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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/77380-0.txt b/77380-0.txt new file mode 100644 index 0000000..e8a600e --- /dev/null +++ b/77380-0.txt @@ -0,0 +1,13941 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 *** + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit + wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler + wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. + + Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht korrigiert, sofern diese + jeweils mehrfach im Text vorkommen; dies gilt insbesondere für das + Setzen von Bindestrichen und Leerzeichen. + + Die Fußnoten wurden an den jeweiligen Absatz angefügt. + + Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere + Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + Ludwig Huna, Granada in Flammen + + + + + Ludwig Huna + + Granada in Flammen + + Roman + + Grethlein & Co., Leipzig und Zürich + + + + + Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1927 by Grethlein & Co., Leipzig + + + + + Für dich, + +du meine liebe Frau+, + die mir den Lebensweg verschönt, + die mir geholfen, Freud zu schätzen, + Leid zu tragen, in Liebe und + Dankbarkeit geschrieben + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + Seite + + Erstes Kapitel 7 + + Zweites Kapitel 16 + + Drittes Kapitel 23 + + Viertes Kapitel 33 + + Fünftes Kapitel 42 + + Sechstes Kapitel 51 + + Siebentes Kapitel 57 + + Achtes Kapitel 65 + + Neuntes Kapitel 71 + + Zehntes Kapitel 80 + + Elftes Kapitel 94 + + Zwölftes Kapitel 100 + + Dreizehntes Kapitel 112 + + Vierzehntes Kapitel 120 + + Fünfzehntes Kapitel 131 + + Sechzehntes Kapitel 137 + + Siebzehntes Kapitel 147 + + Achtzehntes Kapitel 154 + + Neunzehntes Kapitel 165 + + Zwanzigstes Kapitel 174 + + Einundzwanzigstes Kapitel 179 + + Zweiundzwanzigstes Kapitel 189 + + Dreiundzwanzigstes Kapitel 201 + + Vierundzwanzigstes Kapitel 212 + + Fünfundzwanzigstes Kapitel 221 + + Sechsundzwanzigstes Kapitel 231 + + Siebenundzwanzigstes Kapitel 251 + + Achtundzwanzigstes Kapitel 258 + + Neunundzwanzigstes Kapitel 271 + + Dreißigstes Kapitel 277 + + Einunddreißigstes Kapitel 282 + + Zweiunddreißigstes Kapitel 288 + + Dreiunddreißigstes Kapitel 299 + + Vierunddreißigstes Kapitel 314 + + Fünfunddreißigstes Kapitel 322 + + Sechsunddreißigstes Kapitel 334 + + Siebenunddreißigstes Kapitel 341 + + Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im + Text selbst nicht erklärt sind 360 + + Winke für die Aussprache der spanischen Wörter 361 + + + + +Erstes Kapitel + + +Über der Felsstarre der Loma de Veleta zittert die Luft unter der +Hochglut der granadinischen Sommersonne. Die Hitze scheint die Felsen +einschmelzen zu wollen. Schweigende Einsamkeit über dem Gestein. +Schwarze Schafe liegen freßfaul auf der Steinhalde. Da und dort der +Zwergwuchs eines Strauches in der Felskahlheit, manchmal ein Höhlenloch +im blendenden Gestein. Der Schatten des Berggeiers huscht über die +Ödflächen, und leise schmachtet der girrende Ruf einer Wildtaube durch +die sommermüde Luft. In der Taltiefe legen die verstaubten Maurengärten +um weißglühende Steinhäuser ihren reichen Schmuck. Aber alles Leben +scheint unter dem Brand der dritten Stunde erstorben. + +Auf einem Stein liegt ein junger Hirte hingestreckt; er spannt +seinen lauernden Blick ins Tal. Eine knorrige Gestalt, wie mit dem +Fels verwachsen, das Gesicht von Sonne und Bergwind gegerbt. Um den +gebräunten Leib liegt der sackartige Burnus, um die Hüfte schließt sich +ein Gurt, in dem Messer und Schleuder stecken. Zu seinen Füßen stürzt +sich der Hang bis in die Tiefe zum Dorf Cañor hinab, das in hellem +Grün gebettet liegt wie alle Dörfer in den Tälern der Alpujarras, dem +Bergland am Südhang der Sierra Nevada. + +Der Hirte äugt durch die Sonnenschräge in die Tiefe nach dem in der +Hitze gelähmten Maurendorf und scheint sich wenig um die Herde zu +kümmern, die ihm sein Herr in Orgiva anvertraut. Er gedenkt besserer +Zeiten, da er noch in Granada Handel trieb, das er verlassen mußte, als +die Christen die Stadt nahmen. Sieben Jahre ist das her. Noch hüten die +Mauren von Granada den alten Gottesglauben, aber die allzu eifrigen +Hüter haben sich vor den Nachstellungen der Christen in die Alpujarras +geflüchtet oder in die fruchtgesegneten Täler des Guadalfeo. Hier +träumen die Sadat, die reichen maurischen Edlen, von der Wiederkehr des +letzten Königs Mohammed Abdallah, genannt Boabdil, der im afrikanischen +Fes seine Sehnsucht nach Granada großzüchtet. Weiß man, was Gott +beschlossen? Werden die christlichen Könige Fernando und Isabella ewig +leben? Auch die armen Hirten in den Bergen, die in den Steinhütten über +den Sommer leben, träumen diesen Freiheitstraum. Aber in Gottes Namen +-- Insch’ allah! So will’s denn getragen sein. + +Von Cañor führt ein Saumpfad bis ins Felsland herauf. Ein Maultier kann +ihn noch bezwingen. Aber es ist in den Hütten nichts zu holen, wo das +Graslager der Hirten, ein Steintisch, eine steinerne Handmühle, ein +Kochtopf, Schafbraten und Fladen das Um und Auf eines Lebens bilden. +Nicht allzu weit glitzert ein Wässerchen, eins der vielen, die von der +Loma in den Barranco, die Talschlucht, hinabstürzen. Und zu sagen wäre +noch, daß der Hirte einen wunderbaren Weitblick bis zur Maurenburg +Salobreña am Meer hätte, wenn nicht die Calina, der bräunliche +Sonnendunst, Meer und Burg verdeckte. Und sein Auge erfreut sich auch +lieber an der Pracht des Schneehauptes des Picacho de Veleta, der auf +dem Untergrund des andalusischen Himmels über grauen Schieferklippen +aufragt. Bis in die blendenden Höhen hinauf klettern die maurischen +Kräutersucher, die Gehilfen der arabischen Ärzte, und hier schlugen +auch die Maurenflüchtlinge, die zum Prophetenglauben übergetretenen +Christen, aufständische Ritter und andere Verfolgte ihre Schlupflöcher +in die Felsen, die die spanischen Kriegsleute fürchteten, da maurische +List ihnen allerlei Fallen stellte. Die Berge waren treu wie das Volk, +das sich ihnen verschrieben. + +Der Hirte Taleb rekelt sich aus der ermüdenden Schau. Gerade über dem +Dorf Cañor taucht ein Bergadler seinen Leib in die goldne Flut. Dorthin +blickt er. + +Da knattert Steinschlag hinter ihm. Von der Bergwand zu seiner Rechten +klettert ein junger Maure herab. Er trägt die graue Leinenjacke und +das Unterkleid, das bis zum Knie die braunen Beine sehen läßt, an +den Füßen die Alpargatas, die hanfnen Schuhe der Bergbewohner. Das +fein gezeichnete Gesicht verrät edle Abkunft, die Augen haben einen +schwermütigen Glanz, das braune Haar hängt etwas verwahrlost über die +kühne Stirn. Auf Rufweite vom Hirten hält er inne im Klettern. „Taleb +-- sie will nicht kommen, Insch’ allah!“ + +„Es ist noch zu heiß zum Aufstieg, Eswer Ben Zerragh. Auch hat mein +Mädchen die Vorsicht des Fuchses. Sie kommt nur, wenn +er+ kommt. +Wenn es nun Gott gefallen hat, die Wege des ehrwürdigen Abu Osmin Atir +al Abdallah anders zu lenken?“ + +Eswer Ben Zerragh legt sich unweit des Hirten in die pralle Sonne und +schweigt. Das goldne Licht flimmert im bewegten Spiel über der Loma. +Schafe blöken, Steingeröll bröckelt leise in der Ferne. + +„Deine Sobeiha ist schön,“ sagt Eswer nach einer Weile unvermittelt. + +„Ihr Name ist Morgenröte, wie soll sie anders sein?“ + +Wieder Schweigen. „Wie lang wird’s noch währen?“ seufzt der Edle. + +„Sid, du hast doch alles, was du zum Leben brauchst. Ist das nicht +Reichtum, was wir beide haben? Wir besitzen nichts, was wir verlieren +könnten.“ + +„Gott segne deine Armut, die dich reich macht, Taleb. Du brauchst +nichts zu beschützen als deine Sobeiha und deine Herde.“ + +„Das kann nur Gott. Es ist keine Macht und kein Schutz außer bei Gott.“ + +„Man kann nicht mit dir rechten. Sag, sind noch viele Höhlen hier +herum?“ + +„Wenn du da hinüberschaust, hast du die Höhlen von Medina, Berchulez +und Trevelez und manche andre, alle von Mauren bewohnt, die die Hirten +mit Nahrung versorgen. Aber sieh“ -- Taleb zuckte zusammen --, „beim +Olivenhain an der Mauer -- mit dem Korb am Rücken -- sie ist es.“ + +Die beiden Männer verfolgten schweigsam den Weg des Mädchens. Durch +Fruchtgärten schritt sie, schien manchmal zu lauern, begann zu +klettern, verschwand zuweilen, tauchte wieder auf und kam näher den +Hang herauf. Sie verließ das Buschwerk und kam in die Felsenzone, stieg +steil an und keuchte endlich über einen Steinabsatz heran, wickelte +den Schleier vom Gesicht und gab Taleb ihre Lippen zum Kuß. Eswer Ben +Zerragh aber griff nach dem Korb, wo die Honigfladen leuchteten. + +Die Morgenröte lachte mit blanken Zähnen. „Gott gebe dir die +Freßlust der Zikade, Herr.“ Über den erhitzten Wangen funkelten ein +Paar Schwarzaugen, in denen die Glut afrikanischer Sonnenstrahlen +aufgespeichert zu sein schien. + +Eswer holte die in großen Blättern eingewickelten Frühfeigen aus dem +Korb, Reis und Puffbohnen, einen Vorrat für eine Woche. Dann hatten +ihm Freunde aus Orgiva ein paar Koranblätter geschickt, Labsal für das +gläubige Herz. „Bei den fünfundsiebzig Wunden des Thalha, der mit dem +Propheten kämpfte bei Ohod, ich will dir das nie vergessen, Blume der +Berge.“ + +Durch ihren Leib brannte Unruhe. „Was ich gesehen! Der fremde Scheich +kommt. Er ist seit gestern in Cañor und heilt Herzenswunden. Abu Atir +heißen sie ihn.“ + +„Was will er aber bei uns?“ forschte Eswer. + +„Bi nefsi! Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Und er bringt eine +Hosna mit, eine Schönäugige, ich habe sie schleierlos gesehen, ihre +Schönheit ist wie der Glanz des Mihrab in Cordoba. Sie nennen sie +Reija. Niemand weiß, wer sie ist. Und er! Der Imam! Sein Bart ist weiß +wie der Veletaschnee, sein Auge leuchtet wie die Sonne, und wenn er +spricht, fällt Tau auf die trocknen Fluren der Herzen.“ + +„Du hast die klingenden Worte in der Moschee erlauscht, Morgenröte?“ + +Sie nickte lächelnd. Dann sprangen ihre gebräunten, kupferfarbnen +Füße in den Hanfschuhen mit Katzenbehendigkeit die Felsen hinauf zu +einer Höhle, deren Eingang hinter einem Steinblock halb verborgen lag. +Taleb blickte verschärft ins Tal. Eswer Ben Zerragh stand aufrecht +wie eine Palme an den Fels gelehnt. Seine Gedanken hatten den Weg zu +der Bedeutung des fremden Scheichs gefunden. Abu Atir! War das nicht +der Imam des vertriebenen Maurenkönigs gewesen? Stand er nicht im Ruf +hoher Weisheit und in dem eines Santon, eines Heiligen? Und wer ist +die seltsame Blume an seiner Seite, und was will sie in den Höhen? +Beim Schwert, das der Eidam des Propheten trug! sann der Edle vor sich +hin. Ich will auf das Recht pochen, das einst Jusuf erhob: das Antlitz +edler Frauen unverschleiert zu sehen im Monat Schewal, der Zeit der +Freuden. Und ich will vor den Imam hintreten und bekennen: ich bin ein +Abencerrage! + +Aus der Höhle sprang Sobeiha. Das ungefesselte Haar peitschte ihre +Stirn und Schläfen. „Wir müssen das Blumenkind des Imam und ihre +Sklavin in der Höhle des Spiegels unterbringen.“ + +„Wo liegt die?“ horchte Eswer auf. + +„Einen Schleuderwurf von hier, oberhalb der deinen, Herr.“ + +„Warum heißt sie Höhle des Spiegels?“ + +„Sie trägt am Eingang einen glänzenden flachen Stein, auf dem sich des +Morgens die Sonne und am Abend der Mond spiegelt. Es sind Polster aus +Esperantogras darin. Doch sieh -- da kommen sie.“ + +„Die Maultiere sind noch klein wie Spinnen,“ sagte Sobeiha. „Ich will +das Wasser in die Krüge füllen, daß sie die Gebete sprechen können.“ + +Bald sah man den Zug der Maultiere aus dem Buschwerk bergan klimmen. +Man konnte sechs Stück zählen und drei Führer. + +Eswers Herz schlug heftig. Nach einem Mond kamen die ersten Menschen +in seine Einsamkeit. Allah akbar! Gott ist groß! Sein Wille wird sie +geleiten, sann er in den durch die Bergschatten steigenden Zug. Man +erkannte schon die zwei Frauengestalten auf den Tieren, und Taleb +winkte mit der Wolljacke hinab. Aus der kleinen Karawane blinkte ein +flatterndes Tuch. + +Das Gebirge erwachte aus dem Sonnenschlaf. Über die Kare unter dem +Schneehaupt der Veleta stürzten die wilden Ziegen in Rudeln von Fels zu +Fels. Die grauen Wolfshunde der Hirten kläfften in die Tiefe hinab. + +Da bog der Zug um eine Felsnase. Schlank wie Irakzweige saßen +die Frauenleiber auf den Rücken der Maultiere. Bald hielten die +staubbedeckten Tiere auf der Felsplatte. Über die sonderbare Karawane +ging der Atem der unberührten Bergwildnis hin, und die Fremden standen, +nachdem ihnen die Treiber aus den hohen Sätteln geholfen, wortlos, von +den Schauern der Einsamkeit überwältigt, auf der Platte. + +Der Abencerrage verneigte sich ehrfürchtig vor dem Greis an der Spitze +des Zuges. „As Selam Aleikum! Heil mit dir!“ grüßte er den Fremden. + +„Wa Aleikum as Selam! Und mit dir sei der Friede!“ dankte der Greis +leise. Dann kreuzten beide Männer die Arme über der Brust. + +Aus dem Antlitz des abrahamitischen Fremden leuchtete es wie +Gottesfrieden. Klare Blauaugen unter buschigen weißen Brauen, die +wie Tempelbogen über dem Eingang zur Seele prangten, strahlten das +beseligende Licht der Güte aus, und man glaubte durch diese Klarheit +tief bis in ihren Urgrund hinabsehen zu können. Der weiße Burnus floß +an den rüstigen Gliedern wie ein Liliengewand nieder, und der mächtige, +bis zum Ledergürtel reichende Bart hob seine Erscheinung fast zum +prophetenähnlichen Gottesboten. + +Zwerchsäcke und Taschen wurden abgeschnallt. Die Mädchen sprachen +leise miteinander. Und Eswer hatte Zeit, an der einen der Jungfrauen +Schönheiten zu entdecken. Er bewunderte den palmenschlanken Wuchs, das +dunkle Augenpaar unter dem Schleier, das die Blitze einer Wetternacht +schleuderte, die schwarzen Locken in ihrer halben Aufgelöstheit, die +nur teilweise verschleierten Hände von goldkupfriger Farbe und die +hochangesetzten Brüste voll Reife. Und ihr Gang hatte die ruhige +rhythmische Bewegtheit eines sanften Liedes, mit dem der Araber Gottes +Erhabenheit preist. In Eswer, einem eifrigen Sammler morgenländischer +Beredsamkeit, begann es wie aus Märchentiefen zu klingen. Doch Abu Atir +unterbrach sein inneres Geläute. „Bist du der Flüchtling Eswer Ben +Zerragh?“ + +„Ich bin es. Sei gegrüßt im Namen des Propheten, dem Ehre und Friede +sei! Bei den sechs Offenbarungssternen, nicht der Bruchteil eines +Geschenkes ist mein eigen, das deiner würdig wäre. Man hat mir in +Granada alles genommen; nur meine Freunde helfen mir.“ + +„Wer sind sie?“ fragte der Imam. + +„Abu Ben Jazir, Arzt in Orgiva, und Jahva Ben Hilal, der Teppichhändler +beim Elvirator in Granada.“ + +„Und das sind deine Freunde aus den Bergen?“ Er zeigte auf die Hirten. + +Eswer zog Sobeiha und Taleb an den Händen heran. „Mögen sie deinem +Angesicht wohlgefällig sein.“ + +Abu Atir rief seine Mädchen herbei. „Das ist Reija, mein anvertrautes +Gut, und das ist ihre Sklavin Saffana aus gutem Geblüt. Und diese +drei sind Freunde aus Granada.“ Er wies auf drei Männer, die sich +zurückgezogen hatten. + +Eswer überkam freudiges Erstaunen. Er erkannte in ihnen angesehene +Handelsleute, die den blauen Überwurf der Mauren trugen. Der älteste +von ihnen, Ismael Ben Katasi, reichte dem Abencerragen die Hand, und +dieser grüßte ihn mit verschränkten Armen: „Gott segne deine Geschäfte +und deine Wallfahrt nach Mekka.“ + +Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Segen mehr. Wir sind +vertrieben.“ + +„Auch du?“ + +Ismael wies auf einen zweiten Mauren. „Mein Bruder Ali und ich. Man hat +bei uns Berberbriefe gefunden, die verdächtig waren.“ + +„Und du, Ibn Maratan?“ wandte sich Eswer an den jüngsten der drei. +„Auch dein Auge glänzt in Leid.“ + +Der Maure nickte mit zusammengepreßten Lippen. + +„Er hat einen berberischen Seefahrer bei sich verborgen,“ erklärte +Ismael Ben Katasi. „Nun rettet er sich zu dir, Eswer Ben Zerragh. Hast +du Platz in deiner Höhle?“ + +Der Abencerrage war voll Freude. „Willkommen und freundlich +aufgenommen! Dort oben liegt das Loch, weich ist das Gras, ihr müßt nur +Freunde in Orgiva haben, die für euch sorgen.“ + +„Die haben wir!“ sagte Ali Ben Katasi. + +„Bevor wir weiterhandeln,“ sagte der Imam, „laßt uns zu Gebet und +Ruhe kommen. Vom weißen Minar dieses Gipfels klingt Gottes Mahnung zu +uns herab. Richtet euer Antlitz nach dem Tempel Haram im Lande der +Offenbarung.“ + +Die Mädchen hatten sich auf kleine Gebetsteppiche geworfen und das +Mulatum, das Gebetstuch, über den Kopf geworfen, nachdem Sobeiha das +Wasser gereicht hatte. Bald darauf erklang Abu Atirs Anrufung Gottes +in die Berge: „Gott ist allmächtig! Sei gepriesen, höchster Gott! Zu +dir beten wir und für dich üben wir gute Werke, Friede sei mit dir, +Prophet! Und Gottes Gnade und Segen mit dir und allen wahren Verehrern +Gottes!“ Die Leiber warfen sich vor und zurück, die Gedanken versenkten +sich in glühende Bilder. Eswers Augen aber verschlangen das schöne +Mädchen, dessen Schlankheit wie ein Zweig des Gadhastrauches war. + +„Nun kommt nach der Höhle des Spiegels,“ sagte Abu Atir nach dem Gebet. +Und er schritt selbst führerlos voran, worüber sich Eswer wunderte. Der +Alte mußte also die Höhle kennen. „Als Mohammed floh,“ sagte der Imam, +in Ehrfurcht vor dem Höhlenloch Eswers stehend, „und Tag und Nacht in +der Höhle des Berges Thaur zubrachte, wob eine Spinne vor dem Eingang +ihr Netz, damit es aussehe, als wäre niemand drin, und Tauben bauten +ihr Nest davor zum Zeichen der Unberührtheit. Dein Netz und Nest ist +die Wachsamkeit deiner Hirten, Eswer.“ Und er trat mit den Männern +heran, während sich die Mädchen vor der Höhle auf einen Felsblock +niederließen. + +Ein Steingewölbe dunkelte über ihnen, der Lichtschein des Tages beim +Eingang gab dem Raum ein dämmriges Licht. Ein Graslager zog sich bis in +die Tiefe. „Es ist nicht allzu schlimm,“ erklärte Eswer den verzagten +Freunden. „Was man gewöhnt, wird nicht mehr eine Last.“ + +„Ich hätte Lust, mit euch hier zu hausen,“ sagte Abu Atir, „wenn mich +nicht wichtige Geschäfte nach Granada zögen.“ + +Sie traten wieder ins Freie. „Kommst du nicht von Granada?“ fragte +Eswer. + +Der Greis lächelte. „Ich habe es Jahre nicht gesehen, aber Freunde +wirkten dort für mich.“ Er stockte und wurde verlegen. „Laßt uns +vorerst die Mädchen versorgen.“ + +Taleb wies ihnen den Weg zur Spiegelhöhle und hielt ein Stoßgebet +weit von der Männerhöhle entfernt vor einem großen Felsblock. Die +Mauren packten kräftig an, bald bewegte sich der Koloß und gab den +mannsbreiten Eingang zur Höhle frei. Drei große fensterartige Öffnungen +ließen Taghelle und Luft hereinströmen, und der grasweiche Boden lud +zum Ruhen ein. Eswer erstaunte und fragte Taleb: „Warum zeigtest du mir +diesen Platz nie?“ + +Der Hirt lächelte. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in den Bergen +seit grauen Jahren, daß diese Höhle nur flüchtenden Frauen gehört. +Wüßten viele Männer davon, man hörte den Klang der Nachtständchen bis +nach Cañor hinab.“ + +„Reija, du wirst hier wohl schlafen,“ sagte der Imam. „Und für eine +Wache --“ + +„Ich selbst will wachen,“ schnellte der Abencerrage heraus, und seine +Wange glühte in ritterlichem Eifer. + +Das Mädchen zog die Schultern wie fröstelnd zusammen, kaum daß ein +Blick den schutzbereiten Jüngling streifte. „Ich werde mit Saffana, +meiner Sklavin, unter dem Schutz der Engel schlafen.“ Tiefkehlig, ernst +und beinahe abweisend klang es. + +Eswer verschränkte betrübt die Arme über die Brust. Da war es, als +bereute die Jungfrau das harte Wort. „Du -- darfst wachen,“ sagte sie +rasch, „denn du bist aus dem Stamm der Abencerragen.“ Und große Wimpern +senkten sich über die Augen. + +„Mein Vater war Lanzenschwinger und hat es vor Loja bewiesen,“ sagte +der junge Ritter beglückt. „Fünf Christen warf er dort in den Sand. Ich +habe sie von ihm, die blitzende Kunst des Wurfes, und ich will sie, tut +es not, für dich üben als dein Wächter, holde Reija.“ + +Der silberbärtige Imam lächelte über den Rittereifer. „Laßt uns vor +dieser Höhle das Abendbrot verzehren, sobald der Mond sich über der +Loma wiegt. Und nun kommt, Männer, ich muß euer Ohr für ein paar +Augenblicke allein haben.“ + +Die Männer verneigten sich wieder mit verschränkten Armen vor der +Jungfrau und stiegen dann mit Abu Atir über die Felsen ein wenig +aufwärts, hielten aber bald in der Einsamkeit eines muschelartigen +Kars, wo ihre Stimmen nur schwer den Weg ins Weite finden konnten. Hier +unter dem dunkler blauenden Himmel, umgeben von der ernsten Majestät +des Schweigens, hockten sie sich mit verschränkten Beinen auf die +Felsbänke, und Abu Atir, der Überlieferer und Ausleger des Korans, ließ +das bärtige Haupt bekümmert in die Hände fallen und brach endlich in +den Wehruf aus: „O mein Granada!“ + +Und im Mitweh senkten die Männer die Häupter und weinten leise. Bis der +Imam langsam den Kopf hob und mit starker Stimme das Surenwort sprach: +„Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht +gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.“ + +Da antworteten die Männer gleichzeitig mit überzeugungstiefer Wärme: +„La illaha illa illahu! Gott ist der einzige Gott!“ + + + + +Zweites Kapitel + + +Hinter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag +verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die +Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben, +hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des +Picacho de Veleta wie in trauernder Röte. Langsam aber taute schon der +Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein. + +„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und +auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben +Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war +Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten +wollte.“ + +„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der +Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs +Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten +das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga +flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem +Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die +vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den +Königseid --“ + +„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht +hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada +nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei +einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt +nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt. +Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied +hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter +Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber +sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind +unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“ + +„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan. +„Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen, +den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren +bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester +herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder +leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den +Königen.“ + +„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung +an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn +Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die +Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir +uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von +der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon +gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“ + +„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen +haben gewaltige Tatzen.“ + +„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden, +sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten +und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen +durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon +an seiner eignen Tatze stirbt.“ + +„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir. + +„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn +Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren +haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns +Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella +und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer +Diener.“ + +„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme +im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin +-- ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den +Kampf gegen die Stadt schickte --, sie hat nun, höre ich, ihren +Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas +-- o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! --, zum Primas von Spanien +gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf, +aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in +Toledo bliebe!“ + +Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt +ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt +in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal --“ + +„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali, +„eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet -- +wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn +anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie +müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein +Leben lang in Granada durchbetteln.“ + +„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu +Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb +dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei +deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und +deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine +spielte?“ + +„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine +Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“ + +Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen +und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen +Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten. + +„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der +aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land. +Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba, +der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst +Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden. +Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu +wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man +entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen --“ + +„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter +des jungen Abencerragen. + +„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt des +Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die +Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein +Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst +eilte nach Granada heim -- in meinem Hause wartete ein Scherge des +Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte +verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das +Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten +der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen +Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über +ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich +mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und +entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher +in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich +endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins +Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß +ich ihn selbst!“ + +Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen +zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen +die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner +Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr -- ihr wißt etwas -- +von meiner Mutter --?“ + +Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt. +„Fasse dich, Eswer Ben Zerragh -- bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist +eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt, +sie mir aufzubürden.“ + +Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter -- o sag’ es +-- und wäre es bitter wie Koloquintentrank -- meine Mutter --?“ + +„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen +Könige lagen, im Hain von Asabica --“ + +„Im Friedenshain der Abencerragen --“ zitterte die Stimme Maratans. + +Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang +verzweifelt die Hände zum Imam empor. + +„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben +Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit +einem Segen für dich auf den Lippen.“ + +Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“ +sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei +dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie +nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott +ohne Flor und Hülle.“ + +Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte +sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer, +Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und +Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher +herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends +verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie +syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen +Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen +Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma. + +„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi. +„Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“ + +„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer. + +Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der +Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind +wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden? +Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen +die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir, +hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald +niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba, +wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende +Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist. +Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu +seiner Zeit. Wißt ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr +von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der +Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden +Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das +unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe +Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die +Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach +Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der +afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen +sah. + +Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber +her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie +brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus +und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder +Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die +Muezzins zum Gebet rufen lassen.“ + +Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder. +Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater +gehabt.“ + +Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in +den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden +Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so +stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die +Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter, +der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem +Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am +Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der +Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“ + +„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi. + +„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus. + +Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das +lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen +hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst +teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den +unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von +den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle, +dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg. + +Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die +sternübersäte Wölbung. + + + + +Drittes Kapitel + + +In der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der +Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über +das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in +der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den +Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie +ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde +Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste +atmeten freier. + +Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter +Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine +größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz, +der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die +Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das +blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden. +Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie +Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches, +der maurischen Spangen. + +Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte +ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim Tanz wie eine Fahne +hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit +schließen. + +Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der +Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der +Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten +von Schira sein.“ + +„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des +lieberasenden Dichters.“ + +Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija +wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme +eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder: + +„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um +Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß +ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen +Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du +mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit +einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz +blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst +einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“ + +Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines +Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier +sehen durfte.“ + +„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt +hat.“ + +Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele +schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete +die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel. + +„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“ + +Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem +Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick: +„Es ist nichts um einen Mann.“ + +„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen. +Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, die sterben, wenn sie +ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling, +der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um +ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret. +Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden +Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein +kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn +Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da +wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten, +mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“ + +„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die +Hirtin?“ + +Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da -- sie ist nicht vom Stamm +Osret.“ + +Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über +der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen +ihrer Zähne, die das Futter malmten. + +Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich +die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel +gleiten. Zischend troff das Fett herab. + +Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu +Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres +Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte. + +„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und +seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam +gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der +Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war. + +Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte +Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch +schmerzlich-süßer empfinden. + +Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit +den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans Feuer hin, und +Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge +waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen. +Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er +mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem +nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im +Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz +froh machen wird.“ + +Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam +auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz +des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der +Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen: + +„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen. +Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner +Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden +sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan, +König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie +Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs, +eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute +nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht +mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der +schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen +den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den +jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil +hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und +deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur +furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra +froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war, +ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof +hinrichten --“ + +„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus. + +„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den +übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den +Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde. +Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten +Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen +Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“ + +Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“ + +Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben +Himmel offen, Retter meines Königs!“ + +Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem +Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil +vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die +Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen +ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie +heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem +Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende +König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war +der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung +Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das +Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul +Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden, +nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte +des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein +Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater +in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm +unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“ + +Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern. + +„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns +Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den +Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten die +Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und +Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl +wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um +eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der +Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte +sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch +ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens +warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin +über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho +de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien +fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen +die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie -- und sie ihn. Nach +den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba +bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen. +Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie +erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück +klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed +Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen +Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd +führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von +Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen +zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña +fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils +erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der +junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen +Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines +zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen, +sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben. +Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von +ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die +Opfergaben auf dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte, +die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über +sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und +küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die +Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie +nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde +für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben +dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“ + +Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die +schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und +ihre Brust ging hoch. + +Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich +atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des +Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die +braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es +künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und +nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil +witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich +sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die +rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt. +Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige +Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den +christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich +nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir +nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern +von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor +den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und +Spinnrad erzogen.“ + +„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas +Brust. + +Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die +Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt miteinander, bis +Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O +Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts -- ende, ende!“ + +„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst. + +„Und das Königskind -- wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben +Katasi. + +„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt. + +Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den +Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch +vor ihr!“ + +Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern, +die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen. +Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie +besessen: „Ein Königskind!“ + +Reija aber fiel kraftlos in die Arme des Imam. Das Glück traf sie wie +ein Blitz. + +Der alte Ismael Ben Katasi raffte sich als erster auf. Aus der Vorsicht +seines erfahrungsreichen Herzens heraus fragte er: „Imam, Sid -- du +weißt, wie oft in allen Zeiten Geschichten und abermals Geschichten +vorgekommen sind -- sieh, es könnte dich einer betrogen haben -- es +könnte -- o gib uns Beweise, Gewißheit, Imam!“ + +Der Alte nickte. „Es ist kein Leben ohne Schrift. Ehre dem Weisen, der +sie erfunden!“ Er legte sorgsam, als trüge er zerbrechlich Glas in den +Händen, den schönen Menschenschatz in die zitternden Hände Saffanas und +zog aus seinem Brustbeutel ein dickes Pergament. + +„Bei Gottes strahlendem Angesicht! Li amri! Des Königs eigenes Wachs -- +der Schutzbrief für das Kind! Gott verdamme fortan die Zweifler! Abu +Atir, herrlichster der Schirmer, das Kind ist in Gefahr --“ + +„Laß mich es schützen vor Schaitan und Tücke!“ rief Eswer Ben Zerragh +mit der Heftigkeit des entflammten Liebenden. „Ich habe keine Mutter +mehr zu schützen, aber in meiner Brust lebt Liebe, die ich an ein +würdiges Geschöpf Gottes verschwenden möchte. Ich bin Abencerrage, mein +Vater schützte ihren Vater, laß mich die Tochter schützen. Und du bist +alt, Imam --“ + +Da reckte sich der Greis hochauf, und es war, als knackten seine +Gelenke, und er pflanzte die stählernen Glieder vor die hilflose +Königstochter auf und legte schirmend seine eiserne Hand auf ihre +Brust. „Bist du im Mondeswahn, Jüngling? Deine Raschheit, deine +Heftigkeit sollen sie schützen? Dein Eifer ehrt dich, aber gib meinen +Kräften die Ehre! Dieses Kind ist geheiligt durch Ahnenblut, jedes +Haar an ihr ist kostbar wie ein Tropfen aus dem Brunnen Semsem, denn +sie stammt aus dem Blute der Beni Nassr und gleicht einer Perle, früh +losgerissen von der Muschel.“ Behutsam strich der Greis über die Pracht +des gelösten Mädchenhaars, während Eswer beschämt dastand wie ein +Knabe, der in der Mekteb Strafe bekam. + +Reija schlug die Augen auf. „Wo -- ist -- meine Mutter?“ Ihr Blick war +Schmerz und Freude. Und die Stimme klang wie entrückt in das stille +Weben der Nacht. + +„Sie ist längst gestorben.“ + +„Und warum -- ach, Väterchen, warum muß ich das heute erfahren?“ + +„Du bist heute achtzehn Jahre alt geworden, und es war der Wille des +Königs, daß du an diesem Tage das Geheimnis deiner Herkunft erfahren +solltest und daß du den goldnen Koran wieder nach Granada trägst, das +Eigentum Boabdils, das wir bei seiner Vertreibung hier herauf in die +Berge gerettet haben vor dem Vertilgungswahn der Christen.“ + +„Den Koran? Die Muschel des Gottesworts? Boabdils Koran?“ stürmten die +Mauren auf den Imam ein. + +„Er ist von unermeßlichem Wert. Er soll nun zum Labsal für unsere +Brüder nach der bedrängten Stadt getragen werden, und Reija soll ihm +das Geleite geben.“ + +„Gott, gib Kraft!“ flehte das Mädchen mit halberstickter Kehle. + +Saffana weinte. „O Königstochter, nun darf ich dich nicht mehr Hamam, +die Taube, und Werda, die Rose, nennen! Darf nicht mit dir spielen --“ + +Reija streichelte der Sklavin die Locken. „Du darfst es.“ + +„Wo ist der Koran?“ drängten die Männer in heiliger Glut heran. + +„Wir wollen in Morgenfrühe bei dem steinernen Mihrab beten. Und wenn +die Stunde kommt, da man einen schwarzen und weißen Faden unterscheiden +kann, wollen wir den Koran aus dem Felsen nehmen, und der erste +Sonnenstrahl soll das heilige Buch aus jahrelangem Schlaf wecken.“ + +Nun wurden Waschungen und Gebete verrichtet, und Saffana mußte alte +Kiffaß, Erzählungen aus der Omajadenzeit, hersagen. Aber Reija war +aus der Neugeburt ihres Wesens heraus unfähig, ihre Sinne für die +Beredsamkeit zu schärfen. Es taumelte in ihr hin und her, und vom +Glück überwältigt, schlief sie unter dem hohen Mond mitten unter den +andern ein. Ihr Haupt lag auf der Motharif, ihr Atem ging leise, +und alle fühlten, daß erhabne Träume von Pracht und Herrlichkeit um +die lächelnden Lippen spielten, so wie sie einst in den Sinnen der +Kalifentöchter glühten. + +Saffana aber erzählte unermüdlich von Az-Zahara, der zertrümmerten +Märchenstadt bei Cordoba, und von den Prachtgärten des ägyptischen +Kalifen Thalun, in denen die Vögel unter vergoldeten Palmen sangen. Der +junge Maratan hing an den Lippen der Sklavin, als tropfte Goldregen von +ihnen. Schems hosna! Schöne Sonne! besang er heimlich ihre Reize. + +Die Männer wachten lange vor der Höhle. Eswer Ben Zerragh trauerte vor +sich hin. Er sah nach der arabischen Legende die Seele seiner Mutter +als Hamé, das ist als Eule, über den Bergen fliegen und hörte ihre +Stimme flehen: ‚Tränke mich und gedenke mein!‘ Und er tränkte die Seele +mit den Tränen seines Leids. Dann aber umschwebte ihn das Bild der +schönen Reija, mit deren Erhebung er eine Hoffnung in sich zu Grabe +trug. + +Manch zuversichtliches Wort ward noch unter der Sternenhoheit +gewechselt. Silbern kreiste die andalusische Nacht über Wache und +Schlaf. + + + + +Viertes Kapitel + + +Arktus sank am Himmel dahin. Vor der Höhle flatterte schon ein Lied +aus der Kehle der Morgenröte himmelan: „Tränke Gott mit Tau des Zeltes +Reste, wo ich feierte der Liebe Feste.“ Ein leichter Wind trug das +Takbir, den Gebetsruf des Muezzin von Cañor herauf. Abu Atir erhob sich +vom Lager. Ein Büschel weißer Strähnen wehte von seiner Schädeldecke +mit der mächtigen Bartfahne um die Wette. Die klugen Augen blickten +frisch in das dämmernde Weben des Morgens. Er legte sich die Kopfbinde +der Imamwürde um und weckte nun die Männer. Als sie nach dem Gebet +zur Frauenhöhle schritten, fanden sie die Mädchen schon wach. Jetzt +wurde das in der Spiegelhöhle liegende Steinversteck mit Haue und +Brecheisen bearbeitet, bald lösten sich die Felsbrocken los, und +im Dunkel einer Höhlung blinkte eine weiße Kiste, die den Schatz +enthielt. Mit Ehrfurcht holten die Männer die Truhe heraus und warteten +unter Gebeten, bis hinter der Loma de Yator der Himmel in Morgenglut +entbrannte. Da öffnete Abu Atir den Deckel und aller Augen blickten +verzückt auf das ehrwürdige Buch, dessen Goldpracht auf blauseidnem +Kissen lag, umgeben von viereckigen Münzen aus der Almohadenzeit. + +„Gefäß Gottes, in das er seine Liebe und Weisheit senkte, sei gegrüßt!“ +rief der Imam inbrünstig aus. „In deinem Geiste spiegelt sich Gottes +Geist, in dem Wort des Propheten Gottes Wort, und in unserem Wort und +in unserer Tat soll sich die Treue zu Gott und dem Propheten spiegeln. +Wir wollen dich hüten als ein Königserbe und in dem Mihrab von Granada +betten. Wie einst die Krieger der Halimet ihre Hände in duftendes +Menschim tauchten und schwuren, getreu zu bleiben, so strecken wir +die Hände in den Sonnenwind und schwören, getreu zu bleiben dem Wort +Gottes.“ Und er öffnete das Buch und las die Fatiha, die Eingangssure, +und die elfte Sure der Morgenbetrachtung. „Gott geleite uns froh in die +alte Heimat, in das geliebte ‚Granatha‘,“ schloß er. „Ihr Männer kehrt +von Orgiva hierher in die Berge zurück, wo Freunde für euch sorgen +werden. Dort harret unsrer auch schon neues Geleite.“ + +„Bei den Oliven des Paradieses,“ schwur Eswer, dessen Herz zu bluten +begann, „meine Gebete sollen euch immer geleiten.“ + +Nun wurde Honig gereicht und das Lusindsch, ein Mandelgebäck, dazu +genossen. Der Hirte Taleb steckte dem Königskind ein gebratenes +Täubchen in die Maultiertasche. Es war seine Verehrung. Und Sobeiha +hatte einen Kranz von Bergblumen geflochten und schlang ihn nun um den +Hals des beglückten Mädchens. + +Eswer Ben Zerragh nahm Abschied. „Gott gebe deinem Maultier Kraft, +dich zu tragen über Gestein und Weg, dir selbst aber Glück, Besitz, +Ertrag und eine Erinnerung an diese Berge! Bleibe eingedenk des Tages +und der Nacht, da du unter Steinen wohntest, und erfreue dich Gottes +freundlicher Hilfe, du selbst ein schöner Gedanke dieses Gottes.“ Seine +Stimme zitterte gewaltig. + +Die Korankiste wurde an den Sattel Reijas geschnallt. Die beiden Katasi +eröffneten den Zug, dann ritten Reija und Saffana, hinter ihnen Abu +Atir und endlich Ibn Maratan. Als die Sonne, die einen Augenblick +hinter Wolken verschwunden war, sich wieder mit goldenem Schwung in +das Blau warf, stiegen die Tiere langsam den Steilpfad hinab. Reija +sah sich nicht um, wiewohl ihr das Herz klopfte. Saffana winkte zur +Felsplatte hinauf, wo Eswer wie eine aufrechte Zeder stand. Er sah mit +blutendem Herzen hinab. Die Karawane schrumpfte zusammen, verschwand +hinter einem Eichenhain, tauchte wieder auf und verlor sich endlich in +den von Morgenlicht überfluteten Gärten von Cañor. Da verhüllte der +Abencerrage sein Haupt. „Bi nefsi! Sie ist schön wie eine Rose von +Damaskus, aber sie wird mir nimmer blühen.“ + +Der Reiterzug ritt in den werdenden Tag, der schon herbstliche +Müdigkeit hatte. Die Luft flimmerte über der Erde wie Goldgespinste +aus Gottes Hand. Der sanfte Bergwind der Veleta lag den Reitenden +im Nacken. Sie gelangten nach Cañor, wo man gerade die Almosen +verteilte, denn der Rhamadan war vorbei. Dann ging es über maurische +Dörfer nach Orgiva, wo man von den Handelsleuten, die nach den Bergen +zurückkehren mußten, Abschied nahm. Hier wartete neues Geleite für den +Koran. Drei Ritter aus dem Geschlecht der Beni Mossad übernahmen die +Überwachung, ältere Männer mit dem Stolz des Vertrauens auf der Stirn. +Sie saßen in ihren weißen Burnussen auf schwarzen, erlesenen Rossen, +den federgeschmückten Turban auf dem Haupt, die Füße in buntgestickten +Lederschuhen, die in silbernen Steigbügeln ruhten, den Degen in der +kunstvoll verzierten Scheide an Quastenschnüren quer über der Brust, +und trugen so ein echt maurisches Rittergepräge zur Schau. + +In ritterlicher Weise huldigten sie auch dem Königskind. Der eine von +ihnen war Chatib, das ist Kanzelredner, in Granada, der zweite Wali, +ein Viertelvorsteher von Granada, und der dritte Athibb, ein Arzt. Mit +gelehrten Reden versuchten sie die Langeweile des Rittes zu kürzen. Als +sie in Lanjaron, der Gartenstadt, unter der schönen Burg ankamen, wo +heute genächtigt werden sollte, trieb das Gemüt der schönen Reija schon +die farbigsten, frohesten Blüten. Wohl wußte sie, daß sie in Andalus +keine Rechte mit ihrer königlichen Abstammung geltend machen konnte, +aber die Verehrung der Mauren war ihr gewiß, und das erfüllte sie mit +einem harmlosen Stolz. + +Am andern Morgen zog man durch das Lecrintal weiter. In den Gärten +lachte die Frucht, in den Weinbergen blinkten die Kittel der lesenden +Frauen, da und dort tauchte ein spanischer Soldat, ein Ildsch oder +Nasranij, wie man auf maurisch die Christen nannte, aus einer Gasse auf +und wurde scheelsüchtig betrachtet. Die Atalaya, die Wachttürme, wurden +auf den Höhen sichtbar, wo bei Gefahr die Feuer angezündet wurden, +und bald stieg der Hügel von Padul vor den Blicken der Reiter auf. Da +bebte das Herz der Königstochter. In der Ferne, von den Hitzeschleiern +geheimnisvoll umhüllt, schimmerte Granada wie ein kostbarer +Edelstein von der vierzehntorigen Mauer mit den tausend Wachttürmen +eingeschlossen. Wie der Sommergarten zu Füßen des beschneiten Libanon +lag die Stadt mit ihrem Grün unter dem Schnee der Sierra Nevada. +Auf einem Hügel ragte der stolze Königsbau der Alhambra wie in +rötlich schimmerndem Erzglanz auf, der Steingedanke prachtliebender +Maurenkönige. + +Abu Atir hielt den Zug der Tiere an. „Friede mit dir, ‚Granatha‘, +Königin unter den Bettlern, und darum von uns geliebt wie die +Heiligtümer Arabiens! Selbst wenn wir tot sind, zieht der Hauch deiner +Schönheit Kreise über unser Grab.“ + +Die Mauren sprangen vom Pferd, legten ihre Degen ab, die Sklaven +breiteten die Gebetsteppiche zu ihren Füßen aus, und bald darauf klang +die preisende Andacht der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten +zum Himmel. Dann wies der Imam nach der Stadt. „Dort blühten Glück und +Unglück für deinen Vater, Reija, dort im Herzen der Stadt, wo Haus an +Haus übereinandergewürfelt steht, im Rabad al Bayassin, wo der große +Turm des Minar herübergrüßt, im Viertel der Edlen.“ + +Reijas Auge wurde naß. Der Greis erklärte dem Mädchen bei der Rast +die Geschichte der Stadt, sprach von den Kämpfen in der Vega, +in der breiten, fruchtschweren Ebene, die ihre Schätze wie auf +einem Riesenteppich rings um die Stadt legte, er sprach von den +Schmerzenstagen, als die Christen mit der Gewalt ihrer Kriegsmassen auf +die letzten Bollwerke der Mauren stießen, und wie der König, von den +Seinen verflucht, aus Granada ziehen mußte und auf diesem Hügel von +Padul die letzte Schau ins Land hielt. + +Die Ritter trauerten im Weh der Erinnerung. Hier war es, wo Mutter +und Gattin den König höhnten, daß er um das weine, was zu verteidigen +er nicht die Kraft gehabt hatte. El suspiro del Moro! Den ‚letzten +Seufzer des Mauren‘ nannten jetzt die Spanier den durch eines Königs +Abschiedstränen geweihten Felsen. „Hinweg, Bruder der Freude!“ verjagte +der Imam das eigene Weh. „Madhma madha! Vorbei ist vorbei! Wo sind die +Leute vom Stamm Ad und die von Themud? Wo die Kalifen, die auf goldnem +Thron saßen und auf weichen Mädchenbrüsten schliefen? Auch diese +Christenkönige sind Lehm und Wasser und also der Erde untertan.“ Seine +Rechte wies nach Nordwesten, wo kahle Höhen in den Dunst geisterten. +„Dort liegt Cordoba, die Kalifenstadt, von wo unser Ruhm über die Welt +ging und wo das königliche Dreigestirn Abderrhaman, Haschin und Hakem +leuchtete. Aber es ist alles eitel.“ + +Der Dunst über Granada wurde goldiger, und die rotbraune Tapia der +Alhambra begann zu glühen. Wie erstarrte weiße Riesenfalter im Grün +von Aloe und Kaktus blinkten die arabischen Lusthäuser. Die Königsburg +und die siebzigtausend Häuser des andalusischen Damaskus grüßten das +heimkehrende Kind im festlichen Abendglanz. Wie silberne Schlangen +blitzten die Wasseradern der Vega auf, und die Oliven- und Orangenhaine +bauschten sich polsterartig aus den abgeernteten Felderweiten heraus. + +Der Wali Mossad begann vom Hochmut der Spanier zu erzählen. Unablässig +rann ihm das Leid von den Lippen. „Da ist einer, die rechte Hand des +Gobernadors Tendilla, schön wie der Engel Gabriel, der Kriegsruhm +leuchtet ihm von der Stirn, seine Augen glühen Haß den Mauren, seine +Stimme schneidet ins Herz, und Härte ist sein Begleiter. Don Pedro de +Solar, Grafen von Mora, heißen sie ihn, den königlichen Hauptmann. Er +hat den Befehl über die Alhambra.“ + +Reijas Hand spielte mit dem Talisman an ihrer Brust: fünf silbernen +Fingern, die die Hauptgebete des Islams versinnbildlichten. Sie wollte +sich durch die Berührung des Zaubergehänges vor den bösen Kräften +schützen, die aus dieses Mannes Auge strahlen mußten. + +Als der Salzwind von Süden wehte, brach man auf, und die andalusischen +Rosse flogen wie Wüstenpferde der goldschimmernden Stadt zu. Das +Schlagen der Hufe, das Keuchen der Pferdeleiber, das Rasseln der +Degen, das Geklirr der Frauenketten stimmte sich zu einem frohen Klang +zusammen. + +Granada enthüllte sich wie eine schöne Frau. Über die Vorgartenmauern +schlang sich die Weinrebe herab, immer mehr Volk zeigte sich auf dem +Weg, man grüßte die edlen Mauren und staunte die verschleierten Frauen +an. Dumpf polterten die Hufschläge über die Genilbrücke, unter der der +wasserarme Fluß dahinschlich. Beim Mühlentor durfte der Zug unbelästigt +die Wache passieren, denn man erkannte die edlen Beni Mossad. Hinter +dem Tor in der engen Gasse staute sich das bunt zusammengewürfelte +Volk. Aus allen Winkeln drängte sich ein Mischgeruch von Räucherwerk, +Schafmist, Gewürz, Lauch, Hammelfett und Schweiß in die Nase. +Gebetsworte surrten aus den hohen Gitterfenstern eintönig herab; es +herrschte eine Stickluft. Es war die Antequeruela, das Viertel der +Armen, durch das sie ritten. Maurinnen in ärmlicher Kleidung, um +das Gesicht das heiße, im Nacken verknotete Wollzeug geschlungen, +starrten neugierig aus den Toren nach den Reiterinnen. Barcelonische +und genuesische Händler priesen schreiend ihre Waren an. Ein seltsamer +Mann, in ein graues, dichtgeschlossenes Gewand gehüllt, das auf Brust +und Rücken mit einem roten Kreuz bemalt war, bettelte sich von Tür zu +Tür. + +„Es ist ein Ketzer,“ erklärte der Wali, „das Schandkleid der +Inquisition, das Sanbenito, muß er bis zu seinem letzten Hauch tragen. +An den Feiertagen steht er mit der brennenden Kerze in der Hand vor der +Kirchentür, sein Gut ist eingezogen worden, seine Kinder sind verachtet +von den Christen.“ + +Reija schauderte zurück, dann warf sie ihm eine Münze vom Pferd herab. + +An dem Judenviertel ging es vorbei, dessen enge Gassen die Düsterheit +des Schicksals seiner Bewohner kündeten. Auch dieses Volk hatte bessere +Tage gesehen, als noch die Maurenkönige in Granada herrschten. Gab es +doch sogar einen jüdischen Minister Samuel unter den Vezieren. Die +Königin Isabella aber ließ sie alle taufen oder austreiben. Die neuen +Christen -- Maranen nannte man sie -- konnten des neuen Heils nicht +froh werden, wiewohl manche als Ärzte, Schriftausleger und Gelehrte am +königlichen Hofe lebten. Innerlich trennte sich keiner vom alten Gesetz +seiner Väter. Sie waren nirgends und überall zu sehen, je nachdem es +ihr Vorteil erheischte. Mit dem Warenbeutel am Rücken schlichen sie +sich des Nachts in die Häuser der Mauren, um Handel zu treiben. Die +Inquisition hatte ein wachsames Auge auf sie. + +Abgemergelte, geschäftig sich herandrängende Gestalten umringten die +Pferde der Reiter, als sie jetzt durch die Alcaiceria, den Trödelmarkt, +zogen. „Alles Maranen, getaufte Juden,“ erklärte der Wali, „noch unter +Torquemada gebrandmarkt. Dabei können sie von Glück sagen, nicht +vertrieben worden zu sein. Denn die das Schicksal erlitten, denen nahm +man das Geld nicht nur aus der Tasche, sondern schnitt es ihnen aus +dem Bauch, wenn man es dort vermutete. Wer eine Thora im Haus hat, ist +verloren. Unlängst griffen sie einen, der eine Hostie gegessen haben +sollte unter dem Schalet, einen andern, weil er sein Hemd am Sabbat +gewechselt. Und trotzdem haben sie ihre heimlichen Winkel, wo sie +Kaftan, Leibgurt und Käppchen versteckt liegen haben, und kommt der +Sabbatabend, beten sie doch zu ihrem Gott, wie unsere Moriskos zu dem +unsern. Sie leiden noch mehr als wir. Aber es wird über uns kommen wie +über sie, wenn er kommt!“ + +„Ximenes!“ erschauerte Abu Atir. + +„Die Moriskos in Toledo nennen ihn einen Geist, geschaffen aus dem +Feuer des Samum. Gott behüte uns vor seinem Glaubenseifer, der mehr +Glaubenstollheit ist. Man spricht davon, daß er Maurenbücher verbrennen +will.“ + +Abu Atir warf seinen Leib zurück. „Nimmer glaube ich’s. Der Segen des +Höchsten über unsern Koran! Ich will ihm Schätze weisen, größer denn +die Goldreste von Rusafa in Cordoba, nur auf Boabdils Koran lege er die +Hand nicht.“ + +Sie gelangten auf die große Bab al Raml, den Hauptplatz der Stadt, +den die Spanier Bibarrambla nannten. Hier lag die Medriset, die +Hochschule der Mauren, mit ihren zierlichen arabischen Hufeisenbogen, +unter denen die Jünger der Wissenschaft wandelten. Vor den Hallen +flochten Maurenweiber aus Espartogras die großen Fußbodenmatten für +den Winterbedarf, und syrische Händler verkauften ihre Teppiche. +Nebenan priesen die Töpfer aus Andujar ihre Vasen und schimmernden +Azulejos, die farbigen Glasuren für die Wandtäfelung, an. Dann ging es +durch die engen Gassen des Zacatin, wo die Gewölbe der korduanischen +Goldschmiede lagen und das Geschrei sich zu einem ohrenbetäubenden +Getöse verdichtete. Buntes, schillerndes Seidenzeug lag in den Basars +der großen Caiseria vor den Augen der Mädchen. + +„Kleider, Seide!“ rief Reija in kindlicher Eitelkeit aus. + +„Degen und Schwerter!“ freuten sich die Männer, als sie an den +Waffenläden vorbeiritten. + +Auf den Kauftischen breiteten sich die Kostbarkeiten des Morgenlandes +aus, Spezereien, Edelsteine, Farbstoffe, Gewürze, Lederwaren, Bücher +und das bunteste Zeug in reicher Abwechslung. + +Aber was war das? Eine Moschee, vor der braune Kuttenträger wandelten. +Paarweise traten gebräunte Knaben unter Führung von Mönchen in den +heiligen Raum und bekreuzigten sich, schritten nach dem Altar, wo +das Tabernakel glänzte. Maurenknaben in der Moschee, die in eine +christliche Kirche umgewandelt war. Abu Atir drängte das Pferd Reijas +von der Stelle, deren Anblick sein Herz beengte. + +Durch schmutzige Krämergassen ritten sie aufwärts nach dem Albaycin, +wo der Imam im alten Kassr, im Hause der Nassriden, das Heim für +das jüngste Kind des Geschlechts hatte vorbereiten lassen. Vor dem +Ostuwan, dem festungsartigen Vorbau des Palastes, über dessen Tor unter +dem Metallfries das prächtige Stahlschild der Nassriden schimmerte, +hielten die Rosse. Ein reichverziertes Eisengitter öffnete sich +nach dem Sahat, dem Innenhof, wo das Gartengrün und eine wunderbare +Blumenpracht den blitzenden Springbrunnen umkränzten. Ringsherum +flimmerten die bunt ornamentierten Wände und Laubengänge des Hauses, +sahen die Ajimezes, die durch ein Säulchen geteilten Fenster der +Innengemächer, auf die lauschige Gartenstille herab. Ein betäubender +Duft wehte aus den Rosenbeeten. Der Geist des Islams lächelte heiter +aus jedem Bogenschwung, aus jedem Wandzierat, aus jedem geheimnisvollen +Nischenschatten. Die arabische Ampel aus zartem Schmiedeornament +überschimmerte mit ihrem Licht den Laubengang, und in jeder Nische +verdampfte in kupfernen Pfannen das Rosenöl oder der Duft des +Sandelholzes. Berbersklaven ordneten die Rasen und Wege, und als Reija +die breite Steintreppe hinaufstieg, nachdem sie die Beni Mossad dankend +verabschiedet hatte, kamen ihr zwei Sklavinnen entgegen, ehrwürdige +Matronen, die ihr von nun an dienen sollten. + +Die üppige Pracht des ersten Gemaches verwirrte den Sinn des Mädchens. +Die geometrische Kunst der arabischen Baumeister an den Wänden, +vielgestaltig und -farbig, wie ein Linienmärchen zur Schau gestellt, +mußte zur träumerischen Betrachtung anregen, und Reijas Phantasie +freute sich auf die Stunden des Auskostens aller Schönheiten. Sie trat +jetzt mit Abu Atir auf den Mirador, den maurischen Balkon. + +Zu ihren Füßen lag die lärmende Stadt, umrahmt von der grünen Vega, das +flache Gedächer des Albaycin, die steilen Gäßchen, in die nie das warme +Gold der Sonne tauchte, jenseits des Darro der vielfältig gegliederte +Steinleib der Alhambra und dahinten der Schneewall der Sierra Nevada. +Eine überwältigende Größe sprach aus dem Bild. Der Sonnentod flammte +scharlachrot wie Liebesglut über den Dächern. Reijas Herz wurde von +Gottesgedanken gepackt. „Wo ist der Koran?“ fragte sie wie aus heiligem +Drang heraus. + +„Die Beni Mossad trugen ihn in die Moschee. Ali wird am Freitag zum +erstenmal daraus lesen.“ + +„Meines Vaters Koran -- in Granada!“ jubelte Reija. Da fiel ihr Blick +in die Straße auf eine hohe Gestalt in weißer Mönchskutte, der viele +Moriskos folgten. „Wer ist das?“ fragte sie eine der Matronen. + +„Verhülle dein Gesicht fest, Blume von Andalus. Das ist der Pater Leon.“ + +„Dieser ist es?“ erschauerte Reija. „Er blickt finster wie der Baum +Sukuum, der die Hölle deckt.“ + +Es pochte. Ein alter Maure mit schwer verfurchtem Gesicht trat +ehrfürchtig ein. „Allah akbar! Gott sei dir immer gnädig, Blüte des +Alters, weiser Scheich!“ sagte er ernst, während er die Arme über die +Brust verschränkte. + +„Gegrüßt auch du, Malik Ben Hossaim, mein Rasul, mein Bote, dem alles +zum Segen werde. Du warst in Cordoba?“ + +Der vertraute Bote bejahte, indem er die Lider bis auf eine kleine +Spalte schloß. + +„Und du hast die letzten Bücher aus dem Schatz meines Vaters gebracht?“ + +Wieder klappten die Augendeckel zu. + +„Und sonst hast du mir nichts zu sagen nach so langer Zeit?“ + +Da bewegten sich die dünnen Lippen, und langsam, jedes Wort betonend, +sagte Malik Ben Hossaim: „Ximenes kommt aus Toledo.“ + +„Ximenes!“ Der Name fiel wie Eis in das gelassene Blut des Imam. Soeben +erscholl das Idsam, der Gebetsruf, in feierlich gezogenen Tönen über +die Dächer: Gott ist der Höchste, und ich bekenne, daß es nur einen +einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommt zum Gebet! +Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste! Es gibt nur einen einzigen +Gott! + + + + +Fünftes Kapitel + + +Im Thronsaal der Gesandten in der Alhambra standen die Granden vor den +Königen. + +In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff +Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den +Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach +und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung +vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend +Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche +Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten +für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre +Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten +Glaubensfanatismus. + +Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des +Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in +den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre +Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner +natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche +Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger. +Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten +Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos, +erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer +reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und +zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist +der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch +Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den +Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben +ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt +zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger +gewisser Granden zu verteidigen. + +Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in +Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter +Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott +auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das +Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner +schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser +Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der +fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch +sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der +Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So +blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach. + +Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht +Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit, +hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um +das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und hier schluchzte +der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des +Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften +und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch +zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt, +verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden. + +Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter +geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen +Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im +rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem +Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr. + +Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt +des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt, +vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des +Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des +Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents +von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des +Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier +bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich +freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes +für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft +verdoppelt den Erfolg.“ + +Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den +Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt, +meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen +zweier Dominikaner zu seinem Sitz. + +Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den +Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den +kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das +Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu +haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter +der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er +den Soldaten Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch +erfinderischer Kopf durfte nicht feiern. + +„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter. + +Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er. + +„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor +allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem +Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man +hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der +König. + +„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“ + +„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich +durchlisten.“ + +Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie +Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“ + +Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert +an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub +da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten +Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser +kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern +liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier +im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe +unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der +Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets, +wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe +keines äußerlichen Löwenzeichens. + +Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach +der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der +Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und +suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich +einst, von den Goten abzustammen. Hat nicht ein Ahne von Euch den +Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“ + +„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz. + +„Ihr habt die Wunde an dem Hals --?“ + +„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“ + +„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir +brauchen -- Neapels wegen -- Hauptleute, die unter dem Mars geboren +wurden.“ + +„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude -- jedoch ich gestehe -- +die Ferne zieht mich an.“ + +Der König blickte ungehalten. „Ihr wollt nach Hispaniola.“ + +Des Ritters Augen glänzten. „Die Goldschächte von Ophir locken mich. +Kolumbus will ins unentdeckte Bergland der Inseln dringen. Man sagt, +daß Bobadilla demnächst hinübersegeln soll. Wenn ich es wagen dürfte --“ + +Der König zog die Brauen hoch. „Verderblicher Drang! Wohin käme +Spanien, wenn alle Ritter westindische Sehnsucht hätten! Sevilla ist +schon halb entblößt von Edlen, Cordoba folgt nach. Nun auch Granada?“ + +„Dazu ist mir der Graf zu teuer,“ warf sich Tendilla dazwischen. + +„Dann bleibt!“ befahl der König. + +Don Pedro de Solar trat zu seinem Sitz zurück. Über seine Stirn zog ein +Schatten. + +Fernando rief seinen ersten Feldherrn, den großen Kapitän Gonsalvo de +Cordoba, Herrn von Aguillar, vor den Thron. „Kann man in die Alpujarras +dringen?“ + +Der stattliche Krieger mit den Lorbeeren auf der Stirn berichtete: +„Hinter den Barrancos liegen die alten Maurennester und die +Schlupfwinkel der Mißvergnügten. Für die spanische Reiterei wäre der +Boden ein zweites Malaga. Die Mauren verstehen sich auf den Bergkrieg, +wir haben unsere Ruhmeskränze in den Ebenen Italiens gepflückt.“ + +„Das klingt nicht zuversichtlich.“ Wieder sah der König düster. + +Da mengte sich Isabella drein. „Gebt den Mauren tüchtige Priester, und +sie werden nicht zu flüchten brauchen. Ich will nicht ihr Blut, sondern +den Glauben. Spanien soll einen Gott verehren.“ + +Es klang wie ein schmetternder Kriegsruf. Gott, Jesus und die Jungfrau! +Das waren die Leitsterne der Spanier. + +Aber die Stirn der Königin umwölkte sich. „Warum ziehen sich Prälaten +und Lehensmänner auf ihre Besitzungen zurück, anstatt bei Hof zu +dienen? Ist man schon ruhebedürftig? Satt der Lorbeeren? Mißtraut man +uns? Will man sich in der Einsamkeit für einen Trotz stärken, den ich +schon gebrochen glaubte? Ist meine Geistlichkeit durch die Pragmatika +gekränkt, die ihr manches alte Recht nahm, das kein Recht uns schien? +Ich vermisse meine Domherren von Toledo, den Bischof von Jaen und +manchen andern. Fühlen sie sich bei ihren Weibern wohl? Man bessere es +und lerne nicht allzuviel von den Mauren.“ + +Es waren schwer anklagende Worte im Munde einer Königin. Aber die +Granden waren die Sprache gewöhnt. Man nahm sich davon, soviel man +wollte, und das Leben ging seinen alten Gang weiter. + +„Auch meine Ritter zürnen,“ fuhr die Königin fort. „Die Cortes +beschlossen bisher nur, was ihnen frommte. Wer beschließt, was dem +gemeinen Bauer not tut? Der königliche Rat ist die Ergänzung des +Willens der Cortes. Es kann nicht ein Stand alles heißen wollen. Ist +Spanien nicht glücklich? Mit blühendem Handel bedacht, geachtet in +aller Welt, bestrahlt vom Kriegsruhm, beneidet um die neuentdeckten +Länder, und nun auch bald -- so hoffen wir -- geeinigt in einem +Glauben? Was wollt ihr, Granden? Zürnt ihr unserm Wunsch nach +Schlichtheit in der Kleidung? Mögen sich die Mauren mit syrischem Tand +behängen, euch Christen ziemt die Schmucklosigkeit. Gebt den Altären +Schmuck und begnügt euch mit dem schwarzen Wams. Oder stoßt ihr euch +an der Maurensteuer? Sind auch die Kriege tot, die Mauren leben noch +und schielen nach der Berberei hinüber. Ihr seht die Gegenwart, wir die +Zukunft. Wir brauchen Geld für die Bekehrung, zum Schmuck der Altäre, +daß diese die Mauren locken, die des Schmucks gewohnt sind. Vor dem +Altar bricht der schöne Quell des Glaubens von selbst auf. Drum murrt +nicht, Granden. Sprecher, vor!“ + +Aus der kühl und stumm sitzenden Ritterschaft erhob sich der Herzog von +Osuna, ein gereifter Herr. Mit dem Stolz des selbstbewußten Untertans +trat er vor seine Könige. „Wir wollen nur, daß man in Hinkunft die +Cortes mehr zu Rate ziehe als bisher. Und dann noch eines, erhabne +Königin: Seid nachsichtig mit den Mauren, die unsre Güter bebauen. Sie +sind zum großen Teil bekehrt, doch unbelehrt. Ein verfänglich Wort, +eine Gebärde bringt sie in Verdacht des alten Glaubens. Wir verlieren +unsre besten Kräfte, denn fleißig, bedürfnislos und willig ist der +Maure, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Wohl zwinge ich ihn nieder, +wenn er sich rührt. Doch der für uns in Frieden die Furchen in die Erde +zieht, den Boden wässert, die Seidenraupe züchtet, soll auch unsere +milde Hand zu spüren bekommen.“ + +Der König sah finster. „Ist mir doch, als spräche aus Euch ein Grande +von Aragonien. Es scheint, man nimmt bei seiner Sorge um das tägliche +Brot den Glauben allzu leicht.“ + +Der greise Erzbischof Talavera humpelte zum Thron. „O mein König, nicht +den Glauben nehmen wir leicht, doch leicht das ungewollte Straucheln +im neuen Glauben. Sie müssen erst gehen lernen im Christentum. Man +kann ein Kind nicht für jeden Fall auf den Boden, den es mit seinen +ungeschickten Beinchen tut, gleich züchtigen.“ + +„Wer wollte das!“ fuhr die Königin auf. + +„Es ist geschehen,“ klagte Talavera. „Mit Drohungen drängt man die +Moriskos in die Kirche, in den Beichtstuhl, in die Prozessionen.“ + +„Man soll es abstellen,“ sagte der König unsicher. „Die Geschichte sage +nicht, daß nur Gewalt die Herzen bändigte.“ + +„O laßt mir Zeit, erhabne Königin, mir und den Mauren. Und darum -- +fast schäme ich mich, zu bitten -- wenn es noch ungeschehen zu machen +-- o Gott, verwirrt ist mein Gemüt -- Ximenes -- wie ehre ich ihn! Er +wirkt Wunder in Toledo -- doch hier in Andalusien, auf fremdem Boden -- +o überlegt es, große Königin, mein König!“ + +Isabella blickte besorgt auf den zitternden Greis, der in den Armen der +beiden Mönche hing. „Ximenes -- ist gerecht,“ sagte sie leise. + +„Es gibt etwas, das größere Wunder übt als Gerechtigkeit: Güte, Gnade!“ + +„Sie sind Gottes Geschenke in Eurer Brust, Talavera. Aber ich weiß, daß +auch die Brust Ximenes’ solche Schätze birgt. Er wird sie nützen. Auch +kann ich mir den treuesten Diener nicht entfremden.“ + +„Besser einem Diener sich entfremden als einem ganzen Volk,“ rief +erregt Graf Orgaz, ein eifriger Maurenfreund, dazwischen. + +Der König sprang auf. „Genug der Leidenschaft um eines bösen +Gegenstandes willen.“ Ein strafender Blick fiel auf den dreisten +Grafen. Wollte sich der alte Rittertrotz, kaum erst gezügelt, von der +Kette reißen? „Wie denkt Pater Leon darüber?“ + +Von den Sitzen des Klerus erhob sich ein junger Dominikaner. In den +schön durchgebildeten, scharfen Zügen lag die Härte des Eiferers, +die hohe Stirn drohte, und unter ihr glänzten dunkle Augen auf +bläulichweißem Grunde, Augen, deren Blickkraft die unheimliche Macht +des Magneten hatte. Mit der Gewalt dieser Augensprache allein schon +glaubte der Priester Seelen bannen zu können. Die kräftig gezogene +Lippe aber verriet den Unsegen sinnlicher Geister. Eisig klang seine +Stimme über die Versammlung hin: „Ein Franz von Assisi konnte mit +Sanftmut Gläubige stärken, doch Heiden bekehren konnte er nicht. Allzu +fern steht uns der Mekka-Prophet, als daß wir mit ihm Pakte schließen +könnten. Sein Ich trieb Mohammed in die Prophetenschaft hinein, nicht +der Geist Gottes. Er stiftete Gesetze, die seinem Wesen angenehm waren +und seinem Volk schmeichelten. Weil es eine Religion der Bequemlichkeit +ist, vermag sich der Maure so schwer von ihr zu scheiden, und nur mit +Strenge hält man seinen Geist an der Kette des neuen Glaubens, sonst +schüttelt er sie immer wieder ab. Christus hat gesagt: es wird ein +Hirt und eine Herde sein. Wer nicht in der geheimnisvollen Arche, die +da Kirche heißt, schwimmt, wird von den Gewässern der Sünde ergriffen. +Wir aber können keinen Menschen in der Sünde belassen. Unselig der, der +fremden Propheten zuneigt.“ + +Das religiöse Wort fuhr mächtig in die Seelen der Granden. Um Christi +willen konnte man nichts Besseres tun, als die Leugner des Gottessohns +hassen. Das Mitleid schwieg, da dieses Heilswort, posaunenartig aus +eines Priesters Brust gestoßen, tief ins Herz sank. Und die Furcht vor +der Inquisition machte vor den Herzen der Granden nicht halt. Nur der +Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz verurteilten innerlich das +Flammenwort des Dominikaners. + +„Alles für den Glauben!“ stürmte jetzt der Herzog von Medina-Sidonia +seine tiefste Überzeugung hervor. + +„Alles für den Glauben!“ riefen die Granden emporspringend. + +Der Priestermund hatte das Ansehen der Kirche und der Könige +wiederhergestellt. Mit gehobener Brust empfingen die Herrscher den Rest +der Bittsteller. + +Durch das lautlose Spalier der Edlen schritten Fernando und Isabella +Arm in Arm, gefolgt von den Geheimschreibern des Hofes, nach dem +maurischen Torbogen. Als sie durch die Vorhalle des Comaresturms +gingen, grüßte sie die von Fackeln beleuchtete Pracht des +Wasserbeckens, das die schimmernde, durchbrochene Stuckwand und die +Arkaden des Myrtenhofes widerspiegelte. Die Koransprüche an den Mauern +beirrten das Herz der Könige nicht. Das alles gehörte jetzt ihnen. Sie +hatten nicht den traurigen Ehrgeiz, Zertrümmerer der schönen Kunstbeute +zu heißen. Denn diese selbst zeugte für die Größe des Sieges, der +errungen worden war. Unter den rauschenden Fanfaren der Hornbläser +schritt das Königspaar in die Gemächer der Bäder hinab, wo in der Sala +de las Damas ein leichtes Abendessen bereit stand. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Im Hofe des Ayscha-Hauses, dicht neben den Bädern, ergingen sich +zuwartend jene Männer, die für eine besondere Aussprache von den +Herrschern empfangen werden sollten. + +Don Pedro de Solar Graf von Mora schritt mit dem Herzog von Osuna +erregt auf und ab. „Der König -- wirklich der König?“ fragte Mora +ungläubig. + +„Ihr möchtet wohl lieber von der Königin empfangen sein?“ lächelte der +Herzog. + +„Es ist eine Gnade ohnegleichen. Mich auszuwählen!“ + +Osuna senkte seine Stimme. „Man war heute ungnädig gegen uns. +Vielleicht will man es gutmachen.“ + +„Habt Ihr bemerkt, Herzog, wie der König sich erst meines Namens +entsinnen mußte? Mein Geschlecht, sagt man, gelte nicht viel in seinen +Augen. Mein Vater stand im Verdacht, allzu eifrig für die Cortes +gesprochen zu haben. Das vergißt Fernando nicht.“ + +Da trat ein Escudero mit einem Brieflein an den Grafen heran. Dieser +errötete. Der Herzog aber lächelte wieder. „Glücklicher Mann, der die +Gebete des Herzens wie ein Gott empfangen darf.“ + +Der Graf zerriß das Schreiben, kaum daß er es gelesen. „Es wiederholt +sich seit einer Woche jeden Tag. Ein Versegestammel arabischer +Gefühle auf gut spanisch. Und der Page ist schweigsam wie ein +Inquisitionsknecht. Sicherlich eine Hofdame mit einem Eulengesicht und +einem Entengang, sonst würde sie mehr Schleier gelüftet und weniger +Verse geschrieben haben.“ + +Der Herzog von Osuna wurde nachdenklich. „Seit einer Woche, sagt Ihr?“ + +„Es ist nichts Auffälliges daran.“ + +„Hm -- es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin, +Leonore de Uceda, in Granada weilt.“ + +Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? de Uceda? +Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche +Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern +beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der +Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“ + +Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der +Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte +eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann +lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie. +Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht +befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen +würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele +verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein +wollten.“ + +„Alles gut, Herzog -- aber eine Uceda! Und gerade mich?!“ + +„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt +bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter +nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige +Damen bereit?“ + +„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der +Graf. + +„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als +das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln +war ein gewagtes Stück.“ + +„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem +meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“ + +„Ihr kennt Kolumbus?“ + +„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in +Salamanca.“ + +„Ihr wart in Salamanca?“ + +„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde --“ + +„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und +Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der +ganz Kastilien spricht.“ + +„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“ + +Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro +de Solar zum Herrscher. + +Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen +Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor +dem schlanken Ritter. + +Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen +Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast, +das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um +die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf +grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also? +Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel +nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit +einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu +besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert. + +Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte +es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente +und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke +ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von +unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft. + +Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser +stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in +diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder +in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen +Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell +die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“ + +„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora. + +„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus dem +Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie +leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz --“ + +Don Pedro de Solar verneigte sich verwirrt. „O mein gnädiger König!“ + +„Doch -- Ihr seid -- unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern +und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“ + +„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie +gaben mir nur Blicke, keine Seele.“ + +„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“ + +„Und dann“ -- der Graf errötete --, „ich bin, was Schönheit angeht, +verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“ + +„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen. +Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch +glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen +sahen. Kennt Ihr -- Leonore de Uceda?“ + +Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in +einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als +hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm +diese Schmach --? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit +anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was -- +habe ich getan -- daß man mich -- so zu -- ehren sucht?“ + +„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht +kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich. + +„Ich kann dieses -- Geschenk nicht annehmen.“ + +„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst. + +„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu +sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“ + +„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr +verschmäht -- was -- ich geliebt?!“ + +„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen +zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine +Enttäuschung erleben.“ + +Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln, +die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich. +Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen +würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern +auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer +Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen +Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann, +der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein +empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen, +so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren +König geliebt --“ + +„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte +Graf de Mora. + +Der König wurde weich. „Schön gedacht -- doch das Leben fordert +Entsagungen. Wenn ich mich nun meines Innersten entäußere, so schätzt +die Ehre, die Euch zuteil wird. Wenn Ihr plaudert, seid Ihr verloren. +Ich habe eine Königin, ein herrliches Weib, ein gutes Weib, erfahren +und geschickt, staatsmännisch klug und beim Volk beliebt. Ritter +opferten ihr Leben für sie -- und dennoch -- ich habe neben ihr noch +andere geliebt. Ich altere und möchte das Sündenleben abgeschlossen +sehen um meiner Königin willen, möchte Gewesenes vergessen sein lassen. +Doch will ich nicht dabei verletzen, will erheben, will den schönen +Schatz nicht in Klostermauern begraben, sondern ans Herz eines Mannes +betten, der Mitwisser meines Leids geworden, aber zugleich Erlöser sein +kann. Eures Königs Schuld liegt vor Euch. Ihr habt in einem -- darf ich +sagen seligen? -- Augenblick ein Bild gesehen, das sonst Sterblichen +verwehrt ist. Euer König hat sich eines Gefühls begeben, er hat Wunden +aufgerissen, die ihn schmerzten. Habt Ihr, Graf, jetzt noch den Mut, +Euern Ehrgeiz höher zu stellen als Eure Herzenspflicht?“ Der König sah +den Granden durchdringend an. + +Don Pedro de Solar sah zu Boden. Er ward zum Zeugen königlicher Reue +gemacht. Doch in der Schwäche seines Herrn wurde er selbst stark. Er +stand als der Tugendhaftere und deshalb Beneidete vor ihm. Durfte er +sich also erniedrigen und eine Hand erfassen, die trotz der Königsliebe +unrein war? Die weggeworfene Frucht, wenn sie auch einen König +erfrischt hatte, als eine unversehrte hinnehmen? Durfte er Tröster +eines weiblichen Herzens werden, das seine Weiblichkeit zerbrochen? +Kein Kuß mehr wusch die Schmach der königlichen Umarmung weg. Es +gab freilich Beispiele aus des Königs Pedro Zeiten, den Spanien den +Grausamen hieß, Beispiele, die dem Ritter alle Bedenken zerstreuen +konnten, Beispiele ähnlicher Händel, die doch nicht entwürdigt und die +Händler sogar vor aller Welt ausgezeichnet hatten. Aber wer sicherte +sie vor dem Fluch der Nachwelt? Und was galten sie vor dem Stolz des +kastilischen Edelmannes? Der Graf besann sich nicht lang. „Ihr wollt +verschenken, was neben der Königin Euch am teuersten war? Darf ich +wagen, Euch zu bitten, Königliche Hoheit, einen andern zu beglücken?“ + +Des Königs Blick schoß Zorn auf den Ritter. „Und wenn ich Euch zwänge?“ + +„So müßte ich der Welt wissen lassen, wie sich der König seiner +Ritter bedient, um Liebesschulden aus seinem Leben zu tilgen. O meine +Königliche Hoheit, ich fühle die Bedrängnis dieses hohen Herzens, doch +-- Ihr könnt keinen Ungeschickteren wählen. Ich bin hart, streng, +versteh es nicht, auf den weichen Saiten einer Frauenseele zu spielen, +mein Sinn ist unstet, drängt nach Mannestat. Ich schwöre es, keinem +Menschen anzudeuten, was diese Stunde mir geoffenbart.“ + +„Bei Gott und Santiago -- das traf!“ sagte der König klanglos. „Doña +Leonore wird das Herz brechen.“ + +„Sie weiß -- von dieser Stunde --?“ + +Fernando nickte. + +„O Gott -- die Briefe -- Verse --?“ + +Abermals nickte der König. „Behandelt sie mit größter Achtung, wenn Ihr +jetzt zu ihr geht.“ + +„Ich soll --?“ erschrak Don Pedro de Solar. + +„Dies wenigstens werdet Ihr mir nicht versagen,“ bat der König ernst. +Er wies nach einer kleinen Tür. „Hier kommt Ihr auf einen andern +Korridor. Im ersten Zimmer rechts wartet jemand auf Euch, der Euch +die andre Hälfte dieses Apfels weisen wird.“ Der König nahm von einer +Fruchtschale die Hälfte eines rotbackigen Apfels. „Es ist ein Zeichen +des Verständnisses.“ + +„Der Gang ist schwer für mich. Doch mein König befiehlt.“ Der Graf +verneigte sich und ging. An der Tür hielt ihn der König auf. „Noch +eins: Ihr dürft nach Hispaniola segeln.“ + +„Oh, wie soll ich danken -- die unverdiente Gnade --“ + +„Es ist nur Vorsicht, nicht Gnade. Wir wollen nicht gern dem Menschen +in die Augen sehen, der uns schwach erkannt. Geht.“ + +Don Pedro de Solar stand in einem kleinen Korridor. Er überlegte. +Sollte er wirklich mit dem Weibe fertig werden, das so seltsam um ihn +warb? Aber er sah ein, daß es ihm ziemte, der Dame, die er verschmäht, +Gründe anzugeben, ohne sie zu beleidigen. Doña Leonore hatte Anspruch +auf dieselbe Wahrheit, wie sie der König bekommen hatte. Mit klopfendem +Herzen näherte er sich der Tür, die halb offen stand. Er wurde also +erwartet. Im nächsten Augenblick rieselten ihm süße Schauer durchs Mark. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Der Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin. +Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks, +aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer +Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen +Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen +sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus +mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der +Graf jetzt mit den Augen trank. + +Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl +hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer +Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen +Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder +baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die +goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der +Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und +das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña, +die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die +Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen +die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden +Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten +Geschöpfe gemacht. + +Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol +noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem +von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus +den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten +an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen +Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten +konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken +heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die +zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den +goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern +zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie +Unheil. + +„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt +-- in der Tat -- das hätte ich am wenigsten erwartet.“ + +„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora. + +Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine +dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige +Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche +Haltung waren Eigenschaften, die ein liebebegieriges Weib entflammen +konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in +Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den +kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären +und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und +verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann +sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch +fesselnder. + +„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche. +Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich +möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen, +deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte. + +„Und -- wie wollt Ihr -- behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu +sich kommend. + +„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß +sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an +Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“ + +„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen. + +„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“ + +Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr +ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in +Gefahr.“ + +Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als +Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als +Freundin ein.“ + +„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die +verführerischen Augen. + +„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe +heraus. + +„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum +daß ein Anfang gemacht war. + +„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“ + +„Und dazu diese -- Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale. + +Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte, +Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro -- versteht Ihr +so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart +beim König.“ + +„So wißt Ihr alles.“ + +Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das +ist, was Ihr mir zu sagen habt?“ + +„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit +sein eigen nennen soll.“ + +„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen +bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“ + +„Nun denn -- ich beneide den -- König.“ + +Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten +Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase +schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann +bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure +Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß +man die Wache ruft.“ + +„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“ + +„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“ + +„Doña Leonore -- ich schätze Euch -- den König, aber ich kann nichts +tun, um Euch -- glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel +haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle +verschrieben habt.“ + +Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib +zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes. + +Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore -- es ist ein Unwürdiger, +um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es +sein könnte.“ + +„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre +sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen. + +„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“ + +„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch! +Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie +erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter +Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum, +genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien! +Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in +Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den +Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken +der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe +-- liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich +verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“ + +Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der +Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte +sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor. +„Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“ + +„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer +Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte +ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren +Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann: +Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht +einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit +blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir +vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir, +hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht +das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit +solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das +war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“ + +„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine +Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“ + +Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s +heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie +zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre +Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht +diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen. +Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König, +mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden +wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von +Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht +gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie +heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen. + +Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin. +„O Gott -- verzeiht mir -- Eure Schönheit -- ich will -- gebt mir +Bedenkzeit --“ + +Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich --? Nicht stürmen wollen? +Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr -- o begreift +Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist? +Diese Schmach richte der König!“ + +Der Graf sprang auf. „Ich komme von ihm. Er weiß alles.“ + +„Und er?“ Ihre Blicke durchstachen ihn. + +„Ich darf nach Hispaniola segeln.“ + +Da senkte Doña Leonore das Haupt. „Das bricht meinen Stolz,“ sagte sie +leise, wie in Wehmut aufgelöst. „Ich ahne nun alles. Ihr liebt eine +andre.“ + +Der Graf schüttelte das Haupt. „Ich liebe kein Weib. Der Verdacht ist +begreiflich. Aber dann wäre es mir leicht, Euch auszuschlagen.“ + +„Was also gefällt Euch nicht an mir?“ Sie ließ mit wollüstigem +Begehren die Lippen halbgeöffnet spielen. Durch das Netz der Mantilla +schimmerte die wogende elfenbeinerne Haut. + +„Ich bin für ein Weib nicht geschaffen. Und wenn Ihr der himmlische +Engel selbst wäret --“ + +„Und das sagt dieser, den die schenkende Natur mit allen Vorzügen +des Geistes und des Körpers gebildet! Quäler, besinne dich, ehe ich +mich entschließe, auf dich zu verzichten.“ Ihr Auge schillerte in +schwärzlichgrünen Lichtern, und der Graf mußte unwillkürlich an die +Schlange denken, die ihre Opfer vor dem Anfall bestarrt. + +„Laßt die Zeit Helfer sein. In den nächsten Tagen schiffe ich mich ein +-- Hispaniola soll --“ + +„Unselig Land, das uns die Besten weglockt! Verflucht sei Kolumbus, der +uns Frauen arm macht!“ + +„Das Leben unter einer andern Sonne muß schön sein. Hier drückt die +Luft, zermürbt der soldatische Gehorsam den Menschen. Ich möchte aus +der Schule der Manneszucht endlich ins Leben selbst übergehen.“ + +„Leben ohne Frauenliebe?“ Ihr Wollustatem stöhnte leise zwischen den +Zähnen, und sie zerrte an der rosafarbenen Schleife über dem Busen. + +„Vielleicht bleibt mir das kostbare Geschenk Liebe für eine Zeit +aufbewahrt, da ich es besser zu schätzen weiß.“ + +Verlangen und Scham kämpften in ihren letzten fordernden Blicken. +„Mein Blühen währt nicht ewig. Verwelkte Blumen wird ein Graf de Mora +nicht einmal mehr bemitleiden können, wenn er die Kraft nicht hat, die +blühenden zu lieben. Verflucht seien meine Reize, wenn sie so machtlos +sind.“ Sie sprang auf. „Ihr habt mich würdelos gesehen. Eine Frau +vergißt das nicht. Eure Augen waren die Zauberformel für mein Unglück, +aber ich werde diese Augen zu vergessen suchen. Weh Euch, wenn ich’s +nicht vermag oder wenn ich dahinter komme, daß Euch andre Gründe, +verschwiegenere, bestimmten -- Gründe des gebundenen Herzens --“ + +Graf de Mora lachte auf. „Dann kann ich sicher ruhen. Ich liebe kein +Weib. Bin ich entlassen?“ + +Ihre Augen wichen ihm aus. Aber sie gab den Kampf um ihn auf. Mora +wollte in einer Aufwallung zärtlichsten Mitleids ihre Hand ergreifen. +Sie entzog sie ihm. „Mögt Ihr nie bereuen, diese Stunde so geendet zu +haben. Lebt wohl!“ + +Hinter dem Grafen schloß sich die Tür. Leonore wankte nach einem +Sessel. Sie hatte das Gefühl eines fürchterlichen Erwachens. Sie, die +eines Königs Liebe besessen, hatte würdelos um eines Mannes Liebe +gerungen. Wo war ihr Stolz im chaotischen Sturm der Sinne geblieben? +Und doch fühlte sie, daß nur der innerliche Schrei des Tiers, das +Aufzucken wilder Mächte in ihr, die ererbte Begierde, die nach dem +Manne schlechtweg fieberte, diese Stunde herbeigeführt hatte. Der +unersättliche Trieb der Malagueñas loderte in ihr, der im Lande +sprichwörtlich war. Man sagte den Frauen aus Malaga nach, sie hätten +vom Meer die Wildheit und Wandelbarkeit gelernt. Doña Leonore empfand +es als eine Schmach, daß dieser Ritter gegen sich und sie ankämpfte. +Dann blieb ihr nur eines mehr: zu hassen, wo sie nicht lieben konnte. +Es war der selbstverständliche Schluß ihres weiblichen Gefühls, den ihr +Verstand unterschrieb. + +Sie ordnete ihr Haar, trocknete die verweinten Augen, salbte ihre +geröteten Wangen und wurde wieder eitel. Sie mußte zum König. Aber +sie mußte als Stümperin vor seine Augen treten. Der König hatte sich +in der Macht ihrer Reize verrechnet. Er würde sie wohl auf eine +andre Weise zärtlich verabschieden. Tröstungen der Einsamkeit -- +die Franziskanerinnen von Santa Isabella haben schöne Gärten -- und +Kastanienwälder --. Sie schauerte zusammen. Und plötzlich überfiel sie +der Gedanke an den Mann, der einst ihre Kleinheit aus dem Schatten +zur Größe gehoben hatte: Pater Leon. Sie wollte den halbvergessenen +Dominikaner um die Entwirrung ihrer Liebesfrage angehen. Er hatte mehr +als ihr Herz in ihrem Leib gesehen. Und ihm verdankte sie die Nächte in +einem Königsbett. + + + + +Achtes Kapitel + + +Der Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de +Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer +Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden +Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in +den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen +Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die +Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken. + +Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen +Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche, +aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein +freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen, +und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts +Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In +klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das +Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen +sollen? + +Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch +betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er +durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von +Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten. + +Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren +blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen, +schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des +Imams Auge verdunkelte sich. + +„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger +begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder +einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns +Wege der Beredung zeigen.“ + +Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war ein großer +Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen +zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren +Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen. + +Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem +Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch +wohl in unserm Glauben?“ + +„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche +Maure. + +„Wer bekehrte Euch?“ + +„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure +Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie +würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber +eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den +Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand. +Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und +sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“ + +Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit +schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit +sich zu ziehen. + +Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der +Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“ + +Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit, +der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die +Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein +Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten +Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten +Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen +Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen, +überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in +dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’ +Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher +Einbildungskräfte. In der Franziskanerzelle, in der Waldklause von +Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter +dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das +Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst +maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem +irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben +die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen +ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne +der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam +zerfiel. + +Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen +Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds +Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot. +Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre. + +Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den +Königen allein. + +Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner +geliebten Leonore. + +Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß +des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille +entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch +den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß +eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur +auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden, +der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug. + +Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte +erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im +Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der +Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer +sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es +nagte an dem fanatischen Priesterherzen. + +Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach. +Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der +einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte +sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen +Habsburger Prinzen verheiratet war. + +„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten +beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner +Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz +Eurer Feinde.“ + +Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück. +Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen +Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König +brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den +Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren +zu verteidigen.“ + +Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und +sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische +Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen +Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten +bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme. +„Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen +trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt +die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher +vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den +Mönch Ximenes hierher berufen?“ + +„Beides,“ sagte die Königin. + +„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht. +Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir +brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren +außerhalb unseres Glaubens.“ + +„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr +könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre +daran nichts zu ändern. + +„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler. + +Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes +zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch +Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“ + +Ximenes dankte innig. „Ich habe den Großinquisitor Deza gesprochen.“ + +Wie staubige dicke Luft drückte der Name auf das Gemüt der Könige. + +„Er hat mir Vollmachten erteilt. Es wäre wünschenswert, wenn die +königlichen Befugnisse sich mit seinen deckten.“ + +„Sie sollen es,“ sagte Isabella gefügig. + +Ximenes stach mit zwingenden Blicken in das Herz der Regentin. „Noch +kennt Ihr die Vollmacht nicht. Aber es ist freilich oft besser, wenn +Könige über gewisse Dinge nicht viel erfahren, sie haben dann weniger +Verantwortung vor der Menschheit.“ + +„Und auch vor Gott?“ fragte der glaubensstarke Herrscher. + +„Wir nehmen die Angst der Könige auf unser Gewissen.“ + +„Mit welchem Recht?“ + +„Mit dem Recht des Stärkern. Wir glauben so fest, im Namen unseres +Gottes zu handeln, daß kleinliche Bedenken unsere Handlungen +nicht beschränken können. Wir nehmen doch auch die Handlungen der +-- Inquisition auf unser Gewissen. Die sechstausend brennenden +Menschenfackeln des Torquemada, die zehntausend im Bildnis Verbrannten, +die hunderttausend sonstig bestraften Christen -- das sind Zahlen, die +Könige mit weltlichem Sinn nur schwer verantworten könnten. Anders +ist es, wenn das Gewissen der Könige unter der Vormundschaft der +gottgewollten katholischen Kirche steht. Welchen Reichtum verdankt +uns das königliche Haus! Die eingezogenen Güter der Maranen haben den +Kronschatz beträchtlich vermehrt. Könige brauchen Geld. Wir können es +nicht mehr den Kisten getaufter Juden entnehmen. Die Moriskos sind +einfältiger.“ + +Isabella legte erblassend die Hand aufs Herz. „Ist das Euer Ernst?“ + +„Ich sehe betroffene Mienen,“ sagte der Kanzler kühl. „Das schwankende +Gemüt der Einfältigen ist unser Feind und -- Freund. Fließt nicht +aus der strengen Ordnung reichlicher Gewinn in den Königsschatz? +Ein Fünftel des eingezogenen Gutes gehört den Königen. Wollen die +königlichen Hoheiten nur lässige Verwalter eines so schönen Vermögens +besitzen? Und was sagte einst Pater Albarca, als Kolumbus die +hispaniolischen Länder entdeckte? ‚Die Entdeckung neuer Länder war +Gottes Lohn an die Könige für die Unterjochung der Juden und Mauren.‘ +Im selben Jahr, da wir Granada eroberten, entdeckte Kolumbus das neue +Reich für die Könige. Wunderbare Fügung Gottes! Sichtbarer konnte +sich der Himmel nicht offenbaren. Der Glaube des Kolumbus eroberte +Westindien. Soll der Glaube der Könige schwankender sein?“ + +Fernando spielte unruhig mit den Fingern. Der Gedanke an die +Bereicherung durch die Inquisition drängte alle sittlichen Bedenken in +den Hintergrund. Zum Überfluß deckte dieser Priester vor ihm mit seinem +Hirn die königlichen Gewissen. „Ihr versteht zu überzeugen,“ sagte er +mit schwerem Atem. + +„Ich bekomme Vollmacht?“ Der Eifer des Primas suchte den Augenblick zu +erhaschen. + +Der König nickte. + +Ximenes atmete auf. „Wir brauchen noch vornehme Mauren zur Bekehrung.“ + +Fernando dachte nach. „Da sind die Abencerragen -- aber dem Boabdil zu +stark verpflichtet. Die Beni Mossad -- alle in hohen Ämtern, aber zu +strenge Mohammedaner. Dann wäre -- wie hieß er nur -- Leon sprach mir +von ihm -- er ist erst seit kurzem hier -- die Mauren verehren ihn wie +einen Santon, einen Heiligen.“ + +„Vielleicht ein Imam?“ fragte Ximenes. + +Die Königin entsann sich des Mannes. „Ihr meint Abu Atir. Wenn er auf +der Straße geht, folgt ihm ein Schwarm gelehrter Mauren.“ + +„Ich muß ihn sprechen,“ sagte der Kanzler rasch. „Ein Moseswort zur +rechten Zeit öffnet einem Felsenquell den Weg.“ Dann besann er sich. +„Noch eines. Die allzu große Nähe eines Königs bei den Untertanen macht +leicht mitleidig und nachsichtig. Die Edikte, aus der Ferne gegeben, +werden von einem strengern Geist diktiert sein.“ + +„Ihr sollt sie von Sevilla empfangen,“ sagte der leicht beeinflußbare +König. „Wir reisen.“ + + + + +Neuntes Kapitel + + +Mönche zogen durch Granada, trugen ein Marienbild, sangen dunkle +Psalmen und umräucherten das kunstlos verfertigte Abbild der heiligen +Jungfrau. Jedermann mußte es wissen: das Bild wurde auf der Silla del +Moro in der Nähe eines alten Palastes gefunden, und daher erschien +es gottgesegnet. Man ließ es sofort weihen und im feierlichen Umzug +nach der Alhambramoschee bringen, wo jetzt die großen Messen gelesen +wurden. Bald raunte man sich zu, das Bild habe Kranke geheilt, die am +Wege lagen, welchen die Prozession ging. Ein Wunderbild! lief es durch +die Gassen. Das Königspaar begleitete das Bild. Es war der letzte +feierliche Akt vor der Abreise nach Sevilla. + +Die Sonne stand hoch. Der Staub warf Wolken um die Ornate der Priester. +Spitz klangen die Glöckchen der Meßknaben. + +Der Graf de Mora führte seine gelben Lanzenreiter zu seiten der +Prozession. Die gaffenden Mauren bewunderten sein herrliches Pferd, +einen weitnüstrigen Renner mit dichtem Schweif. Und der Reiter, gleicht +er nicht dem Cid oder einem Palatin? Hinter den vergitterten Fenstern +starrt manch dunkles Auge und brennt manch heimlicher Wunsch. + +Da stockt der Zug der hymnensingenden Kinder. Aus einer Nebengasse +Geschrei, Fliehen, Menschengewirr -- dann Hufegepolter. In die Menge +rast ein Pferd ohne Reiter. Knäuel -- schreiende Haufen -- starke +andalusische Arme bändigen das Tier. + +Graf de Mora drängt plötzlich heran. „Wem gehört das Pferd?“ + +Die Mauren flüchten vor ihm. Einer zeigt in die Gasse, die nach dem +Albaycin ihr Loch öffnet. „Nashun! Nashun! Ein Unglück!“ geht es von +Mund zu Mund. + +Ein Maure drängt sich aus dem Knäuel von Leibern, hinter welchem ledige +Pferde am Zügel gehalten werden. „Ein Mädchen stürzte vom Pferde, Sidi.“ + +„Wenn es nicht mehr ist!“ Der Graf will weiterreiten. Da öffnet sich +der Kreis der neugierigen Menschen, und der königliche Hauptmann sieht +ein reichgekleidetes Mädchen in der Maurentracht am Boden liegen, +daneben kniet ein bibelhaft ehrwürdiger Greis mit Samaritergebärden, +Männer und Frauen in Neugier zusammengeklumpt. + +Eine Maurin! schießt der Haß durch des Grafen Gemüt. „Macht Platz!“ +fordert er. Und er sieht nun das Weib näher an. Mit vorsichtiger Hand +zieht eben der Greis den Schleier von dem Gesicht, das bleich mit +geschlossenen Augen auf dem Arm einer Dienerin liegt. + +„Meine Charka, mein Liebling -- sag’, daß du lebst -- öffne die Augen +-- lebe, lebe! Allah akbar! Gott ist groß! Lebe, lebe, meine Reija!“ +Die Angst bröckelt sich von den Lippen des Alten. Und neben ihm heult +eine Sklavin. + +Der Graf sitzt regungslos im Sattel. Das Gejammer rührt ihn nicht. +„Warum mußtet Ihr gerade jetzt ausreiten, da die Prozession geht?“ +fragt Don Pedro de Solar. Wenn es nach mir ginge, denkt er hinzu, diese +Mauren müßten büschelweise ihre Haare lassen. Aber dabei wendet er +keinen Blick von dem braunbleichen Gesicht am Boden. + +Der Greis deckt den Schleier sorgsam über die Wangen des Mädchens. Und +im nächsten Augenblick horcht sein Ohr an der Brust der Ohnmächtigen. +„Sie lebt!“ Es reißt seinen Oberleib auf, Freude strahlt in seinen +Augen. Sie lebt! Sie lebt! Die Burnusse fliegen hin und her. + +„Wer ist der Greis?“ fragt Mora einen Mauren. + +„Er gibt uns das Brot des Himmels, legt den Koran aus -- Abu Osmin Ben +Atir -- oh, daß du das nicht weißt, Sidi.“ Die Umstehenden schauen +verwundert. Nein, daß er so was nicht weiß! + +Don Pedro de Solar wendet sein Pferd. Das also ist der Imam! Der +Glaubensnährer der Irrgläubigen! Und das junge Mädchen -- ein +Enkelkind? Eine Favoritin? Der Graf drängt sein Roß zur Prozession +zurück. Seine Gedanken versuchen sich in die Gesänge der Mönche +einzuweben. Aber der sonderbare Greis will ihm nicht aus dem Kopf. +Und das Mädchen --? Was kümmert ihn das alles? Er ruft seinen +Lieblingsheiligen, den Mann von Assisi, an. Gebetsbrocken fliegen von +seinen Lippen. + +Langsam steigt der Zug die Gomeresgasse zur Alhambra hinauf. Hinter +Berberfeigen und Kaktushecken öffnet sich jetzt der Blick nach dem +Albaycin. Der Graf hält das Pferd an und blickt in das blendende +Häusergewirr der Terrassenstadt hinab. Gleich darauf setzt er mit einem +kräftigen Schenkeldruck das Roß wieder in Gang. Und dann versucht +er aus dem Gassenzickzack die Stelle herauszufinden, wo das Unglück +geschah. Ob sie wohl noch daliegt? huschte es durch die Gebete an den +Blumenheiligen. Welch ein Glück, einmal das unverhüllte Antlitz einer +Maurin -- pah! Sein Pferd bäumt sich unter dem Druck des Stachelsporns. +Dieser wilde Hauptmann stört die Weihe der Prozession. Selbst das +blumengeschmückte Bild der Jungfrau schwankt in der Luft hin und her, +als litte es an der Unruhe des Reiters in seiner Nähe. + +Vor dem Tor der Gerechtigkeit empfing Ximenes das Bild mit dem +Allerheiligsten. Alle Glocken läuteten. Die Menge sank aufs Knie. + +Des Grafen Gedanken lagen nicht unter dem Segen des Primas. Er spielte +mit dem Namen Agarenos, mit dem der Spanier die Mauren als Nachkommen +der Hagar bezeichnete. Ob wohl Hagar auch so schön -- + +Die Ministrantenglöcklein bimmelten. Die Leute erhoben sich. Don +Pedro de Solar hatte noch immer die Degenspitze zur Huldigung gesenkt. +Erst der Krach aus der Donnerbüchse auf dem Velaturm ließ ihn +zusammenschrecken. + +Die feierliche Besitznahme des Wunderbildes war zu Ende. Der Graf +entließ seine Reiter und schritt in seine Behausung in der Torre de las +Damas in der Alhambra. Hier empfing ihn sein Lieblingsdiener Chispazo, +ein aufgeweckter Dörfler aus der Vega, und dieser schnallte ihm die +Rüstung ab. + +Die harte Natur des Grafen paßte wenig in die Weichheit des kühlen +Raumes, der sich mit seinen Ajimezesfenstern gegen die grüne +Gartenpracht des Generalifes, des Lustschlosses der maurischen +Könige, und auf den Albaycin öffnete. Die flimmernden Stuckornamente +zauberten wollüstige Stimmungen hervor, die zu dem Weiberfeind im +grellen Gegensatz standen. Don Pedro de Solar wußte mit diesem Sinn +für schillernde Farben, verschlungene Linien und geometrische Figuren, +mit dieser Anhäufung von Bogen über Bogen, mit diesen spielerischen +Säulchenfenstern aus Jaspis und Marmor nichts Rechtes anzufangen. Ja, +er haßte diese üppig wuchernde Phantasie, die Männer umgeworfen und +ein ganzes Reich zerstört hatte. Der Mauren Geist unterwarf sich den +Sinnen, meinte er, und was diese wollten, gestaltete jener. Ihr Trumpf +war Genußsteigerung auf allen Gebieten der Lebensfreude, trotzdem +Mohammed seinen Jüngern Mäßigkeit und allerlei Verbote gegeben hatte. +Das Volk nahm von seiner Religion das, was ihm bequem war, und die +Kalifen waren die Vorbeter dieser Bequemlichkeit. + +Der Graf ließ sich den Schweiß vom Leib reiben. Kühl wehte es von +den Mauern, während draußen die Sonne ihr Gold über Buschwerk und +südländische Gartenpracht warf. Das Generalife leuchtete mit seinem +Gemäuer wie Schnee aus der dunklen Zypressen- und Myrtenumrahmung. Der +Graf hatte kein Herz für den Gartentraum poetisch sinnender Emire, und +nur die Freude an Abenteuern steckte ihm vom Großvater her im Blut, +der einst auf maghrebischem Boden allerhand wilde Fahrten unternommen. +Das unverspottete Rittertum hatte es ihm angetan. Lanzenwerfen, +Armbrustschießen, Degenkreuzen, Rosse tummeln, Heilige beschützen -- +das betrieb er mit der ernsten Seele des Kastiliers. Und solche Männer, +meinte er, brauchte das neue Land jenseits des Ozeans. Lieber heute als +morgen wollte er hinüber. + +Morgen? Heute? -- In wenigen Tagen vielleicht -- oder auch -- + +Der Graf trat ans Fenster, das nach dem Albaycin sah. Einmal sollte +er doch wieder dort hinüberschauen, um die Marktverhältnisse zu +untersuchen. Man sprach von Übervorteilungen. Dann gingen Gerüchte, +daß Berber gekommen seien. Die afrikanischen Gäste liebte der Spanier +nicht. Sie erinnerten die Mauren allzusehr an schönere Zeiten. + +Draußen tönte die helle Stimme seines Freundes Hernando de Rojas. + +„Pedro, Pedro, ich hab’s!“ Der Lizentiat stürmte erregt herein. + +„Was hast du?“ + +„Ich trank den Montillo in der Venta der schönen Hexe Dolores --“ + +„Das ist alles?“ fragte enttäuscht der Graf. + +„Und da konnte ich die Inschrift entziffern.“ + +„Bei Santiago! Was meinst du für ein Ding?“ + +„Die westgotische Inschrift des Königs Witterich über die Erbauung +einer Kirche an der Mauer der Königsmoschee.“ + +„Wenn das die ganze Ausbeute deines Schenkenbesuches ist!“ + +„Den Kuß der braunen Dolores nicht zu vergessen. Ach, was weißt du +von dem Taumel, der die ganze Wissenschaft von Salamanca bis Upsala +ergreifen wird. Du bleibst kalt wie ein -- kastilischer Graf.“ + +Das leichte Geblüt, von der valencianischen Küste als Wiegengeschenk +erhalten, machte den jungen Gelehrten leicht zum Freund. Auch viele +Frauen liebten seinen Frohsinn, der alle Lebensschwere übersprang +wie ein Stierkämpfer die Arenawand. Mühelos wußte er sich den +Zufälligkeiten des Lebens anzupassen, nie trugen seine Feueraugen den +Schleier des Trübsinns, die helle Stimme polterte manchmal überlaut, +wenn sich de Rojas in einen Gegenstand verbiß. Er liebte die Künste +und hatte Sinn für maurische Vergangenheit, aber einen besondern Eifer +für Recht und Gerechtigkeit. Die Frauen behaupteten, daß ihm die +enganliegende grünseidene Jacke und die andalusischen Beinkleider mit +der Doppelreihe von Silberknöpfen an der Seite bis zu den Knien herab +besonders schön kleideten. Und Hernando hielt viel auf die Aussprüche +der Frauen, denn er liebte sie alle. Er hätte mit derselben Glut, die +noch aus den Studententagen von Salamanca stammte, Wikingerweiber wie +Indianerfrauen umarmt. + +Hernando wickelte ein Holzschwert, dessen Schneide aus +Obsidiansplittern bestand, aus einer Leinenhülle. „Sieh -- aus +Westindien!“ + +Dem Grafen glänzte das Auge. „Das nenn’ ich Waffe. Wer brachte es mit?“ + +„Mein Freund Gomares, der aus Haiti kam. Aber er brachte auch böse +Nachricht. Des Kolumbus Widersacher sind am Werk. Er selbst dringt +von Land zu Land vor und kümmert sich nicht um die Mannschaften, die +die Orte besiedeln. Man rüstet in Bälde ein Schiff unter Francisco +de Bobadilla. Er soll Kolumbus beiseite drücken. Du kannst also +hinübersegeln und deinen Traum wahr machen.“ + +Don Pedro stand beim Fenster, die Augen nach dem Albaycin gespannt. +„Wenn Kolumbus fällt, mögen Könige selber Länder entdecken. Fernando +wird ihn vergessen, er vergißt überhaupt schnell Verdienste.“ + +„Du hast finstre Augen. Ist etwas vorgefallen?“ + +„Nichts.“ Der Graf bereute es jetzt, daß er sich so rasch die Zunge +binden ließ. + +„Es gab viel Unruhe bei der Prozession, hörte ich.“ + +„Nichts von Bedeutung. Ja -- der Imam -- wie hieß er nur? -- Abu Atir, +glaube ich --“ + +De Rojas horchte auf. „Der bei Boabdil den Koran las? Er soll weiser +sein als der Bischof von Avilla. Ein weißhaariger Mohammedaner mit +einem Prophetenbart --“ + +„Er fiel vom Pferde -- doch nein -- nicht er -- sein Mädchen -- was +weiß ich --?“ + +Hernando hörte kaum zu. „Abu Atir! Das trifft sich gut. Er soll +mir Lieder sammeln helfen.“ Der Lizentiat breitete ein paar +arabisch beschriebene Blätter vor dem Grafen aus. „Romanzen aus der +Almohadenzeit. Ich hab’s übersetzt.“ Und er las mit der Genießerfreude +des Kenners eines jener sinnlich-schwülen Phantasiegebilde, die die +Kalifendichter ihrem Herrn auf den Teppich legten, wenn er schlecht +bei Laune war. Das Lied stammte von einem schwelgerischen Zecher, der +Mohammeds Verbot ein Schnippchen schlug. „Sie kam, vom Mantelsaum der +Nacht umhüllt, zu mir als Traumbild wie die Berggazelle. Von ihrem +Mund die Feuchte trank ich bald, und bald des süßen Weines goldene +Welle, bald küßt’ ich ihrer Wangen Abendrot, von ihren dunklen Haaren +überschattet. Am Stab des Orion schlich die Nacht schon altersgrauen +Hauptes und ermattet. Langwallenden Gewands mit blonden Locken kam dann +der Tag und lächelte voll Wonnen, in seines Mundes Zähne, die Jasminen, +verliebte nach dem Regen sich die Sonnen, in seinen Kleidern schwankten +duft’ge Sträucher und löschten ihren Durst in kühlen Flüssen, wir aber +brauchten Regen nicht, da Arm in Arm wir lagen unter Tränengüssen.“ + +Des Grafen Seele wußte mit dem klingenden Kleinod nichts anzufangen. +„Das mag für Kalifenohren taugen. Ich will Degenklirren hören. Hast du +so was in deiner Tasche?“ + +Hernando lachte auf. „Euer Gnaden haben zu befehlen.“ Er zog etwas +anderes ans Licht. Omajadenruhm erklang, überschwenglich und breit. +Kampflärm tobte und Christenschädel flogen rechts und links in +den Sand. Aber am Ende triumphierte doch ein edleres Gefühl: „Der +schlimmste Feind ergibt sich endlich ihrer Macht, doch übergroß nach +ihrem Sieg ist ihre Huld.“ + +„Sie prahlen immer, diese Agarenos,“ sagte der Graf geärgert. „Wer +Sieger ist, knechtet den Besiegten, immer -- immer. Die Huld ist +Dichterlüge.“ + +„Womit soll ich nun einen Übellaunigen erheitern? Mit +Inquisitionsurteilen? Mit der Nachricht, daß Ximenes maurische Bücher +verbrennen will? Darum habe ich den Schatz hierher gerettet.“ + +„Man sollte auch die Besitzer verbrennen, um das Gift ganz auszurotten.“ + +„Ob’s ohne Widerstand abgehen wird? Der Koran ist ihr Heiligstes.“ + +Don Pedro rührte sich nicht vom Fenster weg. Der Alcazar, die +Maurenburg, leuchtete herüber. „Ei, dort Feuer anzünden! Das ganze +Rattennest verbrennen!“ Er rief nach Chispazo. + +Der flinke Bursche eilte herbei. „Weh mir!“ + +Hernando gab ihm einen Puff. „Was heulst du, Junge? Noch bevor ein +Unglück dich anschreit!“ + +„Weil ich ihm zuvorkommen will, dann wendet man es ab.“ Er zwinkerte +pfiffig. + +„Wie du ausschaust! Dein Gesicht eine Stachelwildnis!“ zürnte der Graf. + +„Nur damit sich kein Weib in meine Reize verfängt,“ lachte Chispazo. + +„Du liebst die Weiber nicht?“ fragte Hernando. + +„Alle, aber nicht eines. Wer viele Weiber liebt, braucht nicht Angst zu +haben, eine heiraten zu müssen. Und wer eine heiratet, liebt die Frauen +nicht mehr, die eigene mit inbegriffen.“ + +„Laß deine Fanfarronadas, Affe!“ + +„Nehmt sie für andalusisches Salz[1], Herr!“ + + [1] Damit bezeichnet man den andalusischen Witz des Volkes + +Der Graf nahm den Schwätzer beim Ohr und zerrte ihn zu sich heran. „Du +gehst in den Albaycin -- was wollte ich sagen -- ja, in den Albaycin +und hältst dort Nachschau -- wie doch oft Gedanken entgleiten -- fragst +nach der Stimmung in den Häusern. Man sagt, die Inquisitionsurteile +seien schon durchgesickert.“ + +„Verlaßt Euch, Herr, auf mich. Ich weiß Geldmittel zu gebrauchen, wenn +sie die Euren sind. Ich will in die Häuser schleichen, ohne mich lästig +zu machen. Wann soll ich zurück sein?“ + +„Noch am Abend. Und so nebenbei fragst du --“ des Grafen Finger +spielten unruhig mit den Versblättern des Freundes -- „wo der Imam Abu +Atir wohnt.“ + +„Das muß ich mir erst buchstabenweise auf meine Gehirntafel schreiben, +sonst fällt es in ein Nichts. Abu -- das heißt Vater -- Atir -- also +Vater Atir -- hm, ich weiß nicht, ob man im Albaycin sämtliche Väter +kennen wird. Aber Atir wird doch wohl den richtigen Vater ausfindig +machen.“ + +„Ja -- und noch eines -- so ganz nebenbei fragst du auch -- nach dem +Mädchen, das heute vom Pferd gestürzt --“ + +Hernando horchte auf. „Ein Mädchen, sagst du?“ + +„Ich sprach doch vorhin davon, aber du warst in Hispaniola.“ + +De Rojas setzte sich rittlings auf den Stuhl. „Man muß es in die Welt +posaunen: Graf de Mora fragt nach einem gefallenen maurischen Mädchen. +Die Sterne gehen also von heute an verkehrt. Hat dich die Zauberin +Urganda verhext?“ + +„Zum Teufel mit dem Spott! Ich sah sie leblos liegen, vielleicht ist +sie tot.“ + +„Dann wäre ja dein Wunsch nach Ausrottung der Sippschaft mit einem +schönen Anfang gesegnet, und du könntest eine liebliche Leichenschau +halten.“ + +„Gut denn, Chispazo, du fragst nicht nach dem Mädchen. Aber wo Abu Atir +wohnt.“ + +Der Diener sprang davon. Don Pedro de Solar fühlte beim Fenster die +Pulse brennen. Und er hatte keinen aufregenden Wein getrunken. Tanzte +die Sonne aus ihrer Bahn? + +„Was willst du vom Imam?“ fragte Hernando. + +Der Graf wich aus: „Ximenes will ihm auf den Zahn fühlen. Er soll +großen Einfluß bei den Mauren haben. Wenn er klug ist, wechselt er den +Glauben.“ + +„Vielleicht besitzt er aber eine Tugend, die größer ist als Klugheit: +die Überzeugungstreue.“ + +„Dann wird Ximenes Mittel haben -- aber darüber mag er sich den Kopf +zerbrechen. Komm, die Küchenglocke! Graf Tendilla wartet nicht gern.“ + +„Dein Maurengrimm wächst sich zur Löwengröße aus. Das kann gefährlich +werden.“ + +„Sicherlich für die Mauren.“ Der Graf lachte mit blanken Zähnen. + +„Vielleicht auch für dich,“ sagte Hernando mit merkwürdiger Betonung. + + + + +Zehntes Kapitel + + +In einem maurischen Palast auf der Bibarrambla arbeitete Ximenes +mit einem jungen Franziskanermönch Ruyz de Alcala an der religiösen +Umgestaltung des Maurentums. Auf einem Tisch lag neben dem reichen +Bekehrungsmaterial auch ein wohlgeordneter Anklagestoff in Form von +Schriften und Büchern. Der Vikar Pater Juan de Leon, das Haupt der +priesterlichen Gewalt in Granada, hatte mit Bienenfleiß Rückfallsklagen +gesammelt, und seine Familiares, die Schergen der Inquisition, sorgten +täglich für den Zuwachs an Opfern. + +Die Kerzen brannten über stark schmelzenden Wachsklumpen. Ihr Geruch +mischte sich mit dem Moderduft des Patiogartens und legte sich süßlich +auf die Gaumenhaut. + +Gestützt auf seine treuen Franziskaner, humpelte der Erzbischof +Talavera, von dem Dominikanervikar Leon begleitet, herein. Freundlich +begrüßte ihn der Primas. Dann reichte er dem Jünger des heiligen +Dominikus die Hand. + +Das feurige Auge des wohlgewachsenen Vikars funkelte im Kerzenschein. +Dieses Auge, der grausam-sinnliche Neromund und die bis zur Nasenwurzel +geschlossenen dunklen Brauen verrieten Härte und Unbeugsamkeit. + +Ximenes lud die Gäste ein, auf den Zederstühlen Platz zu nehmen. Der +verworrene Stimmenlärm vom Platz der Bibarrambla, auf den die Fenster +des Gemaches gingen, hörte sich wie ein aufgeregtes Meer an. Von Zeit +zu Zeit pfeilten laute Stimmen herauf, Kaufleute schrien ihre Waren aus +und der Ruf der Wache schaffte irgendwo Ordnung. + +„Ein bewegliches Volk,“ lächelte Ximenes. „Es muß auf seine Weise +genommen werden.“ Er sah nach der Tür. „Pater Angelus!“ Ein alter +Franziskaner schob sich in die Türspalte. „Sorgt, daß niemand am Gange +sei.“ Der Mönch schloß unterwürfig die Tür. + +„Kennt Ihr den Imam Abu Atir?“ fragte der Primas den Erzbischof. + +Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“ + +Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine +Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten +müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen --“ Ximenes schien +ablenken zu wollen -- „die Moscheen müssen fallen.“ + +Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt +es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme. + +Der Kanzler legte sich breit in den Stuhl zurück. „Ich treibe nicht +im uferlosen Meer des Glaubens, kenne nicht Sturm und Wellen auf der +Meerfahrt, denn meine Ufer heißen Glauben und Gott. Klar und getreu ist +meines Gebetes Inhalt: Glaubensverbreitung, wo Menschen atmen. Diese +Mauren sind ein leicht erregbares Volk, aber gerade darum für unsern +Glauben leicht zu gewinnen.“ + +„Da sprecht Ihr wahr,“ sagte Talavera froh darüber, daß er mit Ximenes +eines Sinnes sein konnte. „Und sie sind auch ein gutes Volk, darum auch +für die Güte empfänglich. Habt nur Geduld. Mit ihr könnt Ihr Kiesel in +Rubine verwandeln. Gelingt es heute nicht, gelingt es morgen. Schont +sie nach Möglichkeit und laßt ihnen die Moscheen.“ + +Der Primas furchte die Stirn. „Die Worte würden einem heiligen +Chrysologus Ehre machen. Doch es gibt Zeiten, wo Christus mit der +Geißel mehr notwendig ist als der sanfte Heiland, der Magdalenentränen +kühlt. Nicht wahr, Leon?“ + +Der Dominikaner nickte. Seine Lippen waren hochmütig verzogen. „Man +darf die Mauren nicht immer mit Rosinen füttern wollen, die sie so sehr +lieben.“ + +„Leon!“ warnte der Duldergeist Talaveras. „Eure Jugend kann in den +Mitteln irren.“ + +Ximenes legte dem greisen Gottesmann wohlwollend die Hand auf die +Schulter. „Verzeiht, Bruder in Christo, hier irrt einmal die Jugend +nicht. Entreißt man den Mauren die Glaubensstätte, dann hängt der +Glaube in der Luft. Ich habe Befehle gegeben, daß man die Kadis und +Imams davon verständigt, sie mögen den Koran in den +Häusern+ +lesen.“ + +„Das verstößt gegen den Königsvertrag,“ entsetzte sich der Erzbischof. + +„Der Eifer macht Euch Ehre, doch es geht um größere Dinge. Und +Verträge? Nehmt die Verträge, seit die Welt besteht -- ist auch ein +einziger noch zu Recht bestehend? Die katholischen Könige haben den +Mauren das Recht ihres Glaubens belassen, ihrer Sitte, ihrer Sprache, +ihrer eigenen Richter, mehr nicht. Es steht nicht geschrieben, daß wir +nicht in ihren Moscheen Gottesdienste halten könnten. Haben sie nicht +dazu ihre Hausmoscheen? Aber ihre Bücher sind Irrwerke. Es steht nicht +geschrieben, daß wir sie ihnen belassen müssen, und wir werden es +bedenken.“ + +Talavera zitterte am ganzen Leib. „Das -- wollt Ihr -- vor Gott +verantworten?“ + +„Seiner Ehrwürden scheint nicht wohl zu sein. Ich bitte Euch, Brüder, +führt ihn auf sein Zimmer, stärkt ihn und sorgt für Ruhe und frische +Luft. Es ist zu dumpfig hier.“ + +„O mir ist wohl,“ bebte Talavera. „Aber dieses fürchterliche Geschäft +--“ Er hob bittend die Hände auf. „Laßt ihnen Zeit -- o wie spät +bekehrte sich eine heilige Margareta, ein Augustinus, ein Saulus, ein +Simon. Und waren doch alle einst verlorene Schafe.“ + +„Genug davon.“ Ximenes stand mit kühl abweisender Gebärde auf. „Ich +höre Euch, wenn Ihr frischer im Gemüt seid.“ + +Tränenden Auges wankte der Hirte der Granadiner an den Armen seiner +Mönche davon. Abgetan! wimmerte es in seiner Seele. + +Der Primas war erregt. Seine Nasenflügel flatterten, die Stirn war +bleich, die Adern darauf formten sich zu Wülsten. „Welch ein Aufruhr +in diesem einfältigen Gemüt! Behüte diesen Greis, Leon, und laß die +Achtung, die die Mauren vor ihm haben, nicht zu einer Woge werden, die +uns alle hinwegschwemmt. Du verstehst mich.“ + +Der Dominikaner nickte demütig. + +„Sind die Listen aller Elches, der Renegaten, angelegt? Gut. Das +Königspaar ist abgereist, wir haben freie Hand.“ Ximenes besah die +Namen. „So viele Familienväter! Und nur um der Geschäfte willen +mohammedanisch geworden! Sie sollen es an den Kindern büßen. Die Listen +werden den Walis gegeben, sie sollen die Kinder der Elches ausheben und +den Pfarrern ausliefern zur christlichen Belehrung und Erziehung. Wer +sich widersetzt, dem droht Ihr mit Gefängnis. Laßt dabei die Glocken +läuten, damit die Erlösungstat feierlicher an die Herzen rühre. Du +lächelst, Bruder Leon?“ + +„Talavera hat die Mauren mit Geläute verwöhnt, Hochwürdigster. Es wird +nicht mehr viel Eindruck machen. Sie nennen den Erzbischof ihren Faki +campanero, den Glockenpriester.“ + +„So sollen sie stärkere Glocken zu hören bekommen,“ sagte Ximenes kalt. +„Der edle Zegri soll die Kinder der Elches in einer Schule sammeln +lassen. Salzedo, mein Hausmeister, soll mit Soldaten der Hermandad die +bezeichneten Häuser abgehen, und zwei Dominikaner fordern die Übergabe +der Kinder bis zum Alter von siebzehn Jahren. Eine Mutter, ihres Kindes +beraubt, wählt nicht lange. Dann nehmt die Taufe vor. Diese Kinder +sind Gottes und kehren nur zu Gott zurück. Die Pfarrer sollen die +Kinder sonntäglich am Abend versammeln und mit ihnen den englischen +Gruß beten. Sorgt, daß sie sich ordentlich bekreuzen. Dann aber --“ +seine Stimme wurde warm -- „dann harret deiner ein Größeres. ~Suum +cuique!~ Der Großinquisitor Deza hat dich zum Hilfsinquisitor für +Granada ernannt.“ + +Die Würde ließ den Dominikanerpater taumeln. „Mir -- dieses Amt --?“ + +„Cordoba ist überlastet, man wird hier einen Sitz des heiligen +Tribunals errichten. Die Bestätigung der Urteile bleibt Cordoba, das +heißt Lucero vorbehalten.“ Er überreichte Leon den Anstellungsbrief, +worin enthalten war, daß Granada ihm allen Beistand in +Inquisitionssachen zu leisten habe und daß er das Recht zur Verhaftung +und Folter aller Verdächtigen besitze, auch sei jede Beleidigung des +Inquisitors und seiner Familiares streng zu bestrafen. Ximenes setzte +zum Schluß leise hinzu: „Gedenke der Kirche und ihrer Nöte und sei ein +fleißiger Arbeiter im Acker des Herrn.“ + +„~Operibus credite et non verbis~,“ antwortete der Vikar mit +gesenktem Haupt. Der neue Geist, der über ihn ausgegossen ward, löste +seinen ganzen Menschen auf. + +„Sorge, daß du geschickte Vertraute wählst,“ mahnte Ximenes. + +„Wir haben angesehene Ritter darunter und das abgefeimteste Gelichter, +das sich in den Schenken herumschlägt. Sie haben sich unter einem +Mayordomo zu einer Bruderschaft vereinigt, die Wert darauf legt, von +den Mauren gefürchtet zu werden.“ + +Da hörte man Lärm auf dem Platz. Die Geistlichen drängten zum Fenster. +Maurische Weiber, umringt von einem Haufen Volks, wehklagten und +schrien. + +„Eine Handelsfrau, ich kenne sie,“ erklärte Leon. „Ihr Mann soll +vom Alguacil der Inquisition verhaftet werden. Es geht selten ohne +Widerstand ab. Ein Ketzer de levi, also leicht belastet. Es ist noch +keiner de vehementi[2] ergriffen worden. Seht, da schleppt man den Mann +heran, drüben hält der cordobanische Karren. Entfernt Euch, der Anblick +der verzweifelten Frau könnte Euch --“ + + [2] de levi = damit bezeichnete man ketzerische Vergehen leichterer + Natur, de vehementi solche schwererer Art. + +„Ich bin Stärkeres gewohnt,“ wehrte Ximenes hart ab. „Sie kämpfen +schwer, diese kastilischen Alguaciles. Seht -- die Reiter des +Gobernadors drängen das Volk in die Gassen.“ + +Mönche zogen jetzt reihenweise über den Platz. Sie kamen von der +Verlesung der Inquisitionsedikte. Weiber drängten sich an sie heran und +versuchten, ihnen die Hände zu küssen. + +Der alte Pförtner trat in das Zimmer. „Der Imam ist da.“ + +„Er möge kommen,“ sagte Ximenes, vom Fenster zurücktretend. Er stellte +für den seltnen Gast einen Stuhl zurecht und ließ seine zwei Mönche +näher an sich rücken. + +Die hohe Gestalt Abu Atirs stand auf der Schwelle. Burnus, Turban +und Bart leuchteten wie Schnee, das Gesicht, gesund und wetterbraun, +strafte das Alter Lügen. Sein klares Auge übersah mit einem einzigen +Blick das Trifolium. Nach orientalischem Brauch grüßte er mit über der +Brust verschränkten Armen jeden einzelnen mit dem Friedensgruß seines +Gottes. Dann blieb sein Auge an Ximenes hangen. „Gott schenke dir, +hochwürdigster Faki der Christen, manches Jahr und mache dein Haupt +weise und dein Auge sehend. Friede von ihm, der des Propheten Lehre +erhob über die Welt!“ + +Ximenes dankte freundlich. Dann hieß er den Gast sich setzen, dessen +blütenreiche Sprache ihm nicht behagte. „Verzeiht, daß wir Euer Alter +bemühten --“ + +Abu Atir lächelte, daß die unversehrten Zähne leuchteten. Er wußte, +daß man seine Gedanken durchsieben mußte, wenn man mit Ximenes +sprechen wollte. „Es ist das Schicksal vieler Menschen, alt zu werden. +Glücklich, wer mit vergilbtem Gesicht die Sterbesure sprechen hören +kann. Es liegt an dem Menschen, das Alter würdig zu ertragen.“ + +„Ein gottgefällig Wort,“ sagte Ximenes. „Ihr seid erst kurz hier?“ + +„Und habe doch Schweres hier erlebt. Soeben sah ich Weiber um ihre +Männer weinen. Bi nefsi! Ihr wißt den Glauben in den Leibern der +Menschen festzunageln.“ + +„Damit die Seelen folgen können,“ antwortete der Primas gelassen. + +Ein Druck seiner großen Wimpern schloß die Augen des Imams. „Nur meine +ich, daß der Mann, der den Glauben in die +Herzen+ knetet, größer +zu nennen ist. Eine Frage: Ihr seid zufrieden mit den neuen Christen?“ + +„Sie lieben uns noch nicht,“ gestand der Erzbischof freimütig. + +„Ihr guten Herren, denen Gott das Licht friedvoller Weisheit schenken +möge, warum macht ihr es den neuen Christen so schwer, euch zu lieben?“ + +Ximenes wulstete die Lippen. „Wir legen alles, was die Kirche zu +bieten hat, in das Herz der Bekehrten, aber sie schielen trotz aller +Gnadengeschenke des Himmels doch wieder zurück nach der Moschee, aus +der wir sie errettet glaubten.“ + +„Ihr sagt: errettet? So waren sie darin in Gefahr?“ Der fragende Blick +des Imams war klar wie aus dem Urgrund seiner Seele. „Ich denke, im +alten Glauben hatten sie nichts zu fürchten. Die Furcht lernten sie +erst bei euch. Es war die gemeine Furcht der Seele vor dem Straucheln. +Das überfiel sie nicht im Palmenhain unsrer Moschee. Und Ihr sagt: +gerettet?“ + +Ximenes’ Feder spielte unaufhörlich auf dem Papier. „Wir retteten sie, +meine ich, aus einem Irrtum. Verzeiht abermals, aber Euer Glaube ist +der Irrtum.“ + +„Häuft keinen Zorn auf mich, ich meine, es irrt nur einer nicht: +der die Gewalt hat über die Schale eines Granatapfels und über +Sternenbahnen. Und wenn wir Irrende an das glauben, was uns seit Jugend +an selig gemacht, so laß uns in diesem Glauben, den du Irrtum nennst. +Wir lassen ja auch den deinen unberührt.“ + +„Doch war’s nicht immer so.“ Der Primas lächelte überlegen. „Es liegen +jahrhundertelange Kämpfe hinter Spaniens Gegenwart. Sie erzählen von +erschlagenen Christen.“ + +„Und von erschlagnen Mauren,“ unterbrach ihn Abu Atir vorsichtig. „Ja, +es waren arge Waffen, mit denen in Andalus gekämpft wurde. Doch nun +sollte die Vernunft das Schwert ziehen. Laßt uns groß kämpfen.“ + +Ximenes murmelte vor sich hin: ~Tu sic his sis, aliter senitas!~ +An meiner Stelle würdest du anders denken! Dann sagte er laut: „Ihr +sprecht gelehrt.“ + +„Der Glaube ist größer als die Gelehrsamkeit. Sieh, es war vor +vierhundert Jahren ein Mann, der nannte sich Abu Ala, und dieser sagte: +‚Ich staune über die Christen, die glauben, daß Gott hilflos gemartert +wurde, ich staune über die Juden, die glauben, daß Gott am vergossenen +Blut Wohlgefallen habe, ich staune über die Mohammedaner, die auf +Kamelen weite Reisen machen, um einen schwarzen Stein zu küssen. Sie +sind blind für die Wahrheit. Und die Menschen teilen sich in zwei +Gruppen, die einen haben Verstand und keinen Glauben, und die andern +glauben und haben keinen Verstand.‘ So sprach Abu Ala. Ist der Mensch +beneidenswert? Mit all seiner Gelehrsamkeit?“ + +Ximenes lächelte vergnügt. „Ihr wißt hübsche Dinge zu reden, Imam. Und +deshalb nenne ich dich doch einen gelehrten Mann.“ + +„Mohammed nannte die Gelehrten die Erben der Propheten.“ + +„Je nun, dubitat Augustinus. Mohammeds Koran strotzt von Widersprüchen, +denn er ist aus menschlicher Leidenschaft geboren und enthält +Menschensache. Zudem irrte Mohammed bequem. Er durchstöberte das +jüdische Gesetz und nahm sich daraus, was er für seine Sendung +brauchte. Seine klingenden Weisheiten von der Größe Gottes, sind sie +nicht dem fünften Buch Moses entnommen? ‚Es ist kein anderer Gott als +der Gott der Gerechten.‘“ + +„Wer sagt dir, Faki der Christen, daß diese Weisheit Mohammed allein +erfahren? Aber hinausgeschrien hat er sie in die Welt. Erkennen, was +ist, und sein Erkennen den andern Brüdern sagen. Das hat dein Isa auch +getan. Und wir ehren ihn als Propheten. Laß darüber den Hader begraben +sein. Und hätte ich das Leben von sieben Geiern, wie es dem weisen +Lokman beschieden war, ich könnte nicht anders sagen als: Gott ist groß +und einzig und Mohammed ist sein Prophet.“ + +„Ihr haltet also von unserm Glauben nicht viel?“ forschte Ximenes mit +lauerndem Blick. + +Der Imam strich sich bedächtig den Schneebart, und es war, als wöge +er die Gedanken in seinem Hirn. „Du willst mir in die Seele schauen, +Hochpriester. So blättere ich sie dir freundlich auf wie ein Buch. +Dein Glaube ist schön. Nur haben ihn deine Priester, meine ich, mit +Lehrmeinungen entstellt, die sich mit Gottes Offenbarungen, wie sie +unserm Propheten zuteil wurden, nicht vereinbaren lassen. Die Vernunft, +der engen Schranke des Glaubens entronnen, richtet Unheil an. Doch das +wäre zu ertragen. Nur eines -- verzeih, Gesegneter des Herrn --, mich +dünkt, Ihr haltet nicht viel von Eurem Glauben, Ihr glaubt ihn schwach.“ + +„Imam -- wie kommt Ihr auf den Gedanken?“ fragte betroffen der Primas. + +„Wäre er nicht schwach, wozu dann die Stützen des Dogmas und der +Inquisition?“ + +Ximenes schwieg einen Augenblick bestürzt. Dann gab er sich eine äußere +Gelassenheit. „Der Glaube ist nicht schwach, aber die Menschen sind es +und sie bedürfen der Stütze.“ + +„Ehrwürdiger Mann, dem Gott Teppiche unter die Füße und ein warm Kissen +für sein Haupt geben möge, fahre nicht im Zorn auf, der Gott beleidigen +würde, wenn ich dich frage: Die Menschen stützest du mit Dogma und +Inquisition? Und antworte mir sanft wie eine Taube: Sind diese Stützen +nicht eher Peitschen als Säulen?“ + +Der Erzbischof fühlte eine unbehagliche Hitze über sein Herz fließen. +„Ei, danket Gott, daß Ihr nicht Katholik seid, Maure. Ihr denkt zuviel. +Und mich soll es nicht wundern, wenn Ihr bald ganz im Unglauben +erstickt.“ + +„Sie nennen mich Al-Abdallah, den Diener Gottes. Ich glaube Gott, ohne +ihn zu sehen. Aber ich kann nicht an deine Worte glauben, wiewohl ich +sie höre. Klage mich nicht an, denn sonst müßtest du auch die Wolken +anklagen, weil auch sie nicht bestätigen, was du sagst, sie gehen +unbekümmert ihren Weg, ob du sie schiltst oder lobst. Warum läßt du +Wolken ziehen und Menschen nicht? Nur weil du die Macht über sie nicht +hast. Und siehst du, deine Kirche ist doch nur ein Wort, mit dem du +Unfaßbares fassen willst.“ + +„Und die deine nicht?“ rief Ximenes mit triumphierendem Auge. + +„Gewiß. Aber dann frage ich dich: Warum bekämpfst du uns statt uns die +Hände zu reichen? Nur weil wir es mit dem Propheten halten? Du hältst +es eben mit einem andern Propheten, dem Isa.“ + +„Das ist nicht Glaube mehr,“ sagte Ximenes verärgert. „Das ist +philosophische Klügelei, wie sie eure Gelehrten großziehen.“ + +„Wer die Wissenschaft lehrt, hat Ehrfurcht vor Gott, dessen Name die +Geister besingen. Wer in der Wissenschaft streitet, kämpft heilig. +Die Wissenschaft ist der Leuchtturm zum Paradies, der Gefährte in der +Fremde, die Rüstung wider den Feind. Engel berühren die Gelehrten +mit den Flügeln, und durch die Wissenschaft steigt der Diener Gottes +die Stufen zur Güte hinauf. Das Wissen ist der größte Imam. Wer die +Wissenschaft lehrt, dem ist besser als wenn er den Berg Abu Kobeis aus +Gold besäße. Abderrhaman ließ für einen Gelehrten, der aus Fes kam, +dreißig Paläste auf dem Weg vom Meer nach Cordoba bauen. Das Kleid +des Wissens ist aus menschlicher Erfahrung und aus der Furcht Gottes +zusammengesetzt, sagt Abdallah Ben Mesud, und das Schwert der Zunge +soll immer siegen über die Zunge des Schwertes. Aber wem sage ich das? +Sitzt nicht einer vor mir aus dem Reich des Geistes? Möge dir Gott +stets weise Gedanken geben und dich mit ewigem Priestertum belehnen.“ + +Ximenes mußte Atem schöpfen. „Eure Gedanken stehen auf falschem Grund. +Den wahren Gott habt Ihr mit Eurer Wissenschaft nicht erkannt.“ Seine +Augen blickten den Mohammedaner überlegen an. + +„Wer wollte ihn erkennen? Gott ist die Zahl Eins und die Zahl +Unendlich. Summiere sie oder ziehe eine von der andern ab, es bleibt +immer Gott übrig. Aber heißt das, ihn schon erkannt zu haben? Und doch +bleibt uns nichts übrig als uns im Stirnenschweiß um ihn zu bemühen. +Laß mich denn glauben an das heilige Gesetz und an den Propheten.“ + +„Das sollt Ihr sicherlich,“ antwortete Ximenes überaus freundlich. +„Doch eines -- eines müßt ihr uns doch zugestehen: Unter der +erkaltenden Glut eures Glaubens werdet ihr nie mehr die Erde erobern. +Wir bleiben Sieger.“ + +„Vielleicht nicht die Erde, aber uns selbst. Das ist mehr. O weiser +christlicher Scheich! Wir suchen doch in unsern Gebeten denselben Gott, +den ihr sucht, und deshalb willst du uns knechten? Nur weil wir den +gemeinsamen Gott mit andern Augen ansehen? Mit unsern, unsern Augen? +Ja -- und euer Siegerrecht, ist es nicht versiegelt im königlichen +Vertrag? Der Herr der Könige erhalte das Leben des weisesten der +Erdenfürsten -- dürfen wir nicht unsere Moscheen und Medrisets +behalten? Haben wir nicht unsere Kadis, die der Herr mit Verstand und +Einsicht segnen möge? Und ist uns nicht -- der Allmächtige stärke das +Königsleben dafür! -- Sprache, Sitte und Tracht verbürgt für immer? Das +soll nicht versiegelt sein von der Treue des Siegers?“ + +„Es ist -- aber es ist nicht versiegelt, daß wir euch die Stützen +des Glaubens, der ein Irrglauben ist, unversehrt lassen müssen. Eure +Moscheen behaltet, nur bauen wir unsere Altäre in sie hinein --“ + +Der Imam streckte sich. Seine Hand zitterte auf dem Knotenstock. +„Das -- das willst du -- vor deinem Gott verantworten, christlicher +Scheich?“ Er erschauerte vor dem weiten Gewissen des Seelenhirten. +Wie von Staub erstickt kam es aus seinem Munde: „Glaubensrecht -- +Sittenrecht, Urteilsrecht -- alles papierne Dinge -- und Eure Taten +sollten das Papier zerreißen dürfen -- das Papier in der königlichen +Truhe? O Ihr meint es nicht ernst.“ + +„So muß ich dir, Imam, weitere Proben dieses Ernstes geben. Auch die +geistige Quelle eures Irrglaubens muß verstopft werden.“ + +„Irrglauben! Irrglauben! Ich sage dir schon: Auch du irrst! Wir alle +irren. Wenn der Beduine in der Wüste zieht, wenn Sonnenglut und +Sand sein Auge blenden, dann zweifelt er oft an der Richtigkeit des +Karawanenwegs, aber der Irrende vertraut dem ewigen Lenker aller +Karawanen, bis ihm die Oase lächelt. Die Oase ist Gott, wir irren und +finden doch zu ihm, nur jeder auf seine Weise. Der Irrtum dauert nun +schon an die tausend Jahre, und wir sollen nun Erkenner der Wahrheit +heißen, weil ein Christ es will? Ist dein Wille Gott? Er ist eine +Anmaßung.“ + +„Imam!“ Der Gleichmut des Kirchenfürsten begann zu wanken. „Du +verkennst Gottes Offenbarung sehr. Wir müssen für unsern Glauben +kämpfen.“ + +„So hast du Angst, ihn zu verlieren? Der wahre Glaube beharrt und läßt +andere beharren. Was Irrtum ist, fällt nicht durch Kampf, sondern durch +eigene Erkenntnis ab. Aber der Bach wächst zum Strom aus, ich sehe es. +Zuerst war bei euch ein Kinderglaube da, dann ein wirklicher Glaube, +dann ein Kämpfen für den Glauben und endlich ein Morden für ihn. Was +soll noch werden? Hast du mich noch etwas zu fragen?“ + +„Aus Euch spricht ein arger Kläger. Aber des Übels Urgrund liegt in +euren Büchern.“ + +„Unsre Bücher?“ Die Augen des Alten leuchteten wie brennende Fackeln. + +„Sie können Freunde des Menschen werden,“ sagte Ximenes, „aber auch +seine gefährlichsten Verderber, denn sie führen wie böse Geister in +Zweifel und Irre. Nur ein sorgsam wachender Geist vermag ihre Güte und +ihre Schädlichkeit zu unterscheiden. Wo die Quelle trüb rinnt, muß sie +verstopft werden, sonst verseucht sie das gesunde Wasser. Ihr müßt uns +erlauben, Spreu und Weizen zu sondern.“ + +Abu Atir griff sich an die Stirn. „Du, den Gott mit Balsam behandeln +möge -- ich verstehe dich nicht recht --, du willst --?“ + +„Euch aufhelfen aus eurem Irrglauben, euch liebevoll ans Herz ziehen +mit der Liebe Jesu, euch zu demütigen Kindern Gottes machen, den euer +befangener Sinn noch nicht erkannt hat, und eure Weisheit gründen auf +die Dreieinigkeit Gottes.“ + +„Es ist nur ein Gott und nichts außer ihm!“ sprang der Feuerglaube aus +des Alten Brust, auf der sich die Hände falteten in ehrlichem Bekennen. +Und es war, als bliese aus seinem Antlitz die heilige Flamme des Korans +selbst. „Und wenn die Erde jetzt in ihren Festen erzitterte und die +Gestirne zu wogen anfingen: es ist nur ein Gott und nichts außer ihm. +Gepriesen sei die Kraft, die allen Propheten ward. Auch Isa war ein +Prophet, aber nicht Gottes Sohn, denn Gott hat keinen Sohn gezeugt, +und Isa selbst hat gesagt: niemand ist gut als der einzige Gott! Der +einzige Gott! Isa hat wie Mohammed dem Juden gegeben, was des Juden +war, und sich genommen, was Gutes bei ihnen war. Seine Botschaft war +Licht und Freude und Bestätigung der Thora in vielem. Er hat den alten +Gott neu geschaut, wie Mohammed ihn neu geschaut hat, sie waren beide +groß, aber der Prophet von Mekka hat sich nicht Sohn Gottes genannt, +sondern nur Diener, und war so demütig wie Isa, und hat sich nicht in +eine bleiche Hostie einschließen lassen, dünn wie Frauenflor, sondern +war und hat nur sein wollen der Knecht Gottes. Wir können Gott kein +andres Wesen zugesellen, also sagt es der Prophet.“ + +„Und es steht in euern Büchern und ihr schwört darauf. Aber eure Bücher +sind Trug. Euer Koran ist das ungeordnete Buch eines Schwärmers. Was +sein anmaßender Geist an schönen Gedanken ergriffen, hat er wahllos +aufs Papier werfen lassen und hat es dann Geist Gottes genannt. Habt +ihr Bürgen für die Echtheit?“ + +„Dieselbe Reinheit des Herzens, die deine Apostel drängte, das Wort +Isas niederzuschreiben.“ + +„Ihr greift nach hohen Worten, Imam. Wir wollen sehen, was eure Bücher +enthalten.“ + +„Unsre Bücher!“ Das verwitterte Bronzegesicht, von den Runen des Wehs +gezeichnet, glühte im Wiederscheine des innern Aufruhrs. „Unsere Bücher +müßt Ihr uns lassen, denn sonst --“ + +„Sonst?“ fragte verwundert der Primas. + +Der Greis atmete schwer. „Man soll die Zunge lang einkerkern, bevor man +sie durch ein Wort befreit. Aber es muß gesagt werden. Cordoba fiel, +Sevilla fiel, Granada fiel -- aber die Mauren leben noch.“ Es klang wie +eine Mahnung an das Gewissen des Bedrängers. Und es war, als sähe der +Alte in eine weit entfernte Jugend zurück, die von Christenkämpfen und +Blutfreude erklang. + +Ximenes hatte einen Herzschlag lang Ehrfurcht vor der Glaubens- und +Volksliebe dieses Menschen. Aber bald erdrückte der eigene heiße +Glaubensdrang das Gefühl. „Ihr pocht auf eine Stärke, die nicht mehr +ist, Imam.“ + +„Und du auf eine, mit der du deinem Herrn ins Gesicht schlägst.“ + +„Der heilige Dienst in seiner Wahrheit fordert, daß ich allen Menschen +seine Wahrheit künde. Ich öffne euch die Augen und euch schmerzt noch +das hehre Sonnenlicht.“ + +„Du willst Augen öffnen und brichst dabei Herzen, fremder Scheich.“ + +„Zum Ende!“ Ximenes raffte die Papiere auf dem Tisch zusammen. + +„Aber nicht zu einem, das Menschen mordet,“ flehte der Imam mit nassen +Augen. „Gott gebe dir Geduld zu hören, was unser Herz leidet, und es +wird darüber weich werden wie flüssiger Honig und wird erfüllt werden +mit dem Wohllaut des Singvogels.“ + +„Am kommenden Tag des Herrn sollen alle eure Bücher aus den Häusern +der Mauren auf die Bibarrambla geschafft werden zur Prüfung durch +christliche Hüter. Vergeßt nicht Koran, Sunna, Überlieferungen.“ + +Der Imam bebte an allen Gliedern. „Der Kadi des Lebens, der über Wolken +richtet zu seiner Zeit, wird es nicht zulassen. O du Wesen mit den +tausend Barmherzigkeiten, habe ich dich verloren aus meinen Sinnen? Hat +mir Christenhaß deinen Namen verdunkelt? Primas von Spanien, wer gibt +dir diese Macht über uns?“ + +Da erhob sich Ximenes mit dem Gewicht seines Kraftbewußtseins. „Die +Kirche,“ sagte er gewaltig und seine Faust stieß dumpf auf den Tisch. + +„Unseliges Gefäß, in das du den Gottesinhalt füllest! Darin hast +du dich übernommen. Denk an mich! Gott beschütze das Siegel deiner +Weissagung, doch ich glaube nicht daran.“ Mit zitternden Knien, ein +Stoßgebet murmelnd, tastete sich Abu Atir nach der Schwelle, wo ihn +zwei junge Mauren empfingen, die ihn aus dem Palast geleiteten. + +Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand +sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach +welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein +großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die +geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das +Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos, +eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und +Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser +Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung +des großen Zweckes: ~Ad majorem Dei gloriam~.“ + +„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit +gesättigter Glaubensfreude. + +„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen. +„Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es +auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der +Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in +heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem +Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich +hinein. + + + + +Elftes Kapitel + + +Reija und Saffana erhoben sich vom Gebetsteppich. Zu ihren Häupten +dufteten die Storaxkerzen. „Mein Väterchen!“ Mit dem Morgentau der +Gesundung auf der Stirn eilte Reija dem Greis entgegen. Das weiße +Lieblingskätzchen auf ihrer Schulter sprang erschreckt auf den Teppich. +Das Mädchen las das Unheil aus den Augen des Imams. „Bi nefsi, sie +haben dich gequält!“ + +Abu Atir erzählte und Reija hörte mit gepreßtem Herzen zu. „Bring +Väterchen zur Ruhe,“ sagte sie zu Saffana. „Er soll den Tag vergessen.“ + +„Es gibt noch viel zu sinnen,“ wehrte der Alte ab. Er setzte sich +auf einen fellbelegten Schemel. Im Kerzenschein flammte das farbige +Ornament, die Goldstuckatur und das Azulejosmuster, alles aus bester +granadinischer Königszeit, hellauf, und Spiegel warfen das Licht von +drei Seiten zurück. In der üppigen Weichheit der Teppiche und Matten +gingen lautlos die Schritte der Mädchen. Reija im rotseidnen Damast, +um das Haupt den Thailesan, den duftigen Schal, gebunden, die Füße +in reichbestickten Schuhen, huschte von Truhe zu Truhe, die in den +verhängten Nischen des Gemachs standen. + +„Willst du den roten Ghamar zu trinken haben? Willst du Sikbadsch, das +Fleischmus, essen? Gott mit seinen neunundneunzig Namen stärke dich!“ +Sie mühte sich vergebens, dem Greis aus dem Trübsinn zu helfen. + +Da stahl sich die muntere Saffana an die Herrin heran. „Es ist einer +da,“ sagte sie leise. + +Aber der Imam hatte es gehört. „Was schwatzest du?“ + +„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“ + +Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst. + +„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“ + +„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und +verkauft Sattelzeug.“ + +„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig. + +„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und +Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen. +Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige +Schmerzen um das Herz herum gehabt.“ + +„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija. + +„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist +verliebt wie ein Kalif.“ + +„Das hat er dir gesagt?“ + +„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und +selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, spricht er von +seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger +Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“ + +Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen +Bäckereien zwischen die Zähne. + +„Und er schläft in einem Maultierstall --“ + +„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen. + +„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“ + +An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel +aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig. + +Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf +nicht links das Auge hangen.“ + +Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das +Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von +Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein. +Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig +herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von +blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende +Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten +wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen +ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit +zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den +Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten. + +Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm +und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns +wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor +der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man +wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“ + +„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des +Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner Schönheit +haltmachen? Und wäre es noch die Moschee -- aber die Bücher! Deines +Vaters Koran!“ + +„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen. + +„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind +biegsam.“ + +„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge -- Eswer wird uns +helfen.“ + +„Es ist zu spät.“ + +„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die +Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“ + +„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’ +fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen. +Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“ + +Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier +sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne +Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“ + +„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann -- meine Bücher.“ + +Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die +Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse +des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der +Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der +alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und +Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges +Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von +den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere +Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen, +wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste +wird eine andere pflücken.“ + +Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da warf Saffana +plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid +hervorgeholt hatte. + +Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’ +ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur +Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert. +In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe +die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen, +welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch +die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte +kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen +selbst die Ameisen Verse. Von wem?“ + +„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“ + +Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du +hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“ + +Da nickte Saffana ein heftiges Ja. + +Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle. +Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war +die Unruhe in ihr. + +„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn +diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“ + +Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der +flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im +Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“ + +Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen +Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach +Atem. + +„Was gibt es?“ horchte Reija auf. + +„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt -- ach, die Ehre!“ + +„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“ + +„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora, +der schöne Reiter, der damals -- ach, entsinnt Euch nur -- damals, als +böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten -- damals, wißt +Ihr nicht?“ + +Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie +Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“ + +„Nicht er selbst -- sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da +und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen +Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie +wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi, +ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn +ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen +zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem +andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“ + +„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der +Imam mit verrunzelter Stirn. + +„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir +recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“ + +„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat +Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und +ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach. + +Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in +sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses. + +Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute +in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel +zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in +der dunklen Wölbung spiegelten. + +Da -- Mandolinenklang -- eine Stimme singt -- + +So wagte der Unselige alles um sie. Wenn sie ihn griffen! Lang lauschte +sie. Ihr war, als girrte im Iraksstrauch die Ringeltaube. Das Lied +verhallte mählich. + +Reija schlich mit leise tastenden Füßen nach ihrem Lager. Seide und +Linnen fielen. Bald spiegelte sich der bronzedunkle Ton ihrer ebenmäßig +gewachsenen Glieder lässig in den drei Wandgläsern, das aufgelöste Haar +umnetzte die Brüste, in denen junges Leben glühte. Saffana drückte +verliebt ihr Haupt an die gemeißelten Schenkel. Keusch geschlossen in +strengem Ernst lagen Reijas rote Lippen, die noch nichts wußten von +Nächten, in denen Küsse lodern. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Durch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern +des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot +des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die +Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen. +Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern, +umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema, +der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut +der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den +Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte +Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber, +gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten +Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da +und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert +sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen +fort -- vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen +Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf +der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben. + +Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis +aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des +Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um +das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem +gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott +und Mohammed ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich +aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz. + +Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz +für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die +Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über +die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng +geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de +Gomeres zum Palast des Ximenes. + +Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand +auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen. +Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes, +Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in +ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern, +Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze +schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht, +brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera, +dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder +der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene +Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee +strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein +magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls. + +Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben +Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem +Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der +Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen +hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch. + +„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig +nieder. + +Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die +gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft. + +„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet ein +Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt. + +„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber +tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer +bei Gott.“ + +„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer. + +„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie +wieder auf. Sie kosten Geld.“ + +„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“ + +Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen +lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki. + +„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter +zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele +himmlischen Tau.“ + +„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani +damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer. + +Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen, +aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und +er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde. + +Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer +Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas. +Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem +Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen +der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und +nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende +Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen +Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die +Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden +Soldaten schielt. + +In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora +auf -- nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt +das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt +die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen +Schnallen im Sattelknopf befestigt, die schleppende Zäumung des +Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät. +Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick +verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse. + +„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich +hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn +beide hinken.“ + +Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören +sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen. + +Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt +das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die +reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein +soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen +Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird +dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des +Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im +guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm +fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch +immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen +nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über +die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung +der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und +das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual +und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele, +die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den +Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn, +grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer +für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe +ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und +Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in +ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut +triefen, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie +im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium +Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in +Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger +nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition +war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre +entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal. + +Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen +Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden +Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die +glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude +eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge +des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines +eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem +er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn +zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um. + +Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben +aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren +Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der +Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart +gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden +Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge +nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern +auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten +sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen +klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner +habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen +maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame +ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des +Königs Arm glitt. + +„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen Mauren +nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den +Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an +Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum +Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit +fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen +und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek +meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert +sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen +Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das +große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird +über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh -- da aus der Gasse des +Zacatin -- unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“ + +„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon. + +„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und +dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und +Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei +Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte +die Luft. + +Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter +ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in +Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden +auf. + +Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau +heran. + +Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen, +geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem +Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren +Spalieren staute sich die Maurenmasse. + +Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen +Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter, +deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen Gewändern +der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem +Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle +alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit +arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der +Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs +Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die +Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als +gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen. + +Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu +Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf +die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am +liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn +wie den König selbst zu ehren. + +Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz +hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm +die abgegebenen Bücher in Empfang. + +Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe +ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du +kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst +ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten +Königs von Granada.“ + +Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es +bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite. + +Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne, +goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln, +Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare +Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt +des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob +sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den +Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“ + +Ringsherum entstand eine Bewegung. + +Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das +kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen --?“ + +Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester +gerichtet. + +„Wer seid Ihr?“ fragte Leon. + +Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der +Graf de Mora hatte sich herangedrängt. + +„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust. + +„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung +auf die schlanke Gestalt. + +„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“ + +Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija! +Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und +flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied +werden. + +Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln +sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne +Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß +verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen +Leibergewoge der Bruderschaft. + +Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört. +Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch +bittenden Mädchens. + +„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen --“ + +„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme. + +„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor --“ + +Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das +die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die +Kuttenarme vor. „Weh Euch!“ + +Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer +Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten Massen lodern. „Brüder -- +eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt -- fürchtet ihr +Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie +Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran +bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die +Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre +ich euch, rettet mir den Koran -- ich bin Reija -- das Königskind!“ + +Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte +Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch +zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren, +trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das +Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute +Reichtum in Eitelkeit verzehren?“ + +„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung. + +„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“ + +Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren. +Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen +in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen +Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es +sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht +verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern +machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed. + +Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib -- hier +richten Männer!“ + +In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier +der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein +Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater -- das Weib ist schwach, es +weiß nicht, was es tut.“ + +Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des Mädchens +los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das +Königskind. + +Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der +Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“ + +Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer. +Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser +Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten. + +Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz +wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten. + +Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem +bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne +Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter +Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken +durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte +wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda +schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern, +die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der +Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin -- es gibt +sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten +Lippen. + +„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein +verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“ + +„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof, +Herzogin.“ + +„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore +mit sich durch die kleine Balkontür. + +Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem +erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen +ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und +dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen +herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen +Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben +gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine +schwere Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu +nüchternem Denken. + +Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das +nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“ + +„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt +für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt. + +„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“ + +Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie +durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher. + +Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen. +„Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche +verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe --“ + +„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf. + +Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten +riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer +wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem +Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz. + +Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier. +„Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann. + +Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der +Tote?“ fragt der Graf drängender. + +„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“ + +„Wo ist Salzedo?“ + +„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“ + +„So ist er verloren!“ + +Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem +undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf +den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des Zacatins wälzen sich +neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem +Palast des Primas. + +Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon. +Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend +flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug +war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn +von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach +dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt +Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser +des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen +zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die +Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen +abseits unter der Hut von Lanzen. + +Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde +getötet. Salzedo wurde verschleppt.“ + +Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf -- Ihr +rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen +Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt -- oh, ich gewähre Euch +jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“ + +Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine +Brustwand tobte. + +„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof. + +„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins: +Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“ + +Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann. +„Ihr bittet -- für ein Buch der Ungläubigen?“ + +„+Ein+ Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den +Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich --“ Er hielt verwirrt inne. + +„Bedenke ich’s recht -- fürwahr -- die Hochschule zu Alcala wird ein +prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er +gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen. + +Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu +Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen. + +Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd. + +Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde +Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten +Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der +wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue +Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die +Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze. + +Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen +Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige +Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister, +griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers +Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los, +seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das +Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende +Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: ~Est Deus +in nobis~, es ist ein Gott in uns! + +Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich +darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des +Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren. +Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und +Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die +rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines +ganzen Volkes. + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Von fünf Lanzenreitern begleitet, reitet der Graf de Mora nach der +betürmten Moreria, dem Maurenviertel. Er muß Salzedo finden. Da hört er +sich angerufen. Sein Freund Hernando de Rojas drängt sich auf seinem +Andalusier heran. „Pedro! Pedro! Man hat eine Spur Salzedos! Das +heißblütige Weib, das um den Koran gekämpft --“ + +„Reija?!“ Der heftig ausgestoßene Name verursacht einen Brand auf den +Lippen des Grafen. + +„Ihre Ritter sollen ihn mitgeschleppt haben. Maurische List! Eine +Geisel in ihren Händen!“ + +Der Graf hetzte mit einem Spornhieb sein Pferd vorwärts. De Rojas +konnte ihm nur mühsam folgen. Bald ragten die Mauern des Alkazars vor +ihm. Hier wohnte der Imam Abu Atir. Vor dem zinnengekrönten Gemäuer +drängte und schob sich das Volk wie Ameisen um ihren Bau. + +Der königliche Hauptmann wandte sich an einen der Maurenritter, die vor +dem steinernen Tor standen, die Marlota, einen Brokatüberwurf, über die +Schulter geworfen, in eiserner Wehr. „Ist der Imam Abu Atir im Hause?“ + +„Der Imam? Mögen ihn alle guten Geister des Herrn beschützen, so Ihr +Böses im Sinne habt, Hauptmann des Königs. Was wollt Ihr von ihm?“ + +Noch ehe der Maure eine Antwort erhielt, schob sich die simsonstarke +Patriarchengestalt des Imams aus dem Tor ins Licht. + +„Hadha! Dieser ist es!“ sagte der gewappnete Maurenritter. + +Der Graf senkte den Degen vor dem Greis. „Es soll Salzedo, der +Hausmeister des Primas, in Eurer Gewalt sein.“ + +Abu Atir lächelte klug. „Es soll der Koran, das goldne Buch Boabdils, +in deiner Gewalt sein, Feta.“ + +„Es ist des Königs Gebot.“ + +„König Fernando hat Verträge unterschrieben: unser Glaube soll +unberührt bleiben.“ + +„Der König hat euch nicht den Glauben genommen, sondern nur Bücher.“ + +„Oh, über das weite Gewissen eines Gottesmanns! Gebt den Koran zurück +und wir geben euch Salzedo.“ + +Da durchzuckte es des Grafen Herz. Aus dem Tor schritt inmitten der +Sklavinnen das verschleierte Königskind. Eine der Frauen trug auf einer +silbernen Tasse Milch und Salz. + +„Das ist unser Brauch,“ sagte Reija. „Nimm Halib und Milch, auf daß du +in Frieden scheidest, Hauptmann des Königs.“ + +Graf de Mora schüttelte den Kopf. „Ich danke Euch.“ + +„Was beliebt?“ fragte Reija mit dunkelblitzenden Augen. + +„Ich möchte Salzedo frei haben.“ + +„Feta -- du bekommst Salzedo, wenn ich den Koran bekomme.“ + +Zorn und Bewunderung rangen im Herzen des Grafen miteinander. Ihm war, +als straffte sich das Wesen der Jungfrau unter dem Druck der Gefahr. + +Abu Atir drängte sanft das herbe Mädchen beiseite. „Menge dich nicht in +Männerworte, Reija, meine Taube.“ + +„Ich will Worte machen um das Heiligtum meines Vaters, dem Gott +allezeit weiche Kissen geben möge.“ + +Der Graf besann sich, daß er von Ximenes den Auftrag hatte, den Handel +unblutig zu lösen, wenn er nur Salzedo wiederbrächte. „Ich gebe Euch +heute abend den Koran, doch Ihr müßt mir noch jetzt Salzedo ausliefern.“ + +„Was soll der Hauch eines Mundes, der in die Luft geht?“ fragte Abu +Atir geringschätzig. + +„Ich verpfände Euch mein Leben für mein Wort,“ sagte Graf de Mora. + +Da trat Reija hastig heran. „Das soll wiegen, Väterchen. Daß du es +weißt, Feta, ich habe Salzedo unter meinem Bett versteckt, denn die Wut +der Mauren hatte ihn überall gesucht. Dank’ mir’s, Feta, er wäre sonst +nicht lebendig in deine Hände gekommen.“ + +„Und ich habe Euch den Koran von Ximenes erbettelt. Dankt mir’s, Doña +Reija, denn er wäre jetzt Rauch und Flammen. Seht hin!“ Er wies auf die +Rauchsäule, die aus der Tiefe der Bibarrambla aufstieg. + +Abu Atir heulte auf: „Die Bücher brennen!“ Der Ruf widerhallte in den +Herzen der das Haus belagernden Mauren. Aus Schmerzenslärm, Ingrimm +und Wut stieß es sich heraus: „Zum Palast des Ximenes! Unsere Bücher!“ +Die brodelnde Masse der Burnusse wälzte sich wie ein weißer Brei +die Feigenhänge hinab nach der Antequeruela. Vergebens rief der Imam +seine warnenden Wehworte den Eilenden nach. Der Strom war im Gang, die +Lava des Aufruhrs floß den Berg hinab in die Stadt. Von allen Seiten +erscholl das fatalistische Insch’allah! aus dem Lärm der fließenden +Haufen. + +Noch einmal forderte der Graf: „Gebt mir Salzedo!“ + +„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und +ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu. + +Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars +erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen +riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem +Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand. + +Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk, +und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die +Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die +Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden +Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose +Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter +ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab. + +Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste +drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb +erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter +des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden +Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich +steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts. +Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten +zum Widerstand anspornen. + +Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines +Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die +wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf +nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er +denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das +die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er +ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten. +Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel, +und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen +Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der +Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn +er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“ + +Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den +Mauren als Geisel.“ + +„Wofür?“ braust der Primas auf. + +„Für den Koran des Königs.“ + +„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen. + +„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein +leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir +tauschen. Gebt den Koran.“ + +„Das Weib ist ein Teufel!“ + +„Sie ist eine Maurin.“ + +„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren +in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“ + +Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die +Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter +geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit +erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang -- wir haben den Mörder des +Collados!“ + +„Wer ist es?“ + +„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“ + +„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“ + +„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet. +Sein Dolch traf den Collados.“ + +„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn +dingfest gemacht?“ + +„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben, +den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm +gefunden als diese drei losen Zettel.“ + +Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte +Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das +wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte +die Zettel zu sich. + +„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes. + +„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“ + +Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden +breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt +ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken +übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und +Christenschädeln singt. + +Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald +darauf blauen Flecken am Firmament. + +Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die +Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei +Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort +wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das +Geheul zum Orkan an. + +Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten +Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne +bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen, +blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen +lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über +buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die +Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut. + +Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da. +So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares +Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt +dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren +Leib, die gelbe Seide knistert. + +„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt +noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu. + +Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete +eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß +du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne +am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den +Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung. + +Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich +verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die +Sinne. + +Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin +eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden +Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann +erblickte. + +„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und +ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte +durchschlagen.“ + +Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija +erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich +ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu +hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er +muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch. + +Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von +ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie +überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit +blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir +fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“ + +„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt +das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende, +halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des +Schleiers. + +Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott +heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten +Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht +hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden +Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr +werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“ + +„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei +immerdar, wird dich dafür segnen.“ + +„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“ + +„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras +haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“ + +An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und +Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter +dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser +flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit +unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der +sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich +gequält von seinem Munde. + +„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch +den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie +ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt +aus dem Bann reißen. + +„Er wird nicht frei sein,“ trotzte er bebend. „Lebt wohl!“ Er stampfte +durch den Patio nach dem Tor, wo die Knechte seiner harrten. Sein +ganzer Mensch war in heftigem Aufruhr. Er glaubte hinter der Mauer des +Palastes ein jäh abschnellendes Lachen zu hören. Sein erster Gedanke, +als die tobenden Gefühle verebbten, war: Ich wollte, sie wäre mir +widerwärtig wie der Carrasco, die Stechpalme. Aber sie hat Augen -- +Augen! Die Steinfliesen unter seinen Reiterstiefeln tanzten, die Wände +wankten, und die Nacht ringelte sich vor seinen Blicken zu glühenden +Kreisen zusammen. Hatte er keine denkklare Stirn mehr? Ei, sie hat das +an sich, was die Andalusier Amago nennen, ein drohendes: Nimm dich in +acht! Der wie zum Sprung gespannte Leib, die lauernden Augen, die halb +geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne drohten -- alles Amago! + +Er wußte nicht, wie er seinen Zelter bestieg, wie er die gaffende, +gärende Menge durchritt. + +In der Alcazaba wachte ein erregtes Mädchenherz die ganze Nacht über +dem Koran. Reija las sich die Augen müde an den Paradiesessuren. Neben +ihr schlief Saffana. Das Königskind spürte Flammen neben sich lecken, +aber sie loderten aus den schönen Augen des spanischen Feta. Was wollte +der Feind mitten in den Suren? Immer wieder drängte er sich zwischen +den heiligen Sätzen durch und zerbrach den mühsam abgerungenen Sinn der +Prophetengesetze. + +Lange noch lag Reijas schwarzes Haupt andachtslos über den Koran +gebeugt. Bis sie aufschreckte und durch das Säulenfenster nach dem +Stück Himmel sah. Zu ihren Häupten erblaßte der Schweif des Skorpions, +des Unglückssterns. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Die Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen +und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten, +Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu +laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht, +sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in +Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres +draußen horchend. + +Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck +der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die +verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden +durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen +Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen +Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines +Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten +Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung +der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden +Arabers poetische Triumphe feierten -- alles war in einen Haufen Asche +versunken. + +Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das +erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen +bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten +in gelblich fahlem Licht. + +Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden +vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die +Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben, +die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen +und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die +Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand +besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten +Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla +ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar +niederzulegen. + +Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse +wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige +Gobernador das Kommando übernimmt. + +Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen +Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der +Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, während sie nach der +Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt! + +Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser +erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt +der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen +schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch +verdrängt wird. + +Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla +spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines +Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des +Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken. +Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers. + +Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen. +Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen. +Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich +weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern +und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die +starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm +entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet +um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande, +Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der +Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen +zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem +Imam. + +„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben +die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen +gestillt werden, denn sie sind heilig.“ + +„Es geht Ximenes um den Glauben!“ + +„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur +sein+, +der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte +Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich +weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und +wenn es an die Gedärme gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut, +ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist +Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das +Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft +sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er +wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“ + +Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene +Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“ +mahnt er wieder. + +„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und +sie reiten unversöhnt auseinander. + +Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe. +Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt +verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien +muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im +gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt +Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber +von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers +ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen. +Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner +Augen Glut mehr, als zu wärmen? + +Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon +den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein +Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“ + +Doch der Graf hielt ihn zurück. „Bleib. Ich muß dich sprechen.“ + +„Du hast mit Leon einen Handel gehabt?“ + +„Kaum einen Wortstreit.“ Mora wurde flüchtig rot. + +Der Freund blickte durch die Säulchenfenster auf die gärende Stadt. +„Diese Mauren haben trotz ihrer Zermürbung einen bewundernswerten +Stolz. Ich habe Abu Atir sprechen gehört. Edler Geist! Er hätte einen +Apostel Christi abgeben können. Doch Gott steckte ihn bestimmt mit +Absicht in eine mohammedanische Haut. Ich habe ein heiteres Wort von +ihm gehört: Ximenes glaubt, daß sich die Sonne verfinstert, wenn er +sich räuspert.“ + +„Ich will von den Mauren nichts hören,“ sagte unwillig der Graf, +während er Degen und Schärpe wegwarf. Die schönen gestählten Glieder +spielten freier, vom Druck des Panzerhemdes befreit. Er schritt +mit gerunzelter Stirn auf und ab, rief nach Chispazo, jagte den +Springteufel wieder fort und warf Gewandstücke da und dorthin. + +„Es wird dich also mehr freuen zu hören, daß Perez de Oliva eine +Karawelle nach Hispaniola rüstet.“ + +Der Graf schüttelte wieder den Kopf. „Auch damit wird nichts.“ + +„Du willst nicht nach Haiti? Willst du hier immer Hammelfett riechen +und Olla potrida essen?“ + +„Lege dich auf den Diwan -- er ist maurische Arbeit --“ + +„Von Mauren willst du, glaube ich, nichts hören.“ + +Der Graf drückte den Freund mit einem kräftigen Arm in die üppigen +Polster. „Wir haben Eswer Ben Zerragh gefangen.“ + +„Die Stadt spricht davon. Man soll seine Berge nicht zu früh verlassen, +sagt der vorsichtige Hirte.“ + +Graf de Mora zog die Zettel aus seinem Brustlatz. „Der junge Ritter +trug das bei sich. Worte des Aufruhrs -- aber seines Herzens. Du kennst +dich in Canzonieros aus.“ + +Hernando buchstabierte geläufig die Schrift und lachte. „Das wellt wie +Wüstensand unter Samumfittichen. Verse aus einer verliebten Seele. +Gazalun -- die Gazelle -- und er selbst ist Asadun, der Löwe. Er +verliert seine Wildheit beim Anblick der schönen Reija --“ + +„Heißt das wirklich Reija?“ fiel der Graf dem Freund gereizt ins Wort. + +„Reija, gewiß -- und sie wirft braune Beine im Tanz beim Mondenlicht -- +und da ist von einer königlichen Abstammung die Rede -- und da: Unter +Hüterflügeln eines weißen Adlers sitzend --“ + +„Abu Atir! Es liegt am Tag!“ Der Graf schlug heftig mit dem Degenknauf +auf seinen Schenkel. + +„Es ist eine Muwaschaha, wie sie die Hirten in den Bergen singen.“ + +„Ich weiß, wen er meint. Die Perle des Alkazars, die Agarenos nennen +sie Ward.“ + +„Ward? Das ist die Rose. Ei, ist es die, welche dein Degen --“ + +„Laß das,“ unterbrach ihn der Graf hastig. „Es hätte jeder Kastilier an +meiner Stelle ebenso gehandelt.“ + +Hernando de Rojas wurde nachdenklich. „Das Schicksal nimmt sich oft +seltsame Anwälte. Du hast also Salzedo gefunden?“ + +„Ich verdanke den Fund dem sonderbaren Mädchen -- eben dieser Ward.“ +Und er erzählte dem Freund den Hergang. + +„So ist Salzedo einen Koran wert. Hm -- Don Pedro war früher nicht +leicht zu einem Handel mit Mauren geneigt. Er befahl und es geschah. +Vielleicht weil er immer nur mit Mauren und nicht mit Maurinnen zu +tun hatte.“ Er lächelte listig. „Und diesen gefährlichen Ritt in die +Alcazaba wagtest du um Salzedo, um Ximenes willen? Man muß sagen, da +hast ein Herz für deine Spanier.“ + +Mora drehte das Gesicht nach der zart gemusterten Stuckatur der Wand. +Hernando ließ nicht locker. „Dein Entschluß, Hispaniola untreu zu +werden, steht also fest?“ + +„Das Land lockt mich nicht mehr,“ sagte der Graf geringschätzig. „Mein +Degen sehnt sich nach maurischen Brüsten. Der Glaube ist bedroht. Der +König hat recht: in diesem Augenblick gehören alle spanischen Ritter +nach Spanien.“ + +„Und um das zu erkennen, mußte zuerst eine Maurin vor deinen Augen +ihren Koran verteidigen?“ Er zielte mit einem prüfenden Blick nach dem +Freund. + +Dieser entzog sich wieder dem lauernden Auge. „Du mengst Dinge hinein, +die nicht dazu gehören.“ Er vermurmelte ein paar grollende Worte. + +Da legte ihm Hernando die Hand auf die Schulter. „Du bist nicht +aufrichtig.“ + +Von den Minars erklang das Selam in feierlich gezogenen Tönen. Aus den +Gassen scholl der Lärm der Empörer herauf. Don Pedro de Solar fuhr +gequält auf: „Es gibt einen kleinen Fisch, er heißt Remora. Er soll das +größte Schiff der Welt aufhalten können. Siehst du, so kann ein kleines +Ereignis die größten Entschlüsse zum Stocken bringen.“ + +„Das ist auf Hispaniola gemünzt?“ + +Der Graf wurde plötzlich von weichen Gefühlen bewegt. „Ich möchte +wieder in Mora sein, in meinem Carmen bei der Stadt, möchte den +arabischen Springbrunnen rauschen hören. Meine Mutter hatte so viele +arabische Märchen im Kopf.“ Er blickte verloren in das weiße Blenden +der Albaycin-Häuser, während sein Fuß auf der Espartomatte ungeduldig +spielte. + +Hernandos Blick nagelte den Freund fest. „Dich drückt etwas Bestimmtes.“ + +Statt aller Antwort fragte Don Pedro: „Du hast viel Glück bei den +Weibern gehabt?“ + +„Ohne zu prahlen, ich hatte die Schönen von Salamanca, Sevilla, +Barcelona, Toledo -- nein, das ist ja schon halbe Prahlerei. Ei, was +geht dich mein Glück bei den Mädchen an?“ + +„Ich möchte doch auch einmal eure Paradiese sehen,“ sagte der Graf, mit +dem Finger weich über die samtne Decke streichelnd. + +Hernando machte Augen. „Jetzt fürchte ich um die Erdbeständigkeit +Granadas. Don Pedro de Solar fragt nach den Paradiesen an einer Maja +Brust!“ + +„Schweig oder besser: rede! Stopple ein paar Abenteuer zusammen, wenn +du sie nicht erlebt hast. Deine Tugend ist Wohlredenheit.“ + +„Hältst du mich für einen geschwätzigen Amadis? Meine Abenteuer +könnte ein ehrsamer Schreiber einem König als lustiges Buch zu Füßen +legen. Man lernt im Schatten der Schulbank von Salamanca mehr als den +Juvenal. Von der stolzen Ines herab, die ihr Schloß durch Feuerwerk +für mich beleuchten ließ, bis zur schönen kupferhaarigen Dolores, die +so wunderbar faul war, daß sie ein Esel darum beneidet hätte, und die +nur Fetzen am Leib hatte statt Seide, habe ich alle Zwischenstufen von +Schönheiten genossen. Und doch rate ich dir, wenn du Vergnügen höher +schätzest als Liebe, so nimm dir eine Maurin in dein Bett. Es sind +weichschenklige Weiber.“ + +„Bist du bei Sinnen?“ empörte sich Don Pedro. + +„Du hast Midashände, darauf fliegen die Maurinnen wie die Hennen aufs +Futter. Sie sind flüchtige Schmetterlinge, eilen von Genuß zu Genuß, +ihr Tag- und Nachtwerk ist küssen, küssen. Auch verstehen sie es, keine +Kinder zu kriegen, denn an diesen könnte deine Liebe einst bitter +leiden. Man sagt ihnen freilich nach, daß sie die Männer bald ermüden +und sich wie Delila ihrer Stärke freuen. Aber was tut’s! Sie schwelgen +an den Tafeln des Lasters, und die Tugenden ihrer Mädchen sind Masken, +die gelüftet eine abgefeimte Dueña zeigen.“ + +Der Graf ballte die Fäuste. „So kann’s nicht sein, so nicht!“ In der +Angst, sich zu verraten, änderte er den Ton. „Wie erwirbt man so +flüchtige Liebe?“ + +„Der eine tut’s in Versen, der andere mit Blicken, der dritte greift +keck zu und überrennt ihren Leib. Auch eine Kupplerin kann gute Dienste +tun. Die Mauren schätzen ihre Frauen als Weib, Kind und Dirne ein. +Solch ein Mischmasch ist gerade für die Stunde gut, da dem Christen +der Adam um die Lenden kitzelt. Doch hüte dich, aus einem Zeitvertreib +Ernst zu machen. Die Busenwärme eines braunen Kindes soll dir schwere +Gefühle abschütteln, nicht dich damit beladen. Auch hüte dich vor den +vornehmen Mädchen, sie werten jeden Christenblick wie den eines Piraten +und sind leichter reizbar, durch ihre Fetas verwöhnt, die einigen Sinn +für echte Caballeria haben. Der Zufall hat dir Beweise des maurischen +Rittertums in den Versen dieses Abencerragen in die Hände gespielt. Auf +solche liebeklingende Werbung fällt leicht eine Agarena hinein.“ + +„Also Maurin und doch nicht.“ In des Grafen Brust kochte es. + +„Ich will den Tag mit Henna anstreichen, da ich vor Mora über Maurinnen +sprechen durfte, ohne daß es ihn überlief. Sonderbar -- Hispaniola +verweht -- dafür verteidigst du Maurenmädchen --“ + +„Eswer Ben Zerragh soll hängen!“ brauste es plötzlich wie ein Zyklon +aus dem Munde des Grafen. + +Da griff sich Hernando an die Stirn. „Ah! -- Es ist am Tage! Deine +Wange in Glut! Der hilfsbereite Degen! Eswer soll hängen! Der Blitz +zündete und traf! O ich blinder Maulwurf!“ + +Graf de Mora saß auf einer Truhe, das Kinn in die Hand gestützt. +Er wußte, daß ihm der Freund das Geheimnis entreißen würde, und im +Grunde wollte er es auch. Die Beladenheit seines Herzens drängte +nach Mitteilung. Und Rojas war der Treuesten einer, zugleich geübt +in Galanterie, beredsam, geschickt, alles in allem ein brauchbarer +Helfer in einer Sache, die des Grafen Herz in ein Chaos zu verwandeln +im Begriffe war. Nur ein Knabe hätte jetzt noch an Ausflucht denken +können. „Sie ist schön,“ sagte Mora, und es klang wie ein offenes +Bekenntnis. + +Hernando zuckte die Achseln. „Die Mauren vergleichen sie freilich mit +Canopus, dem seltenen Stern. Du müßtest sie unverschleiert sehen.“ + +„Ich habe sie gesehen,“ stürzte Don Pedro glücklich heraus. „Ihr Wert +ist größer als der ihres Schleiers. O Hernando, was rätst du mir?“ + +Rojas mußte sich zuerst sammeln. Es kam zu unerwartet. „Gebe mir +Gott den richtigen Augenblicksverstand, damit ich nicht daneben +sinne. Deine Lage ist heikel, wenn du diese Schönheit ernst nimmst. +Du bist königlicher Hauptmann, erster Soldat des Gobernadors, hast +Kriegsverdienste, bist Grande, kannst ohne Genehmigung des Königs +nicht vor das Gericht gestellt werden, stehst bedeckten Hauptes vor +dem König, dein Platz bei den Cortes ist hinter den Prälaten -- das +alles macht dich groß, aber es hindert dich, frei zu handeln. Ximenes +bereitet Schläge gegen die Mauren vor, und du sollst mithelfen --“ + +„Er wird nicht über mein Herz schreiten dürfen,“ sagte Don Pedro +erregt. „Ich war ein Leben lang auf falscher Fährte. Diese Mauren sind +in ihrem Glauben ebenso stark wie wir. Tendilla, Talavera, Osuna, Orgaz +beugen sich vor der Kraft ihrer Überzeugung. Ich stürmte blindlings an +ihr vorbei, nahm gedankenlos hin, was mir die Überlieferung als eine +Selbstverständlichkeit hinlegte.“ + +„Über deinem Haupt hängt eine Wolke,“ mahnte der Freund. „Flieh, ehe +ihr Donner dich vernichtet.“ + +„Es gibt Wolken, denen der Mensch nicht entfliehen kann. Sie eilen zu +schnell.“ + +„Schwer wird man deine Wandlung verstehen. Du standest an der Spitze +der Maurenhasser. Wer hat ihn zum sanften Schäfer gemacht? wird man +fragen. Auf jeden Fall hüte dich, deine Wandlung vor den Augen der +Familiares zu zeigen. Die Liebe einer Maurin ist ein gefährliches +Himmelsgeschenk. Aber im Grunde bist du ein fallendes Blatt, vom Sturm +an die Schöne herangeweht, du atmest ihre bestrickende Nähe und siehst +vielleicht noch nicht die Netze, die dir gestellt sind.“ + +Eswer wird in neun Tagen frei sein! Der Lockton schwang an des Grafen +Ohr. Und die Augen, die Zähne, die sie dabei zeigte! O ihre Schönheit +warf glühende Bälle nach ihm und er vermochte kaum klar zu denken. +Doch plötzlich sprang es ihn an. „Du kennst die Geschichte des +Abencerragen, Hernando. Er hat in Notwehr gehandelt, als er damals den +Schergen verwundet -- doch nun hat er freilich einen Alguacil getötet. +Vielleicht auch aus Notwehr. Und wenn nicht -- ein kastilischer Ritter +hätte nicht viel anders gehandelt, wenn er einen Landsmann von Feinden +bedroht gesehen hätte.“ + +Der Freund lächelte. „Du suchst schon nach Entschuldigungen. Trefflich! +Bei San Isidoro, man muß an Wunder glauben, der Wolf ist zum Lamm +bekehrt. Und das alles aus den Feuergründen eines Weiberauges! Pedro, +Pedro, du hast lange den schönen Blitzen widerstanden, aber nun treffen +sie dich um so unbarmherziger. Das Weib rächt sich durch ein Weib. Sei +auf der Hut! Es laufen so schöne Majas in Granada herum, daß dir um +dein Herz nicht bange zu sein braucht. Aber laß diesen wahnwitzigen +Gedanken fallen: eine maurische Königstochter!“ + +„So gilt das Edle weniger als die billige Ware einer Liebesnacht? +Hernando, nun kenne ich dich nicht mehr. Alfonso der Sechste war es, +der eine maurische Fürstentochter zur Gattin erhob, vor maurischen +Schönheiten senkten christliche Ritter einst ihren galanten Degen -- +o geh, geh, du hast deine Zeit in Salamanca an schlechte Weisheit +verschwendet. Die Erde wird nicht aus der Achse fallen, wenn ein Gott +zwischen zwei Religionen Versöhnung predigt.“ + +„So weit bist du schon, Pedro? Und mit solchen Gedanken willst du als +königlicher Hauptmann die Rattenwinkel der Empörung säubern?“ + +„Weg mit dem Amt, das mir das Herz beengt!“ flammte der Graf auf. + +„Du -- den Degen niederlegen -- in die Hände des Königs? Dieses Königs?“ + +„Soll ich nicht prüfen dürfen, wo das hartbedrängte Volk geirrt? Man +sollte die Mauren doch auch mit den Waffen des Geistes besiegen können, +des Geistes, den Spanien in seinen Hochschulen großzieht.“ Mora begann +fremdartig zu schwärmen. „Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich +wehrte und zur Heldin wurde. Möge kalt wägender Verstand hier unheilige +Glut erklügeln, ich glaube dem Feuer aus diesem reinen Mund.“ + +„Du dampfst wie kochender Wein! Ich will nüchtern bleiben. Noch ist +nichts geschehen, als daß dein schwer zündbares Herz endlich Feuer +fing. Aber man fliegt nicht ungestraft mit wächsernen Flügeln einer +Sonne zu. Männer, die nie geliebt, wirft die Liebe um so leichter um. +Mach’ doch um Christi willen keinen heiligen Altar aus deinem Gefühl. +Leb’ wohl!“ Er klirrte in die Kühle des Korridors hinaus und ließ den +Grafen in einem Gewoge selig-unseliger Bedrängnisse zurück. + +Hernando hatte recht, es war noch nichts geschehen. Aber dieses +herzaufwühlende Gefühl, daß etwas geschehen könnte! Der Graf ließ sich +davon überrieseln. Er stand beim Fenster. Der Moderduft des Herbstes +drang aus dem Garten des Generalifes in seine Sinne. Fern schimmerte +der Schnee des Picacho de Veleta, tief unten rauschte leise der Darro. +Bald mußte er mit gelben Regenfluten daherbrausen -- + +Der Graf spannte das Auge nach der Darrostraße. Eine Dame ritt daher, +gefolgt von Rittern. Leonore de Uceda! Welch schmachtenden Blick +warf sie herauf! Der Graf zog sich in den Schatten zurück. Dieses +liebebettelnde Abenteuerweib kam zur Unzeit in seine Gedanken geritten. +Er schüttelte das Bild von seiner Seele, denn es wog zu leicht und +wurde von keiner Tugend geziert. + +Dumpf läuteten die Glocken. Es mochte wieder ein Auflauf im Gange +sein. Don Pedro durfte bis zum Abend ruhen. Er drückte das Haupt in +die arabischen Diwanpolster. Eswer wird in neun Tagen frei sein! klang +es wieder an sein Ohr. Und seine Müdigkeit zerriß. Er wird nicht frei +sein! tobte der Trotz in ihm. Er ist dein Liebhaber, schöne Gazelle der +Agarenos! Und ich werde nicht die Torheit begehen -- ei, was für eine +Torheit? Ach, Gedanken sind Würmer, die am Mark des Menschen zehren. + +So drohte sein Gemüt in den Niederungen des Zweifels und der Eifersucht +zu ersticken. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Reijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines +zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da +stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches. + +„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“ + +Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins +Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“ + +„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie +dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die +schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur +von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug --“ + +„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit. + +„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid --“ + +Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer +Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla -- Gott erleuchte sein Herz, wie +er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten, +begleitet von seinem Hauptmann --“ + +„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen. + +„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll +Licht.“ + +„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus. + +„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs +neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht +auf -- und da -- o daß ich es noch einmal sehen könnte! -- da wirft +der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist +mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König +Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich +an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze +-- die Waffen sinken zu Boden -- der Graf -- Gott gebe ihm Gärten und +Paläste und tränke seine Herden! -- der Graf läßt durch Reiter eine +Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei +Söhne reiten durch die lebendige Gasse -- und der Graf ruft: ‚Diese +meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit +angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad +nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf -- +Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für +sein Leben.“ + +„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den +schönen Lippen. + +„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador -- +ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man +sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen +Gott loben, denn er hat ein sichtbares Zeichen gegeben über sein +zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf, +er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen +errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und +ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“ + +In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und +schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten +sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt +auf dem Untergrund des dunklen Samts. + +Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen +brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“ + +Saffana brachte Teppiche und Diwan in Ordnung. „Talavera?“ + +Reija kräuselte die Lippen in Unmut. „Den, der uns den Koran brachte.“ + +„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen. +„Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er +ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“ + +„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin. + +Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung +ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein +Weib an.“ + +Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen +christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt, +stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“ + +„Freilich -- damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten +des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der +Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie +gefällt er dir, Tau der Wüste?“ + +Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber +sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. Es war so +schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen +Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“ + +Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber +ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie +die Sklavin. + +„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute +einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“ + +„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn +herum aber sah ich Flammen.“ + +„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“ + +„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das +Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel -- da erwachte ich +und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“ + +„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“ + +„Aber was soll die Flamme um ihn?“ + +„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“ + +Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum. +Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl +-- sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er +einem den Koran gebracht?“ + +Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen +möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott +für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch +wenn er stirbt.“ + +Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie +rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der +Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir +den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl +schöner als der Graf.“ + +„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das Echo. Aber +das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel +ihres Gefühls zu lösen. + +„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh +zurück. + +Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich +segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“ + +Noria, die Schiefrückige rief zum Bad. + +In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der +Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und +Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus +silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden. + +Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs, +keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen +die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos +gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar, +sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern +und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang +war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift. +Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten +sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten +dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem +Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein +glücklicher Falter nahte. + +Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen, +ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern, +wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare +Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es +mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden +Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte +Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin +fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten +Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser von +Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut +rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen, +ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen. + +Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit +natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an +ihr bebte. + +„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd. + +„Was ist es mit ihr?“ + +„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins +Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den +Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“ + +Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom +Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die +Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine +fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden +Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines +goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den +fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes +Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras. + +Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß +zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es +möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den +Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand. +„Das Gewand!“ + +Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie +erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie +legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin +ein jemenitisches Liebeslied summte. + +Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das +stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein +sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine +Riesensphinx dalag. + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Die Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der +Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter +nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus. +Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche +Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten +brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den +Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am +selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches +Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig +entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach +Sevilla. + +Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen +gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins +Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche +Licht zu einem Fünklein zusammen. + +Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in +das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König --“ + +„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin +stürzend. + +Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit +geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“ + +Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur +Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter --! O +warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt +haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und +noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt +einen eifernden Erzbischof.“ + +„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella. + +Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl. +„Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie +Könige aus sich selbst sein!“ + +Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis! +Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des +Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man +uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“ + +„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen +den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er +ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse +Vergangenheit seines Vaters.“ + +„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella +auf. + +Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn +laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit +Eifer --“ + +„-- und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin +warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel +herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone +Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“ + +Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die +Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“ + +Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu +vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar, +Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die +beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten. +Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick --“ + +Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen +gebären sich dann von selbst.“ + +Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über +der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar +den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des +Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er +sich aufrecht. + +„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng verfurchtem +Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen, +gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist +besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch, +ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den +Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst +zu tun?“ + +„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen +Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig. +Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst +auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner +erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf, +damit meine Könige besser schlafen können.“ + +Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns +schmerzen,“ sagte sie weich. + +„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre +Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“ + +„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben +Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben +gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten -- und Ihr verbrennt die Bücher +ihres Glaubens!“ + +„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des +Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an +ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie +sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich +blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich +das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut. +Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des +goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer +Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft +christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale +der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man +mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen +Medizinen in mir sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in +der eigenen Tat erblicken.“ + +„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend. + +Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache +alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch +Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr, +ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr +Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen +bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen. +Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen +Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine +Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten +hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds +fortgepflanzt.“ + +„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu --“ + +„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich +sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste, +ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden +wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s +geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf --“ + +„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon --?“ + +„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz. +Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein +ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter +dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein +Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft. +Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets +meinem Rat williger das Ohr geliehen -- o sprecht für mich!“ + +Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein +Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges Schwert, +Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren, +aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“ + +„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft. + +„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken +aber bleibt unberührt.“ + +Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken +überwachen.“ + +„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker +werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns +anklagen sollte. Leon ist allzu streng --“ + +„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt? +Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße +legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der +Kirche --“ + +„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn +flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert: +die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die +Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch, +drängst du die Mauren übers Meer.“ + +„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“ + +„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der +König. + +„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich +nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser +ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen +stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten: +Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“ + +„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis. +„Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt +noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche +werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und +sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr +schürt. Es könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib +mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“ + +Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht +nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser +Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada +die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele +gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“ + +Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn +ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe, +bürgt Ihr mir für den Erfolg?“ + +Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was +spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo +bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen +Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die +Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen +Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch +der gefährlichste -- gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die +Seele des Aufruhrs.“ + +„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf. + +Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen. + +Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten, +der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein +Schwert zu klopfen.“ + +„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich +halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien +weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich +nicht --“ + +Der König reckte sich. „Was soll die Drohung?“ + +„Der ganze Priesterstand ist in mir verletzt worden. Wenn’s dabei +bleibt, wächst der Granden Stolz, der Mut der kühlen Denker. Weh Euch, +weh uns! Kirchen und Klöster werden zu Ruinen und über Priesterleichen +geht der Weg zur Macht.“ + +„Ihr malt grell, Ximenes,“ sagte Fernando unbeirrt. + +„O viel zu blaß ist das Gemälde der Zerstörung. Wollt Ihr ein zweites +Bild? Die Kirche auf der Seite der Granden? Rittertum und Geistlichkeit +haben den Koloß geschmiedet, der langsam die Mauren zermalmte. Doch +der Koloß kann sich, wenn’s sein muß, auch nach einer andern Richtung +wenden. Im Rat der Cortes gilt meine Stimme noch.“ + +Der König stand bleich unter dem Drohwort des Kanzlers. Dann schnellte +er los: „Isabella! Was ist Freund, was Feind an diesem Hof? Weiß ich, +ob, was die Zunge spricht, auch im Herzen geboren? Was heut uns dankt, +dankt morgen einem andern.“ + +Ximenes stand betroffen von dem jäh ausbrechenden Königsschmerz. +Da trat die Königin zu dem greisen Freund. Sie fand ihre Stärke +wieder. „Ihr seid ein spanischer Priester, die sind im Kirchenamt so +hart erzogen wie im Kriegsdienst. Das ist vielleicht ein Gotenerbe. +Drum drängt das Kämpferherz den Gottesmann in Euch zurück. Wir +brauchen solche Schwertpriester, um den Spanier glücklich zu wissen. +Ximenes, wir haben nichts zu wählen, nichts zu fürchten --“ Und in +Gedanken setzte sie hinzu: als dich, Ximenes! Doch sie sprach ein +zuversichtliches Wort. „Ihr sollt Vollmachten haben. Formuliert sie.“ + +Ximenes atmete auf. „So hört: die Verträge mit den Mauren können +unbedenklich für nichtig erklärt werden.“ + +Fernando starrte den kühlen Forderer an. „Seid Ihr von Sinnen? An +meinem Namen klebt das Recht. Es war ein anderer Fernando, den sie den +Heiligen heißen, der mit den Mauren im Kampf lag, doch es war sein +Stolz, daß er Verträge hielt. Die Gerechtigkeit umschimmert seinen +Königsadel. Soll die Geschichte sagen, daß ein späterer Fernando +Verträge brach?“ + +Um die Mundwinkel des Kanzlers legte sich ein Zug unerbittlicher +Schärfe. Die Augendeckel gingen langsam auf und ab. „Das Gewissen der +spanischen Könige war nicht immer rein, dünkt mich. Ein Alfonso war +es, der einen maurischen Königssohn vertrieb, bei dem er kurz vorher +selbst Schutz gefunden vor seinen Feinden. Empfindliche Menschen +nennen dies Undankbarkeit. König Pedro ermordete mit eigner Hand den +Maurenfürsten, der als Gast bei ihm lag. Und hätte der Cid sich mit der +geraden Treuherzigkeit den Lorbeer um das Haupt gewunden?“ + +Zornig schnitt ihm Fernando das Wort ab. „Soll der Enkel nachahmen, was +die Ahnen gesündigt?“ + +Da rückte der Erzbischof mit gesenkter Stimme an das Gewissen seines +Herrn heran: „Und hat dieser Enkel das eroberte Malaga vertragsrichtig +behandelt? Schrien nicht Mauren am Marterpfahl, durchstochen von +spanischen Ritterlanzen? Wurden nicht zwölf Juden mit Schilfrohren zu +Tode gepeitscht? Nicht zwölftausend Mauren als Sklaven verkauft und +alles, was maurisch betete, vertrieben? Und das Geschenk von vierzig +maurischen Mädchen für die Königin von Neapel?“ + +„Mahnst du mich daran, daß Priester deinesgleichen meine Ratgeber +waren?“ stürmte der König grimmig auf den Primas ein. „Die Zeiten sind +vorüber. Fortan soll der Maure an mich glauben können.“ + +„Er tut es, indem er sich empört,“ lächelte der Erzbischof überlegen. +„Hat ein solches Volk nicht das Recht auf Einhaltung der Verträge +verwirkt?“ + +„Wer trieb sie zur Empörung? Verletzte ihre Rechte?“ + +Da richtete Ximenes den Asketenleib auf und sein Auge sprühte Triumph. +„Und wer sagt Euch, Hoheit, daß dies nicht mit Vorbedacht geschehen?“ + +Fernando starrte den Schrecklichen an. „Ihr -- habt --?“ + +„Um sie zur Empörung zu reizen, verbrannte ich die Bücher und riß die +Kinder von den Müttern. Die Aufgereizten mußten zu den Waffen greifen, +man mußte sie zum Aufruhr treiben, um sie ins Unrecht zu setzen, denn +einem Empörer hält man keine Verträge mehr, weil er selbst den Vertrag, +den friedlichen, gebrochen.“ + +Der König mußte sich fassen. „Bei Gott und Santiago! Das ist furchtbar. +Dies auszusinnen, mußte erst ein Priester kommen. Ich brauche Zeit, +dies alles zu überdenken.“ + +„O handelt, handelt!“ stürzte Ximenes hervor. „Der Augenblick, das +größte Werk der Christenheit zu tun, ist da. Wer ihn versäumt, klagt +sich selbst vor Gott an. Man stelle die Mauren unter die Anklage des +Hochverrats und der Vertragsverletzung, und im gleichen Atemzug wartet +man mit Gnade auf, gibt den Empörern die Möglichkeit zur einzigen +Rettung: Entweder Auswanderung oder Taufe! Der Maure hängt an seinem +Granada, ich verpfände meinen Kopf, der größte Teil bleibt hier und +fällt unserm Glauben zu.“ + +Die Gesichter der Könige waren in Blässe getaucht. Das gewaltige Werk +dieses staatsmännischen Kopfes stand wie ein Koloß vor ihnen und sie +wagten nicht, seine Größe zu ermessen. + +Ximenes hielt die Seelen der schon halb bezwungenen Könige fest in +seinen Händen. „Denkt an die Juden, die wir vertrieben! Es lag damals +nicht anders.“ + +Der König zuckte zusammen. Vor seinem Geiste schwebte ein Erinnern +an die dunkelste Zeit der Herrschaft. Er sah die spanischen Juden +auf den Knien liegen und er hörte die Silberlinge, die sie ihm +für die Zurücknahme des Vertreibungsediktes anboten, im großen +Sammelbeutel klirren. Dreißigtausend Dukaten lagen dann wohlgezählt +auf dem Marmortisch des Audienzsaales. Schon wollte Fernando um des +Riesenschatzes willen Gnade üben -- da warf sich der glaubenswütige +Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor den König hin: „Judas hat +Jesus um dreißig Silberlinge verkauft, Eure königliche Hoheit wollen +ihn neuerlich um dreißigtausend verkaufen.“ Und er warf das Kruzifix +auf den Tisch. Das weckte den König. Er ließ das Geld unberührt und +achthunderttausend Juden mußten auswandern, ihr Vermögen fiel dem +Kronschatz anheim. Die Erinnerung griff an das Königsherz. Ximenes +mußte es aufs neue durchwühlen. + +„Die Welt muß der Stimme gehorchen, die von Nazareth kam. Will mein +König auf den Ruhm verzichten, Europa von den Irrgläubigen gereinigt zu +haben? Und zudem --“ seine Stimme wurde bohrendes Geflüster -- „Spanien +braucht Geld, und es ist aus den Mauren herauszupressen. Macht Euch zu +Freunden des ungerechten Mammons. Die Mauren sollen Glauben und Geld +lassen.“ + +Der König fühlte, wie sein Gewissen pochte. Er sehnte sich nach der +Schirmerhand der Kirche. „Laßt Messen lesen für die Not unseres +Herzens! Wie sollen wir anders können, wenn der erste Priester des +Reiches unsere Tat auf sich nimmt! Verfaßt das Edikt: Taufe oder +Auswanderung!“ + +„Taufe oder Auswanderung!“ Mit glänzendem Auge wiederholte es die +leicht gewonnene Königin. + +„Noch eines,“ sagte Ximenes. Und sein Blick lauerte in die Herzen +der Könige. „Wenn man den Auswanderern den Geleitbrief bis an die +afrikanische Küste gäbe, dann wäre Gelegenheit, sich ihrer -- nach der +Ausschiffung auf rasche Weise zu entledigen. Man macht sie nieder --“ + +„Seid Ihr von Sinnen?“ schnellte die entsetzte Königin empor. + +Fernando aber durchbohrte den schrecklichen Ratgeber mit einem +furchtbaren Blick. „Ist das ein Priestergedanke oder --?“ + +„Der Herzog von Medina-Sidonia riet es. Er hat mehr Klugheit als Herz.“ + +„Und Ihr gebt Euch zum Anwalt dieser Klugheit her? Dann soll das Herz +bei Königen zu finden sein. Nie wird das geschehen, was Ihr sinnt. Der +Maure baue auf ein Königswort.“ + +Ximenes’ Herz rollte sich zusammen. So mußte er eben mit dem kleinern +Erfolg zufrieden sein. Seine Neider konnten wenigstens nicht mehr mit +der königlichen Ungnade triumphieren. Er reckte und streckte sich. +„Unser Gebet ist: Christi Geist komme und belebe die Mauren. Spanien +ein Volk, ein Land. Nicht Freiheit, sondern Reinheit des Glaubens! +Zu Hirten setzte Gott die Bischöfe ein, vertraut also dem einen, der +Euch die Herde vermehren hilft und die räudigen Schafe ausstößt. +Glaubt mir, der Kirche Geist kennt keine Schwäche, alle natürlichen +Erschütterungen, die Prüfungen Gottes, wird er überwinden. Straucheln +wir auch, wir erheben uns wieder und setzen gewaltiger unsern Weg fort. +Niemand wird das Geheimnis unserer Macht lösen können, denn wer könnte +Gott enträtseln?“ Er verneigte sich vor den Königen. Diese küßten dem +ersten Diener Gottes die Hand. + +„Ihr sollt morgen das Hochamt zelebrieren,“ sagte die Königin. „Dann +kehrt nach Granada zurück. Wir folgen bald.“ + +Draußen erwartete den Kirchenfürsten der getreue Ruyz. Aus dem +strahlenden Gesicht seines Herrn las er den Sieg einer geistigen +Schlacht. + +Ximenes ließ sich beim Großinquisitor Deza ankündigen. Der Primas, der +noch vor zwei Jahren die Strenge der Inquisition verurteilt hatte, ging +jetzt in ihr auf. Er stand mit seinem Kanzleramt nicht im Getriebe des +Tribunals, er war nicht im Supremo, dem höchsten Rat des Gerichts in +Toledo, aber er bediente sich seiner Macht zur Stärkung der eigenen. +Die bewegende Kraft ging von ihm aus. Er trat infolge seiner hohen +geistlichen Stellung mehr vor das Volk als der in den Geheimzimmern +wirkende Großinquisitor. Von Deza kannte man nur den Namen und die +Auswirkung seiner Gesetze; Ximenes konnte man ins Auge sehen und konnte +seine Tatkraft bewundern. + +Er ließ sich nun über den Guadalquivir zum Kartäuserkloster in Triana +rudern. Dort wohnte Deza. Schon von weitem hörte man den zahmen Löwen +brüllen, den der Großinquisitor selbst bei der Messe zu seinen Füßen +liegen hatte. Sie traten in die klösterliche Zwingburg. Über einem +Torbogen wehte die Fahne des heiligen Tribunals mit dem grünen Kreuz, +das aus einer Krone wuchs, von Schwert und Ölzweig flankiert. Scheue, +dunkle Mönchsgestalten schlichen die Mauer entlang. Irgendwo hörte man +leises Wimmern, wie vom Winde verweht. Ein Schauer rieselte dem jungen +Pater Ruyz durchs Mark. Er wußte, daß unter ihm die Folterkammer des +Ketzergerichts lag. + + + + +Siebzehntes Kapitel + + +Graf de Mora stand in Alkazar vor dem Imam, der in Gesellschaft +vornehmer Mauren war, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf +niedrigen Strohschemeln saßen. + +„Möge dir Gott die Gnade eines langen Lebens schenken, Feta,“ begrüßte +Abu Atir befremdet den christlichen Gast. „Mir grünt nicht mehr Bart +und Haar, darum vergib, wenn ich mich nicht erhebe.“ + +Nachdem der Graf gedankt, sagte er kurz: „Ximenes ist zurück.“ + +Der Imam fühlte einen Druck am Herzen. „Gesegnet sei sein Schritt, wenn +er Gutes bringt vom König, dem Gott ein freundliches Alter bescheren +möge.“ + +Der Graf blickte zu Boden. „Es ist sein Wille, daß ich Euch in den +Turm der Cautiva begleite, wo Ihr Eure künftige Wohnung haben sollt -- +Ihr und Doña Reija.“ Er stockte verlegen. Das Amt hätte Ximenes einem +andern übertragen sollen. + +Abu Atir beugte seinen Leib weit vor, als hätte er nicht recht gehört. +Die Mauren aber sahen einander bestürzt an. Und einer von ihnen fragte: +„Was ist der Sinn dieser Botschaft?“ + +„Hört Ihr die Fanfaren in den Straßen? Es wird das neue Edikt des +Königs verlesen. Der König gibt den Aufständischen Gnade und erbarmt +sich ihrer verführten Seelen.“ + +„Aufständischen? Verführten?“ ging es von Mund zu Mund. + +Auf den Stützen zweier Maurenarme erhob sich statuenartig Abu Atir. +„Der König von Spanien, dem Isa, der große Prophet, ins Herz blicken +möge -- was läßt er uns durch die Posaune sagen?“ + +Schonend, wie von Mitleid überschattet, klang die Antwort des Grafen: +„Die Mauren sollen wählen zwischen Taufe und Auswanderung.“ + +Wie ein Henkerbeil fiel das Wort in die Hirne der Edlen. Jäh +aufflammende, wirre, unverständliche Worte flogen hin und her, und die +weißen Burnusse gerieten in gefährliche Bewegung. Selbst einige Hände, +von der Verzweiflung getrieben, griffen nach den Brüsten, als suchten +sie nach den verborgenen Waffen. + +Da fuhr des Imams dunkle Stimme in die Bestürzung. „Bei den sieben +Toren der Hölle! Bettet eure Herzen in den Polstern des Friedens. Der +da will, es sei ein Morgen für euch, wird ihn heraufführen aus den +Tiefen der Nacht. Mein königlicher Feta -- gepriesen sei der Herr, auch +wenn er seine Schrecken sendet. Ihr sagt: Taufe oder Auswanderung. Also +das, was vor sieben Jahren den Juden geschehen ist?“ + +Graf de Mora nickte. Sein Blick verfolgte jede Bewegung der +verzweifelten Mauren. Was nützten ihm am Ende die zehn Reiter, die +unten im Hof sein Leben unter ihre Lanzen nahmen? + +Dem Greis traten die Tränen in die Augen. „Ach du, Hamet Zeli, und du, +Almama, -- Osmar Ben Akbet -- blühender Zweig des Irak, du mein Moadh +Ben Kordha! O ihr Männer, denen diese Erde Gottes herrlichstes Geschenk +war, ihr sollt sie nun verlassen, das Eden der Mauren, wo eure Urväter +geackert und gebaut haben, wo der Quell ihrer Weisheit entsprungen und +die Flammen ihrer Herzen aufgeloht haben -- Granada verlassen!“ + +„Wir verlassen es nicht!“ entlud sich eine wilde Brust. „Wir greifen +wieder zu den Waffen!“ + +„Zu den Waffen!“ brauste ein Sturm durch den Saal. + +Der Imam aber pflanzte sich vor dem Hauptmann des Königs auf. „Zurück +von ihm. Achtet seiner, denn er ist der Sohn einer Mutter. Er ist der +Überbringer der Gedanken eines Azaziel, dem die Gewalt zu klein ward +und der im Übermaß der selbstgeschaffenen Dinge zugrunde gehen wird. +Was schreit ihr nach Waffen? Sie sind wertlos.“ + +„Wir haben die Geiseln des Grafen Tendilla!“ schrie ein Edler. + +Wie helles Wetterleuchten zuckte ein Jubel über die Gemüter hin. Alles +geriet aufs neue in Aufruhr. + +Mit wuchtigem Schritt durchbrach der Imam wieder den Knäuel. „Laßt +die Blicke im Geist auf den Palmen von Mekka ruhen! Wir wollen eine +Zierde anlegen unserm Herzen, sie soll weit leuchten über den Verrat +der Christen. Geht in die Quartiere, durchlauft den Albaycin und die +Antequeruela, ruft es von den Minars: Es ist kein Gott außer Gott +und Mohammed ist sein Prophet! Und wenn sie aufheulen wie die Wölfe +vor Schmerz über das, was ihnen die christlichen Priester ins Herz +schütten an brennendem Öl, so sollen sie doch nicht nach den Armbrüsten +greifen, und keine Hand rühre die Geiseln an. Man schicke sie als +Antwort der Mauren an den Grafen Tendilla zurück. Man gab uns Verrat +und Treulosigkeit, wir geben Großmut zurück. Keine Hand beflecke sich +mit Mord.“ Der Atem dampfte aus seinem Mund. + +Mit zusammengepreßten Lippen, den qualvollen Aufruhr im Herzen, standen +Fakis und Fetas um den geliebten Santon. Dieser wandte sich nun +keuchend an den Grafen: „Und -- was wollt Ihr -- von mir?“ + +„Der Primas von Spanien befiehlt, Euch in die Alhambra zu bringen. Ihr +sollt in vornehmer Haft --“ + +„Haft? Ein Mahbus, ein Gefangener --? Ist das der Sinn?“ Er zuckte +zusammen. Und dann klagte es sich leise von seinen Lippen: „Es wird ein +Wehklagen sein in Granada, das bis in die sieben Himmel dringen wird. +Es werden Karawanen des Leids gerüstet werden, die werden ziehen übers +Meer, bis in die Wüsten der Berber. Und hier wird man uns nehmen, was +wir bebaut, aus jeder Ackerfurche der Vega wird ein Schrei springen +nach uns: bleib! Doch wenn ihr bleiben wollt, Brüder friedlicher +Gedanken, dann müßt ihr eure Knie beugen vor dem Taufwasser und müßt, +was ihr sonst nur in euern Kammern Gott zuflüstert, den schwarzen +Priestern im Beichtstuhl vertrauen. Und glauben müßt ihr an drei Götter +in einem, müßt euch die Sinne verwirren lassen von den Trugschlüssen +klügelnder Vernunft, müßt euch beugen vor goldenen Gefäßen und Sonnen, +in denen der Leib Isas verschlossen ist. Aber, Brüder vor Gott und +den Menschen, das mache jeder mit sich selbst aus. Wir verfluchen den +Renegaten nicht, denn er wird innerlich nicht seinem alten Glauben +absterben. Und ich? Oh, nicht wahr, ich habe euch Aufstand und Empörung +gepredigt? Hab’ euch zugerufen: widersteht! Oder habe ich euch am Ende +Worte des Friedens gesagt, euch empfohlen, die Geiseln zurückzugeben +und die Christen zu beschämen? Ei, das wird der königliche Feta +übelnehmen. Es ist vielleicht nicht die erwartete Antwort auf die Rute +des irdischen Königs. Aber wie immer: es erhebe sich keine Waffe für +mich und das unschuldige Königskind. Die Rose wird verblühen, wenn kein +Erbarmer seinen Willen nach ihr streckt.“ + +Das Wort stach wie ein Speer in die Brust des Grafen. Aber er kam +nicht zur Besinnung über den Schmerz. Abu Atir verlor sich in seinem +Weh. „Habe ich sie deshalb aus der Dunkelheit ans Licht gehoben? Eben +erst öffnete sich der Kelch ihres Herzens für den Tau des Wissens, der +Schönheit, der Musik und der Dichtkunst -- da greift das Schicksal hart +in ihres Glückes Rad und wendet die Speichen in die Nacht zurück. Feta +des Königs, ich beschwöre dich, wer wird diese Rose hegen und pflegen? +Sie wird ihre Sklavinnen mitnehmen können?“ + +Der Graf bejahte. „Sie darf täglich einmal zu Euch gehen und sie wird +ihr Zimmer neben dem Euren haben.“ + +Sonnenschein legte sich in das Auge des Imams. „O Gottes überströmende +Gnade! Wie lange wird die Haft währen?“ + +„Bis Gewähr gegeben ist für die Ruhe in Granada.“ + +„Ein dunkles Wort, meint ihr nicht?“ sagte er zu den andern. „Befaßt +euch mit der Antwort.“ + +„Wir werden zum König gehen,“ rief Hamet Zeli aus, der Friedfertigsten +einer. „Sollen Schakale der Wüste barmherziger sein als er?“ + +Selbst den Grafen rührte die Treue der Edlen. Er wäre versucht gewesen, +dem hehren Greis eine Gasse in die Freiheit zu öffnen; aber ein anderer +Gedanke hob diese edle Regung auf: Reija kam in die Alhambra! Er gab +sich einen Ruck. „Meine Reiter warten. Sie werden die Sänfte begleiten. +In der Stadt liegen achthundert Kastilier, die getreuesten Soldaten des +Königs, Männer von Alcala und Toledo.“ + +„Habt keine Sorge,“ sagte der Imam mit hochgestrecktem Leib. „Mein Wort +ist wie ein Königswort. In wenigen Augenblicken werden diese Fakis die +Straßen durchlaufen und das Weh der Mauren stillen. Wieviel Bedenkzeit +ist meinen Brüdern im Glauben gegeben?“ + +„Bis zum ersten Tag des März muß Granada +einen+ Glauben haben.“ + +„Ob sich Gott so schnell wird umlernen lassen?“ zweifelte Abu Atir +mit leisem Spott. „Ob sie es glauben werden, wenn ihnen die fremden +Priester zurufen werden: eins ist drei und drei ist eins? Einer von +den drei Göttern ist der Vater, einer der Sohn, einer der Heilige +Geist, und daß der Sohn Vater und der Vater Sohn sei und doch nicht +Vater und nicht Sohn, daß ein Gott Mensch sei und ein Mensch Gott, +und doch der Mensch nicht wie Gott? Und daß Gott gelitten hat, daß er +Backenstreiche empfangen und gekreuzigt wurde, und daß er ins Grab fuhr +und auferstanden ist -- ach, ob sie das so schnell lernen werden? Und +viele werden so tun, als glaubten sie es, um nur nicht ihr geliebtes +Granada verlassen zu müssen. Ei, wie hat doch dein guter Priester +Talavera gesagt? ‚Ximenes erringt größere Erfolge als der König. Dieser +hat nur Granadas Boden gewonnen, jener aber Granadas Seelen.‘ Kommt +nach dem Zimmer des Pfaus. Ich werde dir Reija holen.“ + +Und mit nassen Augen nahmen die Ritter und Fakis Abschied von dem +Santon. + +Als der Graf neben dem Alten durch die Korridore nach dem Pfauenzimmer +ging, hörte er das Wehklagen der Mauren aus dem Hof klingen. Aber bald +entzückte sein Herz ein anderer Ton. Frohes Mädchenlachen scholl aus +einem Zimmer. Und eine helle Lohe schlug in die Glieder des Spaniers. +Denn da stand sie auch schon an der Schwelle und ihr Blick brannte nach +dem schönen Unheilsboten. + +„Eswer Ben Zerragh ist nicht frei,“ war ihr erstes Wort. Und ihre +Fingerspitzen spielten in der Luft. + +„Er wird auch nicht frei werden,“ antwortete der Graf halb erstickt. + +„Ich bat für ihn, und du kannst nein sagen, Feta?“ Ihre Augen waren +voll unheimlicher Dunkelheit. + +Da erklärte ihr der Imam den Grund des Besuches. Reija erblaßte und +zitterte. „Gefangen? Ja, glaubst du, daß das so leicht geht?“ + +„Was wollt Ihr tun, Doña Reija?“ + +„Kratzen und beißen wie eine wilde Hyäne und den würgen, der nach mir +greift.“ + +Abu Atir trat dazwischen. „Sie ist ein Kind,“ sagte er entschuldigend +zum Grafen. „Vergebt ihr.“ + +Da traten Tränen in ihre schönen Augen. Sie schlug die Arme vor das +Gesicht, und die braunen Hände leuchteten aus der feinen Florhülle. +„Ich soll -- nicht -- Saffana haben -- und keine Perlen -- Smaragde -- +Seide, Polster, Salben, Laute und Bücher?“ + +„Alles dürft Ihr haben,“ schlug rasch des Grafen Trost in den Schmerz +der Eitelkeit. + +„Werde ich ein schönes Zimmer mit Spiegeln in der Alhambra haben?“ +schluchzte sie jämmerlich. + +„Einen Raum, wo oft Euer Vater geweilt.“ + +Sie tat einen Freudenschrei. „So will ich dir folgen, Feta. Und nicht +wahr, du läßt manchmal einen zamoranischen Dudelsack vor meiner Tür +spielen?“ Sie lief mit aufgeworfenen Händen in das Frauengemach, und +man hörte sie mit den Sklavinnen erregt sprechen. + +Der Graf ging die Treppe hinab in den Sahat. Sein Herz klopfte. Er +durfte der königlichen Agarena das Geleite geben. Lange mußte er +warten. Er hörte den Springbrunnen eintönig rauschen und sah, wie die +Schatten an den Hofmauern mählich wuchsen. Dann erklang Schreien, +Wehklagen, Rufen -- jetzt mußte sie -- + +Dicht verschleiert schritt sie die Treppe herab. Das fürstliche Wiegen +der Glieder schlug dem Grafen in die Sinne. Die Sänfte verschlang sie. +Dann folgte Abu Atir und endlich Saffana. + +In des Spaniers Herzen gingen die Wogen einer hochstürmenden See. +Draußen brauste der Lärm der Mauren. Die Grausamkeit des neuen Edikts +trieb alle Herzen in Verzweiflung. + + + + +Achtzehntes Kapitel + + +Jeden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck +Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen +der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort +schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe +Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer +wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen +Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und +-- mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel, +ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen +warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich +über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu +Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit +einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den +Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht, +ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen +müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber +dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem +Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der +Besessenheit? fragte er sich bang. + +Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in +bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und +zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag +zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro +von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der +Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und +Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die +schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die +Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm +dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich lächelnd Ruhe. Der +Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen. + +Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada +leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der +Genil und der Darro schwollen an. + +Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren +rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und +Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen, +ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten +sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam +einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng +verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht. +Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden +konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort +die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden +Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie +für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und +man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten -- Monfis +nannte man sie --, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten +Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen, +beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat +wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam +verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut +wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge +der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf +den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter +gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen +die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die +einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren. + +Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg +zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische +übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte dies ‚Perlen vor +die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und +Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit. +Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden, +arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder +und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die +Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde. + +Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den +heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung +wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des +Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu +grollen. + +Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend +erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach +vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse +Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen +lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht +mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte +die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben +wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des +Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten +entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die +Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken +und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold +umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger +Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die +Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten, +beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen +vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man +einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria +heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der +Kläger vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht +gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen +Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba +herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen +Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und +in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im +Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst +nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der +Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte +den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem +weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach +der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen. +Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen +Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten +konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um +das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner +Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der +eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne +der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf +sich dem schrecklichen Reinigungswillen. + +Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der +Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von +Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch +bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken +der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen. + +Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft, +die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der +Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu +werden. + +Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und +durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du +wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer sein als in der +Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge. +Man spricht in den Miradores davon.“ + +Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“ + +„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede. +Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst +der Gefangene einer Gefangenen.“ + +„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf. + +„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen? +Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet +wissen.“ + +Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der +Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte +er doch verraten. „Es ist wahr -- ich habe ihr weh getan -- sie hat +ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr +kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie +längst im liebenden Schutz Castros.“ + +„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf +der Hut.“ + +Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen, +das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie +Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche +Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun +stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine +Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“ + +Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“ +Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest +mich da und sprichst kein Wort zu -- diesem.“ Er stellte ihr den Freund +lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für +dich.“ + +Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige +Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der +Herbstnebel die Landschaft. + +„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott +sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“ + +Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig. + +„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt +das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der +Lustigkeit, des Gesanges.“ + +Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem +Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem +Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte +Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht +allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte +ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe +trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien +vorwärts kam. + +Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da +müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“ + +„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando. + +„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere +Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“ + +„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann +man dich erringen?“ + +Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte +und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber +einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38. +Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will +Saffana an deine Liebe glauben.“ + +Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie +verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern +durch: „Du kommst mir nicht an.“ + +„So küsse ich die Augen.“ + +Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen +spricht, ist kein Kußheld.“ + +Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken +Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben. +„Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein +Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und +böser Dschinnen Neid erfahren.“ + +Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen. + +„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein +Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“ + +„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“ + +Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den +Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da +legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende +auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die +Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet. + +„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen +geben, du aller Blüten süßester Honig du!“ + +„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“ +lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du +mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal +des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber +will Tränen haben.“ + +„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen. + +Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns +befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie +Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die +Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in +den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin +getan, daß sie so leiden muß?“ + +„Du liebst sie?“ + +„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan, +ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie +David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben? +Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist +zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar +ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr +Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht +lieben?“ + +Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den +Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“ + +„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser +Königskind sieht.“ + +„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft. + +„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin +Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht. +„Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie. + +Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ +die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen. + +Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte +sie Schläge empfangen. + +In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den +Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin +hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen. + +Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum +daß er damit begonnen, trat der Graf ein. + +„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen +die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“ + +„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn. + +„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern +zu tun.“ + +„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte seine +Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein +Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man +ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen +führe?“ + +Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben +ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man +wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab? +„Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem +Imam zu. + +Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die +Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott +verherrlichen möge?“ + +„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe +nehmen?“ + +Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu +Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich +in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“ + +„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren +und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen +sehen in Malaga.“ + +Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin +alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung +wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“ + +„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen +Tiger zu schicken.“ + +„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“ + +„Aber es werden Euch Mauern umengen --“ + +„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll -- ewig --?“ + +„Man will sicher sein vor Euch.“ + +Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes +Väterchen!“ + +Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, hinauf und +hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt +mich -- hier -- mit diesem Kinde --“ + +„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“ + +Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas. + +„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung +aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt +du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den +Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es +steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei. +Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem +Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über +deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie +fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist +es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete. +Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin +gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein +Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und +wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im +lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed +auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen +Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu +den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide +ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm +abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“ + +„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den +bläulichweißen Mönchslippen. + +„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“ + +„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der +Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“ + +„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen treiben. Sei +duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“ + +Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte +Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“ + +Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals +bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das +Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen +der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf +sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen +Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will +-- versuchen -- die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust, +ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des +Grafen lehnen. + +Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam, +als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden, +kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn +Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste +Augenblick konnte den Greis umwerfen. + +Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie +ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner +Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn +überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr +die entscheidenden Worte des Mädchens. + +Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon +trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte +Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will +selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören, +und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr +getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“ + +Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der +Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner Seite +weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem +Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt +dann statt einer Seele zwei gewonnen.“ + +„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt. +„Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu +belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“ + +Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese +Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“ + +Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die +Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“ + +Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer. + +Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den +ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er +flüsternd das Salve Regina vor sich hin. + + + + +Neunzehntes Kapitel + + +Kaum waren sie allein, griff der Imam nach den matt herabhängenden +Armen des bleichen Königskindes. Wortlos streichelte er darüber hin. + +Reija bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte. + +„Kaaba -- Mihrab -- Koran -- aus dem Herzen geworfen!“ lispelte der +Greis. + +Das Mädchen warf das Haupt empor. Das starre Bronzegesicht belebte +sich. „Weißt du, für wen ich Christin werde? Mit der frommen Gebärde, +mit allem, was sichtbar ist an den Nasranije? Für dich, Väterchen!“ Sie +legte das Wort wie ein kostbares Geschenk vor ihn hin. + +Die schmerzdurchtränkten Augen starrten sie an. „Was -- soll -- das?“ + +„Ich muß dich retten. Ich will in die Alpujarras, wo die Monfis sich +sammeln. Ich wiegle sie auf --“ + +„Seele der Blumen -- bist du auf die Irrwurz --?“ + +„Dein Elend schrei ich ihnen ins Herz. Abu Atir ist gefangen! Könnt +ihr’s dulden? Die Tage Boabdils sollen wiederkommen, wenn wir nur +einig sind. Ich wecke den wilden Löwen in ihnen, ich führe sie in den +steinernen Palmenwald ihrer Moscheen, ich lasse die Scheichs heilige +Kampfworte im Namen Boabdils sprechen. Der Herr, der den Pferden +Mohammeds Windesflügel gab, wird auch meinen Worten Flügel geben. Die +Granadiner verdorren ohne dich wie die Frucht ohne Regen. Der Jude +Pereres wird mir Geld geben, ich schiffe mich nach Tanger ein, rufe den +Kampfzorn der Berber an.“ + +Abu Atir umschlang mit bebenden Händen ihren Leib. „Blume von Andalus +-- mit diesen Händen willst du Ketten -- welch ein Dschin ist in dich +gefahren? Du meine Hossané!“ + +„Mit dem Feuer meines Herzens zünde ich die Gedanken der Rache in +ihnen an. Und das Leid um die Glaubensbrüder wird einen Riesenbrand +entfachen, der die Berge und Täler in ein einziges Feuermeer verwandeln +soll.“ + +Der Alte koste ihr gelöstes Haar. „Du flammender Wille -- du Riesin an +Tugend, Gazelle an Leib, was für Kräfte traust du dir zu? Den Glauben +der Nasranije erheucheln? Weißt du nicht, daß du verloren bist, wenn +du entdeckt wirst? Daß sie dich in den Sanbenito stecken, auf dem Esel +durch die Straßen jagen?“ + +Ihre Züge spannten sich unerschrocken. Und ihre Augen starrten +plötzlich in sich hinein. „Ghadban der Dichter hat den Kalifen +Hadschadsch durch Wohlredenheit besiegt, so daß er ihn aus dem Kerker +laufen ließ. Oh, was müssen das für goldtönende Worte gewesen sein! +Ich will die Saiten meiner Anafine stimmen, daß ich ihn -- Ximenes -- +Leon -- oder besser --“ Sie hielt wie unter der Spannung ihres Innern +die Gedanken an, um sie dann aufs neue durcheinander zu wühlen. „Es +ist erst ein Saatkorn in mir -- es muß keimen -- zur Blüte werden. +Es ist nichts Kleines unter der Sonne. Aus einem verirrten Kamel +bei der Quelle Semsem entstand Mekka. Warum soll nicht aus einem +Gedankenfunken eines Königskindes sich Granada entzünden?“ + +„Du Herd wilder Wünsche,“ bebte der Imam. „Gib mir die Hand. Die +Priester werden dich mit Dingen locken, die einem Weib gefährlich +werden können. Wer soll als Christin für dich sorgen? Die Mauren +wandern aus -- die Beni Mossad, Hamet Zeli, Chalad Ben Temin, alle die +glaubensstarken, treuen Gefährten und Freunde, soweit sie nicht in die +Alpujarras geflüchtet sind. Die Moriskos? Welcher von ihnen soll seinen +Schutz --“ + +„Das Morgen wird mit glühendem Sturmbrausen kommen -- ich bin bei dir! +Ist das nicht himmlischer Trost? Und ich darf frei gehen und Pläne +spinnen und langsam die Äste zusammentragen für den granadinischen +Brand.“ + +Der Greis sah sie bang-fragend an. „Was in diesen Augen glüht -- oh, es +ist nicht das Feuer deines Vaters -- es ist die Leidenschaftlichkeit +deiner Mutter --“ + +„Meine Mutter!“ Reija schauerte zusammen. Ihre Gedanken griffen zurück. +Das Stammeln an dem Mutterherzen war ihr nicht mehr in Erinnerung. Sie +hörte oft von ihr sprechen, aber aus den Schilderungen ragte das Wesen +der Mutter nicht mit der Weihe einer lebendigen Heiligen in ihr Leben. +Doch nun schwang eine neue Saite in ihrer Seele. Sie sollte den Glauben +der Mutter kennenlernen. Eine Neugier gebar sich in ihr, zu erfahren, +wie ihre Mutter zu Gott betete. Es erfaßte sie gleichsam eine Lust, an +den heiligen Geheimnissen der Christenheit naschen zu dürfen, ohne ganz +in ihnen aufzugehen. Stark schwang ihre Seele im alten Glauben, dem sie +unwandelbare Treue bewahren wollte, und sie stellte sich diesen äußern +Wechsel bei Aufrechthaltung der innern Glaubenskraft rührend leicht +vor. „Meine Mutter hat fest an den christlichen Gott geglaubt?“ fragte +sie scheu-ehrfürchtig. + +Der Imam nickte. „Der duldende Geist Boabdils nahm keinen Anstand +daran. Es hatten ja viele Maurenfürsten christliche Frauen.“ + +„Und -- du?“ Sie fühlte zaghaft in die Seele des väterlichen Herzens. +„Du würdest -- keine Duldung üben -- wenn ich --“ Sie stockte verlegen. + +In des Alten Antlitz lag die vornehme Ruhe des Weisen. „Was ein Mensch +mit reiner Seele glaubt, ist vor diesem und jenem Gott heilig. Ich +könnte nie anders glauben als: Es ist kein Gott außer Gott. Aber wie +sollte ich dich verdammen, wenn du einmal -- ach, es ist ja nicht +auszudenken -- o du Taube der Ziergärten -- Mondschein der Sommernacht +du -- sieh doch, ihm, der die schwarze Ameise auf dem schwarzen Stein +in schwarzer Nacht entdeckt, ihm bleibt nichts verborgen, und er wird +auch die Winkel deines Herzens durchschauen --“ + +„Und wird sehen, wie treu ich ihm bin! Mein Herz wird ein Sieb sein, +durch das die christlichen Lehren rinnen werden, und es wird kein Satz +darin zurückbleiben.“ + +Der Diener des Gotteswortes legte die Hand auf ihr Haupt, und warm und +väterlich flossen die Lehren von seinem Mund in das abschiednehmende +Herz. „Sieh, Reija, es gibt einen alten arabischen Stamm der Fekariten, +dem gab Gott Trug zum Geleite, und es hieß von ihm: Trau keinem +Fekariten die Kamele, denn sicher kannst du sein, daß eines fehle. So +halte es mit dem Trug der Christen. Sie werden auf ihre Weise sorgen, +daß dein Vertrauen zusammenbricht. Sei wachsam wie der Hahn, den der +Morgen nicht überraschen darf. Nahe dich nicht dem Fluß, wenn er +austritt, und dem Menschen, wenn er böse wird. Aber merke auch: Böses +wird nicht durch Böses ausgelöscht, denn wenn du zwei Feuer anzündest, +löscht keins das andre aus. Entreiße dich der Knechtschaft des +unsichtbaren Feuers, das Liebe heißt, denn es kann dich verbrennen.“ + +Die Wache trat ein. „Die Zeit ist da,“ seufzte Reija mit überströmenden +Augen. Und sie nahm Abschied von dem Geleiter ihrer Wege. + +In ihrem Gemach schickte sie die harrende Saffana nach dem königlichen +Hauptmann, sie wolle ihn sprechen. Dann kauerte sie sich in einen +Winkel. Und nun strömte wie Regen die Fülle der Gedanken über sie. Ein +leiser Schauer überfiel sie, als sie die Tragweite ihrer Handlungsweise +überdachte. Ihr Leben mußte fortan eine ununterbrochene Verstellung +sein, und es stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie diesem trügerischen +Spiel gewachsen sein würde. Aber lange konnte die Maske nicht getragen +werden. Wenn der Frühling den Schnee in der Sierra Nevada fraß, waren +die Wege in den Alpujarras wieder gangbar, und das Befreiungswerk +konnte beginnen. In der Höhle von Cañor fand sich die erste +Zufluchtsstätte. Von dort aus konnte man ins Horn des Aufruhrs stoßen. +Oder man konnte auf Schleichwegen ans Meer fliehen -- hinüberschiffen +-- den Vater wiedersehen -- und doch -- lauerte nicht die eifersüchtige +Morayna, die Gattin Boabdils, auf ihre Wiederkehr? Also dort und hier +Verderben! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie sich vor die +Königin hinwürfe? Isabella, sagte man, habe Mitleid mit den bekehrten +Frauen. Aber vor allem mußte doch der Feta -- dieser Don Pedro de +Solar -- + +Aus ihrem Innern stieg es wie Raubtierpranken herauf. Ein süßer, +ziehender Schmerz verbreitete sich in ihrem Blut, und sie wußte dafür +keine Gründe anzugeben. Sie überdachte des Grafen vornehmes Gehaben, +seine männliche Schönheit, die Wandlung in seinem Wesen seit jenem Tag, +da er sie vor den Händen des Priesters beschützt. Oh, was hatte damals +für ein Feuer in seinen Augen geglüht! Und dann die kargen Fragen und +Antworten, die ihm die Brust -- + +Ein heißer Hauch beengte ihre Kehle. Sie begann ihre Glieder in +Wohligkeit zu strecken, und ihre Muskeln und Nerven spielten. Sie +entsann sich mancher Worte des Grafen, und sie klangen jetzt in ihr +wieder, als wären sie vom Tau überrieselt. Waren nicht Wellen der +Fröhlichkeit durch sein Wesen gegangen, als er von ihrem Entschluß +der Taufe hörte? Ihr weiblicher Scharfsinn ahnte die hier schon kaum +mehr verborgenen Zusammenhänge. Sie sprang auf und wiegte ihre Glieder +in langsamem Schreiten, selbstgefällig, mit natürlicher Eitelkeit. +Sie freute sich kindisch, daß sie von nun an auch ihr Antlitz +unverschleiert zeigen durfte, wie es die reizenden Kastilierinnen +trugen, die auf den Rossen stolz saßen oder auf den Miradores ihre +dunklen Augen spielen ließen. + +Da tönten draußen die herrischen Schritte. Don Pedro de Solar stand auf +der Schwelle. Hinter ihm schlüpfte Saffana herein. + +Reija warf schnell den Schleier vor das Gesicht, bog ihre Gestalt sanft +in die Polster hin und verschränkte in natürlicher Selbstgefälligkeit +die Arme. + +„Ihr habt mich rufen lassen?“ durchbrach der Graf mühsam seine +Verwirrung. + +„Du bist mir böse, Feta?“ fragte sie lächelnd, ohne ihre Glieder aus +der Lässigkeit zu lösen. + +„Es macht mir immer Freude, Euch zu dienen.“ + +„Ich soll morgen zur Taufe gehen. Ich will meine Chilaa, mein +Ehrenkleid, tragen. Man muß wohl das Kreuz machen, wenn man die Kirche +betritt? So?“ Sie fuhr ungelenk mit den Fingern über die Brust. + +„Dreimal müßt Ihr Euch bekreuzen.“ Er zeigte es ihr. + +„Ich werde dort schöne Bilder sehen und den goldnen -- oh, wie heißt +das große Gefäß?“ + +„Kelch? Monstranz? Ihr werdet alles schauen. Zuvor wird Euch der +Priester das Salz auf die Zunge legen, das Zeichen der christlichen +Weisheit. Der Priester wird den bösen Feind in Euch beschwören --“ + +„Ich habe einen bösen Feind in mir? Oh, so durfte mich doch kein Mensch +bisher lieben.“ Ein berückender Blick fiel aus den großen Augen auf ihn. + +„Es +ist+ -- Evas Sünde, die von Euch genommen werden soll,“ sagte +der Graf betreten. + +Der Schleier barg ihr Erröten. „Und was weiter, Feta?“ + +„Pater Leon wird Euch vor dem Taufstein fragen, ob Ihr an Gott, +Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und +an vieles andere noch glauben wollt. Und Ihr müßt bei jeder Frage +antworten: ich glaube.“ + +Reija fühlte den Hauch eines Bannes auf sich liegen und über ihr Gemüt +senkte sich eine schwere, schwarze Decke. „Weiter, Feta!“ + +„Pater Leon gießt Euch dreimal Wasser auf die Stirn, salbt Euch mit +Chrisam, hängt Euch ein weißes Tuch um und gibt Euch die Kerze in +die Hand. Den Sinn der Handlung wird Euch Pater Leon später selbst +erklären, denn er hat sich ausbedungen, Euch selbst im Glauben zu +unterrichten.“ + +Im Herzen Reijas schnürte sich etwas zusammen. „Oh, ich möchte so +gern Talavera haben, den frommen Knecht Gottes, dessen Herz von Güte +überströmt.“ + +„Ich fühle es Euch nach. Doch auch Pater Leon hat viel Gewalt über das +Herz.“ + +Reija schwieg bedrückt. Dann sprang sie auf einen eiteln Gedanken über. +„Darf ich den Schleier vor der Taufe abnehmen?“ + +„Ihr dürft es schon jetzt,“ brannte der Graf lichterloh. + +Da löste sie behutsam das Gewebe los, ganz langsam, als wollte sie +vorsichtig ein kostbares Gut enthüllen. Die sonnenwarme Haut drängte +sich ans Licht und bald lag der Edelschnitt ihres Gesichtes vor den +erstaunten Blicken des Grafen. Ihm war, als hätte sich die Madonna +selbst in irgendeinem erneuten Erdenwandel offenbart. Er, der sich +in Tyrannis und Haß gefallen hatte, starrte sie wie ein Gotteswunder +an. In ihrem Blick lag eine keusche Verhaltenheit und doch schienen +im Schmelz dieser Augen geheimnisvolle Versprechungen zu schimmern, +behütet von einer natürlichen Würde. Sie schloß nun die Wimpern über +die vielsagenden Sterne. Die feingezeichneten Lippen preßten sich fest +zusammen, als wollte sie dem bedrängten Gefühl jeden Ausweg verwehren. +Der Widerschein ihrer Innenglut entflammte ihre Wange und Reija wurde +noch reizender durch diesen Zustand der Scham und Verwirrung. Sie +erschien dem Grafen wie eines jener blütenduftenden Gedichte, das +die spielende Phantasie des Arabers in den Augenblicken höchster +Liebesfreude formt. + +„Ich darf auf dem Albaycin, in der Alcazaba wieder aus und ein gehen?“ +fragte sie, sich gewaltsam aus der Verlegenheit reißend. + +„Ihr dürft es.“ + +„Und noch eines --“ Sie stockte einen Atemzug lang. „Eswer Ben Zerragh +-- was ist mit Eswer Ben Zerragh?“ Sie bemerkte mit Genugtuung, wie der +Name seine Züge zerriß. + +„Fragt nicht nach ihm, Doña Reija,“ antwortete der Graf mit beißender +Schärfe. In seinem Gaumen klebte ein bitterer Geschmack und auf seiner +Brust lag es wie Blei. + +„Ich muß wissen, ob sie ihn hängen werden.“ + +„Er wird ewiges Gefängnis bekommen,“ schoß er den Pfeil nach ihr ab. + +Da trat sie dicht an ihn heran, daß er den bestrickenden Duft ihres +Fleisches spürte und das heftige Wogen ihrer Brüste hörte. „Du kannst +ihn -- nicht -- frei machen, Feta? Pfui!“ Ihre Augen lauerten wie vor +einem Sprung. + +„Seid Ihr von Sinnen?“ + +Reija schob Saffana kurzerhand aus dem Zimmer. Dann sprudelte sie es +mit gefalteten Händen heraus: „Freund der Sonne! Du mußt ihn frei +machen, Feta! Er ist so ein hübscher Jüngling und hat noch viel zu +leben und zu lieben. Sperr’ einen alten Schaitan statt seiner in die +Zelle. Eswer ist wie ein Gabriel und aus seinem Mund sprüht Zornfeuer. +Sag’, ist er nicht schön?“ Mit jedem Satz rückte sie listig seiner +Eifersucht an den Leib. + +Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche. Er sah ihre Zähne blitzen, sah +die blutvollen, sehnsüchtig gespannten Lippen, und die Gewalt seiner +Leidenschaft zerbrach ihm die Flügel der Gedanken. „Doña Reija -- fragt +mich -- nicht mehr -- nach dem Abencerragen. Sein Name -- ist -- Gift.“ +Schmerzhaft stöhnte er es hervor. + +In ihr flammte ein Jubel. „Ei, wenn Blicke donnern könnten, man müßte +es bis nach Damaskus hören,“ sagte sie mit einem Lächeln, das ihn noch +mehr reizte. „Doch deshalb bleibt es eben, wie es ist. Eswers Auge ist +drohend wie eine Wetterwolke über der Wüste. Und er schreitet selbst +wie --“ + +„Lebt wohl, Doña Reija.“ Der Graf verbeugte sich in furchtbarem innern +Aufruhr und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Die Leidenschaft +hatte alle Ritterlichkeit in ihm zerschlagen. + +Saffana stürzte herein. „Bei Mohammeds Bart! Bi smi allah! Was hast +du mit dem Feta angefangen? Er ging wie ein abgewiesener Panther und +fauchte mich in eine Ecke.“ + +Reija stand mit hochwogender Brust, die Augen auf die Tür geheftet. Ob +er wiederkommen wird? dachte sie. Sie lauschte hinaus. Als sie keine +Schritte mehr hörte, jauchzte sie auf: „Er liebt mich! Er ist ganz +närrisch vor Liebe! Was stehst und starrst du, Dienerin der Dschinnen? +Er liebt mich, liebt mich! sag’ ich dir -- und ich -- o, o!“ sie zuckte +zusammen, „-- ich soll ihn verderben!“ Der Schmerz warf ihren Leib auf +den Polster hin und ein würgendes Schluchzen erschütterte ihre Glieder. + +Saffana stürzte erschreckt zu ihr hin. „Rose, Rose! Als Mohammed zum +erstenmal im Paradies Gott entgegentrat, da fielen die Schweißtropfen +des Propheten auf die Erde und verwandelten sich in Rosen. Oh, auch +deine Tränen, Engel der Erde, werden sich in Blumen verwandeln. Ach, +ich wüßte, wie dir zu helfen wäre.“ Sie lächelte schelmisch in die +Tränen der Herrin hinein und fingerte leise streichelnd durch ihr +gelöstes Haar. + +Reija hob schnell den verweinten Kopf. „So sag’ es schnell.“ + +„Schems hosna, schöne Sonne, es müßte dich der pflücken, den du liebst.“ + +Da knallte ein Wangenschlag. Aber durch Reijas Tränen blitzte ein +Lächeln. + +Saffana aber sagte ungerührt und hart: „In mir weint kein Schmerz um +einen Mann. Sie sind alle zusammen nicht eine Träne wert.“ + + + + +Zwanzigstes Kapitel + + +Scharenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit +Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der +geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung +wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen +gewinnen, so und so viele täglich. + +Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt. + +An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne +Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden +in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge, +Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke +stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche +hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten +die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der +christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung +herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn, +Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden +standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen, +überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von +alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der +Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen. + +Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der +heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das +Jesuskind im Arm. + +„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit +vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben +ihr stand. + +„Es ist auch Euer Name -- Maria,“ sagte er gepreßt. + +„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria -- +ich werde sie oft verwechseln.“ + +Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob, +trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die Reija befangen +über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf +sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen +lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die +Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr +bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte, +schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm +war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers +Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des +Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit +warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten +Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte. + +Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was +die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten. +Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des +Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form +gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren +Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald +ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von +Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel, +und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war +ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder +hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen +Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade +rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter +der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen +Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte. +Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte +sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können? +Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes --? + +Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende, +kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick der Mutter, +deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige +Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das +Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu +verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden, +halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte, +sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie +sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art +Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob +sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit. + +Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar. +Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur +Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen -- und alles fiel aufs Knie und +der Gesang schwieg -- dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch +-- sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie +deutlich die Priesterworte: ~Domine, non sum dignus~ -- diese +klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach. + +Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle +schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über +dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen +verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille +tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr +Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den +Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle +Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und +Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und +Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre +Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder +nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein +Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die +Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah +sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte +man von nun an noch häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche +Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das +Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen +in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne +Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller. + +Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf +versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem +schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser +Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor +sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner +Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen +und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging +mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war. + +Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte +sie: „Maria heiße ich nun für alle -- Maria Calabreña -- auch für dich, +Feta.“ + +„Gefällt es Euch nicht so?“ + +Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge. +War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen +Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue +Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer +strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr +bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe +ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem +Doppelleben beistehen? + +Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am +Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird +Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee +der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“ + +Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das: +~Domine non sum dignus~?“ + +Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte +der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja -- ich bin nicht würdig +-- daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich +es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht. + +„Ich will besser -- Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm +heftigen Schmerz. + +„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu +Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter +meinem Nährvater.“ + +Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen +Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an +den Wachen vorbei die Treppe hinauf. + +Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas +fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen +mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger +denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der +ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen +Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu: +„Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter +Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen +ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm. +Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er +löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten +Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in +die kalte Wintereinsamkeit. + +Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“ +Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von +Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene +in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“ + +Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür, +schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich hervor, wusch +sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und +räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr +soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem +Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die +Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit. + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel + + +Die Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem +Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht +arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das +ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der +Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken +herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre +schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten +Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau. + +Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf +den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im +Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte. +Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in +der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen +Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und +bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“ + +Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen, +so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr +Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit +einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die +Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische +Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast +beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß +die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze, +die einen betörenden Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln +pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen? + +Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer +und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und +Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in +geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem +Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel +öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der +Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie +nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit, +die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte +das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die +Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es +als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit +dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er +erstehen. + +„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden +Einfalt. + +Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr +müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er +verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das +Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe. +Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese +eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles +wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu +unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art +der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles +wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere +Arbeit gehabt. + +Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja +manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt +Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie +Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“ + +Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern +Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll +ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“ + +Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben +lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte +und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“ + +Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle, +welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob +Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht +auf jeden Fall selig werden?“ + +Der Dominikaner zog die Brauen hoch. „Das ist das faule Kraut der +Duldung. Christus will alle Menschen sein nennen.“ + +„Mohammed doch auch,“ beharrte Maria in kindlichem Eifer. + +Da ging eine Unruhe über das scharfgeschnittene Zelotengesicht. „Wer +sich wehret gegen Christus, kommt nie zu ihm. Ihr könnt nicht von einem +Licht beleuchtet werden, wenn Ihr den Kopf von ihm abwendet. Ihr könnt +nicht bergauf schreiten, wenn Ihr talab gehet. Euer Wille bahnt dem +Glauben den Weg. Es hat sich einer für Euch totgeliebt. Im Tabernakel +liegt er verschlossen.“ + +„Dort ist -- Christus -- der Herr?“ bröckelte es sich zweifelnd von den +Lippen. + +„Das Lamm wohnet unter uns. Die weisesten Kirchenväter wußten das +Geheimnis nicht zu lösen: Christus wahrhaftig in Brot und Wein.“ + +„Es ist über alle Maßen groß,“ bekannte ihr redlich schlichtes Herz. + +„Es wird noch Größeres über Euch kommen. Aber aus dem Saulus ward ein +Paulus. Der Heiland weint um Euch, da Eure Seele nicht zu ihm finden +will. Die Könige des Morgenlandes kamen von weither, um das Kind zu +suchen, und hier will ein Königskind ihn nicht finden, da er so nahe +ist. Hier beim Tabernakel ist der wonnige Hain, wo zu lustwandeln +Seligkeit ist.“ + +Die blumige Sprache rührte an ihr Herz, sie klang arabisch vertraut. +Sie senkte verlegen das Haupt, daß ihr schwarzes Haar sich wie eine +schöne Decke vor den Blicken des Priesters breitete. „So will ich denn +glauben,“ sagte sie flügellahm. „Und sagt, Herr, warum hat Gott den +Heiland nicht befreit wie Isaak, der auch geopfert werden sollte?“ + +„Das geschah aus unsagbarer Liebe zur Menschheit. Durch sein Blut hat +Gott der Menschheit den Weg zu sich gewiesen, den Weg der Leiden.“ + +„So sollen wir viel leiden auf Erden?“ erschrak sie in ihrer kindlichen +Einfalt. „Und Mohammed hat uns viel Freuden hier erlaubt.“ + +Die unselige Fragerin verstimmte den Vikar. „Freuden der Hölle! +Männerliebe und Genußsucht. Mohammed müßt Ihr schmerzlos entsagen, +denn ein kunstvolles Lügengewebe hat er Euch zusammengesponnen, hat +Dinge aus der heidnischen, christlichen und jüdischen Religion in einen +Topf geworfen und daraus einen Heiltrank gemacht, der in Wahrheit ein +Gifttrank ist. Dazu bemühte er den Erzengel Gabriel vom Himmel herab. O +wie sündhaft handelte der Prophet! Er war ein kurzsichtiger Betrüger, +den jeder Laienbruder eines Bessern hätte belehren können.“ + +Maria de Calabreña stach das Weh in die beleidigte Seele. Aber sie +schwieg und verarbeitete heimlich den Schmerz um ihren Kinderglauben. +Und Leon wühlte immer tiefer ihr Herz auf und sagte endlich, wenn +ihr Gott durch Priestermund das scheinbar Unverständlichste zurufen +würde, sie müßte gehorchen im guten Glauben an die Vollmacht des +Stellvertreters Gottes. „Gedanken und Taten eines Priesters leitet +Gott. Ihr werdet es erfahren. Ihr müßt recht oft zu mir kommen, macht +Euch nicht selten wie der Stern Kanopus, jeden Tag um diese Stunde bin +ich für Euch zu sprechen. Und wo Kreuze stehen, werft Euch nieder, ein +jedes wird Euch zum Altar werden; jedes Gebet wird Euch ein goldener +Apfel in silberner Schale sein. Eure Worte werden Engel wie Rosen +aus Eurem Mund nehmen und in Kränze flechten wie bei der heiligen +Rosalinde.“ + +Das gefiel Reija wieder, denn es klang wieder arabisch anmutig. Und es +troff noch in ihrem Herzen nach, als Leon fragte: „Habt Ihr noch etwas +auf dem Herzen?“ + +Aus dem Gewoge ihrer Gedanken hob sie einen heraus, der sie +unvermittelt überfiel. „Ihr nennt Maria Mutter Gottes. Wer war dann die +Großmutter Gottes?“ + +Der Dominikaner rümpfte die Nase über die arge Scholastikerin. „Er +hatte keine, wiewohl natürlich eine Mutter der Gottesmutter da war. +Aber Maria wurde im Geiste beschattet.“ + +„O lieber, guter Pater, ich fasse das nicht,“ gestand sie aus der +Unschuld ihres Denkens heraus. „Es liegt zuviel in mir, was der Koran +mir gegeben, das muß deine Lehre erst wegräumen. Hab’ Nachsicht mit +mir.“ Und es schossen ihr beinahe die Tränen in die Augen. + +Da drängte seine Hand nach ihrem Antlitz, als wollte er ihr Naß +trocknen. Doch er besann sich. „Ihr müßt erst aus der Nacht Eures +Gemüts heraus, aus der Verblendung des Irrglaubens, es müssen die +Wurzeln des alten Glaubens absterben, und auch Euer häusliches Leben +soll alle Spuren auslöschen, die nach rückwärts weisen. Auch die +alten morschen Hüllen der Puppen zerfallen, wenn der Schmetterling +herausfliegt. Ihr müßt nur bereuen, was Ihr gesündigt. Und dazu ist +der Beichtstuhl geschaffen.“ Und er erklärte ihr die Wesenheiten der +Beichte. + +Doña Maria erschrak heftig. Ein Mittler und Stellvertreter zwischen ihr +und Gott! Was sie insgeheim durchdacht und durchwühlt, sollte sie einem +fremden Mann anvertrauen? +Einem+ vielleicht --? Es stach in ihr +Herz. Sie dachte ein Wimpernzucken lang an einen Mann. Gott möge ihm +gnädig sein, ach ja, ihm könnte sie vielleicht -- + +„O wundersame Macht des Beichtstuhls!“ riß Leon ihre Gedanken entzwei. +„Bezwungen von der Nähe Gottes, wirft der sündige Mensch aus dem +Trieb der bereuenden Seele die letzten Bedenken ab, und um des +Glaubens willen klagt er sich an. O reinigende Kraft der Reue! Wenn +die Muselmänner bereuen, zerreißen sie ihre Kleider, wir aber unser +Herz. Katharina von Siena beichtete täglich, wie erst muß Euer Leben +von Sündenlast beschwert sein. Im Heilandsgebet heißt es: Vergib uns +unsere Schuld! Dann muß sie eben auch da sein, in Worten, Gedanken, +Taten. Drum tötet die Angst, sagt mir jeden Tag, was Euch bedrückt, +doch verheimlicht nichts, denn verschwiegene Sünden geißeln das Gemüt. +Auch was Ihr über andre wißt, ladet es ab vor dem verschwiegenen +Priesterherzen.“ Damit warf er die erste Angel der Inquisition nach ihr +aus. „Ihr müßt auch die Gottesspeise im Abendmahl zu Euch nehmen. Sie +ist die Speise für die Seele. Durch den Adamsapfel wurde die Menschheit +zerstreut, durch das himmlische Brot und den Wein wurde sie wieder zu +einem einzigen Leib gemacht. Wir alle sind eines Leibes -- ein Leib, +versteht Ihr?“ + +Nein, das verstand sie auch nicht. + +Der Pater schob ungeduldig die Lippen hin und her. „Ihr scheint ein +weiblicher Gideon zu sein, der dreimal bewiesen haben will, bevor er +glaubt. Das Abendmahl ist die Wegzehrung für den irdischen Pilger, +Ihr müßt danach greifen.“ Ein Bild nach dem andern legte er vor sie +hin. Aber ihr sonst für Redebilder so empfängliches Gemüt konnte damit +nichts anfangen. Sie war gedankenmüde geworden. Ihre Finger nestelten +an ihrem Halsschmuck: ein goldnes Krüglein hing an einer Kette. „Was +ist das?“ forschte der Mönch. + +„Ein Wassertropfen aus dem Semsem, dem heiligen Brunnen von Mekka, ein +unschuldig Hamalet.“ + +Pater Leon nahm es an sich. „Nimmer darf dies Euer Schutz sein.“ Er +holte aus einer Schatulle ein Wachsscheibchen hervor, das Agnus Dei +vorstellend. „Dies ist das Lamm Gottes, Herr Jesus, vom Papst geweiht. +Es wird Euer Herz vor wilden Flammen behüten.“ Er nahm den Flüsterton +der Beichte an. „Sagt, ist Euer Herz nicht verwirrt durch eine -- +gewisse Liebe? Ein Taufkind muß rein in die Christenlehre kommen. Gott +sucht die Sünden der Väter an den Kindern heim, es könnte sein, daß Ihr +an Eures Vaters sündiger Lust leidet.“ + +Maria erbebte in der Tiefe ihres Herzens. Des Vaters Sünde? Was für +eine? Und sollte sie dem Manne etwas verraten, was kaum wie ein Keim in +ihr lag? Sie hatte als Maurin ihr Auge zu einem Christenritter erhoben. +Aber nun war sie doch Christin -- wenigstens in den Augen des Mönches +-- und nun war wohl die Sünde getilgt -- oder bestand sie erst recht? +Da sie sich doch innerlich als Mohammedanerin fühlte? Ihr Gewissen +geriet in Anfechtung. + +„Ihr verbergt mir etwas,“ sagte der geübte Seelenerschließer. + +Sie blickte noch verwirrter. „Euer Auge starrt mir ja auf den Grund +meines Herzens. O wie soll ich Arme -- hört -- es war einmal, daß ich +Sehnsucht hatte -- nach einem maurischen Ritter -- aber er ist gefangen +und im Elend.“ + +„Das tilgt aus Eurem Herzen mit brennender Liebe zum Heiland. Es war +eine Jungfrau, Lucia hieß sie. Sie wurde von einem heidnischen Ritter +bedrängt, der danach begehrte, ihre schönen Augen zu küssen. Da riß +sie sich die Augen aus und sandte sie ihm, auf daß er habe, was er +begehrte. Tut auch so.“ + +Wie ein Donnerschlag ging das Wort über ihr Gemüt. „Meine Augen --?“ +Sie bedeckte sie in Angst. + +„Es liegt noch viel Eitelkeit in Euch, Doña Maria. Euer Körper duftet +balsamisch, das ist maurische Art. Erstickt sie.“ + +„Ei, die Araber haben ein schönes Bild gehabt: Der Balsam sei aus den +Tränen des Christkindes auf der Flucht nach Ägypten hervorgesprossen.“ + +„Fürwahr, ein schönes Bild, aber aus mohammedanischer Phantasie geboren +und darum verwerflich. Pflegt es nicht weiter. Auch Euern Körper pflegt +christlich durch Kasteiung und Buße. Die Maurinnen hängen an Schönheit, +Tand, Perlen, Bädern --“ + +Die Freude an diesen Dingen lachte aus ihren Augen. „Ach ja, die Bäder +sind wohlig und weich --“ + +„Im Bad kann Segen und Unheil liegen. Aus dem Bad der Bathseba +entsprang die Sünde, im Susannabad triumphierte die Tugend.“ Und er +erzählte ihr die biblischen Legenden und warnte sie vor dem Teufel, der +in allerlei Gestalt vor den Menschen hintrete. „Da war eine Nonne voll +Keuschheit, Anna de Nativité, der erschien der Teufel in der Gestalt +des Gekreuzigten, und er befreite seinen rechten Arm und wollte damit +die Nonne umfangen. Da kniete sie schnell nieder, betete heiß und +inbrünstig, und der Zauber schwand dahin.“ + +Maria erbebte. „So muß ich vor jedem Kreuz in Ängsten beten, denn es +könnte der Teufel oben hangen?“ + +Der Pater lächelte. „Wer will, erkennt den Teufel selbst in der +heiligen Maske. Das eigene Gewissen zeigt ihn an. Morgen sollt Ihr im +Beichtstuhl knien.“ Er wies auf die hölzerne Nische an einer Wand. Er +gab ihr in einfachster Form die Weisungen zum Empfang des Sakramentes +der Buße. Dann legte er ihr sanft die Hand aufs Haupt, und seine Finger +berührten länger, als es für das heilige Zeichen notwendig war, ihren +Scheitel. Er spürte, wie das schwarze Haar unter seinen Fingern brannte +und wie die Funken in sein Blut schlugen. + +Doña Maria aber erschauerte unter der Berührung. Noch nie hatte eines +fremden Mannes Hand ihr Haar berührt. Und dieser durfte es tun? Sie +konnte sich kaum erheben, vom Gewicht der Stunde bedrückt. + +Der Dominikaner entließ sie mit einer stummen Verbeugung, sein Blick +verfolgte sie bis zur Tür, erfreute sich an ihrem Schreiten, das so +stolz war wie das einer Edelantilope. + +Doña Maria atmete auf, als sie die dunkle Tür hinter sich wußte. Des +Priesters Worte wühlten in ihrem Busen, und in der Seele bedrückt, ging +sie aus der Mosala. Im Hofwinkel kauerte Saffana und fror. Sie warf +der Herrin die Capa über die Schulter. „Was hast du von ihm gehört, +Liebling der Engel?“ + +Doña Maria zog die Schultern zusammen. „Bei uns ist alles hell und +licht. Aber hier liegt Kreuz, Tod, Sündenschuld, Entsagung, Reue +ausgestreut auf dem Erdenweg. Vom Paradies hat er kein Wort gesprochen.“ + +Die Sklavin machte traurige Augen. „Ach was, zwischen Dornen blühen +doch auch Rosen,“ sagte sie mit dem Willen, sich und die Herrin zu +erheitern. + +In der Mosala schritt der Dominikaner in Unruhe auf und ab. Sein Hirn +war durch die tägliche Beicht- und Bekehrungsarbeit ermüdet, doch +diese Christenlehre empfand er als eine Art Erfrischung. Er sah in +sich. Hatte er wirklich eine verirrte Seele getröstet? War er mehr +freundschaftlich als väterlich gewesen? Er wollte sich selbst nicht +täuschen. Die Wellen, die in der Nähe dieses Mädchens um seine Sinne +gingen, spürte er jetzt noch angenehm rauschen. Die Rose, deren Duft +er soeben eingesogen, war gewiß kostbar. Hatte er sie nicht zuviel +geschreckt? War diese Bekehrungsart die richtige? In diesem Falle ja, +sagte er sich. Angst macht oft gefügig. + +Er zündete mehrere Kerzen an. Der Lichtschein fiel auf allerhand +kirchliches Gerät. Heiligenbilder lehnten an der Wand, für Kirchen +bestimmt, auf dem Tisch lagen die Marterwerkzeuge Christi, ein paar +Kruzifixe, zwei Monstranzen, aus der palästinischen Ferne herbeigeholte +Reliquien, die Kirchenväter, die Vulgata und die heilige Legende des +Dominikus. Pater Leon schlug das Hohelied auf. Aber er hatte nicht +lang Freude daran. Von der Wand lächelte ihn die heilige Agatha an. +Doch beim Bestarren des Bildes ging ihr keusches Leben unter und es +blieb nichts übrig als die abgeschnittene Brust. Ein anderes Bild +stürmte auf ihn ein: Hatte nicht der heilige Dominikus an der Brust der +Muttergottes die Milch getrunken? Gab es nicht eine heilige Lidwina von +Schidam, in deren Busen sich der ganze Vorgang der Milchentwicklung wie +in der Brust Mariens wiederholt hatte? + +Welch unreine Gedanken schwirrten da durch sein Haupt? Wer stieß ihn in +die wild aufschlagenden Flammen? Hier ging doch kein Potipharatem, der +verpestete! Saß hier nicht vor wenigen Augenblicken ein unschuldsvolles +Kind, eingesponnen in die Worte seiner heiligenden Kraft? Strömte +von dieser Reinheit der betörende Zauber aus, der seine Sinne +durcheinanderwarf und sie mit lockenden Bildern fütterte? Er begann +heftig zu zittern. Und wieder dachte er an die heilige Theresa, die +einen Wohlgeruch ausströmte, der jeden betörend traf, der sie mit der +Hand berührte. Und sein Geist umklammerte hilfesuchend die Gestalt +seines großen Ordensbruders Thomas von Aquino, den seine Feinde durch +ein schönes Weib verführen wollten, das er durch einen glühenden Span +aus dem Zimmer jagte. Einen solchen Brand wollte er das nächste Mal +entfachen, wenn ihm der Böse wieder das Weib mit den großen dunklen +Augen und dem zweifelnden Herzen schickte. Er hätte sie doch einem +andern Priester zuweisen sollen. Aber dazu war ja noch immer Zeit. + +Er erschrak vor sich selbst. War das nicht alles verwandt mit der +babylonischen Hure, der Weltlust auf dem siebenfach gehörnten Tier? +Noch immer wollte er es sich nicht eingestehen, daß sein eigener +unreiner Geist die Luft verpestete, daß er, er selbst, aus Granada die +Hure von Ninive machen wollte. + +Wie sie sich wehrte gegen den neuen Glauben! Sein Gedanke flog abermals +zur schönen Schülerin zurück. Sie ist noch zu jung! Wie traurig sie +manchmal blickte, wenn sie etwas nicht fassen konnte. Und ihrer Augen +Glut! Und diese sollte wirklich noch nicht geliebt haben? Ging nicht +Magdalena an ihren schönen Augen zugrunde? Aber dann freilich durch ihr +Herz zur Buße. + +Seine Finger griffen nach dem Talisman, den er ihr abgenommen. Wie +oft mögen ihre Lippen an dem Krüglein geruht haben! Und wie unter +der magischen Kraft dieses Gedankens hob er langsam das Gold zu den +eigenen Lippen -- aber noch vor dem Kuß warf er es mit einer zornigen +Bewegung auf den Tisch. „Weiche von mir, Satan!“ schrie er laut auf. +Und er glaubte aus seinem Mund den Schwefeldampf des entweichenden +Höllenfürsten rauchen zu sehen. Der Widersacher geht nicht nur wie ein +brüllender Löwe um, sondern auch in der Form zärtlicher Jungfrauen. Ich +will wachsam sein und ihn betrügen. + +In einer Nische, durch einen schweren Vorhang verdeckt, stand der +Schrank, in welchem die Akten der Inquisition verwahrt waren, bevor +sie nach Cordoba gingen. Nur Leon hatte den Schlüssel dazu. Er zog die +Papiere hervor, in denen Unsummen von Klagen, Leiden, Weh und Lüge +zusammengestoppelt lagen. Dann lagen hier die königlichen Edikte, die +Inquisitionsbriefe, die Prozesse von Granada, die Listen über die +Familiares, die Angebereien und vieles andere. Überall glühte am Schluß +der Richtername Lucero, Inquisitor von Cordoba. Dieser furchtbare +Priester, dessen Devise lautete: wir zählen unsere Opfer nicht, wir +wägen sie -- freute sich doch, wenn die Zahl der Gewogenen mit jedem +Tag wuchs. Und er wappnete sich mit dem Panzer irdischer Gerechtigkeit, +dem Schild des Glaubens, dem Helm der Buße und dem Schwert des Gebetes. +Nur den Mantel der Gnade breitete er über keine Tat. + +Pater Leon wollte eben die Tabelle der granadinischen Gütereinziehung +hervorziehen -- da klopfte es. + +Als sich die Tür öffnete, spürte der Mönch eine Blutwelle zum Herzen +steigen. + +Leonore de Uceda grüßte mit verführerischem Lächeln den erschreckten +Dominikaner. „Der Name des Herrn sei gelobt, und sein Segen komme über +seine Diener!“ Und sie tauchte die feinen Finger in das Weihwasser bei +der Tür. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel + + +Nach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als +erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar +hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken. + +Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn +er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald +begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige +schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten +sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel +in einer herrlichen Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen +Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr +Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort +hineinwerfen. + +Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin +da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben +doch nach mir verlangt.“ + +Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine +Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel +darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe +in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in +Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei +schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den +betroffenen Mönch. + +Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein +paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte +allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber +zu so später Stunde --?“ + +„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele +einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“ + +Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu +dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit +in ihrem Lächeln ertrinke. + +„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch +die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla +Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“ + +„Ihr -- schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich +dachte --“ + +Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird +vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater +die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man +geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt +man freier.“ + +„Und vergißt so den Dank, den man -- aber im Ernst, ich dachte, daß nun +Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens --“ + +„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña +Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden +auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid +in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“ +Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die +Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und -- ihres +Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet -- nun wird es sich +bejähren, daß ich das letztemal --“ + +„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten +Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde --“ + +„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen -- aber der Ort, +wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur +Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen +Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig +ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals +dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig +den Platz geräumt?“ + +„Doña Leonore -- dies alles -- jetzt --?“ Pater Leon saß an dem +Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles +vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“ + +„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne +malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl +lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude -- Ena de Isla --, +ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh +gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich +vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile +in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel +unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt -- und wer -- wer“ -- +sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm -- „wer ist jetzt an der +Reihe?“ + +Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir +ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an +einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“ + +„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“ + +„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer +Schönheit spannten.“ + +„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar +Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines +Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater +erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und -- +mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten. +Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen +Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen. +Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten +lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen. + +Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore -- du +zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der +König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun -- +der König wird dich wieder aufnehmen.“ + +„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben +beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“ + +„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon +warnend. + +„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen +würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten +unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter +Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore -- was weckst +du Hoffnungen in mir --?“ + +„Oh -- ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie rückte schnell +aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu +leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben, +daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine +Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen +Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in +ihr zu rumoren. + +Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht +werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den +Altar scheuen.“ + +Leonore de Uceda erschauerte. „Wo sollen wir also --?“ + +„Ich wüßte einen Ort --,“ der Dominikaner senkte den Kopf, die kleine +Tonsur lag wie ein Möndlein im Kerzenlicht. + +Die Schöne verstand ihn. Ihre Augen suchten die geheime Tür, die nach +dem Cuarto de Machuca, einem Turmzimmer, führte, wo die eigentliche +Wohnung des Dominikaners lag. „Ich will nicht,“ sagte sie fest und +leise. „Ihr habt dort Ambra --“ Aber in den bläulichweißen Ovalen +funkelten erregt die sinnlichen Augen. „Nein, wir wollen zuerst ehrlich +handeln. Du weißt noch nicht, was mich hierherführt. Ist es wahr, daß +du zum Inquisitor von Granada ernannt wurdest?“ + +Er sah betroffen. „Was soll das --?“ + +„Das Amt kann dir helfen, dir die Eroberung meines Herzens zu +erleichtern.“ Sie knetete unruhig das herabtropfende Wachs einer Kerze +zwischen den Fingern. + +Der Vikar ging nach der Tür und horchte hinaus. Die nächtliche Stille +drückte wie Blei auf sein Gemüt. Alle seine Fibern waren gespannt. +„Sprich frei!“ + +„König Fernando hat mich auszeichnen wollen,“ schleuderte Doña Leonore +ihren Grimm von sich. „Es winkte mir ein klingender Name. Ich sollte +mit einem Mann vermählt werden, den nicht nur der Verstand wählte, +nein, dem auch mein Herz seit einiger Zeit insgeheim entgegenschlug. +Stattliche Männlichkeit, ein tadelloser Charakter, eine fast +tempelherrenartige Gesinnung gegenüber den Frauen -- unter solchen +Sternen hoffte ich eine Läuterung meiner eigenen Verworfenheit.“ + +„Ich sehe es kommen,“ lächelte der Pater unzart. + +Der Fächer der schönen Frau zitterte über der Wange. „Weh dem +Weib, das sich, verschmäht von dem Heißbegehrten, nur mit Wünschen +begnügen muß. Ich habe mit den Augen um ihn geworben, mit der ganzen +Koketterie meines Wesens um seine Standhaftigkeit gerungen, ich +habe mit überströmenden Worten der Liebe um sein Herz gekämpft. Die +Antwort schmeckte bitter wie Wermut. Mit dem Panzer ewiger Keuschheit +umhüllte sich der Prahlende, mit der Miene des Kostverächters warf er +meine Liebe von sich, ohne auch nur daran zu nippen. Hörst du, Juan? +Eine Uceda wegwerfen wie eine unnütze Schale, deren Trank man nicht +benötigt. Dominikaner! Von vornherein wegwerfen und keine Träne nach +ihr weinen! Alles unter dem Vorwand klösterlicher Tugend! Ein Mann, ein +Ritter, ein Hauptmann des Königs!“ + +„Ah! Die Sonne taucht aus Wolken!“ fuhr der Mönch auf. „Es ist Don +Pedro de Solar Graf von Mora.“ + +„Daß dir der Name Flammen ins Herz würfe, die für meine Rache glühten!“ +schlug es wie eine böse Lohe in ihr auf. „Und ich mußte an dem Eis +seines Herzens abgleiten! Soll ich die Spottgeburt einer Dulderin sein, +ich, die Malagueña, die Geliebte eines Königs? Die geträumt hatte, +mit einem Augenzwinkern Throne erzittern zu machen? Siehst du, Juan, +ich hätte die beleidigende Abweisung erduldet, wenn ihre Beweggründe +wahrhaftig die unselige Unverletztheit seiner Tugend gewesen wären. +Und fast schien es so. Aber dann ließ ich meine Spione hinter dem +täglichen Gang seiner Füße schleichen, ließ sein Treiben beobachten +und von bezahlten Leisetretern jeden Seufzer seiner schönen Augen auf +der Straße auffangen, und dann -- o über den Tag! Mit diesen meinen +Blicken riß ich ihm das Geheimnis aus der Brust. Der Himmel muß oft +eine merkwürdige Wollust haben, das Herz einer Frau in Qual erzittern +zu machen! Die beleidigte Liebe hat scharfe Augen, und diese sahen -- o +Priester, weißt du es noch nicht? Damals vor deinen Füßen geschah es -- +die Maurin mit dem Koran --“ + +„Wirf deine schönen Funken in den Brand!“ freute sich der Vikar +unverhohlen. + +„Eine Maurin!“ pfeilte der Hohn von dem schönen Mund. „Dunkelleibig, +zart und glatt. Darin hat er sich verbissen!“ + +„Ich sehe ihn noch, wie er in hellem Zorn den Degen zwischen mich und +sie -- oh, sie ist gewachsen wie eine Spindel aus der Guadarrama.“ + +Sie zischte vor Zorn über die Kränkung. „Eine Maurin, in Gottes Namen! +Eine, deren Wollust für die kurze Dauer einer Fastnacht beglückt, die +nicht mehr die Anmut des Errötens kennt, wenn sie halb ihre Kleider +wegwirft! Eine Schwärmerei für die arabische Seltsamkeit, sei’s denn! +Aber Liebe, herzaufwühlende Liebe? Dieses Schauspiel den Spaniern? +Und den Spanierinnen? Wenn Christenritter einst Maurinnen ins Ehebett +nahmen, geschah es um Länder, Burgen, Grenzen. Aber aus Liebe? Wie +soll ich nicht das Opfer meiner Eifersucht werden, wenn ich stückweise +Proben seiner zerfallenden Keuschheit zu kosten bekomme? Er führte sie +zur Taufe, seine Augen verschlangen sie, die Lippen, die mir Worte des +schmerzlichen Abschieds logen, brannten nach ihr -- ich sah es mit +diesen meinen Augen --“ + +Der Vikar runzelte die Stirn. „Der Eifer wird zum Vulkan, aber man muß +gestehen, er sprüht um einen liebenswerten Gegenstand. Aber Liebe, +sagst du?“ + +Sie fuhr hoch. „Liebe!! Seine Blicke sprachen Liebe! Soll ich sie +beide im mondlichen Garten im zärtlichsten Geflüster belauschen? +Meine Eifersucht würde vorschnell der Verräter sein. Oh, wie er mich +behandelte! Vor meinen Damen, von oben herab! Vor den Damen, die sonst +nur Zeugen der schmeichelnden Verehrung kastilischer Granden waren +-- mich wegzuwerfen -- vor diesen Damen!“ Ihre frauliche Empörung +machte sie fast ersticken. Dann raffte sie ihre Glieder zusammen und +ihre Augen stielten sich. „Sie ist eine Cava -- so heißen sie ihre +Hexenweiber -- ach, Juan -- räche mich!“ + +Ihre Glut brannte in sein Herz. „Was -- willst -- du?“ + +„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm dürstet. Sie +wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich, +daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in +den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen? +Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß +sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu +verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid, +das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser, +und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan +-- Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr +eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als +Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man +welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu +das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und +die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht +beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von +Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede, +sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis +sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich +die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie +spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah -- ach, +welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig +zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt +köstlicher Lohn!“ + +Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen? +Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“ + +„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich +reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde +wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört +hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann +nicht, kann nicht. Juan -- hilf, hilf -- du kennst den Preis!“ Sie +zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern. + +Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit. +„Weib, du forderst Furchtbares -- zu deinem zerbrochenen Herzen ein +zweites, drittes, viertes -- o Himmel und Hölle!“ + +Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine +Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan +-- aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in +Cordoba --“ + +„Eva -- Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“ + +„Und doch will ich dir den Himmel erschließen -- und mich dann reuevoll +in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“ + +„Und ich soll zum Judas werden -- soll sie foltern -- den schönen Leib? +Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb +tragen -- so rein ist dieses Weib -- und ich soll --?“ + +Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen +ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer +Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch -- du wirst mich rächen! Sag’ +-- wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie +einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“ + +„Ja -- man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“ + +„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie +beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe +dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib -- ist wieder dein!“ +Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze +gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit. + +Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe -- +wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner +Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob! +Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o +Herr -- ich versinke --“ + +Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen -- da taumelte +er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er +riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe +der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime +Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier, +von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs +neue auf. + +Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst. +„Nimmer -- Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab -- du sollst den Preis +nicht früher haben, bis -- bis -- das Lamm geschlachtet vor mir liegt. +Schwöre!“ + +Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten -- +eingegriffelt -- im Buch der Siegel -- am Jüngsten Gericht --“ + +„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des +Vampirs raste über den Scheitel des Mönches. + +Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich -- +schwöre --“ + +Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt -- so lieb ich +dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf +sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein +Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben. +Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende +Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen +an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe +und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest +brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares +Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte +sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur +Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In +wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen +Jungfrau, über dem Altar. + +Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes +Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts +dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des +Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle. +Er rieb sich die Augen -- Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie +mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem +Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith +mußte Männer verderben -- du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in +die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem +Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins +Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer -- + +Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich +fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein +Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes +menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem +Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester +erspart. + +Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte +ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit +Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña. + +Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“ +wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust! +Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach +der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu +bereuen. + +Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich +schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der +Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen +reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an +den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen +wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im +Kampf mit meinem Gewissen zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im +Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst +nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser +spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen. +Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das +Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe +hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des +Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja +doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft +schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also +mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter +Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die +Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten, +die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet +werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was +so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen +Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein +Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten +Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht -- +genieße sie! + +Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem +Winkel lauerte. + +Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag +ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen +nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt +an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die +Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das +Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie +einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva. +Dort schlief sie wohl jetzt -- die schöne -- + +Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das +nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein Inneres? +Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer +Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig +durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn +hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem +Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem +jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte. +Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im +silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die +Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer +maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln. +Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von +Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim. + +In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib +zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach +einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des +Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in +die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief +Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an +die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden +Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes. + + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel + + +Wenn die wunderschöne Königstochter vorbeireitet, ist es, als zöge +ein Meteor über den granadinischen Himmel. Alles gafft und starrt. +Die bronzene statuarische Gestalt auf dem weißen Zelter gleicht einem +Beduinenmädchen, das ruhevoll durch die Zeltgassen ihres Stammes zieht. +Man spricht in den vornehmen Häusern der Christen von dem Reiz dieses +Mädchens mit demselben Eifer, den man Maurenkämpfen, Turnieren und +Stiergefechten widmet. + +Der Graf Tendilla brachte ihr die Huldigung der andalusischen +Ritter in der Form eines goldenen Standkreuzes. Übergetretene Fakis +beglückwünschten das neue Taufkind und granadinische Christenmädchen +tanzten vor der Alcazaba an schönen Abenden den Fandango. + +Doch so ruhig die Stadt schien -- draußen in den Alpujarras erhob sich +dräuend das Gespenst des Aufruhrs. Die Beni Mossad, hieß es, seien +nicht ausgewandert, sondern befänden sich mit ihrem Anhang in den +Bergen, wo sie die Monfis sammelten, um den geliebten Imam zu befreien. +Tatsächlich hielt Maria de Calabreña heimlich Verbindung mit dem +Gebirge, es kamen als Bettler und Händler verkleidete Vertraute in den +Alkazar und gaben dort ihre Briefe ab, die dann Doña Maria in den Turm +der Cautiva schmuggelte. + +Das Königskind litt an seiner Liebe. Ihr Herz unterschrieb nicht, was +ihr Verstand ausklügelte. Oft horchte sie hinaus in die Nacht, die +schon auf ihren Schwingen Frühlingsvorschauer hereintrug, und ihr +war, als müßte sie aus dem Turm fliehen, weit, weit weg, um dann ihr +Schicksal fern von der Alhambra zu beweinen. Es kamen sonnenwarme Tage, +aber sie belebten das Gemüt Reijas nicht. Selten sah sie den Grafen +de Mora. Nur durch Saffana erforschte dieser die Seelenstimmung des +Mädchens. Auch er war von dunklen Gewalten hin und her geworfen, die +alte Dienstbeflissenheit war erstorben, seine Strenge gab sich gequält, +sein Ordnungssinn war erschüttert. + +Eines Tages stand wieder Hernando de Rojas vor ihm, das Freundesherz +beladen mit Sorge. Don Pedro hielt ihm freudestrahlend einen Zettel mit +Versen hin. + +Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“ + +Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der +Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei +nachsichtig.“ + +Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt +arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf +persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter den Muallakat hängen +wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der +Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu +Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst +so dem König nicht weiter dienen.“ + +„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin +geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert, +während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“ + +„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando +warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht +mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr +hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus -- willst du +Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines +Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen +Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege +alles, aber dann endlich eine Tat!“ + +Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña +Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie -- +auswandert.“ + +Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen. +„Daran glaubst du selbst nicht.“ + +Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die +Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam. +Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten -- + +Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu +ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der +Cautiva. + +Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien. +Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug. + +In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria +de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. Der Graf +konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der +festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf +den Vorhang hinter ihm zu. + +„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde. +„Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was +gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an. + +Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen +mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und +das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den +schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust. +„Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er. + +„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien +bedeutet.“ Es klang müde und kühl. + +Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla, +-- daß -- der Gefangene -- mit einer Sklavin sein Auslangen finden +könne.“ + +Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen, +daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“ + +Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man -- bittet Euch, die Alhambra +nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem +andern. + +Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der +Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“ + +Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine +glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf +in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm. + +Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem +Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den +Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach +rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß. +„Warum quält man den alten Mann und -- mich? Was soll ich noch tun? +Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier --“ + +„Findet Ihr -- Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er +einen Pfeil nach ihrem Herzen. + +„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig. +Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob +er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht, +an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr +dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den +Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde. + +Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra +verlassen.“ + +„So will ich’s eben tun -- Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen +Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es +geschehen?“ + +„Morgen -- -- heute -- --“ Don Pedro würgte an den Worten. + +Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will +mich der Graf Tendilla forthaben?“ + +„Nicht er -- ich selbst will es.“ + +Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan -- daß Ihr +-- mich so --?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen. + +Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen +und ihre Hände an sich reißen. + +„Seid bedankt -- für die Milde -- mit der Ihr -- uns --“ Wieder +schnitten ihr Tränen das Wort entzwei. + +Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem +aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff +heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht -- seht mir ins Auge.“ + +Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf +ihn. + +Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit +schmerzlicher Glut. „Hier -- hier liegt mein wahres Gesicht -- schlagt +mir die Würde aus dem Leib -- ich kann nicht anders -- so, so liebe ich +dich!“ + +Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O +war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was +für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den +sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem +Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und +Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche +Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in +der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener +Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der +Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie +die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle +und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger +Gewalten zu erliegen. „Feta -- Feta -- nun weiß ich -- daß ich gehen +muß.“ + +Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände. +„Eure Nähe versengt mich -- geht oder bleibt -- ich bin verloren.“ +Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen. + +Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden +Finger. „Was -- hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen +Liebe willst du --? o Gott mit den neunundneuzig Namen -- die Ehre des +Königskindes -- in den Staub -- flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“ + +„Fliehen -- bleiben -- das Unheil kommt!“ + +„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in +sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel. + +Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und +warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind +umarmt, zog er das Mädchen an sich, daß die aufgebrochene Rosenblüte +ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein. +Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben +und Nehmen. „Gott -- was hab’ ich -- getan? Wer wird mich vor mir +selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund. + +Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich +habe eine Christenbraut!“ + +Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr +Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze +Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte +sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben +erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht +erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte? +Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer +zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter +Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem +Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster -- Feta du -- Feta der Sonne +-- war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach, +haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück +keimen -- Insch’allah!“ + +„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte +er bewegt. + +„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir +genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch +ein Wirrsal ist sie!“ + +„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner +Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein +Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was +auch ohne sie schon Wert besitzt.“ + +„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du +Stürmer in der Schlacht -- aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich +will kein Königskind mehr sein! Deine Geliebte will ich sein -- deine +Taube, Rose, dein Schmetterling -- gib mir die Liebesnamen deines und +meines Volkes.“ + +„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie +eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar, +aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte +er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen +geheiligter erschien: „Reija!“ + +Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn +mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu +vertrauen, Freund meines Herzens!“ + +Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund +gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch +sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du, +Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die +Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit +Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer +Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“ + +„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig. + +„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will, +lebe der Einsamkeit.“ + +Don Pedro schüttelte unmutig den Kopf. „Das will ich nicht.“ + +„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“ + +„Das will ich nicht.“ + +„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie. + +„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und +Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide. + +„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein +besserer Liebhaber als Dichter werden!“ + +„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein, +mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern +Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter +Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast +du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du, +Rose von Andalus?“ + +Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so. +Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin +aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir +einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf +mir mit deiner Liebe auf -- richte nicht gleich -- hab’ Mitleid mit +mir.“ + +Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern +siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken +wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein. +Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen +sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten. +Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines +Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß +deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern +Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im +Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das +Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der +Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der +dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite, +dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir. +Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch +des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in +gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang +der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria, +die Jungfrau voller Gnaden im Bilde nah, und in Demut wandelst du +zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“ + +Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz. +„Ach, ich will ja so gern glauben -- um deinetwillen -- aber ich flehe +dich an -- hasse mein Volk nicht!“ + +Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe +begrub ich längst meinen Haß.“ + +„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre +Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine +Enttäuschung. + +„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“ + +„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und +im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es +schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern -- sie verzehren sich +nach Freiheit und Licht -- sie wollen auswandern -- Eswer Ben Zerragh +ist darunter --“ + +Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter +den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht +teuer ist.“ + +Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die +Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den +Namen trägt -- er liebt mich, aber ich -- liebe ihn nicht.“ Wie eine +schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den +Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe, +bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei +damit beglücken können!“ + +Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte +die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht +sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in +meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will +ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du --“ ihr +heißer Blick wurde lauernd -- „du läßt den Zettel hineinschmuggeln -- +und ich sorge dafür, daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein +verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge +hat.“ + +„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe. + +Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro -- mein +Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu +mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde +des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht +-- liebst -- mich -- nicht --“ + +Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst +Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese +kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah +verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen +verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen +List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer, +sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König +selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das +Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese +Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen +Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser +eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück? +In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles, +was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt +war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre +Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen. + +So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust, +schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm +endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem +Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas +angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines +Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan +beinahe gerecht. + +Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch +den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen +um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila +tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon +wartet auf mich --“ + +„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der +Eifersucht. + +„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in +freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem +Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil +du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“ + +„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen +Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie +könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“ + +„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum +Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht. + +Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus. + +Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen. +„Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen +dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der +Tränke. Kismet alles!“ + +Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in +dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr +halbbetäubtes Ohr klang. + + + + +Vierundzwanzigstes Kapitel + + +Ein von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die +Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging. +Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten, +bis die Herrin wiederkam. + +Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein +geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und +Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu +schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen +zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen +gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während +der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf, +hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend +vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und +hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das +Volk beweinen konnte. + +Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten +Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von +Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der +vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den +Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria +fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf. + +Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout, +mit malagischem Edelwein verdaut. + +Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf +ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater +witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen +sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie +mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte +köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und +Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein. + +Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand +hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden +lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in +heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der +Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der +Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars +geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus +geistig zu vermählen. + +Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er +sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren. +Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr +das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und +des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den +erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre +Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer +schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm. + +„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er +mit einem kaum verhaltenen Lächeln. + +„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit. + +„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er +verweisend. + +„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer +Gedanken. + +„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel +mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“ + +„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“ + +„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum, +die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute +nicht beichten?“ + +Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in +ihrem Glück? + +„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr +Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich. + +Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine +Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte, +schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als +wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen. + +Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen +das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende Kraft der +Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch +alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein +zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“ + +Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen. +„Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit +der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich +zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der +bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und +hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes +ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese +feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten, +berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer +Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen: +„Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe +Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott +vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur +mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über +ihr Haupt. „Bekenne -- bekenne --“ drängte er, die Augen auf ihren +schwarzen Scheitel gerichtet. + +„Ich habe nichts zu bekennen, als daß --“ Sie stockte und schnellte +dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „-- als daß ich liebe.“ + +Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis +von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe, +als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte +ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er +eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten. + +„Einen Ritter -- Feta --“ gestand sie beengt. + +„Wer ist es?“ + +„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte +sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“ + +Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die Natur hat dir das +Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“ + +„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot. + +„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele +ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren +Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen +Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und +bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“ + +„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken. + +Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist +selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“ + +Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter -- Vater! O laßt sie mir heilig +sein.“ + +„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die +Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das +Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen +Küssen zu vergehen?“ + +„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus. + +„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein +Atem dampfte gegen ihr Gesicht. + +Da vergrub sie vor Scham ihr Haupt in die Hände. „Fragt nicht weiter --“ + +„So hast du es schon getan?“ flammte er in ihre Verwirrung. + +„Nein!“ erklang es mit verzweifelter Wehr. Und abermals barg sie das +glutübergossene Gesicht unter dem schwarzen Wald von Haaren in ihre +Hände. + +Er atmete auf. „Wenn du dich ganz deinem Gott nähern willst -- und das +willst du doch -- so ertöte überhaupt die Liebe in dir.“ + +„Bei Gott und dem Propheten --“ erschrak sie heftig. „Verzeih -- die +Gewohnheit -- bei Gott und den Heiligen! Das -- kann -- ich -- nicht.“ + +„Brennend und qualvoll ist die Liebe zu einem Mann, bei den Schmerzen +wirst du die Freuden vergessen, die dir die Umarmung bereitet. Deiner +Kinder Leid wird das deine sein --“ + +Das Blut schnellte ihr in die Wangen. In ihrer rührenden Wehrlosigkeit +erschien sie ihm wie ein Seraph. „Fühlst du schon die Kümmernis, +liebe Seele?“ wühlte er aufs neue in ihrer Wirrnis herum. „Entsage +dem stürmischen Meer der Welt und ziehe dich in einen heiligen Hain +zurück, wo die Stimmen des Lebens sanfter schwingen und die Einkehr +der Seele leichter ist als im Lärm des Tages. Dort sind die Wälle der +Unschuld errichtet, dort versammeln sich um dich die gleichgesinnten +Schwestern und helfen dir, Leid zu tragen und Freude zu empfinden. In +dem Augenblick, da du die Klosterschwelle überschreitest, verschwindet +die äußere Welt und eine innere öffnet sich dir, es naht Jesus mit +den Heiligen und spendet dir stündlich unsagbare Wonnen. Nicht ein +Grab ist es, in das du steigst, Paradiesesstille und himmlischer Glanz +überfluten deine Seele im Gebet. Ich wüßte dir hier ein Nonnenkloster +zu ‚Unserer Frauen Ängsten‘, wo du alle Liebesängste vergäßest. +Liebliche Schwestern triffst du dort, für die Beichte würde ich sorgen. +Überlege es, Tochter der Welt, die du dann Braut Christi werden +würdest.“ + +Maria de Calabreña hörte Worte rauschen, deren schwerwiegenden Inhalt +sie nur mühsam begriff. Aber sie sah die traurigen Gestalten der +schmucklosen Nonnen in ihren weltfremden Gewändern durch die Gassen +von Granada wandeln und das Herz krampfte sich zusammen und wehrte +sich mit der ganzen Kraft seiner Liebesfreudigkeit gegen die Lockung. +Beinahe hätte sie laut aufgelacht, als sie sich vorstellte, wie sie +im schwarzen Nonnenkleid, das Gebetbuch in der Hand, nach der Kirche +wandelte. Aber sie spürte den zunehmenden Druck dieser mahnenden +Priesterhand, der fast zu schmerzen anfing, und so stöhnte sie leise +vor sich hin: „Nonne -- Nonne -- ich fass’ das nicht -- Braut Christi? +So sind diese Nonnen alle Bräute Christi?“ + +„Das sind sie in der Tat.“ + +„Aber dann hat ja der Herr Jesu tausendmal mehr Bräute, als ein Kalif +Frauen hat.“ Sie staunte aus ihrer ganzen Ehrlichkeit heraus. + +Der Vikar hatte Mühe, ihr die Geistigkeit dieses Brautverhältnisses +zu erklären. Nimmer konnte sie das traurige Schicksal dieser ewigen +Brautschaft begreifen, der keine Hochzeit folgen konnte. „Ach -- ich +kann nicht -- Nonne werden -- weil --“ und übermächtig wogte es aus +ihrer Brust: „Ich liebe zu heiß!“ + +„Das unreine Feuer der Liebenden hat niemals genug und verzehrt am +Ende die Liebenden selbst. O schmerzensvolle Liebe! Das Herz des +Beichtvaters schlägt in väterlicher Liebe zu dem Beichtkind, und was +dieses betrübt, betrübt auch ihn. Ihr habt Euer Agnus Dei -- küßt Ihr +es oft?“ + +„Ich drücke es am Abend immer an die Lippen.“ Ihre Stimme klang brüchig. + +„Gebt -- daß auch meine Lippe sich daran erfreut.“ Er neigte sich zu +ihrem Busen herab und küßte das Wachsscheibchen im goldnen Gehäuse. +Seine Sinne schlürften den herben Hauch ihrer Brust und sein Mund +sog lang an der Stelle, die ihre Lippen allabendlich berührten, und +seine Vorstellungskraft weidete sich an dem Bild, daß er durch diese +Berührung mittelbar ihren eigenen Kuß empfände. Maria erschauerte bis +ins Mark, als sie seinen Kopf, seine Haare, die Tonsur so nahe an ihrem +Busen spürte. War denn das wirklich Christenpriesterart? Es wurde erst +wieder Licht vor ihr, als sich das Haupt von ihr hob. Wie eisigkalte +Ströme rann es durch ihr Hirn. + +Ein paar dürftige Sündlein bröckelten sich von ihrem Herzen ab, dann +erklang wieder des Dominikaners fremdes Gemurmel, seine Hand machte +das Kreuzzeichen über sie und dann konnte sie sich erheben. Er gab +ihr als Buße einige Gebete auf und befahl ihr, keinem Menschen ein +Sterbenswörtlein von allem, was sie im Beichtstuhl gesprochen und +gehört, zu sagen. Durch eine Handauflegung auf ihren schleierbedeckten +Scheitel entließ er sie. + +Maria de Calabreña hatte das Gefühl, als schritte sie qualvoll aus +einer großen Gefahr heraus und doch wußte sie sich nicht zu sagen, +wovor sie Angst empfand. Von Bängnis durchwühlt, wankte sie die Treppe +hinab. + +Der Dominikaner zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihr schloß. +Er, der arme Priester, stand da allabendlich einem königlich-stolzen +Mädchen gegenüber. Ein Sündenhauch wehte über seinen Leib. Das gestand +er sich ein. Und er schauderte einen Augenblick vor der Sünde wider +den Heiligen Geist, vor der Übertretung des kirchlichen Gebotes und +der Sittlichkeit zurück. Hier war er wenigstens noch nicht Verräter +an seinem Gott geworden. Aber da verdrängte ein anderes Bild seine +kämpfenden Gedanken. + +Leonores zauberischer Liebreiz, von den Flammen der Leidenschaft +erhöht, stellte sich im Geist neben die zarte Schönheit der +Moriska. Wie lag hier alles noch verknospet, was dort schon in +beglückender Reife Wonnen spendete! Wie behütete das Maurenkind seine +Jungfräulichkeit mit dem natürlichen Panzer ihrer Tugend, während dort +ein ausschweifendes Schenken und Sündigen zweite Natur geworden war. Ob +diese braune Königstochter je so weit kommen konnte? Aber fließt nicht +des Vaters Lüsteblut in ihren Adern? Dann war sie doch einmal zum Fall +reif. + +Er bebte am ganzen Leib. In die brennende Urtiefe des Lebens, in das +Wesen des Doppelrätsels Mann und Weib schwang sich sein brünstiger +Wille hinab. Ohne dieses Verlangen, das seine Kirche ein Sündenwerk +nannte, glaubte er nicht ganz Mensch sein zu können. Sollte er die Qual +der Ausgeschlossenheit vom Irdisch-Menschlichen leiden? Ach, schwer +drückte das Joch der Tiergebundenheit auf ihn. Keine heilige Anwandlung +hatte er mehr, sein viehisches Gelüste riß ihn aus dem Himmel, den +er mit seinen Gedanken schon schändete. Das Wunder der Zeugung alles +Lebens griff mit schrecklichen Armen nach ihm und raunte ihm zu: Auch +du entgehst mir nicht, aber du fassest mich mit deinem verfluchten +Geist. + +Pater Leon wog in seinem Geiste die beiden Schönheitsgebilde ab. Dort +besaß er schon -- hier konnte er bald besitzen. Es mußte köstlich +sein, um diesen jungfräulichen Leib zu ringen, und er hatte gewichtige +Helfer bei dieser langsamen Belagerung: die entweihten Dogmen und die +Glaubensmittel seiner Religion. Was sein unreiner Sinn berührte, fiel +aus der Höhe der Würde hinab in die Tiefe der Gemeinheit. Christen- +und Priestertum versanken in seinen sündigen Wünschen und aufstieg +der tierische Mensch. Der entheiligte Gott sollte ihm helfen, seine +Gelüste zu befriedigen. Er hatte nicht den Zauber der Verführungskunst, +der sonst liebenswürdigen Naturen zur Verfügung steht, die durch ihr +Wesen selbst verführen. Er konnte nicht die Schmeichelrede des Alltags, +die tändelnde Sprache des Majo, des galanten Liebhabers führen, nicht +die werbende Zärtlichkeit des Schwärmers gebrauchen. Aber er hatte +die unheimlichen Fallen und Requisiten der einschüchternden Kirche in +Händen. Er hatte einst Leonore de Uceda damit bezwungen, er konnte -- + +Sein Hirn geriet in furchtbaren Brand. Vor seinen Augen kreisten +farbige Ringe und in seinen Ohren knisterte es wie Funkengestöber der +Hölle. Skrupellos, beinahe mit dem Abgrund des Verderbers liebäugelnd, +vergrub er seine Gedanken in lodernde Bilder der Wollust. Eines vor +allem bestürmte seinen Sinn. Er wollte demnächst -- die Mittel hatte er +dazu -- die schönen Füße Marias de Calabreña nackt sehen. Er krümmte +sich in süßer Qual. Ein Wort des heiligen Augustinus stahl sich als +Trost in seine Seele: ~O felix culpa!~ Ohne Adams Schuld wäre +keine Erlösung gewesen. + +Folgerichtig aber glitt nun sein Geist in einen furchtbaren Haß hinein, +der ihn zur unerbittlichen Verdammung zwang. Einen Namen schleuderte +dieser Teufel mitten in sein Dürsten: Don Pedro de Solar! Das Ungeheuer +Eifersucht hakte seine Tatzen in seine Brust. Es gefiel ihm, die Würde +des Ritters zu zertrümmern. In dem Degen, den der Ritter zwischen sie +und ihn gelegt hatte, sah er das trennende Werkzeug zwischen Mann und +Mann. Er konnte dem Grafen unmöglich die Blüte gönnen, nach der sein +eigener Wille dürstete. Was forderte Leonore de Uceda? Die Vernichtung +der Rivalin? Ei, er wollte sich ein anderes Ziel setzen. Und sollte +sein Wollen des Teufels sein, er mußte versuchen, um dieser Perle +willen die Muschel zu zerbrechen, die sie für ihn verschloß. + +Wie von Dämonen gepeitscht, jagte er sein Judasgewissen aus einer Hölle +in die andere. + + + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel + + +Über die Kaktus- und Aloehecken der Landhäuser strichen die +balsamischen Düfte der aufgewühlten Frühlingserde. Das Licht in den +engen Gassen wurde klarer und goldener, der Darro brauste jugendlicher +am Hang der Alhambra vorbei, in der Vega keimte die junge Saat auf und +an den vergitterten Fenstern des Albaycin prangten die ersten Blumen. + +An einem goldblitzenden Morgen ging es wie ein Lauffeuer durch die +Stadt: Eswer Ben Zerragh ist entsprungen. Der Gobernador fluchte. Man +untersuchte das Gefängnis, man vernahm alle Wachsoldaten ein, nur den +einen nicht, der entflohen war. In die Gebirge wurden Streifscharen +geschickt -- ohne Erfolg. In die Barrancos der Alpujarras wagte man +sich nicht, da die Monfis zu zahlreich waren. Um so gewisser war es, +daß sich der entsprungene Maurenfürst in dieses Retiro geflüchtet. + +Das Herrscherpaar wurde erwartet. Die Königin wollte die ‚bekehrte‘ +Stadt in ihrem neuen Glaubenskleid sehen. Ximenes ritt ohne Bedeckung +durch die Gassen. Das stählerne Gemüt des Kanzlers glaubte sich +gottgeborgen. Der Erzbischof Talavera versank neben ihm in ein +wesenloses Nichts. Pater Leon, der scharfe Seelenreiniger und +-peiniger, ernannte seine theologischen und weltlichen Beisitzer +und bald wurden neue Edikte des geheimen Gerichts in den Gassen +ausgerufen und es war zu hören, daß eine Unzahl von Handlungen und +Unterlassungen durch das heilige Gericht geahndet werden würden: +Hexerei, Gotteslästerungen, das Anrufen von Teufeln, das Bezweifeln +von Glaubensartikeln, das Beschimpfen und Beschädigen von Kruzifixen, +das Verführen von Frauen im Beichtstuhl, die Vernachlässigung der +Anzeigepflicht von Ketzern und vieles andere, was ein teuflischer +Erfindungsgeist spitzfindig ausgeklügelt. An den Wochentagen zogen die +Familiares mit Trompeten und Trommeln unter Anführung des höchsten +Alguacil durch die Gassen, und auf den Plätzen wurde das Edikt +verlesen. Binnen sechs Tagen mußten die Anzeigen über jene Personen +erstattet sein, die sich eines der bezeichneten Vergehen schuldig +gemacht hatten. Den Denunzianten wurde völlige Verschwiegenheit +zugesichert. Selbst dem Beschuldigten sollte ihr Name nicht genannt +werden. + +Die Moriskos erschraken vor dieser gräßlichen Rechtsprechung. Wer +einen Feind hatte, war ihm wehrlos ausgeliefert. Jeder Haß konnte +sich durch die Tür der Inquisition Luft machen, wer einen anderen +schädigen wollte, brauchte nur eine falsche Anzeige erstatten und man +schenkte ihm Glauben. Niemand war mehr seines Eigentums, seines Lebens +sicher. Schrecklicher noch als die aufrechten kastilischen Soldaten +des Königs trat jetzt das Gespenst des furchtbaren Gerichts, dessen +Vorschauer schon vor Wochen aus Cordoba herübergestrichen waren, unter +die bebenden Moriskos. Sie, die kaum eine flüchtige Berührung mit den +Dogmen der Kirche hatten und noch unsicher in den Riten herumtappten, +konnten jeden Augenblick wegen einer angeblichen Übertretung gepackt +werden. Wohl versprach man gelinde Strafen, aber man wußte, was man +von spanischen Versprechungen zu halten hatte. Man zitterte um seine +kärgliche Habe und vor der bevorstehenden Schmach, verspottet und +beschimpft im Sanbenito jahrelang unter den Christen wandeln zu müssen. +Alles zog sich furchtsam in die Häuser zurück, wo man wenigstens +flüsternd das Leid von der Seele wälzen und dem alten Glauben +nachtrauern konnte. + +Die Könige kamen, begrüßt von der Moriskomenge, der man die +Begeisterung in die Seele gedroht hatte. Vom Leid verdunkelte Mienen, +freudlose Augen, verhärmte Wangen -- fürwahr, die Königin hatte nicht +viel mehr erwartet. Sie warf während des Eintritts beziehungsvolle +Blicke nach Ximenes, um dessen Herz der Eisenpanzer der Härte lag. +„Was für eine Stadt!“ entfuhr es ihren Lippen. „Das Volk scheint nicht +glücklich.“ + +Der Erzbischof zuckte mit keiner Wimper. „Der einheitliche Glaube ist +da.“ + +„Er ist mit Leid erkauft worden. Verzweifelte Klagen drangen über die +Schwelle meines Gemachs. Man erwartet alles von meiner Gegenwart.“ + +„Wenn diese Gegenwart auch nur ein Haar von dem verrücken sollte, was +meine starke Hand erbaut, dann wäre der heilige Eifer umsonst gewesen.“ +Er sah die Königin mit einem bezwingenden Blick an. + +„Hat die Inquisition Arbeit bekommen?“ fragte Isabella. + +„Es ist möglich, daß zu Ostern Scheiterhaufen brennen.“ + +Die Königin erschrak. „Die Eile wird das Volk rasend machen. Meint Ihr +nicht, daß die Barmherzigkeit größer sei als die Gerechtigkeit?“ + +„Man wird barmherzig sein und oft nur Güter einziehen, wo die +Verbrennung angebracht wäre.“ + +„Große Seelen wachsen durch die Bedrückung. Die Moriskos haben große +Seelen. Sollen sie uns noch gefährlicher werden?“ + +„Dann vollenden kastilische Reiter das, was wir begonnen,“ entschied +der kriegerische Hohepriester. -- -- -- + +Der Graf de Mora hatte den Weg in die Alcazaba gefunden, wo nun Reija +mit ihren Sklavinnen ihr junges Glück durchsann. In seinem Gewissen +hämmerte die Schuld. Der Abencerrage war vogelfrei. Der Gewinn war +durch ein schuldbeladnes Gewissen teuer erkauft worden. Reija wußte +nicht, wohin sich der Maure gewandt. Aber der Graf schalt sich einen +Toren, weil er die Flucht seines Rivalen selbst begünstigt. Dann +verscheuchten wieder die Liebesbeteuerungen des Mädchens alle Wolken. + +Als das Glaubensedikt kam, grübelte sich Reija mit ihrem beweglichen +Verstand so gut es gehen wollte, in die Heilslehren hinein, nur +bemerkte Don Pedro de Solar an ihr ein verdunkeltes Wesen, wenn sie von +den Dogmen sprach. Dann machte er sich selbst Gedanken, wie sie oft +den Menschen in den Stunden farbloser Dämmerung zu überfallen pflegen. + +Hell brannten die Kerzen im dufterfüllten Gemach der Königstochter. +Don Pedro saß neben ihr. Der Wohlgeruch ihrer Glieder wallte um das +Gemüt des Liebenden. Er hörte ihren Mund so gern tönen. Sie sprach +ihr Spanisch mit vielen arabischen Wörtern untermischt, betonte die +Endsilben länger, als es im Andalusischen üblich war, wodurch etwas +Singendes in ihre Rede kam, das dem Grafen gar wohl gefiel. Auch das R +rollte sie scharf heraus, was ihr eine entzückende Herbheit gab. + +Don Pedro schenkte ihr einen Ring mit einem großen Saphir. + +Ihre Augen strahlten voll Eitelkeit. „O Liebster, wie weißt du zu +schenken! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Ring.“ + +„Ich doch,“ lächelte er beglückt. „Die Hand, die ihn jetzt trägt.“ + +Reija schmeichelte sich an seine Brust heran. „O mein Feta! Weißt du, +was mir noch zum Glück fehlt? Abu Atir soll frei sein!“ Es schlich nur +so zwischen den Lippen heraus. + +Don Pedros Auge verdüsterte sich. „Er tut mir leid, der alte Sid.“ + +Ihre Wimpern schlossen sich wie in Trauer. „Der Himmel hat einen +Verkünder seiner Seligkeit verloren. Ob sein Stern je wieder aufgehen +wird?“ Als sie sah, wie Don Pedros Stirn umwölkt blieb, lenkte sie ihre +Gedanken auf freundlichere Wege. „Oh, wärest du einer von den Beni Osa! +Sie haben den Wüstensand zum Bett gehabt, sagt Abu Atir. Sie haben +unter buntbewimpelten Zelten geschlafen, Kamele verkauft und getauscht +gegen Waffen und Kleider, haben herrliche Lieder gesungen und Lanzen +verkämpft in Schlachten um Mohammed. Oh, wenn du von ihnen abstammtest! +Und ich wollte von den Rosen von Iram stammen, die König Scheddad in +liebender Glut als das Schönste auf Erden gepflanzt. O sag’, warum hast +du uns Mauren einst so gehaßt?“ Sie kräuselte plötzlich ihren Mund. + +„In deiner Liebe sühnte ich mein Unrecht.“ Er bedeckte ihre braunen +Wangen mit Küssen. + +„Wir hatten doch soviel für euch getan. Ja, ja, bi nefsi! An unsern +Rittern stärkten die euren ihren Mut, von ihnen lernten sie die +Verehrung des Weibes, und von unsern Baumeistern nahmt ihr die schönen +Formen -- und eure Romanzen und Tänze, sind sie nicht den unsern +abgelauscht?“ + +Don Pedro fing das Wort auf. „Tanz! Tanz! Du sollst mir die Leila +tanzen!“ + +„Das geht nicht, Liebling der Freude! Die Leila tanzen wir nur mit dem +Schleier auf dem Leib.“ Sie versteckte schnell ihre Augen. + +Der Graf zog sie an sich. „So hüll’ dich in drei Schleier, daß ich +nichts erspähen kann.“ + +„Meine Brüste müßtest du doch sehen.“ Wieder schloß sie die Augen. Ihre +Wimpernspeere stachen in sein Herz. „Aber weißt du, ich will dir aus +der Hamasa singen. Saffana soll mich begleiten.“ Sie schlug in die Hand. + +Die schöne Sklavin holte die Anafine vom Silberhaken. Und Reija hob mit +weicher dunkler Stimme zu singen an. Es war ein arabisches Morgenlied. + +„Wenn der Morgensonne Gruß die Berge rötet und das Vogellied erwacht, +wenn auf Blumengrund der goldne Ferge herzieht und vertreibt die letzte +Nacht, weint mein Aug’ um dich, das schon geweint, als die Nacht noch +war dem Morgen feind. Aus den goldnen Mähnen fällt der Tau nieder auf +die buntgeschmückte Au’, Sonnenwagen kreist um alle Erden -- wann wird +mir sein Glanz zur Freude werden?“ + +Verzückt lauschte Don Pedro. „Hernando weiß viele solcher Lieder, aber +es klang mir keines so schön.“ + +„Wo ist der Feta?“ fragte die Sklavin schnell. + +Der Graf warf ihr einen schelmisch-drohenden Blick zu. „Er ist dir +nicht gleichgültig? Man merkt es wohl.“ + +Saffana wurde rot. „Er hat wirklich einen hübschen Mund.“ + +„Er schwärmt auch von deinem,“ lachte Don Pedro. + +„Ei, hab’ ich nicht auch alle arabischen Schönheiten, die man Nesib +nennt? Oh, sagt ihm doch, Stern der Sterne, ich gehe jeden Abend mit +meiner Herrin zur Christenlehre und ich muß zwischen den Säulen einsam +frieren, während sie in der Mosala heilige Worte hört.“ + +Der Graf verstand sie und nickte. „Ich will’s ihm sagen.“ + +Da huschte die Moriska beglückt hinaus. + +Reija schmollte. „Dein gelehrter Freund hat ihr den Kopf wirbeln +gemacht. Weißt du, wo die Maurenmädchen ihre Liebsten zu treffen +pflegen? An der Tränenquelle. Sie heißt Dinadamar und liegt auf dem +Hügel vor dem Elvirator. An dem Rand der ummauerten Quelle stehen +Zypressen. Wenn eine Maurin einen Christen liebte, weinte sie dort ihre +Tränen um ihn, bis das Wasser ihr zum Halse stieg, und dann geschah es +meist, daß der christliche Freund in der Nähe war und seine Chiquilla +aus dem Wasser zog.“ + +„Oh, lägest du dort in deinem Tränenwasser!“ seufzte Don Pedro +schelmisch. + +Sie hielt ihm den Mund zu. „O Männer! Was ihr im Dunkel der Nacht +liebend sucht, schreit ihr bei Tag der Sonne entgegen.“ + +„Ich bin nicht einer der vielen. Aber nun mußt du tanzen!“ + +„Wenn du wegschaust,“ lächelte sie gefügiger. Und ohne eine Antwort +abzuwarten, flog sie ins Nebenzimmer, um sich zu entkleiden. + +Don Pedro atmete die Luft des Entzückens. Wie liebte er sie! Alles, +alles an ihr! Das helle Leuchten des Tages und das Dunkel der Nacht +in ihrem Wesen. Wuchs sie nicht vor ihm auf wie eine schöne, durch +den gesegneten Himmelsstrich erschlossene Blüte, umschmeichelt von +der Sonne Zauberkraft, geküßt vom Licht des Mondes, gehätschelt von +des Südens weicher Luft? War sie nicht unerschöpflich im Geben und +Schenken, in Erfindungen und neuen Gedanken der Schönheit? Sie war +Ewigkeit und flüchtiger Genuß zugleich, ein klingendes Lied ihres +Volkes, eine der Huris, aus dem Paradies gestiegen, dem Sterblichen ein +leises Ahnen von den Freuden zu geben, die seiner warteten. Don Pedro +liebte sie nicht mit dem Stachel der Wollust im Herzen, sondern mit dem +reinen Gedanken der Besitzseligkeit eines solchen göttlichen Geschenks. +Wie eine schöne Fackel sollte sie ihm das neue Leben, in das er durch +sie getaucht, erleuchten. + +Da öffnete sich die Tür. Maria -- nein, Reija schwebte herein. Ihre +Reize waren durch rosafarbne dichte Schleier verhüllt, aber Haupt, +Schultern, Brüste, Arme und Füße waren frei. In der Türnische setzte +sich mit gekreuzten Beinen die Sklavin hin und spielte auf der Anafine +eine jener Tanzmelodien, wie sie die Beduinenweiber in den Zelten zu +spielen pflegen, bald in rhythmisch wiegenden, bald in langgezogenen +Tönen wehmütig hingehaucht. + +Reija stand zuerst regungslos, nur die herrlichen braunen Schultern +bebten leise. Dann löste sie sich aus der lauschenden Gebundenheit, +langsam wiegte sich der Körper nach vorn, nach rückwärts, lockend +dehnten sich die gemeißelten Brüste, dann schnellte ihr Oberleib +plötzlich vor, ihr Antlitz war schreckgespannt, es war, als lauschte +sie fernem Löwenbrüllen in der Wüste, dann erhob sie sich mit +beruhigtem Lächeln aus der Stellung des Lauschens, ein sanftes Wiegen +des ganzen Leibes drückte die Wohligkeit der Seele aus, und plötzlich, +den lockenden Tönen völlig hingegeben, schnellte sich der Körper von +der Fessel des Rhythmus los, und wie wenn sie ein Stachel aus dem +Innern heraus anspornte, warf sie ihre Glieder in einer wilden, aber +immer schönen Regellosigkeit hin und her, als drängte jede Fiber in +ihr nach einem geliebten Gegenstand. Immer zügelloser wogte ihre +Gestalt hin und her, ein sinnlich betörender Taumel erschien sie zu +erfassen -- der Geliebte ist da! -- ein werbendes Sehnen, ein Wirbeln +und Drehen, begleitet von den aufjauchzenden Tönen der Anafine -- die +Hände schlagen verzückt in die Luft, die Augen und Wangen glühen, der +Atem keucht aus dem halb geöffneten Mund, in dem die Zähne leuchten +-- mit beinahe wollüstiger Hingabe an die Seele des Tanzes schwingt, +schlängelt, wiegt und schaukelt sie ihren leidenschaftlich bewegten +Körper, ohne je schamlos zu werden, wiewohl es schien, als wollte sie +jeden Augenblick den nackten Leib den kosenden Lüften preisgeben. + +Da fängt Don Pedro, hingerissen von der sinnzerwühlenden Auflösung +des Körpers und von den sprühenden Wundern ihrer morgenländischen +Seele, die Geliebte in seinen Armen auf. Ihr Busen brennt im Feuer der +Hingabe an seiner Brust, ein schwüler, bestrickender Duft von Blumen +und arabischen Spezereien umwirbelt seine Sinne und unter seinen +entzündeten Blicken wogen die nackten Brüste des herrlichen Mädchens. +Wie ein Trunkener küßt er die aufgeschlossenen, ihm entgegentaumelnden +Lippen. + +Saffana bricht die brausende Melodie entzwei und läßt das Instrument +fallen. Sie heult in einer Ecke bei einem Wandspiegel ihre Freude aus. + +Noch brennend von den geheimen Opferfeuern der unterdrückten Sinne, +lösen sich die Liebenden voneinander los. Wie ein Erwachender blickt +Don Pedro um sich. Auf dem Diwan liegt wohlig hingestreckt sein Mädchen +mit geschlossenen Augen und schwer kämpfender Brust. Er will hinstürzen +und die Schleier von den Reizen des Schöpfungswunders heben -- + +Da wehrt sie ihn sanft von sich. „Du sollst mich lieben wie der Dichter +Dschemil seine Botheina liebte. Unter Palmen in einsamem Tal legte er +ihr nur die heilende Hand aufs stürmisch pochende Herz und berührte sie +sonst nicht.“ + +Das tat er denn auch mit aller Zärtlichkeit, und er war versucht, seine +Lippen auf die Granatfrucht ihres Busens zu senken. + +Da tönte draußen die Stimme der Matrone. Reija sprang auf und hinter +den Vorhang des Schlafgemaches. + +Noria trat ein. „Don Hernando ist da.“ + +Gleich darauf stand der Freund im Zimmer. „Du mußt schnell heim. Die +Wache vor dem Fenster Abu Atirs ist ermordet --“ + +„Nein!“ brauste der Graf auf. Und seine Augen flogen unwillkürlich nach +dem Vorhang. + +„Maurische List und Tollkühnheit -- man wollte es wie bei Eswer +versuchen --“ + +„Da sind Teufel am Werk oder --“ Sein Herzschlag stockte. + +„Ein Gesandter des Königs ist bei dir. Du sollst morgen vor Fernando +erscheinen. Man will dir den Befehl über die Truppen für die Alpujarras +geben.“ + +Don Pedro starrte ihn an. „Mir -- diese Ehre --?“ + +„Man weiß keinen Bessern. Dazu die Empfehlungen des Ximenes --“ + +Der Graf zog die Brauen hoch. „Wirklich? Des Ximenes? So werden Heilige +zu Sündern. Laß mich hier Abschied nehmen.“ + +Da schnellte schon der Vorhang zurück. Reija trat mit angstgelähmten +Augen heraus. Statt der Schleier trug sie einen Seidenstoff, der sie +wie eine Toga umhüllte. Hernando verneigte sich staunend vor der +Schönheit des Mädchens. + +„Ich -- habe -- alles gehört,“ sagte Reija. Und sie senkte langsam den +Schild ihrer Wimpern über die Augen. Auf ihren Lippen war jedes Lächeln +erfroren. + +Der Graf reckte sich. „Ich werde die Truppen nicht in die Alpujarras +führen.“ + +Ein Freudenschrei sprang aus der Brust der Moriska. „Alle guten Geister +Gottes mögen über deinem Hause wachen!“ + +Hernando aber sah bestürzt den Freund an. „Womit willst du vor dem +König die Weigerung rechtfertigen?“ + +„Das höre der König allein.“ Don Pedro atmete schwer. + +Reija hob den Vorhang. „Tretet einen Augenblick hier hinein, Feta. Ihr +werdet hier ein Geschöpf finden, das dieses Geschenk einer glücklichen +Stunde zu würdigen wissen wird.“ + +Der ritterliche Gelehrte war nicht auf den Kopf gefallen. Er erkannte +auch gleich das spitze Lachen daneben. Wie ein aufgescheuchter Hase +flog er hinein und fiel gleich darauf in weiche, weit geöffnete Arme. + +Kaum war Don Pedro mit seiner Geliebten allein, flüsterte ihm diese zu: +„Ich weiß, was du denkst.“ Ihre Worte klangen wie durch einen dichten +Nebel gedämpft. „Bei den Freuden des Paradieses schwöre ich dir: ich +habe hier meine Hände nicht im Spiel.“ + +Der Graf preßte die Lippen aufeinander, sein Gesicht zeigte Spuren +tiefwühlenden Schmerzes. + +„Pedro -- du glaubst mir nicht? Ich liege vor deinen Füßen -- ich +umklammere deine Knie -- ich bin unschuldig -- aber ich ahne, wer es +getan.“ + +„Eswer!“ stürzte der Graf heraus. + +„Er ist tollkühn und hängt schwärmerisch an dem Imam.“ + +„Weil er an dir hängt!“ kochte das eifersüchtige Herz des Spaniers auf. +„So dankt er für seine Freiheit! Es kann nur ein Blut für deine Liebe +pulsen. Gott gebe, daß ich ihm im ehrlichen Kampf gegenüberstehe.“ + +„Pedro -- du wirst nicht -- gegen die Mauren kämpfen?“ Ihre Hände +verkrampften sich unter heftigem Schluchzen in seine Arme. „Oh, sprich +mit der Königin -- sie ist mild und gut --!“ + +„Ihr Wille ist betört durch die Sprache der Priester, gefesselt +durch die Macht der Inquisition. Wer diese Fesseln bräche, gewönne +für Spanien den Atemzug der Freiheit wieder. In Toledo schmachten +Christenritter in den Kerkern des heiligen Gerichts, in Tiara brennen +Scheiterhaufen, Cordoba seufzt unter dem Druck priesterlicher Henker, +und nun soll Granada --? Oh, die Könige wissen nicht, wie die +Dominikaner Dezas und Ximenes arbeiten. Wer ihnen die Augen öffnete für +das Elend der Seelen! Der edle Talavera ist auf meiner Seite, Tendilla, +Osuna, Orgaz -- die Granden empören sich, daß man ihre Besitzungen +infolge der Austreibung maurischer Bauern zugrunde gehen läßt, die +Jünglinge des höchsten Adels zittern vor den Familiares -- o Mädchen, +Mädchen! Die Fackel deiner Liebe hat in mir die der Gerechtigkeit +entzündet, und an ihr soll sich die Barmherzigkeit der Könige +entflammen.“ + +„Michael bist du, der Engel der Gerechtigkeit!“ schluchzte sie +Freudentränen an seinem Hals. „Wie liebe ich dich, mein Feta!“ + +Hernando kam mit erhitztem Gesicht. Er packte den seligverstörten +Freund bei den Armen und zog ihn hinaus. Hinter den beiden siedete das +Glück in zwei Mädchenherzen. Herrin und Sklavin -- die Liebe machte +keinen Unterschied mehr. + +„Oh! oh! oh! Er küßt so heiß!“ lief Saffanas Herz über. Und sie strich +sich verwirrt das Kleid über dem Busen zurecht. + +Reija aber warf sich auf den Gebetsteppich der Länge nach hin und rief +Mohammed und Jesus gleichzeitig um Beistand für ihre Liebesqual an. + + + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel + + +Der Graf hatte den Imam einvernommen. Des Maurenpriesters Auge +leuchtete sonnenklar in Unschuld. „Ich hätte wohl dem Erlöser die Hand +zur Flucht gereicht, aber ich wußte nicht, wie nah er mir war.“ Bis +spät in die Nacht dauerten die Verhöre bei den Wachen. Man bat um eine +Verdoppelung des Postens beim Fenster, denn es wollte niemand mehr +der Maurenlist zum Opfer fallen. Allgemein war die Meinung, der kühne +Abencerrage sei der Täter. + +Die Alguaciles brachten stündlich neue Nachrichten. Bei einem Morisko +wurde ein Zettel mit einem aufreizenden Inhalt gefunden: „Wehrt euch, +sonst ist das Ende da. Ihr werdet in den Bergen die Weidegerechtigkeit +verlieren. Man rühmt eure Geschicklichkeit, doch man wird sie auf +seine Weise ausnützen, eure Genügsamkeit, aber ihr werdet dafür nicht +viel zu essen bekommen, euern Fleiß, dafür wird man euch bis aufs Blut +schinden, eure Bescheidenheit, und man wird euch wirklich nur ein paar +Maravedis im Tag geben, eure Bodenwirtschaft, und ihr werdet sie im +Joch beweisen müssen.“ + +Don Pedro ließ den Zettel verbrennen -- um des Imams willen, dem er die +Aufreizung zuschrieb. + +Es war nach Mitternacht, als man auf den Höhen der Sierra Nevada +kleine Punkte aufleuchten sah, Feuer, wie sie die Mauren zur Zeit der +Sonnenwende auf den Bergen zu entzünden pflegten. Auch bei Gefahr, +Aufstand, als Zeichen der Versammlungen brannten diese Feuer. Der +Graf wurde stutzig. Er hatte die ergebnislose Untersuchung für heute +beendet. Zu Hause angekommen, fiel ihm ein Paket Schriften in die Hand, +das er heute von der Mutter gesandt bekommen hatte. Es waren Dokumente +seines Vaters, Erinnerungen, wie sie der alte Mann, der nicht nur +waffentüchtig, sondern auch gelehrt war, aufgezeichnet hatte. Sie lagen +nun zum erstenmal vor den Augen des Sohnes. Die Mutter fühlte sich +krank und hatte dem Sohn in einer Anwandlung von Sterbensmüdigkeit die +Aufzeichnungen des Vaters geschickt. + +Die Erinnerungen spielten in eine ferne Zeit hinein, sie sprachen +von Waffenglück und königlichem Dienst, von der Vertiefung in +Glaubenssachen -- + +Da erblaßte der Graf. Er las seltsame Worte: „Beinahe hätte ich +die Schmach über mich ergehen lassen müssen, von der Inquisition +verfolgt zu werden, weil ich mich infolge eines nächtelangen Studiums +in arabischen Schriften mit den Angriffen der Mohammedaner gegen +die heiligen Dogmen der Kirche befreundet hatte. Besonders das +Dreieinigkeitsdogma machte meinem Geist viel Pein. Nur die Einsprache +eines mächtigen Gönners, des Herzogs von Medina-Sidonia, bewahrte mich +vor dem Ärgsten.“ + +Mit zusammengepreßtem Herzen sann der Graf in die Schrift. Sein Vater, +der Abgott seiner Jugend -- von der Inquisition verfolgt! Nun erinnerte +er sich des betretenen Schweigens in den Kreisen der Granden, wenn von +der Vergangenheit des Vaters die Rede war. Man wollte ihm, dem Sohn, +des Alten Sünde nicht als erblichen Fluch auf die Schultern laden, aber +man konnte doch nicht vermeiden, ihn mit einem gewissen Mißtrauen zu +behandeln. Die kriegerischen Anlagen des jungen Grafen drängten den +gelehrten Sinn zurück, und erst in den letzten Wochen, da sich sein +Herz gewandelt, hatte auch sein Geist die Spuren der Gelehrsamkeit +in den arabischen Schriften, die ihm Hernando de Rojas verschafft, +aufmerksam verfolgt. Er hatte da plötzlich entdeckt, wieviel die +Spanier den arabischen Gelehrten, und vor allem den Philosophen, +verdanken, wie die Bücher des Averroes über Aristoteles das ganze +christliche Denken umformten, wie die Heilkunst auf Grund arabischer +Erfahrungen ausgeübt wurde, wie Kriegführung und Rittertum im +maurischen Boden wurzelten und die spanische Dichtung sich noch immer +der morgenländischen Blüten bediente. Pulver, Papier, Seidenzucht, +Ackerbau, alles mußte der Spanier den Mauren entwinden, selbst Kolumbus +hätte wahrscheinlich ohne die Erdkarte des Edrisi das neue Land nicht +entdeckt. + +Waren es Feinde, die den Vater vor das Tribunal geschleppt? Oder hatte +er sich selbst unvorsichtig verraten? So war sein Geschlecht durch des +Vaters Schuld nahe daran gewesen, von allen Ehren ausgeschlossen zu +werden? Und belastete nicht ein von der Inquisition Verurteilter auch +Kind und Kindeskinder? + +Er hatte in dieser Nacht tief und ernst zu denken. Und mit umränderten, +müden Augen sah er dem Morgen entgegen. Die innere Unruhe verscheuchte +das Blei von seinen Lidern, und der erste Sonnenstrahl grüßte einen +matten Körper und Geist. + + * * * * * + +Im Saal der Schwestern, unter der prunkvollen, tropfsteinartigen +Kuppel, die wie ein phantastisches Riesenzellengewebe zu Häupten hing, +inmitten der ornamentalen Pracht der Wände, der farbenstrahlenden +Türbogen und des abwechslungsreichen Spiels der Formen und Muster, des +Goldes und des Dämmerlichts nahmen die Könige die Berichte der Granden +entgegen. Am frühen Morgen waren beunruhigende Nachrichten angelangt. +Christendörfer in den Alpujarras waren von den Mauren überfallen +worden, die Monfis plünderten christliche Hirtenstationen, und man +sprach davon, daß sich große Banden um Orgiva und Guejar sammelten, der +Name Abu Atir fliege von Mund zu Mund, es sei offenkundig, daß man ihn +befreien und zum König ausrufen würde. Die schwere Reiterei, tapfere +Lehensmannen und Adelige aus den ersten Geschlechtern, machte sich +zum Aufbruch bereit, der große Kapitän Gonsalvo de Cordoba sollte das +kleine Heer gemeinsam mit Tendilla gegen die Maurennester führen. Doch +zuvor sollte der Graf de Mora die Stärke der Banden erkunden. + +Die Wachen vor dem Löwenhof zogen in dreifacher Stärke auf. Fremde +Gesandte, geistliche Würdenträger und Bittsteller harrten im Hof. Der +Vorsaal der Mozaraber war überfüllt von schimmernden Gestalten, die von +den Sekretären der Königin nach Listen geordnet wurden. Ein Gnadenwort +aus hohem Mund war Erquickung für den ehrgeizigen kastilischen +Ritter. Man witterte Maurenkämpfe und freute sich, denn des Friedens +Tatenlosigkeit drückte auf die spanischen Gemüter. + +„Ah -- der Held von Santa Fé!“ sagte der Graf de Cabra zu einem andern +Granden, als sich die Gestalt des königlichen Hauptmanns an der Saaltür +zeigte. „Man spricht viel von der schönen Moriska, die Boabdils Tochter +sein soll. Aber man nennt selten ihren Namen ohne den seinen. Es +scheint da ein Liebesgarten aufzublühen.“ + +„Ihr meint doch nicht --“ + +„Was ich meine, wird den Grafen de Mora nicht abhalten, unvernünftig +zu sein. Ich weiß nur, daß er die Hand der schönen Leonore de Uceda +verschmäht hat.“ + +„Und das sollte ungestraft von ihr geschehen sein?“ lächelte der Grande. + +Cabra machte ein Zeichen des Schweigens. Graf de Mora hatte sich +genähert. Er trug das reichgestickte Gewand seines Vaters, den Hut mit +dem Federbusch, das golden eingelegte Schwert und den schwarzen Mantel. +In seinen Zügen waltete tiefer Ernst. Man erinnerte sich nicht, ihn +je so dunklen Gesichts gesehen zu haben. Er gab kurze, aber höfliche +Antworten. + +„Wer eröffnet die Audienz?“ fragte er den Grafen Gonzalez de Lara, +einen würdigen Greis. + +„Wer anders als Ximenes und Pater Leon? Die Inquisition hat den +Vortritt vor den Granden.“ + +„Das war nicht immer so,“ sagte Mora mit verfalteter Stirn. + +„Man kann zu Euch freier sprechen. Die Cortes sollten die Augen offen +halten. Wenn Könige in den Händen der Priester sind, ist es fast +schlimmer, als wenn ein König in den Händen eines Weibes ist.“ + +Der Graf de Mora drückte dem Alten beziehungsvoll die Hand. „Ihr denkt, +wie es ist. Wenn’s not tut, erinnert Euch meiner.“ + +„Auch Ihr, junger Freund, sollt an mir nicht vorübergehen.“ + +„Gewiß nicht, Lara. Man spricht, höre ich, von Übergriffen der +Inquisition.“ + +„Man spricht wahre Worte. Aber still -- da drüben bei der Säule steht +ein Familiare der Inquisition. Die Leute bewachen jedes Wimpernzucken.“ + +„Wird man die Königin allein sprechen können?“ + +„Schwer. Ximenes horcht die Seelen der Untertanen aus.“ + +„Man muß doch vor ihr Herz kommen können?“ + +„Meist nur vor ihr Antlitz. Um ihr Herz legt Ximenes seine Dornenhecke. +Doch Ihr habt ein alt Geschlecht, vielleicht zeichnet Euch die Königin +aus. Ihr habt Gewichtiges --?“ + +Er kam nicht weiter. Der große Kapitän Gonsalvo trat mit dem glänzenden +Gefolge seiner Hausmannschaft in den Löwenhof, der Gobernador schritt +durch die Reihen der Edlen, die alten Geschlechter Mendoza, Villena, +Castro, Cifuentes, Ureña, Cabra und andere hoben sich von dem jüngern +Adel ab, gekennzeichnet durch die Geschlechtswappen ihrer Herolde, +während die hohe Geistlichkeit und die verdienstvollen Mönche getrennt +von den Granden eine Insel um die Brunnenschale in der Hofmitte +bildeten. Vor dem Eingang zum Saal der Schwestern, der durch einen +großen Vorhang abgeschlossen war, standen die Edelknaben der Königin +unter der Führung ihres Alcayden Diego von Cordoba. + +„Der König ist aufgeräumt und gnädig,“ sagte der Graf Alvaro Nuñez de +Castro, der eben herauskam. „Er hat mir einen Teil der Besitzsteuer +erlassen.“ + +„Und die Königin?“ fragte de Mora ungeduldig. + +„Sie spricht nur mit Ximenes. Ich konnte keinen Gnadenblick erhaschen.“ + +Name für Name wurde gerufen, Stunde auf Stunde verrann. Graf de Mora +wurde ungeduldig. Der Löwenhof leerte sich, viele Granden wurden für +den nächsten Tag bestimmt, und endlich nannten die Sekretäre nur mehr +drei Edelnamen: Tendilla, Gonsalvo und Mora. + +Bald darauf standen die drei Ritter gleichzeitig vor dem Herrscherpaar. +Ihre hohen Gestalten umspielte dämmriges Licht aus der Kuppel. +Seitwärts der Königin saß Ximenes, während Leon an einer der herrlichen +Holztüren stand, die zu den kleinern Seitengemächern führten. Sechs +Granden hielten Wache beim Eingang in den Saal der Ajimezes, durch +dessen Erkerfenster man den Strahl des Springbrunnens im Patio de +Daraxa in der Sonne blitzen sah. + +Der König enthüllte seine Absicht, wie notwendig es sei, den Mauren +Ernst zu zeigen. Er wies auf die Vorgänge der letzten Nacht hin, teilte +mit, daß die Monfis schon bis zum Hügel von Padul schwärmten, und +Gonsalvo legte einen Plan für den Marsch in die Berge vor und erbot +sich, das nahegelegene Maurenschloß von Guejar zu stürmen. Auch Graf +Tendilla unterstützte den Antrag. Der Graf de Mora wurde beauftragt, +Lanjaron, das stark befestigte Bergnest in den Alpujarras, zu nehmen. + +Da verneigte sich Don Pedro de Solar vor dem König. „Ich will nach +Lanjaron -- zum letztenmal meinem König und meiner Königin im Kampf +gegen die Mauren zu dienen.“ + +Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung. Fernando blickte aus +seiner kühlen Haltung auf. „Hispaniola lockt Euch noch immer?“ + +Der Graf schüttelte den Kopf. „Darf ich mit meinem König allein +sprechen?“ fragte er mit beinahe feierlich gespannter Seele. + +Der König blickte verwundert. „Das ist nicht Sitte. Die Königin zum +mindesten --“ + +„Ihr Herz wird meine Sprache segnen,“ sagte de Mora mit leuchtendem +Auge. + +„Mein Primas wird nicht fehlen wollen,“ bemerkte Fernando, indem er +Ximenes einen beziehungsvollen Blick zuwarf. + +Der Erzbischof nickte kühl. Leon trat zu ihm und flüsterte ihm etwas +zu. Der Königin aber wurde ängstlich zumute. Was hatten sie für +Geheimnisse? „Erzbischof, was darf ich nicht wissen?“ + +Ximenes kräuselte unmutig die Lippen. „Pater Leon bat mich, die Worte +des Grafen hören zu dürfen.“ + +Graf de Mora flehte kühn: „Mein Wort ist nur für die königlichen +Hoheiten bestimmt.“ + +Da entschied der König kurz: „Erwartet mich im Saal der Ajimezes. +Ximenes bleibe, der Vikar entferne sich.“ + +Graf de Mora trat in den Nebensaal. Pater Leon ging verstimmt in den +Löwenhof, wo er wie ein lauernder Marder um die Säulen schlich. Alles +wich dem Gefürchteten aus, Granden und Kleriker hatten Ursache, mit ihm +nicht allzu bekannt zu werden. + +Der König ließ sich noch von Gonsalvo Bericht über die verfügbaren +Streitkräfte erstatten. Als er dann von den Sekretären hörte, daß für +heute nur mehr der Besuch des Hospitals und zweier Klöster geplant war, +verabschiedete er die beiden Granden. + +Ximenes lehnte beim Fenster und starrte in das Grün der Zypressen. Der +König rief ihn nun heran. „Ihr kennt den Grafen de Mora?“ + +Der Kanzler nickte. „Sein Vater ist nicht ganz ohne Makel ins Grab +gestiegen. Aber man hat damals -- es sind schon an die fünfzehn Jahre +her -- noch Gnade mit manchen Zweiflern geübt. Wir schreiben eine andre +Zeit.“ + +Die Königin geriet in Eifer. „Soll der Sohn die Sünden der Väter büßen? +Wie soll der Sohn zur Tapferkeit rüsten, wenn er weiß, daß sie um +seines Vaters Fehler willen nicht belohnt wird?“ + +„Und dennoch macht man so die Väter vorsichtig,“ sagte Ximenes. „Auch +liegt es im beschworenen Gesetz enthalten. Im übrigen muß man Don Pedro +de Solar hören. Er hat sich Verdienste erworben, er hat auch meinen +Salzedo aus maurischen Händen befreit, er war ein eifriger Verfolger +der Mauren, die Bewachung des Imams lag in seinen Händen. Ob sie immer +gut war -- hm -- wer will es sagen? Auch der Abencerrage flüchtete +unter seiner Bewachung. Aber noch scheint der Graf pflichttreu und +gewissenhaft zu sein. Nur eins trübt sein gutes Bild. Pater Leon macht +mich aufmerksam, daß der Graf nahe daran sei, sein Herz an eine Maurin +zu verlieren --“ + +Der König machte eine jähe Wendung. Er dachte an die herbstliche +Abendstunde, da er diesen viel gelobten und nie verliebten Grafen mit +Leonore de Uceda verloben wollte. Er hatte den Grafen seither nicht +wiedergesehen. + +Isabella ereiferte sich. „Eine Maurin? Moriska? Und er will den Raub +der losen Liebesfrüchte vor dem Altar heiligen?“ + +„Man munkelt es.“ + +„Er hätte seinen Wert für ein würdigeres Herz aufsparen sollen. Die +Moriskas machen leicht ihr Herz zum Spielball. Man wird sich hüten +müssen, ihn gnädig zu behandeln. Wer ist das Weib?“ + +„Die natürliche Tochter Boabdils,“ meldete Ximenes eindrucksvoll. + +Fernando wurde von seinem Gewissen bedrängt. Er dachte des Mannes als +eines, den er oft getäuscht. „Wie kommt die Tochter her?“ + +„Geheimnisvoll genug. Ihre Mutter, die Gräfin Calabreña, flüchtete +vor vielen Jahren an den Maurenhof und verliebte sich in Boabdil. Die +Frucht ist dieses Mädchen. Sie wurde vom Vater in Spanien belassen +und der Erziehung eines Ratgebers des Königs übergeben, eben jenem +ehrwürdigen Imam Abu Atir. Sie ist erst seit vorigem Herbst in Granada. +Sie wehrte sich bei der Bücherverbrennung um den Koran ihres Vaters, +und es mußte ihr das Buch ausgeliefert werden, damit wir Salzedo dafür +unversehrt erhielten. Es war ein erbärmlicher Handel, vom Grafen de +Mora vorgeschlagen und nur durch die Not entschuldigt. Damals schon +wunderte man sich über die Verteidigung des Mädchens durch den Grafen. +Das Kind ist unterdessen Christin geworden. Sie ist wirklich kaum mehr +als ein Kind.“ + +Die Königin wurde nachdenklich. „Warum bekomme ich die Moriska nie zu +sehen?“ + +„Sie lebt sehr zurückgezogen, fast noch auf maurische Art. Sie besucht +nur mit unserer Erlaubnis täglich den Imam. Aber man wird von nun an +vorsichtiger sein müssen. Die Befreiungsversuche der Mauren scheinen in +der Alcazaba eine Stütze zu finden, und wenn mich nicht alles täuscht, +hat diese schöne Moriska allen Grund, sich von einem gewissen Verdacht +zu reinigen. Pater Leon ist der Beichtvater des Königskindes.“ Der +Kanzler machte hinter halbgeschlossenen Lidern kleine Augen. + +„Sonderbar!“ sagte Isabella leise. „Aber hören wir den Grafen. Kommt!“ + +Die Granden öffneten den Vorhang im Türbogen. Prachtvoll fiel das +Licht aus dem Patio de Daraxa in den zierlichen Mirador, der den Saal +abschloß. + +Graf de Mora stand bei einem der Fenster. Nun verneigte er sich tief, +ließ sich aufs Knie und küßte die Hand der Königin. Der Vorhang schloß +sich wieder. + +Die heißersehnte Stunde hatte geschlagen. Der Sonnenschein in den +Blicken der Königin trieb den Grafen an, offen zu sprechen, wenn er +auch in Fernandos undurchdringlichem Gesicht keine Ermutigung las. Auch +das wächserne Antlitz des Primas war keine freundliche Einladung. + +„Ihr seid nicht in der Liste der Familiares?“ fragte der König. + +„Nein.“ + +„Warum?“ + +„Es ist ein Amt, das andre Männer fordert, die weniger Mann sind als +ich.“ + +Ximenes zog die weißen Brauen hoch. „Es stehen die ersten Namen auf den +Listen.“ + +„Doch auch die letzten von ganz Spanien, die man nur in verrufnen +Ventawinkeln nennt.“ + +„Ketzer sind eben in allen Schichten zu suchen. Sie aufzufinden, +braucht man die Hilfe eines jeden.“ + +„Zur Sache,“ warf der ungeduldige König ein. „Ihr wollt nicht nach +Hispaniola?“ + +„Meine Güter verlangen nach dem Herrn. Ich will meinen Herden, den +Feldern und der Seidenzucht leben.“ + +„So jung und schon soviel Sinn für Behaglichkeit?“ verwunderte sich die +Königin. „Da werden die andalusischen Schönen trauern, wenn ein Mann +wie Ihr sein Licht unter den Scheffel stellt. Ihr seid unbeweibt?“ + +Dem Grafen klopfte das Herz. „Bis jetzt -- ja.“ + +Der König horchte auf. „Man sagt, Ihr geht gern am Weibe vorbei.“ + +„Ich habe mich besonnen.“ + +Isabella tat überrascht. „Die Wahl?“ + +„Fiel auf ein tugendhaft Geschöpf, das, meine ich, wert ist, den Kranz +der Ahnen als neue Blume zu zieren: Maria de Calabreña.“ + +Die Königin zuckte zusammen. „Der Name ist in unserm Gedächtnis schwarz +geschrieben. Die Calabreñas haben vor vielen Jahren eine Verschwörung +gegen den Thron angezettelt, man verfolgte das Geschlecht --“ + +„Und eine der Verfolgten war Ines, die Tochter des Sancho de Calabreña, +der dennoch keinen Anteil an der Sache hatte. Sancho rettete sich nach +Guadix, wo er starb. Die Tochter aber gewann das Herz des Maurenkönigs. +Aus dieser Liebe entsproß ein schönes Mädchen, in allen Tugenden +erzogen, wenn auch auf maurische Art, jetzt aber Christin --“ + +„Bei Gott, das ist gewagt,“ unterbrach ihn erregt die Königin. „Sich +wegzuwerfen an eine Moriska!“ + +„Sie ist Christin so gut wie eine,“ verteidigte sie der Graf. + +„Vielleicht nur -- Euch zuliebe!“ warf Ximenes wie von ungefähr ein. + +„In ihren Adern ist unreines Blut,“ sagte Fernando. „Und Ihr wallt +Euer reines -- oh, nicht zu denken! Ihr besudelt Euch. Denkt an die +Kinder aus dieser Blutmischung. Der Weg zu jedem hohen Amt ist Euch +verschlossen, auf Schritt und Tritt fühlen Eure Kinder die Schuld der +Eltern.“ + +„Sie ist eine Königstochter!“ sagte der Graf in wachsender Wärme. + +„Eines Königs, dessen Sinnen noch immer ist, uns zu bekriegen, das +Verlorene zurückzugewinnen.“ + +Und Ximenes unterbreitete gewichtig seine eigenen Gedanken: „Boabdil +will, daß man in ihr das Andenken an den Vater ehre. Sie taugt dazu +und scheint dabei ungefährlich. Doch ist es Zufall, daß sie mit dem +Imam nach Granada kam? Soll dieser schlaue Alte nicht -- Wegbereiter +für den König sein? Unsere Kundschafter bringen Nachricht übers +Meer, daß Boabdil sich rüstet, daß die Berber ihr Herz für ihre +Maurenbrüder entdeckt haben. Ihr seht die plumpe Falle nicht? Könnte +ein Christenritter nicht dazu dienen, zur rechten Zeit schwach zu sein +und im Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe auf jene zu vergessen?“ + +Graf de Mora stand betroffen. „Wahrhaftig -- darauf -- bei Gott und +seinen guten Engeln -- darauf war ich nicht vorbereitet.“ + +Ximenes schob die blutleeren Lippen hin und her. „Ich sehe jetzt +klar. Darum die Weigerung, Familiare zu werden. Die Moriska könnte +-- so fürchtet Ihr -- im neuen Glauben straucheln, und Ihr müßtet +pflichtgemäß ihr Kläger werden.“ + +„Bei Santiago!“ rief der Graf bestürzt aus. „Auch das? -- Ihr +wißt Gründe aufzudecken, die erschauern machen.“ Und er wandte +sich an die Königin. „Erhabne Frau, käme ich in diesen Fall, ich +wäre bejammernswert, allein ich bürge für den guten Willen meines +zukünftigen Weibes im Punkt des Glaubens.“ + +„Ihr nehmt da viel auf Euch,“ warnte die Königin. + +„Ich bitte um gnädiges Gehör,“ bat der Graf bewegt. „Darf ich der +ersten Frau Spaniens mein Herz zu Füßen legen? Der Frau Isabella? Der +Sterbliche naht sonst Eurer Hoheit mit abgemessener, eingeengter Seele. +Oh, laßt mich freier sein, wie es dem freien Gegenstand ziemt.“ + +Ximenes blinzelte mit heimlichem Argwohn nach dem Ritter, und der König +schien ungehalten. Doch Isabella fragte freundlich: „Was wollt Ihr +also?“ + +„Ein wahres Christentum!“ rief der Graf warmherzig aus. „Und +Menschlichkeit gegenüber den Mauren!“ + +Die Herrscher horchten auf. Ximenes saß fühllos. „Haben wir die je +verleugnet?“ fragte die Königin. + +„Alles zittert vor der Unbarmherzigkeit der Kirche -- Christen und +Moriskos.“ + +„Der Kirche?“ Der Primas erhob sich aus seiner Regungslosigkeit. „Es +ist sonst nicht die Art andalusischer Ritter, das strenge Maß der +Etikette zu überschreiten.“ + +„Wer zwingt uns zu dem Äußersten?“ erglühte Mora. „Aus unserer +Seelenangst heraus werden wir zu ungestümen Forderern. Schon schreit +Toledo auf, wo man zwanzig Rittern die Daumenschrauben angelegt, in +Madrid sind die Kerker mit edlen Namen überfüllt, Valladolid, Burgos, +Alcala und Segovia bäumen sich unter dem Druck auf, und nicht der +Glaube macht sie beben, nur die Verteidigung des Glaubens selbst. Was +will man mit den eingezognen Gütern? Ungläubige dadurch gläubig machen? +In ihre Seelen sieht nur Gott. Und sei es um die alten Christen -- doch +die neuen? Oh, seht zu, was Ihr beginnt!“ + +Ximenes ließ einen leisen Spott um seine Mundwinkel spielen. „Ich sah +es kommen, bei Santiago, darauf war ich gefaßt. Das Weib beginnt Euch +zu bedrängen.“ + +Der Graf geriet in Brand. „Soll eines Weibes edler Einfluß einen Mann +verderben können? Rühmt man den spanischen Damen nicht nach, daß sie +nach Maurenart sich ihre Ritter erzogen haben zur Galanterie und edler +Denkungsweise? Bin ich unmännlich, weil ich von einem Weib Mitleid +fühlen lernte? Vor Santa Fé hielt ich’s wohl anders. Fünfmal warf ich, +heftig blutend, den Feind vom Wall; und ungezählt sind die Ehrenlanzen, +die ich mit maurischen Rittern brach, ich war kein Maurenfreund, ich +war besessen von Härte, ein jeder Atemzug in mir war blinder Haß, ein +jeder Blick Verachtung der Agarenos. Bis ich sie kennenlernte, ihr +kindlich freies Tun, ihr spielendes Gehaben, ihren heiligen Glauben +an den Propheten, ihren Fleiß, die Zähigkeit, das gebeugte, willige +Untertanenherz, ihr Wissen, ihre Kunst. Unselig, daß ich schwärmen muß! +Ich hörte den Imam reden, als geschlagnen, in seinem Glauben zertretnen +Menschen, und hörte kein Wort der Verdammung. Als Granada im Aufruhr +lag, hat sein Wort die Feuer gedämpft. Der Kerker ist Spaniens Dank +dafür.“ + +Der König war erblaßt und sah die Königin mit großen Augen an. „Das +heiße ich kühn, meint Ihr nicht, Isabella?“ + +Diese sah noch immer freundlich. „Die Liebe hat Euch ein großes Herz +gegeben, Graf de Mora. Es greift schon über die Grenzen Spaniens hinaus +und -- über unsern Glauben.“ + +„Wie ehre ich den katholischen Glauben!“ rief der Graf flammend. „Und +lasset Christus mit der angebornen Sanftheit walten, und Ihr werft +mehr Mauren glutbrünstig auf die Knie als mit der fürchterlichen +Inquisition.“ + +Da warf Ximenes das kühle Wasser seiner Seele in die Glut des Ritters. +„Wer Christus nur als sanften Hirten kennt, kennt ihn nur halb. Er +reinigte mit der Geißel Tempel.“ + +„Zur Sache, Graf,“ mahnte Fernando. „Was wollt Ihr?“ + +„Spanien glücklich wissen, bewohnt von Menschen, die ihren Gott nach +ihrer Art im Busen tragen dürfen.“ + +„Verschiednen Glaubens?“ Die Königin schnellte ihren Oberleib vor, +während der König den lächelnden Erzbischof stumm ansah. + +„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien +zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die +Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder +schafft. Wir aber haben mehr als Italien: erobernd streckt Spanien +seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt +Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist. +Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung +fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert +und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes +lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler, +die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen +auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren +Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den +schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu +entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf. +Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders +klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen, +und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird +sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin. +„Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen +Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt +mir+! Und nicht +der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr +flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es +nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne +auf.“ + +Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas +ein Zeichen, für die Könige zu sprechen. + +Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher +Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt +bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es, +dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu +bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst +im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt +gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr +wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines großen +Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den +Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“ + +„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr +Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die +Gnade haben!“ + +„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch +sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt +Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte +meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“ + +„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese +Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr, +die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“ + +Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an +unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“ + +„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird +diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses +trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern +Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses +auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren +durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt +glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß +Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur +Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der +Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein +Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam +nützen, um damit zu schaden?“ + +„Man wird +die+ Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden +kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der +Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in Spanien +etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre +Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht +die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“ + +„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können? +Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“ + +„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung +ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein +schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter +Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte +machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein. +Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk +zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König +wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des +warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt +Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“ + +„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft +verunstalten darf.“ + +„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr, +scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen. + +„Ich -- versteh -- Euch nicht.“ + +Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den +Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen. +Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“ +sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal +so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden +mußten --“ + +„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten +sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter +auf. „Ich weiß -- seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor +Menschen schuldig zu werden. Doch sein Angedenken ist geheiligt in +meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner +gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester +lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl +ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen, +die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn +schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger +waren? Wer sagen, daß er geirrt?“ + +„Er hat geirrt!“ + +„Hat er den Irrtum bekannt?“ + +„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur +von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder +Gnade gibt.“ + +Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh, +dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch +wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser +Gottes.“ + +Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag +der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr +seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die +Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich +die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach +Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“ + +Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich +ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung. +„Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der +erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“ + +Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß -- wir haben unsre +Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“ + +„Und dennoch -- schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich +in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das +Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz des Volkes Wünsche. +Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht +Euer großmütiges Herz überwuchern --“ + +„Mein König -- diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht +wich das Blut. + +Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der +Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem +großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig +weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken +baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen -- +wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“ + +Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen +über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der +Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das +Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden +Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah +er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber, +doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte +er mit gierig gestrecktem Hals. + +„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging +durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner +Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken +glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah +ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein +Wild in den Bogen. + +Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch +ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd. + +„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst. + +„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der +Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige +alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. Welch ein Stürmer! +Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere +solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber +ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der +Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen +Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die +Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube, +eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder +Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf +Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an +Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden +es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott +verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es +nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer +Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der +Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben. +O diese Sprache, die er redete!“ + +„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin. +„Graf Tendilla, Talavera --“ + +„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist +gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann +leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich +einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen +unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen +Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die +Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder +scharf übe.“ + +„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König +unentschlossen. + +Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die +Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie +beschworen.“ + +Die Königin erschrak. „Ihr wollt --?“ + +„Seine verliebte Seele zittert in Unruhe, bald wird auch sein Gedanke +über Gott und Glauben wankend werden. Liebe ist nachsichtig und +verurteilt nicht leicht, und die Moriska ist sicherlich befangen +im alten Glauben. Auch der Graf kann da in gewissen Dingen leicht +entgleisen, weil er liebt. Gelingt es, ihn in einem solchen Augenblick +zu packen, dann hat die Inquisition freie Hand.“ + +Der König strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ximenes -- das ist +nicht weise Vorsicht -- das ist ein Spiel mit einem -- Menschenleben.“ + +„Es ist die Eingebung einer höhern Macht, die da noch hilft, wo Könige +verzagen,“ sagte Ximenes gelassen. + +Die Königin zitterte in Mitleid. „Ich fürchte, wir verarmen an Talenten +und an Herzen, wenn wir so edle Regungen unterdrücken.“ + +„Das überlasse Eure Hoheit der Kirche. Zudem -- der Hof braucht Geld -- +der Graf ist reich -- Ihr versteht.“ + +Die Könige erbleichten. Aber sie schwiegen vor der entsetzlichen Kraft +dieser Rechtsbegründung aus Priestermund. Endlich fand Isabella das +erlösende Wort. „Nur weil ich der Kirche Hoheit erkenne, sag’ ich ja. +Aber wie wollt Ihr in die geheimsten Kammern des Herzens dringen?“ + +Der Erzbischof lächelte überlegen. „Darüber mag sich der Dominikaner +den Kopf zerbrechen. Gelingt es ihm, die Könige vor Gefahr zu bewahren, +dann schreibt seinen Namen auf die Tafel der Verdienste. Der Graf +darf nicht länger so denken, sonst mästet Ihr Euch einen zweiten +Cid heran, der seinem König wieder gefährlich werden kann. Alle +Ricoshombres, die unzufriednen andalusischen Granden, werden ihm folgen +und Kastilien und Aragonien bedrohen, ja, er könnte, ein zweiter Graf +Julian, die Mauren aus der Berberei zu Hilfe rufen und die schwer +erkämpfte Einheit Spaniens furchtbar zertrümmern. Schon mehren sich +die Zeichen, daß der Adel nicht übel Lust hat, den starken Händen der +Regenten zu entgleiten. Der kastilische Hidalgo haßt mich, und der +Herd des Hasses ist nicht nur in Toledo zu suchen. Auch hier braut +man die Unzufriedenheit zusammen, am Pestherd des Prophetenglaubens. +Bald werden auch die alten Christen schwankend, wenn sie den Adel mit +solchen Köpfen an der Spitze in offener Empörung gegen die heiligen +Gesetze sehen. Habt ein Augenmerk auf den Herzog von Osuna, auf den +Grafen von Orgaz, auf Priego de Cordoba, ja selbst auf Medina-Sidonia.“ + +Die Könige sahen einander erblassend an. „Mit welchen Bildern schreckt +Ihr unsern Geist?“ bebte Isabella. + +Fernando stampfte mit dem Fuß. „So weit können sie es treiben wollen?“ + +„Ist es erst so weit, hat es dieser Graf bewiesen, daß er’s kann. Wir +müssen schneller sein. Eure Ungnade wird ihn vorsichtig machen. Gebt +mir freie Hand.“ + +„Macht ihn unschädlich,“ rief die Königin bedrängt aus. „Aber -- schont +ihn, im Grunde ist es nur ein irregeführter Mensch, ein Unglücklicher, +den Gesetzen der menschlichen Natur unterworfen.“ + +„Ob Härte oder Schonung -- überlaßt das dem barmherzigen Sinn der +Inquisition, die für die Reinigung der ketzerischen Seele sorgt. Sie +wird den durch die Sünde Abgefallenen wieder mit der Kirche versöhnen.“ +Er verneigte sich und empfing den Handkuß der Könige. + +In der prallen Sonne des Löwenhofes blickte er suchend um sich. Der +Dominikaner glitt aus dem Schatten eines von Säulen getragnen Pavillons +und schlich demütig gebückt zu ihm hin. Der erste Faden für das Netz, +das den Unseligen umgarnen sollte, wurde in die Seele Leons gesponnen. + + + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel + + +Granada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und +stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das +Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die Taufe war nicht +unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man +Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von +Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff +man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen +Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke +nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die +das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten, +andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die +sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer +Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre +Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen +des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt +hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen +Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das +Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla +abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito +am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von +Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen +davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser, +einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das +Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde +gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte. +Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit +hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften +entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom +Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt +mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken. +So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche +‚versöhnt‘. + +Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte, +litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die Empörung gegen die +furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern +stempelte. + +Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie +einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und +woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die +cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser +und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der +Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller +Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit +welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt +wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge +vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen +und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich +verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück. +Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die +Christen verschonte das Gericht nicht. -- + +Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war +wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse +Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in +derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen. +Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran +weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“ + +„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor. + +„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“ + +„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer. + +„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“ + +„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla +unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest +auszuräuchern.“ + +„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir +nie.“ + +Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach +dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten, +der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des +Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe +des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in +höchster Andacht zum Himmel. + +Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen +benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner. +„Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“ + +Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet, +verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle +Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe +willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich +hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des +Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest +verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn +für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners +Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses. +Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche -- haben sie kein +Herz im Leibe?“ + +Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen +nicht.“ + +„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf +einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß +ist, wird alles richten. Insch’allah!“ + +Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada +verlassen. Und du gehst morgen fort -- wir werden ganz ohne Beschützer +sein.“ + +„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht -- ich bin bald zurück.“ + +Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare +Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den Hirnen dieser +Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben +straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr +Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal +des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das +größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm +her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib. +„Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der +Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund +geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch +ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in +ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um +der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber +und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße +Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann +dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott +ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen +Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen +Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den +Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar. +Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden +die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut +fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien +ein Flammenbusch zu sein. + +Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde +haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir +da. Lebt wohl -- ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses +letzte getan, soll vieles anders werden.“ + +Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich +will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden +Wangen zu Boden. + +Unendliches Glück erhellte das Auge des Grafen. Mit zärtlicher +Liebkosung begleitete sie den Geliebten die Treppe hinab. Dann +kehrte sie zu Abu Atir zurück. „Rüste dich, Väterchen, zum letzten +Schritt,“ flüsterte sie ihm hastig zu. „Ich habe alles vorbereitet.“ +Ihr Auge bekam einen schillernden Glanz. „Wenn morgen die Truppen nach +Guejar ziehen, ist die Stadt von Soldaten entblößt. Die Wali Beni +Mossad werden mit fünf Pferden in der morgigen Nacht beim Mühlentor +halten. Die Wache bei deinem Zimmer wird durch drei andalusische +Maultiertreiber überwältigt, die sich noch bei Tag in die Alhambra +einschleichen. Spanischer Mantel und andalusische Mütze sind für dich +bereit, man wird dich für einen Gelehrten halten. In Begleitung der +drei Arrieros gelangst du bis zum Mühlentor, wo die Pferde warten. Von +dort reitet ihr über Padul nach Salobreña ans Meer. Ein Schiff trägt +dich nach Maghreb zu meinem Vater.“ + +Der Greis hatte starr-staunend gehorcht. „O Gott -- wenn ein Schatten +des Argwohns auf dich --“ + +„Ich weiß von nichts und schlafe ruhig in der Alcazaba.“ + +„Und du kommst nach? Nach Salobreña?“ + +„Nein. Mein Geschick ist mit dem meines Feta verknüpft. Ich will ihn +beschwören, mit mir nach den Kanarischen Inseln zu fliehen, oder es +blüht in Frankreich für uns eine neue Heimat. Nur fort von hier! Der +Boden brennt mir unter den Füßen. Nimmer will ich des Grafen Herz +täuschen, unsere gemeinsame Kette bricht nur der Tod.“ + +„Oh, Engel mit dem Schwert des Geistes und der Liebe! So weih’ ich +dich für dein Liebeswerk, das du mir und jenem tust. Mögen dich Gottes +Seraphim behüten. Hör’ mich an: Geheimnisvoll naht sich morgen gerade +die Nacht Kadir, in der der ungeschaffene Koran aus dem siebenten +Himmel in den Himmel des Mondes gebracht wurde, um vom Engel Gabriel +behütet zu werden. Diese Nacht ist immer von großen Geschehnissen +erfüllt, darum glaube ich an ein gutes Gelingen. Ich will dir ein +Geheimnis anvertrauen, das mir dein Vater nur in höchster Not +preiszugeben befahl. Die Not ist da und du bist sein Kind. Im Turm +der sieben Stockwerke in der Alhambra unter dem Getäfel einer Nische +im obersten Zimmer, wo der Türmer haust, hatte Boabdil eine Kerze +verwahrt, die so hergerichtet ist, daß deren Wachs, am untern Ende +angezündet und auf das Pergament getropft, das sich in meinen Händen +befindet, eine Schrift auftauchen läßt, welche besagt, wo der letzte +granadinische Schatz des Königs in Granada verborgen ist. Von diesem +darf ich für dich nehmen, soviel ich will. Hier hast du das Pergament.“ +Er schnitt in einer verborgenen Rockfalte eine Naht auf und zog ein +zusammengefaltetes Pergament heraus. + +Mit höchstem Staunen griff Reija nach dem Blatt. „Ich will’s benützen, +wenn die Not am höchsten.“ Sie steckte es zu sich. „Tausend Dank, +Väterchen!“ + +„Gib alles, was du an Geld hast, dem Wali Sareb in Verwahrung. Er +ist ein treuer Prophetenknecht. Für mich genügt das nackte Leben. In +Salobreña warten Gelder auf mich. Du mußt gehen?“ + +„Die Arrieros sind für die dritte Stunde heute bestellt. Sie bekommen +Ausrüstung und Waffen. Dein getreuer Malik Ben Hossaim hilft mir bei +allem. Er ist schlau, verwegen und vorsichtig. Leb’ wohl, Väterchen!“ +Sie warf sich die schwarze Mantilla um, zog den Schleier vor und +huschte aus dem Turm. Unten wartete Saffana. + +Der Frühling begann seine Wunder leise zu entfalten. Mild fächelte die +Luft, rosenrote Mandelblüten dufteten von den Hängen, die Blütenstände +der Aloestauden prangten wie Tempelleuchter, der Maulbeerbaum und die +Granate gingen auf, auf den Hügeln schimmerte der Wein dem großen +Blühen entgegen. In der Calle de Gomeres warteten die Maultiere. +Durch die engen Gassen der Antequeruela drückten sich verängstigte +Moriskengestalten an ihr vorbei, alle Gesichter erregt und bleich unter +dem Eindruck des Autillos. Der übliche Gassenlärm war verstummt. Züge +von Mönchen und Nonnen, alle unheimlich verhüllt wie Boten des Todes, +schlängelten sich zur Alhambra hinauf, lebendige dunkle Girlanden im +frühlingsjungen Grün des Berges. Von Zeit zu Zeit tönte durch die +Gassen ein weher Ruf, man wußte nicht woher, irgendeine Brust stöhnte +wohl ihr Leid in die glühende Sonne. Reija ritt gesenkten Hauptes, von +den Wogen ihrer Gedanken bedrängt, durch die geängstigte Stadt, die +in wenigen Stunden ihre andalusisch-maurische Fröhlichkeit eingebüßt +hatte, gebrochen durch die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts. + +„Höre, Saffana! Du läufst heute abend in der Alcazaba herum, soviel du +willst. Nur in meinem Zimmer laß dich nicht sehen. Rüste mir das Bad +und fülle alle Räuchervasen.“ + +„Werda, Werda, du willst dich schmücken, als ginge es zum Liebesfest.“ + +„Rosen vergiß mir nicht und flatternde Seidenbänder. Morgen zieht +mein Bräutigam in den Kampf. Aber die Monfis sind aus Helden +zusammengesetzt, sie werden aus den Christenleibern den Staub der +Verwesung machen.“ Ihr Auge, schwarz wie ein Nachthimmel, glühte für +den Ruhm der alten Glaubensbrüder. „Was hältst du von den Christen und +ihrer Kirche?“ + +Saffana schüttelte den Kopf. „Ich kann’s nicht begreifen, was diese +Fakis tun. Sie zwingen uns, ihre goldenen Bilder anzubeten, sie rufen +uns mit Glocken zum Gebet, ihre Predigten hallen von Verboten und +Sünden. Und was soll der Wein in ihrem Kelche? Die Fakis deuten es mit +Blut. Ich kann’s nicht glauben. Aber es gibt so schöne Ritter unter +den Spaniern --“ ihr Auge belebte sich rasch -- „man möchte so gern in +ihren Armen liegen und ihren Götzendienst vergessen.“ + +Reija hörte nicht mehr auf ihr leichtes Geschwätz. Ihre Gedanken +verfingen sich im Netz der eigenen Liebe. Und in ihrem Geiste loderte +der ersehnte Abend in Flammen des Prophetenparadieses. + + + + +Achtundzwanzigstes Kapitel + + +Pater Leon trat mit gesättigtem Herzen in die kühle Dämmerung der +Mosala. Das Autillo war ein offenkundiger Sieg, eine Machtentfaltung +des Nazarenerglaubens. Der Vikar fertigte die ihn begleitenden Mönche +ab und ordnete dann sogleich die Inquisitionsakten in den Schrank +ein. Dann öffnete er ein Aktenbündel und holte ein schneeweißes, +leeres Papier heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, ergriff er das +Schreibrohr und setzte ein paar Worte hin, die den leeren Bogen mit +einem schrecklichen Inhalt zu füllen begannen: + +„Anklage gegen den königlichen Hauptmann Don Pedro de Solar Grafen de +Mora, der beschuldigt wird --“ + +Hier endigte der Gedankengang des Inquisitors. Die Schuld zu ersinnen +und zu formulieren, blieb ihm die Nacht. Die gräßlichen Gedanken +entflatterten ihm und er ließ erquickendere in sein Hirn. Vor seinem +brennenden Auge wiegte Maria de Calabreña ihren schönen Leib. Wie +weit stand sie mit -- oh, ihm schauderte. War dieser Leib schon ein +fruchttragender Acker geworden? + +Draußen tappten Schritte. Der Dominikaner öffnete. „Ah, endlich! Ich +habe Euch längst erwartet, Don Silvio.“ + +Der Mönch führte einen etwas verwachsenen Mann herein, der schon in +seinem Äußern zu jenen Menschen zu gehören schien, die zuerst essen, +bevor sie beten. Ein olivenfarbiges, verschrammtes Spitzbubengesicht, +dessen graue Augen hinter den Lidspalten versteckt lagen, struppiges, +aschgraues Haar, die Nase klumpig, die Lippen wulstig und bläulich, die +Haltung vernachlässigt, alle Gebärden vorsichtig, als müßte der Mann +unausgesetzt vor irgendeiner Entdeckung auf der Hut sein -- fürwahr, es +stand kein Engelsgebilde vor dem Dominikaner. + +„Du kommst von Cordoba?“ fragte dieser. + +Don Silvio bejahte mit einer rostig klingenden Stimme. „Der hochwürdige +Pater Lucero, Inquisitor von Cordoba, schickt mich.“ + +„Ich bat ihn um eine geschickte Hand, die in gewissen Dingen nicht in +Verlegenheit kommt.“ + +Der Scherge lächelte eitel. „Auch Jonas verbarg sich vor dem Herrn und +dieser fand ihn doch.“ + +„Du greifst hoch in die Wolken.“ + +Don Silvio sah sich vorsichtig um. Die Nähe des Altars und der +Meßgeräte verwirrte ihn ein wenig. „Darf ich zuerst beten?“ heuchelte +er schamlos. + +„Tu was du mußt.“ + +Der Mann kniete schwerfällig beim Altar nieder und schien mit Andacht +zu beten. Dann erhob er sich und trat mit dem gleichgültigsten Gesicht +an den Tisch. „Was also soll getan werden?“ + +„Wo wohnst du jetzt hier?“ erkundigte sich der Vikar. + +„In einer Venta am Elvirator gleich in der Nähe des +Inquisitionspalastes. Es weiß kein Mensch, woher ich komme, und in +Cordoba lebe ich versteckt wie eine Kröte bei Tag.“ + +„Hast du das Dekret des Familiare der Inquisition?“ + +Don Silvio zog den zerknitterten Schein heraus. Der Vikar prüfte ihn. +Das Dokument sagte das Ungeheuerliche aus, daß dieser verkommene +Schlaufuchs in der Bruderschaft der Familiares aufgenommen worden sei +und daß er geschworen habe, sein Leben dem heiligen Offizium zu weihen +und dafür alle Ablässe der Cruce signati empfangen habe und im Besitz +des heiligen Kreuzes sei. Einen solchen Bruder brauchte der Inquisitor. +Jede spanische Stadt wimmelte von dergleichen Gesellen, die von der +Gnade des Tribunals lebten und ihre eigene Zunft hatten. „Weißt du +deine Aussagen geschickt zu setzen?“ fragte Leon. + +„So daß sie den Schein der Wahrheit haben. Ich streue etwas Angst ein, +taste mit den Worten unsicher herum, suche um Himmels willen einen +Ausweg, der mir nicht gelingt, um Jesu Barmherzigkeit willen muß ich +einfach sagen, was ich gehört, gesehen, ob ich will oder nicht. Und +zitternd schreibe ich meinen Namen unter die Zeugenschrift. Ehrwürdiger +Pater, ich habe an die hundert Christen vor das Tribunal gezerrt, und +wenn die Summe sich rundet, kaufe ich mir ein Häuschen in Andalusien, +da wo es am schönsten ist.“ + +„Hast du -- Schriftliches bei dir von Lucero?“ + +„Nur meinen Mund. Der plappert wie eine Litanei oder schweigt wie ein +Sarg. Je nach Bedarf. Der sehr ehrwürdige Pater Lucero wird sich +hüten, mir etwas Schriftliches zu geben. Unsereins kommt in der Venta +leicht in Händel und da ist jede Schrift in Gefahr, wenn die Messer +fliegen. Zur Sache denn, um welchen Fall handelt es sich? Oder ist +einer ganz neu aufzubauen? Da müßte man vorsichtig sein.“ + +„Die Sache liegt eigentlich so offen, daß man nur eines kleinen +Beweises bedarf, um die Anklage zu erheben. Ist es geschehen, hast du +der Kirche, Spanien, der Königin, dem König, und dem Erzbischof Ximenes +einen großen Dienst erwiesen.“ + +Der Handlanger des Bösen machte gewichtige Augen. „Bei Santiago! Ein +ehrenvolles Amt, das manchem Bettler in der Seele kitzeln müßte. Fast +möchte ich mir den Zehnten von ganz Spanien dafür ausbedingen.“ + +„Dein Häuschen in Andalusien dürfte dir sicher sein. Die einzuziehenden +Güter der betreffenden Person sind umfangreich, ein Fünftel davon +fällt dem königlichen Schatz zu, der Rest der Kirche und dem Staat. +Von diesem Teil würde ich dir den Zehnten beim Supremo der Inquisition +auswirken.“ + +„Bietet Ihr mir Sicherheit?“ + +„Du sollst Dezas Unterschrift haben.“ + +„Darauf kann ich bei allen Juden Europas Schulden machen. Und wie heißt +der große Name, der so viele Gebäude in ihren Festen erschüttert?“ + +„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ + +„Der zählt!“ Don Silvio spitzte die Lippen zu einem Pfiff. „Was hat er +getan? Oder besser, was für Verbrechen will man von ihm?“ + +„Er hält mehr als notwendig den Mauren die Stange.“ + +„Dann also muß man ihn maurisch fassen. Man will ihn, verstehe ich +recht, verdächtigen, daß er Spanien oder die Kirche -- was ja fast +dasselbe ist -- verunglimpft.“ + +„Schärfe dein Hirn,“ drängte Leon ungeduldig. + +Der Vertraute biß die Zähne zusammen. Und mit seinen grauen Äuglein +schaute er tief nach innen, als wollte er die Rüstkammer seiner +Schurkerei durchstöbern. Sein spärliches Haar stand im Wirbel +aufrecht, wie von Galgenluft zerzaust. „Laßt sehen! -- Geheime +Versammlungen? Verbraucht! Man will doch sonst niemand von den Granden +unschädlich machen?“ + +„Das wäre noch zu überlegen.“ + +„Eine gewöhnliche Lässigkeit nachzuweisen, wäre ein Kinderspiel, aber +das paßt nicht für den großen Namen. Der Graf ist wohl, was man so +sagt, gläubig?“ + +„Er denkt tolerant.“ + +„Hallo! Da sitzt ein Loch, durch das er durchfliegen kann, oder der +Topf hat einen neuen Henkel gefunden. Wenn man ihm die Liebe zum Koran +ins Blut schießen lassen würde? Könnte man ihn nicht in eine Maurin +verliebt machen?“ + +Die Mönchsaugen leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln „Das hat er +schon in aller Wahrhaftigkeit selbst besorgt.“ Und er speiste ihn mit +Einzelheiten ab. + +„Da brauchen wir für den Stier erst kein rotes Tuch. Maurin, Koran, +die Heftigkeit des Ritters, die Toleranz -- laßt mich sinnen -- ein +gefälschter Brief -- ein zu gefährliches Mittel -- aber der Graf +besitzt sicher einen Diener -- und der könnte mir es anvertraut haben +-- ich meine, daß dieses und jenes Wort gefallen --“ + +„Du ziehst einen armen Teufel mit ins Unheil,“ erschrak der Dominikaner. + +„Wie lautet das Sprüchlein des ehrwürdigen Torquemada? Es ist +besser, daß tausend Unschuldige sterben, als daß ein einziger Ketzer +davonkommt. Man sagt, die Kirche vergißt solche erprobte Sprüchlein +nicht gern.“ + +„Deine Sünden werden Teufel erzittern machen,“ erschauerte Leon. „Geh, +geh -- ich will ohne dich auszukommen suchen.“ + +„Das hättet Ihr früher bedenken müssen. Ich weiß schon allzu viel.“ +Seine buschigen Augenbrauen zogen sich hoch, während er seinen +struppigen Bart strich. + +„Es ist nie zu spät, Gedanken zu bereuen.“ + +„Ob man dieser Reue Glauben schenken wird? Vergeßt nicht, ehrwürdiger +Pater, ich habe gut ein Drittel der cordobanischen Prozesse auf meinem +Gewissen.“ + +„Um so sicherer bist du in unserer Gewalt.“ + +„Oder Ihr in der meinen. Wenn ich plaudere --“ + +„Glaubt man dir nicht oder macht dich rechtzeitig mundtot. Die Aussagen +der Inquisitoren dürfen nicht angezweifelt werden, sie werden sich um +ihre Haut zu wehren wissen.“ + +Mißvergnügt drehte sich der Schurke nach der Tür. + +Leon rief ihn zurück. „Du sollst nicht unversöhnt von dannen gehen. +Es bleibt dabei. Mach’ dich an den Diener heran. Wir wollen dann den +Vertrag schließen. Und noch eins. Wenn du schwören solltest, du habest +gehört, daß eine gewisse Moriska dabei ertappt wurde, wie sie betend +auf dem Mekkateppich lag, oder daß sie nächtlich den Zambra tanze, sich +täglich wasche und das Schweinefleisch verachte -- du würdest dich doch +nicht lange besinnen?“ + +Don Silvio rümpfte geringschätzig die Nase. „Für solche Kleinigkeiten +hat mein Gewissen noch Platz. Ich kann auch beschwören, daß ich das +Weib auf einem Aquelarre, einem Hexensabbat, in San Esteban gesehen.“ + +„Man wird sich deiner erinnern. Geh.“ + +Mit einer verzogenen Fratze, die Lippen häßlich zusammengekniffen, +die Schultern hochgezogen, schlich der Scherge hinaus. Er war das +Feilschen in Cordoba gewohnt. Sollte er hier andre Methoden lernen? +Eine Schurkerei, so tief in der heiligen Gerechtigkeit verwurzelt, +konnte nicht leicht ausgerissen werden oder der ganze Baum stürzte um. +Aber was half es ihm, wenn durch seine Verräterei die Inquisition einen +Stoß bekam? Wer würde ihn belohnen? Über die Erlösung würde man den +Erlöser vergessen. Er lebte von der Inquisition, nicht sie von ihm. +Es waren hundert andere Auswürflinge da, sein Amt zu übernehmen, und +er konnte sich die Nägel ausreißen vor Galle, daß er der Klügere sein +wollte. Nein, nein, der Pater hatte recht, man mußte Hand in Hand mit +den Dienern des heiligen Offiziums gehen, um nicht nackt wie Hiob auf +dem Mist zu sitzen. Das waren so seine grauen Gedanken, als er durch +das Tor der Gerechtigkeit in der Alhambra schritt. + +Pater Leon hatte sich in Instruktionen vertieft. Sein Gemüt war +ebensowenig erheitert wie das des davongegangenen Besuchers. War +er nicht mit der Belastung eines wildfremden Gewissens zu voreilig +gewesen? Aber noch war kein Abschluß des Handels da. Unterdessen mußte +ihm der Teufel, den er für Gott hielt, irgendwie zu Hilfe kommen. + +Die Zeit schlich. Bald mußte Maria de Calabreña da sein. Er hatte ihr +in der letzten Beichte unter anderm auch die Buße aufgegeben, von nun +an nach alter Büßerweise barfüßig vor dem Altar zu erscheinen, um so +die Demut vor Gott besser zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. Er berief +sich auf Moses, der, als er vor Gott im feurigen Busch kniete, auch die +Schuhe auszog, da er heilig Land betrat. Das Gebot erinnerte Doña Maria +an die mohammedanische Fußwaschung vor dem Gebet und sie fand nichts +Absonderliches darin. Heute also mußte sie bloßen Fußes -- + +Leon lief es über den Rücken. Er nahm ein Inquisitionsheft zur +Hand, seine Gedanken abzulenken. Da lag ein Zeugenverhör vor ihm, +musterhaft und geschickt in der Fragestellung, hingeworfen von +einem der Consultores in Cordoba. Es waren Schachzüge mönchischer +Spitzfindigkeit, die hier in vielgestaltiger Form mit Menschenleben +spielten. Leon hatte sich kaum in das Labyrinth der Fragestellungen +hineingetastet, als er den geliebten Schritt draußen hörte. Die +Wachsoldaten ließen wie immer die schöne Moriska eintreten. + +Der Dominikaner begleitete sie nach freundlichem Gruß zum Altar. +Gehorsam zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und kniete an den Stufen +nieder. Der Dominikaner stand hinter ihr, als wollte er ihre Andacht +in seinen Segen nehmen. Seine Augen aber verschlangen das nackte, +bräunliche Fleisch ihrer gemeißelten Sohle und das bläuliche Geäder der +zarten Fessel. Jede Zehe liebkoste er und er hätte stundenlang ihre +liebliche Blöße bestaunen können, ohne in seiner Begehrlichkeit zu +ermüden. Als sie sich erhob und die Schuhe anzog, beobachtete er jede +Linie ihres Körpers, jede Rundung, jeden gefälligen Schwung. Maria fing +einen dieser prüfenden Blicke auf und errötete. Etwas verzagt setzte +sie sich an das mit Erbauungsschriften belegte Tischchen. Leon ging auf +und ab, und seine sonst so strenge, herablassende Miene, vollgesogen +vom Dünkel der Kirchlichkeit, verwandelte sich in eine Freundlichkeit, +die das Mädchen befremdete. Der Vikar segelte in das Fahrwasser der +Kirche und der Dogmen, erklärte die Zeremonien der Sakramente, um dann +auf einmal die Belehrung abzubrechen und unvermittelt an das Herz der +Jungfrau heranzurücken. „Der Graf -- nur unter uns, Doña Maria -- er +liebt Euch mit derselben Herzlichkeit wie Ihr ihn?“ fragte er wie in +tiefer Anteilnahme. + +„Er würde mir zuliebe alles tun,“ sagte sie glücklich. + +„Das ist ein schweres Wort.“ Des Paters Lippen schmeckten ins Leere. +„Gesetzt nun, Ihr wärt im Irrglauben beharrt, meint Ihr, der Graf hätte +sich bewegen lassen, den Christenglauben abzuwerfen?“ + +Sie erschrak. Daran hatte sie eigentlich nie gedacht. Ob wirklich seine +Liebe so groß gewesen wäre? „Ich glaube, er hätte sich wenigstens nach +und nach mit Mohammeds Gesetzen, mit Koran und Sunna befreundet,“ sagte +sie ausweichend. + +„Hat er Euch je Beweise zu einer solchen Annahme gegeben?“ + +„Nein, aber er hätte gewiß erkannt, daß auch Mohammed ein großer Mensch +war.“ + +„Groß kann ein Mensch nicht sein, der so irrt. Aber Ihr schweift +ab. Ich meine, hat der Graf Euch Beweise eines so duldsamen Denkens +gegeben? Er liebte wohl Eure alte Religion?“ + +„Lieben? Dann hätte er sie doch angenommen und die seine weggeworfen.“ + +„Liebende rasen oft über Sünde und Unheil hinweg ins Verderben.“ + +„Wäre es wirklich ein Verderben für ihn gewesen?“ erschrak sie heftig. + +„Ich würde kein größeres kennen. Aber sagt, spricht der Graf oft und +viel von der heiligen katholischen Religion?“ + +„Freilich -- er liebt sie doch -- nur --,“ sie stockte. + +„Nur?“ griff der Priester überhastig in ihre Verlegenheit. + +„Ach, nichts.“ + +„Nein, Ihr wolltet eine Ausnahme einschalten.“ + +„Ich wollte nur sagen -- aber bitte, bitte, blickt nicht finster --, +ich meine, auch er ist nicht blind gegenüber den Übertreibungen --“ + +„Auch er? Also sind auch andere da, die --?“ + +„Ach, ich meinte nur -- man spricht doch das und jenes --, so lächelte +er oft, wenn er die Leute, die Frauen stundenlang vor den Altären +liegen sah --“ + +„Da lächelte er?“ fragte der Mönch gespannt. „Und sagte wohl: ‚Ach, wie +arm sind diese Frauen?‘ Das sagte er, nicht wahr, Doña Maria?“ + +„Nicht doch, er sagte es nicht. Aber ich sah es ihm an, wie ihn das +Mitleid mit ihnen überlief, wenn sie so vor den Bildern lagen --“ + +„Er sagte wohl: ‚Das sollte nicht sein.‘“ + +„Gesagt hat er das nicht.“ + +„Vielleicht doch einmal? denkt nach.“ Des Priesters Augen stachen in +ihre Seele. + +„Ich erinnere mich nicht.“ + +„Aber es könnte sein, daß er es einmal gesagt hat?“ + +„Vielleicht. Aber ich weiß nichts davon. Er freute sich nur immer, wenn +ich ihm sagte, daß ich früher auf dem Gebetsteppich lag und auch ohne +ein Bild meinen Weg zu Gott fand. Er nannte dies schön und recht bei +den Moslims.“ + +„Das heißt also, daß der katholische Brauch nicht schön und recht sei?“ + +„O Gott, das hat er nicht gesagt.“ + +„Doch folgt es leicht daraus. Er fand demnach in manchem Eure alte +Religion viel schöner und richtiger als die unsere?“ + +„Nicht das, aber es waren doch schöne Stunden, wenn wir den Koran +lasen, die Verheißung vom Paradies --“ + +„Er las den Koran mit Euch?“ + +„Freilich, das mußte er doch, um zu wissen, wie wir es früher hielten.“ + +„Und da meinte er wohl auch, daß dieses Paradies schön und +erstrebenswert sei?“ + +Sie nickte unverfänglich. „Ei, wem sollte wohl der heilige Gotteshain +mit den vielen Huris nicht gefallen und mit den Quellen der Liebe?“ + +„Auch ihm gefiel das also?“ Er umspann mit den leicht hingeworfnen +Fragen ihr ganzes Denken wie mit einem Netz. + +„Ich sagte schon, wem sollte es nicht gefallen?“ + +„Und sprach er nicht von der Dreieinigkeit manchmal zweifelnd?“ + +„Das wüßte ich nicht zu sagen, Pater. Aber wozu das alles?“ + +„Ich nehme eben an allem teil, was Eure Seele bewegt. Der Graf hat also +wohl selten von der Dreieinigkeit gesprochen?“ + +„Fast nie. Das heißt, ja, jetzt erinnere ich mich, einmal -- richtig, +da sagte er, er könnte mir nichts Bestimmtes darüber sagen, denn er +wisse nichts davon.“ + +„Er wisse nichts von der Dreieinigkeit? Sagte er so?“ + +„So ungefähr.“ + +„Merkt doch genau meine Frage: Er sagte, er wisse nichts von der +Dreieinigkeit?“ + +„Ach, das hat er nicht gesagt.“ + +„Aber so ungefähr. Vielleicht sagte er so: ‚Ich weiß nichts von der +heiligen Dreieinigkeit.‘“ + +„Vielleicht, aber ich weiß es nicht genau.“ + +„Also -- er weiß nichts von der heiligen Dreieinigkeit. Merkt das gut.“ + +Maria sah ihn groß an. „Das ist doch harmlos wie ein verwehtes Blatt.“ + +Des Paters Schreibrohr warf ein paar Worte auf das leere Blatt. „Und +Jesus? Wie sprach er über Jesum?“ + +„Er nannte ihn einen großen Menschen.“ + +„Aber nicht einen Sohn Gottes?“ + +„Ich kann mich dessen nicht entsinnen.“ + +„Er hat ihn also nicht einen Sohn Gottes genannt?“ + +„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur nicht, daß er ihn so genannt hätte.“ + +„Dann wird er wohl der Meinung sein, daß Jesus nicht der Sohn Gottes +sei.“ + +„Das hat er nie und nimmer gesagt.“ + +„Vielleicht doch, und Ihr könnt Euch nur nicht darauf besinnen.“ + +Sie zuckte die Achseln. + +„Er wird also wohl so gesagt haben: ‚Jesus ist ein großer Mensch und +ein Prophet.‘“ + +„Vielleicht,“ sagte sie, glücklich über den vom Pater selbst gefundenen +Ausweg. Sie ahnte nicht, wie sie nach seinem Herzen plauderte. + +„Also sagte er: ‚Jesus ist ein Prophet.‘“ + +„So sagen es die Mohammedaner, und vielleicht freute sich der Graf +darüber -- ich weiß es wirklich nicht.“ + +„Also der Graf freute sich darüber, daß die Mohammedaner sagen, Jesus +sei ein großer Prophet.“ + +„Der Sohn Gottes muß doch auch zugleich ein großer Prophet sein.“ + +„Der Graf wollte also von der Dreieinigkeit nichts wissen --“ + +„Das habe ich doch nicht gesagt,“ fuhr sie erschreckt auf. + +„Wer wenig oder nicht davon spricht, will wohl davon nichts wissen. +Wohl aber freute sich der Graf darüber, daß die Moslims Jesum für einen +großen Propheten halten.“ + +„Das sollte ich gesagt haben? Oh, ich bin so ungeschickt im +Spanischen --“ + +„Ihr habt sehr geschickt die Wahrheit gesagt. Nun liegt des Grafen +inneres Bild klar vor mir.“ + +Sie faßte das in ihrem Sinne auf und fügte glücklich strahlend dazu: +„Oh, läge es so in Euch, wie es in mir liegt. Der Graf ist ja so +nachsichtig und mild, und läge es an ihm, er würde keinem Mauren ein +Leid antun.“ + +„Er ist so nachsichtig? Könnte keinem Mauren --?“ Die Worte flogen aufs +Papier. + +„Warum nehmt Ihr das alles so groß?“ + +„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in +seiner ganzen Nachsichtigkeit -- ja, über die Hostie sprach er nicht +mit Euch?“ + +„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding --“ + +„Sagte er: unscheinbares Ding?“ + +„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“ + +„Er bezweifelte es wohl?“ + +„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn --“ + +„Also er nannte die Hostie unscheinbar -- ja, ja, machte ein +merkwürdiges Gesicht dazu -- schüttelte wohl gar den Kopf --“ + +„O nicht doch -- wie sollte er?“ -- Sie lächelte. + +„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal --“ + +„Ja, einmal -- da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines +Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“ + +„Ganz recht -- da schüttelte er den Kopf -- das unscheinbare Ding -- +ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal +darüber weiterreden.“ + +Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter +schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend. + +„Ja.“ + +Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten +nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es +nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie +schon irgendeine Ausflucht suchen. + +„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir +heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“ + +Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und Kerzengeruch +woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In +die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe! +Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den +rosigen Abend hinein. + +Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser +ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil +getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber +es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben +der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten. +Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt +schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage +zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder +eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña. +Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des +zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner +Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt +das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren +auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria +durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher +Verzweiflungsschrei zerbrach. + +Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den +Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der +Tür. + +Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich +morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego, +die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles. +Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte +hinaus. + +Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen. +Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine +Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch +wußte, daß er damit der Kirche und dem König einen Dienst erwies. Der +Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so +weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte. +Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war +der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch +nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin +überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte +das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu +vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch +einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten +auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden +als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz +der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig +den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte +Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen. + +Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein +Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond +behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden. + + + + +Neunundzwanzigstes Kapitel + + +Leid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie +Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein. + +Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des +orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd +in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die +mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im +Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die +sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften, +ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise +aufgeschlagenen Vorhang, stand der kostbare Diwan des Königskindes, +ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie +persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte +der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des +grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und +her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz +vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla +blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt. +Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder -- es war das Zeichen, daß +sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen +in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige, +schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine +Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug +in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden +zu sein. + +Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der +buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze +Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern +und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die +feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten, +während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich. + +Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an +der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und +der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische +Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann +nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen +Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe +Schleier, wo keine sein sollen.“ + +Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den +Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“ + +„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, der +keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe +meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über +alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen +Namen führt.“ + +Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob +sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar -- wir +haben viel von dir gesprochen --“ + +Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die +Christenlehre?“ + +Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir +-- ich soll es nicht sagen -- und doch beengt es mir die Brust. Wir +sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich +manches deiner Worte auf.“ + +Der Graf blickte dunkel und nachdenklich vor sich hin. „Sonderbar.“ + +Sie hob ihm das Kinn empor. „Pedro, Pedro -- nun bist du traurig +geworden. Oh, wie lieb’ ich dich -- und doch weiß ich, du wirst mich +verfluchen --“ + +„Werda, Rose!“ schmeichelte er sich in ihr Spitzengewebe hinein. + +Reija dachte an die bevorstehende Flucht des Imams. Bald mußte es der +Graf erfahren -- und dann -- sie seufzte in sich hinein. + +Er nahm ihre Hand. Ihre Haut hatte den Samthauch der Purpurrosen, +leise, besänftigend strich er darüber hin. „Reija, wenn ich heimkehre, +soll alles, alles geordnet werden. Die Aufsage des Königsdienstes, die +Bewirtschaftung von Mora, die Reise nach den Kanarischen Inseln --“ + +Sie wollte aufjubeln -- aber im nächsten Augenblick lief schon wieder +der böse Schatten über ihre Stirn. „O meine Träume! Und wenn uns das +Brautbett zum Grab wird?“ + +„Du holde Angst! Was soll uns drohen? Der König sah mich gestern +freundlicher als sonst an, als er in den Marstall kam. Ungnade wird +sich in Gnade verwandeln, bringe ich ihm das Reis der Tapferkeit heim. +Und wenn alle mich verdammen, hier ist der Himmel, zu dem Engel mir +die Wege weisen.“ + +Ihre trauererfüllte Schönheit lag halb hingestreckt in den weichen +Kissen, halb von seinen Armen umfangen, und er schlürfte jeden Reiz an +ihr wie ein Geschenk Gottes ein. Dann sagte er, von einem plötzlichen +düstern Gedanken gepackt: „Und wenn ein Maurenpfeil den Weg zu meinem +Herzen findet --“ + +Jäh taumelte sie auf. „Du darfst nicht fallen. Mein Gebet ist dein +Schutzengel.“ + +„Und wenn die Wellen deines Gebets nicht bis zum Erbarmer schlagen?“ + +„Oh, ich kann so innig beten,“ versuchte sie sich aus der eigenen Angst +zu retten. + +Er lag wie festgeschmiedet an ihrem Herzen. „So halte ich dich -- +oh, sieh mir in die Augen -- es bleibt nur eines noch -- des Glückes +Erfüllung und Krönung --“ + +Es überlief sie, und ihre Wimpern zuckten wie im glühenden Traum. Die +Ahnung des Weibesdämmerns kam über sie. Und sie sagte langsam und +leise: „Dein Wille -- kröne -- unsere Liebe -- Gott wird die Stunde +segnen.“ + +„Und kehre ich nicht wieder, soll das Pfand dieser Liebe die Erinnerung +an den sein, den du liebst --“ + +Sie sprang mit glühenden Augen auf. „Komm, wir wollen die Nacht über +die Helle des Tages erheben. Freund der Freude und der Liebe, ich will +den Zambra tanzen.“ + +Ihr lockender Mund, von seinen Küssen schon völlig aufgeschlossen, +warf sich auf, als sehnte er sich dem zerstörenden Brand entgegen, er +glich dem Purpurkelch, den Mannesliebe füllen sollte. Sie warf neue +Duftkräuter in die Vasen und versperrte die Tür. Dann drängte sie den +Geliebten hinter den Vorhang einer kleinen Nische zurück. „Hier harre +-- und wenn ich rufe, öffne den Vorhang.“ Sie schlüpfte in die große +Diwannische und ließ den Scharlachvorhang herab. + +Don Pedro spürte die Flammen in seinen Fibern züngeln. Oh, was barg +dieses herrliche Gefäß Gottes! Dunkel und Licht in wunderbarem +Wechsel, eine brandende See und den Frieden einer Sternennacht. +Eines drängte sich ihm auf: der neue Glaube in ihr war nur ein +aufgepfropftes Reis, sie selbst blieb eine echte Agarena, eine Tochter +der islamitischen Offenbarung, und die Genien ihres Volkes trugen sie +leichtbeschwingt über alle Härten des Lebens hinweg. Warum schonte +man nicht ihre Blumenhaftigkeit, sondern schlug mit der harten +Bußgeißel einen schönen Gedanken Gottes entzwei? Warum stieß man +seine Schenkerhand zurück und entweihte seine Gabe? Nein, sie sollte +nie mehr in die gnadenlose Sphäre dieses Dominikaners treten, der +ihr Wesen spaltete. Welcher Glaube der bessere? Was kümmert es den +Liebenden! Fragt das Feuer, welches Holz das bessere ist, wenn es mit +Macht ins Haus fährt? Den Sturm, welcher Widerstand der schwächere, +das Meer, ob die Küste es aushält, an die es brandet? Oh, ich will ihr +auf der aufblühenden Insel maurische Gemächer bauen, nach denen ihr +Heimweh verlangen wird, und des Morgenlandes Kostbarkeiten sollen sie +schmücken. Sie ist schön wie die Lilie von Damaskus, wie die Rose von +Yemen -- + +In den Sturm seiner Schwärmerei wehte ein süß-klagender Ton wie aus der +Sternenhöhe -- ein paar Klänge auf den Saiten der Anafine -- dann das +Geräusch des Vorhangs -- und nun schlug Don Pedro den seinen auf. + +Inmitten des von Licht überfluteten Raumes stand die blühende Schönheit +in ihrer fast nackten Gliederpracht, die sich von der brennenden Röte +des Vorhangs in statuenhaften Umrissen abhob. Über dem rosigbraun +getönten Fleisch lag nur ein grünlicher dünner Flor, der die samtne +Haut durchschimmern ließ. In dem schwarzen Haar leuchteten Perlen und +Rosen, um die Stirn spannte sich ein goldner Reif, von blutroten Rosen +geschmückt, auch zwischen den blinkenden Zähnen flammte das Blumenrot +auf, es blutete am Gürtel, an der Brust und an den Schultern. So +schien sie selbst ein sich nach der Sonne verzehrender Rosenstrauch zu +sein. An den Hand- und Fußgelenken blinkten edelsteinbesetzte Spangen, +die bei jeder Bewegung rot und grün blitzten. Nun aber stand sie +reglos mit bloßen Füßen, den Blick gesenkt, die Beine zum ersehnten +Tanz gespannt wie schöne Säulen, auf ihrem Antlitz leichter Sinn und +geheimes Weh zu schöner Harmonie gepaart. + +Die Rose entfiel ihrer Lippe. Sie begann leise, wie klagend, zu +singen, als triebe ihr Liebesschmerz in namenlose Fernen hinaus. +Leicht deuteten ihre Arme und ihr Oberkörper diesen sehnsüchtigen Zug +an, wiegend und biegend, rhythmenlos, nur einer innern Eingebung des +Liebesgefühls folgend, schien plötzlich ihr ganzes Wesen zu singen, als +löste es sich in den Geheimnissen der Musik völlig auf. Arabische Worte +tönten, bald feierlich getragen, bald schnellend und spitz klingend wie +durch die Luft sausende Messer, und immer drängender wurde die Bewegung +des Leibes, sie hob sich aus der ursprünglichen Stellung heraus und +schwebte auf den Fußspitzen in eine Ecke, wo sie sich zusammenkauerte, +dann wieder den Knäuel ihres Körpers löste und wirbelflink in die Mitte +des Zimmers trieb. Von den Stacheln beginnender Wollust angefeuert, +schnellte sie ihren Leib nach vorn und rückwärts, der Schleier flog +in die Luft, umwirbelte aufs neue im kreisenden Spiel ihren Rumpf, +und nach einem blitzschnellen Taumel um die eigene Achse blieb +sie mit verzückten Blicken, die Arme weit von sich gestreckt, auf +straffgespannten Beinen stehen. Vor ihr auf dem Boden lag der Schleier. +Ihre Brust wogte im Sturm der Gefühle, der Lenden braune Pracht ging +im Atem mit, und der Schwung um die Hüfte war herrlicher anzusehen als +der Bogenschwung maurischer Hallen. Don Pedro erschauerte -- vor ihm +lagen dunkle Matten der Wollust -- Flammen wühlten in seinem Gebein +-- er umfing den sanft gebognen Pantherleib. Vor seinen Blicken liegt +das süße Lächeln, geboren aus dem Mysterium der Sinne, leuchten die +schwarzen Augen, nur halb mehr geschützt von den Edelwimpern, und im +Verlangen öffnet sich die Glut ihres Purpurmundes. Don Pedro streckt +ihren von dem Brand der Sinne schon halb versengten Leib in seiner +ganzen Schönheit in den knisternden Samt. + +Willig trägt sie ihm ihr Feuer entgegen. Ihre braunen Arme werden zu +sehnsüchtigen Klammern. Haare, Nacken, Augen, Lippen, Schultern, Brust +und Glieder erschließen ihm Geheimnisse von unerhörter Pracht, bis +Gedanken und Sein in ein unsagbar süßes Nichts zerfließen. + +Zitternd umfängt er sie im Weh des Abschieds noch einmal, bevor sie die +Schleier um ihre Schönheit legt. + +„Nun wirst du fern sein“ -- schluchzt sie schmerzvoll --, „der Mond +der Liebe erlischt -- aber gepriesen sei Gott, der auch das Ferne nah +macht.“ + +„Gepriesen sei er fürwahr,“ antwortete Don Pedro. + +„Du wirst als Ghaliba heimkehren, als Sieger.“ + +Ihre letzten Küsse rissen seinen Schmerz noch einmal auf. + +Endlich fand er die Kraft zum Scheiden. Ihre Blicke der Liebe schrien +nach einem letzten Trostwort. Und als sie seinen Schritt draußen +verhallen hörte, warf sie sich in die Polster und stöhnte sich in die +aufgewühlten Haare hinein, die noch feucht von seinen Küssen waren. Die +Nachschauer der hochzeitlichen Süße durchfuhren ihren wie im Fieber +ringenden Leib. + +Sie nahm taumelnd das Tesbih, den morgenländischen Rosenkranz, mit den +neunundneunzig medinischen Kugeln zur Hand und versuchte, die schönen +Namen Gottes in Andacht herunterzusagen. Aber die wilde Stunde des +Leids zerbrach ihren Gebetswillen. + + + + +Dreißigstes Kapitel + + +Die spanische Christenheit erfüllte ein Freudentaumel. Die Monfis von +Guejar waren geschlagen, nachdem sie zuerst den spanischen Rittern +schwere Verluste zugefügt hatten. Die Maurenburg des Ortes war erstürmt +worden. Gonsalvo de Cordoba hatte als erster die Sturmleiter erstiegen, +seine Ritter folgten. Don Pedro de Solar hieb vier Maurenfürsten +nieder, gefürchtete Häuptlinge der Banden. Seine Taten entschieden den +Kampf, auf Gnad’ und Ungnade ergaben sich die führerlosen Mauren. Ein +großer Zug von Gefangenen ging nach Granada ab. Eilboten berichteten +den katholischen Königen den Sieg. Die Stadt mußte zum Freudenfest +rüsten, von den Miradores und Türmen wehten die spanischen Banner. + +Aber ein anderes Ereignis hatte inzwischen die Stadt in Aufruhr +gebracht. Der Imam Abu Atir war in einer Nacht entflohen. Wieder +waren zwei Wächter ermordet worden und vergebens war die Suche nach +den kühnen Übeltätern. Um den Alkazar im Albaycin standen wie um eine +feindliche Burg die spanischen Reiter und hielten Wache über das +Königskind. Denn hier vermutete man den Sitz des verbrecherischen +Anschlags. -- + +Reija lag auf dem Gebetsteppich mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt +stundenlang und kleidete auf ihre fromme Art alle Sehnsucht in +seufzende Gebetsworte, die bald christlich, bald islamitisch klangen. +Ein kastilischer Eilreiter hatte ihr vom Grafen de Mora die Nachricht +gebracht, er sei unversehrt, ruhmbekränzt und auf dem Heimmarsch +begriffen. Da schwang ihre Seele neu gestärkt dem großen Gott entgegen. + +„Mein weinendes Auge erhebt sich zum Schein des Mondes, hinter dem du +wachst, o Herr. Sei mein, ich bin dein, du liebreiches Brot und holder +Wein, du, der du Welten küßt mit deinem Odem und Länder verheerst mit +Glut und Wasserflut, ich arme Rose flehe zu dir: zeige dich mir! Laß +den Geliebten in meine Arme sinken, laß mich den Tau seiner Küsse +fühlen und scheuch’ alle Feinde von mir und laß unser Haus gesegnet +sein unter Palmen am Meer!“ + +Bei jedem Geräusch flatterte ihre Angst auf. Er ist es! Und immer +wieder sank ihr Haupt enttäuscht auf die Brust, wenn Saffana +herangeschwirrt kam und eines ihrer hellachenden Trostworte in die +Seele der Herrin warf. + +Der Abend sank. Reija warf sich von Fenster zu Fenster. Die beginnende +Nacht hüllte draußen den Hof in Schatten, die Blumen dufteten betäubend +herauf und verworren tönte das Geräusch der Menge in den Gassen herüber. + +Sklavinnen kamen, die atemlos den Einzug der spanischen Streiftruppen +meldeten. Nun mußte er auch kommen! + +Immer tiefer rückt die Nacht vor. Selbst die muntere Saffana verliert +die Lust zu scherzen. „Glaub’ mir, Liebling der Engel, er wird zum +König gerufen worden sein.“ + +„Komme ich nicht vor dem König?“ bäumte sich Reijas Liebesstolz auf. +Und ihre erhitzte Phantasie beschwerte sie mit Eifersuchtsgedanken. +Wenn er in Guejar eine schöne Sklavin gefunden hätte? Sie sprang, +gequält von ihrer Ungeduld, auf und ließ sich die Mantilla geben. +Gleich darauf hielt sie der Stolz zurück. + +Da -- Noria eilt mit glänzendem Gesicht herein. + +Aus der bräutlichen Brust bricht sich ein einziger Schrei: Er ist’s! + +Doch die Sklavin schüttelte das Haupt. „Der andere -- sein Freund --“ + +„Rojas?“ Reija drückt die Hand an die Kehle. + +Da steht auch schon der junge Gelehrte an der Schwelle. Sein Gesicht +ist bleich, sein Blick gesenkt, der Atem keucht. Kaum daß er Saffana +bemerkt. „Doña Maria -- verzeiht -- Don Pedro -- kann nicht zu Euch +kommen --“ Er würgt an den Worten. + +„Was ist geschehen?“ stöhnt ihre Angst. + +„Faßt Euch -- noch ist nicht alles verloren.“ Er eilt auf die Wankende +zu, sie zu stützen. + +Ihre Augen sind eine einzige Frage, die ihre Lippen nicht formen können. + +Da bekennt er es herzbeengt: „Er ist -- in den Händen -- der +Inquisition.“ + +Reija fällt lautlos in die Arme der Sklavin. + +Sie bringen sie langsam, durch Besprengen mit Wasser und Riechmittel, +zu sich. + +Dann erzählt Rojas: „Der Graf von Orgaz und ich erwarteten ihn zu +Hause. Er kam todmüde, aber mit glückstrahlendem Antlitz, warf sich +in das neue Wams, um sich nach der Alcazaba zu begeben. Kaum hatten +wir den Myrtenhof passiert, traten vier Alguaciles auf uns zu und +verhafteten den Grafen de Mora im Namen der Inquisition.“ + +„Ihr habt es -- dulden -- können --?“ + +Rojas senkt das Haupt. „Ihr wißt nicht, Doña Maria, was ein Widerstand +bedeutet hätte. Wir wären als Mitschuldige verhaftet worden.“ + +„Weshalb hat man ihn verhaftet?“ + +„Wer weiß das? Er selbst weiß es nicht.“ + +Sie rafft ihren geschwächten Leib auf. „Ich muß zu ihm --“ + +„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn +geführt haben.“ + +Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den +Wolken und Sternen“ -- ihr Auge füllte sich mit Entsetzen -- „wenn ich +selbst -- ohne es zu wollen -- der fürchterliche Leon -- aber das ist +ja Wahnsinn -- ich habe doch nichts gesagt -- er nichts getan -- es +müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn -- o Rojas, Rojas -- +das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir -- oh, wenn +ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“ + +„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann +neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein -- er wird sich lösen --“ + +„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie +hervor. + +„O Gott, seid vorsichtig -- die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken +und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“ + +„Ich will zur Königin -- sie ist gut und edel --“ + +„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von +Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur +Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten, +würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“ + +„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“ + +Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich +Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich +will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt +werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“ + +„Er -- und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht. + +„Ich muß eilen -- man wird seine Zimmer durchsuchen -- lebt wohl, Doña +Maria, und Gott stärke Euch!“ + +Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte +alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin +war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von +de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte, +die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die +Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele +warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen +Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen +Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem +Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an +eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten +alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das +war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel +Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der +Gebetssammlung. + +Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter -- der Vogel +Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was +würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als +Unheilskünder im Sold hält.“ + +Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß +auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt? +Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben. + +Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie +in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das +Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist +bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana eilte der Herrin nach und fand +sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab +auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel +Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab. +Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie +sich aus der Lähmung. + +Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag. + +„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust. + +Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem +islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem +wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und +steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs +zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke +enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das +Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält. + + + + +Einunddreißigstes Kapitel + + +Im Patio de Mexuar wimmelt es von Mönchsgestalten. Verwunderte +Blicke begleiteten Maria de Calabreña auf dem Weg zu den Zimmern des +Dominikaners. Hier finden die peinlichen Verhöre statt, hier werden +die Anzeigen entgegengenommen, die Beamten der Inquisition gehen ein +und aus, Bittsteller, verweinte Frauen, Zeugen unter Bewachung von +Alguaciles, vornehme und verdächtige, lumpige Gestalten drängen sich +aneinander vorbei. + +Ein Mönch gibt dem schön geschmückten Mädchen mit dem verstörten +Gesicht zu wissen, daß Pater Leon heute vor Abend nicht zu sprechen +sei, denn es sei eine große Prozeßsache im Gang. Ein Stich trifft +sie ins Herz. Sie verlangt den Namen des Inquisiten zu wissen -- der +Mönch schweigt mit einem kühlen Gesicht. Sie reitet niedergeschlagen +heim und der Tag wird zu einer Qual, die ihre Messer in die Seele der +Gepeinigten stößt. Sie hungert in Seide und Schmuck, und jedes Wort, +das man zu ihr spricht, sägt ihr Hirn entzwei. + +Am Abend läßt man sie vor. Im dämmrigen Hof verschleichen sich die +letzten Gestalten. + +Der bleiche Dominikaner empfängt sie mit schleppenden Schritten und +führt die Unglückliche in die Nische neben den Beichtstuhl. Ihre Hand +fühlt sich an wie lebendiger Alabaster. + +Maria de Calabreña wirft die Mantilla weg und zeigt ihm ihr +verschluchztes Gesicht. Schmerzerstarrte Augen blicken ihn an. Ein +paar sinnlose Worte lösen sich von ihrem Mund, die den Mönch beinahe +erschüttern. Endlich ein Stammeln: „Was -- habt -- Ihr -- getan --?“ +Sie kaut die Worte und schluchzt. „Der Graf -- ist -- unschuldig.“ + +„Ihr wißt es also schon? Unschuldig, mit den Augen der Liebe gesehen -- +doch mit jenen des Glaubens -- nein. Ich sehe Euch schmerzgebeugt, und +es ist verständlich, Doña Maria -- aber wie konntet Ihr Euer Herz an +einen Ketzer hängen?“ + +Da schlug ihr Haupt von der Tischkante auf. „Er -- ein Ketzer?“ + +Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen +Worte stempeln ihn dazu.“ + +„Mei --?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff +nach dem Herzen. + +„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr +zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen +katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“ + +„Eure -- Fragen -- oh, die Sinne brechen mir -- Eure Fragen? -- Was für +Fragen?“ + +Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem +Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab. + +„Das -- soll ich -- gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“ + +„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure Aussage noch +an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr, +was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä: +Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch +die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der +Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die +Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch +ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber +überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde +verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der +Gerechten.“ + +Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch, +Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott, +an Christus, an die heilige Jungfrau -- er hat nie mit den Propheten +übereingestimmt --“ + +„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“ + +Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich +gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das -- ist -- ja +-- nicht -- wahr -- das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern +klang es: „Das -- habt -- Ihr gesagt -- Priester --“ + +Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes +Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“ + +„Ich weiß -- hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder --“ + +„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von +ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache, +aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine +Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge +teilt.“ + +„Ihr habt eine Liebende vor Euch -- seht meine verweinten Augen -- mein +zerbrochenes Herz -- ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden +lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns +beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres +Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters +vergraben sind --“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin -- „alles +soll Euch gehören, wenn Ihr uns --“ + +„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors? +Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden +ist!“ + +„Ihr glaubt doch nicht --“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt. + +„Ein leeres Blatt -- sonderbar -- wo liegt der Schlüssel zu dem +Geheimnis?“ + +„Ich allein besitze ihn.“ + +„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“ + +„Sobald Don Pedro frei ist.“ + +„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf +schüttelnd. + +Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette +mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem +Peiniger hin. + +„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“ + +„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben. +Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte +ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken +umwarf.“ + +„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf. + +„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir. +Ach, guter, ehrwürdiger Pater -- er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis +gebracht?“ + +„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte +den Namen seines Anklägers.“ + +„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten +Isa?“ + +Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O +über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“ + +Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den +Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ Euch doch nichts +getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben --“ + +„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der +sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt +nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“ + +„Es waren Säulen, die mich stützen konnten -- ach, Pater, Pater --, +ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem +Herzen reißt.“ + +„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert +Euch!“ + +„Ich fasse ihn nicht -- so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte +es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein +Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht -- laßt mich doch nur +erst Wurzel fassen.“ + +„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“ + +„Sie ist groß und gütig -- aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn +zu befreien.“ + +Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest. +„Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein +entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“ + +„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“ + +„Ihr kennt kaum ihre Namen -- das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña +Maria.“ Das Schreibrohr kratzte. + +„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert +mir den Kopf -- das Herz --.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen. + +„Richtet Euch auf -- an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit +lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine +Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust. + +Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen +Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele +Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines Vaters teuerm Leben -- +laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds --“ + +Den Priester erfaßte Entsetzen. „In den alten Glauben zurück?“ + +Wieder flog das Rohr über das Papier. + +„Ich beschwöre Euch bei dem, was auf Salomonis Siegel geschrieben +steht --“ + +„Das ist der Schwur des Irrglaubens! Weh Euch! Ihr seid verloren!“ + +„Hinter Eurer Marter lächelt kein Gott -- siebenfaches Elend ist mein +Glaube, er wurzelt nicht in meiner Brust -- aber Ihr seid schuld daran +-- Euer Christus ist nicht der, den wir Christus nennen -- ja, Ihr +zwingt mich, wieder zu beten mit dem Gesicht nach Mekka gewendet --“ + +„Unselige! So wohnst du nicht mehr in der geheimnisvollen Arche der +Kirche, und dich begraben die Gewässer des Unglaubens? Du neigst dich +dem Propheten wieder zu, willst Christum nicht erkennen und begehrst +den Barrabas los? Das ist Ketzerei de vehementi!“ Seine Kutte flatterte +nach der Tür, die er aufriß. „Alguaciles! Bringt Doña Maria de +Calabreña in den Kerker der Inquisition!“ + +Wie aus einem Nichts heraus schnellten zwei schwarzgekleidete hagere +Gestalten ins Zimmer. Sie hatten leichte Arbeit, denn sie trugen +eine ihrer Sinne Beraubte auf den starken Händen hinaus. Über ihre +zermarterte Seele wehte der Hauch des Entsetzens. + +Aus der priesterlichen Brust schienen Dämpfe zu steigen, das Gift +seiner Seele enthaltend. Der Triumph glühte in seinen tückischen +Blicken. Sein Hirn sprang aufgeschreckt in einen Gedanken hinein: Der +Inquisitor von Toulouse, Fulco de Saint Georges, hatte einst Frauen im +Gefängnis verführt und wurde gestäupt. Was warf sich diese Erinnerung +plötzlich in seinen brennenden Jubel? + +„Den Fiskal der Inquisition, Pater Juan Collades!“ befahl er einem +Mönch. Er sollte die förmliche Verhaftung der neuen Ketzerin +vornehmen, die durch den Inquisitor selbst entlarvt wurde. Ihre Worte +glichen einem Bekenntnis. + +Pater Collades kam. Ein Mensch mit kühlem Herzen, ruhevoll in seinen +Gebärden, gleichgültig in den Mienen. Er setzte sofort die förmliche +Clamosa auf, den Antrag auf Verhaftung. Man arbeitete bis spät in +die Nacht, wiewohl der Fall einfach lag, da die Äußerungen vor dem +Inquisitor selbst gefallen waren. In den nächsten Tagen mußte die +Summaria, das Ermittlungsprotokoll, den Konsultoren vorgelegt werden, +die als weltliche Richter nur beratende Stimmen hatten. + +„Glaubt Ihr, daß dieses Mädchen die Aussagen widerrufen wird?“ fragte +Pater Collades. + +„Ich werde sie zum Bekennen zwingen. Und am Ende“ -- er dämpfte die +Stimme und sein Herz klopfte gewaltig --, „wir haben das Mittel der +Tortur. Jedenfalls werde ich Doña Maria de Calabreña noch einmal +sprechen. Ich erinnere mich da der Worte des heiligen Bernardus: ‚Wenn +du etwas Böses hörst, verurteile deinen Nächsten nicht sogleich, +entschuldige ihn lieber. Vielleicht hat er es aus Unwissenheit oder +Übereilung getan.‘ Ich will ihr den Weg aus dem Kerker nicht ganz +verrammeln.“ + +„Das ist aber, soviel ich weiß, nicht die Gepflogenheit in Cordoba,“ +sagte der Fiskal augenzwinkernd. + +„Wir aber leben in Granada,“ entschied Pater Leon selbstbewußt. Er fand +in seiner Verworfenheit noch den Mut zu einer heuchlerischen Verbrämung +seiner Missetat. + + + + +Zweiunddreißigstes Kapitel + + +In einem beschlagnahmten Palast eines ausgewanderten Maurenfürsten +beim Elvirator arbeitete das heilige Offizium. Über dem Tor stand +die Aufschrift der Inquisition: ~Exurge Domine; judica causam +tuam, capite nobis vulpes~. Die Fenster des gegenüberliegenden +Hauses waren vermauert worden. Im Secreto, dem Gerichtssaal im ersten +Stockwerk, standen die Truhen mit den Anklageakten. Durch einen engen +Korridor über eine gewundene Treppe hinab gelangte man zur Folterkammer +unter der Erde. Kein Seufzer, kein Schrei drang aus dieser Grabestiefe +herauf. Die Fenster des Secreto waren auch bei Tag verhängt, wenn das +Gericht tagte. Scheute man das Licht der Sonne? + +An dem schwarzbehangnen Tisch des heiligen Offiziums saßen der +Inquisitor Pater Leon, der Fiskal Pater Collades, zwei Konsulatoren +des weltlichen Gerichts und zwei Dominikaner als ehrbare Zeugen. In +einer Nische wartete der Portero, der Pförtner, der die Vorführung zu +besorgen hatte. + +Es wurden viele Schriften hin und her gereicht. Die Mitglieder +flüsterten, und es war, als drückte ein schwerer Gewitterhimmel über +die Gemüter. Granada war in Erregung. Die Verhaftung des königlichen +Hauptmanns hatte alle Granden empört. Man vermutete, daß damit der +Anfang zu weitern Schrecken wie in Toledo gemacht war. Niemand konnte +begreifen, wieso der Graf de Mora in Verdacht kam, Ketzerei getrieben +zu haben, wiewohl der erste Gedanke auf das schöne Königskind fiel, +die ihn vielleicht im Glauben wankend gemacht haben konnte. Die beiden +großen Maurenfreunde, der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz, an +die Hernando de Rojas mit dem Eifer seiner Freundesseele herangetreten +war, setzten sich bei der Königin vergebens für den Beschuldigten +ein. Auch Fernando wies auf die unangreifbare Macht der Inquisition +hin, an der selbst der Papst nicht zu rütteln vermochte. Die beiden +Granden versammelten heimlich viele andalusische Edle bei sich, aber +ihr rührender Rettungseifer scheiterte an der Furcht der Gemüter vor +den Nachstellungen des heimlichen Gerichts. Nur wie ein dumpfes Grollen +ging es von Palast zu Palast. Es war eine Schmach für den spanischen +Adel, der wehrlos der Entrechtung durch die Inquisition preisgegeben +war. + +Ximenes war nach Toledo gereist. Leon durfte mit dem unbegrenzten +Vertrauen des Erzbischofs Wucher treiben. Das Machtbewußtsein leuchtete +ihm von der gelblichbraunen, vorgewölbten Stirn, es prägte sich in dem +scharfen Lippenzug aus, der seinem Gesicht heute eine ungewöhnliche +Härte gab, in dem eisigen Blick, der selbst die Mitglieder des Rates im +Innern frösteln machte. Wie konnte diese mitleidslose Seele die Sonne +fühlen, die draußen frühlingswarm über den rötlichen Steinkolossen +der Alhambra lag. Hier waren Kälte und Schatten zu Gast, die würdigen +Begleiter einer Handlung, bei der diese Menschen Gottes allerwärmende +Kraft als störend empfunden hätten. + +In der Hand eines Mönches knisterte das verleumderische Papier des +Don Silvio, das Zeugenmacht erlangt hatte. Der Familiare wollte von +Chispazo, dem Diener des Grafen, allerhand verdächtige Äußerungen +gehört haben, die nun, sorgfältig niedergeschrieben, als wuchtiges +Anklageinstrument dienten. Da waren angebliche Reden über die +wohltätige Kraft des Korans zu lesen, es stand geschrieben, der Graf +sei selbst auf dem Gebetsteppich gekniet, er habe sich umständlicher +Waschungen befleißigt und habe über die Beichte abfällig gesprochen. +Auch die erfundenen Aussagen der Doña Leonore de Uceda lagen +wohlgeordnet auf dem Papier. Ihr eifersüchtiges Herz hatte sie in +Gift entleert. Der Unrat ihres Hasses war in drei Anklageblättern +aufgespeichert. Ein furchtbares Lügengewebe war verfertigt worden, und +es wurde als Netz um das Haupt des wehrlosen Menschen gelegt. + +Ein Stuhl wurde gerückt. Der Inquisitor erhob sich. „Die Weisheit +dieser Welt ist Torheit vor Gott. Aber laßt uns dennoch versuchen, +weise und gerecht zu urteilen.“ Er gab dem Portero einen Wink. „Holt +den Inquisiten Don Pedro de Solar Grafen von Mora.“ + +Bald darauf öffneten sich die Türflügel, und der Graf schritt unter +der Hut zweier Alguaciles herein. Empörung, Leid und Kerkerhaft +hatten seine männlich schöne Gestalt gebrochen, doch versuchte er +sich aufrecht zu erhalten. In seinem Gesicht, blaß wie Gips, brannten +die Augen wie Wolfsleuchten, umgeben von grauen Höfen, den Zeichen +durchwachter Nächte. Seine Züge waren wieder wie einst streng und hart +geworden. Als er den Pater Leon vor sich sah, stockte sein Fuß. „Ich +will vor keinem befangenen Richter stehen,“ sagte er gelassen. + +Leon sah die Beisitzer des Gerichts an. „Ich wüßte nicht, daß ich dem +Grafen je Gelegenheit gegeben, an meiner Unbefangenheit zu zweifeln.“ + +„Doch,“ erwiderte dieser. „Ich habe gegen Euern Willen ein maurisches +Mädchen verteidigt.“ + +Der Dominikaner lächelte. „So etwas vergißt sich schnell. Stimmt ab, +ihr Herren.“ + +Gleich darauf war es entschieden: Die Bitte des Grafen wurde abgelehnt. + +„Weshalb steh ich hier?“ warf sich Mora selbst in den Strom des Verhörs. + +„Vor allem seid gebeten, nur auf das zu antworten, was man Euch fragen +wird. Und schwört, alles geheimzuhalten, was Ihr hier sagen, was Ihr +hören werdet.“ + +„Soll ich hier so Ungeheures erfahren, daß Ihr es vor den Augen der +Mitwelt bedecken müßt?“ erstaunte der Graf. + +„Darüber sind wir Euch keine Rechenschaft schuldig. Schwört.“ + +„So lege Euch Gott diesen Schwur auf Euer Gewissen.“ Er erhob die +Eidfinger. + +Dann befragte ihn der Inquisitor über sein Leben und das seiner +Vorfahren. Mit Stolz bekannte er sich als Sohn des Grafen de Mora, der +nahe daran war, mit dem Sanbenito verflucht zu werden. + +„Ich habe die Prozeßschrift Eures Vaters dieser Tage gelesen,“ sagte +Leon, „und es ist eigentlich ein laufender Prozeß.“ + +„Nicht abgeschlossen?“ fuhr Mora auf. „Er könnte also jeden Tag --?“ + +„Neu aufgenommen werden,“ nickte der Inquisitor. + +„Der Tote kann sich nimmer verteidigen.“ + +„Aber die Lebenden können noch immer zeugen.“ + +„Ihr macht furchtbare Schlüsse. Und wenn man ihn schuldig erkennen +würde?“ + +„Könnten seine Gebeine den reinigenden Flammen übergeben werden.“ + +Der Graf wankte auf den Ketzerrichter zu. „Das -- kann -- nicht -- +sein. Den Erdenrest verbrennen --?“ + +„Wir gehen weiter. Ihr habt dann ein Maurenmädchen kennengelernt, die +natürliche Tochter des ehemaligen Königs von Granada, die nunmehr +getaufte Doña Maria de Calabreña.“ + +Das bleiche Antlitz des Inquisiten rötete sich. „Ja,“ sagte er leise. +„Durch sie wurde ich der Mensch, der vor Euch steht.“ + +„Wir fragen Euch nun, ob Ihr allen Glaubensvorschriften nachgekommen +seid.“ + +Der Graf nickte stumm. + +„So bekreuziget Euch und sprecht das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser +und das Ave-Maria.“ + +Don Pedro sprach alles mit klarer Stimme und mit der tiefen Überzeugung +seines gläubigen Herzens. + +„Wißt Ihr die Ursache Eurer Verhaftung?“ fragte der Inquisitor. + +„Nein. Ich weiß nur, daß ich dem König wertvolle Dienste geleistet, +daß ich tapfer vor dem Feind gestritten und nicht um Haaresbreite vom +Glauben gewichen bin.“ + +„Die Verdienste mag der König belohnen. Die Kirche muß sich Eurer +Sünden erinnern, mit denen Ihr Gott beleidigt.“ + +„Ich dachte, dafür sollte der Beichtstuhl dienen.“ + +„Eure Sünden überschreiten die Macht der Lossprechung. Wir ermahnen +Euch, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“ + +„Ich habe nichts auf dem Gewissen,“ sagte der Graf seelenruhig. + +„Wir ermahnen Euch zum zweitenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem +Gewissen habt.“ + +„Ich habe nichts zu bekennen,“ erwiderte der Graf mit derselben Ruhe. + +„So denket nach, ob Eure Seele nicht beschwert ist durch gewisse +Äußerungen --“ + +Da riß sich der Beschuldigte aus der Gelassenheit. „Zeigt mir den +Menschen, der mich verleumdet hat.“ + +Alle Mitglieder des Gerichts saßen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da. +Der Graf wurde durch dieses Schweigen furchtbar erregt. „Ich will den +Menschen sehen. Ich war einst hart. Meine Härte kann mir Feinde gemacht +haben. Ich will ihre Namen wissen.“ + +Das Haupt Leons erhob sich langsam. „Wir ermahnen Euch zum drittenmal, +alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“ + +„Ich kann nichts bekennen, wenn ich nicht weiß, wessen man mich zeiht.“ + +„Bekennet!“ + +„Sagt, was ich getan haben soll.“ + +„Eben das sollt Ihr sagen.“ Es flog wie ein höhnender Pfeil in des +Grafen Brust. + +„Gebt mir nur einen Anhaltspunkt, ihr Herren. Seid barmherzig, ihr +Herren, sagt mir, was man mir aufbürdet.“ + +„Ihr habt nie ketzerisch gesprochen und gehandelt?“ + +„Wann? Wo?“ entsetzte sich Mora. + +„Eben das sollt Ihr uns sagen. Bekennet.“ + +„Ich kann nichts bekennen!“ schrie nun der Graf verzweifelt auf. „Ich +befolgte alle Gebote der Kirche, ich sprach alle vorgeschriebenen +Gebete, ich ging jeden Tag in die Messe -- wozu zwingt ihr mich, ihr +Herren? Ich kann nichts als die Wahrheit sagen.“ + +„Eben die wollen wir wissen. Sie steht schon auf diesen Papieren. Ihr +braucht sie nur zu bestätigen.“ + +„Ich kenne sie doch nicht, lest mir vor, was da steht.“ + +„Wir dürfen es nicht. Bekennet.“ + +Der Graf glaubte wahnsinnig zu werden. Er stand vor einem leeren +Nichts. Nun krampfte es sich aus seiner Brust: „Verflucht sei mein +Verfolger, sein Wesen vergehe vor Gottes Angesicht, der Teufel jage +nach seiner Seele, und alle menschliche Kreatur wende ihr Antlitz mit +Schaudern von ihm ab.“ + +Der Inquisitor starrte regungslos vor sich hin. Die Schauer des Fluches +webten sich vor seinem Auge um das Haupt der schönen Moriska zusammen. + +„Fragt mich doch um des Heilands willen aus. Habe ich in der Anbetung +der Heiligen zuwenig Eifer gezeigt? Habe ich unbewußt Gott gelästert?“ + +Nur des Dominikaners Finger spielten mit dem Anklageblatt, sein übriger +Mensch blieb regungslos, so daß dem Grafen der Zorn im Herzen brannte. +Die zwei Patres nickten schläfrig vor sich hin. Endlich rekelte sich +Pater Leon aus seiner Starrheit. „Der Fiskal erhebe die Anklage.“ + +Der schwüle Rauch der Kerzen machte die Luft stickig, die lautlose +Stille legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf die Brust des +Inquisiten. + +Dumpf wie aus Erdentiefen tönte die Stimme des Fiskals: „Im Namen +des vom heiligen Gericht in Cordoba bevollmächtigten Tribunals in +Granada! Don Pedro de Solar Graf von Mora, daselbst geboren im Jahre +des Herrn Eintausendvierhundertsechzigundacht, Ritter des Ordens von +Santiago de Compostela, Hauptmann der königlichen Wache in Granada, +wird beschuldigt und ist durch Aussagen überführt, in Dingen des +katholischen Glaubens zu wanken und durch Äußerungen verschiedener +Art gegenüber glaubwürdigen Personen dargetan zu haben, daß er den +christlichen Glauben mißachtet und Gottes heilige Gebote übertreten +hat. Er hat gesagt, er wisse von Gottes heiliger Dreieinigkeit wenig +oder nichts. Er hat den Propheten Mohammed einen großen Mann genannt +und behauptet, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes gewesen --“ + +Der Graf greift mit den Händen nach der Stirn. „Seid Ihr -- wahnsinnig? +Oder bin ich es?“ + +Ungerührt schnarrte die Stimme des Fiskals: „Auch sagte er, Jesus sei +ein Prophet und die Hostie ein unscheinbares Ding, und er schüttelte +den Kopf, wenn man davon sprach. Er las mit einer gewissen Person +den Koran, besonders die Suren vom Paradies und nannte des Propheten +Religion erhaben, lobte auch die Art der Moslims, vor Gott auf dem +Gebetsteppich zu knien, ja, er kniete auch selbst auf diesem Teppich, +mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt. Er hat über die Beichte abfällig +gesprochen und sich regelrechter Waschungen nach islamitischer Art +befleißigt. Dies alles beweist die Verleugnung des alleinseligmachenden +katholischen Glaubens, wenngleich der Graf äußerlich noch in dessen +Lehren beharrt. Über alles dies richte das heilige Offizium. Das +Vermögen des Inquisiten wurde vom Sequestrado bis zum Ausgang des +Prozesses beschlagnahmt. Das heilige Tribunal von Granada im Namen des +Inquisitoriats von Cordoba.“ + +Durch die Stille hetzte der Atem des gemarterten Grafen. Seine Augen +starrten ins Leere, in seiner Brust wogte ein furchtbares Chaos. +Lüge, Haß und Niedertracht warfen ihn zu Boden, seine Ehre lag im +Staub, Bösewichter spielten Fangball mit ihr, Hyänen verkrallten sich +in seinen wehrlosen Leib, um ihn auszusaugen und aus dem Reich der +Lebendigen zu stoßen. Und über den Köpfen dieser Teufel, die Kläger +und Richter in einer Person waren, leuchtete Christi unbeflecktes +Sterbekreuz, und der Herr sah seinen Jammer und stieg nicht herab, +seine satanischen Widersacher zu zermalmen. Warum fuhr er nicht wie +einst mit der Geißel unter die Tempelschänder? Schändeten diese nicht +auch sein Heiligtum, sein Herz, seine Lehre? Er wollte sich mit der +Inbrunst eines herzaufwühlenden Gebetes vor das Kreuz niederwerfen, um +ein Wunder zu erflehen. Aber da klang schon die Stimme des Inquisitors +an sein Ohr. „Wollt Ihr nun bekennen, Graf de Mora?“ + +„Nun bekenne ich feierlich vor Gott und den Heiligen, daß alles erlogen +ist, was hier geschrieben steht. Die Erde verschlinge meine Feinde wie +einst die Rotte Korah.“ + +„Wir ermahnen Euch zum letztenmal: Bekennet!“ + +Der Graf keuchte in die furchtbare Stille und schwieg. + +„So wird die barmherzige Kirche jammern müssen über Euch und das Leid, +das sie Euch anzutun gezwungen sein wird. Sie weinet über Euch und +ist fassungslos über Eure Reuelosigkeit. Aber wie sagte Innozenz? +Demjenigen, der Gott keine Treue hält, soll auch keine gehalten werden. +Oh, bei Christi allerbarmender Liebe beschwören wir Euch: Bekennet, daß +wir gegen unsern Willen nicht gezwungen werden, Euch zu zwingen. Ihr +unterschätzt vielleicht die uns von Gott gegebene Macht.“ + +„Es ist die Macht, die ihr euch selbst genommen!“ rief der Graf mächtig +aus. + +„Schreibt das auf, Pater Diego, die Kühnheit verdient festgehalten zu +werden. Ihr wollt also nicht bekennen?“ + +Da schleuderte der Graf seinen Peinigern das Feuer seiner Empörung in +die entsetzten Gesichter. „Ich bekenne nichts -- aber ich erkenne, +daß ihr Vernunft und Gefühl gemordet habt, daß die alte Freiheit der +spanischen Granden vor der Glaubenstollheit eurer Mönche im Staube +liegt, daß ihr das von Gott ins Herz geschriebene Gesetz leugnet, daß +ihr aus eures Vaters Haus eine Mördergrube gemacht habt, daß euer +Werkzeug das Entsetzen, eure Waffe Gift ist, und daß euer Rasen weder +vor Lebendigem noch Totem stillhält. Ich erkenne, daß die sanfte Glut +der Religion unseres Nazareners durch haßverwirrte Priester zu einem +verzehrenden Feuer entfacht wurde, das tausend Herzen verbrennen soll. +Grimm und Wut heißen eure Helfer, die die Christenlehre zerbrochen +und dem Prophetenglauben ewigen Krieg angesagt haben. Ihr lehrt den +menschenliebenden Sohn Gottes hassen, indem ihr in seinem Namen +Missetaten verübt. Dann will ich lieber Götter ehren als einen Gott, +dessen Reichsverweser Teufel sind.“ + +Leon war kreidebleich geworden. Die Griffel der Schreiber flogen über +das Papier. + +„Ihr könnt Euch selbst nicht mehr verteidigen, denn Eure Zunge raset,“ +sagte der Inquisitor. „Wollt Ihr nun einen Abogador[3] anerkennen?“ + + [3] Abogador = Rechtsanwalt. + +Der Graf schüttelte den Kopf. + +„Höret, Graf de Mora. Wir züchtigen Euch nur um der übrigen Menschen +willen. Diese leben sicherer, wenn sie wissen, daß das Böse von Euch +genommen. Tut Buße, daß Euch die Kirche wieder aufnehmen kann in +Gnaden. Die Strafe ist keine Freude für uns. Tut Buße!“ + +„Ich habe nichts zu büßen. Wohl habe ich mich über die Schwachheit der +Mauren erbarmt, aber nie war ich Verteidiger ihres Glaubens. Es war ein +Engel Gottes, der mich das Mitleid lehrte, gesandt, um mir die Augen zu +öffnen. Ja, dieses Mädchen war die Mittlerin der Duldung.“ + +„Schreibt das nieder, Pater Diego.“ + +„Schreibt es nieder und setzt dazu: Sie erschloß mir die Weisheit ihres +Propheten, ehe sie Christin wurde.“ + +„Sie ist es nicht mehr,“ wehte es eisig von den Lippen Leons. + +Da erschrickt Don Pedro de Solar bis ins Mark. „Sie -- ist +zurückgekehrt -- zum alten Glauben?“ + +„Noch nicht. Aber der Kirche erbarmender Arm hat sich ihrer auf dem Weg +dahin als Ketzerin bemächtigt.“ + +„Sie -- ist --?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Graf den +Priester an. + +Dieser nickte sein entsetzliches Ja. + +„Reija gefangen! Reija! Reija!“ Schreck, Zorn, Wut brauen sich in +seinem Herzen zu einem gräßlichen Pandämonium zusammen. Seine Arme +taumeln wie zuckende Schlangen in die Luft. „Gesetz -- Menschlichkeit +-- alles dahin! Umnachtet die Vernunft! Die Blume zertreten, deren Duft +jedes Herz mit Wonnen erfüllt -- zerrissen ihre Brust, die nur für +Liebe schlug -- von Priesterhänden geknickt -- o Henker -- blutsaugende +Henker!“ + +Da rief Leon nach dem Knebel. Des Grafen ergrimmte Fäuste warfen die +Alguaciles rechts und links nieder. „Gottschändende Teufel! Schergen +des Satans! An dieser Liebe sättigt sich euer Haß und die Glaubenswut +eurer verruchten Hirne! Die haben sie aus der Hochliebe Christi +herausgestoßen und zurück in die blühende Welt, aus der sie kam und +die ihr Sünde und Irrglauben nennt. Wehe, wenn ihr diese martert! Wenn +ihr die Unschuld in brennende Gewänder hüllt, wenn in Glut aufgehen +soll, was Gott in seinem Schöpferwillen zur Freude geschaffen! Hört es, +Dominikaner! Brennt dieses Mädchens Wunderleib anklagend zum Himmel, +dann entzündet ihre Glut ein ganzes Volk, und alles, was diesen Brand +im eignen Herzen fühlt, wird sich wie ein einziges Feuermeer erheben +und euer mönchisches Gezücht niedersengen, bis eure Asche sturmverweht +in alle Lande fliegt!“ + +Die Mönche zittern. Leon allein ist furchtlos. „Die Wache!“ + +Fünf baskische Bären im Panzer stürzen herein und umringen den Grafen. +Die schäumende Kraft des Ebers ist gebrochen. Seine Augen rollen noch +im nachbebenden Zorn, aber im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit bricht +sein letztes Wehren zusammen. Verkämpft hängen die Arme an den Lenden +herab, sein Kopf fällt auf die Brust, und durch sein Hirn braust ein +Strom müder Gedanken -- Leon, Reija, Kerker, Teufel, Flammen, Koran, +Jesus, Tanz -- alles wirbelt zu einer zähen, breiigen Masse zusammen +und ergießt sich, Gefühle und Gedanken erstickend, in sein Inneres. +Inmitten der klirrenden Panzer wankt er hinaus. Hinter ihm knarrt +heiser die Tür. + +Pater Leon steht bleich, aber gefaßt da. „Ihr habt diese Zunge, das +prahlende Organ eines gottverfluchten Herzens, gehört. Sie könnte +leicht tausend entzündbare Herzen vergiften, zu denen sie spricht.“ + +„Eine solche Zunge verdient nicht, lebendig zu bleiben,“ entsetzte sich +gehorsam einer der Dominikaner. + +„Die Überzeugung unseres göttlichen Rechtes ist ein Festungsbau, den +stärkere Kanonen stürmen müßten,“ sprach siegessicher Pater Leon. „Oder +sollte der heilige Augustinus, der große Leon und die Kirchenväter +unrecht haben, die um der Lehre des alleinseligmachenden Glaubens +willen den Ketzer vertilgt wissen wollten? War nicht Gott selbst der +erste Inquisitor, als er Adam und Eva aus dem Paradiese trieb? War +nicht jenes Tierfell der vertriebnen Menschheit das erste Sanbenito? +Erschreckt nicht vor dem Hochmut der Ketzerzunge. Wer nicht mit +mir ist, der ist wider mich. Und wer nicht in mir bleibt, sagt der +Evangelist Johannes, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, +und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, daß sie verbrenne.“ Er +verhüllte in geheucheltem Schmerz sein Haupt und sagte: „So bereitet +denn für morgen die Folter. Doch gebt dem Inquisiten vorher den süßen +Wein von Almontillado zu trinken, daß er sich stärke. Wenn er wieder +tobt, gebt ihm die Mordaza, den Knebel.“ + +Da erhob sich einer der Konsulatoren. „Vom Standpunkt des königlichen +Gesetzes erachten wir, daß der Inquisit ein Bekenntnis abgelegt und von +der Folter abzusehen wäre.“ + +„Noch hat er nicht bekannt,“ entgegnete der Inquisitor, und die Mönche +nickten. + +„Seine Anklagen und Verunglimpfungen des heiligen Offiziums gleichen +einem Bekenntnis.“ + +„Wir haben nicht Verunglimpfungen abzuwehren, die Kirche will den +Sünder reuig und geständig wissen. Don Pedro de Solar Graf de Mora muß +bekennen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“ + +In die Unmenschlichkeit dieser Herzen wehte das heilige Wort, ohne +sie von der Besessenheit zu erlösen. Gnadenlos übergaben sie alle den +‚Feind Gottes‘ der körperlichen Qual. + + + + +Dreiunddreißigstes Kapitel + + +In der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers. +Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten. +Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die +Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle +Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht +hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer, +Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch -- so sieht der Ort aus, wo jetzt +ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña war +freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen +Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den +Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer +Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis +umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten +die Getreue vertrieben. + +Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung +ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht, +nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise +lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte. + +Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und +sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe +verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren +Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren. + +Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält +liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu +nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes +Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn +stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von +Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde, +funkelnde Schwerter -- Gottes goldne Engel steigen herab -- Engel -- +Engel --“ + +Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon. +Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit +weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an. + +„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels. +Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand +des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“ + +Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen. + +„Ob Ihr beichten wollt?“ + +„Mann -- o Mann Gottes -- was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr +Leid heraus. + +„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem +glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen +Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage +nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen +stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er +berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken, +unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche +Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die +in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch +begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der +Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten +Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von +Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser +Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein +Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem +war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda +gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl +gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen +die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst +darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine +Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten +Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es +erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und +bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe, +schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er +die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten. + +„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen +Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes Bitten in seine +verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu +schonen --“ + +„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die +Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen +lassen.“ + +Sie schrak zusammen. „Das -- könnte er -- wieder tun?“ + +Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn +der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß. + +Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren +Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr -- mit dem Grafen -- gemacht? +Habt Erbarmen mit mir -- Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“ + +„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich +sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“ + +„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf. + +Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele. +Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der +Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie +Ihr.“ + +„So ändert unser Schicksal.“ + +„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt +nicht gern vor der Öffentlichkeit.“ + +„Und deshalb, Priester -- müssen wir -- unschuldig leiden?“ Sie warf +mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin. + +„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben +verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen +christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“ + +„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja +gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“ + +„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber -- es treibt mich noch +ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt +in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem +Schatz Eures Vaters sprechen soll.“ + +„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt +wurde.“ + +„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den +Schlüssel zu dem Geheimnis.“ + +„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“ + +„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“ + +„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart. + +„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle +schlecht um den Grafen de Mora.“ + +„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf. + +„Er wird um das Geheimnis wissen --“ + +„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst. + +„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden +sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“ + +„Ihr wollt ihn --? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte +wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie +glühende Lava aus ihren Augen. + +Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen, +und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“ + +„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie. + +„Er wird nicht lange widerstehen können.“ + +Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis +verrate, ist er -- frei?“ + +„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern, +sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“ + +„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe +finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz +haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn +und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer, +um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“ + +„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu +wirken vermag.“ + +„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus. + +„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den +Tücken des Ungläubigen.“ + +„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird -- helft mir, guter, +lieber Pater -- versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie +schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter +Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden +Blicken lag. + +„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den +Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt. + +Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das +erlösende Wort kommen sollte. + +„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“ + +„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt +auf die Brust. + +„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man +schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder +strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel, +in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden, +denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“ + +„Henker -- das alles -- um Christi willen?“ + +„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen --“ + +Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel -- was soll ich dir +geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus? +Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“ + +Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche +Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück, +dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht, +Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund +der Verruchtheit. Sein keuchender Atem jagte wie Glutwind über ihre +angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender +Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe +mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus -- „mit diesem deinem Leib +speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der +Liebe!“ + +„Rasender -- wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf. + +„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“ + +„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich +schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“ + +Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne +Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada -- mit jedem deiner +Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte +seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren +Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen +deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein +anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den +andern überquillt -- o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener +Liebesnächte -- diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust, +blutend von der Hingabe an ihn -- reich’ mir den letzten Rest, den +deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und +brennenden Wünschen -- sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen, +was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat, +ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen, +ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche +begehren --“ + +„O Mensch -- Tier -- Sohn der Nacht und der Verdammnis -- wofür hältst +du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen. + +„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen +steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen +Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann. +Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro +liegen die einsamen Nonnenzellen der Büßerinnen in Fels gehauen. +Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist +atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen +Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche +Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern +der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar +Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So +wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so +wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt +bleiben.“ + +Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie +brennende Pfeile. „Satan -- fürchtest du denn nicht meinen anklagenden +Schrei vor dem heiligen Tribunal?“ + +Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick +wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten +Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten -- Weib, du kennst unsre +Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen. +Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen +Geist der Wahnsinn zerstückelt.“ + +Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um +sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren +Nacken wehen. „Ich -- will -- dir -- meinen Leib -- morgen -- geben --“ + +„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter -- hab keine Angst -- +die Wache hält am fernen Ende des Korridors --“ + +„Und wenn ich dir alles gebe -- ist Don Pedro -- frei?“ + +Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen +Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in +seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für +dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du +unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr. + +Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte +auf. „Gib mir den Brief!“ + +„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“ + +Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten, +keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten +Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um +Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib -- gib +-- sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke! +Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den +Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte +wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero +als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“ + +Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust. + +„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn +ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen --“ + +„Würger -- mich foltern lassen -- eine Königstochter?“ + +„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du +deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige +Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine +Brüste vor uns dampfen.“ + +Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die +Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann. + +Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du +zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende +Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt +nichts übrig als die Folter -- gemeine Augen werden sich an deiner +entkleideten Schönheit weiden -- oh, es ist nicht auszudenken, Perle +meines Herzens --.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche +Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der +Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon +sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem +trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe -- der die +heilige Martina zerreißen sollte -- küßte ihr die Füße -- laß mich die +deinen küssen -- komm -- komm -- das Eis deiner Tugend soll das Feuer +meiner Leidenschaft schmelzen -- Delila!“ + +In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick +gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin. + +Da weiten sich ihre Augen -- gräßliche Gedanken springen sie wie +Hyänen an -- in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn -- +wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut -- da wird ihr +Fuß zur Waffe, er hebt sich empor -- schleudert sich auf die Natter -- +„Delila über dir!“ + +Leon taumelt -- fällt -- und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas +Arme nach dem Strick -- werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers +-- mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein +grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht -- „Meduse -- +Me--du--se --“ Dann Stille -- herzmarternde Stille. Endlos rinnt die +Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu +schmerzen -- die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke +zersprengen will -- ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein +Tau zusammen -- + +Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie +das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht +Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen -- sie +greift langsam nach dem Körper -- sein Gesicht ist verzerrt, um den +wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn +sonst, die Augen sind gläsern starr -- der Anblick schauert in ihr +Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht -- du hast einen +Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib -- du darfst +sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper +mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten +Sukuums entgegen -- der Scheitan reißt ihm die Glieder ab -- er war +ein Fethin, ein Verführer -- ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne +gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift. + +Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die +Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde +füllen und Granada -- nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen +Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet +erstarrt. + +Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie +greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf -- die heilige +Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten -- oh, wenn christlicher Haß auf +ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge +liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein +kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der +gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und +ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr +glauben als der Lebendigen. + +Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene +Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache. + +Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie +zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das +rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen +Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten +da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem +Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen, +langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger +zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich +mählich, ihr Körper wächst -- sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter +sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors. + +Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija +weist ihm furchtlos den Freibrief. + +Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt +er kurz. + +„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“ + +Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der +Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die +nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das +Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein +trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn +ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren. +Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte +zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der +Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators. +Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder +Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen +graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt +sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre +Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen. +Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern +weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen +Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch -- +Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und +Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn +tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln +-- fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes +Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan +durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden +Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn. + +Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus +irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich +los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da +drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine +gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten +Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von +Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts +-- da tauchen die Zinnen der Alcazaba auf -- sie ist am Ziel -- wie +ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden -- hinter ihrer +Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen, +geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken -- sie hat noch die Kraft, mit +den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die +Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem +Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder. + +Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet -- erschrickt +-- er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln -- da starrt er in +das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter +stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“ +Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen +Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana +aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte +Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das +halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die +liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus. + +Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege -- wie +bist du heraus?“ + +Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der +Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die +Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen +entdeckt. „Wo sollen wir hin?“ + +„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du -- +rafft alles Geld zusammen -- ein paar Geschmeide --“ + +In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im +Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte +Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die +Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija +trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten, +turbanähnlichen Tuch umhüllt. So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet +sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim, +gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen +Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber. +Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung +entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende +Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann +wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das +Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein +dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein +heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert. + +Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem +sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei, +hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch +und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem +Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden. +Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und +öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt +maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten. + +Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und +blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese +Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die +Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als +trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben -- gelblichrotes +Gestein -- der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten +die Rosse -- es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes +Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber +die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren +Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen? +Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod +zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr +entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines Menschen. Wie +viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf -- die +Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues -- was half der Mord +dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt! + +Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe +zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum +Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid +geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als +sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf +Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs +Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert, +allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an +das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier +der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die +durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter +Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so +schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta, +eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon +erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor. + +Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch +weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und +die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort +abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle, +gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die +Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der +Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern +die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen. +Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in +Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige +Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den +vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf +der Rosse. Reija hängt nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals +ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem +Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen. + +An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann +ansteigender, bestaubter Weg -- durch die blühende Gartenpracht von +Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden +Pferde -- jetzt -- o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta! +Ihr Maurendörfer Haus an Haus -- Cañor da oben! Reija hat noch die +Kraft, den Jubelruf in sich zu hören -- dann bringt sie mit schwachem +Zügelruck das Tier zum Stehen -- die Sinne schwinden ihr -- sie fällt +in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum +in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten +Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen. + + + + +Vierunddreißigstes Kapitel + + +Durch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem +Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt +die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim, +der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände +angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst +geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr +zu Ohr. + +Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis +auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten +sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast +des Ximenes -- der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen --, +nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen +schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in +den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf +ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen, +hat unsre Seelen zerschlagen, unser Jammer hat Gott erbarmt, und er +hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden +erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus +der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt +es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des +Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es +ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot! + +Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen +Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die +Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem +teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas +steigt. + +Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das +Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren +der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds +heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach +zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es +nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen, +einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das +letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer, +der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser +Gebein jagen. + +In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen +Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs, +herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die +Schreckensbotschaft. + +Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen +Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die +Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte +vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den +Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer +geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“ + +Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die +Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen +Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen. +Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter +scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische +Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit +durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin +seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich +wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen +Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer +Auferstehung des Mönchsleibes. + +Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den +Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er +kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren +Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis +ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit +seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche, +wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen +verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des +Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener +sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert +hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien +Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter +Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der +hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage +zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die +Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach +trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war. + +„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem +beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber +es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die +nach den Alpujarras führt. Man hat drei Reiter, darunter eine Frau, +verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht +gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen +nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch +mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis +des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort +vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition +von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher, +als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur +schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“ + +Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine +Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser +hier dazu riet. + +„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein +eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm +gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch +gewisse Forderungen des Dominikaners --“ + +„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes. + +Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner +liebte die Frauen -- es ist kein Geheimnis mehr --“ + +Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also +wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ -- er drängte hastig an den König +heran --, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte? +Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken? +Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch +wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet +wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor +fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen +Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der +Königin. + +Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer +Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende aber hat Gott +geschändet. Lucero komme! Doch -- wenn sich Boabdil regt?“ + +„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische +Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und +diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen +unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim +gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten +versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“ + +„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd. + +„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen. +Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben. +Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora, +ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels +angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem +Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten +in Heil.“ + +„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt. + +„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten, +wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere +Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der +Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles +für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern, +auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen +tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich +werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke +den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die +Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten +jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar +handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu +unterdrücken --“ + +„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus. + +„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres +wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam, +hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich +sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen, +sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden --“ + +Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die +Granden vergessen können? Ximenes!“ + +„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind. +Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca +geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von +Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche +Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist +geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“ + +Isabella erbleichte. „Ximenes -- rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren +Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte +er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender +seine Grausamkeit vergessen. + +„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“ +forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein +geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen +verkehren.“ + +„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer +Gewichtigkeit. + +„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen +den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und +dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht +in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit +übergeben.“ + +„Relaxierung?“ fuhr der König empor. + +„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine +Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des +Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun +möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch +diesen gefährlichen alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe +rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt +das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten, +wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung +des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die +Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen +ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung +durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen. +Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und +wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis +der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle, +fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott +gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen +Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der +andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des +heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“ + +Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also +zu Ostern ein Autodafé?“ + +„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas. + +„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen +brennen sehen.“ + +„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben +Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch +leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm +Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“ + +„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin. + +„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die +sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche +Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche +Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand, +dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst hatte den Adel, den +einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt. + +Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn +hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen +Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung +königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den +Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz +verlange ich ausreichende Vollmacht.“ + +Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist, +den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern +fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer +um den Mann.“ + +„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht +genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir +brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern +sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte +hinter uns -- die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben, +sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder, +man muß die Leute nur dran glauben lassen.“ + +Die Königin durchschauerte es. „Ximenes -- wollt Ihr das alles -- mit +dem heiligen Evangelium verantworten?“ + +Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen +Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem +heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche +mich dazu zwänge.‘ Hoheit -- für dieses Ansehen der Kirche ist kein +Opfer zu groß.“ + +„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir +könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht +auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen +vorschreibt.“ + +Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor +seinen Puppen. + + + + +Fünfunddreißigstes Kapitel + + +Das abendliche Dunkel hüllt die Berge in ein Büßergewand. Der Mond +bleicht über dem Barranco de Poqueira und über den hängenden Triften +von Cañor. + +Reija liegt auf dem Espartogras vor der Höhle, von wo sie einst den +Koran geholt. Um ihr geängstigtes Haupt schweben noch immer die Geister +der Verfolgung, und ihre Seele schreit nach dem Geliebten. Könnte sie +ihren Schmerz im Tau seiner Lippen kühlen! Sie werden ihn nun auf die +Folter spannen, damit er seine Mitwisserschaft an dem Mord bekenne! Sie +werden ein furchtbares Schuldgebäude errichten, das seine geschwächten +Kräfte nicht mehr tragen können, und sein gemarterter Geist wird +bekennen, was er nie gewußt. + +Aber dann spielen ihre Gedanken mit Fluchtmöglichkeiten. Sie sieht sich +geborgen unter dem Dickichtmantel des Irakstrauches, überschirmt von +dem Friedlicht der Sterne. Der Schrei eines Hirten am Hang zerreißt das +Trugbild. + +Hier liegt sie nun seit Tagen, im Retiro der Mauren, wo die Saumpfade +himmelan streben, Geier hausen, schwarze Ziegen auf smaragdnen +Weiden grasen, Hirten bei dem Feuer sitzen und Jäger über das Geröll +schleichen. Saffana und Malik wechseln einander in der Wache ab. Der +Sklave durchbohrt mit seinen Falkenblicken das Dunkel, und seine +Mausohren durchhorchen die Felseneinsamkeit nach jedem kleinsten +Geräusch. Aber es ist still in den Bergen. Nur Hirten tauschen von +Hang zu Hang ihren eintönigen Gruß aus, und wenn der Wind günstig ist, +dringt aus der Tiefe von Cañor ein verirrter Gebetsruf herauf. Noch +also ist keine Gefahr. Auch die vier Maurendörfer am Talhang bilden +eine lebendige Schutzwehr, die keinen Verrat kennt. Alle Monfis wachen +über das Leben des Königskindes, das ihnen durch Boabdils Vaterschaft +heilig geworden ist. Reija kennt dieses Hirtenvolk, dessen Seele Abu +Atir noch betreut, als er dem Maurenkönig den Koran las. Diese Schäfer +haben Treue und Glauben als Gesetzeshüter, sie sind muskelgewaltig und +stählern, in ihnen pulst noch das Blut der Wüstensöhne, wenn sie auch +den Sand mit dem Felsen getauscht. Es sind zungenkarge Männer, selten +hallt die dörfliche Trift von ihrem Lachen, und ihre Freude ist dem +Ernst der todesstarren Steinmasse angepaßt. Aber wenn der kriegerische +Zorn in ihnen aufglüht, dann schaffen sie Taten voll Adlergrimm. + +Die Abenddämmerung graut, Schatten steigen aus dem Tal, und bald liegt +der Mondglanz wie ein bleicher Heiligenschein über den Steinwarten. + +Reijas Leid bricht stromweise aus den Augen. Ihre Brust stöhnt +unter der ins Bewußtsein rückenden Qual. In dieser mondbeschienenen +Einsamkeit, wo die Natur am Herzen Gottes zu schlafen scheint, fühlt +ihr empfindsamer Sinn doppelt die eigene Verlassenheit. Ein alter +Glaube sagt, wenn Gottesfürchtige weinen, zählen zwei Engel, die die +Taten der Menschen aufzeichnen, ihre Tränen. So werden ihre Engel viel +zu tun haben, um ihrem Schmerz das Maß anzulegen. Wüßte Abu Atir um +ihr Schicksal, er ritte mit der Geschwindigkeit des Wüstenrosses in +die Berge. Nichts weiß sie von ihm. Hat er sein Maghreb erreicht? Ist +er noch in Salobreña? Und so hat Reija ihr Leben auf eine trostlose +Gegenwart gestellt, und vor ihr liegt eine verschleierte Zukunft. + +Auch von Granada kommt keine Nachricht; die Stadt scheint von einer +undurchdringlichen Mauer umgeben zu sein. Was bereitet sich vor? + +An einem sonnenschweren Spätnachmittag keucht Taleb der Hirte den +Felshang herauf. Er erzählt: „In Granada hat man den ermordeten Mönch +bestattet. Die ganze Stadt war auf den Füßen. In die Maurendörfer +schicken sie spanische Reiter und durchsuchen die Häuser. Aus Cordoba +ist der neue Inquisitor angekommen, Lucero heißt er, die Moriskos +nennen ihn den christlichen Teufel.“ + +Die Angst zersägt Reijas Herz. Nun wird Don Pedro gefoltert! Vielleicht +in diesem Augenblick. Qual und Furcht greifen in ihre Glieder und +lähmen sie. Saffana schleppt die Herrin vor die Höhle und bettet sie +auf einen Stein. Vor ihr liegt die tagdurchglühte Berglandschaft unter +dem andalusischen Azur, gegen Süden zu deckt der durchsilberte Dunst +die Weite über dem Meer, zu ihren Füßen kriechen die ersten abendlichen +Schatten an den Hängen hinauf, sie gleichen gespenstischen Armen, die +nach ihr langen. Langsam verblutet im Westen die Kraft der Sonne hinter +rostroten Dünsten. Hoch oben segelt eine goldumsäumte Wolke durch das +dunkelnde Blau in der Richtung gegen Granada. Blaßflimmernd gräbt sich +der erste Stern aus dem Nichts. + +Da blickt der scharfäugige Wächter Malik hinter einem Felsblock nach +dem Felssteig. Seine Miene spannt sich, seine Hand greift nach der +Armbrust. Saffana späht hinab -- erschrickt -- + +Ein Mann klettert herauf, wie gehetzt von bösen Dschinnen. Saffana +durchfährt es blitzartig -- das ist -- „O Rose von Andalus,“ flüsterte +sie über das starrende Gesicht der Herrin hin -- „bade dein Antlitz im +Licht des Glückes -- es kommt jemand --“ + +Reija drückt die Hand jäh ans Herz. „Eswer Ben Zerragh!“ Wie warme +Meerwellen flutet es über sie hin, löst etwas in ihrem ermatteten Leib, +daß er sich aufrichtet in gespannter Neugier. Ist er’s wirklich, dessen +Bild von Zeit zu Zeit in ihrem Geist aufgetaucht war, umglüht von der +Erinnerung an den Zauber der scheuen Werbung? Wo trieb er sich rastlos +irrend umher? Wer wies ihm den Weg herauf? Sucht er, ein Verfolgter, +wieder die Höhle auf oder weiß er, daß sie hier? Verwirrt eilt sie in +die Höhle und gibt Saffana ein Schweigezeichen. + +Der Maurenjüngling klettert durch den abendlichen Schatten heran -- +schwingt sich über Fels und Platte -- erklimmt den letzten Steinabsatz +vor der Höhle. Und nun starrt er in die schreckfrohen Augen der +Sklavin. „Du --?“ Er tastet mit den zuckenden Händen nach ihrem Kleid. +Da gewahrt sein Adlerblick den Wächter hinter dem Felsblock. „Bei Gott +dem Erhabenen, wem gilt die Wehr und Wache?“ + +Saffanas stummer Blick sagt ihm alles. + +Der Abencerrage kriecht auf den Knien an die Höhle heran. Seine Augen +sind voll Wasser, sein Gesicht brennt von Glutwellen. „Ich weiß, was +dieser Tage in Granada geschehen --“ bebt er leise, wie in Ehrfurcht. + +„Darum darfst du hier nicht weilen, Eswer Ben Zerragh.“ + +„Er darf,“ klang es jetzt weich und traurig aus der Höhle. „Es steht +geschrieben -- Allah akbar.“ Am dunklen Eingang der Höhle leuchten +Reijas Augen. Schwach wie eine Binse lehnt ihr schlanker Leib am +Gestein. + +„Wer ist der Mann?“ fragt der Abencerrage, beunruhigt auf den alten +Waffenmann zeigend. + +„Der Treuesten einer,“ sagte Reija. Und ihr Blick überfliegt die +verwahrloste Gestalt des edlen Kömmlings. „Gottes Wille hat dich Wege +des Unheils geführt, deine Wangen sind hohl --“ + +„Ich habe wenig zu essen in den Bergen und flüchte von Höhle zu Höhle, +immer höher dem Eis nach. Die Ratschaften verbergen mich, so gut es +geht, vor den spanischen Schergen. In Almeria ist man auf meine Spur +gekommen, eben als ich nach Afrika hinüber wollte. Ich mußte zurück in +die Alpujarras -- aber was soll mein armselig Schicksal -- die Tochter +meines Königs ist in Not --“ Mit der Überschwenglichkeit seines jungen +Lebens warf er sich zu ihren Füßen hin. „Man verfolgt dich -- die +Maurendörfer sind voll davon -- du hast den Priesterteufel Leon +erwürgt --“ + +Das Grauen stieg Reija in die Kehle und sie schrie auf. Die furchtbare +Nacht erhob sich aus dunklen Tiefen. „Leon -- hat unsre Seelen -- +gemordet -- ich hab’ -- seinen Leib --“ + +„Die Tat ist groß,“ erschauerte Eswer in Bewunderung. „Laß uns stark +werden, und wir werden es dir danken. Du bist Christin geworden, +Tochter Boabdils?“ + +„In meinem Herzen loht der Glaube und das Blut meines Vaters. Der +Christenglaube machte mich elend. Er ist schön, aber den, der ihn mir +predigte, hat Schaitan vernichtet.“ + +In der Höhle brannte das Feuer, beizender Rauch schlich aus dem +Gestein. Reijas Leib löste sich als Schattenriß aus der rötlichen Glut +der Höhlenöffnung. „Warum bist du hierhergekommen, Eswer Ben Zerragh?“ + +„Ich ahnte, daß dein Weg hierher führe, und bin gekommen, dir zu +dienen.“ + +„Wie willst du mir dienen, der du selbst verfolgt bist?“ staunte sie +ihn an. + +„Du hast recht -- wie soll ich dir dienen? Was helfen jetzt Hikmet, die +Lehren der Weisheit? Aber laß mich sinnen -- vielleicht läßt uns Gott +einen Ausweg finden.“ Er setzte sich auf den Felsblock und stützte das +Kinn in die Hand. + +„Weißt du etwas von Abu Atir?“ fragte sie hastig. + +„Er ist wie von Gottes Hauch weggeblasen aus der Welt,“ sagte er +traurig. + +„Oh, wenn er die Berber aus Maghreb übers Meer führte! Sein Glaube +macht aus Wüstenhasen Löwen. Wenn er wüßte, was ich leide, er würde +Heere aus dem maghrebischen Sand stampfen. Insch’allah!“ Ihre Augen +glänzten in rührender Not. „Eswer Ben Zerragh -- dein Geschlecht ist +hehr und groß, bei dem Ehrennamen deines Geschlechtes -- hilf einem +Menschen aus schwerer Gefahr!“ + +Eswers Brust hob sich gewaltig. „Einen Almansor will ich aus mir +machen, diene ich dir damit, Königskind!“ + +„Almansor war nur ein Schlachtenheld, du sollst mehr tun, du sollst +dich selbst besiegen, Abencerrage. Höre, es geht nicht um mich.“ + +Da schnellte er empor. Selbst im schwachen Licht des Mondes sah sie +sein verstörtes Gesicht. „Es ist der Feta, von dem gesprochen wird, daß +Gott sein steinernes Herz weich gemacht hat wie Wachs.“ Reija wandte +sich erglühend ab. Da wußte er es und flüsterte traurig: „Ist es also, +daß du mit ihm fliehen möchtest ins süße Tal von Mohabera, wo Liebende +nichts als ihre Stimme hören? Du liebst den Feta, den Habib deines +Herzens?“ + +Durch ihren Körper zuckte der Schmerz, durchsüßt von Liebesglück. +„Ich liebe ihn -- Don Pedro de Solar -- und solange Adler ihre Kreise +ziehen, werde ich ihn beweinen. Aber ich will ihn befreien.“ Ihre Hand +griff nach seinem Arm. + +Sein Gemüt durchwogte Leid. Und er warf es offen vor sie hin. „O Rose, +süße Königin der Menschenblumen, weißt du es nicht, daß mir deine +Wimpern Dolche wurden und deine Blicke Pfeile? Ich sah dich und stand +in Flammen wie Jakob, als er Rahel sah.“ + +„Unselig ist mein Wesen, denn es badet die Menschen in Leid,“ jammerte +Reija, und durch ihre Schultern zuckte der Schmerz. + +„Dein Wesen ist Maessema, das himmlische Wasser. Es brachte mir +Erquickung im Leid der Verfolgung. Und ich flehte zu Gott in stillen +Stunden, daß er mir schenke deine Hände, deine Brüste, deinen Schoß. +Vor dieser Höhle sog ich einst deines Atems süßes Ambra ein, während +du schliefst, und deiner Locken Pracht umnachtete mich, und von deinem +Mund zogen Ströme von Glück in mein jubelndes Herz, nimmer dürstete +ich nach dem Tau der Paradiesesmädchen und nach ihrer Brüste lockendem +Spiel. Und als du am andern Morgen nach Granada zogst und mein Elend +zurückließest, sandte ich dir meine Lieder nach, gesammelt aus den +Tränen der Liebe, und ich trotzte der Gefahr und stieg verkleidet in +die Raubtierhöhle Granada und sang vor dem Alkazar mein sehnendes Herz +aus in der Nacht --“ + +„Ich weiß es, Eswer Ben Zerragh,“ sagte sie leise, von Mitleid +durchrüttelt. + +„Und ich tötete einen für meines Volkes heiligen Glauben, wurde +ergriffen und schmachtete im Turm --“ + +„Und wer befreite dich, Maurenfürst?“ Im hellern Mond leuchtete ihr +Auge auf. + +„Du warst es -- und das gab meiner Liebe neue Nahrung.“ + +„Nimmer hätte ich’s tun können, wäre er nicht gewesen. Don Pedro de +Solar litt es um meinetwillen. Er warf seine Eifersucht auf dich und +ließ es doch geschehen. Er nahm Schuld auf sich im Übermaß der Liebe +und befreite seinen Nebenbuhler. Sag’ das den maurischen Männern, +wohin du kommst. Er ist so groß und hehr. Und nun öffne dein Herz -- +wie will es ihm dieser Nebenbuhler danken?“ + +Der Maure fühlte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. „Bi nefsi! Gott +lenkt wunderbar,“ flüsterte er betroffen. + +„Das tut er, aber du sollst dir doch den Mund waschen, bevor du seinen +Namen aussprichst, denn du bist undankbaren Herzens, wenn du nur Worte +machst.“ + +„Der Allmilde erhob sein Auge und rettete mich vom Tod und sandte einen +leibhaftigen Engel -- und ich haderte mit ihm und goß meiner Seele +Unrat in die Tränenschale. O Mädchen, du lehrst mich einen seltsamen +Weg wandeln, an dem wenig Blumen stehen.“ + +„Soll dich ein Christ mit Großmut schlagen?“ fachte sie seinen Stolz +an. „Er hätte dich töten lassen können, aber er schloß die Augen, auf +daß dein Fuß frei gehen, dein Herz jauchzen könne, wiewohl er wußte, +daß du mich liebst. Und nun willst du einer von den Fossaha sein, den +Wohlrednern, die sich auf keine Tat verstehen?“ + +Eswers Herz lag im Bann des edlen Gedankens, und doch wütete der +Liebesschmerz darin. „Mädchen, wer sagt dir, daß mir Gott die Kraft +geben würde zu solcher Tat, vor der alle Liebhaber zurückschauderten? +Ibn Chazim bin ich, der vergebens liebte und seinem Mädchen doch nicht +zürnen konnte, weil sie ihn verschmähte. Er folgte ihr wie ein Hund und +sang seine Lieder in die des andern hinein, der glücklicher war als er. +Sang, bis seine Seele todmüde war von Liebesschmerz. Segne deinen Ibn +Chazim! Er wird sich erniedrigen, der Mohadschil deines Brautbettes zu +sein, der bei eurer Liebesnacht Wache hält. Das gereichte Honigbrot +soll ihm das Fieber des Herzens stillen. O Mädchen, was soll ich tun? +Soll ich den Pfeil schnitzen aus dem Hirmbaum und seine Peiniger töten +aus dem Versteck? Soll ich seine Wächter des Nachts überfallen und die +Türen seines Kerkers sprengen? Soll ich die Mauren aufrufen zum Kampf +für einen Christen? Werden sie ihre Lanzen mit Blut röten? Mohammeds +Glaube beflügelt keinen Geist und keinen Fuß, wenn es den Kampf für +einen Ungläubigen gilt.“ + +Reija machte zornig eine abwehrende Bewegung mit dem Arm. „Schweig, +Besonnener. Die List kehrt nicht bei stumpfen Geistern ein. Laß unsere +Gedanken ruhiger gehen. Morgen kommt Jusuf, ein Hirte aus Granada. Don +Pedro de Solar hat einen wackern Freund, zu dem habe ich ihn geschickt. +Ich bin erschöpft. Laß uns essen. Sei zart zu mir, denn ich bin +hilflos.“ Sie wandte sich nach der Höhle. + +Bald darauf aßen sie von dem Ziegenbraten und den Garbanzos, den +Kichererbsen. Es war das Hirtenmahl für ein Königskind. Dann hüllte +Saffana die weichen Glieder der Herrin in die Schlafdecke. Im schwanken +Feuerschein wechselte das Licht auf dem leidgezeichneten Gesicht der +Maurin. Der letzte Qualm rauchte auf, verringelte und erstickte, +Menschen und Gestein versanken in Nacht. + +Der Abencerrage legte sich wieder vor die Höhle hin wie damals, da +er ihres Atems Hauch zum erstenmal eingesogen. Der Schmerz um seine +verlorene Liebe flocht dunkle Kränze in sein Gemüt. Über ihm kreisten +im ruhigen Geleise die Sterne um den Pol und der Mond ließ sein Silber +in die Nacht tropfen. Es war so still, als ginge Gottes Odem fühlbar +über die Berge. + +Da gebar die Nacht einen funkensprühenden Stern, der sich in erhabenem +Bogen über das halbe Firmament schwang und dann in dem Gefels zerbrach. +Eswer deutete das Himmelszeichen als einen Hoffnungsstrahl, den Gott +gesandt. -- + +Als Eswer die Augen öffnete, saß schon die Sonne zwiegespalten auf +dem gegenüberliegenden Grat. Bald darauf kletterte der Hirte Jusuf +die Felsen herauf. Der Bergwind nahm die Backen voll, als wollte er +alles Gestein zerschlagen, er splitterte scharfe Brocken vom Leib des +Gebirges ab, rauschte durch die einsamen Stauden, daß sie wie arme +Sünder am Totenpfahl hin und her baumelten. Der Schweiß perlte über +des Hirten Stirn. Er warf sich vor Eswer nieder, den er als alten +Bergfreund erkannte. + +Reija flog ihm vom Lager entgegen. Ihr Blick versuchte ihm die Worte +vom Mund zu reißen. Jusuf vermochte kaum Atem zu schöpfen. „Die +Christen -- feiern -- Ostern -- hört ihr’s alle? Da sollen nun -- +Ketzer brennen.“ + +Ein herzzerreißender Schrei durchschnitt die Bergstille. In den Armen +Saffanas lag, zitternd an allen Gliedern, das Königskind. Eswer sprang +angstvoll heran. + +Der hastige Schwätzermund kramte alle Neuigkeiten heraus. „In den +Carceles liegen die Gefangenen. Man kennt noch keine Urteile. Aber auf +der Bibarrambla zimmern sie Gerüste. Quemadero nennen sie den Platz, wo +die Scheiterhaufen stehen sollen.“ + +„Daß dich Schaitan! Schweig, du Affenreiter, du stinkiges Kamel, siehst +du nicht --?“ Eswer stieß den Hirten unsanft weg. + +Doch Reija wand ihren Leib aus der Schreckenslähmung. „Alles will ich +wissen. Spricht man -- unter den Moriskos -- von dem Grafen -- de Mora?“ + +„Er soll auch -- unter ihnen sein.“ + +Ein erstickter Schrei -- ihr Arm tastet nach seinem -- + +Da versteht der Hirte. „Die Moriskos reden gar viel -- Gott erkennt die +Wahrheit.“ + +„Was -- reden sie -- über den -- Grafen?“ + +„Sie wünschen ihm zehn Hürden vollgepropft mit Kamelen. Sie beten für +ihn, daß er nicht ins Feuer muß.“ + +„Hörst du es, Eswer -- sie -- beten -- für ihn, daß er nicht --“ jedes +Wort würgt sich langsam aus der Kehle. „Und einst -- hat er sie -- gar +hart geschlagen -- aber nun hat er -- für sie -- gesprochen -- das +vergessen sie ihm nicht --“ Und plötzlich fährt es wie ein Sturm in sie +und sie springt auf. „Und wir liegen da in den Bergen und wehklagen +-- Eswer Ben Zerragh -- zu Ostern brennen Scheiterhaufen in Granada. +Sollen wir im Gebirge den Widerschein am Himmel sehen und ohnmächtig +auf den Knien liegen? Gebet und Tat retten ihn!“ Ihre verschluchzten +Augen strahlen in Begeisterung. + +„Was verstehst du unter Tat?“ fragt Eswer bestürzt. + +„Ihn befreien -- oder mit ihm untergehen.“ + +„Wahnsinnige! Hast du die Künste eines Magribi, eines Zauberers, +gelernt, um so Unmögliches zu vollbringen? Wo ist unsere Stärke?“ + +„Unser Wille ist sie!“ flammt Reija auf. „Gott läßt Gnadenströme über +einen guten Willen fließen.“ Sie schüttelte sich wie ein Fohlen, das +die Kandare abwerfen will, und ihre Gebote, von der Gewalt ihrer +Vorsätze getrieben, brachen gleich Bergwässern aus ihrer Brust: +„Saffana! Malik! Jusuf! Die Maultiere gepackt! Mir ein ledernes Kleid! +Alpargatas! die Faja um die Hüften, den Dolch! Ihr alle mit als +Maultiertreiber! Oder als Schahhad! Wir führen Erz oder Obst aus der +Sierra, wir verstecken unsere Absichten, unsere Geldtasche, unsern Weg.“ + +Da bäumte sich Trotz und Eifersucht in dem Abencerragen auf. „Du darfst +nicht von hier fort, Königskind!“ + +„Feiger Feta! Ich will dich zu einem Abu Turab machen, zum Vater des +Staubes. Ich jage dich mit der Navaja in diesen Abgrund, wenn du mich +hinderst. Meinen Geist leitet Thar, die Rache!“ + +„Es ist Wahnsinn, was du treibst. Wie willst du die Ringe von Wachen +zerbrechen?“ + +„Hernando wird helfen -- er war sein Freund -- Osuna und Orgaz, Freunde +der Mauren, und gewaltig im Wort und mit den Waffen --“ + +„Sie sind machtlos gegenüber Priester und Königen, es geschehen keine +Hirtensiege Davids mehr, die Schwachen müssen unterliegen.“ + +„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen. +Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände +rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in +die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern +gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin, +daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder +vom Herzen reißen wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit +Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden +wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum +Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis +nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich +will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit +einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das +Kampflied der lakhmitischen Frauen?“ + +Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer, +dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu +enden, was sie litten -- Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend, +daß die Locken zittern --“ + +„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes +hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist +mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln, +bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer +ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast +nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben +dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so +brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum! +Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken +der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu +lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt +der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen +Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht +werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und +wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens +keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“ + +Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen +mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir +und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein +Trinkgenoß.“ + +Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen +Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott +Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana +und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr +sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die +geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der +Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie +lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija, +die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz +wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre +Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn +Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“ + +„Das Zeichen?“ + +„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen. +Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an, +truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird +die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die +Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das +übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe +der Bibarrambla bereit.“ + +Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh +soll der Ritt aus Cañor gewagt werden. + +Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele, +die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija +starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der +Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen +aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite +Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der +Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren +Gipfel ersteigt. + + + + +Sechsunddreißigstes Kapitel + + +Durch den dunklen Gang des Inquisitionsgefängnisses schreitet eine +Frauengestalt inmitten zweier Wachsoldaten. Vor einer Tür wo ein +stämmiger Lanzenknecht breitbeinig Wache hält, bleiben die Wächter +stehen. „Hier ist die Zelle.“ + +„Ausweis?“ fragte der Lanzenmann. + +Einer der Begleiter weist ein Papier vor. „Königliche Vollmacht.“ + +Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren -- Leonore de Uceda tritt +allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu, +mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor. + +Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf +schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem +Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine +gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der +Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine +Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat +einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der +schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen +sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis +der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum +imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein +leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert +vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen +umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran. +Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut +aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät! + +Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie +zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was -- will -- dieser Schritt +-- hier?“ + +„Graf de Mora -- ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als +fürchtete sie das Tönen ihres Herzens. + +„Wer -- gab Euch -- ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter +der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft. + +„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein +Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“ + +„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten +Augen. + +Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der +Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten. + +„Hat Euch -- der König -- geschickt? Will er mir -- Gnade -- schenken?“ + +Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn +Priester die Lenker sind.“ + +„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade -- von -- +Ximenes?“ + +Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel +hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“ + +„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“ + +Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum -- habt Ihr +-- das Unselige getan?“ + +Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’ +doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken +über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin +geworden -- das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß, +wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“ + +„Das -- könnte -- wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens +zerstückelte jeden Satz. + +„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele +der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die +Ewigkeit?“ + +„Ich will -- Vergebung -- von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust. + +Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue +heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das +Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“ + +„Doña Leonore -- Ihr häuft Rätsel auf die meinen -- helft sie mir +lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus +den Fragen des Inquisitors -- ich kenne auch nicht den Namen meines +neuen Henkers -- wo ist Leon?“ + +„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“ + +Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist +Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“ + +Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern +das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“ + +Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet +sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte +aus seinem Innern. „Sie -- ist -- gerettet?“ + +„Geflohen!“ + +Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei -- wie +Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre +Worte brechen sich aus seinem Hirn. + +Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der +Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine +Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte +er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein +tropfen. „Reija -- geflohen! Oh, barmherziger Engel!“ + +„Ihr -- liebt sie -- noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer +Kehle. + +„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“ + +„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“ + +„Bei den ehernen Himmeln! Weib -- wer blies dir das ein?“ Er starrt sie +an. + +Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt +es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie +dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das +Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein +wankendes Christentum an?“ + +Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija -- Reija -- mich +verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija -- mich verraten? +Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß +Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den +Polen gleiten, und ich will die Mär glauben -- den Verrat Reijas +glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre, +wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn +schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei +dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner +Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den +armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten, +Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit -- oh, der Wille des +Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von +Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel +waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz -- über +ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen -- Doña +Leonore -- wie muß sie gelitten haben -- sie, vor der der Windhauch +in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das +Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den +zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring, +der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben +die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich +eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie +hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren +Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand ich vor +dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib -- Weib -- letze +meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht +zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung! +Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene +Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und +Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien -- +die Drachen der Inquisition Deza, Lucero -- sie krümmen ihre Leiber im +Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! -- -- Du schweigst? +Deine Augen trauern hinter Floren -- deine Blicke schreien: nein!! So +triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“ + +„Ungebrochen ihre Kraft -- König und Königin ohnmächtig -- die +rebellischen Granden sind gefangen -- nach Toledo geführt --“ + +„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf. + +„-- Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva -- und dein Freund +Hernando --“ + +„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen +Stock hin. + +„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen +heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé -- dort +überraschten sie die Schergen des Ximenes -- der weltliche Rat wird ihr +Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“ + +Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien -- +wimmernd in Ketten -- der Geist der Besten -- hört den Freiheitstraum +verrauschen -- sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen +durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes +Lachen -- zerbrochen durch das Schicksal des Freundes -- so werden sie +dich peinigen wie mich -- bis du mürbe geworden -- Leonore -- sag’ -- +du bist der einzige Bote aus der lichten Welt -- sag’ -- was beschließt +man über mich?“ + +Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und -- +morgen -- wird man es dir -- verkünden.“ + +Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand. + +Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort. + +„De vehementi --? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen. + +Wieder sank ihr Haupt auf die Brust. + +Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das +Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um +seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren +halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein +Auge ins Dunkel. + +Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro -- ich +habe die Macht, dich zu befreien.“ + +Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die +plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid +geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des +Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine +Hände griffen in die trüb erhellte Leere. + +Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des +Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde +Liebe aus deiner Brust -- Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge +nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du +graß? Dein Auge ist Entsetzen -- weg von dir schattet der Todesengel +und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich +kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines -- alles liegt +zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem +kalten Lächeln belohnst -- Pedro, Pedro, -- Geliebter! Einen Tautropfen +von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine +Leonore -- sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt: +ich liebe dich!“ + +Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam +bröckelt es sich ab: „Liebst du -- mich -- wirklich -- Doña Leonore?“ + +„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, sie +schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“ + +„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird -- +entsagen.“ + +Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren +Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts. + +Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in +die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija -- hörst du es, Weib? Schaff’ +mir Pferd und Schiff -- mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“ + +Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro? +Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren -- und +ich rette dich.“ + +„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine +Königslaune hättet verwenden können.“ + +Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So +willst du sterben, Don Pedro?“ + +„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen +segnen.“ + +Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem +aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen +malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner +Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“ + +Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen +Gliedern. + +„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen +Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept -- Leon hat es +bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten. +„Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen +vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich +mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir +ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die +Hölle meines Hasses.“ + +Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand +und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder +durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger +verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine +Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen, +dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein +käfigbefreiter Parder aufspringen -- aber die gefolterten Beine +knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung, +klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich +Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem +die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von +seinen Lippen. + +Die Wache trat ein. „Die Zeit ist um.“ + +Mit einem Blick gesättigten Hasses, den Körper hochgestreckt, verließ +Doña Leonore de Uceda die Zelle. Kein Mitleid klopfte mehr an ihr +Herz. Priester mordeten um des verzerrten Glaubens, sie um ihrer +versengten Liebe willen. Bei diesem Opfer hatten sich beide Henker +die Hände gereicht. Und Don Pedro de Solar fühlte mitten im Toben der +Verzweiflung: aus diesen Fangarmen der Hölle gab es kein Entrinnen +mehr. Grausig wie ein gespenstischer Spuk stiegen vor seinem Auge die +Rauchsäulen des Ketzerfeuers empor. Aus der grauenhaft gepreßten Stille +sprang plötzlich ein furchtbarer Schrei. + + + + +Siebenunddreißigstes Kapitel + + +Der Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt, +liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes, +den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien +fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich +die Hölle wie toll. + +Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero +von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren Ostersonntag. +Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der +Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des +ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der +Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das +als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien +wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen +und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des +reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in +den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die +Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch +haßverseuchter Richter beleidigt werden. + +Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das +Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch +die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche, +Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen +durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der +Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden. + +In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die +Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten +Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte +Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen +einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte. + +Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge, +ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den +Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der +königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und +Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor +dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit +Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis +zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer +harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die +die siegende Macht des Christentums künden sollen. + +Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt +von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem +das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem +schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist. +Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die +andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt +sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die +nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch +psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf +daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten. +Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre +Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor +den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von +Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze +Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der +Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen. + +Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig +Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend +geworden. Aber auch das Gerücht hat sich -- trotz aller Geheimhaltung +-- Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden +soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln. +Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den +Schergen, die in der Menge verteilt sind. + +Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter. + +„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein +Schuhflicker ein paar Zudringliche. + +„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut +sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur erbarmen sie mich in +der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen +werden?“ + +„Ihr seht doch dort das Holz.“ + +„Es sollen sechs brennen --“ + +„Nur einer, höre ich.“ + +„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein +Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei +der Verbrennung, Gevatter?“ + +„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt +nicht?“ + +„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen +ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute. + +„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“ + +„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu, +„aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der +Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein --“ + +„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht +von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de +Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“ + +„Es bereitet sich was vor, es liegt am Tage.“ + +„Seht, sie pflanzen das grüne Kreuz auf! Gott rette uns!“ + +„Ich gehe, ich gehe -- der Weihrauch drückt mir in der Kehle. +Vielleicht macht mich auch das dicke Blut so furchtsam.“ + +„Die Dominikaner sagen, wer nicht dableibt, ist nicht rein im Glauben.“ + +„So bleib’ ich denn, aber ich will wegsehen. Gott steh’ mir bei!“ + +„Gleich wird die Messe beginnen!“ + +„Wo ist Ximenes? Nun werden wir Lucero sehen, den Cordobaner. Gottes +Licht liegt in seinem Namen.“ + +„Er ist ein wahrhaftiges Licht, das den Glauben reinigt und alles +Unrechte verbrennt.“ + +„Aufgepaßt! Königliche Reiter! Als ob wir nicht genug davon hätten! Eh +-- drückt nicht so, Frau! Habt Ihr einen darunter, weil Ihr so weint?“ + +„Gott weiß, wie rein unser Haus ist. Aber muß man nicht weinen um ihre +armen verführten Seelen?“ + +„Die Moreria hat ihr ganzes Gelichter ausgeworfen, es ist alles voll +von Burnussen. Unsere Priester könnten den ganzen Genil als Taufwasser +über sie schütten, sie würden doch Mohammeds Paradies glauben.“ + +Reiter schaffen Platz für den Zug. Da und dort ein Aufschrei aus einer +allzu bedrängten Brust. Angst und Neugier spannen die Gesichter. Die +Glocken beginnen zu läuten. Das Stimmengewirr sucht den Schall zu +übertönen. Beim Eingang einer Gasse senken sich die Standarten der +königlichen Reiter -- Ximenes naht! + +„Der Primas! Der Gobernador! Da seht -- Talavera! Ah! Ah! Er hält sich +kaum aufrecht! Ximenes kommt! Ximenes!!“ + +Der Erzbischof ist bleich wie Wachs, aber sein Auge brennt, als wollte +er mit diesem Feuer allein zehn Ketzer versengen. Im schlichten +Franziskanerkleid schreitet er daher, ganz langsam, das Haupt +gesenkt, die Lippen bewegen sich im Gebetmurmeln, ringsherum flirren +die Rüstungen seiner Leibwache. Wie eine Meereswoge wirft sich das +gaffende Volk von rückwärts an die Soldatenmauer heran, um den +Streiter für den Glauben zu sehen. Die Sombreros fliegen vom Kopf, +die Hälse strecken sich, hinter dem Wall von Lanzen wogt es hin und +her. Dem Toledaner folgt die granadinische Klerisei, paarweise, Gebete +murmelnd. Dann kommen die Granden, geführt von dem andalusischen +Geschlecht der Herzöge von Medina-Sidonia, alle in den schwarzen, +enggeschnittenen kastilischen Trachten, von Knappen begleitet, während +die Frauen in einer eigenen Gruppe, von den Ehrendamen flankiert, in +hochgeschlossenen Gewändern, den Hals von der steifen Krause umengt, +mit züchtig gesenkten Augen daherwandeln. + +Unter ihnen schritt auch Doña Leonore de Uceda. Das schöne Antlitz war +von dem Laster des Neides und den Qualen der Selbstanklage entstellt. +Jeder Schritt schmerzte sie in den Knien, und sie glaubte unter der +Last ihrer Schuld zusammenzubrechen. Neben ihr ging mit stolz erhobnem +Haupt der Graf de Castro, ihr neuer Liebling, der sich über ihre +leidenschaftliche Liebe zum Grafen de Mora mit dem Lächeln des Stoikers +ebenso hinweggesetzt hatte, wie über die durch eine Königsliebe +beschädigte Tugend des Weibes. + +Das Glockengeläute schwillt neu an. Ohnmächtige Frauen sinken im +Gedränge nieder, man kümmert sich nicht um sie, Augen und Hirne spannen +sich nach dem Gassenloch. „Sie kommen!“ Wie aus Grabestiefen erklingt +jetzt mißtönig der klagende Gesang des Miserere. Ein Glutwind schwingt +plötzlich seine Peitschen über die Stadt. + +Aus dem Schattenwinkel des Platzes bohrt sich der dunkle Wurm. Zwei +Kohlenbrenner, mit Lanzen bewaffnet, in schwarzen Leinenkleidern, wie +Gesellen des Teufels zu schauen, eröffnen den Zug. Fackeltragende +Dominikaner unter Anführung des Kreuzes folgen den schwarzen +Riesengestalten. Dann schaukelt die rote Damastfahne der Inquisition +mit dem lorbeerumschlungenen Degen aus dem Schatten ins Licht. Dann +wieder Granden und Familiares des Tribunals -- und nun doppelt umreiht +von Lanzenknechten die von der Kirche verdammten, meist armen Moriskos +im grauen Sanbenito, auf dem Haupt die spitze Inquisitionsmütze. Auf +dem fahlen Schandkittel flammt grellrot das Andreaskreuz über Brust +und Rücken, in den Händen tragen alle brennende Kerzen, zuerst gehen +die gelinde Verurteilten, dann kommen die zu Geißelnden, die mit der +Galeere und dem Gefängnis Bedachten, drei Särge, in denen die Gebeine +derjenigen ruhen, die aus der Friedhoferde gescharrt wurden, weil sie +nach ihrem Tod der Ketzerei schuldig erkannt wurden und nun als Tote +verbrannt werden sollen. + +Und jetzt -- die Gemüter sieden, die Stirnen schwitzen vor +todeslüsterner Neugier, und über die Rücken rieseln die Schauer -- jäh +prallt die Masse an die Spaliere heran -- er kommt!! + +Zwischen zwei Dominikanern, gefolgt von zwei Familiares, hinkt, +ein Bild des Jammers, ein harlekinisch gekleideter Mensch. An +seinem gefolterten, zum Schreiten fast untauglichen Leib hängt ein +weitgeschnittenes Sanbenito, das mit Teufelsfratzen und Flammen bemalt +ist, und auf dem schwarzhaarigen Haupt sitzt die hohe kegelförmige +Coroza aus Pappe, ebenfalls mit Flammen bemalt. Das Antlitz ist +verwildert, durch die Tortur entstellt, von Jammer und Gram zerfressen. +Niemand kennt ihn, bis aus der Gruppe der Granden sich der Ruf +losschnellt: „Mora! Mora!“ Der Name züngelt von Mund zu Mund, und +bald summt und wispert und schallt es über den Platz: „Mora! Mora! +Mora!“ Herzen zittern, Augen füllen sich mit Tränen, Gewissen hämmern, +Angst jagt von Brust zu Brust. Die grausige Gewißheit, durch das +Flammen-Sanbenito besiegelt, wirft ihren Brand in alle Herzen. Was muß +er verbrochen haben, um so verdammt zu werden! Frauen schluchzen beim +Anblick ihres entstellten Lieblings, den sie wie den Cid durch die +Gassen reiten sahen, heldenhaft, ernst und streng. Und nun alles durch +Kerkerqual und Tortur gebrochen, der ganze Mensch eine halbe Leiche, +der daherwankt, gestützt von dem Helferarm eines „liebenden“ Bruders in +Christo. + +Und nun fahren Kreuzigungsschauer durch die bebenden Herzen der Massen: +Lucero inmitten seiner Dominikaner! Ein scharfgeschnittener gebräunter +Kopf mit der andalusischen Adlernase sitzt raubvogelartig über der +Kutte, stechende kalte Augen sind die Schilder seiner Verstandeskraft, +der harte Mund kündet die Unerbittlichkeit seiner Entschlüsse, die +hohe Stirn verrät Geist und Tatkraft, und seine Haltung spricht jeder +mönchischen Demut Hohn. Die blutvollen Lippen murmeln Todesgebete, die +klanglos im Gesumme der begleitenden Priester ersterben. Alles in allem +ein ungebändigter Geist, der gewohnt ist, an den Gebilden des Hasses zu +weben. + +Auf allen Lippen schwebt es: das ist er! Mit knapper Not ist er vor +wenigen Wochen dem großen Rächer Tod entschlüpft. Als er einen Brief +öffnete, fiel weißer Staub heraus, der ihn beim Einatmen bewußtlos +machte. Wie gnädig war da Gott! + +Die Verurteilten werden auf der Tribüne zu einem Klumpen +zusammengepfercht. Die Glocken schweigen. Aus einer Menschengruppe +ertönt Schluchzen: Angehörige und Freunde eines Ketzers klagen um +den geliebten Mann, der da oben, ewiger Schmach preisgegeben, im +Schandkittel steht. Angst flattert durch die Brüste, und bang steigt +die Frage auf: Werde ich das nächste Mal nicht auch da oben stehen? + +Das Glöcklein zur Missa aurea erklingt. Ein Dominikaner bringt das +Altaropfer unter dem bangen Schweigen der Menge. Nach dem Evangelium +liest Ximenes an Königs Statt den feierlichen Schwur, alle Ketzer +auszurotten und die Inquisitoren zu unterstützen. Nie flog ein Eid +inbrünstiger himmelwärts, des Erzbischofs Augen leuchten, als hätte +sie Gottes heiliges Feuer entzündet. Das Volk hebt die Hände auf und +schwört mit seinem Seelenhirten, die Ketzer vertilgen zu helfen zur +größeren Ehre Gottes. Amen. + +Ein neuer Dominikaner besteigt die Kanzel, Glaubensfeuer sprüht aus +seinen Augen, sein Haupt umstrahlt voller Sonnenschein, als wöbe der +Himmel seine Gloriole um den Streiter. Er spricht beredsam von den +Gnaden des ewigen Gottes, von der Unverletzbarkeit der niedrigsten +Seele im Liebesbereich der Allmacht, von der Barmherzigkeit der +Kirche, die aber nicht umhin könne, die Augen offen zu halten für das +Zerstörungswerk des Teufels. Er tischt mit tränenerstickter Stimme +Bibelstellen auf, die die Verfolgung der Ketzer heischen, und verdammt +die Zweifler, die in das dreieinige Gottheitsdogma nicht den Weg finden +wollen. Er bittet Gott um Erleuchtung der Irrenden, um Vergebung +für die Bereuenden und um Segnung der Buße. Und dann strotzt sein +Predigerwort von erbarmungsloser Härte, es zielt wie hundert Dolche +nach den Brüsten und stöbert die Furcht in den Herzenswinkeln auf, daß +sie den ganzen Menschen durchrüttle. Katholischer Glaube, Reinheit +und Einheit der Religion -- mit diesen Wesenheiten durchsättigt er +seine Erbauungspredigt, wirft aber zum Schluß aufs neue die Gewitter +seiner Glaubenstollheit in die erregten Hirne, daß sie vom Übermaß +haßerfüllter Vorsätze zu bersten scheinen. Die Opfer auf der Tribüne +der Verdammnis weinen still vor sich hin, denn sie fühlen den Stachel +in ihrem Herzen wühlen, der gegen ihr Tun und Treiben gerichtet ist. +Wie ein Rudel Lämmer stehen sie zu zusammengeklumpt, zweiundvierzig +verurteilte Männer und Frauen und ein vierzehnjähriges Kind, das „Gott +gelästert“. + +Der eine aber, der Narr und Verbrecher zugleich schien, stand +abseits des Klumpens, und das zermarterte Gesicht, das die Sonne +erbarmungslos überglühte, verklärte sich mählich unter dem Abglanz +hoher Gedanken, die nicht durch des Dominikaners Wortgeißel +aufgepeitscht wurden. Die Schande, grell ins Licht des Tages gerückt, +rührte sein wundgeschlagenes Herz nicht mehr. Tröstlicher als die +wütend zuschlagende Rute des Priesters war für ihn der Gedanke +an seine unversehrte Liebe und an die Rettung Reijas. Mit tauben +Ohren stand er da, aufrecht mit seinen zerbrochnen, zerschundnen +Gliedern, die blutgeschrammte, gefolterte Stirn furchtlos dem +Geschick entgegenstreckend, das man über ihn verhängt. Und während +von der Kanzel die Eifererschläge hallten, öffnete er sein Herz dem +Heilandswort, das in ähnlich düsterer Stunde der Verlassenheit einst +schmerzlich-anklagend erklungen war: Vater, vergib ihnen, denn sie +wissen nicht, was sie tun. Auch diese hier haben dein Gesetz verkehrt +und deinen göttlichen Tag zur Höllennacht gemacht. Mit des Hasses +verwirrendem Getränk haben sie dein heiliges Blut durchsetzt und haben +in deinem von Barmherzigkeit triefenden Namen Gericht gehalten über +nie bestandene Schuld. O Herr, den ich geliebt wie vielleicht keiner +dieser Priester, laß dein Sonnenauge auf mir ruhen, wenn die irdische +Nacht beginnt, und entlocke mir keine Träne der Verzagtheit! Was sagte +einst Abu Atir? Jeder Mensch geht aus dem Ist in das War. Warum also +schrecken wir vor dem Natürlichen zurück? + +Wie eines brausenden Bergbachs Getöse donnert das Predigerwort an +seinem Ohr vorbei. Sein Geist erhebt sich in die Hochgefilde seliger +Erinnerung. Reijas Bild schwebt wie aus gottesklaren Sphären herab. +Das irdische Paradies, das sie ihm geschaffen, verklärt sich in +ein himmlisches, das fast islamitische Züge trägt, denn einer Huri +Lichtgestalt winkt ihm und scheint ihm ein seidnes Lager im heiligen +Auengrün zu bereiten, wo Bäche rauschen, sanfte Lüfte wehen und das +leise Geflüster in den Iraksträuchern wie süße Musik klingt. Das +greifbar schöne Bild zaubert auf sein entstelltes Gesicht den alten +Schimmer von Schönheit, und unter der Schmachmütze lächelt sein Mund, +als neigten sich tröstende Geister zu ihm herab. Er sieht den Platz, wo +er das vom Hufschlag getroffene Königskind auf der Erde zum erstenmal +erblickte, den Bücherhaufen, vor dem er Reija mit dem Degen vor einem +blindwütenden Priester geschützt, er hört ihre tiefkehlige Stimme +tönen, schaut ihre Gazellenschlankheit im Patio der Alcazaba inmitten +der Frauen im Mondlicht wandelnd, sie lächelt ihn an, hingestreckt im +weichen Pfühl, umduftet von Storax und Ambra, er entsinnt sich ihres +fröhlichen Geplauders im gelinden Gefängnis der Alhambra, er begleitet +sie zur Taufe, die ihr morgenländisches Wesen kaum berührt, verliebt +sich in die Ungebundenheit ihrer Kinderseele, in ihr Zwitschern und +Lachen und in ihren gespannten Ernst, wenn es um große Dinge ging. Ja, +ihr Herz stammt aus dem Garten ewiger Jugend und ist gesegnet von dem +Lächeln Gottes. Engelsschön hebt sich ihr Edelleib aus dem Nichts, und +die Nacht singt jubelnde Choräle zum Preis ihrer Schönheit -- + +Plötzlich Stille. Das Wort des Gottesredners ist verhallt -- Graf de +Mora schnellt aus dem wachen Traum. In den Massen hebt eine Unruhe an, +wieder tönen Jammerrufe -- dazwischen Ostergesang von Knaben, die vor +dem Altar knien, auf dem der erstandene Heiland mit der weißroten Fahne +des Sieges steht. Osterfest! Pas-cha! Bedeutete das Fest nicht einst +den Hebräern die Befreiung vom Tod durch den Würgengel? Wo das Lammblut +an die Türpfosten gestrichen wurde, dort ging der grause Seraph an +der Erstgeburt vorbei. Heute ist des Grafen Stirn mit seinem eigenen +Marterblut gezeichnet, und der Würgengel wird nicht vorüberziehen. + +Ein Dominikaner besteigt die zweite Kanzel und verkündet den +vierzigtägigen Ablaß für alle, die dem Autodafé beiwohnen. Dann liest +er Namen vor -- die Häupter der Verurteilten schrecken empor. + +„Abbas Ben Kahir ist der Ketzerei überführt, hat aber die Sekte der +Ketzer verlassen und wird in den Schoß der Kirche aufgenommen. Es wird +derselbe an drei Sonntagen mit nacktem Oberleib vom Elvirator bis zum +Tor des Albaycin durch Diener der Inquisition gepeitscht. Auch wird ihm +die Buße auferlegt, sein Leben lang weder Fleisch noch sonst etwas, +das aus dem Tierreich stammt, zu essen, zum Zeichen des Abscheues vor +seiner Ketzerei. Auch wird er zum immerwährenden Tragen des Sanbenitos +verdammt. Das Vaterunser und den Glauben hat er um Mitternacht täglich +zu beten. Die Pfarre von San Juan wird Brief und Urteil zur Überwachung +erhalten.“ + +Ein dumpfer Aufschrei, und ein kleiner, altersschwacher Morisko fällt +einem Mönch in die Arme. Er ist mit der Kirche „versöhnt“. In der Menge +heult ein Weib auf. + +„Osmin Ben Jesid ist der Ketzerei überführt ...“ + +Eintönig geht die Verlesung weiter. Furchtbare Strafen fallen auf +die Häupter der schuldig Befundenen. Zweihundert Geißelhiebe mit dem +geknoteten Lederstrick, zehn Jahre Galeere, Gefängnis, Gütereinziehung, +Bann, Verlust aller Würden -- das spitzfindige Mönchshirn hat die +grausamsten Erniedrigungen und Demütigungen ersonnen, durch die das +Leben des Verurteilten für immer zerbrochen ist. Schmach und Schande +folgten von nun an dem Unglücklichen bis an sein Lebensende. Das +Sanbenito sorgte für die Kenntlichmachung des Ausgestoßenen. Selbst die +de levi Verurteilten verloren ihr Vermögen, das dem königlichen Schatz +und der Kirche anheimfiel. + +Eine Stunde lang dauerte die Verlesung der Urteile. Wie flammender +Löwenatem fuhr der Glutwind über den Platz. Die durch Angst und Folter +zermürbten Jammergestalten fielen wie die Fliegen um, noch bevor sie +ihr Urteil gehört. + +Da -- eine grauenvolle von Schreckensstille erfüllte Pause -- dann +tönt der edle Name, hallend und scharf: „Don Pedro de Solar Graf de +Mora --“ + +Die Leiber wogen an die Spaliere der Stadtknechte heran, die Augen +aller starren nach der im flammenbemalten Gewand steckenden Gestalt des +königlichen Hauptmanns. Jetzt tritt er vor, kniet nieder und faltet die +Hände vor der Brust. + +Hell wie eine Glocke klingt das Urteil über den Platz: „... ist der +Ketzerei überführt und ist darin als ein Negativo beharret bis zur +Stunde. Die Kirche stößt den Ketzer aus im Namen des Herrn Jesu Christi +und übergibt ihn dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit mit der Bitte um +Schonung.“ + +Auf der Frauentribüne fällt eine Edeldame in die Arme einer andern. +Ihre verglasten Blicke starren nach dem Unglücklichen. Sie sieht die +Dornenkrone über seinem Haupt schweben, die sie ihm selbst geflochten. + +Graf de Mora steht reglos, die schwarzen, verklärten Augen, wie +beschattet von den Fittichen des nahenden Todes, auf den siegenden +Heiland am Altar gerichtet. + +Die zwei Dominikaner an seiner Seite sprechen in ihn ein, sie wollen +ihn noch einmal zur Abschwörung der Ketzerei bewegen. Wie Schlangen +züngeln die Worte an sein Ohr. Er drängt sie gelassen zur Seite und +will sprechen -- da hält ihm einer der Mönche den Mund zu. + +Leonore de Uceda erhebt sich aus den Zuckungen der Reue. Ihr neuer +Geliebter, der Graf de Castro, flüstert ihr erregt ins Ohr: „Doña +Leonore -- der Graf stand Euch nahe --“ + +Und sie würgt mit vorquellenden Augen die Wahrheit aus der Kehle: „Mein +Haß -- treibt -- ihn -- in den -- Tod --“ + +Der Graf schaudert zurück. „Ihr habt -- ihn --?“ + +Sie nickt mit verzerrten Zügen. „Führt mich zum König --“ + +Kalt, mit ertöteter Liebe im Herzen, erwidert Castro: „Der König wird +nicht gewillt sein, ein haßerfülltes Geschöpf anzuhören. Lebt wohl, +Doña Leonore.“ + +Die Verlassene bricht lautlos zusammen. + +Durch das dampfende Volk geht ein flüsterndes Wogen und Wallen. Aus +den dichtgeballten Haufen jagen Schreie in die stickige Luft. Auf die +Tribüne tritt der weltliche Corregidor und verkündet im Namen des +Königs das Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Gleichzeitig +donnert eine Drommete, wie vom Sendling des Todes geblasen. + +Der Graf steht unbeweglich, noch immer die Augen auf den Heiland +gerichtet. Es ist, als öffne sich durch seinen Blick die Seele und +als dringe ihr Gebet durch die schwarzen Leuchten ins Herz der +Christusstatue. Der Herr hat die Scheiterhaufen der heiligen Martina, +Columba und Katharina durch Regen gelöscht, er wird ein Wunder tun an +dem Bekenner seiner Allmacht, glüht der Glaube in dem Märtyrerherzen. +Aber der Himmel blaut erbarmungslos auf das furchtbare Gericht herab, +das seine sinnbildliche Klarheit schändet. Über dem Haupt des Grafen +ringt sich schon der Nimbus wunderbarer Reinheit aus dem irdischen +Leib, und seine Augen verklären sich aufs höchste. + +Da stößt ein Schrei aus der Menge: „Ein Rosenvogel!“ + +Während das schauerliche Miserere erklingt, fliegt über die Dächer der +Steinpaläste ein seltsamer Vogel, dessen Gefieder rosenrot im Azur +leuchtet. Die Augen der Moriskos blicken nach der wildflatternden +Riesenrose empor. Ist es der Vogel Phönix, der aus wohlriechender Asche +flog? Ist es ein Gottgesandter für die Seele des Grafen? Bedeutet er +Befreiung vom irdischen Staub? Seht -- er fliegt in die Sonne -- in den +Himmel hinein -- nein, er senkt sich auf die Dächer herab -- oh! Ay! +Magier und Deuter her! + +Alles starrt dem taumelnden Flug des Wundervogels nach. Ein seltsames +Gefühl des Grauens steigt plötzlich aus geheimnisvollen Tiefen auf und +bemächtigt sich der bangschlagenden Herzen. Unerklärliche Geräusche +erregen die bis zum Übermaß gespannten Nerven. Der flatternde Vogel hat +die Gemüter von der Tragödie des Wahns abgelenkt, und alles steht unter +dem Druck einer bangen Ahnung. + +Wieder zischen eigentümliche Geräusche auf, denen man keinen Namen +geben kann, wieder wächst die Unruhe in dem Meer der Köpfe, wieder +schreit es aus den Ecken auf, wehklagend und geisterhaft -- + +Da -- in einem Winkel des Platzes, wo schwarzverhüllte Männer +Holzscheite ordnen, zuckt eine grelle Fackel auf. + +Aber was ist das? Warum schwillt die Stickluft an? Welch siedende +Hitze! Und da drüben in der Luft -- Rauch -- stinkender, auftaumelnder +Rauch -- und der rosenfarbene Vogelleib hebt sich leuchtend von dem +qualmenden Untergrund ab. + +Mit einemmal zuckt es wie ein aufschreiender Blitz aus einer Gasse: +Feuer! Nar! Fuego! Gellendes Geschrei, tierartiges Brüllen aus +angstgepackten Brüsten, Getöse, Krachen und Splittern der hölzernen +Tribünen, klagendes Geheul, Wimmern, Jammern -- ein leinener +Schutzdachstreifen reißt ab und peitscht mit seinem Ende die Köpfe der +Sitzenden -- Schreien, Verwirrung, Getaumel -- Fuego! Nar! Gequetsche +und Geknäuel unter anschwellendem Getöse -- die Sonnenglut verdunkelt +sich durch aufsteigende Rauchsäulen -- + +Da zuckt wie ein Pfeil aus dem Dächergeschiebe im Sonnenwinkel die +erste giftgelbe Flamme auf. Feuerfanfaren treiben die aufgewühlten +Köpfe in Angst und Entsetzen. + +Ximenes, bleich wie eine Leiche, starrt in den geisternden Qualm. +Will mir der Himmel in die Arme fallen? fährt es durch sein Gewissen. +Soll das Werk der Gerechtigkeit nicht getan werden? Ist dies das +Erdbeben, das die heilige Lucia vor der Marter rettete? Von Grausen +erfaßt, bekreuzigt er sich. Dann ruft er in die ratlos auf und ab +wogende Inquisitionswache: „Helft löschen!“ Unter Anführung von Rittern +quetschen sich ungeordnete Soldatenhaufen durch die tobende Menge nach +den Gassenöffnungen. + +Häusernamen tönen durch die Luft -- Christen, Mauren drängen sich +heulend in die halbverstopften Gassen, Scharen von Wächtern drängen +ihnen nach. + +Lucero schreitet zu den Gefangenen und ermahnt die Wächter, deren +Reihen sich gelichtet haben, an ihre Pflicht. + +Stickiger Qualm würgt die Kehlen zusammen -- über niedergetretene +Frauen und Kinder, über tote und jammernde Leiber wälzt sich der +Menschenstrom. + +Himmel und Erde! Ist die Hölle los? Hier und dort und dort und hier, +überall Rauchwirbel und Funken -- wie aus unsichtbaren Schlünden +aufsteigender, den Himmel verdüsternder Qualm, untermischt von +rotbraunen und gelben Flammenfetzen, die gespensterhaft hin und her +torkeln -- in die Siedehitze prasselt und knistert es wie Höllenfeuer, +das die Sonne entzündet hat -- qualvolle Laute sirren durch die Luft, +ersticken jäh -- Todesschreie -- die Menschenhaufen verstopfen die +Ausgänge des Platzes -- prallen mit ohrenzerreißendem Geheul zurück -- + +Aus der Schattengasse des Zacatin wälzen sich Burnusse heran, +scharenweise, Fäuste schnellen in die Luft -- + +„Wache!“ schreit Ximenes erblassend. + +„Wache!“ brüllt Lucero. Und von allen Seiten dröhnt das Echo: „Wache!“ + +Der Gobernador reißt mit starker Faust ein paar Wächter mit sich +und schleudert sie Ximenes hin. Näher und näher leuchten die weißen +Maurenhaufen, wie Kugeln rollen sie heran, durchbrechen den Wall der +Menge und den der Soldaten, stürzen sich auf die gefangenen Moriskos. +Verzweifelt wehren sich die Granden. + +Der Corregidor zerrt den entgeistert stehenden Grafen de Mora an sich +heran: „Kommt!“ + +„Wohin?“ + +„Ins Gefängnis zurück!“ + +„In die Freiheit!“ schrillt eine knabenhaft weiche Stimme aus dem +Maurenknäuel jäh auf. Und ein Hirtenjunge schleudert sich dicht an den +Corregidor heran, und in seinen Händen blitzt die Navaja. „Freiheit +oder Leben!“ Der Richter taumelt zurück. In dem Augenblick reißen +braune Fäuste den Grafen aus dem Getümmel, das zwischen den Agarenos +und den herankeuchenden Inquisitionsknechten anhebt. Die Dominikaner +springen über das Tribünengeländer in die Menschenhaufen hinein. Auf +und ab flutendes Gewoge von Leibern, Kreischen und Jammern -- alles +umhüllt von dem erstickenden Rauch des ringsum über die Häuserdächer +herandrohenden Feuers. Granada ist zu einem einzigen Quemadero geworden. + +Graf de Mora liegt am Boden, umringt von fäusteschwingenden Mauren, den +Montesinos aus den Alpujarras. Ehe er sich’s versieht, reißen sie ihm +das Schandgewand vom Leib und werfen ihm den Burnus um. + +Der Hirtenjunge mit dem vermummten Gesicht krallt seine kleinen Hände +in des Wehrlosen Leib. „Geliebter!“ + +Mora glaubt zu vergehen. „Himmel -- Heerscharen --“ + +„Mir nach in den Zacatin!“ klingt es wieder wie Heilandston an sein +Ohr. Und ringsum ein Haufen geballter weißer schützender Leiber, die +mit Faustschlägen und Messerstichen dem neuen Agareno den Weg durch +die verzweifelten, niedergerungenen Kämpfer bahnen. Ehe die Gedanken +zu jagen beginnen, sieht sich der Graf hinweggeschleppt über liegende +Körper -- der Platz verdunkelt in Rauch und Aschenregen, die Granden +scharen sich zu einem verzweifelten Ringen zusammen -- die Ketzer +reißen sich von der Tribüne los und werfen sich in die dichtgeklumpten +Massen der Kämpfenden, wo sie ihre Schandkleider in Fetzen zerstückeln, +verschwinden dann in Kampf und Getöse. + +Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch +die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der +Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle, +in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen. +Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen +flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst +gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns +flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an -- da und +dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und +entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern. + +Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. Wie ein +weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine +Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten, +über Steine und Leiber daher. + +Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt +auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in +Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den +weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden. -- + +Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen. +Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot +besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk, +an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der +halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine +menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand -- dann +noch ein Tor -- und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei +gesattelte Pferde den Boden stampfen. + +Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm +hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn. +Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem +Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf +ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in +die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen +Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes +Denken. „Du -- du -- Retterin --“ + +„Ich war es nicht allein --“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben +geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich -- +Eswer Ben Zerragh --“ + +Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen +werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke +verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar -- er starb, daß +wir uns lieben können -- Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der +Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den +blauüberleuchteten Hof, als senkte sich dort die Herrlichkeit des +Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt. + +Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija. + +Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier. +Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet +zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem +Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren +sind erschlagen -- sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn +sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada +wiedergewinnen -- aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht +-- wir sind Schahhad geworden -- Bettler --“ Und er blickt mit warmem +Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird +dein Habib reiten können?“ + +Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem +Prophetenpriester entgegenstreckte. + +„Die Zeit ist kostbar -- solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und +das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den +Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer. +In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der +Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines +Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch +helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft. +Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht, +sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen. +Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst, +Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt +Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion +Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La +illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um, +wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich +nicht nach Granada um, willst du eine glückliche Heimkehr erzwingen. +Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“ + +Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem +christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam. +Noch eine letzte schmerzliche Umarmung -- dann schwang sich der Alte +aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie +auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus +ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich. +„Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen. + +Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern +vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen +wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken +der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein +in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der +Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene +Christenstadt. + + + + +Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text selbst nicht +erklärt sind + + + Ahbab (ar.): Freunde + Alcazaba (ar.): Burg + Alkazar (ar.): ebenfalls Burg + Alguacil (sp.): Gerichtsdiener + Amadis (sp.): berühmter Held eines spanischen Ritterromans + Caballeria (sp.): Ritterpflicht, ritterliche Ehre + Calina (sp.): brauner Höhendunst + Carmen (sp.): Landhaus + Dschinnen (ar.): Geister Arabiens + Escudero (sp.): Schildknappen, Edelknaben + Faja (sp.): andalusische Schärpe + Faki (ar.): arabischer Priester + Feta (ar.): Ritter + Habib (ar.): Freund + Hermandad (sp.): Stadt- und Landwache für den Landfrieden + Isa (ar.): Jesus + Maja (sp.): Mädchen aus dem Volk, Geliebte + Medriset (ar.): Hochschule + Mekteb (ar.): Kinderschule + Mihrab (ar.): die Gebetsnische in den Moscheen + Minar (ar.): Turm der Moschee + Muallakat (ar.): die Dichtungen der sieben größten arabischen Dichter + Nasranij (ar.): Christ + Navaja (sp.): Gürtelmesser + Nisaram (ar.): Nazarener + Olla potrida (sp.): spanische Nationalspeise + Patio (sp.): Hof in den spanischen Häusern + Ricoshombres (sp.): der reiche Adel + Sahat (ar.): Hof in den arabischen Häusern + Salat (ar.): Stoßgebet + Santon (sp.): Heiliger + Schahhad (ar.): Bettler + Schaitan (ar.): Satan + Semsem (ar.): der heilige Brunnen von Mekka + Sid (ar.): Herr + Supremo (sp.): höchster Rat der Inquisition + Venta (sp.): Landschenke + Virgen (sp.): die heilige Jungfrau + + + + +Winke für die Aussprache der spanischen Wörter + + +Fast alle auf einen Vokal oder auf s und n ausgehenden Worte haben +die Betonung auf der vorletzten Silbe. Ausnahmen sind durch einen +Akzentstrich gekennzeichnet. + +Die auf einen Konsonanten ausgehenden Wörter (ausgenommen s und n) +haben die Betonung auf der Endsilbe. (Auch hier gibt es Ausnahmen.) + + h wird nicht ausgesprochen. + v wird wie w ausgesprochen. + j wird wie ch ausgesprochen. + c vor a, o und u sowie vor Konsonanten wie k, vor e und i wie z. + ch wie tsch. + ñ wie nj. + ll wie lj. + x wird wie ch ausgesprochen. + s wird scharf ausgesprochen wie ss. + + + + +Die Werke von Ludwig Huna + + +Herr Walther von der Vogelweide + +Ein Roman von Minne und Vaterlandstreue + +5. Tausend + +Es ist ein Monumentalgemälde ... ein ungewöhnlich reizvolles Problem +... in einer Fülle so ungeheuer wirklicher Situationen und Beziehungen, +daß die Gestalt Walthers in allen ihren liebenswerten Vorzügen lebhaft +vor den Leser tritt. + + Leipziger Abendpost + + +Die Verschwörung der Pazzi + +Ein Roman aus der Zeit der Frührenaissance + +5. Tausend + +Hier erwächst uns ja ein neuer Boccaccio ... So etwas liegt ihm, darin +ist er Meister, und es wäre Unrecht, ihm überhitzte Sinnlichkeit +vorzuwerfen ... Hunas begehrtestes Südlandbuch. + + Deutsche Zeitung, Berlin + + +Wieland der Schmied + +Ein nordischer Sagenroman + +6. Tausend + +Der Roman des deutschen Volkes ... Zu wahrhaft überwältigender Größe +erhebt sich aus Hunas Dichtung die ungeheure Welt, die sich in der Edda +verkörpert. + + Deutsch-Österreichische Tageszeitung, Wien + + +Der Kampf um Gott + +Ein Roman aus der Zeit der Wiedertäufer + +5. Tausend + +Eine prachtvolle Schilderung der Wiedertäuferzeit, mit Philipp von +Hessen, dem unruhigen Landgrafen, im Mittelpunkt. Großartig ist Huna +die Darstellung der ganzen Epoche mit ihren zahlreichen Kämpfen +gelungen. + + Berliner Tageblatt + + +Der Friedensverein + +Eine satirische Geschichte + +3. Tausend + +Eine großangelegte, köstliche Satire auf Vereinsmeierei, Strebertum, +Großmannssucht und politische Kindergärtnerei. + + Heimgarten, Graz + + +Die Borgia-Trilogie: + +Die Stiere von Rom + +Roman. 17. Tausend + +Ein großer Wurf ... gigantisch ist die Handlung dieses Romans ... es +kommt über den Leser ein Rausch ... + + Südd. Literaturschau, Stuttgart + + +Der Stern des Orsini + +Roman. 17. Tausend + +Ein geschichtliches Gemälde von grandioser Pracht, ein Dokument jener +Zeit, von einem echten Dichter geschaffen. + + Berner Tagblatt + + +Das Mädchen von Nettuno + +Roman. 12. Tausend + +Eine gewaltige, von Kraft und von Sinnenfreudigkeit überschäumende +Symphonie, die jede Erwartung übertrifft. + + Roseggers Heimgarten + + +Der Wolf im Purpur + +Roman. 8. Tausend + +Ein Kulturdokument deutscher Geschichte, das allen tief ans Herz +greifen wird. + + Blätter für Bücherfreunde, Leipzig + + +Monna Beatrice + +Ein Liebesroman aus dem alten Venedig. 12. Tausend + +Eine machtvolle Symphonie von Liebe und Tod ... ein Hoheslied der Liebe +... eine der stärksten und glühendsten Romanschilderungen. + + Bad. Presse, Karlsruhe + + +Die Harmonien im Hause Sylvanus + +Die Darstellungskunst des Dichters gibt oft Szenen von dramatischer +Höhe, und seine Naturschilderungen haben einen so bestrickenden Reiz, +daß den in Berlins Häusermeer Eingeschlossenen das Heimweh beschleicht. +Das Buch bereitet Stunden köstlichen Genusses. + + Tägl. Rundschau, Berlin + + +Offiziere + +Von Hunas „Offizieren“ kennen wir den brausenden Rhythmus seiner +hinreißenden Erzählungskunst. + + Grazer Tagblatt + + +Grethlein & Co., Leipzig und Zürich + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 *** diff --git a/77380-h/77380-h.htm b/77380-h/77380-h.htm new file mode 100644 index 0000000..7d83e50 --- /dev/null +++ b/77380-h/77380-h.htm @@ -0,0 +1,14741 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> + <title> + Granada in Flammen | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +div.erklaerung { + width: 80%; + margin: auto 10%;} +.x-ebookmaker div.erklaerung { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +.s2a {font-size: 150%;} +.s3 {font-size: 125%;} +.s4 {font-size: 110%;} +.s5 {font-size: 90%;} +.s5a {font-size: 80%;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +p div.erklaerung { + font-size: 80%; + padding-left: 2.5em; + text-indent: -1em;} + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid;} + +h2.nobreak { + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1.5em;} + +p.p0,p.center {text-indent: 0;} + +.mtop1 {margin-top: 1em;} +.mtop3 {margin-top: 3em;} +.mbot1 {margin-bottom: 1em;} +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} +.mleft3 {margin-left: 3em;} + +.padtop1 {padding-top: 1em;} +.padtop3 {padding-top: 3em;} +.padtop5 {padding-top: 5em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +.break-before {page-break-before: always;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +table.toc { + width: 24em; + margin: auto;} +.x-ebookmaker table.toc { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +.vab {vertical-align: bottom;} +.vat {vertical-align: top;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 94%; + font-size: 70%; + color: #777777; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.left {text-align: left;} + +.initial { + font-size: 150%; + line-height: 1;} + +.antiqua {font-style: italic;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.x-ebookmaker em.gesperrt { + font-family: sans-serif, serif; + font-size: 90%; + margin-right: 0;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} + +/* Footnotes */ + +.footnotes { + border: thin black dotted; + background-color: #dadada; + color: black; + margin: 1em auto 1.5em auto;} + +.footnote { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + font-size: 0.9em;} + +.footnote p {text-indent: 0;} + +.footnote .label { + position: absolute; + right: 84%; + text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: top; + font-size: .7em; + text-decoration: none; +} + +.hidehtml {display: none;} +.x-ebookmaker .hidehtml {display: block;} + +.nohtml {display: none;} +.x-ebookmaker .nohtml {display: inline;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote { + background-color: #dadada; + color: black; + font-size: smaller; + padding: 0.5em; + margin-bottom: 5em; + page-break-before: always;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 ***</div> + +<div class="transnote mbot3"> + +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von +1927 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert.</p> + +<p class="p0">Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht korrigiert, +sofern diese jeweils mehrfach im Text vorkommen; dies gilt insbesondere +für das Setzen von Bindestrichen und Leerzeichen.</p> + +<p class="p0">Die Fußnoten wurden an den jeweiligen Absatz angefügt.</p> + +<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in +<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden kursiv dargestellt. +<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> + +<p class="p0 hidehtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter auf Grundlage des +Original-Einbandes gestaltet und in die Public Domain eingebracht. Ein +Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann +unbeschränkt genutzt werden.</p> + +</div> + +<div class="eng"> + +<div class="chapter"> + <p class="s3 center padtop3 mbot3">Ludwig Huna, Granada in Flammen</p> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p class="s2 center padtop1 mtop3">Ludwig Huna</p> + +<h1>Granada in Flammen</h1> + +<p class="s4 center mbot3">Roman</p> + +<div class="padtop5"> + +<hr class="full"> + +</div> + +<p class="s3 center mbot3">Grethlein & Co., Leipzig und Zürich</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p class="center padtop5 mbot3">Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung, +vorbehalten<br> +Copyright 1927 by Grethlein & Co., Leipzig</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p class="s4 center padtop5">Für dich,<br> +<em class="gesperrt">du meine liebe Frau</em>,<br> +die mir den Lebensweg verschönt,<br> +die mir geholfen, Freud zu schätzen,<br> +Leid zu tragen, in Liebe und<br> +Dankbarkeit geschrieben</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak">Inhaltsverzeichnis</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s5"> +   + </td> + <td class="s5"> + <div class="right">Seite</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Erstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zweites Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Drittes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">23</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Viertes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">33</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Fünftes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Funftes_Kapitel">42</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Sechstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">51</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Siebentes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Achtes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">65</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Neuntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">80</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Elftes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">94</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwölftes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zwolftes_Kapitel">100</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Dreizehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">112</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Vierzehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">120</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Fünfzehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Funfzehntes_Kapitel">131</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Sechzehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">137</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Siebzehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">147</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Achtzehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">154</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Neunzehntes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">165</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">174</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Einundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Einundzwanzigstes_Kapitel">179</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zweiundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweiundzwanzigstes_Kapitel">189</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Dreiundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Dreiundzwanzigstes_Kapitel">201</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Vierundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vierundzwanzigstes_Kapitel">212</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Fünfundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Funfundzwanzigstes_Kapitel">221</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Sechsundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Sechsundzwanzigstes_Kapitel">231</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Siebenundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Siebenundzwanzigstes_Kapitel">251</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Achtundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Achtundzwanzigstes_Kapitel">258</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Neunundzwanzigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Neunundzwanzigstes_Kapitel">271</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Dreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Dreissigstes_Kapitel">277</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Einunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Einunddreissigstes_Kapitel">282</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zweiunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zweiunddreissigstes_Kapitel">288</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Dreiunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Dreiunddreissigstes_Kapitel">299</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Vierunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vierunddreissigstes_Kapitel">314</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Fünfunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Funfunddreissigstes_Kapitel">322</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Sechsunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Sechsunddreissigstes_Kapitel">334</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Siebenunddreißigstes Kapitel</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Siebenunddreissigstes_Kapitel">341</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text + selbst nicht erklärt sind</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Erklarung_von_ofter_vorkommenden_Worten">360</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Winke für die Aussprache der spanischen Wörter</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Winke_fur_die_Aussprache_der_spanischen_Woerter">361</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"> + Erstes Kapitel + </h2> + +</div> + +<p><span class="initial">Ü</span>ber der Felsstarre der Loma de Veleta zittert die Luft unter der +Hochglut der granadinischen Sommersonne. Die Hitze scheint die Felsen +einschmelzen zu wollen. Schweigende Einsamkeit über dem Gestein. +Schwarze Schafe liegen freßfaul auf der Steinhalde. Da und dort der +Zwergwuchs eines Strauches in der Felskahlheit, manchmal ein Höhlenloch +im blendenden Gestein. Der Schatten des Berggeiers huscht über die +Ödflächen, und leise schmachtet der girrende Ruf einer Wildtaube durch +die sommermüde Luft. In der Taltiefe legen die verstaubten Maurengärten +um weißglühende Steinhäuser ihren reichen Schmuck. Aber alles Leben +scheint unter dem Brand der dritten Stunde erstorben.</p> + +<p>Auf einem Stein liegt ein junger Hirte hingestreckt; er spannt +seinen lauernden Blick ins Tal. Eine knorrige Gestalt, wie mit dem +Fels verwachsen, das Gesicht von Sonne und Bergwind gegerbt. Um den +gebräunten Leib liegt der sackartige Burnus, um die Hüfte schließt sich +ein Gurt, in dem Messer und Schleuder stecken. Zu seinen Füßen stürzt +sich der Hang bis in die Tiefe zum Dorf Cañor hinab, das in hellem +Grün gebettet liegt wie alle Dörfer in den Tälern der Alpujarras, dem +Bergland am Südhang der Sierra Nevada.</p> + +<p>Der Hirte äugt durch die Sonnenschräge in die Tiefe nach dem in der +Hitze gelähmten Maurendorf und scheint sich wenig um die Herde zu +kümmern, die ihm sein Herr in Orgiva anvertraut. Er gedenkt besserer +Zeiten, da er noch in Granada Handel trieb, das er verlassen mußte, als +die Christen die Stadt nahmen. Sieben Jahre ist das her. Noch hüten die +Mauren von Granada <span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span>den alten Gottesglauben, aber die allzu eifrigen +Hüter haben sich vor den Nachstellungen der Christen in die Alpujarras +geflüchtet oder in die fruchtgesegneten Täler des Guadalfeo. Hier +träumen die Sadat, die reichen maurischen Edlen, von der Wiederkehr des +letzten Königs Mohammed Abdallah, genannt Boabdil, der im afrikanischen +Fes seine Sehnsucht nach Granada großzüchtet. Weiß man, was Gott +beschlossen? Werden die christlichen Könige Fernando und Isabella ewig +leben? Auch die armen Hirten in den Bergen, die in den Steinhütten über +den Sommer leben, träumen diesen Freiheitstraum. Aber in Gottes Namen +— Insch’ allah! So will’s denn getragen sein.</p> + +<p>Von Cañor führt ein Saumpfad bis ins Felsland herauf. Ein Maultier kann +ihn noch bezwingen. Aber es ist in den Hütten nichts zu holen, wo das +Graslager der Hirten, ein Steintisch, eine steinerne Handmühle, ein +Kochtopf, Schafbraten und Fladen das Um und Auf eines Lebens bilden. +Nicht allzu weit glitzert ein Wässerchen, eins der vielen, die von der +Loma in den Barranco, die Talschlucht, hinabstürzen. Und zu sagen wäre +noch, daß der Hirte einen wunderbaren Weitblick bis zur Maurenburg +Salobreña am Meer hätte, wenn nicht die Calina, der bräunliche +Sonnendunst, Meer und Burg verdeckte. Und sein Auge erfreut sich auch +lieber an der Pracht des Schneehauptes des Picacho de Veleta, der auf +dem Untergrund des andalusischen Himmels über grauen Schieferklippen +aufragt. Bis in die blendenden Höhen hinauf klettern die maurischen +Kräutersucher, die Gehilfen der arabischen Ärzte, und hier schlugen +auch die Maurenflüchtlinge, die zum Prophetenglauben übergetretenen +Christen, aufständische Ritter und andere Verfolgte ihre Schlupflöcher +in die Felsen, die die spanischen Kriegsleute fürchteten, da maurische +List ihnen allerlei Fallen stellte. Die Berge waren treu wie das Volk, +das sich ihnen verschrieben.</p> + +<p>Der Hirte Taleb rekelt sich aus der ermüdenden Schau. Gerade über dem +Dorf Cañor taucht ein Bergadler seinen Leib in die goldne Flut. Dorthin +blickt er.</p> + +<p>Da knattert Steinschlag hinter ihm. Von der Bergwand zu <span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span>seiner Rechten +klettert ein junger Maure herab. Er trägt die graue Leinenjacke und +das Unterkleid, das bis zum Knie die braunen Beine sehen läßt, an +den Füßen die Alpargatas, die hanfnen Schuhe der Bergbewohner. Das +fein gezeichnete Gesicht verrät edle Abkunft, die Augen haben einen +schwermütigen Glanz, das braune Haar hängt etwas verwahrlost über die +kühne Stirn. Auf Rufweite vom Hirten hält er inne im Klettern. „Taleb +— sie will nicht kommen, Insch’ allah!“</p> + +<p>„Es ist noch zu heiß zum Aufstieg, Eswer Ben Zerragh. Auch hat mein +Mädchen die Vorsicht des Fuchses. Sie kommt nur, wenn <em class="gesperrt">er</em> kommt. +Wenn es nun Gott gefallen hat, die Wege des ehrwürdigen Abu Osmin Atir +al Abdallah anders zu lenken?“</p> + +<p>Eswer Ben Zerragh legt sich unweit des Hirten in die pralle Sonne und +schweigt. Das goldne Licht flimmert im bewegten Spiel über der Loma. +Schafe blöken, Steingeröll bröckelt leise in der Ferne.</p> + +<p>„Deine Sobeiha ist schön,“ sagt Eswer nach einer Weile unvermittelt.</p> + +<p>„Ihr Name ist Morgenröte, wie soll sie anders sein?“</p> + +<p>Wieder Schweigen. „Wie lang wird’s noch währen?“ seufzt der Edle.</p> + +<p>„Sid, du hast doch alles, was du zum Leben brauchst. Ist das nicht +Reichtum, was wir beide haben? Wir besitzen nichts, was wir verlieren +könnten.“</p> + +<p>„Gott segne deine Armut, die dich reich macht, Taleb. Du brauchst +nichts zu beschützen als deine Sobeiha und deine Herde.“</p> + +<p>„Das kann nur Gott. Es ist keine Macht und kein Schutz außer bei Gott.“</p> + +<p>„Man kann nicht mit dir rechten. Sag, sind noch viele Höhlen hier +herum?“</p> + +<p>„Wenn du da hinüberschaust, hast du die Höhlen von Medina, Berchulez +und Trevelez und manche andre, alle von Mauren bewohnt, die die Hirten +mit Nahrung versorgen. Aber sieh“ — Taleb zuckte zusammen —, „beim +Olivenhain an der Mauer — mit dem Korb am Rücken — sie ist es.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span></p> + +<p>Die beiden Männer verfolgten schweigsam den Weg des Mädchens. Durch +Fruchtgärten schritt sie, schien manchmal zu lauern, begann zu +klettern, verschwand zuweilen, tauchte wieder auf und kam näher den +Hang herauf. Sie verließ das Buschwerk und kam in die Felsenzone, stieg +steil an und keuchte endlich über einen Steinabsatz heran, wickelte +den Schleier vom Gesicht und gab Taleb ihre Lippen zum Kuß. Eswer Ben +Zerragh aber griff nach dem Korb, wo die Honigfladen leuchteten.</p> + +<p>Die Morgenröte lachte mit blanken Zähnen. „Gott gebe dir die +Freßlust der Zikade, Herr.“ Über den erhitzten Wangen funkelten ein +Paar Schwarzaugen, in denen die Glut afrikanischer Sonnenstrahlen +aufgespeichert zu sein schien.</p> + +<p>Eswer holte die in großen Blättern eingewickelten Frühfeigen aus dem +Korb, Reis und Puffbohnen, einen Vorrat für eine Woche. Dann hatten +ihm Freunde aus Orgiva ein paar Koranblätter geschickt, Labsal für das +gläubige Herz. „Bei den fünfundsiebzig Wunden des Thalha, der mit dem +Propheten kämpfte bei Ohod, ich will dir das nie vergessen, Blume der +Berge.“</p> + +<p>Durch ihren Leib brannte Unruhe. „Was ich gesehen! Der fremde Scheich +kommt. Er ist seit gestern in Cañor und heilt Herzenswunden. Abu Atir +heißen sie ihn.“</p> + +<p>„Was will er aber bei uns?“ forschte Eswer.</p> + +<p>„Bi nefsi! Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Und er bringt eine +Hosna mit, eine Schönäugige, ich habe sie schleierlos gesehen, ihre +Schönheit ist wie der Glanz des Mihrab in Cordoba. Sie nennen sie +Reija. Niemand weiß, wer sie ist. Und er! Der Imam! Sein Bart ist weiß +wie der Veletaschnee, sein Auge leuchtet wie die Sonne, und wenn er +spricht, fällt Tau auf die trocknen Fluren der Herzen.“</p> + +<p>„Du hast die klingenden Worte in der Moschee erlauscht, Morgenröte?“</p> + +<p>Sie nickte lächelnd. Dann sprangen ihre gebräunten, kupferfarbnen +Füße in den Hanfschuhen mit Katzenbehendigkeit die Felsen hinauf zu +einer Höhle, deren Eingang hinter einem Steinblock halb verborgen lag. +Taleb blickte verschärft ins Tal. Eswer <span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>Ben Zerragh stand aufrecht +wie eine Palme an den Fels gelehnt. Seine Gedanken hatten den Weg zu +der Bedeutung des fremden Scheichs gefunden. Abu Atir! War das nicht +der Imam des vertriebenen Maurenkönigs gewesen? Stand er nicht im Ruf +hoher Weisheit und in dem eines Santon, eines Heiligen? Und wer ist +die seltsame Blume an seiner Seite, und was will sie in den Höhen? +Beim Schwert, das der Eidam des Propheten trug! sann der Edle vor sich +hin. Ich will auf das Recht pochen, das einst Jusuf erhob: das Antlitz +edler Frauen unverschleiert zu sehen im Monat Schewal, der Zeit der +Freuden. Und ich will vor den Imam hintreten und bekennen: ich bin ein +Abencerrage!</p> + +<p>Aus der Höhle sprang Sobeiha. Das ungefesselte Haar peitschte ihre +Stirn und Schläfen. „Wir müssen das Blumenkind des Imam und ihre +Sklavin in der Höhle des Spiegels unterbringen.“</p> + +<p>„Wo liegt die?“ horchte Eswer auf.</p> + +<p>„Einen Schleuderwurf von hier, oberhalb der deinen, Herr.“</p> + +<p>„Warum heißt sie Höhle des Spiegels?“</p> + +<p>„Sie trägt am Eingang einen glänzenden flachen Stein, auf dem sich des +Morgens die Sonne und am Abend der Mond spiegelt. Es sind Polster aus +Esperantogras darin. Doch sieh — da kommen sie.“</p> + +<p>„Die Maultiere sind noch klein wie Spinnen,“ sagte Sobeiha. „Ich will +das Wasser in die Krüge füllen, daß sie die Gebete sprechen können.“</p> + +<p>Bald sah man den Zug der Maultiere aus dem Buschwerk bergan klimmen. +Man konnte sechs Stück zählen und drei Führer.</p> + +<p>Eswers Herz schlug heftig. Nach einem Mond kamen die ersten Menschen +in seine Einsamkeit. Allah akbar! Gott ist groß! Sein Wille wird sie +geleiten, sann er in den durch die Bergschatten steigenden Zug. Man +erkannte schon die zwei Frauengestalten auf den Tieren, und Taleb +winkte mit der Wolljacke hinab. Aus der kleinen Karawane blinkte ein +flatterndes Tuch.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Das Gebirge erwachte aus dem Sonnenschlaf. Über die Kare unter dem +Schneehaupt der Veleta stürzten die wilden Ziegen in Rudeln von Fels zu +Fels. Die grauen Wolfshunde der Hirten kläfften in die Tiefe hinab.</p> + +<p>Da bog der Zug um eine Felsnase. Schlank wie Irakzweige saßen +die Frauenleiber auf den Rücken der Maultiere. Bald hielten die +staubbedeckten Tiere auf der Felsplatte. Über die sonderbare Karawane +ging der Atem der unberührten Bergwildnis hin, und die Fremden standen, +nachdem ihnen die Treiber aus den hohen Sätteln geholfen, wortlos, von +den Schauern der Einsamkeit überwältigt, auf der Platte.</p> + +<p>Der Abencerrage verneigte sich ehrfürchtig vor dem Greis an der Spitze +des Zuges. „As Selam Aleikum! Heil mit dir!“ grüßte er den Fremden.</p> + +<p>„Wa Aleikum as Selam! Und mit dir sei der Friede!“ dankte der Greis +leise. Dann kreuzten beide Männer die Arme über der Brust.</p> + +<p>Aus dem Antlitz des abrahamitischen Fremden leuchtete es wie +Gottesfrieden. Klare Blauaugen unter buschigen weißen Brauen, die +wie Tempelbogen über dem Eingang zur Seele prangten, strahlten das +beseligende Licht der Güte aus, und man glaubte durch diese Klarheit +tief bis in ihren Urgrund hinabsehen zu können. Der weiße Burnus floß +an den rüstigen Gliedern wie ein Liliengewand nieder, und der mächtige, +bis zum Ledergürtel reichende Bart hob seine Erscheinung fast zum +prophetenähnlichen Gottesboten.</p> + +<p>Zwerchsäcke und Taschen wurden abgeschnallt. Die Mädchen sprachen +leise miteinander. Und Eswer hatte Zeit, an der einen der Jungfrauen +Schönheiten zu entdecken. Er bewunderte den palmenschlanken Wuchs, das +dunkle Augenpaar unter dem Schleier, das die Blitze einer Wetternacht +schleuderte, die schwarzen Locken in ihrer halben Aufgelöstheit, die +nur teilweise verschleierten Hände von goldkupfriger Farbe und die +hochangesetzten Brüste voll Reife. Und ihr Gang hatte die ruhige +rhythmische Bewegtheit eines sanften Liedes, mit dem der Araber Gottes +<span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>Erhabenheit preist. In Eswer, einem eifrigen Sammler morgenländischer +Beredsamkeit, begann es wie aus Märchentiefen zu klingen. Doch Abu Atir +unterbrach sein inneres Geläute. „Bist du der Flüchtling Eswer Ben +Zerragh?“</p> + +<p>„Ich bin es. Sei gegrüßt im Namen des Propheten, dem Ehre und Friede +sei! Bei den sechs Offenbarungssternen, nicht der Bruchteil eines +Geschenkes ist mein eigen, das deiner würdig wäre. Man hat mir in +Granada alles genommen; nur meine Freunde helfen mir.“</p> + +<p>„Wer sind sie?“ fragte der Imam.</p> + +<p>„Abu Ben Jazir, Arzt in Orgiva, und Jahva Ben Hilal, der Teppichhändler +beim Elvirator in Granada.“</p> + +<p>„Und das sind deine Freunde aus den Bergen?“ Er zeigte auf die Hirten.</p> + +<p>Eswer zog Sobeiha und Taleb an den Händen heran. „Mögen sie deinem +Angesicht wohlgefällig sein.“</p> + +<p>Abu Atir rief seine Mädchen herbei. „Das ist Reija, mein anvertrautes +Gut, und das ist ihre Sklavin Saffana aus gutem Geblüt. Und diese +drei sind Freunde aus Granada.“ Er wies auf drei Männer, die sich +zurückgezogen hatten.</p> + +<p>Eswer überkam freudiges Erstaunen. Er erkannte in ihnen angesehene +Handelsleute, die den blauen Überwurf der Mauren trugen. Der älteste +von ihnen, Ismael Ben Katasi, reichte dem Abencerragen die Hand, und +dieser grüßte ihn mit verschränkten Armen: „Gott segne deine Geschäfte +und deine Wallfahrt nach Mekka.“</p> + +<p>Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Segen mehr. Wir sind +vertrieben.“</p> + +<p>„Auch du?“</p> + +<p>Ismael wies auf einen zweiten Mauren. „Mein Bruder Ali und ich. Man hat +bei uns Berberbriefe gefunden, die verdächtig waren.“</p> + +<p>„Und du, Ibn Maratan?“ wandte sich Eswer an den jüngsten der drei. +„Auch dein Auge glänzt in Leid.“</p> + +<p>Der Maure nickte mit zusammengepreßten Lippen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span></p> + +<p>„Er hat einen berberischen Seefahrer bei sich verborgen,“ erklärte +Ismael Ben Katasi. „Nun rettet er sich zu dir, Eswer Ben Zerragh. Hast +du Platz in deiner Höhle?“</p> + +<p>Der Abencerrage war voll Freude. „Willkommen und freundlich +aufgenommen! Dort oben liegt das Loch, weich ist das Gras, ihr müßt nur +Freunde in Orgiva haben, die für euch sorgen.“</p> + +<p>„Die haben wir!“ sagte Ali Ben Katasi.</p> + +<p>„Bevor wir weiterhandeln,“ sagte der Imam, „laßt uns zu Gebet und +Ruhe kommen. Vom weißen Minar dieses Gipfels klingt Gottes Mahnung zu +uns herab. Richtet euer Antlitz nach dem Tempel Haram im Lande der +Offenbarung.“</p> + +<p>Die Mädchen hatten sich auf kleine Gebetsteppiche geworfen und das +Mulatum, das Gebetstuch, über den Kopf geworfen, nachdem Sobeiha das +Wasser gereicht hatte. Bald darauf erklang Abu Atirs Anrufung Gottes +in die Berge: „Gott ist allmächtig! Sei gepriesen, höchster Gott! Zu +dir beten wir und für dich üben wir gute Werke, Friede sei mit dir, +Prophet! Und Gottes Gnade und Segen mit dir und allen wahren Verehrern +Gottes!“ Die Leiber warfen sich vor und zurück, die Gedanken versenkten +sich in glühende Bilder. Eswers Augen aber verschlangen das schöne +Mädchen, dessen Schlankheit wie ein Zweig des Gadhastrauches war.</p> + +<p>„Nun kommt nach der Höhle des Spiegels,“ sagte Abu Atir nach dem Gebet. +Und er schritt selbst führerlos voran, worüber sich Eswer wunderte. Der +Alte mußte also die Höhle kennen. „Als Mohammed floh,“ sagte der Imam, +in Ehrfurcht vor dem Höhlenloch Eswers stehend, „und Tag und Nacht in +der Höhle des Berges Thaur zubrachte, wob eine Spinne vor dem Eingang +ihr Netz, damit es aussehe, als wäre niemand drin, und Tauben bauten +ihr Nest davor zum Zeichen der Unberührtheit. Dein Netz und Nest ist +die Wachsamkeit deiner Hirten, Eswer.“ Und er trat mit den Männern +heran, während sich die Mädchen vor der Höhle auf einen Felsblock +niederließen.</p> + +<p>Ein Steingewölbe dunkelte über ihnen, der Lichtschein des <span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span>Tages beim +Eingang gab dem Raum ein dämmriges Licht. Ein Graslager zog sich bis in +die Tiefe. „Es ist nicht allzu schlimm,“ erklärte Eswer den verzagten +Freunden. „Was man gewöhnt, wird nicht mehr eine Last.“</p> + +<p>„Ich hätte Lust, mit euch hier zu hausen,“ sagte Abu Atir, „wenn mich +nicht wichtige Geschäfte nach Granada zögen.“</p> + +<p>Sie traten wieder ins Freie. „Kommst du nicht von Granada?“ fragte +Eswer.</p> + +<p>Der Greis lächelte. „Ich habe es Jahre nicht gesehen, aber Freunde +wirkten dort für mich.“ Er stockte und wurde verlegen. „Laßt uns +vorerst die Mädchen versorgen.“</p> + +<p>Taleb wies ihnen den Weg zur Spiegelhöhle und hielt ein Stoßgebet +weit von der Männerhöhle entfernt vor einem großen Felsblock. Die +Mauren packten kräftig an, bald bewegte sich der Koloß und gab den +mannsbreiten Eingang zur Höhle frei. Drei große fensterartige Öffnungen +ließen Taghelle und Luft hereinströmen, und der grasweiche Boden lud +zum Ruhen ein. Eswer erstaunte und fragte Taleb: „Warum zeigtest du mir +diesen Platz nie?“</p> + +<p>Der Hirt lächelte. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in den Bergen +seit grauen Jahren, daß diese Höhle nur flüchtenden Frauen gehört. +Wüßten viele Männer davon, man hörte den Klang der Nachtständchen bis +nach Cañor hinab.“</p> + +<p>„Reija, du wirst hier wohl schlafen,“ sagte der Imam. „Und für eine +Wache —“</p> + +<p>„Ich selbst will wachen,“ schnellte der Abencerrage heraus, und seine +Wange glühte in ritterlichem Eifer.</p> + +<p>Das Mädchen zog die Schultern wie fröstelnd zusammen, kaum daß ein +Blick den schutzbereiten Jüngling streifte. „Ich werde mit Saffana, +meiner Sklavin, unter dem Schutz der Engel schlafen.“ Tiefkehlig, ernst +und beinahe abweisend klang es.</p> + +<p>Eswer verschränkte betrübt die Arme über die Brust. Da war es, als +bereute die Jungfrau das harte Wort. „Du — darfst wachen,“ sagte sie +rasch, „denn du bist aus dem Stamm der Abencerragen.“ Und große Wimpern +senkten sich über die Augen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span></p> + +<p>„Mein Vater war Lanzenschwinger und hat es vor Loja bewiesen,“ sagte +der junge Ritter beglückt. „Fünf Christen warf er dort in den Sand. Ich +habe sie von ihm, die blitzende Kunst des Wurfes, und ich will sie, tut +es not, für dich üben als dein Wächter, holde Reija.“</p> + +<p>Der silberbärtige Imam lächelte über den Rittereifer. „Laßt uns vor +dieser Höhle das Abendbrot verzehren, sobald der Mond sich über der +Loma wiegt. Und nun kommt, Männer, ich muß euer Ohr für ein paar +Augenblicke allein haben.“</p> + +<p>Die Männer verneigten sich wieder mit verschränkten Armen vor der +Jungfrau und stiegen dann mit Abu Atir über die Felsen ein wenig +aufwärts, hielten aber bald in der Einsamkeit eines muschelartigen +Kars, wo ihre Stimmen nur schwer den Weg ins Weite finden konnten. Hier +unter dem dunkler blauenden Himmel, umgeben von der ernsten Majestät +des Schweigens, hockten sie sich mit verschränkten Beinen auf die +Felsbänke, und Abu Atir, der Überlieferer und Ausleger des Korans, ließ +das bärtige Haupt bekümmert in die Hände fallen und brach endlich in +den Wehruf aus: „O mein Granada!“</p> + +<p>Und im Mitweh senkten die Männer die Häupter und weinten leise. Bis der +Imam langsam den Kopf hob und mit starker Stimme das Surenwort sprach: +„Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht +gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.“</p> + +<p>Da antworteten die Männer gleichzeitig mit überzeugungstiefer Wärme: +„La illaha illa illahu! Gott ist der einzige Gott!“</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"> + Zweites Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">H</span>inter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag +verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die +Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben, +hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des +Picacho de Veleta wie in trauernder <span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>Röte. Langsam aber taute schon der +Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein.</p> + +<p>„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und +auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben +Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war +Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten +wollte.“</p> + +<p>„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der +Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs +Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten +das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga +flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem +Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die +vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den +Königseid —“</p> + +<p>„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht +hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada +nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei +einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt +nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt. +Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied +hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter +Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber +sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind +unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“</p> + +<p>„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan. +„Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen, +den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren +bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester +herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder +leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den +Königen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span></p> + +<p>„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung +an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn +Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die +Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir +uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von +der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon +gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“</p> + +<p>„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen +haben gewaltige Tatzen.“</p> + +<p>„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden, +sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten +und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen +durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon +an seiner eignen Tatze stirbt.“</p> + +<p>„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.</p> + +<p>„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn +Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren +haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns +Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella +und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer +Diener.“</p> + +<p>„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme +im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin +— ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den +Kampf gegen die Stadt schickte —, sie hat nun, höre ich, ihren +Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas +— o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! —, zum Primas von Spanien +gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf, +aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in +Toledo bliebe!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span></p> + +<p>Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt +ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt +in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal —“</p> + +<p>„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali, +„eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet — +wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn +anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie +müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein +Leben lang in Granada durchbetteln.“</p> + +<p>„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu +Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb +dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei +deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und +deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine +spielte?“</p> + +<p>„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine +Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“</p> + +<p>Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen +und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen +Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.</p> + +<p>„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der +aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land. +Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba, +der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst +Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden. +Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu +wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man +entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen —“</p> + +<p>„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter +des jungen Abencerragen.</p> + +<p>„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt <span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>des +Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die +Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein +Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst +eilte nach Granada heim — in meinem Hause wartete ein Scherge des +Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte +verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das +Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten +der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen +Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über +ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich +mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und +entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher +in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich +endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins +Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß +ich ihn selbst!“</p> + +<p>Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen +zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen +die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner +Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr — ihr wißt etwas — +von meiner Mutter —?“</p> + +<p>Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt. +„Fasse dich, Eswer Ben Zerragh — bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist +eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt, +sie mir aufzubürden.“</p> + +<p>Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter — o sag’ es +— und wäre es bitter wie Koloquintentrank — meine Mutter —?“</p> + +<p>„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen +Könige lagen, im Hain von Asabica —“</p> + +<p>„Im Friedenshain der Abencerragen —“ zitterte die Stimme Maratans.</p> + +<p>Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang +verzweifelt die Hände zum Imam empor.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span></p> + +<p>„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben +Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit +einem Segen für dich auf den Lippen.“</p> + +<p>Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“ +sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei +dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie +nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott +ohne Flor und Hülle.“</p> + +<p>Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte +sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer, +Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und +Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher +herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends +verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie +syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen +Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen +Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.</p> + +<p>„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi. +„Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“</p> + +<p>„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.</p> + +<p>Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der +Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind +wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden? +Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen +die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir, +hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald +niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba, +wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende +Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist. +Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu +seiner Zeit. Wißt <span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span>ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr +von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der +Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden +Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das +unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe +Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die +Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach +Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der +afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen +sah.</p> + +<p>Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber +her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie +brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus +und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder +Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die +Muezzins zum Gebet rufen lassen.“</p> + +<p>Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder. +Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater +gehabt.“</p> + +<p>Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in +den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden +Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so +stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die +Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter, +der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem +Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am +Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der +Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“</p> + +<p>„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.</p> + +<p>„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span></p> + +<p>Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das +lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen +hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst +teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den +unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von +den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle, +dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.</p> + +<p>Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die +sternübersäte Wölbung.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"> + Drittes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>n der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der +Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über +das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in +der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den +Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie +ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde +Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste +atmeten freier.</p> + +<p>Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter +Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine +größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz, +der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die +Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das +blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden. +Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie +Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches, +der maurischen Spangen.</p> + +<p>Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte +ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim <span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>Tanz wie eine Fahne +hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit +schließen.</p> + +<p>Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der +Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der +Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten +von Schira sein.“</p> + +<p>„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des +lieberasenden Dichters.“</p> + +<p>Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija +wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme +eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder:</p> + +<p>„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um +Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß +ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen +Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du +mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit +einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz +blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst +einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“</p> + +<p>Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines +Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier +sehen durfte.“</p> + +<p>„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt +hat.“</p> + +<p>Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele +schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete +die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel.</p> + +<p>„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“</p> + +<p>Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem +Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick: +„Es ist nichts um einen Mann.“</p> + +<p>„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen. +Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, <span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>die sterben, wenn sie +ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling, +der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um +ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret. +Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden +Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein +kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn +Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da +wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten, +mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“</p> + +<p>„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die +Hirtin?“</p> + +<p>Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da — sie ist nicht vom Stamm +Osret.“</p> + +<p>Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über +der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen +ihrer Zähne, die das Futter malmten.</p> + +<p>Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich +die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel +gleiten. Zischend troff das Fett herab.</p> + +<p>Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu +Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres +Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte.</p> + +<p>„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und +seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam +gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der +Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war.</p> + +<p>Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte +Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch +schmerzlich-süßer empfinden.</p> + +<p>Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit +den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans <span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span>Feuer hin, und +Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge +waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen. +Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er +mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem +nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im +Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz +froh machen wird.“</p> + +<p>Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam +auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz +des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der +Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen:</p> + +<p>„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen. +Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner +Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden +sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan, +König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie +Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs, +eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute +nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht +mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der +schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen +den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den +jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil +hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und +deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur +furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra +froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war, +ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof +hinrichten —“</p> + +<p>„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span></p> + +<p>„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den +übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den +Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde. +Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten +Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen +Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“</p> + +<p>Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“</p> + +<p>Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben +Himmel offen, Retter meines Königs!“</p> + +<p>Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem +Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil +vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die +Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen +ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie +heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem +Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende +König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war +der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung +Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das +Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul +Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden, +nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte +des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein +Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater +in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm +unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“</p> + +<p>Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern.</p> + +<p>„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns +Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den +Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten <span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>die +Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und +Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl +wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um +eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der +Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte +sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch +ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens +warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin +über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho +de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien +fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen +die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie — und sie ihn. Nach +den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba +bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen. +Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie +erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück +klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed +Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen +Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd +führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von +Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen +zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña +fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils +erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der +junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen +Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines +zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen, +sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben. +Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von +ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die +Opfergaben auf <span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte, +die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über +sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und +küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die +Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie +nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde +für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben +dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“</p> + +<p>Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die +schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und +ihre Brust ging hoch.</p> + +<p>Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich +atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des +Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die +braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es +künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und +nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil +witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich +sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die +rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt. +Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige +Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den +christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich +nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir +nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern +von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor +den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und +Spinnrad erzogen.“</p> + +<p>„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas +Brust.</p> + +<p>Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die +Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt <span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span>miteinander, bis +Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O +Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts — ende, ende!“</p> + +<p>„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst.</p> + +<p>„Und das Königskind — wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben +Katasi.</p> + +<p>„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt.</p> + +<p>Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den +Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch +vor ihr!“</p> + +<p>Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern, +die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen. +Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie +besessen: „Ein Königskind!“</p> + +<p>Reija aber fiel kraftlos in die Arme des Imam. Das Glück traf sie wie +ein Blitz.</p> + +<p>Der alte Ismael Ben Katasi raffte sich als erster auf. Aus der Vorsicht +seines erfahrungsreichen Herzens heraus fragte er: „Imam, Sid — du +weißt, wie oft in allen Zeiten Geschichten und abermals Geschichten +vorgekommen sind — sieh, es könnte dich einer betrogen haben — es +könnte — o gib uns Beweise, Gewißheit, Imam!“</p> + +<p>Der Alte nickte. „Es ist kein Leben ohne Schrift. Ehre dem Weisen, der +sie erfunden!“ Er legte sorgsam, als trüge er zerbrechlich Glas in den +Händen, den schönen Menschenschatz in die zitternden Hände Saffanas und +zog aus seinem Brustbeutel ein dickes Pergament.</p> + +<p>„Bei Gottes strahlendem Angesicht! Li amri! Des Königs eigenes Wachs — +der Schutzbrief für das Kind! Gott verdamme fortan die Zweifler! Abu +Atir, herrlichster der Schirmer, das Kind ist in Gefahr —“</p> + +<p>„Laß mich es schützen vor Schaitan und Tücke!“ rief Eswer Ben Zerragh +mit der Heftigkeit des entflammten Liebenden. „Ich habe keine Mutter +mehr zu schützen, aber in meiner Brust lebt <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>Liebe, die ich an ein +würdiges Geschöpf Gottes verschwenden möchte. Ich bin Abencerrage, mein +Vater schützte ihren Vater, laß mich die Tochter schützen. Und du bist +alt, Imam —“</p> + +<p>Da reckte sich der Greis hochauf, und es war, als knackten seine +Gelenke, und er pflanzte die stählernen Glieder vor die hilflose +Königstochter auf und legte schirmend seine eiserne Hand auf ihre +Brust. „Bist du im Mondeswahn, Jüngling? Deine Raschheit, deine +Heftigkeit sollen sie schützen? Dein Eifer ehrt dich, aber gib meinen +Kräften die Ehre! Dieses Kind ist geheiligt durch Ahnenblut, jedes +Haar an ihr ist kostbar wie ein Tropfen aus dem Brunnen Semsem, denn +sie stammt aus dem Blute der Beni Nassr und gleicht einer Perle, früh +losgerissen von der Muschel.“ Behutsam strich der Greis über die Pracht +des gelösten Mädchenhaars, während Eswer beschämt dastand wie ein +Knabe, der in der Mekteb Strafe bekam.</p> + +<p>Reija schlug die Augen auf. „Wo — ist — meine Mutter?“ Ihr Blick war +Schmerz und Freude. Und die Stimme klang wie entrückt in das stille +Weben der Nacht.</p> + +<p>„Sie ist längst gestorben.“</p> + +<p>„Und warum — ach, Väterchen, warum muß ich das heute erfahren?“</p> + +<p>„Du bist heute achtzehn Jahre alt geworden, und es war der Wille des +Königs, daß du an diesem Tage das Geheimnis deiner Herkunft erfahren +solltest und daß du den goldnen Koran wieder nach Granada trägst, das +Eigentum Boabdils, das wir bei seiner Vertreibung hier herauf in die +Berge gerettet haben vor dem Vertilgungswahn der Christen.“</p> + +<p>„Den Koran? Die Muschel des Gottesworts? Boabdils Koran?“ stürmten die +Mauren auf den Imam ein.</p> + +<p>„Er ist von unermeßlichem Wert. Er soll nun zum Labsal für unsere +Brüder nach der bedrängten Stadt getragen werden, und Reija soll ihm +das Geleite geben.“</p> + +<p>„Gott, gib Kraft!“ flehte das Mädchen mit halberstickter Kehle.</p> + +<p>Saffana weinte. „O Königstochter, nun darf ich dich nicht <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>mehr Hamam, +die Taube, und Werda, die Rose, nennen! Darf nicht mit dir spielen —“</p> + +<p>Reija streichelte der Sklavin die Locken. „Du darfst es.“</p> + +<p>„Wo ist der Koran?“ drängten die Männer in heiliger Glut heran.</p> + +<p>„Wir wollen in Morgenfrühe bei dem steinernen Mihrab beten. Und wenn +die Stunde kommt, da man einen schwarzen und weißen Faden unterscheiden +kann, wollen wir den Koran aus dem Felsen nehmen, und der erste +Sonnenstrahl soll das heilige Buch aus jahrelangem Schlaf wecken.“</p> + +<p>Nun wurden Waschungen und Gebete verrichtet, und Saffana mußte alte +Kiffaß, Erzählungen aus der Omajadenzeit, hersagen. Aber Reija war +aus der Neugeburt ihres Wesens heraus unfähig, ihre Sinne für die +Beredsamkeit zu schärfen. Es taumelte in ihr hin und her, und vom +Glück überwältigt, schlief sie unter dem hohen Mond mitten unter den +andern ein. Ihr Haupt lag auf der Motharif, ihr Atem ging leise, +und alle fühlten, daß erhabne Träume von Pracht und Herrlichkeit um +die lächelnden Lippen spielten, so wie sie einst in den Sinnen der +Kalifentöchter glühten.</p> + +<p>Saffana aber erzählte unermüdlich von Az-Zahara, der zertrümmerten +Märchenstadt bei Cordoba, und von den Prachtgärten des ägyptischen +Kalifen Thalun, in denen die Vögel unter vergoldeten Palmen sangen. Der +junge Maratan hing an den Lippen der Sklavin, als tropfte Goldregen von +ihnen. Schems hosna! Schöne Sonne! besang er heimlich ihre Reize.</p> + +<p>Die Männer wachten lange vor der Höhle. Eswer Ben Zerragh trauerte vor +sich hin. Er sah nach der arabischen Legende die Seele seiner Mutter +als Hamé, das ist als Eule, über den Bergen fliegen und hörte ihre +Stimme flehen: ‚Tränke mich und gedenke mein!‘ Und er tränkte die Seele +mit den Tränen seines Leids. Dann aber umschwebte ihn das Bild der +schönen Reija, mit deren Erhebung er eine Hoffnung in sich zu Grabe +trug.</p> + +<p>Manch zuversichtliches Wort ward noch unter der Sternenhoheit +gewechselt. Silbern kreiste die andalusische Nacht über Wache und +Schlaf.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"> + Viertes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">A</span>rktus sank am Himmel dahin. Vor der Höhle flatterte schon ein Lied +aus der Kehle der Morgenröte himmelan: „Tränke Gott mit Tau des Zeltes +Reste, wo ich feierte der Liebe Feste.“ Ein leichter Wind trug das +Takbir, den Gebetsruf des Muezzin von Cañor herauf. Abu Atir erhob sich +vom Lager. Ein Büschel weißer Strähnen wehte von seiner Schädeldecke +mit der mächtigen Bartfahne um die Wette. Die klugen Augen blickten +frisch in das dämmernde Weben des Morgens. Er legte sich die Kopfbinde +der Imamwürde um und weckte nun die Männer. Als sie nach dem Gebet +zur Frauenhöhle schritten, fanden sie die Mädchen schon wach. Jetzt +wurde das in der Spiegelhöhle liegende Steinversteck mit Haue und +Brecheisen bearbeitet, bald lösten sich die Felsbrocken los, und +im Dunkel einer Höhlung blinkte eine weiße Kiste, die den Schatz +enthielt. Mit Ehrfurcht holten die Männer die Truhe heraus und warteten +unter Gebeten, bis hinter der Loma de Yator der Himmel in Morgenglut +entbrannte. Da öffnete Abu Atir den Deckel und aller Augen blickten +verzückt auf das ehrwürdige Buch, dessen Goldpracht auf blauseidnem +Kissen lag, umgeben von viereckigen Münzen aus der Almohadenzeit.</p> + +<p>„Gefäß Gottes, in das er seine Liebe und Weisheit senkte, sei gegrüßt!“ +rief der Imam inbrünstig aus. „In deinem Geiste spiegelt sich Gottes +Geist, in dem Wort des Propheten Gottes Wort, und in unserem Wort und +in unserer Tat soll sich die Treue zu Gott und dem Propheten spiegeln. +Wir wollen dich hüten als ein Königserbe und in dem Mihrab von Granada +betten. Wie einst die Krieger der Halimet ihre Hände in duftendes +Menschim tauchten und schwuren, getreu zu bleiben, so strecken wir +die Hände in den Sonnenwind und schwören, getreu zu bleiben dem Wort +Gottes.“ Und er öffnete das Buch und las die Fatiha, die Eingangssure, +und die elfte Sure der Morgenbetrachtung. „Gott geleite uns froh in die +alte Heimat, in das geliebte ‚Granatha‘,“ schloß er. „Ihr Männer kehrt +von Orgiva hierher <span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span>in die Berge zurück, wo Freunde für euch sorgen +werden. Dort harret unsrer auch schon neues Geleite.“</p> + +<p>„Bei den Oliven des Paradieses,“ schwur Eswer, dessen Herz zu bluten +begann, „meine Gebete sollen euch immer geleiten.“</p> + +<p>Nun wurde Honig gereicht und das Lusindsch, ein Mandelgebäck, dazu +genossen. Der Hirte Taleb steckte dem Königskind ein gebratenes +Täubchen in die Maultiertasche. Es war seine Verehrung. Und Sobeiha +hatte einen Kranz von Bergblumen geflochten und schlang ihn nun um den +Hals des beglückten Mädchens.</p> + +<p>Eswer Ben Zerragh nahm Abschied. „Gott gebe deinem Maultier Kraft, +dich zu tragen über Gestein und Weg, dir selbst aber Glück, Besitz, +Ertrag und eine Erinnerung an diese Berge! Bleibe eingedenk des Tages +und der Nacht, da du unter Steinen wohntest, und erfreue dich Gottes +freundlicher Hilfe, du selbst ein schöner Gedanke dieses Gottes.“ Seine +Stimme zitterte gewaltig.</p> + +<p>Die Korankiste wurde an den Sattel Reijas geschnallt. Die beiden Katasi +eröffneten den Zug, dann ritten Reija und Saffana, hinter ihnen Abu +Atir und endlich Ibn Maratan. Als die Sonne, die einen Augenblick +hinter Wolken verschwunden war, sich wieder mit goldenem Schwung in +das Blau warf, stiegen die Tiere langsam den Steilpfad hinab. Reija +sah sich nicht um, wiewohl ihr das Herz klopfte. Saffana winkte zur +Felsplatte hinauf, wo Eswer wie eine aufrechte Zeder stand. Er sah mit +blutendem Herzen hinab. Die Karawane schrumpfte zusammen, verschwand +hinter einem Eichenhain, tauchte wieder auf und verlor sich endlich in +den von Morgenlicht überfluteten Gärten von Cañor. Da verhüllte der +Abencerrage sein Haupt. „Bi nefsi! Sie ist schön wie eine Rose von +Damaskus, aber sie wird mir nimmer blühen.“</p> + +<p>Der Reiterzug ritt in den werdenden Tag, der schon herbstliche +Müdigkeit hatte. Die Luft flimmerte über der Erde wie Goldgespinste +aus Gottes Hand. Der sanfte Bergwind der Veleta lag den Reitenden +im Nacken. Sie gelangten nach Cañor, <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>wo man gerade die Almosen +verteilte, denn der Rhamadan war vorbei. Dann ging es über maurische +Dörfer nach Orgiva, wo man von den Handelsleuten, die nach den Bergen +zurückkehren mußten, Abschied nahm. Hier wartete neues Geleite für den +Koran. Drei Ritter aus dem Geschlecht der Beni Mossad übernahmen die +Überwachung, ältere Männer mit dem Stolz des Vertrauens auf der Stirn. +Sie saßen in ihren weißen Burnussen auf schwarzen, erlesenen Rossen, +den federgeschmückten Turban auf dem Haupt, die Füße in buntgestickten +Lederschuhen, die in silbernen Steigbügeln ruhten, den Degen in der +kunstvoll verzierten Scheide an Quastenschnüren quer über der Brust, +und trugen so ein echt maurisches Rittergepräge zur Schau.</p> + +<p>In ritterlicher Weise huldigten sie auch dem Königskind. Der eine von +ihnen war Chatib, das ist Kanzelredner, in Granada, der zweite Wali, +ein Viertelvorsteher von Granada, und der dritte Athibb, ein Arzt. Mit +gelehrten Reden versuchten sie die Langeweile des Rittes zu kürzen. Als +sie in Lanjaron, der Gartenstadt, unter der schönen Burg ankamen, wo +heute genächtigt werden sollte, trieb das Gemüt der schönen Reija schon +die farbigsten, frohesten Blüten. Wohl wußte sie, daß sie in Andalus +keine Rechte mit ihrer königlichen Abstammung geltend machen konnte, +aber die Verehrung der Mauren war ihr gewiß, und das erfüllte sie mit +einem harmlosen Stolz.</p> + +<p>Am andern Morgen zog man durch das Lecrintal weiter. In den Gärten +lachte die Frucht, in den Weinbergen blinkten die Kittel der lesenden +Frauen, da und dort tauchte ein spanischer Soldat, ein Ildsch oder +Nasranij, wie man auf maurisch die Christen nannte, aus einer Gasse auf +und wurde scheelsüchtig betrachtet. Die Atalaya, die Wachttürme, wurden +auf den Höhen sichtbar, wo bei Gefahr die Feuer angezündet wurden, +und bald stieg der Hügel von Padul vor den Blicken der Reiter auf. Da +bebte das Herz der Königstochter. In der Ferne, von den Hitzeschleiern +geheimnisvoll umhüllt, schimmerte Granada wie ein kostbarer +Edelstein von der vierzehntorigen Mauer mit den tausend Wachttürmen +eingeschlossen. Wie der Sommergarten zu <span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>Füßen des beschneiten Libanon +lag die Stadt mit ihrem Grün unter dem Schnee der Sierra Nevada. +Auf einem Hügel ragte der stolze Königsbau der Alhambra wie in +rötlich schimmerndem Erzglanz auf, der Steingedanke prachtliebender +Maurenkönige.</p> + +<p>Abu Atir hielt den Zug der Tiere an. „Friede mit dir, ‚Granatha‘, +Königin unter den Bettlern, und darum von uns geliebt wie die +Heiligtümer Arabiens! Selbst wenn wir tot sind, zieht der Hauch deiner +Schönheit Kreise über unser Grab.“</p> + +<p>Die Mauren sprangen vom Pferd, legten ihre Degen ab, die Sklaven +breiteten die Gebetsteppiche zu ihren Füßen aus, und bald darauf klang +die preisende Andacht der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten +zum Himmel. Dann wies der Imam nach der Stadt. „Dort blühten Glück und +Unglück für deinen Vater, Reija, dort im Herzen der Stadt, wo Haus an +Haus übereinandergewürfelt steht, im Rabad al Bayassin, wo der große +Turm des Minar herübergrüßt, im Viertel der Edlen.“</p> + +<p>Reijas Auge wurde naß. Der Greis erklärte dem Mädchen bei der Rast +die Geschichte der Stadt, sprach von den Kämpfen in der Vega, +in der breiten, fruchtschweren Ebene, die ihre Schätze wie auf +einem Riesenteppich rings um die Stadt legte, er sprach von den +Schmerzenstagen, als die Christen mit der Gewalt ihrer Kriegsmassen auf +die letzten Bollwerke der Mauren stießen, und wie der König, von den +Seinen verflucht, aus Granada ziehen mußte und auf diesem Hügel von +Padul die letzte Schau ins Land hielt.</p> + +<p>Die Ritter trauerten im Weh der Erinnerung. Hier war es, wo Mutter +und Gattin den König höhnten, daß er um das weine, was zu verteidigen +er nicht die Kraft gehabt hatte. El suspiro del Moro! Den ‚letzten +Seufzer des Mauren‘ nannten jetzt die Spanier den durch eines Königs +Abschiedstränen geweihten Felsen. „Hinweg, Bruder der Freude!“ verjagte +der Imam das eigene Weh. „Madhma madha! Vorbei ist vorbei! Wo sind die +Leute vom Stamm Ad und die von Themud? Wo die Kalifen, die auf goldnem +Thron saßen und auf weichen Mädchenbrüsten schliefen? Auch diese +Christenkönige sind Lehm und <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>Wasser und also der Erde untertan.“ Seine +Rechte wies nach Nordwesten, wo kahle Höhen in den Dunst geisterten. +„Dort liegt Cordoba, die Kalifenstadt, von wo unser Ruhm über die Welt +ging und wo das königliche Dreigestirn Abderrhaman, Haschin und Hakem +leuchtete. Aber es ist alles eitel.“</p> + +<p>Der Dunst über Granada wurde goldiger, und die rotbraune Tapia der +Alhambra begann zu glühen. Wie erstarrte weiße Riesenfalter im Grün +von Aloe und Kaktus blinkten die arabischen Lusthäuser. Die Königsburg +und die siebzigtausend Häuser des andalusischen Damaskus grüßten das +heimkehrende Kind im festlichen Abendglanz. Wie silberne Schlangen +blitzten die Wasseradern der Vega auf, und die Oliven- und Orangenhaine +bauschten sich polsterartig aus den abgeernteten Felderweiten heraus.</p> + +<p>Der Wali Mossad begann vom Hochmut der Spanier zu erzählen. Unablässig +rann ihm das Leid von den Lippen. „Da ist einer, die rechte Hand des +Gobernadors Tendilla, schön wie der Engel Gabriel, der Kriegsruhm +leuchtet ihm von der Stirn, seine Augen glühen Haß den Mauren, seine +Stimme schneidet ins Herz, und Härte ist sein Begleiter. Don Pedro de +Solar, Grafen von Mora, heißen sie ihn, den königlichen Hauptmann. Er +hat den Befehl über die Alhambra.“</p> + +<p>Reijas Hand spielte mit dem Talisman an ihrer Brust: fünf silbernen +Fingern, die die Hauptgebete des Islams versinnbildlichten. Sie wollte +sich durch die Berührung des Zaubergehänges vor den bösen Kräften +schützen, die aus dieses Mannes Auge strahlen mußten.</p> + +<p>Als der Salzwind von Süden wehte, brach man auf, und die andalusischen +Rosse flogen wie Wüstenpferde der goldschimmernden Stadt zu. Das +Schlagen der Hufe, das Keuchen der Pferdeleiber, das Rasseln der +Degen, das Geklirr der Frauenketten stimmte sich zu einem frohen Klang +zusammen.</p> + +<p>Granada enthüllte sich wie eine schöne Frau. Über die Vorgartenmauern +schlang sich die Weinrebe herab, immer mehr Volk zeigte sich auf dem +Weg, man grüßte die edlen Mauren und <span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>staunte die verschleierten Frauen +an. Dumpf polterten die Hufschläge über die Genilbrücke, unter der der +wasserarme Fluß dahinschlich. Beim Mühlentor durfte der Zug unbelästigt +die Wache passieren, denn man erkannte die edlen Beni Mossad. Hinter +dem Tor in der engen Gasse staute sich das bunt zusammengewürfelte +Volk. Aus allen Winkeln drängte sich ein Mischgeruch von Räucherwerk, +Schafmist, Gewürz, Lauch, Hammelfett und Schweiß in die Nase. +Gebetsworte surrten aus den hohen Gitterfenstern eintönig herab; es +herrschte eine Stickluft. Es war die Antequeruela, das Viertel der +Armen, durch das sie ritten. Maurinnen in ärmlicher Kleidung, um +das Gesicht das heiße, im Nacken verknotete Wollzeug geschlungen, +starrten neugierig aus den Toren nach den Reiterinnen. Barcelonische +und genuesische Händler priesen schreiend ihre Waren an. Ein seltsamer +Mann, in ein graues, dichtgeschlossenes Gewand gehüllt, das auf Brust +und Rücken mit einem roten Kreuz bemalt war, bettelte sich von Tür zu +Tür.</p> + +<p>„Es ist ein Ketzer,“ erklärte der Wali, „das Schandkleid der +Inquisition, das Sanbenito, muß er bis zu seinem letzten Hauch tragen. +An den Feiertagen steht er mit der brennenden Kerze in der Hand vor der +Kirchentür, sein Gut ist eingezogen worden, seine Kinder sind verachtet +von den Christen.“</p> + +<p>Reija schauderte zurück, dann warf sie ihm eine Münze vom Pferd herab.</p> + +<p>An dem Judenviertel ging es vorbei, dessen enge Gassen die Düsterheit +des Schicksals seiner Bewohner kündeten. Auch dieses Volk hatte bessere +Tage gesehen, als noch die Maurenkönige in Granada herrschten. Gab es +doch sogar einen jüdischen Minister Samuel unter den Vezieren. Die +Königin Isabella aber ließ sie alle taufen oder austreiben. Die neuen +Christen — Maranen nannte man sie — konnten des neuen Heils nicht +froh werden, wiewohl manche als Ärzte, Schriftausleger und Gelehrte am +königlichen Hofe lebten. Innerlich trennte sich keiner vom alten Gesetz +seiner Väter. Sie waren nirgends und überall zu sehen, je nachdem es +ihr Vorteil erheischte. Mit dem Warenbeutel am <span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span>Rücken schlichen sie +sich des Nachts in die Häuser der Mauren, um Handel zu treiben. Die +Inquisition hatte ein wachsames Auge auf sie.</p> + +<p>Abgemergelte, geschäftig sich herandrängende Gestalten umringten die +Pferde der Reiter, als sie jetzt durch die Alcaiceria, den Trödelmarkt, +zogen. „Alles Maranen, getaufte Juden,“ erklärte der Wali, „noch unter +Torquemada gebrandmarkt. Dabei können sie von Glück sagen, nicht +vertrieben worden zu sein. Denn die das Schicksal erlitten, denen nahm +man das Geld nicht nur aus der Tasche, sondern schnitt es ihnen aus +dem Bauch, wenn man es dort vermutete. Wer eine Thora im Haus hat, ist +verloren. Unlängst griffen sie einen, der eine Hostie gegessen haben +sollte unter dem Schalet, einen andern, weil er sein Hemd am Sabbat +gewechselt. Und trotzdem haben sie ihre heimlichen Winkel, wo sie +Kaftan, Leibgurt und Käppchen versteckt liegen haben, und kommt der +Sabbatabend, beten sie doch zu ihrem Gott, wie unsere Moriskos zu dem +unsern. Sie leiden noch mehr als wir. Aber es wird über uns kommen wie +über sie, wenn er kommt!“</p> + +<p>„Ximenes!“ erschauerte Abu Atir.</p> + +<p>„Die Moriskos in Toledo nennen ihn einen Geist, geschaffen aus dem +Feuer des Samum. Gott behüte uns vor seinem Glaubenseifer, der mehr +Glaubenstollheit ist. Man spricht davon, daß er Maurenbücher verbrennen +will.“</p> + +<p>Abu Atir warf seinen Leib zurück. „Nimmer glaube ich’s. Der Segen des +Höchsten über unsern Koran! Ich will ihm Schätze weisen, größer denn +die Goldreste von Rusafa in Cordoba, nur auf Boabdils Koran lege er die +Hand nicht.“</p> + +<p>Sie gelangten auf die große Bab al Raml, den Hauptplatz der Stadt, +den die Spanier Bibarrambla nannten. Hier lag die Medriset, die +Hochschule der Mauren, mit ihren zierlichen arabischen Hufeisenbogen, +unter denen die Jünger der Wissenschaft wandelten. Vor den Hallen +flochten Maurenweiber aus Espartogras die großen Fußbodenmatten für +den Winterbedarf, und syrische Händler verkauften ihre Teppiche. +Nebenan priesen die <span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>Töpfer aus Andujar ihre Vasen und schimmernden +Azulejos, die farbigen Glasuren für die Wandtäfelung, an. Dann ging es +durch die engen Gassen des Zacatin, wo die Gewölbe der korduanischen +Goldschmiede lagen und das Geschrei sich zu einem ohrenbetäubenden +Getöse verdichtete. Buntes, schillerndes Seidenzeug lag in den Basars +der großen Caiseria vor den Augen der Mädchen.</p> + +<p>„Kleider, Seide!“ rief Reija in kindlicher Eitelkeit aus.</p> + +<p>„Degen und Schwerter!“ freuten sich die Männer, als sie an den +Waffenläden vorbeiritten.</p> + +<p>Auf den Kauftischen breiteten sich die Kostbarkeiten des Morgenlandes +aus, Spezereien, Edelsteine, Farbstoffe, Gewürze, Lederwaren, Bücher +und das bunteste Zeug in reicher Abwechslung.</p> + +<p>Aber was war das? Eine Moschee, vor der braune Kuttenträger wandelten. +Paarweise traten gebräunte Knaben unter Führung von Mönchen in den +heiligen Raum und bekreuzigten sich, schritten nach dem Altar, wo +das Tabernakel glänzte. Maurenknaben in der Moschee, die in eine +christliche Kirche umgewandelt war. Abu Atir drängte das Pferd Reijas +von der Stelle, deren Anblick sein Herz beengte.</p> + +<p>Durch schmutzige Krämergassen ritten sie aufwärts nach dem Albaycin, +wo der Imam im alten Kassr, im Hause der Nassriden, das Heim für +das jüngste Kind des Geschlechts hatte vorbereiten lassen. Vor dem +Ostuwan, dem festungsartigen Vorbau des Palastes, über dessen Tor unter +dem Metallfries das prächtige Stahlschild der Nassriden schimmerte, +hielten die Rosse. Ein reichverziertes Eisengitter öffnete sich +nach dem Sahat, dem Innenhof, wo das Gartengrün und eine wunderbare +Blumenpracht den blitzenden Springbrunnen umkränzten. Ringsherum +flimmerten die bunt ornamentierten Wände und Laubengänge des Hauses, +sahen die Ajimezes, die durch ein Säulchen geteilten Fenster der +Innengemächer, auf die lauschige Gartenstille herab. Ein betäubender +Duft wehte aus den Rosenbeeten. Der Geist des Islams lächelte heiter +aus jedem Bogenschwung, aus jedem Wandzierat, aus jedem geheimnisvollen +Nischenschatten. <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span>Die arabische Ampel aus zartem Schmiedeornament +überschimmerte mit ihrem Licht den Laubengang, und in jeder Nische +verdampfte in kupfernen Pfannen das Rosenöl oder der Duft des +Sandelholzes. Berbersklaven ordneten die Rasen und Wege, und als Reija +die breite Steintreppe hinaufstieg, nachdem sie die Beni Mossad dankend +verabschiedet hatte, kamen ihr zwei Sklavinnen entgegen, ehrwürdige +Matronen, die ihr von nun an dienen sollten.</p> + +<p>Die üppige Pracht des ersten Gemaches verwirrte den Sinn des Mädchens. +Die geometrische Kunst der arabischen Baumeister an den Wänden, +vielgestaltig und -farbig, wie ein Linienmärchen zur Schau gestellt, +mußte zur träumerischen Betrachtung anregen, und Reijas Phantasie +freute sich auf die Stunden des Auskostens aller Schönheiten. Sie trat +jetzt mit Abu Atir auf den Mirador, den maurischen Balkon.</p> + +<p>Zu ihren Füßen lag die lärmende Stadt, umrahmt von der grünen Vega, das +flache Gedächer des Albaycin, die steilen Gäßchen, in die nie das warme +Gold der Sonne tauchte, jenseits des Darro der vielfältig gegliederte +Steinleib der Alhambra und dahinten der Schneewall der Sierra Nevada. +Eine überwältigende Größe sprach aus dem Bild. Der Sonnentod flammte +scharlachrot wie Liebesglut über den Dächern. Reijas Herz wurde von +Gottesgedanken gepackt. „Wo ist der Koran?“ fragte sie wie aus heiligem +Drang heraus.</p> + +<p>„Die Beni Mossad trugen ihn in die Moschee. Ali wird am Freitag zum +erstenmal daraus lesen.“</p> + +<p>„Meines Vaters Koran — in Granada!“ jubelte Reija. Da fiel ihr Blick +in die Straße auf eine hohe Gestalt in weißer Mönchskutte, der viele +Moriskos folgten. „Wer ist das?“ fragte sie eine der Matronen.</p> + +<p>„Verhülle dein Gesicht fest, Blume von Andalus. Das ist der Pater Leon.“</p> + +<p>„Dieser ist es?“ erschauerte Reija. „Er blickt finster wie der Baum +Sukuum, der die Hölle deckt.“</p> + +<p>Es pochte. Ein alter Maure mit schwer verfurchtem Gesicht <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>trat +ehrfürchtig ein. „Allah akbar! Gott sei dir immer gnädig, Blüte des +Alters, weiser Scheich!“ sagte er ernst, während er die Arme über die +Brust verschränkte.</p> + +<p>„Gegrüßt auch du, Malik Ben Hossaim, mein Rasul, mein Bote, dem alles +zum Segen werde. Du warst in Cordoba?“</p> + +<p>Der vertraute Bote bejahte, indem er die Lider bis auf eine kleine +Spalte schloß.</p> + +<p>„Und du hast die letzten Bücher aus dem Schatz meines Vaters gebracht?“</p> + +<p>Wieder klappten die Augendeckel zu.</p> + +<p>„Und sonst hast du mir nichts zu sagen nach so langer Zeit?“</p> + +<p>Da bewegten sich die dünnen Lippen, und langsam, jedes Wort betonend, +sagte Malik Ben Hossaim: „Ximenes kommt aus Toledo.“</p> + +<p>„Ximenes!“ Der Name fiel wie Eis in das gelassene Blut des Imam. Soeben +erscholl das Idsam, der Gebetsruf, in feierlich gezogenen Tönen über +die Dächer: Gott ist der Höchste, und ich bekenne, daß es nur einen +einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommt zum Gebet! +Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste! Es gibt nur einen einzigen +Gott!</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Funftes_Kapitel"> + Fünftes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>m Thronsaal der Gesandten in der Alhambra standen die Granden vor den +Königen.</p> + +<p>In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff +Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den +Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach +und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung +vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend +Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche +Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten +für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre +Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten +Glaubensfanatismus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span></p> + +<p>Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des +Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in +den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre +Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner +natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche +Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger. +Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten +Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos, +erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer +reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und +zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist +der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch +Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den +Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben +ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt +zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger +gewisser Granden zu verteidigen.</p> + +<p>Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in +Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter +Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott +auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das +Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner +schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser +Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der +fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch +sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der +Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So +blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach.</p> + +<p>Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht +Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit, +hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um +das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>hier schluchzte +der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des +Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften +und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch +zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt, +verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden.</p> + +<p>Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter +geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen +Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im +rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem +Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr.</p> + +<p>Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt +des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt, +vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des +Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des +Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents +von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des +Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier +bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich +freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes +für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft +verdoppelt den Erfolg.“</p> + +<p>Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den +Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt, +meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen +zweier Dominikaner zu seinem Sitz.</p> + +<p>Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den +Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den +kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das +Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu +haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter +der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er +den Soldaten <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch +erfinderischer Kopf durfte nicht feiern.</p> + +<p>„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter.</p> + +<p>Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er.</p> + +<p>„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor +allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem +Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man +hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der +König.</p> + +<p>„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“</p> + +<p>„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich +durchlisten.“</p> + +<p>Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie +Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“</p> + +<p>Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert +an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub +da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten +Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser +kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern +liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier +im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe +unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der +Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets, +wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe +keines äußerlichen Löwenzeichens.</p> + +<p>Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach +der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der +Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und +suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich +einst, von den Goten abzustammen. <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>Hat nicht ein Ahne von Euch den +Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“</p> + +<p>„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz.</p> + +<p>„Ihr habt die Wunde an dem Hals —?“</p> + +<p>„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“</p> + +<p>„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir +brauchen — Neapels wegen — Hauptleute, die unter dem Mars geboren +wurden.“</p> + +<p>„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude — jedoch ich gestehe — +die Ferne zieht mich an.“</p> + +<p>Der König blickte ungehalten. „Ihr wollt nach Hispaniola.“</p> + +<p>Des Ritters Augen glänzten. „Die Goldschächte von Ophir locken mich. +Kolumbus will ins unentdeckte Bergland der Inseln dringen. Man sagt, +daß Bobadilla demnächst hinübersegeln soll. Wenn ich es wagen dürfte —“</p> + +<p>Der König zog die Brauen hoch. „Verderblicher Drang! Wohin käme +Spanien, wenn alle Ritter westindische Sehnsucht hätten! Sevilla ist +schon halb entblößt von Edlen, Cordoba folgt nach. Nun auch Granada?“</p> + +<p>„Dazu ist mir der Graf zu teuer,“ warf sich Tendilla dazwischen.</p> + +<p>„Dann bleibt!“ befahl der König.</p> + +<p>Don Pedro de Solar trat zu seinem Sitz zurück. Über seine Stirn zog ein +Schatten.</p> + +<p>Fernando rief seinen ersten Feldherrn, den großen Kapitän Gonsalvo de +Cordoba, Herrn von Aguillar, vor den Thron. „Kann man in die Alpujarras +dringen?“</p> + +<p>Der stattliche Krieger mit den Lorbeeren auf der Stirn berichtete: +„Hinter den Barrancos liegen die alten Maurennester und die +Schlupfwinkel der Mißvergnügten. Für die spanische Reiterei wäre der +Boden ein zweites Malaga. Die Mauren verstehen sich auf den Bergkrieg, +wir haben unsere Ruhmeskränze in den Ebenen Italiens gepflückt.“</p> + +<p>„Das klingt nicht zuversichtlich.“ Wieder sah der König düster.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span></p> + +<p>Da mengte sich Isabella drein. „Gebt den Mauren tüchtige Priester, und +sie werden nicht zu flüchten brauchen. Ich will nicht ihr Blut, sondern +den Glauben. Spanien soll einen Gott verehren.“</p> + +<p>Es klang wie ein schmetternder Kriegsruf. Gott, Jesus und die Jungfrau! +Das waren die Leitsterne der Spanier.</p> + +<p>Aber die Stirn der Königin umwölkte sich. „Warum ziehen sich Prälaten +und Lehensmänner auf ihre Besitzungen zurück, anstatt bei Hof zu +dienen? Ist man schon ruhebedürftig? Satt der Lorbeeren? Mißtraut man +uns? Will man sich in der Einsamkeit für einen Trotz stärken, den ich +schon gebrochen glaubte? Ist meine Geistlichkeit durch die Pragmatika +gekränkt, die ihr manches alte Recht nahm, das kein Recht uns schien? +Ich vermisse meine Domherren von Toledo, den Bischof von Jaen und +manchen andern. Fühlen sie sich bei ihren Weibern wohl? Man bessere es +und lerne nicht allzuviel von den Mauren.“</p> + +<p>Es waren schwer anklagende Worte im Munde einer Königin. Aber die +Granden waren die Sprache gewöhnt. Man nahm sich davon, soviel man +wollte, und das Leben ging seinen alten Gang weiter.</p> + +<p>„Auch meine Ritter zürnen,“ fuhr die Königin fort. „Die Cortes +beschlossen bisher nur, was ihnen frommte. Wer beschließt, was dem +gemeinen Bauer not tut? Der königliche Rat ist die Ergänzung des +Willens der Cortes. Es kann nicht ein Stand alles heißen wollen. Ist +Spanien nicht glücklich? Mit blühendem Handel bedacht, geachtet in +aller Welt, bestrahlt vom Kriegsruhm, beneidet um die neuentdeckten +Länder, und nun auch bald — so hoffen wir — geeinigt in einem +Glauben? Was wollt ihr, Granden? Zürnt ihr unserm Wunsch nach +Schlichtheit in der Kleidung? Mögen sich die Mauren mit syrischem Tand +behängen, euch Christen ziemt die Schmucklosigkeit. Gebt den Altären +Schmuck und begnügt euch mit dem schwarzen Wams. Oder stoßt ihr euch +an der Maurensteuer? Sind auch die Kriege tot, die Mauren leben noch +und schielen nach der Berberei hinüber. Ihr seht die Gegenwart, wir die +Zukunft. Wir brauchen <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>Geld für die Bekehrung, zum Schmuck der Altäre, +daß diese die Mauren locken, die des Schmucks gewohnt sind. Vor dem +Altar bricht der schöne Quell des Glaubens von selbst auf. Drum murrt +nicht, Granden. Sprecher, vor!“</p> + +<p>Aus der kühl und stumm sitzenden Ritterschaft erhob sich der Herzog von +Osuna, ein gereifter Herr. Mit dem Stolz des selbstbewußten Untertans +trat er vor seine Könige. „Wir wollen nur, daß man in Hinkunft die +Cortes mehr zu Rate ziehe als bisher. Und dann noch eines, erhabne +Königin: Seid nachsichtig mit den Mauren, die unsre Güter bebauen. Sie +sind zum großen Teil bekehrt, doch unbelehrt. Ein verfänglich Wort, +eine Gebärde bringt sie in Verdacht des alten Glaubens. Wir verlieren +unsre besten Kräfte, denn fleißig, bedürfnislos und willig ist der +Maure, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Wohl zwinge ich ihn nieder, +wenn er sich rührt. Doch der für uns in Frieden die Furchen in die Erde +zieht, den Boden wässert, die Seidenraupe züchtet, soll auch unsere +milde Hand zu spüren bekommen.“</p> + +<p>Der König sah finster. „Ist mir doch, als spräche aus Euch ein Grande +von Aragonien. Es scheint, man nimmt bei seiner Sorge um das tägliche +Brot den Glauben allzu leicht.“</p> + +<p>Der greise Erzbischof Talavera humpelte zum Thron. „O mein König, nicht +den Glauben nehmen wir leicht, doch leicht das ungewollte Straucheln +im neuen Glauben. Sie müssen erst gehen lernen im Christentum. Man +kann ein Kind nicht für jeden Fall auf den Boden, den es mit seinen +ungeschickten Beinchen tut, gleich züchtigen.“</p> + +<p>„Wer wollte das!“ fuhr die Königin auf.</p> + +<p>„Es ist geschehen,“ klagte Talavera. „Mit Drohungen drängt man die +Moriskos in die Kirche, in den Beichtstuhl, in die Prozessionen.“</p> + +<p>„Man soll es abstellen,“ sagte der König unsicher. „Die Geschichte sage +nicht, daß nur Gewalt die Herzen bändigte.“</p> + +<p>„O laßt mir Zeit, erhabne Königin, mir und den Mauren. Und darum — +fast schäme ich mich, zu bitten — wenn es noch ungeschehen zu machen +— o Gott, verwirrt ist mein Gemüt — Ximenes <span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>— wie ehre ich ihn! Er +wirkt Wunder in Toledo — doch hier in Andalusien, auf fremdem Boden — +o überlegt es, große Königin, mein König!“</p> + +<p>Isabella blickte besorgt auf den zitternden Greis, der in den Armen der +beiden Mönche hing. „Ximenes — ist gerecht,“ sagte sie leise.</p> + +<p>„Es gibt etwas, das größere Wunder übt als Gerechtigkeit: Güte, Gnade!“</p> + +<p>„Sie sind Gottes Geschenke in Eurer Brust, Talavera. Aber ich weiß, daß +auch die Brust Ximenes’ solche Schätze birgt. Er wird sie nützen. Auch +kann ich mir den treuesten Diener nicht entfremden.“</p> + +<p>„Besser einem Diener sich entfremden als einem ganzen Volk,“ rief +erregt Graf Orgaz, ein eifriger Maurenfreund, dazwischen.</p> + +<p>Der König sprang auf. „Genug der Leidenschaft um eines bösen +Gegenstandes willen.“ Ein strafender Blick fiel auf den dreisten +Grafen. Wollte sich der alte Rittertrotz, kaum erst gezügelt, von der +Kette reißen? „Wie denkt Pater Leon darüber?“</p> + +<p>Von den Sitzen des Klerus erhob sich ein junger Dominikaner. In den +schön durchgebildeten, scharfen Zügen lag die Härte des Eiferers, +die hohe Stirn drohte, und unter ihr glänzten dunkle Augen auf +bläulichweißem Grunde, Augen, deren Blickkraft die unheimliche Macht +des Magneten hatte. Mit der Gewalt dieser Augensprache allein schon +glaubte der Priester Seelen bannen zu können. Die kräftig gezogene +Lippe aber verriet den Unsegen sinnlicher Geister. Eisig klang seine +Stimme über die Versammlung hin: „Ein Franz von Assisi konnte mit +Sanftmut Gläubige stärken, doch Heiden bekehren konnte er nicht. Allzu +fern steht uns der Mekka-Prophet, als daß wir mit ihm Pakte schließen +könnten. Sein Ich trieb Mohammed in die Prophetenschaft hinein, nicht +der Geist Gottes. Er stiftete Gesetze, die seinem Wesen angenehm waren +und seinem Volk schmeichelten. Weil es eine Religion der Bequemlichkeit +ist, vermag sich der Maure so schwer von ihr zu scheiden, und nur mit +Strenge hält <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>man seinen Geist an der Kette des neuen Glaubens, sonst +schüttelt er sie immer wieder ab. Christus hat gesagt: es wird ein +Hirt und eine Herde sein. Wer nicht in der geheimnisvollen Arche, die +da Kirche heißt, schwimmt, wird von den Gewässern der Sünde ergriffen. +Wir aber können keinen Menschen in der Sünde belassen. Unselig der, der +fremden Propheten zuneigt.“</p> + +<p>Das religiöse Wort fuhr mächtig in die Seelen der Granden. Um Christi +willen konnte man nichts Besseres tun, als die Leugner des Gottessohns +hassen. Das Mitleid schwieg, da dieses Heilswort, posaunenartig aus +eines Priesters Brust gestoßen, tief ins Herz sank. Und die Furcht vor +der Inquisition machte vor den Herzen der Granden nicht halt. Nur der +Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz verurteilten innerlich das +Flammenwort des Dominikaners.</p> + +<p>„Alles für den Glauben!“ stürmte jetzt der Herzog von Medina-Sidonia +seine tiefste Überzeugung hervor.</p> + +<p>„Alles für den Glauben!“ riefen die Granden emporspringend.</p> + +<p>Der Priestermund hatte das Ansehen der Kirche und der Könige +wiederhergestellt. Mit gehobener Brust empfingen die Herrscher den Rest +der Bittsteller.</p> + +<p>Durch das lautlose Spalier der Edlen schritten Fernando und Isabella +Arm in Arm, gefolgt von den Geheimschreibern des Hofes, nach dem +maurischen Torbogen. Als sie durch die Vorhalle des Comaresturms +gingen, grüßte sie die von Fackeln beleuchtete Pracht des +Wasserbeckens, das die schimmernde, durchbrochene Stuckwand und die +Arkaden des Myrtenhofes widerspiegelte. Die Koransprüche an den Mauern +beirrten das Herz der Könige nicht. Das alles gehörte jetzt ihnen. Sie +hatten nicht den traurigen Ehrgeiz, Zertrümmerer der schönen Kunstbeute +zu heißen. Denn diese selbst zeugte für die Größe des Sieges, der +errungen worden war. Unter den rauschenden Fanfaren der Hornbläser +schritt das Königspaar in die Gemächer der Bäder hinab, wo in der Sala +de las Damas ein leichtes Abendessen bereit stand.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"> + Sechstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>m Hofe des Ayscha-Hauses, dicht neben den Bädern, ergingen sich +zuwartend jene Männer, die für eine besondere Aussprache von den +Herrschern empfangen werden sollten.</p> + +<p>Don Pedro de Solar Graf von Mora schritt mit dem Herzog von Osuna +erregt auf und ab. „Der König — wirklich der König?“ fragte Mora +ungläubig.</p> + +<p>„Ihr möchtet wohl lieber von der Königin empfangen sein?“ lächelte der +Herzog.</p> + +<p>„Es ist eine Gnade ohnegleichen. Mich auszuwählen!“</p> + +<p>Osuna senkte seine Stimme. „Man war heute ungnädig gegen uns. +Vielleicht will man es gutmachen.“</p> + +<p>„Habt Ihr bemerkt, Herzog, wie der König sich erst meines Namens +entsinnen mußte? Mein Geschlecht, sagt man, gelte nicht viel in seinen +Augen. Mein Vater stand im Verdacht, allzu eifrig für die Cortes +gesprochen zu haben. Das vergißt Fernando nicht.“</p> + +<p>Da trat ein Escudero mit einem Brieflein an den Grafen heran. Dieser +errötete. Der Herzog aber lächelte wieder. „Glücklicher Mann, der die +Gebete des Herzens wie ein Gott empfangen darf.“</p> + +<p>Der Graf zerriß das Schreiben, kaum daß er es gelesen. „Es wiederholt +sich seit einer Woche jeden Tag. Ein Versegestammel arabischer +Gefühle auf gut spanisch. Und der Page ist schweigsam wie ein +Inquisitionsknecht. Sicherlich eine Hofdame mit einem Eulengesicht und +einem Entengang, sonst würde sie mehr Schleier gelüftet und weniger +Verse geschrieben haben.“</p> + +<p>Der Herzog von Osuna wurde nachdenklich. „Seit einer Woche, sagt Ihr?“</p> + +<p>„Es ist nichts Auffälliges daran.“</p> + +<p>„Hm — es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin, +Leonore de Uceda, in Granada weilt.“</p> + +<p>Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>de Uceda? +Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche +Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern +beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der +Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“</p> + +<p>Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der +Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte +eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann +lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie. +Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht +befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen +würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele +verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein +wollten.“</p> + +<p>„Alles gut, Herzog — aber eine Uceda! Und gerade mich?!“</p> + +<p>„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt +bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter +nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige +Damen bereit?“</p> + +<p>„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der +Graf.</p> + +<p>„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als +das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln +war ein gewagtes Stück.“</p> + +<p>„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem +meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“</p> + +<p>„Ihr kennt Kolumbus?“</p> + +<p>„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in +Salamanca.“</p> + +<p>„Ihr wart in Salamanca?“</p> + +<p>„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span></p> + +<p>„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und +Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der +ganz Kastilien spricht.“</p> + +<p>„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“</p> + +<p>Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro +de Solar zum Herrscher.</p> + +<p>Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen +Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor +dem schlanken Ritter.</p> + +<p>Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen +Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast, +das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um +die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf +grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also? +Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel +nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit +einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu +besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert.</p> + +<p>Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte +es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente +und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke +ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von +unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft.</p> + +<p>Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser +stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in +diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder +in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen +Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell +die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“</p> + +<p>„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora.</p> + +<p>„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus <span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>dem +Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie +leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz —“</p> + +<p>Don Pedro de Solar verneigte sich verwirrt. „O mein gnädiger König!“</p> + +<p>„Doch — Ihr seid — unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern +und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“</p> + +<p>„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie +gaben mir nur Blicke, keine Seele.“</p> + +<p>„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“</p> + +<p>„Und dann“ — der Graf errötete —, „ich bin, was Schönheit angeht, +verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“</p> + +<p>„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen. +Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch +glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen +sahen. Kennt Ihr — Leonore de Uceda?“</p> + +<p>Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in +einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als +hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm +diese Schmach —? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit +anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was — +habe ich getan — daß man mich — so zu — ehren sucht?“</p> + +<p>„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht +kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich.</p> + +<p>„Ich kann dieses — Geschenk nicht annehmen.“</p> + +<p>„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst.</p> + +<p>„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu +sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“</p> + +<p>„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr +verschmäht — was — ich geliebt?!“</p> + +<p>„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen +<span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine +Enttäuschung erleben.“</p> + +<p>Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln, +die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich. +Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen +würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern +auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer +Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen +Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann, +der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein +empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen, +so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren +König geliebt —“</p> + +<p>„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte +Graf de Mora.</p> + +<p>Der König wurde weich. „Schön gedacht — doch das Leben fordert +Entsagungen. Wenn ich mich nun meines Innersten entäußere, so schätzt +die Ehre, die Euch zuteil wird. Wenn Ihr plaudert, seid Ihr verloren. +Ich habe eine Königin, ein herrliches Weib, ein gutes Weib, erfahren +und geschickt, staatsmännisch klug und beim Volk beliebt. Ritter +opferten ihr Leben für sie — und dennoch — ich habe neben ihr noch +andere geliebt. Ich altere und möchte das Sündenleben abgeschlossen +sehen um meiner Königin willen, möchte Gewesenes vergessen sein lassen. +Doch will ich nicht dabei verletzen, will erheben, will den schönen +Schatz nicht in Klostermauern begraben, sondern ans Herz eines Mannes +betten, der Mitwisser meines Leids geworden, aber zugleich Erlöser sein +kann. Eures Königs Schuld liegt vor Euch. Ihr habt in einem — darf ich +sagen seligen? — Augenblick ein Bild gesehen, das sonst Sterblichen +verwehrt ist. Euer König hat sich eines Gefühls begeben, er hat Wunden +aufgerissen, die ihn schmerzten. Habt Ihr, Graf, jetzt noch den Mut, +Euern Ehrgeiz höher zu stellen als Eure Herzenspflicht?“ Der König sah +den Granden durchdringend an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span></p> + +<p>Don Pedro de Solar sah zu Boden. Er ward zum Zeugen königlicher Reue +gemacht. Doch in der Schwäche seines Herrn wurde er selbst stark. Er +stand als der Tugendhaftere und deshalb Beneidete vor ihm. Durfte er +sich also erniedrigen und eine Hand erfassen, die trotz der Königsliebe +unrein war? Die weggeworfene Frucht, wenn sie auch einen König +erfrischt hatte, als eine unversehrte hinnehmen? Durfte er Tröster +eines weiblichen Herzens werden, das seine Weiblichkeit zerbrochen? +Kein Kuß mehr wusch die Schmach der königlichen Umarmung weg. Es +gab freilich Beispiele aus des Königs Pedro Zeiten, den Spanien den +Grausamen hieß, Beispiele, die dem Ritter alle Bedenken zerstreuen +konnten, Beispiele ähnlicher Händel, die doch nicht entwürdigt und die +Händler sogar vor aller Welt ausgezeichnet hatten. Aber wer sicherte +sie vor dem Fluch der Nachwelt? Und was galten sie vor dem Stolz des +kastilischen Edelmannes? Der Graf besann sich nicht lang. „Ihr wollt +verschenken, was neben der Königin Euch am teuersten war? Darf ich +wagen, Euch zu bitten, Königliche Hoheit, einen andern zu beglücken?“</p> + +<p>Des Königs Blick schoß Zorn auf den Ritter. „Und wenn ich Euch zwänge?“</p> + +<p>„So müßte ich der Welt wissen lassen, wie sich der König seiner +Ritter bedient, um Liebesschulden aus seinem Leben zu tilgen. O meine +Königliche Hoheit, ich fühle die Bedrängnis dieses hohen Herzens, doch +— Ihr könnt keinen Ungeschickteren wählen. Ich bin hart, streng, +versteh es nicht, auf den weichen Saiten einer Frauenseele zu spielen, +mein Sinn ist unstet, drängt nach Mannestat. Ich schwöre es, keinem +Menschen anzudeuten, was diese Stunde mir geoffenbart.“</p> + +<p>„Bei Gott und Santiago — das traf!“ sagte der König klanglos. „Doña +Leonore wird das Herz brechen.“</p> + +<p>„Sie weiß — von dieser Stunde —?“</p> + +<p>Fernando nickte.</p> + +<p>„O Gott — die Briefe — Verse —?“</p> + +<p>Abermals nickte der König. „Behandelt sie mit größter Achtung, wenn Ihr +jetzt zu ihr geht.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span></p> + +<p>„Ich soll —?“ erschrak Don Pedro de Solar.</p> + +<p>„Dies wenigstens werdet Ihr mir nicht versagen,“ bat der König ernst. +Er wies nach einer kleinen Tür. „Hier kommt Ihr auf einen andern +Korridor. Im ersten Zimmer rechts wartet jemand auf Euch, der Euch +die andre Hälfte dieses Apfels weisen wird.“ Der König nahm von einer +Fruchtschale die Hälfte eines rotbackigen Apfels. „Es ist ein Zeichen +des Verständnisses.“</p> + +<p>„Der Gang ist schwer für mich. Doch mein König befiehlt.“ Der Graf +verneigte sich und ging. An der Tür hielt ihn der König auf. „Noch +eins: Ihr dürft nach Hispaniola segeln.“</p> + +<p>„Oh, wie soll ich danken — die unverdiente Gnade —“</p> + +<p>„Es ist nur Vorsicht, nicht Gnade. Wir wollen nicht gern dem Menschen +in die Augen sehen, der uns schwach erkannt. Geht.“</p> + +<p>Don Pedro de Solar stand in einem kleinen Korridor. Er überlegte. +Sollte er wirklich mit dem Weibe fertig werden, das so seltsam um ihn +warb? Aber er sah ein, daß es ihm ziemte, der Dame, die er verschmäht, +Gründe anzugeben, ohne sie zu beleidigen. Doña Leonore hatte Anspruch +auf dieselbe Wahrheit, wie sie der König bekommen hatte. Mit klopfendem +Herzen näherte er sich der Tür, die halb offen stand. Er wurde also +erwartet. Im nächsten Augenblick rieselten ihm süße Schauer durchs Mark.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"> + Siebentes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>er Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin. +Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks, +aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer +Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen +Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen +sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus +mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der +Graf jetzt mit den Augen trank.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl +hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer +Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen +Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder +baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die +goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der +Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und +das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña, +die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die +Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen +die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden +Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten +Geschöpfe gemacht.</p> + +<p>Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol +noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem +von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus +den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten +an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen +Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten +konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken +heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die +zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den +goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern +zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie +Unheil.</p> + +<p>„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt +— in der Tat — das hätte ich am wenigsten erwartet.“</p> + +<p>„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora.</p> + +<p>Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine +dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige +Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche +Haltung waren Eigenschaften, die ein <span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span>liebebegieriges Weib entflammen +konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in +Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den +kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären +und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und +verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann +sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch +fesselnder.</p> + +<p>„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche. +Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich +möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen, +deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte.</p> + +<p>„Und — wie wollt Ihr — behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu +sich kommend.</p> + +<p>„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß +sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an +Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“</p> + +<p>„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen.</p> + +<p>„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“</p> + +<p>Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr +ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in +Gefahr.“</p> + +<p>Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als +Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als +Freundin ein.“</p> + +<p>„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die +verführerischen Augen.</p> + +<p>„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe +heraus.</p> + +<p>„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum +daß ein Anfang gemacht war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span></p> + +<p>„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“</p> + +<p>„Und dazu diese — Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale.</p> + +<p>Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte, +Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro — versteht Ihr +so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart +beim König.“</p> + +<p>„So wißt Ihr alles.“</p> + +<p>Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das +ist, was Ihr mir zu sagen habt?“</p> + +<p>„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit +sein eigen nennen soll.“</p> + +<p>„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen +bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“</p> + +<p>„Nun denn — ich beneide den — König.“</p> + +<p>Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten +Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase +schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann +bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure +Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß +man die Wache ruft.“</p> + +<p>„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“</p> + +<p>„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“</p> + +<p>„Doña Leonore — ich schätze Euch — den König, aber ich kann nichts +tun, um Euch — glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel +haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle +verschrieben habt.“</p> + +<p>Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib +zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes.</p> + +<p>Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore — es ist ein Unwürdiger, +um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es +sein könnte.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p> + +<p>„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre +sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen.</p> + +<p>„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“</p> + +<p>„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch! +Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie +erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter +Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum, +genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien! +Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in +Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den +Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken +der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe +— liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich +verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“</p> + +<p>Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der +Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte +sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor. +„Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“</p> + +<p>„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer +Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte +ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren +Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann: +Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht +einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit +blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir +vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir, +hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht +das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit +solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das +war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span></p> + +<p>„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine +Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“</p> + +<p>Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s +heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie +zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre +Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht +diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen. +Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König, +mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden +wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von +Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht +gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie +heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen.</p> + +<p>Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin. +„O Gott — verzeiht mir — Eure Schönheit — ich will — gebt mir +Bedenkzeit —“</p> + +<p>Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich —? Nicht stürmen wollen? +Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr — o begreift +Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist? +Diese Schmach richte der König!“</p> + +<p>Der Graf sprang auf. „Ich komme von ihm. Er weiß alles.“</p> + +<p>„Und er?“ Ihre Blicke durchstachen ihn.</p> + +<p>„Ich darf nach Hispaniola segeln.“</p> + +<p>Da senkte Doña Leonore das Haupt. „Das bricht meinen Stolz,“ sagte sie +leise, wie in Wehmut aufgelöst. „Ich ahne nun alles. Ihr liebt eine +andre.“</p> + +<p>Der Graf schüttelte das Haupt. „Ich liebe kein Weib. Der Verdacht ist +begreiflich. Aber dann wäre es mir leicht, Euch auszuschlagen.“</p> + +<p>„Was also gefällt Euch nicht an mir?“ Sie ließ mit wollüstigem +<span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span>Begehren die Lippen halbgeöffnet spielen. Durch das Netz der Mantilla +schimmerte die wogende elfenbeinerne Haut.</p> + +<p>„Ich bin für ein Weib nicht geschaffen. Und wenn Ihr der himmlische +Engel selbst wäret —“</p> + +<p>„Und das sagt dieser, den die schenkende Natur mit allen Vorzügen +des Geistes und des Körpers gebildet! Quäler, besinne dich, ehe ich +mich entschließe, auf dich zu verzichten.“ Ihr Auge schillerte in +schwärzlichgrünen Lichtern, und der Graf mußte unwillkürlich an die +Schlange denken, die ihre Opfer vor dem Anfall bestarrt.</p> + +<p>„Laßt die Zeit Helfer sein. In den nächsten Tagen schiffe ich mich ein +— Hispaniola soll —“</p> + +<p>„Unselig Land, das uns die Besten weglockt! Verflucht sei Kolumbus, der +uns Frauen arm macht!“</p> + +<p>„Das Leben unter einer andern Sonne muß schön sein. Hier drückt die +Luft, zermürbt der soldatische Gehorsam den Menschen. Ich möchte aus +der Schule der Manneszucht endlich ins Leben selbst übergehen.“</p> + +<p>„Leben ohne Frauenliebe?“ Ihr Wollustatem stöhnte leise zwischen den +Zähnen, und sie zerrte an der rosafarbenen Schleife über dem Busen.</p> + +<p>„Vielleicht bleibt mir das kostbare Geschenk Liebe für eine Zeit +aufbewahrt, da ich es besser zu schätzen weiß.“</p> + +<p>Verlangen und Scham kämpften in ihren letzten fordernden Blicken. +„Mein Blühen währt nicht ewig. Verwelkte Blumen wird ein Graf de Mora +nicht einmal mehr bemitleiden können, wenn er die Kraft nicht hat, die +blühenden zu lieben. Verflucht seien meine Reize, wenn sie so machtlos +sind.“ Sie sprang auf. „Ihr habt mich würdelos gesehen. Eine Frau +vergißt das nicht. Eure Augen waren die Zauberformel für mein Unglück, +aber ich werde diese Augen zu vergessen suchen. Weh Euch, wenn ich’s +nicht vermag oder wenn ich dahinter komme, daß Euch andre Gründe, +verschwiegenere, bestimmten — Gründe des gebundenen Herzens —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span></p> + +<p>Graf de Mora lachte auf. „Dann kann ich sicher ruhen. Ich liebe kein +Weib. Bin ich entlassen?“</p> + +<p>Ihre Augen wichen ihm aus. Aber sie gab den Kampf um ihn auf. Mora +wollte in einer Aufwallung zärtlichsten Mitleids ihre Hand ergreifen. +Sie entzog sie ihm. „Mögt Ihr nie bereuen, diese Stunde so geendet zu +haben. Lebt wohl!“</p> + +<p>Hinter dem Grafen schloß sich die Tür. Leonore wankte nach einem +Sessel. Sie hatte das Gefühl eines fürchterlichen Erwachens. Sie, die +eines Königs Liebe besessen, hatte würdelos um eines Mannes Liebe +gerungen. Wo war ihr Stolz im chaotischen Sturm der Sinne geblieben? +Und doch fühlte sie, daß nur der innerliche Schrei des Tiers, das +Aufzucken wilder Mächte in ihr, die ererbte Begierde, die nach dem +Manne schlechtweg fieberte, diese Stunde herbeigeführt hatte. Der +unersättliche Trieb der Malagueñas loderte in ihr, der im Lande +sprichwörtlich war. Man sagte den Frauen aus Malaga nach, sie hätten +vom Meer die Wildheit und Wandelbarkeit gelernt. Doña Leonore empfand +es als eine Schmach, daß dieser Ritter gegen sich und sie ankämpfte. +Dann blieb ihr nur eines mehr: zu hassen, wo sie nicht lieben konnte. +Es war der selbstverständliche Schluß ihres weiblichen Gefühls, den ihr +Verstand unterschrieb.</p> + +<p>Sie ordnete ihr Haar, trocknete die verweinten Augen, salbte ihre +geröteten Wangen und wurde wieder eitel. Sie mußte zum König. Aber +sie mußte als Stümperin vor seine Augen treten. Der König hatte sich +in der Macht ihrer Reize verrechnet. Er würde sie wohl auf eine +andre Weise zärtlich verabschieden. Tröstungen der Einsamkeit — +die Franziskanerinnen von Santa Isabella haben schöne Gärten — und +Kastanienwälder —. Sie schauerte zusammen. Und plötzlich überfiel sie +der Gedanke an den Mann, der einst ihre Kleinheit aus dem Schatten +zur Größe gehoben hatte: Pater Leon. Sie wollte den halbvergessenen +Dominikaner um die Entwirrung ihrer Liebesfrage angehen. Er hatte mehr +als ihr Herz in ihrem Leib gesehen. Und ihm verdankte sie die Nächte in +einem Königsbett.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"> + Achtes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>er Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de +Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer +Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden +Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in +den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen +Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die +Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken.</p> + +<p>Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen +Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche, +aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein +freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen, +und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts +Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In +klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das +Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen +sollen?</p> + +<p>Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch +betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er +durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von +Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten.</p> + +<p>Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren +blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen, +schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des +Imams Auge verdunkelte sich.</p> + +<p>„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger +begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder +einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns +Wege der Beredung zeigen.“</p> + +<p>Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>ein großer +Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen +zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren +Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen.</p> + +<p>Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem +Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch +wohl in unserm Glauben?“</p> + +<p>„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche +Maure.</p> + +<p>„Wer bekehrte Euch?“</p> + +<p>„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure +Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie +würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber +eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den +Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand. +Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und +sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“</p> + +<p>Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit +schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit +sich zu ziehen.</p> + +<p>Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der +Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“</p> + +<p>Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit, +der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die +Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein +Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten +Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten +Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen +Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen, +überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in +dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’ +Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher +Einbildungskräfte. In <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>der Franziskanerzelle, in der Waldklause von +Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter +dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das +Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst +maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem +irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben +die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen +ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne +der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam +zerfiel.</p> + +<p>Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen +Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds +Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot. +Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre.</p> + +<p>Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den +Königen allein.</p> + +<p>Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner +geliebten Leonore.</p> + +<p>Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß +des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille +entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch +den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß +eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur +auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden, +der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug.</p> + +<p>Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte +erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im +Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der +Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer +sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es +nagte an dem fanatischen Priesterherzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span></p> + +<p>Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach. +Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der +einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte +sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen +Habsburger Prinzen verheiratet war.</p> + +<p>„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten +beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner +Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz +Eurer Feinde.“</p> + +<p>Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück. +Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen +Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König +brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den +Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren +zu verteidigen.“</p> + +<p>Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und +sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische +Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen +Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten +bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme. +„Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen +trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt +die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher +vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den +Mönch Ximenes hierher berufen?“</p> + +<p>„Beides,“ sagte die Königin.</p> + +<p>„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht. +Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir +brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren +außerhalb unseres Glaubens.“</p> + +<p>„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr +könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre +daran nichts zu ändern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span></p> + +<p>„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.</p> + +<p>Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes +zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch +Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“</p> + +<p>Ximenes dankte innig. „Ich habe den Großinquisitor Deza gesprochen.“</p> + +<p>Wie staubige dicke Luft drückte der Name auf das Gemüt der Könige.</p> + +<p>„Er hat mir Vollmachten erteilt. Es wäre wünschenswert, wenn die +königlichen Befugnisse sich mit seinen deckten.“</p> + +<p>„Sie sollen es,“ sagte Isabella gefügig.</p> + +<p>Ximenes stach mit zwingenden Blicken in das Herz der Regentin. „Noch +kennt Ihr die Vollmacht nicht. Aber es ist freilich oft besser, wenn +Könige über gewisse Dinge nicht viel erfahren, sie haben dann weniger +Verantwortung vor der Menschheit.“</p> + +<p>„Und auch vor Gott?“ fragte der glaubensstarke Herrscher.</p> + +<p>„Wir nehmen die Angst der Könige auf unser Gewissen.“</p> + +<p>„Mit welchem Recht?“</p> + +<p>„Mit dem Recht des Stärkern. Wir glauben so fest, im Namen unseres +Gottes zu handeln, daß kleinliche Bedenken unsere Handlungen +nicht beschränken können. Wir nehmen doch auch die Handlungen der +— Inquisition auf unser Gewissen. Die sechstausend brennenden +Menschenfackeln des Torquemada, die zehntausend im Bildnis Verbrannten, +die hunderttausend sonstig bestraften Christen — das sind Zahlen, die +Könige mit weltlichem Sinn nur schwer verantworten könnten. Anders +ist es, wenn das Gewissen der Könige unter der Vormundschaft der +gottgewollten katholischen Kirche steht. Welchen Reichtum verdankt +uns das königliche Haus! Die eingezogenen Güter der Maranen haben den +Kronschatz beträchtlich vermehrt. Könige brauchen Geld. Wir können es +nicht mehr den Kisten getaufter Juden entnehmen. Die Moriskos sind +einfältiger.“</p> + +<p>Isabella legte erblassend die Hand aufs Herz. „Ist das Euer Ernst?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span></p> + +<p>„Ich sehe betroffene Mienen,“ sagte der Kanzler kühl. „Das schwankende +Gemüt der Einfältigen ist unser Feind und — Freund. Fließt nicht +aus der strengen Ordnung reichlicher Gewinn in den Königsschatz? +Ein Fünftel des eingezogenen Gutes gehört den Königen. Wollen die +königlichen Hoheiten nur lässige Verwalter eines so schönen Vermögens +besitzen? Und was sagte einst Pater Albarca, als Kolumbus die +hispaniolischen Länder entdeckte? ‚Die Entdeckung neuer Länder war +Gottes Lohn an die Könige für die Unterjochung der Juden und Mauren.‘ +Im selben Jahr, da wir Granada eroberten, entdeckte Kolumbus das neue +Reich für die Könige. Wunderbare Fügung Gottes! Sichtbarer konnte +sich der Himmel nicht offenbaren. Der Glaube des Kolumbus eroberte +Westindien. Soll der Glaube der Könige schwankender sein?“</p> + +<p>Fernando spielte unruhig mit den Fingern. Der Gedanke an die +Bereicherung durch die Inquisition drängte alle sittlichen Bedenken in +den Hintergrund. Zum Überfluß deckte dieser Priester vor ihm mit seinem +Hirn die königlichen Gewissen. „Ihr versteht zu überzeugen,“ sagte er +mit schwerem Atem.</p> + +<p>„Ich bekomme Vollmacht?“ Der Eifer des Primas suchte den Augenblick zu +erhaschen.</p> + +<p>Der König nickte.</p> + +<p>Ximenes atmete auf. „Wir brauchen noch vornehme Mauren zur Bekehrung.“</p> + +<p>Fernando dachte nach. „Da sind die Abencerragen — aber dem Boabdil zu +stark verpflichtet. Die Beni Mossad — alle in hohen Ämtern, aber zu +strenge Mohammedaner. Dann wäre — wie hieß er nur — Leon sprach mir +von ihm — er ist erst seit kurzem hier — die Mauren verehren ihn wie +einen Santon, einen Heiligen.“</p> + +<p>„Vielleicht ein Imam?“ fragte Ximenes.</p> + +<p>Die Königin entsann sich des Mannes. „Ihr meint Abu Atir. Wenn er auf +der Straße geht, folgt ihm ein Schwarm gelehrter Mauren.“</p> + +<p>„Ich muß ihn sprechen,“ sagte der Kanzler rasch. „Ein <span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>Moseswort zur +rechten Zeit öffnet einem Felsenquell den Weg.“ Dann besann er sich. +„Noch eines. Die allzu große Nähe eines Königs bei den Untertanen macht +leicht mitleidig und nachsichtig. Die Edikte, aus der Ferne gegeben, +werden von einem strengern Geist diktiert sein.“</p> + +<p>„Ihr sollt sie von Sevilla empfangen,“ sagte der leicht beeinflußbare +König. „Wir reisen.“</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel"> + Neuntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">M</span>önche zogen durch Granada, trugen ein Marienbild, sangen dunkle +Psalmen und umräucherten das kunstlos verfertigte Abbild der heiligen +Jungfrau. Jedermann mußte es wissen: das Bild wurde auf der Silla del +Moro in der Nähe eines alten Palastes gefunden, und daher erschien +es gottgesegnet. Man ließ es sofort weihen und im feierlichen Umzug +nach der Alhambramoschee bringen, wo jetzt die großen Messen gelesen +wurden. Bald raunte man sich zu, das Bild habe Kranke geheilt, die am +Wege lagen, welchen die Prozession ging. Ein Wunderbild! lief es durch +die Gassen. Das Königspaar begleitete das Bild. Es war der letzte +feierliche Akt vor der Abreise nach Sevilla.</p> + +<p>Die Sonne stand hoch. Der Staub warf Wolken um die Ornate der Priester. +Spitz klangen die Glöckchen der Meßknaben.</p> + +<p>Der Graf de Mora führte seine gelben Lanzenreiter zu seiten der +Prozession. Die gaffenden Mauren bewunderten sein herrliches Pferd, +einen weitnüstrigen Renner mit dichtem Schweif. Und der Reiter, gleicht +er nicht dem Cid oder einem Palatin? Hinter den vergitterten Fenstern +starrt manch dunkles Auge und brennt manch heimlicher Wunsch.</p> + +<p>Da stockt der Zug der hymnensingenden Kinder. Aus einer Nebengasse +Geschrei, Fliehen, Menschengewirr — dann Hufegepolter. In die Menge +rast ein Pferd ohne Reiter. Knäuel — schreiende Haufen — starke +andalusische Arme bändigen das Tier.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span></p> + +<p>Graf de Mora drängt plötzlich heran. „Wem gehört das Pferd?“</p> + +<p>Die Mauren flüchten vor ihm. Einer zeigt in die Gasse, die nach dem +Albaycin ihr Loch öffnet. „Nashun! Nashun! Ein Unglück!“ geht es von +Mund zu Mund.</p> + +<p>Ein Maure drängt sich aus dem Knäuel von Leibern, hinter welchem ledige +Pferde am Zügel gehalten werden. „Ein Mädchen stürzte vom Pferde, Sidi.“</p> + +<p>„Wenn es nicht mehr ist!“ Der Graf will weiterreiten. Da öffnet sich +der Kreis der neugierigen Menschen, und der königliche Hauptmann sieht +ein reichgekleidetes Mädchen in der Maurentracht am Boden liegen, +daneben kniet ein bibelhaft ehrwürdiger Greis mit Samaritergebärden, +Männer und Frauen in Neugier zusammengeklumpt.</p> + +<p>Eine Maurin! schießt der Haß durch des Grafen Gemüt. „Macht Platz!“ +fordert er. Und er sieht nun das Weib näher an. Mit vorsichtiger Hand +zieht eben der Greis den Schleier von dem Gesicht, das bleich mit +geschlossenen Augen auf dem Arm einer Dienerin liegt.</p> + +<p>„Meine Charka, mein Liebling — sag’, daß du lebst — öffne die Augen +— lebe, lebe! Allah akbar! Gott ist groß! Lebe, lebe, meine Reija!“ +Die Angst bröckelt sich von den Lippen des Alten. Und neben ihm heult +eine Sklavin.</p> + +<p>Der Graf sitzt regungslos im Sattel. Das Gejammer rührt ihn nicht. +„Warum mußtet Ihr gerade jetzt ausreiten, da die Prozession geht?“ +fragt Don Pedro de Solar. Wenn es nach mir ginge, denkt er hinzu, diese +Mauren müßten büschelweise ihre Haare lassen. Aber dabei wendet er +keinen Blick von dem braunbleichen Gesicht am Boden.</p> + +<p>Der Greis deckt den Schleier sorgsam über die Wangen des Mädchens. Und +im nächsten Augenblick horcht sein Ohr an der Brust der Ohnmächtigen. +„Sie lebt!“ Es reißt seinen Oberleib auf, Freude strahlt in seinen +Augen. Sie lebt! Sie lebt! Die Burnusse fliegen hin und her.</p> + +<p>„Wer ist der Greis?“ fragt Mora einen Mauren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span></p> + +<p>„Er gibt uns das Brot des Himmels, legt den Koran aus — Abu Osmin Ben +Atir — oh, daß du das nicht weißt, Sidi.“ Die Umstehenden schauen +verwundert. Nein, daß er so was nicht weiß!</p> + +<p>Don Pedro de Solar wendet sein Pferd. Das also ist der Imam! Der +Glaubensnährer der Irrgläubigen! Und das junge Mädchen — ein +Enkelkind? Eine Favoritin? Der Graf drängt sein Roß zur Prozession +zurück. Seine Gedanken versuchen sich in die Gesänge der Mönche +einzuweben. Aber der sonderbare Greis will ihm nicht aus dem Kopf. +Und das Mädchen —? Was kümmert ihn das alles? Er ruft seinen +Lieblingsheiligen, den Mann von Assisi, an. Gebetsbrocken fliegen von +seinen Lippen.</p> + +<p>Langsam steigt der Zug die Gomeresgasse zur Alhambra hinauf. Hinter +Berberfeigen und Kaktushecken öffnet sich jetzt der Blick nach dem +Albaycin. Der Graf hält das Pferd an und blickt in das blendende +Häusergewirr der Terrassenstadt hinab. Gleich darauf setzt er mit einem +kräftigen Schenkeldruck das Roß wieder in Gang. Und dann versucht +er aus dem Gassenzickzack die Stelle herauszufinden, wo das Unglück +geschah. Ob sie wohl noch daliegt? huschte es durch die Gebete an den +Blumenheiligen. Welch ein Glück, einmal das unverhüllte Antlitz einer +Maurin — pah! Sein Pferd bäumt sich unter dem Druck des Stachelsporns. +Dieser wilde Hauptmann stört die Weihe der Prozession. Selbst das +blumengeschmückte Bild der Jungfrau schwankt in der Luft hin und her, +als litte es an der Unruhe des Reiters in seiner Nähe.</p> + +<p>Vor dem Tor der Gerechtigkeit empfing Ximenes das Bild mit dem +Allerheiligsten. Alle Glocken läuteten. Die Menge sank aufs Knie.</p> + +<p>Des Grafen Gedanken lagen nicht unter dem Segen des Primas. Er spielte +mit dem Namen Agarenos, mit dem der Spanier die Mauren als Nachkommen +der Hagar bezeichnete. Ob wohl Hagar auch so schön —</p> + +<p>Die Ministrantenglöcklein bimmelten. Die Leute erhoben sich. <span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>Don +Pedro de Solar hatte noch immer die Degenspitze zur Huldigung gesenkt. +Erst der Krach aus der Donnerbüchse auf dem Velaturm ließ ihn +zusammenschrecken.</p> + +<p>Die feierliche Besitznahme des Wunderbildes war zu Ende. Der Graf +entließ seine Reiter und schritt in seine Behausung in der Torre de las +Damas in der Alhambra. Hier empfing ihn sein Lieblingsdiener Chispazo, +ein aufgeweckter Dörfler aus der Vega, und dieser schnallte ihm die +Rüstung ab.</p> + +<p>Die harte Natur des Grafen paßte wenig in die Weichheit des kühlen +Raumes, der sich mit seinen Ajimezesfenstern gegen die grüne +Gartenpracht des Generalifes, des Lustschlosses der maurischen +Könige, und auf den Albaycin öffnete. Die flimmernden Stuckornamente +zauberten wollüstige Stimmungen hervor, die zu dem Weiberfeind im +grellen Gegensatz standen. Don Pedro de Solar wußte mit diesem Sinn +für schillernde Farben, verschlungene Linien und geometrische Figuren, +mit dieser Anhäufung von Bogen über Bogen, mit diesen spielerischen +Säulchenfenstern aus Jaspis und Marmor nichts Rechtes anzufangen. Ja, +er haßte diese üppig wuchernde Phantasie, die Männer umgeworfen und +ein ganzes Reich zerstört hatte. Der Mauren Geist unterwarf sich den +Sinnen, meinte er, und was diese wollten, gestaltete jener. Ihr Trumpf +war Genußsteigerung auf allen Gebieten der Lebensfreude, trotzdem +Mohammed seinen Jüngern Mäßigkeit und allerlei Verbote gegeben hatte. +Das Volk nahm von seiner Religion das, was ihm bequem war, und die +Kalifen waren die Vorbeter dieser Bequemlichkeit.</p> + +<p>Der Graf ließ sich den Schweiß vom Leib reiben. Kühl wehte es von +den Mauern, während draußen die Sonne ihr Gold über Buschwerk und +südländische Gartenpracht warf. Das Generalife leuchtete mit seinem +Gemäuer wie Schnee aus der dunklen Zypressen- und Myrtenumrahmung. Der +Graf hatte kein Herz für den Gartentraum poetisch sinnender Emire, und +nur die Freude an Abenteuern steckte ihm vom Großvater her im Blut, +der einst auf maghrebischem Boden allerhand wilde Fahrten unternommen. +Das unverspottete Rittertum hatte es ihm angetan. <span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>Lanzenwerfen, +Armbrustschießen, Degenkreuzen, Rosse tummeln, Heilige beschützen — +das betrieb er mit der ernsten Seele des Kastiliers. Und solche Männer, +meinte er, brauchte das neue Land jenseits des Ozeans. Lieber heute als +morgen wollte er hinüber.</p> + +<p>Morgen? Heute? — In wenigen Tagen vielleicht — oder auch —</p> + +<p>Der Graf trat ans Fenster, das nach dem Albaycin sah. Einmal sollte +er doch wieder dort hinüberschauen, um die Marktverhältnisse zu +untersuchen. Man sprach von Übervorteilungen. Dann gingen Gerüchte, +daß Berber gekommen seien. Die afrikanischen Gäste liebte der Spanier +nicht. Sie erinnerten die Mauren allzusehr an schönere Zeiten.</p> + +<p>Draußen tönte die helle Stimme seines Freundes Hernando de Rojas.</p> + +<p>„Pedro, Pedro, ich hab’s!“ Der Lizentiat stürmte erregt herein.</p> + +<p>„Was hast du?“</p> + +<p>„Ich trank den Montillo in der Venta der schönen Hexe Dolores —“</p> + +<p>„Das ist alles?“ fragte enttäuscht der Graf.</p> + +<p>„Und da konnte ich die Inschrift entziffern.“</p> + +<p>„Bei Santiago! Was meinst du für ein Ding?“</p> + +<p>„Die westgotische Inschrift des Königs Witterich über die Erbauung +einer Kirche an der Mauer der Königsmoschee.“</p> + +<p>„Wenn das die ganze Ausbeute deines Schenkenbesuches ist!“</p> + +<p>„Den Kuß der braunen Dolores nicht zu vergessen. Ach, was weißt du +von dem Taumel, der die ganze Wissenschaft von Salamanca bis Upsala +ergreifen wird. Du bleibst kalt wie ein — kastilischer Graf.“</p> + +<p>Das leichte Geblüt, von der valencianischen Küste als Wiegengeschenk +erhalten, machte den jungen Gelehrten leicht zum Freund. Auch viele +Frauen liebten seinen Frohsinn, der alle Lebensschwere übersprang +wie ein Stierkämpfer die Arenawand. Mühelos wußte er sich den +Zufälligkeiten des Lebens anzupassen, <span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>nie trugen seine Feueraugen den +Schleier des Trübsinns, die helle Stimme polterte manchmal überlaut, +wenn sich de Rojas in einen Gegenstand verbiß. Er liebte die Künste +und hatte Sinn für maurische Vergangenheit, aber einen besondern Eifer +für Recht und Gerechtigkeit. Die Frauen behaupteten, daß ihm die +enganliegende grünseidene Jacke und die andalusischen Beinkleider mit +der Doppelreihe von Silberknöpfen an der Seite bis zu den Knien herab +besonders schön kleideten. Und Hernando hielt viel auf die Aussprüche +der Frauen, denn er liebte sie alle. Er hätte mit derselben Glut, die +noch aus den Studententagen von Salamanca stammte, Wikingerweiber wie +Indianerfrauen umarmt.</p> + +<p>Hernando wickelte ein Holzschwert, dessen Schneide aus +Obsidiansplittern bestand, aus einer Leinenhülle. „Sieh — aus +Westindien!“</p> + +<p>Dem Grafen glänzte das Auge. „Das nenn’ ich Waffe. Wer brachte es mit?“</p> + +<p>„Mein Freund Gomares, der aus Haiti kam. Aber er brachte auch böse +Nachricht. Des Kolumbus Widersacher sind am Werk. Er selbst dringt +von Land zu Land vor und kümmert sich nicht um die Mannschaften, die +die Orte besiedeln. Man rüstet in Bälde ein Schiff unter Francisco +de Bobadilla. Er soll Kolumbus beiseite drücken. Du kannst also +hinübersegeln und deinen Traum wahr machen.“</p> + +<p>Don Pedro stand beim Fenster, die Augen nach dem Albaycin gespannt. +„Wenn Kolumbus fällt, mögen Könige selber Länder entdecken. Fernando +wird ihn vergessen, er vergißt überhaupt schnell Verdienste.“</p> + +<p>„Du hast finstre Augen. Ist etwas vorgefallen?“</p> + +<p>„Nichts.“ Der Graf bereute es jetzt, daß er sich so rasch die Zunge +binden ließ.</p> + +<p>„Es gab viel Unruhe bei der Prozession, hörte ich.“</p> + +<p>„Nichts von Bedeutung. Ja — der Imam — wie hieß er nur? — Abu Atir, +glaube ich —“</p> + +<p>De Rojas horchte auf. „Der bei Boabdil den Koran las? Er <span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>soll weiser +sein als der Bischof von Avilla. Ein weißhaariger Mohammedaner mit +einem Prophetenbart —“</p> + +<p>„Er fiel vom Pferde — doch nein — nicht er — sein Mädchen — was +weiß ich —?“</p> + +<p>Hernando hörte kaum zu. „Abu Atir! Das trifft sich gut. Er soll +mir Lieder sammeln helfen.“ Der Lizentiat breitete ein paar +arabisch beschriebene Blätter vor dem Grafen aus. „Romanzen aus der +Almohadenzeit. Ich hab’s übersetzt.“ Und er las mit der Genießerfreude +des Kenners eines jener sinnlich-schwülen Phantasiegebilde, die die +Kalifendichter ihrem Herrn auf den Teppich legten, wenn er schlecht +bei Laune war. Das Lied stammte von einem schwelgerischen Zecher, der +Mohammeds Verbot ein Schnippchen schlug. „Sie kam, vom Mantelsaum der +Nacht umhüllt, zu mir als Traumbild wie die Berggazelle. Von ihrem +Mund die Feuchte trank ich bald, und bald des süßen Weines goldene +Welle, bald küßt’ ich ihrer Wangen Abendrot, von ihren dunklen Haaren +überschattet. Am Stab des Orion schlich die Nacht schon altersgrauen +Hauptes und ermattet. Langwallenden Gewands mit blonden Locken kam dann +der Tag und lächelte voll Wonnen, in seines Mundes Zähne, die Jasminen, +verliebte nach dem Regen sich die Sonnen, in seinen Kleidern schwankten +duft’ge Sträucher und löschten ihren Durst in kühlen Flüssen, wir aber +brauchten Regen nicht, da Arm in Arm wir lagen unter Tränengüssen.“</p> + +<p>Des Grafen Seele wußte mit dem klingenden Kleinod nichts anzufangen. +„Das mag für Kalifenohren taugen. Ich will Degenklirren hören. Hast du +so was in deiner Tasche?“</p> + +<p>Hernando lachte auf. „Euer Gnaden haben zu befehlen.“ Er zog etwas +anderes ans Licht. Omajadenruhm erklang, überschwenglich und breit. +Kampflärm tobte und Christenschädel flogen rechts und links in +den Sand. Aber am Ende triumphierte doch ein edleres Gefühl: „Der +schlimmste Feind ergibt sich endlich ihrer Macht, doch übergroß nach +ihrem Sieg ist ihre Huld.“</p> + +<p>„Sie prahlen immer, diese Agarenos,“ sagte der Graf geärgert. <span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span>„Wer +Sieger ist, knechtet den Besiegten, immer — immer. Die Huld ist +Dichterlüge.“</p> + +<p>„Womit soll ich nun einen Übellaunigen erheitern? Mit +Inquisitionsurteilen? Mit der Nachricht, daß Ximenes maurische Bücher +verbrennen will? Darum habe ich den Schatz hierher gerettet.“</p> + +<p>„Man sollte auch die Besitzer verbrennen, um das Gift ganz auszurotten.“</p> + +<p>„Ob’s ohne Widerstand abgehen wird? Der Koran ist ihr Heiligstes.“</p> + +<p>Don Pedro rührte sich nicht vom Fenster weg. Der Alcazar, die +Maurenburg, leuchtete herüber. „Ei, dort Feuer anzünden! Das ganze +Rattennest verbrennen!“ Er rief nach Chispazo.</p> + +<p>Der flinke Bursche eilte herbei. „Weh mir!“</p> + +<p>Hernando gab ihm einen Puff. „Was heulst du, Junge? Noch bevor ein +Unglück dich anschreit!“</p> + +<p>„Weil ich ihm zuvorkommen will, dann wendet man es ab.“ Er zwinkerte +pfiffig.</p> + +<p>„Wie du ausschaust! Dein Gesicht eine Stachelwildnis!“ zürnte der Graf.</p> + +<p>„Nur damit sich kein Weib in meine Reize verfängt,“ lachte Chispazo.</p> + +<p>„Du liebst die Weiber nicht?“ fragte Hernando.</p> + +<p>„Alle, aber nicht eines. Wer viele Weiber liebt, braucht nicht Angst zu +haben, eine heiraten zu müssen. Und wer eine heiratet, liebt die Frauen +nicht mehr, die eigene mit inbegriffen.“</p> + +<p>„Laß deine Fanfarronadas, Affe!“</p> + +<p>„Nehmt sie für andalusisches Salz⁠<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, Herr!“</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Damit bezeichnet man den andalusischen Witz des Volkes</p></div> + +</div> + +<p>Der Graf nahm den Schwätzer beim Ohr und zerrte ihn zu sich heran. „Du +gehst in den Albaycin — was wollte ich sagen — ja, in den Albaycin +und hältst dort Nachschau — wie doch oft Gedanken entgleiten — fragst +nach der Stimmung in den Häusern. Man sagt, die Inquisitionsurteile +seien schon durchgesickert.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span></p> + +<p>„Verlaßt Euch, Herr, auf mich. Ich weiß Geldmittel zu gebrauchen, wenn +sie die Euren sind. Ich will in die Häuser schleichen, ohne mich lästig +zu machen. Wann soll ich zurück sein?“</p> + +<p>„Noch am Abend. Und so nebenbei fragst du —“ des Grafen Finger +spielten unruhig mit den Versblättern des Freundes — „wo der Imam Abu +Atir wohnt.“</p> + +<p>„Das muß ich mir erst buchstabenweise auf meine Gehirntafel schreiben, +sonst fällt es in ein Nichts. Abu — das heißt Vater — Atir — also +Vater Atir — hm, ich weiß nicht, ob man im Albaycin sämtliche Väter +kennen wird. Aber Atir wird doch wohl den richtigen Vater ausfindig +machen.“</p> + +<p>„Ja — und noch eines — so ganz nebenbei fragst du auch — nach dem +Mädchen, das heute vom Pferd gestürzt —“</p> + +<p>Hernando horchte auf. „Ein Mädchen, sagst du?“</p> + +<p>„Ich sprach doch vorhin davon, aber du warst in Hispaniola.“</p> + +<p>De Rojas setzte sich rittlings auf den Stuhl. „Man muß es in die Welt +posaunen: Graf de Mora fragt nach einem gefallenen maurischen Mädchen. +Die Sterne gehen also von heute an verkehrt. Hat dich die Zauberin +Urganda verhext?“</p> + +<p>„Zum Teufel mit dem Spott! Ich sah sie leblos liegen, vielleicht ist +sie tot.“</p> + +<p>„Dann wäre ja dein Wunsch nach Ausrottung der Sippschaft mit einem +schönen Anfang gesegnet, und du könntest eine liebliche Leichenschau +halten.“</p> + +<p>„Gut denn, Chispazo, du fragst nicht nach dem Mädchen. Aber wo Abu Atir +wohnt.“</p> + +<p>Der Diener sprang davon. Don Pedro de Solar fühlte beim Fenster die +Pulse brennen. Und er hatte keinen aufregenden Wein getrunken. Tanzte +die Sonne aus ihrer Bahn?</p> + +<p>„Was willst du vom Imam?“ fragte Hernando.</p> + +<p>Der Graf wich aus: „Ximenes will ihm auf den Zahn fühlen. Er soll +großen Einfluß bei den Mauren haben. Wenn er klug ist, wechselt er den +Glauben.“</p> + +<p>„Vielleicht besitzt er aber eine Tugend, die größer ist als Klugheit: +die Überzeugungstreue.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span></p> + +<p>„Dann wird Ximenes Mittel haben — aber darüber mag er sich den Kopf +zerbrechen. Komm, die Küchenglocke! Graf Tendilla wartet nicht gern.“</p> + +<p>„Dein Maurengrimm wächst sich zur Löwengröße aus. Das kann gefährlich +werden.“</p> + +<p>„Sicherlich für die Mauren.“ Der Graf lachte mit blanken Zähnen.</p> + +<p>„Vielleicht auch für dich,“ sagte Hernando mit merkwürdiger Betonung.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel"> + Zehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>n einem maurischen Palast auf der Bibarrambla arbeitete Ximenes +mit einem jungen Franziskanermönch Ruyz de Alcala an der religiösen +Umgestaltung des Maurentums. Auf einem Tisch lag neben dem reichen +Bekehrungsmaterial auch ein wohlgeordneter Anklagestoff in Form von +Schriften und Büchern. Der Vikar Pater Juan de Leon, das Haupt der +priesterlichen Gewalt in Granada, hatte mit Bienenfleiß Rückfallsklagen +gesammelt, und seine Familiares, die Schergen der Inquisition, sorgten +täglich für den Zuwachs an Opfern.</p> + +<p>Die Kerzen brannten über stark schmelzenden Wachsklumpen. Ihr Geruch +mischte sich mit dem Moderduft des Patiogartens und legte sich süßlich +auf die Gaumenhaut.</p> + +<p>Gestützt auf seine treuen Franziskaner, humpelte der Erzbischof +Talavera, von dem Dominikanervikar Leon begleitet, herein. Freundlich +begrüßte ihn der Primas. Dann reichte er dem Jünger des heiligen +Dominikus die Hand.</p> + +<p>Das feurige Auge des wohlgewachsenen Vikars funkelte im Kerzenschein. +Dieses Auge, der grausam-sinnliche Neromund und die bis zur Nasenwurzel +geschlossenen dunklen Brauen verrieten Härte und Unbeugsamkeit.</p> + +<p>Ximenes lud die Gäste ein, auf den Zederstühlen Platz zu nehmen. Der +verworrene Stimmenlärm vom Platz der Bibarrambla, auf den die Fenster +des Gemaches gingen, hörte sich <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>wie ein aufgeregtes Meer an. Von Zeit +zu Zeit pfeilten laute Stimmen herauf, Kaufleute schrien ihre Waren aus +und der Ruf der Wache schaffte irgendwo Ordnung.</p> + +<p>„Ein bewegliches Volk,“ lächelte Ximenes. „Es muß auf seine Weise +genommen werden.“ Er sah nach der Tür. „Pater Angelus!“ Ein alter +Franziskaner schob sich in die Türspalte. „Sorgt, daß niemand am Gange +sei.“ Der Mönch schloß unterwürfig die Tür.</p> + +<p>„Kennt Ihr den Imam Abu Atir?“ fragte der Primas den Erzbischof.</p> + +<p>Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“</p> + +<p>Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine +Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten +müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen —“ Ximenes schien +ablenken zu wollen — „die Moscheen müssen fallen.“</p> + +<p>Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt +es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme.</p> + +<p>Der Kanzler legte sich breit in den Stuhl zurück. „Ich treibe nicht +im uferlosen Meer des Glaubens, kenne nicht Sturm und Wellen auf der +Meerfahrt, denn meine Ufer heißen Glauben und Gott. Klar und getreu ist +meines Gebetes Inhalt: Glaubensverbreitung, wo Menschen atmen. Diese +Mauren sind ein leicht erregbares Volk, aber gerade darum für unsern +Glauben leicht zu gewinnen.“</p> + +<p>„Da sprecht Ihr wahr,“ sagte Talavera froh darüber, daß er mit Ximenes +eines Sinnes sein konnte. „Und sie sind auch ein gutes Volk, darum auch +für die Güte empfänglich. Habt nur Geduld. Mit ihr könnt Ihr Kiesel in +Rubine verwandeln. Gelingt es heute nicht, gelingt es morgen. Schont +sie nach Möglichkeit und laßt ihnen die Moscheen.“</p> + +<p>Der Primas furchte die Stirn. „Die Worte würden einem heiligen +Chrysologus Ehre machen. Doch es gibt Zeiten, wo Christus mit der +Geißel mehr notwendig ist als der sanfte Heiland, der Magdalenentränen +kühlt. Nicht wahr, Leon?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span></p> + +<p>Der Dominikaner nickte. Seine Lippen waren hochmütig verzogen. „Man +darf die Mauren nicht immer mit Rosinen füttern wollen, die sie so sehr +lieben.“</p> + +<p>„Leon!“ warnte der Duldergeist Talaveras. „Eure Jugend kann in den +Mitteln irren.“</p> + +<p>Ximenes legte dem greisen Gottesmann wohlwollend die Hand auf die +Schulter. „Verzeiht, Bruder in Christo, hier irrt einmal die Jugend +nicht. Entreißt man den Mauren die Glaubensstätte, dann hängt der +Glaube in der Luft. Ich habe Befehle gegeben, daß man die Kadis und +Imams davon verständigt, sie mögen den Koran in den <em class="gesperrt">Häusern</em> +lesen.“</p> + +<p>„Das verstößt gegen den Königsvertrag,“ entsetzte sich der Erzbischof.</p> + +<p>„Der Eifer macht Euch Ehre, doch es geht um größere Dinge. Und +Verträge? Nehmt die Verträge, seit die Welt besteht — ist auch ein +einziger noch zu Recht bestehend? Die katholischen Könige haben den +Mauren das Recht ihres Glaubens belassen, ihrer Sitte, ihrer Sprache, +ihrer eigenen Richter, mehr nicht. Es steht nicht geschrieben, daß wir +nicht in ihren Moscheen Gottesdienste halten könnten. Haben sie nicht +dazu ihre Hausmoscheen? Aber ihre Bücher sind Irrwerke. Es steht nicht +geschrieben, daß wir sie ihnen belassen müssen, und wir werden es +bedenken.“</p> + +<p>Talavera zitterte am ganzen Leib. „Das — wollt Ihr — vor Gott +verantworten?“</p> + +<p>„Seiner Ehrwürden scheint nicht wohl zu sein. Ich bitte Euch, Brüder, +führt ihn auf sein Zimmer, stärkt ihn und sorgt für Ruhe und frische +Luft. Es ist zu dumpfig hier.“</p> + +<p>„O mir ist wohl,“ bebte Talavera. „Aber dieses fürchterliche Geschäft +—“ Er hob bittend die Hände auf. „Laßt ihnen Zeit — o wie spät +bekehrte sich eine heilige Margareta, ein Augustinus, ein Saulus, ein +Simon. Und waren doch alle einst verlorene Schafe.“</p> + +<p>„Genug davon.“ Ximenes stand mit kühl abweisender Gebärde auf. „Ich +höre Euch, wenn Ihr frischer im Gemüt seid.“</p> + +<p>Tränenden Auges wankte der Hirte der Granadiner an den <span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>Armen seiner +Mönche davon. Abgetan! wimmerte es in seiner Seele.</p> + +<p>Der Primas war erregt. Seine Nasenflügel flatterten, die Stirn war +bleich, die Adern darauf formten sich zu Wülsten. „Welch ein Aufruhr +in diesem einfältigen Gemüt! Behüte diesen Greis, Leon, und laß die +Achtung, die die Mauren vor ihm haben, nicht zu einer Woge werden, die +uns alle hinwegschwemmt. Du verstehst mich.“</p> + +<p>Der Dominikaner nickte demütig.</p> + +<p>„Sind die Listen aller Elches, der Renegaten, angelegt? Gut. Das +Königspaar ist abgereist, wir haben freie Hand.“ Ximenes besah die +Namen. „So viele Familienväter! Und nur um der Geschäfte willen +mohammedanisch geworden! Sie sollen es an den Kindern büßen. Die Listen +werden den Walis gegeben, sie sollen die Kinder der Elches ausheben und +den Pfarrern ausliefern zur christlichen Belehrung und Erziehung. Wer +sich widersetzt, dem droht Ihr mit Gefängnis. Laßt dabei die Glocken +läuten, damit die Erlösungstat feierlicher an die Herzen rühre. Du +lächelst, Bruder Leon?“</p> + +<p>„Talavera hat die Mauren mit Geläute verwöhnt, Hochwürdigster. Es wird +nicht mehr viel Eindruck machen. Sie nennen den Erzbischof ihren Faki +campanero, den Glockenpriester.“</p> + +<p>„So sollen sie stärkere Glocken zu hören bekommen,“ sagte Ximenes kalt. +„Der edle Zegri soll die Kinder der Elches in einer Schule sammeln +lassen. Salzedo, mein Hausmeister, soll mit Soldaten der Hermandad die +bezeichneten Häuser abgehen, und zwei Dominikaner fordern die Übergabe +der Kinder bis zum Alter von siebzehn Jahren. Eine Mutter, ihres Kindes +beraubt, wählt nicht lange. Dann nehmt die Taufe vor. Diese Kinder +sind Gottes und kehren nur zu Gott zurück. Die Pfarrer sollen die +Kinder sonntäglich am Abend versammeln und mit ihnen den englischen +Gruß beten. Sorgt, daß sie sich ordentlich bekreuzen. Dann aber —“ +seine Stimme wurde warm — „dann harret deiner ein Größeres. <span class="antiqua" lang="la">Suum +cuique!</span> Der Großinquisitor Deza hat dich zum Hilfsinquisitor für +Granada ernannt.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span></p> + +<p>Die Würde ließ den Dominikanerpater taumeln. „Mir — dieses Amt —?“</p> + +<p>„Cordoba ist überlastet, man wird hier einen Sitz des heiligen +Tribunals errichten. Die Bestätigung der Urteile bleibt Cordoba, das +heißt Lucero vorbehalten.“ Er überreichte Leon den Anstellungsbrief, +worin enthalten war, daß Granada ihm allen Beistand in +Inquisitionssachen zu leisten habe und daß er das Recht zur Verhaftung +und Folter aller Verdächtigen besitze, auch sei jede Beleidigung des +Inquisitors und seiner Familiares streng zu bestrafen. Ximenes setzte +zum Schluß leise hinzu: „Gedenke der Kirche und ihrer Nöte und sei ein +fleißiger Arbeiter im Acker des Herrn.“</p> + +<p>„<span class="antiqua" lang="la">Operibus credite et non verbis</span>,“ antwortete der Vikar mit +gesenktem Haupt. Der neue Geist, der über ihn ausgegossen ward, löste +seinen ganzen Menschen auf.</p> + +<p>„Sorge, daß du geschickte Vertraute wählst,“ mahnte Ximenes.</p> + +<p>„Wir haben angesehene Ritter darunter und das abgefeimteste Gelichter, +das sich in den Schenken herumschlägt. Sie haben sich unter einem +Mayordomo zu einer Bruderschaft vereinigt, die Wert darauf legt, von +den Mauren gefürchtet zu werden.“</p> + +<p>Da hörte man Lärm auf dem Platz. Die Geistlichen drängten zum Fenster. +Maurische Weiber, umringt von einem Haufen Volks, wehklagten und +schrien.</p> + +<p>„Eine Handelsfrau, ich kenne sie,“ erklärte Leon. „Ihr Mann soll +vom Alguacil der Inquisition verhaftet werden. Es geht selten ohne +Widerstand ab. Ein Ketzer de levi, also leicht belastet. Es ist noch +keiner de vehementi⁠<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> ergriffen worden. Seht, da schleppt man den Mann +heran, drüben hält der cordobanische Karren. Entfernt Euch, der Anblick +der verzweifelten Frau könnte Euch —“</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> de levi = damit bezeichnete man ketzerische Vergehen +leichterer Natur, de vehementi solche schwererer Art.</p></div> + +</div> + +<p>„Ich bin Stärkeres gewohnt,“ wehrte Ximenes hart ab. „Sie kämpfen +schwer, diese kastilischen Alguaciles. Seht — die Reiter des +Gobernadors drängen das Volk in die Gassen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Mönche zogen jetzt reihenweise über den Platz. Sie kamen von der +Verlesung der Inquisitionsedikte. Weiber drängten sich an sie heran und +versuchten, ihnen die Hände zu küssen.</p> + +<p>Der alte Pförtner trat in das Zimmer. „Der Imam ist da.“</p> + +<p>„Er möge kommen,“ sagte Ximenes, vom Fenster zurücktretend. Er stellte +für den seltnen Gast einen Stuhl zurecht und ließ seine zwei Mönche +näher an sich rücken.</p> + +<p>Die hohe Gestalt Abu Atirs stand auf der Schwelle. Burnus, Turban +und Bart leuchteten wie Schnee, das Gesicht, gesund und wetterbraun, +strafte das Alter Lügen. Sein klares Auge übersah mit einem einzigen +Blick das Trifolium. Nach orientalischem Brauch grüßte er mit über der +Brust verschränkten Armen jeden einzelnen mit dem Friedensgruß seines +Gottes. Dann blieb sein Auge an Ximenes hangen. „Gott schenke dir, +hochwürdigster Faki der Christen, manches Jahr und mache dein Haupt +weise und dein Auge sehend. Friede von ihm, der des Propheten Lehre +erhob über die Welt!“</p> + +<p>Ximenes dankte freundlich. Dann hieß er den Gast sich setzen, dessen +blütenreiche Sprache ihm nicht behagte. „Verzeiht, daß wir Euer Alter +bemühten —“</p> + +<p>Abu Atir lächelte, daß die unversehrten Zähne leuchteten. Er wußte, +daß man seine Gedanken durchsieben mußte, wenn man mit Ximenes +sprechen wollte. „Es ist das Schicksal vieler Menschen, alt zu werden. +Glücklich, wer mit vergilbtem Gesicht die Sterbesure sprechen hören +kann. Es liegt an dem Menschen, das Alter würdig zu ertragen.“</p> + +<p>„Ein gottgefällig Wort,“ sagte Ximenes. „Ihr seid erst kurz hier?“</p> + +<p>„Und habe doch Schweres hier erlebt. Soeben sah ich Weiber um ihre +Männer weinen. Bi nefsi! Ihr wißt den Glauben in den Leibern der +Menschen festzunageln.“</p> + +<p>„Damit die Seelen folgen können,“ antwortete der Primas gelassen.</p> + +<p>Ein Druck seiner großen Wimpern schloß die Augen des Imams. „Nur meine +ich, daß der Mann, der den Glauben in die <span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span><em class="gesperrt">Herzen</em> knetet, größer +zu nennen ist. Eine Frage: Ihr seid zufrieden mit den neuen Christen?“</p> + +<p>„Sie lieben uns noch nicht,“ gestand der Erzbischof freimütig.</p> + +<p>„Ihr guten Herren, denen Gott das Licht friedvoller Weisheit schenken +möge, warum macht ihr es den neuen Christen so schwer, euch zu lieben?“</p> + +<p>Ximenes wulstete die Lippen. „Wir legen alles, was die Kirche zu +bieten hat, in das Herz der Bekehrten, aber sie schielen trotz aller +Gnadengeschenke des Himmels doch wieder zurück nach der Moschee, aus +der wir sie errettet glaubten.“</p> + +<p>„Ihr sagt: errettet? So waren sie darin in Gefahr?“ Der fragende Blick +des Imams war klar wie aus dem Urgrund seiner Seele. „Ich denke, im +alten Glauben hatten sie nichts zu fürchten. Die Furcht lernten sie +erst bei euch. Es war die gemeine Furcht der Seele vor dem Straucheln. +Das überfiel sie nicht im Palmenhain unsrer Moschee. Und Ihr sagt: +gerettet?“</p> + +<p>Ximenes’ Feder spielte unaufhörlich auf dem Papier. „Wir retteten sie, +meine ich, aus einem Irrtum. Verzeiht abermals, aber Euer Glaube ist +der Irrtum.“</p> + +<p>„Häuft keinen Zorn auf mich, ich meine, es irrt nur einer nicht: +der die Gewalt hat über die Schale eines Granatapfels und über +Sternenbahnen. Und wenn wir Irrende an das glauben, was uns seit Jugend +an selig gemacht, so laß uns in diesem Glauben, den du Irrtum nennst. +Wir lassen ja auch den deinen unberührt.“</p> + +<p>„Doch war’s nicht immer so.“ Der Primas lächelte überlegen. „Es liegen +jahrhundertelange Kämpfe hinter Spaniens Gegenwart. Sie erzählen von +erschlagenen Christen.“</p> + +<p>„Und von erschlagnen Mauren,“ unterbrach ihn Abu Atir vorsichtig. „Ja, +es waren arge Waffen, mit denen in Andalus gekämpft wurde. Doch nun +sollte die Vernunft das Schwert ziehen. Laßt uns groß kämpfen.“</p> + +<p>Ximenes murmelte vor sich hin: <span class="antiqua" lang="la">Tu sic his sis, aliter senitas!</span> +An meiner Stelle würdest du anders denken! Dann sagte er laut: „Ihr +sprecht gelehrt.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span></p> + +<p>„Der Glaube ist größer als die Gelehrsamkeit. Sieh, es war vor +vierhundert Jahren ein Mann, der nannte sich Abu Ala, und dieser sagte: +‚Ich staune über die Christen, die glauben, daß Gott hilflos gemartert +wurde, ich staune über die Juden, die glauben, daß Gott am vergossenen +Blut Wohlgefallen habe, ich staune über die Mohammedaner, die auf +Kamelen weite Reisen machen, um einen schwarzen Stein zu küssen. Sie +sind blind für die Wahrheit. Und die Menschen teilen sich in zwei +Gruppen, die einen haben Verstand und keinen Glauben, und die andern +glauben und haben keinen Verstand.‘ So sprach Abu Ala. Ist der Mensch +beneidenswert? Mit all seiner Gelehrsamkeit?“</p> + +<p>Ximenes lächelte vergnügt. „Ihr wißt hübsche Dinge zu reden, Imam. Und +deshalb nenne ich dich doch einen gelehrten Mann.“</p> + +<p>„Mohammed nannte die Gelehrten die Erben der Propheten.“</p> + +<p>„Je nun, dubitat Augustinus. Mohammeds Koran strotzt von Widersprüchen, +denn er ist aus menschlicher Leidenschaft geboren und enthält +Menschensache. Zudem irrte Mohammed bequem. Er durchstöberte das +jüdische Gesetz und nahm sich daraus, was er für seine Sendung +brauchte. Seine klingenden Weisheiten von der Größe Gottes, sind sie +nicht dem fünften Buch Moses entnommen? ‚Es ist kein anderer Gott als +der Gott der Gerechten.‘“</p> + +<p>„Wer sagt dir, Faki der Christen, daß diese Weisheit Mohammed allein +erfahren? Aber hinausgeschrien hat er sie in die Welt. Erkennen, was +ist, und sein Erkennen den andern Brüdern sagen. Das hat dein Isa auch +getan. Und wir ehren ihn als Propheten. Laß darüber den Hader begraben +sein. Und hätte ich das Leben von sieben Geiern, wie es dem weisen +Lokman beschieden war, ich könnte nicht anders sagen als: Gott ist groß +und einzig und Mohammed ist sein Prophet.“</p> + +<p>„Ihr haltet also von unserm Glauben nicht viel?“ forschte Ximenes mit +lauerndem Blick.</p> + +<p>Der Imam strich sich bedächtig den Schneebart, und es war, als wöge +er die Gedanken in seinem Hirn. „Du willst mir in die Seele schauen, +Hochpriester. So blättere ich sie dir freundlich auf wie ein Buch. +Dein Glaube ist schön. Nur haben ihn deine <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>Priester, meine ich, mit +Lehrmeinungen entstellt, die sich mit Gottes Offenbarungen, wie sie +unserm Propheten zuteil wurden, nicht vereinbaren lassen. Die Vernunft, +der engen Schranke des Glaubens entronnen, richtet Unheil an. Doch das +wäre zu ertragen. Nur eines — verzeih, Gesegneter des Herrn —, mich +dünkt, Ihr haltet nicht viel von Eurem Glauben, Ihr glaubt ihn schwach.“</p> + +<p>„Imam — wie kommt Ihr auf den Gedanken?“ fragte betroffen der Primas.</p> + +<p>„Wäre er nicht schwach, wozu dann die Stützen des Dogmas und der +Inquisition?“</p> + +<p>Ximenes schwieg einen Augenblick bestürzt. Dann gab er sich eine äußere +Gelassenheit. „Der Glaube ist nicht schwach, aber die Menschen sind es +und sie bedürfen der Stütze.“</p> + +<p>„Ehrwürdiger Mann, dem Gott Teppiche unter die Füße und ein warm Kissen +für sein Haupt geben möge, fahre nicht im Zorn auf, der Gott beleidigen +würde, wenn ich dich frage: Die Menschen stützest du mit Dogma und +Inquisition? Und antworte mir sanft wie eine Taube: Sind diese Stützen +nicht eher Peitschen als Säulen?“</p> + +<p>Der Erzbischof fühlte eine unbehagliche Hitze über sein Herz fließen. +„Ei, danket Gott, daß Ihr nicht Katholik seid, Maure. Ihr denkt zuviel. +Und mich soll es nicht wundern, wenn Ihr bald ganz im Unglauben +erstickt.“</p> + +<p>„Sie nennen mich Al-Abdallah, den Diener Gottes. Ich glaube Gott, ohne +ihn zu sehen. Aber ich kann nicht an deine Worte glauben, wiewohl ich +sie höre. Klage mich nicht an, denn sonst müßtest du auch die Wolken +anklagen, weil auch sie nicht bestätigen, was du sagst, sie gehen +unbekümmert ihren Weg, ob du sie schiltst oder lobst. Warum läßt du +Wolken ziehen und Menschen nicht? Nur weil du die Macht über sie nicht +hast. Und siehst du, deine Kirche ist doch nur ein Wort, mit dem du +Unfaßbares fassen willst.“</p> + +<p>„Und die deine nicht?“ rief Ximenes mit triumphierendem Auge.</p> + +<p>„Gewiß. Aber dann frage ich dich: Warum bekämpfst du uns <span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span>statt uns die +Hände zu reichen? Nur weil wir es mit dem Propheten halten? Du hältst +es eben mit einem andern Propheten, dem Isa.“</p> + +<p>„Das ist nicht Glaube mehr,“ sagte Ximenes verärgert. „Das ist +philosophische Klügelei, wie sie eure Gelehrten großziehen.“</p> + +<p>„Wer die Wissenschaft lehrt, hat Ehrfurcht vor Gott, dessen Name die +Geister besingen. Wer in der Wissenschaft streitet, kämpft heilig. +Die Wissenschaft ist der Leuchtturm zum Paradies, der Gefährte in der +Fremde, die Rüstung wider den Feind. Engel berühren die Gelehrten +mit den Flügeln, und durch die Wissenschaft steigt der Diener Gottes +die Stufen zur Güte hinauf. Das Wissen ist der größte Imam. Wer die +Wissenschaft lehrt, dem ist besser als wenn er den Berg Abu Kobeis aus +Gold besäße. Abderrhaman ließ für einen Gelehrten, der aus Fes kam, +dreißig Paläste auf dem Weg vom Meer nach Cordoba bauen. Das Kleid +des Wissens ist aus menschlicher Erfahrung und aus der Furcht Gottes +zusammengesetzt, sagt Abdallah Ben Mesud, und das Schwert der Zunge +soll immer siegen über die Zunge des Schwertes. Aber wem sage ich das? +Sitzt nicht einer vor mir aus dem Reich des Geistes? Möge dir Gott +stets weise Gedanken geben und dich mit ewigem Priestertum belehnen.“</p> + +<p>Ximenes mußte Atem schöpfen. „Eure Gedanken stehen auf falschem Grund. +Den wahren Gott habt Ihr mit Eurer Wissenschaft nicht erkannt.“ Seine +Augen blickten den Mohammedaner überlegen an.</p> + +<p>„Wer wollte ihn erkennen? Gott ist die Zahl Eins und die Zahl +Unendlich. Summiere sie oder ziehe eine von der andern ab, es bleibt +immer Gott übrig. Aber heißt das, ihn schon erkannt zu haben? Und doch +bleibt uns nichts übrig als uns im Stirnenschweiß um ihn zu bemühen. +Laß mich denn glauben an das heilige Gesetz und an den Propheten.“</p> + +<p>„Das sollt Ihr sicherlich,“ antwortete Ximenes überaus freundlich. +„Doch eines — eines müßt ihr uns doch zugestehen: Unter der +erkaltenden Glut eures Glaubens werdet ihr nie mehr die Erde erobern. +Wir bleiben Sieger.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span></p> + +<p>„Vielleicht nicht die Erde, aber uns selbst. Das ist mehr. O weiser +christlicher Scheich! Wir suchen doch in unsern Gebeten denselben Gott, +den ihr sucht, und deshalb willst du uns knechten? Nur weil wir den +gemeinsamen Gott mit andern Augen ansehen? Mit unsern, unsern Augen? +Ja — und euer Siegerrecht, ist es nicht versiegelt im königlichen +Vertrag? Der Herr der Könige erhalte das Leben des weisesten der +Erdenfürsten — dürfen wir nicht unsere Moscheen und Medrisets +behalten? Haben wir nicht unsere Kadis, die der Herr mit Verstand und +Einsicht segnen möge? Und ist uns nicht — der Allmächtige stärke das +Königsleben dafür! — Sprache, Sitte und Tracht verbürgt für immer? Das +soll nicht versiegelt sein von der Treue des Siegers?“</p> + +<p>„Es ist — aber es ist nicht versiegelt, daß wir euch die Stützen +des Glaubens, der ein Irrglauben ist, unversehrt lassen müssen. Eure +Moscheen behaltet, nur bauen wir unsere Altäre in sie hinein —“</p> + +<p>Der Imam streckte sich. Seine Hand zitterte auf dem Knotenstock. +„Das — das willst du — vor deinem Gott verantworten, christlicher +Scheich?“ Er erschauerte vor dem weiten Gewissen des Seelenhirten. +Wie von Staub erstickt kam es aus seinem Munde: „Glaubensrecht — +Sittenrecht, Urteilsrecht — alles papierne Dinge — und Eure Taten +sollten das Papier zerreißen dürfen — das Papier in der königlichen +Truhe? O Ihr meint es nicht ernst.“</p> + +<p>„So muß ich dir, Imam, weitere Proben dieses Ernstes geben. Auch die +geistige Quelle eures Irrglaubens muß verstopft werden.“</p> + +<p>„Irrglauben! Irrglauben! Ich sage dir schon: Auch du irrst! Wir alle +irren. Wenn der Beduine in der Wüste zieht, wenn Sonnenglut und +Sand sein Auge blenden, dann zweifelt er oft an der Richtigkeit des +Karawanenwegs, aber der Irrende vertraut dem ewigen Lenker aller +Karawanen, bis ihm die Oase lächelt. Die Oase ist Gott, wir irren und +finden doch zu ihm, nur jeder auf seine Weise. Der Irrtum dauert nun +schon an die tausend Jahre, und wir sollen nun Erkenner der Wahrheit +heißen, <span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>weil ein Christ es will? Ist dein Wille Gott? Er ist eine +Anmaßung.“</p> + +<p>„Imam!“ Der Gleichmut des Kirchenfürsten begann zu wanken. „Du +verkennst Gottes Offenbarung sehr. Wir müssen für unsern Glauben +kämpfen.“</p> + +<p>„So hast du Angst, ihn zu verlieren? Der wahre Glaube beharrt und läßt +andere beharren. Was Irrtum ist, fällt nicht durch Kampf, sondern durch +eigene Erkenntnis ab. Aber der Bach wächst zum Strom aus, ich sehe es. +Zuerst war bei euch ein Kinderglaube da, dann ein wirklicher Glaube, +dann ein Kämpfen für den Glauben und endlich ein Morden für ihn. Was +soll noch werden? Hast du mich noch etwas zu fragen?“</p> + +<p>„Aus Euch spricht ein arger Kläger. Aber des Übels Urgrund liegt in +euren Büchern.“</p> + +<p>„Unsre Bücher?“ Die Augen des Alten leuchteten wie brennende Fackeln.</p> + +<p>„Sie können Freunde des Menschen werden,“ sagte Ximenes, „aber auch +seine gefährlichsten Verderber, denn sie führen wie böse Geister in +Zweifel und Irre. Nur ein sorgsam wachender Geist vermag ihre Güte und +ihre Schädlichkeit zu unterscheiden. Wo die Quelle trüb rinnt, muß sie +verstopft werden, sonst verseucht sie das gesunde Wasser. Ihr müßt uns +erlauben, Spreu und Weizen zu sondern.“</p> + +<p>Abu Atir griff sich an die Stirn. „Du, den Gott mit Balsam behandeln +möge — ich verstehe dich nicht recht —, du willst —?“</p> + +<p>„Euch aufhelfen aus eurem Irrglauben, euch liebevoll ans Herz ziehen +mit der Liebe Jesu, euch zu demütigen Kindern Gottes machen, den euer +befangener Sinn noch nicht erkannt hat, und eure Weisheit gründen auf +die Dreieinigkeit Gottes.“</p> + +<p>„Es ist nur ein Gott und nichts außer ihm!“ sprang der Feuerglaube aus +des Alten Brust, auf der sich die Hände falteten in ehrlichem Bekennen. +Und es war, als bliese aus seinem Antlitz die heilige Flamme des Korans +selbst. „Und wenn die Erde jetzt in ihren Festen erzitterte und die +Gestirne zu wogen anfingen: es ist nur ein Gott und nichts außer ihm. +Gepriesen <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>sei die Kraft, die allen Propheten ward. Auch Isa war ein +Prophet, aber nicht Gottes Sohn, denn Gott hat keinen Sohn gezeugt, +und Isa selbst hat gesagt: niemand ist gut als der einzige Gott! Der +einzige Gott! Isa hat wie Mohammed dem Juden gegeben, was des Juden +war, und sich genommen, was Gutes bei ihnen war. Seine Botschaft war +Licht und Freude und Bestätigung der Thora in vielem. Er hat den alten +Gott neu geschaut, wie Mohammed ihn neu geschaut hat, sie waren beide +groß, aber der Prophet von Mekka hat sich nicht Sohn Gottes genannt, +sondern nur Diener, und war so demütig wie Isa, und hat sich nicht in +eine bleiche Hostie einschließen lassen, dünn wie Frauenflor, sondern +war und hat nur sein wollen der Knecht Gottes. Wir können Gott kein +andres Wesen zugesellen, also sagt es der Prophet.“</p> + +<p>„Und es steht in euern Büchern und ihr schwört darauf. Aber eure Bücher +sind Trug. Euer Koran ist das ungeordnete Buch eines Schwärmers. Was +sein anmaßender Geist an schönen Gedanken ergriffen, hat er wahllos +aufs Papier werfen lassen und hat es dann Geist Gottes genannt. Habt +ihr Bürgen für die Echtheit?“</p> + +<p>„Dieselbe Reinheit des Herzens, die deine Apostel drängte, das Wort +Isas niederzuschreiben.“</p> + +<p>„Ihr greift nach hohen Worten, Imam. Wir wollen sehen, was eure Bücher +enthalten.“</p> + +<p>„Unsre Bücher!“ Das verwitterte Bronzegesicht, von den Runen des Wehs +gezeichnet, glühte im Wiederscheine des innern Aufruhrs. „Unsere Bücher +müßt Ihr uns lassen, denn sonst —“</p> + +<p>„Sonst?“ fragte verwundert der Primas.</p> + +<p>Der Greis atmete schwer. „Man soll die Zunge lang einkerkern, bevor man +sie durch ein Wort befreit. Aber es muß gesagt werden. Cordoba fiel, +Sevilla fiel, Granada fiel — aber die Mauren leben noch.“ Es klang wie +eine Mahnung an das Gewissen des Bedrängers. Und es war, als sähe der +Alte in eine weit entfernte Jugend zurück, die von Christenkämpfen und +Blutfreude erklang.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Ximenes hatte einen Herzschlag lang Ehrfurcht vor der Glaubens- und +Volksliebe dieses Menschen. Aber bald erdrückte der eigene heiße +Glaubensdrang das Gefühl. „Ihr pocht auf eine Stärke, die nicht mehr +ist, Imam.“</p> + +<p>„Und du auf eine, mit der du deinem Herrn ins Gesicht schlägst.“</p> + +<p>„Der heilige Dienst in seiner Wahrheit fordert, daß ich allen Menschen +seine Wahrheit künde. Ich öffne euch die Augen und euch schmerzt noch +das hehre Sonnenlicht.“</p> + +<p>„Du willst Augen öffnen und brichst dabei Herzen, fremder Scheich.“</p> + +<p>„Zum Ende!“ Ximenes raffte die Papiere auf dem Tisch zusammen.</p> + +<p>„Aber nicht zu einem, das Menschen mordet,“ flehte der Imam mit nassen +Augen. „Gott gebe dir Geduld zu hören, was unser Herz leidet, und es +wird darüber weich werden wie flüssiger Honig und wird erfüllt werden +mit dem Wohllaut des Singvogels.“</p> + +<p>„Am kommenden Tag des Herrn sollen alle eure Bücher aus den Häusern +der Mauren auf die Bibarrambla geschafft werden zur Prüfung durch +christliche Hüter. Vergeßt nicht Koran, Sunna, Überlieferungen.“</p> + +<p>Der Imam bebte an allen Gliedern. „Der Kadi des Lebens, der über Wolken +richtet zu seiner Zeit, wird es nicht zulassen. O du Wesen mit den +tausend Barmherzigkeiten, habe ich dich verloren aus meinen Sinnen? Hat +mir Christenhaß deinen Namen verdunkelt? Primas von Spanien, wer gibt +dir diese Macht über uns?“</p> + +<p>Da erhob sich Ximenes mit dem Gewicht seines Kraftbewußtseins. „Die +Kirche,“ sagte er gewaltig und seine Faust stieß dumpf auf den Tisch.</p> + +<p>„Unseliges Gefäß, in das du den Gottesinhalt füllest! Darin hast +du dich übernommen. Denk an mich! Gott beschütze das Siegel deiner +Weissagung, doch ich glaube nicht daran.“ Mit zitternden Knien, ein +Stoßgebet murmelnd, tastete sich Abu Atir <span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span>nach der Schwelle, wo ihn +zwei junge Mauren empfingen, die ihn aus dem Palast geleiteten.</p> + +<p>Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand +sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach +welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein +großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die +geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das +Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos, +eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und +Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser +Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung +des großen Zweckes: <span class="antiqua" lang="la">Ad majorem Dei gloriam</span>.“</p> + +<p>„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit +gesättigter Glaubensfreude.</p> + +<p>„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen. +„Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es +auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der +Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in +heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem +Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich +hinein.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel"> + Elftes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">R</span>eija und Saffana erhoben sich vom Gebetsteppich. Zu ihren Häupten +dufteten die Storaxkerzen. „Mein Väterchen!“ Mit dem Morgentau der +Gesundung auf der Stirn eilte Reija dem Greis entgegen. Das weiße +Lieblingskätzchen auf ihrer Schulter sprang erschreckt auf den Teppich. +Das Mädchen las das Unheil aus den Augen des Imams. „Bi nefsi, sie +haben dich gequält!“</p> + +<p>Abu Atir erzählte und Reija hörte mit gepreßtem Herzen zu. „Bring +Väterchen zur Ruhe,“ sagte sie zu Saffana. „Er soll den Tag vergessen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span></p> + +<p>„Es gibt noch viel zu sinnen,“ wehrte der Alte ab. Er setzte sich +auf einen fellbelegten Schemel. Im Kerzenschein flammte das farbige +Ornament, die Goldstuckatur und das Azulejosmuster, alles aus bester +granadinischer Königszeit, hellauf, und Spiegel warfen das Licht von +drei Seiten zurück. In der üppigen Weichheit der Teppiche und Matten +gingen lautlos die Schritte der Mädchen. Reija im rotseidnen Damast, +um das Haupt den Thailesan, den duftigen Schal, gebunden, die Füße +in reichbestickten Schuhen, huschte von Truhe zu Truhe, die in den +verhängten Nischen des Gemachs standen.</p> + +<p>„Willst du den roten Ghamar zu trinken haben? Willst du Sikbadsch, das +Fleischmus, essen? Gott mit seinen neunundneunzig Namen stärke dich!“ +Sie mühte sich vergebens, dem Greis aus dem Trübsinn zu helfen.</p> + +<p>Da stahl sich die muntere Saffana an die Herrin heran. „Es ist einer +da,“ sagte sie leise.</p> + +<p>Aber der Imam hatte es gehört. „Was schwatzest du?“</p> + +<p>„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“</p> + +<p>Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst.</p> + +<p>„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“</p> + +<p>„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und +verkauft Sattelzeug.“</p> + +<p>„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig.</p> + +<p>„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und +Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen. +Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige +Schmerzen um das Herz herum gehabt.“</p> + +<p>„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija.</p> + +<p>„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist +verliebt wie ein Kalif.“</p> + +<p>„Das hat er dir gesagt?“</p> + +<p>„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und +selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, <span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>spricht er von +seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger +Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“</p> + +<p>Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen +Bäckereien zwischen die Zähne.</p> + +<p>„Und er schläft in einem Maultierstall —“</p> + +<p>„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen.</p> + +<p>„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“</p> + +<p>An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel +aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig.</p> + +<p>Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf +nicht links das Auge hangen.“</p> + +<p>Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das +Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von +Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein. +Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig +herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von +blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende +Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten +wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen +ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit +zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den +Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten.</p> + +<p>Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm +und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns +wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor +der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man +wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“</p> + +<p>„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des +Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner <span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>Schönheit +haltmachen? Und wäre es noch die Moschee — aber die Bücher! Deines +Vaters Koran!“</p> + +<p>„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen.</p> + +<p>„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind +biegsam.“</p> + +<p>„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge — Eswer wird uns +helfen.“</p> + +<p>„Es ist zu spät.“</p> + +<p>„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die +Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“</p> + +<p>„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’ +fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen. +Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“</p> + +<p>Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier +sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne +Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“</p> + +<p>„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann — meine Bücher.“</p> + +<p>Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die +Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse +des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der +Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der +alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und +Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges +Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von +den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere +Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen, +wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste +wird eine andere pflücken.“</p> + +<p>Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>warf Saffana +plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid +hervorgeholt hatte.</p> + +<p>Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’ +ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur +Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert. +In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe +die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen, +welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch +die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte +kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen +selbst die Ameisen Verse. Von wem?“</p> + +<p>„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“</p> + +<p>Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du +hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“</p> + +<p>Da nickte Saffana ein heftiges Ja.</p> + +<p>Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle. +Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war +die Unruhe in ihr.</p> + +<p>„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn +diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“</p> + +<p>Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der +flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im +Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“</p> + +<p>Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen +Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach +Atem.</p> + +<p>„Was gibt es?“ horchte Reija auf.</p> + +<p>„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt — ach, die Ehre!“</p> + +<p>„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“</p> + +<p>„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora, +der schöne Reiter, der damals — ach, <span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>entsinnt Euch nur — damals, als +böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten — damals, wißt +Ihr nicht?“</p> + +<p>Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie +Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“</p> + +<p>„Nicht er selbst — sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da +und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen +Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie +wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi, +ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn +ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen +zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem +andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“</p> + +<p>„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der +Imam mit verrunzelter Stirn.</p> + +<p>„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir +recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“</p> + +<p>„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat +Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und +ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach.</p> + +<p>Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in +sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses.</p> + +<p>Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute +in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel +zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in +der dunklen Wölbung spiegelten.</p> + +<p>Da — Mandolinenklang — eine Stimme singt —</p> + +<p>So wagte der Unselige alles um sie. Wenn sie ihn griffen! Lang lauschte +sie. Ihr war, als girrte im Iraksstrauch die Ringeltaube. Das Lied +verhallte mählich.</p> + +<p>Reija schlich mit leise tastenden Füßen nach ihrem Lager. <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>Seide und +Linnen fielen. Bald spiegelte sich der bronzedunkle Ton ihrer ebenmäßig +gewachsenen Glieder lässig in den drei Wandgläsern, das aufgelöste Haar +umnetzte die Brüste, in denen junges Leben glühte. Saffana drückte +verliebt ihr Haupt an die gemeißelten Schenkel. Keusch geschlossen in +strengem Ernst lagen Reijas rote Lippen, die noch nichts wußten von +Nächten, in denen Küsse lodern.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Zwolftes_Kapitel"> + Zwölftes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>urch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern +des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot +des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die +Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen. +Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern, +umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema, +der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut +der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den +Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte +Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber, +gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten +Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da +und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert +sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen +fort — vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen +Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf +der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben.</p> + +<p>Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis +aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des +Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um +das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem +gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott +und Mohammed <span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich +aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz.</p> + +<p>Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz +für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die +Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über +die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng +geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de +Gomeres zum Palast des Ximenes.</p> + +<p>Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand +auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen. +Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes, +Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in +ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern, +Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze +schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht, +brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera, +dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder +der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene +Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee +strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein +magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls.</p> + +<p>Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben +Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem +Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der +Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen +hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch.</p> + +<p>„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig +nieder.</p> + +<p>Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die +gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft.</p> + +<p>„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet <span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>ein +Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt.</p> + +<p>„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber +tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer +bei Gott.“</p> + +<p>„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer.</p> + +<p>„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie +wieder auf. Sie kosten Geld.“</p> + +<p>„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“</p> + +<p>Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen +lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki.</p> + +<p>„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter +zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele +himmlischen Tau.“</p> + +<p>„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani +damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer.</p> + +<p>Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen, +aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und +er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde.</p> + +<p>Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer +Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas. +Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem +Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen +der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und +nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende +Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen +Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die +Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden +Soldaten schielt.</p> + +<p>In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora +auf — nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt +das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt +die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen +Schnallen im Sattelknopf <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>befestigt, die schleppende Zäumung des +Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät. +Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick +verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse.</p> + +<p>„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich +hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn +beide hinken.“</p> + +<p>Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören +sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen.</p> + +<p>Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt +das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die +reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein +soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen +Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird +dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des +Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im +guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm +fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch +immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen +nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über +die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung +der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und +das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual +und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele, +die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den +Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn, +grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer +für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe +ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und +Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in +ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut +triefen, ohne mit der <span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span>Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie +im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium +Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in +Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger +nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition +war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre +entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal.</p> + +<p>Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen +Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden +Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die +glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude +eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge +des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines +eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem +er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn +zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um.</p> + +<p>Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben +aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren +Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der +Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart +gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden +Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge +nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern +auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten +sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen +klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner +habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen +maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame +ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des +Königs Arm glitt.</p> + +<p>„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span>Mauren +nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den +Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an +Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum +Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit +fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen +und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek +meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert +sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen +Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das +große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird +über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh — da aus der Gasse des +Zacatin — unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“</p> + +<p>„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon.</p> + +<p>„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und +dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und +Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei +Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte +die Luft.</p> + +<p>Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter +ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in +Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden +auf.</p> + +<p>Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau +heran.</p> + +<p>Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen, +geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem +Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren +Spalieren staute sich die Maurenmasse.</p> + +<p>Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen +Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter, +deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen <span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span>Gewändern +der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem +Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle +alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit +arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der +Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs +Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die +Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als +gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen.</p> + +<p>Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu +Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf +die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am +liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn +wie den König selbst zu ehren.</p> + +<p>Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz +hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm +die abgegebenen Bücher in Empfang.</p> + +<p>Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe +ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du +kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst +ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten +Königs von Granada.“</p> + +<p>Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es +bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite.</p> + +<p>Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne, +goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln, +Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare +Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt +des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob +sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den +Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“</p> + +<p>Ringsherum entstand eine Bewegung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span></p> + +<p>Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das +kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen —?“</p> + +<p>Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester +gerichtet.</p> + +<p>„Wer seid Ihr?“ fragte Leon.</p> + +<p>Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der +Graf de Mora hatte sich herangedrängt.</p> + +<p>„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust.</p> + +<p>„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung +auf die schlanke Gestalt.</p> + +<p>„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“</p> + +<p>Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija! +Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und +flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied +werden.</p> + +<p>Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln +sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne +Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß +verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen +Leibergewoge der Bruderschaft.</p> + +<p>Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört. +Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch +bittenden Mädchens.</p> + +<p>„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen —“</p> + +<p>„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme.</p> + +<p>„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor —“</p> + +<p>Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das +die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die +Kuttenarme vor. „Weh Euch!“</p> + +<p>Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer +Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten <span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>Massen lodern. „Brüder — +eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt — fürchtet ihr +Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie +Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran +bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die +Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre +ich euch, rettet mir den Koran — ich bin Reija — das Königskind!“</p> + +<p>Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte +Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch +zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren, +trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das +Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute +Reichtum in Eitelkeit verzehren?“</p> + +<p>„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung.</p> + +<p>„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“</p> + +<p>Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren. +Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen +in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen +Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es +sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht +verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern +machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed.</p> + +<p>Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib — hier +richten Männer!“</p> + +<p>In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier +der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein +Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater — das Weib ist schwach, es +weiß nicht, was es tut.“</p> + +<p>Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des <span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span>Mädchens +los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das +Königskind.</p> + +<p>Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der +Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“</p> + +<p>Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer. +Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser +Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten.</p> + +<p>Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz +wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten.</p> + +<p>Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem +bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne +Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter +Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken +durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte +wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda +schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern, +die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der +Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin — es gibt +sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten +Lippen.</p> + +<p>„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein +verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“</p> + +<p>„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof, +Herzogin.“</p> + +<p>„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore +mit sich durch die kleine Balkontür.</p> + +<p>Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem +erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen +ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und +dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen +herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen +Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben +gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine +schwere <span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu +nüchternem Denken.</p> + +<p>Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das +nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“</p> + +<p>„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt +für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt.</p> + +<p>„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“</p> + +<p>Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie +durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher.</p> + +<p>Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen. +„Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche +verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe —“</p> + +<p>„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf.</p> + +<p>Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten +riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer +wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem +Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz.</p> + +<p>Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier. +„Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann.</p> + +<p>Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der +Tote?“ fragt der Graf drängender.</p> + +<p>„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“</p> + +<p>„Wo ist Salzedo?“</p> + +<p>„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“</p> + +<p>„So ist er verloren!“</p> + +<p>Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem +undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf +den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span>Zacatins wälzen sich +neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem +Palast des Primas.</p> + +<p>Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon. +Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend +flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug +war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn +von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach +dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt +Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser +des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen +zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die +Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen +abseits unter der Hut von Lanzen.</p> + +<p>Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde +getötet. Salzedo wurde verschleppt.“</p> + +<p>Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf — Ihr +rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen +Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt — oh, ich gewähre Euch +jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“</p> + +<p>Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine +Brustwand tobte.</p> + +<p>„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof.</p> + +<p>„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins: +Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“</p> + +<p>Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann. +„Ihr bittet — für ein Buch der Ungläubigen?“</p> + +<p>„<em class="gesperrt">Ein</em> Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den +Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich —“ Er hielt verwirrt inne.</p> + +<p>„Bedenke ich’s recht — fürwahr — die Hochschule zu Alcala wird ein +prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er +gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span></p> + +<p>Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu +Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen.</p> + +<p>Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd.</p> + +<p>Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde +Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten +Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der +wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue +Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die +Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze.</p> + +<p>Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen +Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige +Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister, +griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers +Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los, +seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das +Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende +Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: <span class="antiqua" lang="la">Est Deus +in nobis</span>, es ist ein Gott in uns!</p> + +<p>Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich +darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des +Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren. +Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und +Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die +rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines +ganzen Volkes.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel"> + Dreizehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">V</span>on fünf Lanzenreitern begleitet, reitet der Graf de Mora nach der +betürmten Moreria, dem Maurenviertel. Er muß Salzedo finden. Da hört er +sich angerufen. Sein Freund Hernando de Rojas drängt sich auf seinem +Andalusier heran. „Pedro! Pedro! <span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>Man hat eine Spur Salzedos! Das +heißblütige Weib, das um den Koran gekämpft —“</p> + +<p>„Reija?!“ Der heftig ausgestoßene Name verursacht einen Brand auf den +Lippen des Grafen.</p> + +<p>„Ihre Ritter sollen ihn mitgeschleppt haben. Maurische List! Eine +Geisel in ihren Händen!“</p> + +<p>Der Graf hetzte mit einem Spornhieb sein Pferd vorwärts. De Rojas +konnte ihm nur mühsam folgen. Bald ragten die Mauern des Alkazars vor +ihm. Hier wohnte der Imam Abu Atir. Vor dem zinnengekrönten Gemäuer +drängte und schob sich das Volk wie Ameisen um ihren Bau.</p> + +<p>Der königliche Hauptmann wandte sich an einen der Maurenritter, die vor +dem steinernen Tor standen, die Marlota, einen Brokatüberwurf, über die +Schulter geworfen, in eiserner Wehr. „Ist der Imam Abu Atir im Hause?“</p> + +<p>„Der Imam? Mögen ihn alle guten Geister des Herrn beschützen, so Ihr +Böses im Sinne habt, Hauptmann des Königs. Was wollt Ihr von ihm?“</p> + +<p>Noch ehe der Maure eine Antwort erhielt, schob sich die simsonstarke +Patriarchengestalt des Imams aus dem Tor ins Licht.</p> + +<p>„Hadha! Dieser ist es!“ sagte der gewappnete Maurenritter.</p> + +<p>Der Graf senkte den Degen vor dem Greis. „Es soll Salzedo, der +Hausmeister des Primas, in Eurer Gewalt sein.“</p> + +<p>Abu Atir lächelte klug. „Es soll der Koran, das goldne Buch Boabdils, +in deiner Gewalt sein, Feta.“</p> + +<p>„Es ist des Königs Gebot.“</p> + +<p>„König Fernando hat Verträge unterschrieben: unser Glaube soll +unberührt bleiben.“</p> + +<p>„Der König hat euch nicht den Glauben genommen, sondern nur Bücher.“</p> + +<p>„Oh, über das weite Gewissen eines Gottesmanns! Gebt den Koran zurück +und wir geben euch Salzedo.“</p> + +<p>Da durchzuckte es des Grafen Herz. Aus dem Tor schritt inmitten der +Sklavinnen das verschleierte Königskind. Eine der Frauen trug auf einer +silbernen Tasse Milch und Salz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span></p> + +<p>„Das ist unser Brauch,“ sagte Reija. „Nimm Halib und Milch, auf daß du +in Frieden scheidest, Hauptmann des Königs.“</p> + +<p>Graf de Mora schüttelte den Kopf. „Ich danke Euch.“</p> + +<p>„Was beliebt?“ fragte Reija mit dunkelblitzenden Augen.</p> + +<p>„Ich möchte Salzedo frei haben.“</p> + +<p>„Feta — du bekommst Salzedo, wenn ich den Koran bekomme.“</p> + +<p>Zorn und Bewunderung rangen im Herzen des Grafen miteinander. Ihm war, +als straffte sich das Wesen der Jungfrau unter dem Druck der Gefahr.</p> + +<p>Abu Atir drängte sanft das herbe Mädchen beiseite. „Menge dich nicht in +Männerworte, Reija, meine Taube.“</p> + +<p>„Ich will Worte machen um das Heiligtum meines Vaters, dem Gott +allezeit weiche Kissen geben möge.“</p> + +<p>Der Graf besann sich, daß er von Ximenes den Auftrag hatte, den Handel +unblutig zu lösen, wenn er nur Salzedo wiederbrächte. „Ich gebe Euch +heute abend den Koran, doch Ihr müßt mir noch jetzt Salzedo ausliefern.“</p> + +<p>„Was soll der Hauch eines Mundes, der in die Luft geht?“ fragte Abu +Atir geringschätzig.</p> + +<p>„Ich verpfände Euch mein Leben für mein Wort,“ sagte Graf de Mora.</p> + +<p>Da trat Reija hastig heran. „Das soll wiegen, Väterchen. Daß du es +weißt, Feta, ich habe Salzedo unter meinem Bett versteckt, denn die Wut +der Mauren hatte ihn überall gesucht. Dank’ mir’s, Feta, er wäre sonst +nicht lebendig in deine Hände gekommen.“</p> + +<p>„Und ich habe Euch den Koran von Ximenes erbettelt. Dankt mir’s, Doña +Reija, denn er wäre jetzt Rauch und Flammen. Seht hin!“ Er wies auf die +Rauchsäule, die aus der Tiefe der Bibarrambla aufstieg.</p> + +<p>Abu Atir heulte auf: „Die Bücher brennen!“ Der Ruf widerhallte in den +Herzen der das Haus belagernden Mauren. Aus Schmerzenslärm, Ingrimm +und Wut stieß es sich heraus: „Zum Palast des Ximenes! Unsere Bücher!“ +Die brodelnde Masse <span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>der Burnusse wälzte sich wie ein weißer Brei +die Feigenhänge hinab nach der Antequeruela. Vergebens rief der Imam +seine warnenden Wehworte den Eilenden nach. Der Strom war im Gang, die +Lava des Aufruhrs floß den Berg hinab in die Stadt. Von allen Seiten +erscholl das fatalistische Insch’allah! aus dem Lärm der fließenden +Haufen.</p> + +<p>Noch einmal forderte der Graf: „Gebt mir Salzedo!“</p> + +<p>„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und +ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu.</p> + +<p>Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars +erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen +riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem +Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand.</p> + +<p>Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk, +und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die +Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die +Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden +Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose +Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter +ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab.</p> + +<p>Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste +drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb +erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter +des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden +Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich +steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts. +Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten +zum Widerstand anspornen.</p> + +<p>Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines +Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die +<span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf +nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er +denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das +die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er +ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten. +Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel, +und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen +Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der +Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn +er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“</p> + +<p>Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den +Mauren als Geisel.“</p> + +<p>„Wofür?“ braust der Primas auf.</p> + +<p>„Für den Koran des Königs.“</p> + +<p>„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen.</p> + +<p>„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein +leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir +tauschen. Gebt den Koran.“</p> + +<p>„Das Weib ist ein Teufel!“</p> + +<p>„Sie ist eine Maurin.“</p> + +<p>„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren +in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“</p> + +<p>Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die +Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter +geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit +erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang — wir haben den Mörder des +Collados!“</p> + +<p>„Wer ist es?“</p> + +<p>„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“</p> + +<p>„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span></p> + +<p>„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet. +Sein Dolch traf den Collados.“</p> + +<p>„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn +dingfest gemacht?“</p> + +<p>„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben, +den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm +gefunden als diese drei losen Zettel.“</p> + +<p>Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte +Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das +wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte +die Zettel zu sich.</p> + +<p>„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes.</p> + +<p>„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“</p> + +<p>Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden +breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt +ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken +übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und +Christenschädeln singt.</p> + +<p>Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald +darauf blauen Flecken am Firmament.</p> + +<p>Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die +Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei +Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort +wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das +Geheul zum Orkan an.</p> + +<p>Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten +Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne +bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen, +blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen +lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über +buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die +Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span></p> + +<p>Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da. +So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares +Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt +dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren +Leib, die gelbe Seide knistert.</p> + +<p>„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt +noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu.</p> + +<p>Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete +eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß +du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne +am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den +Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung.</p> + +<p>Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich +verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die +Sinne.</p> + +<p>Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin +eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden +Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann +erblickte.</p> + +<p>„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und +ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte +durchschlagen.“</p> + +<p>Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija +erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich +ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu +hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er +muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch.</p> + +<p>Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von +ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie +überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit +blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir +fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span></p> + +<p>„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt +das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende, +halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des +Schleiers.</p> + +<p>Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott +heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten +Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht +hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden +Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr +werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“</p> + +<p>„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei +immerdar, wird dich dafür segnen.“</p> + +<p>„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“</p> + +<p>„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras +haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“</p> + +<p>An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und +Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter +dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser +flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit +unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der +sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich +gequält von seinem Munde.</p> + +<p>„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch +den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie +ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt +aus dem Bann reißen.</p> + +<p>„Er wird nicht frei sein,“ trotzte er bebend. „Lebt wohl!“ Er stampfte +durch den Patio nach dem Tor, wo die Knechte seiner harrten. Sein +ganzer Mensch war in heftigem Aufruhr. Er glaubte hinter der Mauer des +Palastes ein jäh abschnellendes Lachen zu hören. Sein erster Gedanke, +als die tobenden Gefühle <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>verebbten, war: Ich wollte, sie wäre mir +widerwärtig wie der Carrasco, die Stechpalme. Aber sie hat Augen — +Augen! Die Steinfliesen unter seinen Reiterstiefeln tanzten, die Wände +wankten, und die Nacht ringelte sich vor seinen Blicken zu glühenden +Kreisen zusammen. Hatte er keine denkklare Stirn mehr? Ei, sie hat das +an sich, was die Andalusier Amago nennen, ein drohendes: Nimm dich in +acht! Der wie zum Sprung gespannte Leib, die lauernden Augen, die halb +geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne drohten — alles Amago!</p> + +<p>Er wußte nicht, wie er seinen Zelter bestieg, wie er die gaffende, +gärende Menge durchritt.</p> + +<p>In der Alcazaba wachte ein erregtes Mädchenherz die ganze Nacht über +dem Koran. Reija las sich die Augen müde an den Paradiesessuren. Neben +ihr schlief Saffana. Das Königskind spürte Flammen neben sich lecken, +aber sie loderten aus den schönen Augen des spanischen Feta. Was wollte +der Feind mitten in den Suren? Immer wieder drängte er sich zwischen +den heiligen Sätzen durch und zerbrach den mühsam abgerungenen Sinn der +Prophetengesetze.</p> + +<p>Lange noch lag Reijas schwarzes Haupt andachtslos über den Koran +gebeugt. Bis sie aufschreckte und durch das Säulenfenster nach dem +Stück Himmel sah. Zu ihren Häupten erblaßte der Schweif des Skorpions, +des Unglückssterns.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel"> + Vierzehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>ie Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen +und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten, +Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu +laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht, +sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in +Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres +draußen horchend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span></p> + +<p>Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck +der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die +verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden +durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen +Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen +Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines +Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten +Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung +der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden +Arabers poetische Triumphe feierten — alles war in einen Haufen Asche +versunken.</p> + +<p>Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das +erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen +bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten +in gelblich fahlem Licht.</p> + +<p>Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden +vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die +Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben, +die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen +und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die +Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand +besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten +Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla +ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar +niederzulegen.</p> + +<p>Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse +wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige +Gobernador das Kommando übernimmt.</p> + +<p>Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen +Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der +Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>während sie nach der +Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt!</p> + +<p>Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser +erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt +der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen +schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch +verdrängt wird.</p> + +<p>Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla +spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines +Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des +Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken. +Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers.</p> + +<p>Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen. +Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen. +Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich +weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern +und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die +starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm +entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet +um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande, +Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der +Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen +zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem +Imam.</p> + +<p>„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben +die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen +gestillt werden, denn sie sind heilig.“</p> + +<p>„Es geht Ximenes um den Glauben!“</p> + +<p>„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur <em class="gesperrt">sein</em>, +der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte +Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich +weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und +wenn es an die Gedärme <span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut, +ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist +Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das +Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft +sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er +wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“</p> + +<p>Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene +Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“ +mahnt er wieder.</p> + +<p>„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und +sie reiten unversöhnt auseinander.</p> + +<p>Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe. +Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt +verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien +muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im +gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt +Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber +von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers +ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen. +Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner +Augen Glut mehr, als zu wärmen?</p> + +<p>Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon +den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein +Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“</p> + +<p>Doch der Graf hielt ihn zurück. „Bleib. Ich muß dich sprechen.“</p> + +<p>„Du hast mit Leon einen Handel gehabt?“</p> + +<p>„Kaum einen Wortstreit.“ Mora wurde flüchtig rot.</p> + +<p>Der Freund blickte durch die Säulchenfenster auf die gärende Stadt. +„Diese Mauren haben trotz ihrer Zermürbung einen bewundernswerten +Stolz. Ich habe Abu Atir sprechen gehört. Edler Geist! Er hätte einen +Apostel Christi abgeben können. Doch Gott steckte ihn bestimmt mit +Absicht in eine mohammedanische <span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>Haut. Ich habe ein heiteres Wort von +ihm gehört: Ximenes glaubt, daß sich die Sonne verfinstert, wenn er +sich räuspert.“</p> + +<p>„Ich will von den Mauren nichts hören,“ sagte unwillig der Graf, +während er Degen und Schärpe wegwarf. Die schönen gestählten Glieder +spielten freier, vom Druck des Panzerhemdes befreit. Er schritt +mit gerunzelter Stirn auf und ab, rief nach Chispazo, jagte den +Springteufel wieder fort und warf Gewandstücke da und dorthin.</p> + +<p>„Es wird dich also mehr freuen zu hören, daß Perez de Oliva eine +Karawelle nach Hispaniola rüstet.“</p> + +<p>Der Graf schüttelte wieder den Kopf. „Auch damit wird nichts.“</p> + +<p>„Du willst nicht nach Haiti? Willst du hier immer Hammelfett riechen +und Olla potrida essen?“</p> + +<p>„Lege dich auf den Diwan — er ist maurische Arbeit —“</p> + +<p>„Von Mauren willst du, glaube ich, nichts hören.“</p> + +<p>Der Graf drückte den Freund mit einem kräftigen Arm in die üppigen +Polster. „Wir haben Eswer Ben Zerragh gefangen.“</p> + +<p>„Die Stadt spricht davon. Man soll seine Berge nicht zu früh verlassen, +sagt der vorsichtige Hirte.“</p> + +<p>Graf de Mora zog die Zettel aus seinem Brustlatz. „Der junge Ritter +trug das bei sich. Worte des Aufruhrs — aber seines Herzens. Du kennst +dich in Canzonieros aus.“</p> + +<p>Hernando buchstabierte geläufig die Schrift und lachte. „Das wellt wie +Wüstensand unter Samumfittichen. Verse aus einer verliebten Seele. +Gazalun — die Gazelle — und er selbst ist Asadun, der Löwe. Er +verliert seine Wildheit beim Anblick der schönen Reija —“</p> + +<p>„Heißt das wirklich Reija?“ fiel der Graf dem Freund gereizt ins Wort.</p> + +<p>„Reija, gewiß — und sie wirft braune Beine im Tanz beim Mondenlicht — +und da ist von einer königlichen Abstammung die Rede — und da: Unter +Hüterflügeln eines weißen Adlers sitzend —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span></p> + +<p>„Abu Atir! Es liegt am Tag!“ Der Graf schlug heftig mit dem Degenknauf +auf seinen Schenkel.</p> + +<p>„Es ist eine Muwaschaha, wie sie die Hirten in den Bergen singen.“</p> + +<p>„Ich weiß, wen er meint. Die Perle des Alkazars, die Agarenos nennen +sie Ward.“</p> + +<p>„Ward? Das ist die Rose. Ei, ist es die, welche dein Degen —“</p> + +<p>„Laß das,“ unterbrach ihn der Graf hastig. „Es hätte jeder Kastilier an +meiner Stelle ebenso gehandelt.“</p> + +<p>Hernando de Rojas wurde nachdenklich. „Das Schicksal nimmt sich oft +seltsame Anwälte. Du hast also Salzedo gefunden?“</p> + +<p>„Ich verdanke den Fund dem sonderbaren Mädchen — eben dieser Ward.“ +Und er erzählte dem Freund den Hergang.</p> + +<p>„So ist Salzedo einen Koran wert. Hm — Don Pedro war früher nicht +leicht zu einem Handel mit Mauren geneigt. Er befahl und es geschah. +Vielleicht weil er immer nur mit Mauren und nicht mit Maurinnen zu +tun hatte.“ Er lächelte listig. „Und diesen gefährlichen Ritt in die +Alcazaba wagtest du um Salzedo, um Ximenes willen? Man muß sagen, da +hast ein Herz für deine Spanier.“</p> + +<p>Mora drehte das Gesicht nach der zart gemusterten Stuckatur der Wand. +Hernando ließ nicht locker. „Dein Entschluß, Hispaniola untreu zu +werden, steht also fest?“</p> + +<p>„Das Land lockt mich nicht mehr,“ sagte der Graf geringschätzig. „Mein +Degen sehnt sich nach maurischen Brüsten. Der Glaube ist bedroht. Der +König hat recht: in diesem Augenblick gehören alle spanischen Ritter +nach Spanien.“</p> + +<p>„Und um das zu erkennen, mußte zuerst eine Maurin vor deinen Augen +ihren Koran verteidigen?“ Er zielte mit einem prüfenden Blick nach dem +Freund.</p> + +<p>Dieser entzog sich wieder dem lauernden Auge. „Du mengst Dinge hinein, +die nicht dazu gehören.“ Er vermurmelte ein paar grollende Worte.</p> + +<p>Da legte ihm Hernando die Hand auf die Schulter. „Du bist nicht +aufrichtig.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span></p> + +<p>Von den Minars erklang das Selam in feierlich gezogenen Tönen. Aus den +Gassen scholl der Lärm der Empörer herauf. Don Pedro de Solar fuhr +gequält auf: „Es gibt einen kleinen Fisch, er heißt Remora. Er soll das +größte Schiff der Welt aufhalten können. Siehst du, so kann ein kleines +Ereignis die größten Entschlüsse zum Stocken bringen.“</p> + +<p>„Das ist auf Hispaniola gemünzt?“</p> + +<p>Der Graf wurde plötzlich von weichen Gefühlen bewegt. „Ich möchte +wieder in Mora sein, in meinem Carmen bei der Stadt, möchte den +arabischen Springbrunnen rauschen hören. Meine Mutter hatte so viele +arabische Märchen im Kopf.“ Er blickte verloren in das weiße Blenden +der Albaycin-Häuser, während sein Fuß auf der Espartomatte ungeduldig +spielte.</p> + +<p>Hernandos Blick nagelte den Freund fest. „Dich drückt etwas Bestimmtes.“</p> + +<p>Statt aller Antwort fragte Don Pedro: „Du hast viel Glück bei den +Weibern gehabt?“</p> + +<p>„Ohne zu prahlen, ich hatte die Schönen von Salamanca, Sevilla, +Barcelona, Toledo — nein, das ist ja schon halbe Prahlerei. Ei, was +geht dich mein Glück bei den Mädchen an?“</p> + +<p>„Ich möchte doch auch einmal eure Paradiese sehen,“ sagte der Graf, mit +dem Finger weich über die samtne Decke streichelnd.</p> + +<p>Hernando machte Augen. „Jetzt fürchte ich um die Erdbeständigkeit +Granadas. Don Pedro de Solar fragt nach den Paradiesen an einer Maja +Brust!“</p> + +<p>„Schweig oder besser: rede! Stopple ein paar Abenteuer zusammen, wenn +du sie nicht erlebt hast. Deine Tugend ist Wohlredenheit.“</p> + +<p>„Hältst du mich für einen geschwätzigen Amadis? Meine Abenteuer +könnte ein ehrsamer Schreiber einem König als lustiges Buch zu Füßen +legen. Man lernt im Schatten der Schulbank von Salamanca mehr als den +Juvenal. Von der stolzen Ines herab, die ihr Schloß durch Feuerwerk +für mich beleuchten ließ, bis zur schönen kupferhaarigen Dolores, die +so wunderbar <span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>faul war, daß sie ein Esel darum beneidet hätte, und die +nur Fetzen am Leib hatte statt Seide, habe ich alle Zwischenstufen von +Schönheiten genossen. Und doch rate ich dir, wenn du Vergnügen höher +schätzest als Liebe, so nimm dir eine Maurin in dein Bett. Es sind +weichschenklige Weiber.“</p> + +<p>„Bist du bei Sinnen?“ empörte sich Don Pedro.</p> + +<p>„Du hast Midashände, darauf fliegen die Maurinnen wie die Hennen aufs +Futter. Sie sind flüchtige Schmetterlinge, eilen von Genuß zu Genuß, +ihr Tag- und Nachtwerk ist küssen, küssen. Auch verstehen sie es, keine +Kinder zu kriegen, denn an diesen könnte deine Liebe einst bitter +leiden. Man sagt ihnen freilich nach, daß sie die Männer bald ermüden +und sich wie Delila ihrer Stärke freuen. Aber was tut’s! Sie schwelgen +an den Tafeln des Lasters, und die Tugenden ihrer Mädchen sind Masken, +die gelüftet eine abgefeimte Dueña zeigen.“</p> + +<p>Der Graf ballte die Fäuste. „So kann’s nicht sein, so nicht!“ In der +Angst, sich zu verraten, änderte er den Ton. „Wie erwirbt man so +flüchtige Liebe?“</p> + +<p>„Der eine tut’s in Versen, der andere mit Blicken, der dritte greift +keck zu und überrennt ihren Leib. Auch eine Kupplerin kann gute Dienste +tun. Die Mauren schätzen ihre Frauen als Weib, Kind und Dirne ein. +Solch ein Mischmasch ist gerade für die Stunde gut, da dem Christen +der Adam um die Lenden kitzelt. Doch hüte dich, aus einem Zeitvertreib +Ernst zu machen. Die Busenwärme eines braunen Kindes soll dir schwere +Gefühle abschütteln, nicht dich damit beladen. Auch hüte dich vor den +vornehmen Mädchen, sie werten jeden Christenblick wie den eines Piraten +und sind leichter reizbar, durch ihre Fetas verwöhnt, die einigen Sinn +für echte Caballeria haben. Der Zufall hat dir Beweise des maurischen +Rittertums in den Versen dieses Abencerragen in die Hände gespielt. Auf +solche liebeklingende Werbung fällt leicht eine Agarena hinein.“</p> + +<p>„Also Maurin und doch nicht.“ In des Grafen Brust kochte es.</p> + +<p>„Ich will den Tag mit Henna anstreichen, da ich vor Mora über Maurinnen +sprechen durfte, ohne daß es ihn überlief. Sonderbar <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>— Hispaniola +verweht — dafür verteidigst du Maurenmädchen —“</p> + +<p>„Eswer Ben Zerragh soll hängen!“ brauste es plötzlich wie ein Zyklon +aus dem Munde des Grafen.</p> + +<p>Da griff sich Hernando an die Stirn. „Ah! — Es ist am Tage! Deine +Wange in Glut! Der hilfsbereite Degen! Eswer soll hängen! Der Blitz +zündete und traf! O ich blinder Maulwurf!“</p> + +<p>Graf de Mora saß auf einer Truhe, das Kinn in die Hand gestützt. +Er wußte, daß ihm der Freund das Geheimnis entreißen würde, und im +Grunde wollte er es auch. Die Beladenheit seines Herzens drängte +nach Mitteilung. Und Rojas war der Treuesten einer, zugleich geübt +in Galanterie, beredsam, geschickt, alles in allem ein brauchbarer +Helfer in einer Sache, die des Grafen Herz in ein Chaos zu verwandeln +im Begriffe war. Nur ein Knabe hätte jetzt noch an Ausflucht denken +können. „Sie ist schön,“ sagte Mora, und es klang wie ein offenes +Bekenntnis.</p> + +<p>Hernando zuckte die Achseln. „Die Mauren vergleichen sie freilich mit +Canopus, dem seltenen Stern. Du müßtest sie unverschleiert sehen.“</p> + +<p>„Ich habe sie gesehen,“ stürzte Don Pedro glücklich heraus. „Ihr Wert +ist größer als der ihres Schleiers. O Hernando, was rätst du mir?“</p> + +<p>Rojas mußte sich zuerst sammeln. Es kam zu unerwartet. „Gebe mir +Gott den richtigen Augenblicksverstand, damit ich nicht daneben +sinne. Deine Lage ist heikel, wenn du diese Schönheit ernst nimmst. +Du bist königlicher Hauptmann, erster Soldat des Gobernadors, hast +Kriegsverdienste, bist Grande, kannst ohne Genehmigung des Königs +nicht vor das Gericht gestellt werden, stehst bedeckten Hauptes vor +dem König, dein Platz bei den Cortes ist hinter den Prälaten — das +alles macht dich groß, aber es hindert dich, frei zu handeln. Ximenes +bereitet Schläge gegen die Mauren vor, und du sollst mithelfen —“</p> + +<p>„Er wird nicht über mein Herz schreiten dürfen,“ sagte Don <span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>Pedro +erregt. „Ich war ein Leben lang auf falscher Fährte. Diese Mauren sind +in ihrem Glauben ebenso stark wie wir. Tendilla, Talavera, Osuna, Orgaz +beugen sich vor der Kraft ihrer Überzeugung. Ich stürmte blindlings an +ihr vorbei, nahm gedankenlos hin, was mir die Überlieferung als eine +Selbstverständlichkeit hinlegte.“</p> + +<p>„Über deinem Haupt hängt eine Wolke,“ mahnte der Freund. „Flieh, ehe +ihr Donner dich vernichtet.“</p> + +<p>„Es gibt Wolken, denen der Mensch nicht entfliehen kann. Sie eilen zu +schnell.“</p> + +<p>„Schwer wird man deine Wandlung verstehen. Du standest an der Spitze +der Maurenhasser. Wer hat ihn zum sanften Schäfer gemacht? wird man +fragen. Auf jeden Fall hüte dich, deine Wandlung vor den Augen der +Familiares zu zeigen. Die Liebe einer Maurin ist ein gefährliches +Himmelsgeschenk. Aber im Grunde bist du ein fallendes Blatt, vom Sturm +an die Schöne herangeweht, du atmest ihre bestrickende Nähe und siehst +vielleicht noch nicht die Netze, die dir gestellt sind.“</p> + +<p>Eswer wird in neun Tagen frei sein! Der Lockton schwang an des Grafen +Ohr. Und die Augen, die Zähne, die sie dabei zeigte! O ihre Schönheit +warf glühende Bälle nach ihm und er vermochte kaum klar zu denken. +Doch plötzlich sprang es ihn an. „Du kennst die Geschichte des +Abencerragen, Hernando. Er hat in Notwehr gehandelt, als er damals den +Schergen verwundet — doch nun hat er freilich einen Alguacil getötet. +Vielleicht auch aus Notwehr. Und wenn nicht — ein kastilischer Ritter +hätte nicht viel anders gehandelt, wenn er einen Landsmann von Feinden +bedroht gesehen hätte.“</p> + +<p>Der Freund lächelte. „Du suchst schon nach Entschuldigungen. Trefflich! +Bei San Isidoro, man muß an Wunder glauben, der Wolf ist zum Lamm +bekehrt. Und das alles aus den Feuergründen eines Weiberauges! Pedro, +Pedro, du hast lange den schönen Blitzen widerstanden, aber nun treffen +sie dich um so unbarmherziger. Das Weib rächt sich durch ein Weib. Sei +auf der Hut! Es laufen so schöne Majas in Granada herum, daß dir <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>um +dein Herz nicht bange zu sein braucht. Aber laß diesen wahnwitzigen +Gedanken fallen: eine maurische Königstochter!“</p> + +<p>„So gilt das Edle weniger als die billige Ware einer Liebesnacht? +Hernando, nun kenne ich dich nicht mehr. Alfonso der Sechste war es, +der eine maurische Fürstentochter zur Gattin erhob, vor maurischen +Schönheiten senkten christliche Ritter einst ihren galanten Degen — +o geh, geh, du hast deine Zeit in Salamanca an schlechte Weisheit +verschwendet. Die Erde wird nicht aus der Achse fallen, wenn ein Gott +zwischen zwei Religionen Versöhnung predigt.“</p> + +<p>„So weit bist du schon, Pedro? Und mit solchen Gedanken willst du als +königlicher Hauptmann die Rattenwinkel der Empörung säubern?“</p> + +<p>„Weg mit dem Amt, das mir das Herz beengt!“ flammte der Graf auf.</p> + +<p>„Du — den Degen niederlegen — in die Hände des Königs? Dieses Königs?“</p> + +<p>„Soll ich nicht prüfen dürfen, wo das hartbedrängte Volk geirrt? Man +sollte die Mauren doch auch mit den Waffen des Geistes besiegen können, +des Geistes, den Spanien in seinen Hochschulen großzieht.“ Mora begann +fremdartig zu schwärmen. „Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich +wehrte und zur Heldin wurde. Möge kalt wägender Verstand hier unheilige +Glut erklügeln, ich glaube dem Feuer aus diesem reinen Mund.“</p> + +<p>„Du dampfst wie kochender Wein! Ich will nüchtern bleiben. Noch ist +nichts geschehen, als daß dein schwer zündbares Herz endlich Feuer +fing. Aber man fliegt nicht ungestraft mit wächsernen Flügeln einer +Sonne zu. Männer, die nie geliebt, wirft die Liebe um so leichter um. +Mach’ doch um Christi willen keinen heiligen Altar aus deinem Gefühl. +Leb’ wohl!“ Er klirrte in die Kühle des Korridors hinaus und ließ den +Grafen in einem Gewoge selig-unseliger Bedrängnisse zurück.</p> + +<p>Hernando hatte recht, es war noch nichts geschehen. Aber dieses +herzaufwühlende Gefühl, daß etwas geschehen könnte! Der Graf ließ sich +davon überrieseln. Er stand beim Fenster. Der Moderduft <span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>des Herbstes +drang aus dem Garten des Generalifes in seine Sinne. Fern schimmerte +der Schnee des Picacho de Veleta, tief unten rauschte leise der Darro. +Bald mußte er mit gelben Regenfluten daherbrausen —</p> + +<p>Der Graf spannte das Auge nach der Darrostraße. Eine Dame ritt daher, +gefolgt von Rittern. Leonore de Uceda! Welch schmachtenden Blick +warf sie herauf! Der Graf zog sich in den Schatten zurück. Dieses +liebebettelnde Abenteuerweib kam zur Unzeit in seine Gedanken geritten. +Er schüttelte das Bild von seiner Seele, denn es wog zu leicht und +wurde von keiner Tugend geziert.</p> + +<p>Dumpf läuteten die Glocken. Es mochte wieder ein Auflauf im Gange +sein. Don Pedro durfte bis zum Abend ruhen. Er drückte das Haupt in +die arabischen Diwanpolster. Eswer wird in neun Tagen frei sein! klang +es wieder an sein Ohr. Und seine Müdigkeit zerriß. Er wird nicht frei +sein! tobte der Trotz in ihm. Er ist dein Liebhaber, schöne Gazelle der +Agarenos! Und ich werde nicht die Torheit begehen — ei, was für eine +Torheit? Ach, Gedanken sind Würmer, die am Mark des Menschen zehren.</p> + +<p>So drohte sein Gemüt in den Niederungen des Zweifels und der Eifersucht +zu ersticken.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Funfzehntes_Kapitel"> + Fünfzehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">R</span>eijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines +zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da +stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches.</p> + +<p>„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“</p> + +<p>Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins +Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“</p> + +<p>„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie +dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die +schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur +von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span></p> + +<p>„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit.</p> + +<p>„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid —“</p> + +<p>Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer +Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla — Gott erleuchte sein Herz, wie +er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten, +begleitet von seinem Hauptmann —“</p> + +<p>„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen.</p> + +<p>„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll +Licht.“</p> + +<p>„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus.</p> + +<p>„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs +neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht +auf — und da — o daß ich es noch einmal sehen könnte! — da wirft +der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist +mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König +Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich +an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze +— die Waffen sinken zu Boden — der Graf — Gott gebe ihm Gärten und +Paläste und tränke seine Herden! — der Graf läßt durch Reiter eine +Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei +Söhne reiten durch die lebendige Gasse — und der Graf ruft: ‚Diese +meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit +angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad +nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf — +Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für +sein Leben.“</p> + +<p>„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den +schönen Lippen.</p> + +<p>„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador — +ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man +sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen +Gott loben, denn er hat ein <span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>sichtbares Zeichen gegeben über sein +zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf, +er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen +errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und +ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“</p> + +<p>In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und +schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten +sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt +auf dem Untergrund des dunklen Samts.</p> + +<p>Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen +brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“</p> + +<p>Saffana brachte Teppiche und Diwan in Ordnung. „Talavera?“</p> + +<p>Reija kräuselte die Lippen in Unmut. „Den, der uns den Koran brachte.“</p> + +<p>„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen. +„Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er +ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“</p> + +<p>„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin.</p> + +<p>Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung +ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein +Weib an.“</p> + +<p>Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen +christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt, +stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“</p> + +<p>„Freilich — damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten +des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der +Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie +gefällt er dir, Tau der Wüste?“</p> + +<p>Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber +sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. <span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>Es war so +schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen +Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“</p> + +<p>Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber +ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie +die Sklavin.</p> + +<p>„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute +einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“</p> + +<p>„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn +herum aber sah ich Flammen.“</p> + +<p>„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“</p> + +<p>„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das +Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel — da erwachte ich +und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“</p> + +<p>„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“</p> + +<p>„Aber was soll die Flamme um ihn?“</p> + +<p>„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“</p> + +<p>Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum. +Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl +— sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er +einem den Koran gebracht?“</p> + +<p>Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen +möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott +für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch +wenn er stirbt.“</p> + +<p>Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie +rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der +Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir +den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl +schöner als der Graf.“</p> + +<p>„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Echo. Aber +das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel +ihres Gefühls zu lösen.</p> + +<p>„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh +zurück.</p> + +<p>Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich +segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“</p> + +<p>Noria, die Schiefrückige rief zum Bad.</p> + +<p>In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der +Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und +Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus +silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden.</p> + +<p>Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs, +keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen +die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos +gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar, +sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern +und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang +war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift. +Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten +sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten +dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem +Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein +glücklicher Falter nahte.</p> + +<p>Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen, +ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern, +wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare +Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es +mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden +Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte +Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin +fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten +Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser <span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span>von +Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut +rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen, +ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen.</p> + +<p>Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit +natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an +ihr bebte.</p> + +<p>„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd.</p> + +<p>„Was ist es mit ihr?“</p> + +<p>„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins +Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den +Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“</p> + +<p>Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom +Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die +Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine +fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden +Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines +goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den +fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes +Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras.</p> + +<p>Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß +zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es +möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den +Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand. +„Das Gewand!“</p> + +<p>Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie +erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie +legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin +ein jemenitisches Liebeslied summte.</p> + +<p>Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das +stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein +sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine +Riesensphinx dalag.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel"> + Sechzehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>ie Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der +Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter +nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus. +Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche +Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten +brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den +Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am +selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches +Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig +entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach +Sevilla.</p> + +<p>Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen +gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins +Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche +Licht zu einem Fünklein zusammen.</p> + +<p>Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in +das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König —“</p> + +<p>„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin +stürzend.</p> + +<p>Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit +geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“</p> + +<p>Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur +Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter —! O +warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt +haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und +noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt +einen eifernden Erzbischof.“</p> + +<p>„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella.</p> + +<p>Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl. +„Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie +Könige aus sich selbst sein!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span></p> + +<p>Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis! +Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des +Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man +uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“</p> + +<p>„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen +den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er +ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse +Vergangenheit seines Vaters.“</p> + +<p>„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella +auf.</p> + +<p>Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn +laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit +Eifer —“</p> + +<p>„— und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin +warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel +herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone +Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“</p> + +<p>Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die +Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“</p> + +<p>Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu +vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar, +Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die +beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten. +Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick —“</p> + +<p>Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen +gebären sich dann von selbst.“</p> + +<p>Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über +der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar +den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des +Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er +sich aufrecht.</p> + +<p>„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng <span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>verfurchtem +Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen, +gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist +besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch, +ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den +Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst +zu tun?“</p> + +<p>„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen +Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig. +Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst +auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner +erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf, +damit meine Könige besser schlafen können.“</p> + +<p>Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns +schmerzen,“ sagte sie weich.</p> + +<p>„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre +Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“</p> + +<p>„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben +Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben +gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten — und Ihr verbrennt die Bücher +ihres Glaubens!“</p> + +<p>„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des +Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an +ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie +sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich +blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich +das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut. +Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des +goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer +Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft +christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale +der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man +mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen +Medizinen in mir <span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in +der eigenen Tat erblicken.“</p> + +<p>„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend.</p> + +<p>Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache +alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch +Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr, +ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr +Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen +bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen. +Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen +Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine +Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten +hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds +fortgepflanzt.“</p> + +<p>„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu —“</p> + +<p>„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich +sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste, +ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden +wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s +geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf —“</p> + +<p>„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon —?“</p> + +<p>„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz. +Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein +ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter +dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein +Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft. +Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets +meinem Rat williger das Ohr geliehen — o sprecht für mich!“</p> + +<p>Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein +Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges <span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span>Schwert, +Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren, +aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“</p> + +<p>„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft.</p> + +<p>„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken +aber bleibt unberührt.“</p> + +<p>Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken +überwachen.“</p> + +<p>„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker +werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns +anklagen sollte. Leon ist allzu streng —“</p> + +<p>„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt? +Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße +legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der Kirche +—“</p> + +<p>„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn +flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert: +die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die +Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch, +drängst du die Mauren übers Meer.“</p> + +<p>„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“</p> + +<p>„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der +König.</p> + +<p>„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich +nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser +ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen +stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten: +Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“</p> + +<p>„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis. +„Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt +noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche +werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und +sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr +schürt. Es <span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib +mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“</p> + +<p>Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht +nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser +Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada +die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele +gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“</p> + +<p>Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn +ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe, +bürgt Ihr mir für den Erfolg?“</p> + +<p>Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was +spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo +bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen +Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die +Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen +Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch +der gefährlichste — gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die +Seele des Aufruhrs.“</p> + +<p>„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf.</p> + +<p>Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen.</p> + +<p>Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten, +der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein +Schwert zu klopfen.“</p> + +<p>„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich +halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien +weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich +nicht —“</p> + +<p>Der König reckte sich. „Was soll die Drohung?“</p> + +<p>„Der ganze Priesterstand ist in mir verletzt worden. Wenn’s dabei +bleibt, wächst der Granden Stolz, der Mut der kühlen Denker. Weh Euch, +weh uns! Kirchen und Klöster werden zu Ruinen und über Priesterleichen +geht der Weg zur Macht.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span></p> + +<p>„Ihr malt grell, Ximenes,“ sagte Fernando unbeirrt.</p> + +<p>„O viel zu blaß ist das Gemälde der Zerstörung. Wollt Ihr ein zweites +Bild? Die Kirche auf der Seite der Granden? Rittertum und Geistlichkeit +haben den Koloß geschmiedet, der langsam die Mauren zermalmte. Doch +der Koloß kann sich, wenn’s sein muß, auch nach einer andern Richtung +wenden. Im Rat der Cortes gilt meine Stimme noch.“</p> + +<p>Der König stand bleich unter dem Drohwort des Kanzlers. Dann schnellte +er los: „Isabella! Was ist Freund, was Feind an diesem Hof? Weiß ich, +ob, was die Zunge spricht, auch im Herzen geboren? Was heut uns dankt, +dankt morgen einem andern.“</p> + +<p>Ximenes stand betroffen von dem jäh ausbrechenden Königsschmerz. +Da trat die Königin zu dem greisen Freund. Sie fand ihre Stärke +wieder. „Ihr seid ein spanischer Priester, die sind im Kirchenamt so +hart erzogen wie im Kriegsdienst. Das ist vielleicht ein Gotenerbe. +Drum drängt das Kämpferherz den Gottesmann in Euch zurück. Wir +brauchen solche Schwertpriester, um den Spanier glücklich zu wissen. +Ximenes, wir haben nichts zu wählen, nichts zu fürchten —“ Und in +Gedanken setzte sie hinzu: als dich, Ximenes! Doch sie sprach ein +zuversichtliches Wort. „Ihr sollt Vollmachten haben. Formuliert sie.“</p> + +<p>Ximenes atmete auf. „So hört: die Verträge mit den Mauren können +unbedenklich für nichtig erklärt werden.“</p> + +<p>Fernando starrte den kühlen Forderer an. „Seid Ihr von Sinnen? An +meinem Namen klebt das Recht. Es war ein anderer Fernando, den sie den +Heiligen heißen, der mit den Mauren im Kampf lag, doch es war sein +Stolz, daß er Verträge hielt. Die Gerechtigkeit umschimmert seinen +Königsadel. Soll die Geschichte sagen, daß ein späterer Fernando +Verträge brach?“</p> + +<p>Um die Mundwinkel des Kanzlers legte sich ein Zug unerbittlicher +Schärfe. Die Augendeckel gingen langsam auf und ab. „Das Gewissen der +spanischen Könige war nicht immer rein, dünkt mich. Ein Alfonso war +es, der einen maurischen Königssohn vertrieb, bei dem er kurz vorher +selbst Schutz gefunden vor seinen Feinden. Empfindliche Menschen +nennen dies Undankbarkeit. <span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>König Pedro ermordete mit eigner Hand den +Maurenfürsten, der als Gast bei ihm lag. Und hätte der Cid sich mit der +geraden Treuherzigkeit den Lorbeer um das Haupt gewunden?“</p> + +<p>Zornig schnitt ihm Fernando das Wort ab. „Soll der Enkel nachahmen, was +die Ahnen gesündigt?“</p> + +<p>Da rückte der Erzbischof mit gesenkter Stimme an das Gewissen seines +Herrn heran: „Und hat dieser Enkel das eroberte Malaga vertragsrichtig +behandelt? Schrien nicht Mauren am Marterpfahl, durchstochen von +spanischen Ritterlanzen? Wurden nicht zwölf Juden mit Schilfrohren zu +Tode gepeitscht? Nicht zwölftausend Mauren als Sklaven verkauft und +alles, was maurisch betete, vertrieben? Und das Geschenk von vierzig +maurischen Mädchen für die Königin von Neapel?“</p> + +<p>„Mahnst du mich daran, daß Priester deinesgleichen meine Ratgeber +waren?“ stürmte der König grimmig auf den Primas ein. „Die Zeiten sind +vorüber. Fortan soll der Maure an mich glauben können.“</p> + +<p>„Er tut es, indem er sich empört,“ lächelte der Erzbischof überlegen. +„Hat ein solches Volk nicht das Recht auf Einhaltung der Verträge +verwirkt?“</p> + +<p>„Wer trieb sie zur Empörung? Verletzte ihre Rechte?“</p> + +<p>Da richtete Ximenes den Asketenleib auf und sein Auge sprühte Triumph. +„Und wer sagt Euch, Hoheit, daß dies nicht mit Vorbedacht geschehen?“</p> + +<p>Fernando starrte den Schrecklichen an. „Ihr — habt —?“</p> + +<p>„Um sie zur Empörung zu reizen, verbrannte ich die Bücher und riß die +Kinder von den Müttern. Die Aufgereizten mußten zu den Waffen greifen, +man mußte sie zum Aufruhr treiben, um sie ins Unrecht zu setzen, denn +einem Empörer hält man keine Verträge mehr, weil er selbst den Vertrag, +den friedlichen, gebrochen.“</p> + +<p>Der König mußte sich fassen. „Bei Gott und Santiago! Das ist furchtbar. +Dies auszusinnen, mußte erst ein Priester kommen. Ich brauche Zeit, +dies alles zu überdenken.“</p> + +<p>„O handelt, handelt!“ stürzte Ximenes hervor. „Der Augenblick, <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>das +größte Werk der Christenheit zu tun, ist da. Wer ihn versäumt, klagt +sich selbst vor Gott an. Man stelle die Mauren unter die Anklage des +Hochverrats und der Vertragsverletzung, und im gleichen Atemzug wartet +man mit Gnade auf, gibt den Empörern die Möglichkeit zur einzigen +Rettung: Entweder Auswanderung oder Taufe! Der Maure hängt an seinem +Granada, ich verpfände meinen Kopf, der größte Teil bleibt hier und +fällt unserm Glauben zu.“</p> + +<p>Die Gesichter der Könige waren in Blässe getaucht. Das gewaltige Werk +dieses staatsmännischen Kopfes stand wie ein Koloß vor ihnen und sie +wagten nicht, seine Größe zu ermessen.</p> + +<p>Ximenes hielt die Seelen der schon halb bezwungenen Könige fest in +seinen Händen. „Denkt an die Juden, die wir vertrieben! Es lag damals +nicht anders.“</p> + +<p>Der König zuckte zusammen. Vor seinem Geiste schwebte ein Erinnern +an die dunkelste Zeit der Herrschaft. Er sah die spanischen Juden +auf den Knien liegen und er hörte die Silberlinge, die sie ihm +für die Zurücknahme des Vertreibungsediktes anboten, im großen +Sammelbeutel klirren. Dreißigtausend Dukaten lagen dann wohlgezählt +auf dem Marmortisch des Audienzsaales. Schon wollte Fernando um des +Riesenschatzes willen Gnade üben — da warf sich der glaubenswütige +Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor den König hin: „Judas hat +Jesus um dreißig Silberlinge verkauft, Eure königliche Hoheit wollen +ihn neuerlich um dreißigtausend verkaufen.“ Und er warf das Kruzifix +auf den Tisch. Das weckte den König. Er ließ das Geld unberührt und +achthunderttausend Juden mußten auswandern, ihr Vermögen fiel dem +Kronschatz anheim. Die Erinnerung griff an das Königsherz. Ximenes +mußte es aufs neue durchwühlen.</p> + +<p>„Die Welt muß der Stimme gehorchen, die von Nazareth kam. Will mein +König auf den Ruhm verzichten, Europa von den Irrgläubigen gereinigt zu +haben? Und zudem —“ seine Stimme wurde bohrendes Geflüster — „Spanien +braucht Geld, <span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>und es ist aus den Mauren herauszupressen. Macht Euch zu +Freunden des ungerechten Mammons. Die Mauren sollen Glauben und Geld +lassen.“</p> + +<p>Der König fühlte, wie sein Gewissen pochte. Er sehnte sich nach der +Schirmerhand der Kirche. „Laßt Messen lesen für die Not unseres +Herzens! Wie sollen wir anders können, wenn der erste Priester des +Reiches unsere Tat auf sich nimmt! Verfaßt das Edikt: Taufe oder +Auswanderung!“</p> + +<p>„Taufe oder Auswanderung!“ Mit glänzendem Auge wiederholte es die +leicht gewonnene Königin.</p> + +<p>„Noch eines,“ sagte Ximenes. Und sein Blick lauerte in die Herzen +der Könige. „Wenn man den Auswanderern den Geleitbrief bis an die +afrikanische Küste gäbe, dann wäre Gelegenheit, sich ihrer — nach der +Ausschiffung auf rasche Weise zu entledigen. Man macht sie nieder —“</p> + +<p>„Seid Ihr von Sinnen?“ schnellte die entsetzte Königin empor.</p> + +<p>Fernando aber durchbohrte den schrecklichen Ratgeber mit einem +furchtbaren Blick. „Ist das ein Priestergedanke oder —?“</p> + +<p>„Der Herzog von Medina-Sidonia riet es. Er hat mehr Klugheit als Herz.“</p> + +<p>„Und Ihr gebt Euch zum Anwalt dieser Klugheit her? Dann soll das Herz +bei Königen zu finden sein. Nie wird das geschehen, was Ihr sinnt. Der +Maure baue auf ein Königswort.“</p> + +<p>Ximenes’ Herz rollte sich zusammen. So mußte er eben mit dem kleinern +Erfolg zufrieden sein. Seine Neider konnten wenigstens nicht mehr mit +der königlichen Ungnade triumphieren. Er reckte und streckte sich. +„Unser Gebet ist: Christi Geist komme und belebe die Mauren. Spanien +ein Volk, ein Land. Nicht Freiheit, sondern Reinheit des Glaubens! +Zu Hirten setzte Gott die Bischöfe ein, vertraut also dem einen, der +Euch die Herde vermehren hilft und die räudigen Schafe ausstößt. +Glaubt mir, der Kirche Geist kennt keine Schwäche, alle natürlichen +Erschütterungen, die Prüfungen Gottes, wird er überwinden. Straucheln +wir auch, wir erheben uns wieder und setzen gewaltiger unsern Weg fort. +Niemand wird das Geheimnis unserer Macht lösen <span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span>können, denn wer könnte +Gott enträtseln?“ Er verneigte sich vor den Königen. Diese küßten dem +ersten Diener Gottes die Hand.</p> + +<p>„Ihr sollt morgen das Hochamt zelebrieren,“ sagte die Königin. „Dann +kehrt nach Granada zurück. Wir folgen bald.“</p> + +<p>Draußen erwartete den Kirchenfürsten der getreue Ruyz. Aus dem +strahlenden Gesicht seines Herrn las er den Sieg einer geistigen +Schlacht.</p> + +<p>Ximenes ließ sich beim Großinquisitor Deza ankündigen. Der Primas, der +noch vor zwei Jahren die Strenge der Inquisition verurteilt hatte, ging +jetzt in ihr auf. Er stand mit seinem Kanzleramt nicht im Getriebe des +Tribunals, er war nicht im Supremo, dem höchsten Rat des Gerichts in +Toledo, aber er bediente sich seiner Macht zur Stärkung der eigenen. +Die bewegende Kraft ging von ihm aus. Er trat infolge seiner hohen +geistlichen Stellung mehr vor das Volk als der in den Geheimzimmern +wirkende Großinquisitor. Von Deza kannte man nur den Namen und die +Auswirkung seiner Gesetze; Ximenes konnte man ins Auge sehen und konnte +seine Tatkraft bewundern.</p> + +<p>Er ließ sich nun über den Guadalquivir zum Kartäuserkloster in Triana +rudern. Dort wohnte Deza. Schon von weitem hörte man den zahmen Löwen +brüllen, den der Großinquisitor selbst bei der Messe zu seinen Füßen +liegen hatte. Sie traten in die klösterliche Zwingburg. Über einem +Torbogen wehte die Fahne des heiligen Tribunals mit dem grünen Kreuz, +das aus einer Krone wuchs, von Schwert und Ölzweig flankiert. Scheue, +dunkle Mönchsgestalten schlichen die Mauer entlang. Irgendwo hörte man +leises Wimmern, wie vom Winde verweht. Ein Schauer rieselte dem jungen +Pater Ruyz durchs Mark. Er wußte, daß unter ihm die Folterkammer des +Ketzergerichts lag.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel"> + Siebzehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">G</span>raf de Mora stand in Alkazar vor dem Imam, der in Gesellschaft +vornehmer Mauren war, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf +niedrigen Strohschemeln saßen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span></p> + +<p>„Möge dir Gott die Gnade eines langen Lebens schenken, Feta,“ begrüßte +Abu Atir befremdet den christlichen Gast. „Mir grünt nicht mehr Bart +und Haar, darum vergib, wenn ich mich nicht erhebe.“</p> + +<p>Nachdem der Graf gedankt, sagte er kurz: „Ximenes ist zurück.“</p> + +<p>Der Imam fühlte einen Druck am Herzen. „Gesegnet sei sein Schritt, wenn +er Gutes bringt vom König, dem Gott ein freundliches Alter bescheren +möge.“</p> + +<p>Der Graf blickte zu Boden. „Es ist sein Wille, daß ich Euch in den +Turm der Cautiva begleite, wo Ihr Eure künftige Wohnung haben sollt — +Ihr und Doña Reija.“ Er stockte verlegen. Das Amt hätte Ximenes einem +andern übertragen sollen.</p> + +<p>Abu Atir beugte seinen Leib weit vor, als hätte er nicht recht gehört. +Die Mauren aber sahen einander bestürzt an. Und einer von ihnen fragte: +„Was ist der Sinn dieser Botschaft?“</p> + +<p>„Hört Ihr die Fanfaren in den Straßen? Es wird das neue Edikt des +Königs verlesen. Der König gibt den Aufständischen Gnade und erbarmt +sich ihrer verführten Seelen.“</p> + +<p>„Aufständischen? Verführten?“ ging es von Mund zu Mund.</p> + +<p>Auf den Stützen zweier Maurenarme erhob sich statuenartig Abu Atir. +„Der König von Spanien, dem Isa, der große Prophet, ins Herz blicken +möge — was läßt er uns durch die Posaune sagen?“</p> + +<p>Schonend, wie von Mitleid überschattet, klang die Antwort des Grafen: +„Die Mauren sollen wählen zwischen Taufe und Auswanderung.“</p> + +<p>Wie ein Henkerbeil fiel das Wort in die Hirne der Edlen. Jäh +aufflammende, wirre, unverständliche Worte flogen hin und her, und die +weißen Burnusse gerieten in gefährliche Bewegung. Selbst einige Hände, +von der Verzweiflung getrieben, griffen nach den Brüsten, als suchten +sie nach den verborgenen Waffen.</p> + +<p>Da fuhr des Imams dunkle Stimme in die Bestürzung. „Bei den sieben +Toren der Hölle! Bettet eure Herzen in den Polstern des Friedens. Der +da will, es sei ein Morgen für euch, wird ihn <span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>heraufführen aus den +Tiefen der Nacht. Mein königlicher Feta — gepriesen sei der Herr, auch +wenn er seine Schrecken sendet. Ihr sagt: Taufe oder Auswanderung. Also +das, was vor sieben Jahren den Juden geschehen ist?“</p> + +<p>Graf de Mora nickte. Sein Blick verfolgte jede Bewegung der +verzweifelten Mauren. Was nützten ihm am Ende die zehn Reiter, die +unten im Hof sein Leben unter ihre Lanzen nahmen?</p> + +<p>Dem Greis traten die Tränen in die Augen. „Ach du, Hamet Zeli, und du, +Almama, — Osmar Ben Akbet — blühender Zweig des Irak, du mein Moadh +Ben Kordha! O ihr Männer, denen diese Erde Gottes herrlichstes Geschenk +war, ihr sollt sie nun verlassen, das Eden der Mauren, wo eure Urväter +geackert und gebaut haben, wo der Quell ihrer Weisheit entsprungen und +die Flammen ihrer Herzen aufgeloht haben — Granada verlassen!“</p> + +<p>„Wir verlassen es nicht!“ entlud sich eine wilde Brust. „Wir greifen +wieder zu den Waffen!“</p> + +<p>„Zu den Waffen!“ brauste ein Sturm durch den Saal.</p> + +<p>Der Imam aber pflanzte sich vor dem Hauptmann des Königs auf. „Zurück +von ihm. Achtet seiner, denn er ist der Sohn einer Mutter. Er ist der +Überbringer der Gedanken eines Azaziel, dem die Gewalt zu klein ward +und der im Übermaß der selbstgeschaffenen Dinge zugrunde gehen wird. +Was schreit ihr nach Waffen? Sie sind wertlos.“</p> + +<p>„Wir haben die Geiseln des Grafen Tendilla!“ schrie ein Edler.</p> + +<p>Wie helles Wetterleuchten zuckte ein Jubel über die Gemüter hin. Alles +geriet aufs neue in Aufruhr.</p> + +<p>Mit wuchtigem Schritt durchbrach der Imam wieder den Knäuel. „Laßt +die Blicke im Geist auf den Palmen von Mekka ruhen! Wir wollen eine +Zierde anlegen unserm Herzen, sie soll weit leuchten über den Verrat +der Christen. Geht in die Quartiere, durchlauft den Albaycin und die +Antequeruela, ruft es von den Minars: Es ist kein Gott außer Gott +und Mohammed ist sein Prophet! Und wenn sie aufheulen wie die Wölfe +vor Schmerz <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>über das, was ihnen die christlichen Priester ins Herz +schütten an brennendem Öl, so sollen sie doch nicht nach den Armbrüsten +greifen, und keine Hand rühre die Geiseln an. Man schicke sie als +Antwort der Mauren an den Grafen Tendilla zurück. Man gab uns Verrat +und Treulosigkeit, wir geben Großmut zurück. Keine Hand beflecke sich +mit Mord.“ Der Atem dampfte aus seinem Mund.</p> + +<p>Mit zusammengepreßten Lippen, den qualvollen Aufruhr im Herzen, standen +Fakis und Fetas um den geliebten Santon. Dieser wandte sich nun +keuchend an den Grafen: „Und — was wollt Ihr — von mir?“</p> + +<p>„Der Primas von Spanien befiehlt, Euch in die Alhambra zu bringen. Ihr +sollt in vornehmer Haft —“</p> + +<p>„Haft? Ein Mahbus, ein Gefangener —? Ist das der Sinn?“ Er zuckte +zusammen. Und dann klagte es sich leise von seinen Lippen: „Es wird ein +Wehklagen sein in Granada, das bis in die sieben Himmel dringen wird. +Es werden Karawanen des Leids gerüstet werden, die werden ziehen übers +Meer, bis in die Wüsten der Berber. Und hier wird man uns nehmen, was +wir bebaut, aus jeder Ackerfurche der Vega wird ein Schrei springen +nach uns: bleib! Doch wenn ihr bleiben wollt, Brüder friedlicher +Gedanken, dann müßt ihr eure Knie beugen vor dem Taufwasser und müßt, +was ihr sonst nur in euern Kammern Gott zuflüstert, den schwarzen +Priestern im Beichtstuhl vertrauen. Und glauben müßt ihr an drei Götter +in einem, müßt euch die Sinne verwirren lassen von den Trugschlüssen +klügelnder Vernunft, müßt euch beugen vor goldenen Gefäßen und Sonnen, +in denen der Leib Isas verschlossen ist. Aber, Brüder vor Gott und +den Menschen, das mache jeder mit sich selbst aus. Wir verfluchen den +Renegaten nicht, denn er wird innerlich nicht seinem alten Glauben +absterben. Und ich? Oh, nicht wahr, ich habe euch Aufstand und Empörung +gepredigt? Hab’ euch zugerufen: widersteht! Oder habe ich euch am Ende +Worte des Friedens gesagt, euch empfohlen, die Geiseln zurückzugeben +und die Christen zu beschämen? Ei, das wird der königliche Feta +übelnehmen. Es <span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>ist vielleicht nicht die erwartete Antwort auf die Rute +des irdischen Königs. Aber wie immer: es erhebe sich keine Waffe für +mich und das unschuldige Königskind. Die Rose wird verblühen, wenn kein +Erbarmer seinen Willen nach ihr streckt.“</p> + +<p>Das Wort stach wie ein Speer in die Brust des Grafen. Aber er kam +nicht zur Besinnung über den Schmerz. Abu Atir verlor sich in seinem +Weh. „Habe ich sie deshalb aus der Dunkelheit ans Licht gehoben? Eben +erst öffnete sich der Kelch ihres Herzens für den Tau des Wissens, der +Schönheit, der Musik und der Dichtkunst — da greift das Schicksal hart +in ihres Glückes Rad und wendet die Speichen in die Nacht zurück. Feta +des Königs, ich beschwöre dich, wer wird diese Rose hegen und pflegen? +Sie wird ihre Sklavinnen mitnehmen können?“</p> + +<p>Der Graf bejahte. „Sie darf täglich einmal zu Euch gehen und sie wird +ihr Zimmer neben dem Euren haben.“</p> + +<p>Sonnenschein legte sich in das Auge des Imams. „O Gottes überströmende +Gnade! Wie lange wird die Haft währen?“</p> + +<p>„Bis Gewähr gegeben ist für die Ruhe in Granada.“</p> + +<p>„Ein dunkles Wort, meint ihr nicht?“ sagte er zu den andern. „Befaßt +euch mit der Antwort.“</p> + +<p>„Wir werden zum König gehen,“ rief Hamet Zeli aus, der Friedfertigsten +einer. „Sollen Schakale der Wüste barmherziger sein als er?“</p> + +<p>Selbst den Grafen rührte die Treue der Edlen. Er wäre versucht gewesen, +dem hehren Greis eine Gasse in die Freiheit zu öffnen; aber ein anderer +Gedanke hob diese edle Regung auf: Reija kam in die Alhambra! Er gab +sich einen Ruck. „Meine Reiter warten. Sie werden die Sänfte begleiten. +In der Stadt liegen achthundert Kastilier, die getreuesten Soldaten des +Königs, Männer von Alcala und Toledo.“</p> + +<p>„Habt keine Sorge,“ sagte der Imam mit hochgestrecktem Leib. „Mein Wort +ist wie ein Königswort. In wenigen Augenblicken werden diese Fakis die +Straßen durchlaufen und das Weh der Mauren stillen. Wieviel Bedenkzeit +ist meinen Brüdern im Glauben gegeben?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span></p> + +<p>„Bis zum ersten Tag des März muß Granada <em class="gesperrt">einen</em> Glauben haben.“</p> + +<p>„Ob sich Gott so schnell wird umlernen lassen?“ zweifelte Abu Atir +mit leisem Spott. „Ob sie es glauben werden, wenn ihnen die fremden +Priester zurufen werden: eins ist drei und drei ist eins? Einer von +den drei Göttern ist der Vater, einer der Sohn, einer der Heilige +Geist, und daß der Sohn Vater und der Vater Sohn sei und doch nicht +Vater und nicht Sohn, daß ein Gott Mensch sei und ein Mensch Gott, +und doch der Mensch nicht wie Gott? Und daß Gott gelitten hat, daß er +Backenstreiche empfangen und gekreuzigt wurde, und daß er ins Grab fuhr +und auferstanden ist — ach, ob sie das so schnell lernen werden? Und +viele werden so tun, als glaubten sie es, um nur nicht ihr geliebtes +Granada verlassen zu müssen. Ei, wie hat doch dein guter Priester +Talavera gesagt? ‚Ximenes erringt größere Erfolge als der König. Dieser +hat nur Granadas Boden gewonnen, jener aber Granadas Seelen.‘ Kommt +nach dem Zimmer des Pfaus. Ich werde dir Reija holen.“</p> + +<p>Und mit nassen Augen nahmen die Ritter und Fakis Abschied von dem +Santon.</p> + +<p>Als der Graf neben dem Alten durch die Korridore nach dem Pfauenzimmer +ging, hörte er das Wehklagen der Mauren aus dem Hof klingen. Aber bald +entzückte sein Herz ein anderer Ton. Frohes Mädchenlachen scholl aus +einem Zimmer. Und eine helle Lohe schlug in die Glieder des Spaniers. +Denn da stand sie auch schon an der Schwelle und ihr Blick brannte nach +dem schönen Unheilsboten.</p> + +<p>„Eswer Ben Zerragh ist nicht frei,“ war ihr erstes Wort. Und ihre +Fingerspitzen spielten in der Luft.</p> + +<p>„Er wird auch nicht frei werden,“ antwortete der Graf halb erstickt.</p> + +<p>„Ich bat für ihn, und du kannst nein sagen, Feta?“ Ihre Augen waren +voll unheimlicher Dunkelheit.</p> + +<p>Da erklärte ihr der Imam den Grund des Besuches. Reija <span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span>erblaßte und +zitterte. „Gefangen? Ja, glaubst du, daß das so leicht geht?“</p> + +<p>„Was wollt Ihr tun, Doña Reija?“</p> + +<p>„Kratzen und beißen wie eine wilde Hyäne und den würgen, der nach mir +greift.“</p> + +<p>Abu Atir trat dazwischen. „Sie ist ein Kind,“ sagte er entschuldigend +zum Grafen. „Vergebt ihr.“</p> + +<p>Da traten Tränen in ihre schönen Augen. Sie schlug die Arme vor das +Gesicht, und die braunen Hände leuchteten aus der feinen Florhülle. +„Ich soll — nicht — Saffana haben — und keine Perlen — Smaragde — +Seide, Polster, Salben, Laute und Bücher?“</p> + +<p>„Alles dürft Ihr haben,“ schlug rasch des Grafen Trost in den Schmerz +der Eitelkeit.</p> + +<p>„Werde ich ein schönes Zimmer mit Spiegeln in der Alhambra haben?“ +schluchzte sie jämmerlich.</p> + +<p>„Einen Raum, wo oft Euer Vater geweilt.“</p> + +<p>Sie tat einen Freudenschrei. „So will ich dir folgen, Feta. Und nicht +wahr, du läßt manchmal einen zamoranischen Dudelsack vor meiner Tür +spielen?“ Sie lief mit aufgeworfenen Händen in das Frauengemach, und +man hörte sie mit den Sklavinnen erregt sprechen.</p> + +<p>Der Graf ging die Treppe hinab in den Sahat. Sein Herz klopfte. Er +durfte der königlichen Agarena das Geleite geben. Lange mußte er +warten. Er hörte den Springbrunnen eintönig rauschen und sah, wie die +Schatten an den Hofmauern mählich wuchsen. Dann erklang Schreien, +Wehklagen, Rufen — jetzt mußte sie —</p> + +<p>Dicht verschleiert schritt sie die Treppe herab. Das fürstliche Wiegen +der Glieder schlug dem Grafen in die Sinne. Die Sänfte verschlang sie. +Dann folgte Abu Atir und endlich Saffana.</p> + +<p>In des Spaniers Herzen gingen die Wogen einer hochstürmenden See. +Draußen brauste der Lärm der Mauren. Die Grausamkeit des neuen Edikts +trieb alle Herzen in Verzweiflung.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel"> + Achtzehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">J</span>eden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck +Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen +der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort +schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe +Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer +wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen +Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und +— mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel, +ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen +warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich +über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu +Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit +einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den +Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht, +ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen +müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber +dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem +Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der +Besessenheit? fragte er sich bang.</p> + +<p>Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in +bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und +zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag +zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro +von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der +Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und +Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die +schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die +Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm +dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>lächelnd Ruhe. Der +Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.</p> + +<p>Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada +leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der +Genil und der Darro schwollen an.</p> + +<p>Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren +rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und +Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen, +ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten +sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam +einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng +verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht. +Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden +konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort +die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden +Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie +für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und +man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten — Monfis +nannte man sie —, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten +Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen, +beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat +wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam +verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut +wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge +der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf +den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter +gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen +die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die +einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.</p> + +<p>Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg +zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische +übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>dies ‚Perlen vor +die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und +Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit. +Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden, +arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder +und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die +Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.</p> + +<p>Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den +heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung +wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des +Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu +grollen.</p> + +<p>Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend +erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach +vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse +Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen +lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht +mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte +die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben +wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des +Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten +entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die +Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken +und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold +umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger +Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die +Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten, +beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen +vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man +einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria +heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der +Kläger <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht +gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen +Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba +herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen +Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und +in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im +Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst +nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der +Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte +den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem +weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach +der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen. +Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen +Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten +konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um +das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner +Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der +eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne +der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf +sich dem schrecklichen Reinigungswillen.</p> + +<p>Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der +Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von +Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch +bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken +der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.</p> + +<p>Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft, +die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der +Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu +werden.</p> + +<p>Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und +durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du +wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer <span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>sein als in der +Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge. +Man spricht in den Miradores davon.“</p> + +<p>Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“</p> + +<p>„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede. +Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst +der Gefangene einer Gefangenen.“</p> + +<p>„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf.</p> + +<p>„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen? +Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet +wissen.“</p> + +<p>Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der +Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte +er doch verraten. „Es ist wahr — ich habe ihr weh getan — sie hat +ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr +kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie +längst im liebenden Schutz Castros.“</p> + +<p>„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf +der Hut.“</p> + +<p>Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen, +das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie +Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche +Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun +stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine +Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“</p> + +<p>Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“ +Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest +mich da und sprichst kein Wort zu — diesem.“ Er stellte ihr den Freund +lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für +dich.“</p> + +<p>Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige +Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der +Herbstnebel die Landschaft.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span></p> + +<p>„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott +sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“</p> + +<p>Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig.</p> + +<p>„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt +das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der +Lustigkeit, des Gesanges.“</p> + +<p>Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem +Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem +Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte +Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht +allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte +ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe +trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien +vorwärts kam.</p> + +<p>Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da +müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“</p> + +<p>„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando.</p> + +<p>„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere +Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“</p> + +<p>„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann +man dich erringen?“</p> + +<p>Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte +und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber +einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38. +Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will +Saffana an deine Liebe glauben.“</p> + +<p>Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie +verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern +durch: „Du kommst mir nicht an.“</p> + +<p>„So küsse ich die Augen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span></p> + +<p>Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen +spricht, ist kein Kußheld.“</p> + +<p>Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken +Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben. +„Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein +Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und +böser Dschinnen Neid erfahren.“</p> + +<p>Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen.</p> + +<p>„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein +Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“</p> + +<p>„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“</p> + +<p>Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den +Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da +legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende +auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die +Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet.</p> + +<p>„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen +geben, du aller Blüten süßester Honig du!“</p> + +<p>„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“ +lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du +mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal +des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber +will Tränen haben.“</p> + +<p>„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen.</p> + +<p>Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns +befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie +Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die +Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in +den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin +getan, daß sie so leiden muß?“</p> + +<p>„Du liebst sie?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span></p> + +<p>„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan, +ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie +David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben? +Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist +zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar +ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr +Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht +lieben?“</p> + +<p>Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den +Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“</p> + +<p>„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser +Königskind sieht.“</p> + +<p>„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft.</p> + +<p>„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin +Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht. +„Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie.</p> + +<p>Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ +die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen.</p> + +<p>Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte +sie Schläge empfangen.</p> + +<p>In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den +Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin +hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen.</p> + +<p>Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum +daß er damit begonnen, trat der Graf ein.</p> + +<p>„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen +die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“</p> + +<p>„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn.</p> + +<p>„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern +zu tun.“</p> + +<p>„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte <span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>seine +Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein +Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man +ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen +führe?“</p> + +<p>Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben +ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man +wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab? +„Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem +Imam zu.</p> + +<p>Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die +Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott +verherrlichen möge?“</p> + +<p>„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe +nehmen?“</p> + +<p>Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu +Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich +in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“</p> + +<p>„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren +und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen +sehen in Malaga.“</p> + +<p>Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin +alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung +wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“</p> + +<p>„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen +Tiger zu schicken.“</p> + +<p>„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“</p> + +<p>„Aber es werden Euch Mauern umengen —“</p> + +<p>„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll — ewig —?“</p> + +<p>„Man will sicher sein vor Euch.“</p> + +<p>Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes +Väterchen!“</p> + +<p>Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>hinauf und +hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt +mich — hier — mit diesem Kinde —“</p> + +<p>„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“</p> + +<p>Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas.</p> + +<p>„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung +aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt +du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den +Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es +steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei. +Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem +Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über +deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie +fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist +es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete. +Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin +gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein +Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und +wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im +lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed +auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen +Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu +den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide +ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm +abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“</p> + +<p>„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den +bläulichweißen Mönchslippen.</p> + +<p>„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“</p> + +<p>„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der +Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“</p> + +<p>„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen <span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>treiben. Sei +duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“</p> + +<p>Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte +Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“</p> + +<p>Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals +bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das +Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen +der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf +sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen +Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will +— versuchen — die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust, +ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des +Grafen lehnen.</p> + +<p>Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam, +als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden, +kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn +Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste +Augenblick konnte den Greis umwerfen.</p> + +<p>Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie +ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner +Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn +überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr +die entscheidenden Worte des Mädchens.</p> + +<p>Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon +trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte +Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will +selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören, +und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr +getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“</p> + +<p>Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der +Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner <span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span>Seite +weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem +Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt +dann statt einer Seele zwei gewonnen.“</p> + +<p>„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt. +„Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu +belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“</p> + +<p>Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese +Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“</p> + +<p>Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die +Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“</p> + +<p>Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer.</p> + +<p>Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den +ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er +flüsternd das Salve Regina vor sich hin.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel"> + Neunzehntes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">K</span>aum waren sie allein, griff der Imam nach den matt herabhängenden +Armen des bleichen Königskindes. Wortlos streichelte er darüber hin.</p> + +<p>Reija bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.</p> + +<p>„Kaaba — Mihrab — Koran — aus dem Herzen geworfen!“ lispelte der +Greis.</p> + +<p>Das Mädchen warf das Haupt empor. Das starre Bronzegesicht belebte +sich. „Weißt du, für wen ich Christin werde? Mit der frommen Gebärde, +mit allem, was sichtbar ist an den Nasranije? Für dich, Väterchen!“ Sie +legte das Wort wie ein kostbares Geschenk vor ihn hin.</p> + +<p>Die schmerzdurchtränkten Augen starrten sie an. „Was — soll — das?“</p> + +<p>„Ich muß dich retten. Ich will in die Alpujarras, wo die Monfis sich +sammeln. Ich wiegle sie auf —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span></p> + +<p>„Seele der Blumen — bist du auf die Irrwurz —?“</p> + +<p>„Dein Elend schrei ich ihnen ins Herz. Abu Atir ist gefangen! Könnt +ihr’s dulden? Die Tage Boabdils sollen wiederkommen, wenn wir nur +einig sind. Ich wecke den wilden Löwen in ihnen, ich führe sie in den +steinernen Palmenwald ihrer Moscheen, ich lasse die Scheichs heilige +Kampfworte im Namen Boabdils sprechen. Der Herr, der den Pferden +Mohammeds Windesflügel gab, wird auch meinen Worten Flügel geben. Die +Granadiner verdorren ohne dich wie die Frucht ohne Regen. Der Jude +Pereres wird mir Geld geben, ich schiffe mich nach Tanger ein, rufe den +Kampfzorn der Berber an.“</p> + +<p>Abu Atir umschlang mit bebenden Händen ihren Leib. „Blume von Andalus +— mit diesen Händen willst du Ketten — welch ein Dschin ist in dich +gefahren? Du meine Hossané!“</p> + +<p>„Mit dem Feuer meines Herzens zünde ich die Gedanken der Rache in +ihnen an. Und das Leid um die Glaubensbrüder wird einen Riesenbrand +entfachen, der die Berge und Täler in ein einziges Feuermeer verwandeln +soll.“</p> + +<p>Der Alte koste ihr gelöstes Haar. „Du flammender Wille — du Riesin an +Tugend, Gazelle an Leib, was für Kräfte traust du dir zu? Den Glauben +der Nasranije erheucheln? Weißt du nicht, daß du verloren bist, wenn +du entdeckt wirst? Daß sie dich in den Sanbenito stecken, auf dem Esel +durch die Straßen jagen?“</p> + +<p>Ihre Züge spannten sich unerschrocken. Und ihre Augen starrten +plötzlich in sich hinein. „Ghadban der Dichter hat den Kalifen +Hadschadsch durch Wohlredenheit besiegt, so daß er ihn aus dem Kerker +laufen ließ. Oh, was müssen das für goldtönende Worte gewesen sein! +Ich will die Saiten meiner Anafine stimmen, daß ich ihn — Ximenes — +Leon — oder besser —“ Sie hielt wie unter der Spannung ihres Innern +die Gedanken an, um sie dann aufs neue durcheinander zu wühlen. „Es +ist erst ein Saatkorn in mir — es muß keimen — zur Blüte werden. +Es ist nichts Kleines unter der Sonne. Aus einem verirrten Kamel +bei der Quelle Semsem entstand Mekka. Warum soll <span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>nicht aus einem +Gedankenfunken eines Königskindes sich Granada entzünden?“</p> + +<p>„Du Herd wilder Wünsche,“ bebte der Imam. „Gib mir die Hand. Die +Priester werden dich mit Dingen locken, die einem Weib gefährlich +werden können. Wer soll als Christin für dich sorgen? Die Mauren +wandern aus — die Beni Mossad, Hamet Zeli, Chalad Ben Temin, alle die +glaubensstarken, treuen Gefährten und Freunde, soweit sie nicht in die +Alpujarras geflüchtet sind. Die Moriskos? Welcher von ihnen soll seinen +Schutz —“</p> + +<p>„Das Morgen wird mit glühendem Sturmbrausen kommen — ich bin bei dir! +Ist das nicht himmlischer Trost? Und ich darf frei gehen und Pläne +spinnen und langsam die Äste zusammentragen für den granadinischen +Brand.“</p> + +<p>Der Greis sah sie bang-fragend an. „Was in diesen Augen glüht — oh, es +ist nicht das Feuer deines Vaters — es ist die Leidenschaftlichkeit +deiner Mutter —“</p> + +<p>„Meine Mutter!“ Reija schauerte zusammen. Ihre Gedanken griffen zurück. +Das Stammeln an dem Mutterherzen war ihr nicht mehr in Erinnerung. Sie +hörte oft von ihr sprechen, aber aus den Schilderungen ragte das Wesen +der Mutter nicht mit der Weihe einer lebendigen Heiligen in ihr Leben. +Doch nun schwang eine neue Saite in ihrer Seele. Sie sollte den Glauben +der Mutter kennenlernen. Eine Neugier gebar sich in ihr, zu erfahren, +wie ihre Mutter zu Gott betete. Es erfaßte sie gleichsam eine Lust, an +den heiligen Geheimnissen der Christenheit naschen zu dürfen, ohne ganz +in ihnen aufzugehen. Stark schwang ihre Seele im alten Glauben, dem sie +unwandelbare Treue bewahren wollte, und sie stellte sich diesen äußern +Wechsel bei Aufrechthaltung der innern Glaubenskraft rührend leicht +vor. „Meine Mutter hat fest an den christlichen Gott geglaubt?“ fragte +sie scheu-ehrfürchtig.</p> + +<p>Der Imam nickte. „Der duldende Geist Boabdils nahm keinen Anstand +daran. Es hatten ja viele Maurenfürsten christliche Frauen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span></p> + +<p>„Und — du?“ Sie fühlte zaghaft in die Seele des väterlichen Herzens. +„Du würdest — keine Duldung üben — wenn ich —“ Sie stockte verlegen.</p> + +<p>In des Alten Antlitz lag die vornehme Ruhe des Weisen. „Was ein Mensch +mit reiner Seele glaubt, ist vor diesem und jenem Gott heilig. Ich +könnte nie anders glauben als: Es ist kein Gott außer Gott. Aber wie +sollte ich dich verdammen, wenn du einmal — ach, es ist ja nicht +auszudenken — o du Taube der Ziergärten — Mondschein der Sommernacht +du — sieh doch, ihm, der die schwarze Ameise auf dem schwarzen Stein +in schwarzer Nacht entdeckt, ihm bleibt nichts verborgen, und er wird +auch die Winkel deines Herzens durchschauen —“</p> + +<p>„Und wird sehen, wie treu ich ihm bin! Mein Herz wird ein Sieb sein, +durch das die christlichen Lehren rinnen werden, und es wird kein Satz +darin zurückbleiben.“</p> + +<p>Der Diener des Gotteswortes legte die Hand auf ihr Haupt, und warm und +väterlich flossen die Lehren von seinem Mund in das abschiednehmende +Herz. „Sieh, Reija, es gibt einen alten arabischen Stamm der Fekariten, +dem gab Gott Trug zum Geleite, und es hieß von ihm: Trau keinem +Fekariten die Kamele, denn sicher kannst du sein, daß eines fehle. So +halte es mit dem Trug der Christen. Sie werden auf ihre Weise sorgen, +daß dein Vertrauen zusammenbricht. Sei wachsam wie der Hahn, den der +Morgen nicht überraschen darf. Nahe dich nicht dem Fluß, wenn er +austritt, und dem Menschen, wenn er böse wird. Aber merke auch: Böses +wird nicht durch Böses ausgelöscht, denn wenn du zwei Feuer anzündest, +löscht keins das andre aus. Entreiße dich der Knechtschaft des +unsichtbaren Feuers, das Liebe heißt, denn es kann dich verbrennen.“</p> + +<p>Die Wache trat ein. „Die Zeit ist da,“ seufzte Reija mit überströmenden +Augen. Und sie nahm Abschied von dem Geleiter ihrer Wege.</p> + +<p>In ihrem Gemach schickte sie die harrende Saffana nach dem königlichen +Hauptmann, sie wolle ihn sprechen. Dann kauerte sie sich in einen +Winkel. Und nun strömte wie Regen die Fülle <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>der Gedanken über sie. Ein +leiser Schauer überfiel sie, als sie die Tragweite ihrer Handlungsweise +überdachte. Ihr Leben mußte fortan eine ununterbrochene Verstellung +sein, und es stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie diesem trügerischen +Spiel gewachsen sein würde. Aber lange konnte die Maske nicht getragen +werden. Wenn der Frühling den Schnee in der Sierra Nevada fraß, waren +die Wege in den Alpujarras wieder gangbar, und das Befreiungswerk +konnte beginnen. In der Höhle von Cañor fand sich die erste +Zufluchtsstätte. Von dort aus konnte man ins Horn des Aufruhrs stoßen. +Oder man konnte auf Schleichwegen ans Meer fliehen — hinüberschiffen +— den Vater wiedersehen — und doch — lauerte nicht die eifersüchtige +Morayna, die Gattin Boabdils, auf ihre Wiederkehr? Also dort und hier +Verderben! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie sich vor die +Königin hinwürfe? Isabella, sagte man, habe Mitleid mit den bekehrten +Frauen. Aber vor allem mußte doch der Feta — dieser Don Pedro de +Solar —</p> + +<p>Aus ihrem Innern stieg es wie Raubtierpranken herauf. Ein süßer, +ziehender Schmerz verbreitete sich in ihrem Blut, und sie wußte dafür +keine Gründe anzugeben. Sie überdachte des Grafen vornehmes Gehaben, +seine männliche Schönheit, die Wandlung in seinem Wesen seit jenem Tag, +da er sie vor den Händen des Priesters beschützt. Oh, was hatte damals +für ein Feuer in seinen Augen geglüht! Und dann die kargen Fragen und +Antworten, die ihm die Brust —</p> + +<p>Ein heißer Hauch beengte ihre Kehle. Sie begann ihre Glieder in +Wohligkeit zu strecken, und ihre Muskeln und Nerven spielten. Sie +entsann sich mancher Worte des Grafen, und sie klangen jetzt in ihr +wieder, als wären sie vom Tau überrieselt. Waren nicht Wellen der +Fröhlichkeit durch sein Wesen gegangen, als er von ihrem Entschluß +der Taufe hörte? Ihr weiblicher Scharfsinn ahnte die hier schon kaum +mehr verborgenen Zusammenhänge. Sie sprang auf und wiegte ihre Glieder +in langsamem Schreiten, selbstgefällig, mit natürlicher Eitelkeit. +Sie freute sich kindisch, daß sie von nun an auch ihr Antlitz +unverschleiert <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>zeigen durfte, wie es die reizenden Kastilierinnen +trugen, die auf den Rossen stolz saßen oder auf den Miradores ihre +dunklen Augen spielen ließen.</p> + +<p>Da tönten draußen die herrischen Schritte. Don Pedro de Solar stand auf +der Schwelle. Hinter ihm schlüpfte Saffana herein.</p> + +<p>Reija warf schnell den Schleier vor das Gesicht, bog ihre Gestalt sanft +in die Polster hin und verschränkte in natürlicher Selbstgefälligkeit +die Arme.</p> + +<p>„Ihr habt mich rufen lassen?“ durchbrach der Graf mühsam seine +Verwirrung.</p> + +<p>„Du bist mir böse, Feta?“ fragte sie lächelnd, ohne ihre Glieder aus +der Lässigkeit zu lösen.</p> + +<p>„Es macht mir immer Freude, Euch zu dienen.“</p> + +<p>„Ich soll morgen zur Taufe gehen. Ich will meine Chilaa, mein +Ehrenkleid, tragen. Man muß wohl das Kreuz machen, wenn man die Kirche +betritt? So?“ Sie fuhr ungelenk mit den Fingern über die Brust.</p> + +<p>„Dreimal müßt Ihr Euch bekreuzen.“ Er zeigte es ihr.</p> + +<p>„Ich werde dort schöne Bilder sehen und den goldnen — oh, wie heißt +das große Gefäß?“</p> + +<p>„Kelch? Monstranz? Ihr werdet alles schauen. Zuvor wird Euch der +Priester das Salz auf die Zunge legen, das Zeichen der christlichen +Weisheit. Der Priester wird den bösen Feind in Euch beschwören —“</p> + +<p>„Ich habe einen bösen Feind in mir? Oh, so durfte mich doch kein Mensch +bisher lieben.“ Ein berückender Blick fiel aus den großen Augen auf ihn.</p> + +<p>„Es <em class="gesperrt">ist</em> — Evas Sünde, die von Euch genommen werden soll,“ sagte +der Graf betreten.</p> + +<p>Der Schleier barg ihr Erröten. „Und was weiter, Feta?“</p> + +<p>„Pater Leon wird Euch vor dem Taufstein fragen, ob Ihr an Gott, +Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und +an vieles andere noch glauben wollt. Und Ihr müßt bei jeder Frage +antworten: ich glaube.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span></p> + +<p>Reija fühlte den Hauch eines Bannes auf sich liegen und über ihr Gemüt +senkte sich eine schwere, schwarze Decke. „Weiter, Feta!“</p> + +<p>„Pater Leon gießt Euch dreimal Wasser auf die Stirn, salbt Euch mit +Chrisam, hängt Euch ein weißes Tuch um und gibt Euch die Kerze in +die Hand. Den Sinn der Handlung wird Euch Pater Leon später selbst +erklären, denn er hat sich ausbedungen, Euch selbst im Glauben zu +unterrichten.“</p> + +<p>Im Herzen Reijas schnürte sich etwas zusammen. „Oh, ich möchte so +gern Talavera haben, den frommen Knecht Gottes, dessen Herz von Güte +überströmt.“</p> + +<p>„Ich fühle es Euch nach. Doch auch Pater Leon hat viel Gewalt über das +Herz.“</p> + +<p>Reija schwieg bedrückt. Dann sprang sie auf einen eiteln Gedanken über. +„Darf ich den Schleier vor der Taufe abnehmen?“</p> + +<p>„Ihr dürft es schon jetzt,“ brannte der Graf lichterloh.</p> + +<p>Da löste sie behutsam das Gewebe los, ganz langsam, als wollte sie +vorsichtig ein kostbares Gut enthüllen. Die sonnenwarme Haut drängte +sich ans Licht und bald lag der Edelschnitt ihres Gesichtes vor den +erstaunten Blicken des Grafen. Ihm war, als hätte sich die Madonna +selbst in irgendeinem erneuten Erdenwandel offenbart. Er, der sich +in Tyrannis und Haß gefallen hatte, starrte sie wie ein Gotteswunder +an. In ihrem Blick lag eine keusche Verhaltenheit und doch schienen +im Schmelz dieser Augen geheimnisvolle Versprechungen zu schimmern, +behütet von einer natürlichen Würde. Sie schloß nun die Wimpern über +die vielsagenden Sterne. Die feingezeichneten Lippen preßten sich fest +zusammen, als wollte sie dem bedrängten Gefühl jeden Ausweg verwehren. +Der Widerschein ihrer Innenglut entflammte ihre Wange und Reija wurde +noch reizender durch diesen Zustand der Scham und Verwirrung. Sie +erschien dem Grafen wie eines jener blütenduftenden Gedichte, das +die spielende Phantasie des Arabers in den Augenblicken höchster +Liebesfreude formt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span></p> + +<p>„Ich darf auf dem Albaycin, in der Alcazaba wieder aus und ein gehen?“ +fragte sie, sich gewaltsam aus der Verlegenheit reißend.</p> + +<p>„Ihr dürft es.“</p> + +<p>„Und noch eines —“ Sie stockte einen Atemzug lang. „Eswer Ben Zerragh +— was ist mit Eswer Ben Zerragh?“ Sie bemerkte mit Genugtuung, wie der +Name seine Züge zerriß.</p> + +<p>„Fragt nicht nach ihm, Doña Reija,“ antwortete der Graf mit beißender +Schärfe. In seinem Gaumen klebte ein bitterer Geschmack und auf seiner +Brust lag es wie Blei.</p> + +<p>„Ich muß wissen, ob sie ihn hängen werden.“</p> + +<p>„Er wird ewiges Gefängnis bekommen,“ schoß er den Pfeil nach ihr ab.</p> + +<p>Da trat sie dicht an ihn heran, daß er den bestrickenden Duft ihres +Fleisches spürte und das heftige Wogen ihrer Brüste hörte. „Du kannst +ihn — nicht — frei machen, Feta? Pfui!“ Ihre Augen lauerten wie vor +einem Sprung.</p> + +<p>„Seid Ihr von Sinnen?“</p> + +<p>Reija schob Saffana kurzerhand aus dem Zimmer. Dann sprudelte sie es +mit gefalteten Händen heraus: „Freund der Sonne! Du mußt ihn frei +machen, Feta! Er ist so ein hübscher Jüngling und hat noch viel zu +leben und zu lieben. Sperr’ einen alten Schaitan statt seiner in die +Zelle. Eswer ist wie ein Gabriel und aus seinem Mund sprüht Zornfeuer. +Sag’, ist er nicht schön?“ Mit jedem Satz rückte sie listig seiner +Eifersucht an den Leib.</p> + +<p>Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche. Er sah ihre Zähne blitzen, sah +die blutvollen, sehnsüchtig gespannten Lippen, und die Gewalt seiner +Leidenschaft zerbrach ihm die Flügel der Gedanken. „Doña Reija — fragt +mich — nicht mehr — nach dem Abencerragen. Sein Name — ist — Gift.“ +Schmerzhaft stöhnte er es hervor.</p> + +<p>In ihr flammte ein Jubel. „Ei, wenn Blicke donnern könnten, man müßte +es bis nach Damaskus hören,“ sagte sie mit einem Lächeln, das ihn noch +mehr reizte. „Doch deshalb bleibt <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>es eben, wie es ist. Eswers Auge ist +drohend wie eine Wetterwolke über der Wüste. Und er schreitet selbst +wie —“</p> + +<p>„Lebt wohl, Doña Reija.“ Der Graf verbeugte sich in furchtbarem innern +Aufruhr und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Die Leidenschaft +hatte alle Ritterlichkeit in ihm zerschlagen.</p> + +<p>Saffana stürzte herein. „Bei Mohammeds Bart! Bi smi allah! Was hast +du mit dem Feta angefangen? Er ging wie ein abgewiesener Panther und +fauchte mich in eine Ecke.“</p> + +<p>Reija stand mit hochwogender Brust, die Augen auf die Tür geheftet. Ob +er wiederkommen wird? dachte sie. Sie lauschte hinaus. Als sie keine +Schritte mehr hörte, jauchzte sie auf: „Er liebt mich! Er ist ganz +närrisch vor Liebe! Was stehst und starrst du, Dienerin der Dschinnen? +Er liebt mich, liebt mich! sag’ ich dir — und ich — o, o!“ sie zuckte +zusammen, „— ich soll ihn verderben!“ Der Schmerz warf ihren Leib auf +den Polster hin und ein würgendes Schluchzen erschütterte ihre Glieder.</p> + +<p>Saffana stürzte erschreckt zu ihr hin. „Rose, Rose! Als Mohammed zum +erstenmal im Paradies Gott entgegentrat, da fielen die Schweißtropfen +des Propheten auf die Erde und verwandelten sich in Rosen. Oh, auch +deine Tränen, Engel der Erde, werden sich in Blumen verwandeln. Ach, +ich wüßte, wie dir zu helfen wäre.“ Sie lächelte schelmisch in die +Tränen der Herrin hinein und fingerte leise streichelnd durch ihr +gelöstes Haar.</p> + +<p>Reija hob schnell den verweinten Kopf. „So sag’ es schnell.“</p> + +<p>„Schems hosna, schöne Sonne, es müßte dich der pflücken, den du liebst.“</p> + +<p>Da knallte ein Wangenschlag. Aber durch Reijas Tränen blitzte ein +Lächeln.</p> + +<p>Saffana aber sagte ungerührt und hart: „In mir weint kein Schmerz um +einen Mann. Sie sind alle zusammen nicht eine Träne wert.“</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel"> + Zwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">S</span>charenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit +Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der +geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung +wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen +gewinnen, so und so viele täglich.</p> + +<p>Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt.</p> + +<p>An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne +Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden +in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge, +Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke +stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche +hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten +die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der +christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung +herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn, +Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden +standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen, +überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von +alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der +Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen.</p> + +<p>Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der +heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das +Jesuskind im Arm.</p> + +<p>„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit +vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben +ihr stand.</p> + +<p>„Es ist auch Euer Name — Maria,“ sagte er gepreßt.</p> + +<p>„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria — +ich werde sie oft verwechseln.“</p> + +<p>Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob, +trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die <span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>Reija befangen +über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf +sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen +lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die +Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr +bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte, +schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm +war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers +Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des +Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit +warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten +Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte.</p> + +<p>Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was +die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten. +Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des +Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form +gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren +Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald +ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von +Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel, +und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war +ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder +hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen +Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade +rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter +der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen +Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte. +Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte +sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können? +Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes —?</p> + +<p>Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende, +kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>der Mutter, +deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige +Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das +Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu +verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden, +halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte, +sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie +sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art +Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob +sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit.</p> + +<p>Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar. +Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur +Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen — und alles fiel aufs Knie und +der Gesang schwieg — dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch +— sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie +deutlich die Priesterworte: <span class="antiqua" lang="la">Domine, non sum dignus</span> — diese +klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach.</p> + +<p>Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle +schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über +dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen +verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille +tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr +Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den +Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle +Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und +Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und +Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre +Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder +nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein +Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die +Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah +sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte +man von nun an noch <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche +Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das +Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen +in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne +Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller.</p> + +<p>Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf +versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem +schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser +Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor +sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner +Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen +und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging +mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war.</p> + +<p>Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte +sie: „Maria heiße ich nun für alle — Maria Calabreña — auch für dich, +Feta.“</p> + +<p>„Gefällt es Euch nicht so?“</p> + +<p>Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge. +War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen +Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue +Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer +strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr +bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe +ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem +Doppelleben beistehen?</p> + +<p>Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am +Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird +Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee +der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“</p> + +<p>Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das: +<span class="antiqua" lang="la">Domine non sum dignus</span>?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span></p> + +<p>Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte +der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja — ich bin nicht würdig +— daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich +es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht.</p> + +<p>„Ich will besser — Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm +heftigen Schmerz.</p> + +<p>„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu +Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter +meinem Nährvater.“</p> + +<p>Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen +Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an +den Wachen vorbei die Treppe hinauf.</p> + +<p>Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas +fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen +mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger +denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der +ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen +Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu: +„Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter +Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen +ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm. +Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er +löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten +Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in +die kalte Wintereinsamkeit.</p> + +<p>Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“ +Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von +Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene +in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“</p> + +<p>Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür, +schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>hervor, wusch +sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und +räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr +soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem +Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die +Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Einundzwanzigstes_Kapitel"> + Einundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>ie Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem +Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht +arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das +ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der +Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken +herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre +schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten +Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau.</p> + +<p>Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf +den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im +Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte. +Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in +der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen +Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und +bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“</p> + +<p>Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen, +so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr +Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit +einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die +Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische +Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast +beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß +die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze, +die einen betörenden <span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln +pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen?</p> + +<p>Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer +und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und +Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in +geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem +Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel +öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der +Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie +nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit, +die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte +das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die +Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es +als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit +dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er +erstehen.</p> + +<p>„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden +Einfalt.</p> + +<p>Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr +müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er +verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das +Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe. +Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese +eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles +wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu +unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art +der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles +wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere +Arbeit gehabt.</p> + +<p>Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja +manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt +Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie +Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern +Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll +ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“</p> + +<p>Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben +lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte +und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“</p> + +<p>Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle, +welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob +Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht +auf jeden Fall selig werden?“</p> + +<p>Der Dominikaner zog die Brauen hoch. „Das ist das faule Kraut der +Duldung. Christus will alle Menschen sein nennen.“</p> + +<p>„Mohammed doch auch,“ beharrte Maria in kindlichem Eifer.</p> + +<p>Da ging eine Unruhe über das scharfgeschnittene Zelotengesicht. „Wer +sich wehret gegen Christus, kommt nie zu ihm. Ihr könnt nicht von einem +Licht beleuchtet werden, wenn Ihr den Kopf von ihm abwendet. Ihr könnt +nicht bergauf schreiten, wenn Ihr talab gehet. Euer Wille bahnt dem +Glauben den Weg. Es hat sich einer für Euch totgeliebt. Im Tabernakel +liegt er verschlossen.“</p> + +<p>„Dort ist — Christus — der Herr?“ bröckelte es sich zweifelnd von den +Lippen.</p> + +<p>„Das Lamm wohnet unter uns. Die weisesten Kirchenväter wußten das +Geheimnis nicht zu lösen: Christus wahrhaftig in Brot und Wein.“</p> + +<p>„Es ist über alle Maßen groß,“ bekannte ihr redlich schlichtes Herz.</p> + +<p>„Es wird noch Größeres über Euch kommen. Aber aus dem Saulus ward ein +Paulus. Der Heiland weint um Euch, da Eure Seele nicht zu ihm finden +will. Die Könige des Morgenlandes kamen von weither, um das Kind zu +suchen, und hier will ein Königskind ihn nicht finden, da er so nahe +ist. Hier <span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span>beim Tabernakel ist der wonnige Hain, wo zu lustwandeln +Seligkeit ist.“</p> + +<p>Die blumige Sprache rührte an ihr Herz, sie klang arabisch vertraut. +Sie senkte verlegen das Haupt, daß ihr schwarzes Haar sich wie eine +schöne Decke vor den Blicken des Priesters breitete. „So will ich denn +glauben,“ sagte sie flügellahm. „Und sagt, Herr, warum hat Gott den +Heiland nicht befreit wie Isaak, der auch geopfert werden sollte?“</p> + +<p>„Das geschah aus unsagbarer Liebe zur Menschheit. Durch sein Blut hat +Gott der Menschheit den Weg zu sich gewiesen, den Weg der Leiden.“</p> + +<p>„So sollen wir viel leiden auf Erden?“ erschrak sie in ihrer kindlichen +Einfalt. „Und Mohammed hat uns viel Freuden hier erlaubt.“</p> + +<p>Die unselige Fragerin verstimmte den Vikar. „Freuden der Hölle! +Männerliebe und Genußsucht. Mohammed müßt Ihr schmerzlos entsagen, +denn ein kunstvolles Lügengewebe hat er Euch zusammengesponnen, hat +Dinge aus der heidnischen, christlichen und jüdischen Religion in einen +Topf geworfen und daraus einen Heiltrank gemacht, der in Wahrheit ein +Gifttrank ist. Dazu bemühte er den Erzengel Gabriel vom Himmel herab. O +wie sündhaft handelte der Prophet! Er war ein kurzsichtiger Betrüger, +den jeder Laienbruder eines Bessern hätte belehren können.“</p> + +<p>Maria de Calabreña stach das Weh in die beleidigte Seele. Aber sie +schwieg und verarbeitete heimlich den Schmerz um ihren Kinderglauben. +Und Leon wühlte immer tiefer ihr Herz auf und sagte endlich, wenn +ihr Gott durch Priestermund das scheinbar Unverständlichste zurufen +würde, sie müßte gehorchen im guten Glauben an die Vollmacht des +Stellvertreters Gottes. „Gedanken und Taten eines Priesters leitet +Gott. Ihr werdet es erfahren. Ihr müßt recht oft zu mir kommen, macht +Euch nicht selten wie der Stern Kanopus, jeden Tag um diese Stunde bin +ich für Euch zu sprechen. Und wo Kreuze stehen, werft Euch nieder, ein +jedes wird Euch zum Altar werden; jedes Gebet <span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span>wird Euch ein goldener +Apfel in silberner Schale sein. Eure Worte werden Engel wie Rosen +aus Eurem Mund nehmen und in Kränze flechten wie bei der heiligen +Rosalinde.“</p> + +<p>Das gefiel Reija wieder, denn es klang wieder arabisch anmutig. Und es +troff noch in ihrem Herzen nach, als Leon fragte: „Habt Ihr noch etwas +auf dem Herzen?“</p> + +<p>Aus dem Gewoge ihrer Gedanken hob sie einen heraus, der sie +unvermittelt überfiel. „Ihr nennt Maria Mutter Gottes. Wer war dann die +Großmutter Gottes?“</p> + +<p>Der Dominikaner rümpfte die Nase über die arge Scholastikerin. „Er +hatte keine, wiewohl natürlich eine Mutter der Gottesmutter da war. +Aber Maria wurde im Geiste beschattet.“</p> + +<p>„O lieber, guter Pater, ich fasse das nicht,“ gestand sie aus der +Unschuld ihres Denkens heraus. „Es liegt zuviel in mir, was der Koran +mir gegeben, das muß deine Lehre erst wegräumen. Hab’ Nachsicht mit +mir.“ Und es schossen ihr beinahe die Tränen in die Augen.</p> + +<p>Da drängte seine Hand nach ihrem Antlitz, als wollte er ihr Naß +trocknen. Doch er besann sich. „Ihr müßt erst aus der Nacht Eures +Gemüts heraus, aus der Verblendung des Irrglaubens, es müssen die +Wurzeln des alten Glaubens absterben, und auch Euer häusliches Leben +soll alle Spuren auslöschen, die nach rückwärts weisen. Auch die +alten morschen Hüllen der Puppen zerfallen, wenn der Schmetterling +herausfliegt. Ihr müßt nur bereuen, was Ihr gesündigt. Und dazu ist +der Beichtstuhl geschaffen.“ Und er erklärte ihr die Wesenheiten der +Beichte.</p> + +<p>Doña Maria erschrak heftig. Ein Mittler und Stellvertreter zwischen ihr +und Gott! Was sie insgeheim durchdacht und durchwühlt, sollte sie einem +fremden Mann anvertrauen? <em class="gesperrt">Einem</em> vielleicht —? Es stach in ihr +Herz. Sie dachte ein Wimpernzucken lang an einen Mann. Gott möge ihm +gnädig sein, ach ja, ihm könnte sie vielleicht —</p> + +<p>„O wundersame Macht des Beichtstuhls!“ riß Leon ihre Gedanken entzwei. +„Bezwungen von der Nähe Gottes, wirft der <span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>sündige Mensch aus dem +Trieb der bereuenden Seele die letzten Bedenken ab, und um des +Glaubens willen klagt er sich an. O reinigende Kraft der Reue! Wenn +die Muselmänner bereuen, zerreißen sie ihre Kleider, wir aber unser +Herz. Katharina von Siena beichtete täglich, wie erst muß Euer Leben +von Sündenlast beschwert sein. Im Heilandsgebet heißt es: Vergib uns +unsere Schuld! Dann muß sie eben auch da sein, in Worten, Gedanken, +Taten. Drum tötet die Angst, sagt mir jeden Tag, was Euch bedrückt, +doch verheimlicht nichts, denn verschwiegene Sünden geißeln das Gemüt. +Auch was Ihr über andre wißt, ladet es ab vor dem verschwiegenen +Priesterherzen.“ Damit warf er die erste Angel der Inquisition nach ihr +aus. „Ihr müßt auch die Gottesspeise im Abendmahl zu Euch nehmen. Sie +ist die Speise für die Seele. Durch den Adamsapfel wurde die Menschheit +zerstreut, durch das himmlische Brot und den Wein wurde sie wieder zu +einem einzigen Leib gemacht. Wir alle sind eines Leibes — ein Leib, +versteht Ihr?“</p> + +<p>Nein, das verstand sie auch nicht.</p> + +<p>Der Pater schob ungeduldig die Lippen hin und her. „Ihr scheint ein +weiblicher Gideon zu sein, der dreimal bewiesen haben will, bevor er +glaubt. Das Abendmahl ist die Wegzehrung für den irdischen Pilger, +Ihr müßt danach greifen.“ Ein Bild nach dem andern legte er vor sie +hin. Aber ihr sonst für Redebilder so empfängliches Gemüt konnte damit +nichts anfangen. Sie war gedankenmüde geworden. Ihre Finger nestelten +an ihrem Halsschmuck: ein goldnes Krüglein hing an einer Kette. „Was +ist das?“ forschte der Mönch.</p> + +<p>„Ein Wassertropfen aus dem Semsem, dem heiligen Brunnen von Mekka, ein +unschuldig Hamalet.“</p> + +<p>Pater Leon nahm es an sich. „Nimmer darf dies Euer Schutz sein.“ Er +holte aus einer Schatulle ein Wachsscheibchen hervor, das Agnus Dei +vorstellend. „Dies ist das Lamm Gottes, Herr Jesus, vom Papst geweiht. +Es wird Euer Herz vor wilden Flammen behüten.“ Er nahm den Flüsterton +der Beichte an. „Sagt, ist Euer Herz nicht verwirrt durch eine — +gewisse Liebe? <span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>Ein Taufkind muß rein in die Christenlehre kommen. Gott +sucht die Sünden der Väter an den Kindern heim, es könnte sein, daß Ihr +an Eures Vaters sündiger Lust leidet.“</p> + +<p>Maria erbebte in der Tiefe ihres Herzens. Des Vaters Sünde? Was für +eine? Und sollte sie dem Manne etwas verraten, was kaum wie ein Keim in +ihr lag? Sie hatte als Maurin ihr Auge zu einem Christenritter erhoben. +Aber nun war sie doch Christin — wenigstens in den Augen des Mönches +— und nun war wohl die Sünde getilgt — oder bestand sie erst recht? +Da sie sich doch innerlich als Mohammedanerin fühlte? Ihr Gewissen +geriet in Anfechtung.</p> + +<p>„Ihr verbergt mir etwas,“ sagte der geübte Seelenerschließer.</p> + +<p>Sie blickte noch verwirrter. „Euer Auge starrt mir ja auf den Grund +meines Herzens. O wie soll ich Arme — hört — es war einmal, daß ich +Sehnsucht hatte — nach einem maurischen Ritter — aber er ist gefangen +und im Elend.“</p> + +<p>„Das tilgt aus Eurem Herzen mit brennender Liebe zum Heiland. Es war +eine Jungfrau, Lucia hieß sie. Sie wurde von einem heidnischen Ritter +bedrängt, der danach begehrte, ihre schönen Augen zu küssen. Da riß +sie sich die Augen aus und sandte sie ihm, auf daß er habe, was er +begehrte. Tut auch so.“</p> + +<p>Wie ein Donnerschlag ging das Wort über ihr Gemüt. „Meine Augen —?“ +Sie bedeckte sie in Angst.</p> + +<p>„Es liegt noch viel Eitelkeit in Euch, Doña Maria. Euer Körper duftet +balsamisch, das ist maurische Art. Erstickt sie.“</p> + +<p>„Ei, die Araber haben ein schönes Bild gehabt: Der Balsam sei aus den +Tränen des Christkindes auf der Flucht nach Ägypten hervorgesprossen.“</p> + +<p>„Fürwahr, ein schönes Bild, aber aus mohammedanischer Phantasie geboren +und darum verwerflich. Pflegt es nicht weiter. Auch Euern Körper pflegt +christlich durch Kasteiung und Buße. Die Maurinnen hängen an Schönheit, +Tand, Perlen, Bädern —“</p> + +<p>Die Freude an diesen Dingen lachte aus ihren Augen. „Ach ja, die Bäder +sind wohlig und weich —“</p> + +<p>„Im Bad kann Segen und Unheil liegen. Aus dem Bad der <span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>Bathseba +entsprang die Sünde, im Susannabad triumphierte die Tugend.“ Und er +erzählte ihr die biblischen Legenden und warnte sie vor dem Teufel, der +in allerlei Gestalt vor den Menschen hintrete. „Da war eine Nonne voll +Keuschheit, Anna de Nativité, der erschien der Teufel in der Gestalt +des Gekreuzigten, und er befreite seinen rechten Arm und wollte damit +die Nonne umfangen. Da kniete sie schnell nieder, betete heiß und +inbrünstig, und der Zauber schwand dahin.“</p> + +<p>Maria erbebte. „So muß ich vor jedem Kreuz in Ängsten beten, denn es +könnte der Teufel oben hangen?“</p> + +<p>Der Pater lächelte. „Wer will, erkennt den Teufel selbst in der +heiligen Maske. Das eigene Gewissen zeigt ihn an. Morgen sollt Ihr im +Beichtstuhl knien.“ Er wies auf die hölzerne Nische an einer Wand. Er +gab ihr in einfachster Form die Weisungen zum Empfang des Sakramentes +der Buße. Dann legte er ihr sanft die Hand aufs Haupt, und seine Finger +berührten länger, als es für das heilige Zeichen notwendig war, ihren +Scheitel. Er spürte, wie das schwarze Haar unter seinen Fingern brannte +und wie die Funken in sein Blut schlugen.</p> + +<p>Doña Maria aber erschauerte unter der Berührung. Noch nie hatte eines +fremden Mannes Hand ihr Haar berührt. Und dieser durfte es tun? Sie +konnte sich kaum erheben, vom Gewicht der Stunde bedrückt.</p> + +<p>Der Dominikaner entließ sie mit einer stummen Verbeugung, sein Blick +verfolgte sie bis zur Tür, erfreute sich an ihrem Schreiten, das so +stolz war wie das einer Edelantilope.</p> + +<p>Doña Maria atmete auf, als sie die dunkle Tür hinter sich wußte. Des +Priesters Worte wühlten in ihrem Busen, und in der Seele bedrückt, ging +sie aus der Mosala. Im Hofwinkel kauerte Saffana und fror. Sie warf +der Herrin die Capa über die Schulter. „Was hast du von ihm gehört, +Liebling der Engel?“</p> + +<p>Doña Maria zog die Schultern zusammen. „Bei uns ist alles hell und +licht. Aber hier liegt Kreuz, Tod, Sündenschuld, Entsagung, Reue +ausgestreut auf dem Erdenweg. Vom Paradies hat er kein Wort gesprochen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span></p> + +<p>Die Sklavin machte traurige Augen. „Ach was, zwischen Dornen blühen +doch auch Rosen,“ sagte sie mit dem Willen, sich und die Herrin zu +erheitern.</p> + +<p>In der Mosala schritt der Dominikaner in Unruhe auf und ab. Sein Hirn +war durch die tägliche Beicht- und Bekehrungsarbeit ermüdet, doch +diese Christenlehre empfand er als eine Art Erfrischung. Er sah in +sich. Hatte er wirklich eine verirrte Seele getröstet? War er mehr +freundschaftlich als väterlich gewesen? Er wollte sich selbst nicht +täuschen. Die Wellen, die in der Nähe dieses Mädchens um seine Sinne +gingen, spürte er jetzt noch angenehm rauschen. Die Rose, deren Duft +er soeben eingesogen, war gewiß kostbar. Hatte er sie nicht zuviel +geschreckt? War diese Bekehrungsart die richtige? In diesem Falle ja, +sagte er sich. Angst macht oft gefügig.</p> + +<p>Er zündete mehrere Kerzen an. Der Lichtschein fiel auf allerhand +kirchliches Gerät. Heiligenbilder lehnten an der Wand, für Kirchen +bestimmt, auf dem Tisch lagen die Marterwerkzeuge Christi, ein paar +Kruzifixe, zwei Monstranzen, aus der palästinischen Ferne herbeigeholte +Reliquien, die Kirchenväter, die Vulgata und die heilige Legende des +Dominikus. Pater Leon schlug das Hohelied auf. Aber er hatte nicht +lang Freude daran. Von der Wand lächelte ihn die heilige Agatha an. +Doch beim Bestarren des Bildes ging ihr keusches Leben unter und es +blieb nichts übrig als die abgeschnittene Brust. Ein anderes Bild +stürmte auf ihn ein: Hatte nicht der heilige Dominikus an der Brust der +Muttergottes die Milch getrunken? Gab es nicht eine heilige Lidwina von +Schidam, in deren Busen sich der ganze Vorgang der Milchentwicklung wie +in der Brust Mariens wiederholt hatte?</p> + +<p>Welch unreine Gedanken schwirrten da durch sein Haupt? Wer stieß ihn in +die wild aufschlagenden Flammen? Hier ging doch kein Potipharatem, der +verpestete! Saß hier nicht vor wenigen Augenblicken ein unschuldsvolles +Kind, eingesponnen in die Worte seiner heiligenden Kraft? Strömte +von dieser Reinheit der betörende Zauber aus, der seine Sinne +durcheinanderwarf und sie <span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>mit lockenden Bildern fütterte? Er begann +heftig zu zittern. Und wieder dachte er an die heilige Theresa, die +einen Wohlgeruch ausströmte, der jeden betörend traf, der sie mit der +Hand berührte. Und sein Geist umklammerte hilfesuchend die Gestalt +seines großen Ordensbruders Thomas von Aquino, den seine Feinde durch +ein schönes Weib verführen wollten, das er durch einen glühenden Span +aus dem Zimmer jagte. Einen solchen Brand wollte er das nächste Mal +entfachen, wenn ihm der Böse wieder das Weib mit den großen dunklen +Augen und dem zweifelnden Herzen schickte. Er hätte sie doch einem +andern Priester zuweisen sollen. Aber dazu war ja noch immer Zeit.</p> + +<p>Er erschrak vor sich selbst. War das nicht alles verwandt mit der +babylonischen Hure, der Weltlust auf dem siebenfach gehörnten Tier? +Noch immer wollte er es sich nicht eingestehen, daß sein eigener +unreiner Geist die Luft verpestete, daß er, er selbst, aus Granada die +Hure von Ninive machen wollte.</p> + +<p>Wie sie sich wehrte gegen den neuen Glauben! Sein Gedanke flog abermals +zur schönen Schülerin zurück. Sie ist noch zu jung! Wie traurig sie +manchmal blickte, wenn sie etwas nicht fassen konnte. Und ihrer Augen +Glut! Und diese sollte wirklich noch nicht geliebt haben? Ging nicht +Magdalena an ihren schönen Augen zugrunde? Aber dann freilich durch ihr +Herz zur Buße.</p> + +<p>Seine Finger griffen nach dem Talisman, den er ihr abgenommen. Wie +oft mögen ihre Lippen an dem Krüglein geruht haben! Und wie unter +der magischen Kraft dieses Gedankens hob er langsam das Gold zu den +eigenen Lippen — aber noch vor dem Kuß warf er es mit einer zornigen +Bewegung auf den Tisch. „Weiche von mir, Satan!“ schrie er laut auf. +Und er glaubte aus seinem Mund den Schwefeldampf des entweichenden +Höllenfürsten rauchen zu sehen. Der Widersacher geht nicht nur wie ein +brüllender Löwe um, sondern auch in der Form zärtlicher Jungfrauen. Ich +will wachsam sein und ihn betrügen.</p> + +<p>In einer Nische, durch einen schweren Vorhang verdeckt, stand der +Schrank, in welchem die Akten der Inquisition verwahrt <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>waren, bevor +sie nach Cordoba gingen. Nur Leon hatte den Schlüssel dazu. Er zog die +Papiere hervor, in denen Unsummen von Klagen, Leiden, Weh und Lüge +zusammengestoppelt lagen. Dann lagen hier die königlichen Edikte, die +Inquisitionsbriefe, die Prozesse von Granada, die Listen über die +Familiares, die Angebereien und vieles andere. Überall glühte am Schluß +der Richtername Lucero, Inquisitor von Cordoba. Dieser furchtbare +Priester, dessen Devise lautete: wir zählen unsere Opfer nicht, wir +wägen sie — freute sich doch, wenn die Zahl der Gewogenen mit jedem +Tag wuchs. Und er wappnete sich mit dem Panzer irdischer Gerechtigkeit, +dem Schild des Glaubens, dem Helm der Buße und dem Schwert des Gebetes. +Nur den Mantel der Gnade breitete er über keine Tat.</p> + +<p>Pater Leon wollte eben die Tabelle der granadinischen Gütereinziehung +hervorziehen — da klopfte es.</p> + +<p>Als sich die Tür öffnete, spürte der Mönch eine Blutwelle zum Herzen +steigen.</p> + +<p>Leonore de Uceda grüßte mit verführerischem Lächeln den erschreckten +Dominikaner. „Der Name des Herrn sei gelobt, und sein Segen komme über +seine Diener!“ Und sie tauchte die feinen Finger in das Weihwasser bei +der Tür.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel"> + Zweiundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">N</span>ach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als +erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar +hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken.</p> + +<p>Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn +er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald +begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige +schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten +sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel +in einer herrlichen <span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen +Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr +Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort +hineinwerfen.</p> + +<p>Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin +da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben +doch nach mir verlangt.“</p> + +<p>Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine +Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel +darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe +in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in +Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei +schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den +betroffenen Mönch.</p> + +<p>Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein +paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte +allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber +zu so später Stunde —?“</p> + +<p>„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele +einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“</p> + +<p>Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu +dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit +in ihrem Lächeln ertrinke.</p> + +<p>„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch +die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla +Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“</p> + +<p>„Ihr — schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich dachte +—“</p> + +<p>Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird +vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater +die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man +geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt +man freier.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span></p> + +<p>„Und vergißt so den Dank, den man — aber im Ernst, ich dachte, daß nun +Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens —“</p> + +<p>„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña +Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden +auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid +in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“ +Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die +Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und — ihres +Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet — nun wird es sich +bejähren, daß ich das letztemal —“</p> + +<p>„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten +Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde —“</p> + +<p>„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen — aber der Ort, +wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur +Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen +Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig +ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals +dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig +den Platz geräumt?“</p> + +<p>„Doña Leonore — dies alles — jetzt —?“ Pater Leon saß an dem +Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles +vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“</p> + +<p>„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne +malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl +lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude — Ena de Isla —, +ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh +gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich +vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile +in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel +unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt — und <span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>wer — wer“ — +sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm — „wer ist jetzt an der +Reihe?“</p> + +<p>Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir +ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an +einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“</p> + +<p>„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“</p> + +<p>„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer +Schönheit spannten.“</p> + +<p>„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar +Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines +Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater +erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und — +mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten. +Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen +Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen. +Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten +lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen.</p> + +<p>Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore — du +zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der +König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun — +der König wird dich wieder aufnehmen.“</p> + +<p>„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben +beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“</p> + +<p>„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon +warnend.</p> + +<p>„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen +würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten +unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter +Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore — was weckst +du Hoffnungen in mir —?“</p> + +<p>„Oh — ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie <span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>rückte schnell +aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu +leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben, +daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine +Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen +Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in +ihr zu rumoren.</p> + +<p>Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht +werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den +Altar scheuen.“</p> + +<p>Leonore de Uceda erschauerte. „Wo sollen wir also —?“</p> + +<p>„Ich wüßte einen Ort —,“ der Dominikaner senkte den Kopf, die kleine +Tonsur lag wie ein Möndlein im Kerzenlicht.</p> + +<p>Die Schöne verstand ihn. Ihre Augen suchten die geheime Tür, die nach +dem Cuarto de Machuca, einem Turmzimmer, führte, wo die eigentliche +Wohnung des Dominikaners lag. „Ich will nicht,“ sagte sie fest und +leise. „Ihr habt dort Ambra —“ Aber in den bläulichweißen Ovalen +funkelten erregt die sinnlichen Augen. „Nein, wir wollen zuerst ehrlich +handeln. Du weißt noch nicht, was mich hierherführt. Ist es wahr, daß +du zum Inquisitor von Granada ernannt wurdest?“</p> + +<p>Er sah betroffen. „Was soll das —?“</p> + +<p>„Das Amt kann dir helfen, dir die Eroberung meines Herzens zu +erleichtern.“ Sie knetete unruhig das herabtropfende Wachs einer Kerze +zwischen den Fingern.</p> + +<p>Der Vikar ging nach der Tür und horchte hinaus. Die nächtliche Stille +drückte wie Blei auf sein Gemüt. Alle seine Fibern waren gespannt. +„Sprich frei!“</p> + +<p>„König Fernando hat mich auszeichnen wollen,“ schleuderte Doña Leonore +ihren Grimm von sich. „Es winkte mir ein klingender Name. Ich sollte +mit einem Mann vermählt werden, den nicht nur der Verstand wählte, +nein, dem auch mein Herz seit einiger Zeit insgeheim entgegenschlug. +Stattliche Männlichkeit, ein tadelloser Charakter, eine fast +tempelherrenartige Gesinnung gegenüber den Frauen — unter solchen +Sternen hoffte ich eine Läuterung meiner eigenen Verworfenheit.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span></p> + +<p>„Ich sehe es kommen,“ lächelte der Pater unzart.</p> + +<p>Der Fächer der schönen Frau zitterte über der Wange. „Weh dem +Weib, das sich, verschmäht von dem Heißbegehrten, nur mit Wünschen +begnügen muß. Ich habe mit den Augen um ihn geworben, mit der ganzen +Koketterie meines Wesens um seine Standhaftigkeit gerungen, ich +habe mit überströmenden Worten der Liebe um sein Herz gekämpft. Die +Antwort schmeckte bitter wie Wermut. Mit dem Panzer ewiger Keuschheit +umhüllte sich der Prahlende, mit der Miene des Kostverächters warf er +meine Liebe von sich, ohne auch nur daran zu nippen. Hörst du, Juan? +Eine Uceda wegwerfen wie eine unnütze Schale, deren Trank man nicht +benötigt. Dominikaner! Von vornherein wegwerfen und keine Träne nach +ihr weinen! Alles unter dem Vorwand klösterlicher Tugend! Ein Mann, ein +Ritter, ein Hauptmann des Königs!“</p> + +<p>„Ah! Die Sonne taucht aus Wolken!“ fuhr der Mönch auf. „Es ist Don +Pedro de Solar Graf von Mora.“</p> + +<p>„Daß dir der Name Flammen ins Herz würfe, die für meine Rache glühten!“ +schlug es wie eine böse Lohe in ihr auf. „Und ich mußte an dem Eis +seines Herzens abgleiten! Soll ich die Spottgeburt einer Dulderin sein, +ich, die Malagueña, die Geliebte eines Königs? Die geträumt hatte, +mit einem Augenzwinkern Throne erzittern zu machen? Siehst du, Juan, +ich hätte die beleidigende Abweisung erduldet, wenn ihre Beweggründe +wahrhaftig die unselige Unverletztheit seiner Tugend gewesen wären. +Und fast schien es so. Aber dann ließ ich meine Spione hinter dem +täglichen Gang seiner Füße schleichen, ließ sein Treiben beobachten +und von bezahlten Leisetretern jeden Seufzer seiner schönen Augen auf +der Straße auffangen, und dann — o über den Tag! Mit diesen meinen +Blicken riß ich ihm das Geheimnis aus der Brust. Der Himmel muß oft +eine merkwürdige Wollust haben, das Herz einer Frau in Qual erzittern +zu machen! Die beleidigte Liebe hat scharfe Augen, und diese sahen — o +Priester, weißt du es noch nicht? Damals vor deinen Füßen geschah es — +die Maurin mit dem Koran —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span></p> + +<p>„Wirf deine schönen Funken in den Brand!“ freute sich der Vikar +unverhohlen.</p> + +<p>„Eine Maurin!“ pfeilte der Hohn von dem schönen Mund. „Dunkelleibig, +zart und glatt. Darin hat er sich verbissen!“</p> + +<p>„Ich sehe ihn noch, wie er in hellem Zorn den Degen zwischen mich und +sie — oh, sie ist gewachsen wie eine Spindel aus der Guadarrama.“</p> + +<p>Sie zischte vor Zorn über die Kränkung. „Eine Maurin, in Gottes Namen! +Eine, deren Wollust für die kurze Dauer einer Fastnacht beglückt, die +nicht mehr die Anmut des Errötens kennt, wenn sie halb ihre Kleider +wegwirft! Eine Schwärmerei für die arabische Seltsamkeit, sei’s denn! +Aber Liebe, herzaufwühlende Liebe? Dieses Schauspiel den Spaniern? +Und den Spanierinnen? Wenn Christenritter einst Maurinnen ins Ehebett +nahmen, geschah es um Länder, Burgen, Grenzen. Aber aus Liebe? Wie +soll ich nicht das Opfer meiner Eifersucht werden, wenn ich stückweise +Proben seiner zerfallenden Keuschheit zu kosten bekomme? Er führte sie +zur Taufe, seine Augen verschlangen sie, die Lippen, die mir Worte des +schmerzlichen Abschieds logen, brannten nach ihr — ich sah es mit +diesen meinen Augen —“</p> + +<p>Der Vikar runzelte die Stirn. „Der Eifer wird zum Vulkan, aber man muß +gestehen, er sprüht um einen liebenswerten Gegenstand. Aber Liebe, +sagst du?“</p> + +<p>Sie fuhr hoch. „Liebe!! Seine Blicke sprachen Liebe! Soll ich sie +beide im mondlichen Garten im zärtlichsten Geflüster belauschen? +Meine Eifersucht würde vorschnell der Verräter sein. Oh, wie er mich +behandelte! Vor meinen Damen, von oben herab! Vor den Damen, die sonst +nur Zeugen der schmeichelnden Verehrung kastilischer Granden waren +— mich wegzuwerfen — vor diesen Damen!“ Ihre frauliche Empörung +machte sie fast ersticken. Dann raffte sie ihre Glieder zusammen und +ihre Augen stielten sich. „Sie ist eine Cava — so heißen sie ihre +Hexenweiber — ach, Juan — räche mich!“</p> + +<p>Ihre Glut brannte in sein Herz. „Was — willst — du?“</p> + +<p>„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm <span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>dürstet. Sie +wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich, +daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in +den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen? +Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß +sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu +verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid, +das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser, +und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan +— Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr +eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als +Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man +welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu +das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und +die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht +beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von +Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede, +sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis +sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich +die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie +spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah — ach, +welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig +zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt +köstlicher Lohn!“</p> + +<p>Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen? +Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“</p> + +<p>„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich +reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde +wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört +hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann +nicht, kann nicht. Juan — hilf, hilf — du kennst den Preis!“ Sie +zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit. +„Weib, du forderst Furchtbares — zu deinem zerbrochenen Herzen ein +zweites, drittes, viertes — o Himmel und Hölle!“</p> + +<p>Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine +Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan +— aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in +Cordoba —“</p> + +<p>„Eva — Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“</p> + +<p>„Und doch will ich dir den Himmel erschließen — und mich dann reuevoll +in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“</p> + +<p>„Und ich soll zum Judas werden — soll sie foltern — den schönen Leib? +Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb +tragen — so rein ist dieses Weib — und ich soll —?“</p> + +<p>Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen +ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer +Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch — du wirst mich rächen! Sag’ +— wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie +einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“</p> + +<p>„Ja — man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“</p> + +<p>„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie +beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe +dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib — ist wieder dein!“ +Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze +gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit.</p> + +<p>Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe — +wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner +Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob! +Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o +Herr — ich versinke —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span></p> + +<p>Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen — da taumelte +er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er +riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe +der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime +Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier, +von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs +neue auf.</p> + +<p>Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst. +„Nimmer — Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab — du sollst den Preis +nicht früher haben, bis — bis — das Lamm geschlachtet vor mir liegt. +Schwöre!“</p> + +<p>Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten — +eingegriffelt — im Buch der Siegel — am Jüngsten Gericht —“</p> + +<p>„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des +Vampirs raste über den Scheitel des Mönches.</p> + +<p>Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich — +schwöre —“</p> + +<p>Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt — so lieb ich +dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf +sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein +Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben. +Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende +Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen +an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe +und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest +brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares +Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte +sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur +Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In +wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen +Jungfrau, über dem Altar.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span></p> + +<p>Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes +Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts +dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des +Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle. +Er rieb sich die Augen — Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie +mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem +Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith +mußte Männer verderben — du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in +die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem +Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins +Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer —</p> + +<p>Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich +fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein +Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes +menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem +Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester +erspart.</p> + +<p>Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte +ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit +Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña.</p> + +<p>Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“ +wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust! +Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach +der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu +bereuen.</p> + +<p>Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich +schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der +Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen +reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an +den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen +wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im +Kampf mit meinem Gewissen <span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im +Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst +nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser +spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen. +Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das +Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe +hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des +Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja +doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft +schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also +mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter +Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die +Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten, +die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet +werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was +so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen +Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein +Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten +Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht — +genieße sie!</p> + +<p>Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem +Winkel lauerte.</p> + +<p>Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag +ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen +nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt +an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die +Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das +Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie +einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva. +Dort schlief sie wohl jetzt — die schöne —</p> + +<p>Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das +nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>Inneres? +Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer +Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig +durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn +hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem +Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem +jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte. +Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im +silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die +Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer +maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln. +Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von +Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim.</p> + +<p>In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib +zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach +einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des +Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in +die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief +Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an +die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden +Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel"> + Dreiundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">W</span>enn die wunderschöne Königstochter vorbeireitet, ist es, als zöge +ein Meteor über den granadinischen Himmel. Alles gafft und starrt. +Die bronzene statuarische Gestalt auf dem weißen Zelter gleicht einem +Beduinenmädchen, das ruhevoll durch die Zeltgassen ihres Stammes zieht. +Man spricht in den vornehmen Häusern der Christen von dem Reiz dieses +Mädchens mit demselben Eifer, den man Maurenkämpfen, Turnieren und +Stiergefechten widmet.</p> + +<p>Der Graf Tendilla brachte ihr die Huldigung der andalusischen +<span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>Ritter in der Form eines goldenen Standkreuzes. Übergetretene Fakis +beglückwünschten das neue Taufkind und granadinische Christenmädchen +tanzten vor der Alcazaba an schönen Abenden den Fandango.</p> + +<p>Doch so ruhig die Stadt schien — draußen in den Alpujarras erhob sich +dräuend das Gespenst des Aufruhrs. Die Beni Mossad, hieß es, seien +nicht ausgewandert, sondern befänden sich mit ihrem Anhang in den +Bergen, wo sie die Monfis sammelten, um den geliebten Imam zu befreien. +Tatsächlich hielt Maria de Calabreña heimlich Verbindung mit dem +Gebirge, es kamen als Bettler und Händler verkleidete Vertraute in den +Alkazar und gaben dort ihre Briefe ab, die dann Doña Maria in den Turm +der Cautiva schmuggelte.</p> + +<p>Das Königskind litt an seiner Liebe. Ihr Herz unterschrieb nicht, was +ihr Verstand ausklügelte. Oft horchte sie hinaus in die Nacht, die +schon auf ihren Schwingen Frühlingsvorschauer hereintrug, und ihr +war, als müßte sie aus dem Turm fliehen, weit, weit weg, um dann ihr +Schicksal fern von der Alhambra zu beweinen. Es kamen sonnenwarme Tage, +aber sie belebten das Gemüt Reijas nicht. Selten sah sie den Grafen +de Mora. Nur durch Saffana erforschte dieser die Seelenstimmung des +Mädchens. Auch er war von dunklen Gewalten hin und her geworfen, die +alte Dienstbeflissenheit war erstorben, seine Strenge gab sich gequält, +sein Ordnungssinn war erschüttert.</p> + +<p>Eines Tages stand wieder Hernando de Rojas vor ihm, das Freundesherz +beladen mit Sorge. Don Pedro hielt ihm freudestrahlend einen Zettel mit +Versen hin.</p> + +<p>Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“</p> + +<p>Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der +Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei +nachsichtig.“</p> + +<p>Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt +arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf +persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter <span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span>den Muallakat hängen +wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der +Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu +Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst +so dem König nicht weiter dienen.“</p> + +<p>„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin +geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert, +während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“</p> + +<p>„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando +warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht +mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr +hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus — willst du +Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines +Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen +Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege +alles, aber dann endlich eine Tat!“</p> + +<p>Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña +Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie — +auswandert.“</p> + +<p>Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen. +„Daran glaubst du selbst nicht.“</p> + +<p>Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die +Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam. +Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten —</p> + +<p>Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu +ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der +Cautiva.</p> + +<p>Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien. +Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug.</p> + +<p>In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria +de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. <span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span>Der Graf +konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der +festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf +den Vorhang hinter ihm zu.</p> + +<p>„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde. +„Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was +gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an.</p> + +<p>Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen +mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und +das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den +schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust. +„Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er.</p> + +<p>„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien +bedeutet.“ Es klang müde und kühl.</p> + +<p>Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla, +— daß — der Gefangene — mit einer Sklavin sein Auslangen finden +könne.“</p> + +<p>Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen, +daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“</p> + +<p>Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man — bittet Euch, die Alhambra +nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem +andern.</p> + +<p>Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der +Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“</p> + +<p>Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine +glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf +in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm.</p> + +<p>Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem +Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den +Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach +rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß. +„Warum quält man <span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>den alten Mann und — mich? Was soll ich noch tun? +Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier —“</p> + +<p>„Findet Ihr — Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er +einen Pfeil nach ihrem Herzen.</p> + +<p>„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig. +Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob +er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht, +an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr +dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den +Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde.</p> + +<p>Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra +verlassen.“</p> + +<p>„So will ich’s eben tun — Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen +Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es +geschehen?“</p> + +<p>„Morgen — — heute — —“ Don Pedro würgte an den Worten.</p> + +<p>Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will +mich der Graf Tendilla forthaben?“</p> + +<p>„Nicht er — ich selbst will es.“</p> + +<p>Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan — daß Ihr +— mich so —?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen.</p> + +<p>Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen +und ihre Hände an sich reißen.</p> + +<p>„Seid bedankt — für die Milde — mit der Ihr — uns —“ Wieder +schnitten ihr Tränen das Wort entzwei.</p> + +<p>Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem +aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff +heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht — seht mir ins Auge.“</p> + +<p>Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf +ihn.</p> + +<p>Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit +<span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span>schmerzlicher Glut. „Hier — hier liegt mein wahres Gesicht — schlagt +mir die Würde aus dem Leib — ich kann nicht anders — so, so liebe ich +dich!“</p> + +<p>Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O +war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was +für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den +sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem +Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und +Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche +Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in +der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener +Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der +Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie +die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle +und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger +Gewalten zu erliegen. „Feta — Feta — nun weiß ich — daß ich gehen +muß.“</p> + +<p>Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände. +„Eure Nähe versengt mich — geht oder bleibt — ich bin verloren.“ +Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen.</p> + +<p>Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden +Finger. „Was — hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen +Liebe willst du —? o Gott mit den neunundneuzig Namen — die Ehre des +Königskindes — in den Staub — flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“</p> + +<p>„Fliehen — bleiben — das Unheil kommt!“</p> + +<p>„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in +sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel.</p> + +<p>Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und +warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind +umarmt, zog er das Mädchen an sich, <span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>daß die aufgebrochene Rosenblüte +ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein. +Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben +und Nehmen. „Gott — was hab’ ich — getan? Wer wird mich vor mir +selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund.</p> + +<p>Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich +habe eine Christenbraut!“</p> + +<p>Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr +Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze +Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte +sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben +erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht +erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte? +Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer +zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter +Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem +Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster — Feta du — Feta der Sonne +— war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach, +haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück +keimen — Insch’allah!“</p> + +<p>„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte +er bewegt.</p> + +<p>„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir +genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch +ein Wirrsal ist sie!“</p> + +<p>„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner +Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein +Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was +auch ohne sie schon Wert besitzt.“</p> + +<p>„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du +Stürmer in der Schlacht — aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich +will kein Königskind mehr sein! Deine <span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>Geliebte will ich sein — deine +Taube, Rose, dein Schmetterling — gib mir die Liebesnamen deines und +meines Volkes.“</p> + +<p>„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie +eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar, +aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte +er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen +geheiligter erschien: „Reija!“</p> + +<p>Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn +mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu +vertrauen, Freund meines Herzens!“</p> + +<p>Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund +gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch +sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du, +Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die +Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit +Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer +Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“</p> + +<p>„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig.</p> + +<p>„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will, +lebe der Einsamkeit.“</p> + +<p>Don Pedro schüttelte unmutig den Kopf. „Das will ich nicht.“</p> + +<p>„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“</p> + +<p>„Das will ich nicht.“</p> + +<p>„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie.</p> + +<p>„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und +Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide.</p> + +<p>„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein +besserer Liebhaber als Dichter werden!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span></p> + +<p>„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein, +mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern +Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter +Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast +du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du, +Rose von Andalus?“</p> + +<p>Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so. +Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin +aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir +einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf +mir mit deiner Liebe auf — richte nicht gleich — hab’ Mitleid mit +mir.“</p> + +<p>Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern +siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken +wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein. +Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen +sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten. +Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines +Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß +deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern +Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im +Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das +Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der +Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der +dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite, +dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir. +Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch +des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in +gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang +der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria, +die Jungfrau voller Gnaden im Bilde <span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>nah, und in Demut wandelst du +zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“</p> + +<p>Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz. +„Ach, ich will ja so gern glauben — um deinetwillen — aber ich flehe +dich an — hasse mein Volk nicht!“</p> + +<p>Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe +begrub ich längst meinen Haß.“</p> + +<p>„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre +Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine +Enttäuschung.</p> + +<p>„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“</p> + +<p>„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und +im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es +schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern — sie verzehren sich +nach Freiheit und Licht — sie wollen auswandern — Eswer Ben Zerragh +ist darunter —“</p> + +<p>Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter +den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht +teuer ist.“</p> + +<p>Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die +Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den +Namen trägt — er liebt mich, aber ich — liebe ihn nicht.“ Wie eine +schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den +Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe, +bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei +damit beglücken können!“</p> + +<p>Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte +die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht +sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in +meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will +ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du —“ ihr +heißer Blick wurde lauernd — „du läßt den Zettel hineinschmuggeln — +und ich sorge dafür, <span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein +verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge +hat.“</p> + +<p>„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe.</p> + +<p>Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro — mein +Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu +mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde +des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht +— liebst — mich — nicht —“</p> + +<p>Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst +Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese +kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah +verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen +verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen +List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer, +sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König +selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das +Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese +Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen +Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser +eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück? +In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles, +was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt +war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre +Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen.</p> + +<p>So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust, +schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm +endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem +Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas +angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines +Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan +beinahe gerecht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span></p> + +<p>Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch +den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen +um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila +tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon +wartet auf mich —“</p> + +<p>„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der +Eifersucht.</p> + +<p>„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in +freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem +Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil +du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“</p> + +<p>„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen +Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie +könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“</p> + +<p>„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum +Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht.</p> + +<p>Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus.</p> + +<p>Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen. +„Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen +dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der +Tränke. Kismet alles!“</p> + +<p>Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in +dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr +halbbetäubtes Ohr klang.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel"> + Vierundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">E</span>in von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die +Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging. +Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten, +bis die Herrin wiederkam.</p> + +<p>Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein +geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und +<span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu +schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen +zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen +gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während +der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf, +hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend +vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und +hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das +Volk beweinen konnte.</p> + +<p>Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten +Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von +Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der +vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den +Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria +fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf.</p> + +<p>Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout, +mit malagischem Edelwein verdaut.</p> + +<p>Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf +ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater +witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen +sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie +mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte +köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und +Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein.</p> + +<p>Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand +hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden +lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in +heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der +Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der +Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars +geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus +geistig zu vermählen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_214">[S. 214]</span></p> + +<p>Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er +sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren. +Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr +das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und +des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den +erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre +Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer +schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm.</p> + +<p>„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er +mit einem kaum verhaltenen Lächeln.</p> + +<p>„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit.</p> + +<p>„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er +verweisend.</p> + +<p>„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer +Gedanken.</p> + +<p>„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel +mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“</p> + +<p>„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“</p> + +<p>„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum, +die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute +nicht beichten?“</p> + +<p>Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in +ihrem Glück?</p> + +<p>„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr +Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich.</p> + +<p>Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine +Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte, +schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als +wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen.</p> + +<p>Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen +das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende <span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span>Kraft der +Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch +alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein +zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“</p> + +<p>Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen. +„Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit +der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich +zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der +bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und +hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes +ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese +feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten, +berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer +Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen: +„Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe +Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott +vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur +mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über +ihr Haupt. „Bekenne — bekenne —“ drängte er, die Augen auf ihren +schwarzen Scheitel gerichtet.</p> + +<p>„Ich habe nichts zu bekennen, als daß —“ Sie stockte und schnellte +dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „— als daß ich liebe.“</p> + +<p>Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis +von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe, +als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte +ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er +eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten.</p> + +<p>„Einen Ritter — Feta —“ gestand sie beengt.</p> + +<p>„Wer ist es?“</p> + +<p>„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte +sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“</p> + +<p>Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die <span class="pagenum" id="Page_216">[S. 216]</span>Natur hat dir das +Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“</p> + +<p>„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot.</p> + +<p>„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele +ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren +Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen +Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und +bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“</p> + +<p>„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken.</p> + +<p>Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist +selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“</p> + +<p>Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter — Vater! O laßt sie mir heilig +sein.“</p> + +<p>„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die +Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das +Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen +Küssen zu vergehen?“</p> + +<p>„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus.</p> + +<p>„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein +Atem dampfte gegen ihr Gesicht.</p> + +<p>Da vergrub sie vor Scham ihr Haupt in die Hände. „Fragt nicht weiter —“</p> + +<p>„So hast du es schon getan?“ flammte er in ihre Verwirrung.</p> + +<p>„Nein!“ erklang es mit verzweifelter Wehr. Und abermals barg sie das +glutübergossene Gesicht unter dem schwarzen Wald von Haaren in ihre +Hände.</p> + +<p>Er atmete auf. „Wenn du dich ganz deinem Gott nähern willst — und das +willst du doch — so ertöte überhaupt die Liebe in dir.“</p> + +<p>„Bei Gott und dem Propheten —“ erschrak sie heftig. „Verzeih <span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span>— die +Gewohnheit — bei Gott und den Heiligen! Das — kann — ich — nicht.“</p> + +<p>„Brennend und qualvoll ist die Liebe zu einem Mann, bei den Schmerzen +wirst du die Freuden vergessen, die dir die Umarmung bereitet. Deiner +Kinder Leid wird das deine sein —“</p> + +<p>Das Blut schnellte ihr in die Wangen. In ihrer rührenden Wehrlosigkeit +erschien sie ihm wie ein Seraph. „Fühlst du schon die Kümmernis, +liebe Seele?“ wühlte er aufs neue in ihrer Wirrnis herum. „Entsage +dem stürmischen Meer der Welt und ziehe dich in einen heiligen Hain +zurück, wo die Stimmen des Lebens sanfter schwingen und die Einkehr +der Seele leichter ist als im Lärm des Tages. Dort sind die Wälle der +Unschuld errichtet, dort versammeln sich um dich die gleichgesinnten +Schwestern und helfen dir, Leid zu tragen und Freude zu empfinden. In +dem Augenblick, da du die Klosterschwelle überschreitest, verschwindet +die äußere Welt und eine innere öffnet sich dir, es naht Jesus mit +den Heiligen und spendet dir stündlich unsagbare Wonnen. Nicht ein +Grab ist es, in das du steigst, Paradiesesstille und himmlischer Glanz +überfluten deine Seele im Gebet. Ich wüßte dir hier ein Nonnenkloster +zu ‚Unserer Frauen Ängsten‘, wo du alle Liebesängste vergäßest. +Liebliche Schwestern triffst du dort, für die Beichte würde ich sorgen. +Überlege es, Tochter der Welt, die du dann Braut Christi werden +würdest.“</p> + +<p>Maria de Calabreña hörte Worte rauschen, deren schwerwiegenden Inhalt +sie nur mühsam begriff. Aber sie sah die traurigen Gestalten der +schmucklosen Nonnen in ihren weltfremden Gewändern durch die Gassen +von Granada wandeln und das Herz krampfte sich zusammen und wehrte +sich mit der ganzen Kraft seiner Liebesfreudigkeit gegen die Lockung. +Beinahe hätte sie laut aufgelacht, als sie sich vorstellte, wie sie +im schwarzen Nonnenkleid, das Gebetbuch in der Hand, nach der Kirche +wandelte. Aber sie spürte den zunehmenden Druck dieser mahnenden +Priesterhand, der fast zu schmerzen anfing, und so stöhnte sie leise +vor sich hin: „Nonne — Nonne — ich fass’ das nicht — Braut Christi? +So sind diese Nonnen alle Bräute Christi?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span></p> + +<p>„Das sind sie in der Tat.“</p> + +<p>„Aber dann hat ja der Herr Jesu tausendmal mehr Bräute, als ein Kalif +Frauen hat.“ Sie staunte aus ihrer ganzen Ehrlichkeit heraus.</p> + +<p>Der Vikar hatte Mühe, ihr die Geistigkeit dieses Brautverhältnisses +zu erklären. Nimmer konnte sie das traurige Schicksal dieser ewigen +Brautschaft begreifen, der keine Hochzeit folgen konnte. „Ach — ich +kann nicht — Nonne werden — weil —“ und übermächtig wogte es aus +ihrer Brust: „Ich liebe zu heiß!“</p> + +<p>„Das unreine Feuer der Liebenden hat niemals genug und verzehrt am +Ende die Liebenden selbst. O schmerzensvolle Liebe! Das Herz des +Beichtvaters schlägt in väterlicher Liebe zu dem Beichtkind, und was +dieses betrübt, betrübt auch ihn. Ihr habt Euer Agnus Dei — küßt Ihr +es oft?“</p> + +<p>„Ich drücke es am Abend immer an die Lippen.“ Ihre Stimme klang brüchig.</p> + +<p>„Gebt — daß auch meine Lippe sich daran erfreut.“ Er neigte sich zu +ihrem Busen herab und küßte das Wachsscheibchen im goldnen Gehäuse. +Seine Sinne schlürften den herben Hauch ihrer Brust und sein Mund +sog lang an der Stelle, die ihre Lippen allabendlich berührten, und +seine Vorstellungskraft weidete sich an dem Bild, daß er durch diese +Berührung mittelbar ihren eigenen Kuß empfände. Maria erschauerte bis +ins Mark, als sie seinen Kopf, seine Haare, die Tonsur so nahe an ihrem +Busen spürte. War denn das wirklich Christenpriesterart? Es wurde erst +wieder Licht vor ihr, als sich das Haupt von ihr hob. Wie eisigkalte +Ströme rann es durch ihr Hirn.</p> + +<p>Ein paar dürftige Sündlein bröckelten sich von ihrem Herzen ab, dann +erklang wieder des Dominikaners fremdes Gemurmel, seine Hand machte +das Kreuzzeichen über sie und dann konnte sie sich erheben. Er gab +ihr als Buße einige Gebete auf und befahl ihr, keinem Menschen ein +Sterbenswörtlein von allem, was sie im Beichtstuhl gesprochen und +gehört, zu sagen. Durch eine Handauflegung auf ihren schleierbedeckten +Scheitel entließ er sie.</p> + +<p>Maria de Calabreña hatte das Gefühl, als schritte sie qualvoll <span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span>aus +einer großen Gefahr heraus und doch wußte sie sich nicht zu sagen, +wovor sie Angst empfand. Von Bängnis durchwühlt, wankte sie die Treppe +hinab.</p> + +<p>Der Dominikaner zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihr schloß. +Er, der arme Priester, stand da allabendlich einem königlich-stolzen +Mädchen gegenüber. Ein Sündenhauch wehte über seinen Leib. Das gestand +er sich ein. Und er schauderte einen Augenblick vor der Sünde wider +den Heiligen Geist, vor der Übertretung des kirchlichen Gebotes und +der Sittlichkeit zurück. Hier war er wenigstens noch nicht Verräter +an seinem Gott geworden. Aber da verdrängte ein anderes Bild seine +kämpfenden Gedanken.</p> + +<p>Leonores zauberischer Liebreiz, von den Flammen der Leidenschaft +erhöht, stellte sich im Geist neben die zarte Schönheit der +Moriska. Wie lag hier alles noch verknospet, was dort schon in +beglückender Reife Wonnen spendete! Wie behütete das Maurenkind seine +Jungfräulichkeit mit dem natürlichen Panzer ihrer Tugend, während dort +ein ausschweifendes Schenken und Sündigen zweite Natur geworden war. Ob +diese braune Königstochter je so weit kommen konnte? Aber fließt nicht +des Vaters Lüsteblut in ihren Adern? Dann war sie doch einmal zum Fall +reif.</p> + +<p>Er bebte am ganzen Leib. In die brennende Urtiefe des Lebens, in das +Wesen des Doppelrätsels Mann und Weib schwang sich sein brünstiger +Wille hinab. Ohne dieses Verlangen, das seine Kirche ein Sündenwerk +nannte, glaubte er nicht ganz Mensch sein zu können. Sollte er die Qual +der Ausgeschlossenheit vom Irdisch-Menschlichen leiden? Ach, schwer +drückte das Joch der Tiergebundenheit auf ihn. Keine heilige Anwandlung +hatte er mehr, sein viehisches Gelüste riß ihn aus dem Himmel, den +er mit seinen Gedanken schon schändete. Das Wunder der Zeugung alles +Lebens griff mit schrecklichen Armen nach ihm und raunte ihm zu: Auch +du entgehst mir nicht, aber du fassest mich mit deinem verfluchten +Geist.</p> + +<p>Pater Leon wog in seinem Geiste die beiden Schönheitsgebilde ab. Dort +besaß er schon — hier konnte er bald besitzen. Es mußte <span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>köstlich +sein, um diesen jungfräulichen Leib zu ringen, und er hatte gewichtige +Helfer bei dieser langsamen Belagerung: die entweihten Dogmen und die +Glaubensmittel seiner Religion. Was sein unreiner Sinn berührte, fiel +aus der Höhe der Würde hinab in die Tiefe der Gemeinheit. Christen- +und Priestertum versanken in seinen sündigen Wünschen und aufstieg +der tierische Mensch. Der entheiligte Gott sollte ihm helfen, seine +Gelüste zu befriedigen. Er hatte nicht den Zauber der Verführungskunst, +der sonst liebenswürdigen Naturen zur Verfügung steht, die durch ihr +Wesen selbst verführen. Er konnte nicht die Schmeichelrede des Alltags, +die tändelnde Sprache des Majo, des galanten Liebhabers führen, nicht +die werbende Zärtlichkeit des Schwärmers gebrauchen. Aber er hatte +die unheimlichen Fallen und Requisiten der einschüchternden Kirche in +Händen. Er hatte einst Leonore de Uceda damit bezwungen, er konnte —</p> + +<p>Sein Hirn geriet in furchtbaren Brand. Vor seinen Augen kreisten +farbige Ringe und in seinen Ohren knisterte es wie Funkengestöber der +Hölle. Skrupellos, beinahe mit dem Abgrund des Verderbers liebäugelnd, +vergrub er seine Gedanken in lodernde Bilder der Wollust. Eines vor +allem bestürmte seinen Sinn. Er wollte demnächst — die Mittel hatte er +dazu — die schönen Füße Marias de Calabreña nackt sehen. Er krümmte +sich in süßer Qual. Ein Wort des heiligen Augustinus stahl sich als +Trost in seine Seele: <span class="antiqua" lang="la">O felix culpa!</span> Ohne Adams Schuld wäre +keine Erlösung gewesen.</p> + +<p>Folgerichtig aber glitt nun sein Geist in einen furchtbaren Haß hinein, +der ihn zur unerbittlichen Verdammung zwang. Einen Namen schleuderte +dieser Teufel mitten in sein Dürsten: Don Pedro de Solar! Das Ungeheuer +Eifersucht hakte seine Tatzen in seine Brust. Es gefiel ihm, die Würde +des Ritters zu zertrümmern. In dem Degen, den der Ritter zwischen sie +und ihn gelegt hatte, sah er das trennende Werkzeug zwischen Mann und +Mann. Er konnte dem Grafen unmöglich die Blüte gönnen, nach der sein +eigener Wille dürstete. Was forderte Leonore de Uceda? Die Vernichtung +der Rivalin? Ei, er wollte sich ein anderes <span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span>Ziel setzen. Und sollte +sein Wollen des Teufels sein, er mußte versuchen, um dieser Perle +willen die Muschel zu zerbrechen, die sie für ihn verschloß.</p> + +<p>Wie von Dämonen gepeitscht, jagte er sein Judasgewissen aus einer Hölle +in die andere.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Funfundzwanzigstes_Kapitel"> + Fünfundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">Ü</span>ber die Kaktus- und Aloehecken der Landhäuser strichen die +balsamischen Düfte der aufgewühlten Frühlingserde. Das Licht in den +engen Gassen wurde klarer und goldener, der Darro brauste jugendlicher +am Hang der Alhambra vorbei, in der Vega keimte die junge Saat auf und +an den vergitterten Fenstern des Albaycin prangten die ersten Blumen.</p> + +<p>An einem goldblitzenden Morgen ging es wie ein Lauffeuer durch die +Stadt: Eswer Ben Zerragh ist entsprungen. Der Gobernador fluchte. Man +untersuchte das Gefängnis, man vernahm alle Wachsoldaten ein, nur den +einen nicht, der entflohen war. In die Gebirge wurden Streifscharen +geschickt — ohne Erfolg. In die Barrancos der Alpujarras wagte man +sich nicht, da die Monfis zu zahlreich waren. Um so gewisser war es, +daß sich der entsprungene Maurenfürst in dieses Retiro geflüchtet.</p> + +<p>Das Herrscherpaar wurde erwartet. Die Königin wollte die ‚bekehrte‘ +Stadt in ihrem neuen Glaubenskleid sehen. Ximenes ritt ohne Bedeckung +durch die Gassen. Das stählerne Gemüt des Kanzlers glaubte sich +gottgeborgen. Der Erzbischof Talavera versank neben ihm in ein +wesenloses Nichts. Pater Leon, der scharfe Seelenreiniger und +-peiniger, ernannte seine theologischen und weltlichen Beisitzer +und bald wurden neue Edikte des geheimen Gerichts in den Gassen +ausgerufen und es war zu hören, daß eine Unzahl von Handlungen und +Unterlassungen durch das heilige Gericht geahndet werden würden: +Hexerei, Gotteslästerungen, das Anrufen von Teufeln, das Bezweifeln +von Glaubensartikeln, das Beschimpfen und Beschädigen von Kruzifixen, +<span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span>das Verführen von Frauen im Beichtstuhl, die Vernachlässigung der +Anzeigepflicht von Ketzern und vieles andere, was ein teuflischer +Erfindungsgeist spitzfindig ausgeklügelt. An den Wochentagen zogen die +Familiares mit Trompeten und Trommeln unter Anführung des höchsten +Alguacil durch die Gassen, und auf den Plätzen wurde das Edikt +verlesen. Binnen sechs Tagen mußten die Anzeigen über jene Personen +erstattet sein, die sich eines der bezeichneten Vergehen schuldig +gemacht hatten. Den Denunzianten wurde völlige Verschwiegenheit +zugesichert. Selbst dem Beschuldigten sollte ihr Name nicht genannt +werden.</p> + +<p>Die Moriskos erschraken vor dieser gräßlichen Rechtsprechung. Wer +einen Feind hatte, war ihm wehrlos ausgeliefert. Jeder Haß konnte +sich durch die Tür der Inquisition Luft machen, wer einen anderen +schädigen wollte, brauchte nur eine falsche Anzeige erstatten und man +schenkte ihm Glauben. Niemand war mehr seines Eigentums, seines Lebens +sicher. Schrecklicher noch als die aufrechten kastilischen Soldaten +des Königs trat jetzt das Gespenst des furchtbaren Gerichts, dessen +Vorschauer schon vor Wochen aus Cordoba herübergestrichen waren, unter +die bebenden Moriskos. Sie, die kaum eine flüchtige Berührung mit den +Dogmen der Kirche hatten und noch unsicher in den Riten herumtappten, +konnten jeden Augenblick wegen einer angeblichen Übertretung gepackt +werden. Wohl versprach man gelinde Strafen, aber man wußte, was man +von spanischen Versprechungen zu halten hatte. Man zitterte um seine +kärgliche Habe und vor der bevorstehenden Schmach, verspottet und +beschimpft im Sanbenito jahrelang unter den Christen wandeln zu müssen. +Alles zog sich furchtsam in die Häuser zurück, wo man wenigstens +flüsternd das Leid von der Seele wälzen und dem alten Glauben +nachtrauern konnte.</p> + +<p>Die Könige kamen, begrüßt von der Moriskomenge, der man die +Begeisterung in die Seele gedroht hatte. Vom Leid verdunkelte Mienen, +freudlose Augen, verhärmte Wangen — fürwahr, die Königin hatte nicht +viel mehr erwartet. Sie warf während des Eintritts beziehungsvolle +Blicke nach Ximenes, <span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span>um dessen Herz der Eisenpanzer der Härte lag. +„Was für eine Stadt!“ entfuhr es ihren Lippen. „Das Volk scheint nicht +glücklich.“</p> + +<p>Der Erzbischof zuckte mit keiner Wimper. „Der einheitliche Glaube ist +da.“</p> + +<p>„Er ist mit Leid erkauft worden. Verzweifelte Klagen drangen über die +Schwelle meines Gemachs. Man erwartet alles von meiner Gegenwart.“</p> + +<p>„Wenn diese Gegenwart auch nur ein Haar von dem verrücken sollte, was +meine starke Hand erbaut, dann wäre der heilige Eifer umsonst gewesen.“ +Er sah die Königin mit einem bezwingenden Blick an.</p> + +<p>„Hat die Inquisition Arbeit bekommen?“ fragte Isabella.</p> + +<p>„Es ist möglich, daß zu Ostern Scheiterhaufen brennen.“</p> + +<p>Die Königin erschrak. „Die Eile wird das Volk rasend machen. Meint Ihr +nicht, daß die Barmherzigkeit größer sei als die Gerechtigkeit?“</p> + +<p>„Man wird barmherzig sein und oft nur Güter einziehen, wo die +Verbrennung angebracht wäre.“</p> + +<p>„Große Seelen wachsen durch die Bedrückung. Die Moriskos haben große +Seelen. Sollen sie uns noch gefährlicher werden?“</p> + +<p>„Dann vollenden kastilische Reiter das, was wir begonnen,“ entschied +der kriegerische Hohepriester. — — —</p> + +<p>Der Graf de Mora hatte den Weg in die Alcazaba gefunden, wo nun Reija +mit ihren Sklavinnen ihr junges Glück durchsann. In seinem Gewissen +hämmerte die Schuld. Der Abencerrage war vogelfrei. Der Gewinn war +durch ein schuldbeladnes Gewissen teuer erkauft worden. Reija wußte +nicht, wohin sich der Maure gewandt. Aber der Graf schalt sich einen +Toren, weil er die Flucht seines Rivalen selbst begünstigt. Dann +verscheuchten wieder die Liebesbeteuerungen des Mädchens alle Wolken.</p> + +<p>Als das Glaubensedikt kam, grübelte sich Reija mit ihrem beweglichen +Verstand so gut es gehen wollte, in die Heilslehren hinein, nur +bemerkte Don Pedro de Solar an ihr ein verdunkeltes Wesen, wenn sie von +den Dogmen sprach. Dann machte er sich <span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>selbst Gedanken, wie sie oft +den Menschen in den Stunden farbloser Dämmerung zu überfallen pflegen.</p> + +<p>Hell brannten die Kerzen im dufterfüllten Gemach der Königstochter. +Don Pedro saß neben ihr. Der Wohlgeruch ihrer Glieder wallte um das +Gemüt des Liebenden. Er hörte ihren Mund so gern tönen. Sie sprach +ihr Spanisch mit vielen arabischen Wörtern untermischt, betonte die +Endsilben länger, als es im Andalusischen üblich war, wodurch etwas +Singendes in ihre Rede kam, das dem Grafen gar wohl gefiel. Auch das R +rollte sie scharf heraus, was ihr eine entzückende Herbheit gab.</p> + +<p>Don Pedro schenkte ihr einen Ring mit einem großen Saphir.</p> + +<p>Ihre Augen strahlten voll Eitelkeit. „O Liebster, wie weißt du zu +schenken! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Ring.“</p> + +<p>„Ich doch,“ lächelte er beglückt. „Die Hand, die ihn jetzt trägt.“</p> + +<p>Reija schmeichelte sich an seine Brust heran. „O mein Feta! Weißt du, +was mir noch zum Glück fehlt? Abu Atir soll frei sein!“ Es schlich nur +so zwischen den Lippen heraus.</p> + +<p>Don Pedros Auge verdüsterte sich. „Er tut mir leid, der alte Sid.“</p> + +<p>Ihre Wimpern schlossen sich wie in Trauer. „Der Himmel hat einen +Verkünder seiner Seligkeit verloren. Ob sein Stern je wieder aufgehen +wird?“ Als sie sah, wie Don Pedros Stirn umwölkt blieb, lenkte sie ihre +Gedanken auf freundlichere Wege. „Oh, wärest du einer von den Beni Osa! +Sie haben den Wüstensand zum Bett gehabt, sagt Abu Atir. Sie haben +unter buntbewimpelten Zelten geschlafen, Kamele verkauft und getauscht +gegen Waffen und Kleider, haben herrliche Lieder gesungen und Lanzen +verkämpft in Schlachten um Mohammed. Oh, wenn du von ihnen abstammtest! +Und ich wollte von den Rosen von Iram stammen, die König Scheddad in +liebender Glut als das Schönste auf Erden gepflanzt. O sag’, warum hast +du uns Mauren einst so gehaßt?“ Sie kräuselte plötzlich ihren Mund.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span></p> + +<p>„In deiner Liebe sühnte ich mein Unrecht.“ Er bedeckte ihre braunen +Wangen mit Küssen.</p> + +<p>„Wir hatten doch soviel für euch getan. Ja, ja, bi nefsi! An unsern +Rittern stärkten die euren ihren Mut, von ihnen lernten sie die +Verehrung des Weibes, und von unsern Baumeistern nahmt ihr die schönen +Formen — und eure Romanzen und Tänze, sind sie nicht den unsern +abgelauscht?“</p> + +<p>Don Pedro fing das Wort auf. „Tanz! Tanz! Du sollst mir die Leila +tanzen!“</p> + +<p>„Das geht nicht, Liebling der Freude! Die Leila tanzen wir nur mit dem +Schleier auf dem Leib.“ Sie versteckte schnell ihre Augen.</p> + +<p>Der Graf zog sie an sich. „So hüll’ dich in drei Schleier, daß ich +nichts erspähen kann.“</p> + +<p>„Meine Brüste müßtest du doch sehen.“ Wieder schloß sie die Augen. Ihre +Wimpernspeere stachen in sein Herz. „Aber weißt du, ich will dir aus +der Hamasa singen. Saffana soll mich begleiten.“ Sie schlug in die Hand.</p> + +<p>Die schöne Sklavin holte die Anafine vom Silberhaken. Und Reija hob mit +weicher dunkler Stimme zu singen an. Es war ein arabisches Morgenlied.</p> + +<p>„Wenn der Morgensonne Gruß die Berge rötet und das Vogellied erwacht, +wenn auf Blumengrund der goldne Ferge herzieht und vertreibt die letzte +Nacht, weint mein Aug’ um dich, das schon geweint, als die Nacht noch +war dem Morgen feind. Aus den goldnen Mähnen fällt der Tau nieder auf +die buntgeschmückte Au’, Sonnenwagen kreist um alle Erden — wann wird +mir sein Glanz zur Freude werden?“</p> + +<p>Verzückt lauschte Don Pedro. „Hernando weiß viele solcher Lieder, aber +es klang mir keines so schön.“</p> + +<p>„Wo ist der Feta?“ fragte die Sklavin schnell.</p> + +<p>Der Graf warf ihr einen schelmisch-drohenden Blick zu. „Er ist dir +nicht gleichgültig? Man merkt es wohl.“</p> + +<p>Saffana wurde rot. „Er hat wirklich einen hübschen Mund.“</p> + +<p>„Er schwärmt auch von deinem,“ lachte Don Pedro.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span></p> + +<p>„Ei, hab’ ich nicht auch alle arabischen Schönheiten, die man Nesib +nennt? Oh, sagt ihm doch, Stern der Sterne, ich gehe jeden Abend mit +meiner Herrin zur Christenlehre und ich muß zwischen den Säulen einsam +frieren, während sie in der Mosala heilige Worte hört.“</p> + +<p>Der Graf verstand sie und nickte. „Ich will’s ihm sagen.“</p> + +<p>Da huschte die Moriska beglückt hinaus.</p> + +<p>Reija schmollte. „Dein gelehrter Freund hat ihr den Kopf wirbeln +gemacht. Weißt du, wo die Maurenmädchen ihre Liebsten zu treffen +pflegen? An der Tränenquelle. Sie heißt Dinadamar und liegt auf dem +Hügel vor dem Elvirator. An dem Rand der ummauerten Quelle stehen +Zypressen. Wenn eine Maurin einen Christen liebte, weinte sie dort ihre +Tränen um ihn, bis das Wasser ihr zum Halse stieg, und dann geschah es +meist, daß der christliche Freund in der Nähe war und seine Chiquilla +aus dem Wasser zog.“</p> + +<p>„Oh, lägest du dort in deinem Tränenwasser!“ seufzte Don Pedro +schelmisch.</p> + +<p>Sie hielt ihm den Mund zu. „O Männer! Was ihr im Dunkel der Nacht +liebend sucht, schreit ihr bei Tag der Sonne entgegen.“</p> + +<p>„Ich bin nicht einer der vielen. Aber nun mußt du tanzen!“</p> + +<p>„Wenn du wegschaust,“ lächelte sie gefügiger. Und ohne eine Antwort +abzuwarten, flog sie ins Nebenzimmer, um sich zu entkleiden.</p> + +<p>Don Pedro atmete die Luft des Entzückens. Wie liebte er sie! Alles, +alles an ihr! Das helle Leuchten des Tages und das Dunkel der Nacht +in ihrem Wesen. Wuchs sie nicht vor ihm auf wie eine schöne, durch +den gesegneten Himmelsstrich erschlossene Blüte, umschmeichelt von +der Sonne Zauberkraft, geküßt vom Licht des Mondes, gehätschelt von +des Südens weicher Luft? War sie nicht unerschöpflich im Geben und +Schenken, in Erfindungen und neuen Gedanken der Schönheit? Sie war +Ewigkeit und flüchtiger Genuß zugleich, ein klingendes Lied ihres +Volkes, eine der Huris, aus dem Paradies gestiegen, dem Sterblichen ein +leises Ahnen von den Freuden zu geben, die seiner <span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span>warteten. Don Pedro +liebte sie nicht mit dem Stachel der Wollust im Herzen, sondern mit dem +reinen Gedanken der Besitzseligkeit eines solchen göttlichen Geschenks. +Wie eine schöne Fackel sollte sie ihm das neue Leben, in das er durch +sie getaucht, erleuchten.</p> + +<p>Da öffnete sich die Tür. Maria — nein, Reija schwebte herein. Ihre +Reize waren durch rosafarbne dichte Schleier verhüllt, aber Haupt, +Schultern, Brüste, Arme und Füße waren frei. In der Türnische setzte +sich mit gekreuzten Beinen die Sklavin hin und spielte auf der Anafine +eine jener Tanzmelodien, wie sie die Beduinenweiber in den Zelten zu +spielen pflegen, bald in rhythmisch wiegenden, bald in langgezogenen +Tönen wehmütig hingehaucht.</p> + +<p>Reija stand zuerst regungslos, nur die herrlichen braunen Schultern +bebten leise. Dann löste sie sich aus der lauschenden Gebundenheit, +langsam wiegte sich der Körper nach vorn, nach rückwärts, lockend +dehnten sich die gemeißelten Brüste, dann schnellte ihr Oberleib +plötzlich vor, ihr Antlitz war schreckgespannt, es war, als lauschte +sie fernem Löwenbrüllen in der Wüste, dann erhob sie sich mit +beruhigtem Lächeln aus der Stellung des Lauschens, ein sanftes Wiegen +des ganzen Leibes drückte die Wohligkeit der Seele aus, und plötzlich, +den lockenden Tönen völlig hingegeben, schnellte sich der Körper von +der Fessel des Rhythmus los, und wie wenn sie ein Stachel aus dem +Innern heraus anspornte, warf sie ihre Glieder in einer wilden, aber +immer schönen Regellosigkeit hin und her, als drängte jede Fiber in +ihr nach einem geliebten Gegenstand. Immer zügelloser wogte ihre +Gestalt hin und her, ein sinnlich betörender Taumel erschien sie zu +erfassen — der Geliebte ist da! — ein werbendes Sehnen, ein Wirbeln +und Drehen, begleitet von den aufjauchzenden Tönen der Anafine — die +Hände schlagen verzückt in die Luft, die Augen und Wangen glühen, der +Atem keucht aus dem halb geöffneten Mund, in dem die Zähne leuchten +— mit beinahe wollüstiger Hingabe an die Seele des Tanzes schwingt, +schlängelt, wiegt und schaukelt sie ihren leidenschaftlich bewegten +Körper, <span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span>ohne je schamlos zu werden, wiewohl es schien, als wollte sie +jeden Augenblick den nackten Leib den kosenden Lüften preisgeben.</p> + +<p>Da fängt Don Pedro, hingerissen von der sinnzerwühlenden Auflösung +des Körpers und von den sprühenden Wundern ihrer morgenländischen +Seele, die Geliebte in seinen Armen auf. Ihr Busen brennt im Feuer der +Hingabe an seiner Brust, ein schwüler, bestrickender Duft von Blumen +und arabischen Spezereien umwirbelt seine Sinne und unter seinen +entzündeten Blicken wogen die nackten Brüste des herrlichen Mädchens. +Wie ein Trunkener küßt er die aufgeschlossenen, ihm entgegentaumelnden +Lippen.</p> + +<p>Saffana bricht die brausende Melodie entzwei und läßt das Instrument +fallen. Sie heult in einer Ecke bei einem Wandspiegel ihre Freude aus.</p> + +<p>Noch brennend von den geheimen Opferfeuern der unterdrückten Sinne, +lösen sich die Liebenden voneinander los. Wie ein Erwachender blickt +Don Pedro um sich. Auf dem Diwan liegt wohlig hingestreckt sein Mädchen +mit geschlossenen Augen und schwer kämpfender Brust. Er will hinstürzen +und die Schleier von den Reizen des Schöpfungswunders heben —</p> + +<p>Da wehrt sie ihn sanft von sich. „Du sollst mich lieben wie der Dichter +Dschemil seine Botheina liebte. Unter Palmen in einsamem Tal legte er +ihr nur die heilende Hand aufs stürmisch pochende Herz und berührte sie +sonst nicht.“</p> + +<p>Das tat er denn auch mit aller Zärtlichkeit, und er war versucht, seine +Lippen auf die Granatfrucht ihres Busens zu senken.</p> + +<p>Da tönte draußen die Stimme der Matrone. Reija sprang auf und hinter +den Vorhang des Schlafgemaches.</p> + +<p>Noria trat ein. „Don Hernando ist da.“</p> + +<p>Gleich darauf stand der Freund im Zimmer. „Du mußt schnell heim. Die +Wache vor dem Fenster Abu Atirs ist ermordet —“</p> + +<p>„Nein!“ brauste der Graf auf. Und seine Augen flogen unwillkürlich nach +dem Vorhang.</p> + +<p>„Maurische List und Tollkühnheit — man wollte es wie bei Eswer +versuchen —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span></p> + +<p>„Da sind Teufel am Werk oder —“ Sein Herzschlag stockte.</p> + +<p>„Ein Gesandter des Königs ist bei dir. Du sollst morgen vor Fernando +erscheinen. Man will dir den Befehl über die Truppen für die Alpujarras +geben.“</p> + +<p>Don Pedro starrte ihn an. „Mir — diese Ehre —?“</p> + +<p>„Man weiß keinen Bessern. Dazu die Empfehlungen des Ximenes —“</p> + +<p>Der Graf zog die Brauen hoch. „Wirklich? Des Ximenes? So werden Heilige +zu Sündern. Laß mich hier Abschied nehmen.“</p> + +<p>Da schnellte schon der Vorhang zurück. Reija trat mit angstgelähmten +Augen heraus. Statt der Schleier trug sie einen Seidenstoff, der sie +wie eine Toga umhüllte. Hernando verneigte sich staunend vor der +Schönheit des Mädchens.</p> + +<p>„Ich — habe — alles gehört,“ sagte Reija. Und sie senkte langsam den +Schild ihrer Wimpern über die Augen. Auf ihren Lippen war jedes Lächeln +erfroren.</p> + +<p>Der Graf reckte sich. „Ich werde die Truppen nicht in die Alpujarras +führen.“</p> + +<p>Ein Freudenschrei sprang aus der Brust der Moriska. „Alle guten Geister +Gottes mögen über deinem Hause wachen!“</p> + +<p>Hernando aber sah bestürzt den Freund an. „Womit willst du vor dem +König die Weigerung rechtfertigen?“</p> + +<p>„Das höre der König allein.“ Don Pedro atmete schwer.</p> + +<p>Reija hob den Vorhang. „Tretet einen Augenblick hier hinein, Feta. Ihr +werdet hier ein Geschöpf finden, das dieses Geschenk einer glücklichen +Stunde zu würdigen wissen wird.“</p> + +<p>Der ritterliche Gelehrte war nicht auf den Kopf gefallen. Er erkannte +auch gleich das spitze Lachen daneben. Wie ein aufgescheuchter Hase +flog er hinein und fiel gleich darauf in weiche, weit geöffnete Arme.</p> + +<p>Kaum war Don Pedro mit seiner Geliebten allein, flüsterte ihm diese zu: +„Ich weiß, was du denkst.“ Ihre Worte klangen wie durch einen dichten +Nebel gedämpft. „Bei den Freuden des Paradieses schwöre ich dir: ich +habe hier meine Hände nicht im Spiel.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span></p> + +<p>Der Graf preßte die Lippen aufeinander, sein Gesicht zeigte Spuren +tiefwühlenden Schmerzes.</p> + +<p>„Pedro — du glaubst mir nicht? Ich liege vor deinen Füßen — ich +umklammere deine Knie — ich bin unschuldig — aber ich ahne, wer es +getan.“</p> + +<p>„Eswer!“ stürzte der Graf heraus.</p> + +<p>„Er ist tollkühn und hängt schwärmerisch an dem Imam.“</p> + +<p>„Weil er an dir hängt!“ kochte das eifersüchtige Herz des Spaniers auf. +„So dankt er für seine Freiheit! Es kann nur ein Blut für deine Liebe +pulsen. Gott gebe, daß ich ihm im ehrlichen Kampf gegenüberstehe.“</p> + +<p>„Pedro — du wirst nicht — gegen die Mauren kämpfen?“ Ihre Hände +verkrampften sich unter heftigem Schluchzen in seine Arme. „Oh, sprich +mit der Königin — sie ist mild und gut —!“</p> + +<p>„Ihr Wille ist betört durch die Sprache der Priester, gefesselt +durch die Macht der Inquisition. Wer diese Fesseln bräche, gewönne +für Spanien den Atemzug der Freiheit wieder. In Toledo schmachten +Christenritter in den Kerkern des heiligen Gerichts, in Tiara brennen +Scheiterhaufen, Cordoba seufzt unter dem Druck priesterlicher Henker, +und nun soll Granada —? Oh, die Könige wissen nicht, wie die +Dominikaner Dezas und Ximenes arbeiten. Wer ihnen die Augen öffnete für +das Elend der Seelen! Der edle Talavera ist auf meiner Seite, Tendilla, +Osuna, Orgaz — die Granden empören sich, daß man ihre Besitzungen +infolge der Austreibung maurischer Bauern zugrunde gehen läßt, die +Jünglinge des höchsten Adels zittern vor den Familiares — o Mädchen, +Mädchen! Die Fackel deiner Liebe hat in mir die der Gerechtigkeit +entzündet, und an ihr soll sich die Barmherzigkeit der Könige +entflammen.“</p> + +<p>„Michael bist du, der Engel der Gerechtigkeit!“ schluchzte sie +Freudentränen an seinem Hals. „Wie liebe ich dich, mein Feta!“</p> + +<p>Hernando kam mit erhitztem Gesicht. Er packte den seligverstörten +Freund bei den Armen und zog ihn hinaus. Hinter <span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>den beiden siedete das +Glück in zwei Mädchenherzen. Herrin und Sklavin — die Liebe machte +keinen Unterschied mehr.</p> + +<p>„Oh! oh! oh! Er küßt so heiß!“ lief Saffanas Herz über. Und sie strich +sich verwirrt das Kleid über dem Busen zurecht.</p> + +<p>Reija aber warf sich auf den Gebetsteppich der Länge nach hin und rief +Mohammed und Jesus gleichzeitig um Beistand für ihre Liebesqual an.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel"> + Sechsundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>er Graf hatte den Imam einvernommen. Des Maurenpriesters Auge +leuchtete sonnenklar in Unschuld. „Ich hätte wohl dem Erlöser die Hand +zur Flucht gereicht, aber ich wußte nicht, wie nah er mir war.“ Bis +spät in die Nacht dauerten die Verhöre bei den Wachen. Man bat um eine +Verdoppelung des Postens beim Fenster, denn es wollte niemand mehr +der Maurenlist zum Opfer fallen. Allgemein war die Meinung, der kühne +Abencerrage sei der Täter.</p> + +<p>Die Alguaciles brachten stündlich neue Nachrichten. Bei einem Morisko +wurde ein Zettel mit einem aufreizenden Inhalt gefunden: „Wehrt euch, +sonst ist das Ende da. Ihr werdet in den Bergen die Weidegerechtigkeit +verlieren. Man rühmt eure Geschicklichkeit, doch man wird sie auf +seine Weise ausnützen, eure Genügsamkeit, aber ihr werdet dafür nicht +viel zu essen bekommen, euern Fleiß, dafür wird man euch bis aufs Blut +schinden, eure Bescheidenheit, und man wird euch wirklich nur ein paar +Maravedis im Tag geben, eure Bodenwirtschaft, und ihr werdet sie im +Joch beweisen müssen.“</p> + +<p>Don Pedro ließ den Zettel verbrennen — um des Imams willen, dem er die +Aufreizung zuschrieb.</p> + +<p>Es war nach Mitternacht, als man auf den Höhen der Sierra Nevada +kleine Punkte aufleuchten sah, Feuer, wie sie die Mauren zur Zeit der +Sonnenwende auf den Bergen zu entzünden pflegten. Auch bei Gefahr, +Aufstand, als Zeichen der Versammlungen brannten diese Feuer. Der +Graf wurde stutzig. Er hatte <span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span>die ergebnislose Untersuchung für heute +beendet. Zu Hause angekommen, fiel ihm ein Paket Schriften in die Hand, +das er heute von der Mutter gesandt bekommen hatte. Es waren Dokumente +seines Vaters, Erinnerungen, wie sie der alte Mann, der nicht nur +waffentüchtig, sondern auch gelehrt war, aufgezeichnet hatte. Sie lagen +nun zum erstenmal vor den Augen des Sohnes. Die Mutter fühlte sich +krank und hatte dem Sohn in einer Anwandlung von Sterbensmüdigkeit die +Aufzeichnungen des Vaters geschickt.</p> + +<p>Die Erinnerungen spielten in eine ferne Zeit hinein, sie sprachen +von Waffenglück und königlichem Dienst, von der Vertiefung in +Glaubenssachen —</p> + +<p>Da erblaßte der Graf. Er las seltsame Worte: „Beinahe hätte ich +die Schmach über mich ergehen lassen müssen, von der Inquisition +verfolgt zu werden, weil ich mich infolge eines nächtelangen Studiums +in arabischen Schriften mit den Angriffen der Mohammedaner gegen +die heiligen Dogmen der Kirche befreundet hatte. Besonders das +Dreieinigkeitsdogma machte meinem Geist viel Pein. Nur die Einsprache +eines mächtigen Gönners, des Herzogs von Medina-Sidonia, bewahrte mich +vor dem Ärgsten.“</p> + +<p>Mit zusammengepreßtem Herzen sann der Graf in die Schrift. Sein Vater, +der Abgott seiner Jugend — von der Inquisition verfolgt! Nun erinnerte +er sich des betretenen Schweigens in den Kreisen der Granden, wenn von +der Vergangenheit des Vaters die Rede war. Man wollte ihm, dem Sohn, +des Alten Sünde nicht als erblichen Fluch auf die Schultern laden, aber +man konnte doch nicht vermeiden, ihn mit einem gewissen Mißtrauen zu +behandeln. Die kriegerischen Anlagen des jungen Grafen drängten den +gelehrten Sinn zurück, und erst in den letzten Wochen, da sich sein +Herz gewandelt, hatte auch sein Geist die Spuren der Gelehrsamkeit +in den arabischen Schriften, die ihm Hernando de Rojas verschafft, +aufmerksam verfolgt. Er hatte da plötzlich entdeckt, wieviel die +Spanier den arabischen Gelehrten, und vor allem den Philosophen, +verdanken, wie die <span class="pagenum" id="Page_233">[S. 233]</span>Bücher des Averroes über Aristoteles das ganze +christliche Denken umformten, wie die Heilkunst auf Grund arabischer +Erfahrungen ausgeübt wurde, wie Kriegführung und Rittertum im +maurischen Boden wurzelten und die spanische Dichtung sich noch immer +der morgenländischen Blüten bediente. Pulver, Papier, Seidenzucht, +Ackerbau, alles mußte der Spanier den Mauren entwinden, selbst Kolumbus +hätte wahrscheinlich ohne die Erdkarte des Edrisi das neue Land nicht +entdeckt.</p> + +<p>Waren es Feinde, die den Vater vor das Tribunal geschleppt? Oder hatte +er sich selbst unvorsichtig verraten? So war sein Geschlecht durch des +Vaters Schuld nahe daran gewesen, von allen Ehren ausgeschlossen zu +werden? Und belastete nicht ein von der Inquisition Verurteilter auch +Kind und Kindeskinder?</p> + +<p>Er hatte in dieser Nacht tief und ernst zu denken. Und mit umränderten, +müden Augen sah er dem Morgen entgegen. Die innere Unruhe verscheuchte +das Blei von seinen Lidern, und der erste Sonnenstrahl grüßte einen +matten Körper und Geist.</p> + +<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p>Im Saal der Schwestern, unter der prunkvollen, tropfsteinartigen +Kuppel, die wie ein phantastisches Riesenzellengewebe zu Häupten hing, +inmitten der ornamentalen Pracht der Wände, der farbenstrahlenden +Türbogen und des abwechslungsreichen Spiels der Formen und Muster, des +Goldes und des Dämmerlichts nahmen die Könige die Berichte der Granden +entgegen. Am frühen Morgen waren beunruhigende Nachrichten angelangt. +Christendörfer in den Alpujarras waren von den Mauren überfallen +worden, die Monfis plünderten christliche Hirtenstationen, und man +sprach davon, daß sich große Banden um Orgiva und Guejar sammelten, der +Name Abu Atir fliege von Mund zu Mund, es sei offenkundig, daß man ihn +befreien und zum König ausrufen würde. Die schwere Reiterei, tapfere +Lehensmannen und Adelige aus den ersten Geschlechtern, machte sich +zum Aufbruch bereit, der große Kapitän Gonsalvo de Cordoba sollte das +kleine Heer gemeinsam mit Tendilla gegen die Maurennester <span class="pagenum" id="Page_234">[S. 234]</span>führen. Doch +zuvor sollte der Graf de Mora die Stärke der Banden erkunden.</p> + +<p>Die Wachen vor dem Löwenhof zogen in dreifacher Stärke auf. Fremde +Gesandte, geistliche Würdenträger und Bittsteller harrten im Hof. Der +Vorsaal der Mozaraber war überfüllt von schimmernden Gestalten, die von +den Sekretären der Königin nach Listen geordnet wurden. Ein Gnadenwort +aus hohem Mund war Erquickung für den ehrgeizigen kastilischen +Ritter. Man witterte Maurenkämpfe und freute sich, denn des Friedens +Tatenlosigkeit drückte auf die spanischen Gemüter.</p> + +<p>„Ah — der Held von Santa Fé!“ sagte der Graf de Cabra zu einem andern +Granden, als sich die Gestalt des königlichen Hauptmanns an der Saaltür +zeigte. „Man spricht viel von der schönen Moriska, die Boabdils Tochter +sein soll. Aber man nennt selten ihren Namen ohne den seinen. Es +scheint da ein Liebesgarten aufzublühen.“</p> + +<p>„Ihr meint doch nicht —“</p> + +<p>„Was ich meine, wird den Grafen de Mora nicht abhalten, unvernünftig +zu sein. Ich weiß nur, daß er die Hand der schönen Leonore de Uceda +verschmäht hat.“</p> + +<p>„Und das sollte ungestraft von ihr geschehen sein?“ lächelte der Grande.</p> + +<p>Cabra machte ein Zeichen des Schweigens. Graf de Mora hatte sich +genähert. Er trug das reichgestickte Gewand seines Vaters, den Hut mit +dem Federbusch, das golden eingelegte Schwert und den schwarzen Mantel. +In seinen Zügen waltete tiefer Ernst. Man erinnerte sich nicht, ihn +je so dunklen Gesichts gesehen zu haben. Er gab kurze, aber höfliche +Antworten.</p> + +<p>„Wer eröffnet die Audienz?“ fragte er den Grafen Gonzalez de Lara, +einen würdigen Greis.</p> + +<p>„Wer anders als Ximenes und Pater Leon? Die Inquisition hat den +Vortritt vor den Granden.“</p> + +<p>„Das war nicht immer so,“ sagte Mora mit verfalteter Stirn.</p> + +<p>„Man kann zu Euch freier sprechen. Die Cortes sollten die Augen offen +halten. Wenn Könige in den Händen der Priester <span class="pagenum" id="Page_235">[S. 235]</span>sind, ist es fast +schlimmer, als wenn ein König in den Händen eines Weibes ist.“</p> + +<p>Der Graf de Mora drückte dem Alten beziehungsvoll die Hand. „Ihr denkt, +wie es ist. Wenn’s not tut, erinnert Euch meiner.“</p> + +<p>„Auch Ihr, junger Freund, sollt an mir nicht vorübergehen.“</p> + +<p>„Gewiß nicht, Lara. Man spricht, höre ich, von Übergriffen der +Inquisition.“</p> + +<p>„Man spricht wahre Worte. Aber still — da drüben bei der Säule steht +ein Familiare der Inquisition. Die Leute bewachen jedes Wimpernzucken.“</p> + +<p>„Wird man die Königin allein sprechen können?“</p> + +<p>„Schwer. Ximenes horcht die Seelen der Untertanen aus.“</p> + +<p>„Man muß doch vor ihr Herz kommen können?“</p> + +<p>„Meist nur vor ihr Antlitz. Um ihr Herz legt Ximenes seine Dornenhecke. +Doch Ihr habt ein alt Geschlecht, vielleicht zeichnet Euch die Königin +aus. Ihr habt Gewichtiges —?“</p> + +<p>Er kam nicht weiter. Der große Kapitän Gonsalvo trat mit dem glänzenden +Gefolge seiner Hausmannschaft in den Löwenhof, der Gobernador schritt +durch die Reihen der Edlen, die alten Geschlechter Mendoza, Villena, +Castro, Cifuentes, Ureña, Cabra und andere hoben sich von dem jüngern +Adel ab, gekennzeichnet durch die Geschlechtswappen ihrer Herolde, +während die hohe Geistlichkeit und die verdienstvollen Mönche getrennt +von den Granden eine Insel um die Brunnenschale in der Hofmitte +bildeten. Vor dem Eingang zum Saal der Schwestern, der durch einen +großen Vorhang abgeschlossen war, standen die Edelknaben der Königin +unter der Führung ihres Alcayden Diego von Cordoba.</p> + +<p>„Der König ist aufgeräumt und gnädig,“ sagte der Graf Alvaro Nuñez de +Castro, der eben herauskam. „Er hat mir einen Teil der Besitzsteuer +erlassen.“</p> + +<p>„Und die Königin?“ fragte de Mora ungeduldig.</p> + +<p>„Sie spricht nur mit Ximenes. Ich konnte keinen Gnadenblick erhaschen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_236">[S. 236]</span></p> + +<p>Name für Name wurde gerufen, Stunde auf Stunde verrann. Graf de Mora +wurde ungeduldig. Der Löwenhof leerte sich, viele Granden wurden für +den nächsten Tag bestimmt, und endlich nannten die Sekretäre nur mehr +drei Edelnamen: Tendilla, Gonsalvo und Mora.</p> + +<p>Bald darauf standen die drei Ritter gleichzeitig vor dem Herrscherpaar. +Ihre hohen Gestalten umspielte dämmriges Licht aus der Kuppel. +Seitwärts der Königin saß Ximenes, während Leon an einer der herrlichen +Holztüren stand, die zu den kleinern Seitengemächern führten. Sechs +Granden hielten Wache beim Eingang in den Saal der Ajimezes, durch +dessen Erkerfenster man den Strahl des Springbrunnens im Patio de +Daraxa in der Sonne blitzen sah.</p> + +<p>Der König enthüllte seine Absicht, wie notwendig es sei, den Mauren +Ernst zu zeigen. Er wies auf die Vorgänge der letzten Nacht hin, teilte +mit, daß die Monfis schon bis zum Hügel von Padul schwärmten, und +Gonsalvo legte einen Plan für den Marsch in die Berge vor und erbot +sich, das nahegelegene Maurenschloß von Guejar zu stürmen. Auch Graf +Tendilla unterstützte den Antrag. Der Graf de Mora wurde beauftragt, +Lanjaron, das stark befestigte Bergnest in den Alpujarras, zu nehmen.</p> + +<p>Da verneigte sich Don Pedro de Solar vor dem König. „Ich will nach +Lanjaron — zum letztenmal meinem König und meiner Königin im Kampf +gegen die Mauren zu dienen.“</p> + +<p>Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung. Fernando blickte aus +seiner kühlen Haltung auf. „Hispaniola lockt Euch noch immer?“</p> + +<p>Der Graf schüttelte den Kopf. „Darf ich mit meinem König allein +sprechen?“ fragte er mit beinahe feierlich gespannter Seele.</p> + +<p>Der König blickte verwundert. „Das ist nicht Sitte. Die Königin zum +mindesten —“</p> + +<p>„Ihr Herz wird meine Sprache segnen,“ sagte de Mora mit leuchtendem +Auge.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_237">[S. 237]</span></p> + +<p>„Mein Primas wird nicht fehlen wollen,“ bemerkte Fernando, indem er +Ximenes einen beziehungsvollen Blick zuwarf.</p> + +<p>Der Erzbischof nickte kühl. Leon trat zu ihm und flüsterte ihm etwas +zu. Der Königin aber wurde ängstlich zumute. Was hatten sie für +Geheimnisse? „Erzbischof, was darf ich nicht wissen?“</p> + +<p>Ximenes kräuselte unmutig die Lippen. „Pater Leon bat mich, die Worte +des Grafen hören zu dürfen.“</p> + +<p>Graf de Mora flehte kühn: „Mein Wort ist nur für die königlichen +Hoheiten bestimmt.“</p> + +<p>Da entschied der König kurz: „Erwartet mich im Saal der Ajimezes. +Ximenes bleibe, der Vikar entferne sich.“</p> + +<p>Graf de Mora trat in den Nebensaal. Pater Leon ging verstimmt in den +Löwenhof, wo er wie ein lauernder Marder um die Säulen schlich. Alles +wich dem Gefürchteten aus, Granden und Kleriker hatten Ursache, mit ihm +nicht allzu bekannt zu werden.</p> + +<p>Der König ließ sich noch von Gonsalvo Bericht über die verfügbaren +Streitkräfte erstatten. Als er dann von den Sekretären hörte, daß für +heute nur mehr der Besuch des Hospitals und zweier Klöster geplant war, +verabschiedete er die beiden Granden.</p> + +<p>Ximenes lehnte beim Fenster und starrte in das Grün der Zypressen. Der +König rief ihn nun heran. „Ihr kennt den Grafen de Mora?“</p> + +<p>Der Kanzler nickte. „Sein Vater ist nicht ganz ohne Makel ins Grab +gestiegen. Aber man hat damals — es sind schon an die fünfzehn Jahre +her — noch Gnade mit manchen Zweiflern geübt. Wir schreiben eine andre +Zeit.“</p> + +<p>Die Königin geriet in Eifer. „Soll der Sohn die Sünden der Väter büßen? +Wie soll der Sohn zur Tapferkeit rüsten, wenn er weiß, daß sie um +seines Vaters Fehler willen nicht belohnt wird?“</p> + +<p>„Und dennoch macht man so die Väter vorsichtig,“ sagte Ximenes. „Auch +liegt es im beschworenen Gesetz enthalten. Im übrigen muß man Don Pedro +de Solar hören. Er hat sich Verdienste <span class="pagenum" id="Page_238">[S. 238]</span>erworben, er hat auch meinen +Salzedo aus maurischen Händen befreit, er war ein eifriger Verfolger +der Mauren, die Bewachung des Imams lag in seinen Händen. Ob sie immer +gut war — hm — wer will es sagen? Auch der Abencerrage flüchtete +unter seiner Bewachung. Aber noch scheint der Graf pflichttreu und +gewissenhaft zu sein. Nur eins trübt sein gutes Bild. Pater Leon macht +mich aufmerksam, daß der Graf nahe daran sei, sein Herz an eine Maurin +zu verlieren —“</p> + +<p>Der König machte eine jähe Wendung. Er dachte an die herbstliche +Abendstunde, da er diesen viel gelobten und nie verliebten Grafen mit +Leonore de Uceda verloben wollte. Er hatte den Grafen seither nicht +wiedergesehen.</p> + +<p>Isabella ereiferte sich. „Eine Maurin? Moriska? Und er will den Raub +der losen Liebesfrüchte vor dem Altar heiligen?“</p> + +<p>„Man munkelt es.“</p> + +<p>„Er hätte seinen Wert für ein würdigeres Herz aufsparen sollen. Die +Moriskas machen leicht ihr Herz zum Spielball. Man wird sich hüten +müssen, ihn gnädig zu behandeln. Wer ist das Weib?“</p> + +<p>„Die natürliche Tochter Boabdils,“ meldete Ximenes eindrucksvoll.</p> + +<p>Fernando wurde von seinem Gewissen bedrängt. Er dachte des Mannes als +eines, den er oft getäuscht. „Wie kommt die Tochter her?“</p> + +<p>„Geheimnisvoll genug. Ihre Mutter, die Gräfin Calabreña, flüchtete +vor vielen Jahren an den Maurenhof und verliebte sich in Boabdil. Die +Frucht ist dieses Mädchen. Sie wurde vom Vater in Spanien belassen +und der Erziehung eines Ratgebers des Königs übergeben, eben jenem +ehrwürdigen Imam Abu Atir. Sie ist erst seit vorigem Herbst in Granada. +Sie wehrte sich bei der Bücherverbrennung um den Koran ihres Vaters, +und es mußte ihr das Buch ausgeliefert werden, damit wir Salzedo dafür +unversehrt erhielten. Es war ein erbärmlicher Handel, vom Grafen de +Mora vorgeschlagen und nur durch die Not entschuldigt. <span class="pagenum" id="Page_239">[S. 239]</span>Damals schon +wunderte man sich über die Verteidigung des Mädchens durch den Grafen. +Das Kind ist unterdessen Christin geworden. Sie ist wirklich kaum mehr +als ein Kind.“</p> + +<p>Die Königin wurde nachdenklich. „Warum bekomme ich die Moriska nie zu +sehen?“</p> + +<p>„Sie lebt sehr zurückgezogen, fast noch auf maurische Art. Sie besucht +nur mit unserer Erlaubnis täglich den Imam. Aber man wird von nun an +vorsichtiger sein müssen. Die Befreiungsversuche der Mauren scheinen in +der Alcazaba eine Stütze zu finden, und wenn mich nicht alles täuscht, +hat diese schöne Moriska allen Grund, sich von einem gewissen Verdacht +zu reinigen. Pater Leon ist der Beichtvater des Königskindes.“ Der +Kanzler machte hinter halbgeschlossenen Lidern kleine Augen.</p> + +<p>„Sonderbar!“ sagte Isabella leise. „Aber hören wir den Grafen. Kommt!“</p> + +<p>Die Granden öffneten den Vorhang im Türbogen. Prachtvoll fiel das +Licht aus dem Patio de Daraxa in den zierlichen Mirador, der den Saal +abschloß.</p> + +<p>Graf de Mora stand bei einem der Fenster. Nun verneigte er sich tief, +ließ sich aufs Knie und küßte die Hand der Königin. Der Vorhang schloß +sich wieder.</p> + +<p>Die heißersehnte Stunde hatte geschlagen. Der Sonnenschein in den +Blicken der Königin trieb den Grafen an, offen zu sprechen, wenn er +auch in Fernandos undurchdringlichem Gesicht keine Ermutigung las. Auch +das wächserne Antlitz des Primas war keine freundliche Einladung.</p> + +<p>„Ihr seid nicht in der Liste der Familiares?“ fragte der König.</p> + +<p>„Nein.“</p> + +<p>„Warum?“</p> + +<p>„Es ist ein Amt, das andre Männer fordert, die weniger Mann sind als +ich.“</p> + +<p>Ximenes zog die weißen Brauen hoch. „Es stehen die ersten Namen auf den +Listen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_240">[S. 240]</span></p> + +<p>„Doch auch die letzten von ganz Spanien, die man nur in verrufnen +Ventawinkeln nennt.“</p> + +<p>„Ketzer sind eben in allen Schichten zu suchen. Sie aufzufinden, +braucht man die Hilfe eines jeden.“</p> + +<p>„Zur Sache,“ warf der ungeduldige König ein. „Ihr wollt nicht nach +Hispaniola?“</p> + +<p>„Meine Güter verlangen nach dem Herrn. Ich will meinen Herden, den +Feldern und der Seidenzucht leben.“</p> + +<p>„So jung und schon soviel Sinn für Behaglichkeit?“ verwunderte sich die +Königin. „Da werden die andalusischen Schönen trauern, wenn ein Mann +wie Ihr sein Licht unter den Scheffel stellt. Ihr seid unbeweibt?“</p> + +<p>Dem Grafen klopfte das Herz. „Bis jetzt — ja.“</p> + +<p>Der König horchte auf. „Man sagt, Ihr geht gern am Weibe vorbei.“</p> + +<p>„Ich habe mich besonnen.“</p> + +<p>Isabella tat überrascht. „Die Wahl?“</p> + +<p>„Fiel auf ein tugendhaft Geschöpf, das, meine ich, wert ist, den Kranz +der Ahnen als neue Blume zu zieren: Maria de Calabreña.“</p> + +<p>Die Königin zuckte zusammen. „Der Name ist in unserm Gedächtnis schwarz +geschrieben. Die Calabreñas haben vor vielen Jahren eine Verschwörung +gegen den Thron angezettelt, man verfolgte das Geschlecht —“</p> + +<p>„Und eine der Verfolgten war Ines, die Tochter des Sancho de Calabreña, +der dennoch keinen Anteil an der Sache hatte. Sancho rettete sich nach +Guadix, wo er starb. Die Tochter aber gewann das Herz des Maurenkönigs. +Aus dieser Liebe entsproß ein schönes Mädchen, in allen Tugenden +erzogen, wenn auch auf maurische Art, jetzt aber Christin —“</p> + +<p>„Bei Gott, das ist gewagt,“ unterbrach ihn erregt die Königin. „Sich +wegzuwerfen an eine Moriska!“</p> + +<p>„Sie ist Christin so gut wie eine,“ verteidigte sie der Graf.</p> + +<p>„Vielleicht nur — Euch zuliebe!“ warf Ximenes wie von ungefähr ein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_241">[S. 241]</span></p> + +<p>„In ihren Adern ist unreines Blut,“ sagte Fernando. „Und Ihr wallt +Euer reines — oh, nicht zu denken! Ihr besudelt Euch. Denkt an die +Kinder aus dieser Blutmischung. Der Weg zu jedem hohen Amt ist Euch +verschlossen, auf Schritt und Tritt fühlen Eure Kinder die Schuld der +Eltern.“</p> + +<p>„Sie ist eine Königstochter!“ sagte der Graf in wachsender Wärme.</p> + +<p>„Eines Königs, dessen Sinnen noch immer ist, uns zu bekriegen, das +Verlorene zurückzugewinnen.“</p> + +<p>Und Ximenes unterbreitete gewichtig seine eigenen Gedanken: „Boabdil +will, daß man in ihr das Andenken an den Vater ehre. Sie taugt dazu +und scheint dabei ungefährlich. Doch ist es Zufall, daß sie mit dem +Imam nach Granada kam? Soll dieser schlaue Alte nicht — Wegbereiter +für den König sein? Unsere Kundschafter bringen Nachricht übers +Meer, daß Boabdil sich rüstet, daß die Berber ihr Herz für ihre +Maurenbrüder entdeckt haben. Ihr seht die plumpe Falle nicht? Könnte +ein Christenritter nicht dazu dienen, zur rechten Zeit schwach zu sein +und im Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe auf jene zu vergessen?“</p> + +<p>Graf de Mora stand betroffen. „Wahrhaftig — darauf — bei Gott und +seinen guten Engeln — darauf war ich nicht vorbereitet.“</p> + +<p>Ximenes schob die blutleeren Lippen hin und her. „Ich sehe jetzt +klar. Darum die Weigerung, Familiare zu werden. Die Moriska könnte +— so fürchtet Ihr — im neuen Glauben straucheln, und Ihr müßtet +pflichtgemäß ihr Kläger werden.“</p> + +<p>„Bei Santiago!“ rief der Graf bestürzt aus. „Auch das? — Ihr +wißt Gründe aufzudecken, die erschauern machen.“ Und er wandte +sich an die Königin. „Erhabne Frau, käme ich in diesen Fall, ich +wäre bejammernswert, allein ich bürge für den guten Willen meines +zukünftigen Weibes im Punkt des Glaubens.“</p> + +<p>„Ihr nehmt da viel auf Euch,“ warnte die Königin.</p> + +<p>„Ich bitte um gnädiges Gehör,“ bat der Graf bewegt. „Darf <span class="pagenum" id="Page_242">[S. 242]</span>ich der +ersten Frau Spaniens mein Herz zu Füßen legen? Der Frau Isabella? Der +Sterbliche naht sonst Eurer Hoheit mit abgemessener, eingeengter Seele. +Oh, laßt mich freier sein, wie es dem freien Gegenstand ziemt.“</p> + +<p>Ximenes blinzelte mit heimlichem Argwohn nach dem Ritter, und der König +schien ungehalten. Doch Isabella fragte freundlich: „Was wollt Ihr +also?“</p> + +<p>„Ein wahres Christentum!“ rief der Graf warmherzig aus. „Und +Menschlichkeit gegenüber den Mauren!“</p> + +<p>Die Herrscher horchten auf. Ximenes saß fühllos. „Haben wir die je +verleugnet?“ fragte die Königin.</p> + +<p>„Alles zittert vor der Unbarmherzigkeit der Kirche — Christen und +Moriskos.“</p> + +<p>„Der Kirche?“ Der Primas erhob sich aus seiner Regungslosigkeit. „Es +ist sonst nicht die Art andalusischer Ritter, das strenge Maß der +Etikette zu überschreiten.“</p> + +<p>„Wer zwingt uns zu dem Äußersten?“ erglühte Mora. „Aus unserer +Seelenangst heraus werden wir zu ungestümen Forderern. Schon schreit +Toledo auf, wo man zwanzig Rittern die Daumenschrauben angelegt, in +Madrid sind die Kerker mit edlen Namen überfüllt, Valladolid, Burgos, +Alcala und Segovia bäumen sich unter dem Druck auf, und nicht der +Glaube macht sie beben, nur die Verteidigung des Glaubens selbst. Was +will man mit den eingezognen Gütern? Ungläubige dadurch gläubig machen? +In ihre Seelen sieht nur Gott. Und sei es um die alten Christen — doch +die neuen? Oh, seht zu, was Ihr beginnt!“</p> + +<p>Ximenes ließ einen leisen Spott um seine Mundwinkel spielen. „Ich sah +es kommen, bei Santiago, darauf war ich gefaßt. Das Weib beginnt Euch +zu bedrängen.“</p> + +<p>Der Graf geriet in Brand. „Soll eines Weibes edler Einfluß einen Mann +verderben können? Rühmt man den spanischen Damen nicht nach, daß sie +nach Maurenart sich ihre Ritter erzogen haben zur Galanterie und edler +Denkungsweise? Bin ich unmännlich, weil ich von einem Weib Mitleid +fühlen lernte? <span class="pagenum" id="Page_243">[S. 243]</span>Vor Santa Fé hielt ich’s wohl anders. Fünfmal warf ich, +heftig blutend, den Feind vom Wall; und ungezählt sind die Ehrenlanzen, +die ich mit maurischen Rittern brach, ich war kein Maurenfreund, ich +war besessen von Härte, ein jeder Atemzug in mir war blinder Haß, ein +jeder Blick Verachtung der Agarenos. Bis ich sie kennenlernte, ihr +kindlich freies Tun, ihr spielendes Gehaben, ihren heiligen Glauben +an den Propheten, ihren Fleiß, die Zähigkeit, das gebeugte, willige +Untertanenherz, ihr Wissen, ihre Kunst. Unselig, daß ich schwärmen muß! +Ich hörte den Imam reden, als geschlagnen, in seinem Glauben zertretnen +Menschen, und hörte kein Wort der Verdammung. Als Granada im Aufruhr +lag, hat sein Wort die Feuer gedämpft. Der Kerker ist Spaniens Dank +dafür.“</p> + +<p>Der König war erblaßt und sah die Königin mit großen Augen an. „Das +heiße ich kühn, meint Ihr nicht, Isabella?“</p> + +<p>Diese sah noch immer freundlich. „Die Liebe hat Euch ein großes Herz +gegeben, Graf de Mora. Es greift schon über die Grenzen Spaniens hinaus +und — über unsern Glauben.“</p> + +<p>„Wie ehre ich den katholischen Glauben!“ rief der Graf flammend. „Und +lasset Christus mit der angebornen Sanftheit walten, und Ihr werft +mehr Mauren glutbrünstig auf die Knie als mit der fürchterlichen +Inquisition.“</p> + +<p>Da warf Ximenes das kühle Wasser seiner Seele in die Glut des Ritters. +„Wer Christus nur als sanften Hirten kennt, kennt ihn nur halb. Er +reinigte mit der Geißel Tempel.“</p> + +<p>„Zur Sache, Graf,“ mahnte Fernando. „Was wollt Ihr?“</p> + +<p>„Spanien glücklich wissen, bewohnt von Menschen, die ihren Gott nach +ihrer Art im Busen tragen dürfen.“</p> + +<p>„Verschiednen Glaubens?“ Die Königin schnellte ihren Oberleib vor, +während der König den lächelnden Erzbischof stumm ansah.</p> + +<p>„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien +zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die +Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder +schafft. Wir aber haben mehr <span class="pagenum" id="Page_244">[S. 244]</span>als Italien: erobernd streckt Spanien +seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt +Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist. +Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung +fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert +und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes +lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler, +die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen +auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren +Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den +schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu +entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf. +Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders +klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen, +und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird +sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin. +„Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen +Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt <em class="gesperrt">mir</em>! Und nicht +der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr +flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es +nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne +auf.“</p> + +<p>Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas +ein Zeichen, für die Könige zu sprechen.</p> + +<p>Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher +Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt +bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es, +dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu +bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst +im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt +gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr +wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines <span class="pagenum" id="Page_245">[S. 245]</span>großen +Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den +Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“</p> + +<p>„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr +Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die +Gnade haben!“</p> + +<p>„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch +sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt +Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte +meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“</p> + +<p>„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese +Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr, +die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“</p> + +<p>Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an +unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“</p> + +<p>„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird +diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses +trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern +Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses +auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren +durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt +glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß +Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur +Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der +Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein +Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam +nützen, um damit zu schaden?“</p> + +<p>„Man wird <em class="gesperrt">die</em> Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden +kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der +Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in <span class="pagenum" id="Page_246">[S. 246]</span>Spanien +etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre +Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht +die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“</p> + +<p>„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können? +Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“</p> + +<p>„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung +ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein +schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter +Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte +machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein. +Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk +zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König +wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des +warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt +Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“</p> + +<p>„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft +verunstalten darf.“</p> + +<p>„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr, +scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen.</p> + +<p>„Ich — versteh — Euch nicht.“</p> + +<p>Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den +Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen. +Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“ +sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal +so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden +mußten —“</p> + +<p>„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten +sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter +auf. „Ich weiß — seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor +Menschen schuldig zu werden. Doch <span class="pagenum" id="Page_247">[S. 247]</span>sein Angedenken ist geheiligt in +meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner +gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester +lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl +ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen, +die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn +schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger +waren? Wer sagen, daß er geirrt?“</p> + +<p>„Er hat geirrt!“</p> + +<p>„Hat er den Irrtum bekannt?“</p> + +<p>„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur +von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder +Gnade gibt.“</p> + +<p>Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh, +dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch +wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser +Gottes.“</p> + +<p>Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag +der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr +seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die +Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich +die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach +Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“</p> + +<p>Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich +ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung. +„Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der +erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“</p> + +<p>Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß — wir haben unsre +Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“</p> + +<p>„Und dennoch — schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich +in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das +Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz <span class="pagenum" id="Page_248">[S. 248]</span>des Volkes Wünsche. +Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht +Euer großmütiges Herz überwuchern —“</p> + +<p>„Mein König — diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht +wich das Blut.</p> + +<p>Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der +Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem +großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig +weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken +baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen — +wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“</p> + +<p>Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen +über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der +Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das +Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden +Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah +er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber, +doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte +er mit gierig gestrecktem Hals.</p> + +<p>„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging +durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner +Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken +glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah +ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein +Wild in den Bogen.</p> + +<p>Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch +ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd.</p> + +<p>„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst.</p> + +<p>„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der +Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige +alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. <span class="pagenum" id="Page_249">[S. 249]</span>Welch ein Stürmer! +Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere +solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber +ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der +Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen +Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die +Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube, +eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder +Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf +Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an +Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden +es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott +verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es +nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer +Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der +Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben. +O diese Sprache, die er redete!“</p> + +<p>„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin. +„Graf Tendilla, Talavera —“</p> + +<p>„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist +gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann +leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich +einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen +unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen +Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die +Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder +scharf übe.“</p> + +<p>„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König +unentschlossen.</p> + +<p>Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die +Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie +beschworen.“</p> + +<p>Die Königin erschrak. „Ihr wollt —?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_250">[S. 250]</span></p> + +<p>„Seine verliebte Seele zittert in Unruhe, bald wird auch sein Gedanke +über Gott und Glauben wankend werden. Liebe ist nachsichtig und +verurteilt nicht leicht, und die Moriska ist sicherlich befangen +im alten Glauben. Auch der Graf kann da in gewissen Dingen leicht +entgleisen, weil er liebt. Gelingt es, ihn in einem solchen Augenblick +zu packen, dann hat die Inquisition freie Hand.“</p> + +<p>Der König strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ximenes — das ist +nicht weise Vorsicht — das ist ein Spiel mit einem — Menschenleben.“</p> + +<p>„Es ist die Eingebung einer höhern Macht, die da noch hilft, wo Könige +verzagen,“ sagte Ximenes gelassen.</p> + +<p>Die Königin zitterte in Mitleid. „Ich fürchte, wir verarmen an Talenten +und an Herzen, wenn wir so edle Regungen unterdrücken.“</p> + +<p>„Das überlasse Eure Hoheit der Kirche. Zudem — der Hof braucht Geld — +der Graf ist reich — Ihr versteht.“</p> + +<p>Die Könige erbleichten. Aber sie schwiegen vor der entsetzlichen Kraft +dieser Rechtsbegründung aus Priestermund. Endlich fand Isabella das +erlösende Wort. „Nur weil ich der Kirche Hoheit erkenne, sag’ ich ja. +Aber wie wollt Ihr in die geheimsten Kammern des Herzens dringen?“</p> + +<p>Der Erzbischof lächelte überlegen. „Darüber mag sich der Dominikaner +den Kopf zerbrechen. Gelingt es ihm, die Könige vor Gefahr zu bewahren, +dann schreibt seinen Namen auf die Tafel der Verdienste. Der Graf +darf nicht länger so denken, sonst mästet Ihr Euch einen zweiten +Cid heran, der seinem König wieder gefährlich werden kann. Alle +Ricoshombres, die unzufriednen andalusischen Granden, werden ihm folgen +und Kastilien und Aragonien bedrohen, ja, er könnte, ein zweiter Graf +Julian, die Mauren aus der Berberei zu Hilfe rufen und die schwer +erkämpfte Einheit Spaniens furchtbar zertrümmern. Schon mehren sich +die Zeichen, daß der Adel nicht übel Lust hat, den starken Händen der +Regenten zu entgleiten. Der kastilische Hidalgo haßt mich, und der +Herd des Hasses ist nicht nur in Toledo <span class="pagenum" id="Page_251">[S. 251]</span>zu suchen. Auch hier braut +man die Unzufriedenheit zusammen, am Pestherd des Prophetenglaubens. +Bald werden auch die alten Christen schwankend, wenn sie den Adel mit +solchen Köpfen an der Spitze in offener Empörung gegen die heiligen +Gesetze sehen. Habt ein Augenmerk auf den Herzog von Osuna, auf den +Grafen von Orgaz, auf Priego de Cordoba, ja selbst auf Medina-Sidonia.“</p> + +<p>Die Könige sahen einander erblassend an. „Mit welchen Bildern schreckt +Ihr unsern Geist?“ bebte Isabella.</p> + +<p>Fernando stampfte mit dem Fuß. „So weit können sie es treiben wollen?“</p> + +<p>„Ist es erst so weit, hat es dieser Graf bewiesen, daß er’s kann. Wir +müssen schneller sein. Eure Ungnade wird ihn vorsichtig machen. Gebt +mir freie Hand.“</p> + +<p>„Macht ihn unschädlich,“ rief die Königin bedrängt aus. „Aber — schont +ihn, im Grunde ist es nur ein irregeführter Mensch, ein Unglücklicher, +den Gesetzen der menschlichen Natur unterworfen.“</p> + +<p>„Ob Härte oder Schonung — überlaßt das dem barmherzigen Sinn der +Inquisition, die für die Reinigung der ketzerischen Seele sorgt. Sie +wird den durch die Sünde Abgefallenen wieder mit der Kirche versöhnen.“ +Er verneigte sich und empfing den Handkuß der Könige.</p> + +<p>In der prallen Sonne des Löwenhofes blickte er suchend um sich. Der +Dominikaner glitt aus dem Schatten eines von Säulen getragnen Pavillons +und schlich demütig gebückt zu ihm hin. Der erste Faden für das Netz, +das den Unseligen umgarnen sollte, wurde in die Seele Leons gesponnen.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel"> + Siebenundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">G</span>ranada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und +stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das +Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die <span class="pagenum" id="Page_252">[S. 252]</span>Taufe war nicht +unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man +Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von +Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff +man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen +Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke +nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die +das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten, +andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die +sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer +Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre +Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen +des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt +hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen +Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das +Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla +abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito +am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von +Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen +davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser, +einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das +Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde +gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte. +Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit +hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften +entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom +Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt +mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken. +So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche +‚versöhnt‘.</p> + +<p>Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte, +litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die <span class="pagenum" id="Page_253">[S. 253]</span>Empörung gegen die +furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern +stempelte.</p> + +<p>Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie +einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und +woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die +cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser +und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der +Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller +Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit +welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt +wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge +vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen +und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich +verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück. +Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die +Christen verschonte das Gericht nicht. —</p> + +<p>Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war +wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse +Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in +derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen. +Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran +weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“</p> + +<p>„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor.</p> + +<p>„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“</p> + +<p>„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer.</p> + +<p>„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“</p> + +<p>„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla +unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest +auszuräuchern.“</p> + +<p>„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir +nie.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_254">[S. 254]</span></p> + +<p>Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach +dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten, +der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des +Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe +des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in +höchster Andacht zum Himmel.</p> + +<p>Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen +benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner. +„Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“</p> + +<p>Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet, +verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle +Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe +willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich +hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des +Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest +verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn +für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners +Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses. +Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche — haben sie kein +Herz im Leibe?“</p> + +<p>Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen +nicht.“</p> + +<p>„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf +einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß +ist, wird alles richten. Insch’allah!“</p> + +<p>Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada +verlassen. Und du gehst morgen fort — wir werden ganz ohne Beschützer +sein.“</p> + +<p>„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht — ich bin bald zurück.“</p> + +<p>Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare +Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den <span class="pagenum" id="Page_255">[S. 255]</span>Hirnen dieser +Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben +straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr +Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal +des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das +größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm +her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib. +„Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der +Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund +geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch +ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in +ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um +der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber +und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße +Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann +dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott +ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen +Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen +Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den +Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar. +Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden +die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut +fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien +ein Flammenbusch zu sein.</p> + +<p>Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde +haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir +da. Lebt wohl — ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses +letzte getan, soll vieles anders werden.“</p> + +<p>Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich +will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden +Wangen zu Boden.</p> + +<p>Unendliches Glück erhellte das Auge des Grafen. Mit zärtlicher +<span class="pagenum" id="Page_256">[S. 256]</span>Liebkosung begleitete sie den Geliebten die Treppe hinab. Dann +kehrte sie zu Abu Atir zurück. „Rüste dich, Väterchen, zum letzten +Schritt,“ flüsterte sie ihm hastig zu. „Ich habe alles vorbereitet.“ +Ihr Auge bekam einen schillernden Glanz. „Wenn morgen die Truppen nach +Guejar ziehen, ist die Stadt von Soldaten entblößt. Die Wali Beni +Mossad werden mit fünf Pferden in der morgigen Nacht beim Mühlentor +halten. Die Wache bei deinem Zimmer wird durch drei andalusische +Maultiertreiber überwältigt, die sich noch bei Tag in die Alhambra +einschleichen. Spanischer Mantel und andalusische Mütze sind für dich +bereit, man wird dich für einen Gelehrten halten. In Begleitung der +drei Arrieros gelangst du bis zum Mühlentor, wo die Pferde warten. Von +dort reitet ihr über Padul nach Salobreña ans Meer. Ein Schiff trägt +dich nach Maghreb zu meinem Vater.“</p> + +<p>Der Greis hatte starr-staunend gehorcht. „O Gott — wenn ein Schatten +des Argwohns auf dich —“</p> + +<p>„Ich weiß von nichts und schlafe ruhig in der Alcazaba.“</p> + +<p>„Und du kommst nach? Nach Salobreña?“</p> + +<p>„Nein. Mein Geschick ist mit dem meines Feta verknüpft. Ich will ihn +beschwören, mit mir nach den Kanarischen Inseln zu fliehen, oder es +blüht in Frankreich für uns eine neue Heimat. Nur fort von hier! Der +Boden brennt mir unter den Füßen. Nimmer will ich des Grafen Herz +täuschen, unsere gemeinsame Kette bricht nur der Tod.“</p> + +<p>„Oh, Engel mit dem Schwert des Geistes und der Liebe! So weih’ ich +dich für dein Liebeswerk, das du mir und jenem tust. Mögen dich Gottes +Seraphim behüten. Hör’ mich an: Geheimnisvoll naht sich morgen gerade +die Nacht Kadir, in der der ungeschaffene Koran aus dem siebenten +Himmel in den Himmel des Mondes gebracht wurde, um vom Engel Gabriel +behütet zu werden. Diese Nacht ist immer von großen Geschehnissen +erfüllt, darum glaube ich an ein gutes Gelingen. Ich will dir ein +Geheimnis anvertrauen, das mir dein Vater nur in höchster Not +preiszugeben befahl. Die Not ist da und du bist sein Kind. Im Turm +der sieben Stockwerke in der Alhambra unter dem Getäfel <span class="pagenum" id="Page_257">[S. 257]</span>einer Nische +im obersten Zimmer, wo der Türmer haust, hatte Boabdil eine Kerze +verwahrt, die so hergerichtet ist, daß deren Wachs, am untern Ende +angezündet und auf das Pergament getropft, das sich in meinen Händen +befindet, eine Schrift auftauchen läßt, welche besagt, wo der letzte +granadinische Schatz des Königs in Granada verborgen ist. Von diesem +darf ich für dich nehmen, soviel ich will. Hier hast du das Pergament.“ +Er schnitt in einer verborgenen Rockfalte eine Naht auf und zog ein +zusammengefaltetes Pergament heraus.</p> + +<p>Mit höchstem Staunen griff Reija nach dem Blatt. „Ich will’s benützen, +wenn die Not am höchsten.“ Sie steckte es zu sich. „Tausend Dank, +Väterchen!“</p> + +<p>„Gib alles, was du an Geld hast, dem Wali Sareb in Verwahrung. Er +ist ein treuer Prophetenknecht. Für mich genügt das nackte Leben. In +Salobreña warten Gelder auf mich. Du mußt gehen?“</p> + +<p>„Die Arrieros sind für die dritte Stunde heute bestellt. Sie bekommen +Ausrüstung und Waffen. Dein getreuer Malik Ben Hossaim hilft mir bei +allem. Er ist schlau, verwegen und vorsichtig. Leb’ wohl, Väterchen!“ +Sie warf sich die schwarze Mantilla um, zog den Schleier vor und +huschte aus dem Turm. Unten wartete Saffana.</p> + +<p>Der Frühling begann seine Wunder leise zu entfalten. Mild fächelte die +Luft, rosenrote Mandelblüten dufteten von den Hängen, die Blütenstände +der Aloestauden prangten wie Tempelleuchter, der Maulbeerbaum und die +Granate gingen auf, auf den Hügeln schimmerte der Wein dem großen +Blühen entgegen. In der Calle de Gomeres warteten die Maultiere. +Durch die engen Gassen der Antequeruela drückten sich verängstigte +Moriskengestalten an ihr vorbei, alle Gesichter erregt und bleich unter +dem Eindruck des Autillos. Der übliche Gassenlärm war verstummt. Züge +von Mönchen und Nonnen, alle unheimlich verhüllt wie Boten des Todes, +schlängelten sich zur Alhambra hinauf, lebendige dunkle Girlanden im +frühlingsjungen Grün des Berges. Von Zeit zu Zeit tönte durch die +Gassen ein weher <span class="pagenum" id="Page_258">[S. 258]</span>Ruf, man wußte nicht woher, irgendeine Brust stöhnte +wohl ihr Leid in die glühende Sonne. Reija ritt gesenkten Hauptes, von +den Wogen ihrer Gedanken bedrängt, durch die geängstigte Stadt, die +in wenigen Stunden ihre andalusisch-maurische Fröhlichkeit eingebüßt +hatte, gebrochen durch die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts.</p> + +<p>„Höre, Saffana! Du läufst heute abend in der Alcazaba herum, soviel du +willst. Nur in meinem Zimmer laß dich nicht sehen. Rüste mir das Bad +und fülle alle Räuchervasen.“</p> + +<p>„Werda, Werda, du willst dich schmücken, als ginge es zum Liebesfest.“</p> + +<p>„Rosen vergiß mir nicht und flatternde Seidenbänder. Morgen zieht +mein Bräutigam in den Kampf. Aber die Monfis sind aus Helden +zusammengesetzt, sie werden aus den Christenleibern den Staub der +Verwesung machen.“ Ihr Auge, schwarz wie ein Nachthimmel, glühte für +den Ruhm der alten Glaubensbrüder. „Was hältst du von den Christen und +ihrer Kirche?“</p> + +<p>Saffana schüttelte den Kopf. „Ich kann’s nicht begreifen, was diese +Fakis tun. Sie zwingen uns, ihre goldenen Bilder anzubeten, sie rufen +uns mit Glocken zum Gebet, ihre Predigten hallen von Verboten und +Sünden. Und was soll der Wein in ihrem Kelche? Die Fakis deuten es mit +Blut. Ich kann’s nicht glauben. Aber es gibt so schöne Ritter unter +den Spaniern —“ ihr Auge belebte sich rasch — „man möchte so gern in +ihren Armen liegen und ihren Götzendienst vergessen.“</p> + +<p>Reija hörte nicht mehr auf ihr leichtes Geschwätz. Ihre Gedanken +verfingen sich im Netz der eigenen Liebe. Und in ihrem Geiste loderte +der ersehnte Abend in Flammen des Prophetenparadieses.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Achtundzwanzigstes_Kapitel"> + Achtundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">P</span>ater Leon trat mit gesättigtem Herzen in die kühle Dämmerung der +Mosala. Das Autillo war ein offenkundiger Sieg, eine Machtentfaltung +des Nazarenerglaubens. Der Vikar fertigte die <span class="pagenum" id="Page_259">[S. 259]</span>ihn begleitenden Mönche +ab und ordnete dann sogleich die Inquisitionsakten in den Schrank +ein. Dann öffnete er ein Aktenbündel und holte ein schneeweißes, +leeres Papier heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, ergriff er das +Schreibrohr und setzte ein paar Worte hin, die den leeren Bogen mit +einem schrecklichen Inhalt zu füllen begannen:</p> + +<p>„Anklage gegen den königlichen Hauptmann Don Pedro de Solar Grafen de +Mora, der beschuldigt wird —“</p> + +<p>Hier endigte der Gedankengang des Inquisitors. Die Schuld zu ersinnen +und zu formulieren, blieb ihm die Nacht. Die gräßlichen Gedanken +entflatterten ihm und er ließ erquickendere in sein Hirn. Vor seinem +brennenden Auge wiegte Maria de Calabreña ihren schönen Leib. Wie +weit stand sie mit — oh, ihm schauderte. War dieser Leib schon ein +fruchttragender Acker geworden?</p> + +<p>Draußen tappten Schritte. Der Dominikaner öffnete. „Ah, endlich! Ich +habe Euch längst erwartet, Don Silvio.“</p> + +<p>Der Mönch führte einen etwas verwachsenen Mann herein, der schon in +seinem Äußern zu jenen Menschen zu gehören schien, die zuerst essen, +bevor sie beten. Ein olivenfarbiges, verschrammtes Spitzbubengesicht, +dessen graue Augen hinter den Lidspalten versteckt lagen, struppiges, +aschgraues Haar, die Nase klumpig, die Lippen wulstig und bläulich, die +Haltung vernachlässigt, alle Gebärden vorsichtig, als müßte der Mann +unausgesetzt vor irgendeiner Entdeckung auf der Hut sein — fürwahr, es +stand kein Engelsgebilde vor dem Dominikaner.</p> + +<p>„Du kommst von Cordoba?“ fragte dieser.</p> + +<p>Don Silvio bejahte mit einer rostig klingenden Stimme. „Der hochwürdige +Pater Lucero, Inquisitor von Cordoba, schickt mich.“</p> + +<p>„Ich bat ihn um eine geschickte Hand, die in gewissen Dingen nicht in +Verlegenheit kommt.“</p> + +<p>Der Scherge lächelte eitel. „Auch Jonas verbarg sich vor dem Herrn und +dieser fand ihn doch.“</p> + +<p>„Du greifst hoch in die Wolken.“</p> + +<p>Don Silvio sah sich vorsichtig um. Die Nähe des Altars und <span class="pagenum" id="Page_260">[S. 260]</span>der +Meßgeräte verwirrte ihn ein wenig. „Darf ich zuerst beten?“ heuchelte +er schamlos.</p> + +<p>„Tu was du mußt.“</p> + +<p>Der Mann kniete schwerfällig beim Altar nieder und schien mit Andacht +zu beten. Dann erhob er sich und trat mit dem gleichgültigsten Gesicht +an den Tisch. „Was also soll getan werden?“</p> + +<p>„Wo wohnst du jetzt hier?“ erkundigte sich der Vikar.</p> + +<p>„In einer Venta am Elvirator gleich in der Nähe des +Inquisitionspalastes. Es weiß kein Mensch, woher ich komme, und in +Cordoba lebe ich versteckt wie eine Kröte bei Tag.“</p> + +<p>„Hast du das Dekret des Familiare der Inquisition?“</p> + +<p>Don Silvio zog den zerknitterten Schein heraus. Der Vikar prüfte ihn. +Das Dokument sagte das Ungeheuerliche aus, daß dieser verkommene +Schlaufuchs in der Bruderschaft der Familiares aufgenommen worden sei +und daß er geschworen habe, sein Leben dem heiligen Offizium zu weihen +und dafür alle Ablässe der Cruce signati empfangen habe und im Besitz +des heiligen Kreuzes sei. Einen solchen Bruder brauchte der Inquisitor. +Jede spanische Stadt wimmelte von dergleichen Gesellen, die von der +Gnade des Tribunals lebten und ihre eigene Zunft hatten. „Weißt du +deine Aussagen geschickt zu setzen?“ fragte Leon.</p> + +<p>„So daß sie den Schein der Wahrheit haben. Ich streue etwas Angst ein, +taste mit den Worten unsicher herum, suche um Himmels willen einen +Ausweg, der mir nicht gelingt, um Jesu Barmherzigkeit willen muß ich +einfach sagen, was ich gehört, gesehen, ob ich will oder nicht. Und +zitternd schreibe ich meinen Namen unter die Zeugenschrift. Ehrwürdiger +Pater, ich habe an die hundert Christen vor das Tribunal gezerrt, und +wenn die Summe sich rundet, kaufe ich mir ein Häuschen in Andalusien, +da wo es am schönsten ist.“</p> + +<p>„Hast du — Schriftliches bei dir von Lucero?“</p> + +<p>„Nur meinen Mund. Der plappert wie eine Litanei oder schweigt wie ein +Sarg. Je nach Bedarf. Der sehr ehrwürdige <span class="pagenum" id="Page_261">[S. 261]</span>Pater Lucero wird sich +hüten, mir etwas Schriftliches zu geben. Unsereins kommt in der Venta +leicht in Händel und da ist jede Schrift in Gefahr, wenn die Messer +fliegen. Zur Sache denn, um welchen Fall handelt es sich? Oder ist +einer ganz neu aufzubauen? Da müßte man vorsichtig sein.“</p> + +<p>„Die Sache liegt eigentlich so offen, daß man nur eines kleinen +Beweises bedarf, um die Anklage zu erheben. Ist es geschehen, hast du +der Kirche, Spanien, der Königin, dem König, und dem Erzbischof Ximenes +einen großen Dienst erwiesen.“</p> + +<p>Der Handlanger des Bösen machte gewichtige Augen. „Bei Santiago! Ein +ehrenvolles Amt, das manchem Bettler in der Seele kitzeln müßte. Fast +möchte ich mir den Zehnten von ganz Spanien dafür ausbedingen.“</p> + +<p>„Dein Häuschen in Andalusien dürfte dir sicher sein. Die einzuziehenden +Güter der betreffenden Person sind umfangreich, ein Fünftel davon +fällt dem königlichen Schatz zu, der Rest der Kirche und dem Staat. +Von diesem Teil würde ich dir den Zehnten beim Supremo der Inquisition +auswirken.“</p> + +<p>„Bietet Ihr mir Sicherheit?“</p> + +<p>„Du sollst Dezas Unterschrift haben.“</p> + +<p>„Darauf kann ich bei allen Juden Europas Schulden machen. Und wie heißt +der große Name, der so viele Gebäude in ihren Festen erschüttert?“</p> + +<p>„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“</p> + +<p>„Der zählt!“ Don Silvio spitzte die Lippen zu einem Pfiff. „Was hat er +getan? Oder besser, was für Verbrechen will man von ihm?“</p> + +<p>„Er hält mehr als notwendig den Mauren die Stange.“</p> + +<p>„Dann also muß man ihn maurisch fassen. Man will ihn, verstehe ich +recht, verdächtigen, daß er Spanien oder die Kirche — was ja fast +dasselbe ist — verunglimpft.“</p> + +<p>„Schärfe dein Hirn,“ drängte Leon ungeduldig.</p> + +<p>Der Vertraute biß die Zähne zusammen. Und mit seinen grauen Äuglein +schaute er tief nach innen, als wollte er die Rüstkammer seiner +Schurkerei durchstöbern. Sein spärliches Haar <span class="pagenum" id="Page_262">[S. 262]</span>stand im Wirbel +aufrecht, wie von Galgenluft zerzaust. „Laßt sehen! — Geheime +Versammlungen? Verbraucht! Man will doch sonst niemand von den Granden +unschädlich machen?“</p> + +<p>„Das wäre noch zu überlegen.“</p> + +<p>„Eine gewöhnliche Lässigkeit nachzuweisen, wäre ein Kinderspiel, aber +das paßt nicht für den großen Namen. Der Graf ist wohl, was man so +sagt, gläubig?“</p> + +<p>„Er denkt tolerant.“</p> + +<p>„Hallo! Da sitzt ein Loch, durch das er durchfliegen kann, oder der +Topf hat einen neuen Henkel gefunden. Wenn man ihm die Liebe zum Koran +ins Blut schießen lassen würde? Könnte man ihn nicht in eine Maurin +verliebt machen?“</p> + +<p>Die Mönchsaugen leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln „Das hat er +schon in aller Wahrhaftigkeit selbst besorgt.“ Und er speiste ihn mit +Einzelheiten ab.</p> + +<p>„Da brauchen wir für den Stier erst kein rotes Tuch. Maurin, Koran, +die Heftigkeit des Ritters, die Toleranz — laßt mich sinnen — ein +gefälschter Brief — ein zu gefährliches Mittel — aber der Graf +besitzt sicher einen Diener — und der könnte mir es anvertraut haben +— ich meine, daß dieses und jenes Wort gefallen —“</p> + +<p>„Du ziehst einen armen Teufel mit ins Unheil,“ erschrak der Dominikaner.</p> + +<p>„Wie lautet das Sprüchlein des ehrwürdigen Torquemada? Es ist +besser, daß tausend Unschuldige sterben, als daß ein einziger Ketzer +davonkommt. Man sagt, die Kirche vergißt solche erprobte Sprüchlein +nicht gern.“</p> + +<p>„Deine Sünden werden Teufel erzittern machen,“ erschauerte Leon. „Geh, +geh — ich will ohne dich auszukommen suchen.“</p> + +<p>„Das hättet Ihr früher bedenken müssen. Ich weiß schon allzu viel.“ +Seine buschigen Augenbrauen zogen sich hoch, während er seinen +struppigen Bart strich.</p> + +<p>„Es ist nie zu spät, Gedanken zu bereuen.“</p> + +<p>„Ob man dieser Reue Glauben schenken wird? Vergeßt nicht, <span class="pagenum" id="Page_263">[S. 263]</span>ehrwürdiger +Pater, ich habe gut ein Drittel der cordobanischen Prozesse auf meinem +Gewissen.“</p> + +<p>„Um so sicherer bist du in unserer Gewalt.“</p> + +<p>„Oder Ihr in der meinen. Wenn ich plaudere —“</p> + +<p>„Glaubt man dir nicht oder macht dich rechtzeitig mundtot. Die Aussagen +der Inquisitoren dürfen nicht angezweifelt werden, sie werden sich um +ihre Haut zu wehren wissen.“</p> + +<p>Mißvergnügt drehte sich der Schurke nach der Tür.</p> + +<p>Leon rief ihn zurück. „Du sollst nicht unversöhnt von dannen gehen. +Es bleibt dabei. Mach’ dich an den Diener heran. Wir wollen dann den +Vertrag schließen. Und noch eins. Wenn du schwören solltest, du habest +gehört, daß eine gewisse Moriska dabei ertappt wurde, wie sie betend +auf dem Mekkateppich lag, oder daß sie nächtlich den Zambra tanze, sich +täglich wasche und das Schweinefleisch verachte — du würdest dich doch +nicht lange besinnen?“</p> + +<p>Don Silvio rümpfte geringschätzig die Nase. „Für solche Kleinigkeiten +hat mein Gewissen noch Platz. Ich kann auch beschwören, daß ich das +Weib auf einem Aquelarre, einem Hexensabbat, in San Esteban gesehen.“</p> + +<p>„Man wird sich deiner erinnern. Geh.“</p> + +<p>Mit einer verzogenen Fratze, die Lippen häßlich zusammengekniffen, +die Schultern hochgezogen, schlich der Scherge hinaus. Er war das +Feilschen in Cordoba gewohnt. Sollte er hier andre Methoden lernen? +Eine Schurkerei, so tief in der heiligen Gerechtigkeit verwurzelt, +konnte nicht leicht ausgerissen werden oder der ganze Baum stürzte um. +Aber was half es ihm, wenn durch seine Verräterei die Inquisition einen +Stoß bekam? Wer würde ihn belohnen? Über die Erlösung würde man den +Erlöser vergessen. Er lebte von der Inquisition, nicht sie von ihm. +Es waren hundert andere Auswürflinge da, sein Amt zu übernehmen, und +er konnte sich die Nägel ausreißen vor Galle, daß er der Klügere sein +wollte. Nein, nein, der Pater hatte recht, man mußte Hand in Hand mit +den Dienern des heiligen Offiziums gehen, um nicht nackt wie Hiob auf +dem Mist zu sitzen. Das <span class="pagenum" id="Page_264">[S. 264]</span>waren so seine grauen Gedanken, als er durch +das Tor der Gerechtigkeit in der Alhambra schritt.</p> + +<p>Pater Leon hatte sich in Instruktionen vertieft. Sein Gemüt war +ebensowenig erheitert wie das des davongegangenen Besuchers. War +er nicht mit der Belastung eines wildfremden Gewissens zu voreilig +gewesen? Aber noch war kein Abschluß des Handels da. Unterdessen mußte +ihm der Teufel, den er für Gott hielt, irgendwie zu Hilfe kommen.</p> + +<p>Die Zeit schlich. Bald mußte Maria de Calabreña da sein. Er hatte ihr +in der letzten Beichte unter anderm auch die Buße aufgegeben, von nun +an nach alter Büßerweise barfüßig vor dem Altar zu erscheinen, um so +die Demut vor Gott besser zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. Er berief +sich auf Moses, der, als er vor Gott im feurigen Busch kniete, auch die +Schuhe auszog, da er heilig Land betrat. Das Gebot erinnerte Doña Maria +an die mohammedanische Fußwaschung vor dem Gebet und sie fand nichts +Absonderliches darin. Heute also mußte sie bloßen Fußes —</p> + +<p>Leon lief es über den Rücken. Er nahm ein Inquisitionsheft zur +Hand, seine Gedanken abzulenken. Da lag ein Zeugenverhör vor ihm, +musterhaft und geschickt in der Fragestellung, hingeworfen von +einem der Consultores in Cordoba. Es waren Schachzüge mönchischer +Spitzfindigkeit, die hier in vielgestaltiger Form mit Menschenleben +spielten. Leon hatte sich kaum in das Labyrinth der Fragestellungen +hineingetastet, als er den geliebten Schritt draußen hörte. Die +Wachsoldaten ließen wie immer die schöne Moriska eintreten.</p> + +<p>Der Dominikaner begleitete sie nach freundlichem Gruß zum Altar. +Gehorsam zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und kniete an den Stufen +nieder. Der Dominikaner stand hinter ihr, als wollte er ihre Andacht +in seinen Segen nehmen. Seine Augen aber verschlangen das nackte, +bräunliche Fleisch ihrer gemeißelten Sohle und das bläuliche Geäder der +zarten Fessel. Jede Zehe liebkoste er und er hätte stundenlang ihre +liebliche Blöße bestaunen können, ohne in seiner Begehrlichkeit zu +ermüden. Als sie <span class="pagenum" id="Page_265">[S. 265]</span>sich erhob und die Schuhe anzog, beobachtete er jede +Linie ihres Körpers, jede Rundung, jeden gefälligen Schwung. Maria fing +einen dieser prüfenden Blicke auf und errötete. Etwas verzagt setzte +sie sich an das mit Erbauungsschriften belegte Tischchen. Leon ging auf +und ab, und seine sonst so strenge, herablassende Miene, vollgesogen +vom Dünkel der Kirchlichkeit, verwandelte sich in eine Freundlichkeit, +die das Mädchen befremdete. Der Vikar segelte in das Fahrwasser der +Kirche und der Dogmen, erklärte die Zeremonien der Sakramente, um dann +auf einmal die Belehrung abzubrechen und unvermittelt an das Herz der +Jungfrau heranzurücken. „Der Graf — nur unter uns, Doña Maria — er +liebt Euch mit derselben Herzlichkeit wie Ihr ihn?“ fragte er wie in +tiefer Anteilnahme.</p> + +<p>„Er würde mir zuliebe alles tun,“ sagte sie glücklich.</p> + +<p>„Das ist ein schweres Wort.“ Des Paters Lippen schmeckten ins Leere. +„Gesetzt nun, Ihr wärt im Irrglauben beharrt, meint Ihr, der Graf hätte +sich bewegen lassen, den Christenglauben abzuwerfen?“</p> + +<p>Sie erschrak. Daran hatte sie eigentlich nie gedacht. Ob wirklich seine +Liebe so groß gewesen wäre? „Ich glaube, er hätte sich wenigstens nach +und nach mit Mohammeds Gesetzen, mit Koran und Sunna befreundet,“ sagte +sie ausweichend.</p> + +<p>„Hat er Euch je Beweise zu einer solchen Annahme gegeben?“</p> + +<p>„Nein, aber er hätte gewiß erkannt, daß auch Mohammed ein großer Mensch +war.“</p> + +<p>„Groß kann ein Mensch nicht sein, der so irrt. Aber Ihr schweift +ab. Ich meine, hat der Graf Euch Beweise eines so duldsamen Denkens +gegeben? Er liebte wohl Eure alte Religion?“</p> + +<p>„Lieben? Dann hätte er sie doch angenommen und die seine weggeworfen.“</p> + +<p>„Liebende rasen oft über Sünde und Unheil hinweg ins Verderben.“</p> + +<p>„Wäre es wirklich ein Verderben für ihn gewesen?“ erschrak sie heftig.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_266">[S. 266]</span></p> + +<p>„Ich würde kein größeres kennen. Aber sagt, spricht der Graf oft und +viel von der heiligen katholischen Religion?“</p> + +<p>„Freilich — er liebt sie doch — nur —,“ sie stockte.</p> + +<p>„Nur?“ griff der Priester überhastig in ihre Verlegenheit.</p> + +<p>„Ach, nichts.“</p> + +<p>„Nein, Ihr wolltet eine Ausnahme einschalten.“</p> + +<p>„Ich wollte nur sagen — aber bitte, bitte, blickt nicht finster —, +ich meine, auch er ist nicht blind gegenüber den Übertreibungen —“</p> + +<p>„Auch er? Also sind auch andere da, die —?“</p> + +<p>„Ach, ich meinte nur — man spricht doch das und jenes —, so lächelte +er oft, wenn er die Leute, die Frauen stundenlang vor den Altären +liegen sah —“</p> + +<p>„Da lächelte er?“ fragte der Mönch gespannt. „Und sagte wohl: ‚Ach, wie +arm sind diese Frauen?‘ Das sagte er, nicht wahr, Doña Maria?“</p> + +<p>„Nicht doch, er sagte es nicht. Aber ich sah es ihm an, wie ihn das +Mitleid mit ihnen überlief, wenn sie so vor den Bildern lagen —“</p> + +<p>„Er sagte wohl: ‚Das sollte nicht sein.‘“</p> + +<p>„Gesagt hat er das nicht.“</p> + +<p>„Vielleicht doch einmal? denkt nach.“ Des Priesters Augen stachen in +ihre Seele.</p> + +<p>„Ich erinnere mich nicht.“</p> + +<p>„Aber es könnte sein, daß er es einmal gesagt hat?“</p> + +<p>„Vielleicht. Aber ich weiß nichts davon. Er freute sich nur immer, wenn +ich ihm sagte, daß ich früher auf dem Gebetsteppich lag und auch ohne +ein Bild meinen Weg zu Gott fand. Er nannte dies schön und recht bei +den Moslims.“</p> + +<p>„Das heißt also, daß der katholische Brauch nicht schön und recht sei?“</p> + +<p>„O Gott, das hat er nicht gesagt.“</p> + +<p>„Doch folgt es leicht daraus. Er fand demnach in manchem Eure alte +Religion viel schöner und richtiger als die unsere?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_267">[S. 267]</span></p> + +<p>„Nicht das, aber es waren doch schöne Stunden, wenn wir den Koran +lasen, die Verheißung vom Paradies —“</p> + +<p>„Er las den Koran mit Euch?“</p> + +<p>„Freilich, das mußte er doch, um zu wissen, wie wir es früher hielten.“</p> + +<p>„Und da meinte er wohl auch, daß dieses Paradies schön und +erstrebenswert sei?“</p> + +<p>Sie nickte unverfänglich. „Ei, wem sollte wohl der heilige Gotteshain +mit den vielen Huris nicht gefallen und mit den Quellen der Liebe?“</p> + +<p>„Auch ihm gefiel das also?“ Er umspann mit den leicht hingeworfnen +Fragen ihr ganzes Denken wie mit einem Netz.</p> + +<p>„Ich sagte schon, wem sollte es nicht gefallen?“</p> + +<p>„Und sprach er nicht von der Dreieinigkeit manchmal zweifelnd?“</p> + +<p>„Das wüßte ich nicht zu sagen, Pater. Aber wozu das alles?“</p> + +<p>„Ich nehme eben an allem teil, was Eure Seele bewegt. Der Graf hat also +wohl selten von der Dreieinigkeit gesprochen?“</p> + +<p>„Fast nie. Das heißt, ja, jetzt erinnere ich mich, einmal — richtig, +da sagte er, er könnte mir nichts Bestimmtes darüber sagen, denn er +wisse nichts davon.“</p> + +<p>„Er wisse nichts von der Dreieinigkeit? Sagte er so?“</p> + +<p>„So ungefähr.“</p> + +<p>„Merkt doch genau meine Frage: Er sagte, er wisse nichts von der +Dreieinigkeit?“</p> + +<p>„Ach, das hat er nicht gesagt.“</p> + +<p>„Aber so ungefähr. Vielleicht sagte er so: ‚Ich weiß nichts von der +heiligen Dreieinigkeit.‘“</p> + +<p>„Vielleicht, aber ich weiß es nicht genau.“</p> + +<p>„Also — er weiß nichts von der heiligen Dreieinigkeit. Merkt das gut.“</p> + +<p>Maria sah ihn groß an. „Das ist doch harmlos wie ein verwehtes Blatt.“</p> + +<p>Des Paters Schreibrohr warf ein paar Worte auf das leere Blatt. „Und +Jesus? Wie sprach er über Jesum?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_268">[S. 268]</span></p> + +<p>„Er nannte ihn einen großen Menschen.“</p> + +<p>„Aber nicht einen Sohn Gottes?“</p> + +<p>„Ich kann mich dessen nicht entsinnen.“</p> + +<p>„Er hat ihn also nicht einen Sohn Gottes genannt?“</p> + +<p>„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur nicht, daß er ihn so genannt hätte.“</p> + +<p>„Dann wird er wohl der Meinung sein, daß Jesus nicht der Sohn Gottes +sei.“</p> + +<p>„Das hat er nie und nimmer gesagt.“</p> + +<p>„Vielleicht doch, und Ihr könnt Euch nur nicht darauf besinnen.“</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln.</p> + +<p>„Er wird also wohl so gesagt haben: ‚Jesus ist ein großer Mensch und +ein Prophet.‘“</p> + +<p>„Vielleicht,“ sagte sie, glücklich über den vom Pater selbst gefundenen +Ausweg. Sie ahnte nicht, wie sie nach seinem Herzen plauderte.</p> + +<p>„Also sagte er: ‚Jesus ist ein Prophet.‘“</p> + +<p>„So sagen es die Mohammedaner, und vielleicht freute sich der Graf +darüber — ich weiß es wirklich nicht.“</p> + +<p>„Also der Graf freute sich darüber, daß die Mohammedaner sagen, Jesus +sei ein großer Prophet.“</p> + +<p>„Der Sohn Gottes muß doch auch zugleich ein großer Prophet sein.“</p> + +<p>„Der Graf wollte also von der Dreieinigkeit nichts wissen —“</p> + +<p>„Das habe ich doch nicht gesagt,“ fuhr sie erschreckt auf.</p> + +<p>„Wer wenig oder nicht davon spricht, will wohl davon nichts wissen. +Wohl aber freute sich der Graf darüber, daß die Moslims Jesum für einen +großen Propheten halten.“</p> + +<p>„Das sollte ich gesagt haben? Oh, ich bin so ungeschickt im Spanischen +—“</p> + +<p>„Ihr habt sehr geschickt die Wahrheit gesagt. Nun liegt des Grafen +inneres Bild klar vor mir.“</p> + +<p>Sie faßte das in ihrem Sinne auf und fügte glücklich strahlend dazu: +„Oh, läge es so in Euch, wie es in mir liegt. Der <span class="pagenum" id="Page_269">[S. 269]</span>Graf ist ja so +nachsichtig und mild, und läge es an ihm, er würde keinem Mauren ein +Leid antun.“</p> + +<p>„Er ist so nachsichtig? Könnte keinem Mauren —?“ Die Worte flogen aufs +Papier.</p> + +<p>„Warum nehmt Ihr das alles so groß?“</p> + +<p>„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in +seiner ganzen Nachsichtigkeit — ja, über die Hostie sprach er nicht +mit Euch?“</p> + +<p>„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding —“</p> + +<p>„Sagte er: unscheinbares Ding?“</p> + +<p>„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“</p> + +<p>„Er bezweifelte es wohl?“</p> + +<p>„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn —“</p> + +<p>„Also er nannte die Hostie unscheinbar — ja, ja, machte ein +merkwürdiges Gesicht dazu — schüttelte wohl gar den Kopf —“</p> + +<p>„O nicht doch — wie sollte er?“ — Sie lächelte.</p> + +<p>„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal —“</p> + +<p>„Ja, einmal — da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines +Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“</p> + +<p>„Ganz recht — da schüttelte er den Kopf — das unscheinbare Ding — +ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal +darüber weiterreden.“</p> + +<p>Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter +schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend.</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten +nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es +nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie +schon irgendeine Ausflucht suchen.</p> + +<p>„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir +heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“</p> + +<p>Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und <span class="pagenum" id="Page_270">[S. 270]</span>Kerzengeruch +woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In +die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe! +Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den +rosigen Abend hinein.</p> + +<p>Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser +ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil +getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber +es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben +der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten. +Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt +schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage +zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder +eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña. +Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des +zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner +Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt +das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren +auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria +durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher +Verzweiflungsschrei zerbrach.</p> + +<p>Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den +Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der +Tür.</p> + +<p>Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich +morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego, +die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles. +Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte +hinaus.</p> + +<p>Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen. +Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine +Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch +wußte, daß er damit der Kirche und <span class="pagenum" id="Page_271">[S. 271]</span>dem König einen Dienst erwies. Der +Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so +weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte. +Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war +der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch +nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin +überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte +das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu +vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch +einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten +auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden +als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz +der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig +den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte +Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen.</p> + +<p>Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein +Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond +behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Neunundzwanzigstes_Kapitel"> + Neunundzwanzigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">L</span>eid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie +Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein.</p> + +<p>Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des +orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd +in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die +mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im +Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die +sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften, +ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise +aufgeschlagenen Vorhang, <span class="pagenum" id="Page_272">[S. 272]</span>stand der kostbare Diwan des Königskindes, +ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie +persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte +der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des +grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und +her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz +vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla +blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt. +Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder — es war das Zeichen, daß +sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen +in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige, +schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine +Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug +in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden +zu sein.</p> + +<p>Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der +buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze +Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern +und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die +feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten, +während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich.</p> + +<p>Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an +der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und +der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische +Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann +nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen +Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe +Schleier, wo keine sein sollen.“</p> + +<p>Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den +Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“</p> + +<p>„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, <span class="pagenum" id="Page_273">[S. 273]</span>der +keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe +meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über +alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen +Namen führt.“</p> + +<p>Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob +sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar — wir +haben viel von dir gesprochen —“</p> + +<p>Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die +Christenlehre?“</p> + +<p>Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir +— ich soll es nicht sagen — und doch beengt es mir die Brust. Wir +sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich +manches deiner Worte auf.“</p> + +<p>Der Graf blickte dunkel und nachdenklich vor sich hin. „Sonderbar.“</p> + +<p>Sie hob ihm das Kinn empor. „Pedro, Pedro — nun bist du traurig +geworden. Oh, wie lieb’ ich dich — und doch weiß ich, du wirst mich +verfluchen —“</p> + +<p>„Werda, Rose!“ schmeichelte er sich in ihr Spitzengewebe hinein.</p> + +<p>Reija dachte an die bevorstehende Flucht des Imams. Bald mußte es der +Graf erfahren — und dann — sie seufzte in sich hinein.</p> + +<p>Er nahm ihre Hand. Ihre Haut hatte den Samthauch der Purpurrosen, +leise, besänftigend strich er darüber hin. „Reija, wenn ich heimkehre, +soll alles, alles geordnet werden. Die Aufsage des Königsdienstes, die +Bewirtschaftung von Mora, die Reise nach den Kanarischen Inseln —“</p> + +<p>Sie wollte aufjubeln — aber im nächsten Augenblick lief schon wieder +der böse Schatten über ihre Stirn. „O meine Träume! Und wenn uns das +Brautbett zum Grab wird?“</p> + +<p>„Du holde Angst! Was soll uns drohen? Der König sah mich gestern +freundlicher als sonst an, als er in den Marstall kam. Ungnade wird +sich in Gnade verwandeln, bringe ich ihm das Reis der Tapferkeit heim. +Und wenn alle mich <span class="pagenum" id="Page_274">[S. 274]</span>verdammen, hier ist der Himmel, zu dem Engel mir +die Wege weisen.“</p> + +<p>Ihre trauererfüllte Schönheit lag halb hingestreckt in den weichen +Kissen, halb von seinen Armen umfangen, und er schlürfte jeden Reiz an +ihr wie ein Geschenk Gottes ein. Dann sagte er, von einem plötzlichen +düstern Gedanken gepackt: „Und wenn ein Maurenpfeil den Weg zu meinem +Herzen findet —“</p> + +<p>Jäh taumelte sie auf. „Du darfst nicht fallen. Mein Gebet ist dein +Schutzengel.“</p> + +<p>„Und wenn die Wellen deines Gebets nicht bis zum Erbarmer schlagen?“</p> + +<p>„Oh, ich kann so innig beten,“ versuchte sie sich aus der eigenen Angst +zu retten.</p> + +<p>Er lag wie festgeschmiedet an ihrem Herzen. „So halte ich dich — +oh, sieh mir in die Augen — es bleibt nur eines noch — des Glückes +Erfüllung und Krönung —“</p> + +<p>Es überlief sie, und ihre Wimpern zuckten wie im glühenden Traum. Die +Ahnung des Weibesdämmerns kam über sie. Und sie sagte langsam und +leise: „Dein Wille — kröne — unsere Liebe — Gott wird die Stunde +segnen.“</p> + +<p>„Und kehre ich nicht wieder, soll das Pfand dieser Liebe die Erinnerung +an den sein, den du liebst —“</p> + +<p>Sie sprang mit glühenden Augen auf. „Komm, wir wollen die Nacht über +die Helle des Tages erheben. Freund der Freude und der Liebe, ich will +den Zambra tanzen.“</p> + +<p>Ihr lockender Mund, von seinen Küssen schon völlig aufgeschlossen, +warf sich auf, als sehnte er sich dem zerstörenden Brand entgegen, er +glich dem Purpurkelch, den Mannesliebe füllen sollte. Sie warf neue +Duftkräuter in die Vasen und versperrte die Tür. Dann drängte sie den +Geliebten hinter den Vorhang einer kleinen Nische zurück. „Hier harre +— und wenn ich rufe, öffne den Vorhang.“ Sie schlüpfte in die große +Diwannische und ließ den Scharlachvorhang herab.</p> + +<p>Don Pedro spürte die Flammen in seinen Fibern züngeln. Oh, was barg +dieses herrliche Gefäß Gottes! Dunkel und Licht <span class="pagenum" id="Page_275">[S. 275]</span>in wunderbarem +Wechsel, eine brandende See und den Frieden einer Sternennacht. +Eines drängte sich ihm auf: der neue Glaube in ihr war nur ein +aufgepfropftes Reis, sie selbst blieb eine echte Agarena, eine Tochter +der islamitischen Offenbarung, und die Genien ihres Volkes trugen sie +leichtbeschwingt über alle Härten des Lebens hinweg. Warum schonte +man nicht ihre Blumenhaftigkeit, sondern schlug mit der harten +Bußgeißel einen schönen Gedanken Gottes entzwei? Warum stieß man +seine Schenkerhand zurück und entweihte seine Gabe? Nein, sie sollte +nie mehr in die gnadenlose Sphäre dieses Dominikaners treten, der +ihr Wesen spaltete. Welcher Glaube der bessere? Was kümmert es den +Liebenden! Fragt das Feuer, welches Holz das bessere ist, wenn es mit +Macht ins Haus fährt? Den Sturm, welcher Widerstand der schwächere, +das Meer, ob die Küste es aushält, an die es brandet? Oh, ich will ihr +auf der aufblühenden Insel maurische Gemächer bauen, nach denen ihr +Heimweh verlangen wird, und des Morgenlandes Kostbarkeiten sollen sie +schmücken. Sie ist schön wie die Lilie von Damaskus, wie die Rose von +Yemen —</p> + +<p>In den Sturm seiner Schwärmerei wehte ein süß-klagender Ton wie aus der +Sternenhöhe — ein paar Klänge auf den Saiten der Anafine — dann das +Geräusch des Vorhangs — und nun schlug Don Pedro den seinen auf.</p> + +<p>Inmitten des von Licht überfluteten Raumes stand die blühende Schönheit +in ihrer fast nackten Gliederpracht, die sich von der brennenden Röte +des Vorhangs in statuenhaften Umrissen abhob. Über dem rosigbraun +getönten Fleisch lag nur ein grünlicher dünner Flor, der die samtne +Haut durchschimmern ließ. In dem schwarzen Haar leuchteten Perlen und +Rosen, um die Stirn spannte sich ein goldner Reif, von blutroten Rosen +geschmückt, auch zwischen den blinkenden Zähnen flammte das Blumenrot +auf, es blutete am Gürtel, an der Brust und an den Schultern. So +schien sie selbst ein sich nach der Sonne verzehrender Rosenstrauch zu +sein. An den Hand- und Fußgelenken blinkten edelsteinbesetzte Spangen, +die bei jeder Bewegung rot <span class="pagenum" id="Page_276">[S. 276]</span>und grün blitzten. Nun aber stand sie +reglos mit bloßen Füßen, den Blick gesenkt, die Beine zum ersehnten +Tanz gespannt wie schöne Säulen, auf ihrem Antlitz leichter Sinn und +geheimes Weh zu schöner Harmonie gepaart.</p> + +<p>Die Rose entfiel ihrer Lippe. Sie begann leise, wie klagend, zu +singen, als triebe ihr Liebesschmerz in namenlose Fernen hinaus. +Leicht deuteten ihre Arme und ihr Oberkörper diesen sehnsüchtigen Zug +an, wiegend und biegend, rhythmenlos, nur einer innern Eingebung des +Liebesgefühls folgend, schien plötzlich ihr ganzes Wesen zu singen, als +löste es sich in den Geheimnissen der Musik völlig auf. Arabische Worte +tönten, bald feierlich getragen, bald schnellend und spitz klingend wie +durch die Luft sausende Messer, und immer drängender wurde die Bewegung +des Leibes, sie hob sich aus der ursprünglichen Stellung heraus und +schwebte auf den Fußspitzen in eine Ecke, wo sie sich zusammenkauerte, +dann wieder den Knäuel ihres Körpers löste und wirbelflink in die Mitte +des Zimmers trieb. Von den Stacheln beginnender Wollust angefeuert, +schnellte sie ihren Leib nach vorn und rückwärts, der Schleier flog +in die Luft, umwirbelte aufs neue im kreisenden Spiel ihren Rumpf, +und nach einem blitzschnellen Taumel um die eigene Achse blieb +sie mit verzückten Blicken, die Arme weit von sich gestreckt, auf +straffgespannten Beinen stehen. Vor ihr auf dem Boden lag der Schleier. +Ihre Brust wogte im Sturm der Gefühle, der Lenden braune Pracht ging +im Atem mit, und der Schwung um die Hüfte war herrlicher anzusehen als +der Bogenschwung maurischer Hallen. Don Pedro erschauerte — vor ihm +lagen dunkle Matten der Wollust — Flammen wühlten in seinem Gebein +— er umfing den sanft gebognen Pantherleib. Vor seinen Blicken liegt +das süße Lächeln, geboren aus dem Mysterium der Sinne, leuchten die +schwarzen Augen, nur halb mehr geschützt von den Edelwimpern, und im +Verlangen öffnet sich die Glut ihres Purpurmundes. Don Pedro streckt +ihren von dem Brand der Sinne schon halb versengten Leib in seiner +ganzen Schönheit in den knisternden Samt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_277">[S. 277]</span></p> + +<p>Willig trägt sie ihm ihr Feuer entgegen. Ihre braunen Arme werden zu +sehnsüchtigen Klammern. Haare, Nacken, Augen, Lippen, Schultern, Brust +und Glieder erschließen ihm Geheimnisse von unerhörter Pracht, bis +Gedanken und Sein in ein unsagbar süßes Nichts zerfließen.</p> + +<p>Zitternd umfängt er sie im Weh des Abschieds noch einmal, bevor sie die +Schleier um ihre Schönheit legt.</p> + +<p>„Nun wirst du fern sein“ — schluchzt sie schmerzvoll —, „der Mond +der Liebe erlischt — aber gepriesen sei Gott, der auch das Ferne nah +macht.“</p> + +<p>„Gepriesen sei er fürwahr,“ antwortete Don Pedro.</p> + +<p>„Du wirst als Ghaliba heimkehren, als Sieger.“</p> + +<p>Ihre letzten Küsse rissen seinen Schmerz noch einmal auf.</p> + +<p>Endlich fand er die Kraft zum Scheiden. Ihre Blicke der Liebe schrien +nach einem letzten Trostwort. Und als sie seinen Schritt draußen +verhallen hörte, warf sie sich in die Polster und stöhnte sich in die +aufgewühlten Haare hinein, die noch feucht von seinen Küssen waren. Die +Nachschauer der hochzeitlichen Süße durchfuhren ihren wie im Fieber +ringenden Leib.</p> + +<p>Sie nahm taumelnd das Tesbih, den morgenländischen Rosenkranz, mit den +neunundneunzig medinischen Kugeln zur Hand und versuchte, die schönen +Namen Gottes in Andacht herunterzusagen. Aber die wilde Stunde des +Leids zerbrach ihren Gebetswillen.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Dreissigstes_Kapitel"> + Dreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>ie spanische Christenheit erfüllte ein Freudentaumel. Die Monfis von +Guejar waren geschlagen, nachdem sie zuerst den spanischen Rittern +schwere Verluste zugefügt hatten. Die Maurenburg des Ortes war erstürmt +worden. Gonsalvo de Cordoba hatte als erster die Sturmleiter erstiegen, +seine Ritter folgten. Don Pedro de Solar hieb vier Maurenfürsten +nieder, gefürchtete Häuptlinge der Banden. Seine Taten entschieden den +Kampf, <span class="pagenum" id="Page_278">[S. 278]</span>auf Gnad’ und Ungnade ergaben sich die führerlosen Mauren. Ein +großer Zug von Gefangenen ging nach Granada ab. Eilboten berichteten +den katholischen Königen den Sieg. Die Stadt mußte zum Freudenfest +rüsten, von den Miradores und Türmen wehten die spanischen Banner.</p> + +<p>Aber ein anderes Ereignis hatte inzwischen die Stadt in Aufruhr +gebracht. Der Imam Abu Atir war in einer Nacht entflohen. Wieder +waren zwei Wächter ermordet worden und vergebens war die Suche nach +den kühnen Übeltätern. Um den Alkazar im Albaycin standen wie um eine +feindliche Burg die spanischen Reiter und hielten Wache über das +Königskind. Denn hier vermutete man den Sitz des verbrecherischen +Anschlags. —</p> + +<p>Reija lag auf dem Gebetsteppich mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt +stundenlang und kleidete auf ihre fromme Art alle Sehnsucht in +seufzende Gebetsworte, die bald christlich, bald islamitisch klangen. +Ein kastilischer Eilreiter hatte ihr vom Grafen de Mora die Nachricht +gebracht, er sei unversehrt, ruhmbekränzt und auf dem Heimmarsch +begriffen. Da schwang ihre Seele neu gestärkt dem großen Gott entgegen.</p> + +<p>„Mein weinendes Auge erhebt sich zum Schein des Mondes, hinter dem du +wachst, o Herr. Sei mein, ich bin dein, du liebreiches Brot und holder +Wein, du, der du Welten küßt mit deinem Odem und Länder verheerst mit +Glut und Wasserflut, ich arme Rose flehe zu dir: zeige dich mir! Laß +den Geliebten in meine Arme sinken, laß mich den Tau seiner Küsse +fühlen und scheuch’ alle Feinde von mir und laß unser Haus gesegnet +sein unter Palmen am Meer!“</p> + +<p>Bei jedem Geräusch flatterte ihre Angst auf. Er ist es! Und immer +wieder sank ihr Haupt enttäuscht auf die Brust, wenn Saffana +herangeschwirrt kam und eines ihrer hellachenden Trostworte in die +Seele der Herrin warf.</p> + +<p>Der Abend sank. Reija warf sich von Fenster zu Fenster. Die beginnende +Nacht hüllte draußen den Hof in Schatten, die Blumen dufteten betäubend +herauf und verworren tönte das Geräusch der Menge in den Gassen herüber.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_279">[S. 279]</span></p> + +<p>Sklavinnen kamen, die atemlos den Einzug der spanischen Streiftruppen +meldeten. Nun mußte er auch kommen!</p> + +<p>Immer tiefer rückt die Nacht vor. Selbst die muntere Saffana verliert +die Lust zu scherzen. „Glaub’ mir, Liebling der Engel, er wird zum +König gerufen worden sein.“</p> + +<p>„Komme ich nicht vor dem König?“ bäumte sich Reijas Liebesstolz auf. +Und ihre erhitzte Phantasie beschwerte sie mit Eifersuchtsgedanken. +Wenn er in Guejar eine schöne Sklavin gefunden hätte? Sie sprang, +gequält von ihrer Ungeduld, auf und ließ sich die Mantilla geben. +Gleich darauf hielt sie der Stolz zurück.</p> + +<p>Da — Noria eilt mit glänzendem Gesicht herein.</p> + +<p>Aus der bräutlichen Brust bricht sich ein einziger Schrei: Er ist’s!</p> + +<p>Doch die Sklavin schüttelte das Haupt. „Der andere — sein Freund —“</p> + +<p>„Rojas?“ Reija drückt die Hand an die Kehle.</p> + +<p>Da steht auch schon der junge Gelehrte an der Schwelle. Sein Gesicht +ist bleich, sein Blick gesenkt, der Atem keucht. Kaum daß er Saffana +bemerkt. „Doña Maria — verzeiht — Don Pedro — kann nicht zu Euch +kommen —“ Er würgt an den Worten.</p> + +<p>„Was ist geschehen?“ stöhnt ihre Angst.</p> + +<p>„Faßt Euch — noch ist nicht alles verloren.“ Er eilt auf die Wankende +zu, sie zu stützen.</p> + +<p>Ihre Augen sind eine einzige Frage, die ihre Lippen nicht formen können.</p> + +<p>Da bekennt er es herzbeengt: „Er ist — in den Händen — der +Inquisition.“</p> + +<p>Reija fällt lautlos in die Arme der Sklavin.</p> + +<p>Sie bringen sie langsam, durch Besprengen mit Wasser und Riechmittel, +zu sich.</p> + +<p>Dann erzählt Rojas: „Der Graf von Orgaz und ich erwarteten ihn zu +Hause. Er kam todmüde, aber mit glückstrahlendem Antlitz, warf sich +in das neue Wams, um sich nach der Alcazaba zu begeben. Kaum hatten +wir den Myrtenhof passiert, <span class="pagenum" id="Page_280">[S. 280]</span>traten vier Alguaciles auf uns zu und +verhafteten den Grafen de Mora im Namen der Inquisition.“</p> + +<p>„Ihr habt es — dulden — können —?“</p> + +<p>Rojas senkt das Haupt. „Ihr wißt nicht, Doña Maria, was ein Widerstand +bedeutet hätte. Wir wären als Mitschuldige verhaftet worden.“</p> + +<p>„Weshalb hat man ihn verhaftet?“</p> + +<p>„Wer weiß das? Er selbst weiß es nicht.“</p> + +<p>Sie rafft ihren geschwächten Leib auf. „Ich muß zu ihm —“</p> + +<p>„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn +geführt haben.“</p> + +<p>Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den +Wolken und Sternen“ — ihr Auge füllte sich mit Entsetzen — „wenn ich +selbst — ohne es zu wollen — der fürchterliche Leon — aber das ist +ja Wahnsinn — ich habe doch nichts gesagt — er nichts getan — es +müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn — o Rojas, Rojas — +das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir — oh, wenn +ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“</p> + +<p>„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann +neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein — er wird sich lösen —“</p> + +<p>„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie +hervor.</p> + +<p>„O Gott, seid vorsichtig — die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken +und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“</p> + +<p>„Ich will zur Königin — sie ist gut und edel —“</p> + +<p>„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von +Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur +Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten, +würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“</p> + +<p>„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_281">[S. 281]</span></p> + +<p>Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich +Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich +will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt +werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“</p> + +<p>„Er — und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht.</p> + +<p>„Ich muß eilen — man wird seine Zimmer durchsuchen — lebt wohl, Doña +Maria, und Gott stärke Euch!“</p> + +<p>Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte +alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin +war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von +de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte, +die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die +Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele +warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen +Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen +Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem +Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an +eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten +alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das +war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel +Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der +Gebetssammlung.</p> + +<p>Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter — der Vogel +Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was +würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als +Unheilskünder im Sold hält.“</p> + +<p>Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß +auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt? +Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben.</p> + +<p>Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie +in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das +Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist +bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana <span class="pagenum" id="Page_282">[S. 282]</span>eilte der Herrin nach und fand +sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab +auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel +Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab. +Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie +sich aus der Lähmung.</p> + +<p>Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag.</p> + +<p>„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust.</p> + +<p>Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem +islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem +wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und +steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs +zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke +enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das +Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Einunddreissigstes_Kapitel"> + Einunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>m Patio de Mexuar wimmelt es von Mönchsgestalten. Verwunderte +Blicke begleiteten Maria de Calabreña auf dem Weg zu den Zimmern des +Dominikaners. Hier finden die peinlichen Verhöre statt, hier werden +die Anzeigen entgegengenommen, die Beamten der Inquisition gehen ein +und aus, Bittsteller, verweinte Frauen, Zeugen unter Bewachung von +Alguaciles, vornehme und verdächtige, lumpige Gestalten drängen sich +aneinander vorbei.</p> + +<p>Ein Mönch gibt dem schön geschmückten Mädchen mit dem verstörten +Gesicht zu wissen, daß Pater Leon heute vor Abend nicht zu sprechen +sei, denn es sei eine große Prozeßsache im Gang. Ein Stich trifft +sie ins Herz. Sie verlangt den Namen des Inquisiten zu wissen — der +Mönch schweigt mit einem kühlen Gesicht. Sie reitet niedergeschlagen +heim und der Tag wird zu <span class="pagenum" id="Page_283">[S. 283]</span>einer Qual, die ihre Messer in die Seele der +Gepeinigten stößt. Sie hungert in Seide und Schmuck, und jedes Wort, +das man zu ihr spricht, sägt ihr Hirn entzwei.</p> + +<p>Am Abend läßt man sie vor. Im dämmrigen Hof verschleichen sich die +letzten Gestalten.</p> + +<p>Der bleiche Dominikaner empfängt sie mit schleppenden Schritten und +führt die Unglückliche in die Nische neben den Beichtstuhl. Ihre Hand +fühlt sich an wie lebendiger Alabaster.</p> + +<p>Maria de Calabreña wirft die Mantilla weg und zeigt ihm ihr +verschluchztes Gesicht. Schmerzerstarrte Augen blicken ihn an. Ein +paar sinnlose Worte lösen sich von ihrem Mund, die den Mönch beinahe +erschüttern. Endlich ein Stammeln: „Was — habt — Ihr — getan —?“ +Sie kaut die Worte und schluchzt. „Der Graf — ist — unschuldig.“</p> + +<p>„Ihr wißt es also schon? Unschuldig, mit den Augen der Liebe gesehen — +doch mit jenen des Glaubens — nein. Ich sehe Euch schmerzgebeugt, und +es ist verständlich, Doña Maria — aber wie konntet Ihr Euer Herz an +einen Ketzer hängen?“</p> + +<p>Da schlug ihr Haupt von der Tischkante auf. „Er — ein Ketzer?“</p> + +<p>Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen +Worte stempeln ihn dazu.“</p> + +<p>„Mei —?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff +nach dem Herzen.</p> + +<p>„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr +zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen +katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“</p> + +<p>„Eure — Fragen — oh, die Sinne brechen mir — Eure Fragen? — Was für +Fragen?“</p> + +<p>Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem +Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab.</p> + +<p>„Das — soll ich — gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“</p> + +<p>„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure <span class="pagenum" id="Page_284">[S. 284]</span>Aussage noch +an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr, +was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä: +Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch +die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der +Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die +Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch +ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber +überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde +verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der +Gerechten.“</p> + +<p>Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch, +Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott, +an Christus, an die heilige Jungfrau — er hat nie mit den Propheten +übereingestimmt —“</p> + +<p>„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“</p> + +<p>Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich +gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das — ist — ja +— nicht — wahr — das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern +klang es: „Das — habt — Ihr gesagt — Priester —“</p> + +<p>Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes +Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“</p> + +<p>„Ich weiß — hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder —“</p> + +<p>„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von +ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache, +aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine +Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge +teilt.“</p> + +<p>„Ihr habt eine Liebende vor Euch — seht meine verweinten Augen — mein +zerbrochenes Herz — ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden +lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns +beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres +Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters +vergraben <span class="pagenum" id="Page_285">[S. 285]</span>sind —“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin — „alles +soll Euch gehören, wenn Ihr uns —“</p> + +<p>„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors? +Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden +ist!“</p> + +<p>„Ihr glaubt doch nicht —“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt.</p> + +<p>„Ein leeres Blatt — sonderbar — wo liegt der Schlüssel zu dem +Geheimnis?“</p> + +<p>„Ich allein besitze ihn.“</p> + +<p>„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“</p> + +<p>„Sobald Don Pedro frei ist.“</p> + +<p>„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf +schüttelnd.</p> + +<p>Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette +mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem +Peiniger hin.</p> + +<p>„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“</p> + +<p>„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben. +Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte +ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken +umwarf.“</p> + +<p>„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf.</p> + +<p>„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir. +Ach, guter, ehrwürdiger Pater — er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis +gebracht?“</p> + +<p>„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte +den Namen seines Anklägers.“</p> + +<p>„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten +Isa?“</p> + +<p>Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O +über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“</p> + +<p>Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den +Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ <span class="pagenum" id="Page_286">[S. 286]</span>Euch doch nichts +getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben —“</p> + +<p>„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der +sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt +nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“</p> + +<p>„Es waren Säulen, die mich stützen konnten — ach, Pater, Pater —, +ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem +Herzen reißt.“</p> + +<p>„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert +Euch!“</p> + +<p>„Ich fasse ihn nicht — so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte +es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein +Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht — laßt mich doch nur +erst Wurzel fassen.“</p> + +<p>„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“</p> + +<p>„Sie ist groß und gütig — aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn +zu befreien.“</p> + +<p>Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest. +„Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein +entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“</p> + +<p>„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“</p> + +<p>„Ihr kennt kaum ihre Namen — das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña +Maria.“ Das Schreibrohr kratzte.</p> + +<p>„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert +mir den Kopf — das Herz —.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen.</p> + +<p>„Richtet Euch auf — an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit +lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine +Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust.</p> + +<p>Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen +Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele +Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines <span class="pagenum" id="Page_287">[S. 287]</span>Vaters teuerm Leben — +laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds —“</p> + +<p>Den Priester erfaßte Entsetzen. „In den alten Glauben zurück?“</p> + +<p>Wieder flog das Rohr über das Papier.</p> + +<p>„Ich beschwöre Euch bei dem, was auf Salomonis Siegel geschrieben steht +—“</p> + +<p>„Das ist der Schwur des Irrglaubens! Weh Euch! Ihr seid verloren!“</p> + +<p>„Hinter Eurer Marter lächelt kein Gott — siebenfaches Elend ist mein +Glaube, er wurzelt nicht in meiner Brust — aber Ihr seid schuld daran +— Euer Christus ist nicht der, den wir Christus nennen — ja, Ihr +zwingt mich, wieder zu beten mit dem Gesicht nach Mekka gewendet —“</p> + +<p>„Unselige! So wohnst du nicht mehr in der geheimnisvollen Arche der +Kirche, und dich begraben die Gewässer des Unglaubens? Du neigst dich +dem Propheten wieder zu, willst Christum nicht erkennen und begehrst +den Barrabas los? Das ist Ketzerei de vehementi!“ Seine Kutte flatterte +nach der Tür, die er aufriß. „Alguaciles! Bringt Doña Maria de +Calabreña in den Kerker der Inquisition!“</p> + +<p>Wie aus einem Nichts heraus schnellten zwei schwarzgekleidete hagere +Gestalten ins Zimmer. Sie hatten leichte Arbeit, denn sie trugen +eine ihrer Sinne Beraubte auf den starken Händen hinaus. Über ihre +zermarterte Seele wehte der Hauch des Entsetzens.</p> + +<p>Aus der priesterlichen Brust schienen Dämpfe zu steigen, das Gift +seiner Seele enthaltend. Der Triumph glühte in seinen tückischen +Blicken. Sein Hirn sprang aufgeschreckt in einen Gedanken hinein: Der +Inquisitor von Toulouse, Fulco de Saint Georges, hatte einst Frauen im +Gefängnis verführt und wurde gestäupt. Was warf sich diese Erinnerung +plötzlich in seinen brennenden Jubel?</p> + +<p>„Den Fiskal der Inquisition, Pater Juan Collades!“ befahl er einem +Mönch. Er sollte die förmliche Verhaftung der neuen <span class="pagenum" id="Page_288">[S. 288]</span>Ketzerin +vornehmen, die durch den Inquisitor selbst entlarvt wurde. Ihre Worte +glichen einem Bekenntnis.</p> + +<p>Pater Collades kam. Ein Mensch mit kühlem Herzen, ruhevoll in seinen +Gebärden, gleichgültig in den Mienen. Er setzte sofort die förmliche +Clamosa auf, den Antrag auf Verhaftung. Man arbeitete bis spät in +die Nacht, wiewohl der Fall einfach lag, da die Äußerungen vor dem +Inquisitor selbst gefallen waren. In den nächsten Tagen mußte die +Summaria, das Ermittlungsprotokoll, den Konsultoren vorgelegt werden, +die als weltliche Richter nur beratende Stimmen hatten.</p> + +<p>„Glaubt Ihr, daß dieses Mädchen die Aussagen widerrufen wird?“ fragte +Pater Collades.</p> + +<p>„Ich werde sie zum Bekennen zwingen. Und am Ende“ — er dämpfte die +Stimme und sein Herz klopfte gewaltig —, „wir haben das Mittel der +Tortur. Jedenfalls werde ich Doña Maria de Calabreña noch einmal +sprechen. Ich erinnere mich da der Worte des heiligen Bernardus: ‚Wenn +du etwas Böses hörst, verurteile deinen Nächsten nicht sogleich, +entschuldige ihn lieber. Vielleicht hat er es aus Unwissenheit oder +Übereilung getan.‘ Ich will ihr den Weg aus dem Kerker nicht ganz +verrammeln.“</p> + +<p>„Das ist aber, soviel ich weiß, nicht die Gepflogenheit in Cordoba,“ +sagte der Fiskal augenzwinkernd.</p> + +<p>„Wir aber leben in Granada,“ entschied Pater Leon selbstbewußt. Er fand +in seiner Verworfenheit noch den Mut zu einer heuchlerischen Verbrämung +seiner Missetat.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Zweiunddreissigstes_Kapitel"> + Zweiunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>n einem beschlagnahmten Palast eines ausgewanderten Maurenfürsten +beim Elvirator arbeitete das heilige Offizium. Über dem Tor stand +die Aufschrift der Inquisition: <span class="antiqua" lang="la">Exurge Domine; judica causam +tuam, capite nobis vulpes</span>. Die Fenster des gegenüberliegenden +Hauses waren vermauert worden. Im Secreto, dem Gerichtssaal im ersten +Stockwerk, standen die Truhen mit <span class="pagenum" id="Page_289">[S. 289]</span>den Anklageakten. Durch einen engen +Korridor über eine gewundene Treppe hinab gelangte man zur Folterkammer +unter der Erde. Kein Seufzer, kein Schrei drang aus dieser Grabestiefe +herauf. Die Fenster des Secreto waren auch bei Tag verhängt, wenn das +Gericht tagte. Scheute man das Licht der Sonne?</p> + +<p>An dem schwarzbehangnen Tisch des heiligen Offiziums saßen der +Inquisitor Pater Leon, der Fiskal Pater Collades, zwei Konsulatoren +des weltlichen Gerichts und zwei Dominikaner als ehrbare Zeugen. In +einer Nische wartete der Portero, der Pförtner, der die Vorführung zu +besorgen hatte.</p> + +<p>Es wurden viele Schriften hin und her gereicht. Die Mitglieder +flüsterten, und es war, als drückte ein schwerer Gewitterhimmel über +die Gemüter. Granada war in Erregung. Die Verhaftung des königlichen +Hauptmanns hatte alle Granden empört. Man vermutete, daß damit der +Anfang zu weitern Schrecken wie in Toledo gemacht war. Niemand konnte +begreifen, wieso der Graf de Mora in Verdacht kam, Ketzerei getrieben +zu haben, wiewohl der erste Gedanke auf das schöne Königskind fiel, +die ihn vielleicht im Glauben wankend gemacht haben konnte. Die beiden +großen Maurenfreunde, der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz, an +die Hernando de Rojas mit dem Eifer seiner Freundesseele herangetreten +war, setzten sich bei der Königin vergebens für den Beschuldigten +ein. Auch Fernando wies auf die unangreifbare Macht der Inquisition +hin, an der selbst der Papst nicht zu rütteln vermochte. Die beiden +Granden versammelten heimlich viele andalusische Edle bei sich, aber +ihr rührender Rettungseifer scheiterte an der Furcht der Gemüter vor +den Nachstellungen des heimlichen Gerichts. Nur wie ein dumpfes Grollen +ging es von Palast zu Palast. Es war eine Schmach für den spanischen +Adel, der wehrlos der Entrechtung durch die Inquisition preisgegeben +war.</p> + +<p>Ximenes war nach Toledo gereist. Leon durfte mit dem unbegrenzten +Vertrauen des Erzbischofs Wucher treiben. Das Machtbewußtsein leuchtete +ihm von der gelblichbraunen, vorgewölbten <span class="pagenum" id="Page_290">[S. 290]</span>Stirn, es prägte sich in dem +scharfen Lippenzug aus, der seinem Gesicht heute eine ungewöhnliche +Härte gab, in dem eisigen Blick, der selbst die Mitglieder des Rates im +Innern frösteln machte. Wie konnte diese mitleidslose Seele die Sonne +fühlen, die draußen frühlingswarm über den rötlichen Steinkolossen +der Alhambra lag. Hier waren Kälte und Schatten zu Gast, die würdigen +Begleiter einer Handlung, bei der diese Menschen Gottes allerwärmende +Kraft als störend empfunden hätten.</p> + +<p>In der Hand eines Mönches knisterte das verleumderische Papier des +Don Silvio, das Zeugenmacht erlangt hatte. Der Familiare wollte von +Chispazo, dem Diener des Grafen, allerhand verdächtige Äußerungen +gehört haben, die nun, sorgfältig niedergeschrieben, als wuchtiges +Anklageinstrument dienten. Da waren angebliche Reden über die +wohltätige Kraft des Korans zu lesen, es stand geschrieben, der Graf +sei selbst auf dem Gebetsteppich gekniet, er habe sich umständlicher +Waschungen befleißigt und habe über die Beichte abfällig gesprochen. +Auch die erfundenen Aussagen der Doña Leonore de Uceda lagen +wohlgeordnet auf dem Papier. Ihr eifersüchtiges Herz hatte sie in +Gift entleert. Der Unrat ihres Hasses war in drei Anklageblättern +aufgespeichert. Ein furchtbares Lügengewebe war verfertigt worden, und +es wurde als Netz um das Haupt des wehrlosen Menschen gelegt.</p> + +<p>Ein Stuhl wurde gerückt. Der Inquisitor erhob sich. „Die Weisheit +dieser Welt ist Torheit vor Gott. Aber laßt uns dennoch versuchen, +weise und gerecht zu urteilen.“ Er gab dem Portero einen Wink. „Holt +den Inquisiten Don Pedro de Solar Grafen von Mora.“</p> + +<p>Bald darauf öffneten sich die Türflügel, und der Graf schritt unter +der Hut zweier Alguaciles herein. Empörung, Leid und Kerkerhaft +hatten seine männlich schöne Gestalt gebrochen, doch versuchte er +sich aufrecht zu erhalten. In seinem Gesicht, blaß wie Gips, brannten +die Augen wie Wolfsleuchten, umgeben von grauen Höfen, den Zeichen +durchwachter Nächte. Seine Züge waren wieder wie einst streng und hart +geworden. Als er den <span class="pagenum" id="Page_291">[S. 291]</span>Pater Leon vor sich sah, stockte sein Fuß. „Ich +will vor keinem befangenen Richter stehen,“ sagte er gelassen.</p> + +<p>Leon sah die Beisitzer des Gerichts an. „Ich wüßte nicht, daß ich dem +Grafen je Gelegenheit gegeben, an meiner Unbefangenheit zu zweifeln.“</p> + +<p>„Doch,“ erwiderte dieser. „Ich habe gegen Euern Willen ein maurisches +Mädchen verteidigt.“</p> + +<p>Der Dominikaner lächelte. „So etwas vergißt sich schnell. Stimmt ab, +ihr Herren.“</p> + +<p>Gleich darauf war es entschieden: Die Bitte des Grafen wurde abgelehnt.</p> + +<p>„Weshalb steh ich hier?“ warf sich Mora selbst in den Strom des Verhörs.</p> + +<p>„Vor allem seid gebeten, nur auf das zu antworten, was man Euch fragen +wird. Und schwört, alles geheimzuhalten, was Ihr hier sagen, was Ihr +hören werdet.“</p> + +<p>„Soll ich hier so Ungeheures erfahren, daß Ihr es vor den Augen der +Mitwelt bedecken müßt?“ erstaunte der Graf.</p> + +<p>„Darüber sind wir Euch keine Rechenschaft schuldig. Schwört.“</p> + +<p>„So lege Euch Gott diesen Schwur auf Euer Gewissen.“ Er erhob die +Eidfinger.</p> + +<p>Dann befragte ihn der Inquisitor über sein Leben und das seiner +Vorfahren. Mit Stolz bekannte er sich als Sohn des Grafen de Mora, der +nahe daran war, mit dem Sanbenito verflucht zu werden.</p> + +<p>„Ich habe die Prozeßschrift Eures Vaters dieser Tage gelesen,“ sagte +Leon, „und es ist eigentlich ein laufender Prozeß.“</p> + +<p>„Nicht abgeschlossen?“ fuhr Mora auf. „Er könnte also jeden Tag —?“</p> + +<p>„Neu aufgenommen werden,“ nickte der Inquisitor.</p> + +<p>„Der Tote kann sich nimmer verteidigen.“</p> + +<p>„Aber die Lebenden können noch immer zeugen.“</p> + +<p>„Ihr macht furchtbare Schlüsse. Und wenn man ihn schuldig erkennen +würde?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_292">[S. 292]</span></p> + +<p>„Könnten seine Gebeine den reinigenden Flammen übergeben werden.“</p> + +<p>Der Graf wankte auf den Ketzerrichter zu. „Das — kann — nicht — +sein. Den Erdenrest verbrennen —?“</p> + +<p>„Wir gehen weiter. Ihr habt dann ein Maurenmädchen kennengelernt, die +natürliche Tochter des ehemaligen Königs von Granada, die nunmehr +getaufte Doña Maria de Calabreña.“</p> + +<p>Das bleiche Antlitz des Inquisiten rötete sich. „Ja,“ sagte er leise. +„Durch sie wurde ich der Mensch, der vor Euch steht.“</p> + +<p>„Wir fragen Euch nun, ob Ihr allen Glaubensvorschriften nachgekommen +seid.“</p> + +<p>Der Graf nickte stumm.</p> + +<p>„So bekreuziget Euch und sprecht das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser +und das Ave-Maria.“</p> + +<p>Don Pedro sprach alles mit klarer Stimme und mit der tiefen Überzeugung +seines gläubigen Herzens.</p> + +<p>„Wißt Ihr die Ursache Eurer Verhaftung?“ fragte der Inquisitor.</p> + +<p>„Nein. Ich weiß nur, daß ich dem König wertvolle Dienste geleistet, +daß ich tapfer vor dem Feind gestritten und nicht um Haaresbreite vom +Glauben gewichen bin.“</p> + +<p>„Die Verdienste mag der König belohnen. Die Kirche muß sich Eurer +Sünden erinnern, mit denen Ihr Gott beleidigt.“</p> + +<p>„Ich dachte, dafür sollte der Beichtstuhl dienen.“</p> + +<p>„Eure Sünden überschreiten die Macht der Lossprechung. Wir ermahnen +Euch, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“</p> + +<p>„Ich habe nichts auf dem Gewissen,“ sagte der Graf seelenruhig.</p> + +<p>„Wir ermahnen Euch zum zweitenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem +Gewissen habt.“</p> + +<p>„Ich habe nichts zu bekennen,“ erwiderte der Graf mit derselben Ruhe.</p> + +<p>„So denket nach, ob Eure Seele nicht beschwert ist durch gewisse +Äußerungen —“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_293">[S. 293]</span></p> + +<p>Da riß sich der Beschuldigte aus der Gelassenheit. „Zeigt mir den +Menschen, der mich verleumdet hat.“</p> + +<p>Alle Mitglieder des Gerichts saßen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da. +Der Graf wurde durch dieses Schweigen furchtbar erregt. „Ich will den +Menschen sehen. Ich war einst hart. Meine Härte kann mir Feinde gemacht +haben. Ich will ihre Namen wissen.“</p> + +<p>Das Haupt Leons erhob sich langsam. „Wir ermahnen Euch zum drittenmal, +alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“</p> + +<p>„Ich kann nichts bekennen, wenn ich nicht weiß, wessen man mich zeiht.“</p> + +<p>„Bekennet!“</p> + +<p>„Sagt, was ich getan haben soll.“</p> + +<p>„Eben das sollt Ihr sagen.“ Es flog wie ein höhnender Pfeil in des +Grafen Brust.</p> + +<p>„Gebt mir nur einen Anhaltspunkt, ihr Herren. Seid barmherzig, ihr +Herren, sagt mir, was man mir aufbürdet.“</p> + +<p>„Ihr habt nie ketzerisch gesprochen und gehandelt?“</p> + +<p>„Wann? Wo?“ entsetzte sich Mora.</p> + +<p>„Eben das sollt Ihr uns sagen. Bekennet.“</p> + +<p>„Ich kann nichts bekennen!“ schrie nun der Graf verzweifelt auf. „Ich +befolgte alle Gebote der Kirche, ich sprach alle vorgeschriebenen +Gebete, ich ging jeden Tag in die Messe — wozu zwingt ihr mich, ihr +Herren? Ich kann nichts als die Wahrheit sagen.“</p> + +<p>„Eben die wollen wir wissen. Sie steht schon auf diesen Papieren. Ihr +braucht sie nur zu bestätigen.“</p> + +<p>„Ich kenne sie doch nicht, lest mir vor, was da steht.“</p> + +<p>„Wir dürfen es nicht. Bekennet.“</p> + +<p>Der Graf glaubte wahnsinnig zu werden. Er stand vor einem leeren +Nichts. Nun krampfte es sich aus seiner Brust: „Verflucht sei mein +Verfolger, sein Wesen vergehe vor Gottes Angesicht, der Teufel jage +nach seiner Seele, und alle menschliche Kreatur wende ihr Antlitz mit +Schaudern von ihm ab.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_294">[S. 294]</span></p> + +<p>Der Inquisitor starrte regungslos vor sich hin. Die Schauer des Fluches +webten sich vor seinem Auge um das Haupt der schönen Moriska zusammen.</p> + +<p>„Fragt mich doch um des Heilands willen aus. Habe ich in der Anbetung +der Heiligen zuwenig Eifer gezeigt? Habe ich unbewußt Gott gelästert?“</p> + +<p>Nur des Dominikaners Finger spielten mit dem Anklageblatt, sein übriger +Mensch blieb regungslos, so daß dem Grafen der Zorn im Herzen brannte. +Die zwei Patres nickten schläfrig vor sich hin. Endlich rekelte sich +Pater Leon aus seiner Starrheit. „Der Fiskal erhebe die Anklage.“</p> + +<p>Der schwüle Rauch der Kerzen machte die Luft stickig, die lautlose +Stille legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf die Brust des +Inquisiten.</p> + +<p>Dumpf wie aus Erdentiefen tönte die Stimme des Fiskals: „Im Namen +des vom heiligen Gericht in Cordoba bevollmächtigten Tribunals in +Granada! Don Pedro de Solar Graf von Mora, daselbst geboren im Jahre +des Herrn Eintausendvierhundertsechzigundacht, Ritter des Ordens von +Santiago de Compostela, Hauptmann der königlichen Wache in Granada, +wird beschuldigt und ist durch Aussagen überführt, in Dingen des +katholischen Glaubens zu wanken und durch Äußerungen verschiedener +Art gegenüber glaubwürdigen Personen dargetan zu haben, daß er den +christlichen Glauben mißachtet und Gottes heilige Gebote übertreten +hat. Er hat gesagt, er wisse von Gottes heiliger Dreieinigkeit wenig +oder nichts. Er hat den Propheten Mohammed einen großen Mann genannt +und behauptet, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes gewesen —“</p> + +<p>Der Graf greift mit den Händen nach der Stirn. „Seid Ihr — wahnsinnig? +Oder bin ich es?“</p> + +<p>Ungerührt schnarrte die Stimme des Fiskals: „Auch sagte er, Jesus sei +ein Prophet und die Hostie ein unscheinbares Ding, und er schüttelte +den Kopf, wenn man davon sprach. Er las mit einer gewissen Person +den Koran, besonders die Suren vom Paradies und nannte des Propheten +Religion erhaben, lobte auch <span class="pagenum" id="Page_295">[S. 295]</span>die Art der Moslims, vor Gott auf dem +Gebetsteppich zu knien, ja, er kniete auch selbst auf diesem Teppich, +mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt. Er hat über die Beichte abfällig +gesprochen und sich regelrechter Waschungen nach islamitischer Art +befleißigt. Dies alles beweist die Verleugnung des alleinseligmachenden +katholischen Glaubens, wenngleich der Graf äußerlich noch in dessen +Lehren beharrt. Über alles dies richte das heilige Offizium. Das +Vermögen des Inquisiten wurde vom Sequestrado bis zum Ausgang des +Prozesses beschlagnahmt. Das heilige Tribunal von Granada im Namen des +Inquisitoriats von Cordoba.“</p> + +<p>Durch die Stille hetzte der Atem des gemarterten Grafen. Seine Augen +starrten ins Leere, in seiner Brust wogte ein furchtbares Chaos. +Lüge, Haß und Niedertracht warfen ihn zu Boden, seine Ehre lag im +Staub, Bösewichter spielten Fangball mit ihr, Hyänen verkrallten sich +in seinen wehrlosen Leib, um ihn auszusaugen und aus dem Reich der +Lebendigen zu stoßen. Und über den Köpfen dieser Teufel, die Kläger +und Richter in einer Person waren, leuchtete Christi unbeflecktes +Sterbekreuz, und der Herr sah seinen Jammer und stieg nicht herab, +seine satanischen Widersacher zu zermalmen. Warum fuhr er nicht wie +einst mit der Geißel unter die Tempelschänder? Schändeten diese nicht +auch sein Heiligtum, sein Herz, seine Lehre? Er wollte sich mit der +Inbrunst eines herzaufwühlenden Gebetes vor das Kreuz niederwerfen, um +ein Wunder zu erflehen. Aber da klang schon die Stimme des Inquisitors +an sein Ohr. „Wollt Ihr nun bekennen, Graf de Mora?“</p> + +<p>„Nun bekenne ich feierlich vor Gott und den Heiligen, daß alles erlogen +ist, was hier geschrieben steht. Die Erde verschlinge meine Feinde wie +einst die Rotte Korah.“</p> + +<p>„Wir ermahnen Euch zum letztenmal: Bekennet!“</p> + +<p>Der Graf keuchte in die furchtbare Stille und schwieg.</p> + +<p>„So wird die barmherzige Kirche jammern müssen über Euch und das Leid, +das sie Euch anzutun gezwungen sein wird. Sie weinet über Euch und +ist fassungslos über Eure Reuelosigkeit. <span class="pagenum" id="Page_296">[S. 296]</span>Aber wie sagte Innozenz? +Demjenigen, der Gott keine Treue hält, soll auch keine gehalten werden. +Oh, bei Christi allerbarmender Liebe beschwören wir Euch: Bekennet, daß +wir gegen unsern Willen nicht gezwungen werden, Euch zu zwingen. Ihr +unterschätzt vielleicht die uns von Gott gegebene Macht.“</p> + +<p>„Es ist die Macht, die ihr euch selbst genommen!“ rief der Graf mächtig +aus.</p> + +<p>„Schreibt das auf, Pater Diego, die Kühnheit verdient festgehalten zu +werden. Ihr wollt also nicht bekennen?“</p> + +<p>Da schleuderte der Graf seinen Peinigern das Feuer seiner Empörung in +die entsetzten Gesichter. „Ich bekenne nichts — aber ich erkenne, +daß ihr Vernunft und Gefühl gemordet habt, daß die alte Freiheit der +spanischen Granden vor der Glaubenstollheit eurer Mönche im Staube +liegt, daß ihr das von Gott ins Herz geschriebene Gesetz leugnet, daß +ihr aus eures Vaters Haus eine Mördergrube gemacht habt, daß euer +Werkzeug das Entsetzen, eure Waffe Gift ist, und daß euer Rasen weder +vor Lebendigem noch Totem stillhält. Ich erkenne, daß die sanfte Glut +der Religion unseres Nazareners durch haßverwirrte Priester zu einem +verzehrenden Feuer entfacht wurde, das tausend Herzen verbrennen soll. +Grimm und Wut heißen eure Helfer, die die Christenlehre zerbrochen +und dem Prophetenglauben ewigen Krieg angesagt haben. Ihr lehrt den +menschenliebenden Sohn Gottes hassen, indem ihr in seinem Namen +Missetaten verübt. Dann will ich lieber Götter ehren als einen Gott, +dessen Reichsverweser Teufel sind.“</p> + +<p>Leon war kreidebleich geworden. Die Griffel der Schreiber flogen über +das Papier.</p> + +<p>„Ihr könnt Euch selbst nicht mehr verteidigen, denn Eure Zunge raset,“ +sagte der Inquisitor. „Wollt Ihr nun einen Abogador⁠<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> anerkennen?“</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Abogador = Rechtsanwalt.</p></div> + +</div> + +<p>Der Graf schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Höret, Graf de Mora. Wir züchtigen Euch nur um der übrigen Menschen +willen. Diese leben sicherer, wenn sie wissen, <span class="pagenum" id="Page_297">[S. 297]</span>daß das Böse von Euch +genommen. Tut Buße, daß Euch die Kirche wieder aufnehmen kann in +Gnaden. Die Strafe ist keine Freude für uns. Tut Buße!“</p> + +<p>„Ich habe nichts zu büßen. Wohl habe ich mich über die Schwachheit der +Mauren erbarmt, aber nie war ich Verteidiger ihres Glaubens. Es war ein +Engel Gottes, der mich das Mitleid lehrte, gesandt, um mir die Augen zu +öffnen. Ja, dieses Mädchen war die Mittlerin der Duldung.“</p> + +<p>„Schreibt das nieder, Pater Diego.“</p> + +<p>„Schreibt es nieder und setzt dazu: Sie erschloß mir die Weisheit ihres +Propheten, ehe sie Christin wurde.“</p> + +<p>„Sie ist es nicht mehr,“ wehte es eisig von den Lippen Leons.</p> + +<p>Da erschrickt Don Pedro de Solar bis ins Mark. „Sie — ist +zurückgekehrt — zum alten Glauben?“</p> + +<p>„Noch nicht. Aber der Kirche erbarmender Arm hat sich ihrer auf dem Weg +dahin als Ketzerin bemächtigt.“</p> + +<p>„Sie — ist —?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Graf den +Priester an.</p> + +<p>Dieser nickte sein entsetzliches Ja.</p> + +<p>„Reija gefangen! Reija! Reija!“ Schreck, Zorn, Wut brauen sich in +seinem Herzen zu einem gräßlichen Pandämonium zusammen. Seine Arme +taumeln wie zuckende Schlangen in die Luft. „Gesetz — Menschlichkeit +— alles dahin! Umnachtet die Vernunft! Die Blume zertreten, deren Duft +jedes Herz mit Wonnen erfüllt — zerrissen ihre Brust, die nur für +Liebe schlug — von Priesterhänden geknickt — o Henker — blutsaugende +Henker!“</p> + +<p>Da rief Leon nach dem Knebel. Des Grafen ergrimmte Fäuste warfen die +Alguaciles rechts und links nieder. „Gottschändende Teufel! Schergen +des Satans! An dieser Liebe sättigt sich euer Haß und die Glaubenswut +eurer verruchten Hirne! Die haben sie aus der Hochliebe Christi +herausgestoßen und zurück in die blühende Welt, aus der sie kam und +die ihr Sünde und Irrglauben nennt. Wehe, wenn ihr diese martert! Wenn +ihr die <span class="pagenum" id="Page_298">[S. 298]</span>Unschuld in brennende Gewänder hüllt, wenn in Glut aufgehen +soll, was Gott in seinem Schöpferwillen zur Freude geschaffen! Hört es, +Dominikaner! Brennt dieses Mädchens Wunderleib anklagend zum Himmel, +dann entzündet ihre Glut ein ganzes Volk, und alles, was diesen Brand +im eignen Herzen fühlt, wird sich wie ein einziges Feuermeer erheben +und euer mönchisches Gezücht niedersengen, bis eure Asche sturmverweht +in alle Lande fliegt!“</p> + +<p>Die Mönche zittern. Leon allein ist furchtlos. „Die Wache!“</p> + +<p>Fünf baskische Bären im Panzer stürzen herein und umringen den Grafen. +Die schäumende Kraft des Ebers ist gebrochen. Seine Augen rollen noch +im nachbebenden Zorn, aber im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit bricht +sein letztes Wehren zusammen. Verkämpft hängen die Arme an den Lenden +herab, sein Kopf fällt auf die Brust, und durch sein Hirn braust ein +Strom müder Gedanken — Leon, Reija, Kerker, Teufel, Flammen, Koran, +Jesus, Tanz — alles wirbelt zu einer zähen, breiigen Masse zusammen +und ergießt sich, Gefühle und Gedanken erstickend, in sein Inneres. +Inmitten der klirrenden Panzer wankt er hinaus. Hinter ihm knarrt +heiser die Tür.</p> + +<p>Pater Leon steht bleich, aber gefaßt da. „Ihr habt diese Zunge, das +prahlende Organ eines gottverfluchten Herzens, gehört. Sie könnte +leicht tausend entzündbare Herzen vergiften, zu denen sie spricht.“</p> + +<p>„Eine solche Zunge verdient nicht, lebendig zu bleiben,“ entsetzte sich +gehorsam einer der Dominikaner.</p> + +<p>„Die Überzeugung unseres göttlichen Rechtes ist ein Festungsbau, den +stärkere Kanonen stürmen müßten,“ sprach siegessicher Pater Leon. „Oder +sollte der heilige Augustinus, der große Leon und die Kirchenväter +unrecht haben, die um der Lehre des alleinseligmachenden Glaubens +willen den Ketzer vertilgt wissen wollten? War nicht Gott selbst der +erste Inquisitor, als er Adam und Eva aus dem Paradiese trieb? War +nicht jenes Tierfell der vertriebnen Menschheit das erste Sanbenito? +Erschreckt nicht vor dem Hochmut der Ketzerzunge. Wer nicht mit +<span class="pagenum" id="Page_299">[S. 299]</span>mir ist, der ist wider mich. Und wer nicht in mir bleibt, sagt der +Evangelist Johannes, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, +und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, daß sie verbrenne.“ Er +verhüllte in geheucheltem Schmerz sein Haupt und sagte: „So bereitet +denn für morgen die Folter. Doch gebt dem Inquisiten vorher den süßen +Wein von Almontillado zu trinken, daß er sich stärke. Wenn er wieder +tobt, gebt ihm die Mordaza, den Knebel.“</p> + +<p>Da erhob sich einer der Konsulatoren. „Vom Standpunkt des königlichen +Gesetzes erachten wir, daß der Inquisit ein Bekenntnis abgelegt und von +der Folter abzusehen wäre.“</p> + +<p>„Noch hat er nicht bekannt,“ entgegnete der Inquisitor, und die Mönche +nickten.</p> + +<p>„Seine Anklagen und Verunglimpfungen des heiligen Offiziums gleichen +einem Bekenntnis.“</p> + +<p>„Wir haben nicht Verunglimpfungen abzuwehren, die Kirche will den +Sünder reuig und geständig wissen. Don Pedro de Solar Graf de Mora muß +bekennen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“</p> + +<p>In die Unmenschlichkeit dieser Herzen wehte das heilige Wort, ohne +sie von der Besessenheit zu erlösen. Gnadenlos übergaben sie alle den +‚Feind Gottes‘ der körperlichen Qual.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Dreiunddreissigstes_Kapitel"> + Dreiunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">I</span>n der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers. +Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten. +Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die +Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle +Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht +hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer, +Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch — so sieht der Ort aus, wo jetzt +ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña <span class="pagenum" id="Page_300">[S. 300]</span>war +freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen +Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den +Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer +Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis +umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten +die Getreue vertrieben.</p> + +<p>Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung +ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht, +nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise +lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.</p> + +<p>Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und +sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe +verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren +Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.</p> + +<p>Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält +liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu +nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes +Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn +stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von +Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde, +funkelnde Schwerter — Gottes goldne Engel steigen herab — Engel — +Engel —“</p> + +<p>Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon. +Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit +weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.</p> + +<p>„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels. +Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand +des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“</p> + +<p>Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_301">[S. 301]</span></p> + +<p>„Ob Ihr beichten wollt?“</p> + +<p>„Mann — o Mann Gottes — was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr +Leid heraus.</p> + +<p>„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem +glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen +Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage +nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen +stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er +berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken, +unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche +Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die +in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch +begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der +Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten +Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von +Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser +Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein +Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem +war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda +gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl +gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen +die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst +darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine +Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten +Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es +erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und +bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe, +schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er +die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.</p> + +<p>„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen +Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes <span class="pagenum" id="Page_302">[S. 302]</span>Bitten in seine +verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu +schonen —“</p> + +<p>„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die +Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen +lassen.“</p> + +<p>Sie schrak zusammen. „Das — könnte er — wieder tun?“</p> + +<p>Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn +der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß.</p> + +<p>Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren +Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr — mit dem Grafen — gemacht? +Habt Erbarmen mit mir — Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“</p> + +<p>„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich +sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“</p> + +<p>„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf.</p> + +<p>Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele. +Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der +Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie +Ihr.“</p> + +<p>„So ändert unser Schicksal.“</p> + +<p>„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt +nicht gern vor der Öffentlichkeit.“</p> + +<p>„Und deshalb, Priester — müssen wir — unschuldig leiden?“ Sie warf +mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin.</p> + +<p>„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben +verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen +christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“</p> + +<p>„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja +gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“</p> + +<p>„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber — es treibt mich noch +ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt +in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem +Schatz Eures Vaters sprechen soll.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_303">[S. 303]</span></p> + +<p>„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt +wurde.“</p> + +<p>„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den +Schlüssel zu dem Geheimnis.“</p> + +<p>„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“</p> + +<p>„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“</p> + +<p>„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart.</p> + +<p>„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle +schlecht um den Grafen de Mora.“</p> + +<p>„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf.</p> + +<p>„Er wird um das Geheimnis wissen —“</p> + +<p>„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst.</p> + +<p>„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden +sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“</p> + +<p>„Ihr wollt ihn —? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte +wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie +glühende Lava aus ihren Augen.</p> + +<p>Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen, +und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“</p> + +<p>„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie.</p> + +<p>„Er wird nicht lange widerstehen können.“</p> + +<p>Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis +verrate, ist er — frei?“</p> + +<p>„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern, +sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“</p> + +<p>„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe +finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz +haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn +und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer, +um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_304">[S. 304]</span></p> + +<p>„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu +wirken vermag.“</p> + +<p>„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus.</p> + +<p>„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den +Tücken des Ungläubigen.“</p> + +<p>„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird — helft mir, guter, +lieber Pater — versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie +schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter +Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden +Blicken lag.</p> + +<p>„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den +Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt.</p> + +<p>Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das +erlösende Wort kommen sollte.</p> + +<p>„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“</p> + +<p>„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt +auf die Brust.</p> + +<p>„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man +schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder +strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel, +in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden, +denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“</p> + +<p>„Henker — das alles — um Christi willen?“</p> + +<p>„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen —“</p> + +<p>Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel — was soll ich dir +geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus? +Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“</p> + +<p>Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche +Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück, +dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht, +Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund +der Verruchtheit. Sein keuchender <span class="pagenum" id="Page_305">[S. 305]</span>Atem jagte wie Glutwind über ihre +angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender +Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe +mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus — „mit diesem deinem Leib +speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der +Liebe!“</p> + +<p>„Rasender — wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf.</p> + +<p>„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“</p> + +<p>„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich +schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“</p> + +<p>Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne +Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada — mit jedem deiner +Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte +seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren +Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen +deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein +anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den +andern überquillt — o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener +Liebesnächte — diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust, +blutend von der Hingabe an ihn — reich’ mir den letzten Rest, den +deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und +brennenden Wünschen — sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen, +was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat, +ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen, +ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche +begehren —“</p> + +<p>„O Mensch — Tier — Sohn der Nacht und der Verdammnis — wofür hältst +du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen.</p> + +<p>„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen +steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen +Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann. +Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro +liegen die einsamen Nonnenzellen <span class="pagenum" id="Page_306">[S. 306]</span>der Büßerinnen in Fels gehauen. +Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist +atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen +Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche +Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern +der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar +Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So +wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so +wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt +bleiben.“</p> + +<p>Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie +brennende Pfeile. „Satan — fürchtest du denn nicht meinen anklagenden +Schrei vor dem heiligen Tribunal?“</p> + +<p>Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick +wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten +Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten — Weib, du kennst unsre +Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen. +Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen +Geist der Wahnsinn zerstückelt.“</p> + +<p>Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um +sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren +Nacken wehen. „Ich — will — dir — meinen Leib — morgen — geben —“</p> + +<p>„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter — hab keine Angst — +die Wache hält am fernen Ende des Korridors —“</p> + +<p>„Und wenn ich dir alles gebe — ist Don Pedro — frei?“</p> + +<p>Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen +Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in +seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für +dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du +unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr.</p> + +<p>Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte +auf. „Gib mir den Brief!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_307">[S. 307]</span></p> + +<p>„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“</p> + +<p>Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten, +keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten +Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um +Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib — gib +— sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke! +Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den +Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte +wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero +als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“</p> + +<p>Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust.</p> + +<p>„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn +ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen —“</p> + +<p>„Würger — mich foltern lassen — eine Königstochter?“</p> + +<p>„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du +deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige +Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine +Brüste vor uns dampfen.“</p> + +<p>Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die +Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann.</p> + +<p>Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du +zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende +Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt +nichts übrig als die Folter — gemeine Augen werden sich an deiner +entkleideten Schönheit weiden — oh, es ist nicht auszudenken, Perle +meines Herzens —.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche +Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der +Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon +sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem +trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe — der die +heilige Martina zerreißen sollte — küßte <span class="pagenum" id="Page_308">[S. 308]</span>ihr die Füße — laß mich die +deinen küssen — komm — komm — das Eis deiner Tugend soll das Feuer +meiner Leidenschaft schmelzen — Delila!“</p> + +<p>In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick +gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin.</p> + +<p>Da weiten sich ihre Augen — gräßliche Gedanken springen sie wie +Hyänen an — in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn — +wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut — da wird ihr +Fuß zur Waffe, er hebt sich empor — schleudert sich auf die Natter — +„Delila über dir!“</p> + +<p>Leon taumelt — fällt — und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas +Arme nach dem Strick — werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers +— mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein +grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht — „Meduse — +Me—du—se —“ Dann Stille — herzmarternde Stille. Endlos rinnt die +Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu +schmerzen — die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke +zersprengen will — ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein +Tau zusammen —</p> + +<p>Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie +das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht +Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen — sie +greift langsam nach dem Körper — sein Gesicht ist verzerrt, um den +wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn +sonst, die Augen sind gläsern starr — der Anblick schauert in ihr +Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht — du hast einen +Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib — du darfst +sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper +mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten +Sukuums entgegen — der Scheitan reißt ihm die Glieder ab — er war +ein Fethin, ein Verführer — ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne +gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_309">[S. 309]</span></p> + +<p>Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die +Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde +füllen und Granada — nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen +Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet +erstarrt.</p> + +<p>Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie +greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf — die heilige +Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten — oh, wenn christlicher Haß auf +ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge +liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein +kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der +gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und +ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr +glauben als der Lebendigen.</p> + +<p>Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene +Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache.</p> + +<p>Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie +zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das +rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen +Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten +da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem +Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen, +langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger +zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich +mählich, ihr Körper wächst — sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter +sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors.</p> + +<p>Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija +weist ihm furchtlos den Freibrief.</p> + +<p>Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt +er kurz.</p> + +<p>„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_310">[S. 310]</span></p> + +<p>Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der +Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die +nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das +Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein +trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn +ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren. +Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte +zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der +Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators. +Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder +Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen +graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt +sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre +Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen. +Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern +weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen +Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch — +Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und +Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn +tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln +— fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes +Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan +durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden +Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn.</p> + +<p>Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus +irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich +los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da +drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine +gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten +Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von +Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts +— da <span class="pagenum" id="Page_311">[S. 311]</span>tauchen die Zinnen der Alcazaba auf — sie ist am Ziel — wie +ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden — hinter ihrer +Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen, +geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken — sie hat noch die Kraft, mit +den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die +Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem +Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder.</p> + +<p>Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet — erschrickt +— er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln — da starrt er in +das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter +stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“ +Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen +Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana +aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte +Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das +halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die +liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus.</p> + +<p>Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege — wie +bist du heraus?“</p> + +<p>Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der +Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die +Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen +entdeckt. „Wo sollen wir hin?“</p> + +<p>„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du — +rafft alles Geld zusammen — ein paar Geschmeide —“</p> + +<p>In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im +Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte +Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die +Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija +trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten, +turbanähnlichen Tuch umhüllt. <span class="pagenum" id="Page_312">[S. 312]</span>So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet +sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim, +gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen +Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber. +Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung +entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende +Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann +wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das +Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein +dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein +heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert.</p> + +<p>Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem +sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei, +hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch +und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem +Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden. +Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und +öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt +maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten.</p> + +<p>Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und +blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese +Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die +Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als +trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben — gelblichrotes +Gestein — der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten +die Rosse — es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes +Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber +die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren +Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen? +Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod +zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr +entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines <span class="pagenum" id="Page_313">[S. 313]</span>Menschen. Wie +viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf — die +Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues — was half der Mord +dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt!</p> + +<p>Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe +zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum +Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid +geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als +sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf +Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs +Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert, +allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an +das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier +der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die +durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter +Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so +schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta, +eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon +erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor.</p> + +<p>Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch +weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und +die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort +abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle, +gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die +Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der +Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern +die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen. +Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in +Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige +Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den +vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf +der Rosse. Reija hängt <span class="pagenum" id="Page_314">[S. 314]</span>nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals +ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem +Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen.</p> + +<p>An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann +ansteigender, bestaubter Weg — durch die blühende Gartenpracht von +Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden +Pferde — jetzt — o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta! +Ihr Maurendörfer Haus an Haus — Cañor da oben! Reija hat noch die +Kraft, den Jubelruf in sich zu hören — dann bringt sie mit schwachem +Zügelruck das Tier zum Stehen — die Sinne schwinden ihr — sie fällt +in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum +in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten +Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Vierunddreissigstes_Kapitel"> + Vierunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>urch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem +Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt +die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim, +der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände +angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst +geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr +zu Ohr.</p> + +<p>Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis +auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten +sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast +des Ximenes — der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen —, +nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen +schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in +den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf +ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen, +hat unsre Seelen zerschlagen, <span class="pagenum" id="Page_315">[S. 315]</span>unser Jammer hat Gott erbarmt, und er +hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden +erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus +der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt +es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des +Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es +ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!</p> + +<p>Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen +Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die +Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem +teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas +steigt.</p> + +<p>Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das +Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren +der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds +heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach +zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es +nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen, +einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das +letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer, +der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser +Gebein jagen.</p> + +<p>In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen +Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs, +herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die +Schreckensbotschaft.</p> + +<p>Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen +Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die +Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte +vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den +Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer +geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_316">[S. 316]</span></p> + +<p>Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die +Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen +Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen. +Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter +scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische +Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit +durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin +seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich +wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen +Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer +Auferstehung des Mönchsleibes.</p> + +<p>Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den +Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er +kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren +Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis +ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit +seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche, +wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen +verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des +Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener +sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert +hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien +Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter +Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der +hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage +zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die +Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach +trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.</p> + +<p>„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem +beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber +es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die +nach den Alpujarras führt. Man <span class="pagenum" id="Page_317">[S. 317]</span>hat drei Reiter, darunter eine Frau, +verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht +gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen +nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch +mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis +des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort +vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition +von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher, +als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur +schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“</p> + +<p>Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine +Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser +hier dazu riet.</p> + +<p>„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein +eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm +gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch +gewisse Forderungen des Dominikaners —“</p> + +<p>„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.</p> + +<p>Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner +liebte die Frauen — es ist kein Geheimnis mehr —“</p> + +<p>Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also +wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ — er drängte hastig an den König +heran —, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte? +Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken? +Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch +wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet +wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor +fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen +Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der +Königin.</p> + +<p>Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer +Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende <span class="pagenum" id="Page_318">[S. 318]</span>aber hat Gott +geschändet. Lucero komme! Doch — wenn sich Boabdil regt?“</p> + +<p>„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische +Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und +diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen +unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim +gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten +versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“</p> + +<p>„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.</p> + +<p>„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen. +Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben. +Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora, +ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels +angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem +Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten +in Heil.“</p> + +<p>„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.</p> + +<p>„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten, +wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere +Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der +Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles +für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern, +auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen +tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich +werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke +den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die +Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten +jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar +handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu +unterdrücken —“</p> + +<p>„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.</p> + +<p>„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres +<span class="pagenum" id="Page_319">[S. 319]</span>wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam, +hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich +sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen, +sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden —“</p> + +<p>Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die +Granden vergessen können? Ximenes!“</p> + +<p>„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind. +Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca +geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von +Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche +Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist +geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“</p> + +<p>Isabella erbleichte. „Ximenes — rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren +Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte +er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender +seine Grausamkeit vergessen.</p> + +<p>„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“ +forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein +geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen +verkehren.“</p> + +<p>„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer +Gewichtigkeit.</p> + +<p>„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen +den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und +dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht +in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit +übergeben.“</p> + +<p>„Relaxierung?“ fuhr der König empor.</p> + +<p>„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine +Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des +Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun +möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch +diesen gefährlichen <span class="pagenum" id="Page_320">[S. 320]</span>alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe +rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt +das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten, +wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung +des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die +Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen +ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung +durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen. +Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und +wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis +der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle, +fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott +gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen +Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der +andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des +heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“</p> + +<p>Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also +zu Ostern ein Autodafé?“</p> + +<p>„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas.</p> + +<p>„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen +brennen sehen.“</p> + +<p>„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben +Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch +leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm +Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“</p> + +<p>„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin.</p> + +<p>„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die +sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche +Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche +Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand, +dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst <span class="pagenum" id="Page_321">[S. 321]</span>hatte den Adel, den +einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt.</p> + +<p>Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn +hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen +Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung +königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den +Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz +verlange ich ausreichende Vollmacht.“</p> + +<p>Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist, +den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern +fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer +um den Mann.“</p> + +<p>„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht +genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir +brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern +sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte +hinter uns — die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben, +sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder, +man muß die Leute nur dran glauben lassen.“</p> + +<p>Die Königin durchschauerte es. „Ximenes — wollt Ihr das alles — mit +dem heiligen Evangelium verantworten?“</p> + +<p>Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen +Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem +heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche +mich dazu zwänge.‘ Hoheit — für dieses Ansehen der Kirche ist kein +Opfer zu groß.“</p> + +<p>„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir +könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht +auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen +vorschreibt.“</p> + +<p>Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor +seinen Puppen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_322">[S. 322]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Funfunddreissigstes_Kapitel"> + Fünfunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>as abendliche Dunkel hüllt die Berge in ein Büßergewand. Der Mond +bleicht über dem Barranco de Poqueira und über den hängenden Triften +von Cañor.</p> + +<p>Reija liegt auf dem Espartogras vor der Höhle, von wo sie einst den +Koran geholt. Um ihr geängstigtes Haupt schweben noch immer die Geister +der Verfolgung, und ihre Seele schreit nach dem Geliebten. Könnte sie +ihren Schmerz im Tau seiner Lippen kühlen! Sie werden ihn nun auf die +Folter spannen, damit er seine Mitwisserschaft an dem Mord bekenne! Sie +werden ein furchtbares Schuldgebäude errichten, das seine geschwächten +Kräfte nicht mehr tragen können, und sein gemarterter Geist wird +bekennen, was er nie gewußt.</p> + +<p>Aber dann spielen ihre Gedanken mit Fluchtmöglichkeiten. Sie sieht sich +geborgen unter dem Dickichtmantel des Irakstrauches, überschirmt von +dem Friedlicht der Sterne. Der Schrei eines Hirten am Hang zerreißt das +Trugbild.</p> + +<p>Hier liegt sie nun seit Tagen, im Retiro der Mauren, wo die Saumpfade +himmelan streben, Geier hausen, schwarze Ziegen auf smaragdnen +Weiden grasen, Hirten bei dem Feuer sitzen und Jäger über das Geröll +schleichen. Saffana und Malik wechseln einander in der Wache ab. Der +Sklave durchbohrt mit seinen Falkenblicken das Dunkel, und seine +Mausohren durchhorchen die Felseneinsamkeit nach jedem kleinsten +Geräusch. Aber es ist still in den Bergen. Nur Hirten tauschen von +Hang zu Hang ihren eintönigen Gruß aus, und wenn der Wind günstig ist, +dringt aus der Tiefe von Cañor ein verirrter Gebetsruf herauf. Noch +also ist keine Gefahr. Auch die vier Maurendörfer am Talhang bilden +eine lebendige Schutzwehr, die keinen Verrat kennt. Alle Monfis wachen +über das Leben des Königskindes, das ihnen durch Boabdils Vaterschaft +heilig geworden ist. Reija kennt dieses Hirtenvolk, dessen Seele Abu +Atir noch betreut, als er dem Maurenkönig den Koran las. Diese Schäfer +haben Treue und Glauben als Gesetzeshüter, sie sind muskelgewaltig und +<span class="pagenum" id="Page_323">[S. 323]</span>stählern, in ihnen pulst noch das Blut der Wüstensöhne, wenn sie auch +den Sand mit dem Felsen getauscht. Es sind zungenkarge Männer, selten +hallt die dörfliche Trift von ihrem Lachen, und ihre Freude ist dem +Ernst der todesstarren Steinmasse angepaßt. Aber wenn der kriegerische +Zorn in ihnen aufglüht, dann schaffen sie Taten voll Adlergrimm.</p> + +<p>Die Abenddämmerung graut, Schatten steigen aus dem Tal, und bald liegt +der Mondglanz wie ein bleicher Heiligenschein über den Steinwarten.</p> + +<p>Reijas Leid bricht stromweise aus den Augen. Ihre Brust stöhnt +unter der ins Bewußtsein rückenden Qual. In dieser mondbeschienenen +Einsamkeit, wo die Natur am Herzen Gottes zu schlafen scheint, fühlt +ihr empfindsamer Sinn doppelt die eigene Verlassenheit. Ein alter +Glaube sagt, wenn Gottesfürchtige weinen, zählen zwei Engel, die die +Taten der Menschen aufzeichnen, ihre Tränen. So werden ihre Engel viel +zu tun haben, um ihrem Schmerz das Maß anzulegen. Wüßte Abu Atir um +ihr Schicksal, er ritte mit der Geschwindigkeit des Wüstenrosses in +die Berge. Nichts weiß sie von ihm. Hat er sein Maghreb erreicht? Ist +er noch in Salobreña? Und so hat Reija ihr Leben auf eine trostlose +Gegenwart gestellt, und vor ihr liegt eine verschleierte Zukunft.</p> + +<p>Auch von Granada kommt keine Nachricht; die Stadt scheint von einer +undurchdringlichen Mauer umgeben zu sein. Was bereitet sich vor?</p> + +<p>An einem sonnenschweren Spätnachmittag keucht Taleb der Hirte den +Felshang herauf. Er erzählt: „In Granada hat man den ermordeten Mönch +bestattet. Die ganze Stadt war auf den Füßen. In die Maurendörfer +schicken sie spanische Reiter und durchsuchen die Häuser. Aus Cordoba +ist der neue Inquisitor angekommen, Lucero heißt er, die Moriskos +nennen ihn den christlichen Teufel.“</p> + +<p>Die Angst zersägt Reijas Herz. Nun wird Don Pedro gefoltert! Vielleicht +in diesem Augenblick. Qual und Furcht greifen in ihre Glieder und +lähmen sie. Saffana schleppt die Herrin <span class="pagenum" id="Page_324">[S. 324]</span>vor die Höhle und bettet sie +auf einen Stein. Vor ihr liegt die tagdurchglühte Berglandschaft unter +dem andalusischen Azur, gegen Süden zu deckt der durchsilberte Dunst +die Weite über dem Meer, zu ihren Füßen kriechen die ersten abendlichen +Schatten an den Hängen hinauf, sie gleichen gespenstischen Armen, die +nach ihr langen. Langsam verblutet im Westen die Kraft der Sonne hinter +rostroten Dünsten. Hoch oben segelt eine goldumsäumte Wolke durch das +dunkelnde Blau in der Richtung gegen Granada. Blaßflimmernd gräbt sich +der erste Stern aus dem Nichts.</p> + +<p>Da blickt der scharfäugige Wächter Malik hinter einem Felsblock nach +dem Felssteig. Seine Miene spannt sich, seine Hand greift nach der +Armbrust. Saffana späht hinab — erschrickt —</p> + +<p>Ein Mann klettert herauf, wie gehetzt von bösen Dschinnen. Saffana +durchfährt es blitzartig — das ist — „O Rose von Andalus,“ flüsterte +sie über das starrende Gesicht der Herrin hin — „bade dein Antlitz im +Licht des Glückes — es kommt jemand —“</p> + +<p>Reija drückt die Hand jäh ans Herz. „Eswer Ben Zerragh!“ Wie warme +Meerwellen flutet es über sie hin, löst etwas in ihrem ermatteten Leib, +daß er sich aufrichtet in gespannter Neugier. Ist er’s wirklich, dessen +Bild von Zeit zu Zeit in ihrem Geist aufgetaucht war, umglüht von der +Erinnerung an den Zauber der scheuen Werbung? Wo trieb er sich rastlos +irrend umher? Wer wies ihm den Weg herauf? Sucht er, ein Verfolgter, +wieder die Höhle auf oder weiß er, daß sie hier? Verwirrt eilt sie in +die Höhle und gibt Saffana ein Schweigezeichen.</p> + +<p>Der Maurenjüngling klettert durch den abendlichen Schatten heran — +schwingt sich über Fels und Platte — erklimmt den letzten Steinabsatz +vor der Höhle. Und nun starrt er in die schreckfrohen Augen der +Sklavin. „Du —?“ Er tastet mit den zuckenden Händen nach ihrem Kleid. +Da gewahrt sein Adlerblick den Wächter hinter dem Felsblock. „Bei Gott +dem Erhabenen, wem gilt die Wehr und Wache?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_325">[S. 325]</span></p> + +<p>Saffanas stummer Blick sagt ihm alles.</p> + +<p>Der Abencerrage kriecht auf den Knien an die Höhle heran. Seine Augen +sind voll Wasser, sein Gesicht brennt von Glutwellen. „Ich weiß, was +dieser Tage in Granada geschehen —“ bebt er leise, wie in Ehrfurcht.</p> + +<p>„Darum darfst du hier nicht weilen, Eswer Ben Zerragh.“</p> + +<p>„Er darf,“ klang es jetzt weich und traurig aus der Höhle. „Es steht +geschrieben — Allah akbar.“ Am dunklen Eingang der Höhle leuchten +Reijas Augen. Schwach wie eine Binse lehnt ihr schlanker Leib am +Gestein.</p> + +<p>„Wer ist der Mann?“ fragt der Abencerrage, beunruhigt auf den alten +Waffenmann zeigend.</p> + +<p>„Der Treuesten einer,“ sagte Reija. Und ihr Blick überfliegt die +verwahrloste Gestalt des edlen Kömmlings. „Gottes Wille hat dich Wege +des Unheils geführt, deine Wangen sind hohl —“</p> + +<p>„Ich habe wenig zu essen in den Bergen und flüchte von Höhle zu Höhle, +immer höher dem Eis nach. Die Ratschaften verbergen mich, so gut es +geht, vor den spanischen Schergen. In Almeria ist man auf meine Spur +gekommen, eben als ich nach Afrika hinüber wollte. Ich mußte zurück in +die Alpujarras — aber was soll mein armselig Schicksal — die Tochter +meines Königs ist in Not —“ Mit der Überschwenglichkeit seines jungen +Lebens warf er sich zu ihren Füßen hin. „Man verfolgt dich — die +Maurendörfer sind voll davon — du hast den Priesterteufel Leon erwürgt +—“</p> + +<p>Das Grauen stieg Reija in die Kehle und sie schrie auf. Die furchtbare +Nacht erhob sich aus dunklen Tiefen. „Leon — hat unsre Seelen — +gemordet — ich hab’ — seinen Leib —“</p> + +<p>„Die Tat ist groß,“ erschauerte Eswer in Bewunderung. „Laß uns stark +werden, und wir werden es dir danken. Du bist Christin geworden, +Tochter Boabdils?“</p> + +<p>„In meinem Herzen loht der Glaube und das Blut meines Vaters. Der +Christenglaube machte mich elend. Er ist schön, aber den, der ihn mir +predigte, hat Schaitan vernichtet.“</p> + +<p>In der Höhle brannte das Feuer, beizender Rauch schlich aus <span class="pagenum" id="Page_326">[S. 326]</span>dem +Gestein. Reijas Leib löste sich als Schattenriß aus der rötlichen Glut +der Höhlenöffnung. „Warum bist du hierhergekommen, Eswer Ben Zerragh?“</p> + +<p>„Ich ahnte, daß dein Weg hierher führe, und bin gekommen, dir zu +dienen.“</p> + +<p>„Wie willst du mir dienen, der du selbst verfolgt bist?“ staunte sie +ihn an.</p> + +<p>„Du hast recht — wie soll ich dir dienen? Was helfen jetzt Hikmet, die +Lehren der Weisheit? Aber laß mich sinnen — vielleicht läßt uns Gott +einen Ausweg finden.“ Er setzte sich auf den Felsblock und stützte das +Kinn in die Hand.</p> + +<p>„Weißt du etwas von Abu Atir?“ fragte sie hastig.</p> + +<p>„Er ist wie von Gottes Hauch weggeblasen aus der Welt,“ sagte er +traurig.</p> + +<p>„Oh, wenn er die Berber aus Maghreb übers Meer führte! Sein Glaube +macht aus Wüstenhasen Löwen. Wenn er wüßte, was ich leide, er würde +Heere aus dem maghrebischen Sand stampfen. Insch’allah!“ Ihre Augen +glänzten in rührender Not. „Eswer Ben Zerragh — dein Geschlecht ist +hehr und groß, bei dem Ehrennamen deines Geschlechtes — hilf einem +Menschen aus schwerer Gefahr!“</p> + +<p>Eswers Brust hob sich gewaltig. „Einen Almansor will ich aus mir +machen, diene ich dir damit, Königskind!“</p> + +<p>„Almansor war nur ein Schlachtenheld, du sollst mehr tun, du sollst +dich selbst besiegen, Abencerrage. Höre, es geht nicht um mich.“</p> + +<p>Da schnellte er empor. Selbst im schwachen Licht des Mondes sah sie +sein verstörtes Gesicht. „Es ist der Feta, von dem gesprochen wird, daß +Gott sein steinernes Herz weich gemacht hat wie Wachs.“ Reija wandte +sich erglühend ab. Da wußte er es und flüsterte traurig: „Ist es also, +daß du mit ihm fliehen möchtest ins süße Tal von Mohabera, wo Liebende +nichts als ihre Stimme hören? Du liebst den Feta, den Habib deines +Herzens?“</p> + +<p>Durch ihren Körper zuckte der Schmerz, durchsüßt von Liebesglück. +<span class="pagenum" id="Page_327">[S. 327]</span>„Ich liebe ihn — Don Pedro de Solar — und solange Adler ihre Kreise +ziehen, werde ich ihn beweinen. Aber ich will ihn befreien.“ Ihre Hand +griff nach seinem Arm.</p> + +<p>Sein Gemüt durchwogte Leid. Und er warf es offen vor sie hin. „O Rose, +süße Königin der Menschenblumen, weißt du es nicht, daß mir deine +Wimpern Dolche wurden und deine Blicke Pfeile? Ich sah dich und stand +in Flammen wie Jakob, als er Rahel sah.“</p> + +<p>„Unselig ist mein Wesen, denn es badet die Menschen in Leid,“ jammerte +Reija, und durch ihre Schultern zuckte der Schmerz.</p> + +<p>„Dein Wesen ist Maessema, das himmlische Wasser. Es brachte mir +Erquickung im Leid der Verfolgung. Und ich flehte zu Gott in stillen +Stunden, daß er mir schenke deine Hände, deine Brüste, deinen Schoß. +Vor dieser Höhle sog ich einst deines Atems süßes Ambra ein, während +du schliefst, und deiner Locken Pracht umnachtete mich, und von deinem +Mund zogen Ströme von Glück in mein jubelndes Herz, nimmer dürstete +ich nach dem Tau der Paradiesesmädchen und nach ihrer Brüste lockendem +Spiel. Und als du am andern Morgen nach Granada zogst und mein Elend +zurückließest, sandte ich dir meine Lieder nach, gesammelt aus den +Tränen der Liebe, und ich trotzte der Gefahr und stieg verkleidet in +die Raubtierhöhle Granada und sang vor dem Alkazar mein sehnendes Herz +aus in der Nacht —“</p> + +<p>„Ich weiß es, Eswer Ben Zerragh,“ sagte sie leise, von Mitleid +durchrüttelt.</p> + +<p>„Und ich tötete einen für meines Volkes heiligen Glauben, wurde +ergriffen und schmachtete im Turm —“</p> + +<p>„Und wer befreite dich, Maurenfürst?“ Im hellern Mond leuchtete ihr +Auge auf.</p> + +<p>„Du warst es — und das gab meiner Liebe neue Nahrung.“</p> + +<p>„Nimmer hätte ich’s tun können, wäre er nicht gewesen. Don Pedro de +Solar litt es um meinetwillen. Er warf seine Eifersucht auf dich und +ließ es doch geschehen. Er nahm Schuld auf sich im Übermaß der Liebe +und befreite seinen Nebenbuhler. Sag’ das <span class="pagenum" id="Page_328">[S. 328]</span>den maurischen Männern, +wohin du kommst. Er ist so groß und hehr. Und nun öffne dein Herz — +wie will es ihm dieser Nebenbuhler danken?“</p> + +<p>Der Maure fühlte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. „Bi nefsi! Gott +lenkt wunderbar,“ flüsterte er betroffen.</p> + +<p>„Das tut er, aber du sollst dir doch den Mund waschen, bevor du seinen +Namen aussprichst, denn du bist undankbaren Herzens, wenn du nur Worte +machst.“</p> + +<p>„Der Allmilde erhob sein Auge und rettete mich vom Tod und sandte einen +leibhaftigen Engel — und ich haderte mit ihm und goß meiner Seele +Unrat in die Tränenschale. O Mädchen, du lehrst mich einen seltsamen +Weg wandeln, an dem wenig Blumen stehen.“</p> + +<p>„Soll dich ein Christ mit Großmut schlagen?“ fachte sie seinen Stolz +an. „Er hätte dich töten lassen können, aber er schloß die Augen, auf +daß dein Fuß frei gehen, dein Herz jauchzen könne, wiewohl er wußte, +daß du mich liebst. Und nun willst du einer von den Fossaha sein, den +Wohlrednern, die sich auf keine Tat verstehen?“</p> + +<p>Eswers Herz lag im Bann des edlen Gedankens, und doch wütete der +Liebesschmerz darin. „Mädchen, wer sagt dir, daß mir Gott die Kraft +geben würde zu solcher Tat, vor der alle Liebhaber zurückschauderten? +Ibn Chazim bin ich, der vergebens liebte und seinem Mädchen doch nicht +zürnen konnte, weil sie ihn verschmähte. Er folgte ihr wie ein Hund und +sang seine Lieder in die des andern hinein, der glücklicher war als er. +Sang, bis seine Seele todmüde war von Liebesschmerz. Segne deinen Ibn +Chazim! Er wird sich erniedrigen, der Mohadschil deines Brautbettes zu +sein, der bei eurer Liebesnacht Wache hält. Das gereichte Honigbrot +soll ihm das Fieber des Herzens stillen. O Mädchen, was soll ich tun? +Soll ich den Pfeil schnitzen aus dem Hirmbaum und seine Peiniger töten +aus dem Versteck? Soll ich seine Wächter des Nachts überfallen und die +Türen seines Kerkers sprengen? Soll ich die Mauren aufrufen zum Kampf +für einen Christen? Werden sie ihre Lanzen mit Blut röten? Mohammeds +<span class="pagenum" id="Page_329">[S. 329]</span>Glaube beflügelt keinen Geist und keinen Fuß, wenn es den Kampf für +einen Ungläubigen gilt.“</p> + +<p>Reija machte zornig eine abwehrende Bewegung mit dem Arm. „Schweig, +Besonnener. Die List kehrt nicht bei stumpfen Geistern ein. Laß unsere +Gedanken ruhiger gehen. Morgen kommt Jusuf, ein Hirte aus Granada. Don +Pedro de Solar hat einen wackern Freund, zu dem habe ich ihn geschickt. +Ich bin erschöpft. Laß uns essen. Sei zart zu mir, denn ich bin +hilflos.“ Sie wandte sich nach der Höhle.</p> + +<p>Bald darauf aßen sie von dem Ziegenbraten und den Garbanzos, den +Kichererbsen. Es war das Hirtenmahl für ein Königskind. Dann hüllte +Saffana die weichen Glieder der Herrin in die Schlafdecke. Im schwanken +Feuerschein wechselte das Licht auf dem leidgezeichneten Gesicht der +Maurin. Der letzte Qualm rauchte auf, verringelte und erstickte, +Menschen und Gestein versanken in Nacht.</p> + +<p>Der Abencerrage legte sich wieder vor die Höhle hin wie damals, da +er ihres Atems Hauch zum erstenmal eingesogen. Der Schmerz um seine +verlorene Liebe flocht dunkle Kränze in sein Gemüt. Über ihm kreisten +im ruhigen Geleise die Sterne um den Pol und der Mond ließ sein Silber +in die Nacht tropfen. Es war so still, als ginge Gottes Odem fühlbar +über die Berge.</p> + +<p>Da gebar die Nacht einen funkensprühenden Stern, der sich in erhabenem +Bogen über das halbe Firmament schwang und dann in dem Gefels zerbrach. +Eswer deutete das Himmelszeichen als einen Hoffnungsstrahl, den Gott +gesandt. —</p> + +<p>Als Eswer die Augen öffnete, saß schon die Sonne zwiegespalten auf +dem gegenüberliegenden Grat. Bald darauf kletterte der Hirte Jusuf +die Felsen herauf. Der Bergwind nahm die Backen voll, als wollte er +alles Gestein zerschlagen, er splitterte scharfe Brocken vom Leib des +Gebirges ab, rauschte durch die einsamen Stauden, daß sie wie arme +Sünder am Totenpfahl hin und her baumelten. Der Schweiß perlte über +des Hirten Stirn. Er warf sich vor Eswer nieder, den er als alten +Bergfreund erkannte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_330">[S. 330]</span></p> + +<p>Reija flog ihm vom Lager entgegen. Ihr Blick versuchte ihm die Worte +vom Mund zu reißen. Jusuf vermochte kaum Atem zu schöpfen. „Die +Christen — feiern — Ostern — hört ihr’s alle? Da sollen nun — +Ketzer brennen.“</p> + +<p>Ein herzzerreißender Schrei durchschnitt die Bergstille. In den Armen +Saffanas lag, zitternd an allen Gliedern, das Königskind. Eswer sprang +angstvoll heran.</p> + +<p>Der hastige Schwätzermund kramte alle Neuigkeiten heraus. „In den +Carceles liegen die Gefangenen. Man kennt noch keine Urteile. Aber auf +der Bibarrambla zimmern sie Gerüste. Quemadero nennen sie den Platz, wo +die Scheiterhaufen stehen sollen.“</p> + +<p>„Daß dich Schaitan! Schweig, du Affenreiter, du stinkiges Kamel, siehst +du nicht —?“ Eswer stieß den Hirten unsanft weg.</p> + +<p>Doch Reija wand ihren Leib aus der Schreckenslähmung. „Alles will ich +wissen. Spricht man — unter den Moriskos — von dem Grafen — de Mora?“</p> + +<p>„Er soll auch — unter ihnen sein.“</p> + +<p>Ein erstickter Schrei — ihr Arm tastet nach seinem —</p> + +<p>Da versteht der Hirte. „Die Moriskos reden gar viel — Gott erkennt die +Wahrheit.“</p> + +<p>„Was — reden sie — über den — Grafen?“</p> + +<p>„Sie wünschen ihm zehn Hürden vollgepropft mit Kamelen. Sie beten für +ihn, daß er nicht ins Feuer muß.“</p> + +<p>„Hörst du es, Eswer — sie — beten — für ihn, daß er nicht —“ jedes +Wort würgt sich langsam aus der Kehle. „Und einst — hat er sie — gar +hart geschlagen — aber nun hat er — für sie — gesprochen — das +vergessen sie ihm nicht —“ Und plötzlich fährt es wie ein Sturm in sie +und sie springt auf. „Und wir liegen da in den Bergen und wehklagen +— Eswer Ben Zerragh — zu Ostern brennen Scheiterhaufen in Granada. +Sollen wir im Gebirge den Widerschein am Himmel sehen und ohnmächtig +auf den Knien liegen? Gebet und Tat retten ihn!“ Ihre verschluchzten +Augen strahlen in Begeisterung.</p> + +<p>„Was verstehst du unter Tat?“ fragt Eswer bestürzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_331">[S. 331]</span></p> + +<p>„Ihn befreien — oder mit ihm untergehen.“</p> + +<p>„Wahnsinnige! Hast du die Künste eines Magribi, eines Zauberers, +gelernt, um so Unmögliches zu vollbringen? Wo ist unsere Stärke?“</p> + +<p>„Unser Wille ist sie!“ flammt Reija auf. „Gott läßt Gnadenströme über +einen guten Willen fließen.“ Sie schüttelte sich wie ein Fohlen, das +die Kandare abwerfen will, und ihre Gebote, von der Gewalt ihrer +Vorsätze getrieben, brachen gleich Bergwässern aus ihrer Brust: +„Saffana! Malik! Jusuf! Die Maultiere gepackt! Mir ein ledernes Kleid! +Alpargatas! die Faja um die Hüften, den Dolch! Ihr alle mit als +Maultiertreiber! Oder als Schahhad! Wir führen Erz oder Obst aus der +Sierra, wir verstecken unsere Absichten, unsere Geldtasche, unsern Weg.“</p> + +<p>Da bäumte sich Trotz und Eifersucht in dem Abencerragen auf. „Du darfst +nicht von hier fort, Königskind!“</p> + +<p>„Feiger Feta! Ich will dich zu einem Abu Turab machen, zum Vater des +Staubes. Ich jage dich mit der Navaja in diesen Abgrund, wenn du mich +hinderst. Meinen Geist leitet Thar, die Rache!“</p> + +<p>„Es ist Wahnsinn, was du treibst. Wie willst du die Ringe von Wachen +zerbrechen?“</p> + +<p>„Hernando wird helfen — er war sein Freund — Osuna und Orgaz, Freunde +der Mauren, und gewaltig im Wort und mit den Waffen —“</p> + +<p>„Sie sind machtlos gegenüber Priester und Königen, es geschehen keine +Hirtensiege Davids mehr, die Schwachen müssen unterliegen.“</p> + +<p>„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen. +Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände +rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in +die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern +gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin, +daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder +vom Herzen reißen <span class="pagenum" id="Page_332">[S. 332]</span>wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit +Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden +wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum +Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis +nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich +will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit +einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das +Kampflied der lakhmitischen Frauen?“</p> + +<p>Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer, +dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu +enden, was sie litten — Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend, +daß die Locken zittern —“</p> + +<p>„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes +hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist +mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln, +bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer +ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast +nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben +dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so +brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum! +Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken +der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu +lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt +der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen +Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht +werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und +wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens +keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“</p> + +<p>Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen +mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir +und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein +Trinkgenoß.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_333">[S. 333]</span></p> + +<p>Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen +Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott +Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana +und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr +sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die +geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der +Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie +lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija, +die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz +wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre +Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn +Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“</p> + +<p>„Das Zeichen?“</p> + +<p>„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen. +Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an, +truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird +die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die +Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das +übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe +der Bibarrambla bereit.“</p> + +<p>Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh +soll der Ritt aus Cañor gewagt werden.</p> + +<p>Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele, +die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija +starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der +Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen +aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite +Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der +Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren +Gipfel ersteigt.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_334">[S. 334]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Sechsunddreissigstes_Kapitel"> + Sechsunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>urch den dunklen Gang des Inquisitionsgefängnisses schreitet eine +Frauengestalt inmitten zweier Wachsoldaten. Vor einer Tür wo ein +stämmiger Lanzenknecht breitbeinig Wache hält, bleiben die Wächter +stehen. „Hier ist die Zelle.“</p> + +<p>„Ausweis?“ fragte der Lanzenmann.</p> + +<p>Einer der Begleiter weist ein Papier vor. „Königliche Vollmacht.“</p> + +<p>Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren — Leonore de Uceda tritt +allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu, +mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor.</p> + +<p>Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf +schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem +Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine +gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der +Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine +Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat +einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der +schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen +sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis +der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum +imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein +leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert +vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen +umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran. +Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut +aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät!</p> + +<p>Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie +zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was — will — dieser Schritt +— hier?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_335">[S. 335]</span></p> + +<p>„Graf de Mora — ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als +fürchtete sie das Tönen ihres Herzens.</p> + +<p>„Wer — gab Euch — ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter +der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft.</p> + +<p>„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein +Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“</p> + +<p>„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten +Augen.</p> + +<p>Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der +Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten.</p> + +<p>„Hat Euch — der König — geschickt? Will er mir — Gnade — schenken?“</p> + +<p>Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn +Priester die Lenker sind.“</p> + +<p>„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade — von — +Ximenes?“</p> + +<p>Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel +hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“</p> + +<p>„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“</p> + +<p>Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum — habt Ihr +— das Unselige getan?“</p> + +<p>Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’ +doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken +über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin +geworden — das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß, +wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“</p> + +<p>„Das — könnte — wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens +zerstückelte jeden Satz.</p> + +<p>„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele +der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die +Ewigkeit?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_336">[S. 336]</span></p> + +<p>„Ich will — Vergebung — von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust.</p> + +<p>Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue +heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das +Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“</p> + +<p>„Doña Leonore — Ihr häuft Rätsel auf die meinen — helft sie mir +lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus +den Fragen des Inquisitors — ich kenne auch nicht den Namen meines +neuen Henkers — wo ist Leon?“</p> + +<p>„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“</p> + +<p>Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist +Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“</p> + +<p>Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern +das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“</p> + +<p>Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet +sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte +aus seinem Innern. „Sie — ist — gerettet?“</p> + +<p>„Geflohen!“</p> + +<p>Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei — wie +Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre +Worte brechen sich aus seinem Hirn.</p> + +<p>Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der +Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine +Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte +er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein +tropfen. „Reija — geflohen! Oh, barmherziger Engel!“</p> + +<p>„Ihr — liebt sie — noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer +Kehle.</p> + +<p>„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“</p> + +<p>„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_337">[S. 337]</span></p> + +<p>„Bei den ehernen Himmeln! Weib — wer blies dir das ein?“ Er starrt sie +an.</p> + +<p>Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt +es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie +dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das +Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein +wankendes Christentum an?“</p> + +<p>Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija — Reija — mich +verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija — mich verraten? +Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß +Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den +Polen gleiten, und ich will die Mär glauben — den Verrat Reijas +glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre, +wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn +schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei +dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner +Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den +armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten, +Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit — oh, der Wille des +Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von +Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel +waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz — über +ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen — Doña +Leonore — wie muß sie gelitten haben — sie, vor der der Windhauch +in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das +Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den +zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring, +der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben +die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich +eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie +hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren +Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand <span class="pagenum" id="Page_338">[S. 338]</span>ich vor +dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib — Weib — letze +meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht +zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung! +Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene +Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und +Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien — +die Drachen der Inquisition Deza, Lucero — sie krümmen ihre Leiber im +Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! — — Du schweigst? +Deine Augen trauern hinter Floren — deine Blicke schreien: nein!! So +triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“</p> + +<p>„Ungebrochen ihre Kraft — König und Königin ohnmächtig — die +rebellischen Granden sind gefangen — nach Toledo geführt —“</p> + +<p>„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf.</p> + +<p>„— Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva — und dein Freund +Hernando —“</p> + +<p>„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen +Stock hin.</p> + +<p>„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen +heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé — dort +überraschten sie die Schergen des Ximenes — der weltliche Rat wird ihr +Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“</p> + +<p>Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien — +wimmernd in Ketten — der Geist der Besten — hört den Freiheitstraum +verrauschen — sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen +durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes +Lachen — zerbrochen durch das Schicksal des Freundes — so werden sie +dich peinigen wie mich — bis du mürbe geworden — Leonore — sag’ — +du bist der einzige Bote aus der lichten Welt — sag’ — was beschließt +man über mich?“</p> + +<p>Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und — +morgen — wird man es dir — verkünden.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_339">[S. 339]</span></p> + +<p>Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand.</p> + +<p>Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort.</p> + +<p>„De vehementi —? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen.</p> + +<p>Wieder sank ihr Haupt auf die Brust.</p> + +<p>Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das +Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um +seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren +halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein +Auge ins Dunkel.</p> + +<p>Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro — ich +habe die Macht, dich zu befreien.“</p> + +<p>Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die +plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid +geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des +Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine +Hände griffen in die trüb erhellte Leere.</p> + +<p>Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des +Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde +Liebe aus deiner Brust — Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge +nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du +graß? Dein Auge ist Entsetzen — weg von dir schattet der Todesengel +und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich +kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines — alles liegt +zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem +kalten Lächeln belohnst — Pedro, Pedro, — Geliebter! Einen Tautropfen +von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine +Leonore — sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt: +ich liebe dich!“</p> + +<p>Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam +bröckelt es sich ab: „Liebst du — mich — wirklich — Doña Leonore?“</p> + +<p>„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, <span class="pagenum" id="Page_340">[S. 340]</span>sie +schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“</p> + +<p>„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird — +entsagen.“</p> + +<p>Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren +Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts.</p> + +<p>Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in +die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija — hörst du es, Weib? Schaff’ +mir Pferd und Schiff — mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“</p> + +<p>Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro? +Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren — und +ich rette dich.“</p> + +<p>„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine +Königslaune hättet verwenden können.“</p> + +<p>Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So +willst du sterben, Don Pedro?“</p> + +<p>„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen +segnen.“</p> + +<p>Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem +aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen +malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner +Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“</p> + +<p>Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen +Gliedern.</p> + +<p>„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen +Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept — Leon hat es +bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten. +„Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen +vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich +mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir +ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die +Hölle meines Hasses.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_341">[S. 341]</span></p> + +<p>Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand +und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder +durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger +verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine +Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen, +dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein +käfigbefreiter Parder aufspringen — aber die gefolterten Beine +knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung, +klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich +Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem +die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von +seinen Lippen.</p> + +<p>Die Wache trat ein. „Die Zeit ist um.“</p> + +<p>Mit einem Blick gesättigten Hasses, den Körper hochgestreckt, verließ +Doña Leonore de Uceda die Zelle. Kein Mitleid klopfte mehr an ihr +Herz. Priester mordeten um des verzerrten Glaubens, sie um ihrer +versengten Liebe willen. Bei diesem Opfer hatten sich beide Henker +die Hände gereicht. Und Don Pedro de Solar fühlte mitten im Toben der +Verzweiflung: aus diesen Fangarmen der Hölle gab es kein Entrinnen +mehr. Grausig wie ein gespenstischer Spuk stiegen vor seinem Auge die +Rauchsäulen des Ketzerfeuers empor. Aus der grauenhaft gepreßten Stille +sprang plötzlich ein furchtbarer Schrei.</p> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Siebenunddreissigstes_Kapitel"> + Siebenunddreißigstes Kapitel + </h2> +</div> + +<p><span class="initial">D</span>er Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt, +liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes, +den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien +fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich +die Hölle wie toll.</p> + +<p>Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero +von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren <span class="pagenum" id="Page_342">[S. 342]</span>Ostersonntag. +Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der +Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des +ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der +Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das +als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien +wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen +und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des +reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in +den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die +Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch +haßverseuchter Richter beleidigt werden.</p> + +<p>Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das +Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch +die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche, +Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen +durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der +Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden.</p> + +<p>In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die +Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten +Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte +Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen +einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte.</p> + +<p>Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge, +ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den +Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der +königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und +Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor +dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit +Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis +zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer +<span class="pagenum" id="Page_343">[S. 343]</span>harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die +die siegende Macht des Christentums künden sollen.</p> + +<p>Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt +von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem +das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem +schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist. +Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die +andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt +sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die +nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch +psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf +daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten. +Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre +Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor +den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von +Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze +Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der +Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen.</p> + +<p>Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig +Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend +geworden. Aber auch das Gerücht hat sich — trotz aller Geheimhaltung +— Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden +soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln. +Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den +Schergen, die in der Menge verteilt sind.</p> + +<p>Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter.</p> + +<p>„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein +Schuhflicker ein paar Zudringliche.</p> + +<p>„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut +sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur <span class="pagenum" id="Page_344">[S. 344]</span>erbarmen sie mich in +der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen +werden?“</p> + +<p>„Ihr seht doch dort das Holz.“</p> + +<p>„Es sollen sechs brennen —“</p> + +<p>„Nur einer, höre ich.“</p> + +<p>„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein +Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei +der Verbrennung, Gevatter?“</p> + +<p>„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt +nicht?“</p> + +<p>„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen +ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute.</p> + +<p>„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“</p> + +<p>„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu, +„aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der +Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein —“</p> + +<p>„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht +von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de +Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“</p> + +<p>„Es bereitet sich was vor, es liegt am Tage.“</p> + +<p>„Seht, sie pflanzen das grüne Kreuz auf! Gott rette uns!“</p> + +<p>„Ich gehe, ich gehe — der Weihrauch drückt mir in der Kehle. +Vielleicht macht mich auch das dicke Blut so furchtsam.“</p> + +<p>„Die Dominikaner sagen, wer nicht dableibt, ist nicht rein im Glauben.“</p> + +<p>„So bleib’ ich denn, aber ich will wegsehen. Gott steh’ mir bei!“</p> + +<p>„Gleich wird die Messe beginnen!“</p> + +<p>„Wo ist Ximenes? Nun werden wir Lucero sehen, den Cordobaner. Gottes +Licht liegt in seinem Namen.“</p> + +<p>„Er ist ein wahrhaftiges Licht, das den Glauben reinigt und alles +Unrechte verbrennt.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_345">[S. 345]</span></p> + +<p>„Aufgepaßt! Königliche Reiter! Als ob wir nicht genug davon hätten! Eh +— drückt nicht so, Frau! Habt Ihr einen darunter, weil Ihr so weint?“</p> + +<p>„Gott weiß, wie rein unser Haus ist. Aber muß man nicht weinen um ihre +armen verführten Seelen?“</p> + +<p>„Die Moreria hat ihr ganzes Gelichter ausgeworfen, es ist alles voll +von Burnussen. Unsere Priester könnten den ganzen Genil als Taufwasser +über sie schütten, sie würden doch Mohammeds Paradies glauben.“</p> + +<p>Reiter schaffen Platz für den Zug. Da und dort ein Aufschrei aus einer +allzu bedrängten Brust. Angst und Neugier spannen die Gesichter. Die +Glocken beginnen zu läuten. Das Stimmengewirr sucht den Schall zu +übertönen. Beim Eingang einer Gasse senken sich die Standarten der +königlichen Reiter — Ximenes naht!</p> + +<p>„Der Primas! Der Gobernador! Da seht — Talavera! Ah! Ah! Er hält sich +kaum aufrecht! Ximenes kommt! Ximenes!!“</p> + +<p>Der Erzbischof ist bleich wie Wachs, aber sein Auge brennt, als wollte +er mit diesem Feuer allein zehn Ketzer versengen. Im schlichten +Franziskanerkleid schreitet er daher, ganz langsam, das Haupt +gesenkt, die Lippen bewegen sich im Gebetmurmeln, ringsherum flirren +die Rüstungen seiner Leibwache. Wie eine Meereswoge wirft sich das +gaffende Volk von rückwärts an die Soldatenmauer heran, um den +Streiter für den Glauben zu sehen. Die Sombreros fliegen vom Kopf, +die Hälse strecken sich, hinter dem Wall von Lanzen wogt es hin und +her. Dem Toledaner folgt die granadinische Klerisei, paarweise, Gebete +murmelnd. Dann kommen die Granden, geführt von dem andalusischen +Geschlecht der Herzöge von Medina-Sidonia, alle in den schwarzen, +enggeschnittenen kastilischen Trachten, von Knappen begleitet, während +die Frauen in einer eigenen Gruppe, von den Ehrendamen flankiert, in +hochgeschlossenen Gewändern, den Hals von der steifen Krause umengt, +mit züchtig gesenkten Augen daherwandeln.</p> + +<p>Unter ihnen schritt auch Doña Leonore de Uceda. Das schöne <span class="pagenum" id="Page_346">[S. 346]</span>Antlitz war +von dem Laster des Neides und den Qualen der Selbstanklage entstellt. +Jeder Schritt schmerzte sie in den Knien, und sie glaubte unter der +Last ihrer Schuld zusammenzubrechen. Neben ihr ging mit stolz erhobnem +Haupt der Graf de Castro, ihr neuer Liebling, der sich über ihre +leidenschaftliche Liebe zum Grafen de Mora mit dem Lächeln des Stoikers +ebenso hinweggesetzt hatte, wie über die durch eine Königsliebe +beschädigte Tugend des Weibes.</p> + +<p>Das Glockengeläute schwillt neu an. Ohnmächtige Frauen sinken im +Gedränge nieder, man kümmert sich nicht um sie, Augen und Hirne spannen +sich nach dem Gassenloch. „Sie kommen!“ Wie aus Grabestiefen erklingt +jetzt mißtönig der klagende Gesang des Miserere. Ein Glutwind schwingt +plötzlich seine Peitschen über die Stadt.</p> + +<p>Aus dem Schattenwinkel des Platzes bohrt sich der dunkle Wurm. Zwei +Kohlenbrenner, mit Lanzen bewaffnet, in schwarzen Leinenkleidern, wie +Gesellen des Teufels zu schauen, eröffnen den Zug. Fackeltragende +Dominikaner unter Anführung des Kreuzes folgen den schwarzen +Riesengestalten. Dann schaukelt die rote Damastfahne der Inquisition +mit dem lorbeerumschlungenen Degen aus dem Schatten ins Licht. Dann +wieder Granden und Familiares des Tribunals — und nun doppelt umreiht +von Lanzenknechten die von der Kirche verdammten, meist armen Moriskos +im grauen Sanbenito, auf dem Haupt die spitze Inquisitionsmütze. Auf +dem fahlen Schandkittel flammt grellrot das Andreaskreuz über Brust +und Rücken, in den Händen tragen alle brennende Kerzen, zuerst gehen +die gelinde Verurteilten, dann kommen die zu Geißelnden, die mit der +Galeere und dem Gefängnis Bedachten, drei Särge, in denen die Gebeine +derjenigen ruhen, die aus der Friedhoferde gescharrt wurden, weil sie +nach ihrem Tod der Ketzerei schuldig erkannt wurden und nun als Tote +verbrannt werden sollen.</p> + +<p>Und jetzt — die Gemüter sieden, die Stirnen schwitzen vor +todeslüsterner Neugier, und über die Rücken rieseln die Schauer — jäh +prallt die Masse an die Spaliere heran — er kommt!!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_347">[S. 347]</span></p> + +<p>Zwischen zwei Dominikanern, gefolgt von zwei Familiares, hinkt, +ein Bild des Jammers, ein harlekinisch gekleideter Mensch. An +seinem gefolterten, zum Schreiten fast untauglichen Leib hängt ein +weitgeschnittenes Sanbenito, das mit Teufelsfratzen und Flammen bemalt +ist, und auf dem schwarzhaarigen Haupt sitzt die hohe kegelförmige +Coroza aus Pappe, ebenfalls mit Flammen bemalt. Das Antlitz ist +verwildert, durch die Tortur entstellt, von Jammer und Gram zerfressen. +Niemand kennt ihn, bis aus der Gruppe der Granden sich der Ruf +losschnellt: „Mora! Mora!“ Der Name züngelt von Mund zu Mund, und +bald summt und wispert und schallt es über den Platz: „Mora! Mora! +Mora!“ Herzen zittern, Augen füllen sich mit Tränen, Gewissen hämmern, +Angst jagt von Brust zu Brust. Die grausige Gewißheit, durch das +Flammen-Sanbenito besiegelt, wirft ihren Brand in alle Herzen. Was muß +er verbrochen haben, um so verdammt zu werden! Frauen schluchzen beim +Anblick ihres entstellten Lieblings, den sie wie den Cid durch die +Gassen reiten sahen, heldenhaft, ernst und streng. Und nun alles durch +Kerkerqual und Tortur gebrochen, der ganze Mensch eine halbe Leiche, +der daherwankt, gestützt von dem Helferarm eines „liebenden“ Bruders in +Christo.</p> + +<p>Und nun fahren Kreuzigungsschauer durch die bebenden Herzen der Massen: +Lucero inmitten seiner Dominikaner! Ein scharfgeschnittener gebräunter +Kopf mit der andalusischen Adlernase sitzt raubvogelartig über der +Kutte, stechende kalte Augen sind die Schilder seiner Verstandeskraft, +der harte Mund kündet die Unerbittlichkeit seiner Entschlüsse, die +hohe Stirn verrät Geist und Tatkraft, und seine Haltung spricht jeder +mönchischen Demut Hohn. Die blutvollen Lippen murmeln Todesgebete, die +klanglos im Gesumme der begleitenden Priester ersterben. Alles in allem +ein ungebändigter Geist, der gewohnt ist, an den Gebilden des Hasses zu +weben.</p> + +<p>Auf allen Lippen schwebt es: das ist er! Mit knapper Not ist er vor +wenigen Wochen dem großen Rächer Tod entschlüpft. Als er einen Brief +öffnete, fiel weißer Staub heraus, der <span class="pagenum" id="Page_348">[S. 348]</span>ihn beim Einatmen bewußtlos +machte. Wie gnädig war da Gott!</p> + +<p>Die Verurteilten werden auf der Tribüne zu einem Klumpen +zusammengepfercht. Die Glocken schweigen. Aus einer Menschengruppe +ertönt Schluchzen: Angehörige und Freunde eines Ketzers klagen um +den geliebten Mann, der da oben, ewiger Schmach preisgegeben, im +Schandkittel steht. Angst flattert durch die Brüste, und bang steigt +die Frage auf: Werde ich das nächste Mal nicht auch da oben stehen?</p> + +<p>Das Glöcklein zur Missa aurea erklingt. Ein Dominikaner bringt das +Altaropfer unter dem bangen Schweigen der Menge. Nach dem Evangelium +liest Ximenes an Königs Statt den feierlichen Schwur, alle Ketzer +auszurotten und die Inquisitoren zu unterstützen. Nie flog ein Eid +inbrünstiger himmelwärts, des Erzbischofs Augen leuchten, als hätte +sie Gottes heiliges Feuer entzündet. Das Volk hebt die Hände auf und +schwört mit seinem Seelenhirten, die Ketzer vertilgen zu helfen zur +größeren Ehre Gottes. Amen.</p> + +<p>Ein neuer Dominikaner besteigt die Kanzel, Glaubensfeuer sprüht aus +seinen Augen, sein Haupt umstrahlt voller Sonnenschein, als wöbe der +Himmel seine Gloriole um den Streiter. Er spricht beredsam von den +Gnaden des ewigen Gottes, von der Unverletzbarkeit der niedrigsten +Seele im Liebesbereich der Allmacht, von der Barmherzigkeit der +Kirche, die aber nicht umhin könne, die Augen offen zu halten für das +Zerstörungswerk des Teufels. Er tischt mit tränenerstickter Stimme +Bibelstellen auf, die die Verfolgung der Ketzer heischen, und verdammt +die Zweifler, die in das dreieinige Gottheitsdogma nicht den Weg finden +wollen. Er bittet Gott um Erleuchtung der Irrenden, um Vergebung +für die Bereuenden und um Segnung der Buße. Und dann strotzt sein +Predigerwort von erbarmungsloser Härte, es zielt wie hundert Dolche +nach den Brüsten und stöbert die Furcht in den Herzenswinkeln auf, daß +sie den ganzen Menschen durchrüttle. Katholischer Glaube, Reinheit +und Einheit der Religion — mit diesen Wesenheiten durchsättigt er +seine Erbauungspredigt, wirft aber zum Schluß aufs neue die Gewitter +seiner <span class="pagenum" id="Page_349">[S. 349]</span>Glaubenstollheit in die erregten Hirne, daß sie vom Übermaß +haßerfüllter Vorsätze zu bersten scheinen. Die Opfer auf der Tribüne +der Verdammnis weinen still vor sich hin, denn sie fühlen den Stachel +in ihrem Herzen wühlen, der gegen ihr Tun und Treiben gerichtet ist. +Wie ein Rudel Lämmer stehen sie zu zusammengeklumpt, zweiundvierzig +verurteilte Männer und Frauen und ein vierzehnjähriges Kind, das „Gott +gelästert“.</p> + +<p>Der eine aber, der Narr und Verbrecher zugleich schien, stand +abseits des Klumpens, und das zermarterte Gesicht, das die Sonne +erbarmungslos überglühte, verklärte sich mählich unter dem Abglanz +hoher Gedanken, die nicht durch des Dominikaners Wortgeißel +aufgepeitscht wurden. Die Schande, grell ins Licht des Tages gerückt, +rührte sein wundgeschlagenes Herz nicht mehr. Tröstlicher als die +wütend zuschlagende Rute des Priesters war für ihn der Gedanke +an seine unversehrte Liebe und an die Rettung Reijas. Mit tauben +Ohren stand er da, aufrecht mit seinen zerbrochnen, zerschundnen +Gliedern, die blutgeschrammte, gefolterte Stirn furchtlos dem +Geschick entgegenstreckend, das man über ihn verhängt. Und während +von der Kanzel die Eifererschläge hallten, öffnete er sein Herz dem +Heilandswort, das in ähnlich düsterer Stunde der Verlassenheit einst +schmerzlich-anklagend erklungen war: Vater, vergib ihnen, denn sie +wissen nicht, was sie tun. Auch diese hier haben dein Gesetz verkehrt +und deinen göttlichen Tag zur Höllennacht gemacht. Mit des Hasses +verwirrendem Getränk haben sie dein heiliges Blut durchsetzt und haben +in deinem von Barmherzigkeit triefenden Namen Gericht gehalten über +nie bestandene Schuld. O Herr, den ich geliebt wie vielleicht keiner +dieser Priester, laß dein Sonnenauge auf mir ruhen, wenn die irdische +Nacht beginnt, und entlocke mir keine Träne der Verzagtheit! Was sagte +einst Abu Atir? Jeder Mensch geht aus dem Ist in das War. Warum also +schrecken wir vor dem Natürlichen zurück?</p> + +<p>Wie eines brausenden Bergbachs Getöse donnert das Predigerwort an +seinem Ohr vorbei. Sein Geist erhebt sich in die Hochgefilde seliger +Erinnerung. Reijas Bild schwebt wie aus gottesklaren <span class="pagenum" id="Page_350">[S. 350]</span>Sphären herab. +Das irdische Paradies, das sie ihm geschaffen, verklärt sich in +ein himmlisches, das fast islamitische Züge trägt, denn einer Huri +Lichtgestalt winkt ihm und scheint ihm ein seidnes Lager im heiligen +Auengrün zu bereiten, wo Bäche rauschen, sanfte Lüfte wehen und das +leise Geflüster in den Iraksträuchern wie süße Musik klingt. Das +greifbar schöne Bild zaubert auf sein entstelltes Gesicht den alten +Schimmer von Schönheit, und unter der Schmachmütze lächelt sein Mund, +als neigten sich tröstende Geister zu ihm herab. Er sieht den Platz, wo +er das vom Hufschlag getroffene Königskind auf der Erde zum erstenmal +erblickte, den Bücherhaufen, vor dem er Reija mit dem Degen vor einem +blindwütenden Priester geschützt, er hört ihre tiefkehlige Stimme +tönen, schaut ihre Gazellenschlankheit im Patio der Alcazaba inmitten +der Frauen im Mondlicht wandelnd, sie lächelt ihn an, hingestreckt im +weichen Pfühl, umduftet von Storax und Ambra, er entsinnt sich ihres +fröhlichen Geplauders im gelinden Gefängnis der Alhambra, er begleitet +sie zur Taufe, die ihr morgenländisches Wesen kaum berührt, verliebt +sich in die Ungebundenheit ihrer Kinderseele, in ihr Zwitschern und +Lachen und in ihren gespannten Ernst, wenn es um große Dinge ging. Ja, +ihr Herz stammt aus dem Garten ewiger Jugend und ist gesegnet von dem +Lächeln Gottes. Engelsschön hebt sich ihr Edelleib aus dem Nichts, und +die Nacht singt jubelnde Choräle zum Preis ihrer Schönheit —</p> + +<p>Plötzlich Stille. Das Wort des Gottesredners ist verhallt — Graf de +Mora schnellt aus dem wachen Traum. In den Massen hebt eine Unruhe an, +wieder tönen Jammerrufe — dazwischen Ostergesang von Knaben, die vor +dem Altar knien, auf dem der erstandene Heiland mit der weißroten Fahne +des Sieges steht. Osterfest! Pas-cha! Bedeutete das Fest nicht einst +den Hebräern die Befreiung vom Tod durch den Würgengel? Wo das Lammblut +an die Türpfosten gestrichen wurde, dort ging der grause Seraph an +der Erstgeburt vorbei. Heute ist des Grafen Stirn mit seinem eigenen +Marterblut gezeichnet, und der Würgengel wird nicht vorüberziehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_351">[S. 351]</span></p> + +<p>Ein Dominikaner besteigt die zweite Kanzel und verkündet den +vierzigtägigen Ablaß für alle, die dem Autodafé beiwohnen. Dann liest +er Namen vor — die Häupter der Verurteilten schrecken empor.</p> + +<p>„Abbas Ben Kahir ist der Ketzerei überführt, hat aber die Sekte der +Ketzer verlassen und wird in den Schoß der Kirche aufgenommen. Es wird +derselbe an drei Sonntagen mit nacktem Oberleib vom Elvirator bis zum +Tor des Albaycin durch Diener der Inquisition gepeitscht. Auch wird ihm +die Buße auferlegt, sein Leben lang weder Fleisch noch sonst etwas, +das aus dem Tierreich stammt, zu essen, zum Zeichen des Abscheues vor +seiner Ketzerei. Auch wird er zum immerwährenden Tragen des Sanbenitos +verdammt. Das Vaterunser und den Glauben hat er um Mitternacht täglich +zu beten. Die Pfarre von San Juan wird Brief und Urteil zur Überwachung +erhalten.“</p> + +<p>Ein dumpfer Aufschrei, und ein kleiner, altersschwacher Morisko fällt +einem Mönch in die Arme. Er ist mit der Kirche „versöhnt“. In der Menge +heult ein Weib auf.</p> + +<p>„Osmin Ben Jesid ist der Ketzerei überführt ...“</p> + +<p>Eintönig geht die Verlesung weiter. Furchtbare Strafen fallen auf +die Häupter der schuldig Befundenen. Zweihundert Geißelhiebe mit dem +geknoteten Lederstrick, zehn Jahre Galeere, Gefängnis, Gütereinziehung, +Bann, Verlust aller Würden — das spitzfindige Mönchshirn hat die +grausamsten Erniedrigungen und Demütigungen ersonnen, durch die das +Leben des Verurteilten für immer zerbrochen ist. Schmach und Schande +folgten von nun an dem Unglücklichen bis an sein Lebensende. Das +Sanbenito sorgte für die Kenntlichmachung des Ausgestoßenen. Selbst die +de levi Verurteilten verloren ihr Vermögen, das dem königlichen Schatz +und der Kirche anheimfiel.</p> + +<p>Eine Stunde lang dauerte die Verlesung der Urteile. Wie flammender +Löwenatem fuhr der Glutwind über den Platz. Die durch Angst und Folter +zermürbten Jammergestalten fielen wie die Fliegen um, noch bevor sie +ihr Urteil gehört.</p> + +<p>Da — eine grauenvolle von Schreckensstille erfüllte Pause — dann +<span class="pagenum" id="Page_352">[S. 352]</span>tönt der edle Name, hallend und scharf: „Don Pedro de Solar Graf de +Mora —“</p> + +<p>Die Leiber wogen an die Spaliere der Stadtknechte heran, die Augen +aller starren nach der im flammenbemalten Gewand steckenden Gestalt des +königlichen Hauptmanns. Jetzt tritt er vor, kniet nieder und faltet die +Hände vor der Brust.</p> + +<p>Hell wie eine Glocke klingt das Urteil über den Platz: „... ist der +Ketzerei überführt und ist darin als ein Negativo beharret bis zur +Stunde. Die Kirche stößt den Ketzer aus im Namen des Herrn Jesu Christi +und übergibt ihn dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit mit der Bitte um +Schonung.“</p> + +<p>Auf der Frauentribüne fällt eine Edeldame in die Arme einer andern. +Ihre verglasten Blicke starren nach dem Unglücklichen. Sie sieht die +Dornenkrone über seinem Haupt schweben, die sie ihm selbst geflochten.</p> + +<p>Graf de Mora steht reglos, die schwarzen, verklärten Augen, wie +beschattet von den Fittichen des nahenden Todes, auf den siegenden +Heiland am Altar gerichtet.</p> + +<p>Die zwei Dominikaner an seiner Seite sprechen in ihn ein, sie wollen +ihn noch einmal zur Abschwörung der Ketzerei bewegen. Wie Schlangen +züngeln die Worte an sein Ohr. Er drängt sie gelassen zur Seite und +will sprechen — da hält ihm einer der Mönche den Mund zu.</p> + +<p>Leonore de Uceda erhebt sich aus den Zuckungen der Reue. Ihr neuer +Geliebter, der Graf de Castro, flüstert ihr erregt ins Ohr: „Doña +Leonore — der Graf stand Euch nahe —“</p> + +<p>Und sie würgt mit vorquellenden Augen die Wahrheit aus der Kehle: „Mein +Haß — treibt — ihn — in den — Tod —“</p> + +<p>Der Graf schaudert zurück. „Ihr habt — ihn —?“</p> + +<p>Sie nickt mit verzerrten Zügen. „Führt mich zum König —“</p> + +<p>Kalt, mit ertöteter Liebe im Herzen, erwidert Castro: „Der König wird +nicht gewillt sein, ein haßerfülltes Geschöpf anzuhören. Lebt wohl, +Doña Leonore.“</p> + +<p>Die Verlassene bricht lautlos zusammen.</p> + +<p>Durch das dampfende Volk geht ein flüsterndes Wogen und <span class="pagenum" id="Page_353">[S. 353]</span>Wallen. Aus +den dichtgeballten Haufen jagen Schreie in die stickige Luft. Auf die +Tribüne tritt der weltliche Corregidor und verkündet im Namen des +Königs das Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Gleichzeitig +donnert eine Drommete, wie vom Sendling des Todes geblasen.</p> + +<p>Der Graf steht unbeweglich, noch immer die Augen auf den Heiland +gerichtet. Es ist, als öffne sich durch seinen Blick die Seele und +als dringe ihr Gebet durch die schwarzen Leuchten ins Herz der +Christusstatue. Der Herr hat die Scheiterhaufen der heiligen Martina, +Columba und Katharina durch Regen gelöscht, er wird ein Wunder tun an +dem Bekenner seiner Allmacht, glüht der Glaube in dem Märtyrerherzen. +Aber der Himmel blaut erbarmungslos auf das furchtbare Gericht herab, +das seine sinnbildliche Klarheit schändet. Über dem Haupt des Grafen +ringt sich schon der Nimbus wunderbarer Reinheit aus dem irdischen +Leib, und seine Augen verklären sich aufs höchste.</p> + +<p>Da stößt ein Schrei aus der Menge: „Ein Rosenvogel!“</p> + +<p>Während das schauerliche Miserere erklingt, fliegt über die Dächer der +Steinpaläste ein seltsamer Vogel, dessen Gefieder rosenrot im Azur +leuchtet. Die Augen der Moriskos blicken nach der wildflatternden +Riesenrose empor. Ist es der Vogel Phönix, der aus wohlriechender Asche +flog? Ist es ein Gottgesandter für die Seele des Grafen? Bedeutet er +Befreiung vom irdischen Staub? Seht — er fliegt in die Sonne — in den +Himmel hinein — nein, er senkt sich auf die Dächer herab — oh! Ay! +Magier und Deuter her!</p> + +<p>Alles starrt dem taumelnden Flug des Wundervogels nach. Ein seltsames +Gefühl des Grauens steigt plötzlich aus geheimnisvollen Tiefen auf und +bemächtigt sich der bangschlagenden Herzen. Unerklärliche Geräusche +erregen die bis zum Übermaß gespannten Nerven. Der flatternde Vogel hat +die Gemüter von der Tragödie des Wahns abgelenkt, und alles steht unter +dem Druck einer bangen Ahnung.</p> + +<p>Wieder zischen eigentümliche Geräusche auf, denen man keinen Namen +geben kann, wieder wächst die Unruhe in dem Meer der <span class="pagenum" id="Page_354">[S. 354]</span>Köpfe, wieder +schreit es aus den Ecken auf, wehklagend und geisterhaft —</p> + +<p>Da — in einem Winkel des Platzes, wo schwarzverhüllte Männer +Holzscheite ordnen, zuckt eine grelle Fackel auf.</p> + +<p>Aber was ist das? Warum schwillt die Stickluft an? Welch siedende +Hitze! Und da drüben in der Luft — Rauch — stinkender, auftaumelnder +Rauch — und der rosenfarbene Vogelleib hebt sich leuchtend von dem +qualmenden Untergrund ab.</p> + +<p>Mit einemmal zuckt es wie ein aufschreiender Blitz aus einer Gasse: +Feuer! Nar! Fuego! Gellendes Geschrei, tierartiges Brüllen aus +angstgepackten Brüsten, Getöse, Krachen und Splittern der hölzernen +Tribünen, klagendes Geheul, Wimmern, Jammern — ein leinener +Schutzdachstreifen reißt ab und peitscht mit seinem Ende die Köpfe der +Sitzenden — Schreien, Verwirrung, Getaumel — Fuego! Nar! Gequetsche +und Geknäuel unter anschwellendem Getöse — die Sonnenglut verdunkelt +sich durch aufsteigende Rauchsäulen —</p> + +<p>Da zuckt wie ein Pfeil aus dem Dächergeschiebe im Sonnenwinkel die +erste giftgelbe Flamme auf. Feuerfanfaren treiben die aufgewühlten +Köpfe in Angst und Entsetzen.</p> + +<p>Ximenes, bleich wie eine Leiche, starrt in den geisternden Qualm. +Will mir der Himmel in die Arme fallen? fährt es durch sein Gewissen. +Soll das Werk der Gerechtigkeit nicht getan werden? Ist dies das +Erdbeben, das die heilige Lucia vor der Marter rettete? Von Grausen +erfaßt, bekreuzigt er sich. Dann ruft er in die ratlos auf und ab +wogende Inquisitionswache: „Helft löschen!“ Unter Anführung von Rittern +quetschen sich ungeordnete Soldatenhaufen durch die tobende Menge nach +den Gassenöffnungen.</p> + +<p>Häusernamen tönen durch die Luft — Christen, Mauren drängen sich +heulend in die halbverstopften Gassen, Scharen von Wächtern drängen +ihnen nach.</p> + +<p>Lucero schreitet zu den Gefangenen und ermahnt die Wächter, deren +Reihen sich gelichtet haben, an ihre Pflicht.</p> + +<p>Stickiger Qualm würgt die Kehlen zusammen — über niedergetretene +<span class="pagenum" id="Page_355">[S. 355]</span>Frauen und Kinder, über tote und jammernde Leiber wälzt sich der +Menschenstrom.</p> + +<p>Himmel und Erde! Ist die Hölle los? Hier und dort und dort und hier, +überall Rauchwirbel und Funken — wie aus unsichtbaren Schlünden +aufsteigender, den Himmel verdüsternder Qualm, untermischt von +rotbraunen und gelben Flammenfetzen, die gespensterhaft hin und her +torkeln — in die Siedehitze prasselt und knistert es wie Höllenfeuer, +das die Sonne entzündet hat — qualvolle Laute sirren durch die Luft, +ersticken jäh — Todesschreie — die Menschenhaufen verstopfen die +Ausgänge des Platzes — prallen mit ohrenzerreißendem Geheul zurück —</p> + +<p>Aus der Schattengasse des Zacatin wälzen sich Burnusse heran, +scharenweise, Fäuste schnellen in die Luft —</p> + +<p>„Wache!“ schreit Ximenes erblassend.</p> + +<p>„Wache!“ brüllt Lucero. Und von allen Seiten dröhnt das Echo: „Wache!“</p> + +<p>Der Gobernador reißt mit starker Faust ein paar Wächter mit sich +und schleudert sie Ximenes hin. Näher und näher leuchten die weißen +Maurenhaufen, wie Kugeln rollen sie heran, durchbrechen den Wall der +Menge und den der Soldaten, stürzen sich auf die gefangenen Moriskos. +Verzweifelt wehren sich die Granden.</p> + +<p>Der Corregidor zerrt den entgeistert stehenden Grafen de Mora an sich +heran: „Kommt!“</p> + +<p>„Wohin?“</p> + +<p>„Ins Gefängnis zurück!“</p> + +<p>„In die Freiheit!“ schrillt eine knabenhaft weiche Stimme aus dem +Maurenknäuel jäh auf. Und ein Hirtenjunge schleudert sich dicht an den +Corregidor heran, und in seinen Händen blitzt die Navaja. „Freiheit +oder Leben!“ Der Richter taumelt zurück. In dem Augenblick reißen +braune Fäuste den Grafen aus dem Getümmel, das zwischen den Agarenos +und den herankeuchenden Inquisitionsknechten anhebt. Die Dominikaner +springen über das Tribünengeländer in die Menschenhaufen hinein. Auf +und ab flutendes Gewoge von Leibern, Kreischen und Jammern — alles +<span class="pagenum" id="Page_356">[S. 356]</span>umhüllt von dem erstickenden Rauch des ringsum über die Häuserdächer +herandrohenden Feuers. Granada ist zu einem einzigen Quemadero geworden.</p> + +<p>Graf de Mora liegt am Boden, umringt von fäusteschwingenden Mauren, den +Montesinos aus den Alpujarras. Ehe er sich’s versieht, reißen sie ihm +das Schandgewand vom Leib und werfen ihm den Burnus um.</p> + +<p>Der Hirtenjunge mit dem vermummten Gesicht krallt seine kleinen Hände +in des Wehrlosen Leib. „Geliebter!“</p> + +<p>Mora glaubt zu vergehen. „Himmel — Heerscharen —“</p> + +<p>„Mir nach in den Zacatin!“ klingt es wieder wie Heilandston an sein +Ohr. Und ringsum ein Haufen geballter weißer schützender Leiber, die +mit Faustschlägen und Messerstichen dem neuen Agareno den Weg durch +die verzweifelten, niedergerungenen Kämpfer bahnen. Ehe die Gedanken +zu jagen beginnen, sieht sich der Graf hinweggeschleppt über liegende +Körper — der Platz verdunkelt in Rauch und Aschenregen, die Granden +scharen sich zu einem verzweifelten Ringen zusammen — die Ketzer +reißen sich von der Tribüne los und werfen sich in die dichtgeklumpten +Massen der Kämpfenden, wo sie ihre Schandkleider in Fetzen zerstückeln, +verschwinden dann in Kampf und Getöse.</p> + +<p>Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch +die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der +Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle, +in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen. +Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen +flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst +gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns +flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an — da und +dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und +entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern.</p> + +<p>Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. <span class="pagenum" id="Page_357">[S. 357]</span>Wie ein +weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine +Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten, +über Steine und Leiber daher.</p> + +<p>Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt +auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in +Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den +weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden. —</p> + +<p>Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen. +Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot +besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk, +an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der +halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine +menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand — dann +noch ein Tor — und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei +gesattelte Pferde den Boden stampfen.</p> + +<p>Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm +hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn. +Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem +Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf +ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in +die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen +Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes +Denken. „Du — du — Retterin —“</p> + +<p>„Ich war es nicht allein —“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben +geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich — +Eswer Ben Zerragh —“</p> + +<p>Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen +werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke +verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar — er starb, daß +wir uns lieben können — Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der +Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den +blauüberleuchteten Hof, als <span class="pagenum" id="Page_358">[S. 358]</span>senkte sich dort die Herrlichkeit des +Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt.</p> + +<p>Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija.</p> + +<p>Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier. +Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet +zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem +Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren +sind erschlagen — sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn +sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada +wiedergewinnen — aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht +— wir sind Schahhad geworden — Bettler —“ Und er blickt mit warmem +Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird +dein Habib reiten können?“</p> + +<p>Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem +Prophetenpriester entgegenstreckte.</p> + +<p>„Die Zeit ist kostbar — solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und +das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den +Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer. +In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der +Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines +Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch +helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft. +Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht, +sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen. +Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst, +Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt +Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion +Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La +illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um, +wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich +nicht nach Granada um, willst du eine glückliche <span class="pagenum" id="Page_359">[S. 359]</span>Heimkehr erzwingen. +Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“</p> + +<p>Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem +christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam. +Noch eine letzte schmerzliche Umarmung — dann schwang sich der Alte +aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie +auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus +ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich. +„Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen.</p> + +<p>Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern +vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen +wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken +der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein +in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der +Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene +Christenstadt.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_360">[S. 360]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Erklarung_von_ofter_vorkommenden_Worten"> + <em class="gesperrt s5a">Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text selbst nicht + erklärt sind</em> + </h2> + +</div> + +<div class="erklaerung"> + +<p>Ahbab (ar.): Freunde</p> + +<p>Alcazaba (ar.): Burg</p> + +<p>Alkazar (ar.): ebenfalls Burg</p> + +<p>Alguacil (sp.): Gerichtsdiener</p> + +<p>Amadis (sp.): berühmter Held eines spanischen Ritterromans</p> + +<p>Caballeria (sp.): Ritterpflicht, ritterliche Ehre</p> + +<p>Calina (sp.): brauner Höhendunst</p> + +<p>Carmen (sp.): Landhaus</p> + +<p>Dschinnen (ar.): Geister Arabiens</p> + +<p>Escudero (sp.): Schildknappen, Edelknaben</p> + +<p>Faja (sp.): andalusische Schärpe</p> + +<p>Faki (ar.): arabischer Priester</p> + +<p>Feta (ar.): Ritter</p> + +<p>Habib (ar.): Freund</p> + +<p>Hermandad (sp.): Stadt- und Landwache für den Landfrieden</p> + +<p>Isa (ar.): Jesus</p> + +<p>Maja (sp.): Mädchen aus dem Volk, Geliebte</p> + +<p>Medriset (ar.): Hochschule</p> + +<p>Mekteb (ar.): Kinderschule</p> + +<p>Mihrab (ar.): die Gebetsnische in den Moscheen</p> + +<p>Minar (ar.): Turm der Moschee</p> + +<p>Muallakat (ar.): die Dichtungen der sieben größten arabischen Dichter</p> + +<p>Nasranij (ar.): Christ</p> + +<p>Navaja (sp.): Gürtelmesser</p> + +<p>Nisaram (ar.): Nazarener</p> + +<p>Olla potrida (sp.): spanische Nationalspeise</p> + +<p>Patio (sp.): Hof in den spanischen Häusern</p> + +<p>Ricoshombres (sp.): der reiche Adel</p> + +<p>Sahat (ar.): Hof in den arabischen Häusern</p> + +<p>Salat (ar.): Stoßgebet</p> + +<p>Santon (sp.): Heiliger</p> + +<p>Schahhad (ar.): Bettler</p> + +<p>Schaitan (ar.): Satan</p> + +<p>Semsem (ar.): der heilige Brunnen von Mekka</p> + +<p>Sid (ar.): Herr</p> + +<span class="pagenum" id="Page_361">[S. 361]</span> + +<p>Supremo (sp.): höchster Rat der Inquisition</p> + +<p>Venta (sp.): Landschenke</p> + +<p>Virgen (sp.): die heilige Jungfrau</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak" id="Winke_fur_die_Aussprache_der_spanischen_Woerter"> + <em class="gesperrt s5a">Winke für die Aussprache der spanischen Wörter</em> + </h2> +</div> + +<p>Fast alle auf einen Vokal oder auf s und n ausgehenden Worte haben +die Betonung auf der vorletzten Silbe. Ausnahmen sind durch einen +Akzentstrich gekennzeichnet.</p> + +<p>Die auf einen Konsonanten ausgehenden Wörter (ausgenommen s und n) +haben die Betonung auf der Endsilbe. (Auch hier gibt es Ausnahmen.)</p> + +<div class="mleft3 mbot3"> + +<p>h wird nicht ausgesprochen.</p> + +<p>v wird wie w ausgesprochen.</p> + +<p>j wird wie ch ausgesprochen.</p> + +<p>c vor a, o und u sowie vor Konsonanten wie k, vor e und i wie z.</p> + +<p>ch wie tsch.</p> + +<p>ñ wie nj.</p> + +<p>ll wie lj.</p> + +<p>x wird wie ch ausgesprochen.</p> + +<p>s wird scharf ausgesprochen wie ss.</p> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="eng"> + +<p class="s2 center mtop3 break-before">Die Werke von Ludwig Huna</p> + +<hr class="full"> + +<p class="s3 center">Herr Walther von der Vogelweide</p> + +<p class="center">Ein Roman von Minne und Vaterlandstreue</p> + +<p class="s5 center">5. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Es ist ein Monumentalgemälde ... ein ungewöhnlich reizvolles Problem +... in einer Fülle so ungeheuer wirklicher Situationen und Beziehungen, +daß die Gestalt Walthers in allen ihren liebenswerten Vorzügen lebhaft +vor den Leser tritt.</p> + +<p class="s5 right">Leipziger Abendpost</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Die Verschwörung der Pazzi</p> + +<p class="center">Ein Roman aus der Zeit der Frührenaissance</p> + +<p class="s5 center">5. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Hier erwächst uns ja ein neuer Boccaccio ... So etwas liegt ihm, darin +ist er Meister, und es wäre Unrecht, ihm überhitzte Sinnlichkeit +vorzuwerfen ... Hunas begehrtestes Südlandbuch.</p> + +<p class="s5 right">Deutsche Zeitung, Berlin</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Wieland der Schmied</p> + +<p class="center">Ein nordischer Sagenroman</p> + +<p class="s5 center">6. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Der Roman des deutschen Volkes ... Zu wahrhaft überwältigender Größe +erhebt sich aus Hunas Dichtung die ungeheure Welt, die sich in der Edda +verkörpert.</p> + +<p class="s5 right">Deutsch-Österreichische Tageszeitung, Wien</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Der Kampf um Gott</p> + +<p class="center">Ein Roman aus der Zeit der Wiedertäufer</p> + +<p class="s5 center">5. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Eine prachtvolle Schilderung der Wiedertäuferzeit, mit Philipp von +Hessen, dem unruhigen Landgrafen, im Mittelpunkt. Großartig ist Huna +die Darstellung der ganzen Epoche mit ihren zahlreichen Kämpfen +gelungen.</p> + +<p class="s5 right">Berliner Tageblatt</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Der Friedensverein</p> + +<p class="center">Eine satirische Geschichte</p> + +<p class="s5 center">3. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Eine großangelegte, köstliche Satire auf Vereinsmeierei, Strebertum, +Großmannssucht und politische Kindergärtnerei.</p> + +<p class="s5 right">Heimgarten, Graz</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1 x-ebookmaker-drop">*</p> + +<hr class="full hidehtml"> + +<p class="s3 center hidehtml">Grethlein & Co., Leipzig und Zürich</p> + +<p class="s2 center mtop3 break-before hidehtml">Die Werke von Ludwig Huna</p> + +<hr class="full hidehtml"> + +<p class="s2a center">Die Borgia-Trilogie:</p> + +<p class="s3 center">Die Stiere von Rom</p> + +<p class="s5 center">Roman. 17. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Ein großer Wurf ... gigantisch ist die Handlung dieses Romans ... es +kommt über den Leser ein Rausch ...</p> + +<p class="s5 right">Südd. Literaturschau, Stuttgart</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Der Stern des Orsini</p> + +<p class="s5 center">Roman. 17. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Ein geschichtliches Gemälde von grandioser Pracht, ein Dokument jener +Zeit, von einem echten Dichter geschaffen.</p> + +<p class="s5 right">Berner Tagblatt</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Das Mädchen von Nettuno</p> + +<p class="s5 center">Roman. 12. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Eine gewaltige, von Kraft und von Sinnenfreudigkeit überschäumende +Symphonie, die jede Erwartung übertrifft.</p> + +<p class="s5 right">Roseggers Heimgarten</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Der Wolf im Purpur</p> + +<p class="s5 center">Roman. 8. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Ein Kulturdokument deutscher Geschichte, das allen tief ans Herz +greifen wird.</p> + +<p class="s5 right">Blätter für Bücherfreunde, Leipzig</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Monna Beatrice</p> + +<p class="s5 center">Ein Liebesroman aus dem alten Venedig. 12. Tausend</p> + +<p class="p0 s5">Eine machtvolle Symphonie von Liebe und Tod ... ein Hoheslied der Liebe +... eine der stärksten und glühendsten Romanschilderungen.</p> + +<p class="s5 right">Bad. Presse, Karlsruhe</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Die Harmonien im Hause Sylvanus</p> + +<p class="p0 s5">Die Darstellungskunst des Dichters gibt oft Szenen von dramatischer +Höhe, und seine Naturschilderungen haben einen so bestrickenden Reiz, +daß den in Berlins Häusermeer Eingeschlossenen das Heimweh beschleicht. +Das Buch bereitet Stunden köstlichen Genusses.</p> + +<p class="s5 right">Tägl. Rundschau, Berlin</p> + +<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p> + +<p class="s3 center">Offiziere</p> + +<p class="p0 s5">Von Hunas „Offizieren“ kennen wir den brausenden Rhythmus seiner +hinreißenden Erzählungskunst.</p> + +<p class="s5 right">Grazer Tagblatt</p> + +<hr class="full"> + +<p class="s3 center">Grethlein & Co., Leipzig und Zürich</p> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77380-h/images/cover.jpg b/77380-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1e8b8de --- /dev/null +++ b/77380-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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