten, denn sie konnten nicht
+zur Synagoge gehen, weil der alte Vorbeter durch häßliche Zwistigkeiten
+und Scheelsucht, wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschte,
+daran verhindert wurde, sein Amt auszuüben.
+
+Die Kinder kamen lachend und schwatzend, wenig eingeschüchtert durch die
+finstere und asketische Miene des Joelsohn. Es war noch lange Zeit bis
+zum Schulbeginn; nur Agathon rüstete sich zum Aufbruch; er mußte um acht
+Uhr in Fürth sein, und das war eine Stunde Wegs, die er täglich zweimal
+zurücklegen mußte. Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der
+Stadt. Er steckte die Bücher, die er heut brauchen würde, in seinen
+Träger und war dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst. Oft
+besann er sich lange, drückte die Augen zusammen, schaute fremd auf
+alle, die im Zimmer waren, auf seine Geschwister und auf seine Mutter.
+Er spielte im Dorf als Schüler der obersten Klasse in Fürth eine gewisse
+Rolle, aber es ist sicher, daß ihn das nie eitel gemacht hatte. Elkan
+Geyer war schon aufgebrochen, er ging über Land; wie er sagte wegen der
+Geschäfte, in Wahrheit nur aus Angst vor Sürich Sperling.
+
+Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den man dem Muhl der Gemeinde
+gespielt und Enoch mit großem Geräusch seinen Kaffee schlürfte,
+erschallte auf der Straße ein gellender, durchdringender Schrei, wie
+wenn einer, die Finger zwischen den Zähnen, in der Art des Metzgerpfiffs
+aus aller Kraft pfiffe. Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei, d.
+h. er überstürzte sich fast vor Eile. Dann kam Pavlowsky, der Gendarm;
+er lief zwar nicht, aber er ging so schnell, wie noch niemand im Dorf
+ihn hatte gehen sehen. Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich
+durchschüttelt. Isidor riß das Fenster auf und schaute hinaus; dann
+verließ er den Platz am Fenster, ergriff seinen steifen Hut und rannte
+hinaus. Agathon stand mitten im Zimmer, weiß wie ein Hemd, und ein
+irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen. Frau
+Jette, die sich weit hinausgebeugt, sah am Kirchenplatz viele Menschen
+stehen; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen sie und starrten
+hinunter. Der kleine Pausbäckige heulte, Mirjam lächelte verwundert und
+Joelsohn lächelte verächtlich.
+
+Die Magd Kathrin stürzte herein. Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht
+mehr Schrecken zu nennen; es war ein Krampf. Sie ließ die Unterkiefer
+herabhängen, daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche, den
+Arm zu heben. „Was ist denn?“ fragte Frau Jette mit starrendem Herzen.
+Kathrin brachte kein Wort hervor. Alle umstanden sie und endlich
+flüsterte das Mädchen: „Sie hom en – sie hom en – erstochen!“ – „Elkan!“
+schrie Frau Jette mit aufgehobenen Händen. Die Magd schüttelte den Kopf.
+„Naa, naa,“ brachte sie atemlos hervor, „’n Sürich Sperling heit Nacht!“
+Alle schwiegen. Joelsohn und Enoch Karkau beteten. Die Kinder eilten auf
+die Straße, standen aber vor der Thür furchtsam still.
+
+Agathon verließ bald das Dorf, um nach Fürth zu gehen. Er verfolgte
+zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste, und von dort aus ging
+er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere
+Schlachthausbrücke. Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände;
+überall rauschte und brandete das Wasser, und wenn sich die fernen
+Morgen-Nebel hoben, entstanden phantastische Städtebilder. Am
+Schlachthaus war der Anprall der Wogen gewaltig; das Gerassel der Wagen
+auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung.
+
+Hier traf Agathon seit den acht Tagen, da er diesen Weg gehen mußte,
+jeden Tag um dieselbe Minute und an derselben Stelle eine Frau, die
+leise murmelnd daherkam, und überhaupt mehr kroch, als sie ging. Sie
+hatte leicht gerötete Wangen, vielleicht war sie einmal sehr schön
+gewesen, auch war sie nicht arm gekleidet. Erst hatte sie Agathon wenig
+beachtet, dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen, bösen und
+trotzigen Ausdruck, mit dem sie ihren Korb schleppte. Dann begann er sie
+aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen; immer wenn sie seinen Weg
+kreuzte, funkelten seine Augen; als er ihr einmal ausweichen wollte,
+begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn förmlich ihr entgegen. Wenn er
+sie sah, war ihm, als müsse alles, was er an diesem Tag unternahm,
+zerbrechen und fehlschlagen.
+
+Heute kam sie nicht. Er blieb am ersten Brückenpfeiler stehen und sah
+sich um. Sie kam nicht. Er selbst, der den ganzen Weg wie im Traum
+zurückgelegt, begann dadurch gleichsam aufzuwachen und fuhr sich mit der
+Hand über die Augen. Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden
+Gassen des Uferviertels.
+
+Sonst wenig geneigt zu Gesprächen, redete er am Obstmarkt einen
+Schulkameraden an, einen kleinen, unbeholfenen Jungen, der sehr jüdisch
+aussah. Die beiden gingen eine zeitlang wortlos, endlich sagte der
+Kleine, gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons: „Wie sonderbar es
+hier riecht? Nicht? So frisch.“
+
+„Nach Kohl,“ entgegnete Agathon sarkastisch.
+
+„Au!“ schrie der Kleine enthusiastisch. Er war wie erlöst durch diesen
+anscheinenden Witz. „Hast du die salischen Kaiser gelernt?“ fragte er
+dann.
+
+„Ich lerne nicht. Ich kann nicht lernen,“ murmelte Agathon. „Ich kann
+nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln, was weiß ich. Das quält
+mich. Wenn Bojesen nicht wäre, ich könnte nichts arbeiten, nichts denken
+in allen den Stunden. Das ist alles tot.“
+
+Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten und jammerte dann, ziemlich
+unmotiviert anknüpfend, daß ihm sein Bein weh thäte. Agathon wurde immer
+bleicher, je näher sie dem Schulhaus kamen. In allen Gassen wurden die
+Laden geöffnet und die Kaufleute und Commis, meist Juden, standen
+frisiert und frisch gewaschen vor den Thüren und Auslagefenstern, die
+Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Die Commis machten jetzt sehr
+verdrießliche Gesichter; sie zeichneten sich alle durch energisch
+aufgedrehte Schnurrbärte aus und benahmen sich im ganzen, als die
+wichtigen Personen, die sie waren, sehr formvollendet.
+
+Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude,
+eine schwarze, undurchdringliche Masse. Viele standen um eine
+Litfaßsäule, wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat ein
+gelbes Stück Seife emporhielt, als wäre es eine Brandfackel. Die Schüler
+machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin.
+Kaum war Agathon und sein Begleiter, der jetzt seinerseits in ein
+philosophisches Schweigen versunken war und nur bisweilen einen schelen
+Seitenblick auf den Mitschüler warf, am Eck der Mathildenstraße
+angekommen, als eine ganze Anzahl von Klassenkameraden Agathons auf ihn
+zustürzte, ihn an Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrieen:
+es sei doch einer ermordet worden in Zirndorf, ob er ihn gesehen habe,
+er solle erzählen, wie und warum es denn zugegangen sei u. s. w. Die
+Schüler der niederen Klassen machten respektvoll Platz und wagten am
+Rande des Kreises kaum ihre Ohren zu spitzen, um etwas zu erlauschen.
+Agathon sah sich dicht umstellt, und der Kleine sah voll naiver Furcht
+zu ihm auf und fragte: „Warum hast du denn das mir nicht gesagt?“
+
+Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des
+Schulhauses, und die Schar strömte unaufhaltsam und laut lärmend in die
+hallenden Korridore. Der Mord beschäftigte die jugendlichen Köpfe; sie
+sahen die finstere Nacht des Dorfes und hörten den letzten, erstickten
+Schrei des Opfers. Agathon saß bald auf dem kleinen Klappstuhl, steif
+und still – und hörte nichts von dem Toben um sich. Ein feines, süßes
+Wohlbehagen kam über ihn; der Ofen summte an seiner Seite, und draußen
+lag durchsichtig der lichte Herbstnebel. Er sah die Landkarten und sah
+damit die fernen Länder, den Globus und er fühlte sich weit über der
+Erde. Er fühlte sich edler und älter, wie ein Mensch, der seine tiefst
+schlummernden Leidenschaften kennen gelernt hat.
+
+Der Unterricht begann. Herr „Professor“ Schachno spazierte mit seinen
+kurzen, dicken Beinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu
+schlummern. Oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam
+ein Hymnus an jene sanfte Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine
+Hauptthätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten. Das schien ihm
+das Ideal aller Pädagogik zu sein. Ein vergessenes Heft, ein schlecht
+gelernter Vers, ein Tintenfleck, ein unzeitgemäßes Lachen, ein
+unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler, einzig und allein
+ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte deutsche
+Litteratur und sprach über Goethe so, als ob Goethe froh sein müßte,
+einen Sigismund Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben. Er summte
+gerade wieder und schlummerte auch ein wenig dabei, als sich Agathon
+Geyer schwankend erhob und mit erloschenem Blick gerade vor sich
+hindeutete. In seinem Gesicht lag ein tierisches Entsetzen. Alle Schüler
+erhoben sich bang und flüsternd. Agathon stürzte zum Podium, fiel in die
+Kniee, machte eine Armbewegung, als ob er die Füße eines Menschen
+umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser
+unsichtbaren Gestalt, Sürich Sperlings.
+
+
+ Drittes Kapitel
+
+Niemals sinkt der Abend so still herab und so unbemerkbar, als wenn die
+Kirchenglocken anfangen zu läuten, fern oder nah; der Nebel sinkt wie
+ein haltloses Gespinst über die Dächer, gleitet an den Häuserwänden
+herab und umhüllt flatternd die Laternenlichter. Starr und grau liegt er
+in den Gärten und giebt ihnen das Ansehen eines Sees. Die Schritte
+scheinen leiser zu werden wie auf Teppichen.
+
+Agathon stand auf dem nebelnassen Pflaster und schaute in eine glänzend
+erleuchtete Etage hinauf. Er dachte etwas verwundert nach über die
+Pracht und den Reichtum dieses Judenhauses, – denn in dieser Stadt gab
+es mehr Judenpaläste als Christenhütten, und ging dann weiter und
+begegnete den Juden, die aus dem Abendgottesdienst kommend, die
+Gebetbücher trugen und laut feilschten und handelten. Als er sie sah,
+fühlte Agathon, daß diese alte Religion der Juden etwas totes sein
+müsse, etwas nicht mehr zu Erweckendes, Steinernes, Gespensterhaftes. Er
+wandte seine Augen ab von diesen häßlichen Gesichtern voll
+Schacher-Eifers und Glaubensheuchelei.
+
+Die Kirchweihbuden füllten den Kohlmarkt, die Königsstraße bis zur
+protestantischen Kirche und zum grünen Markt. Eine festestrunkene Menge
+wogte dort. Die Ausrufer der Schaubuden schrieen sich heiser und
+verdrehten den Körper, als ob sie Leibschmerzen hätten; mit gesträubten
+Haaren schrieen sie die Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus. Wirr und
+schrill klangen die Orgeln, Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der
+Tiere drang aus der Menagerie. Kindertrompeten, Pfeifen und Ratschen
+erschallten, ein wüstes Summen, Surren und Johlen. Kinder mit vor
+Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn. In den
+Wirtschaften gröhlten die Zecher. Aus dem Gäßchen hinterm Königsplatz
+drangen Fischgerüche; Heringsbratereien verbreiteten ihren Gestank. An
+der Glückshalle stand Kopf an Kopf in bewegungslosem Gedränge. Daneben
+lief ein großes Caroussel auf Schienen; es wurde durch einen sinnreichen
+Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt. Man sah dann nur
+schattenhafte Gestalten, verzerrte Gesichter und hörte bacchantische
+Schreie. Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln; es
+sah aus wie eine Höhle, die von schwarzem, schwälendem Rauch durchzogen
+war wie von mattglänzenden Schleiern.
+
+Agathon schob sich durch die Massen, während seine Seele wunderbar warm
+und gerührt wurde. Ein heißes und ziehendes Heimatsgefühl erfaßte ihn;
+alle Farben empfand er doppelt intensiv. Er hatte freudige Augen für
+das, was rings um ihn her geschah und sah die vielen Gegenstände, die
+allenthalben zur Schau geboten wurden, mit zärtlichen Blicken an, als
+könne jene Linie in ihrer Form die Wärme seines Innern steigern. Er sah
+viele bekannte Gesichter, ohne sich bewußt zu werden, daß er sie
+irgendwo gesehen. Er stand am Kasperl-Theater und schaute den
+belanglosen Rüpelstücken der Holzpuppe zu; ein alter Arbeiter mit grauem
+Lockenhaar und fast antikem Profil, offenbar ein Italiener, stand neben
+ihm und wollte schier sterben vor Lachen. Die Kirchenglocke begann
+wieder zu läuten. Bestürzt blickte Agathon an dem hohen Turm empor.
+
+Der Ausrufer des Wachsfiguren-Kabinets strengte sich vielleicht mehr an,
+als all seine Kameraden. Mit krebsrotem Gesicht schrie er, verdrehte die
+Augen und warf hin und wieder seinem Gegenüber, dem Ausrufer des
+Flohtheaters wütende Blicke zu. Dann läutete er, gab der Orgel einen
+Wink, sich bemerkbar zu machen und die korpulente Dame am Kassatisch
+stützte schwermütig das dunkle Haupt in die Hand. „Hier kann man sehen
+die Passion Christi, unseres Heilands, in siebzehn Stationen, –
+großartig, meine Damen und Herren, großartig!“ schrie der Krebsköpfige,
+der sich nur noch in bellenden Lauten vernehmlich machen konnte.
+
+Wie von einer Faust gestoßen, bestieg Agathon das Podium; zahlte zwanzig
+Pfennig, das einzige Geldstück, das er besaß, und verschwand hastig
+hinter der braunen Portiere.
+
+Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes. Nur wenig
+Leute gingen mit scheuen Schritten umher. Gegen eine scharlachrote Wand
+hoben sich sanft die Gruppen der Leidensstationen ab. Das gleichmäßige
+und beruhigende Licht milderte das Starre der Wachsgebilde. Es war etwas
+Stilles, Erhabenes, Heiliges über den Gestalten, etwas das zur Anbetung
+drängte. Ferne Zeiten stiegen langsam herauf, und es war, als ob die
+Schicksalsgöttin träumend die Augen aufschlüge, um den Beschauer
+bestürzt und versonnen zu machen. Das ist der Heiland, dachte Agathon
+befremdet, als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand. Er preßte die
+Hände zusammen und dachte nach. Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe
+vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm
+wurden lebendig. Er lächelte traurig und begriff, daß er um etwas
+betrogen worden war, ohne daß er es hatte hindern können.
+
+Draußen war der Nebel dichter geworden. Viele Buden wurden geschlossen.
+Agathon ließ sich stoßen und schieben, bis er in dunkle, unbelebte
+Gassen kam. Immer eiliger ging er, und seine Gedanken wurden immer
+quälender. Unversehens stand er vor der Claußschule, wo sich nur die
+frömmsten Juden zum Abendgebet versammelten. Ein Lächeln, dessen
+Bedeutung er selbst nicht begriff, glitt über seine Züge, und er trat in
+das dunkle, düstere und niedrige Gemach. Der Vorbeter an seinem kleinen
+Pult lallte mit zitterigem Stimmchen das Schlußgebet. Es lag etwas
+Gläubiges in der Art des Chassans; sonst waren nur verbissene, steinerne
+Gesichter hier, voll von einer jahrhundertalten Grausamkeit, voll Haß,
+Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer. Agathon sah es. Zum erstenmal
+in seinem Leben wurde ihm klar, daß Jude sein eine Ausnahme sein heiße;
+zum erstenmal hörte er diese hebräischen Formeln mit Unsicherheit und
+Groll und er glaubte sich in einer Art von Zelle, wo man verderbliche
+Verschwörungen anstiftet.
+
+Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, als er die Stube verließ. Als er
+auf die Straße trat, prallte er erschrocken zurück. Stefan Gudstikker
+stand dicht vor ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes
+Fenster hinauf. Die Gasse war sehr eng, daher mußte er den Kopf weit
+zurückbiegen. Indem er noch gegen die Mauer nach rückwärts schritt,
+stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden Agathon, bat um
+Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand.
+
+„Ach, Sie sind ja der junge Mann da, – Sie sind es doch? Sie sind doch
+neulich bei der Bootfahrt –“ Die schwarzen Augen hinter den Gläsern
+leuchteten flüchtig, fast drohend auf. „Sagen Sie mal junger Mann, haben
+Sie vielleicht ein Streichholz bei sich?“
+
+In diesem Augenblick kam raschen Schrittes ein Arbeiter mit brennender
+Cigarre aus dem Thor. Gudstikker bat ihn mit etwas übertriebener
+Höflichkeit um Feuer. Dann ging er an Agathons Seite weiter. „Was meinen
+Sie denn zu der geheimnisvollen Geschichte da mit dem Mord?“ sagte er,
+den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in die nebelerfüllte Luft blasend.
+
+„Ich?“
+
+„Ja, – natürlich.“
+
+„Ich weiß nicht.“
+
+„Es interessiert Sie wohl gar nicht? Sie thun wenigstens so. Wo gehn Sie
+denn hin?“
+
+„Zu Baron Löwengard.“
+
+„So? Was wollen Sie denn dort?“
+
+„Ich darf dort zu abend essen!“ erwiderte Agathon bissig.
+
+Gudstikker lachte laut.
+
+„Ja, Dienstag und Freitag. Da übernacht’ ich auch dort, weil Mittwoch
+und Samstag die Schule schon um sieben beginnt.“
+
+„Das alles dürfen Sie? Sogar übernachten? Komisch. Ist das ein Jude,
+dieser – Baron? Natürlich. Sagen Sie mal, – Ihre Eltern sind wohl sehr
+arm?“
+
+„Ja.“
+
+„Auch der Alte, der Seiler, Karkau oder wie er heißt –?“
+
+„Ja.“
+
+„Wie alt sind Sie denn? Sechzehn?“
+
+„Siebzehn.“
+
+„Na, um so besser. So kennen wir uns also. Ich heiße Gudstikker.
+Rufname: Stefan. Geboren 12. Mai 1859. Sonntag Nachmittag. Verrichtung
+unbekannt. Der Mord interessiert Sie also nicht?“
+
+Agathon blieb stehen und lehnte sich an die Mauer.
+
+„Ich weiß Einiges und möchte gern mehr erfahren. Sie sind ein stolzer,
+junger Mann, das ist mir klar. Aber nun erzählen Sie einmal, was hat
+Sürich Sperling damals getrieben? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit
+Ihnen ins Haus. Sie rührten sich nicht. Andere hätten gezappelt wie ein
+Fisch, jawohl, wie ein Fisch. Ich habe ja alles gesehen vom oberen
+Stock. Ich wohnte ja in St. Sebald.“
+
+Schweigend gingen beide weiter.
+
+„Nun reden Sie doch,“ begann Gudstikker wieder und stellte den Kragen
+seines Mantels in die Höhe. „Ich würde ja schweigen. Ich kannte den
+Sürich Sperling schon lange. Wer ihn umgebracht hat, muß ein Vogel oder
+ein Genie von Verbrecher sein. Ein Genie, jawohl. Er hatte einen Stich
+in der Brust, nicht größer wie ein Schlangenbiß. Der Thäter ist am
+Weinlaub heraufgeklettert wie ein Mondsüchtiger, – Thatsache! hat sich
+durch ein schmales Fenstergitter gezwängt und hat nichts geraubt,
+absolut nichts. Fatale Sache. Mir wär’ es ja gleichgültig, aber Sürich
+Sperling war kein gewöhnliches Exemplar der Species Mensch. Er konnte
+lumpen durch sieben Nächte, ohne Schlaf zu fühlen. Wenn er müde wurde,
+setzte er sich einfach in einen Stuhl, schloß für zwanzig Minuten die
+Augen und dann wußte er von sich und der Welt nichts mehr. Erhob er sich
+wieder, so war er so frisch wie vor den sieben Tagen. Einmal, als er
+melancholisch geworden war, ging er auf seinen Speicher und zertrümmerte
+mit der nackten Faust Kisten und Kasten und Bretter um sich her. Seinen
+Hund, wenn er unfolgsam war, schlug er halbtot, und danach konnte er
+sich hinsetzen und heulen wie ein kleines Mädchen. Bis vor sechs Jahren
+hatte er überhaupt keine Frau berührt und als es kam, wäre das arme Weib
+ihm fast in den Armen gestorben. Das war ein Mensch!“
+
+Wieder entstand ein langes Schweigen. Agathon wurde durch das ganze
+Wesen Gudstikkers förmlich verwundet. Seine Geschwätzigkeit beunruhigte
+und jede Geste erschreckte ihn.
+
+„Wie heißen Sie denn eigentlich?“ fragte Gudstikker.
+
+„Agathon.“
+
+„A – ga – thon –? Agathon _Geyer_?“
+
+„Ja.“
+
+„Seltsam. Wie kommen Sie zu dem Namen. Agathon ... So hieß mein Vater.
+Sonst weiß ich keinen im ganzen Kreis und ich bin doch bekannt wie ein
+bunter Hund. Na gleichviel.“ Wieder eine Pause. Dann wurde Gudstikkers
+Stimme gütig und mütterlich. „Sehen Sie, Sie gefallen mir. Ich weiß kaum
+warum, aber vielleicht steckt etwas in Ihnen, was in mir nicht steckt.
+Sie sind ein Jude. Bei den Leuten giebt es manchmal Individuen von
+wunderlicher Kraft. Besonders in Ihrem Alter. Daran mag es liegen. Wenn
+sie so jung sind, ist ihre Seele von einem reinlichen, unbeschmutzten
+Feuer erfüllt. Sie sind starke Träumer, möchten die Welt aus den Angeln
+heben und wissen doch nichts von der Welt. Wenn sie es nur wüßten! Gehen
+Sie hin, Agathon, wecken Sie Ihr Volk auf. Sagen Sie, wach auf mein
+Volk, wie der Prophet in der Bibel. Dann werden auch die Deutschen
+erwachen, besonders da oben im Norden, – wach auf Norden! Eins oder das
+andere wird dann totgeschlagen. Na gleichviel, was scheren mich die
+Philosophen. Glauben Sie, daß es heut’ nacht regnen wird?“
+
+„Ich weiß nicht. Vielleicht doch. Vielleicht schneit es. Vielleicht auch
+nicht.“
+
+„Ah, Sie sind boshaft. Na gleichviel. Ich muß Ihnen sagen, es ist nicht
+Neugierde, wenn ich Sie vorhin fragte, was Sürich Sperling mit Ihnen
+gemacht hat. Auch nicht Teilnahme. Nun, werden Sie nur nicht wieder
+ungeduldig. Stellen Sie sich die Nacht vor, die laue Herbstnacht und die
+Situation! Später kam Sürich in mein Zimmer, bleich, erregt, und sprach
+von gleichgültigen Sachen. Er erzählte von der Ziegelei, die der Vater
+meiner Braut jetzt gekauft, und plötzlich legte er sich auf mein Bett
+und sagte keine Silbe mehr.“
+
+„Keine Silbe?“ fragte Agathon mechanisch.
+
+„Ganz so. Nach fünf Minuten stand er auf, ging vors Haus und dort saß er
+dann wieder zwei geschlagene Stunden, ohne sich zu rühren. Um neun Uhr
+ging der Schmied heim und rief ihn an. Wer aber nicht antwortete, war
+Sürich. Und wer um zehn Uhr in sein Zimmer stolperte, ohne sich um die
+Wirtschaft zu kümmern, war Sürich. Nun, am Morgen war das
+„personifizierte Germanentum“ tot und das Rätsel ist, wer es umgebracht
+hat. Wenn nicht die Eisenstäbe am Fenster verbogen wären und das
+Weinholz demoliert, ich würde glauben, er selbst – nun, nun, was ist
+denn los?“
+
+Agathon hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte,
+als ob er zu Boden sinken wolle. Gudstikker schüttelte den Kopf und warf
+den Cigarettenstumpf weit über die Gasse. Agathon blickte ihn gespannt
+an beim matten Schein des Straßenlichts, als ob er sein Gesicht nie
+wieder vergessen wollte und ging dann weg, ohne ein Wort zu sagen, dem
+Löwengard’schen Palast an der nächsten Ecke zu. Scheu betrat er das
+breite, lichtgebadete, mit schweren Teppichen belegte Vestibül. Der
+Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit Darstellungen aus der
+antiken Mythologie geschmückt. Vor ihm stand wie eine lebende Gestalt
+Kassandra, den Arm gegen das brennende Troja erhoben. Sie war fast
+nackt, die Brüste waren geschwellt von Haß. Stets mußte Agathon die
+Augen vor dem Bild niederschlagen. Die dem Juden angeborene Scham vor
+dem Nackten ging bei ihm bis zu physischem Schmerz. Auch wurden seine
+Sinne oft wild erregt, wenn er in der Nacht sich des Bildes erinnerte.
+
+Stefan Gudstikker hörte fast nicht auf, den Kopf zu schütteln. Dann
+wandte er sich nach der Friedrichstraße, lauschte mit gesenktem Kopf auf
+das Stimmengewirr aus den Gasthäusern, das mit dem Wimmern der Geigen
+und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war. Schweigend zogen
+Musikanten an ihm vorbei und der Älteste zählte immer die Tageseinnahme.
+Gudstikker sah das alles mit den Augen des Beobachters, der sich freut,
+daß ihm nichts von den kleinsten Dingen des Lebens entgeht und den die
+Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt hat, den ganzen reichen,
+vielgestaltigen Bau der Wesen in einige Weisheitssprüche zu schachteln.
+
+Der kalte Glanz des Mondes brach hervor. Gudstikker ging am Rand der
+Anlage auf und ab, rauchte unablässig und spähte gegen die
+Straßenflüchte. Die Turmuhren schlugen acht, kreischend fielen die
+Rollläden herab, die kleinen Ladnerinnen eilten kichernd von dannen, und
+die Commis drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor.
+
+Endlich kam sie, Käthe Estrich. Mit schwachem Lächeln hing sie sich an
+den Arm ihres Verlobten und schmiegte sich an ihn. „Denk, ich konnte
+kaum kommen. Der Vater hat so geschimpft über dich. Du seiest zu nichts
+gut in der Welt. Sie plagen mich immer mit dir und quälen mich. Ach,
+wenn du doch berühmt würdest, Stefan. Bist du bös? Bitte, nicht bös
+sein! Ich hab’ ja nur dich, nur dich allein.“
+
+„Ich bin nicht bös, aber du darfst nicht so dumm reden. Wie geht’s dir?“
+
+„Schlecht.“
+
+„Warst du beim Arzt?“
+
+„Nein.“
+
+„Nein! – Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte, das
+wäre eine größere Heldenthat, als über mich schimpfen. Aber unser ganzes
+Bürgertum ist borniert darin. Von hundert Mädchen sind neunzig
+bleichsüchtig und lebensmüd.“
+
+„Ach, Stefan, ich möchte sterben, – mit dir.“
+
+„Sterben! ja, wenn es sonst nichts wäre, als eben sterben. Mein Gott!“
+
+„Du bist so kalt mit mir!“ flüsterte Käthe und schauerte zusammen, als
+ob diese Kälte sie frösteln mache. „Ich muß wieder heim,“ fuhr sie mit
+derselben leisen Stimme fort; „ich wollte dich nur sehen.“ Gudstikker
+mußte sie fast tragen. Als sie am Ziel waren, küßte er sie flüchtig auf
+die Wange und ließ sie allein.
+
+Am jüdischen Waisenhaus, wo er vorbeikam, waren alle Fenster schon
+dunkel. Unter dem Portal stand ein Knabe in Lumpen, kotbedeckt,
+verwahrlost. Doch zwei klare Augen blickten mit seltsamer Treuherzigkeit
+empor in das erleuchtete Treppenhaus. „Wie heißt du?“ fragte Gudstikker
+und beugte sich herab zu dem Kind, das seine Finger in den Mund steckte
+und verlegen zu Boden sah. „Wie heißt du?“ wiederholte er fast streng.
+
+„Weiß nicht.“
+
+„Wem gehörst du denn?“
+
+„Weiß nicht.“
+
+„Wo ist denn deine Mutter?“
+
+„Tot.“
+
+„Aber dein Vater?“
+
+„Auch tot,“ sagte der Knabe und machte eine Handbewegung, die das größte
+Erstaunen ausdrücken sollte.
+
+„Aber was thust du da?“
+
+Der Knabe drückte sich scheu an ihn und fragte bang: „Gell du bist der
+Herr Jesus?“
+
+Da erschallte ein herzzerreißendes Schreien im Innern des Waisenhauses.
+„Hörst? Hörst?“ machte der Knabe, streckte die Arme von sich und begann
+leise zu schluchzen.
+
+Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen
+hinan.
+
+
+ Viertes Kapitel
+
+Wie in einem wirklichen Traum gefangen, ging Agathon in die Küche, wo es
+von köstlichen Speisen duftete, und aß, was man ihm an Überbleibseln und
+für die Tafel Unbrauchbarem gab. Dann ging er in die Bodenkammer hinauf,
+wo er die Nacht verbringen durfte. Von unten klang Musik herauf,
+Gläserklingen, dumpfe Rufe der Fröhlichkeit, das Schlürfen des
+Tanzschrittes, und das lange, wogende Murmeln der Gespräche. Etwas Neues
+und Feierliches war heute über ihn gekommen, das ihm die Welt in anderem
+Licht zeigte als bisher, doch war alles noch verhüllt.
+
+Er wälzte sich lange Zeit schlaflos auf dem Strohlager und sah in die
+dunkle, schwere Nacht hinaus. Zuweilen erfüllte ein bitteres Gefühl sein
+Herz, daß er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach
+schlafen mußte. Denn daß der Baron ein Vetter seiner Mutter war, hatte
+er Stefan Gudstikker stolz verschwiegen. Er witterte in diesem Menschen
+einen Feind, der zugleich etwas seltsam Anziehendes besaß. Er brachte
+gleichsam den fremden Laut aus diesem fremden Land. Man lehrte ihn in
+der Schule die Liebe zum deutschen Vaterland. Da brannte ein geheimes
+Feuer in seinen Augen, das zu reden schien, oder doch nach einem
+Vaterland für ihn zu suchen schien. Oder war es dies Deutschland? Was
+sagte dann das stumme Abweisen in den Gesichtern der Mitschüler, oder
+der kühle Blick der Lehrer, wenn er Agathon streifte? Und Deutschland
+bemühte sich auch gar nicht so sehr, sich ihm als Vaterland angenehm zu
+machen. Deutschland war eben so freundlich, ihn zu dulden und er durfte
+dafür die große Hymne mitsingen. Aber wo war es denn, dies Vaterland,
+dies geheimnisvolle, liebevolle?
+
+Er konnte nicht schlafen. Sein geschärftes Ohr vernahm durchdringender
+noch den Lärm des Festes und es war, als ob ihn eine Stimme riefe. Eine
+dunkle Sehnsucht ließ ihn zittern vor Ungeduld; er sprang aus dem Bett,
+warf sich wieder in die Kleider und, die Augen noch umschleiert von der
+Finsternis, stieg er die Treppe hinab mit dem Bewußtsein einer Schuld.
+Es war ihm gleich, wohin er kam; daher öffnete er im zweiten Stock eine
+Thüre (viel deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten) und befand
+sich nun in einem großen Salon, der noch warm war von einem lang
+erloschenen Kaminfeuer und trotz des Dunkels glaubte er, daß Möbel und
+Tapeten um ihn her grün sein müßten. Er lächelte, setzte sich in einen
+weichen Fauteuil am Kamin und versank darin wie in einem Lager von
+Flaumfedern. Er harrte jetzt förmlich auf die Veranlassung, die ihn
+hierhergerufen. Die Musik unter ihm machte die Dunkelheit rings
+eigentümlich zittern.
+
+Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch, wie wenn jemand weint und er
+will es nicht hören lassen. Agathon ging hin, öffnete die Thüre und
+stand nun verlegen, bestürzt vor seiner Base, die die glückliche Braut
+war und der man heute das große Verlobungsfest gab. Sie saß vor einer
+Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch.
+
+Jeanette blickte auf, und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor.
+Endlich murmelte sie heiser eine Frage: was er hier zu suchen habe.
+
+Agathon zuckte die Achseln. „Ich – nichts. Ich habe dich nur so weinen
+hören.“
+
+„Von oben? Von deiner Kammer?“
+
+„Ja, von meiner Kammer.“ Agathon wurde bleich und ließ den Blick
+verächtlich in dem königlich geschmückten Boudoir umherschweifen.
+„Nein,“ sagte er plötzlich entschlossen, „nicht von meiner Kammer.“
+
+„Nun?“
+
+Agathon schwieg. Die großen, durchdringenden, von Thränen nassen Augen
+des Mädchens erweckten ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm. Jeanette nahm
+ihn rasch bei der Hand. „Nun gestehe. Weshalb bist du gekommen? Hast du
+Hunger? Dann soll dir Babette geben, was du willst. Auch Wein sollst du
+haben. Ich will es ihr gleich sagen. Oder willst du Geld? Hier ist meine
+ganze Börse.“ Sie lächelte bitter und wollte aufstehen. Doch Agathon,
+der immer bleicher geworden war, nahm ihre Hand und drückte sie mit
+großer Kraft fest zusammen, so daß das Mädchen schmerzlich seufzend und
+überrascht zurücksank. „Ich bin nicht das, was du meinst,“ sagte
+Agathon.
+
+„So?“ Ein flüchtiger und unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht.
+
+„Ich bin nicht hungrig,“ sagte Agathon leise.
+
+„Das mußt du allerdings wissen.“
+
+„Ich brauche auch kein Geld. Also nimm dein Geld hier weg, sonst muß ich
+es nehmen und zum Fenster hinauswerfen.“
+
+Jeanette streckte zögernd ihre Hand nach dem Geld aus und nahm es
+langsam an sich. Sie sah lange in Agathons erregtes Gesicht, dann faßte
+sie ihn plötzlich an beiden Händen, zog ihn zu sich und sagte herzlich:
+„Nun sprich!“
+
+Agathon schüttelte den Kopf. „Ich glaubte, _du_ hast etwas zu sagen. Ich
+habe nicht geweint. Freilich woher sollst du Vertrauen haben, bei meinen
+schlechten Kleidern.“ Er lächelte wieder, wandte das Gesicht ab und
+starrte ins Dunkle. Die Wände schienen sich aufzuthun vor seinen
+Blicken, und aus zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an, unter denen
+die Menschen Schätze zusammentragen, um sie wieder von Sorgen bewachen
+zu lassen.
+
+„Gerade du!“ flüsterte Jeanette jetzt erregt. Sie ließ seine Hand nicht
+mehr los, und er fühlte, wie heiß ihre Hand war. „Ich habe dich stets
+übersehen wie einen Schatten. Du hast dich auch so schmal gemacht wie
+ein Schatten, du wunderlicher Agathon. Aber du hast komische Augen,
+sehr!“
+
+Agathon antwortete nicht.
+
+„Rede, Agathon, hast du eigentlich schon sehr viel Böses gethan? Warum
+zitterst du nun? Ach, was hast du?“
+
+„Böses, fragst du? Warum fragst du es. Was ich gethan hab’, war nicht
+böse. Es war auch nicht gut. Nein, es ist etwas anderes als das. Es wäre
+schlechter gewesen, wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte. Oder
+kann es böse sein, wenn es dich erhebt, glücklich macht? Oder gut, wenn
+es das ganze finstere Leben erkennen läßt und was man versäumt hat und
+was andere versäumt haben –?“
+
+Jeanette, ganz erregt über das Wesen des jungen Menschen, flüsterte
+stockend: „Setz dich doch zu mir. So. Später einmal mußt du öfter
+kommen. Bloß zu mir allein. Siehst du, sie wollen mich einem alten,
+wackeligen, zahnlosen, gichtigen Menschen verloben und das der
+Geschäftsverbindung wegen. Ich werde verkauft und soll mich ruhig
+verkaufen lassen in das Bett dieses Schweins. Erröte nicht, Agathon, das
+ist nicht die Stunde zum Erröten, freilich ist es nichts Neues, denn bei
+uns werden ja alle Mädchen verschachert wie Häuser und Grundstücke, aber
+du wirst doch zugeben, daß man bisweilen auch aus anderen Gründen
+heiraten kann. Wie? Aus Liebe zum Beispiel, wie?“
+
+„Aus Liebe, ja,“ wiederholte Agathon und zuckte zusammen.
+
+„Sieh her, sieh her,“ sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild
+und ordnungslos in die Stirn, und sie zog Agathon dichter neben sich.
+„Hab ich nicht die weichste Haut, die du dir denken kannst? Rühr mich
+nur an! Hab ich nicht einen weichen Mund? siehst du, ich küsse dich
+damit, und ein klopfendes Herz? und mag ich nicht alles, was schön ist,
+z. B. deine Augen? Und wenn du mich liebst, siehst du, da darf auf der
+einen Seite eine Kirche voll Geld und Ehren sein, und auf der andern
+Seite ich: verstoßen, verachtet, oder ein Frauenzimmer, das sich
+verkauft oder verkaufen läßt für Geld, dann nimmst du mich, wenn du mich
+liebst, verstehst du? Ja du freust dich sogar, wenn du mir zeigen
+kannst, wie viel du für mich giebst und lachst ihnen allen ins Gesicht.
+Und doch giebt es einen Mann, an den ich geglaubt hatte, und der anders
+gehandelt hat wie ich dir sage, – nicht für Kirchen voll Geld und Ehren,
+sondern bloß weil er leiden wollte um mich. Ist das nicht närrisch? Ich
+sitze da mit meinem Herzen voll Leben, daß es nur so brennt und soll das
+Schwein heiraten und habe Ja gesagt nur aus Rache gegen den
+Leidenssüchtigen dort. Triffst du ihn einmal, Agathon, so gieb ihm dies
+Haar da von mir, sag ihm, wie schön meine Haare sind, wie sie fluten und
+wallen wie bei einer Fee, und sag ihm, wie meine Augen leuchten in
+diesem Reichtum um mich, und wie ich ihn verachte, den Anstand und die
+Bürgerlichkeit und so weiter. Pfui!“
+
+Agathon starrte fassungslos in diese wilden, zigeunerhaften,
+leidenschaftlichen Züge. Jeanette sprang auf und klatschte in die Hände.
+„Ich weiß es,“ rief sie und lachte schrill. „Ich will etwas Göttliches
+aushecken. Du mußt dabei sein! Du mußt alles thun, was ich will und
+nicht widersprechen. Nur heute thu’, was ich will, und ich will immer
+deine Magd sein. Ein Lieutenant ist dabei, was sagst du dazu! Ein Adler
+im Taubennest. Donnerwetter nochmal!“
+
+Sie lachte nervös und fuhr fort, Agathon zu putzen. Sie legte ihm eine
+weiße Stickerei um den Hals, gab ihm rote Saffianschuhe, in die er kaum
+hineinkam, weiße Handschuhe, eine rote Schärpe und eine Art
+Soldatenmütze. Dann nahm sie eine Puppe aus ihrem Schrank, wickelte sie
+in Seidenpapier, nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und
+Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle
+Zimmer zur Treppe, über die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der
+Saalthür stand, die der Lakai mit einem Gemisch von Respekt und
+Verdutztheit eifrig aufstieß. Mit blitzenden Augen sah Jeanette in das
+bunte Treiben der Gäste. Nicht einmal die Haare hatte sie geordnet. Sie
+hingen ebenso wild und ordnungslos um die Stirn wie vorher.
+
+Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon, wo
+sie so lang bleibe und was der Unfug bedeute. Alle hätten schon nach ihr
+gefragt. Jeanette zuckte die Achseln, sah ihn gar nicht an, ging in die
+Mitte des Saales, wo die Herren sie mit leisem Händeklatschen und mit
+gedämpften, gleichsam kosenden Beifallrufen empfingen. Die Damen zogen
+sich naserümpfend zurück. „Also meine Herren,“ begann Jeanette, „hier
+ist der General und Preisrichter. Er hat zu dem Zweck eine rote Schärpe.
+Er ist mein Freund. Ich habe für jeden von euch eine Aufgabe. Wer sie
+löst, darf mich küssen!“
+
+„Bravo!“ rief der Chorus schmeichelnd.
+
+„Ich hoffe, mein Bräutigam giebt mir die Erlaubnis –?“
+
+„Wird nicht gefragt,“ murmelte der Chorus ergeben.
+
+„Der Preisrichter soll meinen Bräutigam kennen lernen. Salomon! –
+Sa–lo–moon!“
+
+Ein alter, grinsender, gebückt gehender Mensch mit brauner Perücke und
+gefärbtem Bart schob sich einher. Er hatte ein süßliches Lächeln, das
+bald wohlwollend, bald neckisch, bald traurig wurde, ohne den Ausdruck
+des Süßlichen zu verlieren. Mit einem tiefen, ironischen Bückling
+stellte Jeanette den Greis vor. „Salomon Hecht, Witwer.“ Ihrem Vater,
+der sie beiseite ziehen wollte, warf sie einen langen, drohenden Blick
+zu, so daß er kopfschüttelnd abließ und ängstlich harrte, was kommen
+sollte.
+
+Herren und Damen standen lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen. Es
+war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft: jüdische Kaufleute mit den
+üblichen Formen der Bärte und den glatten, pomadisierten Haaren. Juden
+von der Presse mit dem spitzfindigen, alles hinnehmenden, alles
+entschuldigenden Lächeln, der schmalen Tournüre und den tänzelnden
+Schritten. Juden vom niederen Beamtendienst mit dieser überhobenen
+Wichtigkeit und dem unerschütterlichen Ernst. Jüdische Ärzte und
+Advokaten mit gleichsam stechenden Manieren, voll Höflichkeit und
+Gesuchtheit. Alle Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene
+Intelligenz des Augenblicks, die von den verborgenen Werten der Dinge
+nichts weiß, die an der Stunde festklebt, mit der Stunde rechnet und die
+Augen schließt, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter hatten etwas
+Überlebtes, etwas von dem Abgeglühtsein, wie es das gemeine Leben mit
+sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen
+Genüssen, von der Verachtung des wahren Ernstes, von Frivolität und der
+Sucht, den Tag leicht zu nehmen. Sie alle trugen Fräcke und tadellose
+Wäsche, aber darin lag etwas seltsam Anachronistisches, das sich in
+Worte nicht fassen läßt. Die Geschäftsleute hatten das Übergewicht, das
+ist klar. Sie fühlten das Geld in ihrer Tasche klimpern und waren
+überzeugt von den höchsten Eigenschaften dieser Macht: wie Sklaven, die
+heuchlerisch ihre Gewalt verstecken und sich auf die Stunde freuen, wo
+sie die Krallen zeigen dürfen.
+
+Jeanette nahm ihre Puppe und ein langes Stück Bindfaden, dessen eines
+Ende sie um den Porzellanhals der Puppe schnürte; dann stellte sie sich
+auf einen Stuhl, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit warf sie das
+leichte Spielzeug so gegen die Decke, daß die Schnur in einem stählernen
+Haken im Plafond hängen blieb. Dann zog sie unten, so daß die Puppe etwa
+drei Meter vom Boden entfernt, schweben blieb. „So meine Herren!“ rief
+Jeanette und zog die Brauen bald hoch, bald auseinander wie eine Katze.
+„Jetzt müssen Sie springen! Anlauf ist die Schwelle des Salons. Absprung
+vom Rand des Teppichs. Wer die Puppe mit den Fingern erreicht und
+herabziehen kann, ist Sieger. Wenn mehr als einer siegt, müssen die
+Betreffenden noch einmal springen. Niemand darf sich ausschließen, das
+ist die einzige Bedingung.“ Und sie warf stolz den Kopf zurück und
+verschränkte wartend die Arme.
+
+Alle traten zurück und sahen sich ratlos an. Viele lächelten
+schwerfällig, einige wandten sich vorsichtig zur Thür. „Die Lakaien
+schließen die Thüren!“ gellte Jeanette erregt. Unwilliges Murmeln ward
+laut. Der Baron ging energischen Schritts zu seiner Tochter und wollte
+reden. Sie schnitt ihm das Wort ab. „Eine Silbe, Vater, und ich erkläre
+meine Weigerung, mich mit dem Schwein zu verloben,“ flüsterte sie ihm
+zu. Der Baron setzte sich an den Tisch und bohrte wütend in seiner Nase.
+Die Damen gingen bleich, mit halbgeschlossenen Augen und sozusagen mit
+gerümpften Schultern in den Nebenraum. Einige jüngere Herren begannen
+die Sache heiter zu nehmen, vielleicht um nicht für feig zu gelten,
+vielleicht aus Furcht vor Jeanettens spöttischer Zunge. Der Lieutenant,
+nach dem alle mit den Blicken suchten, war spurlos verschwunden. Endlich
+begann Elias Heumann, das „Tuchgeschäft“ mit einer möglichst harmlosen
+Miene zu springen; er suchte sich den Anschein zu geben, als springe er
+eben probeweise, um die Sache in einem um so scherzhafteren Licht
+erscheinen zu lassen. Aber nicht nur, daß das Tuchgeschäft sich kaum
+einen Zoll vom Boden erhob, nein es fiel auch noch am Rand des Teppichs
+hin und humpelte keuchend in eine Ecke, um sich während einer
+Viertelstunde der Betrachtung des sanften Sternenhimmels zu widmen.
+Agathon lachte; aber das Lachen starb auf seinen Lippen, als er in die
+Augen des Barons sah, in denen ein unheimliches Feuer glühte; er biß die
+Zähne zusammen, und plötzlich mußte er an die arme, niedere Stube zu
+Haus denken, und das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem
+Schattengewühle auf. Und er verlor sich selbst: aus diesen Schatten
+erhoben sich Generationen, Greise und Greisinnen, die mit müdem
+Kopfschütteln vorbeigingen.
+
+Jeanette klatschte und nun sprang Nathan Kirschbaum, das Bankgeschäft,
+rot im Gesicht, mit unterlaufenen Augen und plumpste wie ein junger Hund
+auf das glatte Parkett. Dann sprang die Hopfenhandlung Alois Cohn nebst
+Theilhaber, das Viehgeschäft Eduard Steinam, die Kurzwarenfabrik René
+Reinemann, der Feuilletonist Moritz Goldbach. Es war grotesk, wenn sie
+in der Luft den Arm ausstreckten, die Beine anzogen, den Kopf zwischen
+den Schultern versteckten, und dann gänzlich zerschmettert, gleichsam
+platzend vor Scham und Menschenhaß wieder an der Erde anlangten. Dazu
+wurde nun sehr wenig gelacht, die Gesichter wurden immer finsterer und
+endlich als schon niemand mehr springen wollte, trat der Baron mit einem
+heiseren „Jetzt ist es genug!“ dazwischen. Da setzte sich Jeanette, die
+bis dahin ernst geblieben war, in einen Sessel und fing an zu lachen,
+daß alle sich bestürzt umblickten. Es war etwas Hysterisches, etwas
+Bitteres und Tragisches in diesem Lachen. Dann hörte sie ebenso
+plötzlich auf, ging zu Agathon, riß ihm die Lappen ab, mit denen sie ihn
+geputzt und rief ihm herrisch zu: „Springen Sie!“ Agathon, überrascht
+durch das plötzliche Sie, rührte sich erst nicht. Doch nahm er
+schließlich gar keinen Anlauf, sondern schnellte sich gewandt von den
+Fußballen in die Höhe, ergriff die Puppe und riß sie herab.
+
+„Gott sei Dank! Endlich ein Mann!“ rief Jeanette, nahm seinen Kopf
+zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund mit einer geheimnisvollen
+und durchdringenden Glut. Ihre Lippen waren feucht, ihre Haare waren
+feucht und knisterten dennoch und ihr Atem war heiß wie ihre Hände.
+
+Ein eisiges Schweigen war entstanden. Agathon schauderte bis ins Herz
+bei ihrem Kuß. Dann wurde Jeanette heftig zurückgerissen und der Baron,
+in maßloser Wut, stand mit geballten Fäusten hinter ihr, während der
+Bräutigam daneben furchtsam lächelte. „Was willst du?“ flüsterte
+Jeanette.
+
+Der Baron wurde schneebleich. „Ich will dich aus dem Haus peitschen
+lassen,“ sagte er bebend.
+
+„Ich will _auch_, daß du mich peitschen läßt, hörst du? Das kannst du
+nur einmal, aber wenn ich das Schwein da heirate, bin ich für immer
+gepeitscht. Ich will einen Mann haben und keinen Getreidesack und keinen
+Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst du das nicht?
+Verstehst du nicht, daß ich nicht unter diesen abgegriffenen
+Papierseelen da verkehren mag? Seid ihr denn Menschen, was? Sagt doch
+selbst! Was soll ich denn anfangen mit diesem Schwein in der Nacht, wenn
+ich von Männern träume, die nicht ein paar matte Nachtlichter im Kopf
+haben, sondern Augen, Augen, Augen –? Wenn ihr nur das wollt, was ihr
+wollt, dann handelt! Verhandelt euern letzten Flederwisch im letzten
+Kehrichtfaß, und für das andere geb’ ich mich nicht her wie eure
+hochmütigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie eine Hexe. Da! da habt
+ihr und mich laßt zufrieden! da! da! da!“ Und sie ging hin, weiß wie
+Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die Ringe
+an den Fingern, riß die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit
+einem Ruck die Knöpfe der Taille. Da stürzte Löwengard mit
+unartikuliertem Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und
+wollte sie forttragen, hinaustragen. Sie wehrte sich wild, und in dem
+Kampf fiel sie hart zu Boden. Die Damen eilten herbei, – jammernd,
+scheltend, der Bräutigam suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem
+Arm, dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen, viele
+wandten sich feig und finster nach der Thüre, der Lakai sah mit
+eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum, und auf
+einmal blieben alle regungslos stehen.
+
+Der jetzt hereintrat, ohne daß der Lakai auch nur versucht hätte, ihn
+abzuhalten, war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas
+wie eine große, seltsame Ruine; etwas in seinem Gesicht, das man
+unvergänglich nennen möchte: so einen Schimmer von wandelloser Milde und
+Güte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln, das man
+zuweilen bei alten Männern sieht, die die Jugend müde hinwanken sehen
+und selber niemals müd zu werden scheinen, so kam er herein und Agathon
+lächelte auf seine stille Weise, wie ein Kind, das an den Wendepunkt
+eines Märchens gelangt ist, wo die wohlbekannte gute Fee kommt, um die
+Verwicklung zu lösen. Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja
+Löwengard von Roth in seinen ärmlichen Lumpen.
+
+Der Alte ging also ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als
+er dessen Gesicht sah, das von verräterischer Scham erfüllt war, ließ
+die halbausgestreckte Hand wieder sinken und nahm ruhig Platz. Da er nun
+sah, daß der Sohn sich seiner schämte, sagte er nichts, sondern sah
+lächelnd und nickend vor sich hin. Dann nahm er die Hand des „Barons“,
+zog ihn zu sich nieder, deutete ein paarmal auf das Kaminfeuer und sagte
+nach jedem Wort pausierend: „So hat’s Gott gewollt.“ Der Baron machte
+sich verlegen los, warf dem Lakaien einen zornigen Blick zu, den dieser
+achselzuckend hinnahm und trat mit einem betretenen Lachen zu seinen
+Gästen, die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette
+kroch auf den Knieen zu dem Greis hin, streichelte seine großen Hände
+und sagte: „Großvater, was hast du denn? Warum kommst du denn so spät
+noch zu uns?“ Mit einer scheuen und beschwichtigenden Geste wandte sie
+sich nun zu den andern und sagte: „Er weint.“
+
+Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: „Sag’s
+ihnen nicht. Sie wollen nicht sein gestört. Und mein Sohn hat vergessen,
+daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack. Hat er vergessen, daß ich bin
+arm. Heut abend ist abgebrannt ganz Roth. Der Herr hat mich wollen
+gedenken lassen, daß es mir gegangen is zu gut im Leben. Sei ruhig, sei
+ruhig, ich sag’s bloß dir. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, nebbich,
+alles is hin.“
+
+Bald wußten es alle im Saal. Der Feuilletonist schlug mit einem
+boshaften Seitenblick auf den Baron vor, man solle sammeln. Übrigens
+brach die Gesellschaft rasch auf, und der Baron, verstört, verzweifelt,
+verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen
+oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen, dem er
+ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ. Dann forderte er Jeanette auf,
+mit ihm zu kommen. Agathon hörte ihn schreien; er wurde immer heiserer,
+schien um sich zu schlagen ... Der Lakai suchte ein vertrauliches
+Gespräch mit Agathon anzuknüpfen; seine Worte klangen widerlich zurück
+von den Wänden des verödeten Saales. Agathon schlich beschämt in seine
+Kammer, warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in einen
+schweren Schlaf.
+
+Am Morgen hörte er vom Hausgesinde, daß Fräulein Jeanette verschwunden
+sei. Agathon fühlte sich darüber glücklich, ohne zu wissen warum. Die
+Luft war kühl, scharf und gleichsam gereinigt, als er zur Schule ging.
+Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht
+hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung. Besonders an diesen
+neblichen Oktobermorgen; alles ist mit Frieden gesättigt, die Dächer
+glänzen, die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz, der Rauch
+erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein scheint sich zu brüsten im
+Gefühl seiner Pflichterfüllung. Die Mägde haben weiße Schürzen, und das
+knattert ordentlich, wenn sie zum Markt gehen. Die Bäckerbuben pfeifen
+Lieder, die man nirgends sonst gehört hat; sie halten jeden Ton lang
+aus, besonders in der Höhe. Über die große Brücke rauscht und rollt der
+Schnellzug, aus dem rätselhafte, übernächtige Gesichter in die weite,
+überschwemmte Ebene schauen. Dann saust der Zug herein, die Schranke am
+Dambacher Weg ist geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und
+warten gutmütig. Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug,
+rasselnd, polternd, pustend, und Agathon hört, wie er mit schrillem
+Pfiff am Bahnhof hält, und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein, um
+in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am Haus des
+Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und der als edler
+Menschenfreund bekannt ist; über eine halbe Million hat er für das
+Waisenhaus vermacht. Es giebt viele Dinge, die Agathon bewundert, und er
+liebt die Menschen. Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt
+ihm merkwürdig vor. Er weiß, daß es neu ist, was er fühlt, aber er will
+sich nicht durchforschen. Es ist, als ob man in seinem Herzen etwas
+baue, und er will warten bis es fertig ist. Er denkt an jenes erste Bild
+der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die
+Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und wie er daran denkt, erschrickt er,
+bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem
+monotonen Diskant.
+
+In der Schule hörte er nichts von dem was gelehrt wurde, hatte nichts
+gelernt, eine wichtige Lektion nicht geschrieben, wurde in den
+Strafbogen eingeschrieben, ohne daß er sich einen Gedanken darüber
+gemacht hätte. Er begriff nicht, warum er tote Wissenschaft in sich
+hineinstopfen solle, da es doch des frischen Lebens genug gab. Aber er
+begriff die Verachtung, in der die meisten Lehrer bei den Schülern
+stehen; es gilt nicht der Person, sondern dem Amt. Draußen war die
+Freiheit, der Wald, unbegrenzt, dunkel, voll von Erlösungen für den, der
+sie sucht; aber die Schule wollte, daß man nichts anderes wolle als die
+Schule. Das ließ ihn den Lehrer verachten und seine Handwerkerart, die
+großen, feierlichen Dinge der Geschichte so hinzusagen, als ob es nichts
+wäre, Mythologie zu lehren, als ob es gälte, ein Adreßbuch durchzulesen.
+An diesem Morgen begann Agathon plötzlich durch ein wunderbares Spiel
+seiner Seele zu sehen, wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele
+genommen wäre. Und diese große Umwälzung beschäftigte ihn sehr, so daß
+seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur _ein_ Lehrer war es, an dem er
+mit abgöttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik
+zu rühren wagte. Es war nichts an ihm als das, wie er die Wissenschaft
+der Chemie vor den Schülern zerlegte, so daß auch der Blöde und der
+Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit seinem Arm hinein in
+die Nacht der Natur, oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel
+hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder sein ließ vor
+den Augen seiner Zuhörer. Er that nicht wichtig mit der Wissenschaft und
+spielte nie mit ihr, machte auch nichts „Interessantes“ daraus, sondern
+eher etwas Heiliges. Da stand er hinter seinen Retorten und Röhren wie
+einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu predigen,
+dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt. Nie ging er auf
+die tote Formel ein, wie ein junger Priester, der die gedruckten
+Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat. So war
+Erich Bojesen.
+
+Da Agathon Geyer nun nicht um die Welt aufmerksam werden wollte, nahm
+„Professor“ Schachno die Gelegenheit wahr, ihn die „Braut von Korinth“
+fünfmal abschreiben zu lassen. Agathon lächelte.
+
+
+ Fünftes Kapitel
+
+Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben, der immer still vor sich
+hinschluchzte, das Innere des großen, hallenden Gebäudes betreten hatte,
+hörte das Schreien wieder auf. Doch in einem jener Energieanfälle, die
+oft über ihn kamen und durch die er in seiner Achtung gewann, beschloß
+er, der Sache auf den Grund zu gehen. Und er stieg die Treppe hinan,
+wurde nachdenklich gestimmt durch den feierlichen, ja düsteren Stil des
+Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung, machte
+seine Glossen zu dem großen, bemalten Glasfenster, das den Propheten
+Japhta mit seiner Tochter zeigte, in einer naiven und herzlichen
+Darstellung, die an Cranach und seine Schule mahnte. Auf dem großen
+Korridor war es still und öde. Er öffnete die nächste Thüre, wobei sich
+das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte, um auch etwas zu
+sehen, und hatte einen großen, weißgetünchten, fast finsteren Saal vor
+sich, in welchem Bett an Bett stand, wohl dreißig oder vierzig wie in
+einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger
+weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen
+Lippen, angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer
+zurückzuhalten. Eine dumpfe Luft schlug heraus wie aus einer Katakombe
+und Gudstikker schloß schnell die Thüre, stand ratlos da und sah die
+Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen.
+Da ertönte wieder das Schreien: lauter, klarer und eindringlicher. Der
+Kleine rang stumm die Hände und das Eckige und Verzweifelte in der
+Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte.
+
+In einem schmalen, matt erhellten Raum saß der Schammes mit einer blauen
+Brille, riesenhaften Filzschuhen, einer dicken Uhrkette und einer Art
+Kaftan und nickte schläfrig; und wenn ihn sein Gegenüber, der Wohlthäter
+Abraham Porkes anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht und
+kehrte dann wieder an die Grenze des Schlummers zurück. In der Mitte des
+Raumes war ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren auf ein Brett mit
+Riemen festgeschnallt, und wenn der Schammes, das Rohr in der Hand, mit
+seinem devoten Gesicht emporschnellte, schlug er zugleich mit dem Rohr
+klatschend auf den Rücken des Knaben. Dieser öffnete dann den Mund zu
+einem Schrei, der lang hinhallte und langsam erstarb, worauf er in eine
+schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes
+und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht sofort das
+Gesicht dieses Knaben gesehen hätte, das sich mühsam emporhob: ein
+feines, reines Gesicht, mit einer Lieblichkeit, die nur den frühen
+Schmerzen zukommt, mit einer unerfahrenen Gläubigkeit. Schwarze Locken
+fielen in die Stirn, auf die deutlichen Brauen, unter denen hilflos
+fragende Augen hervorschimmerten mit jenem Knabenblick, der manchem
+erfahrenen Mann etwas zu denken giebt. Kaum sah der kleine Bursche an
+Stefans Seite das Unglück seines Freundes, als er auf ihn zustürzte und,
+da er mit den Ärmchen nicht hinaufreichte, bitterlich zu weinen anfing.
+
+„Ruhig! was ist hier los?“ sagte der Wohlthäter in sanftem Baß.
+
+„Ruhig, was ist hier los?“ wiederholte getreulich der Schammes und
+zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der
+Unterlippe hervorragte.
+
+„Wo kommt ihr her?“ fragte der Wohlthäter und schaute seine dicken
+Finger an, als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.
+
+„Wo kommt ihr her?“ fragte der Schammes und versteckte seinen Zahn, so
+gut es ging.
+
+Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die
+Riemen und hob den Knaben herab. „Ignazle, guts Ignazle“, flüsterte der
+Kleine mit der Betonung einer Mutter. „Siehst mich nit? Thut’s weh?“
+
+„Ruhig!“ donnerte Abraham Porkes. „Was erlauben Sie sich, junger Mann!“
+
+„Ja, was erlauben Sie sich!“ sagte der Schammes mit einer
+unbeschreiblichen Stimme und schneuzte sich in ein blaues Tuch mit
+thalergroßen, roten Flecken.
+
+„Was hat der Junge gethan?“ fragte Gudstikker mit einer Hoheit, die ihn
+selbst überraschte und sehr befriedigte.
+
+„Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muß bestraft werden. Da
+alle andern Mittel vergebens sind, muß er bestraft werden. Seine Mutter
+selbst hat ihn hergebracht, – kurz und gut, was haben Sie hier zu suchen
+und dieser nichtsnutzige Bengel da?“
+
+„Ja!“ machte der Schammes und sah streng aus.
+
+Gudstikker lachte. „Wollen Sie mir das Kind überlassen?“ fragte er dann.
+„Ich werde ihn heilen. Er interessiert mich.“
+
+„Sind Sie Jude?“
+
+„Nein.“
+
+„Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.“
+
+„Aber Herr Kommerzienrat! Sie, bei Ihrer Vernunft und Bildung! Sie
+kennen ja auch meine Mutter, Elise Gudstikker. Es kann Ihnen ja gleich
+sein. Und wenn Sie ihn wieder verlangen, können Sie ihn haben.“
+
+„Ja, wenn Sie glauben,“ meinte Porges unentschieden. „Gut“, sagte er
+dann, „auf acht Tage; vorausgesetzt, daß nichts geschieht, was unsere
+Religion – na, also gut, der Junge weiß das schon selbst. Adieu junger
+Mann, machen Sie’s gut, grüßen Sie Ihre Mutter. Sie gefallen mir!“
+
+Gudstikker ging heim mit den zwei Knaben. Der Zerlumpte konnte sich
+nicht trennen und überhäufte das Judenkind mit Liebkosungen. Gudstikker
+zog die Schultern hinauf und lachte in sich hinein. Er wußte, daß die
+beiden froh waren, den Knaben los zu sein.
+
+Zu Hause angelangt, fand er seine Mutter unpäßlich. Sie lag auf dem
+Sofa, sah etwas kummervoll aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu
+erklären, wie er zu den Kindern komme. Sie kannte seine Art, eigenwillig
+und schnell zu handeln, gut genug. Sie kannte auch seine redselige und
+mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich neugierig zu zeigen. Ihrer
+apathischen und lebensweisen Art war das fremd. Ihr Leben bewegte sich
+hin und her zwischen Seufzen und gleichgültig gewährendem Lächeln, dabei
+hatte sie jene eigentümliche Strenge, die dem Blick etwas
+Unwiderstehliches giebt, einen Blick, von dem man glaubt, daß er den
+Körper wie Glas durchdringe. Den jüdischen Knaben sah sie an, lachte
+leise und hart, betrachtete seine langen, feinen, dünnen Finger, das
+abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig wieder hin und
+sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe.
+
+„Können sie hier schlafen, Mutter? Oder in der Kammer?“
+
+Der Judenknabe, den sein kleiner Kamerad aus Gott weiß welchem Grund
+Ignazle nannte, während er Sema Hellmut hieß, sprach kein Wort. Aber er
+schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte, dem
+träumerischen Spiel seiner Augen nach zu schließen. Diese einfache und
+gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen, der fortwährend leise in
+sich hineinbrummte, die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche,
+die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden, er besah es mit
+scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen inneren
+Unruhe. Er schien gar nicht empfänglich zu sein für die unaufhörlichen
+Liebkosungen seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick
+angstvoll in den des kleinen Zerlumpten.
+
+„Nun, das ist doch jüdische Degeneration, wie sie im Buch steht,“ sagte
+Gudstikker zu seiner Mutter.
+
+„Ich weiß nicht, was im Buch steht,“ entgegnete sie lakonisch. „Ich will
+dir sagen, die Juden sind viel bessere Menschen als wir, edlere
+Menschen. Sie trinken nicht, sie betrinken sich nicht, sie sind
+eigentlich viel fremder in der Welt als wir. Wenn bei uns nicht alles
+aus dem Leim geht, haben wir es bloß den Juden zu danken.“
+
+„Meinst du? Das hat zwei Seiten. Es giebt solche Juden und solche. Die
+einen scheinen auserlesen für alles, was gut, groß, prophetisch ist. Die
+andern, die meisten, sind Würmer, Schlangen, Mistzeug. Ich bin der
+Ansicht, es läßt sich auch gar nicht leugnen, daß unsere ganze
+Kulturkrankheit Judentum heißt.“
+
+„Wer weiß, vielleicht heißt sie auch anders,“ entgegnete Frau Gudstikker
+mit seltsamem Lächeln und spielte mit einem elfenbeinernen Kruzifix an
+der Wand. „Das sind so Worte, mein Lieber. Aber ich kann darüber nicht
+reden. Ich bin zu dumm. Alle Frauen sind ja dumm.“ (Wieder dies feine
+Lächeln.)
+
+Gudstikker schwieg und verfolgte ein eigentümliches Schauspiel zu seinen
+Füßen. Der große Bernhardinerhund, Faust, ein energisches, edles und
+kühnes Tier, erhob sich aus seiner Ofenecke, tappte zu den zwei Kindern,
+beschnüffelte den drolligen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund der
+Kinder), beschnüffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die
+Hand des Knaben, freudig und förmlich demütig, dann ließ er sich neben
+Sema nieder und hörte nicht auf, ihn gespannt anzublicken, als ob er
+einen Befehl erwarte. Es war wie ein Bild aus einem alten und
+vergessenen Buch.
+
+Da gewahrte Sema eine Geige an der Wand über der Kommode; seine Augen
+wurden groß und begehrlich. Er stand auf, machte eine bittende Gebärde,
+wobei er auf das Instrument deutete und kaum das erstaunte Nicken Frau
+Gudstikkers abwartete; dann stellte er sich auf die Zehen und nahm die
+Violine herab, kehrte auf seinen Platz zurück und begann vorsichtig
+lauschend zu stimmen. Hierauf nahm er den Bogen und spielte. Aber wenn
+man sagt, er spielte, dann ist es zu wenig. Es war nicht mehr der kleine
+Knabe mit dem bisweilen aufstrahlenden Blick und der müden Blässe der
+Wangen; es war irgend eine verstorbene wundervolle Künstlerseele, die
+mit fleischgewordener fester Hand den ärmlichen Bogen führte. Es waren
+solche Töne, die gleichsam den Himmel durchsichtig machen, ohne daß man
+Gott selber findet, ein schwermütiger Hymnus an alles Liebliche des
+Frühlings und des Sommers, das unbeklagt hingegangen ist, um nicht mehr
+zu erscheinen, oder es war die Trauer um die Jugend, die zu leiden
+hatte, oder ein Märchen selbst ersonnen in einer einsamen Nacht, –
+unaussprechlich.
+
+Als Sema die Arme sinken ließ, lauschte er selbst noch den Tönen nach.
+Er schien nicht zu ahnen, was er mit seinem Spiel gethan; er blickte nur
+bewegt auf den still vor sich hin heulenden Wendelin, seinen kleinen
+Freund, auf die regungslos hingestreckte Frau Gudstikker, auf den
+verloren träumenden jungen Mann. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf,
+stand auf, legte die Geige auf die Kommode, ging zum Ofen, rieb seine
+Hände an den Kacheln, legte die Stirn an den Messingring der Nische, und
+bei alledem folgte ihm der große Hund Faust, und ließ nicht ab, ihn mit
+seinen feuchten, treuen, glänzenden Augen anzustarren.
+
+Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat
+Gudstikker seine Mutter um Geld. Er habe keines mehr und bekomme erst
+morgen wieder. Sie habe kein Geld für ihn, erwiderte sie. Er solle seine
+Uhr versetzen.
+
+„Mutter,“ erwiderte er ernst, „du weißt, daß ich nichts versetze. Es
+geht gegen meine Natur. Willst du, oder willst du nicht?“
+
+Sie gab, was sie entbehren konnte. „Wie lange wird es noch dauern mit
+deinen großen Ideen,“ seufzte sie. „Wir alle haben zu leiden gehabt
+unter deinen großen Ideen.“
+
+Gudstikker lachte verächtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins
+Caféhaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen,
+politischen und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener
+Schwamm das Wasser, zahlte erst als es dämmerte, dann ging er zu einem
+Trödler, versetzte seine Uhr und machte sich auf den Weg nach Zirndorf,
+um die Nacht im Ziegeleigebäude zu verbringen.
+
+Das Wasser war nun so weit zurückgetreten, daß die gewöhnlichen Wege
+gangbar waren: den Damm entlang zur äußeren Turnhalle, dann tiefer ins
+Thal hinab, durch Äcker und Wiesen. Bei Dambach war ein Notsteg
+errichtet und schwankte hin und her wie eine Schaukel. Der Abenddunst
+huschte schattenhaft über das Wasser, das rauschend und grollend
+dahinschoß. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe.
+Aus der öden Ebene wurde ein Nebel- und Elfenreich, die ferne Stadt
+schien eine alte Festung, aus Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu
+hüpfen, oder sich zu verschieben wie eine Coulisse. Der Mond war
+tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem ruhigen breiten
+Wasser, womit die Wiesen überschwemmt waren. Quä, machten die Raben,
+schienen sich zu besinnen, wohin sie fliegen sollten. Lichter schauten
+aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte, wie Leuchtkäfer; ein Bauer
+schrie, ein Hund bellte, dann fingen plötzlich die Glocken in der Stadt
+an herüberzuläuten; es war wie das Gerippe zu einer Melodie, die lang
+und feierlich hinströmen muß, wie dunkler Wein aus grünem Glas.
+
+Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie schwankte beinahe müßig dahin,
+griff nach Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war
+Agathon. Gudstikker griff aus und wünschte guten Abend. Agathon
+erschrak.
+
+„Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf?“ fragte Gudstikker.
+
+„An Vieles. Oder an nichts.“
+
+„Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen? Sie sind ein Träumer, aber ein
+aufgeregter. Sie machen sicherlich noch mal irgend welchen Tumult in der
+Welt. Sie sind so ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, daß es
+kocht, auf einmal fliegt der Deckel herunter –!“
+
+Agathon lächelte überlegen. „Was denken Sie sich eigentlich dabei? Sie
+kennen mich doch gar nicht. Sie wollen mir nur imponieren.“
+
+Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf. Dann rauchte er sehr
+nachdenklich weiter, bis er die Stille unterbrach. „Was sagen Sie nun zu
+dem Abend? Da könnt ich nun einfach sterben. Aber dafür haben Sie ja gar
+keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. Ach, ich muß Ihnen etwas
+erzählen. Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer. Ein Romanstoff.
+Es ist sehr fein, rätselhaft, metaphysisch sozusagen. Als ich an eurem
+Waisenhaus vorbeiging, hörte ich furchtbares Schreien. Die Straße
+menschenleer, nur ein kleiner Junge stürzt auf mich zu, nennt mich Herr
+Jesus, zerrt mich die Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsäle, durch
+ein ödes Schulzimmer, durch eine Art Karzer oder Betsaal und auf einmal
+hör’ ich wieder schreien.“
+
+„Im Haus?“
+
+„Im Haus. Ich öffne eine Thür, zwei große Kerle in schwarzem Talar
+stehen da, der eine betet und der andere sticht mit seinen Nadeln in den
+Körper eines Knaben, der, merken Sie auf, der an der Decke hängt, mit
+den Füßen nach oben. Ich bin wie toll, schlage den einen zu Boden,
+drücke den anderen an die Wand, schneide den Knaben ab und gehe mit ihm
+fort. Zuhause sieht der Junge meine Geige und fängt nun an zu spielen, –
+ich habe nie im Leben dergleichen gehört. Ich heule, meine Mutter heult,
+die Leute auf der Gasse bleiben stehn, der kleine Bengel, der
+mitgelaufen ist, wird ohnmächtig ...“ Gudstikker schwieg erschöpft. Es
+war, als sähe er jetzt alles viel deutlicher, als zur Zeit der
+Ereignisse selbst.
+
+Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mißtrauen von der Seite an.
+„Weshalb hatten sie ihn denn so gezüchtigt?“ fragte er.
+
+„O, das ist sehr einfach!“ Gudstikker sagte etwas, wobei Agathon die
+Hände zusammenschlug.
+
+„Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben,“ seufzte der andere.
+„Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. _Exempla
+odiosa sunt._ Ich will Ihnen sagen, wir sind zu gebildet, um noch
+brauchbare Menschen zu sein. Sürich Sperling war kein Gebildeter, aber
+ein Mensch.“
+
+„Warum reden Sie stets davon!“ sagte Agathon unwillig.
+
+Gudstikker blieb stehen und heftete seine Augen durchdringend auf den
+Gefährten; und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des
+Mondes. Sie waren auf dem Hügelkamm angelangt. Zu den Seiten blickte die
+Waldnacht sie an, in der Tiefe schimmerten die Lichter von Zirndorf.
+Agathon lehnte sich an einen Baumstamm; sein Gesicht hatte einen
+visionären Ausdruck. „Ich sehe ihn,“ sagte er. „Er nickt.“
+
+Gudstikker wich scheu zurück.
+
+„Hören Sie,“ fuhr Agathon fort, „mir ist, als könnte ich die Zukunft
+genau sehen. Einer hat mich hinaufgehoben, daß ich es sehen kann: Sürich
+Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen
+Sie mich nichts.“
+
+Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an seiner erloschenen Cigarette.
+Über den Mond zogen flaumige Wolken, ohne daß sie seinen Glanz merklich
+zu mindern vermochten.
+
+„Was ist eigentlich Ihr Beruf?“ fragte Agathon.
+
+Gudstikker errötete. „Ich schreibe,“ sagte er, bemüht, sich selbst zu
+verspotten. „Ich mache in Kunst. Ja, man wird bald von mir hören.“
+
+„Aber nicht lange,“ fügte Agathon versunken hinzu. „Sie haben bloß
+Funken, keine Flamme.“ Er brach erschrocken ab, als er Gudstikkers
+verzerrtes Gesicht gewahrte.
+
+An der Ziegelei trennten sie sich. Agathon ging heim. Es war der
+Vorabend der letzten Tage des Laubhüttenfestes. Zum erstenmal hatte
+Elkan Geyer keine Hütte gebaut. Doch trotzdem war es sehr festlich. Die
+fromme Liebe, mit der man die Feier begann, übergoldete gleichsam die
+Ärmlichkeit. Aus nichtigen Dingen entstand unter den Händen einer
+einfachen Frau Poesie: Äpfel, Nüsse, Trauben, schwer gelagert auf
+blendend weißen Decken, gescheuerte Dielen und Fenster, die
+Festtagslampe, eine kupferne Ampel, dampfende Speisen, frischgewaschene
+Kinder, die froh sind, daß alles anders ist, als am Werktag.
+
+Enoch Karkau starrte im Sofawinkel. Der Fremde, Joelsohn, war wieder da
+und las Gebete. Elkan Geyer sah Keinen an; sein Gesicht war wie
+durchpflügt von Unglück. So ging er seit dem Mord herum, und nichts war
+aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe hatte er im letzten
+Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten eingehändigt. Frau
+Jette siechte nur so hin. Es war oft, als ringe sie mit einer
+unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen.
+Daher leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen, wie von der
+Gewißheit der Niederlage erfüllt und doch voll trotziger
+Widerstandslust. Die Sorge um die Kinder beschäftigte sie am meisten,
+und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur Elkan endlich einmal die
+streitige Chassanstelle erhielte.
+
+Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still.
+Joelsohn las den Israelit, die Zeitung für das Judentum, und sah
+plötzlich empor.
+
+„Es steht schlimm mit Jisroel,“ sagte er. „Habt’r gelesen von Rußland?
+Habt’r gelesen von Wien? Is der Jüd a Verbrecher, daß er sich soll
+steinigen lassen von die Gojim? Es wird e böses End nehmen, en End mit
+Schrecken.“
+
+Sie sprachen dann vom Brand in Roth, und vom Bankrott einiger Nürnberger
+Bankfirmen. Frau Jette sagte, daß Isidor Rosenau entschlossen sei, sein
+Geld beim Baron Löwengard zu erheben. Das sei lächerlich, warf Enoch
+Karkau hin; Löwengard sei sicher wie Rothschild. Joelsohn hörte dies
+alles nicht; er redete sich in eine flammende Hitze gegen die Christen
+und wurde schließlich ganz fantastisch in seinen Anklagen. Er ist um ein
+paar Jahrhunderte verspätet, dachte Agathon. Es gab viele solcher Juden,
+besonders in der Stadt; es waren Zeloten. Das Gebet ging ihnen über
+alles, über Gott selbst und wer nicht betete, war der Feind und der
+Christ; etwas Unreines, Fettiges, Übelriechendes lag über diesen
+Eiferern wie über abgestandenen Speisen.
+
+„Ja“, sagte Elkan Geyer müde, „das ist ja ganz recht, aber schließlich
+sind wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel, bei
+einem fremden Volk. Was können wir fordern? Nichts. Erobert, genommen
+haben wir ja genug, das muß wahr sein, die einen viel, die andern
+wenig.“
+
+„Und wenn der Messias kommt?“ murmelte Joelsohn fanatisch.
+
+Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten
+gleichzeitig. Darin lag etwas schmerzlich Zweifelndes. Agathon liebte in
+diesem Augenblick seinen Vater sehr.
+
+Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefühl
+von Macht und Freiheit; ihm war, als könne er all diese bunten
+Verwicklungen des Lebens lösen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte
+noch nicht schlafen, darum ging er in den Hof und schlürfte gleichsam
+die Nacht in sich ein, die so still war, spätsommerlich lau, trotzdem
+der Oktober schon weit vorgerückt war. Der zerbrochene Zaun, der
+verwilderte Gemüsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Häuser:
+alles in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hörte etwas
+murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, öffnete das Scheunenthor und
+wurde ganz bleich vor Bestürzung, als er auf einem Strohlager den alten
+Gedalja gewahrte, der in einen mattleuchtenden Kerzenstumpf
+hineinstarrte und Agathon eifrig zu sich herwinkte, als er ihn
+erblickte.
+
+„Psch! nix reden!“ rief er mit unterdrückter Stimme. „Mausstill sein,
+sonst schneid’ ich d’r ab die Ohren. Setz’ dich her zu mir, und ich will
+d’r sagen was Guts fors ganze Leben. So. Ob de bist reich, ob de bist
+arm, ’s is ganz egal; ob de bist gottesfürchtig, ob de bist nit
+gottesfürchtig, ’s is aach egal. Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der
+Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie Nebukodnezor? Ich will dir geben
+en guten Rat un sollst’n nit vergessen fors ganze Leben. Sag’ niemals,
+un wenn de wirst siebzig Jahr, sag’ niemals, daß de hast einen Menschen,
+wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich geworden neunzig
+Jahr, un meine Kinder schämen sich meiner. Hab’ ich gehabt e Gut, e
+Haus, un e Viech, un e Fraa, un es Unglück is gekommen un hat
+aufgesperrt sein Rachen, daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune
+meines Vetters, bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer für die
+Nacht. Glauben is kaaner mehr in der Welt, ich spür’s am eignen Fleisch,
+Gott hat die Zeit verloren, sie is ihm gefallen aus der Hand, nebbich.
+Du hörst se schreien von Juden un Christen, aber was se meinen is das
+Geld un was se nicht meinen, is die Frommheit. Was is Gott? Is das Gott,
+wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der Thora? Is das Papier Gott? Is
+das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der Mond? Nix is Gott; Gott
+is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du bist Gott, e
+Gespenst is Gott, e Stück Armut un Elend.“
+
+Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Thränen.
+Zerrissen mit sich und der Welt lag er da. Und Agathon war wie
+versteinert. Dann begann der Alte wieder, leiser und ruhiger: „Jetzt
+gehste wieder hin, wo de bist hergekommen, legst dich schlafen un bist
+still. Du bist e Chuchem und wirst thun wollen e Mitzwe bei en alten
+Mann. Ich muß sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches
+Gesicht.“
+
+Agathon wandte sich, verschloß die Thür, ging ins Haus, in sein Zimmer,
+kleidete sich aus, – alles mechanisch. Dann legte er sich ins Bett und
+dachte nach, weit über Mitternacht hinaus.
+
+
+ Sechstes Kapitel
+
+Er stand auf, fühlte förmlich die Nacht um sich her mit den Fingern,
+kleidete sich an, ging hinab, und obwohl er sich gar nicht bemühte,
+leise zu gehen, schwebte er doch nur so hin über die Treppe und den
+Flur. Auf der Straße war es zauberhaft still: die Häuser, die Gärten,
+die Brunnen, alles gefroren in Ruhe. Er schlich um das Wirtshaus St.
+Sebald herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem
+vergitterten Fenster, preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch
+und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings
+Schlafgemach. Es war vollkommen finster, doch sah er jeden Gegenstand,
+auch den verstecktesten, mit brennender Deutlichkeit. Sürich Sperling
+lag nicht im Bett, sondern saß auf einem Stuhl, starrte in den leeren
+Ofen und sagte: „Ja, mein Junge, in der Hölle haben sie auch nicht immer
+Vorrat an Feuer; mich friert.“ – „Soll ich einschüren?“ fragte Agathon
+sanft. – „Ja, ja, aber findest du nicht, daß es hier nach angebranntem
+Kaffee riecht?“ Agathon kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu
+gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schließlich wurde es naß und
+er sah, daß er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Thür und
+von den flackernden Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er
+führte an einer Leine zwei Hunde, zwei Katzen und zwei weiße Mäuse, die
+alle gehorsam hinter ihm her schritten. Er ging auf Agathon zu und
+reichte ihm einen Brief, über den Agathon in große Bestürzung geriet und
+dann sah er plötzlich seine Mutter, die mit rollenden Augen irgend etwas
+Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte: „Es
+lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es lebe der
+Bankrott. Es lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfaß schnarcht. Es
+lebe die Revolution. Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es
+lebe der Tod.“ Plötzlich wurde es hell im Zimmer, Agathon wußte nicht,
+ob durch die Flammen im Zimmer oder durch ein Feuer, das draußen war. Da
+begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden, und Agathon sah
+nichts mehr, als ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete
+nieder. Doch als er wieder aufschaute, sah er statt dessen eine nackte
+Frau. Es war Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn
+bei der Hand und führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt,
+durch Wiesen und Wälder und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine
+Brücke, die über einen grauenhaften Schlund hinweg führte, und endlich
+kam ein Garten auf einem Hügel, und in der Tiefe erwachte der Morgen,
+die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles war zerstoben, glänzend kam
+der Tag. –
+
+Frau Jette blieb, als die Männer morgens zur Schul gingen, im Bett
+liegen. Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott von
+Wassertrüdinger & Co. in Nürnberg. Darüber war alles erregt im Dorf.
+Aber der Putz, in dem die Weiber zur Synagoge eilten, war darum um
+nichts weniger prächtig. In Sammt und Seite rauschten sie einher, mit
+kostbaren Hüten und gelben Schuhen, was im Rahmen des schmutzigen Dorfes
+mit seinen Düngerhaufen ziemlich komisch war. Hinter den Frauen
+schritten ernster und stiller die jungen Mädchen. Es waren Mädchen mit
+schönen zarten Gesichtern dabei, voll von jener grundlosen Schwermut,
+die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine Tiefe
+haben, mit jenen breiten Hüften, die später Geist und Feinheit gänzlich
+verdrängen müssen.
+
+Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen
+und kamen kaum vorwärts. Isidor Rosenau, Samuel Bergmann, Max Lippmann,
+David Krailsheimer, alle redeten mit den Händen, fochten mit den Armen
+in der Luft umher: man danke für die „Kovet“ einen halben Goij zum
+Chassan zu haben; man wisse wohl nicht, daß Elkan Geyer kein geborener
+Zirndorfer sei –? So? das sei gleichgültig? wenn er nur ein guter Jüd
+sei –? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht seinen Sohn in die
+Christenschule nach „Ferth“ –? Das thaten andere auch –? Gut, dann seien
+andere auch Chasserem, Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich
+nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm? Sogar rasieren habe er sich
+früher einmal lassen.
+
+Die schwarzen Cylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.
+
+Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst
+beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von vielleicht
+sechzehn Jahren zu ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst
+aus Polen eingewanderten Frau. Sie kam ganz aus freien Stücken zu ihm,
+der vor ihrer Schönheit errötete, vor ihrer Unbefangenheit.
+
+„Sie sind Agathon Geyer?“ redete sie ihn in einem reinen Deutsch an, mit
+einer glockenhellen, melodischen Stimme.
+
+Er nickte langsam.
+
+„Ich habe viel von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?“
+
+Er nickte wieder.
+
+„Aber warum wollen das die Leute da nicht?“
+
+„Ich weiß es nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.“
+
+„Braucht ihr es denn so nötig?“
+
+„Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld
+hätten, das für uns Kinder bei Baron Löwengard deponiert ist, hätten sie
+gar nichts.“ Er sprach etwas wirr und stockend und war ärgerlich über
+seine ungewohnte Mitteilfreude.
+
+„Wissen Sie was,“ sagte Monika Olifat, „wir wollen Freunde werden.
+Vorausgesetzt, daß Sie es wollen.“ Agathon sah sie an und jetzt errötete
+sie. „Ich suche einen Freund,“ fuhr sie etwas verwirrt und wie
+entschuldigend fort. „Also wollen Sie?“ Sie hielt ihm schüchtern die
+Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein.
+
+„Freunde sind Verbündete,“ sagte Monika Olifat. „Sie dürfen nichts
+voneinander verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt
+sagen wir uns Du.“ Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem
+für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge.
+
+Der Tempel war ein kalter, kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern,
+alten Gebetspulten, moderiger Luft, einem Balkon für die Frauen und dem
+Altar. Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie
+vorher auf der Straße. Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel
+betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war anfangs
+reichlich mit gelehrten und biblischen Citaten geschmückt, erging sich
+dann in pathetischen Äußerungen über die Heiden, befaßte sich des
+Weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der
+Mischna, empfahl „die Fahne des Glaubens hochzuhalten“ und schloß mit
+einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers. Da erschallte ein grelles,
+erschreckendes Gelächter im Hintergrund, gerade als der Gottesdienst mit
+dem Kaddisch endigen sollte. Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen
+um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine
+Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es war
+Gedalja; Enoch Karkau ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verließ
+die Gemeinde das Haus.
+
+Als Agathon nach Haus kam, saß Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm
+stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am
+Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Pausbäckige
+trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich
+summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau
+und regnerisch.
+
+„Es nützt nix, Enoch,“ sagte Gedalja. „Ich waaß, daß de hast vergraben
+dein Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu
+geben dervon.“
+
+„Schweig still, du versündigst dich,“ erwiderte Enoch durch die Zähne.
+
+Der andere Greis schien es nicht zu hören. „Es nützt nix,“ sagte er
+eintönig und bekümmert. „Wucher treibste aach und ich seh dich noch
+kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch
+kommen ins Zuchthaus, so wahr ich leb un so wahr ich da sitz.“
+
+„Gedalja!“ murmelte Elkan Geyer gequält.
+
+„Was soll ich thun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er
+ausleiht Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich habs
+gehört von en redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de
+hast gericht zu Grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen
+sein Ansehn über dich. Aber haste zu Grund gericht den Bäcker, wirste
+aach zu Grund richten den Schuster. Un endlich wird kommen der
+Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen, wie du hast gehabt
+kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name un deine Familie un
+is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreißig Thaler, Enoch,
+voriges Jahr Pesach zu gutem un ich hab d’r zurückgegeben fufzig Thaler
+um Schues? Die Welt is groß und dreht sich, ich waaß und mancher
+verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packts aach
+und er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und
+bin stumm.“
+
+Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er,
+der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen
+etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er
+hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze
+Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und
+Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und
+nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So
+rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge
+aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht.
+
+Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren
+Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann,
+die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen
+Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert,
+sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir
+können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen
+daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“
+
+Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem
+Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand.
+
+Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war
+gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum
+Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle,
+und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den
+erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in
+Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften,
+Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf
+verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den
+neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob
+befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg
+zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende
+Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer
+ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen
+unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein
+Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch
+hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die
+Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in
+die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe.
+
+Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben
+langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der
+heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm
+wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern.
+Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für
+die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und
+Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun
+und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte
+ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und
+winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere
+Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon
+trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen
+villenartigen Charakter.
+
+„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte
+eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie
+sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich
+niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon
+anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein
+Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum
+gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre
+Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die
+Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein
+unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein
+Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor,
+daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste
+stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu
+verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.
+
+Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns
+unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“
+
+Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war
+still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen
+dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum
+merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten
+fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das
+Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und
+matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten
+Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale
+Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden
+Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin
+erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen
+von Leidenschaft und spielender Anmut.
+
+„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen.
+
+„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme.
+
+„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und
+streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“
+
+Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und
+ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er
+lächelte voll Scham und Reue.
+
+Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof
+in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem
+Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts
+bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose,
+ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So
+stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem
+Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich
+Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er
+wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich
+legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so
+unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit
+einem dumpfen Schrei floh er.
+
+Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja,
+kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im
+Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald
+bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich
+hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz
+un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab
+gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das
+Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie
+mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag
+sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de
+kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de
+hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist
+un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit
+einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka
+Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn
+de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste
+hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen
+Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit
+verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine
+Worte.“
+
+Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als
+vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem
+verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der
+zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft
+an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf
+dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak
+wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam
+spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt
+Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten
+in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die
+Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu,
+wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die
+Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und
+schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die
+Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig
+zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das
+erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter.
+Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen,
+entfernte er sich wieder.
+
+Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er
+zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das
+inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her
+Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte,
+erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand
+schwer auf seine Schulter legte.
+
+
+ Siebentes Kapitel
+
+Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum
+Brunnen, und als sie zurückkam, waren Sema und Wendelin verschwunden.
+Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen
+Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre im Grund zarte und
+stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen
+erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als
+Stefan Gudstikker spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er
+herumgestreunt sei.
+
+„Du weißt, ich streune nicht, Mutter,“ entgegnete er mit blitzenden
+Augen, den Kopf hoch aufrichtend.
+
+„Ja, ich weiß es,“ entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch
+auf seine staubbedeckten Stiefel.
+
+„Wo sind die Knaben?“
+
+„Fort.“
+
+„Wie. Fort –?“
+
+„Ich habe sie heimgeschickt.“
+
+„Was heißt das? Du weißt doch, daß ich sie nötig hatte? Daß ich den
+interessanten, psychologischen Fall untersuchen wollte?“
+
+„Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen
+Ideen. Darüber bist du Herr.“
+
+Gudstikker atmete schwer. „Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,“
+preßte er endlich hervor, nahm seinen Hut und stürzte fort. Sie lächelte
+gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit
+nach.
+
+Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um
+sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung
+erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte.
+
+„Sie haben mich fast geschlagen,“ waren Käthes erste Worte. „Ich sei
+heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.“
+
+„So.“ Er nahm heftig ihren Arm und schritt weiter.
+
+„Nein, nein,“ wehrte sie angstvoll. „Nicht hingehen jetzt. Du darfst
+nicht aufbrausen.“
+
+„Ich schlag alles kurz und klein.“
+
+„Nein! bitte, nicht!“
+
+Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung.
+
+„Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei
+deinem Genie! Warum ist alles so traurig in der Welt!“
+
+„Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht
+haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich
+habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.“
+
+„Ich glaube ja so gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ist
+ein Jahr.“
+
+„Nur Geduld. Du wirst sehen. Glaubst du, daß ihr ein Abendessen für mich
+übrig habt?“
+
+„Willst du kommen? Wirklich? Wie herrlich!“
+
+„Mach nur um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede!
+Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!“
+
+„Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.“
+
+„Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen
+Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, –
+na, du müßtest ihn sehen. Er sieht aus, wie, es klingt läppisch, aber
+ich muß es sagen, ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken.
+Nun, das ist verrückt. Man muß nicht Litteratur reden, wenn man’s
+vermeiden kann. Was die Hauptsache ist, unter den Papieren meines Vaters
+hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl
+unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit,
+liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen.
+Dasselbe was in Agathons Augen liegt. Manchmal möchte man seine Hand
+nehmen und ihn versichern, daß man glücklich ist. Aber du schläfst ja?“
+
+„Nein, ich bin nur sehr müde.“
+
+Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker
+war sehr liebenswürdig gegen Familie Estrich. Er küßte seine künftige
+Schwiegermutter auf die Stirn, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der
+Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen Lieder zur Guitarre,
+Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um
+seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht
+plötzlich finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn,
+sprach zu sich selbst und lachte kurz auf.
+
+Er suchte ein Café auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat,
+erhielt sein Gesicht wieder den gleichmäßigen, aufmerksamen und
+übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte Erich Bojesen, den Lehrer, und
+setzte sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und
+erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann,
+deren Verlauf er soeben beigewohnt hätte. „Also wie geht es Ihnen,
+lieber Bojesen?“ fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. „Gut?“
+
+„Ja. Sie sind sehr aufgelegt, scheint mir.“
+
+„Sehr aufgelegt, das ist wahr; man kann schon sagen froh.“ Er lachte
+herzlich, denn er hielt dafür, daß dies „man kann schon sagen“ eine
+witzige Wendung sei. „Aber Ihnen? Sie sind immer allein. Ich habe Sie
+noch nicht anders als allein gesehen.“
+
+„Nun, das ist so Gelehrten-Art,“ erwiderte Bojesen mit einer sanften
+Selbstironie. „Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier,
+sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und
+Verkommenes daran; etwas gänzlich, wie soll ich sagen, Zerstörtes, nein
+Stillstehendes, Sumpfiges.“
+
+Es war unbegreiflich, aber eine Thatsache, daß alle Menschen mit denen
+Gudstikker in Berührung kam, ihm alsbald ihr Herz eröffneten und sich
+mitteilten wie Kinder.
+
+„Kein Wunder,“ sagte Gudstikker, „wie leben wir auch. Wir haben ja gar
+kein Nationalgefühl mehr. Man kann nicht sagen, daß hier die Juden in
+der Herrschaft sind, nein, man kann es nur rätselhaft finden, wenn man
+einen Christen findet in der ganzen Provinz, ich meine einen anständig
+gekleideten, der den Kopf auf eigene Rechnung zu tragen wagt.“
+
+„Ach, das meine ich eigentlich nicht,“ entgegnete Bojesen leicht
+errötend. „Es ist freilich ein Kardinalthema. Die Juden bringen ja das
+ganze geistige Leben in eine wogende Bewegung. Überall sind sie
+gleichsam die Kohlensäure des öffentlichen Lebens, wenn der Vergleich
+geht (er lächelte). Sehen Sie doch um sich, die ganze Presse liegt in
+ihren Händen; ich will nicht erörtern, ob das ein Unglück ist oder
+nicht. Natürlich haben sie auch den Handel inne, aber, was die
+Hauptsache ist, auch die Litteratur. Alles andere ist kein Unglück,
+sehen Sie. Die Presse bedarf des jüdischen Geistes, ja, da mögen Sie den
+Kopf schütteln, sie braucht diese scharfen, eindringlichen Reagentien,
+dieser Gewandtheit und Schlüpfrigkeit, mit einem Wort, der Kohlensäure.
+Der Handel, – nun, wo ist die Quelle des großen industriellen
+Aufschwungs, der großen Kapitalswerke? Davon will ich gar nicht reden.
+Aber die Kunst, sehen Sie, das ist ein schmerzliches Thema.“
+
+„Ich verstehe. Sie haben Recht; sie machen uns zu vielseitig.“
+
+„Vielleicht. Aber das ist es nicht. O, wie viel habe ich nachgedacht
+darüber.“ Der Ton des jungen Lehrers wurde plötzlich innig. „Nein, das
+ist es nicht. Sehen Sie sich um, früher hatten die Juden genug zu thun,
+sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Aber nun nahmen sie
+Teil an der reichen und feinen Kultur, die sie selbst mitschaffen
+halfen, und infolgedessen wuchsen sie in die Kunst hinein. Es war eine
+notwendige, unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische
+Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Was sie schaffen,
+wohlverstanden, ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten,
+das ist keine Frage mehr; das hat auch mit der Kunst, wie ich sie meine,
+nichts zu thun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler,
+echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zu
+Grunde. Sehen Sie, das sag ich Ihnen aus meiner Seele heraus: sie
+richten uns zu Grunde. Alles was wir erworben haben, lang und mühselig,
+damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das _haben_ sie
+und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe
+Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben
+keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es
+liegt, daß sie uns überall das Brot wegnehmen: sie haben keine Tiefe.
+Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine
+Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Urteilen Sie
+selbst, welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm
+krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an
+Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und
+die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist alles, was ich sagen kann, und
+das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem
+Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine
+neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät giebt und mit
+grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre
+Ihnen, mein Lieber, das ist eines von diesen Dingen, die das Schicksal
+und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die
+„Judenfrage“, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müssen die Juden
+fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache, arm
+und still! Religion! Was kann uns das heute sein! Nichts. Sie sollen
+sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über
+sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr
+Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien oder wo.
+Nicht bei uns mehr! Nein, nicht bei uns! Sonst geht der Verfall weiter
+und weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das
+Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre,
+abgesehen davon, daß es gar nicht gekommen wäre und die germanischen
+Völker sich einen Gott nach _ihrem_ Blut geschaffen hätten.“
+
+Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und vermochte nichts
+zu sagen. Bojesen lächelte schwermütig. „Aber ich bin ganz abgeschweift
+von meinem Thema,“ bemerkte er mit einer Miene, die gleichsam um
+Verzeihung bat, für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. „Ich
+meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses
+und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker
+oder zum zufriedenen Dummkopf. Und man kann nicht Einfluß haben auf die
+Jugend, nein, das ist unmöglich, sehen Sie. Es klingt erstaunlich, aber
+es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine
+Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man
+macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch
+davon darf ich gar nicht reden.“
+
+„Sie haben wohl viel Schlimmes hinter sich?“ fragte Gudstikker, der sich
+völlig bewußt war, eine banale Frage zu thun. Aber er empfand deutlich,
+daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich
+förmlich betäubte durch das Mitteilenkönnen, und daß er sich jedem
+Fremden ebenso eröffnet hätte.
+
+„Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich. Es ist eigentlich zu gewöhnlich,
+um viel Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich
+enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Nun,
+dann hat mich die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer
+geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber da traf mich das Unglück, daß
+ich mich verliebte. Und jetzt kann ich gern den Bankrott meines Lebens
+erklären. Die Frauen wollen nicht mitthun, wenn der Mann nach den
+Sternen klettert. Die Toilette kann ja dabei Schaden leiden.“
+
+Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum
+leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, die Lichter wurden zum
+Teil verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten seltsam heraus aus den
+dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien
+stillzustehn.
+
+„Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,“ begann Lehrer
+Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, „und nicht daheim bei dieser Frau,
+in die ich mich verliebt habe –? Nicht wahr, Sie wundern sich? Jeden
+Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen
+ich Audienz gebe. Dann mögen sie zusehen, was sie anfangen. Aber ich
+weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die
+wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten
+sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben,
+vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann! Ach sagen Sie mir, lieber
+Freund, was soll man thun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung
+ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper?
+Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die
+schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber
+vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch
+eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man thun mit
+einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird uns
+zum Stein!“
+
+Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.
+
+„Ja,“ fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich
+selbst zu zerfleischen, fort, „wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen
+niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren Freundschaft
+man da angewiesen ist! Davon will ich schon gar nicht reden. Nein,
+lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen _Sie_ mir etwas. Ich werde
+Ihnen dankbar dafür sein.“
+
+Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen
+bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie
+alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, so daß das Bewußtsein eines
+Zieles dabei sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei
+keinem Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit
+oder Hindernisrennen betrachten. „Aber das kommt von oben und geht durch
+bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt,
+der ist gebrandmarkt. Drei Stützen hat die Schule heutzutage: Religion,
+Patriotismus und Strafzettel. Nun malen Sie sich das aus.“
+
+Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel
+auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker und ging heim,
+– in dasselbe Haus, das er nie mehr hatte betreten wollen.
+
+Bojesen empfand jenes Grauen vor den eignen vier Wänden, das den
+energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache
+seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich,
+der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen
+festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element.
+Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein,
+er hatte eine jener Stimmungen, in denen man ganz einsam zu sein glaubt
+auf dem Erdball. In einem bergigen Viertel am Fluß kam Bojesen an ein
+Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten: „Zum siebenten Himmel“
+geschmückt waren. An der Thüre hing ein pomphaftes Plakat, das halb
+zerfetzt war vom Wind.
+
+Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts.
+Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann
+sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem
+verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken
+und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie
+auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische standen die
+Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine sehr verblühte
+Dame brachte Bojesen das Verlangte. Sie fand sich veranlaßt, zu
+erklären, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das
+Publikum sich schlecht betragen habe. Eine Dienstmagd, drei Soldaten,
+ein Fuhrmann und ein Schauspieler aus Preußen seien hinausgeworfen
+worden. Bojesen lachte leise, fast lautlos. Er sah in die Höhe, in
+irgend eine sonnige Ferne und murmelte: „Geliebt und verloren.“ Er
+dachte, wenn einer der ehrwürdigen Kollegen ihn hier sähe, wäre noch
+mehr verloren. So saß er vielleicht eine Stunde lang, ohne sich zu
+rühren, ohne etwas Planhaftes zu denken. Da schob sich der Vorhang des
+Podiums zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten
+Schultern guckte heraus. Dieses Gesicht war leuchtend bleich, mit einer
+niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer,
+mit einem trotzigen Mund. „Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!“ rief
+eine Stimme im Hintergrund, eine heisere, aber jugendliche Stimme.
+Bojesen blickte hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte
+lächelnd zurück, sah Bojesen flüchtig an und verschwand. Bojesen vergaß
+niemals den Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn
+angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er thun oder denken
+sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück,
+und sah eine sehr armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Coulissen an
+der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als
+er auf sie zukam. „Sie wollen wohl spionieren? O ich fürchte mich nicht.
+Thun Sie es nur. Sie sehen auch nicht aus, als ob Sie verstünden,
+weshalb Sie in der Welt herumlaufen. Nun, weshalb kommen Sie? Ich kenne
+zwar Ihren Namen nicht, aber Ihr Gesicht, – hierzuland giebt es nur zwei
+Arten von Gesichtern, müde und stupide. Nun, was wollen Sie?“
+
+„Es lebe die Anarchie!“ rief die exaltierte Stimme wieder. „Morgenröte!
+Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der
+kommende Messias der Freude!“
+
+„Hören Sie? Das ist der Glühende,“ sagte Luisina, Bojesen zunickend.
+„Hat es nicht etwas Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte,
+dies Lachen hatte etwas Schrilles, wie wenn Glasscheiben klirren. Sie
+bog sich dabei vor, und blieb so lange gebeugt, als sie lachte. Dann
+wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. „Ja“, sagte sie
+mit dem Wesen einer Frau, die ihre Worte fast als zu wertvoll erachtet,
+um gesprochen zu werden, „ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten. Ich
+lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene
+Thaler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will, zu lieben, wenn
+ich will und wen ich will, aber das ist unmoralisch. Ist es nicht
+unmoralisch, Sie gelehrter Herr? Sie sehen nämlich aus wie ein Pfund
+Zahlen.“
+
+„Ich bin der tanzende Stern des Chaos!“ erschallte die Stimme des
+Glühenden, und eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.
+
+Bojesen hatte sich an eine Coulisse gelehnt und sah sie mit
+halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. „Glauben Sie an Zufälle?“ fragte
+er endlich. „Nun, ich bin hier hereingekommen, mit dem Bewußtsein, daß
+ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Nein, ich kenne Sie
+nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte
+ich einen andern Rahmen für dies Bild. Denn es ist ein Bild, – nun ja,
+was sag ich, Sie spotten meiner. Mit Recht.“
+
+„Ach!“ Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen
+war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen mit Angst
+auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu,
+lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den
+seinen und sagte: „Kommen Sie, um den müden Mann zu spielen? Auf diesem
+Theater, wo man nur tanzt und lacht und singt? Wo man eure Welt vergißt?
+Schlecht haben Sie die Zeit gewählt, Verehrtester; ich empfehle mich
+gehorsamst.“ Damit ging sie graziös und schnell.
+
+Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor
+gleichsam sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den
+Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte
+nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten
+Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? Was rauscht es
+leise, was schlägt es an den steinernen Pfeiler?
+
+ Es fließt der Fluß und stehet nicht
+ Und Gott ist und vergehet nicht
+
+murmelte er vor sich hin. Er suchte ein Gasthaus auf, irgend ein kleines
+in einer kleinen Gasse, wo er in einem harten Bett, in einer feuchten
+Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von irgend einem Bild
+gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig
+zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von
+Fenster.
+
+Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau
+daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er
+ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte
+und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.
+
+Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es
+still, und die Schüler erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch
+aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen
+Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel,
+Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts
+kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte
+ernst: „Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen
+Sie in einer Stunde aufs Rektorat.“ Gnädig nickend verschwand er.
+
+Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch
+herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer.
+Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was
+soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die
+Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen
+aufeinander loszustürzen, schienen besinnungslos hinzutaumeln, dann
+schien ein H oder ein I plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten,
+aber nichts konnte die allgemeine Flucht und Verwirrung hemmen. Bojesen
+las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann errötend, dann
+erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in
+die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers
+noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare
+und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden
+hatte.
+
+Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Thor zum Leben
+aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig.
+Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die
+Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu
+lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der
+Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der
+Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll
+entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet
+uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir
+vielleicht was wir werden _sollen_, aber das ist kein Beruf. Die Schule
+speichert nur Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in
+unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben.
+Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr Schuld und ich
+muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der
+Schüler und bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir wie
+Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht immerfort fressen
+wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu
+lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren
+Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie ein
+Mensch. Alles was ihr sagt, ist euch so leblos geworden wie ein Brett,
+weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns
+herunter von einem Turm, daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um
+uns über das Allerwichtigste im Leben aufzuklären? Warum eröffnet ihr
+uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum thut das die Schule nicht,
+trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die
+Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie lauter Schmutz daraus und
+kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen
+sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige
+Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine
+Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist
+ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht
+denken darf, ohne ganz verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer
+nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf
+eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können
+eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr Schuld mit
+eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch
+und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er
+dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Thut mit mir, was
+ihr wollt, es ist mir gleich. Was ich geschrieben habe, mußte ich
+schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im
+Innern hat mir befohlen.
+
+Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war
+etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen
+großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er
+den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im
+Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu
+entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an
+das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von
+Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die
+mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von
+Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja er sah es mit seinen
+eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette
+gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten
+am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war
+keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, _diese_ Jugend da mit
+den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem cynischen,
+brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und
+dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er
+sah es selbst.
+
+Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt,
+allein. Als jener den Lehrer gewahrte, wandte er sich und ging langsam
+in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm, (der Saal war leer) und machte
+die Thüre zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die
+Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons
+Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über
+Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder
+nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch,
+grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht
+lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück
+verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner
+Hand zu bedeuten hatte.
+
+Eine Viertelstunde später wurde Agathon zum Rektor gerufen.
+
+
+ Achtes Kapitel
+
+Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen, fünfeckigen Raum versammelt.
+Alle hatten ein ernstes und feierliches Gesicht, und ihr Wesen war das
+von Leuten, die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung völlig bewußt
+sind. Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder mit vorwurfsvollen
+oder mit hochmütigen oder mit verwunderten Augen. Der jüdische Kantor
+Kronacher machte ein so finsteres und empörtes Gesicht, daß man ihn gar
+nicht ansehen konnte, ohne sich als Verbrecher zu fühlen.
+
+Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den
+kalten, grausamen Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons. „Wie
+sind Sie dazu gekommen, Geyer, diesen äh, – sagen wir impertinenten
+Artikel zu schreiben, dieses Pamphlet, wenn ich mich so ausdrücken
+darf?“
+
+Der Kantor wollte reden, doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit
+erhöhter Stimme fort: „Ich frage, wie Sie dazu gekommen sind, die
+schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu
+verletzen? Ich glaube, meine Herren, wir haben hier einen Fall von
+geradezu typischer Bosheit vor uns. Dieser junge Mensch, der da vor
+Ihnen steht, befindet sich auf einer Bahn, die dahin führt, wohin sie
+führen muß. Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau,
+auf dem unsere Schuljugend steht, und ich sage Ihnen, in einem solchen
+Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden; ein solcher
+Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden.“
+
+Der Rektor hatte sich erhoben; seine schmetternde Stimme ließ den Raum
+erbeben; Agathon war es, als dringe sie durch Mauern, in alle Häuser der
+Stadt.
+
+Wiederum wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu,
+zu schweigen. Er selbst fuhr fort: „Ich gestehe, daß mir ein ähnlicher
+Fall von sittlicher Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist,
+und, hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt, auch nicht mehr vorkommen
+wird. Geyer, wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt?“
+
+„Gestern, Herr Rektor.“
+
+„Lauter!“
+
+Agathon schwieg.
+
+„Lauter.“
+
+„Gestern. Ich habe es laut gesagt, Herr Rektor.“
+
+„Gemeinheit!“ murmelte Doktor Rosenblatt.
+
+„In welcher Absicht?“ fragte der Rektor, fast berstend vor Wut.
+
+„In der Absicht, die Schüler glücklicher zu machen, besser.“
+
+„Das ist eine infame Lüge!“ Der Rektor schrie wie außer sich.
+
+„Es ist wahr,“ erwiderte Agathon ruhig.
+
+„Kreatur!“ knirschte der Rektor, in dessen Mund das Wort eine wahrhaft
+zermalmende Bedeutung hatte.
+
+Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen. Er trat vor, kreuzte
+die Arme über der Brust, beugte sich zurück und den Oberkörper beständig
+schaukelnd, sagte er mit scharfer, salbungsvoller Stimme: „Wer bist du?
+Hast du den Namen des Herrn Zebaoth vergessen? Hast du die Ehre deines
+frommen Vaters vergessen? Bist du beschnitten zum Zeichen des Bundes,
+oder bist du’s nicht? Bist du dir nicht selbst zur Last? Bist du Jude
+oder bist du’s nicht? Ich habe gesprochen, Amen.“ Somit trat er wieder
+auf seinen Platz, nahm seine Dose und schnupfte bedachtsam und
+befriedigt.
+
+„Nein, ich bin kein Jude mehr,“ sagte Agathon mit seltsamem Lächeln,
+ohne die klare Ruhe zu verlieren, die ihn bis jetzt erfüllt hatte. Die
+Lehrer sahen auf: bestürzt und kopfschüttelnd. Bojesens Gesicht war weit
+niedergebeugt. Er hatte sich gesetzt; die blassen, schmalen Hände lagen
+regungslos auf den Knieen.
+
+„Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und
+Gefährlichkeit, meine Herren,“ sagte der Rektor verächtlich. „Der Fall
+ist ganz e–xem–plarisch zu behandeln. Geyer kann abtreten.“
+
+Agathon ging. Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank
+auf die Treppe. Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum, wo
+man Gericht über ihn hielt, – Bojesens Stimme. Lange redete diese
+Stimme, bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing, wilder als ihn
+Agathon je gehört. Gleich darauf öffnete sich die Thüre und Bojesen kam
+allein heraus. Er sah Agathon und bedeutete ihm, daß er ihm folge.
+
+Als sie im Privatlaboratorium des Chemikers angelangt waren, verschloß
+Bojesen die Thüre. „Ich verstehe das, was Sie geschrieben haben,“ sagte
+er etwas gequält, „ich verstehe es vollkommen. Ich möchte nur wissen,
+wie Sie dazu gekommen sind?“
+
+Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror. Er blickte ins
+Kohlenfeuer, wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten
+Glut. Dann fing er fast willenlos an zu sprechen, nicht ohne Furcht vor
+den eigenen Worten: „Ich weiß eigentlich wirklich nicht. Aber es ist
+schon lange her, daß ich daran dachte. Ich dachte auch immer, viele
+Menschen könnten leicht zu dem gelangen, was ihnen zum Glück fehlt. Ich
+habe nie die jüdische Religion geliebt. Oft war mir, als müsse ich allen
+Juden ein Wort sagen, das sie befreien könnte. Aber das war alles viel
+mehr wie ein Traum, bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam.“
+
+„Und was war das?“
+
+„Mein Vater fürchtete ihn so, daß er schon zitterte, wenn er seinen
+Namen hörte. Und alle Juden. Er kam mir vor, wie alles Böse zusammen,
+was den Juden jemals in diesem Land widerfahren ist. Er hatte einen
+Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn. Als
+wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren, kam er in einem
+anderen Boot und stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins
+Wasser. Da dachte ich mir schon, es könne keine Sünde sein, ihn zu
+töten. Es wäre auch keine Sünde gewesen, den Nero zu töten. Abends
+mißhandelte er den Lämelche Erdmann, da ging ich hin und spie ihm ins
+Gesicht. Er schleppte mich in sein Zimmer, zog mich nackt aus, nahm
+Stricke und band mich an ein schwarzes Kreuz an der Wand, neben dem
+Jesus Christus hing. Dann schlug er mich und fügte mir Wunden zu, daß
+ich fühlte, wie mein Blut floß. Alles das sag ich nur Ihnen, weil ich
+weiß, daß Sie sehr verschwiegen sind und es tief in Ihre Seele
+schließen.“
+
+Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit
+aufgerissenen Augen zu. Agathon fuhr fort, ohne die Hände vom Gesicht zu
+nehmen. „Da sagte ich zu ihm: Sürich Sperling, das ist Ihr Tod. Da
+lachte er und sagte: „sprich, du Aas, habt ihr nicht den Heiland
+gekreuzigt? Das ist eure Schuld. Deswegen sind wir lauter Schnapssäufer,
+weil er Mönche aus uns gemacht hat, Jesus von Nazareth. Er hat einen
+großen Sarg aus der Welt gemacht. Merk dir’s. Da ist meine Seele, da ist
+Sürich Sperlings Seele, da liegt sie. Stecht hinein Jud oder Christ.“ So
+sagte er, dann kam etwas, das will ich nie vergessen.
+
+„Er nimmt eine Schüssel, dahinein hat er mein Blut fließen lassen,
+stellt sie zu Füßen des Heilands hin und sagt: „Da hast du dein Blut
+wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ Da geht die Thür auf und Lämelche
+Erdmann kommt herein, setzt sich und lächelt und nickt. Er hat ein ganz
+anderes Gesicht als sonst. „O, Sürich Sperling,“ sagt er, „das ist eine
+Handlung voll Bedeutung, denn von jetzt an sind die Juden frei. Nimmer
+die Milde wird regieren, sondern die Kraft. Wir werden hassen unsere
+Feinde, hassen, hassen! Der ewige Jud ist jetzt erlöst und du, Sürich
+Sperling, wirst werden der ewige Christ. Denn die Welt wird neu. Sie
+wird sich häuten gleich einer Schlange, so wahr ich Lämelche heiß. Dann
+wirst du sein der ewige Christ. Und du wirst sein verurteilt, zu trinken
+all das Blut, was geflossen ist durch christliche Feindesliebe.“ So
+sagte Lämelche; jedes Wort ist wie eingebrannt in meinem Gedächtnis.
+Dann lachte er und band mich los und Sürich Sperling saß auf dem
+Bettrand wie aus Stein. So war es.“
+
+Bojesen sah lange Zeit auf die Straße, wo die Menschen gingen, einzeln
+oder zu zweien und mit Schirmen, denn es begann zu regnen. Ihm kam alles
+unwirklich vor; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei, der
+Traum eines Traumes in uns selbst, wobei man nah ist, zu erwachen, es
+wünscht oder fürchtet. Er ging hin, nahm Agathons Kopf zwischen beide
+Hände, richtete ihn mit einem Ruck empor, schaute ihm in die Augen und
+machte die Wahrnehmung, daß es die seltsamsten Augen waren, die er je
+gesehen: schwarz und tief, von einem mühlos lodernden, und doch
+verhaltenen Feuer, voll von der Gabe der Vision. Wenn sie ihn
+anblickten, war es, als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend
+zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne.
+Dann stand Agathon auf (er war etwas größer als Bojesen), und sein
+Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt. Er deutete vor sich
+hin, sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden.
+
+„Was haben Sie denn?“ fragte Bojesen bestürzt.
+
+„Haben Sie nicht gesehen? Christus ging durch das Zimmer. Er winkte mir
+zu. Er hat Abschied von mir genommen. Adieu, Herr Bojesen.“
+
+Als er fort war, ging der junge Lehrer erregt auf und ab.
+
+Agathon wollte das Schulhaus verlassen und geriet in den Tumult der
+Schüler; der Unterricht war eben zu Ende. Im Nu war er umringt,
+Jubelrufe tönten ihm zu, hundert Hände streckten sich ihm entgegen,
+viele riefen: hoch Geyer! manche wollten ihn tragen und durch die Gassen
+im Triumphzug schleppen. Er sah begeisterte, leuchtende Augen und selbst
+die Blödesten und Hinterlistigsten wurden plötzlich ganz andere
+Menschen. Mit vieler Mühe gelang es Agathon, sich loszumachen, und er
+war verwundert über die Knaben.
+
+Dann irrte er planlos durch die Gassen und kam endlich an den Palast des
+Baron Löwengard. Hausflur und Vestibül waren voll von Menschen, die sich
+aufgeregt gebärdeten, bleich waren und Aller Erregung hatte offenbar ein
+und dieselbe Ursache. Auch vor dem Haus stand eine Menge von Gaffenden,
+darunter viele Arbeiter mit drohender Miene. Agathon ging hinauf, fand
+den Gesellschaftssaal angefüllt mit schreienden Leuten, ging in die
+Küche, aber die Küche war leer und der Herd kalt. Im oberen Stockwerk
+war niemand zu sehen. Ungehindert konnte er durch alle Thüren, durch
+alle Räume wandern, aber diese Räume in ihrer schweren Pracht schienen
+ein Unglück zu verkünden, das rasch ihre Ordnung stören, ihren Frieden
+vernichten würde.
+
+Bald machte er sich auf den Heimweg, ohne daß er all diese Dinge eines
+besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte. Sie bereicherten nur seine Seele
+um das wunderliche Gefühl, daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging
+und er selbst sei die Ursache und sei berufen, die Umwandlung
+herbeizuführen. Während des ganzen Weges, vorbei am Wald und an den
+Feldern hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem,
+Angenehmem, und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte,
+schritt er gegen das Dorf hinab. Wirklich stand Monika Olifat am Weg und
+begrüßte ihn, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte. „Wie geht es
+dir, Agathon? Ach, warum bist du denn fortgerannt neulich? Du bist so
+eigen; dich kann ich gar nicht verstehen, Agathon. Wie das lautet:
+Agathon!“ sagte sie nachdenklich, lächelte kindlich froh und sah ihm in
+die Augen.
+
+„Es ist ein griechischer Name und bedeutet: der Gute,“ entgegnete
+Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln.
+
+„Bist du denn auch gut?“
+
+„Nein. Ich weiß es jedenfalls nicht. Niemand kann es von sich wissen und
+wer es weiß, ist es nicht mehr.“
+
+„Es nützt auch nichts, gut in der Welt zu sein,“ erwiderte das Mädchen,
+so klug es immer konnte. „Ich muß dir erzählen, erstens, daß ich eine
+neue Freundin habe, Käthe Estrich. Sie ist hübsch und sanft; ihre Eltern
+ziehen hierher. Sie haben die Ziegelei, hörst du die Maschinen rollen?
+Alles ist schon wieder in Gang.“
+
+„Zweitens?“
+
+„Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten. Er ist ein
+schöner Mann.“
+
+„Stefan Gudstikker?“
+
+„Du kennst ihn? Er hat mich erschreckt durch sein Wesen. Er hat mir ein
+Gedicht gezeigt, das er gemacht hat. Eine Stelle weiß ich noch:
+
+ Es ist so still, daß alle Wandrer staunen.
+ Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet,
+ Hört man die Elfen und die Blumen raunen.
+ Die Wünsche schlafen und kein Feuer glühet,
+ Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen;
+ Die Welle ruht im Strom, kein Vogel fliehet.“
+
+„Das ist schön!“ rief Agathon aus, blieb stehen und erblaßte. „Du hast
+es gelernt?“
+
+„Nein, ich hab es so behalten. Aber ich fürchte mich vor ihm.“
+
+„Weshalb fürchten?“
+
+„Ach Agathon, ich mag dich so gern leiden,“ sagte Monika erglühend. „Du
+bist so still und so gut, und alles, was du sagst, ist so warm! Ich
+glaube, dich könnte ich nicht weinen sehen.“
+
+„Ich hab auch noch nie geweint,“ erwiderte Agathon, den Kopf senkend.
+
+Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie. Dann gingen sie weiter wie
+zwei Schlafwandler, bis sie sich trennten.
+
+Auch im Dorf sah Agathon viele erregte, finstere, zornige Gesichter. Er
+wurde unruhig. Als er die Schwelle des Hauses überschritt, überfiel ihn
+ein stechender Schrecken; er sah jene Frau im Flur stehen, die ihm
+einige Zeit hindurch allmorgendlich begegnet war. Da er sie fassungslos
+anstarrte, klärte sie ihn auf: „Ich bin zur Pflege Ihrer Mutter da,
+junger Herr. Sie ist sehr krank. Sei ruhig, Sema!“ herrschte sie den
+Knaben an, der zu ihr reden wollte. Spöttisch lächelnd zog sie, Frau
+Hellmut, ihren Knaben hinter sich in die Küche.
+
+Als Agathon ins Zimmer kam, sah er zunächst seine beiden Geschwister,
+die wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten. Elkan
+Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin. Bisweilen erwachte er wie
+aus einer Betäubung und rang stumm die Hände. Enoch saß schweigend am
+Ofen. Agathon wollte nicht fragen. Voll Besorgnis schritt er die Stufen
+hinauf, die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter
+allein. Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war von einem grauenhaften
+Gelb. Sie lächelte so matt und gezwungen, daß Agathon nach einer
+geflüsterten Frage, die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer
+Augenlider beantwortete, wieder hinausging.
+
+Mit einer blauen Schürze, mit schmutzigen Händen kam Bärman Schrot, –
+geradewegs von seinem Acker. Er deutete mit ängstlichen Bewegungen
+hinter sich: der Schuster Garneelen, sowie der Schmied folgten ihm auf
+dem Fuß. Sie kamen herein, der Schmied mit einem Hammer, der Schuster
+mit aufgestreiften Ärmeln, beide mit Gesichtern, die wie von Trunkenheit
+gerötet waren, und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines
+Stuhls, daß sie krachend brach. Mit schrillen Schreien flüchteten die
+zwei Kinder in das Zimmer der Mutter, und gleich darauf erschien Frau
+Jette selbst im Bettgewand auf der Schwelle, einer Leiche gleich und
+mußte sich am Pfosten aufrecht halten. Der Schuster schrie von seinen
+Ersparnissen, die ihm gestohlen seien, und er werde dafür sorgen, daß in
+drei Tagen kein Jud mehr im Dorf sei, dafür werde er sorgen, man könne
+sich darauf verlassen. Er würgte die Worte nur so hervor. Der Schmied
+heulte mehr, als er redete, schlug mit dem Hammer blind um sich, wollte
+seine zweitausend Mark haben, oder er haue das Haus zusammen vom Dach
+bis zum Keller. Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an, ihm
+nicht, das sei wahr. So schrien sie beide. Auf der Gasse sammelten sich
+die Menschen, drückten die Gesichter an die Fensterscheiben, drängten
+sich in den Flur, standen unter der Thüre, und endlich entschlossen sich
+ein paar ältere Männer, den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und
+durch Übermacht hinauszuschieben. Sie thaten es jedoch sichtlich mit
+Widerwillen, nur aus einem gewissen Mitleid mit dem entsetzlichen Bild
+dieser Frau, die steif und regungslos an der Schwelle ihres
+Krankenzimmers stand, hinter sich zwei bleiche, zitternde Kinder.
+
+Als der Raum wieder leer von Menschen war, versperrte Agathon die Thür
+und sah seinen Vater prüfend an, der ganz in sich zusammengesunken, mit
+blauen Lippen auf jener Ruine von Stuhl hockte und ein Gebet murmelte.
+Enoch Karkau sagte nichts; seine Züge waren unbewegt. Er ging hinauf,
+brachte seine Tochter ins Bett zurück, puffte die Kinder die Stufen
+hinunter und stellte sich dann wieder mit dem Rücken gegen den Ofen.
+
+Es klopfte an die Thüre, erst leiser, dann stärker. Agathon fragte, wer
+da sei; Gedalja sei da. Dann ging Agathon hinaus, schloß den Laden ab,
+rief der Magd, sie solle den Arzt zur Mutter holen. Aber die Stimme der
+Frau Hellmut, die sich mit Kathrin eingeschlossen hatte, antwortete, sie
+mache nicht auf. Sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen
+Zuständen. Nach einigem Verhandeln war sie indes doch zu bewegen.
+
+„Ich habs vorausgesehen,“ sagte Gedalja, beständig nickend, während er
+redete. „Werd ihn Gott beglücken dafor. Sin user fufzig Leit im Dorf,
+die so um all ihr Geld kommen, Juden un Gojim. Werd wachsen das Risches,
+daß mer nit habn e friedliche Stund. Mich dauert nor sei Kind, nebbich.
+Is as wie e Rose zwischen die Dorner, die sticht sich stets un bleibt
+dennoch in ihrer Farb. Elkan, du dauerst mich aach. Hast dich
+abgeschunden ’s ganze Leben, hast gesammelt en übrigen Heller für die
+Kinder un jetz is es weg. Du bist der beste Mensch, den ich kenn, aber
+Mark haste kaans in die Knochen. Da sitzte jetz un starrst. Zu was? Bin
+ich worn gestraft un hab verloren alles, was der Mensch nötig hat for
+sein Alter. Sitz ich da un starr? Ball is es aus, das Töpfche Leben,
+ausgeleert un ausgeschütt, nachher gitts nix mehr zum Starren.“
+
+Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber. Alle
+erschraken. „Enoch Karkau!“ rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen
+nicht von dem Papier in seiner Hand. Ein Todesschweigen folgte, worauf
+der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas.
+Pavlovsky war noch nicht zu Ende, als Elkan Geyer von seinem Sitz auf
+die Erde sank und, wie ein Wurm sich windend, hilflos zu schluchzen
+begann. Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab. Seine
+Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu
+heulen; Frau Hellmut kam in diesem Augenblick herein und schrie laut
+auf, Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige
+Sekunden förmlich gebrochen. „Mutter“, murmelte Agathon verstört, als er
+vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm. Er sah hinaus
+auf die Gasse, wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht; er sah den
+grauen, wolkenvollen Himmel und die Häuser, die unbeweglich standen und
+wunderte sich, daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herrlichkeit
+bot. Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben;
+der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und
+Menschen mit großen, verwunderten, wässerigen Augen.
+
+Gedalja, der sich zusammengekrümmt hatte, daß sein Kinn die Kniee
+berührte, richtete sich plötzlich straff empor und rief: „Hab ichs nicht
+gesehen kommen? Elkan, hab ichs nicht gesagt zum voraus? Hab ich nicht
+gesagt, der Zugrundrichter werd kommen über ihn? Nu is geschändet die
+Kille un Haus un Hof; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner
+Gutthat, Enoch. Was is Vernunft, daß se könnt bestehn vorm schlechten
+Gemüt? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d’r habn deine grauen Haare
+gegeben un mußt hinwandeln in Nefehre, in Sünd und Schand. O Enoch,
+Enoch, hättste gehabt Erbarmen mit Andere, hätteste aach gehabt Erbarmen
+mit dir selber.“
+
+Der Gendarm führte Enoch ab. Agathon sah, daß er keine Miene verzog.
+Etwas Starkes lag in seinem Wesen, das die Furcht nicht kannte.
+
+Die Dämmerung brach herein. Agathon mochte nicht zu bleiben. Er ging auf
+die Straße und wollte gegen den Wald hinauf, als er Gudstikker
+begegnete. Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm
+einen Brief, mit der stummen Aufforderung, ihn zu lesen. Agathon
+erbleichte und legte die Hand vor die Augen: das hatte er schon irgend
+einmal erlebt, daß ihm dieser Mann einen Brief gab, vielleicht in einem
+vergangenen Leben ... Oder war es ein Traum?
+
+Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim rötlichen Schein
+des armseligen Lichtes: „Mein Liebster, das kann ich nicht, was du von
+mir forderst. Ich bin keine freie Frau, kein freies Mädchen. Ich bin
+nicht geboren, daß ich so hoch fliegen kann, bis zu dir. Aber meine
+Liebe ist in mir und will nicht vergessen, dich nie vergessen. Doch muß
+ich dich lassen, denn ich kann nicht, was du willst. Ich weiß nicht,
+welches Leben noch vor mir liegt, aber kann es nicht sein, daß das Kind,
+dessen Seele noch in meinem Leib schläft, mich deshalb anklagen würde?
+Das ist wahr und drum Adieu. Glaube mir. Deine Jette Pohl.“
+
+Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten. Dann zuckte er
+zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte: „Meine Mutter?“
+
+Gudstikker nickte und erwiderte: „An meinen Vater.“
+
+„Und warum zeigen Sie mir das!“ rief Agathon voll Kummer.
+
+„Warum? Das weiß ich selbst nicht. Ich mußte wohl. Jetzt können Sie
+sehen, wie das Leben ist. Wie ein Schauspiel geht alles. Ein Kobold hält
+uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen, als er will.“
+
+Agathon hörte das nicht. Er sah verloren in die breite Mauer der
+aufgeschichteten Ziegelsteine, die sich für seine Blicke öffnete wie ein
+Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ. Das war seine
+Mutter! Und wozu hatte sie das Leben gemacht! Hatte seine Mutter das
+empfinden können? Und wo war es nun hingeschwunden, das alles, wohin? Er
+begriff es nicht.
+
+„Ich weiß was Sie denken,“ sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an
+banalen Weisheiten fort: „Es giebt nur zwei Wege für einen Menschen, –
+in die Berge, oder ins Thal. Droben ist er allein, im Thal wird er
+gewöhnlich. Ach das ist auch falsch. Worte! Ich bin jetzt
+Ziegeleiverwalter, Aufseher oder dergleichen.“ Er lachte bissig. „Wissen
+Sie, daß die Untersuchung über den Mord vorerst eingestellt ist? Man hat
+absolut keine Spur. Ja, die Herren da oben sind schlau. Einmal hatten
+sie sogar den armen Lämelche Erdmann in Verdacht. Dann auch Ihren
+Vater.“
+
+„Was –?“
+
+„Ja. Das ist nicht minder komisch. Er ist sogar verhört worden. Wissen
+Sie das nicht? Irgendwer hat mir gesagt, daß er seitdem von Furcht
+gepeinigt würde. Er ängstigt sich vor allen Gedanken, die er früher
+einmal gegen Sürich Sperling hatte.“
+
+„Mein Vater? Das sagen Sie wirklich? Und das ist wahr?“
+
+„Wahr.“
+
+„Nein nein, das ist nicht möglich.“
+
+„Weshalb regen Sie sich auf? Ich kenne da einen Fall, er ist ziemlich
+sonderbar. In einer Familie kam ein Ring abhanden. Ich kenne die
+Familie, es sind Juden. Ein Verwandter, den ich auch kenne, Edward
+Nieberding, war zu Gast. Als nun alle den goldnen Ring suchten, wurde
+Nieberding völlig gelähmt. Denn er war vorher allein in jenem Zimmer
+gewesen, wo der Ring gelegen war. Beachten Sie wohl, es konnte nicht der
+Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen, er ist ja selbst ein reicher
+Mensch, aber er suchte gar nicht mit, damit man nicht glaube, er suche
+nur deshalb, um zu zeigen, daß er den Ring nicht habe. Er wähnte sich
+beargwohnt, und er bildete sich schließlich so fest ein, jeder vermute
+ihn als den Dieb, daß er fürchtete, man könne den Ring in seiner Tasche
+finden, wenn man ihn nur durchsuchte. Er hat mir später alles erzählt.
+Schließlich ergab es sich, daß die kleine Katze den Ring fortgeschleppt
+hatte. Aber Sie sehen daraus, wie verwickelt das alles ist. Unsere
+Seele, sie glaubt oft nicht, was die Hand thut.“
+
+Als Agathon dem Haus zuschritt, sah er auf einmal den Sema Hellmut neben
+sich gehen. Er sah dessen große, fragende Augen auf sich gerichtet mit
+einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe. Der Knabe sah aus, als sei er
+bekümmert über sein Unvermögen, die trübe Stimmung Agathons zu
+verscheuchen. Es war etwas selten Reines und Anbetendes in jenem
+flüchtigen Blick, der auch die Bitte auszudrücken schien: Darf ich mit
+dir gehn?
+
+„Kennst du Wendelin?“ fragte Sema unter dem Zwang, etwas zu sagen, was
+ihn nicht als dumm erscheinen ließ. „Es ist ein guter Kerl. Er hat keine
+Mutter und keinen Vater und gar, gar kein Geld.“
+
+Agathon schwieg. Er wunderte und freute sich über das bedürftige
+Anschmiegen des Knaben. Aber er dachte daran nur halb. Der andere Teil
+seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet, seinem Vater, seiner
+Mutter, dem Schicksal, das über ihm hing wie die Wolken und das alles
+dunkel machte, gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den
+Wolken auszufließen schien.
+
+„Du bist schön, Agathon,“ sagte Sema unsicher und schwieg betrübt, als
+er keine Antwort bekam.
+
+Daheim fand Agathon alles friedlich, – von einem unheilvollen Frieden
+erfüllt. Müßig wandelte er in den Garten. Ein kalter und feuchter Wind
+ging. Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens. Plötzlich sah
+er seinen Vater im Garten schaufeln. Er keuchte dabei und grub ruhelos,
+bald hier, bald dort, – ein Schatzgräber. Es war unheimlich anzusehen.
+„Was thust du, Vater?“ fragte er.
+
+Elkan ließ den Spaten sinken, stützte sich darauf und Agathon sah trotz
+der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten. „Du bist jetzt so alt, um
+alles zu verstehen, Agathon. Gott hat seine Hand abgezogen von uns und
+sein Antlitz verhüllt. Aber wir dürfen nicht murren. Gepriesen seist du,
+Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst.“ Elkan betete ein Lobgebet.
+
+„Vater,“ sagte Agathon „ich kann nicht mehr in die Schule und darf es
+auch nicht. Ich werde davon gejagt, obwohl es recht und gut war, was ich
+gethan habe.“
+
+Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun. Nach einem
+langen, schweren Schweigen ging er mit suchenden Schritten ins Haus.
+Agathon blieb, nahm seine Mütze ab und gab das Haar den Winden preis.
+Die Nacht öffnete sich ihm mit einer Reihe schwüler Wunder, unvorhanden
+für fremde Augen. Er glaubte in einem Tempel zu sein, doch erkannte er
+den Gott nicht.
+
+Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und erklärte sanft, daß man nichts
+„übereilen“ müsse. Es sei alles beim Alten und hier sei eine „Pillule“.
+Doch war sein Gesicht sorgenvoller als sonst. Agathon sah die Augen
+Semas beständig auf sich gerichtet; sie folgten jeder seiner Bewegungen.
+
+„Gepriesen seist du Ewiger, der du des Vergessenen gedenkst,“ murmelte
+Elkan.
+
+„Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden, Elkan,“
+sagte Gedalja. „Worum soll er nit vergessen an den Gedalja, nit
+vergessen an den Elkan? Elkan is brav, ich waaß, aber worum soll er nit
+vergessen an die Braven, wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder?
+Wenn de tot bist, waaßt de nix dervon und denkst in deiner Sterbestund,
+du hast gelebt e großes Leben, e reiches Leben un nit e Elkanleben. E
+Chillik! Gehängt is gehängt, mit’n Strick oder mit’n Goldfaden hat mei
+seliger Onkel g’sagt. E weiser Mann.“
+
+Agathon schlief nicht in der Nacht. Seine Seele war heiter, und erregt
+sah er in die Finsternis. Er hatte ein Gefühl, wie oft, wenn er ein
+Geschenk erwarten konnte und ungeduldig war, es zu sehen. Die Nacht war
+unbewegt, nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes. Als es drei
+Uhr schlug, kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum. Mit
+diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und
+verklärter. Sie brachten ihm Reichtümer, von denen er nicht begriff, daß
+er sie je hatte entbehren können, er fühlte sich wachsen und es war, als
+hörte er einen Ruf über die Felder hinhallen, der ihm galt: lang und
+eindringlich.
+
+Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des
+Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer. Er verlangte den
+Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus. Elkan setzte sich an den
+Tisch und las. Kaum war er damit zu Ende, als er aufschrie wie ein
+Gefolterter. Gedalja ging zu ihm, aber Elkan ließ sich nicht halten,
+sein Gesicht wurde plötzlich blaurot, er fiel über Agathon her, preßte
+die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt, wenn nicht ein
+furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht
+hätte. „Aus meinem Haus, du Christ!“ röchelte er und stieg schwer und
+schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf, begleitet von der
+händeringenden Frau Hellmut.
+
+Gedalja strich Agathons Haar langsam und nachdenklich mit der Hand. „Was
+haste gethan?“ murmelte er. „Der sanfte Mann, der sanfte Elkan is
+geworden e wildes Tier. Die Welt is nimmer ganz. Es is was los in der
+Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder, user.“ Er nickte; Agathon
+lehnte die Stirn an seine Schulter.
+
+„Zum Doktor! Zum Doktor!“ kreischte die Pflegerin und rannte selbst
+fort. Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte: „Sie stirbt.
+Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot.“ Seine Augen waren glanzlos,
+die Arme hingen schlaff.
+
+Agathon richtete sich auf. Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem
+überirdischen Feuer erfüllt, das alle mit Bestürzung und Scheu
+gewahrten. Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ganz
+ruhig. Er ging ins Zimmer der Mutter, an Elkan vorbei, der sich
+zusammenduckte wie vor einem Pestkranken, und trat an das Lager der
+Kranken. Ihr Gesicht war gelb wie altes Pergament, – es war grausig.
+Ihre Augen blickten matt, leblos, stumpf, gleichsam den Tod suchend.
+Agathon sah nicht dies Bild. Er sah die jüngere Mutter, die entsagt
+hatte, geliebt, verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage
+erlegen war. Und dann war auch dies alles tot für Agathon. Er nahm ihre
+Hand und begegnete ihren Augen. Er legte seine Hand auf ihre verfallene
+Brust, gegen die das Herz verlöschend klopfte. Er wünschte, das Fenster
+möge offen sein und da öffnete es jemand, als ob es eine unsichtbare
+Hand wäre. Seine Brust war zum Springen voll, er wußte nicht ob vor
+Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen. „Werde gesund, Mutter, wache,
+Mutter, du bist nicht krank, du darfst nicht sterben.“ Er kannte seine
+Stimme nicht mehr, sie war ihm etwas Neues; die Kraft, die seinen Körper
+aufatmen ließ, sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm
+genommen, erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz. Und das
+Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen; sie lächelte
+plötzlich unter seiner bebenden Hand, sie seufzte erleichtert auf, sie
+drückte mit den schwachen, fleischlosen Fingern seine Hand und rief
+seinen Namen. Und je länger er die erloschenen Züge ansah, je mehr
+belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise, – bis sie ganz frei,
+mild und hoffnungsvoll schienen. Und als der Arzt kam, hereingeleitet
+von der Pflegerin, richtete sie sich zu dessen Erstaunen empor, legte
+den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren
+Kindern mit einem Lächeln zu, das eine eigene Mischung von
+Schalkhaftigkeit und Inbrunst war.
+
+
+ Neuntes Kapitel
+
+Novemberstürme!
+
+Bojesen schritt durch die leeren Gassen mit den flackernden Lichtern und
+der Umhang seines Mantels wehte hoch empor. Sein Hut flog vom Kopf,
+rollte hin über die Steine und blieb vor dem Eingang des „siebenten
+Himmels“ ruhig liegen, wie ein Pferd, das seine Station kennt. Bojesen
+hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal, das voll von Menschen war,
+meist sehr seltsamen Existenzen. Er nahm Platz, bestellte Bier und
+wandte bald keinen Blick mehr vom Podium, wo die Schaustellung
+stattfand. Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond, und
+ein Ritter wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen
+den Arm aus. Da öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine
+Erscheinung stand zwischen ihnen: Luisina. Der Ritter verzweifelte,
+diesem geliebten Bilde jemals nahe zu kommen, warf sich auf die Erde und
+gab vor, zu weinen. Da erhob sich ein Zauberer aus einer mangelhaft
+funktionierenden Versenkung, oder es war Satan selbst, wies ein
+Pergamentum vor und machte die Gebärde des Sichverschreibens. Das that
+der Ritter, darauf fiel die schöne Luisina aus den Wolken, die Nacht war
+beendet, das primitive Wasser und der komische Mond verschwunden und die
+Pantomime ward zum Bacchanal. Wilde Mädchen mit wilden Haaren stürzten
+auf die Scene und zerrten junge Männer hinter sich nach. In diesem
+köstlichsten Theater spielte das Publikum die Orgien, die man ihm
+vorspielte, selbst mit. Ein langhaariger Mensch, eine Art von Künstler,
+saß am Klavier und entlockte dem unwilligen Instrumente eine Folge von
+schrillen Harpeggien im Walzertempo. Der Glühende erschien mit
+emporgehobenen Armen und ekstatischen Begeisterungsausbrüchen, die
+Köchin kam und schrie, sie könne das Wasser zum Punsch nicht kochen,
+denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das Feuer aus. „Nimm
+das Feuer meiner Brust, Aglaia!“ heulte der Glühende. „Kein Orkan des
+Universums vermag es zu löschen!“ Ein Mann mit glattem, langem Haupthaar
+war da, den man Barbin nannte und der sich sehr ängstlich gebärdete,
+obwohl er sehr laut den Übermütigen zu spielen versuchte. Sein Äußeres
+wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen, wie sie
+die Städte hervorbringen, eines jener unglücklichen Geschöpfe, für die
+die Zeit eine käufliche Dirne ist, da sie ihnen ohne Münze nichts giebt,
+womit sie ihr Leben verkürzen können. Dieser Barbin wandte sich sehr oft
+an den Glühenden, als flehe er ihn um seinen Schutz an, und er suchte
+dies durch ironische Worte zu bemänteln, die aber von dem tollen
+Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden. Luisina schien alle Ruhe und
+Besinnung verloren zu haben. Sie befahl dem Glühenden, sich zum Schemel
+ihrer Füße zu machen, und er legte sich platt auf die Erde. Die andern
+Mädchen tranken Wein in Strömen. „Wann wird denn nun der Böse seine
+Urkunde geltend machen?“ fragte Bojesen eine Brünhilde, die neben ihm
+saß, in einer männlichen Pose, das Schnapsglas in der Hand. Sie
+erwiderte: „Ja, das ist nichts für Pfaffen und Professoren hier im
+siebenten Himmel.“ Alsbald begann der Tanz mit Jubel und Singen und auf
+einmal war alles still. Einige Burschen in Tricots mit prachtvoll
+gebauten Körpern machten halsbrecherische Kunststücke. Barbin machte
+vergebliche Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, bis es ihm
+gelang, den Pianisten vom Klavier zu vertreiben. Er setzte sich hin und
+spielte mit grotesken, schlangenhaften Windungen seines Körpers irgend
+eine tolle Phantasie.
+
+Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen. „Nun, da sind Sie
+ja wieder“ redete sie ihn spöttisch an. „Was wissen Sie Neues?
+Eigentlich ist mir Ihr Anblick verhaßt. Warum sind Sie so finster,
+nachdenklich, schwermütig? Wer sind Sie? Was wollen Sie? Hier giebt es
+kein Amt für Sie. Höchstens eines. Wenn der Tag anbricht kommt nämlich
+der Teufel wieder, um mir meinen Ritter zu holen. Er kommt in Gestalt
+eines Polizisten. Das ist ein Amt für Sie.“
+
+„Warum sagen Sie mir das alles?“
+
+„Das will ich Ihnen erklären. Mir ist, als spräche ich in Ihrer Person
+zur ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Ich habe auch dazu gehört.
+Aber so ist es um unsere Zeit bestellt, daß wer sich freuen will, sich
+von ganzem Herzen ausleben will, all sein Heil und seine Seligkeit im
+Lachen sucht, daß der zu solchen Dingen kommt. Da wo sonst das
+Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist, da muß er sein Höchstes
+suchen und finden, denn überall sonst ist es zu anständig dazu. Und für
+ein Weib! Was soll ein armes Weib thun in eurem Kreis von schalen
+Vergnügungen, von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen? Was soll
+sie thun, da sie erst anfängt, unter Menschen zu zählen, wenn sie
+heiratet. Was kann sie dafür, wenn sie in einer Welt lebt, wo jeder
+darauf stolz ist, wenn er ein wenig unglücklich ist? wo die Lebensfreude
+bei der Prostitution anfängt? Sagen Sie selbst! reden Sie doch! Ach, Sie
+haben ein Gesicht, dem ich eigentlich viel vertrauen könnte. Glauben Sie
+mir, nicht die Not allein ist Schuld an dem „Fall“, wie man es nennt, so
+vieler Menschen, sondern die Sehnsucht nach, – ja, wonach sag ich doch
+gleich, – die Sehnsucht nach, – es ist zu schwer, ich kann es nicht
+sagen.“
+
+Sie schwieg. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in
+den Taumel, der sich rings um sie gestaltete. Der Glühende sprach nur
+noch in Versen, Barbin hieb wie besessen auf das arme Instrument ein und
+gab seinem Körper stets einen erschreckenden Ruck, wenn er vom
+Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang. Viele tanzten,
+schnell und feurig, oder leise sich wiegend und träumerisch, allein oder
+zu zweien. Die Brünhilde neben Bojesen war selig, wie aufgelöst vor
+Weichheit und nippte gerührt von ihrem Glas. Auf einmal war in einem Nu
+das Podium leer, die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht; auf einmal
+war auch Barbin still und ließ die Hände auf den Tasten ruhen. Die
+Tanzenden hielten ein und flüsterten: „Die Dämonen“.
+
+Auf der Bühne erschienen in einem matten, grünen Licht vier Männer mit
+düstergrünen Gewändern, so enganschließend, daß sie wie nackt aussahen,
+grünen Gesichtern und begannen ein phantastisches, unheimliches,
+aufregendes Spiel. Wie Fische im Wasser, so bewegten sie sich in der
+Luft; ihre Füße schienen des festen Grundes nicht zu bedürfen, ihre
+Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz gebunden. Bald schienen sie
+alle ein einziger Leib zu sein, der sich in entsetzlichen Krümmungen
+wand, bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich, wurde von
+unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die
+Bretter zurück. Bald waren sie wie eine Meute von Hunden, denen der
+Jäger aus der Ferne pfeift, bald glichen sie Würmern und krochen auf
+unbegreifliche Art an den Seidenwänden empor, alles blitzschnell,
+fischhaft, dämonisch. Jeder sah zu, als ob sich ein spannendes Drama
+entwickeln würde. Als Bojesen den Blick abwandte, sah er in geringer
+Entfernung, im Dämmerlicht fast unmerklich, Luisina. Sie schien ihn
+lange beobachtet zu haben. Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann
+nach der Thüre, als sie sah, daß er ihr folgen würde. Sie hatte einen
+Pelzmantel um den Körper gelegt und ein blaues, seidenes Tuch um den
+Kopf und ihre großen Augen sahen mit einem ungewissen, zitternden Glanz,
+aber doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne. Draußen sprach sie
+kein Wort; sondern stumm forderte sie Bojesen auf mit ihr zu gehen. So
+wanderte er schweigend an ihrer Seite weiter.
+
+Welch eine Nacht ist das! dachte Bojesen. Es herrschte nicht eigentlich
+Dunkelheit und auch nicht Helligkeit, – eine jener seltsamen
+Herbstnächte, in denen sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben
+scheint. Es fehlen auch jene Stimmen, jenes unklare, unbestimmte
+Geräusch, das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des Tages ist. Der Wind
+hatte sich gelegt. Der Mond, eine unvollendete Scheibe lag in einem
+graugelb geschimmerten Flaum von Wolken. Er sah ganz verquollen aus, wie
+Farbe auf feinem Fliespapier. Das Leben war von den Straßen wie
+fortgeblasen. Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen
+Gardinen sahen aus, als ob sie schliefen; Bojesen konnte die Straße
+entlang blicken bis an die Grenzen des Horizonts, und diese lange,
+unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes.
+
+Luisina schritt rasch dahin, hastig atmend, offenbar noch mit ihren
+Entschlüssen ringend. Bojesen folgte ihr, mehr gezogen durch die intime
+Macht, die sie auf ihn ausübte, als freiwillig. An einem einzelnen und
+sehr vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie endlich Halt,
+drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen Knopf
+und ging dann die teppichbelegte Steintreppe empor, hastig, atemlos. Aus
+einer Thüre kam ein junges Mädchen, dessen Gesicht alsbald das größte
+Erstaunen ausdrückte. „Jeanette!“ rief sie aus. „Ist Nieberding zu
+Hause?“ fragte Jeanette-Luisina bebend. – „Nein, Edward ist noch nicht
+da“, entgegnete das Mädchen bestürzt und schüchtern und blickte
+furchtsam auf Bojesen, der nichts zu sagen, ja nicht einmal sich zu
+bewegen wußte.
+
+„Ach Cornely!“ rief Jeanette und faßte mit beiden Händen nach der
+dargebotenen Hand des Mädchens.
+
+„Was, meine Gute? Komm doch herein. Willst du warten auf Edward? Es ist
+alles so sonderbar, was du thust“, sagte Cornely mit ihrer leisen,
+kindlichen und zutraulichen Stimme. Sie hatte stets ein schwaches und
+undeutbares Lächeln auf den Lippen; aber hätte man ein Tuch über den
+Mund gebreitet, so wäre auf dem übrigen Gesicht ein Ausdruck von
+Schwermut, mehr wie von Schwermut geblieben. Sie machte den Eindruck
+eines Geschöpfs, das durch irgend eine Situation vollständig betäubt ist
+und sich nur bestrebt, ihre Gedanken geheim zu halten. Ihr Haar war von
+einem dunklen Gelb, wie es etwa das Stroh hat, wenn es lange in Scheunen
+gelegen und verstaubt ist. Ihr Gesicht war von Sommersprossen bedeckt;
+ihre vollen Lippen waren trocken und aufgesprungen und erinnerten in der
+Farbe an ein Stück verwaschenen roten Kattuns.
+
+Dann saßen sie im Salon, bei dunklem Licht, das durch gelbrote
+Seidenschirme schimmerte und in den Ecken förmlich zu verfließen schien,
+als ob es hinstrebte zu der allgemeinen Nacht draußen.
+
+„Ich habe diesen Herrn mitgebracht, Cornely, – es ist Herr –“
+
+„Bojesen.“
+
+„Ja; Herr Bojesen hatte also die Güte, mich zu begleiten, weil ich nicht
+allein gehen konnte, zweitens weil er ein Freund von mir ist und dabei
+sein muß bei dem, was ich jetzt vorhabe.“
+
+Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung. Er konnte
+sich dem vibrierenden Wesen des jungen Weibes nicht eine Sekunde lang
+entziehen. Er dachte wieder an sein eignes Weib, die, er wußte es, zu
+Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe lief, mit der kleinen Lampe
+hinunterleuchtete, von jedem Schritt auf der Gasse aufgescheucht wurde
+wie ein Vögelchen und auf ihn wartete, wartete.
+
+Als Jeanette den Mantel abwarf, weil es ihr zu heiß wurde, stand sie da
+in ihrem Theaterkostüm, sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten
+sich seltsam. Cornely stieß einen leisen Schrei aus und faltete die
+Hände.
+
+„Wie lange willst du noch so bleiben, meine arme, kleine Cornely?“ sagte
+Jeanette. „Soll ich recht behalten von damals her, als ich dich beim
+Pfänderspiel zur alten Jungfer machte?“ Etwas Triumphierendes lag in
+ihrem Gesicht. Das Kostüm schillerte zauberhaft im matten Lampenlicht.
+
+„Selbstüberwindung ist die größte Freiheit,“ erwiderte die Bleiche mit
+ihrem sanften Lächeln.
+
+Die Hausthüre wurde zugeworfen, schlürfende Schritte wurden laut, und
+Bojesen glaubte eine heiße, zitternde Erregung in Jeanette mitzufühlen.
+Ein junger Mann trat ins Zimmer und blieb wie versteinert stehen, weiß
+wie Leinwand. Er war schlank, groß und bartlos, hatte dicke Lippen und
+eine dicke Nase, tiefliegende, etwas gerötete Augen und einen eigenen
+Zug von Adel und Feinheit im Gesicht. Das feinste waren seine Hände. Sie
+waren lang, zartlinig wie ein gotischer Bogen und bewegungslos: müde
+Hände. Cornely schlich geräuschlos und etwas bestürzt davon, als er kam.
+
+„Du bist erstaunt, wie ich sehe,“ flüsterte Jeanette. „Aber willst du
+dich nicht erholen? Dieser Herr hier darf dich nicht stören. Ich will,
+daß er bleibt, und ich will, daß du so bist, als ob er nicht da wäre.
+Verstehst du?“
+
+Edward Nieberding senkte den Kopf und ließ sich in ein Fauteuil fallen.
+„Rede! Was willst du? Ich begreife nichts von alledem.“
+
+„Wie solltest du auch das begreifen!“ erwiderte Jeanette
+leidenschaftlich erregt. „Wie könnte ich das vermuten! Du, der eher
+begreift, was auf dem Mond vorgeht, als in der Seele einer Frau! Du!
+Bist du es nicht, der das erfunden hat von der keuschen Liebe? Der das
+alles gepachtet hat, diese eisigen Dinge von Resignation und kühler
+Anbetung und von der unsinnlichen Macht des Schönen oder wie du es
+nennst? Rede du! Rede! Hast du mich nicht irre gemacht an allem was
+strahlt in dieser Welt und was warm ist?“
+
+„Verschone mich, Jeanette! Wie thöricht von dir! Warum in der Gegenwart
+eines Fremden? Was thust du!“
+
+„Ich will es dir sagen. Hier ist ein Mann. Ich glaube, Bojesen, Sie sind
+ein Mann. Ich frage Sie nun, – und dazu sind Sie hier, daß Sie mir auf
+Ihr Gewissen antworten, denn Sie sehen ehrlich aus, – ich frage Sie nun:
+kann ein Mann ein Weib lieben, wenn er sie bittet, gehe fort von mir,
+gehe weit fort, denn dann wird meine Liebe zu dir immer größer und mein
+Gefühl reiner –? Der sie bittet, küsse mich nicht, denn sonst begehre
+ich dich und das würde meine Liebe verringern –? Ich will von dir
+träumen, genau so redet er, ich will träumen, wie du bei Mondschein am
+Seeufer wandelst, weit von mir, wie du den Elfen gleichst, die ungesehen
+um dich huschen, – dann liebe ich dich wild, unfaßbar. Was sagen Sie
+dazu? Oder nein, antworten Sie noch nicht, erst dies –“
+
+„Jeanette!“
+
+„Still! Dies: was sagen Sie dazu, wenn ein Mann sagt, erst dann werde
+ich eine Frau wahrhaft lieben, wenn Sie einen Andern geheiratet hat und
+von diesem Andern ein Kind gehabt hat –? Und nicht genug mit diesen
+Worten, – der mich hinschickt, und mir rät, den andern zu nehmen, der
+mich bethörte, mich alles vergessen läßt, was ich mir schuldig wäre! Was
+sagen Sie dazu, Herr? Nun? urteilen Sie! Schweigen Sie nicht, sonst war
+es überflüssig, daß Sie kamen.“
+
+Eine lange Pause entstand.
+
+„Wenn ich nun reden muß, und wenn dies alles vorgefallen ist,“ sagte
+Bojesen langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen, nervösen
+Züge des jungen Mannes, „dann ist es erstaunlich, aber doch zu erklären.
+Es liegt in der Zeit. Ich wette, Herr Nieberding, Sie können den Anblick
+eines nackten Menschen nicht ertragen? Ich nehme auch an, daß Sie nie
+trinken, nie spielen, nicht mit Kindern spielen können? Ich bin ja nicht
+als Arzt hier, aber weil ich nun doch in dieser Lage bin, will ich
+sagen, was ich denke. Ja, es liegt in der Zeit. Mit welchem Wort Sie es
+nennen wollen, ist gleichgültig. Es ist all dies Mystische und
+Schwächliche, das über uns gekommen ist wie eine Krankheit, daß wir
+nicht mehr wissen, was Kraft oder Rohheit oder wahrhafte Scham oder
+Unnatur ist. Sie sind Jude, Herr Nieberding, wie? Ich weiß es, ich hatte
+auch schon einiges über Sie gehört. Nun, Ihr Volk ist es, das uns dies
+Geschenk gemacht hat, Ihr arbeitsames, intelligentes, stets an Extremen
+bauendes Volk. Sie lieben nicht das Weib, sondern Sie lieben die Liebe,
+nicht mehr die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung, sondern das
+Quälerische, Zerstörende, Erniedrigende, alles was Sie zum Märtyrer
+macht. Glauben Sie mir, glauben Sie einem der viel erfahren und
+vielleicht ein wenig gedacht hat, es giebt viele von Ihrer Art. Es sind
+Flagellanten, unsere Flagellanten, und der Gott, vor dem sie sich
+geißeln, ist dieses wohlbekannte Ich, diese Phrase von der
+Individualität, vor der jetzt alles auf den Knieen rutscht. Und wenn ich
+sage, die Juden sind Schuld, so ist das keine gedankenlose Anschuldigung
+von mir. Nicht jene alten Juden, die noch fromm sind, sie sind entweder
+ehrwürdig oder komisch; nein die neuen, die sogenannten modernen Juden,
+die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des
+Jahrhunderts, sie sind es, die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und
+ihrer geistigen Schärfe kommen, und ein Pseudochristentum aufrichten mit
+Gefühlskasteiungen, fleckenloser Liebe und dergleichen. Ich weiß es nur
+zu gut, es ist ein altes Erbe Ihres Volks. Auch Christus war ja ein
+Jude.“
+
+Nieberding erhob sich, schwankend und zitternd trat er auf Bojesen zu
+und flüsterte: „Herr –!“
+
+Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg.
+
+„Ich habe ihn geliebt,“ sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor
+sich hin. „Weißt du, wozu ich nun geworden bin?“ fragte sie laut und
+fest.
+
+Edward Nieberding, der am Fenster gestanden und unbeweglich
+hinausgesehen hatte, wandte sich um und sagte: „Jeanette, du hast
+niemals eine Schätzung gehabt für das edle Gestein und für seltene
+Menschen. Aber daß du zu solchen Mitteln greifen mußt! Ich denke, das
+war unnötig. Ich denke, das ist alles zu theatralisch. Seine
+einleuchtenden Erläuterungen mag sich dieser Herr für den Hörsaal
+sparen. Mag ich sein, was ich will, ein Flagellant oder ein Bacchus,
+damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt, du hattest gegen
+meine Gefühle gewisse Pflichten, mehr will ich nicht sagen. Du durftest
+nicht kommen und mir ein Schauspiel vorspielen. Ich trinke das Leben aus
+den Tiefen, wo andere Leute nur Finsternis gewahren, ich finde Genüsse,
+wo andere nur Narrheiten sehen, – gut, laß mich so sein. Geh’ jetzt
+fort, wenn du barmherzig bist, und laß mich allein. Ich werde dich
+lieben bis ich sterbe.“
+
+Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt. Nun ging sie hin, legte ihren
+Mund auf den seinen, und so blieben sie, in diesem traumhaften Kuß,
+minutenlang. „Und nun leb wohl,“ sagte Jeanette, „wer weiß, wo wir uns
+wieder finden.“
+
+„Im Kot oder bei den Sternen,“ entgegnete Nieberding, trübe lächelnd. Er
+stieß ein wenig mit der Zunge an, was seinen Worten oft etwas Herzliches
+und Kindliches gab.
+
+An der Treppe stand Cornely. Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, als sie
+Jeanette fest anblickte. „Was war es?“ fragte sie hastig, mit einem
+scheuen Seitenblick auf Bojesen.
+
+Jeanette schüttelte den Kopf; ihre Augen standen voll Thränen. Deshalb
+lächelte sie in einem wunderlichen, frauenhaften Trotz. „Du weißt alles,
+was geschehen ist, gute Cornely. Du ahnst es. Du weißt, was mein Vater
+gethan hat, daß er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat. Siehst
+du, Cornely, arme, ich habe eine so komische Moral in mir, bei der du
+staunst. Was ihr Niedrigkeit nennt, nenne ich vielleicht Ehre, und was
+dir die Selbstüberwindung ist, ist mir die Feigheit und Furcht. So sind
+einmal die Menschen. Gute Nacht, Liebe.“
+
+Bojesen folgte ihr und ihm war, wie wenn er durch die Luft hinschwebte,
+wie wenn nichts mehr an der Erde wäre, was ihn festhalten könnte.
+
+„Bojesen,“ sagte das junge Mädchen, als sie das Thor hinter sich
+geschlossen hatten, und nahm seine Hand, „in dieser Stunde sind Sie ein
+guter Freund von mir geworden.“
+
+Es schneite. Große Flocken fielen hernieder, die alsbald hinschmolzen im
+Schein der Laternen. Es war ein friedliches Fallen, ein lautloses und
+märchenhaftes Herabgleiten der schimmernden, zitternden Krystalle.
+Einige Zeit gingen beide schweigend. Plötzlich sagte Jeanette, indem sie
+ihre Schritte hemmte: „Wissen Sie, woran ich denke? An die Dämonen von
+heute abend. Ich denke mir, so ist die Welt, so sind die Menschen; ein
+zielloses Hin- und Hergleiten, so daß es einen beängstigt, daß man
+fürchtet, jeder muß den Hals brechen und jeder wird doch wieder durch
+den andern getragen und beschützt. Und dann das, was ich nicht so recht
+ausdrücken kann; es ist vielleicht dies Spielen auf die Wirkung oder so
+... Meinen Sie nicht, daß wir lauter solche grüne Dämonen sind?“
+
+„Ja, eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol, und wir können
+nichts anderes thun, als alles, was uns zustößt, symbolisch zu
+betrachten. Darum sind auch die Dichter am größten, die das Leben
+möglichst vereinfachen.“
+
+Wieder entstand ein Schweigen. „Ach, die Dichter,“ sagte Jeanette dann
+nachdenklich und traurig. „Sehn Sie, ich habe so viele kennen gelernt
+von den berühmten, denn ich war mit meinem Vater in Berlin und in andern
+großen Städten und mein Vater war ganz versessen auf die berühmten
+Leute. Da hab ich Dichter kennen gelernt und manchen, bei dem mir vorher
+wirklich das Herz geklopft hat. Aber wie schrecklich bin ich immer
+enttäuscht worden! Ich habe mich nur immer gefragt: du lieber Gott, wie
+konnten diese Leute das oder das schreiben. Sie hatten doch so große
+Gedanken und so große Gefühle in ihren Büchern und waren nun Menschen,
+vor denen man auch nicht _so_ viel Ehrfurcht haben konnte. Und Ehrfurcht
+will ich haben vor einem wirklichen Dichter, ob er jung oder alt ist.
+Lachen Sie mich nur aus. Aber diese Leute hatten alle so nachlässige
+Gesichter, so unneugierig, was sie sagten, waren so vorbereitet und sie
+liebten es so sehr, geistreich zu sein oder auch vornehm zu schweigen. O
+nein, ich hasse die Dichter.“
+
+Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen. Alles was
+sie sagte, kann gar nicht so wiedergegeben werden, weil der warme Laut
+fehlt, das Eindringliche, Natürliche und Graziöse ihres Wesens.
+
+„Sie wundern sich ein wenig über mich,“ fuhr sie fort und schlug den
+Mantel fröstelnd zusammen. „Ich auch. Ich habe stets geglaubt,
+wahnsinnig zu werden bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch eine von
+diesen Jüdinnen sein könnte, – ja, schauen Sie nur, – die mit zwanzig
+anfangen, fett zu werden, heiraten, französische Romane lesen, Kinder
+bekommen, Migräne haben und immer fetter und dümmer werden. Nein so bin
+ich nicht. Es hat große Jüdinnen gegeben und ich habe mein Vorbild.
+Später, später einmal sollen Sie es erfahren. Auch ich bin ein Symbol.“
+Der junge Mann sah sie lächeln. Er fragte, ob sie nicht seinen Arm
+nehmen wolle und wo er sie hinführen solle.
+
+Sie nahm den Arm. „Wohin? Ach, irgend wohin. Nein, fragen Sie nicht
+wohin, jetzt. Sagen Sie mir eins, Bojesen. Sind Sie nicht ein wenig
+Dichter?“
+
+„Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.“
+
+„Das sagen Sie so pedantisch. Ich denke, man kann dadurch ein so stolzer
+Dichter werden, – so daß man zu stolz ist, um zu schreiben.“
+
+„Welch ein schönes Wort sprechen Sie da aus!“ rief Bojesen.
+
+Sie waren an einer Allee. Beschneite Bäume, beschneite Wege blickten
+ihnen entgegen. Hinter einem halbzerstörten Staket lagen Steine in
+großem Wirrsal, Mörtelbehälter, Schaufeln, aufgeschichtete Ziegel und
+dahinter war der unfertige Bau mit öden, schwarzen Fensterhöhlen.
+Daneben war ein Haus schon fertig gebaut, aber es war noch unbewohnt. Im
+Erdgeschoß brannte einer jener Trockenöfen, die bei feuchter Jahreszeit
+tagelang in den Räumen der Neubauten aufgestellt werden. Eine düstere
+Röte ging von dort aus, strahlte durch die Fensterscheiben, fiel auf die
+blätterlosen Sträucher und Bäume bis über die Straße. Der Raum selbst
+erschien wie das Innere eines Kamins. Die beiden gingen an den Fenstern
+vorbei, guckten neugierig hinein, und sie sahen vier Knaben um den
+Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem
+jungen Menschen, der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen
+redete. „Agathon Geyer!“ flüsterte Bojesen erschrocken und aufs höchste
+erstaunt und Jeanette stieß einen leisen Schrei aus. Bojesen hatte ihn
+sofort erkannt an Gestalt und Bewegung. Als Agathon ein wenig seitwärts
+trat, konnten sie beide sein Profil sehen; gedankenvoll und entschlossen
+sah er ins Feuer. Die Knaben schienen ganz versunken zu sein, schienen
+Agathons Worte zu trinken, und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in
+ihren Gesichtern, vom ältesten, der etwa sechzehn Jahr alt war und die
+Kappe der Waisenhauszöglinge trug, bis zum jüngsten, der etwa dreizehn
+Jahre alt war.
+
+„Wir wollen gehen,“ sagte Bojesen leise, „es ist kalt.“ Jeanette riß
+sich los und sagte im Weitergehen langsam: „Hat er nicht etwas von einem
+jungen Christus?“
+
+„Ja, es ist etwas Außerordentliches in ihm. Aber Sie kennen ihn?“
+
+Jeanette nickte. Sie blieb stehen, schaute hilflos umher und schien
+nachzusinnen. „Wohin? wohin?“ murmelte sie beklommen.
+
+In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Mantel vermummte Gestalt
+vorüber. Nur die Augen waren sichtbar, die boshaft funkelnd denen
+Bojesens begegneten. Bojesen kannte diese Augen und wußte, was er von
+der Begegnung zu halten habe. Er lächelte resigniert.
+
+Jeanette eilte rasch weiter und Bojesen hatte Mühe, ihr zu folgen. Bald
+standen sie vor dem „siebenten Himmel“. Sie traten ein; schwüler Dunst
+schlug ihnen entgegen. Sie sahen ein wüstes Durcheinander im Schein der
+heruntergebrannten Lichter. Barbin schlief auf dem Billard; die
+Brünhilde schlief auf der Erde, die jungen Männer in Tricot schliefen
+auf dem Podium, Liebespaare saßen flüsternd oder stumpfsinnig in
+finstern Ecken, der Glühende allein war noch völlig wach. Er hockte an
+der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen, die Stirn leicht und
+nachlässig in die geründete Hand gestützt, den Blick verloren, mit
+stillem Triumph in der Ferne weilen lassend. Eine Schnapsflasche stand
+vor ihm auf dem Boden.
+
+„Was sinnst du, Liebling der Götter?“ fragte Jeanette, seine Schulter
+leicht mit den Fingern berührend.
+
+ „Auf daß sie ewig fern und heißbegehrt,
+ Die Sterne, unerreichbar für mich bleiben.
+ Wer seinen Idealen jemals naht,
+ Kann sich getrost zu den Verlorenen schreiben.“
+
+Jeanette lachte. „Solches Blech!“
+
+Bojesen sah Jeanette an, die in großen Zügen Wein trank und sein Gesicht
+wurde finster.
+
+Der Glühende stand auf und begann wieder zu recitieren:
+
+ „Und nun zieht der Tag mit seinem Morgenrot einher!
+ Ach! so wilde Liebe hegen, das ist Sünde,
+ Süß und schwer.
+ Wenn ich doch auf einem Felsen stünde,
+ Weit im Meer,
+ Und erlöst von meinen Träumen wär’!“
+
+Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu
+spielen. Jeanette erhob sich, faßte den Rock mit den Fingerspitzen
+beider Hände, so daß die seidnen Strümpfe sichtbar wurden, und tanzte:
+lächelnd, berückend. Bojesen stand auf, ging hinab vom Podium in die
+Dämmerung des übrigen Raumes, und stellte sich unter die Schläfer,
+betrachtete das jünglinghafte Gesicht Barbins, sah den aufgesperrten
+Mund des hageren Pianisten und die schnarchende Brünhilde. In ihm
+erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett, wie er es jetzt
+vernahm, fast wie hinter Mauern, hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen.
+Er glaubte kaum, daß ihn mit diesen Gefühlen der Erdboden würde tragen
+können, so schwer war seine Seele von ihnen.
+
+Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich
+stehen. Er war wie gelähmt. Sie blickte ihn verträumt und
+selbstvergessen an; ihre Augen waren jetzt von einem dunklen,
+undurchdringlichen Grün, und die roten Lippen gaben dem überaus bleichen
+Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt, etwas Vampyrhaftes. Langsam
+nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn fort, hinaus in den finstern Gang
+und weiter.
+
+
+ Zehntes Kapitel
+
+Die strahlende Mittagssonne leuchtete, als Agathon von der Höhe
+herabstieg ins Dorf. Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im
+Schnee, spärlich behangen mit braunroten Blättern. Weithin leuchtete die
+Schneedecke der Landschaft, und bisweilen lag ein dunkles, mürbes Blatt
+auf diesem Weiß gleich einem großen Blutstropfen. Wenn Agathon durchs
+Dorf ging, grüßten ihn viele Christen, – scheu, fast ehrerbietig. Rasch
+hatte sich die Kunde verbreitet, daß Frau Jette durch seine wunderbare
+Berührung gesundet war, und alle suchten in seinem Gesicht, an seinem
+Wesen nach einem äußeren Zeichen dieser inneren Kraft. Er fühlte sich
+Herr über diese Kraft, gehoben, emporgetragen; alles was rein in ihm
+war, hatte sich mit diesen Gefühlen vereinigt, und alles Düstere und
+Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie verbrauchtes Gewand. Er
+hatte ein altes Buch aufgefunden und fand darin die Geschichte des
+Sabbatai Zewi. Mit durstigen Augen las er sie. Wie wußte er gut zu
+scheiden unter dem Wahren und Erlogenen, dem Phantastischen und
+Tiefsinnigen! Wie sah er durch die Person des seltsamen Propheten in die
+Seelen der Menschen, die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen, nicht
+der beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters, sondern dem prunk- und
+goldstrotzenden Worthelden, dem Halboffenbarer, dem, der mit ihrer
+Begeisterung spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet. Aber
+noch fehlte an allen diesen Dingen der innere Bezug auf sein eigenes
+Thun, und er fand sich in der Welt mit einer Binde vor den Augen, des
+gütigen Lösers harrend. Es war nichts von Prophetentum oder
+Prophetenwollen in ihm. Das reiche innere Leben verlieh seinen Zügen
+etwas Übermenschliches, dem schwer jemand zu widerstehen vermochte. Mehr
+als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern: nackte Frauen,
+die ihn neckten, die ihn zu sich zogen, ihn umarmten, ihn verlachten.
+Wie oft sprang er auf vom Bett und trat ans Fenster, um durch die Kälte
+sein Blut zur Ruhe zu bringen. Wie oft schaute er bittend in den
+schwarzen Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete, daß
+das Gewölbe des Himmels sich zu einer freundlichen Vision öffne. Dann
+legte er sich wieder hin, und die Bilder kamen von Neuem, zudringlicher
+und feuriger. Dann suchte er seine Gedanken abzulenken, dachte an die
+Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr, die nur wie ferner
+Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben, das er selbst noch lebte.
+
+Es gab zwei Wesen im Hause, die ihn oft und viel beschäftigten. Das eine
+war Frau Thella Hellmut, das andere Sema. Jene hatte das Schreckhafte,
+das sie anfangs für ihn gehabt, verloren. Doch ihre ganze Art hatte
+etwas von einem Irrlicht. Ruhelos, beständig redend, beständig
+geschäftig ging sie umher, und obwohl schon lange nichts mehr für sie zu
+thun war, obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch gar kein Geld dazu
+dagewesen wäre, ging sie nicht. Das war ja schließlich zu erklären, denn
+bevor sie nicht zu andern Leuten gerufen wurde, lebte sie hier billig
+und „ein Maul mehr macht die Kille nicht arm“, sagte Gedalja. Oft saß
+sie dann wieder und sprach kein Wort, besonders wenn die Nacht im Nahen
+war. Dann quollen ihre Augen ein wenig hervor unter den entzündeten
+Lidern, sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin, nickte und
+atmete wie beglückt tief auf. Wenn sie dann jemand anredete, sagte sie
+leise und entschieden: „Stören Sie mich nicht! stören Sie meine
+Erinnerungen nicht!“ Agathon pflegte sie dann wohl genau anzublicken,
+und es wollte ihm scheinen, als ob diese Frau einmal sehr schön gewesen
+wäre: vielleicht nur einen Tag lang wahrhaft schön, in der Seele und am
+Körper, um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde. So
+dachte Agathon oft über die Menschen, indem er sie in der Vergangenheit
+wirken, oder in einer bestimmten, von ihm selbst erfundenen Situation
+handeln sah.
+
+Was Sema anbetrifft, so wußte Agathon nicht, was er mit ihm beginnen
+sollte. Mit ängstlicher Fürsorge achtete er auf alles, was Agathon that,
+suchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen, schleppte einen Stuhl
+herbei, wenn Agathon stand, brachte ihm den Löffel, der bei der Suppe
+fehlte, schlich in eine Ecke, um zu weinen, wenn ihm jener etwas
+abschlug, und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agathons Abwesenheit
+ernstlich über seinen Lebensberuf beratschlagten, hörte Sema, immer
+bleicher werdend, zu und fing auf einmal ohne jede Veranlassung an, laut
+zu schluchzen. Es war mehr wie eifersüchtige Verliebtheit, es war eine
+völlige Anbetung, ein Sichverlieren und Sichauflösen, der Wunsch, nichts
+zu sein, und den vergötterten Freund wachsen zu sehen.
+
+So vergingen Tage. Einmal wanderten beide in die Stadt, als ihnen am
+Frommüllersteg der Hund Faust begegnete, der einsam und schwermütig
+umherstreifte. Er gewahrte kaum Sema, als er mit kurzem, dumpfem Bellen
+seine Freude zu erkennen gab und sich so fest an den Knaben drängte, daß
+dieser beinahe gefallen wäre. Auch Sema schien erfreut und folgte dem
+großen Hund, der bald voraussprang, bald keuchend zurückkehrte und sich
+erst beruhigte, als die beiden vor Gudstikkers Haus angelangt waren. Es
+dämmerte schon; ein Sturmwind fegte über das Land, der Fluß rauschte
+bedrohlich. Agathon wollte sich verabschieden, aber Sema bat ihn
+herzlich und bewegt, mit hinaufzugehn. Frau Gudstikker schien etwas
+erstaunt; sie lachte in ihrer halb spöttischen, halb freundlichen Art
+und legte ein philosophisches Werk, in dem sie gelesen, zur Seite.
+
+Hier war es nun, wo Sema wieder die Geige zur Hand nahm und spielte. Es
+schien nicht, als ob er sich dabei Mühe gäbe, als ob er dabei ein Können
+zeigen wolle. Er schien jetzt zu reden. Doch war etwas von jenen Träumen
+in seinem Spiel, in die unsere Seele das Kostbarste und Reinste legt,
+was sie selbst besitzt. Von dieser Stunde an war Sema etwas mehr, als
+der kleine, liebebedürftige Knabe in Agathons Augen. Niemals hatte er so
+deutlich wie in jenem engen, dunklen Zimmer gefühlt, wo das Glück
+wohnte, das er suchte. Er sah den klugen Kopf der alternden Frau sich
+gegen den bläulichen Abendhimmel abzeichnen, er sah das leuchtende,
+entflammte Gesicht des Spielers und den klaren, kräftigen Funken, der
+seine Augen verschönte, aber er sah außerdem noch mehr. Die Töne wurden
+gleichsam zu Fäden und die Fäden zu einem Schleier, der alle
+Vergangenheit bedeckte, und eine geisterhafte Hand schien darauf mit
+goldenen Lettern die Losungsworte der kommenden Zeit zu schreiben.
+
+Als Sema aufgehört hatte zu spielen, öffnete sich plötzlich die Thüre,
+der kleine Wendelin schob sich herein und stürzte mit einem wahren
+Freudejauchzen auf seinen Freund zu. Es blieb unerklärlich, woher er kam
+und wie er von Semas Anwesenheit gewußt hatte.
+
+Später gingen die drei zusammen fort, nachdem Agathon noch einige
+ironische Fragen Frau Gudstikkers beantwortet hatte. Aber er glaubte zu
+fühlen, daß diese Ironie nur der Mantel wäre, um eine Bewegung zu
+verbergen, deren sie sich schämte.
+
+„Wo hast du das Spielen gelernt?“ fragte Agathon.
+
+„Ich hab es nicht gelernt.“
+
+„Aber du mußt doch die Noten gelernt haben.“
+
+„Es sind keine Noten.“
+
+„Nein, es sind keine Noten,“ betätigte Wendelin treuherzig.
+
+„Wieso kannst du dann spielen?“
+
+„Ich weiß es nicht.“
+
+Agathon schüttelte den Kopf. „Es ist wunderbar,“ sagte er sinnend.
+
+„Ich habe oft in der Waisenschule gespielt,“ erwiderte Sema schüchtern.
+„Dann hat es der Direktor verboten. Es regt die Knaben auf, sagte er, es
+macht sie rebellisch. Mein Spiel sei heidnisch, sagte er.“
+
+„Ist er so streng?“
+
+„Es ist schrecklich dort.“
+
+„Furchtbar!“ rief Wendelin mit aufgerissenen Augen.
+
+„Aber es sind doch viele Knaben dort.“
+
+„Sie sind alle sehr unglücklich. Alle haben sie so bleiche Gesichter und
+müssen immer beten und beten.“
+
+„Werden sie denn hart bestraft?“
+
+„Ach nein, aber keiner liebt sie. Im Winter sind die Zimmer kalt. Das
+Essen ist auch nicht so viel. Und so früh muß man aufstehen. Die Lehrer
+haben so finstere Gesichter. Manchmal kommt Herr Porkes und examiniert.
+Das ist schrecklich.“
+
+„Und das ist wahr?“
+
+„O, sehr wahr.“
+
+„Und der Kleine, war er auch dort?“
+
+„Nein. Er ist ja Christ. Er läuft mir immer nach, – gerade wie ich dir,“
+sagte Sema mit Thränen in den Augen. „Er bettelt und wohnt bei einer
+alten Frau. Ist es deine Großmutter, Wendl?“
+
+„Groß –? ja, sie ist bö–ös!“
+
+Ein langes Schweigen entstand. Plötzlich sagte Agathon: „Glaubst du an
+einen Gott, Sema?“
+
+Der Knabe blickte bestürzt in den Abendhimmel. „Ich habe noch nicht
+darüber nachgedacht,“ erwiderte er bedächtig. „Meine Mutter spricht nie
+davon.“
+
+„Hast du mich ein wenig lieb, Sema?“
+
+Sema beugte sich herab, suchte Agathons Hand und küßte die Finger.
+Agathon erschrak. „Kannst du verschweigen, was ich dir sage? Und du auch
+Wendelin? Gut. Wir wollen die Waisenknaben herausführen aus diesem
+dunklen Haus. Was können die Lehrer machen, wenn sie alle zusammen
+fortgehen, eine Nacht lang? Am Morgen können sie ja wiederkommen. Ich
+will dir dann auch sagen, weshalb. O, ich wußte schon früher, daß sie
+unglücklich sein müssen. Kennst du den Ältesten der Knaben?“
+
+„Ja, er heißt Martin Ohlik. Sie merken alle viel auf ihn, und er ist
+gescheit.“
+
+„Kannst du es möglich machen, daß er in der Nacht kommt, wenn alle
+schlafen? Daß er zu uns kommt und mit uns spricht?“
+
+„Ist das nicht gefährlich, Agathon?“
+
+„Nein. Bei Tag ist es doch nicht möglich.“
+
+„Nein, bei Tag werden sie bewacht.“
+
+„Also, willst du es thun?“
+
+„Ja, alles!“
+
+„Gut. Erst wollen wir sehen, wo wir uns treffen. Im Freien ist es zu
+kalt. Ich weiß ein leeres Haus am Engelhardtspark. Dort wird seit acht
+Tagen ein Trockenofen gebrannt.“
+
+Sema entfernte sich und kam nach einer Stunde mit Martin Ohlik wieder,
+der ein feuriger Bursche war und der seine Mission wie eine
+Lebensaufgabe empfand, die ihn bis in den Tod erfüllen könnte. In
+schwerer Finsternis wandelten Agathon und Sema nach Zirndorf, während
+Wendelin in einem Faß unter der Güterhalle Unterschlupf fand.
+
+Es war eine solche Unordnung und vielleicht ahnungsvolle Unruhe im
+Geyerschen Hauswesen, daß am Morgen die Abwesenheit Agathons nur ganz
+flüchtig zur Sprache kam. Nur Sema wurde gezüchtigt. Aber er litt es
+stumm. Er schien einen Triumph dabei zu empfinden, für Agathon Schmerzen
+zu erdulden.
+
+Die Juden im Dorf waren nicht gut zu sprechen auf die Geyerschen. Man
+redete schlimm über Elkan; nicht nur des verhafteten Enoch wegen, nicht
+nur des heidnischen Agathon wegen. Denn Elkan Geyer mußte ein
+wahnwitziger Mann sein, daß er solche Worte im Mund führen konnte; Elkan
+Geyer mußte etwas Unauslöschliches in der Brust tragen, daß er tagelang
+in den Wirtshäusern saß, sein Geschäft gehen ließ, wie es ging und die
+Frau für sieben Mäuler allein sorgen ließ. Elkan mußte ein verkommener
+Mann sein, daß er sich dem Schnapsgenuß ergab: ein Jude, der Schnaps
+trank! Niemand hatte je so etwas gehört.
+
+Währenddem geschahen auch in der Welt allerlei Dinge, die besser nicht
+geschehen wären. Es waren da Gärungen, die das Problem mit den Juden an
+die Oberfläche der brodelnden Zeit brachte, und man sprach allenthalben
+von einer Juden-„Frage“, als ob das eine Frage wäre, die zu beantworten
+ist. In Rußland und Österreich trieben sie es schlimm, und in
+Deutschland glaubte sich ein oder der andere Schuhmacher müßiger Weise
+zum Messias geboren und erhob seine giftschwärende Zunge gegen den
+mehrbesitzenden Judenmann. Dabei schrieen die am Ruder Zeter und Mordio
+gegen ein rotes oder schwarzes Fähnchen, das in irgend einem Winkel
+auftauchte, die Waffe forderte Menschen und immer mehr Menschen, so daß
+sogar der geduldige Bauer den Kopf zu schütteln begann und an ein
+gemeinsames Vorgehen seines Standes dachte. In den Künsten schrieen sie
+auch nach dem Erlöser, dem erwählten Großen, und wie dergleichen
+Redewendungen fließen, und jeder, der etwa die Hosen auszog, oder
+Pflanzen statt des Fleisches aß oder auf peinliche Art die Armut der
+Armen bewies, war ein Genie. Es war eine große Zeit, in der es wohl wert
+erschien, zu leben. Thron und Hütte waren in gleicher Weise von dem
+Bewußtsein persönlicher Machtlosigkeit durchdrungen und vor lauter
+Stimmen hörte niemand eine Stimme.
+
+Wenn Agathon im Kreis seiner Angehörigen um sich blickte, waren es die
+kleineren Geschwister, die sehr gedrückt schienen von all den Vorgängen,
+bei denen ihnen Ursache und Urteil fehlte. Da war die kleine Mirjam. Sie
+war ein Mädchen von blühender, dunkler Schönheit, von einfachem,
+nachdenksamem Wesen, und sie hatte den herrlichsten Mund, der sich
+denken läßt. Darin lag eine magdhafte Ergebenheit, etwas von jener
+biblischen Treue, wie sie in der Geschichte des Jephta eine Rolle
+spielt. Und doch erwuchs sie schon langsam zu jenem Hausfrauentypus,
+der, nüchtern und resigniert, in allem, was das weite Leben betrifft,
+stumpf und tot ist und all sein Ideal im Geld und im Reinwaschen der
+Dielen sucht. Gedalja ging eines Tages über Land und kam nicht wieder.
+Er ging hausieren und wollte offenbar dem Hausstand einen Brotesser
+beseitigen. Oftmals sehnte sich Agathon nach ihm und vermutete nicht,
+ihn unter so tragischen Umständen wiedersehen zu müssen.
+
+Agathon gab an einem der späten Novembertage eine überraschende Probe
+von der Macht, die er im Innern fühlte. Die Estrichsche Ziegelei wurde
+vergrößert. Trockenhäuser sollten gebaut werden und der Grund wurde bis
+an die Grenze des Geyerschen Anwesens ausgegraben. Als dann die Mauern
+aufgeführt wurden, nahmen die Arbeiter nicht die geringste Rücksicht auf
+den Garten, sondern demolierten den Zaun, warfen die schadhaften
+Ziegelsteine herüber, und als Frau Jette eines Morgens mit gellendem
+Geschimpfe unter sie fuhr, wurde sie ausgelacht, und nun entstand unter
+den Arbeitern ein förmlicher Feldzug gegen die jüdische Familie und
+jeder Angriff von Frau Jette wurde mit Hohn und Gelächter begrüßt, mit
+Spott und Haßreden gegen das Judenpack. Sie ging zu Estrich selbst, aber
+das half so gut wie nichts und sie schien gänzlich verzweifelt, fast
+mehr aus Eigensinn, als aus Sorge um den Besitz. Da trat eines Morgens,
+als sie sich wieder zur Zielscheibe des Spotts machte und blindlings
+drauflos schrie, Agathon an ihre Seite, verschloß ihr den Mund mit der
+Hand, während die Maurer mit cynischer Neugier oder mit verstecktem
+Ernst ihm ins Gesicht sahen. Er trat zu einem jungen Menschen, der beim
+Kalklöschen beschäftigt war und fragte ihn: „Hast du eine Mutter
+daheim?“ Das Du und Agathons fester, fast trauriger Blick verwirrte den
+Andern, der unter den Lärmendsten gewesen war. Er schlug die Augen
+nieder und sagte nichts. Seine Kameraden kicherten. „So sag doch,“ fuhr
+Agathon fort, „mir darfst du’s schon sagen.“ Der Maurer lachte und wußte
+nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Endlich schüttelte er in
+unbestimmter Weise den Kopf. „Aber wenn du eine hättest, würdest du sie
+doch nicht beschimpfen lassen,“ sagte Agathon, eindringlich und gütig
+lächelnd; „nimm mal an, du hast daheim einen Garten, und der Garten ist
+fast alles, was ihr habt, denk’ dir das aus, und es kommen solche Leute,
+die sich ein Vergnügen daraus machen, den Garten zu ruinieren, den Zaun
+umzureißen, die Beete mit Steinen zu bewerfen, auf denen ihr im Sommer
+euer Gemüs’ wachsen laßt, und davon habt ihr viele Tage zu essen, mußt
+du wissen. Ich glaube, du thätst unmäßig zornig werden, wie?“ Und
+Agathon legte seine Hand auf die schwielige Hand des Maurers, der
+betreten die Zähne zeigte und mit einigen Zweigen des verdorrten
+Buschwerks spielte. Die andern hatten alles gehört und waren nach und
+nach still geworden. Doch war es ein sehr mißtrauisches Schweigen.
+Deshalb trat Agathon zu dem nächsten, der ein älterer Mann war mit
+mächtigem Bart. „Denkst du, Herr Gevatter, ich bin reicher als du?“
+fragte er kühn. „Sieh doch her, was ich am Leib hab! Und mein Hemd, ob’s
+von besserm Stoff ist, als deines. Im Gegenteil, deins ist von besserem
+Stoff, der Stoff kostet mehr, das kannst du getrost glauben.“ Damit zog
+er seinen Rock aus und hielt dem Alten seinen Hemdärmel zum Anfühlen
+hin, was dieser auch that, fast mechanisch und dabei nachdenklich aus
+seiner Pfeife paffte und dem jungen Mann, der so unbekümmert vor ihm
+stand, prüfend ins Gesicht sah. Jetzt lachten die andern wieder, aber
+diesmal gutmütig, einige murmelten sogar Beifall. „Ihr denkt wohl, es
+giebt lauter reiche Juden?“ fragte Agathon, sich aufs Geratewohl an ein
+paar andere wendend und wieder in seinen Rock schlüpfend. „Das ist nicht
+wahr. Mein Vater muß sich mehr plagen wie ihr und hat weniger Lohn. Da
+ist kein Baumeister, der ihm am Samstag was auszahlt. Also gelt, das
+thut ihr nicht wieder mit den Steinen.“ Damit nickte er freundlich und
+ging langsam ins Haus. „A sakrischer Kerl,“ sagte der alte Maurer
+paffend und sah ihm nach. „’s Dunerwetter soll mi derschlog’n, aber öitz
+maan i, mer thenna die Staaner raus.“
+
+So geschah es. Am Abend waren die Steine aus dem Garten verschwunden.
+
+Frau Jette stand im Flur, als Agathon zurückkam und blickte ihn starr
+an, nicht fähig, ein Wort hervorzubringen. Sie standen da in einer
+dunklen Ecke und ehe sichs Agathon versah, war sie auf einen Holzblock
+gesunken und schluchzte herzbrechend. „Ach Aga!“ flüsterte sie, „ach
+Aga!“ Er schwieg und blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt;
+er fühlte wohl, was sie beweinte, und daß es sich nicht auf diesen Tag
+und nicht auf die letztvergangenen Tage bezog.
+
+Gegen Abend, bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne
+ging Agathon fort. Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam, sah er
+Stefan Gudstikker aus der Gartenthüre kommen, hastig über die Straße
+eilen und mit schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei
+verschwinden. Agathon erschrak, und obwohl er sonst nicht unaufgefordert
+zu Monika kam, entschloß er sich heute doch dazu. Er klopfte an und auf
+ein leises Herein öffnete er die Thür und sah sie allein im Zimmer, am
+Fenster sitzen, in der Dämmerung. Ihre Mutter und Schwester waren wie
+gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt. Monika erwiderte freundlich
+Agathons Gruß und drückte seine Hand.
+
+„Bist du bös, daß ich gekommen bin?“ fragte Agathon beklommen.
+
+„Ich? nein, ich freue mich. Immer bin ich froh, dich zu sehen, Agathon.“
+
+„Wirklich?“
+
+Monika nickte eifrig, dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf
+die Felder. „Ich muß dir etwas vorlesen,“ sagte sie nach einer Weile.
+
+Während sie das Papier aus der Tasche zog und entfaltete, sagte Agathon:
+„Du spielst ja gar nicht mehr mit deiner Puppe?“
+
+„O nein,“ erwiderte sie überrascht lächelnd, – wie erstaunt darüber, daß
+sie je mit Puppen zu spielen vermocht hatte.
+
+„Du weißt doch, daß Gudstikker verlobt ist,“ platzt Agathon auf einmal
+heraus.
+
+„Ja das weiß ich,“ entgegnete sie, wiederum lächelnd: ruhig und wissend.
+„Aber höre zu:
+
+ Wir küssen uns bei Kerzenlicht,
+ Sonst sehn wir uns vor Thränen nicht.
+ Sonst ist uns gar zu still die Stund’,
+ Zu schweigsam der beklommene Mund.
+
+ Wir küssen uns in finsterer Nacht,
+ Weil sie die Zukunft schöner macht.
+ Wir sehn das goldne Haus am Meer
+ Von Schätzen voll, von Sorgen leer.
+
+ Was spricht der Vogel Zeitvorbei?
+ Daß alles dies vergänglich sei?
+ Was spricht die Mutter Zweifelschwer?
+ Ein Schattenbild das Haus am Meer?
+
+ Der Vogel hat die Nacht vertrieben,
+ Die Mutter ist bei uns geblieben.
+ Den blassen Traum an jener Wand
+ Hat sie verblasen und verbrannt.“
+
+Es entstand eine lange Pause.
+
+„Wie konntest du es denn lesen,“ fragte Agathon endlich bedrückt, „da es
+doch schon dunkel ist?“
+
+„Ich kenne es auswendig,“ flüsterte Monika, ganz in sich versunken. „Es
+ist schön, es ist schöner als schön.“
+
+„Aber weshalb nimmst du denn das Papier, wenn du es auswendig weißt? Nur
+damit du es sehen kannst? Nur damit du die Schrift sehen kannst? O wie
+rot wirst du, Monika! Du bist glühend rot.“ Agathons Stimme zitterte.
+„Monika!“ rief er dann.
+
+„Was?“
+
+„Es ist ein unwahres Gedicht. Es ist schön, aber unwahr. Alles was darin
+steht ist schön, und nur, weil es schön ist, steht’s da, aber es ist
+erlogen. Ich weiß, wer es gemacht hat. Aber er ist kein wahrhaftiger
+Mensch. Nur ein wahrhafter Mensch kann wirklich ein Kunstwerk machen.
+Ich meine nicht so, daß er im Leben nicht lügen darf, aber mit seiner
+Seele darf er nicht spielen. Er aber spielt, Monika. Verzeih’ mir, daß
+ich es gesagt habe.“
+
+Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen, und es war auch, als
+ob ein anderer, ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hätte. Als er
+fort war, saß sie im Finstern bis ihre Mutter kam.
+
+Agathon traf Stefan Gudstikker wie schon einmal, unter einem Laternchen
+am Ziegeleigebäude stehend. Nach einigem Hin- und Herreden lud er
+Agathon ein, mit ihm ins Haus zu kommen. Agathon folgte ihm. Der alte
+Estrich, brummig und knurrig, wenn er liebenswürdig war, beinahe
+komisch, erfüllte das Zimmer mit dem Rauch seiner Pfeife und ging bald
+fort. Käthe erschien still, scheu und gedrückt. Sie hatte bisweilen ein
+ergebenes Lächeln für ihren Verlobten, jedes Stirnrunzeln von ihm schien
+sie zu beeinflussen, jedem halben Wort schien sie nachzusinnen. Ihr
+Wesen war fast zu kindlich, bisweilen ein wenig dumm. Sicherlich war sie
+über die wichtigsten Dinge des Lebens noch im Unklaren. Gudstikker
+strich ihr oft über die Haare; er schien sich der grenzenlosen Macht
+über das einfache Kind zu freuen; ja, er schien damit zu prahlen. Oft
+wenn sie etwas sagte, lachte Gudstikker, – es war nur ein Stoß, wie der
+Ton aus einer Trompete, und Agathon dachte wie in einer Erleuchtung: er
+hat ihr den Glauben geraubt. Was hat er ihr dafür gegeben? Seine eigene
+Person. Jeder Tag lehrte Agathon mit unabweisbarer Stimme das Leben wie
+es wirklich war, wie es nicht aus einem göttlichen Wesen floß, sondern
+aus dunklen, unterirdischen Quellen, vielgestaltig, mit Trübsand
+vermischt, nur selten Gold im Grunde führend, selten im geraden Strom,
+klar und kraftvoll rauschend.
+
+Sie sprachen von dem Mord. Käthe fand es gräßlich, daß man den Thäter
+nicht erwischt habe. Sie fürchte sich jede Nacht.
+
+Agathon lächelte seltsam. „Vielleicht ist es kein so schrecklicher
+Mensch, Fräulein Käthe. Vielleicht betrachtet er es wie eine große That.
+Vielleicht hat er sich dadurch befreit von allem Schmutz seiner Seele.
+Und er fühlt auch gar keine Gewissensbisse, im Gegenteil. Er hat sich
+vielleicht geopfert, für ein ganzes Volk, nicht? Ist denn ein solcher
+Mord wirklich so schrecklich? Es giebt auch keine böse Vergeltung für
+einen so guten Mord. Das ist unmöglich.“
+
+Gudstikker sprang auf und blickte Agathon durchdringend an. Dann
+schüttelte er den Kopf, lachte, ging ans Fenster. Die Scheiben waren mit
+Eisblumen bemalt, und das Mondlicht zitterte daran. „Aber was für ein
+Mensch muß das gewesen sein!“ rief er aus. „Ein Ungeheuer!“
+
+„Nein, vielleicht nur ein Mensch ohne ‚Nerven‘. Giebt es nicht solche
+Menschen, die wie ein Stück Ackererde sind?“
+
+Plötzlich hörte man draußen das ängstliche und fortgesetzte Miauen einer
+Katze. Alle lauschten. Gudstikker und Agathon gingen hinaus.
+
+Der Mond stand hoch und rein am Himmel. Der Schnee blitzte und funkelte
+weit umher. Auf den Feldern lag der Rauhreif, schimmernd wie
+Silberstaub. Vor dem Thor lag ein Kätzchen in seinem Blut. Gudstikker
+kniete hin und streichelte das Tier zärtlich, redete ihm zu wie einem
+kranken Kind. Dann gebärdete er sich wie rasend, drohte den Kerl zu
+erdrosseln und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu können. Agathon
+wollte ihn trösten, obwohl er etwas Gekünsteltes in diesem Zorn fühlte,
+als er einen Schatten gewahrte und Käthe neben sich sah. Sie hatte einen
+Shawl um den Kopf. Ihre Lippen, deren Rot durch eine scharfe und runde
+Linie von der blassen Haut abgegrenzt war, waren ein wenig geöffnet.
+„Ist das Kätzchen tot?“ fragte sie.
+
+Gudstikker nickte.
+
+„Wer hat es gethan? Vielleicht der Vater, Stefan. Er stellt immer den
+Katzen nach. Ich hab’ das alles vergangene Nacht geträumt. Kannst du’s
+glauben? Auch Herrn Agathon hab’ ich gesehn.“ Sie drückte flüchtig
+Agathons Hand, der sie beständig ansah.
+
+„Dein Vater, sagst du!“ fuhr Gudstikker auf. „Weißt du, daß es mir jetzt
+zu bunt wird? Weißt du’s nicht. Nun, dann will ich dir’s sagen. Ich bin
+mir zu gut dazu. So!“
+
+Wieder fühlte Agathon das Künstliche dieses Wutausbruches und fragte
+sich vergeblich nach Gründen.
+
+„Stefan,“ flüsterte Käthe und legte ihre beiden Hände um seinen Arm,
+„ich will thun, was du immer von mir verlangt hast. Ich will mit dir
+fliehn, wohin du willst.“
+
+Es entstand eine peinliche Pause. „Es ist kalt, Herzchen,“ erwiderte
+Gudstikker endlich und streichelte tröstend ihre Hand. „Geh nur und leg
+dich schlafen. Du wirst ja krank!“
+
+Bald darauf gingen Agathon und Gudstikker zusammen gegen den Pfarrhof,
+wo dieser wohnte. „Sehen Sie,“ sagte Gudstikker, „da haben Sie ein Opfer
+unserer Kultur. In dem Mädchen steckt ein prachtvoller Kern. Aber sie
+ist gänzlich unsinnlich. Ja, das erscheint ihr schrecklich, was ein Mann
+unter Liebe versteht. So sind viele. Ich habe vielleicht hundert Mädchen
+kennen gelernt, auch durch andere, die dem Mann nur aus Mitleid
+gestattet haben, wozu sie die Natur drängen sollte. Es ist eine
+Krankheit heutzutage. Sowie ein Weib an der Kultur teilnimmt, wird sie
+blutlos.“
+
+Agathon hörte gespannt und beunruhigt zu. In seinem stillen Sinn dachte
+er, Gudstikker wolle sich in einen Rausch reden. Schließlich sagte er
+ihm etwas hastig gute Nacht.
+
+Als er heimging, hatte er eine seltsame Hallucination. Aus einem dunklen
+Thorweg trat Käthe Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hände. Als er
+weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den
+Winternebel auflöste, dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie. Wie
+groß war sein Erstaunen und sein Schrecken, als er sie auf einmal
+wirklich sah! Raschen Schritts kam sie und lächelte matt, als sie vor
+ihm stehen blieb. Sie wolle zu Stefan, sagte sie. Und auf sein
+Gegenbitten schüttelte sie unentschlossen den Kopf.
+
+„Was wollen Sie denn bei ihm?“
+
+„Ich weiß nicht. Ich will ihn nur sehen. Wenn ich noch einmal in sein
+Gesicht sehe, weiß ich alles.“
+
+„Was? Was denn?“ Agathon zitterte.
+
+„Ach, – nichts.“
+
+In diesem Augenblick ging viel vor in Agathons Seele. Er sah dieses
+zarte Geschöpf vor sich, wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte. Er sah
+die kleinen, mondlichtübergossenen Häuser, die dunkle Unendlichkeit des
+Nachthimmels, zage Sterne, glänzende Fensterscheiben, – dies alles im
+Gegensatz zu der komischen Unruhe der Menschen, ihrer Lust an der Lüge,
+ihrer Furcht vor dem Kampf, und zum erstenmal sprach heute die Natur ein
+lautes Wort zu ihm, und er konnte die gärende Inbrunst seiner Seele
+nicht mehr mißverstehen. Da stand nun dies stille, wortkarge Geschöpf
+vor ihm mit dem treuherzigen Blick, dem hilflosen Zucken um die Lippen
+und sie sah ihn ratlos an, als Agathon wie erleuchtet lächelte.
+
+„Sie sind immer so traurig, Fräulein Käthe,“ sagte er.
+
+Sie nickte.
+
+„Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen.“
+
+„Aber wie kann ich das,“ erwiderte sie seufzend.
+
+„Ich kann es, ich will Sie froh machen,“ sagte Agathon.
+
+Sie blickte ihn ungläubig an, als sie auf dem knarrenden Schnee
+weitergingen. Agathon mußte jetzt wunderlicherweise an Gudstikkers
+ewig-schmutzige Fingernägel denken, und er raisonnierte, daß ein Mensch
+mit schmutzigen Nägeln niemals ein solches Mädchen küssen dürfte, selbst
+wenn er ein Dichter ist, den es nach Reinheit und Verehrung dürstet. Er
+dachte an Monika und eine Glut stieg in ihm auf, daß sein Blick förmlich
+verhängt wurde. Dann liefen seine Gedanken weit fort zu Sabbatai Zewi
+und seinen Freudenfesten, und er zweifelte nicht an der Ehrlichkeit des
+Propheten, der das Leben in so großen Linien gelebt und alle Mitlebenden
+beglückt hatte.
+
+„Ein Wort, Fräulein Käthe, – vertrauen Sie mir?“
+
+„Sie sind so merkwürdig, Agathon. Man muß Ihnen vertrauen, auch wenn man
+nicht will.“
+
+„Und Sie wollen alles thun, – von jetzt bis Mitternacht, alles was ich
+will. Es ist nichts Böses.“
+
+„Aber es ist spät.“
+
+„Eben hat es acht Uhr geschlagen.“
+
+„Was soll ich denn thun?“
+
+„Nichts als das: in unserem Hof steht ein Schlitten. Da sollen Sie sich
+hineinsetzen. Ich fahre Sie.“
+
+„Jetzt? Um Gotteswillen, jetzt! Ich kann nicht. Meine Mutter läßt mich
+nicht fort.“
+
+„Ach, wie das Aschenbrödel sind Sie! Aber heute dürfen Sie den Prinzen
+sehn.“
+
+„Den Prinzen?“
+
+„Gewiß. Ich ziehe meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei
+Weinzierlein.“
+
+„Bis –? Nein Agathon, das ist zu weit.“
+
+„Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und nicht furchtsam sein. Ich hab’
+auch noch ein dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter.“
+
+„Sie sind so jung, Agathon, und das vergißt man ganz, wenn man Sie
+hört.“
+
+Eine Viertelstunde später flog der Schlitten die Landstraße hinaus und
+Agathon auf Stahlschuhen hinterher. Rechts lag der Wald, dann lag er
+links; das Mondlicht wohnte in ihm, die braunen Blätter glänzten
+silbern, die Birkenrinde strahlte wie Gold, der Schnee lag wie ein
+faltenloses, frischgewaschenes Tuch da, der Himmel wölbte sich in
+stillem, matten, kalten Licht und der Frieden, der mit den beiden
+gleichsam Seite an Seite zog, breitete sich aus, herrlich und rein.
+„Sehen Sie nur die Elfen,“ sagte Agathon, „sie freuen sich, daß wir
+kommen. Wenn wir auf dem See sind, werden sie Leuchtfeuer anzünden,
+Bewillkommnungsfeuer. Die Irrlichter zeigen uns den Weg. Sehen Sie dort!
+Ein Irrlicht, blau und grün –! Ist Ihnen warm? Das ist gut. Mir ist auch
+warm. Das nächste Mal müssen wir Mirjam mitnehmen. Sie kann lachen, daß
+es meilenweit hinausjubelt, besonders wenn es so kalt ist, wie heute.“
+
+„Wer ist Mirjam?“
+
+„Meine kleine Schwester.“
+
+„Ein schöner Name.“
+
+„Er ist hebräisch und heißt: die Widerspenstige.“
+
+„So?“
+
+„Ja. Auch Maria heißt die Widerspenstige. Aber Mirjam ist gut und
+lustig, und sie stellt Fragen wie eine alte Frau.“
+
+Dies alles wurde im vollen Lauf hin- und hergesprochen, auf der
+klirrenden Schneebahn. Und endlich kam der See. Zauberhaft!
+Glattgefroren war die weite, breite Fläche, Schimmer auf Schimmer,
+golden und silbern, schwebte daher, tausend hellblitzende Funken besäten
+den Schlittenpfad und Agathon flog hin wie der Wind, wie ein Pfeil!
+„Jetzt beginnt das Märchen,“ rief er aus. „Jetzt kommen Feen und
+Geister.“
+
+„Und der Prinz?“
+
+„Der kommt zuletzt.“
+
+„Nein, zuerst, – wie’s versprochen war!“
+
+ „Haia! juchhaia!
+ Mein Waidruf schallt.
+ Auf! Mir zur Frohnde,
+ Wiesen und Wald!
+
+ Haia, juchhaia!
+ Elfisches Reich,
+ Wo ist die Königin,
+ Blitzend und bleich.“
+
+Vom Ufer erhob sich die Gnomenschar, lachend, echoend, tanzte mit weiten
+Sprüngen um das Gefährt. „Mir ist heiß!“ rief Käthe lachend und schlug
+voll Entzücken die Hände zusammen, denn die Landschaft war zum
+Zauberreich geworden. Man sah Lichter blitzen wie in einem Saal;
+bisweilen tönte es aus der Ferne wie Gesang von hellen Mädchenstimmen,
+bisweilen wie Glockenklang; Ritter und Knappen und edle Damen stiegen
+aus der Tiefe zum Tanz gekleidet; denn hier war einst eine mächtige Burg
+versunken. Käthes Blut floß rasch und stürmisch. Sie jubelte und
+klatschte in die Hände wie ein Kind. Sie erinnerte sich nicht, je so
+glücklich gewesen zu sein, sie war wie berauscht und Agathon lächelte
+sie an, seltsam, träumerisch. Wie ein Sturm fuhr die Sehnsucht in seine
+Brust, ein ganzes Land, ein ganzes Volk so glücklich zu machen. Es ist
+eine dunkle Zeit, dachte Agathon, und wer ihr die Freude bringt, kommt
+mit einer flammenden Fackel zu ihr.
+
+Heimwärts flog der Schlitten, dem sinkenden Mond entgegen.
+
+
+ Elftes Kapitel
+
+In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung an der Luisenstraße,
+und der kalte, neblige Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines
+Innern. Da begegnete ihm ein Bote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er
+riß den Brief auf und las:
+
+Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich
+einmal erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen
+Sie nicht, warum. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn zwei Schicksale sich
+verketten, der Weg zum Glück doppelt so schmal wird? Das Leben ist so
+klein und kann nicht durch einen großen Sinn regiert werden. Können Sie
+sich denken, daß man nicht mehr an all die schönen Worte glaubt, von
+Freiheit u. s. w. Sondern nur an das taube, blinde Ungefähr –? Der eine
+sucht sein Schicksal, den andern findet es. Was rede ich da! Gestern
+traf ich meinen Großvater, und ich will nicht sagen, in welcher
+Verfassung. Kommen Sie nicht wieder!
+
+Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie dieses
+gequälten Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen,
+sah auf seine Uhr, kehrte hastig in seine Wohnung zurück, setzte sich an
+den Schreibtisch, kaute einige Zeit beklommen am Federhalter und begann:
+
+Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie
+ist es? Was soll ich davon denken? Bedeutet _das_ die Schrankenlosigkeit
+der Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche,
+banale Roman-Reue? Muß ich das glauben? Nie. Das Schicksal ist
+ungewöhnlich mit uns verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm
+revanchieren. Ich sehe dich noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in
+deiner Hinreißendheit. Und nun?
+
+So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
+Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. „Erich, du
+schreibst an eine Frau,“ sagte sie langsam und betont.
+
+„Fanny, du phantasierst.“
+
+„Erich, du schreibst an eine Frau.“ Sie war leichenblaß und hatte mit
+der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefaßt.
+
+In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge,
+oder er wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben
+zusammen und zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.
+
+„Schön,“ sagte Fanny Bojesen, „damit bekennst du dich ja schuldig. Ich
+verbittere dir das Leben. Ich bin nüchtern und kalt. Ich bin
+verständnislos, ich bin dumm. Ich bin ungeduldig und nervös. Das hast du
+doch alles geschrieben dieser, – dieser Dame?“
+
+„Du hast sonderbare Vorstellungen von einem Liebesbrief, mein Schatz.“
+
+„Nun ja, freilich, Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird
+dich zu Grund richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit
+Verzweiflungsausbrüchen. Ich bin mir zu gut dazu, mit einem Wort, obwohl
+ich zu vielen Dingen nicht zu gut bin, wie das einmal geht. Aber ich
+will nur auf das Ende warten.“
+
+„Aber du phantasierst ja, du träumst,“ rief Bojesen, erschrocken und
+gespannt.
+
+„Wir schlafen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.“
+
+„Was soll das heißen?“
+
+„Ich kann nachts nicht schlafen, und ich höre dich, wenn du überhaupt zu
+Hause schläfst. Die Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht
+bist du dann bei ihr, verstehst du?“
+
+Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte
+Cigarren und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu thun
+pflegte. In den düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die
+Herren, die, das akademische Viertel benutzend, gravitätisch oder
+tiefsinnig umherstolzierten, die Hand auf dem Rücken oder zwischen dem
+zweiten und dritten Knopf der Rockbrust. Es ist nicht leicht zu sagen,
+worüber sie nachdachten, und es ist unwahrscheinlich anzunehmen, daß sie
+über des Lebens Alltäglichkeiten nachdachten. Denn so wichtige Herren,
+wie sie waren, mußten sie auch über Gegenstände versonnen sein, die dem
+Gepräge ihrer Persönlichkeit entsprechen konnten. Doktor Rosenblatt (es
+ist die Eigentümlichkeit und das Martyrium dieses Standes, daß er sich
+stets mit einem imaginären Doktor- oder Professortitel schmücken muß,
+damit die Würde des Standes in den Augen der profanen Welt gewinne),
+Doktor Rosenblatt also hatte, um seinerseits eine Ausnahme zu
+dokumentiren, beide Hände auf dem Rücken. Er pflegte jedes Klassenzimmer
+mit der Konstatierung der Thatsache zu betreten, daß es stinke. Er
+pflegte dies in einem heftigen Schrei zu behaupten und pflegte dann die
+Fenster aufzureißen. Zugegeben, daß dies eine Unklugheit von ihm war,
+ein Pfeil, der auf ihn selbst zurückgehen konnte, so ist doch
+andererseits anzuerkennen, daß diese kategorische Erklärung von seiten
+des Trefflichen wiederum als ein Beweis seines fortgeschrittenen
+Reinlichkeitssinnes gelten konnte. Dieses Zeugnis war zum Exempel Herrn
+Professor Schachno mit nichten zu erteilen. Denn auf den glänzenden
+Flächen seines Rockes wäre es der Analyse Bojesens leicht gewesen, den
+Speisezettel des Ehrenwerten für die Frist des abgelaufenen Semesters zu
+geben. Aber Professor Schachno war ein Stoiker; dies erklärt alles; ein
+liebenswürdiger, standesbewußter Mann, der sein Erziehungsideal, die
+Strafarbeit, stets in Gedanken zu vervollkommnen bestrebt war.
+
+Bojesen sah die finstern Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie
+nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, daß etwas in der Luft lag. Als er
+später eine der unteren Klassen in den Anfangsgründen der anorganischen
+Chemie unterrichtete, bemerkte er, daß er innerlich mit ganz anderen
+Dingen so intensiv beschäftigt war, daß Scenen und Bilder in seinem
+Geist entstanden, und sein Bewußtsein bei dem, was er lehrte, ganz
+verdunkelt war.
+
+Nach Ablauf der Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen
+lächelte, entließ seine Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und
+stand alsbald vor dem Herrscher des Schulreichs. Und nicht nur vor ihm
+allein. Fünf der ältesten Herren bildeten gleichsam seine Garde, – eine
+Hochburg unbestechlicher Rechtlichkeit, unwandelbarer Sittlichkeit,
+unerschütterlichen Ernstes.
+
+„Herr Bojesen,“ begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen
+Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, „Sie sind uns als Kollege lieb
+gewesen und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der
+strengen Thatkraft überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten, –
+glaubten wir. Wir glaubten, in Ihnen dereinst eine stolze Säule unserer
+Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten Mitbürger, einen
+tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier, sittlicher Wandel,
+Religiosität, das sind Orden, die die Brust eines Beraters der Jugend
+mehr schmücken, als königliche Orden. Wir müssen bekennen, daß wir uns
+in Ihnen getäuscht haben.“
+
+Ein undefinierbares Murmeln der Garde begleitete diese Worte, die an
+Hoheit, Einsicht und Milde als gleich vollendet bezeichnet werden
+müssen.
+
+„Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?“ entgegnete Bojesen ruhig.
+
+„Damit soll gesagt sein, daß Sie, wie unsere gewissenhaften
+Nachforschungen zweifellos ergeben haben, in Bezug auf Ihre moralische
+Führung nicht geeignet sind, einen günstigen Einfluß auf die Schüler zu
+üben, Herr Bojesen, – kurz, daß Sie sich auf Abwegen befinden. Als
+Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu warnen, Sie kraft meines Alters
+aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand dieses Instituts dagegen ist
+es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer Lehrtätigkeit Abstand nehmen
+zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium berichtet und
+weiteren Bescheid empfangen haben.“
+
+Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der
+Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:
+
+„Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon
+es auch sei. Wir waren vorsichtig in Bezug auf unsere Schritte. Sie
+verkehren in einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und
+verrufenen Frauenzimmern. Es ist schändlich und für mich als Haupt einer
+Anstalt, an deren Ruf kein Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit
+über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es
+ist beschämend für mich, einen solchen Vorfall so deutlich konstatieren
+zu müssen. Aber Sie zwingen mich dazu, Herr. Ihr unverzeihlicher
+Fehltritt fällt um so schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind und
+trotzdem nicht Ehrgefühl genug besaßen, sich als Pädagog zu zügeln. Aber
+nicht einmal das allein war maßgebend für mich. Nur aus wenigen
+Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher Zuhörer graben
+können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, daß Sie es
+im Unterricht, – meine Herren geben Sie wohl acht, aber mäßigen Sie Ihre
+edle Entrüstung, daß Sie es sogar nicht verschmähten, skeptische Worte
+fallen zu lassen, die die Religiosität der Schüler gefährden konnten,
+und daß Sie so auf dem verbrecherischen Wege sind, die scheußliche
+Zeitkrankheit des Atheismus und der Pietätlosigkeit mitverbreiten zu
+helfen. Wir wissen, daß Sie sich mit dem dimittirten Schüler Agathon
+Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll befaßt haben, und jetzt
+wird mir auch vieles von der unerhörten That dieses unglückseligen und
+irregeleiteten Jünglings klar. Und nun noch zur schwersten Anklage, der
+gegenüber nichts, aber auch n–nichts Sie rechtfertigen kann. Sie haben
+in einem öffentlichen Lokal, in der Unterredung mit einem Ihrer
+auserwählten Freunde, Reden von einer wahrhaft, – kurz, von einer
+wahrhaft socialdemokratischen Tendenz geführt, so daß Ihre Worte an
+Nebentischen gehört wurden. Ich hoffe, Sie bereuen dies alles und werden
+ein besserer Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen
+anvertraut hat, ist ein anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich
+Sie, uns zu verlassen. Oder haben Sie noch etwas einzuwenden? Aber ich
+mache Sie aufmerksam, daß unsere Zeit kurz bemessen ist.“
+
+Bojesen rührte sich nicht. Seine Hand zitterte immer noch leise. Seine
+Augen schauten unverwandt ins Weite, als suchten sie sich mit den
+kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit schon jetzt
+vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges, halb
+trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der
+Reihe nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe
+schüttelten. Endlich sagte Bojesen: „Meine Verbrechen sind Verbrechen.
+Für Sie müssen es solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen
+einwenden. Aber was die ‚unschuldigen Blüten‘ betrifft, darüber möchte
+ich noch ein paar Worte sagen. Das was ich immer wollte, was aber ein
+Unding ist, ein Windmühlenkampf, ist, daß ich die Schüler veranlassen
+wollte, selber zu denken, aus Andeutungen, aus Anschauungen ein Gesetz
+zu konstruieren. Ich habe ihnen aus der Wissenschaft immer ein
+schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum für das Gedächtnis.
+Aber Sie, meine Herren, arbeiten nur für ein totgeborenes Kind. Was Sie
+thun, ist immer aussichtslos. Als unverdauliche Speise bleibt es im
+Magen Ihrer Pfleglinge liegen. Sie geben sich nie die Mühe,
+herunterzusteigen, sondern bleiben hochmütig auf dem Katheder und auf
+dem Lehrbuch sitzen. So wie Sie es treiben, ist die Schule eine
+Verdummungsanstalt, und kein munter fließendes Wasser wird aus diesem
+Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige Marionetten, oder wie Sie
+es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre Institutionen, das
+mögen Sie wissen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muß
+es mit dem Herzen thun, nicht mit dem Vocabulaire. Ich möchte sagen, er
+muß ein wenig spielen dabei, Sie müßten beinahe ein wenig Künstler sein.
+Aber wie soll der Staat das aufbringen. Sie, Herr Horamus, der Sie
+dastehen als Lehrer der Geschichte, seien Sie aufrichtig, haben Sie
+jemals daran gedacht, den Schüler mit den großen, menschlichen Dingen
+der Geschichte vertraut zu machen? Haben Sie jemals den Geist des
+grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht? Haben Sie jemals ein
+farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von mehr sittlichem
+Wert, als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastien-Namen, glauben Sie
+mir. Aber davon haben Sie ja selbst keine Ahnung, wie sollten Sie mir
+Antwort geben können. Ein _null-ouvert_ im Skat ist Ihnen weit
+interessanter. Und was Religiosität und Vaterlandsliebe betrifft, Herr
+Rektor, so haben Sie keine Angst. Beide zeigen sich nicht im
+Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist Duckmäuserei
+und Frömmelei. Beruhigen Sie sich nur, ich gehe schon. Vielleicht kommt
+die Zeit selbst für Sie noch, der Sie graue Haare haben, wo Sie mit
+Angst an das denken werden, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich empfehle
+mich den Herren.“
+
+Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in
+unbeschreiblicher Verblüffung zurück. „Gehen Sie hinunter, Schachno, und
+verhindern Sie, daß er mit den Schülern spricht,“ sagte der Rektor
+erregt.
+
+Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und
+ging die Mathildenstraße entlang, bis die Häuser zu Ende waren, bis die
+Ebene vor ihm lag, – anscheinend grenzenlos. Und wie er weiter und immer
+weiter ging, vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz,
+und all das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf
+in eine große allgemeine Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in
+eine wie hingehauchte Traurigkeit um vergebliches Ringen. Er empfand
+jene Müdigkeit zu denken, die uns mit einem unsicheren und seltsamen
+Stolz erfüllt, uns zu vagen, aber tröstlichen Bildern führt, bis an die
+Thüre jener Schwermut, die sich mit liebevoller Innigkeit an alle
+Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels
+eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht.
+
+Still und neblig, wie erfroren lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer
+Wand von Schleiern erhob sich bisweilen in der Ferne ein Gehölz. Der
+Himmel war unbeweglich; keine einzelne Wolke war zu sehen: nur eine
+schwerhingezogene Decke. Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das
+Grüblerische, Insichgekehrte dieser Landschaft. Raben flogen lautlos
+über die Äcker, setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen, die
+aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit den schlauen und
+boshaften Augen auf den Wanderer.
+
+Bojesen nahm in einem Dorfwirtshaus ein kärgliches Mittagsmahl ein,
+unterhielt sich mit den Bauern und machte zum erstenmal die Beobachtung,
+daß der fränkische Bauer ein intelligenter, ernster und gutherziger
+Menschenschlag ist, der nichts von der tückischen Pfiffigkeit und von
+dem versteckten Städterhaß vieler andern Bauern besitzt.
+
+Als es schon dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als
+ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre. Fast mechanisch, als wäre es die
+Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses, wandte er sich nach der
+Richtung von Jeanettens Wohnung, und er fand sie allein.
+
+Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.
+
+„Du bist so froh,“ sagte sie und blickte bang nach der Thür. Doch gleich
+darauf sprang sie empor und tanzte trällernd im Zimmer umher. Nichts
+lächelte in ihrem Gesicht. Der Mund war geöffnet und ließ die kleinen
+Zähne sehen. Die Augenlider waren gesenkt, mühevoll sinnend. So tanzte
+sie.
+
+„Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin,“ sagte sie
+verächtlich. „Die Herren der Gesellschaft werden zum ‚siebenten Himmel‘
+kommen, und ich werde die Sensation sein, der Stadtklatsch. Das ist mir
+zu widerlich. In acht Tagen gehe ich fort, oder in vierzehn Tagen, wenn
+ich mit meinen Vorübungen fertig bin. Ich gehe nach Paris. Ich brauche
+anderes Leben. Es wird auch ein anderer Tod sein, wenn es so kommt.“ Sie
+lachte mit ihrem harten, stoßweisen Lachen.
+
+„Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?“
+
+„Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder
+Kunst werden. Sieh her, den Tanz der Liebe. Alles ist Feuer, hinneigende
+und doch verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und
+schließlich die unterdrückte Erregtheit. Dann der Haß. Offene Glut,
+wildes Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich
+denk’ es mir wundervoll. Eure andern Künste haben alle abgewirtschaftet.
+Sie beruhen auf der Eitelkeit. Es giebt nur noch Wissenschaft und Tanz
+in der Zukunft.“
+
+Bojesen sah hilflos vor sich hin.
+
+„Was machst du denn für ein Gesicht? Wie ein melancholischer
+Briefträger,“ sagte sie.
+
+Bojesen hatte so vieles sagen wollen. Jetzt erinnerte er sich an nichts,
+oder es erschien ihm zu düster. „Jedesmal, wenn ich komme, bist du
+anders,“ bemerkte er mit etwas jugendlicher Verzweiflung.
+
+Jeanette lachte spöttisch und begann wieder zu tanzen: auf den Zehen,
+den Körper in vornehmen, wellenhaften Bewegungen vor- und zurückbiegend
+und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel
+schauend. Dann holte sie Wein, dessen Purpur in den dunklen Gläsern und
+in der beginnenden Dämmerung ganz schwarz erschien.
+
+Währenddem öffnete sich die Thür und Bojesen sah einen alten, sehr
+gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es
+war Gedalja. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete
+sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff
+und wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und
+zündete die Lampe an. „Hast du was verkauft, Großvaterle?“ fragte sie,
+die Hand in die des Alten legend.
+
+Gedalja verneinte. „Se welln nix haben. Se sin alle versehen. Se welln
+bloß ihrn Spaß haben mit em alten Jüden. Ich will nit klagen, Enkelin,
+nit klagen. Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb’? Wer
+wird reden zu mir in die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten
+Mann über neunzig, wo hat kein Haus un kein Hof un kein Bett? Bin ich
+nit gewesen e Beheema, e Vieh, daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e
+Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird sein zu Fetzen?
+Wo sin meine Kinder, daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine
+Worte? O Enkelin, es is gut, e Chalef zu nehmen, e Schwert und zu
+zerreißen sein eignes Herz.“
+
+Danach war es lange Zeit still im Zimmer. Bojesen hatte nicht vom Boden
+aufgeblickt. Gedalja begann wieder. „Ich waaß nit, was de hast gethan un
+was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d’rs an an deine Stirn
+und deine Augen, daß de willst hoch naus, daß de hast überspannte
+Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es giebt im Jüdischen e
+Sprichwort un haaßt: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die
+Schmue e Ponim. So is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil
+afn Schabbes, natürlicherweis. Sei vernünftig! Sei immer bei dir un hab
+gut acht auf deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit
+hast ausgelöscht ’s Licht; nor die Thoren scheuen den Schlaf beim
+Finstern. Bleib’ e gute Jüdin, wenn de aach nit glaubst, denn wir sin e
+großes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk d’r was ich hab’ gesagt. Haste
+vielleicht was z’essen? Hunger hab’ ich aach. Bin in ganzen Tag
+rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.“
+
+Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an.
+Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er
+haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein
+Panzer.
+
+Er irrte lange Zeit durch die Straßen, aß gegen sieben Uhr irgendwo zu
+Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor
+Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am
+gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er
+glaubte, diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und
+stand vor Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern
+wandte. Bojesen lächelte ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine
+Zeitlang standen sie Auge in Auge, ohne eine Bewegung. „Wie lange stehen
+Sie schon?“ fragte endlich Bojesen mit schlecht verhehltem Spott. Aber
+Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die Hand bot und sagte: „Thun
+Sie das nicht. Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen,
+wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihrer Mutter
+sähe? Ich stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine pathetische
+Phrase.“ Er schob seinen Arm unter den Bojesens und zog ihn mit sich
+fort.
+
+„Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?“ fragte Bojesen, noch immer
+sarkastisch.
+
+„Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Grad.“
+
+„Sie sind Arzt?“
+
+„Verzeihen Sie, – ein Wort: kommen Sie eben von ihr?“
+
+„Nein.“
+
+„Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.“
+
+„Ein schöner Beruf.“
+
+„J–Ja!“
+
+„Aber er macht hart, grausam.“
+
+„Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.“
+
+„Im Gegenteil –?“
+
+„Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühlsnüancen.“
+
+„Das sind Worte. Es giebt solche und solche Ärzte.“
+
+„Allerdings.“
+
+Darauf schwiegen sie. „Verzeihen Sie,“ sagte Nieberding, „darf ich Sie
+zu einem Abendessen einladen?“
+
+„Danke, ich habe schon gegessen.“
+
+„Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.“
+
+„Wenn es Ihnen nicht unbequem ist –.“ Nieberdings offene Herzlichkeit
+und seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein
+wenig. Bald saßen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches
+Feuer brannte. Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand
+eine nagende Unruhe. Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für
+Bojesen war es seltsam zu sehen, wie sie den Bruder küßte, mit einer
+verhaltenen und stolzen Leidenschaft, und wieder ging.
+
+Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: „Was
+halten Sie von Jeanette Löwengard?“
+
+Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. „Sie ist ein feines Tier,“ sagte
+er endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.
+
+Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen
+wieder.
+
+„Und Sie,“ fuhr Bojesen fort, „welche Art von Frauen lieben Sie? Sagen
+Sie nicht, daß es diese Luisina sei, denn das steht Ihnen fern. Sie
+lieben die schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die größer
+sind als Sie, die präraphaelitischen Gestalten, hab’ ich nicht recht?“
+
+Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu
+widersprechen und in seinen Sinnen wurde es ganz dunkel. Bojesens weit
+aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen, als was er jetzt
+sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung glich der
+einer Katze. Er war wie verwandelt.
+
+Nach einer Weile begann Edward Nieberding: „Etwas muß ich Ihnen noch
+sagen. Sie haben beliebt, mich als den Typus des modernen decadenten
+Juden hinzustellen. So war es doch, nicht? Ich habe viel darüber
+nachgedacht. Wenn etwas daran wahr ist, ist es dies: wir wirklich
+modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele
+Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem
+Geist.“
+
+Bojesen sprang mit leidenschaftlich-erregtem Gesicht auf und schlug mit
+der platten Hand auf den Tisch. „Zum Teufel, Herr, wiederholen Sie dies!
+Wiederholen Sie dies! Das ist es, was _ich_ sagen wollte. Das ist es,
+was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum
+aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die
+Fenster zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Es ist gut, daß Sie
+das sagen, der Sie an Leib und Seele schon zu den Toten gehören. Sind
+wir nicht ein krankes Geschlecht bis ins Mark? Sehen Sie her (Bojesen
+machte eine erschreckende Gebärde), sehen Sie her, was ich bin! Heute
+bin ich neunundzwanzig! Was werde ich mit vierzig sein! Geben Sie uns
+nur dies geistige Christentum wieder, endlich, das unsere starke,
+säftereiche Rasse aufgelöst und vernichtet hat binnen sechzehnhundert
+oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den natürlichsten und
+erhabensten Vorgang unseres Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen?
+Wenn wir in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn Tausende
+von wahrhaft großen Weibern auf der Gasse und in Spezialitätentheatern
+lungern und eine anämische Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht
+hinauskommen über die niedrigen Begriffe von Ehre und Nächstenliebe,
+wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik nehmen? Sie, moderner Jude, sind
+daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem asketischen Verlangen, der
+Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch begehren, der Sie
+das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen werden. Ja, ja!
+richten Sie nur das neue Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die
+Renaissance, von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie
+geboren ist! Nur zu!“
+
+„Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,“ erwiderte Nieberding
+traurig und mit gesenkter Stimme. „Aber das ist ja gleich, wenn Sie es
+fühlen. Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklärung hat uns
+nur allein die katholische Kirche gegeben.“
+
+„Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie
+beiseite, samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind traurige Dinge,
+zu deren Verteidigung die Poesie nötig ist. Und reden Sie niemals per
+‚uns‘, wenn Sie so etwas sagen, denn das ist direkt komisch. Sie sind
+ein Emigrant, und es giebt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns.
+Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht
+blind. Hören Sie auf, an das geistige Christentum zu denken. Wir haben
+genug an dem greisenhaften Gewimmer dieses Tolstoi da drüben. Sie können
+ja schlimmstenfalls in die Gesellschaft für ethische Kultur eintreten,
+oder in den christlichen Verein junger Männer. Es ist ein eigenes
+Schicksal, daß gerade das Judentum ein Christentum gebären mußte, und
+daß die Mutter jetzt absolut zum Kind werden will. Alle Religionen von
+dort drüben entbehren der Freude. Wie traurig, daß der menschliche Geist
+durch Jahrtausende sein seelisches Heil von Epileptikern empfangen
+mußte. Wir wären schon längst zu Grund gerichtet, wenn nicht die großen
+Fontänen Shakespeare und Goethe und anderen den trockenen Boden ernährt
+hätten. Aber sie waren so hoch, daß ihre Spitzen noch von der
+untergegangenen Sonne des Griechentums vergoldet wurden. Und jetzt?
+Jetzt sind wir im Begriff, eine Nation von Säufern und Phlegmatikern zu
+werden. Ich kann jetzt ganz ruhig darüber reden, ich ärgere mich, daß
+ich mich erregt habe. Sie sehen, daß ich nicht etwa so borniert bin, ein
+Judenfeind zu sein. Im Gegenteil. Der wirkliche Antisemit müßte ein noch
+feurigerer Antichrist sein.“
+
+„Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ sagte Nieberding fast verzweifelt,
+„das ist alles nicht klar. Es ist so schematisch. Und das Leben ist doch
+so vielgestaltig. Sie preisen die Juden, um damit einen Schlag gegen die
+Juden führen zu können. Das leuchtet mir sehr ein. Aber haben Sie nicht
+einmal gesagt, die Juden trinken nicht? Das ist nicht wahr. Der
+russische Jude ist ein großer Trunkenbold und meist ein übler,
+verwerflicher Charakter. Die Galizier sind scheußliche Mädchenhändler,
+und was sie sonst noch treiben, weiß Gott. Also sittlich und geistig
+haben wir nichts voraus. Aber der Jude hat stets am meisten gelitten,
+wenn er Stärke und Energie genug besaß, sich aus der Dumpfheit seiner
+religiösen Schranken zu heben, wenn er, der ewig Wandernde, Heimatlose,
+endlich Dach und Heimat fand. Aber was soll ich da sagen. Man wird so
+leicht sentimental. Das alles läuft darauf hinaus, – ach, ich weiß
+nicht.“
+
+„Ich weiß schon. Daß wir am Ende einer Kulturepoche stehen und niemand
+weiß, was werden soll. Unsere ganze Gesellschaft verstopft sich Geist
+und Ohren mit Musik. Niemals war ein blödsinniger Musikkultus zu solchen
+Ehren gelangt. Die Sonne läuft von Osten nach Westen und die Kultur hat
+es stets gethan. Amerika ist das Land der Zukunft. Eine alte Geschichte,
+das. Es mutet mich so kindisch an, wenn in Paris die Gräfin Rothschild
+ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords öffentlich und
+feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten läßt. In Rom
+war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine
+anständige Decadence inscenieren. Unsere gute Gesellschaft ist
+ausschließlich auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und diese
+sogenannten heiligsten Güter der Nation u. s. w., dann Socialdemokratie,
+Frauenemanzipation, Militarismus, der Kultus mit den Erfindungen, das
+alles kommt mir vor wie ein Kindertrompetenkonzert. Letzte Zuckungen. In
+ein paar Jahrzehnten fallen die morschen Dielen unseres
+Kinderspielzimmers auseinander, und es wird uns grausen. Haben Sie noch
+ein Glas Wein? – Danke.
+
+„Es kann gar nicht geleugnet werden, daß wir viel schneller dem Abgrund
+zurutschen, seit die Juden emanzipiert sind, wie das schöne Wort nun
+einmal heißt. Ach bitte, lassen Sie mich reden, ich bin einmal so schön
+drin. Nehmen Sie an, daß ich mich betäuben will. Die Juden sind bis zu
+dem Punkt ungefährlich, als sie nicht an der Kultur eines Volkes
+teilnehmen. Sobald das kommt, sind alle prägnanten Linien verwischt, das
+Bild wird unruhig, die Gärung beginnt. Es ist, als ob diese Nation eine
+Art giftiger Sauerteig wäre. Nun, ich kenne so viele gebildete Juden,
+wahrhaft gebildete Menschen, Künstler oder Männer der Wissenschaft oder
+auch Kaufleute, aber ich muß sagen, so sympathisch und lieb mir die
+meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen
+Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin
+das besteht, ist mir wahrhaftig ein Rätsel. Aber da sind die
+Wohlthätigen. Sie sind mir in tiefster Seele verhaßt. Es ist, als hätten
+sie eine Firmentafel auf der Stirn: Salomon Bär, Wohlthäter. Da sind die
+Künstler: bedeutende Menschen oft, aber seelisch gänzlich verwachsen,
+Krüppel. Oder ihre Künstlerschaft ist so aufdringlich, verbreitet
+förmlich einen penetranten Geruch. Da haben Sie die Frauen, guter Gott,
+welch ein Thema! Ein Buch! Das ist auserwählter Morast.“
+
+Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in
+ihre Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:
+
+„Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken
+eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal
+ein großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist
+selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste
+Menschenexemplar ist, das man finden kann, um und um. Alle reinen
+Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen,
+ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die die Nation je
+besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz, alles
+und alles, ausgenommen den Humor. In seinem Kopf sitzen ein paar Augen
+voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen Sinn,
+feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite
+hin borniert, – kurz, wundervoll.“
+
+Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an
+einem Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene
+Achse, wobei die Kettchen klapperten. „Es ist sonderbar,“ sagte er, „wie
+alles, auch das Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es
+mit dem eigentlichen Sinn des Lebens vergleicht.“
+
+„Ja, aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht,
+wie der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er für einen Zweck
+habe, da er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine
+Verdichtungsmaschine, sagte er pathetisch.“
+
+„Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche
+betrachtet. Das ist ja trivial. Aber daß wir hier sitzen und uns über
+Christentum und Judentum echauffieren, ist auch trivial. Symbol, Symbol,
+alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie
+bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand
+überschreiten darf. Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf
+eine Kerze und plötzlich, der Fakir selbst steht am andern Ende des
+Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne daß jemand daran gerührt. Nun
+ist aber das Seltsame, sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie
+überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden. Das enthält für mich
+ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.“
+
+„Hm,“ machte Bojesen. „Hm. – Wer singt denn da?“
+
+„Meine Schwester.“
+
+„Sie singt sehr schön.“
+
+„Ja, dabei wird sie lebendig. Sie sollten sie sehen dabei.“
+
+„Ich muß gehn,“ sagte Bojesen, „es ist spät.“
+
+„Wieviel –?“
+
+„Zwölf.“
+
+„Schon! Darf ich Sie begleiten?“
+
+Bojesen sah rasch auf, lächelte flüchtig ironisch, da aber Nieberding
+ernst und unbefangen blieb, sagte er: „Gewiß, wenn es Ihnen Spaß macht.“
+
+Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen
+lichtlos und still. Nieberding murmelte:
+
+ „Mühsam ist der Pfad und lang,
+ Und kein fetter Pfaffe schreit
+ Ein versöhnliches Gebenedeit,
+ Wenn dein Fuß im Dunkel vorwärts drang.“
+
+„Von wem ist das?“ fragte Bojesen.
+
+„Von Gudstikker. Es sind wunderschöne Verse, die ich gelesen habe. Ich
+muß ihn aufsuchen, muß ihn sehen, mit ihm sprechen.“
+
+„Was sehen Sie denn da?“
+
+„O, ein großes Talent.“
+
+„Kein Charakter, doch ein Genie,“ sagte Bojesen bitter.
+
+„Was meinen Sie damit?“
+
+„Nun, dieses große Talent, – ich kenne es genau und schon lange. Er ist
+ein kleiner, niedriger Schleicher, eine Intrigantenseele, ein
+verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die Kunst eines
+solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick
+noch so sehr blendet.“
+
+Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt
+hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein
+beunruhigtes und mißtrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet,
+selten begegnete ihnen ein Mensch. In den Wirtschaften war es still. Die
+Polizisten an den Straßenecken regten sich nicht. Der Turm einer Kirche
+erhob sich plötzlich auf einem Platz und dann gab dies der ganzen
+Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, daß Bojesen glaubte,
+mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Aber es ist
+bisweilen nicht unser leibliches Ohr, das hört, sondern ein innerliches,
+der Vergangenheit zulauschendes. Zwischen zwei Häusern der breiten
+Königsstraße ist ein Ausblick hügelabwärts auf den Weg und die Wiesen,
+und daneben steht ein Gasthaus. Es heißt vielleicht: zur Krone. Durch
+die grünverhängten Fenster drang nun trotz der späten Stunde die
+Fistelstimme einer Soubrette, die irgend ein lascives Lied mit
+entschiedener Betonung einzelner Wichtigkeiten zum Besten gab. Die
+Stimme war so, daß man die Haltung des Körpers danach beurteilen konnte;
+ja, man glaubte die stereotyp lächelnden Lippen und die gezierten Gesten
+zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und der
+Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an
+den Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte.
+Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.
+
+Bald zeigte sich der viereckige und so charakteristische Rathausturm.
+Ein Symbol des Spießbürgertums, dachte Bojesen. Er betrat die
+Rosengasse, und sah das jüdische Waisenhaus vor sich liegen. Auf einmal
+sah er eine Schar von Knaben, zwanzig bis fünfundzwanzig Knaben auf der
+Straße stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos
+ordnen und dann ebenso geheimnißvoll die Straße hinaufmarschieren. Sie
+trugen die schwarze Mütze mit dem Lederschirm, bis auf zwei, die an der
+Spitze gingen. In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer.
+Hintennach trippelte ein komisches kleines Kerlchen, das bisweilen
+weinerlich seufzte, wenn es ihm zu schnell ging.
+
+Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu
+folgen. Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon
+kurzweg anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen
+Gassen des Altstadtviertels, durch den Schießanger und Bojesen wurde so
+begierig, zu erfahren, was all dies bedeute, daß er seine Vorsicht
+vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte. Einige standen still und
+wandten sich ihm zu. Agathon kam, stutzte, erkannte ihn, ließ den Kopf
+sinken und schwieg. Da außen war es heller. Der Himmel schien von einem
+gutverborgenen und weit entfernten Licht innerlich erleuchtet, und
+Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen.
+
+„Thun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!“ sagte Agathon endlich
+flehend.
+
+„Was geschieht hier, Agathon?“ fragte Bojesen, und er war seltsam
+bewegt, aus einem Grund, der ihm noch viel zu denken gab. Er war matt
+und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber.
+
+„Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,“ entgegnete Agathon und heftete den
+Blick fest in den des Lehrers. „Diese alle sind sehr unglückliche,
+verlassene Knaben. Sie gehen mit mir und ehe es Tag wird, kehren sie
+zurück.“
+
+„Und wenn es entdeckt wird –?“
+
+Agathon lächelte so, daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er nickte ihm
+flüchtig zu und machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal
+umzudrehen. „Wie romantisch,“ murmelte er und suchte sich über das alles
+zu stellen; aber sein Herz war beklommen und in einer feierlichen
+Stimmung, die seiner Natur sonst fremd war, kam er nach Hause.
+
+Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von
+ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein
+Vertrauen zu ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen
+ließ. Agathon ging langsam, mit insichgekehrtem Blick; seine Kleider
+waren etwas beschmutzt. Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch
+gespannten Erwartung, eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht
+erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken.
+
+Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat,
+die aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruß nicht. Auf ihrem
+Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit,
+ja Verzweiflung, daß Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins
+Haus ging und am Wohnzimmer pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte
+den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf den Diwan,
+wo Monika lag. Agathon ging auf den Fußspitzen hin und sah sie. Sie
+schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die geschlossenen Lider
+und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Thränen. Der
+Körper war in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine weit nach
+rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters
+eingekrampft, die Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie
+ein Stich von der Stirn bis zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken
+waren es, sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde,
+diese offenbar so sehr heißen Lippen zu küssen. Und dann im Nu verlangte
+seine Phantasie mehr, etwas, das wie ein schwüles Rätsel vor ihm
+aufstieg. Die wogende Brust des jungen Mädchen, die offene und
+leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos einer Wucht von Träumen
+überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden
+Zähnen, – das ließ Agathon schaudern, und er verdeckte die Augen mit der
+Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte schwer,
+streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther
+und ging. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie verblasen.
+Er ging heim, und da dunkelte es schon, und er war so erregt, daß er wie
+blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den
+Corridor kam, um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die
+Magd unter ihrer Thüre. Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam
+wartend vor dem düstern Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches
+Lächeln umspielte ihre dicken, feuchten Lippen und Agathon starrte sie
+furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er niemals entrinnen konnte. Sie
+sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand, und er
+fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen
+Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert.
+Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich
+machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche
+Treppe hinab.
+
+Die Finsternis des Hofes empfing ihn, – es wurde ihm zu eng da. Er ging
+hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof heimwärts und wußte
+nicht, wieviel Zeit verronnen war, als er wieder vor Olifats Haus stand
+und hinaufschaute. Da öffnete sich jedoch die Gartenthür; Monikas
+Gesicht schaute heraus. Sie blickte hinauf und hinunter, und als sie
+keine Menschenseele gewahrte, kam sie schnell auf Agathon zu, stockte,
+machte wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder,
+umklammerte fest Agathons Kniee und begann in einer klagenden und
+kummervollen Weise zu schluchzen.
+
+Agathon wurde bis in die Lippen bleich. „Was ist denn nur!“ stammelte
+er. Aber nichts antwortete ihm, und er sah Monikas Schultern beständig
+zucken, und ihr Weinen wurde immer verstörter, fassungsloser. Es schien
+aus einer Tiefe zu kommen, wohin sonst nicht leicht ein menschlicher
+Schmerz gelangt. Es klang dumpf und erstickt. Agathon wollte sie
+emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz
+unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen
+und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und
+Schuldiges war und der von einer andern zu kommen schien, als jener
+Monika, die Agathon bisher gekannt. Er wagte nichts zu sagen.
+
+„Ach, Agathon,“ flüsterte endlich Monika mit einer gleichsam
+weitentfernten Stimme, „dich hab’ ich erwartet, so lange, so lange.
+Denke nicht schlecht von mir, bitte dich, thu’s nicht. Höre mich immer
+an, wenn du kannst und verstoße mich nicht. Es hat Gott gewollt, daß ich
+hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon!“ Und sie blickte
+mit dem Ausdruck einer vollkommen tierischen Verzweiflung in sein
+Gesicht. Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf, wie sie oft in
+einer finstern Landschaft kommt, wenn uns vor einem unsichtbaren
+Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus irgend einem Grunde
+erschien sie ihm niedrig, und wenn er später über diese Stunde
+nachdachte, verlor er sich in Staunen über jenes zweite Selbst, das mit
+uns herumzugehen scheint und einen prophetischen Geist und eine viel
+tiefere, wenn auch flüchtige Einsicht in die Dinge zu haben scheint, als
+unser unmittelbares Ich.
+
+Er drückte ihr unentschlossen die Hand und sagte beklommen gute Nacht.
+Kaum war er fort, so bereute er tief, was er gethan, doch die Stimme des
+Lämelche Erdmann schreckte ihn empor aus seinem Brüten. Lämelche Erdmann
+stand vor dem Wirtshaus, focht ratlos mit den Armen durch die Luft, und
+schrie Agathon zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte:
+
+„He! Agathon! schnell! Dei Vatter, dei Vatter! Schlemassel,
+Schlemassel!“
+
+
+ Zwölftes Kapitel
+
+Links in dem dumpferhellten Vorflur der Schenke, die Agathon betrat,
+standen drei Stühle, und auf jedem saß mit aufgerissenen Augen einer von
+den jüdischen Händlern, die um diese Zeit zu einem Glas zu gehen
+pflegten. Sie starrten nach der Thüre des Wirtszimmers, auf welche mit
+plumpen, schwarzen Lettern: Gastlokal gemalt war. Doch drinnen war es
+ruhig. Im Flur stand außerdem noch eine dicke, alte Magd mit
+schwimmenden, kleinen Augen, ein Bauer Jochen Gensfleisch, ein anderer
+Bauer Jochen Wässerlein, Lämelche Erdmann, Pavlovsky, wie immer
+schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen
+Widersetzlichen sofort zu zermalmen, der Wirt selbst mit einem Gesicht,
+wie es alte Komödianten haben, und außerdem Doktor Schreigemut,
+wohlwollend und zugleich besorgt lächelnd.
+
+Folgendes war geschehen.
+
+Nachdem Jochen Gensfleisch gekommen war, setzte er sich an den Ofen zur
+schnurrenden Katze, stopfte seine Pfeife und begann mit dem Wirt ein
+Gespräch:
+
+„Schwere Zeiten, Martin, schwere Zeiten.“
+
+„Jaa.“
+
+„’s Geld is rar und was der Jüd is, dou haaßts, mer nemma die Bauern die
+Schlappen, deï kenna barfes laafen.“
+
+„No, no, Jochen; fangst öitz schon wieder oo zon schimpfen. Ge zou, halt
+dei Maul.“
+
+„Naa, Martin, mei Maul halt i niet, mei Maul hot kan Balken. I ho
+fufzehundert Märkli verlorn dei den Saujuden. Dou mouß ma si abrackern
+und Blout schwitzen fer die Saujuden. Naa, Martin, mir kummst grod
+reecht. Mei Maul halt i niet. Naa, Martin, naa.“
+
+„No ja, öitz sei nor still, mer mou si ja schäma.“
+
+Indes kamen Jochen Wässerlein und sein Großknecht, dann der Schmied. Und
+hintennach trippelte Lämelche Erdmann. Die drei Händler: David
+Krailsheimer, Bärmann Schrot und Max Lippmann saßen eifrig plaudernd in
+der andern Ecke.
+
+„Lämelche!“ schrie der Schmied, „dou kummst her.“
+
+„Gimm an a Gackala[1], Martin, daß er kan Rausch kreïgt,“ höhnte der
+Großknecht.
+
+[1] Ei.
+
+„Dou steigst afn Schemel, Erdmännla, oder i zeïg di bei dein Krägala
+nauf.“
+
+Lämelche sah alle der Reihe nach ängstlich an, lächelte blöd und
+versuchte auf den Stuhl zu steigen. Jochen Gensfleisch gab ihm einen
+Stoß auf den Rücken, und mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es
+dem kleinen Mann, den Stuhl zu erklimmen.
+
+„Öitz packst die Katz bein Schwanz,“ gebot der Schmied.
+
+„Aber glei, sunst gitts a Tracht,“ setzte Jochen Gensfleisch hinzu und
+schmunzelte.
+
+Lämelche blickte schaudernd auf den schnurrenden Kater und rieb die
+Finger aneinander.
+
+„Obst glei die Katz packst –!“
+
+„Dees es d’r überhaupt a Schiekleter[2], der hots dick hinter die Ohren.
+I glaab alleweil, do is nit ganz sauber in der Gschicht mit ’n Sürich
+Sperling. Alli Tag und alli Tag is er dreïbnghockt.“
+
+[2] Schielender.
+
+„Erdmännla, hast’n Sürich Sperling derstochn? Wennst es nit hast, no
+konst aa die Katz bein Schwanz packen.“
+
+Lämelche blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er
+einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem
+Bogen aus. Ja, er schloß sogar die Augen, und wenn die Katzen des Nachts
+vor seinem Hause schrieen, verstopfte er sich die Ohren und lag dennnoch
+in unbeschreiblicher Furcht in seinem Bett.
+
+Die drei Juden im andern Winkel hatten davon gesprochen, wie Isidor
+Rosenau, der doch Vermögen und ein gutes Einkommen habe, am besten zu
+verschadchene, zu verheiraten sei. David Krailsheimer, der berühmteste
+und geschickteste Schadchen in der Gegend, machte entsprechende
+Vorschläge.
+
+„Jou, kaane isn recht,“ schimpfte er. „Er will Geld, Geld. Er nemmt vom
+Misbeach. Viermal bin ich hiegeloffen wegn der Rahel Rosenstein ... No,
+Isidor, nix mitn Schiddich? Wie viel hat se? sagt er. Dreißig Mill, sag
+ich. Verzig kann ich verlange, ich maan, verzig is nit zoviel, sagt er.
+Wie haißt verzig, sag ich, sie is a scheens Madla. Was thu’ ich mit der
+Schönheit, sagt er, fer die Schönheit kann ich mer kaafen, waaßt was? an
+Hutzelstiel. Etz waaßt es. No, sie is brav, sag ich. Ich pfeif d’r auf
+die Bravheit, sagt er. Wenn se hat verzig Mill, braucht se nit zu sein
+brav. No, was sagst de daderzu? Is es nit himmelschreiend? Geh ich noch
+amal zon alten Rosenstein. No, sagt er, will ich geben fünfunddreißig,
+kaan Heller mehr. Püh, wie haißt, sagt der Isidor, wenn ihm nit wert es
+der Name Rosenau fünf Mill, soll er aach behalten sei Tochter. Soll se
+eimachen, süß oder sauer. No, was sagste daderzu! Chuzpe vorn Dohle!“
+
+„E Beheeme,“ pflichtete Lippmann bei.
+
+„Hillels Geduld ghert derzu, wahrhaftik,“ konstatierte Bärmann Schrot.
+
+„No, was is dermehr mitn?“ begann David Krailsheimer wieder mit seiner
+Fistelstimme und grinste (dieses Grinsen hatte nicht einmal den Anschein
+eines Lachens). „Was is dermehr? Wenn er so alt wird wie Mesuschelach,
+ich laaf nemmer nachra Fraa fer’n. Lehachlesponim! – Da sich! ’s
+Erdmännla! – Also, wie gsagt, ich bin joze. Der Silbermann in Ferth is
+aach a ganz gute Partie fer die Rosensteini.“
+
+„Jou! Chalomes mit Backfisch! Der Silbermann is e Phantast. Red in aaner
+Tour von Neigung. Wenn ka Neigung do is, is ka Massel do, sagt er. A
+Narr!“
+
+„Bei den haaßts aach: viel Schmerchel, weng Serchel, – wenn mern sicht,
+lacht er!“ bemerkte Max Lippmann, um gleich darauf die andern anzustoßen
+und sie auf Lämelche Erdmann aufmerksam zu machen. Sie drehten sich um,
+hörten die letzten Worte des Schmieds, wurden blaß und stierten halb
+furchtsam, halb entrüstet hinüber. Martin Ambrunn war betreten, suchte
+sich ins Mittel zu legen, aber der Schmied blinzelte ihm bedeutungsvoll
+zu und so nahm die Scene ihren Fortgang. Doktor Schreigemut und der
+Apotheker betraten den Raum und lachten, als sie sahen, wie Jochen
+Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelche Erdmann um den
+Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht,
+das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas,
+das jenseits aller menschlichen Empfindungen liegt. Das Tier, das nicht
+scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr
+behaglich fort zu schnurren.
+
+Jetzt erhoben sich die drei im Winkel, ihre Bierkrüge in der Faust als
+Waffe, begannen ein Geschrei, als ob dem Lämelche mit Schreien geholfen
+wäre, aber näher als auf vier Schritte kamen sie nicht an den Tisch der
+Bauern heran, – bis der Schmied einen zinnernen Teller ergriff, worin
+sich zwei Wecken befanden, und ihn dem Bärmann Schrot so heftig an die
+Nase warf, daß dieser Körperteil sofort blutete und sein Besitzer in ein
+Hilfegeschrei ausbrach. Die andern zwei, insonderheit der rotbärtige
+Krailsheimer, hatten beständig hinter dem breiten Rücken des Schrot
+Deckung gesucht, jetzt sahen sie sich schutzlos. Die Bauern brüllten,
+der Schmied brüllte, der Wirt brüllte als Vermittler, die Magd jammerte,
+der Doktor blickte besorgt um sich, der Apotheker hielt dem Schrot ein
+blaues Tuch vor die Nase, die zwei Händler thaten ihr bestes, um den
+Lärm zu vermehren, die Katze sprang mit einem Satz auf den Ofen, ein
+kleiner Junge lief fort, den Gendarm zu holen, und mitten in dem
+unsinnigen Lärm und Getöse ging die Thüre auf und Elkan Geyer kam
+herein.
+
+Sein Erscheinen bewirkte eine augenblickliche, totenhafte Stille, denn
+alle zusammen hatten den Blick auf ihn geheftet, als die Thür
+aufgegangen war. Er war vollständig, von oben bis unten, Kopf, Gesicht
+und Hände und Kleider, mit Kot bedeckt, was um so merkwürdiger war, als
+die Landschaft voll Schnee und alles im Umkreis gefroren war. Seine
+Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die
+Augenbrauen herab, und den Hut schien er irgendwo verloren zu haben.
+Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen
+Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war
+nicht geschlossen. Sobald er eingetreten war, machte er eine
+weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden
+Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen die
+Schultern.
+
+„Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?“ raunte ihm Krailsheimer zu.
+„Biste schikker?“
+
+Elkan schüttelte den Kopf. „Lämelche, komm her zu mir,“ lallte er. „Bist
+du nicht jeden Tag in der Woch beim Sürich Sperling gewesen?“
+
+„Nein, nein,“ wehrte sich Lämelche Erdmann mit gilfender Stimme, „weißt
+denn nicht, Elkanleben, Schoode, der de bist, weißt denn nicht, daß
+meine Schwester oben wohnt im Dachstübche?“
+
+„Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,“ sagte Elkan langsam, legte die
+Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt
+hatten, mit leerem Ausdruck an. „Ich war bei ihm in der Nacht,“ murmelte
+er, dicht an den Apotheker herantretend. „Und wie alles still war, rief
+er nimmer nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, sondern fing an,
+im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie
+lächelten.“
+
+„Ruf mir meinen Sohn, Krailsheimer!“ schrie er plötzlich, streckte beide
+Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie
+ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck
+und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser.
+Pavlovsky kam, von dem Müllerburschen begleitet, Lämelche lief fort, um
+Agathon zu holen, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur
+und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand
+berühren ließ.
+
+Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim
+Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: „Aga, ich will dir was
+sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling
+umgebracht. Bin ich herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und
+hab’s auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil meine
+schuldige Hand befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt
+und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte
+mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch,
+daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen
+Wasser ist durchgebrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was
+schaust so? Gell, ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer,
+daß sie mich heimtragen.“
+
+Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach
+Haus gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte,
+die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und
+mehr. Er fühlte sich wie zerrissen. Und während der nächsten Stunden kam
+ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist,
+in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war nicht mehr jung; eine
+Einsicht, eine Inspiration, hatte seine Jahre weit überflogen. Er hatte
+eine That begangen, für die andere sühnen und leiden müssen. Er jedoch
+hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm damit
+geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er
+war sehend geworden durch diese That und alles um ihn herum, Menschen
+und Dinge und Fügungen, hatten förmlich einen Bund geschlossen, ihn zu
+schützen. Er hatte sich keiner irdischen Obrigkeit unterworfen gefühlt,
+doch auch keiner von jenen göttlichen Mächten, die er bisher verehrt.
+Eine Stimme in ihm, die ihm aber fremd war und ihn schaudern ließ, so
+oft er sie vernahm, rief ihn zu etwas ganz Neuem. Und er wußte jetzt,
+worin dies Neue bestand!
+
+Daheim waren überall bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kinder
+waren nicht zu Bett. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf
+dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze
+stand auf dem Kommode-Eck in einem dicht mit Grünspan überzogenen
+Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen. Die
+schweren Sorgen um das Brot waren nicht nur auf den Stirnen zu lesen,
+sondern auch auf Tellern und in Schränken. Joelsohn war auch wieder da.
+Agathon ging dem finstern, schleichenden Beter aus dem Weg.
+
+Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief er den bleich, mit
+geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem
+entsetzten Starrblick. Eine tiefe Furche lief auf beiden Seiten seines
+Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerte an die übertriebenen
+Falten eines grotesken Schnitzwerks.
+
+Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige
+Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war ganz finster.
+Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster
+sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen
+Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in
+zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er
+näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den
+Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch
+die verschränkten Arme. Vor ihr saß Joelsohn mit seinem Asketengesicht,
+den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den gebogenen, hageren
+Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab
+schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit
+seinesgleichen zusammen, um darin alles zu verscharren, was frei und
+schön ist, seit Jahrtausenden. Und da saß er und murmelte das
+Schemenesre: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o
+Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.
+
+„Vater!“ flüsterte Agathon leidenschaftlich. „Vater, hör mich an.“
+
+„Licht, Licht!“ erwiderte Elkan dumpf.
+
+„Ich hab keine Streichhölzer da. Hör nur erst. Es ist nicht wahr, daß du
+Sürich Sperling getötet hast. Ich hab’s gethan.“
+
+„Nein, Aga, du willst eine Wohlthat an mir thun, aber es ist umsonst.“
+
+„Weißt du denn noch genau, wie es war? Bist du ins Haus und hast es
+gethan, während er schlief?“
+
+„So war’s. Oft wenn er hereinkam ins Haus, hab ich ihm das böseste
+gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knieen
+vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein
+Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Seine Augen leuchteten vor
+Haß; etwas Überirdisches von Haß und Vernichtungsfreude lag darin. Wie
+ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir,
+wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis die Nacht
+kam, wo ich mich hinlegte zum Schlafen. Aber ich schlief nicht, sondern
+ging hin ...“
+
+„Es war ein Traum, Vater!“ rief Agathon und preßte seine Finger um den
+Arm Elkans.
+
+„Erst hab ich’s auch gedacht, aber wenn man solche Dinge durchmacht,
+giebt es solche Träume. Aber an einem Tag, es war, wie deine Mutter so
+wunderbar gesund wurde, an diesem Tage fiel’s auf mich herunter wie
+Centnerlast: Ich hab’s gethan. Wenn sich auch die ganze Seele in mir
+dagegen aufbäumt, so ist die That doch da wie schwarzes Gewand, wie die
+Finsternis selber.“
+
+„Es war ein Traum, Vater,“ begann Agathon mit seltsamer Freudigkeit und
+jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. „Ich war es, ich hab
+es gethan. Das weiß ich und kann es verantworten. Ich bin kein Jude mehr
+und auch kein Christ mehr und ich habe nicht euer Schuldfühlen in mir.
+So ist meine That über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von
+deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer
+und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich
+heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was
+bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für die
+künftige Arbeit. Ich weiß, daß mir genau so ist, als ob mit Sürich
+Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht
+nur der christliche Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und
+Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch.
+Vielleicht hab auch ich nicht die That begangen, sondern der neue,
+fremde Geist, der jetzt kommt, – ach, mir schwindelt, ich kann gar nicht
+weiter denken.“
+
+Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er
+seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er
+plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach
+Licht.
+
+In stetem, ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und
+gleißend im Lichtstrom eines Fensters. Am Abend noch wanderte Agathon
+umher und sah Gudstikker von ferne. Doch in weitem Bogen wich er ihm
+aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Stefan Gudstikker, der zu den
+Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das
+Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in
+Streit gelegen, heimzugehen und dem andern einen langen Brief zu
+schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen
+auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – große Worte,
+Verlegenheitsworte. Er liebte die melancholischen und resignierten Töne,
+prahlte gern vor Unkundigen, sagte die Pläne zu seinen Arbeiten
+jedermann in überschwenglichen Phrasen voraus, indem er ihn in eine
+abgelegene Kneipe zog, schimpfte über alles Große und Anerkannte,
+erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder,
+wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem
+hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch
+neben all diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen
+hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große
+zu verstehen und sich ihm hinzugeben.
+
+Als Agathon am Haus der Estrichs vorbeiging, sah er einen helleren
+Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Drinnen erblickte er
+ein Bild voll Frieden. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke und seine
+Spitze bog sich unter der Decke. Käthe saß am Klavier in einem alten,
+blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer
+schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie
+wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre
+sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und der Alte sah aus, als ob
+er heute sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte
+sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos
+ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing es wie eine Fülle feinen
+Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis
+brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über
+Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des
+Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt. Da das Dorf im Thal liegt, sah er
+nur den Turm; er schien auf den Feldern der Nähe zu stehen und zeichnete
+sich schroff und rätselhaft klar gegen den Himmel ab.
+
+Hier traf er nun doch auf einmal Stefan Gudstikker, der wie aus der Erde
+emportauchte.
+
+„Wo kommen Sie denn her?“ fragte Agathon.
+
+„Von Nürnberg,“ erwiderte Gudstikker unwirsch.
+
+Agathon wußte, daß er log und fragte sich vergeblich nach dem Grund der
+Lüge.
+
+„Man läßt mir keinen Frieden,“ polterte Gudstikker. „Gesellschaften,
+Huldigungen, Damen, Stammbuchverse, zum Teufel damit.“
+
+„Und was machen Sie sonst?“ fragte Agathon unmutig.
+
+„Ich? Ich versumpfe. Ich sterbe in Caféchantant-Luft mit angehenden
+Genies, wie Sie. Ja, Sie sind auch so einer, so ein Weltverbesserer.
+Himmlischer Himmel, welch ein Quark! Das Leben ist rauh und nüchtern
+geworden und die Paulusse werden verlacht. Prophet sein, ja, gut, ich
+habe nichts dagegen, wenn ihr euch auf betrunkene Hausierer und reiche
+Morphinistinnen beschränkt. Im übrigen: es lebe der Storch und die
+Gemütlichkeit.“
+
+„Sie sind sonderbar,“ sagte Agathon zerstreut.
+
+„Ich will Ihnen etwas sagen, das sollten Sie sich merken,“ fuhr
+Gudstikker fort, „unserm Leben fehlt der Erdgeruch. Das ist es, was wir
+brauchen. Und nun leben Sie wohl. Ich muß der Sippschaft da drinnen die
+üblichen Geschenke bringen.“ Gudstikkers feines Seelenleben pflegte sich
+oft in Geschmacklosigkeiten zu manifestieren.
+
+Agathon hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ihn ernst, ob er nicht
+wisse, was mit Monika Olifat vorgegangen sei.
+
+„Ich?“ machte Gudstikker. „Vorgegangen? Nein, ich weiß nichts, auf Ehre
+nichts!“ Und er legte die Hand auf die Brust. Dann ging er, nickend, den
+Hutrand berührend.
+
+Agathon ging in Olifats Garten und starrte zu den Fenstern empor. Die
+Gardinen hingen unbeweglich hinter den Scheiben, und kein Schatten glitt
+an ihnen vorbei. Agathon ging hinauf. Frau Olifat lag auf dem Diwan und
+las in einem abgegriffenen Band. Sie war eine unansehnliche Dame, die
+beständig etwas einfältig lächelte und es liebte, von ihrer großen
+Vergangenheit zu erzählen. Sie war schwach und von einem falschen Gefühl
+der Noblesse bis ins Lächerliche durchdrungen. Als Agathon kam, spielte
+Monika mit ihrer kleinen Schwester Ball. Das Kind war voll Begeisterung
+dabei. Sein goldblondes Haar fiel zu beiden Seiten des Halses bis auf
+die Brust und bei jeder Bewegung flogen die Haare über Stirn und Wangen.
+Monika saß auf einem niederen Schemel und fing den Ball oder warf ihn
+fort, ohne die Richtung ihres Blicks zu ändern. Und wenn ihr der Ball
+entwischte, ließ sie Esther danach suchen.
+
+Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf
+in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die
+weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der
+Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß,
+und den sie bei jeder Bewegung fast mechanisch zurückschob. Jede
+Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den
+Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die
+Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich
+vorbeisausen. Esther konnte dann gar nicht begreifen, wie man so dumm
+sein konnte. Nachher kam ein anderes Spiel, das Agathon noch nie gesehen
+hatte. Monika setzte sich dazu ganz auf die Erde und legte zwanzig
+Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen
+die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, umsomehr, als Monika dabei
+fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; und ihr Lächeln
+hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.
+
+„Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?“ fragte Agathon,
+eigentümlich bewegt.
+
+Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie:
+„Also jetzt, wenn du den Buben erwischst, darfst du mich schlagen,
+Esther.“
+
+„Fest?“
+
+„Fest schlagen, ja. So fest du willst.“
+
+„Den Herzbuben?“
+
+„Ja.“ Monika legte sich nun mit dem ganzen Körper auf die Dielen,
+streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen.
+
+„Du bist unanständig, _ma fille_,“ sagte ihre Mutter flötend. „_Il faut
+avoir plus de dignité chez ce jeune homme._“ Es gab nichts Komischeres,
+als die Gravität, womit sie ihr merkwürdiges Französisch sprach.
+
+Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen
+Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und
+löschte das Licht aus. Eine kurze Zeit lang standen sie unschlüssig im
+Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander
+sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Als Agathon an der
+Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die
+Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände
+nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen
+hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen
+drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie
+weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.
+
+Dann stand Agathon vor dem Gartenthor und träumte, sah über das weite,
+nachtdunkle, schneeblaue Land, und nun fühlte er, wie sehr er dies Land
+liebte, das ihm Heimat war und ihm so vertraut war in jedem
+Tannengehölz, in jeder Hecke.
+
+Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste
+Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der
+Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um
+die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er
+lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde,
+böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer
+wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des
+Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als
+ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen
+dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den
+Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun
+sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig
+über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am
+Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten
+Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in
+Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen,
+kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine
+Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher
+Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel.
+„Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in
+philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer
+Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“
+Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans
+Ohr legte und sprang davon.
+
+Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die
+Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die
+Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau
+Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen.
+Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen
+und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen
+konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine
+Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau
+Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am
+Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten.
+
+„Heute schon?“ fragte Agathon.
+
+„Ja, heute.“
+
+„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“
+
+Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar.
+
+„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du
+vermagst.“
+
+„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“
+
+„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in
+jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als
+glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war
+göttlich von dir, Sema.“
+
+„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr,
+Agathon.“
+
+„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der
+zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in
+mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und
+niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du
+dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen
+ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all
+die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“
+
+Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die
+Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“
+
+„Wie?“
+
+„Das Kind des Königs, sagt sie.“
+
+„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“
+
+Sema nickte stumm.
+
+Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung
+mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach
+einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis,
+Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen
+steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was
+soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und
+Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er
+es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die
+Hochs und die Hurras.“
+
+„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem
+Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser
+Frau.
+
+„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in
+meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr,
+wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein
+königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich
+bin.“
+
+„Aber wie ist er so, als Mensch?“
+
+„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon,
+und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen.
+Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“
+
+„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“
+
+„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht
+fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe
+manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm
+aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte
+ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er
+ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er
+ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist
+zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie
+er will. Sie lassen’s nicht zu.“
+
+Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als
+sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort,
+Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein
+wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf.
+Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit
+roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten
+gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden
+zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten,
+aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich
+eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger
+Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.
+
+Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als
+Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch
+der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen
+Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig
+Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das
+Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art
+eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug
+in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee
+gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand
+zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr,
+klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete
+zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine
+Mutter.
+
+Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der
+andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus
+zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den
+Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter
+waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu
+kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit
+zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr
+als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert
+hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des
+Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer
+auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk,
+voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der
+alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren
+zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde
+Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder
+Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch
+diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose,
+von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch
+erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens
+zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um
+sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu
+schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in
+seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum
+Mysterium geworden ist.
+
+Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner
+Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie
+sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes
+nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle,
+da der Vater so krank sei.
+
+Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein
+Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er
+ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde.
+Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an,
+sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein
+Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die
+Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein.
+
+
+ Dreizehntes Kapitel
+
+An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren, der
+sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart; in jener
+gleichgültigen Vernachlässigung des äußeren Menschen, die sich bis zum
+Trotz steigert; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und
+Oberkellner: in der beflisseneren Art, vornehme, wenn auch sonst ganz
+geringfügige Menschen zu grüßen; in der erkünstelten Ruhe, womit man in
+den Läden nach dem Preis der Waren fragt, – kurz, in all jenen Dingen,
+die so tief gehen, wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden, als
+das offene Geständnis der Not. Die Behaglichkeit gesicherter Zustände
+ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte, und wenn es zuhause
+kalt ist, träumt man lange und hingebend den Traum vom offenen
+Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen, und man giebt sich dann gern den
+Anschein, in alle Tiefen der Metaphysik versunken zu sein.
+
+Er war verlassen, und er überredete sich, daß er in seiner Einsamkeit
+glücklich sei. Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen,
+die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb; aber die Rast
+war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht. Die Häuser, die
+eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus, die vorbeisausenden Züge der
+Ludwigsbahn, Menschen, Hunde und Karossen, alles hatte sich verändert,
+hatte in seinen Augen gleichsam etwas Ephemeres erhalten und schien
+schon allein durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit, die sie
+umfangen hielt, verächtlich. Oft wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern
+fuhr, daß es schien, als koche die ganze Atmosphäre, kam sich Bojesen
+als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum, das sich im
+Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener
+geschickten Dame, die unsere Lebensfäden so kühn und unberechenbar
+ineinanderstickt. Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor
+seinem Nachdenken. Selbst die Lampe auf seinem Tisch, die Stühle, die
+Bücher im Regal, – sie hatten etwas Komisches für ihn.
+
+Um etwas zu verdienen, suchte er Stunden zu geben. Es gelang ihm, die
+zwei Söhne des Witwers Salomon Hecht zum Privatunterricht zu bekommen.
+Salomon Hecht setzte einen eigenen Ehrgeiz darein, mit Bojesen gelehrte
+Gespräche zu führen. Ja, er überfiel den Armen oft auf öffentlichen
+Plätzen, in der Trambahn damit, wobei er so laut schrie in seinem
+abscheulichen Jargon, daß es möglichst viele Passanten hören konnten.
+Sie sollten nämlich hören, die Passanten, und es weitersagen, daß er,
+Salomon Hecht, ein entschiedener Materialist sei, – zunächst. Ferner ein
+Freidenker, ein Freigeist, ein Atheist, der jetzt einen
+„Freidenkerverein“ ins Leben zu rufen beabsichtige. Denn nichts erschien
+Salomon Hecht als ein so erhabenes geistiges Prestige, als das, ein
+Atheist zu sein. Er fand es edel und vollkommen; jeder Atheist war
+gleichsam _a priori_ sein Freund; er suchte Korpsgeist unter die
+Atheisten zu bringen und sie zu organisieren.
+
+In diesen Tagen hörte Bojesen, Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht,
+und dieses Buch habe großes Aufsehen gemacht. Er unterwerfe darin das
+Militärwesen einer bitteren und vernichtenden Satire, und die Leiden
+seines Helden, eines tragisch endenden Offiziers, seien „erschütternd
+treu“ und „realistisch fein“ und „psychologisch tief“ geschildert. Die
+Zeitungen bemächtigten sich der Sache und machten sie in dieser oder
+jener Weise zu der ihren, d. h. sie modelten solange daran herum, bis
+sie mit Not ein grelles, politisches Kleid bekam. Er bat Salomon Hecht,
+ihm das Buch zu borgen. Herr Hecht hatte die Ränder des Buches dazu
+benutzt, um seinen Bleistift in kritischen und philosophischen
+Aphorismen schwelgen zu lassen. Daher konnte sich Bojesen lange Zeit
+nicht entschließen, den Roman zu lesen, denn wenn er ein solches Buch
+zur Hand nahm, hatte er dasselbe Gefühl, als solle er sich in ein Bett
+legen, das noch warm war vom Schlaf eines Fremden. Schließlich las er es
+doch, und er fand viel Virtuosität der Schilderung darin, viel
+Seiltänzerkunst, viel blendendes Detail, viel Flittertand in Attributen;
+denn mit den heutigen Fachlitteraten ist es so, daß ihnen ein gutes
+Attribut mehr gilt, als ein guter Gedanke. Und was die realistischen
+Feinheiten betrifft, so muß es zutreffen, daß vieles zu fein sein mag,
+um haltbar zu sein und vieles zu wahr, um Kunst zu sein. Bojesen sah,
+daß viel Wollen in diesem Buch steckte, das nicht zur Kraft entwickelt
+war und mehr solches, das erheuchelt war; er beobachtete darin jenes
+wunderbare Spielen mit der Natürlichkeit, jene leicht überspannte
+kokette Romantik der Gefühle, die so gefährlich ist, als sie realistisch
+scheint. Doch dachte er an all dies nicht mehr einen Tag später, denn
+viel bedeutsamere Dinge drängten sich vor ihn hin.
+
+Eines davon allerdings, wofür er gar keine Augen hatte. Wenn er heim kam
+und sich in seinem Zimmer verschloß, wurde oft vor der Thüre ein
+schwaches Knistern hörbar. Dies Knistern stammte von einem Kleide, und
+die dies Kleid trug, war Fanny Bojesen. Und selbe Fanny Bojesen schlich
+über die sich krümmenden Dielen dahin, schreckte bei jedem Laut zusammen
+und legte ihr Ohr an die Thüre des Gemachs, hinter dem sich Bojesen
+verschanzt hatte, um gestorben zu sein für Leben und Liebe. Sie wurde
+nicht müde, zu lauern und zu lauschen, und nicht einmal ein Seufzen von
+drinnen belohnte ihre Mühe. Was sie oft nach solch fruchtlosem
+Spionieren that, war dies: sie setzte sich in ihrem Zimmer an den Tisch
+und schrieb, schrieb, schrieb ... die lange, klagende Epistel des
+unglücklichen Weibes, und diese Epistel erfuhr am folgenden Morgen stets
+das Schicksal des Verbrennens. Wenn Bojesen ausging, versteckte sie
+sich; wenn er kam, versteckte sie sich; aber nie war ihr Gehör feiner
+und wachsamer gewesen für jedes Geräusch, das auf sein Kommen oder Gehen
+deutete; wenn sie sich zufällig begegneten, wußte sie ihr Gesicht von
+Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen, und war sie dann allein,
+so weinte sie stundenlang. Als später das Dienstmädchen abgeschafft
+wurde, war es an ihr, ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu
+servieren. Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu
+gewahren, kein Erblassen, kein Zittern ihrer Hand zu sehen. Trotzdem mag
+Erich Bojesen in dieser Zeit manche Thräne ahnungslos mitgegessen haben,
+die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte.
+
+Er ergab sich jetzt den stillen Studien, die an der Grenze der
+Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches
+Reich von Hypothesen, auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer
+Probleme. Es schien ihm oft, als ob sein kühler Verstand dabei in die
+Brüche gehen müsse, aber all dies gefährliche Balancieren im Reich
+unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen,
+und wenn er spät, spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen
+Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte, konnte er in eine
+erhitzte Wonne gerathen, wie ein Wirt über das Bier, das er selbst
+gebraut und konnte vergessen, wie nahe ihm die Forderung praktischer und
+lohnender Arbeit gerückt sei.
+
+Eines Tages, der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen, fühlte er
+sich gänzlich abgespannt, fühlte er sich alt. Es ist jener wissende
+Zustand, in den wir geraten, wenn wir über unsere Berufssphäre
+hinausspähen und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlieren, das die
+Quelle unserer Leistungen ist. Da wurde ein Brief in sein Zimmer
+geworfen, der den Poststempel Paris trug und so lautete:
+
+„Eines Wortes bist Du noch wert. Ich erfülle Deine Bitte: hier hast du
+ein Lebenszeichen. Ich kann es Dir mit Recht senden, denn ich _lebe_
+hier. Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen. Hier bin ich, die
+ich stets gewesen bin, nur unentdeckt gewesen bin, hier trinkst Du Dich
+wahnsinnig am immergefüllten Lebensbecher. Tausende purzeln, hunderte
+steigen, tausende jubeln und sterben zugleich. Aber es ist vielleicht
+nicht das Echte; nicht Nektar, sondern Haschich. Nichts für
+Deinesgleichen! Nichts für gute Charaktere, für Euch Perlen am alternden
+Hals Europas. Ich komme vielleicht zurück, weil es mich reizt, Euch dort
+ein wenig toll zu machen. Ich habe hier von einem König gehört, der bei
+Euch leben soll, – ein Heliogabal, unerkannt, ein Sonnenfürst. Wie ist
+es? Für den seid ihr ja viel zu stumpfsinnig.“
+
+Dies der Brief. Bojesen warf ihn in eine Ecke, hob ihn jedoch wieder
+auf, legte ihn mit etwas feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn
+dann in lauter quadratische kleine Stückchen. In diesem Augenblick kam
+ihm alles, was er trieb, so erbärmlich vor, und alles, was er wußte, so
+oberflächlich, daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß.
+Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück
+Papier: Wissenschaft.
+
+ Es war ein Mann, ich weiß nicht wie er hieß,
+ Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde
+ Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ,
+ Und Finsternis war Mutter, die ihn nährte.
+
+Doch Bojesen vermochte nicht zu reimen; auch fühlte er, daß sein Gedanke
+dabei die Klarheit verlor. Deshalb fuhr er in Prosa fort: Schweigen
+erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her, als ein
+beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm. Der Unterirdische
+setzte jedoch sein ganzes Sinnen und Wachen daran, den Grund dieses
+ewigen, drohenden, geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen. Er glaubte
+nicht an ein Wunder; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen
+Ursprung des Dröhnens nicht, wie er in überlieferten Dokumenten las,
+sondern forschte, erfand Meßapparate und andere Instrumente, stellte
+Gesetze und Regeln auf, berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit,
+die verging, bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr,
+die ihn zu stolzen, gigantischen Hypothesen führten. Und nach langer,
+langer Zeit begann er zu graben, emporzugraben, und je mehr er grub, je
+vernehmlicher wurde das Dröhnen, bis endlich die letzte Schicht Erde von
+selbst fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte, –
+ins Licht! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war
+beglückt, als er sah, daß das Licht die Ursache des Dröhnens war. Doch
+wie andere Dinge hätte er sehen können, wenn er noch hundert Meter
+emporgekrabbelt wäre! Wie hätte das Surren und Brausen von tausend
+irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt! Wie wäre
+er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg, der über ihm tobte, von den
+Schicksalen, die in das Stampfen der Motore verwoben waren! Dabei hatte
+er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt, sondern nur das
+künstliche einer Maschinenhalle.
+
+„Albern,“ flüsterte Bojesen und warf das Schriftstück in ein Fach. Jetzt
+erst empfand er den nagenden Schmerz, den ihm jener Brief zugefügt
+hatte. Jeanettens Bild stieg herauf. Nun wußte er sein ruheloses
+Forschen zu deuten, und er blickte im Zimmer umher, als ob er sich vor
+den Möbeln schäme, daß er sie je getäuscht und hintergangen mit seinem
+nächtlichen Wachen. Er sah Jeanette unbeweglich stehen, wohin er auch
+blicken mochte: in einem dunkelgrünen Kleid, das rote Haar gelöst, in
+den Augen eine melancholische Vertieftheit, die er in Wirklichkeit nie
+bei ihr bemerkt. Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes,
+als daran, wie er sie wieder gewinnen könne, und der thörichteste Ausweg
+erschien ihm schließlich als der beste. Er kleidete sich an, um zu Baron
+Löwengard zu gehen. Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein, daß
+jener die Macht besitzen könne, sie zurückzurufen oder auf seine Bitte
+eine List zu ihrer Rückkehr gebrauchen würde. Er wußte nicht mehr, was
+er that.
+
+Der Löwengardsche Palast hatte sich in nichts verändert. Noch immer
+trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons, noch immer besann
+sich Merkur auf dem Dache, ob er fliegen solle oder nicht. Außerdem
+tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen, so daß die
+Balkonträger zu schwitzen schienen, und die Sonne vergoldete die ganze
+Fassade, – eine ahnungsvolle, milde, belebende Sonne. Auch im Innern des
+Hauses hatte sich nichts verändert. Die alte Pracht bestand noch; nicht,
+als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und
+hunderte in Not gerissen hätte, sondern als ob irgend ein hochgeborener
+Gast die Ursache der vornehmen Stille des Vestibüls sei. Aber es
+scheint, als ob solch ein Unglück nur dazu diente, seinen Urheber zu
+erhöhen; wenigstens verschiebt sich nichts in seinen Lebensgewohnheiten,
+und wenn die Gläubiger sich über die Prozente geeinigt haben, ist das
+Schild seiner Ehre um nichts fleckenreicher als vorher.
+
+Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen. Mit zusammengepreßten Lippen
+stand er vor dem Kaufmann, der ihn einige Zeit unbekümmert musterte und
+sich dann entschloß, ihm einen Sitz anzubieten. Er ließ die Berloques an
+seiner schweren Uhrkette klappern, beugte sich gönnerhaft vor und
+fragte, womit er dienen könne.
+
+„Ich komme wegen Ihrer Tochter,“ erwiderte Bojesen kühl.
+
+Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu. Er richtete sich straff
+empor, schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde förmlich
+steinern, als er sagte: „Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard
+nichts zu thun. Wenn dies also der einzige Zweck Ihrer Anwesenheit ist,
+muß ich bedauern. Wenn meine Tochter in Not ist, hat die Firma keinen
+Grund, diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit zu schenken.“ Es war klar, daß
+Herr Löwengard nur redete, um die Meinung der „Firma“ zu offenbaren;
+alles was ihn betraf, kam auch in höherem Maß der „Firma“ zu; außerhalb
+der „Firma“ gab es nichts, das so wertvoll gewesen wäre, um nur fünf
+Worte aneinander zu heften oder fünf Sekunden zu verschwenden.
+
+„Ihre Tochter ist nicht in Not,“ entgegnete Bojesen stirnrunzelnd. „Ich
+wollte nur fragen, ob Sie nicht wünschen, Sie zurückzurufen. Ich bin in
+diesem Fall –“
+
+„Verehrter Herr, ich sagte Ihnen schon, daß meine Tochter mit den
+Angelegenheiten der Firma nichts zu thun hat. Sie ist tot für das Haus
+Löwengard. Ich sehe außerdem keinen Anlaß, dies Gespräch fortzusetzen.
+Sie sind mir unbekannt.“
+
+Das war ein deutlicher Wink; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte
+mit finsterem Blick dem Auf- und Abgehen des Bankiers, der die Hände auf
+dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte, wie wenn man
+den Pfropfen aus einer Flasche reißt. „Vatergefühle und dergleichen
+kennen Sie wohl nicht?“ sagte er, empfand jedoch zugleich das
+Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig.
+
+„Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus,“ erwiderte der Bankier
+hochmütig und pathetisch.
+
+„Und Sohnesgefühle!“ fügte Bojesen verächtlich hinzu, indem er an
+Gedaljas Schicksal dachte. „In Ihrem Haus scheint das erblich zu sein.
+Wo ist da der berühmte jüdische Familiensinn? Wenn Ihre Tochter ein
+Schuldschein wäre, hätte die Firma freilich mehr Grund, sich zu
+erhitzen.“
+
+„Mein Herr!“ rief der Bankier, feig werdend. Seine tückischen Augen
+blickten unsicher nach der Thüre.
+
+Als Bojesen ging, war die Sonne im Sinken begriffen. Sie ergoß Ströme
+purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen. Der Himmel, wie ein
+Teppich, war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät, und in der Tiefe
+des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment
+und war bald verschwunden, eine breite, gleichmäßige, brennende Röte
+hinter sich lassend. Bojesen schritt vorbei an den Bureaux der „Firma“,
+wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde, und sah durch die mit
+grünen Gittern versehenen Fenster. Pult an Pult; Commis neben Commis:
+bleiche, langnasige Menschen mit trüben Augen, mit Augengläsern, mit
+beschäftigten, sorgenvollen Mienen, – freudlose Rechenmaschinen. Staub!
+
+Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus, nicht anziehender
+geworden durch die blendenden Abendgluten. Eisenbahnremisen, ein
+abgebrochener Zaun, durcheinanderlaufende Schienen, rötlich schimmernd
+im Widerschein des westlichen Feuers, einzelne Güterwagen, eine
+Lokomotive, stumm und kalt, ein Lastwagen, Bahnwärter- und
+Signalhäuschen, Telegraphenstangen, Güterhallen und weit drüben ein
+schüchternes Etwas von Wald, mit letztem Schnee behangen, und das erste
+oder vielleicht vorjährige blasse Grün eines Wiesenfragments. Und vieles
+von diesem weckte auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit in
+ihm, ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen, und er hatte fast Heimweh.
+Er begegnete Leuten, meist Arbeitern, auch Spaziergängern, die die
+kohlendampferfüllte Gegend als „frische Luft“ betrachteten, und Bojesen
+fragte sich wie ein Kind, dem alles neu und absurd ist: was wollen sie?
+woher kommen und wohin gehen sie?
+
+Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft, und da er nicht sehr weit
+von Nieberdings Villa entfernt war, wandte er sich dorthin. Er schritt
+oben an den Hängen hin, zwischen den Gesträuchen, zur Rechten die Mauer
+des Kirchhofs, tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben
+lag das ebene Thal, das vom Horizont verschlungen wurde.
+
+Er fand die Thüre der Villa offen, und während er die Stufen hinaufging,
+fand er, daß es komisch genug sei, zu einem Mann zu gehen, den man im
+eigentlichen Sinn brutalisiert hat, und ihn um seine Gesellschaft zu
+betteln.
+
+Da er niemand sah, klopfte er an die nächste Thür und als niemand
+antwortete, ging er hinein. Das Zimmer war leer; er schlug an der
+Seitenwand eine Portiere zurück und stand betroffen still.
+
+An einem Diwan kniete, ganz in sich zusammengeschrumpft und -gekauert,
+Cornely Nieberding und richtete sich erst auf, als sich Bojesen verlegen
+räusperte. Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und
+rief angstvoll: „Was ist? Ist er tot?“
+
+Als Bojesen sie erschreckt anstarrte, trat sie auf ihn zu, bot ihm
+schüchtern die Hand und flehte: „Bringen Sie ihn zurück! Sagen Sie mir,
+wo er ist! Ich weiß nicht, was ich thun soll, guter Gott, schon seit
+zwei Tagen! Wo mag er sein?“
+
+Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht, das unaufhörlichen
+Zuckungen unterworfen war und von Schlaflosigkeit und Sorgen seltsam alt
+war. Als sie sich so schweigend betrachtet sah, ließ sie den Kopf sinken
+und ihre Ohren wurden glühend rot, während Stirn und Wangen nichts von
+ihrer leblosen Farbe verloren. Sie setzte sich auf einen kleinen Sessel,
+ließ die Arme schlaff hängen und sagte: „Ich kenne Sie ja gar nicht und
+Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht, was mit mir ist.“
+
+Bojesen wußte es in der That nicht. Er setzte sich ihr gegenüber,
+spielte mit dem Hut in seiner Hand und suchte nach Worten.
+
+„Er ist ja mein Bruder,“ fuhr Cornely mit einer krankhaften
+Versunkenheit fort und lächelte, daß es Bojesen wie ein Stich traf.
+
+„Aber zwei Tage, Fräulein! Wie oft bleiben junge Männer zwei Tage aus!“
+
+„Haben Sie einmal Manfred gelesen?“ fragte Cornely, als hätte sie seine
+Worte nicht gehört. Doch sie selbst schien über das, was sie sagte, so
+entsetzt, daß ihr Gesicht eine aschengraue Färbung erhielt.
+
+Auch Bojesen war erschrocken und schaute sie mit großen Augen an. Er
+fühlte, wie sein Herz langsamer schlug, als müsse es erst neue Kraft
+sammeln. Er nagte heftig mit den Zähnen an der Unterlippe.
+
+„Es ist seltsam mit uns jungen Mädchen,“ sagte sie wieder mit ihrer
+singenden und gleichsam entfernten Stimme, und sah hinaus an den kahlen
+Himmel, gegen den sich die kahlen Äste naher Bäume wie feine
+Filigran-Arbeit abzeichneten. „Seltsam. Immer bleiben wir die
+ahnungsvollen Engel. Und was erleiden wir alles, wenn ihr glaubt, wir
+schlafen. Die Männer mögen nur das Süße an uns. Aber all das ist ja
+sinnlos. Finden Sie nicht, daß ich wie im Fieber rede?“ Sie lachte und
+Bojesen fühlte wiederum jenen Stich. Er war noch niemals so befangen
+gewesen, seine Unterlippe wurde ganz wund.
+
+„Warum kommt er denn nicht!“ rief sie plötzlich, rang die Hände und
+legte sie dann, wie vor Schmerz, an die Schläfen. Ihr ganzer Schmerz
+hatte etwas so Unterdrücktes und Gepreßtes, daß Bojesen ganz ungeduldig
+wurde, ihr zu helfen. „Ach bitte, Herr – ich weiß Ihren Namen nicht mehr
+– gehen Sie ins Café National nach Nürnberg; heute ist doch Mittwoch? er
+soll dort einen Freund treffen, Estrich heißt er, glaub’ ich, Theobald
+oder Balduin, ich weiß nicht. Sagen Sie ihm, wie Sie mich gesehen haben.
+Seien Sie mir nicht böse, ich weiß nicht, was ich sonst thun soll. O,
+ich ahne, ich ahne wieder, was gekommen ist.“
+
+Bojesen ging, schaudernd und fröstelnd. Er sprang, als er die
+Hauptstraße erreicht hatte, auf die Plattform der Pferdebahn und sah im
+trüben Licht, das die Gegenstände mehr zu verfinstern, als zu
+verdeutlichen schien, einige bärtige und monotone Gesichter. Es
+ereignete sich eine Episode während der Fahrt, die die heiße Bitterkeit
+in seinem Innern bis ins Unerträgliche aufwühlte. Der Wagen fuhr
+ziemlich rasch auf der Straße dahin, die nun schon Landstraße geworden
+war. Rechts und links standen vereinzelte Häuser, arme Mietskasernen,
+traurige Gärten, sandige Bauplätze, Hecken, leere Wirtschaftsgärten. Am
+„oberen Kreuzweg“ kam ein Dienstmann aus einem Thor gelaufen und rannte
+in einer Entfernung von über hundert Metern dem Wagen nach. Der
+Schaffner befand sich im Innern des Wagens und die Leute neben Bojesen
+lachten und schienen sehr gespannt, ob der Dienstmann den Wagen
+erreichen werde, aber ihre Freude über das atemlose Humpeln des Menschen
+war noch größer als ihre Spannung. Bojesen zitterte vor Scham und Zorn
+und griff an die Schnur, um dem Kutscher das Haltesignal zu geben. Als
+der Müdgelaufene kam, wurden die Mienen der so froh Gelaunten plötzlich
+ernst und sinnend und sie hörten den neuen Passagier so heftig atmen,
+daß es klang wie bei einem Kind, das sich verschnauft, wenn es geweint
+hat. Dabei rann ihm der Schweiß aus allen Poren, und er begann nun noch
+zu reden, suchte seine Eile gleichsam zu entschuldigen. Bojesen erschien
+das Ganze wie ein böser Traum und er dachte haßerfüllt an die
+prahlerische Verkündigung christlicher Tugenden.
+
+Im Café war seine Frage nach Nieberding umsonst. Er fragte nach diesem
+unbestimmten Herrn Estrich; der Kellner schien selbst erstaunt, ihn zu
+vermissen. Er komme seit Jahr und Tag täglich um sieben Uhr. Es müsse
+sich etwas mit ihm begeben haben.
+
+Als Bojesen durch die schiefen, bergigen Gassen zum Bahnhof schritt,
+geriet er durch den Hauch des Mittelalters, der ihn aus den stillen
+Bauten anwehte, in einige Verwirrung. Harlekine eilten an ihm vorbei,
+Damen im Domino, die schäkernd und kichernd zum Maskenball trippelten;
+überall machte sich der Karneval breit. Plötzlich stand Bojesen,
+totenbleich werdend, still. Er lehnte sich an einen Laternenpfahl,
+packte ihn mit den Händen und starrte mit bebenden Lippen einer Frau
+nach, in deren Gesicht er nur einen einzigen flüchtigen Blick geworfen
+und das ihm, wie in einer Hallucination, Jeanettens Züge gezeigt hatte.
+
+Am nächsten Tag fand er Nieberding zu Hause. Cornely war wie sonst,
+still und verschlossen, mit dem wunderlichen, scheuen Lächeln um die
+Lippen. Ein Blick, der ihn traf, schien um Verzeihung zu bitten und
+Bojesen nickte ihr kaum merklich zu. In Nieberdings Wesen lag eine
+leidenschaftliche Abgekehrtheit; sein Gesicht war farbloser und seine
+Augen mehr gerötet als sonst.
+
+Bojesen schloß sich wieder in sein Studierzimmer ein, für Tage. Er that
+oft nichts anderes, als stundenlang vor sich hinbrüten. Draußen war
+Sturm. Die Straße war mit Schiefer- und Ziegelsteinen besät, die
+Pappelbäume der Allee bogen sich wie Reiser. Die Hüte armer
+Unvorsichtiger flogen auf Dächer und in abgelegene Remisen. Beständig
+pfiff und jauchzte und heulte und wühlte es um die Mauern wie bei einem
+Wrack, das hülflos auf Felsenboden sitzt. Es sang und brummte und
+brodelte in den Lüften, und der ganze Himmel mit Wolken glich einer
+hurtig fahrenden Maschinerie, indes der Mond in der Nacht schreckhaft
+und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte.
+
+An einem solchen Abend ging Bojesen aus. Er fühlte sich erschüttert im
+Sturm und sein Herz wurde weit. Er sah Blitze leuchten im Osten und
+hörte den entfernten Donner eines Februargewitters. Als er in die Gegend
+des Marktes kam, hörte er eine Stimme hinter sich, die den Wind laut
+übertönte. Er glaubte die Stimme zu kennen, verzögerte seinen Schritt
+und lauschte.
+
+„No sag’ selber, hab’ ich geschlafen sitter ach Täg? Haste geschlossen
+gesehn meine Augen? Bin ich gewesen in schlechter Chafruse, daß se mer
+gemacht hat e schlechtes Gewissen? Haste schon emol son Sturmwind
+derlebt? Hu–uch! wirbel wirbel bl bll bll–!“
+
+Bojesen war so entsetzt, daß er keinen Schritt mehr machen konnte.
+
+„Holla! aach e Mann, den ich kenn!“ rief Gedalja und lachte unbändig.
+„Komm mit, Mann, komm mitle! Ich, – ich kenn’ die Welt, ich kenn’ se,
+ich bin der Chuchem von der Mannischtanna. Ich bin e Gelehrter vom
+Himmel, hä!“
+
+Bojesen wich instinktiv zurück und packte Frau Hellmut, die den Greis
+begleitete, fest beim Arm. „Ist er betrunken?“ flüsterte er ihr zu.
+
+Sie schüttelte den Kopf. „Mein Sema hat ihn gebracht, so wie er ist.“
+
+„Und was führen Sie ihn denn herum?“
+
+„Er ist uns fortgerannt. He, halt! halt!“ Und sie rannte ihm, in die
+Hände schlagend, nach, während er in der Mitte der Straße umhertanzte.
+Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich. Bojesen empfand einen kühlen
+Schauder. Es war ihm, als sähe er hier den Zusammenbruch eines Volkes.
+
+Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind.
+Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite, die sich in seiner Gesellschaft
+unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf.
+
+„Ich kenne ihn,“ sagte Bojesen. „Es erschreckt mich sehr, das alles.“
+
+„Wer sind Sie denn?“
+
+„Bojesen.“
+
+„So? Der Lehrer?“
+
+„Gewesen, ja.“
+
+„Sema spricht oft von Ihnen. Er geht seit vier Wochen in die Schule
+dort, wo Sie waren. Vorher war er krank. Da ließ ich ihn daheim. Er
+spricht fast so oft von Ihnen, als von Agathon Geyer.“
+
+„So? Wo ist Agathon?“
+
+„Das weiß kein Mensch. Sein Vater ist tot. Die Mutter bekommt von der
+Gemeinde Almosen. Der alte Karkau wird nächste Woch verhandelt. Es is
+traurig mit der Familie.“
+
+„Kann ich einmal mit Ihrem Sohn reden? Er ist ein Freund von Agathon?“
+
+„Ja. Er ist ja viel jünger. Ja, Sie können schon reden mit ihm. Marsch,
+hopp, Gedalja!“
+
+Bojesen wußte nicht, weshalb er mit Sema reden wollte und was er sagen
+wollte. Aber alles was mit Agathon zusammenhing, erschien ihm rein und
+der Mühe des Forschens wert.
+
+Der Mond verschwand wieder. Die Straße war leer. Hohl brauste der Sturm,
+wie wenn er aus den fernsten Winkeln des Weltalls käme und den Erdball
+vor sich hertriebe wie die Hüte der Knaben.
+
+Sie kamen in den Schindelhof, einen engen, finstern Durchgang. Am
+Abhang, gegen den Fluß zu, lag Frau Hellmuts Wohnung in einem kleinen,
+einstöckigen, alten, verfallenen Hause. Gedalja kauerte sich nieder und
+weigerte sich, hinaufzugehen. Er stierte vor sich hin und lachte boshaft
+und trotzig.
+
+„Wissen Sie, sein eigener Sohn hat ihn aus dem Haus gejagt,“ sagte Frau
+Hellmut. „Mein Sema hat ihn gefunden. Er ist auf der Brücke gestanden
+und hat unaufhörlich ins Wasser gestarrt.“
+
+Sema kam herunter; ihm gelang es, den Greis hinaufzubringen. Droben
+kroch er auf allen Vieren, lachte, äffte den Wind, hockte sich auf einen
+Schemel, lachte.
+
+„Jeanetterl, kumm her! kumm her, Jeanetterl! Ich muß d’r was sagn!“
+flüsterte er kaum hörbar. „Ich hab’ d’rs ja gleich g’sagt. Geld will ich
+kaans. Ich pfeif d’r af dei Geld.“ Plötzlich fuhr er wie toll auf und
+stieß Sema mit voller Kraft weit von sich, daß er gegen den Ofen
+taumelte. „Dei Geld? Naa! Dei Geld? Da klebt Schweiß draa un Blut,
+Samuel! Es rollt – tief! Komm herla, Eisenhäärla! Chomezfresserla!
+Chuzpeponim! Ach, was haste gemacht mit en alten Mann!“
+
+„Warum thun Sie ihn nicht fort?“ fragte Bojesen erschüttert.
+
+„Morgen, Herr Bojesen.“ Bei dem Namen blickte Sema hastig auf und
+blickte Bojesen an. Dann stand er auf, trat zu Bojesen und fragte
+flehend: „Wo ist Agathon?“
+
+Bojesen war erstaunt. Er schüttelte den Kopf, nahm Semas Hand und
+streichelte sie. Dann erschrak er, weil er etwas von dem Ausdruck von
+Jeanettens Augen in den seinen gewahrte. Eine Zeitlang war es still.
+Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden
+Greises, dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war. Sema saß vor
+Gedalja auf der Erde.
+
+Als Bojesen die finstern Treppen hinabsteigen wollte, eilte ihm Sema
+nach. „Herr Bojesen,“ rief er leise, „die Schüler!“ In abgerissenen
+Worten, atemlos, ganz von dem Bestreben beseelt, ein Unglück abzuwenden,
+erzählte er, daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den
+Rektor überfallen wollten, wenn er vom Wirtshaus heimgehen würde; sie
+wollten sich in Clowns-Kostüme kleiden; sie thäten es aus lauter
+Begeisterung für Bojesen, aber es würde ihnen doch schlecht gehen, wenn
+es herauskäme, meinte Sema. Auch würden sie vielleicht den Rektor
+schlagen, denn sie seien ganz außer Rand und Band, darum habe er, Sema,
+Angst. Und am andern Morgen wollten sie dann alle zu Bojesen kommen und
+ihm ein Geschenk bringen.
+
+Bojesen sah nachdenklich ins Finstere. Er legte seine Hand
+beschwichtigend auf Semas Haupt, drückte ihm dann schweigend die Hand
+und ging, während ihm der Knabe lange Zeit hülflos und verlassen die
+schmale, dunkle Gasse nachschaute. Nebenan wohnte ein Firmenmaler, der
+in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte
+ihn brüllen, während er bang in die Nacht sah.
+
+Indes wurde Bojesen nicht müde, gegen den Sturm anzukämpfen. Er ging
+über die Felder; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See, der
+Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen.
+Bojesen empfand ein Grauen davor, heimzukehren und sann darüber nach,
+wie er die Nacht zubringen könne. Darum verfiel er darauf, den
+„siebenten Himmel“ aufzusuchen.
+
+Der Innenraum war raucherfüllt. Neben dem Glühenden bemerkte der
+erstaunte Bojesen Herrn Salomon Hecht, der sich sogleich ängstlich
+erhob. „Äch kann doch nächt in solche Lokale verhandeln,“ sagte er.
+„Kommens in mei Wohnung. Äch hab a prachtvolles Haus da draußen un a
+große Bibliothek hab ich aach. Komme’s amal in Fraidenkerverain, da bän
+äch Vorstand. Ham Se atheistische Gedichte aach gemacht? Die missen Se
+machen. Gestern hab äch gschprochen übern moderne Materialismus. Der
+Doktor Gudstikker war aach dabai. Kenne Se ’n Doktor Gudstikker? Also
+wenn Se was wolln, komme Se zo mir. Äch gäb Ihne Empfehlunge, so viel Se
+wolln.“
+
+Der Glühende sah aus, als ob ihm mit Empfehlungen nicht ganz gedient sei
+und blickte neidisch auf den Pelzmantel des reichen Gelehrten, dessen
+Benehmen Bojesen sehr erheiterte, besonders als er die lüsternen Blicke
+sah, die Jener hinter den Vorhang des Podiums warf.
+
+„Ach, da is ja der Herr Doktor Bojesen,“ sagte Herr Hecht plötzlich, als
+ob er ihn jetzt erst bemerkte. „Apropos, ham Se gehärt von den
+Goldmacher in Närnberg? Se ham en jetzt verhaft’, glaab ich. Un von den
+Agathon Geyer, wo se hier verjagt ham? Ham Se nix ghärt? Heit Abend
+war’s. Es soll e gräßliches Gewitter gewesen sei un gebrannt hat’s aach,
+mer waaß aber noch nix bestimmtes. Ham S’n das nit ghärt? No gut Nacht!“
+Schnell schritt er davon. Bojesen, tief erschreckt, eilte ihm nach, rief
+ihm nach, aber Herr Hecht sah und hörte nichts mehr. Auch der Glühende,
+sein Schützling, eilte ihm nach, um ihm seine Gedichte zu geben, doch
+der Mäcen war verschwunden. Bojesen war unruhig, mochte aber nicht
+weiter nach Agathons Schicksal fragen, nicht aus Furcht, Schlechtes zu
+hören, sondern vielleicht eher aus dem gegenteiligen Grund; gerade das
+drückte ihn nieder und machte ihn völlig mutlos. Er verwickelte sich in
+eine ziemlich blödsinnige Unterhaltung mit dem Glühenden, während der
+Anblick des Ortes, seiner gleichsam gestorbenen Buntheit, seines völlig
+erfrorenen Frohsinns, seiner Fülle an umgestürzten Stühlen, Käserinden,
+Wursthäuten, Bierresten und geflickten Vorhängen ihn düster und
+verschlossen machte. Später taute die vermoderte Fröhlichkeit wieder
+auf. Junge Damen von unbekannter Herkunft wurden sichtbar; sie hatten
+Larven vor den Gesichtern, was sie wahrlich nicht häßlicher machte; dann
+junge Männer mit gespreizter, wollüstiger, berauschter Ausgelassenheit;
+Rauch, Weingerüche, das Geräusch von Küssen, zuletzt Barbin mit einer
+Menge seiner verschnörkelten Weisheit und dem letzten Aufgebot seiner
+kindlichen Eleganz. Und hier hatte Bojesen vordem eine frische,
+glanzvolle, jubelnde Welt erblickt.
+
+Zwei bewußtlose Damen schliefen schon auf dem Billard, zwei wenig
+schamhafte Paare hielten sich unter den Coulissen umschlungen. Die
+Büffetdame ließ sich in einer großmütigen Apathie vom Glühenden küssen;
+eine Art von Kellner stieg auf den Tisch und hielt eine Rede für sich
+allein und für seine Brüder im Himmel; ein pockennarbiges Fräulein
+kletterte in einem Anfall von Weltschmerz auf den Schenktisch und langte
+nach der Rumflasche. Ein offenbar schwachherziges und geistesarmes
+Individuum vergab aller Welt alle möglichen Unthaten und schluchzte in
+einem anarchischen Gefühl von Solidarität vor sich hin und Barbin,
+dessen edlere Abstammung durch jede Linie seines Körpers dokumentiert
+war, vermachte dem Glühenden einen mündlichen Traktat zur Erlangung der
+Klassikerwürde und ließ sich bald darauf herab, die pockennarbige Dame
+um die Taille zu fassen und zärtlich nach ihrem Wohlsein zu forschen.
+
+So verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm: – eine Nacht für
+alle und dann den Tod in den Wellen sterben, ein Wort des Glühenden,
+hier zu versuchsweiser Illustration gelangt. Bojesen verließ erst das
+Haus, als der milde Februartag schon lange angebrochen war. Er hatte
+geschlummert dort oder nicht geschlummert, es war ihm unklar. Er hatte
+auch nicht Lust, darüber klar zu werden. Oder war es kein Traum, daß ein
+weißer, schmeichelnder Arm seinen Hals umschlungen hatte? Ein Arm, der
+kalt war wie Schlangenhaut? Oder war es vor langer Zeit gewesen, in
+einer weit früheren Epoche? Im Café sprachen Leute von Agathon Geyer.
+Was kümmerte ihn, Bojesen, Agathon Geyer? Von vielen anderen aufregenden
+Dingen sprachen sie. Wie, der König selbst habe ein Machtwort
+gesprochen? Na, gleichviel. Bojesens Augenlider sind schwer. War es dann
+weiter ein Traum, daß er wieder im Schindelhof war bei Frau Hellmut? Daß
+sie allein war und daß sie lange zu ihm redete, daß sie einen alten,
+vergilbten Brief brachte und daraus vorlas? Ich bin kein König wie eure
+Könige sonst sind. Aber ich konnte kein königliches Wort aufbieten, so
+stark, daß es mich befreite von der Knechtschaft der müßigen Gesetze.
+Die Mißkönige haben es vermocht, daß die Völker Sklaven aus ihren Herren
+gemacht haben. Was könnte ich dir sein, mein Volk, wenn du mich nicht
+nur König nennen wolltest, sondern auch sein ließest.
+
+Es war offenbar ein Traum und Bojesens Hände waren müd.
+
+Die Straßen reingefegt, reingeleckt vom Sturm. Die Sonne dumpf, dunstig,
+bei verhängtem Himmel. Einem Entschluß folgend, den er schon gestern bis
+in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt mechanisch
+vorwärts trieb, ging er ins Schulhaus, um dort die sechste Klasse zur
+Vernunft zu bringen und von knabenhaften Streichen abzuhalten, die ihm
+selbst nur schaden konnten. Er that es widerwillig, denn er hatte sich
+gesagt, laß diese Jugend revoltieren.
+
+Noch immer war es düster und kalt in den steinernen Räumen. Herr
+Dunkelschott fühlte sich sehr bedeutend, als er sich bei Bojesens
+Anblick ostentativ abwandte. Die Uhr schlug acht, – so schrill, wie wenn
+die Glocke genau wüßte, welche Sklaverei sie vorbereite für viele
+jugendliche Seelen, – als Bojesen die Klasse betrat. Es brannte kein
+Licht, deshalb sah alles grau aus, auch die Gesichter der Knaben, auch
+die Straße. Sobald die Knaben ihn gewahrten, entstand ein feierliches
+Schweigen, sie rührten sich nicht. Dann kam einer, wohl der Mutigste,
+ein junger Mensch mit offenem, liebenswürdigem Gesicht, das ein wenig an
+die Züge Agathon Geyers erinnerte, und reichte Bojesen die Hand. Bojesen
+drückte sie. Dann erhoben sich auf einmal alle in blinder, sorgloser
+Erregung, mit einem mühsam verhaltenem Jubel, mit erstickten Ausrufen,
+stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein, drückten und schüttelten seine
+Hände, sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften, die
+Dummen und Launischen verloren alles, was sie abstoßend machte. Bojesen,
+in seiner Ergriffenheit, vermochte anfangs nicht zu reden; doch bald
+bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still. Er sagte
+ihnen, was er sagen wollte: ernst, verständlich und verständig, und alle
+schienen beschämt. In ihren Blicken war das offene Versprechen des
+Gehorsams zu lesen.
+
+In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen und der Rektor trat
+ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, ging eine förmliche
+Versteinerung mit ihm vor. Er lallte, und seine Brille fiel von der
+Stirn auf die Nase. Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und
+einen finsterdrohenden auf die Schüler, die trotzig stehen
+blieben. Bojesen wollte nicht die Scene zu einer theatralischen
+Auseinandersetzung führen. Er fühlte sich zu froh und zu bewegt. Er
+entfernte sich mit einer sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor, der,
+Gott weiß es, noch lange brauchte, um wieder in die natürliche
+Herrschaft seiner Muskeln zu gelangen.
+
+Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe luftiger und beglückender
+Visionen: von einer neuen Zeit; von dem Wachsen verborgener Keime, von
+denen die Welt ein großes, paradieshaftes Blühen erwarten konnte. Doch
+als der Abend kam, wurde es wieder dunkel in ihm. Er ging über den
+Kohlmarkt nach der Wohnung, die Jeanette innegehabt und die noch leer
+stand. Die alte Dame, die hier wohnte, ließ Bojesen ungehindert
+eintreten. Durch ihr Lächeln leuchtete auf eigene Art ein menschliches
+Verstehen, als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer.
+
+So blieb er, legte sich auf die Ottomane und ließ den gefürchteten
+Schatten kommen. Er dachte, daß er sie küssen könne, dann ging sie
+hastig, ohne zu sehen oder zu hören, an ihm vorbei. Dann kamen andere, –
+geschwätzige Gestalten. Alle hatten etwas zu erzählen, wobei sie auf den
+Zehen leicht dahinhuschten, sich ein Tuch umnahmen, es wieder liegen
+ließen und sie sahen aus, als hätten sie dreißig Tage lang unter der
+Erde gelegen.
+
+Es war sehr spät, als er ging. Die Gassen waren leer und still. Er wußte
+gar nicht, wie er heim gelangte. In seiner Wohnung war alles finster.
+Lange stand er auf dem Korridor in quälerischem Besinnen, dann begab er
+sich vorsichtig und leise in das Zimmer, wo Fanny seit Wochen allein
+schlief, zündete eine Kerze an und setzte sich auf den Rand ihres
+Bettes. Er sah sie friedlich schlummern und nahm ihre rundliche Hand.
+Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres Gesichts. Plötzlich
+erwachte sie. Sie fuhr jäh empor, schrie auf, streckte die Hände aus und
+schlug sie dann vor das Gesicht. Bojesen hielt den Blick auf die Dielen
+geheftet und atmete tief auf.
+
+Am andern Morgen nahm Bojesen eine Zeitung zur Hand, die erste seit
+langer Zeit und las sonderbare Berichte und viele Phrasen eines
+Reporters über Agathon Geyer.
+
+
+ Vierzehntes Kapitel
+
+Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg, welches vom großen
+Schustergäßchen gegen Burg und Weinmarkt läuft, steht ein altes, graues,
+düsteres Gebäude, das schwer in seinen Formen ist und gleichsam etwas
+Unnahbares und Zurückhaltendes an sich hat. Selten sah man zur Tageszeit
+das Thor sich öffnen, das von schwerem Eichenholz war und jene
+bewunderungswürdige Schmiedearbeit in Schloß, Angel und Glockenzug
+aufwies, durch die unsere alten Häuser so merkwürdig sind. Niemals hatte
+man des Abends oder auch zu nachtschlafender Zeit die vor Staub und
+Bejahrtheit gänzlich blinden Fenster erleuchtet gesehen, – kurz, dies
+Haus glich in allem dem übriggebliebenen Block aus einer abgestorbenen
+Kulturepoche, und hätte jemand das Stiegenhaus betreten können, so würde
+es ihm zweifellos nicht verwunderlich gewesen sein, wenn ihm
+vertrocknete, mürrische Ratsherren in Perrücke, Wadenstrümpfen und
+Schnallenschuhen, oder ein Student mit Barett und Degen begegnet wären,
+gerade als seien sie ohne weiteres aus einem der verblaßten Gemälde des
+Rathaussaales gestiegen, wo sie ein wahres Märchenleben an unaufhörlich
+besetzten Tafeln führen.
+
+Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt. Nicht in allen seinen Räumen,
+sondern vornehmlich in einer großen, hohen, mit Steinen gepflasterten
+Küche, die ein Fenster nach dem einsamen, stillen Hof hatte mit seinen
+Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte
+Baldewin Estrich seit ungezählten Jahren seinen Tag und einen großen
+Teil der Nacht, um zu experimentieren, zu analysieren, in Retorten
+dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen Flammen noch
+seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen, und was er auf diese Art
+suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die
+Kunst des „Goldmachens.“
+
+Wer nun annehmen würde, daß Baldewin Estrich aus gemeiner Habsucht oder
+aus dem Drang, reich zu werden, dies unternommen hatte, würde sehr
+irren. Auch war er weit davon entfernt, der Wissenschaft einen Dienst
+leisten zu wollen. Ja, er war sogar überzeugt, daß sein Weg von dem der
+Wissenschaft weit, weitab lag, und daß er ein Gespött der Fachgelehrten
+bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten, wo Wunder
+und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht
+und Besitz schlagen sollten. Er war nicht bethört durch jene uralten
+Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen Nachrichten
+über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen
+Geheimnis. Nein. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig,
+unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre
+vergessenen Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser
+Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war
+nicht das, was er darin suchte, – ein Mittel, die Menschheit glücklicher
+zu machen, ihren wahnsinnigen Wettlauf nach Phantomen aufzuhalten. Er
+war eine sattsam bekannte Erscheinung in unserer Provinz und je weniger
+man über sein Thun wußte, je mehr wurde ihm aus Kräften der Fama
+zugelegt. Dann, nach seiner großen Niederlage vor sich selbst und jenen
+sonderbaren Idealen, begann er aus eigenen Mitteln hinauszubauen über
+das Vorhandene, stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an,
+um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage Etwas, Äther oder
+sonstwie genannt, das jetzt dem Geist der modernen Forscher, lange nach
+Baldewin Estrich wieder so nahe gerückt ist. So kam er, wohl auf vielen,
+wirren Umwegen zu seiner tiefsten und wunderlichsten Lebensaufgabe, –
+eine für den Fremdling in diesen Gebieten erstaunliche Gedankenkette,
+für die aber der Gelehrte unserer Zeit ein Begreifen hat, weil ihm das
+Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein
+untrennbares Eins bedeutet. Freilich wollte Baldewin Estrich mit der
+Praktik nichts gemein haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie
+ein Mann, der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für jene späten
+Geschlechter, die da wohnen werden, wenn all das Meer von Sand
+fruchtbares Erdreich geworden ist. Durch nichts glaubte er die Menschen
+_mehr_ glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte, ihnen den
+Frieden zu bringen, wenn er die heißeste Begierde stillen konnte, die
+sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab,
+daß sie der Überfluß gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit
+Glut sein ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und
+seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit und stillen Größe. Nur
+wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der
+Stadt; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen, in denen der
+werdende Verbrecher Unterschlupf findet, ebenso wie der gewordene; in
+jenen Herbergen, wo der reisende Bettler ein Nachtquartier findet, in
+all den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den abgelegenen Gassen der
+Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern, in Kellern und
+übelberufenen Höfen, – kurz, an jenen Orten, wo sich das menschliche
+Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und es
+war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in
+seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle.
+
+Er lebte ganz allein. Das weite, düstere Haus, das ihm selbst nicht
+einmal in seinen letzten Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von
+Zeit zu Zeit: seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um
+den Kopf zu schütteln und alles, was Estrich that oder sagte,
+unbegreiflich zu finden; Käthe kam, um begeistert den dürftigen Reden
+des Oheims zu lauschen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie an ihn und
+sein Werk glaube. Aber er konnte es nicht ertragen, Menschen um sich zu
+sehen, und oft bat er die beiden, wieder zu gehen, obwohl er, was Käthe
+betrifft, wußte, wie viel List und Schleichwege sie gebrauchen mußte, um
+zu ihm zu gelangen.
+
+Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an
+seine Träume gesetzt. Nun war er arm und litt tief darunter. Er konnte
+einen, wie er glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht
+ausführen, weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und
+teuren Apparates fehlte. Alles was er an Barem aufbringen konnte, betrug
+nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte sich an seinen Bruder in
+Zirndorf, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes,
+denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine
+Hand hingegeben haben, als Geld zu solch lächerlichen und frevelhaften
+Zwecken. Da trug es sich zu, daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt
+wurde, – auf eigentümliche Art.
+
+Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in einer der Anlagen, von
+denen die Villen des Marienviertels umgeben sind. Estrich, gebückter als
+sonst, in schmerzliches Träumen verloren, schritt gleichgültig gegen
+Menschen und Dinge seines Wegs, als etwa hundert Schritte seitwärts,
+gegen den Tunnel, mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen
+Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den
+Haaren nach sich. Sie lag auf der Erde, und so schleifte er sie weiter
+wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag
+seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben Augenblick, als Estrich
+dies gewahrte, sprang ein Mann aus dem Schatten eines Hausthors, stellte
+sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los
+zu lassen, worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte.
+Nieberding (dies war der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische
+Aufforderung. Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die
+Brust, daß er zurücktaumelte. Aber Nieberding wiederholte in denselben
+Worten seine Aufforderung und fügte hinzu: „Schlagen Sie mich nur. Sie
+müssen sich ja schämen.“ Nichts konnte charakteristischer für ihn sein,
+als dieses Verhalten. Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer
+Bart, eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und ein tiefer Zorn, der
+nur seine Stimme vibrieren ließ, mochten Eindruck auf den Burschen
+machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen weiter, er
+fluchend, sie heulend.
+
+Nieberding und Estrich waren fast die ganze Nacht zusammen. Nieberding
+nahm gierig all die Thesen des Greises in sich auf. Seine an Idealen so
+armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an dieser
+willkürlichen Umwertung der Materie, an diesem alten und nun
+wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die ganze, fremde
+mittelalterlich-romantische Welt dieser Versuchsküche, das überzeugte
+und überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich
+inmitten seines Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister
+der Luft zu bannen, daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und
+beseelten, all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden
+Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft eine Nacht und einmal
+sogar zwei Nächte hindurch in dem alten düstern Bau, wo er in einem
+riesengroßen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach
+zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum
+Ankauf des elektrischen Apparats. Ernst, mit feierlichem Schweigen nahm
+der Greis das Geld; dann bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen.
+Und Nieberding ging, um teilzunehmen an der Flut des Frohsinns, die der
+Karneval durch die Gassen schickte.
+
+Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf
+braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate
+anschaffen und die Mischung, die jetzt im Thongefäß vor ihm stand, mußte
+ihm zeigen, ob sein Leben ein fantastisches Irrwandeln oder ein
+Schicksalspfad war. Sein Arm zitterte, als er die Hand vor die Augen
+legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken.
+Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus. Die Galerien des Hofes
+versanken mehr und mehr in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah
+bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Der Kater Marius, Estrichs
+einziger Gefährte während der langen, schweigenden Nächte, saß
+schnurrend an der heißen Glut des Kamins, und ein fernes, unaufhörliches
+Wagengerassel ließ die Fenster leise klirren.
+
+Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, – eine hektische Röte
+war auf seine Wangen getreten, – nahm das Thongefäß, betrachtete die
+weiße schillernde Mischung, entzündete ein Drummondsches Kalklicht,
+hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die dicklich kochende
+Masse, daß ein übelriechender Qualm den weiten Raum erfüllte und den
+Chemiker in einer Wolke versteckte. Dann nahm er eine pulverisierte
+Masse von einer sanften, violetten Färbung und schüttete eine
+Messerspitze voll in das Gefäß, das er dann hermetisch verschloß.
+Hierauf verlöschte er die Flamme, stellte den Topf ins Wasser, um ihn
+einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt dann unruhig,
+mit zusammengepreßten Lippen auf und ab. Als er dann das Gefäß
+zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte, fand er ihn unverändert,
+außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in ein bräunliches Gelb
+spielte. Mutlos ließ er die Arme sinken. Schließlich ist die ungeheure
+Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht
+nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und
+Basen, Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen
+Feinden an, mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die
+Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem
+unerträglichen Dunst. Er nahm ein Fläschchen vom Sims, das eine
+blauschwarze Flüssigkeit enthielt, die beim Licht herrliche Reflexe
+warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer noch
+hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte
+einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen, um den
+schlechten Geruch zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner
+bebenden Hand entsank; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken
+bebte Estrich zurück, ging ans Fenster, öffnete es, und die milde Luft
+des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn. In tiefen
+Gedanken saß er am Fenster, fast zwei Stunden lang. Dann stand er
+schwerfällig und leise stöhnend auf, um die Lampe zu füllen, die
+heruntergebrannt war. Seine Blicke hefteten sich auf die
+halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter all den schwarzgewordenen
+oder ganz düsterroten Stücken erblickte er einen großen, schwach
+glänzenden Gegenstand. Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz
+dieses Gegenstands zu. Seiner Wahrnehmung fast mißtrauisch gesinnt,
+hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu blicken, bis ihn plötzliche
+Ungeduld und Erwartung näher treten ließen. Er zündete eine Kerze an,
+holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm es in die
+Hand, schrie laut und durchdringend auf, daß es in allen Teilen des
+Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Kniee ...
+
+Gold!
+
+Er hielt Gold in den Händen.
+
+Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand,
+und es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum
+Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum auszufüllen.
+
+Gold!
+
+Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen
+Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun
+auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der
+jeglichen Hunger stillen, jeden Durst befriedigen konnte; für den es
+nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte
+es ihm geschenkt, das edle Geheimnis? Ein langsam glühender
+Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, – bedeuteten sie mehr als jene
+teuren Vorrichtungen?
+
+Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht
+länger in dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon
+war er durch viele Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die
+Stirn legte, zurückkehrte, die eiserne Truhe aufschloß und alles was er
+noch an barem Geld besaß, in Gold und in Banknoten, zu sich steckte.
+Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den Herbergen für
+Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im äußersten Norden.
+Und keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, – nicht allein.
+Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm,
+verkommene Gestalten, die den Tod auf den Wangen trugen oder das
+Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in Lumpen, barfuß, mit bloßer Brust,
+keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters,
+Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, – und diese ganze tolle,
+entfesselte Schar in stetem lawinenartigem Anschwellen. Wo Baldewin
+Estrich die Ersten aufgetrieben hatte, er würde kaum mehr fähig gewesen
+sein, darüber Rechenschaft zu geben, denn er handelte wie im Traum, in
+einer Trunkenheit, die nach Thaten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter
+sie verteilt, immer mehr, und die Kunde davon ging wie ein Lauffeuer von
+Straße zu Straße, so daß der Haufen mehr und mehr anschwoll und zuletzt
+die ganze Breitegasse, so lang sie sich streckte, ausfüllte. In den
+Häusern wurden die Fenster aufgerissen, und lachende, winkende oder
+furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei erschien in den
+Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren, aber das
+Ungestüm des Pöbels stieg ums Hundertfache und war durch nichts mehr in
+der Welt zu ersticken in dieser Stunde. In den Annalen unserer Stadt
+steht dieser Februar-Abend mit großen Lettern verzeichnet.
+
+Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiter-Regiments auf mit
+blankgezogenen Säbeln, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen
+können, als die dicht gestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über
+die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen
+und trunkenen Lauten der Begierde. Und alles drängte nach oben, wo
+Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen
+stand, die ihm näher und näher rückten, förmlich tobsüchtig gemacht
+durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf
+den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als könne er
+nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien dies alles
+fürchterliche Traumbilder, diese von den scheußlichsten Instinkten
+bewegte Masse, die um ihn wogte, die ihn haßerfüllt anstierte, die den
+kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte, als ob sie ihn erdrücken
+und ersticken wollte, die nach Geld schrie und heulte, nach Geld und
+nach sonst nichts. Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte
+seine Brust, und er erschien sich wie mitten ins große Meer verschlagen,
+schiffbrüchig, hoffnungslos dem Tod geweiht. Da nahm er all die
+Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen
+Bewegung und schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den
+ausgestreckten Händen, den funkelnden Augen entgegen. Heisere,
+wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich fortgerissen wie in
+einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert, fühlte Stoß auf
+Stoß an seiner Brust, sah hundert andere Arme hoffnungslos ausgestreckt,
+und wieder die ersten, die mehr Geld wollten, mehr, da wollten ihm fast
+die Sinne schwinden. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn,
+sank zusammen, wurde mit Füßen getreten, fühlte Blut an sich
+herabströmen, und doch schlossen sich seine Augen nicht, als wolle seine
+Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden.
+
+Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich
+weiter. Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher,
+als die andern. Ihr Geist befand sich in einer völligen Raserei, und
+diese Raserei war ansteckend. Alle unterdrückten Lüste des Pöbels kamen
+im Verlauf von Minuten zum Vorschein. Viele zertrümmerten die
+Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die Stockwerke
+hinauf; viele Weiber benutzten ihre Schuhe oder Stiefel als
+Wurfgeschosse. Die Rufe: Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder
+kreischten durch die Luft. Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und
+mit dem Schrei: nieder mit den Juden! erstürmten entfesselte Scharen die
+verschlossenen Räume, demolierten Tische, Fenster, Verkaufsgegenstände
+und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung. An vielen Punkten
+gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden
+abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte. Die Infanterie war mit
+gefällten Bajonnetten im Anmarsch und trieb eine Horde wild kreischender
+Weiber und Kinder vor sich her und alles deutete auf einen blutigen
+Ausgang.
+
+Während all dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die
+Gassen gefahren; schwere, erschreckend schwarze Wolken waren
+heraufgezogen und hatten sich im Norden getürmt, während ihnen gegenüber
+ein Stück fast reinen Himmels lag, auf dem der klare Mond schwamm. Dann
+fingen aus dieser Wolkenwand, deren beängstigendes Dunkel die Firste der
+Häuser seltsam bleich erscheinen ließ, Blitze an zu zucken, leiser
+Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze
+wurden fahler, zackiger, breiter, gleichsam schneidender und tiefer, der
+Donner weniger schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend
+angesammelt, ohne daß in dem bunten Tumult irgend jemand darauf geachtet
+hätte.
+
+Die Soldaten, anscheinend nicht ohne Freude, begannen erregte Massen von
+Männern und Weibern vor sich her zu treiben, und einige junge Offiziere
+suchten einen Ehrgeiz darin, sich durch besonders kriegerisches Vorgehen
+auszuzeichnen. Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen
+eine ganze Kompagnie; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus;
+eine zügellose Erbitterung ergriff den Pöbelhaufen; Steine flogen unter
+die Soldaten, Schuhe, aufgestellte Messer, Glasscherben von
+eingedrückten Fenstern, ja ganze Holzklötze, bis endlich der Hauptmann
+Ulrichs, ein kleiner Wüterich der Garnison, unbarmherzig zu
+entschiedenem, offenem Angriff überging. Die wenigen, die dem Militär
+Trotz geboten hatten wandten sich, als sie einige Kameraden im Blut
+liegen sahen, zur Flucht. Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer
+Schrecken verbreitete sich; nur noch verzerrte Gesichter waren zu
+erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt, die
+Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt. Schreien
+und Weinen schallte von den Häusern herab und aus den ferner liegenden
+Straßen kamen Zuschauer herbei, – zahllos; bald mitergriffen von dem
+furchtbaren Schauspiel, schrien sie entweder so viel sie konnten,
+ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten förmlich
+entflammt den immer noch thätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch
+von der nachkommenden Eskadron Kavallerie in die Seitenstraßen
+vertrieben. Währenddem floh und floh der geängstigte Volkshaufen in
+immer mehr überhand nehmender Angst und Verwirrung und gelangte auf den
+Lorenzerplatz, wo die Thore der Kirche weit offen standen. Aus dem
+Grunde, wie aus einer endlosen dunklen Höhle schimmerte das glührote,
+ewige Licht und die ganze verfolgte von den Soldaten wie Gänse oder
+Hühner einhergetriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich
+unter heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als
+ob sie beten wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das
+unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus
+dem seitab sich schiebenden Publikum; Polizisten und Gendarmen
+versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten schienen wie
+trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und vernahmen die
+Befehle ihrer Vorgesetzten gar nicht mehr. Die ersten Reihen wollten
+eben durch das Thor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in
+Wahrheit förmlich aufwuchs. Die Soldaten wagten nicht vorwärts zu gehen.
+Sie sahen in das Gesicht dieses Menschen, Agathon Geyers, halb voll
+blöder Neugier, halb staunend. Die Hintersten schoben nach vorn, der
+Lieutenant schrie, was los sei, aber es war, als ob Agathon für sie eine
+Mauer darstellte. Er hielt die Arme ausgebreitet und obwohl zu beiden
+Seiten noch ein breiter Raum blieb, durch den viele bequem hätten in die
+Kirche dringen können, wagte doch keiner, sich zu rühren.
+
+Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen
+Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte,
+der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den
+Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein.
+Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse)
+ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den
+Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem
+Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen,
+elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen
+Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die
+durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel
+eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem
+plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und
+zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die
+Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten,
+liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde
+der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der
+Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu
+kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich
+niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der
+Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt
+und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere
+leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische
+Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu
+weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben
+die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die
+Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen
+herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen
+eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte
+schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der
+Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand,
+es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang
+riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn
+emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder.
+
+Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände
+empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die
+am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende
+oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das
+Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend
+wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon
+blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der
+Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend
+gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht;
+wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er
+die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie
+trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen
+war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein
+Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen;
+wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen
+mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst
+verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und
+je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von
+einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte
+stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden
+müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden,
+verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und
+je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je
+mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die
+mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter,
+einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der
+Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel
+abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu
+schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte
+in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an
+den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur
+fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt
+eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm
+gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die
+Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte
+er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während
+die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem
+fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines
+benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes
+schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche
+einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in
+die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das
+Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende
+die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die
+Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob
+beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da
+stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer
+Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien:
+
+„Laßt sie brennen, die Kirche!“
+
+Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm
+aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast
+flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu
+empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der
+Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des
+Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch
+einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er
+alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der
+Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische
+Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen,
+asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon.
+Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt
+sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt
+von einem erregten Schwarm.
+
+Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel
+
+Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen
+Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem
+Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm
+lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter,
+den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk
+fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen
+die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu
+besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war
+licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose
+Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch
+aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg,
+erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die
+ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt
+im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz,
+ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein
+glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen
+war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein
+riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von
+allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis.
+Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es
+sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen
+Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde
+und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines
+Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die
+Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte
+sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an
+Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann
+Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk
+unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der
+Stadt.
+
+Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können.
+Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben,
+mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person
+und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine
+außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß.
+Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein
+mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche
+ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine
+Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen,
+furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen
+Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur.
+Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler
+Rasse.
+
+Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese
+kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen
+mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge,
+hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne
+Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die
+Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer
+Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre
+Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in
+einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich
+eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom
+Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein
+neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe
+Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern,
+schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel.
+Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich
+und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten
+Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen,
+das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem
+Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein
+Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon
+hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.
+
+Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie
+schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum
+und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging
+hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, –
+langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich
+Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem
+höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren
+in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren
+die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit
+seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit.
+
+Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das
+ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte.
+Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus,
+vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette
+lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins
+Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst
+die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf.
+Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen
+dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons
+Namen.
+
+Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet
+und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel
+geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette
+blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an.
+
+„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du
+nicht Furcht?“
+
+„_Was_ weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet.
+
+„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten
+dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle
+möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher
+Mensch sollst du sein.“
+
+„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich.
+
+„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein
+gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der
+Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“
+
+„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s
+dir?“
+
+„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß
+dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“
+
+Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von
+gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig.
+
+Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht.
+Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr
+gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer
+Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer
+ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen
+friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von
+Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas,
+das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie
+lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie
+nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen
+wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte
+Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie
+führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es
+war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über
+das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie
+plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht,
+gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig,
+aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich
+jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit
+ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich
+auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf
+ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck
+einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre
+Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so
+lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen
+nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du
+müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein
+Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon
+mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.
+
+„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da
+und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“
+Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und
+flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“
+fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß
+ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann
+würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich
+tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“
+
+Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte
+mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines
+Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem
+Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die
+langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute
+lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer
+Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers.
+Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur
+Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben
+und nun tanzte sie den _goignade_, einen altfranzösischen Tanz voll
+wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte.
+Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie
+fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle
+in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon
+wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das
+Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne,
+legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem
+Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.
+
+Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und
+mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in
+diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele
+zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte
+er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war
+etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt.
+Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem
+circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie.
+
+„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich
+kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir
+zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich
+hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er
+den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre
+Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt,
+Agathon?“
+
+Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du,
+daß ich es gethan hätte?“
+
+Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan
+hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen
+sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd:
+„Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“
+fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner
+Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren
+zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und
+Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon
+vermochte kaum klar zu werden.
+
+„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen
+Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf
+meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe
+alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure
+Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die
+Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du,
+was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du
+sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst,
+bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden
+alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der
+reine Brunnen Versiegenicht.“
+
+Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von
+Bojesen.“
+
+„Bojesen ... lieber Gott, ja.“
+
+„Du kennst ihn?“
+
+„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“
+
+„Er ist sehr interessant.“
+
+„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte.
+Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit
+einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich
+aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten
+Augen. „_Diese_ Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein
+Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch
+sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum?
+
+„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen
+Schweigen.
+
+„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den
+Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist
+alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die
+Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du?
+Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht,
+ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben
+bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er
+hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der
+bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der
+Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her,
+daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten
+fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie
+nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen,
+ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das
+Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur
+die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und
+die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und
+werden ein neues Geschlecht gründen.“
+
+Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der
+Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit
+ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle.
+„Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd.
+„Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“
+
+„Sterben? Nein, leben.“
+
+Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.
+
+„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe
+dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter
+dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“
+
+„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern
+strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man
+selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer
+müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst
+du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein
+Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der
+Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die
+Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden
+sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist
+wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen
+und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben
+nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente
+Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr,
+dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das
+Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“
+
+Ein langes Schweigen entstand.
+
+„Du meinst vielleicht, es ist dieser Atheismus,“ begann Agathon wieder.
+„Nein, das wäre ja borniert. Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder
+und sie wollen selber Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Du
+weißt ja, wie ichs meine, drum lachst du so verschmitzt. Aber siehst du,
+Jeanette,“ fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher,
+„eins fehlt mir noch und ich weiß nicht was es ist. Es macht mich
+unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir, als stünde
+ich vor einer dicken Mauer. Dann bin ich wie ein Kind.“
+
+Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Diwan, während ihre Füße
+den Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den
+Stoff hindurch ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas
+gewaltsam geschwungene Kurve, während ihn Jeanette mit einem heißen,
+träumerischen Blick gleichsam suchte.
+
+Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon, sowie ein Domino,
+denn Jeanette wollte, daß er abends mit zum Fest ginge. Er wunderte sich
+über ihr Wesen, das so sehr an Grellheit abgenommen hatte, über ihren
+Gang, der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre
+Worte, die bald kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren.
+
+Der Festsaal war groß und reich. Die Mitte des Raumes, der die Höhe
+einer Kirche hatte, war von bläulich-grünem Licht erfüllt. Die Galerien
+und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem
+breiten, düstern Feuerband, das um diese milde Dämmerung geschlungen
+war, in der die Säulen traumhaft glänzten, die Guirlanden wie aus dem
+schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut
+schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel
+glich. Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des
+Geräuschlosen, Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle
+Töne in einen Ton, alle Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende
+Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres, über dem der Tag
+aufgehen will.
+
+Aber plötzlich, ganz mit einem Male, auf einen Anstoß, wurde Agathon
+sehend. Und zwar in solchem Maß, daß er vor Grauen, Scham und
+Beleidigung wie verwundet war. Er schritt einen etwas abseits gelegenen
+Wandelgang dahin, als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann am
+Seitenausgang stehen sah. Der Alte spähte lauernd und unruhig in den
+Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte. Bald
+darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und fast
+kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske verlor
+sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riß
+er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine
+Augen fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte
+humpelte hinaus. Das Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide
+Hände gegen die Brust und atmete auf, dann warf sie beide Arme in die
+Luft, als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und
+sprang wieder mit dem kindlichen Gebahren, das sie forcierte, davon.
+Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er sah
+statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie
+ein Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule
+schlich in der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung,
+Müdigkeit, Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuß
+war, der abgefeuert wird, eine nahende, nagende Angst, das fletschende
+Gespenst seiner Sorgen wieder zu verscheuchen; einen vierten, der,
+künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte und dessen Züge durch
+eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung
+zerwühlt waren; einen fünften, der grinsend und nickend durch die Reihen
+strolchte, der Cynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten,
+vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll
+Anstand, Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben
+überflüssig schien, um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag,
+während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen
+zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich drehend, mit erlogenem
+Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter Bettler
+bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu
+werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein
+drittes, das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des
+Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu
+vermeiden suchte; ein viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger
+Seele dasaß, während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im
+Innern beschäftigte. Und hinter der Buntheit der Gewänder, der
+Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom Wein
+geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es.
+Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen
+Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren
+gezogen, daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel
+Jammer, ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein
+Mischmasch von Betrübnissen, Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke
+Herr mit dem gütigen, ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten
+wie an einer Schnur, und er wird all dies Glück, das ihm anvertraut ist,
+morgen getrost an der Börse verspielen; den ungünstigen Fall erwägend,
+hat er bereits eine Schiffskarte im Portefeuille. Dieser
+unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der
+durch schmutzige Manipulationen in seiner eigenen Meinung längst der
+Schatten eines anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem
+schwermütigen Blick lebt nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie,
+die Schwermütige zu sein; ihr Haus ist ein finsteres Bild der
+Verkommenheit, der Vernachlässigung, der Sittenlosigkeit, des geraubten,
+erborgten Prunkes, des versteckten Hungers; jener wohlwollende Graubart
+ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit
+jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger
+Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter
+Verleumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben,
+thränennasse Betten, von Lastern befleckte Hände, das wahnsinnige Geheul
+Unterliegender, Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die
+erheuchelte Trauer, der verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die
+Raserei der Liebe, Krankheit und Tod, eine Armee bis zur Tollheit
+verzerrter Gesichter, die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine
+ganze fallende, stürzende, vermorschte Gesellschaft und darüber,
+darunter – nichts.
+
+Es war Agathon, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der
+Visionen zusammengepreßt würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende
+Masse des Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe
+Hilfe, Rettung, und gepeinigt floh er, erreichte die Straße, eilte
+weiter, ohne sich umzublicken und wußte kaum, wie er in Jeanettens
+Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide den Saal betreten hatten,
+nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm, wollte Licht
+machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie vernichtet
+aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.
+
+Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn
+verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt so finster
+vor. Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an
+seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob.
+Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in
+knisterndes Haar. „Jeanette,“ flüsterte er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er
+glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es entstand eine Hitze um ihn, die
+aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde starr am Körper und seine
+Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust zusammenschnürte
+gleich einem Strick. „Jeanette,“ flüsterte er wieder. Diesmal war es
+fast ein Hilferuf.
+
+Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine große, blutrote Orange
+neben den Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber
+von einem zitternden Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem
+Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid, das sie trug, warf
+förmlich Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals, entblößt,
+leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer
+warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er saß und blickte sie
+unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo
+bist du, Agathon?
+
+Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe,
+daß ihre Körper sich streiften, und Agathon wurde völlig ausgefüllt von
+dem Bewußtsein dieser großen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die
+Welt rückte für ihn plötzlich in eine maßlose Ferne; versank in einen
+Abgrund. Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte
+jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war ihm, als ob er selbst die Frucht
+zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß. Er fühlte nicht die
+Süßigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewußt, daß er aß. Sie
+beschäftigten sich damit, die ätherischen Öle der saftreichen Schale in
+die Flamme zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agathon
+lächelte aber wie über etwas Fernes, in einem andern Leben Erlebtes, er
+lächelte Jeanettens Lächeln mit, vielleicht aus Furcht, daß sie aufhören
+könne zu lächeln. Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen
+ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr Blick verschlingend groß,
+unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern. Sie stand auf.
+
+Die Kerze war erloschen. Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen
+und an seinem Halse die kalte, feuchte Berührung eines Mundes. All seine
+Sinne schmerzten, daß er glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, daß er
+die Nacht schier verwünschte. Was er dann empfand, war eine sich
+ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer luftleer sei, und
+endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.
+
+„Was zitterst du so?“ fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre
+Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag
+mit offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut
+ihres Körpers, und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen.
+Sie küßte ihn; er dachte, daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen,
+denn er glaubte, zu ertrinken in einer heißen Gischt, sein ganzer Leib
+war ein zuckender Schmerz, der alles in einen übermäßigen Rausch
+versetzte, dann kam ein bewußtloses Versinken, – aus einer großen Höhe,
+tiefer und tiefer; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und
+plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen,
+voll von einem grenzenlosen, vorher nie erfaßten, noch geahnten Jammer.
+
+Er wußte nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das
+Zimmer verließ, auf der Straße stand, die sich breit hindehnte in einem
+mühsam aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah
+das Thor offen; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der
+noch mit Stroh umwunden war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf
+die Arme und begann bitterlich zu weinen. Nicht mühselig flossen seine
+Thränen, sondern reich.
+
+Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus glühenden Dünsten, aus
+der Umarmung riesenhafter Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische war
+in der Luft. Die Nebel der vergangenen Nacht hatten den Karneval
+mitgenommen. Die Sonne des Aschermittwochs vergoldete manchen
+Garderobefetzen im Kehricht.
+
+Jeanette lag noch da, wie er sie verlassen. Sie schlief. Ihr Gesicht
+hatte etwas so Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder in die
+Züge zurückkehren sollte. Die geschlossenen Lider hatten eine Müdigkeit,
+die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war.
+Das über und über wirre und krause Haar zeugte von einer
+leidenschaftlichen Gutmütigkeit. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein
+schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust.
+
+Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte:
+„Nun, du siehst wohl, daß die Welt aus Schmutz besteht.“
+
+Agathon schwieg.
+
+„Du siehst, was ich bin,“ fuhr sie fort. „Und du kommst und verlangst,
+daß wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit.
+Ja, ja, rede nicht, ich weiß schon, weil wir schwach sind, müssen wir
+stärker werden und so weiter. Aber jetzt ist deine Mauer gefallen,
+Agathon, und du hast nicht gedacht, was für eine schmutzige Sache sie
+verdeckt.“
+
+„Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil
+du es willst?“ fragte Agathon. „Oder deswegen, weil Christus es gewollt
+hat? Weil wir uns der Genüsse schämen? Könnte es das nicht sein,
+Jeanette? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib
+Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Wozu Götter? _Ein_
+Gott ist schon Götzendienst. Warum sollte das Schmutz sein, was so
+erhaben sein kann? Du mußt nicht lachen.“
+
+„Wirklich? Kann es das? Nein, so was! Kann es so erhaben sein? Köstlich.
+Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde.“
+
+„Was hast du nur, Jeanette?“
+
+Sie sprach mit starrem Blick vor sich hin: „Auch du, auch du, Agathon,
+mußtest fallen. Niemals hätte ich es geglaubt. Es ist mir ganz klar,
+wozu es dich treibt, klarer wie dir. Du willst die Sinnlichkeit wieder
+auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das
+liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Ja,
+eher kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mußt neue Menschen formen.
+Das ist alles unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das
+ist das Wort, das dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst,
+dann glaube ich an dich. Ist es nicht unanständig, wenn wir die Kleider
+abnehmen und uns sehen? Ist es nicht unanständig, Kleider zu haben und
+an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind schuld, daß wir so krank
+lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die Sinnlichkeit
+erstickt, schleudert die Könige vom Thron. Gott, ich bin so klug. Ich
+freue mich so, daß ich klug bin. Pfui, ich mag nicht mehr leben.“
+
+Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, daß der Stuhl
+hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. „Nun sollst du alles wissen.
+Damit wenigstens _ein_ Mensch weiß, was ich leide. Nicht mich ruft der
+König, sondern ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen
+Schleichweg, keine Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes
+Medikament sein. Vielleicht finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz
+und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land. Denn siehst
+du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin.
+Ich langweile mich bei Putz und Schmuck und beim schönsten Sonnenaufgang
+und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es ist mehr als die
+Langweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu
+Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt
+geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen _Menschen_ kennen
+gelernt. Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert
+mit den Pulsschlägen der Nacht, ich habe den vornehmsten Pöbel rasend
+gemacht mit tanzen, ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen
+lassen, – nein, ich habe mich gelangweilt. Ich habe mich in den Betten
+gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich habe um Krieg
+gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in die
+Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer
+aufgesucht und fand sie so öde, daß mir war, als müßte ich sie in den
+Arm zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, – alles war
+umsonst. Und was willst _du_, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich
+packe heut mein Bündel und fahre. Geh, aber sei vorsichtig, denn du bist
+ja ein gefährlicher Mensch.“ Sie ging zum Fenster, riß es auf und sog
+mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein. Als Agathon nicht ging,
+stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein
+bösartiger Hund.
+
+Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine
+lange Prozession von Kindern zog die Straße herab. Die zuerst Kommenden
+beteten, wodurch das silberhelle, monoton gleitende Murmeln entstand;
+die letzte Schar sang. Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche
+Gleichgültigkeit, eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit, daß es
+zugleich lächerlich und schrecklich war. Den Nachtrab bildeten sechs
+Ministranten in weißen Gewändern; zwei trugen ein ungeheures schwarzes
+Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war gänzlich fasziniert. Sie
+schauderte.
+
+Agathon wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote
+verließe, deren Seele man da draußen schon zum Grabe geleitete.
+
+Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Wagens, der den
+Sarg trug, – einen kleinen, schmalen Kindersarg, der nicht schwarz und
+nicht anders war, obwohl er vielleicht hatte schwarz sein sollen. Es war
+ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem
+Kranze darauf und sang im Chor. Agathon meinte, er müsse den Tod um die
+Zukunft fragen, da das Leben so schweigsam war.
+
+
+ Sechzehntes Kapitel
+
+Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker
+beeilt, die vornehme Bel-Etage eines vornehmen Hauses zu mieten. Seine
+stolze Mutter hatte es verschmäht, bei ihm zu wohnen, und sie hatte
+gelacht, als er ihr Geld anbieten wollte. Er betrieb eine eigene Art von
+Leutseligkeit gegen seine Bekannten, die darin bestand, daß er seinen
+berühmten Namen, auf Visitenkarten gedruckt, häufig in ihre Briefkasten
+schob; er ließ das Haar ein wenig länger wachsen, den Bart ein wenig
+imposanter stutzen, kaufte einen Brillantring, der beim Schreiben ein
+schwüles Feuerwerk von Strahlen gab, ließ sich photographieren, und zwar
+in einem Smoking, in einer Kravatte von durchbrochenem Rips, den
+Cylinder in der Hand, mit fest nach vorwärts gerichtetem, gleichsam
+unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund. Nach solchen
+Vorbereitungen beschloß er, seinen Kollegen in der Hauptstadt ein
+Rendez-vous zu geben und sprach gegen seine vertrauten Freunde
+stirnrunzelnd von den Kniffen, die er werde anwenden müssen, um gewissen
+Festlichkeiten zu entgehen. Seine Gewohnheit, einsam zu sein, lasse ihn
+diesen Schritt nur mit großer Überwindung thun.
+
+Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein
+würziger Strom Vorfrühlingsluft floß herein. Gudstikker war beschäftigt,
+seine Reiselektüre zu sichten, als sich die Thüre öffnete und Monika
+Olifat hereinkam. Sie öffnete die Thüre nur wenig und schob sich
+furchtsam durch den Spalt. Sie hatte mit einem großen Shawl den Kopf
+verhüllt. Gudstikker war so überrascht, daß er die brennende Cigarre
+fallen ließ. Doch dies dauerte nur einen Augenblick; dann war er völlig
+gefaßt, ja, er schien sich sogar zu freuen. Er ging hin und bot ihr die
+Hand.
+
+Monika sah nicht, daß er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank
+vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, ließ den Blick unsicher
+umherschweifen und murmelte: „Du gehst fort, Stefan?“
+
+„Aber natürlich, Närrchen, ich muß doch,“ erwiderte Gudstikker.
+„Begreifst du denn nicht, daß ich muß? Am fünften führt man mein Stück
+auf und heute, – na ja, noch drei Tage. Willst du dich nicht lieber auf
+den Stuhl da setzen?“
+
+„Also du gehst fort,“ wiederholte Monika mechanisch. „Du gehst fort.“
+Und sie wollte die Hand an die Stirn heben, ließ sie aber im Schoß
+ruhen. Beide Hände lagen da, schwer, aneinandergepreßt.
+
+Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart
+hervor. Dann nahm er ihre Hand und sagte: „Liebes Kind, die Pflicht
+ruft. Da ist nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, daß ich nicht
+wieder komme, nicht wieder zu dir komme? Wer kann es wagen, dies zu
+behaupten? Sieh doch selbst; angenommen, wir könnten uns nicht wieder
+treffen, selbst diesen Fall angenommen sage ich, bliebe uns nicht die
+köstliche Erinnerung übrig, dir und mir? Flammen in der Vergangenheit
+wärmen selbst die Zukunft, sagt irgendwo ein großer Dichter. Du wirst
+das verstehen, denn du bist ja so klug wie wenig Weiber. Ist es denn ein
+so großes Unglück, einmal an dem vollen Becher des Lebens getrunken zu
+haben? Die Hauptsache ist, daß man satt ist, verstehst du. Ich behandle
+ein solches Thema in meiner neuen Arbeit. Es ist außerordentlich
+interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren Kritiker,
+aber das macht Spaß. Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt; sie meint
+sogar, daß es eine ganz philosophische Färbung hat. Sie hat ihr eigenes
+Urteil in derlei Sachen, weißt du. Mein Gott, was hat sie aber auch
+durchgemacht! Da ist es leicht, Philosophie zu haben. Nach dem Tod
+meines Vaters ist es ihr verdammt schlecht gegangen. So schlecht, daß
+sie ihr Brautkleid, eigentlich das Theuerste, was sie besitzt, ins
+Pfandhaus tragen mußte. Und bis heute hat sie es nicht wieder einlösen
+können. Man kann getrost sagen, daß es ihre Lebensaufgabe geworden ist,
+ihr Brautkleid wieder einzulösen. Trotz alledem hat sie sich nie von
+ihrem Hund trennen wollen. Ein prickelnder Stoff, was? Da kann sich ein
+Balzac die Zähne ausbeißen. In letzter Zeit kränkelte sie übrigens. Du
+könntest einmal hingehen. Aber rege sie nicht auf. Nur keine Scenen,
+mein liebes Kind, nur keine Scenen, und vor allem keine Dummheiten. Noch
+etwas, – daß du mir eine ordentliche Hebamme nimmst, und wenn möglich
+einen geschickten Arzt dazu. Deine Mutter hat ja keinen Dunst von
+solchen Sachen, _ta chère maman_ hehe. Ich muß sagen, ich freue mich
+außerordentlich. Es ist eigentlich ein erhebendes Gefühl. Wie? Was sagst
+du?“
+
+Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine
+lange Linie rosenroter Wölkchen. „Nun ja,“ sagte sie gepreßt. Das war
+alles. Ihre beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glänzten
+verräterisch, und als sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte,
+perlte Thräne auf Thräne herab, ohne daß sie es zu hindern vermochte. Im
+Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler und hielt ihre Stirn mit
+beiden Händen.
+
+Es zeigt sich, daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht
+verändern, daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der
+Umwandlungen. Es scheint, als ob Charaktere oder Seelen über
+Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und
+Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen. Es ist dann gleichgültig,
+ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstikker
+heißt.
+
+Gudstikker stand am Fenster, pfiff eine Arie und betrachtete ebenfalls
+die rosige Wolkenkette. Und in den Pausen seiner Kunstausübung murmelte
+er: „Jaja, die Weiber, die Weiber.“ Dann dachte er daran, sich von
+seiner Mutter zu verabschieden und er machte sich auf den Weg.
+
+Als er in die Stadt ging (seine Wohnung lag am Engelhardtspark in der
+Nähe derjenigen Nieberdings), dunkelte es schon. Gudstikker fand sich
+unvermittelt aus seiner siegesgewissen Stimmung gehoben. Er ging am
+Redaktionshaus des „Tagblatts“ vorbei, als ein schriller Lärm ihn
+aufmerksam machte. Seine zu jeder Zeit wache und geschäftige Neugier
+hieß ihn stillstehn und lauschen. Er vernahm ein immer zunehmendes
+Keifen, Brüllen, Schimpfen und Fluchen. Dazwischen wurde eine klagende
+oder mahnende Stimme laut, und endlich wurde eine Thüre mit aller Wucht
+zugeworfen; dann war es still. Gudstikker wollte seinen Weg fortsetzen,
+als unter dem Thor des Hauses die Gestalt eines Greises erschien.
+Gudstikker erkannte Baldewin Estrich und lachte. Eigentlich war es ihm
+kaum klar, weshalb er lachte, denn der Alte bot bei den zahlreichen,
+halbgeheilten Narben an Gesicht, Hals und Händen einen ziemlich
+jämmerlichen Anblick; aber das hielt ihn nicht ab. Er raisonnierte
+dabei: Gold machen allein wäre ja nicht so schlimm, das thun wir ja alle
+auf unsere Art; aber Baldewin heißen außerdem –!
+
+Indessen kam Estrich auf ihn zu und erkannte ihn, obwohl er ihn erst
+einmal in Zirndorf gesehen hatte, obwohl es dunkel war und obwohl er
+erregt schien von dem Streit.
+
+„Was haben Sie denn dort drin gemacht?“ fragte Gudstikker lustig,
+jedoch, wie ihm schien, sehr menschenfreundlich. Er gedachte, sich auf
+eine Seelen-Analyse dieses „Originals“ vorzubereiten.
+
+Der Alte blieb stehen und sah unsicher umher. „Wo kann man trinken?“
+murmelte er. „Ich habe Durst!“
+
+Gudstikker führte ihn in eine nahe Kneipe, wo als einziger Gast ein
+jüdischer Hausierer saß, mit seiner Tagesbilanz beschäftigt, ein Glas
+Zuckerwasser vor sich.
+
+Baldewin Estrich bestellte Schnaps. Gudstikker, der sich immer noch als
+der Mann über einer komischen Situation fühlte, lächelte die Tischplatte
+und demnächst seine etwas besser gepflegten Fingernägel wohlgefällig an.
+
+In der Schenke qualmte nur eine einzige Lampe. Die Fenster waren
+geschlossen und schienen auch seit Jahrzehnten geschlossen zu sein, der
+Atmosphäre nach zu schließen. Draußen war es noch nicht finster; die
+Tiefe des Himmels war noch gelb. Estrich schaute in sein Glas und sagte:
+„Junger Mann, ich habe abgerechnet. Ich bin leergepumpt, hohl, ein
+hohles Faß. Ich habe gelebt, jawohl; aber für was? Für einen Fußtritt,
+da haben Sie’s. Jetzt bin ich an der Reihe, Fußtritte zu geben. Also
+aufgepaßt, da sind Zündhölzer: zwanzigtausend Gulden, achtzigtausend
+Mark, sechsunddreißigtausend Mark, fünftausend Mark und daneben ein
+kleines Loch und daneben ein kleiner Mann und daneben ein kleines
+Schnapsglas ... hihihihi! Jetzt kommen meine Fußtritte. Meine Katze erbt
+mein Haus, punktum. Meine Katze erbt mein Gold. So. Und wenn ich auch
+noch keinen Notar und keine Zeitung für mich hab’, ich setz’ es durch.
+Kein Mensch soll über meine Schwelle, so lang sie noch Schwelle, so lang
+mein Haus Haus bleibt. Jetzt kommen meine Fußtritte, ihr satansträchtige
+Brut, ihr Wanzenfutter, ihr Christen und Juden. He du! He! He Jud!“
+
+Der Hausierer hob den Kopf. Als er das funkelnde Metall in Estrichs Hand
+gewahrte, kam er näher. Vor dem Tisch schnappte er jäh zusammen wie ein
+Messer, und seine Augen schienen herauszufallen. „Gott der Gerechte, was
+ham Se da in der Hand? Werd’s doch user nit sein Gold? Is es? Is es
+wahrhaftik? Odder welln Se machn zon Schoode en arme Jüd? Es is, schemaa
+Jisroel, es is! Gott was e scheener Glanz! Gott was e scheenes Gold!
+Chutzpeponim, was haste zum Narrn en arme Meschofesjüd! Gott, was e
+scheenes, was e faines Gold!“
+
+Gudstikker hatte nicht mehr Lust zu lachen. Im Gegenteil. Furcht und
+Scham malten sich auf seinem Gesicht. Vielleicht seit seiner Kindheit
+zum erstenmal vergaß er seine Rolle als Redner. Vielleicht zum erstenmal
+wurde er erschüttert durch ein Bild der großartigen und bejammernswerten
+Lebensschlacht. Der Hausierer stand da mit ein wenig vorgestreckten
+Händen, und eine verschlingende Habgier brannte in seinem Gesicht, grub
+neue Furchen und Runzeln hinein; seine Glieder bebten, sein Kopf
+schaukelte mechanisch mit einer leisen Bewegung hin und her, seine
+Finger krallten sich allmählich einwärts und seine feuchten Lippen
+lallten. Baldewin Estrich schien sich nicht sättigen zu können an diesem
+Anblick. Er streichelte das Metall, und halb scherzend, halb
+schmeichelnd trällerte er eine Cadenz. Dann erhob er sich. Sein Gesicht
+nahm einen überaus düstern und feindseligen Ausdruck an. Er spie aus,
+schleuderte sein Glas gegen die Dielen, daß es zerschmetterte, warf Geld
+auf den Tisch und verließ mit kräftigem Schritt und erhobenem Kopf den
+Raum, wobei seine langen Haare flatterten.
+
+Während Gudstikker die Stufen hinunterschritt, die von der Kneipe auf
+die Straße führten, stieß er so heftig mit einem Menschen zusammen, daß
+ihm der Hut vom Kopf in die Gosse flog. Als er sich umsah, empört und
+bereit zu schimpfen, war es Nieberding, den er in der letzten Zeit näher
+kennen gelernt hatte. Nieberding schien nicht allein zerstreut und
+abwesend, sondern auf seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder
+aufregender Sorgen. Auf seinem Gesicht lag jener leise Ekel, in den sich
+bei schwachen Naturen so schnell jede Mißstimmung verwandelt, und ohne
+sich zu entschuldigen, man hätte glauben können, ohne den Stoß gefühlt
+zu haben, eilte er seinem Hause zu.
+
+Er war in fieberhafter Ungeduld, das was er gehört, der Schwester
+mitzuteilen. Er klopfte an ihre Thüre, doch sie antwortete nicht. Er
+drückte auf die Klinke, doch sie war versperrt. Er pochte stärker und
+rief ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in den Salon zurück und
+schritt unruhig umher. Seine matten Augen lagen viel tiefer als sonst;
+der suchende, krankhafte Glanz in ihnen teilte sich bei längerer
+Betrachtung dem ganzen Gesicht mit. Seine Hände schienen ein eigenes
+Leben für sich zu führen, schienen stets mit einander im Kampf zu
+liegen, sich gegenseitig aufzureiben, worauf sie dann wieder lange Zeit
+bewegungslos und müde herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im
+Gebet zu falten, begierig nach einem Leiden.
+
+Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette, die sich in
+einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte. Überall im Volk gärte
+eine gewisse Erregung über das Schicksal des Königs, eine Unruhe, die
+täglich zunahm, ein wachsender Haß gegen die Minister, gegen den Hof,
+gegen die Familie des Fürsten, eine nahezu thatbereite Neugier. Leute,
+die den König einmal gesehen, hatten ihn nie wieder vergessen. Der
+Eindruck seiner Person war so tief, daß, wer ihn sah, selbst ein Stück
+Vornehmheit und Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so außerhalb
+alles Gewöhnlichen, Menschlich-Alltäglichen, daß der Nimbus, der seine
+Handlungen umgab, fortwährend blendender und hinreißender wurde.
+
+Als Cornely noch nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten. Sie
+wußten nichts bestimmtes. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen
+Ahnung erfaßt, noch einmal so heftig er konnte an die Thüre. Dann
+lauschte er und glaubte nichts zu vernehmen als einen Seufzer, der wie
+durch viele Tücher gedämpft herausklang. Nun erbrach er mit Hilfe des
+Dieners die Thüre.
+
+Es bot sich ihm dieser Anblick: Seine Schwester lag mit nacktem
+Oberkörper vor einem großen Christusbild, das sie sich heimlich
+verschafft haben mußte, denn Nieberding hatte nichts von seinem
+Vorhandensein gewußt. Ihr unglücklicher Körper war mit Striemen bedeckt.
+Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer schmalen Linie verzogen,
+die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern. Nieberding schob den
+Diener ungestüm hinaus und kniete nieder zu ihr; hob sie auf und legte
+sie aufs Bett. Statt sie wiederzubeleben, starrte er sie an, während
+sein Herz langsamer schlug.
+
+„Cornely,“ flüsterte er an ihrem Ohr.
+
+Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie bebend die Decke bis an den Hals
+hinauf.
+
+„Was hast du gethan, Cornely?“ sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine
+zunehmende Furcht sichtbar war.
+
+Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des
+Bruders. „Geh nie mehr fort,“ stammelte sie. „Ich kann nicht mehr
+schweigen. Ich habe dich geliebt, liebe dich Edward, es ist entsetzlich.
+Drücke meine Hand nicht so. Dafür büße ich vor Jesus Christus, denn
+schon lange bin ich keine Jüdin mehr. Ich denke genau so wie du.“
+
+„Schwester!“ rief Nieberding und wich zurück.
+
+„Versteh’ mich recht,“ fuhr Cornely fort, allmählich in einen
+fieberhaften Ton verfallend, „nicht als Bruder habe ich dich geliebt.
+Nein, so, daß ich keinen Schlaf, keine Ruh’ mehr hatte von der Stund’
+an.“
+
+Die Furcht in Nieberdings Gesicht nahm beständig zu. Einmal blickte er
+um sich, als erhoffe er durch irgend einen Zwischenfall Befreiung von
+dem Gequälten der Situation. Wirklich erschien gleich darauf die Gestalt
+Bojesens vor der Schwelle und hinter ihm eine Sekunde lang das neugierig
+grinsende Gesicht des Dieners.
+
+Bojesen war erstaunt; doch es schien, als ob er sich nur mit Mühe in
+dies Erstaunen finden könne, gegenüber einem Gegenstand, der ihn bis
+jetzt gänzlich in Anspruch genommen hatte. Seine Kleidung wies solche
+Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung auf, daß, wer
+ihn früher gekannt, nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als das. Obwohl
+Nieberding erleichtert aufatmete, als er den Eindringling gewahrte,
+wandte er sich ihm doch mit einem ungeduldigen und unwilligen
+Stirnrunzeln zu.
+
+„Sie wissen nicht, wo Agathon Geyer ist?“ begann Bojesen ohne weitere
+Einleitung als einen flüchtigen, mürrischen Gruß.
+
+Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agathon Geyer gar nicht. Er
+wurde immer mehr verwundert durch Bojesens nervöses, förmlich zuckendes
+Wesen. Er fuhr sich zahllose Male mit der flachen Hand über die Stirn
+und lächelte verstört in sich hinein.
+
+„Ich habe ja gar nicht gefragt, ob sie ihn kennen,“ sagte Bojesen und
+blickte sich mit leeren Augen im Korridor um, wohin ihn Nieberding
+geführt hatte.
+
+„Aber was giebt es denn? Was haben Sie?“
+
+„Entschuldigen Sie, daß ich komme,“ murmelte Bojesen. „Entschuldigen Sie
+nur. Natürlich können Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne
+ich bei allen möglichen Leuten herum, hier und in Nürnberg. Deswegen
+komme ich auch zu Ihnen. Kennen Sie die Schrift?“ Er hatte einen
+verschlossenen Brief aus der Brusttasche gezogen, dessen Adresse er
+Nieberding hinhielt.
+
+Nieberding erbleichte. „Es ist Jeanettens Hand.“
+
+„Jeanettens Hand, sehr richtig,“ erwiderte Bojesen mit einem hämischen
+Zucken der Mundwinkel. „Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt alles
+Geschirr auf die Dielen wirft, sehr richtig. Ich glaubte schon Ruhe zu
+haben vor Jeanettens Hand. Aber das braucht Sie ja gar nicht zu
+interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen. Er kann
+dann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: ‚Jeanettens Hand‘.“
+
+Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester
+zurückgewichen war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen
+gegenüber. Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen
+erschien ihm so überlegen an Leidenschaft, daß er Angst hatte, ihn zu
+einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen. „Und was will sie? Weshalb
+schreibt sie an diesen Agathon?“ wagte er endlich zu forschen.
+
+„Ach fragen Sie nicht so frisiert. Sie schreibt an ihn. Punktum. Ich
+wußte es stets. Sie hat auch mir geschrieben. Sie bittet mich bei allem,
+was mir heilig sei, als ob’s dergleichen noch gäbe, ja, also ich solle
+Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an den sie
+sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden.
+Nun, da dieser Agathon auch von der Polizei gesucht wird, ist die Sache
+schwierig. Sie wissen ja, was man sich von dem merkwürdigen Menschen
+erzählt. Der Brief, den sie mir schreibt, ist auf seltsames Papier
+gekritzelt. Schwarz mit grüner Tinte. Der Poststempel ist von irgend
+einem Dorf da im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf. Das wollt’
+ich Sie bitten. Ich kann nicht allein. Es sind so öde Strecken. Oder wir
+wollen einen Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.“
+
+Wie gebannt starrte Nieberding in das leidenschaftlich erregte Gesicht
+des Lehrers, auf dem die trübe Korridor-Ampel ein unruhiges
+Schattenspiel veranstaltete. Fast willenlos nahm er den Hut vom
+Kleiderstock und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand
+sie am Fenster stehend. Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die
+Hand; er komme bald wieder.
+
+Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick
+wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding die
+aufgebrochene Thür von draußen angelehnt hatte (er that dies mit einem
+gewissen Eifer, als könne er dadurch die Schwester für sich günstig
+stimmen), nahm Cornely einen Shawl, hüllte den Kopf damit ein, strich
+die wirrgewordenen Haare flüchtig zurück, schlug mit einer krampfhaften
+Gebärde die Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre
+Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch
+kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren
+Schritt nicht. Sie ging immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern,
+mit einem Ausdruck im Gesicht, der ein Gemisch von müder Erwartung und
+furchtsamem Horchen war. So glich sie einer fast verwelkten Pflanze.
+
+Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber
+jetzt bemerkte sie, daß es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde
+ihr so jähe klar, daß sie fröstelnd stillstand und überlegte. In der
+einen Straße befand sich ein Lastwagen, und auf ihm waren, trotz der
+Abendstunde, noch Leute damit beschäftigt, dicke massive Eisenschienen
+auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab ein hallendes Getöse, ein
+schrilles wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer fernen Volksmenge
+glich; in einer andern Straße spielten Kinder, so als ob die Nacht gar
+keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern Straße
+rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum
+Durchgehen. Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie
+kannte solches Leben nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die
+Schürzen der Mädchen huschen, die über die Straße liefen; sie sah es
+tropfen von den Balkonen, wo man die Zimmerpalmen begoß; es kletterte in
+Gestalt einer Katze über die Zäune, es bellte als Hund, es läutete als
+Abendgeläut.
+
+Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen
+Vorstellungen. Sie dachte an Jeanette, an das Pfänderspiel von einst und
+bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergaß, daß Jahre
+hingegangen waren seit der Stunde jenes Pfänderspiels und es kam ihr
+vor, als könne sie Jeanette treffen wie damals, wenn sie nur das Haus
+des Barons betrete. Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand, schämte
+sie sich und kehrte seufzend um.
+
+Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich an den Rand ihres Bettes nieder
+und dachte nach. Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände
+und Fügungen sie zu dem geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als
+ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder,
+ersticke jede Freiheit, jeden Willen zur Freiheit. Unter all diesen
+Gedanken war auch einer, der sie zittern ließ. Zittern vor dem Reichtum,
+vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater war Sklavenhändler in
+Amerika gewesen. Dies war genug für sie, daß sie die Seelen
+Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, daß die Luft um sie herum
+erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens.
+Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie, die Berührung mit dem
+Holz des Bettes könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu
+einem kaum erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben,
+haltlos, voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie,
+das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast
+mechanisch, wie ein Fallender nach einem Halt greift, nahm sie Bleistift
+und Papier und schrieb, ohne auszusetzen, fast ohne sich zu besinnen,
+mit glühenden Augen und in völliger Selbstvergessenheit:
+
+ Sag’ mir an, du trübes Gespenst,
+ Was du Wissen und Leiden nennst?
+
+ Sag’ mir, du ruhige Finsternis,
+ Warum Gott seinen Sohn verließ?
+
+ Sprich, du Himmel ohne Gnaden,
+ Weshalb hat mich der Freund verraten?
+
+ O sprich, du lange Einsamkeit,
+ Was ist Tod und was ist Zeit?
+
+ Da begann das trübe Gespenst:
+ Was du Wissen und Leiden nennst,
+ Das ist kraft eines deutlichen Traumes;
+ Das ist Spiel jenes bunten Saumes,
+ Saum vom Kleide der Ewigkeit,
+ Kraft eines langerloschenen Lichts,
+ Dies ist Wissen, dies ist Leid
+ Und sonst nichts.
+
+ Sprach die ruhige Finsternis:
+ Warum Gott seinen Sohn verließ,
+ Das ist kraft seiner Lust zur Freude;
+ Das ist Kampfspiel, das stets erneute
+ Hangen und Bangen am Lebensbaum.
+ Gott wünschte einen Sohn des Lichts;
+ Seine Vaterliebe, sie ist nur ein Traum
+ Und sonst nichts.
+
+ Sprach der Himmel ohne Gnaden:
+ Mit Recht hat dich der Freund verraten.
+ Freundschaft ist zärtliches Betrügen,
+ Kopfnicken und Rückenbiegen.
+ Umklammert deine Faust das Schwert,
+ Freue dich des Verrätergerichts;
+ Entbehren ist, was dich der Freund gelehrt,
+ Und sonst nichts.
+
+ Sprach die lange Einsamkeit:
+ Frage nicht, was Tod und Zeit.
+ Tod bist du und Zeit bist du,
+ Rast und Flucht und Kampf und Ruh.
+ Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten
+ Wirst du am Tage des großen Verzichts
+ Hin vor meine Füße gleiten,
+ Und sonst nichts.
+
+Als Cornely dies geschrieben, schaute sie geraume Zeit mit staunenden
+Augen ins Lampenlicht. Dann erhob sie sich, packte das schwere Kreuz an
+der Wand und trug es mit ihren schwachen Armen hinaus in den Korridor.
+Hierauf suchte sie die Thüre zu schließen, da aber das Schloß nicht
+fungierte, verrammelte sie sie mit einem Stuhl und einem Tischchen und
+begann sich mit einer träumerischen Ruhe zu entkleiden. Die Ruhe, die
+sie erfüllte, war so frauenhaft und ausgeglichen, daß sie sich ganz
+neubelebt fühlte. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor
+den Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und
+verlornen Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und
+der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie
+nicht den eigenen Körper, sondern freundliche Gestalten umschwebten sie,
+deren Nähe ihr beglückend dünkte.
+
+Bald darauf ging sie zu Bett.
+
+
+ Siebzehntes Kapitel
+
+Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei, als Agathon an
+einem kalten Spätnachmittag nach Fürth kam. Er war schon ziemlich lange
+umhergewandert, ohne daß er sich entschließen konnte, jemand von den
+Menschen aufzusuchen, die er kannte. Es dunkelte schon, als er aus dem
+ersten Stock eines Hauses der Schwabacherstraße zu seinem großen
+Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte. Im Nu hatte diese
+lebhafte Dame auch ihn erblickt und erkannt. „_Ah, monsieur Geyer!_“
+schrie sie und gestikulierte mit beängstigender Heftigkeit. „_Ah,
+monsieur Geyer! entrez, je vous prie! Consolez une misérable femme!_“
+Agathon lächelte und ging hinauf.
+
+Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem haßerfüllten Blick
+auf ihn, als er eintrat. Sie wehrte ihre Mutter von sich ab, die mit
+einer schmeichlerischen Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete
+und schlang beide Arme um den Hals der verängstigt dabei stehenden
+kleinen Esther. Frau Olifat stürzte sich sogleich über Agathon her,
+erklärte ihm mit einer betäubenden Beredsamkeit halb deutsch, halb
+französisch, daß sie für ein paar Wochen nach der Stadt gezogen sei, der
+Gesellschaft halber, daß sie die „Supposition“ habe, im Sommer nach den
+Seen zu reisen; es blieb unerklärt, welche Seen sie dabei im Sinne habe.
+Sodann klagte sie in leidenschaftlichen Worten über Monikas Benehmen,
+die den ganzen Tag dasitze, ohne sich zu rühren, ohne zu essen, ohne zu
+sprechen, ohne zu lachen, „_tout comme une morte_“. Dann setzte sich die
+gute Matrone hin und begann aus vollen Kräften zu schluchzen. Esther
+lief zu ihr, kletterte auf ihren Schoß, schmiegte sich an ihre Brust und
+blickte feindselig ihre Schwester Monika an, die während alledem keine
+Miene verzog. Bald sprang Frau Olifat wieder auf, ergriff Monikas Hände
+und begann von neuem in sie hineinzureden. Doch das Mädchen wandte mit
+einer affektierten, bösartigen Gleichgültigkeit, als sei sie taub, das
+Gesicht nach einer andern Richtung. Die gequälte Mutter wurde zornig;
+unerschöpflich entfloß ein Strom von Schmähungen ihren Lippen, und
+einmal erhob sie den Arm wie zum Schlag. Darauf packte sie Esther, riß
+und schleppte das Kind durchs Zimmer zur Thüre und dröhnend fiel die
+Thür hinter ihr ins Schloß.
+
+Agathon sah sich mit Monika allein. Wieder fühlte er eine atemraubende
+Beklemmung ihr gegenüber. Er vermochte nichts zu reden. Ihre Wangen
+hatten sich, kaum daß die Mutter das Zimmer verlassen, mit einem
+brennenden Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten feucht, – vor Scham und
+Verzweiflung. „Ich kann ja gehen, Agathon, wenn Sie nicht wollen, daß
+ich bleibe,“ sagte sie mit einer eigentümlich brüchigen Stimme, und um
+ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln.
+
+Gern wäre Agathon hingegangen und hätte ihre Hand ergriffen, nur
+vielleicht um sie zu bitten, sie möge wieder du sagen. Aber er konnte
+nicht. Diese unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz, wo er war.
+„Was hast du nun eigentlich, Monika?“ fragte er ruhig.
+
+Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal. Agathon hatte dabei das
+Gefühl, als blicke er in einen Raum mit kahlen Wänden, während vorher
+der intime Zauber der Behaglichkeit diesen selben Raum erfüllt hatte.
+Etwas Zerflossenes, ja etwas Hündisches war in Monikas Augen.
+
+„Ich weiß es, du hast Gudstikker geliebt,“ sagte nun Agathon wieder,
+„aber deshalb mußt du doch nicht so am Leben verzweifeln, Monika. Du
+warst doch sonst so froh und immer voll Hoffnung; du hast einen immer
+ausgelacht, wenn man traurig war, Monika. Und jetzt? Was ist mit dir?
+Ist denn das Leben für dich weniger groß und gut geworden? Viele haben
+geliebt und entbehren müssen, das ist gewiß wahr, Monika. Aber sieh, nun
+kommt bald der Frühling, und du wirst dich freuen, wenn die warme Sonne
+auf dich scheint, und du wirst mit Esther in den Wald gehen und deine
+Wangen werden wieder rot sein. Und wenn der Herbst kommt, wirst du alles
+vergessen haben, Monika, diesen ganzen elenden Winter für dich wirst du
+vergessen haben.“
+
+Da richtete sich Monika auf, und über ihre Züge ging eine zuckende
+Bewegung. „O Agathon,“ rief sie aus, „nie mehr können meine Wangen rot
+werden, nie mehr, nie mehr. Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne
+sehen, nie mehr kann ich vergessen, Agathon, nie mehr, nie mehr.“
+
+Agathon näherte sich ihr und beugte sich herab zu ihr, ergriff ihre Hand
+und schaute sie an. „Was hast du gethan, Monika? Sprich! Warum schweigst
+du? Warum verschweigst du mir’s?“
+
+Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agathons Nacken. So sah
+sie zu ihm empor mit einem feierlichen Blick, der etwas Drohendes in der
+Ferne zu erblicken schien und sagte, jede Silbe betonend: „Er hat mich
+betrogen. Geh’ hin und räche mich.“
+
+„Monika!“ schrie Agathon auf und machte sich los von ihr.
+
+„Es ist so finster,“ flüsterte Monika verstört und schauerte zusammen.
+„Es wird schon Nacht. Ja, ich habe mich ihm hingegeben mit allem, was
+ich bin. Aber denke nicht schlecht von mir, Agathon, bitte dich, thu’s
+nicht. Geh’ nicht fort jetzt, nicht fort. Du hättest es doch wissen
+müssen, schon lange. Geh’ nicht fort jetzt.“ Als die Thüre sich hinter
+Agathon geschlossen hatte, warf sie sich jammernd zu Boden. Aber bald
+darauf kam er wieder und fragte sie, die hilflos vor ihm lag. „Wo wohnt
+er?“
+
+Monika, das Gesicht gegen die Dielen gewandt nannte die Straße und das
+Haus.
+
+Gudstikker war daheim, als Agathon bei ihm anklopfte. Er zeigte ein
+überraschtes und freudiges Gesicht bei seinem Anblick und ging mit
+ausgestreckten Händen auf ihn zu, um aber auf halbem Wege wie
+angewurzelt stehen zu bleiben. „Na, was machen _Sie_ denn für ein
+Gesicht, Verehrungswürdiger,“ sagte er erblassend, halb scherzhaft, halb
+trotzig.
+
+Agathon stand ihm gegenüber, und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie
+verblasen. Voll von brennendem Zorn, der sein Herz zusammenzog, war er
+noch die Treppe heraufgekommen, aber sobald er in dies lügnerische
+Gesicht geblickt, war er wie entwaffnet. Es war die Lüge selbst, die ihm
+in ihrer ganzen brutalen Unbekümmertheit entgegentrat. Glätte und
+Spitzigkeit, Zähigkeit, scheinheiliger Ernst, – Agathon fand kein
+anderes Wort dafür, als das Wort jüdisch, in seinem häßlichsten Sinn.
+Gudstikker schien ihm die jüdischeste Natur, die er je getroffen.
+
+Gudstikker war indes das lange Schweigen unbehaglich. Er bemerkte eine
+gewisse Veränderung in Agathons Wesen, seit dieser bei ihm eingetreten
+war. „Ach, Sie kommen wohl wegen der kleinen Monika,“ sagte er
+nachlässig, in dem sichtlichen Bestreben, Agathon zu verletzen. „Ich sah
+es Ihnen gleich an. Bischen verliebt, was? Aber das geht schon vorüber.
+Trösten Sie sich nur und legen Sie vor allem Ihre Berserkermiene ab.
+Unsereins kann sich nicht bei dem schönen Geschlecht aufhalten. Was für
+so ein Weib der Lebensinhalt, ist für uns eben nur ein Episödchen. Ja
+ja. Eben bin ich im Begriff, mein Verhältnis mit der kleinen Käthe in
+Ordnung zu bringen, d. h. wohlverstanden, zu lösen, hehe. Deswegen habe
+ich meine Abreise verschoben und das Vergnügen genießen können, Sie noch
+zu sehen. Die kleine Estrich muß sich eben auch trösten. Sie ist mir
+doch zu sehr kleines Bürgermädchen. Mein Gott, man verlangt doch ein
+bischen Kultur. Und dann, der schaffende Mensch muß frei sein.
+Rücksichtslos muß er alles zur Seite schieben, was im Wege steht, und
+wenn es nicht anders geht – zerstampfen. So. Nun haben Sie meine
+Lebensanschauung.“
+
+Erstaunt blickte Agathon auf diese redseligen Lippen, aus denen mühelos
+Phrase um Phrase quoll. Er schwieg.
+
+„Ich will Ihnen etwas sagen,“ meinte Gudstikker nach einer peinlichen
+Pause und in etwas prahlerischem Ton, der noch unangenehmer berührte
+durch das Hingeworfene, anscheinend Leichte und Elastische seiner
+Redeweise. „Ich will Ihnen sagen, Sie sind ein Idealist. Was sag’ ich,
+Idealist! Ein verschwommener Träumer, ein unverbesserlicher
+Hanshasenfuß. Der moderne Mann muß grausam sein, rachsüchtig, blind für
+die Krüppel und Lahmen und Bettler. Sie kommen daher als Ritter eines
+kleinen Mädchens, das in leichter Stunde vom Piedestal der Tugend stieg.
+Was macht das? Leben wir etwa, um tugendhaft zu sein? he? Oder leben
+wir, um zu leben? Was Sie wollen, ist ja alles ganz schön und grün, aber
+es verrät keinen großen Geist, keinen starken Geist. (Wie kann er
+wissen, was ich will, dachte Agathon.) Kennen Sie das wahre Elend der
+Welt? Nein. Kommen daher mit prophetischen Gelüsten und haben keine
+Augen für die wahre Not der Zeit. Soll ich einen Abend lang Ihren
+Asmodai machen? Soll ich? Mein Weg führt mich ohnedies dorthin, wohin
+ich Sie führen will, – Studien halber natürlich. Allons, kommen Sie.“
+
+Wie gebannt folgte Agathon jeder Bewegung, jeder Geste Gudstikkers.
+Zugleich empfand er ein fast unheimliches Grauen vor seiner Zunge, die
+bisweilen hinter dem schwarzen Schnurrbart hervorblitzte wie ein
+Flämmchen. Er suchte sich allem diesen zu entziehen, aber umsonst. Er
+folgte Gudstikker, der mehrmals kurz und herausfordernd vor sich
+hinlachte, auf die Straße.
+
+Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt, wo die
+verrufenen Häuser standen; wo wenige Laternen ein dürftiges Licht
+spendeten, und wo die Schutzleute zu zweien und dreien gingen, streng,
+finster, sorgsam spähend.
+
+Sie kamen zunächst an ein kleines, einstöckiges Haus, über dessen Portal
+eine grüne Lampe brannte. Die Fenster waren mit Jalousien dicht
+verhängt.
+
+Als Gudstikker das Thor geöffnet hatte und zur linken Seite in einen mit
+verblichener, gleichsam abgesessener Pracht ausstatteten Salon getreten
+war, kam den Beiden eine Schar von geschminkten Mädchen
+entgegengesprungen, die mit Gudstikker sehr vertraut thaten, sich an
+seinen Arm hingen, lachten, trällerten, scherzten, nach Wein riefen und
+sich auf jede Weise und aufs äußerste bemerkbar zu machen suchten. Sie
+waren mit nichts bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen; ihre
+Augen glänzten krankhaft oder schienen müde, ihre Bewegungen waren
+geziert, ihr Lachen übertrieben, ihre Scherze frivol. Ihr Gang hatte
+etwas Schwankendes, das Spiel ihrer Hände und Finger etwas Gieriges,
+Abenteuerliches. Seltsamerweise beachteten sie Agathon gar nicht: manche
+blickten scheu nach ihm hin, aber thaten dann wieder, als sähen sie ihn
+nicht. Bisweilen erschien eine ältere Dame und führte anzügliche Reden,
+die nach ihrer Absicht etwas Anfeuerndes haben sollten; bisweilen auch
+läutete die Portalglocke, dann verschwand eines der Mädchen, lächelnd
+und nickend, gleichsam voll Versprechungen, und die Andern sahen
+teilnahmlos ins Leere, immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend.
+
+Gudstikker benahm sich wie zu Hause. Gönnerhaft verabreichte er seine
+Worte, lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern
+zurück, klatschte leutselig auf nackte Arme, schlug ein paar Takte auf
+einem schrillklingenden Klavier an, tauschte heitere Reminiscenzen mit
+der Dame des Hauses, lächelte nachsichtig, wenn ihn die Mädchen neckten
+und ihn den „schwarzen Doktor“ nannten, und bei alledem schwand eine
+gewisse ernste Falte nicht von seinem Gesicht und ein stechender Blick
+nicht aus seinen Augen. Bald ging er weiter mit Agathon in ein daneben
+befindliches Gebäude, und Agathon folgte wie gezogen, halb betäubt durch
+eine beengende Erwartung, die er nicht deuten konnte. Wiederum sah er
+den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben, halberblindete Spiegel,
+matte, von Staub zerfressene Goldrahmen; wieder sah er die für den
+Gebrauch der Nacht überschminkten Frauengesichter, in denen jedes
+Leiden, jeder Schmerz, jedes Nachdenken, jede Erinnerung, jede Feinheit
+verschwunden war, wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern,
+atmete den Rauch der Cigaretten, den Dunst der Weine und wurde behandelt
+wie einer, der nicht da ist oder den man nicht sieht. Er sah in dunkle
+Nebenkammern, wie man wohl auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren
+verfolgt: auch dort hatte das heimische Laster seine Spuren selbst in
+die Finsternis gegraben. Er sah in andern Stuben junge Männer lungern
+und sich erhitzen um einen Kuß, von dem sie vergessen wollten, wie feil
+er war und wie jedem er gewährt worden war. Er sah Spielkarten fliegen
+und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen, Pfropfen knallen,
+Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen, wie mancher seine Ohren
+verschloß gegen Stimmen, die er nicht hören wollte, nie hören durfte,
+ohne den Verstand zu verlieren. Er erblickte die Kammern dieser Frauen
+und Mädchen, die von einem überhäuften und unsinnigen Pomp starrten,
+worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen, worin ein
+rotes oder grünes Licht eine künstliche Schwülnis hervorbrachte und
+selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Absichtsvolles und
+Dekoratives verlieh, gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der
+poetischen Verführung, das die Bewohnerin in seinem matten Schein
+ersinnt und dem sentimental gewordenen Besucher verabreicht. Er sah die
+verschnörkelten, steilen Treppen, auf denen die Mädchen hinauf- und
+hinabeilten und dabei berechneten, wie viel sie noch verdienen müßten,
+um sich bezahlt zu machen dafür, daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich
+mästen durften, ohne daß man mehr von ihnen verlangte, als daß sie
+lachten, lachten, immer lachten. Mochten sie fett oder mager sein, blond
+oder schwarz, alt oder jung, sie hatten keine Aufgabe, als die, zu
+lachen. Und jedes neue Läuten der Portalglocke brachte einen neuen Gast
+in diese besuchteste Krämerei der Stadt: Junge Leute, die mit zitternden
+Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen, um zu
+warten, was man mit ihnen beginnen würde; schiefe Greise, die hier einen
+letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren; Männer,
+von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben, Knaben sogar mit den
+erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen, die sie
+wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen, junge
+Bräutigame, die hier ein Mittel fanden, die ideale Schwärmerei des
+Brautstandes zu überdauern, geachtete Bürger, die liebenswürdige und
+gute Frauen besaßen, Lehrer, Beamte, Studenten, Handwerker ... Wie um
+Erbarmen flehend, suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und
+diese antworteten: ‚Hier giebt es kein Erbarmen; wer hier eintritt, für
+den ist keine Hoffnung. So ist unsre Welt.‘ Und er tändelte weiter mit
+den Mädchen, während Agathon Ruhe, Kraft und Besinnung verlor und Bild
+auf Bild in stummer Reihenfolge ihn bedrängte. Oft war es auch ein
+leidendes Gesicht, das er gewahrte, das mit hineingerissen wurde in den
+Strudel und versank. Erschüttert wollte Agathon fliehen, doch schon war
+Gudstikker neben ihm, der ihn führte, – durch die menschenleeren Gassen
+der Stadt.
+
+Warum, warum ist das alles? fragte Agathon flüsternd. Aber nichts gab
+ihm Antwort, während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn
+wirkte. Und er sah durch die Mauern der Häuser, armer und reicher
+Häuser, und er hatte auch deutliche Hallucinationen, die wie Angstrufe
+waren, Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft, eines Staates, der
+wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt, um unrettbar in den
+Abgrund zu tauchen. Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen, das
+lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt, und um jenen
+öffentlichen Anstand zu wahren, der noch die letzte Klammer der
+berstenden Wände bildet. Er sah, daß jedes Haus eine Wunde hatte, die
+unheilbar war; daß jede Thüre eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen
+Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; daß jedes Glas
+eines jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel
+begangen worden wären; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief,
+daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines
+begangenen Frevels getrübt wurden, daß die Bereitwilligkeit, sich zu
+verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer war, als in jenen
+öffentlichen; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens
+verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt;
+daß die Prostitution bei Tag und Nacht, jahraus, jahrein durch die
+Gassen geht und harmlos scherzend Gift sät; daß die Kaserne und das
+Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das Wirtshaus, das
+Theater und die Schule von _einem_ Schmerz gepeinigt, von _einer_ Lüge
+erhalten, von _einer_ Hoffnung betrogen werden. Und Agathon sah das Ziel
+in der Ferne zerstäuben zu nichts, die Fackel, die seinen Weg
+erleuchtet, langsam vergehen und erkannte, daß er gegen die gigantische
+Masse des Elends nichts war als ein Kind, das mit seinen Händchen
+Gebirge abtragen will. Und Jude oder Christ, was bedeutete ihm das noch
+gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf, der hier zwischen
+schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ hatten in gleicher
+Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es stand
+und ihre ergraute, blinde, lahme und taube Moral, halbverreckt an
+Altersschwäche, konnte nicht den Tod finden, wenn man ihr Leben in
+angestrengtem Bemühen durch Kunstmittel verlängerte.
+
+„Gute Nacht, Bester,“ sagte Gudstikker jovial, als sie vor seinem Haus
+standen. „Ich denke, meine Dienste haben Ihnen gut gethan. Die Welt ist
+viel größer, als Sie glauben. Setzen Sie sich auseinander mit ihr, gute
+Nacht.“
+
+Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb, als er sich allein
+sah, lange Zeit an derselben Stelle stehen. Mit dem Verschwinden
+Gudstikkers waren alle diese Bilder und Gesichte vorbei, förmlich
+schwarz gemacht durch die Nacht. Er hatte kein Bett, keinen
+Zufluchtsort, begehrte keinen Zufluchtsort, begehrte keine Ruhe.
+Betrunkene taumelten an ihm vorbei, betrunkene Männer und ganz junge
+Leute, gröhlend oder still, begeistert oder trübsinnig. Alles was noch
+lebendig war auf den Straßen, wurde durch diesen Geist der Besoffenheit
+bewegt, der einen übelriechenden Dunst erzeugte. Dieser Geruch wird auch
+morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren
+unmutig machen; er wird diese Frau, die schlaflos an dem Lager ihrer
+Kinder brütet, den Mann und die Liebe verachten lassen und wird das Bild
+einer morschen Indolenz bis zur Greifbarkeit verdeutlichen, alle Gefühle
+der Anmut und Frische zerstören, jede Vereinigung von Kräften
+unterwühlen.
+
+Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt.
+
+Vielleicht gab es noch eines, was ihn aufrichten konnte. Die Gestalt
+Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit, von einem
+übertriebenen Nimbus verklärt. Agathon blickte auf sie hin, wie auf eine
+tröstende Gestalt. Ehe er es überlegte, befand er sich schon vor dem
+Haus, in dem der Lehrer wohnte. Da das Thor bei der späten Stunde schon
+geschlossen war, ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten
+Steinfließen nieder, umschloß die Kniee mit den Armen und wartete. Er
+wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit. Im dritten
+Stock, wo Bojesen wohnte, öffnete sich bisweilen ein Fenster. Das
+Vorbeidefilieren der Betrunkenen minderte sich. Die Uhren schlugen eins,
+zwei, schlugen drei. Die Finsternis der Gasse schien klebriger zu
+werden, körperlicher. Und Agathon saß und wartete auf Bojesen wie auf
+eine Lichtgestalt. Wenn es Morgen war, würde man das Thor öffnen, und
+Agathon konnte dann zu ihm gehen. Was er dort wollte, daran dachte er
+kaum.
+
+Aber war dies nun nicht Bojesen, der vor ihm stand? Diese etwas
+zusammengekrümmte Figur, die den Hut schief auf dem Kopf sitzen, die
+Hände tief in den Taschen vergraben hatte? Waren das nicht Bojesens
+Züge? Agathon mußte unwillkürlich lächeln, daß dies seltsam schiefe Bild
+eines Menschen, diese schwankende Nachtgestalt eine solche Ähnlichkeit
+aufwies. Aber warum starrte nun dieser Schein-Bojesen so? suchte in
+seinen Taschen nach Schlüsseln –? brummte, als er sie nicht fand –?
+
+Es erwies sich, daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem
+falschen Bojesen und Bojesen, der Lichtgestalt. Und schließlich erhob
+Agathon in einem stechenden Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu
+einem Schrei, den seine Kehle ihm nicht bewilligte. Dann fuhr Bojesen,
+der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können, zurück und
+lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl. „Ich – suchte – Sie – sch–
+schon – l– lange genug – Ag– Agathon,“ sagte er.
+
+Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin.
+
+Bojesen zog den Brief aus seiner Brusttasche mit einer völlig
+mechanischen Bewegung. „Da lesen Sie ihn gleich,“ sagte er und war
+plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache. „Sagen Sie mir, was es ist.
+Sagen Sie es mir. Ich vergehe sonst. Ja, ja, ich liebe dieses Weib, kann
+mich nicht losreißen, verbrenne mir das Herz dabei, verliere mein
+Seelenheil, mein Geistesheil, alles, alles. Ich bin hin, eine Null, ein
+hohler Stamm, ein mürbes Blatt, ausgeblasen, bankrott. Was weichen Sie
+zurück vor mir? Agathon, haben Sie Mitleid! Oder sind Sie die Tugend
+selbst, daß Sie mich verachten dürfen? Was weichen Sie zurück mit diesen
+entsetzten Augen?“
+
+Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch, der von Bojesen auf ihn
+einströmte. Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet, mit überstürzten
+Sätzen, purzelnden Worten und grotesken Armbewegungen.
+
+„Nein, nein, ich bin nicht betrunken,“ fuhr er fort, als fühle er
+plötzlich den Grund; „nur ein paar Gläser Grog, das ist alles für einen
+Bankrotteur. Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde heiser,
+sein Gang schwerfälliger) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund – –“
+
+Da wandte sich Agathon, nachdem er den Brief an sich genommen und ging
+fort, so schnell er immer konnte. Und hinter sich hörte er den
+verzweifelten, gleichsam ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen:
+Agathon! Agathon! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß
+neben sich dumpf rauschen hörte, vernahm er es immer noch, dies:
+Agathon, als ob es aus dem Bett des Stromes käme.
+
+Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr. Und viele Bauten, die
+unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgethan hatten, schlossen
+diese Pforten von selbst wieder. Über der schier mit Händen zugreifenden
+Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt, ein brennendes Land.
+Erst brannte es sichtbar, lichterloh, dann war das Feuer unterirdisch
+und man hörte keinen Hilferuf.
+
+Er kam an die Stelle, wo die Neubauten waren. Das Haus, in dem damals
+der Trockenofen gebrannt, war schon bewohnt. Aber daneben war noch ein
+anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und
+verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der
+Umgebung. Nach einiger Mühe gelang es Agathon, sich durch das
+verrammelte Thor zu zwängen. Er legte sich vor den Ofen und bemerkte,
+daß seine Kniee vor Kälte schlotterten. Doch er empfand es kaum. Sein
+überaus bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheuren
+Bewegung seines Innern.
+
+Schließlich, Stunden mochten verronnen sein, und die Hähne begannen
+schon zu krähen, erinnerte er sich des Briefes. Er sah ihn an und
+erkannte Jeanettens Schriftzüge. Er riß ihn auf, und eine Banknote fiel
+heraus. Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden
+Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte: Komme
+sogleich hierher.
+
+
+ Achtzehntes Kapitel
+
+Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem öden Bahnhof und
+erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein
+Viertel nach acht Uhr saß er in einem Coupé, sah sich durch die Ebenen
+Frankens rasen, über denen ein lichter und milder Nebel lag, sah Flüsse
+unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die
+flüchtige Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern
+festzuhalten, die sich ängstlich an sanftansteigende Höhen klammerten,
+von Städten, die erst aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles
+sei vorher gar nicht dagewesen, sondern sei um dieses Tages willen
+eigens für ihn gemacht. Dann kamen die Mittelgebirgsländer mit der
+idyllischen Ruhe dicht zusammenliegender Marktflecken, mit alten
+Steinbrüchen, tiefen Thälern, kahlen Hügelketten, vergoldet von der
+Morgensonne, die sich gleichsam schlaftrunken aus umlagernden Wolken
+löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine weite, endlose,
+dürre Ebene, über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich
+jagenden Bildern wie in einem Scheindasein.
+
+In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Straße, die ihm
+Jeanette angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne
+Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das
+Haus. Eine sehr alte Frau öffnete ihm. Auf sein Fragen wies sie ihn ohne
+weiteres in ein längliches, etwas dumpfes und schwüles Zimmer. Sie wisse
+schon, sagte sie in karger, mißtrauischer Weise; er möge warten.
+
+So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und
+blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen,
+wie er hierhergelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen
+erloschen, seine Haltung zeugte von einem mühselig sich verkriechenden
+Schmerz. So war alles um ihn her eine mehr oder minder leblose
+Täuschung.
+
+Plötzlich ging die Thür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf einen Shawl,
+den sie über den Schultern gehabt, achtlos in eine Ecke. Sie schien
+gänzlich außer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem
+Feuer erfüllt. Sie hatte Agathon kaum begrüßt, als sie auf den nächsten
+Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte.
+
+„Warum bist du nicht früher gekommen, Agathon?“ murmelte sie nach einer
+Weile. „Ich habe dich erwartet. Doch, es war vielleicht besser. Gestern
+hättest du mich doch nicht hier in der Stadtwohnung getroffen.“
+
+Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm
+empor. Seine Berührung schien sie zu trösten, auch das Beruhigende,
+Klärende, Wärmende seines Blicks. Sie drückte ihm die Hand, und Agathon
+dachte, daß sie sehr verändert sei. „Ich glaubte, ich hätte den Verstand
+verloren,“ sagte sie und strich sich über die Stirn. „Setz dich zu mir,
+Agathon, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut ist es, daß du da
+bist und ich zu dir reden kann!“
+
+Und sie erzählte.
+
+Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen
+Schlösser gebracht worden, in dem sich der König gerade aufhielt. Es war
+ein unerhörter Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing, aber ihre
+Erregung hatte den Blick dafür gänzlich verschleiert. Sie mußte ihre
+Kleider entfernen und in einem seltsamen Phantasiegewand vor dem König
+erscheinen. Sie hatte den Eindruck, als verfolge man mit ihrer Person
+irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der doch seit Jahren sich von
+allen Frauen ferngehalten. Er verachtete und geringschätzte die Frauen
+und war hart und brutal gegen sie. Sie sah also den König. Jene ganze
+Leidenschaft, deren Gefäß sie von da ab war, erfüllte sie sogleich bei
+jenem ersten Anblick. Er war von ziemlich fetter, aber zugleich
+riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so breit und mächtig, daß
+sie für jeden, über den sie sich beugten etwas Zermalmendes hatten. Sein
+Gesicht war außergewöhnlich bleich, sein Haar glanzlos, tiefschwarz und
+es stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch alles das wurde in
+Wahrheit belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren
+sie von einem hinreißenden Ausdruck, von einem lodernden Feuer erfüllt.
+Es schien, daß ihnen keine Qual erspart geblieben, daß sie keine
+Schönheit unwiderstrahlt gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in
+sie zu schauen. Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers. In
+seinem Wesen war wenig von Majestät. Ruhelosigkeit, die Angst des
+Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit beherrschten ihn.
+
+„Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,“ fuhr Jeanette fort.
+„Das ganze Schloß, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in
+Bewegung, in Hast, in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in einer
+mit sechs Pferden bespannten Karosse in die Residenz und Vorreiter mit
+Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es, die Bahn zu benutzen. Es
+ist alles von einer bestrickenden Pracht, was er unternimmt. Am Morgen,
+ich hatte nicht schlafen können, sondern war am Fenster gelegen und
+hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die Unruhe, die
+ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn, wie
+sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als er den Wagen
+verließ. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er
+zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich
+glaube, sie wußten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der
+Adjutant, der sein Freund und Vertrauter war, zu ihm, und ließ mich mit
+ihm allein.“
+
+Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme
+wieder. „Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon,
+und wenn ich so alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in
+den Saal, der von Licht und Gold strahlte, wußte ich, daß meine Seele
+diesem Mann unwiderruflich angehöre, und ich küßte in Gedanken die
+geheimnisvolle Hand des Schicksals, das mich zu ihm geführt. Wundere
+dich nicht über meine Worte, Agathon, aber sie sind mir im Augenblick
+die natürlichsten Worte von der Welt. Ich wußte, daß ich für ihn sterben
+könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts
+bedeute gegenüber dem Glück, seine Magd zu sein. „„Wer hat dich
+hereingelassen?““ fragte er mich. Ich fand keine Antwort. Meine Zunge
+gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich am ganzen
+Körper. „„Du bist Tänzerin?““ – ‚Ja, Majestät.‘ – „„Dann tanze.““ Er
+stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik
+ertönte, ebenso zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht
+war. Es war, wie wenn ein ganzer Wald mit allen seinen Mysterien sich in
+die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt. Du lachst
+vielleicht darüber, aber ich habe dergleichen noch nicht gehört. Ich
+tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mein Bewußtsein verloren
+hätte und ganz leblos hinschwebte, aber dann ging eine außerordentliche
+Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr
+die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand in
+der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, daß alles was
+Nerv und Bewegung heißt, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht.
+Das Höhnische, Verächtliche, Finstere verschwand von seinem Gesicht;
+zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten
+schmerzlich verloren in die weite Ferne. Als die Musik schwieg, stand er
+auf und reichte mir die Hand, die ich küßte. „„Wer bist du?““ fragte er.
+‚Alles was Majestät aus mir machen will,‘ erwiderte ich. Er zuckte
+zusammen. „„Majestät, Majestät,““ murmelte er. „„Bald nicht mehr
+Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Thor, bettelnder Hund. Majestät!
+Jedes Glied einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort
+beschmutzt, jede That bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab’ ich
+dem Volk vertraut. Aber jetzt weiß ich etwas anderes; die Seele des
+Volkes ist so tief, daß man sie auf den Knieen suchen muß. Ich habe mir
+den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die
+du um dich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen.
+Um Land und Volk und um den Freund bin ich betrogen worden und dazu muß
+ich schweigen. Und dazu darf ich nicht einmal Frieden haben in der
+Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich
+ahnungslos Majestät. Was ist Majestät heute, daß sie sich beugen muß vor
+einem Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger
+und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt?
+Eine schöne Majestät, die sich der Kirche opfern soll und keine Hand
+rühren darf ohne den Pfaffen. Wäre ich doch jung gestorben, damals als
+ich noch glaubte, König zu sein, ein Volk zu besitzen. Wäre ich doch
+gestorben! Geh’ fort, Weib, verlasse mich.““ Das waren seine Worte,
+Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham.
+Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so
+heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht
+mehr sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.
+
+„Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum
+benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen
+Gesichtern, auch einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen.
+Es war die Deputation des Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten
+den König ‚zur Vernunft‘ bringen, Agathon. Bald darauf geschah etwas
+Schreckliches. Der Adjutant erhielt den Befehl, niemand vorzulassen und
+stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügelthür. Er verweigerte der
+Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen und lauten Hin- und
+Herreden erschien der König unter der Thüre. Er hatte die Schloßwache
+und alle Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, daß der Ausdruck
+seines Gesichts so schrecklich gewesen sei, daß niemand mehr zu atmen,
+geschweige denn zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl
+der König den Soldaten, die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen
+auszustechen. „„Noch bin ich der König!““ rief er aus und erhob die
+Hand. Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die
+Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht,
+zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr mächtig. Er lief auf und
+ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte die Fäuste,
+rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der
+Seitengemächer zu führen. Aber der König ließ die drei Saalthüren
+versperren und ließ vor jeder Thüre zwei Posten mit aufgepflanztem
+Bajonett patrouillieren. Die Deputierten schwebten in Todesangst.
+
+„Nun verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß irgend etwas sich ereignete.
+Man sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Das war
+vorgestern. Gestern nun kam eine berittene militärische Abteilung mit
+einem Oberst, der in Paradeuniform war. Er hatte ein Dekret, das ihm
+Zugang zum König verschaffen mußte. Ein Arzt begleitete ihn. Die
+Abgesandten wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den
+Wagen, und in Begleitung der Berittenen wurde er fortgebracht. Sie haben
+ihn als gefangen erklärt. Alle Diener weinten. So ist es zugegangen,
+Agathon, das ist heilige Wahrheit. Das Volk in der ganzen Stadt ist
+erregt, hast du es nicht bemerkt? Noch ärger ist es bei den Bauern
+draußen. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen bin, ich habe mich
+verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was ich thun soll,
+mein Hirn ist wie zerfressen. Denke dir, dieser hohe Mann ist oft bei
+einer einfachen Bäuerin da draußen gewesen und hat gefragt, was er thun
+solle. Ich habe einen furchtbaren Schmerz in mir, daß dieser Mann
+verbluten muß. Er war für die Freude geboren.“
+
+Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen
+Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand
+er und seine Gestalt schwankte. Er sah den König vor sich stehen und
+erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen, außer auf schlechten
+Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht dazu. Jeanette stürzte
+auf ihn zu, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick und wie durch ein
+wunderbares Zeichen verstand sie alles. „Er ist tot“, schrie sie
+entsetzt auf und fiel bewußtlos zu Boden.
+
+Agathon faßte sich, seufzte tief auf, rief die Aufwärterin und ging, als
+er sah, daß keine Gefahr vorhanden war. In der That gewahrte er jetzt
+die nervöse Unruhe, von der die Bevölkerung ergriffen war. Überall
+standen Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Die Gendarmerie war
+verstärkt worden. Vor den Zeitungsredaktionen standen Hunderte spähend
+und wartend und achteten nicht den Regen, der sie durchnäßte. Viele
+Tausende von Menschen standen dichtgedrängt vor der Residenz und keiner
+von ihnen wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz.
+Dabei wußten alle, daß der König gar nicht in der Stadt war, sondern in
+einem kleinen Lustschloß an einem nahgelegenen See. Die Behörde hatte
+bekannt gemacht, der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen,
+da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt
+habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr bald alles, und ein
+wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm. Er ließ sich von
+Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte
+sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu
+sich genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die
+Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das
+Gefühl, als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen, als jede
+Dampfmaschine es vermocht hätte. Außerhalb der Stadt fragte er noch
+Handwerksburschen oder Bauern nach der Wegrichtung und erschrak nicht
+vor der Nachricht, daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien, obgleich
+die Nacht schon angebrochen war. In diesen Stunden fühlte Agathon eine
+göttliche Macht in sich; das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu
+Bewußtsein, er wurde nicht müde. Die Kraft und Einsicht der Besten im
+Lande war zusammengeflossen in ihm, und es giebt keinen Vergleich für
+die Glut seiner Sehnsucht in dieser Stunde. An der Grenze alles Denkens
+und aller Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle,
+dumpfe, doch gewaltige Regungen. Sein eigner Ruf: ‚Laßt sie verbrennen,
+die Kirche‘ lag wie ein Erlösungswort in seinem Ohr, klang in seiner
+Seele wider. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König
+befreien; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle,
+die sich ihm nahten, von _einem_ Trieb entflammen zu lassen.
+
+Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein
+Licht. Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich.
+Der Regen plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und
+Wälder, und kaum vermochten sich die Höhenzüge gegen den Himmel
+abzuheben. Oft gelangte Agathon an einen Kreuzweg, aber kühn und
+unbesorgt schritt er weiter. Er wußte, daß er nicht fehlgehen würde.
+Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft ein geheimnisvolles
+Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn ablenken oder
+ängstigen.
+
+Endlich tauchte in der Tiefe ein, freilich oft unterbrochener, Kranz von
+Lichtern auf: die Seeufer. Agathons Augen wurden naß vor Freude. In
+kurzer Zeit war er im Thal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er
+betrat, waren in Bewegung. In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat
+die nächste Schenke, die fast einer Höhle glich, die gestopft voll war
+von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar
+Kinder auf der Straße standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der
+sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches,
+der aus Pfeifen quoll, der gleichsam von der Zeit gerösteten Bilder und
+Wände, fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer
+schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich seine Haut löste. Dabei
+glaubte er fortwährend zu sinken, zu fallen, durch zahllose
+Wiederholungen desselben Raumes.
+
+Die Bauern wurden aufmerksam. Sein Gesicht von geradezu phantastischer
+Blässe übte auf sie den Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um
+ihn her, und einige, die frech oder höhnisch gelächelt hatten, lächelten
+nicht mehr, als Agathon zu sprechen begann. Seine hohle und erschöpfte
+Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum, sie hatte etwas
+Klingendes, Messerscharfes, unmittelbar Überzeugendes. Seine Rede schien
+von einem unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er
+blieb so bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war ein
+Sturm sich überstürzender Worte, es war der Schmerz und der Zorn des
+Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen
+schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist
+nicht, aber dessen Herz wahnsinnig war.
+
+Die Wirkung von Agathons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum
+glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien,
+tobten, stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher,
+zerbrachen Gläser und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern,
+daß sein Kopf an die Decke stieß, schlugen den Wirt nieder, der sie
+besänftigen wollte, und in kurzer Zeit hatte sich dieser Zustand eines
+tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet. Ein alter Bauer,
+dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte beständig, eine Art
+Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die jungen Leute
+um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren.
+Agathon saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war
+verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er
+starrte hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem
+spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten.
+Er sah auch Lichter, die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt
+huschten wie Fackeln, die man hin und her trägt. Da erschallten im
+Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich wiederholten und
+fortpflanzten und an Stärke zunahmen. „Der König ist tot!“ gellte
+plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon saß. „Er ist
+ertrunken!“ schrie eine andere, und „Im See ertrunken!“ eine dritte
+Stimme. „Er hat sich hineingestürzt!“ – „Nein, nein, nicht wahr!“ Und
+vieler solcher Rufe. Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein
+Stock zu Boden.
+
+Der angebrochene Morgen sah nun das Landvolk in hellen Scharen gegen das
+königliche Lustschlößchen ziehen, und man erfuhr, daß die Leiche des
+Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen
+Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen
+am Seeufer und vor dem Schloßpark. Viele schrien um Einlaß, und als
+niemand erschien, erbrachen sie das Thor. Eine beispiellose Erregung
+hatte alle Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln, Schaufeln und Hacken
+organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu ziehen und
+die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten ganze Regimenter Infanterie
+aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter Kerl,
+der sich auf eine unerklärliche Weise den Wortlaut einer „Proklamation
+an mein Volk“ verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war,
+lief damit von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus
+ins andere, und wurde nicht müde, sie aus der Kopie immer wieder in
+einer schlichten und rührenden Weise vorzulesen und jedem, der sie
+hörte, gleichviel ob Mann oder Weib, stürzten dabei die Thränen aus den
+Augen. Denn diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was
+jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist
+unbekannt geblieben, und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu
+wünschen. Ihre Sprache war einfach und klar, jedes Wort ein tiefes
+Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer bitteren Ruhe
+diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals
+ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die
+Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Thron
+entstanden war.
+
+In der Stadt war aller Verkehr, waren alle Beziehungen der Gewerbe und
+des Handels ertötet. Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken,
+alle waren geschlossen. Trauerfahnen wehten, vierundzwanzig Stunden lang
+tönten ununterbrochen die Glocken in einem dumpfen und niederdrückenden
+Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und
+Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer
+schämten sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich
+nicht mehr öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war,
+dessen Stolz bis zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof
+gefürchtet war, er genoß die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem
+Maß. Selten wohl war ein ganzes Land von einem Gefühl solcher Trauer
+durchbebt wie in jenen Tagen.
+
+Agathon ging durch die Straßen der Stadt, einsam und verlassen. Er
+fühlte sich krank und wund. Er mochte nicht zu Jeanette gehen, weil er
+Furcht davor hatte, reden zu müssen. Es war etwas so Vergebliches für
+ihn, jetzt noch zu leben. Er sah lauter trauernde Menschen um sich und
+seine früheren Wünsche waren erstickt.
+
+Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen
+stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile
+blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder saßen darin und
+spielten, drei schöne Kinder mit frischroten Wangen. Sie spielten ein
+gewöhnliches Spiel und waren ganz allein. Aber wie sie sich dabei
+benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren, wie
+ihre Augen glänzten, wie sie mit einander und mit sich selbst zufrieden
+und befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig
+unterschied von allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so
+Warmes, Gutes, Befreiendes, es stand in so grellem Gegensatz zu der
+Stimmung auf der Straße, daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart
+berührte.
+
+Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern
+wie unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg
+fort.
+
+
+ Neunzehntes Kapitel
+
+Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün
+auf den Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den
+Bäumen des Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden
+Himmel ziehen und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken!
+
+„Ich wußte wohl, daß der kleine Sema dem Tod entgegenging,“ sagte
+Agathon zu Monika, als sie vom Vestnerwald gegen das Dorf zuschritten.
+„Oder ich fühlte es vielleicht nur. Aber vielleicht ist er doch noch zu
+retten. Die Leute sind nur so schrecklich arm.“
+
+„Aber _warum_ fühltest du es denn?“ fragte Monika, die stets ein wenig
+neugierig war.
+
+„Ach, er ist heimatlos. Seine Seele ist deshalb zerrissen. Er hat nichts
+Biegsames in sich. Alles bricht bei der ersten Berührung. Und er ist so
+alt. Er hat Jahrtausende gelebt. Solche Kinder giebt es viele bei uns
+Juden.“
+
+Dann schwiegen sie lange Zeit. Plötzlich an einer einsamen Stelle beim
+kleinen Pulvermagazin, blieb Monika stehen, umarmte Agathon mit einer
+leidenschaftlichen Bewegung und stammelte: „Wie dank’ ich dir, daß du
+mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Alles, was
+ich bin, gehört dir. Du hast es nicht geachtet, daß ich gesündigt habe,
+du bist groß, Agathon, und schön, das weiß nur ich.“
+
+„Es ist kein Zufall, daß alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine
+Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern
+du gehst vor der Zeit einher.“
+
+„Und was willst du thun jetzt, Agathon?“
+
+„Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich
+wird es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.“
+
+„Warten, Agathon? Worauf?“
+
+Agathon schüttelte lächelnd den Kopf.
+
+Und als es Abend war, standen sie in Frau Olifats Garten und bewunderten
+die farbigen Gluten des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und
+wiegte ihr Kind im Arm. Esther saß singend mit Mirjam vor dem Thor, Frau
+Olifat und Frau Jette unterhielten sich auf einer morschen Gartenbank
+nahe der Laube, und sie sprachen insbesondere davon, daß die kleine
+Käthe Estrich ins Kloster gegangen sei und den Schleier genommen habe.
+Darüber konnten die beiden Frauen kaum zur Ruhe kommen.
+
+Die Vögel sangen, eine Amsel schlug und ein Zeisig lockte. Das schrille
+Geschrei spielender Kinder drang aus dem Dorf. In der gläsernen Burg
+sangen die Zecher wieder und Mirjam erklärte der Freundin wichtig, daß
+es das Lied: ‚spinn’ spinne, Töchterlein‘ sei.
+
+Monika blickte hinauf in die Äste des Baumes, wo die Äpfel hingen,
+seltsam vergoldet vom Rot der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und
+sagte begehrlich: „Ich möchte so gern einen haben, Agathon, einen Apfel
+von da droben.“
+
+„Du mußt warten, Monika.“
+
+„Immer warten! Worauf denn?“
+
+„Sie sind noch nicht reif, Liebste.“
+
+„Das dauert aber noch so lange ...“
+
+„O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Laß sie erst reif
+sein, Monika.“
+
+Und Agathon küßte die junge Mutter auf die Stirn.
+
+
+ Ende.
+
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
+
+
+
+
+ Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.
+
+ Jakob Wassermann
+
+ Melusine
+
+ Ein Liebesroman
+
+ Preis 2 Mark 50 Pf.
+
+ Der Liebesroman von _Jakob Wassermann_ „_Melusine_“ ist ein
+ schweres und trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an
+ fühlt man sich seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt
+ bereits das Ende der Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man
+ merkt schon an dem Ton, an der Vortragsart des Verfassers, daß er
+ uns Verhältnisse schildert, aus denen es kein Entrinnen giebt,
+ bange, zerrüttete, trostlose Verhältnisse, in denen die
+ Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich weinen, ohne etwas
+ ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft scheues und
+ schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und einem
+ bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend,
+ die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos,
+ von ihrem Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine
+ Geliebte ist. Sie haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal
+ mit ihm gebrochen, aber sie ist arm und hilflos und so muß sie
+ sich von ihm brutalisieren lassen. In der Familienpension lernt
+ sie einen jungen Studenten kennen, und ein leidenschaftliches
+ Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den beiden. Aber das
+ Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit Ekel vor
+ der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die
+ Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so
+ entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch
+ dem Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch
+ dessen nicht. Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor
+ unserer Seele. Eine große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz
+ in Moll klingt und das ein eigenartiges und dichterisches genannt
+ werden darf.
+
+ (Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)
+
+
+
+
+ Kleine Bibliothek Langen.
+
+ Band I
+
+ Jakob Wassermann, Schläfst Du Mutter?
+
+ „Schläfst Du Mutter?“ ist die rührende Geschichte eines Knaben.
+ Ohne Sentimentalität und ohne gesuchte Naivität vorgetragen,
+ bringt die Novelle eine Reihe feiner Seelenmalereien aus dem
+ Leben des Kindes, bis es gleichsam aufwachend in die Wirklichkeit
+ hineinsieht. Es träumt von der Zeit, wo es kein Träumer mehr sein
+ wird. Aufgerüttelt von den dunklen Mächten der Natur steht der
+ Knabe am Totenbett der Mutter und weiß nicht, was das ist: tot
+ sein.
+
+ Band II
+
+ Marcel Prévost, Julchens Heirat
+
+ „Julchens Heirat“ enthält die Gedanken und Betrachtungen einer
+ kleinen Pariserin beim Herannahen ihrer Hochzeit und die
+ Erfahrungen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe macht. Es ist
+ durchaus kein naives Buch, aber geistreich und graziös. Man muß
+ bei diesem Buch in _Prévost_ wieder den Meister der feinen Form
+ bewundern.
+
+ Band III
+
+ Amalie Skram, Verraten
+
+ „Verraten“ ist die Geschichte von einem jungen Mädchen, das nach
+ altem Muster, in Unkenntnis mit den natürlichsten Dingen,
+ erzogen, an einen braven und lebensfrohen Schiffskapitän
+ verheiratet wird. Das Resultat ist eine unglückliche Ehe, indem
+ die junge Frau, in der Überzeugung ihrer eigenen Vortrefflichkeit
+ und der Schlechtigkeit ihres Mannes, diesem, der sie aufrichtig
+ liebt, das Leben so traurig macht, daß er sich zuletzt aus
+ Verzweiflung in die Wellen stürzt.
+
+ _Björnstjerne Björnson_ schreibt über dieses Buch: „_Verraten_“
+ ist an psychologischer Tiefe und Macht der Darstellung ein
+ Meisterwerk, das uns den Eindruck hinterläßt, als wären wir
+ draußen auf dem Meere, als schauten wir in die Wassertiefe hinab
+ und als leuchtete uns daraus ein Paar großer Augen entgegen. Den
+ Kopf kann man nicht erkennen, aber man sieht, wie die Augen sich
+ öffnen und schließen ... kalt wie das Meer.
+
+ Band IV
+
+ Heinrich Mann, Das Wunderbare u. a. Novellen.
+
+ Der Verfasser dieser Erzählungen ist seit Jahren ein häufiger
+ Gast in unseren besten illustrierten Blättern, hier tritt er zum
+ ersten Male mit einem gesammelten Werk vor das Publikum. Die
+ wunderlichen Ereignisse und die eigentümlichen Menschen, die er
+ mit Vorliebe schildert, bedeuten für ihn nicht allein Mittel, um
+ seine Leser zu unterhalten, er wählt sie auch, weil die stark
+ bewegten Schicksale ihn am tiefsten in die geheimnisvolle Welt
+ blicken lassen, die hinter dem zufälligen Leben der Menschen
+ liegt: die Natur.
+
+ Band V
+
+ Guy de Maupassant, Pariser Abenteuer.
+
+ _Maupassant_ ist als Dichter wohl auch in Deutschland zu bekannt,
+ als daß er besonderer Empfehlungen bedürfte. Die Genialität, die
+ ihn stets gleichsam den seelischen Kern einer Handlung finden
+ läßt, die spielende Anmut, womit er oft selbst das bitterste
+ sagt, setzen stets aufs neue, auch bei diesen Novellen, in
+ Erstaunen.
+
+ Band VI
+
+ Hermann Bang, Fräulein Caja.
+
+ Mit einer zauberhaften Kunst vermag es der Verfasser, die grauen
+ und alltäglichen Menschen, von denen er uns erzählt, in das
+ schärfste Licht hervor zu heben. Der Blick des Lesers wird
+ unaufhörlich gefesselt von den dargestellten Einzelheiten, die er
+ alle aus eigenen Beobachtungen wiedererkennt, und die sich hier
+ zu ergreifenden Menschenschilderungen und tief wirkenden
+ Interieurs vereinigen. Mit Recht gilt Hermann Bang für den
+ eigentümlichsten und bedeutendsten Erzähler Skandinaviens.
+
+ Jeder Band ist mit einem künstlerischen Titelbild versehen
+ und kostet elegant broschiert 1 Mark, gebunden in Leder
+ 2 Mark.
+
+
+
+
+ Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München.
+
+
+ SIMPLICISSIMUS
+
+ ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT
+
+ Preis 10 Pf.
+
+ Albert Langen’s Verlag. München.
+
+ Abonnement vierteljährlich 1.25 Mk.
+
+
+ I. Jahrgang
+
+ (1896-97) elegant gebunden 7.50 Mk.
+
+
+ Hesse & Becker, Leipzig
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 3]:
+ ... friedliche fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht ...
+ ... friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht ...
+
+ [S. 46]:
+ ... Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt dem ...
+ ... Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt, dem ...
+
+ [S. 117]:
+ ... Während Frau Jette einen Scherz erzählte, dem ...
+ ... Während Frau Jette einen Scherz erzählte, den ...
+
+ [S. 194]:
+ ... Augen rings um. Der Raum lehrte sich; die Kellner ...
+ ... Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner ...
+
+ [S. 198]:
+ ... Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte ...
+ ... Fanfarenhaftes, ihm so zu lauschen?“ Sie lachte, ...
+
+ [S. 201]:
+ ... die Gassen näßte und emporstieg und stieg zum ...
+ ... die Gassen näßte und emporstieg zum ...
+
+ [S. 201]:
+ ... Bojesen las mit wachsenden Erstaunen, erst kopfschüttelnd, ...
+ ... Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, ...
+
+ [S. 212]:
+ ... war etwas größer, als Bojesen), und sein Gesicht ...
+ ... war etwas größer als Bojesen), und sein Gesicht ...
+
+ [S. 255]:
+ ... Ein langes Schweichen entstand. Plötzlich sagte ...
+ ... Ein langes Schweigen entstand. Plötzlich sagte ...
+
+ [S. 298]:
+ ... „Was meinen Sie damit.“ ...
+ ... „Was meinen Sie damit?“ ...
+
+ [S. 439]:
+ ... Agathon lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde ...
+ ... Agathon, lesen Sie den Brief (seine Stimme wurde ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77490 ***