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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht korrigiert, sofern diese
+ jeweils mehrfach im Text vorkommen; dies gilt insbesondere für das
+ Setzen von Bindestrichen und Leerzeichen.
+
+ Die Fußnoten wurden an den jeweiligen Absatz angefügt.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Ludwig Huna, Granada in Flammen
+
+
+
+
+ Ludwig Huna
+
+ Granada in Flammen
+
+ Roman
+
+ Grethlein & Co., Leipzig und Zürich
+
+
+
+
+ Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1927 by Grethlein & Co., Leipzig
+
+
+
+
+ Für dich,
+ +du meine liebe Frau+,
+ die mir den Lebensweg verschönt,
+ die mir geholfen, Freud zu schätzen,
+ Leid zu tragen, in Liebe und
+ Dankbarkeit geschrieben
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+ Erstes Kapitel 7
+
+ Zweites Kapitel 16
+
+ Drittes Kapitel 23
+
+ Viertes Kapitel 33
+
+ Fünftes Kapitel 42
+
+ Sechstes Kapitel 51
+
+ Siebentes Kapitel 57
+
+ Achtes Kapitel 65
+
+ Neuntes Kapitel 71
+
+ Zehntes Kapitel 80
+
+ Elftes Kapitel 94
+
+ Zwölftes Kapitel 100
+
+ Dreizehntes Kapitel 112
+
+ Vierzehntes Kapitel 120
+
+ Fünfzehntes Kapitel 131
+
+ Sechzehntes Kapitel 137
+
+ Siebzehntes Kapitel 147
+
+ Achtzehntes Kapitel 154
+
+ Neunzehntes Kapitel 165
+
+ Zwanzigstes Kapitel 174
+
+ Einundzwanzigstes Kapitel 179
+
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel 189
+
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel 201
+
+ Vierundzwanzigstes Kapitel 212
+
+ Fünfundzwanzigstes Kapitel 221
+
+ Sechsundzwanzigstes Kapitel 231
+
+ Siebenundzwanzigstes Kapitel 251
+
+ Achtundzwanzigstes Kapitel 258
+
+ Neunundzwanzigstes Kapitel 271
+
+ Dreißigstes Kapitel 277
+
+ Einunddreißigstes Kapitel 282
+
+ Zweiunddreißigstes Kapitel 288
+
+ Dreiunddreißigstes Kapitel 299
+
+ Vierunddreißigstes Kapitel 314
+
+ Fünfunddreißigstes Kapitel 322
+
+ Sechsunddreißigstes Kapitel 334
+
+ Siebenunddreißigstes Kapitel 341
+
+ Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im
+ Text selbst nicht erklärt sind 360
+
+ Winke für die Aussprache der spanischen Wörter 361
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Über der Felsstarre der Loma de Veleta zittert die Luft unter der
+Hochglut der granadinischen Sommersonne. Die Hitze scheint die Felsen
+einschmelzen zu wollen. Schweigende Einsamkeit über dem Gestein.
+Schwarze Schafe liegen freßfaul auf der Steinhalde. Da und dort der
+Zwergwuchs eines Strauches in der Felskahlheit, manchmal ein Höhlenloch
+im blendenden Gestein. Der Schatten des Berggeiers huscht über die
+Ödflächen, und leise schmachtet der girrende Ruf einer Wildtaube durch
+die sommermüde Luft. In der Taltiefe legen die verstaubten Maurengärten
+um weißglühende Steinhäuser ihren reichen Schmuck. Aber alles Leben
+scheint unter dem Brand der dritten Stunde erstorben.
+
+Auf einem Stein liegt ein junger Hirte hingestreckt; er spannt
+seinen lauernden Blick ins Tal. Eine knorrige Gestalt, wie mit dem
+Fels verwachsen, das Gesicht von Sonne und Bergwind gegerbt. Um den
+gebräunten Leib liegt der sackartige Burnus, um die Hüfte schließt sich
+ein Gurt, in dem Messer und Schleuder stecken. Zu seinen Füßen stürzt
+sich der Hang bis in die Tiefe zum Dorf Cañor hinab, das in hellem
+Grün gebettet liegt wie alle Dörfer in den Tälern der Alpujarras, dem
+Bergland am Südhang der Sierra Nevada.
+
+Der Hirte äugt durch die Sonnenschräge in die Tiefe nach dem in der
+Hitze gelähmten Maurendorf und scheint sich wenig um die Herde zu
+kümmern, die ihm sein Herr in Orgiva anvertraut. Er gedenkt besserer
+Zeiten, da er noch in Granada Handel trieb, das er verlassen mußte, als
+die Christen die Stadt nahmen. Sieben Jahre ist das her. Noch hüten die
+Mauren von Granada den alten Gottesglauben, aber die allzu eifrigen
+Hüter haben sich vor den Nachstellungen der Christen in die Alpujarras
+geflüchtet oder in die fruchtgesegneten Täler des Guadalfeo. Hier
+träumen die Sadat, die reichen maurischen Edlen, von der Wiederkehr des
+letzten Königs Mohammed Abdallah, genannt Boabdil, der im afrikanischen
+Fes seine Sehnsucht nach Granada großzüchtet. Weiß man, was Gott
+beschlossen? Werden die christlichen Könige Fernando und Isabella ewig
+leben? Auch die armen Hirten in den Bergen, die in den Steinhütten über
+den Sommer leben, träumen diesen Freiheitstraum. Aber in Gottes Namen
+-- Insch’ allah! So will’s denn getragen sein.
+
+Von Cañor führt ein Saumpfad bis ins Felsland herauf. Ein Maultier kann
+ihn noch bezwingen. Aber es ist in den Hütten nichts zu holen, wo das
+Graslager der Hirten, ein Steintisch, eine steinerne Handmühle, ein
+Kochtopf, Schafbraten und Fladen das Um und Auf eines Lebens bilden.
+Nicht allzu weit glitzert ein Wässerchen, eins der vielen, die von der
+Loma in den Barranco, die Talschlucht, hinabstürzen. Und zu sagen wäre
+noch, daß der Hirte einen wunderbaren Weitblick bis zur Maurenburg
+Salobreña am Meer hätte, wenn nicht die Calina, der bräunliche
+Sonnendunst, Meer und Burg verdeckte. Und sein Auge erfreut sich auch
+lieber an der Pracht des Schneehauptes des Picacho de Veleta, der auf
+dem Untergrund des andalusischen Himmels über grauen Schieferklippen
+aufragt. Bis in die blendenden Höhen hinauf klettern die maurischen
+Kräutersucher, die Gehilfen der arabischen Ärzte, und hier schlugen
+auch die Maurenflüchtlinge, die zum Prophetenglauben übergetretenen
+Christen, aufständische Ritter und andere Verfolgte ihre Schlupflöcher
+in die Felsen, die die spanischen Kriegsleute fürchteten, da maurische
+List ihnen allerlei Fallen stellte. Die Berge waren treu wie das Volk,
+das sich ihnen verschrieben.
+
+Der Hirte Taleb rekelt sich aus der ermüdenden Schau. Gerade über dem
+Dorf Cañor taucht ein Bergadler seinen Leib in die goldne Flut. Dorthin
+blickt er.
+
+Da knattert Steinschlag hinter ihm. Von der Bergwand zu seiner Rechten
+klettert ein junger Maure herab. Er trägt die graue Leinenjacke und
+das Unterkleid, das bis zum Knie die braunen Beine sehen läßt, an
+den Füßen die Alpargatas, die hanfnen Schuhe der Bergbewohner. Das
+fein gezeichnete Gesicht verrät edle Abkunft, die Augen haben einen
+schwermütigen Glanz, das braune Haar hängt etwas verwahrlost über die
+kühne Stirn. Auf Rufweite vom Hirten hält er inne im Klettern. „Taleb
+-- sie will nicht kommen, Insch’ allah!“
+
+„Es ist noch zu heiß zum Aufstieg, Eswer Ben Zerragh. Auch hat mein
+Mädchen die Vorsicht des Fuchses. Sie kommt nur, wenn +er+ kommt.
+Wenn es nun Gott gefallen hat, die Wege des ehrwürdigen Abu Osmin Atir
+al Abdallah anders zu lenken?“
+
+Eswer Ben Zerragh legt sich unweit des Hirten in die pralle Sonne und
+schweigt. Das goldne Licht flimmert im bewegten Spiel über der Loma.
+Schafe blöken, Steingeröll bröckelt leise in der Ferne.
+
+„Deine Sobeiha ist schön,“ sagt Eswer nach einer Weile unvermittelt.
+
+„Ihr Name ist Morgenröte, wie soll sie anders sein?“
+
+Wieder Schweigen. „Wie lang wird’s noch währen?“ seufzt der Edle.
+
+„Sid, du hast doch alles, was du zum Leben brauchst. Ist das nicht
+Reichtum, was wir beide haben? Wir besitzen nichts, was wir verlieren
+könnten.“
+
+„Gott segne deine Armut, die dich reich macht, Taleb. Du brauchst
+nichts zu beschützen als deine Sobeiha und deine Herde.“
+
+„Das kann nur Gott. Es ist keine Macht und kein Schutz außer bei Gott.“
+
+„Man kann nicht mit dir rechten. Sag, sind noch viele Höhlen hier
+herum?“
+
+„Wenn du da hinüberschaust, hast du die Höhlen von Medina, Berchulez
+und Trevelez und manche andre, alle von Mauren bewohnt, die die Hirten
+mit Nahrung versorgen. Aber sieh“ -- Taleb zuckte zusammen --, „beim
+Olivenhain an der Mauer -- mit dem Korb am Rücken -- sie ist es.“
+
+Die beiden Männer verfolgten schweigsam den Weg des Mädchens. Durch
+Fruchtgärten schritt sie, schien manchmal zu lauern, begann zu
+klettern, verschwand zuweilen, tauchte wieder auf und kam näher den
+Hang herauf. Sie verließ das Buschwerk und kam in die Felsenzone, stieg
+steil an und keuchte endlich über einen Steinabsatz heran, wickelte
+den Schleier vom Gesicht und gab Taleb ihre Lippen zum Kuß. Eswer Ben
+Zerragh aber griff nach dem Korb, wo die Honigfladen leuchteten.
+
+Die Morgenröte lachte mit blanken Zähnen. „Gott gebe dir die
+Freßlust der Zikade, Herr.“ Über den erhitzten Wangen funkelten ein
+Paar Schwarzaugen, in denen die Glut afrikanischer Sonnenstrahlen
+aufgespeichert zu sein schien.
+
+Eswer holte die in großen Blättern eingewickelten Frühfeigen aus dem
+Korb, Reis und Puffbohnen, einen Vorrat für eine Woche. Dann hatten
+ihm Freunde aus Orgiva ein paar Koranblätter geschickt, Labsal für das
+gläubige Herz. „Bei den fünfundsiebzig Wunden des Thalha, der mit dem
+Propheten kämpfte bei Ohod, ich will dir das nie vergessen, Blume der
+Berge.“
+
+Durch ihren Leib brannte Unruhe. „Was ich gesehen! Der fremde Scheich
+kommt. Er ist seit gestern in Cañor und heilt Herzenswunden. Abu Atir
+heißen sie ihn.“
+
+„Was will er aber bei uns?“ forschte Eswer.
+
+„Bi nefsi! Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Und er bringt eine
+Hosna mit, eine Schönäugige, ich habe sie schleierlos gesehen, ihre
+Schönheit ist wie der Glanz des Mihrab in Cordoba. Sie nennen sie
+Reija. Niemand weiß, wer sie ist. Und er! Der Imam! Sein Bart ist weiß
+wie der Veletaschnee, sein Auge leuchtet wie die Sonne, und wenn er
+spricht, fällt Tau auf die trocknen Fluren der Herzen.“
+
+„Du hast die klingenden Worte in der Moschee erlauscht, Morgenröte?“
+
+Sie nickte lächelnd. Dann sprangen ihre gebräunten, kupferfarbnen
+Füße in den Hanfschuhen mit Katzenbehendigkeit die Felsen hinauf zu
+einer Höhle, deren Eingang hinter einem Steinblock halb verborgen lag.
+Taleb blickte verschärft ins Tal. Eswer Ben Zerragh stand aufrecht
+wie eine Palme an den Fels gelehnt. Seine Gedanken hatten den Weg zu
+der Bedeutung des fremden Scheichs gefunden. Abu Atir! War das nicht
+der Imam des vertriebenen Maurenkönigs gewesen? Stand er nicht im Ruf
+hoher Weisheit und in dem eines Santon, eines Heiligen? Und wer ist
+die seltsame Blume an seiner Seite, und was will sie in den Höhen?
+Beim Schwert, das der Eidam des Propheten trug! sann der Edle vor sich
+hin. Ich will auf das Recht pochen, das einst Jusuf erhob: das Antlitz
+edler Frauen unverschleiert zu sehen im Monat Schewal, der Zeit der
+Freuden. Und ich will vor den Imam hintreten und bekennen: ich bin ein
+Abencerrage!
+
+Aus der Höhle sprang Sobeiha. Das ungefesselte Haar peitschte ihre
+Stirn und Schläfen. „Wir müssen das Blumenkind des Imam und ihre
+Sklavin in der Höhle des Spiegels unterbringen.“
+
+„Wo liegt die?“ horchte Eswer auf.
+
+„Einen Schleuderwurf von hier, oberhalb der deinen, Herr.“
+
+„Warum heißt sie Höhle des Spiegels?“
+
+„Sie trägt am Eingang einen glänzenden flachen Stein, auf dem sich des
+Morgens die Sonne und am Abend der Mond spiegelt. Es sind Polster aus
+Esperantogras darin. Doch sieh -- da kommen sie.“
+
+„Die Maultiere sind noch klein wie Spinnen,“ sagte Sobeiha. „Ich will
+das Wasser in die Krüge füllen, daß sie die Gebete sprechen können.“
+
+Bald sah man den Zug der Maultiere aus dem Buschwerk bergan klimmen.
+Man konnte sechs Stück zählen und drei Führer.
+
+Eswers Herz schlug heftig. Nach einem Mond kamen die ersten Menschen
+in seine Einsamkeit. Allah akbar! Gott ist groß! Sein Wille wird sie
+geleiten, sann er in den durch die Bergschatten steigenden Zug. Man
+erkannte schon die zwei Frauengestalten auf den Tieren, und Taleb
+winkte mit der Wolljacke hinab. Aus der kleinen Karawane blinkte ein
+flatterndes Tuch.
+
+Das Gebirge erwachte aus dem Sonnenschlaf. Über die Kare unter dem
+Schneehaupt der Veleta stürzten die wilden Ziegen in Rudeln von Fels zu
+Fels. Die grauen Wolfshunde der Hirten kläfften in die Tiefe hinab.
+
+Da bog der Zug um eine Felsnase. Schlank wie Irakzweige saßen
+die Frauenleiber auf den Rücken der Maultiere. Bald hielten die
+staubbedeckten Tiere auf der Felsplatte. Über die sonderbare Karawane
+ging der Atem der unberührten Bergwildnis hin, und die Fremden standen,
+nachdem ihnen die Treiber aus den hohen Sätteln geholfen, wortlos, von
+den Schauern der Einsamkeit überwältigt, auf der Platte.
+
+Der Abencerrage verneigte sich ehrfürchtig vor dem Greis an der Spitze
+des Zuges. „As Selam Aleikum! Heil mit dir!“ grüßte er den Fremden.
+
+„Wa Aleikum as Selam! Und mit dir sei der Friede!“ dankte der Greis
+leise. Dann kreuzten beide Männer die Arme über der Brust.
+
+Aus dem Antlitz des abrahamitischen Fremden leuchtete es wie
+Gottesfrieden. Klare Blauaugen unter buschigen weißen Brauen, die
+wie Tempelbogen über dem Eingang zur Seele prangten, strahlten das
+beseligende Licht der Güte aus, und man glaubte durch diese Klarheit
+tief bis in ihren Urgrund hinabsehen zu können. Der weiße Burnus floß
+an den rüstigen Gliedern wie ein Liliengewand nieder, und der mächtige,
+bis zum Ledergürtel reichende Bart hob seine Erscheinung fast zum
+prophetenähnlichen Gottesboten.
+
+Zwerchsäcke und Taschen wurden abgeschnallt. Die Mädchen sprachen
+leise miteinander. Und Eswer hatte Zeit, an der einen der Jungfrauen
+Schönheiten zu entdecken. Er bewunderte den palmenschlanken Wuchs, das
+dunkle Augenpaar unter dem Schleier, das die Blitze einer Wetternacht
+schleuderte, die schwarzen Locken in ihrer halben Aufgelöstheit, die
+nur teilweise verschleierten Hände von goldkupfriger Farbe und die
+hochangesetzten Brüste voll Reife. Und ihr Gang hatte die ruhige
+rhythmische Bewegtheit eines sanften Liedes, mit dem der Araber Gottes
+Erhabenheit preist. In Eswer, einem eifrigen Sammler morgenländischer
+Beredsamkeit, begann es wie aus Märchentiefen zu klingen. Doch Abu Atir
+unterbrach sein inneres Geläute. „Bist du der Flüchtling Eswer Ben
+Zerragh?“
+
+„Ich bin es. Sei gegrüßt im Namen des Propheten, dem Ehre und Friede
+sei! Bei den sechs Offenbarungssternen, nicht der Bruchteil eines
+Geschenkes ist mein eigen, das deiner würdig wäre. Man hat mir in
+Granada alles genommen; nur meine Freunde helfen mir.“
+
+„Wer sind sie?“ fragte der Imam.
+
+„Abu Ben Jazir, Arzt in Orgiva, und Jahva Ben Hilal, der Teppichhändler
+beim Elvirator in Granada.“
+
+„Und das sind deine Freunde aus den Bergen?“ Er zeigte auf die Hirten.
+
+Eswer zog Sobeiha und Taleb an den Händen heran. „Mögen sie deinem
+Angesicht wohlgefällig sein.“
+
+Abu Atir rief seine Mädchen herbei. „Das ist Reija, mein anvertrautes
+Gut, und das ist ihre Sklavin Saffana aus gutem Geblüt. Und diese
+drei sind Freunde aus Granada.“ Er wies auf drei Männer, die sich
+zurückgezogen hatten.
+
+Eswer überkam freudiges Erstaunen. Er erkannte in ihnen angesehene
+Handelsleute, die den blauen Überwurf der Mauren trugen. Der älteste
+von ihnen, Ismael Ben Katasi, reichte dem Abencerragen die Hand, und
+dieser grüßte ihn mit verschränkten Armen: „Gott segne deine Geschäfte
+und deine Wallfahrt nach Mekka.“
+
+Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Segen mehr. Wir sind
+vertrieben.“
+
+„Auch du?“
+
+Ismael wies auf einen zweiten Mauren. „Mein Bruder Ali und ich. Man hat
+bei uns Berberbriefe gefunden, die verdächtig waren.“
+
+„Und du, Ibn Maratan?“ wandte sich Eswer an den jüngsten der drei.
+„Auch dein Auge glänzt in Leid.“
+
+Der Maure nickte mit zusammengepreßten Lippen.
+
+„Er hat einen berberischen Seefahrer bei sich verborgen,“ erklärte
+Ismael Ben Katasi. „Nun rettet er sich zu dir, Eswer Ben Zerragh. Hast
+du Platz in deiner Höhle?“
+
+Der Abencerrage war voll Freude. „Willkommen und freundlich
+aufgenommen! Dort oben liegt das Loch, weich ist das Gras, ihr müßt nur
+Freunde in Orgiva haben, die für euch sorgen.“
+
+„Die haben wir!“ sagte Ali Ben Katasi.
+
+„Bevor wir weiterhandeln,“ sagte der Imam, „laßt uns zu Gebet und
+Ruhe kommen. Vom weißen Minar dieses Gipfels klingt Gottes Mahnung zu
+uns herab. Richtet euer Antlitz nach dem Tempel Haram im Lande der
+Offenbarung.“
+
+Die Mädchen hatten sich auf kleine Gebetsteppiche geworfen und das
+Mulatum, das Gebetstuch, über den Kopf geworfen, nachdem Sobeiha das
+Wasser gereicht hatte. Bald darauf erklang Abu Atirs Anrufung Gottes
+in die Berge: „Gott ist allmächtig! Sei gepriesen, höchster Gott! Zu
+dir beten wir und für dich üben wir gute Werke, Friede sei mit dir,
+Prophet! Und Gottes Gnade und Segen mit dir und allen wahren Verehrern
+Gottes!“ Die Leiber warfen sich vor und zurück, die Gedanken versenkten
+sich in glühende Bilder. Eswers Augen aber verschlangen das schöne
+Mädchen, dessen Schlankheit wie ein Zweig des Gadhastrauches war.
+
+„Nun kommt nach der Höhle des Spiegels,“ sagte Abu Atir nach dem Gebet.
+Und er schritt selbst führerlos voran, worüber sich Eswer wunderte. Der
+Alte mußte also die Höhle kennen. „Als Mohammed floh,“ sagte der Imam,
+in Ehrfurcht vor dem Höhlenloch Eswers stehend, „und Tag und Nacht in
+der Höhle des Berges Thaur zubrachte, wob eine Spinne vor dem Eingang
+ihr Netz, damit es aussehe, als wäre niemand drin, und Tauben bauten
+ihr Nest davor zum Zeichen der Unberührtheit. Dein Netz und Nest ist
+die Wachsamkeit deiner Hirten, Eswer.“ Und er trat mit den Männern
+heran, während sich die Mädchen vor der Höhle auf einen Felsblock
+niederließen.
+
+Ein Steingewölbe dunkelte über ihnen, der Lichtschein des Tages beim
+Eingang gab dem Raum ein dämmriges Licht. Ein Graslager zog sich bis in
+die Tiefe. „Es ist nicht allzu schlimm,“ erklärte Eswer den verzagten
+Freunden. „Was man gewöhnt, wird nicht mehr eine Last.“
+
+„Ich hätte Lust, mit euch hier zu hausen,“ sagte Abu Atir, „wenn mich
+nicht wichtige Geschäfte nach Granada zögen.“
+
+Sie traten wieder ins Freie. „Kommst du nicht von Granada?“ fragte
+Eswer.
+
+Der Greis lächelte. „Ich habe es Jahre nicht gesehen, aber Freunde
+wirkten dort für mich.“ Er stockte und wurde verlegen. „Laßt uns
+vorerst die Mädchen versorgen.“
+
+Taleb wies ihnen den Weg zur Spiegelhöhle und hielt ein Stoßgebet
+weit von der Männerhöhle entfernt vor einem großen Felsblock. Die
+Mauren packten kräftig an, bald bewegte sich der Koloß und gab den
+mannsbreiten Eingang zur Höhle frei. Drei große fensterartige Öffnungen
+ließen Taghelle und Luft hereinströmen, und der grasweiche Boden lud
+zum Ruhen ein. Eswer erstaunte und fragte Taleb: „Warum zeigtest du mir
+diesen Platz nie?“
+
+Der Hirt lächelte. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in den Bergen
+seit grauen Jahren, daß diese Höhle nur flüchtenden Frauen gehört.
+Wüßten viele Männer davon, man hörte den Klang der Nachtständchen bis
+nach Cañor hinab.“
+
+„Reija, du wirst hier wohl schlafen,“ sagte der Imam. „Und für eine
+Wache --“
+
+„Ich selbst will wachen,“ schnellte der Abencerrage heraus, und seine
+Wange glühte in ritterlichem Eifer.
+
+Das Mädchen zog die Schultern wie fröstelnd zusammen, kaum daß ein
+Blick den schutzbereiten Jüngling streifte. „Ich werde mit Saffana,
+meiner Sklavin, unter dem Schutz der Engel schlafen.“ Tiefkehlig, ernst
+und beinahe abweisend klang es.
+
+Eswer verschränkte betrübt die Arme über die Brust. Da war es, als
+bereute die Jungfrau das harte Wort. „Du -- darfst wachen,“ sagte sie
+rasch, „denn du bist aus dem Stamm der Abencerragen.“ Und große Wimpern
+senkten sich über die Augen.
+
+„Mein Vater war Lanzenschwinger und hat es vor Loja bewiesen,“ sagte
+der junge Ritter beglückt. „Fünf Christen warf er dort in den Sand. Ich
+habe sie von ihm, die blitzende Kunst des Wurfes, und ich will sie, tut
+es not, für dich üben als dein Wächter, holde Reija.“
+
+Der silberbärtige Imam lächelte über den Rittereifer. „Laßt uns vor
+dieser Höhle das Abendbrot verzehren, sobald der Mond sich über der
+Loma wiegt. Und nun kommt, Männer, ich muß euer Ohr für ein paar
+Augenblicke allein haben.“
+
+Die Männer verneigten sich wieder mit verschränkten Armen vor der
+Jungfrau und stiegen dann mit Abu Atir über die Felsen ein wenig
+aufwärts, hielten aber bald in der Einsamkeit eines muschelartigen
+Kars, wo ihre Stimmen nur schwer den Weg ins Weite finden konnten. Hier
+unter dem dunkler blauenden Himmel, umgeben von der ernsten Majestät
+des Schweigens, hockten sie sich mit verschränkten Beinen auf die
+Felsbänke, und Abu Atir, der Überlieferer und Ausleger des Korans, ließ
+das bärtige Haupt bekümmert in die Hände fallen und brach endlich in
+den Wehruf aus: „O mein Granada!“
+
+Und im Mitweh senkten die Männer die Häupter und weinten leise. Bis der
+Imam langsam den Kopf hob und mit starker Stimme das Surenwort sprach:
+„Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht
+gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.“
+
+Da antworteten die Männer gleichzeitig mit überzeugungstiefer Wärme:
+„La illaha illa illahu! Gott ist der einzige Gott!“
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Hinter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag
+verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die
+Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben,
+hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des
+Picacho de Veleta wie in trauernder Röte. Langsam aber taute schon der
+Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein.
+
+„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und
+auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben
+Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war
+Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten
+wollte.“
+
+„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der
+Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs
+Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten
+das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga
+flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem
+Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die
+vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den
+Königseid --“
+
+„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht
+hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada
+nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei
+einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt
+nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt.
+Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied
+hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter
+Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber
+sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind
+unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“
+
+„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan.
+„Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen,
+den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren
+bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester
+herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder
+leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den
+Königen.“
+
+„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung
+an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn
+Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die
+Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir
+uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von
+der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon
+gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“
+
+„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen
+haben gewaltige Tatzen.“
+
+„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden,
+sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten
+und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen
+durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon
+an seiner eignen Tatze stirbt.“
+
+„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.
+
+„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn
+Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren
+haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns
+Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella
+und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer
+Diener.“
+
+„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme
+im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin
+-- ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den
+Kampf gegen die Stadt schickte --, sie hat nun, höre ich, ihren
+Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas
+-- o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! --, zum Primas von Spanien
+gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf,
+aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in
+Toledo bliebe!“
+
+Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt
+ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt
+in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal --“
+
+„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali,
+„eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet --
+wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn
+anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie
+müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein
+Leben lang in Granada durchbetteln.“
+
+„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu
+Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb
+dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei
+deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und
+deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine
+spielte?“
+
+„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine
+Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“
+
+Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen
+und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen
+Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.
+
+„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der
+aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land.
+Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba,
+der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst
+Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden.
+Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu
+wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man
+entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen --“
+
+„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter
+des jungen Abencerragen.
+
+„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt des
+Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die
+Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein
+Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst
+eilte nach Granada heim -- in meinem Hause wartete ein Scherge des
+Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte
+verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das
+Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten
+der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen
+Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über
+ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich
+mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und
+entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher
+in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich
+endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins
+Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß
+ich ihn selbst!“
+
+Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen
+zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen
+die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner
+Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr -- ihr wißt etwas --
+von meiner Mutter --?“
+
+Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt.
+„Fasse dich, Eswer Ben Zerragh -- bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist
+eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt,
+sie mir aufzubürden.“
+
+Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter -- o sag’ es
+-- und wäre es bitter wie Koloquintentrank -- meine Mutter --?“
+
+„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen
+Könige lagen, im Hain von Asabica --“
+
+„Im Friedenshain der Abencerragen --“ zitterte die Stimme Maratans.
+
+Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang
+verzweifelt die Hände zum Imam empor.
+
+„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben
+Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit
+einem Segen für dich auf den Lippen.“
+
+Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“
+sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei
+dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie
+nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott
+ohne Flor und Hülle.“
+
+Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte
+sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer,
+Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und
+Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher
+herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends
+verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie
+syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen
+Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen
+Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.
+
+„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi.
+„Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“
+
+„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.
+
+Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der
+Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind
+wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden?
+Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen
+die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir,
+hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald
+niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba,
+wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende
+Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist.
+Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu
+seiner Zeit. Wißt ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr
+von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der
+Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden
+Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das
+unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe
+Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die
+Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach
+Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der
+afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen
+sah.
+
+Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber
+her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie
+brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus
+und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder
+Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die
+Muezzins zum Gebet rufen lassen.“
+
+Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder.
+Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater
+gehabt.“
+
+Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in
+den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden
+Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so
+stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die
+Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter,
+der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem
+Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am
+Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der
+Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“
+
+„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.
+
+„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.
+
+Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das
+lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen
+hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst
+teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den
+unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von
+den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle,
+dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.
+
+Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die
+sternübersäte Wölbung.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+In der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der
+Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über
+das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in
+der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den
+Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie
+ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde
+Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste
+atmeten freier.
+
+Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter
+Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine
+größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz,
+der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die
+Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das
+blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden.
+Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie
+Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches,
+der maurischen Spangen.
+
+Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte
+ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim Tanz wie eine Fahne
+hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit
+schließen.
+
+Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der
+Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der
+Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten
+von Schira sein.“
+
+„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des
+lieberasenden Dichters.“
+
+Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija
+wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme
+eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder:
+
+„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um
+Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß
+ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen
+Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du
+mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit
+einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz
+blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst
+einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“
+
+Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines
+Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier
+sehen durfte.“
+
+„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt
+hat.“
+
+Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele
+schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete
+die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel.
+
+„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“
+
+Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem
+Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick:
+„Es ist nichts um einen Mann.“
+
+„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen.
+Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, die sterben, wenn sie
+ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling,
+der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um
+ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret.
+Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden
+Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein
+kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn
+Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da
+wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten,
+mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“
+
+„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die
+Hirtin?“
+
+Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da -- sie ist nicht vom Stamm
+Osret.“
+
+Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über
+der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen
+ihrer Zähne, die das Futter malmten.
+
+Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich
+die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel
+gleiten. Zischend troff das Fett herab.
+
+Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu
+Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres
+Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte.
+
+„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und
+seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam
+gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der
+Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war.
+
+Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte
+Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch
+schmerzlich-süßer empfinden.
+
+Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit
+den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans Feuer hin, und
+Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge
+waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen.
+Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er
+mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem
+nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im
+Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz
+froh machen wird.“
+
+Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam
+auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz
+des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der
+Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen:
+
+„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen.
+Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner
+Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden
+sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan,
+König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie
+Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs,
+eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute
+nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht
+mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der
+schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen
+den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den
+jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil
+hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und
+deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur
+furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra
+froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war,
+ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof
+hinrichten --“
+
+„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus.
+
+„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den
+übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den
+Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde.
+Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten
+Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen
+Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“
+
+Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“
+
+Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben
+Himmel offen, Retter meines Königs!“
+
+Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem
+Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil
+vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die
+Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen
+ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie
+heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem
+Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende
+König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war
+der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung
+Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das
+Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul
+Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden,
+nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte
+des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein
+Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater
+in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm
+unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“
+
+Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern.
+
+„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns
+Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den
+Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten die
+Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und
+Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl
+wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um
+eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der
+Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte
+sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch
+ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens
+warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin
+über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho
+de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien
+fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen
+die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie -- und sie ihn. Nach
+den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba
+bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen.
+Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie
+erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück
+klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed
+Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen
+Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd
+führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von
+Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen
+zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña
+fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils
+erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der
+junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen
+Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines
+zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen,
+sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben.
+Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von
+ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die
+Opfergaben auf dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte,
+die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über
+sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und
+küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die
+Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie
+nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde
+für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben
+dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“
+
+Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die
+schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und
+ihre Brust ging hoch.
+
+Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich
+atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des
+Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die
+braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es
+künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und
+nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil
+witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich
+sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die
+rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt.
+Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige
+Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den
+christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich
+nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir
+nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern
+von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor
+den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und
+Spinnrad erzogen.“
+
+„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas
+Brust.
+
+Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die
+Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt miteinander, bis
+Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O
+Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts -- ende, ende!“
+
+„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst.
+
+„Und das Königskind -- wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben
+Katasi.
+
+„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt.
+
+Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den
+Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch
+vor ihr!“
+
+Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern,
+die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen.
+Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie
+besessen: „Ein Königskind!“
+
+Reija aber fiel kraftlos in die Arme des Imam. Das Glück traf sie wie
+ein Blitz.
+
+Der alte Ismael Ben Katasi raffte sich als erster auf. Aus der Vorsicht
+seines erfahrungsreichen Herzens heraus fragte er: „Imam, Sid -- du
+weißt, wie oft in allen Zeiten Geschichten und abermals Geschichten
+vorgekommen sind -- sieh, es könnte dich einer betrogen haben -- es
+könnte -- o gib uns Beweise, Gewißheit, Imam!“
+
+Der Alte nickte. „Es ist kein Leben ohne Schrift. Ehre dem Weisen, der
+sie erfunden!“ Er legte sorgsam, als trüge er zerbrechlich Glas in den
+Händen, den schönen Menschenschatz in die zitternden Hände Saffanas und
+zog aus seinem Brustbeutel ein dickes Pergament.
+
+„Bei Gottes strahlendem Angesicht! Li amri! Des Königs eigenes Wachs --
+der Schutzbrief für das Kind! Gott verdamme fortan die Zweifler! Abu
+Atir, herrlichster der Schirmer, das Kind ist in Gefahr --“
+
+„Laß mich es schützen vor Schaitan und Tücke!“ rief Eswer Ben Zerragh
+mit der Heftigkeit des entflammten Liebenden. „Ich habe keine Mutter
+mehr zu schützen, aber in meiner Brust lebt Liebe, die ich an ein
+würdiges Geschöpf Gottes verschwenden möchte. Ich bin Abencerrage, mein
+Vater schützte ihren Vater, laß mich die Tochter schützen. Und du bist
+alt, Imam --“
+
+Da reckte sich der Greis hochauf, und es war, als knackten seine
+Gelenke, und er pflanzte die stählernen Glieder vor die hilflose
+Königstochter auf und legte schirmend seine eiserne Hand auf ihre
+Brust. „Bist du im Mondeswahn, Jüngling? Deine Raschheit, deine
+Heftigkeit sollen sie schützen? Dein Eifer ehrt dich, aber gib meinen
+Kräften die Ehre! Dieses Kind ist geheiligt durch Ahnenblut, jedes
+Haar an ihr ist kostbar wie ein Tropfen aus dem Brunnen Semsem, denn
+sie stammt aus dem Blute der Beni Nassr und gleicht einer Perle, früh
+losgerissen von der Muschel.“ Behutsam strich der Greis über die Pracht
+des gelösten Mädchenhaars, während Eswer beschämt dastand wie ein
+Knabe, der in der Mekteb Strafe bekam.
+
+Reija schlug die Augen auf. „Wo -- ist -- meine Mutter?“ Ihr Blick war
+Schmerz und Freude. Und die Stimme klang wie entrückt in das stille
+Weben der Nacht.
+
+„Sie ist längst gestorben.“
+
+„Und warum -- ach, Väterchen, warum muß ich das heute erfahren?“
+
+„Du bist heute achtzehn Jahre alt geworden, und es war der Wille des
+Königs, daß du an diesem Tage das Geheimnis deiner Herkunft erfahren
+solltest und daß du den goldnen Koran wieder nach Granada trägst, das
+Eigentum Boabdils, das wir bei seiner Vertreibung hier herauf in die
+Berge gerettet haben vor dem Vertilgungswahn der Christen.“
+
+„Den Koran? Die Muschel des Gottesworts? Boabdils Koran?“ stürmten die
+Mauren auf den Imam ein.
+
+„Er ist von unermeßlichem Wert. Er soll nun zum Labsal für unsere
+Brüder nach der bedrängten Stadt getragen werden, und Reija soll ihm
+das Geleite geben.“
+
+„Gott, gib Kraft!“ flehte das Mädchen mit halberstickter Kehle.
+
+Saffana weinte. „O Königstochter, nun darf ich dich nicht mehr Hamam,
+die Taube, und Werda, die Rose, nennen! Darf nicht mit dir spielen --“
+
+Reija streichelte der Sklavin die Locken. „Du darfst es.“
+
+„Wo ist der Koran?“ drängten die Männer in heiliger Glut heran.
+
+„Wir wollen in Morgenfrühe bei dem steinernen Mihrab beten. Und wenn
+die Stunde kommt, da man einen schwarzen und weißen Faden unterscheiden
+kann, wollen wir den Koran aus dem Felsen nehmen, und der erste
+Sonnenstrahl soll das heilige Buch aus jahrelangem Schlaf wecken.“
+
+Nun wurden Waschungen und Gebete verrichtet, und Saffana mußte alte
+Kiffaß, Erzählungen aus der Omajadenzeit, hersagen. Aber Reija war
+aus der Neugeburt ihres Wesens heraus unfähig, ihre Sinne für die
+Beredsamkeit zu schärfen. Es taumelte in ihr hin und her, und vom
+Glück überwältigt, schlief sie unter dem hohen Mond mitten unter den
+andern ein. Ihr Haupt lag auf der Motharif, ihr Atem ging leise,
+und alle fühlten, daß erhabne Träume von Pracht und Herrlichkeit um
+die lächelnden Lippen spielten, so wie sie einst in den Sinnen der
+Kalifentöchter glühten.
+
+Saffana aber erzählte unermüdlich von Az-Zahara, der zertrümmerten
+Märchenstadt bei Cordoba, und von den Prachtgärten des ägyptischen
+Kalifen Thalun, in denen die Vögel unter vergoldeten Palmen sangen. Der
+junge Maratan hing an den Lippen der Sklavin, als tropfte Goldregen von
+ihnen. Schems hosna! Schöne Sonne! besang er heimlich ihre Reize.
+
+Die Männer wachten lange vor der Höhle. Eswer Ben Zerragh trauerte vor
+sich hin. Er sah nach der arabischen Legende die Seele seiner Mutter
+als Hamé, das ist als Eule, über den Bergen fliegen und hörte ihre
+Stimme flehen: ‚Tränke mich und gedenke mein!‘ Und er tränkte die Seele
+mit den Tränen seines Leids. Dann aber umschwebte ihn das Bild der
+schönen Reija, mit deren Erhebung er eine Hoffnung in sich zu Grabe
+trug.
+
+Manch zuversichtliches Wort ward noch unter der Sternenhoheit
+gewechselt. Silbern kreiste die andalusische Nacht über Wache und
+Schlaf.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Arktus sank am Himmel dahin. Vor der Höhle flatterte schon ein Lied
+aus der Kehle der Morgenröte himmelan: „Tränke Gott mit Tau des Zeltes
+Reste, wo ich feierte der Liebe Feste.“ Ein leichter Wind trug das
+Takbir, den Gebetsruf des Muezzin von Cañor herauf. Abu Atir erhob sich
+vom Lager. Ein Büschel weißer Strähnen wehte von seiner Schädeldecke
+mit der mächtigen Bartfahne um die Wette. Die klugen Augen blickten
+frisch in das dämmernde Weben des Morgens. Er legte sich die Kopfbinde
+der Imamwürde um und weckte nun die Männer. Als sie nach dem Gebet
+zur Frauenhöhle schritten, fanden sie die Mädchen schon wach. Jetzt
+wurde das in der Spiegelhöhle liegende Steinversteck mit Haue und
+Brecheisen bearbeitet, bald lösten sich die Felsbrocken los, und
+im Dunkel einer Höhlung blinkte eine weiße Kiste, die den Schatz
+enthielt. Mit Ehrfurcht holten die Männer die Truhe heraus und warteten
+unter Gebeten, bis hinter der Loma de Yator der Himmel in Morgenglut
+entbrannte. Da öffnete Abu Atir den Deckel und aller Augen blickten
+verzückt auf das ehrwürdige Buch, dessen Goldpracht auf blauseidnem
+Kissen lag, umgeben von viereckigen Münzen aus der Almohadenzeit.
+
+„Gefäß Gottes, in das er seine Liebe und Weisheit senkte, sei gegrüßt!“
+rief der Imam inbrünstig aus. „In deinem Geiste spiegelt sich Gottes
+Geist, in dem Wort des Propheten Gottes Wort, und in unserem Wort und
+in unserer Tat soll sich die Treue zu Gott und dem Propheten spiegeln.
+Wir wollen dich hüten als ein Königserbe und in dem Mihrab von Granada
+betten. Wie einst die Krieger der Halimet ihre Hände in duftendes
+Menschim tauchten und schwuren, getreu zu bleiben, so strecken wir
+die Hände in den Sonnenwind und schwören, getreu zu bleiben dem Wort
+Gottes.“ Und er öffnete das Buch und las die Fatiha, die Eingangssure,
+und die elfte Sure der Morgenbetrachtung. „Gott geleite uns froh in die
+alte Heimat, in das geliebte ‚Granatha‘,“ schloß er. „Ihr Männer kehrt
+von Orgiva hierher in die Berge zurück, wo Freunde für euch sorgen
+werden. Dort harret unsrer auch schon neues Geleite.“
+
+„Bei den Oliven des Paradieses,“ schwur Eswer, dessen Herz zu bluten
+begann, „meine Gebete sollen euch immer geleiten.“
+
+Nun wurde Honig gereicht und das Lusindsch, ein Mandelgebäck, dazu
+genossen. Der Hirte Taleb steckte dem Königskind ein gebratenes
+Täubchen in die Maultiertasche. Es war seine Verehrung. Und Sobeiha
+hatte einen Kranz von Bergblumen geflochten und schlang ihn nun um den
+Hals des beglückten Mädchens.
+
+Eswer Ben Zerragh nahm Abschied. „Gott gebe deinem Maultier Kraft,
+dich zu tragen über Gestein und Weg, dir selbst aber Glück, Besitz,
+Ertrag und eine Erinnerung an diese Berge! Bleibe eingedenk des Tages
+und der Nacht, da du unter Steinen wohntest, und erfreue dich Gottes
+freundlicher Hilfe, du selbst ein schöner Gedanke dieses Gottes.“ Seine
+Stimme zitterte gewaltig.
+
+Die Korankiste wurde an den Sattel Reijas geschnallt. Die beiden Katasi
+eröffneten den Zug, dann ritten Reija und Saffana, hinter ihnen Abu
+Atir und endlich Ibn Maratan. Als die Sonne, die einen Augenblick
+hinter Wolken verschwunden war, sich wieder mit goldenem Schwung in
+das Blau warf, stiegen die Tiere langsam den Steilpfad hinab. Reija
+sah sich nicht um, wiewohl ihr das Herz klopfte. Saffana winkte zur
+Felsplatte hinauf, wo Eswer wie eine aufrechte Zeder stand. Er sah mit
+blutendem Herzen hinab. Die Karawane schrumpfte zusammen, verschwand
+hinter einem Eichenhain, tauchte wieder auf und verlor sich endlich in
+den von Morgenlicht überfluteten Gärten von Cañor. Da verhüllte der
+Abencerrage sein Haupt. „Bi nefsi! Sie ist schön wie eine Rose von
+Damaskus, aber sie wird mir nimmer blühen.“
+
+Der Reiterzug ritt in den werdenden Tag, der schon herbstliche
+Müdigkeit hatte. Die Luft flimmerte über der Erde wie Goldgespinste
+aus Gottes Hand. Der sanfte Bergwind der Veleta lag den Reitenden
+im Nacken. Sie gelangten nach Cañor, wo man gerade die Almosen
+verteilte, denn der Rhamadan war vorbei. Dann ging es über maurische
+Dörfer nach Orgiva, wo man von den Handelsleuten, die nach den Bergen
+zurückkehren mußten, Abschied nahm. Hier wartete neues Geleite für den
+Koran. Drei Ritter aus dem Geschlecht der Beni Mossad übernahmen die
+Überwachung, ältere Männer mit dem Stolz des Vertrauens auf der Stirn.
+Sie saßen in ihren weißen Burnussen auf schwarzen, erlesenen Rossen,
+den federgeschmückten Turban auf dem Haupt, die Füße in buntgestickten
+Lederschuhen, die in silbernen Steigbügeln ruhten, den Degen in der
+kunstvoll verzierten Scheide an Quastenschnüren quer über der Brust,
+und trugen so ein echt maurisches Rittergepräge zur Schau.
+
+In ritterlicher Weise huldigten sie auch dem Königskind. Der eine von
+ihnen war Chatib, das ist Kanzelredner, in Granada, der zweite Wali,
+ein Viertelvorsteher von Granada, und der dritte Athibb, ein Arzt. Mit
+gelehrten Reden versuchten sie die Langeweile des Rittes zu kürzen. Als
+sie in Lanjaron, der Gartenstadt, unter der schönen Burg ankamen, wo
+heute genächtigt werden sollte, trieb das Gemüt der schönen Reija schon
+die farbigsten, frohesten Blüten. Wohl wußte sie, daß sie in Andalus
+keine Rechte mit ihrer königlichen Abstammung geltend machen konnte,
+aber die Verehrung der Mauren war ihr gewiß, und das erfüllte sie mit
+einem harmlosen Stolz.
+
+Am andern Morgen zog man durch das Lecrintal weiter. In den Gärten
+lachte die Frucht, in den Weinbergen blinkten die Kittel der lesenden
+Frauen, da und dort tauchte ein spanischer Soldat, ein Ildsch oder
+Nasranij, wie man auf maurisch die Christen nannte, aus einer Gasse auf
+und wurde scheelsüchtig betrachtet. Die Atalaya, die Wachttürme, wurden
+auf den Höhen sichtbar, wo bei Gefahr die Feuer angezündet wurden,
+und bald stieg der Hügel von Padul vor den Blicken der Reiter auf. Da
+bebte das Herz der Königstochter. In der Ferne, von den Hitzeschleiern
+geheimnisvoll umhüllt, schimmerte Granada wie ein kostbarer
+Edelstein von der vierzehntorigen Mauer mit den tausend Wachttürmen
+eingeschlossen. Wie der Sommergarten zu Füßen des beschneiten Libanon
+lag die Stadt mit ihrem Grün unter dem Schnee der Sierra Nevada.
+Auf einem Hügel ragte der stolze Königsbau der Alhambra wie in
+rötlich schimmerndem Erzglanz auf, der Steingedanke prachtliebender
+Maurenkönige.
+
+Abu Atir hielt den Zug der Tiere an. „Friede mit dir, ‚Granatha‘,
+Königin unter den Bettlern, und darum von uns geliebt wie die
+Heiligtümer Arabiens! Selbst wenn wir tot sind, zieht der Hauch deiner
+Schönheit Kreise über unser Grab.“
+
+Die Mauren sprangen vom Pferd, legten ihre Degen ab, die Sklaven
+breiteten die Gebetsteppiche zu ihren Füßen aus, und bald darauf klang
+die preisende Andacht der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten
+zum Himmel. Dann wies der Imam nach der Stadt. „Dort blühten Glück und
+Unglück für deinen Vater, Reija, dort im Herzen der Stadt, wo Haus an
+Haus übereinandergewürfelt steht, im Rabad al Bayassin, wo der große
+Turm des Minar herübergrüßt, im Viertel der Edlen.“
+
+Reijas Auge wurde naß. Der Greis erklärte dem Mädchen bei der Rast
+die Geschichte der Stadt, sprach von den Kämpfen in der Vega,
+in der breiten, fruchtschweren Ebene, die ihre Schätze wie auf
+einem Riesenteppich rings um die Stadt legte, er sprach von den
+Schmerzenstagen, als die Christen mit der Gewalt ihrer Kriegsmassen auf
+die letzten Bollwerke der Mauren stießen, und wie der König, von den
+Seinen verflucht, aus Granada ziehen mußte und auf diesem Hügel von
+Padul die letzte Schau ins Land hielt.
+
+Die Ritter trauerten im Weh der Erinnerung. Hier war es, wo Mutter
+und Gattin den König höhnten, daß er um das weine, was zu verteidigen
+er nicht die Kraft gehabt hatte. El suspiro del Moro! Den ‚letzten
+Seufzer des Mauren‘ nannten jetzt die Spanier den durch eines Königs
+Abschiedstränen geweihten Felsen. „Hinweg, Bruder der Freude!“ verjagte
+der Imam das eigene Weh. „Madhma madha! Vorbei ist vorbei! Wo sind die
+Leute vom Stamm Ad und die von Themud? Wo die Kalifen, die auf goldnem
+Thron saßen und auf weichen Mädchenbrüsten schliefen? Auch diese
+Christenkönige sind Lehm und Wasser und also der Erde untertan.“ Seine
+Rechte wies nach Nordwesten, wo kahle Höhen in den Dunst geisterten.
+„Dort liegt Cordoba, die Kalifenstadt, von wo unser Ruhm über die Welt
+ging und wo das königliche Dreigestirn Abderrhaman, Haschin und Hakem
+leuchtete. Aber es ist alles eitel.“
+
+Der Dunst über Granada wurde goldiger, und die rotbraune Tapia der
+Alhambra begann zu glühen. Wie erstarrte weiße Riesenfalter im Grün
+von Aloe und Kaktus blinkten die arabischen Lusthäuser. Die Königsburg
+und die siebzigtausend Häuser des andalusischen Damaskus grüßten das
+heimkehrende Kind im festlichen Abendglanz. Wie silberne Schlangen
+blitzten die Wasseradern der Vega auf, und die Oliven- und Orangenhaine
+bauschten sich polsterartig aus den abgeernteten Felderweiten heraus.
+
+Der Wali Mossad begann vom Hochmut der Spanier zu erzählen. Unablässig
+rann ihm das Leid von den Lippen. „Da ist einer, die rechte Hand des
+Gobernadors Tendilla, schön wie der Engel Gabriel, der Kriegsruhm
+leuchtet ihm von der Stirn, seine Augen glühen Haß den Mauren, seine
+Stimme schneidet ins Herz, und Härte ist sein Begleiter. Don Pedro de
+Solar, Grafen von Mora, heißen sie ihn, den königlichen Hauptmann. Er
+hat den Befehl über die Alhambra.“
+
+Reijas Hand spielte mit dem Talisman an ihrer Brust: fünf silbernen
+Fingern, die die Hauptgebete des Islams versinnbildlichten. Sie wollte
+sich durch die Berührung des Zaubergehänges vor den bösen Kräften
+schützen, die aus dieses Mannes Auge strahlen mußten.
+
+Als der Salzwind von Süden wehte, brach man auf, und die andalusischen
+Rosse flogen wie Wüstenpferde der goldschimmernden Stadt zu. Das
+Schlagen der Hufe, das Keuchen der Pferdeleiber, das Rasseln der
+Degen, das Geklirr der Frauenketten stimmte sich zu einem frohen Klang
+zusammen.
+
+Granada enthüllte sich wie eine schöne Frau. Über die Vorgartenmauern
+schlang sich die Weinrebe herab, immer mehr Volk zeigte sich auf dem
+Weg, man grüßte die edlen Mauren und staunte die verschleierten Frauen
+an. Dumpf polterten die Hufschläge über die Genilbrücke, unter der der
+wasserarme Fluß dahinschlich. Beim Mühlentor durfte der Zug unbelästigt
+die Wache passieren, denn man erkannte die edlen Beni Mossad. Hinter
+dem Tor in der engen Gasse staute sich das bunt zusammengewürfelte
+Volk. Aus allen Winkeln drängte sich ein Mischgeruch von Räucherwerk,
+Schafmist, Gewürz, Lauch, Hammelfett und Schweiß in die Nase.
+Gebetsworte surrten aus den hohen Gitterfenstern eintönig herab; es
+herrschte eine Stickluft. Es war die Antequeruela, das Viertel der
+Armen, durch das sie ritten. Maurinnen in ärmlicher Kleidung, um
+das Gesicht das heiße, im Nacken verknotete Wollzeug geschlungen,
+starrten neugierig aus den Toren nach den Reiterinnen. Barcelonische
+und genuesische Händler priesen schreiend ihre Waren an. Ein seltsamer
+Mann, in ein graues, dichtgeschlossenes Gewand gehüllt, das auf Brust
+und Rücken mit einem roten Kreuz bemalt war, bettelte sich von Tür zu
+Tür.
+
+„Es ist ein Ketzer,“ erklärte der Wali, „das Schandkleid der
+Inquisition, das Sanbenito, muß er bis zu seinem letzten Hauch tragen.
+An den Feiertagen steht er mit der brennenden Kerze in der Hand vor der
+Kirchentür, sein Gut ist eingezogen worden, seine Kinder sind verachtet
+von den Christen.“
+
+Reija schauderte zurück, dann warf sie ihm eine Münze vom Pferd herab.
+
+An dem Judenviertel ging es vorbei, dessen enge Gassen die Düsterheit
+des Schicksals seiner Bewohner kündeten. Auch dieses Volk hatte bessere
+Tage gesehen, als noch die Maurenkönige in Granada herrschten. Gab es
+doch sogar einen jüdischen Minister Samuel unter den Vezieren. Die
+Königin Isabella aber ließ sie alle taufen oder austreiben. Die neuen
+Christen -- Maranen nannte man sie -- konnten des neuen Heils nicht
+froh werden, wiewohl manche als Ärzte, Schriftausleger und Gelehrte am
+königlichen Hofe lebten. Innerlich trennte sich keiner vom alten Gesetz
+seiner Väter. Sie waren nirgends und überall zu sehen, je nachdem es
+ihr Vorteil erheischte. Mit dem Warenbeutel am Rücken schlichen sie
+sich des Nachts in die Häuser der Mauren, um Handel zu treiben. Die
+Inquisition hatte ein wachsames Auge auf sie.
+
+Abgemergelte, geschäftig sich herandrängende Gestalten umringten die
+Pferde der Reiter, als sie jetzt durch die Alcaiceria, den Trödelmarkt,
+zogen. „Alles Maranen, getaufte Juden,“ erklärte der Wali, „noch unter
+Torquemada gebrandmarkt. Dabei können sie von Glück sagen, nicht
+vertrieben worden zu sein. Denn die das Schicksal erlitten, denen nahm
+man das Geld nicht nur aus der Tasche, sondern schnitt es ihnen aus
+dem Bauch, wenn man es dort vermutete. Wer eine Thora im Haus hat, ist
+verloren. Unlängst griffen sie einen, der eine Hostie gegessen haben
+sollte unter dem Schalet, einen andern, weil er sein Hemd am Sabbat
+gewechselt. Und trotzdem haben sie ihre heimlichen Winkel, wo sie
+Kaftan, Leibgurt und Käppchen versteckt liegen haben, und kommt der
+Sabbatabend, beten sie doch zu ihrem Gott, wie unsere Moriskos zu dem
+unsern. Sie leiden noch mehr als wir. Aber es wird über uns kommen wie
+über sie, wenn er kommt!“
+
+„Ximenes!“ erschauerte Abu Atir.
+
+„Die Moriskos in Toledo nennen ihn einen Geist, geschaffen aus dem
+Feuer des Samum. Gott behüte uns vor seinem Glaubenseifer, der mehr
+Glaubenstollheit ist. Man spricht davon, daß er Maurenbücher verbrennen
+will.“
+
+Abu Atir warf seinen Leib zurück. „Nimmer glaube ich’s. Der Segen des
+Höchsten über unsern Koran! Ich will ihm Schätze weisen, größer denn
+die Goldreste von Rusafa in Cordoba, nur auf Boabdils Koran lege er die
+Hand nicht.“
+
+Sie gelangten auf die große Bab al Raml, den Hauptplatz der Stadt,
+den die Spanier Bibarrambla nannten. Hier lag die Medriset, die
+Hochschule der Mauren, mit ihren zierlichen arabischen Hufeisenbogen,
+unter denen die Jünger der Wissenschaft wandelten. Vor den Hallen
+flochten Maurenweiber aus Espartogras die großen Fußbodenmatten für
+den Winterbedarf, und syrische Händler verkauften ihre Teppiche.
+Nebenan priesen die Töpfer aus Andujar ihre Vasen und schimmernden
+Azulejos, die farbigen Glasuren für die Wandtäfelung, an. Dann ging es
+durch die engen Gassen des Zacatin, wo die Gewölbe der korduanischen
+Goldschmiede lagen und das Geschrei sich zu einem ohrenbetäubenden
+Getöse verdichtete. Buntes, schillerndes Seidenzeug lag in den Basars
+der großen Caiseria vor den Augen der Mädchen.
+
+„Kleider, Seide!“ rief Reija in kindlicher Eitelkeit aus.
+
+„Degen und Schwerter!“ freuten sich die Männer, als sie an den
+Waffenläden vorbeiritten.
+
+Auf den Kauftischen breiteten sich die Kostbarkeiten des Morgenlandes
+aus, Spezereien, Edelsteine, Farbstoffe, Gewürze, Lederwaren, Bücher
+und das bunteste Zeug in reicher Abwechslung.
+
+Aber was war das? Eine Moschee, vor der braune Kuttenträger wandelten.
+Paarweise traten gebräunte Knaben unter Führung von Mönchen in den
+heiligen Raum und bekreuzigten sich, schritten nach dem Altar, wo
+das Tabernakel glänzte. Maurenknaben in der Moschee, die in eine
+christliche Kirche umgewandelt war. Abu Atir drängte das Pferd Reijas
+von der Stelle, deren Anblick sein Herz beengte.
+
+Durch schmutzige Krämergassen ritten sie aufwärts nach dem Albaycin,
+wo der Imam im alten Kassr, im Hause der Nassriden, das Heim für
+das jüngste Kind des Geschlechts hatte vorbereiten lassen. Vor dem
+Ostuwan, dem festungsartigen Vorbau des Palastes, über dessen Tor unter
+dem Metallfries das prächtige Stahlschild der Nassriden schimmerte,
+hielten die Rosse. Ein reichverziertes Eisengitter öffnete sich
+nach dem Sahat, dem Innenhof, wo das Gartengrün und eine wunderbare
+Blumenpracht den blitzenden Springbrunnen umkränzten. Ringsherum
+flimmerten die bunt ornamentierten Wände und Laubengänge des Hauses,
+sahen die Ajimezes, die durch ein Säulchen geteilten Fenster der
+Innengemächer, auf die lauschige Gartenstille herab. Ein betäubender
+Duft wehte aus den Rosenbeeten. Der Geist des Islams lächelte heiter
+aus jedem Bogenschwung, aus jedem Wandzierat, aus jedem geheimnisvollen
+Nischenschatten. Die arabische Ampel aus zartem Schmiedeornament
+überschimmerte mit ihrem Licht den Laubengang, und in jeder Nische
+verdampfte in kupfernen Pfannen das Rosenöl oder der Duft des
+Sandelholzes. Berbersklaven ordneten die Rasen und Wege, und als Reija
+die breite Steintreppe hinaufstieg, nachdem sie die Beni Mossad dankend
+verabschiedet hatte, kamen ihr zwei Sklavinnen entgegen, ehrwürdige
+Matronen, die ihr von nun an dienen sollten.
+
+Die üppige Pracht des ersten Gemaches verwirrte den Sinn des Mädchens.
+Die geometrische Kunst der arabischen Baumeister an den Wänden,
+vielgestaltig und -farbig, wie ein Linienmärchen zur Schau gestellt,
+mußte zur träumerischen Betrachtung anregen, und Reijas Phantasie
+freute sich auf die Stunden des Auskostens aller Schönheiten. Sie trat
+jetzt mit Abu Atir auf den Mirador, den maurischen Balkon.
+
+Zu ihren Füßen lag die lärmende Stadt, umrahmt von der grünen Vega, das
+flache Gedächer des Albaycin, die steilen Gäßchen, in die nie das warme
+Gold der Sonne tauchte, jenseits des Darro der vielfältig gegliederte
+Steinleib der Alhambra und dahinten der Schneewall der Sierra Nevada.
+Eine überwältigende Größe sprach aus dem Bild. Der Sonnentod flammte
+scharlachrot wie Liebesglut über den Dächern. Reijas Herz wurde von
+Gottesgedanken gepackt. „Wo ist der Koran?“ fragte sie wie aus heiligem
+Drang heraus.
+
+„Die Beni Mossad trugen ihn in die Moschee. Ali wird am Freitag zum
+erstenmal daraus lesen.“
+
+„Meines Vaters Koran -- in Granada!“ jubelte Reija. Da fiel ihr Blick
+in die Straße auf eine hohe Gestalt in weißer Mönchskutte, der viele
+Moriskos folgten. „Wer ist das?“ fragte sie eine der Matronen.
+
+„Verhülle dein Gesicht fest, Blume von Andalus. Das ist der Pater Leon.“
+
+„Dieser ist es?“ erschauerte Reija. „Er blickt finster wie der Baum
+Sukuum, der die Hölle deckt.“
+
+Es pochte. Ein alter Maure mit schwer verfurchtem Gesicht trat
+ehrfürchtig ein. „Allah akbar! Gott sei dir immer gnädig, Blüte des
+Alters, weiser Scheich!“ sagte er ernst, während er die Arme über die
+Brust verschränkte.
+
+„Gegrüßt auch du, Malik Ben Hossaim, mein Rasul, mein Bote, dem alles
+zum Segen werde. Du warst in Cordoba?“
+
+Der vertraute Bote bejahte, indem er die Lider bis auf eine kleine
+Spalte schloß.
+
+„Und du hast die letzten Bücher aus dem Schatz meines Vaters gebracht?“
+
+Wieder klappten die Augendeckel zu.
+
+„Und sonst hast du mir nichts zu sagen nach so langer Zeit?“
+
+Da bewegten sich die dünnen Lippen, und langsam, jedes Wort betonend,
+sagte Malik Ben Hossaim: „Ximenes kommt aus Toledo.“
+
+„Ximenes!“ Der Name fiel wie Eis in das gelassene Blut des Imam. Soeben
+erscholl das Idsam, der Gebetsruf, in feierlich gezogenen Tönen über
+die Dächer: Gott ist der Höchste, und ich bekenne, daß es nur einen
+einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommt zum Gebet!
+Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste! Es gibt nur einen einzigen
+Gott!
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Im Thronsaal der Gesandten in der Alhambra standen die Granden vor den
+Königen.
+
+In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff
+Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den
+Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach
+und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung
+vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend
+Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche
+Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten
+für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre
+Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten
+Glaubensfanatismus.
+
+Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des
+Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in
+den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre
+Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner
+natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche
+Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger.
+Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten
+Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos,
+erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer
+reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und
+zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist
+der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch
+Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den
+Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben
+ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt
+zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger
+gewisser Granden zu verteidigen.
+
+Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in
+Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter
+Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott
+auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das
+Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner
+schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser
+Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der
+fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch
+sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der
+Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So
+blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach.
+
+Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht
+Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit,
+hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um
+das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und hier schluchzte
+der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des
+Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften
+und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch
+zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt,
+verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden.
+
+Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter
+geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen
+Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im
+rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem
+Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr.
+
+Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt
+des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt,
+vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des
+Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des
+Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents
+von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des
+Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier
+bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich
+freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes
+für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft
+verdoppelt den Erfolg.“
+
+Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den
+Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt,
+meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen
+zweier Dominikaner zu seinem Sitz.
+
+Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den
+Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den
+kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das
+Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu
+haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter
+der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er
+den Soldaten Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch
+erfinderischer Kopf durfte nicht feiern.
+
+„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter.
+
+Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er.
+
+„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor
+allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem
+Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man
+hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der
+König.
+
+„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“
+
+„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich
+durchlisten.“
+
+Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie
+Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“
+
+Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert
+an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub
+da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten
+Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser
+kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern
+liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier
+im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe
+unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der
+Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets,
+wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe
+keines äußerlichen Löwenzeichens.
+
+Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach
+der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der
+Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und
+suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich
+einst, von den Goten abzustammen. Hat nicht ein Ahne von Euch den
+Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“
+
+„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz.
+
+„Ihr habt die Wunde an dem Hals --?“
+
+„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“
+
+„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir
+brauchen -- Neapels wegen -- Hauptleute, die unter dem Mars geboren
+wurden.“
+
+„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude -- jedoch ich gestehe --
+die Ferne zieht mich an.“
+
+Der König blickte ungehalten. „Ihr wollt nach Hispaniola.“
+
+Des Ritters Augen glänzten. „Die Goldschächte von Ophir locken mich.
+Kolumbus will ins unentdeckte Bergland der Inseln dringen. Man sagt,
+daß Bobadilla demnächst hinübersegeln soll. Wenn ich es wagen dürfte --“
+
+Der König zog die Brauen hoch. „Verderblicher Drang! Wohin käme
+Spanien, wenn alle Ritter westindische Sehnsucht hätten! Sevilla ist
+schon halb entblößt von Edlen, Cordoba folgt nach. Nun auch Granada?“
+
+„Dazu ist mir der Graf zu teuer,“ warf sich Tendilla dazwischen.
+
+„Dann bleibt!“ befahl der König.
+
+Don Pedro de Solar trat zu seinem Sitz zurück. Über seine Stirn zog ein
+Schatten.
+
+Fernando rief seinen ersten Feldherrn, den großen Kapitän Gonsalvo de
+Cordoba, Herrn von Aguillar, vor den Thron. „Kann man in die Alpujarras
+dringen?“
+
+Der stattliche Krieger mit den Lorbeeren auf der Stirn berichtete:
+„Hinter den Barrancos liegen die alten Maurennester und die
+Schlupfwinkel der Mißvergnügten. Für die spanische Reiterei wäre der
+Boden ein zweites Malaga. Die Mauren verstehen sich auf den Bergkrieg,
+wir haben unsere Ruhmeskränze in den Ebenen Italiens gepflückt.“
+
+„Das klingt nicht zuversichtlich.“ Wieder sah der König düster.
+
+Da mengte sich Isabella drein. „Gebt den Mauren tüchtige Priester, und
+sie werden nicht zu flüchten brauchen. Ich will nicht ihr Blut, sondern
+den Glauben. Spanien soll einen Gott verehren.“
+
+Es klang wie ein schmetternder Kriegsruf. Gott, Jesus und die Jungfrau!
+Das waren die Leitsterne der Spanier.
+
+Aber die Stirn der Königin umwölkte sich. „Warum ziehen sich Prälaten
+und Lehensmänner auf ihre Besitzungen zurück, anstatt bei Hof zu
+dienen? Ist man schon ruhebedürftig? Satt der Lorbeeren? Mißtraut man
+uns? Will man sich in der Einsamkeit für einen Trotz stärken, den ich
+schon gebrochen glaubte? Ist meine Geistlichkeit durch die Pragmatika
+gekränkt, die ihr manches alte Recht nahm, das kein Recht uns schien?
+Ich vermisse meine Domherren von Toledo, den Bischof von Jaen und
+manchen andern. Fühlen sie sich bei ihren Weibern wohl? Man bessere es
+und lerne nicht allzuviel von den Mauren.“
+
+Es waren schwer anklagende Worte im Munde einer Königin. Aber die
+Granden waren die Sprache gewöhnt. Man nahm sich davon, soviel man
+wollte, und das Leben ging seinen alten Gang weiter.
+
+„Auch meine Ritter zürnen,“ fuhr die Königin fort. „Die Cortes
+beschlossen bisher nur, was ihnen frommte. Wer beschließt, was dem
+gemeinen Bauer not tut? Der königliche Rat ist die Ergänzung des
+Willens der Cortes. Es kann nicht ein Stand alles heißen wollen. Ist
+Spanien nicht glücklich? Mit blühendem Handel bedacht, geachtet in
+aller Welt, bestrahlt vom Kriegsruhm, beneidet um die neuentdeckten
+Länder, und nun auch bald -- so hoffen wir -- geeinigt in einem
+Glauben? Was wollt ihr, Granden? Zürnt ihr unserm Wunsch nach
+Schlichtheit in der Kleidung? Mögen sich die Mauren mit syrischem Tand
+behängen, euch Christen ziemt die Schmucklosigkeit. Gebt den Altären
+Schmuck und begnügt euch mit dem schwarzen Wams. Oder stoßt ihr euch
+an der Maurensteuer? Sind auch die Kriege tot, die Mauren leben noch
+und schielen nach der Berberei hinüber. Ihr seht die Gegenwart, wir die
+Zukunft. Wir brauchen Geld für die Bekehrung, zum Schmuck der Altäre,
+daß diese die Mauren locken, die des Schmucks gewohnt sind. Vor dem
+Altar bricht der schöne Quell des Glaubens von selbst auf. Drum murrt
+nicht, Granden. Sprecher, vor!“
+
+Aus der kühl und stumm sitzenden Ritterschaft erhob sich der Herzog von
+Osuna, ein gereifter Herr. Mit dem Stolz des selbstbewußten Untertans
+trat er vor seine Könige. „Wir wollen nur, daß man in Hinkunft die
+Cortes mehr zu Rate ziehe als bisher. Und dann noch eines, erhabne
+Königin: Seid nachsichtig mit den Mauren, die unsre Güter bebauen. Sie
+sind zum großen Teil bekehrt, doch unbelehrt. Ein verfänglich Wort,
+eine Gebärde bringt sie in Verdacht des alten Glaubens. Wir verlieren
+unsre besten Kräfte, denn fleißig, bedürfnislos und willig ist der
+Maure, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Wohl zwinge ich ihn nieder,
+wenn er sich rührt. Doch der für uns in Frieden die Furchen in die Erde
+zieht, den Boden wässert, die Seidenraupe züchtet, soll auch unsere
+milde Hand zu spüren bekommen.“
+
+Der König sah finster. „Ist mir doch, als spräche aus Euch ein Grande
+von Aragonien. Es scheint, man nimmt bei seiner Sorge um das tägliche
+Brot den Glauben allzu leicht.“
+
+Der greise Erzbischof Talavera humpelte zum Thron. „O mein König, nicht
+den Glauben nehmen wir leicht, doch leicht das ungewollte Straucheln
+im neuen Glauben. Sie müssen erst gehen lernen im Christentum. Man
+kann ein Kind nicht für jeden Fall auf den Boden, den es mit seinen
+ungeschickten Beinchen tut, gleich züchtigen.“
+
+„Wer wollte das!“ fuhr die Königin auf.
+
+„Es ist geschehen,“ klagte Talavera. „Mit Drohungen drängt man die
+Moriskos in die Kirche, in den Beichtstuhl, in die Prozessionen.“
+
+„Man soll es abstellen,“ sagte der König unsicher. „Die Geschichte sage
+nicht, daß nur Gewalt die Herzen bändigte.“
+
+„O laßt mir Zeit, erhabne Königin, mir und den Mauren. Und darum --
+fast schäme ich mich, zu bitten -- wenn es noch ungeschehen zu machen
+-- o Gott, verwirrt ist mein Gemüt -- Ximenes -- wie ehre ich ihn! Er
+wirkt Wunder in Toledo -- doch hier in Andalusien, auf fremdem Boden --
+o überlegt es, große Königin, mein König!“
+
+Isabella blickte besorgt auf den zitternden Greis, der in den Armen der
+beiden Mönche hing. „Ximenes -- ist gerecht,“ sagte sie leise.
+
+„Es gibt etwas, das größere Wunder übt als Gerechtigkeit: Güte, Gnade!“
+
+„Sie sind Gottes Geschenke in Eurer Brust, Talavera. Aber ich weiß, daß
+auch die Brust Ximenes’ solche Schätze birgt. Er wird sie nützen. Auch
+kann ich mir den treuesten Diener nicht entfremden.“
+
+„Besser einem Diener sich entfremden als einem ganzen Volk,“ rief
+erregt Graf Orgaz, ein eifriger Maurenfreund, dazwischen.
+
+Der König sprang auf. „Genug der Leidenschaft um eines bösen
+Gegenstandes willen.“ Ein strafender Blick fiel auf den dreisten
+Grafen. Wollte sich der alte Rittertrotz, kaum erst gezügelt, von der
+Kette reißen? „Wie denkt Pater Leon darüber?“
+
+Von den Sitzen des Klerus erhob sich ein junger Dominikaner. In den
+schön durchgebildeten, scharfen Zügen lag die Härte des Eiferers,
+die hohe Stirn drohte, und unter ihr glänzten dunkle Augen auf
+bläulichweißem Grunde, Augen, deren Blickkraft die unheimliche Macht
+des Magneten hatte. Mit der Gewalt dieser Augensprache allein schon
+glaubte der Priester Seelen bannen zu können. Die kräftig gezogene
+Lippe aber verriet den Unsegen sinnlicher Geister. Eisig klang seine
+Stimme über die Versammlung hin: „Ein Franz von Assisi konnte mit
+Sanftmut Gläubige stärken, doch Heiden bekehren konnte er nicht. Allzu
+fern steht uns der Mekka-Prophet, als daß wir mit ihm Pakte schließen
+könnten. Sein Ich trieb Mohammed in die Prophetenschaft hinein, nicht
+der Geist Gottes. Er stiftete Gesetze, die seinem Wesen angenehm waren
+und seinem Volk schmeichelten. Weil es eine Religion der Bequemlichkeit
+ist, vermag sich der Maure so schwer von ihr zu scheiden, und nur mit
+Strenge hält man seinen Geist an der Kette des neuen Glaubens, sonst
+schüttelt er sie immer wieder ab. Christus hat gesagt: es wird ein
+Hirt und eine Herde sein. Wer nicht in der geheimnisvollen Arche, die
+da Kirche heißt, schwimmt, wird von den Gewässern der Sünde ergriffen.
+Wir aber können keinen Menschen in der Sünde belassen. Unselig der, der
+fremden Propheten zuneigt.“
+
+Das religiöse Wort fuhr mächtig in die Seelen der Granden. Um Christi
+willen konnte man nichts Besseres tun, als die Leugner des Gottessohns
+hassen. Das Mitleid schwieg, da dieses Heilswort, posaunenartig aus
+eines Priesters Brust gestoßen, tief ins Herz sank. Und die Furcht vor
+der Inquisition machte vor den Herzen der Granden nicht halt. Nur der
+Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz verurteilten innerlich das
+Flammenwort des Dominikaners.
+
+„Alles für den Glauben!“ stürmte jetzt der Herzog von Medina-Sidonia
+seine tiefste Überzeugung hervor.
+
+„Alles für den Glauben!“ riefen die Granden emporspringend.
+
+Der Priestermund hatte das Ansehen der Kirche und der Könige
+wiederhergestellt. Mit gehobener Brust empfingen die Herrscher den Rest
+der Bittsteller.
+
+Durch das lautlose Spalier der Edlen schritten Fernando und Isabella
+Arm in Arm, gefolgt von den Geheimschreibern des Hofes, nach dem
+maurischen Torbogen. Als sie durch die Vorhalle des Comaresturms
+gingen, grüßte sie die von Fackeln beleuchtete Pracht des
+Wasserbeckens, das die schimmernde, durchbrochene Stuckwand und die
+Arkaden des Myrtenhofes widerspiegelte. Die Koransprüche an den Mauern
+beirrten das Herz der Könige nicht. Das alles gehörte jetzt ihnen. Sie
+hatten nicht den traurigen Ehrgeiz, Zertrümmerer der schönen Kunstbeute
+zu heißen. Denn diese selbst zeugte für die Größe des Sieges, der
+errungen worden war. Unter den rauschenden Fanfaren der Hornbläser
+schritt das Königspaar in die Gemächer der Bäder hinab, wo in der Sala
+de las Damas ein leichtes Abendessen bereit stand.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Im Hofe des Ayscha-Hauses, dicht neben den Bädern, ergingen sich
+zuwartend jene Männer, die für eine besondere Aussprache von den
+Herrschern empfangen werden sollten.
+
+Don Pedro de Solar Graf von Mora schritt mit dem Herzog von Osuna
+erregt auf und ab. „Der König -- wirklich der König?“ fragte Mora
+ungläubig.
+
+„Ihr möchtet wohl lieber von der Königin empfangen sein?“ lächelte der
+Herzog.
+
+„Es ist eine Gnade ohnegleichen. Mich auszuwählen!“
+
+Osuna senkte seine Stimme. „Man war heute ungnädig gegen uns.
+Vielleicht will man es gutmachen.“
+
+„Habt Ihr bemerkt, Herzog, wie der König sich erst meines Namens
+entsinnen mußte? Mein Geschlecht, sagt man, gelte nicht viel in seinen
+Augen. Mein Vater stand im Verdacht, allzu eifrig für die Cortes
+gesprochen zu haben. Das vergißt Fernando nicht.“
+
+Da trat ein Escudero mit einem Brieflein an den Grafen heran. Dieser
+errötete. Der Herzog aber lächelte wieder. „Glücklicher Mann, der die
+Gebete des Herzens wie ein Gott empfangen darf.“
+
+Der Graf zerriß das Schreiben, kaum daß er es gelesen. „Es wiederholt
+sich seit einer Woche jeden Tag. Ein Versegestammel arabischer
+Gefühle auf gut spanisch. Und der Page ist schweigsam wie ein
+Inquisitionsknecht. Sicherlich eine Hofdame mit einem Eulengesicht und
+einem Entengang, sonst würde sie mehr Schleier gelüftet und weniger
+Verse geschrieben haben.“
+
+Der Herzog von Osuna wurde nachdenklich. „Seit einer Woche, sagt Ihr?“
+
+„Es ist nichts Auffälliges daran.“
+
+„Hm -- es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin,
+Leonore de Uceda, in Granada weilt.“
+
+Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? de Uceda?
+Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche
+Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern
+beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der
+Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“
+
+Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der
+Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte
+eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann
+lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie.
+Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht
+befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen
+würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele
+verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein
+wollten.“
+
+„Alles gut, Herzog -- aber eine Uceda! Und gerade mich?!“
+
+„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt
+bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter
+nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige
+Damen bereit?“
+
+„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der
+Graf.
+
+„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als
+das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln
+war ein gewagtes Stück.“
+
+„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem
+meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“
+
+„Ihr kennt Kolumbus?“
+
+„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in
+Salamanca.“
+
+„Ihr wart in Salamanca?“
+
+„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde --“
+
+„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und
+Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der
+ganz Kastilien spricht.“
+
+„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“
+
+Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro
+de Solar zum Herrscher.
+
+Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen
+Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor
+dem schlanken Ritter.
+
+Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen
+Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast,
+das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um
+die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf
+grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also?
+Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel
+nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit
+einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu
+besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert.
+
+Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte
+es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente
+und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke
+ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von
+unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft.
+
+Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser
+stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in
+diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder
+in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen
+Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell
+die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“
+
+„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora.
+
+„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus dem
+Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie
+leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz --“
+
+Don Pedro de Solar verneigte sich verwirrt. „O mein gnädiger König!“
+
+„Doch -- Ihr seid -- unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern
+und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“
+
+„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie
+gaben mir nur Blicke, keine Seele.“
+
+„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“
+
+„Und dann“ -- der Graf errötete --, „ich bin, was Schönheit angeht,
+verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“
+
+„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen.
+Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch
+glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen
+sahen. Kennt Ihr -- Leonore de Uceda?“
+
+Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in
+einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als
+hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm
+diese Schmach --? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit
+anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was --
+habe ich getan -- daß man mich -- so zu -- ehren sucht?“
+
+„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht
+kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich.
+
+„Ich kann dieses -- Geschenk nicht annehmen.“
+
+„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst.
+
+„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu
+sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“
+
+„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr
+verschmäht -- was -- ich geliebt?!“
+
+„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen
+zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine
+Enttäuschung erleben.“
+
+Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln,
+die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich.
+Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen
+würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern
+auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer
+Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen
+Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann,
+der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein
+empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen,
+so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren
+König geliebt --“
+
+„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte
+Graf de Mora.
+
+Der König wurde weich. „Schön gedacht -- doch das Leben fordert
+Entsagungen. Wenn ich mich nun meines Innersten entäußere, so schätzt
+die Ehre, die Euch zuteil wird. Wenn Ihr plaudert, seid Ihr verloren.
+Ich habe eine Königin, ein herrliches Weib, ein gutes Weib, erfahren
+und geschickt, staatsmännisch klug und beim Volk beliebt. Ritter
+opferten ihr Leben für sie -- und dennoch -- ich habe neben ihr noch
+andere geliebt. Ich altere und möchte das Sündenleben abgeschlossen
+sehen um meiner Königin willen, möchte Gewesenes vergessen sein lassen.
+Doch will ich nicht dabei verletzen, will erheben, will den schönen
+Schatz nicht in Klostermauern begraben, sondern ans Herz eines Mannes
+betten, der Mitwisser meines Leids geworden, aber zugleich Erlöser sein
+kann. Eures Königs Schuld liegt vor Euch. Ihr habt in einem -- darf ich
+sagen seligen? -- Augenblick ein Bild gesehen, das sonst Sterblichen
+verwehrt ist. Euer König hat sich eines Gefühls begeben, er hat Wunden
+aufgerissen, die ihn schmerzten. Habt Ihr, Graf, jetzt noch den Mut,
+Euern Ehrgeiz höher zu stellen als Eure Herzenspflicht?“ Der König sah
+den Granden durchdringend an.
+
+Don Pedro de Solar sah zu Boden. Er ward zum Zeugen königlicher Reue
+gemacht. Doch in der Schwäche seines Herrn wurde er selbst stark. Er
+stand als der Tugendhaftere und deshalb Beneidete vor ihm. Durfte er
+sich also erniedrigen und eine Hand erfassen, die trotz der Königsliebe
+unrein war? Die weggeworfene Frucht, wenn sie auch einen König
+erfrischt hatte, als eine unversehrte hinnehmen? Durfte er Tröster
+eines weiblichen Herzens werden, das seine Weiblichkeit zerbrochen?
+Kein Kuß mehr wusch die Schmach der königlichen Umarmung weg. Es
+gab freilich Beispiele aus des Königs Pedro Zeiten, den Spanien den
+Grausamen hieß, Beispiele, die dem Ritter alle Bedenken zerstreuen
+konnten, Beispiele ähnlicher Händel, die doch nicht entwürdigt und die
+Händler sogar vor aller Welt ausgezeichnet hatten. Aber wer sicherte
+sie vor dem Fluch der Nachwelt? Und was galten sie vor dem Stolz des
+kastilischen Edelmannes? Der Graf besann sich nicht lang. „Ihr wollt
+verschenken, was neben der Königin Euch am teuersten war? Darf ich
+wagen, Euch zu bitten, Königliche Hoheit, einen andern zu beglücken?“
+
+Des Königs Blick schoß Zorn auf den Ritter. „Und wenn ich Euch zwänge?“
+
+„So müßte ich der Welt wissen lassen, wie sich der König seiner
+Ritter bedient, um Liebesschulden aus seinem Leben zu tilgen. O meine
+Königliche Hoheit, ich fühle die Bedrängnis dieses hohen Herzens, doch
+-- Ihr könnt keinen Ungeschickteren wählen. Ich bin hart, streng,
+versteh es nicht, auf den weichen Saiten einer Frauenseele zu spielen,
+mein Sinn ist unstet, drängt nach Mannestat. Ich schwöre es, keinem
+Menschen anzudeuten, was diese Stunde mir geoffenbart.“
+
+„Bei Gott und Santiago -- das traf!“ sagte der König klanglos. „Doña
+Leonore wird das Herz brechen.“
+
+„Sie weiß -- von dieser Stunde --?“
+
+Fernando nickte.
+
+„O Gott -- die Briefe -- Verse --?“
+
+Abermals nickte der König. „Behandelt sie mit größter Achtung, wenn Ihr
+jetzt zu ihr geht.“
+
+„Ich soll --?“ erschrak Don Pedro de Solar.
+
+„Dies wenigstens werdet Ihr mir nicht versagen,“ bat der König ernst.
+Er wies nach einer kleinen Tür. „Hier kommt Ihr auf einen andern
+Korridor. Im ersten Zimmer rechts wartet jemand auf Euch, der Euch
+die andre Hälfte dieses Apfels weisen wird.“ Der König nahm von einer
+Fruchtschale die Hälfte eines rotbackigen Apfels. „Es ist ein Zeichen
+des Verständnisses.“
+
+„Der Gang ist schwer für mich. Doch mein König befiehlt.“ Der Graf
+verneigte sich und ging. An der Tür hielt ihn der König auf. „Noch
+eins: Ihr dürft nach Hispaniola segeln.“
+
+„Oh, wie soll ich danken -- die unverdiente Gnade --“
+
+„Es ist nur Vorsicht, nicht Gnade. Wir wollen nicht gern dem Menschen
+in die Augen sehen, der uns schwach erkannt. Geht.“
+
+Don Pedro de Solar stand in einem kleinen Korridor. Er überlegte.
+Sollte er wirklich mit dem Weibe fertig werden, das so seltsam um ihn
+warb? Aber er sah ein, daß es ihm ziemte, der Dame, die er verschmäht,
+Gründe anzugeben, ohne sie zu beleidigen. Doña Leonore hatte Anspruch
+auf dieselbe Wahrheit, wie sie der König bekommen hatte. Mit klopfendem
+Herzen näherte er sich der Tür, die halb offen stand. Er wurde also
+erwartet. Im nächsten Augenblick rieselten ihm süße Schauer durchs Mark.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Der Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin.
+Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks,
+aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer
+Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen
+Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen
+sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus
+mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der
+Graf jetzt mit den Augen trank.
+
+Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl
+hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer
+Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen
+Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder
+baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die
+goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der
+Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und
+das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña,
+die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die
+Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen
+die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden
+Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten
+Geschöpfe gemacht.
+
+Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol
+noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem
+von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus
+den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten
+an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen
+Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten
+konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken
+heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die
+zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den
+goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern
+zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie
+Unheil.
+
+„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt
+-- in der Tat -- das hätte ich am wenigsten erwartet.“
+
+„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora.
+
+Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine
+dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige
+Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche
+Haltung waren Eigenschaften, die ein liebebegieriges Weib entflammen
+konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in
+Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den
+kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären
+und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und
+verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann
+sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch
+fesselnder.
+
+„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche.
+Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich
+möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen,
+deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte.
+
+„Und -- wie wollt Ihr -- behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu
+sich kommend.
+
+„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß
+sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an
+Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“
+
+„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen.
+
+„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“
+
+Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr
+ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in
+Gefahr.“
+
+Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als
+Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als
+Freundin ein.“
+
+„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die
+verführerischen Augen.
+
+„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe
+heraus.
+
+„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum
+daß ein Anfang gemacht war.
+
+„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“
+
+„Und dazu diese -- Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale.
+
+Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte,
+Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro -- versteht Ihr
+so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart
+beim König.“
+
+„So wißt Ihr alles.“
+
+Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das
+ist, was Ihr mir zu sagen habt?“
+
+„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit
+sein eigen nennen soll.“
+
+„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen
+bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“
+
+„Nun denn -- ich beneide den -- König.“
+
+Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten
+Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase
+schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann
+bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure
+Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß
+man die Wache ruft.“
+
+„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“
+
+„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“
+
+„Doña Leonore -- ich schätze Euch -- den König, aber ich kann nichts
+tun, um Euch -- glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel
+haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle
+verschrieben habt.“
+
+Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib
+zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes.
+
+Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore -- es ist ein Unwürdiger,
+um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es
+sein könnte.“
+
+„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre
+sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen.
+
+„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“
+
+„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch!
+Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie
+erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter
+Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum,
+genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien!
+Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in
+Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den
+Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken
+der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe
+-- liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich
+verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“
+
+Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der
+Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte
+sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor.
+„Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“
+
+„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer
+Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte
+ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren
+Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann:
+Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht
+einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit
+blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir
+vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir,
+hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht
+das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit
+solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das
+war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“
+
+„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine
+Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“
+
+Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s
+heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie
+zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre
+Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht
+diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen.
+Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König,
+mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden
+wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von
+Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht
+gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie
+heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen.
+
+Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin.
+„O Gott -- verzeiht mir -- Eure Schönheit -- ich will -- gebt mir
+Bedenkzeit --“
+
+Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich --? Nicht stürmen wollen?
+Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr -- o begreift
+Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist?
+Diese Schmach richte der König!“
+
+Der Graf sprang auf. „Ich komme von ihm. Er weiß alles.“
+
+„Und er?“ Ihre Blicke durchstachen ihn.
+
+„Ich darf nach Hispaniola segeln.“
+
+Da senkte Doña Leonore das Haupt. „Das bricht meinen Stolz,“ sagte sie
+leise, wie in Wehmut aufgelöst. „Ich ahne nun alles. Ihr liebt eine
+andre.“
+
+Der Graf schüttelte das Haupt. „Ich liebe kein Weib. Der Verdacht ist
+begreiflich. Aber dann wäre es mir leicht, Euch auszuschlagen.“
+
+„Was also gefällt Euch nicht an mir?“ Sie ließ mit wollüstigem
+Begehren die Lippen halbgeöffnet spielen. Durch das Netz der Mantilla
+schimmerte die wogende elfenbeinerne Haut.
+
+„Ich bin für ein Weib nicht geschaffen. Und wenn Ihr der himmlische
+Engel selbst wäret --“
+
+„Und das sagt dieser, den die schenkende Natur mit allen Vorzügen
+des Geistes und des Körpers gebildet! Quäler, besinne dich, ehe ich
+mich entschließe, auf dich zu verzichten.“ Ihr Auge schillerte in
+schwärzlichgrünen Lichtern, und der Graf mußte unwillkürlich an die
+Schlange denken, die ihre Opfer vor dem Anfall bestarrt.
+
+„Laßt die Zeit Helfer sein. In den nächsten Tagen schiffe ich mich ein
+-- Hispaniola soll --“
+
+„Unselig Land, das uns die Besten weglockt! Verflucht sei Kolumbus, der
+uns Frauen arm macht!“
+
+„Das Leben unter einer andern Sonne muß schön sein. Hier drückt die
+Luft, zermürbt der soldatische Gehorsam den Menschen. Ich möchte aus
+der Schule der Manneszucht endlich ins Leben selbst übergehen.“
+
+„Leben ohne Frauenliebe?“ Ihr Wollustatem stöhnte leise zwischen den
+Zähnen, und sie zerrte an der rosafarbenen Schleife über dem Busen.
+
+„Vielleicht bleibt mir das kostbare Geschenk Liebe für eine Zeit
+aufbewahrt, da ich es besser zu schätzen weiß.“
+
+Verlangen und Scham kämpften in ihren letzten fordernden Blicken.
+„Mein Blühen währt nicht ewig. Verwelkte Blumen wird ein Graf de Mora
+nicht einmal mehr bemitleiden können, wenn er die Kraft nicht hat, die
+blühenden zu lieben. Verflucht seien meine Reize, wenn sie so machtlos
+sind.“ Sie sprang auf. „Ihr habt mich würdelos gesehen. Eine Frau
+vergißt das nicht. Eure Augen waren die Zauberformel für mein Unglück,
+aber ich werde diese Augen zu vergessen suchen. Weh Euch, wenn ich’s
+nicht vermag oder wenn ich dahinter komme, daß Euch andre Gründe,
+verschwiegenere, bestimmten -- Gründe des gebundenen Herzens --“
+
+Graf de Mora lachte auf. „Dann kann ich sicher ruhen. Ich liebe kein
+Weib. Bin ich entlassen?“
+
+Ihre Augen wichen ihm aus. Aber sie gab den Kampf um ihn auf. Mora
+wollte in einer Aufwallung zärtlichsten Mitleids ihre Hand ergreifen.
+Sie entzog sie ihm. „Mögt Ihr nie bereuen, diese Stunde so geendet zu
+haben. Lebt wohl!“
+
+Hinter dem Grafen schloß sich die Tür. Leonore wankte nach einem
+Sessel. Sie hatte das Gefühl eines fürchterlichen Erwachens. Sie, die
+eines Königs Liebe besessen, hatte würdelos um eines Mannes Liebe
+gerungen. Wo war ihr Stolz im chaotischen Sturm der Sinne geblieben?
+Und doch fühlte sie, daß nur der innerliche Schrei des Tiers, das
+Aufzucken wilder Mächte in ihr, die ererbte Begierde, die nach dem
+Manne schlechtweg fieberte, diese Stunde herbeigeführt hatte. Der
+unersättliche Trieb der Malagueñas loderte in ihr, der im Lande
+sprichwörtlich war. Man sagte den Frauen aus Malaga nach, sie hätten
+vom Meer die Wildheit und Wandelbarkeit gelernt. Doña Leonore empfand
+es als eine Schmach, daß dieser Ritter gegen sich und sie ankämpfte.
+Dann blieb ihr nur eines mehr: zu hassen, wo sie nicht lieben konnte.
+Es war der selbstverständliche Schluß ihres weiblichen Gefühls, den ihr
+Verstand unterschrieb.
+
+Sie ordnete ihr Haar, trocknete die verweinten Augen, salbte ihre
+geröteten Wangen und wurde wieder eitel. Sie mußte zum König. Aber
+sie mußte als Stümperin vor seine Augen treten. Der König hatte sich
+in der Macht ihrer Reize verrechnet. Er würde sie wohl auf eine
+andre Weise zärtlich verabschieden. Tröstungen der Einsamkeit --
+die Franziskanerinnen von Santa Isabella haben schöne Gärten -- und
+Kastanienwälder --. Sie schauerte zusammen. Und plötzlich überfiel sie
+der Gedanke an den Mann, der einst ihre Kleinheit aus dem Schatten
+zur Größe gehoben hatte: Pater Leon. Sie wollte den halbvergessenen
+Dominikaner um die Entwirrung ihrer Liebesfrage angehen. Er hatte mehr
+als ihr Herz in ihrem Leib gesehen. Und ihm verdankte sie die Nächte in
+einem Königsbett.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Der Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de
+Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer
+Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden
+Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in
+den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen
+Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die
+Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken.
+
+Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen
+Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche,
+aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein
+freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen,
+und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts
+Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In
+klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das
+Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen
+sollen?
+
+Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch
+betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er
+durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von
+Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten.
+
+Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren
+blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen,
+schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des
+Imams Auge verdunkelte sich.
+
+„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger
+begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder
+einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns
+Wege der Beredung zeigen.“
+
+Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war ein großer
+Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen
+zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren
+Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen.
+
+Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem
+Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch
+wohl in unserm Glauben?“
+
+„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche
+Maure.
+
+„Wer bekehrte Euch?“
+
+„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure
+Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie
+würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber
+eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den
+Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand.
+Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und
+sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“
+
+Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit
+schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit
+sich zu ziehen.
+
+Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der
+Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“
+
+Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit,
+der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die
+Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein
+Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten
+Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten
+Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen
+Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen,
+überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in
+dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’
+Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher
+Einbildungskräfte. In der Franziskanerzelle, in der Waldklause von
+Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter
+dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das
+Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst
+maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem
+irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben
+die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen
+ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne
+der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam
+zerfiel.
+
+Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen
+Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds
+Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot.
+Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre.
+
+Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den
+Königen allein.
+
+Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner
+geliebten Leonore.
+
+Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß
+des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille
+entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch
+den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß
+eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur
+auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden,
+der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug.
+
+Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte
+erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im
+Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der
+Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer
+sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es
+nagte an dem fanatischen Priesterherzen.
+
+Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach.
+Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der
+einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte
+sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen
+Habsburger Prinzen verheiratet war.
+
+„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten
+beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner
+Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz
+Eurer Feinde.“
+
+Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück.
+Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen
+Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König
+brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den
+Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren
+zu verteidigen.“
+
+Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und
+sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische
+Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen
+Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten
+bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme.
+„Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen
+trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt
+die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher
+vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den
+Mönch Ximenes hierher berufen?“
+
+„Beides,“ sagte die Königin.
+
+„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht.
+Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir
+brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren
+außerhalb unseres Glaubens.“
+
+„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr
+könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre
+daran nichts zu ändern.
+
+„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.
+
+Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes
+zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch
+Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“
+
+Ximenes dankte innig. „Ich habe den Großinquisitor Deza gesprochen.“
+
+Wie staubige dicke Luft drückte der Name auf das Gemüt der Könige.
+
+„Er hat mir Vollmachten erteilt. Es wäre wünschenswert, wenn die
+königlichen Befugnisse sich mit seinen deckten.“
+
+„Sie sollen es,“ sagte Isabella gefügig.
+
+Ximenes stach mit zwingenden Blicken in das Herz der Regentin. „Noch
+kennt Ihr die Vollmacht nicht. Aber es ist freilich oft besser, wenn
+Könige über gewisse Dinge nicht viel erfahren, sie haben dann weniger
+Verantwortung vor der Menschheit.“
+
+„Und auch vor Gott?“ fragte der glaubensstarke Herrscher.
+
+„Wir nehmen die Angst der Könige auf unser Gewissen.“
+
+„Mit welchem Recht?“
+
+„Mit dem Recht des Stärkern. Wir glauben so fest, im Namen unseres
+Gottes zu handeln, daß kleinliche Bedenken unsere Handlungen
+nicht beschränken können. Wir nehmen doch auch die Handlungen der
+-- Inquisition auf unser Gewissen. Die sechstausend brennenden
+Menschenfackeln des Torquemada, die zehntausend im Bildnis Verbrannten,
+die hunderttausend sonstig bestraften Christen -- das sind Zahlen, die
+Könige mit weltlichem Sinn nur schwer verantworten könnten. Anders
+ist es, wenn das Gewissen der Könige unter der Vormundschaft der
+gottgewollten katholischen Kirche steht. Welchen Reichtum verdankt
+uns das königliche Haus! Die eingezogenen Güter der Maranen haben den
+Kronschatz beträchtlich vermehrt. Könige brauchen Geld. Wir können es
+nicht mehr den Kisten getaufter Juden entnehmen. Die Moriskos sind
+einfältiger.“
+
+Isabella legte erblassend die Hand aufs Herz. „Ist das Euer Ernst?“
+
+„Ich sehe betroffene Mienen,“ sagte der Kanzler kühl. „Das schwankende
+Gemüt der Einfältigen ist unser Feind und -- Freund. Fließt nicht
+aus der strengen Ordnung reichlicher Gewinn in den Königsschatz?
+Ein Fünftel des eingezogenen Gutes gehört den Königen. Wollen die
+königlichen Hoheiten nur lässige Verwalter eines so schönen Vermögens
+besitzen? Und was sagte einst Pater Albarca, als Kolumbus die
+hispaniolischen Länder entdeckte? ‚Die Entdeckung neuer Länder war
+Gottes Lohn an die Könige für die Unterjochung der Juden und Mauren.‘
+Im selben Jahr, da wir Granada eroberten, entdeckte Kolumbus das neue
+Reich für die Könige. Wunderbare Fügung Gottes! Sichtbarer konnte
+sich der Himmel nicht offenbaren. Der Glaube des Kolumbus eroberte
+Westindien. Soll der Glaube der Könige schwankender sein?“
+
+Fernando spielte unruhig mit den Fingern. Der Gedanke an die
+Bereicherung durch die Inquisition drängte alle sittlichen Bedenken in
+den Hintergrund. Zum Überfluß deckte dieser Priester vor ihm mit seinem
+Hirn die königlichen Gewissen. „Ihr versteht zu überzeugen,“ sagte er
+mit schwerem Atem.
+
+„Ich bekomme Vollmacht?“ Der Eifer des Primas suchte den Augenblick zu
+erhaschen.
+
+Der König nickte.
+
+Ximenes atmete auf. „Wir brauchen noch vornehme Mauren zur Bekehrung.“
+
+Fernando dachte nach. „Da sind die Abencerragen -- aber dem Boabdil zu
+stark verpflichtet. Die Beni Mossad -- alle in hohen Ämtern, aber zu
+strenge Mohammedaner. Dann wäre -- wie hieß er nur -- Leon sprach mir
+von ihm -- er ist erst seit kurzem hier -- die Mauren verehren ihn wie
+einen Santon, einen Heiligen.“
+
+„Vielleicht ein Imam?“ fragte Ximenes.
+
+Die Königin entsann sich des Mannes. „Ihr meint Abu Atir. Wenn er auf
+der Straße geht, folgt ihm ein Schwarm gelehrter Mauren.“
+
+„Ich muß ihn sprechen,“ sagte der Kanzler rasch. „Ein Moseswort zur
+rechten Zeit öffnet einem Felsenquell den Weg.“ Dann besann er sich.
+„Noch eines. Die allzu große Nähe eines Königs bei den Untertanen macht
+leicht mitleidig und nachsichtig. Die Edikte, aus der Ferne gegeben,
+werden von einem strengern Geist diktiert sein.“
+
+„Ihr sollt sie von Sevilla empfangen,“ sagte der leicht beeinflußbare
+König. „Wir reisen.“
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Mönche zogen durch Granada, trugen ein Marienbild, sangen dunkle
+Psalmen und umräucherten das kunstlos verfertigte Abbild der heiligen
+Jungfrau. Jedermann mußte es wissen: das Bild wurde auf der Silla del
+Moro in der Nähe eines alten Palastes gefunden, und daher erschien
+es gottgesegnet. Man ließ es sofort weihen und im feierlichen Umzug
+nach der Alhambramoschee bringen, wo jetzt die großen Messen gelesen
+wurden. Bald raunte man sich zu, das Bild habe Kranke geheilt, die am
+Wege lagen, welchen die Prozession ging. Ein Wunderbild! lief es durch
+die Gassen. Das Königspaar begleitete das Bild. Es war der letzte
+feierliche Akt vor der Abreise nach Sevilla.
+
+Die Sonne stand hoch. Der Staub warf Wolken um die Ornate der Priester.
+Spitz klangen die Glöckchen der Meßknaben.
+
+Der Graf de Mora führte seine gelben Lanzenreiter zu seiten der
+Prozession. Die gaffenden Mauren bewunderten sein herrliches Pferd,
+einen weitnüstrigen Renner mit dichtem Schweif. Und der Reiter, gleicht
+er nicht dem Cid oder einem Palatin? Hinter den vergitterten Fenstern
+starrt manch dunkles Auge und brennt manch heimlicher Wunsch.
+
+Da stockt der Zug der hymnensingenden Kinder. Aus einer Nebengasse
+Geschrei, Fliehen, Menschengewirr -- dann Hufegepolter. In die Menge
+rast ein Pferd ohne Reiter. Knäuel -- schreiende Haufen -- starke
+andalusische Arme bändigen das Tier.
+
+Graf de Mora drängt plötzlich heran. „Wem gehört das Pferd?“
+
+Die Mauren flüchten vor ihm. Einer zeigt in die Gasse, die nach dem
+Albaycin ihr Loch öffnet. „Nashun! Nashun! Ein Unglück!“ geht es von
+Mund zu Mund.
+
+Ein Maure drängt sich aus dem Knäuel von Leibern, hinter welchem ledige
+Pferde am Zügel gehalten werden. „Ein Mädchen stürzte vom Pferde, Sidi.“
+
+„Wenn es nicht mehr ist!“ Der Graf will weiterreiten. Da öffnet sich
+der Kreis der neugierigen Menschen, und der königliche Hauptmann sieht
+ein reichgekleidetes Mädchen in der Maurentracht am Boden liegen,
+daneben kniet ein bibelhaft ehrwürdiger Greis mit Samaritergebärden,
+Männer und Frauen in Neugier zusammengeklumpt.
+
+Eine Maurin! schießt der Haß durch des Grafen Gemüt. „Macht Platz!“
+fordert er. Und er sieht nun das Weib näher an. Mit vorsichtiger Hand
+zieht eben der Greis den Schleier von dem Gesicht, das bleich mit
+geschlossenen Augen auf dem Arm einer Dienerin liegt.
+
+„Meine Charka, mein Liebling -- sag’, daß du lebst -- öffne die Augen
+-- lebe, lebe! Allah akbar! Gott ist groß! Lebe, lebe, meine Reija!“
+Die Angst bröckelt sich von den Lippen des Alten. Und neben ihm heult
+eine Sklavin.
+
+Der Graf sitzt regungslos im Sattel. Das Gejammer rührt ihn nicht.
+„Warum mußtet Ihr gerade jetzt ausreiten, da die Prozession geht?“
+fragt Don Pedro de Solar. Wenn es nach mir ginge, denkt er hinzu, diese
+Mauren müßten büschelweise ihre Haare lassen. Aber dabei wendet er
+keinen Blick von dem braunbleichen Gesicht am Boden.
+
+Der Greis deckt den Schleier sorgsam über die Wangen des Mädchens. Und
+im nächsten Augenblick horcht sein Ohr an der Brust der Ohnmächtigen.
+„Sie lebt!“ Es reißt seinen Oberleib auf, Freude strahlt in seinen
+Augen. Sie lebt! Sie lebt! Die Burnusse fliegen hin und her.
+
+„Wer ist der Greis?“ fragt Mora einen Mauren.
+
+„Er gibt uns das Brot des Himmels, legt den Koran aus -- Abu Osmin Ben
+Atir -- oh, daß du das nicht weißt, Sidi.“ Die Umstehenden schauen
+verwundert. Nein, daß er so was nicht weiß!
+
+Don Pedro de Solar wendet sein Pferd. Das also ist der Imam! Der
+Glaubensnährer der Irrgläubigen! Und das junge Mädchen -- ein
+Enkelkind? Eine Favoritin? Der Graf drängt sein Roß zur Prozession
+zurück. Seine Gedanken versuchen sich in die Gesänge der Mönche
+einzuweben. Aber der sonderbare Greis will ihm nicht aus dem Kopf.
+Und das Mädchen --? Was kümmert ihn das alles? Er ruft seinen
+Lieblingsheiligen, den Mann von Assisi, an. Gebetsbrocken fliegen von
+seinen Lippen.
+
+Langsam steigt der Zug die Gomeresgasse zur Alhambra hinauf. Hinter
+Berberfeigen und Kaktushecken öffnet sich jetzt der Blick nach dem
+Albaycin. Der Graf hält das Pferd an und blickt in das blendende
+Häusergewirr der Terrassenstadt hinab. Gleich darauf setzt er mit einem
+kräftigen Schenkeldruck das Roß wieder in Gang. Und dann versucht
+er aus dem Gassenzickzack die Stelle herauszufinden, wo das Unglück
+geschah. Ob sie wohl noch daliegt? huschte es durch die Gebete an den
+Blumenheiligen. Welch ein Glück, einmal das unverhüllte Antlitz einer
+Maurin -- pah! Sein Pferd bäumt sich unter dem Druck des Stachelsporns.
+Dieser wilde Hauptmann stört die Weihe der Prozession. Selbst das
+blumengeschmückte Bild der Jungfrau schwankt in der Luft hin und her,
+als litte es an der Unruhe des Reiters in seiner Nähe.
+
+Vor dem Tor der Gerechtigkeit empfing Ximenes das Bild mit dem
+Allerheiligsten. Alle Glocken läuteten. Die Menge sank aufs Knie.
+
+Des Grafen Gedanken lagen nicht unter dem Segen des Primas. Er spielte
+mit dem Namen Agarenos, mit dem der Spanier die Mauren als Nachkommen
+der Hagar bezeichnete. Ob wohl Hagar auch so schön --
+
+Die Ministrantenglöcklein bimmelten. Die Leute erhoben sich. Don
+Pedro de Solar hatte noch immer die Degenspitze zur Huldigung gesenkt.
+Erst der Krach aus der Donnerbüchse auf dem Velaturm ließ ihn
+zusammenschrecken.
+
+Die feierliche Besitznahme des Wunderbildes war zu Ende. Der Graf
+entließ seine Reiter und schritt in seine Behausung in der Torre de las
+Damas in der Alhambra. Hier empfing ihn sein Lieblingsdiener Chispazo,
+ein aufgeweckter Dörfler aus der Vega, und dieser schnallte ihm die
+Rüstung ab.
+
+Die harte Natur des Grafen paßte wenig in die Weichheit des kühlen
+Raumes, der sich mit seinen Ajimezesfenstern gegen die grüne
+Gartenpracht des Generalifes, des Lustschlosses der maurischen
+Könige, und auf den Albaycin öffnete. Die flimmernden Stuckornamente
+zauberten wollüstige Stimmungen hervor, die zu dem Weiberfeind im
+grellen Gegensatz standen. Don Pedro de Solar wußte mit diesem Sinn
+für schillernde Farben, verschlungene Linien und geometrische Figuren,
+mit dieser Anhäufung von Bogen über Bogen, mit diesen spielerischen
+Säulchenfenstern aus Jaspis und Marmor nichts Rechtes anzufangen. Ja,
+er haßte diese üppig wuchernde Phantasie, die Männer umgeworfen und
+ein ganzes Reich zerstört hatte. Der Mauren Geist unterwarf sich den
+Sinnen, meinte er, und was diese wollten, gestaltete jener. Ihr Trumpf
+war Genußsteigerung auf allen Gebieten der Lebensfreude, trotzdem
+Mohammed seinen Jüngern Mäßigkeit und allerlei Verbote gegeben hatte.
+Das Volk nahm von seiner Religion das, was ihm bequem war, und die
+Kalifen waren die Vorbeter dieser Bequemlichkeit.
+
+Der Graf ließ sich den Schweiß vom Leib reiben. Kühl wehte es von
+den Mauern, während draußen die Sonne ihr Gold über Buschwerk und
+südländische Gartenpracht warf. Das Generalife leuchtete mit seinem
+Gemäuer wie Schnee aus der dunklen Zypressen- und Myrtenumrahmung. Der
+Graf hatte kein Herz für den Gartentraum poetisch sinnender Emire, und
+nur die Freude an Abenteuern steckte ihm vom Großvater her im Blut,
+der einst auf maghrebischem Boden allerhand wilde Fahrten unternommen.
+Das unverspottete Rittertum hatte es ihm angetan. Lanzenwerfen,
+Armbrustschießen, Degenkreuzen, Rosse tummeln, Heilige beschützen --
+das betrieb er mit der ernsten Seele des Kastiliers. Und solche Männer,
+meinte er, brauchte das neue Land jenseits des Ozeans. Lieber heute als
+morgen wollte er hinüber.
+
+Morgen? Heute? -- In wenigen Tagen vielleicht -- oder auch --
+
+Der Graf trat ans Fenster, das nach dem Albaycin sah. Einmal sollte
+er doch wieder dort hinüberschauen, um die Marktverhältnisse zu
+untersuchen. Man sprach von Übervorteilungen. Dann gingen Gerüchte,
+daß Berber gekommen seien. Die afrikanischen Gäste liebte der Spanier
+nicht. Sie erinnerten die Mauren allzusehr an schönere Zeiten.
+
+Draußen tönte die helle Stimme seines Freundes Hernando de Rojas.
+
+„Pedro, Pedro, ich hab’s!“ Der Lizentiat stürmte erregt herein.
+
+„Was hast du?“
+
+„Ich trank den Montillo in der Venta der schönen Hexe Dolores --“
+
+„Das ist alles?“ fragte enttäuscht der Graf.
+
+„Und da konnte ich die Inschrift entziffern.“
+
+„Bei Santiago! Was meinst du für ein Ding?“
+
+„Die westgotische Inschrift des Königs Witterich über die Erbauung
+einer Kirche an der Mauer der Königsmoschee.“
+
+„Wenn das die ganze Ausbeute deines Schenkenbesuches ist!“
+
+„Den Kuß der braunen Dolores nicht zu vergessen. Ach, was weißt du
+von dem Taumel, der die ganze Wissenschaft von Salamanca bis Upsala
+ergreifen wird. Du bleibst kalt wie ein -- kastilischer Graf.“
+
+Das leichte Geblüt, von der valencianischen Küste als Wiegengeschenk
+erhalten, machte den jungen Gelehrten leicht zum Freund. Auch viele
+Frauen liebten seinen Frohsinn, der alle Lebensschwere übersprang
+wie ein Stierkämpfer die Arenawand. Mühelos wußte er sich den
+Zufälligkeiten des Lebens anzupassen, nie trugen seine Feueraugen den
+Schleier des Trübsinns, die helle Stimme polterte manchmal überlaut,
+wenn sich de Rojas in einen Gegenstand verbiß. Er liebte die Künste
+und hatte Sinn für maurische Vergangenheit, aber einen besondern Eifer
+für Recht und Gerechtigkeit. Die Frauen behaupteten, daß ihm die
+enganliegende grünseidene Jacke und die andalusischen Beinkleider mit
+der Doppelreihe von Silberknöpfen an der Seite bis zu den Knien herab
+besonders schön kleideten. Und Hernando hielt viel auf die Aussprüche
+der Frauen, denn er liebte sie alle. Er hätte mit derselben Glut, die
+noch aus den Studententagen von Salamanca stammte, Wikingerweiber wie
+Indianerfrauen umarmt.
+
+Hernando wickelte ein Holzschwert, dessen Schneide aus
+Obsidiansplittern bestand, aus einer Leinenhülle. „Sieh -- aus
+Westindien!“
+
+Dem Grafen glänzte das Auge. „Das nenn’ ich Waffe. Wer brachte es mit?“
+
+„Mein Freund Gomares, der aus Haiti kam. Aber er brachte auch böse
+Nachricht. Des Kolumbus Widersacher sind am Werk. Er selbst dringt
+von Land zu Land vor und kümmert sich nicht um die Mannschaften, die
+die Orte besiedeln. Man rüstet in Bälde ein Schiff unter Francisco
+de Bobadilla. Er soll Kolumbus beiseite drücken. Du kannst also
+hinübersegeln und deinen Traum wahr machen.“
+
+Don Pedro stand beim Fenster, die Augen nach dem Albaycin gespannt.
+„Wenn Kolumbus fällt, mögen Könige selber Länder entdecken. Fernando
+wird ihn vergessen, er vergißt überhaupt schnell Verdienste.“
+
+„Du hast finstre Augen. Ist etwas vorgefallen?“
+
+„Nichts.“ Der Graf bereute es jetzt, daß er sich so rasch die Zunge
+binden ließ.
+
+„Es gab viel Unruhe bei der Prozession, hörte ich.“
+
+„Nichts von Bedeutung. Ja -- der Imam -- wie hieß er nur? -- Abu Atir,
+glaube ich --“
+
+De Rojas horchte auf. „Der bei Boabdil den Koran las? Er soll weiser
+sein als der Bischof von Avilla. Ein weißhaariger Mohammedaner mit
+einem Prophetenbart --“
+
+„Er fiel vom Pferde -- doch nein -- nicht er -- sein Mädchen -- was
+weiß ich --?“
+
+Hernando hörte kaum zu. „Abu Atir! Das trifft sich gut. Er soll
+mir Lieder sammeln helfen.“ Der Lizentiat breitete ein paar
+arabisch beschriebene Blätter vor dem Grafen aus. „Romanzen aus der
+Almohadenzeit. Ich hab’s übersetzt.“ Und er las mit der Genießerfreude
+des Kenners eines jener sinnlich-schwülen Phantasiegebilde, die die
+Kalifendichter ihrem Herrn auf den Teppich legten, wenn er schlecht
+bei Laune war. Das Lied stammte von einem schwelgerischen Zecher, der
+Mohammeds Verbot ein Schnippchen schlug. „Sie kam, vom Mantelsaum der
+Nacht umhüllt, zu mir als Traumbild wie die Berggazelle. Von ihrem
+Mund die Feuchte trank ich bald, und bald des süßen Weines goldene
+Welle, bald küßt’ ich ihrer Wangen Abendrot, von ihren dunklen Haaren
+überschattet. Am Stab des Orion schlich die Nacht schon altersgrauen
+Hauptes und ermattet. Langwallenden Gewands mit blonden Locken kam dann
+der Tag und lächelte voll Wonnen, in seines Mundes Zähne, die Jasminen,
+verliebte nach dem Regen sich die Sonnen, in seinen Kleidern schwankten
+duft’ge Sträucher und löschten ihren Durst in kühlen Flüssen, wir aber
+brauchten Regen nicht, da Arm in Arm wir lagen unter Tränengüssen.“
+
+Des Grafen Seele wußte mit dem klingenden Kleinod nichts anzufangen.
+„Das mag für Kalifenohren taugen. Ich will Degenklirren hören. Hast du
+so was in deiner Tasche?“
+
+Hernando lachte auf. „Euer Gnaden haben zu befehlen.“ Er zog etwas
+anderes ans Licht. Omajadenruhm erklang, überschwenglich und breit.
+Kampflärm tobte und Christenschädel flogen rechts und links in
+den Sand. Aber am Ende triumphierte doch ein edleres Gefühl: „Der
+schlimmste Feind ergibt sich endlich ihrer Macht, doch übergroß nach
+ihrem Sieg ist ihre Huld.“
+
+„Sie prahlen immer, diese Agarenos,“ sagte der Graf geärgert. „Wer
+Sieger ist, knechtet den Besiegten, immer -- immer. Die Huld ist
+Dichterlüge.“
+
+„Womit soll ich nun einen Übellaunigen erheitern? Mit
+Inquisitionsurteilen? Mit der Nachricht, daß Ximenes maurische Bücher
+verbrennen will? Darum habe ich den Schatz hierher gerettet.“
+
+„Man sollte auch die Besitzer verbrennen, um das Gift ganz auszurotten.“
+
+„Ob’s ohne Widerstand abgehen wird? Der Koran ist ihr Heiligstes.“
+
+Don Pedro rührte sich nicht vom Fenster weg. Der Alcazar, die
+Maurenburg, leuchtete herüber. „Ei, dort Feuer anzünden! Das ganze
+Rattennest verbrennen!“ Er rief nach Chispazo.
+
+Der flinke Bursche eilte herbei. „Weh mir!“
+
+Hernando gab ihm einen Puff. „Was heulst du, Junge? Noch bevor ein
+Unglück dich anschreit!“
+
+„Weil ich ihm zuvorkommen will, dann wendet man es ab.“ Er zwinkerte
+pfiffig.
+
+„Wie du ausschaust! Dein Gesicht eine Stachelwildnis!“ zürnte der Graf.
+
+„Nur damit sich kein Weib in meine Reize verfängt,“ lachte Chispazo.
+
+„Du liebst die Weiber nicht?“ fragte Hernando.
+
+„Alle, aber nicht eines. Wer viele Weiber liebt, braucht nicht Angst zu
+haben, eine heiraten zu müssen. Und wer eine heiratet, liebt die Frauen
+nicht mehr, die eigene mit inbegriffen.“
+
+„Laß deine Fanfarronadas, Affe!“
+
+„Nehmt sie für andalusisches Salz[1], Herr!“
+
+ [1] Damit bezeichnet man den andalusischen Witz des Volkes
+
+Der Graf nahm den Schwätzer beim Ohr und zerrte ihn zu sich heran. „Du
+gehst in den Albaycin -- was wollte ich sagen -- ja, in den Albaycin
+und hältst dort Nachschau -- wie doch oft Gedanken entgleiten -- fragst
+nach der Stimmung in den Häusern. Man sagt, die Inquisitionsurteile
+seien schon durchgesickert.“
+
+„Verlaßt Euch, Herr, auf mich. Ich weiß Geldmittel zu gebrauchen, wenn
+sie die Euren sind. Ich will in die Häuser schleichen, ohne mich lästig
+zu machen. Wann soll ich zurück sein?“
+
+„Noch am Abend. Und so nebenbei fragst du --“ des Grafen Finger
+spielten unruhig mit den Versblättern des Freundes -- „wo der Imam Abu
+Atir wohnt.“
+
+„Das muß ich mir erst buchstabenweise auf meine Gehirntafel schreiben,
+sonst fällt es in ein Nichts. Abu -- das heißt Vater -- Atir -- also
+Vater Atir -- hm, ich weiß nicht, ob man im Albaycin sämtliche Väter
+kennen wird. Aber Atir wird doch wohl den richtigen Vater ausfindig
+machen.“
+
+„Ja -- und noch eines -- so ganz nebenbei fragst du auch -- nach dem
+Mädchen, das heute vom Pferd gestürzt --“
+
+Hernando horchte auf. „Ein Mädchen, sagst du?“
+
+„Ich sprach doch vorhin davon, aber du warst in Hispaniola.“
+
+De Rojas setzte sich rittlings auf den Stuhl. „Man muß es in die Welt
+posaunen: Graf de Mora fragt nach einem gefallenen maurischen Mädchen.
+Die Sterne gehen also von heute an verkehrt. Hat dich die Zauberin
+Urganda verhext?“
+
+„Zum Teufel mit dem Spott! Ich sah sie leblos liegen, vielleicht ist
+sie tot.“
+
+„Dann wäre ja dein Wunsch nach Ausrottung der Sippschaft mit einem
+schönen Anfang gesegnet, und du könntest eine liebliche Leichenschau
+halten.“
+
+„Gut denn, Chispazo, du fragst nicht nach dem Mädchen. Aber wo Abu Atir
+wohnt.“
+
+Der Diener sprang davon. Don Pedro de Solar fühlte beim Fenster die
+Pulse brennen. Und er hatte keinen aufregenden Wein getrunken. Tanzte
+die Sonne aus ihrer Bahn?
+
+„Was willst du vom Imam?“ fragte Hernando.
+
+Der Graf wich aus: „Ximenes will ihm auf den Zahn fühlen. Er soll
+großen Einfluß bei den Mauren haben. Wenn er klug ist, wechselt er den
+Glauben.“
+
+„Vielleicht besitzt er aber eine Tugend, die größer ist als Klugheit:
+die Überzeugungstreue.“
+
+„Dann wird Ximenes Mittel haben -- aber darüber mag er sich den Kopf
+zerbrechen. Komm, die Küchenglocke! Graf Tendilla wartet nicht gern.“
+
+„Dein Maurengrimm wächst sich zur Löwengröße aus. Das kann gefährlich
+werden.“
+
+„Sicherlich für die Mauren.“ Der Graf lachte mit blanken Zähnen.
+
+„Vielleicht auch für dich,“ sagte Hernando mit merkwürdiger Betonung.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+In einem maurischen Palast auf der Bibarrambla arbeitete Ximenes
+mit einem jungen Franziskanermönch Ruyz de Alcala an der religiösen
+Umgestaltung des Maurentums. Auf einem Tisch lag neben dem reichen
+Bekehrungsmaterial auch ein wohlgeordneter Anklagestoff in Form von
+Schriften und Büchern. Der Vikar Pater Juan de Leon, das Haupt der
+priesterlichen Gewalt in Granada, hatte mit Bienenfleiß Rückfallsklagen
+gesammelt, und seine Familiares, die Schergen der Inquisition, sorgten
+täglich für den Zuwachs an Opfern.
+
+Die Kerzen brannten über stark schmelzenden Wachsklumpen. Ihr Geruch
+mischte sich mit dem Moderduft des Patiogartens und legte sich süßlich
+auf die Gaumenhaut.
+
+Gestützt auf seine treuen Franziskaner, humpelte der Erzbischof
+Talavera, von dem Dominikanervikar Leon begleitet, herein. Freundlich
+begrüßte ihn der Primas. Dann reichte er dem Jünger des heiligen
+Dominikus die Hand.
+
+Das feurige Auge des wohlgewachsenen Vikars funkelte im Kerzenschein.
+Dieses Auge, der grausam-sinnliche Neromund und die bis zur Nasenwurzel
+geschlossenen dunklen Brauen verrieten Härte und Unbeugsamkeit.
+
+Ximenes lud die Gäste ein, auf den Zederstühlen Platz zu nehmen. Der
+verworrene Stimmenlärm vom Platz der Bibarrambla, auf den die Fenster
+des Gemaches gingen, hörte sich wie ein aufgeregtes Meer an. Von Zeit
+zu Zeit pfeilten laute Stimmen herauf, Kaufleute schrien ihre Waren aus
+und der Ruf der Wache schaffte irgendwo Ordnung.
+
+„Ein bewegliches Volk,“ lächelte Ximenes. „Es muß auf seine Weise
+genommen werden.“ Er sah nach der Tür. „Pater Angelus!“ Ein alter
+Franziskaner schob sich in die Türspalte. „Sorgt, daß niemand am Gange
+sei.“ Der Mönch schloß unterwürfig die Tür.
+
+„Kennt Ihr den Imam Abu Atir?“ fragte der Primas den Erzbischof.
+
+Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“
+
+Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine
+Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten
+müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen --“ Ximenes schien
+ablenken zu wollen -- „die Moscheen müssen fallen.“
+
+Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt
+es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme.
+
+Der Kanzler legte sich breit in den Stuhl zurück. „Ich treibe nicht
+im uferlosen Meer des Glaubens, kenne nicht Sturm und Wellen auf der
+Meerfahrt, denn meine Ufer heißen Glauben und Gott. Klar und getreu ist
+meines Gebetes Inhalt: Glaubensverbreitung, wo Menschen atmen. Diese
+Mauren sind ein leicht erregbares Volk, aber gerade darum für unsern
+Glauben leicht zu gewinnen.“
+
+„Da sprecht Ihr wahr,“ sagte Talavera froh darüber, daß er mit Ximenes
+eines Sinnes sein konnte. „Und sie sind auch ein gutes Volk, darum auch
+für die Güte empfänglich. Habt nur Geduld. Mit ihr könnt Ihr Kiesel in
+Rubine verwandeln. Gelingt es heute nicht, gelingt es morgen. Schont
+sie nach Möglichkeit und laßt ihnen die Moscheen.“
+
+Der Primas furchte die Stirn. „Die Worte würden einem heiligen
+Chrysologus Ehre machen. Doch es gibt Zeiten, wo Christus mit der
+Geißel mehr notwendig ist als der sanfte Heiland, der Magdalenentränen
+kühlt. Nicht wahr, Leon?“
+
+Der Dominikaner nickte. Seine Lippen waren hochmütig verzogen. „Man
+darf die Mauren nicht immer mit Rosinen füttern wollen, die sie so sehr
+lieben.“
+
+„Leon!“ warnte der Duldergeist Talaveras. „Eure Jugend kann in den
+Mitteln irren.“
+
+Ximenes legte dem greisen Gottesmann wohlwollend die Hand auf die
+Schulter. „Verzeiht, Bruder in Christo, hier irrt einmal die Jugend
+nicht. Entreißt man den Mauren die Glaubensstätte, dann hängt der
+Glaube in der Luft. Ich habe Befehle gegeben, daß man die Kadis und
+Imams davon verständigt, sie mögen den Koran in den +Häusern+
+lesen.“
+
+„Das verstößt gegen den Königsvertrag,“ entsetzte sich der Erzbischof.
+
+„Der Eifer macht Euch Ehre, doch es geht um größere Dinge. Und
+Verträge? Nehmt die Verträge, seit die Welt besteht -- ist auch ein
+einziger noch zu Recht bestehend? Die katholischen Könige haben den
+Mauren das Recht ihres Glaubens belassen, ihrer Sitte, ihrer Sprache,
+ihrer eigenen Richter, mehr nicht. Es steht nicht geschrieben, daß wir
+nicht in ihren Moscheen Gottesdienste halten könnten. Haben sie nicht
+dazu ihre Hausmoscheen? Aber ihre Bücher sind Irrwerke. Es steht nicht
+geschrieben, daß wir sie ihnen belassen müssen, und wir werden es
+bedenken.“
+
+Talavera zitterte am ganzen Leib. „Das -- wollt Ihr -- vor Gott
+verantworten?“
+
+„Seiner Ehrwürden scheint nicht wohl zu sein. Ich bitte Euch, Brüder,
+führt ihn auf sein Zimmer, stärkt ihn und sorgt für Ruhe und frische
+Luft. Es ist zu dumpfig hier.“
+
+„O mir ist wohl,“ bebte Talavera. „Aber dieses fürchterliche Geschäft
+--“ Er hob bittend die Hände auf. „Laßt ihnen Zeit -- o wie spät
+bekehrte sich eine heilige Margareta, ein Augustinus, ein Saulus, ein
+Simon. Und waren doch alle einst verlorene Schafe.“
+
+„Genug davon.“ Ximenes stand mit kühl abweisender Gebärde auf. „Ich
+höre Euch, wenn Ihr frischer im Gemüt seid.“
+
+Tränenden Auges wankte der Hirte der Granadiner an den Armen seiner
+Mönche davon. Abgetan! wimmerte es in seiner Seele.
+
+Der Primas war erregt. Seine Nasenflügel flatterten, die Stirn war
+bleich, die Adern darauf formten sich zu Wülsten. „Welch ein Aufruhr
+in diesem einfältigen Gemüt! Behüte diesen Greis, Leon, und laß die
+Achtung, die die Mauren vor ihm haben, nicht zu einer Woge werden, die
+uns alle hinwegschwemmt. Du verstehst mich.“
+
+Der Dominikaner nickte demütig.
+
+„Sind die Listen aller Elches, der Renegaten, angelegt? Gut. Das
+Königspaar ist abgereist, wir haben freie Hand.“ Ximenes besah die
+Namen. „So viele Familienväter! Und nur um der Geschäfte willen
+mohammedanisch geworden! Sie sollen es an den Kindern büßen. Die Listen
+werden den Walis gegeben, sie sollen die Kinder der Elches ausheben und
+den Pfarrern ausliefern zur christlichen Belehrung und Erziehung. Wer
+sich widersetzt, dem droht Ihr mit Gefängnis. Laßt dabei die Glocken
+läuten, damit die Erlösungstat feierlicher an die Herzen rühre. Du
+lächelst, Bruder Leon?“
+
+„Talavera hat die Mauren mit Geläute verwöhnt, Hochwürdigster. Es wird
+nicht mehr viel Eindruck machen. Sie nennen den Erzbischof ihren Faki
+campanero, den Glockenpriester.“
+
+„So sollen sie stärkere Glocken zu hören bekommen,“ sagte Ximenes kalt.
+„Der edle Zegri soll die Kinder der Elches in einer Schule sammeln
+lassen. Salzedo, mein Hausmeister, soll mit Soldaten der Hermandad die
+bezeichneten Häuser abgehen, und zwei Dominikaner fordern die Übergabe
+der Kinder bis zum Alter von siebzehn Jahren. Eine Mutter, ihres Kindes
+beraubt, wählt nicht lange. Dann nehmt die Taufe vor. Diese Kinder
+sind Gottes und kehren nur zu Gott zurück. Die Pfarrer sollen die
+Kinder sonntäglich am Abend versammeln und mit ihnen den englischen
+Gruß beten. Sorgt, daß sie sich ordentlich bekreuzen. Dann aber --“
+seine Stimme wurde warm -- „dann harret deiner ein Größeres. ~Suum
+cuique!~ Der Großinquisitor Deza hat dich zum Hilfsinquisitor für
+Granada ernannt.“
+
+Die Würde ließ den Dominikanerpater taumeln. „Mir -- dieses Amt --?“
+
+„Cordoba ist überlastet, man wird hier einen Sitz des heiligen
+Tribunals errichten. Die Bestätigung der Urteile bleibt Cordoba, das
+heißt Lucero vorbehalten.“ Er überreichte Leon den Anstellungsbrief,
+worin enthalten war, daß Granada ihm allen Beistand in
+Inquisitionssachen zu leisten habe und daß er das Recht zur Verhaftung
+und Folter aller Verdächtigen besitze, auch sei jede Beleidigung des
+Inquisitors und seiner Familiares streng zu bestrafen. Ximenes setzte
+zum Schluß leise hinzu: „Gedenke der Kirche und ihrer Nöte und sei ein
+fleißiger Arbeiter im Acker des Herrn.“
+
+„~Operibus credite et non verbis~,“ antwortete der Vikar mit
+gesenktem Haupt. Der neue Geist, der über ihn ausgegossen ward, löste
+seinen ganzen Menschen auf.
+
+„Sorge, daß du geschickte Vertraute wählst,“ mahnte Ximenes.
+
+„Wir haben angesehene Ritter darunter und das abgefeimteste Gelichter,
+das sich in den Schenken herumschlägt. Sie haben sich unter einem
+Mayordomo zu einer Bruderschaft vereinigt, die Wert darauf legt, von
+den Mauren gefürchtet zu werden.“
+
+Da hörte man Lärm auf dem Platz. Die Geistlichen drängten zum Fenster.
+Maurische Weiber, umringt von einem Haufen Volks, wehklagten und
+schrien.
+
+„Eine Handelsfrau, ich kenne sie,“ erklärte Leon. „Ihr Mann soll
+vom Alguacil der Inquisition verhaftet werden. Es geht selten ohne
+Widerstand ab. Ein Ketzer de levi, also leicht belastet. Es ist noch
+keiner de vehementi[2] ergriffen worden. Seht, da schleppt man den Mann
+heran, drüben hält der cordobanische Karren. Entfernt Euch, der Anblick
+der verzweifelten Frau könnte Euch --“
+
+ [2] de levi = damit bezeichnete man ketzerische Vergehen leichterer
+ Natur, de vehementi solche schwererer Art.
+
+„Ich bin Stärkeres gewohnt,“ wehrte Ximenes hart ab. „Sie kämpfen
+schwer, diese kastilischen Alguaciles. Seht -- die Reiter des
+Gobernadors drängen das Volk in die Gassen.“
+
+Mönche zogen jetzt reihenweise über den Platz. Sie kamen von der
+Verlesung der Inquisitionsedikte. Weiber drängten sich an sie heran und
+versuchten, ihnen die Hände zu küssen.
+
+Der alte Pförtner trat in das Zimmer. „Der Imam ist da.“
+
+„Er möge kommen,“ sagte Ximenes, vom Fenster zurücktretend. Er stellte
+für den seltnen Gast einen Stuhl zurecht und ließ seine zwei Mönche
+näher an sich rücken.
+
+Die hohe Gestalt Abu Atirs stand auf der Schwelle. Burnus, Turban
+und Bart leuchteten wie Schnee, das Gesicht, gesund und wetterbraun,
+strafte das Alter Lügen. Sein klares Auge übersah mit einem einzigen
+Blick das Trifolium. Nach orientalischem Brauch grüßte er mit über der
+Brust verschränkten Armen jeden einzelnen mit dem Friedensgruß seines
+Gottes. Dann blieb sein Auge an Ximenes hangen. „Gott schenke dir,
+hochwürdigster Faki der Christen, manches Jahr und mache dein Haupt
+weise und dein Auge sehend. Friede von ihm, der des Propheten Lehre
+erhob über die Welt!“
+
+Ximenes dankte freundlich. Dann hieß er den Gast sich setzen, dessen
+blütenreiche Sprache ihm nicht behagte. „Verzeiht, daß wir Euer Alter
+bemühten --“
+
+Abu Atir lächelte, daß die unversehrten Zähne leuchteten. Er wußte,
+daß man seine Gedanken durchsieben mußte, wenn man mit Ximenes
+sprechen wollte. „Es ist das Schicksal vieler Menschen, alt zu werden.
+Glücklich, wer mit vergilbtem Gesicht die Sterbesure sprechen hören
+kann. Es liegt an dem Menschen, das Alter würdig zu ertragen.“
+
+„Ein gottgefällig Wort,“ sagte Ximenes. „Ihr seid erst kurz hier?“
+
+„Und habe doch Schweres hier erlebt. Soeben sah ich Weiber um ihre
+Männer weinen. Bi nefsi! Ihr wißt den Glauben in den Leibern der
+Menschen festzunageln.“
+
+„Damit die Seelen folgen können,“ antwortete der Primas gelassen.
+
+Ein Druck seiner großen Wimpern schloß die Augen des Imams. „Nur meine
+ich, daß der Mann, der den Glauben in die +Herzen+ knetet, größer
+zu nennen ist. Eine Frage: Ihr seid zufrieden mit den neuen Christen?“
+
+„Sie lieben uns noch nicht,“ gestand der Erzbischof freimütig.
+
+„Ihr guten Herren, denen Gott das Licht friedvoller Weisheit schenken
+möge, warum macht ihr es den neuen Christen so schwer, euch zu lieben?“
+
+Ximenes wulstete die Lippen. „Wir legen alles, was die Kirche zu
+bieten hat, in das Herz der Bekehrten, aber sie schielen trotz aller
+Gnadengeschenke des Himmels doch wieder zurück nach der Moschee, aus
+der wir sie errettet glaubten.“
+
+„Ihr sagt: errettet? So waren sie darin in Gefahr?“ Der fragende Blick
+des Imams war klar wie aus dem Urgrund seiner Seele. „Ich denke, im
+alten Glauben hatten sie nichts zu fürchten. Die Furcht lernten sie
+erst bei euch. Es war die gemeine Furcht der Seele vor dem Straucheln.
+Das überfiel sie nicht im Palmenhain unsrer Moschee. Und Ihr sagt:
+gerettet?“
+
+Ximenes’ Feder spielte unaufhörlich auf dem Papier. „Wir retteten sie,
+meine ich, aus einem Irrtum. Verzeiht abermals, aber Euer Glaube ist
+der Irrtum.“
+
+„Häuft keinen Zorn auf mich, ich meine, es irrt nur einer nicht:
+der die Gewalt hat über die Schale eines Granatapfels und über
+Sternenbahnen. Und wenn wir Irrende an das glauben, was uns seit Jugend
+an selig gemacht, so laß uns in diesem Glauben, den du Irrtum nennst.
+Wir lassen ja auch den deinen unberührt.“
+
+„Doch war’s nicht immer so.“ Der Primas lächelte überlegen. „Es liegen
+jahrhundertelange Kämpfe hinter Spaniens Gegenwart. Sie erzählen von
+erschlagenen Christen.“
+
+„Und von erschlagnen Mauren,“ unterbrach ihn Abu Atir vorsichtig. „Ja,
+es waren arge Waffen, mit denen in Andalus gekämpft wurde. Doch nun
+sollte die Vernunft das Schwert ziehen. Laßt uns groß kämpfen.“
+
+Ximenes murmelte vor sich hin: ~Tu sic his sis, aliter senitas!~
+An meiner Stelle würdest du anders denken! Dann sagte er laut: „Ihr
+sprecht gelehrt.“
+
+„Der Glaube ist größer als die Gelehrsamkeit. Sieh, es war vor
+vierhundert Jahren ein Mann, der nannte sich Abu Ala, und dieser sagte:
+‚Ich staune über die Christen, die glauben, daß Gott hilflos gemartert
+wurde, ich staune über die Juden, die glauben, daß Gott am vergossenen
+Blut Wohlgefallen habe, ich staune über die Mohammedaner, die auf
+Kamelen weite Reisen machen, um einen schwarzen Stein zu küssen. Sie
+sind blind für die Wahrheit. Und die Menschen teilen sich in zwei
+Gruppen, die einen haben Verstand und keinen Glauben, und die andern
+glauben und haben keinen Verstand.‘ So sprach Abu Ala. Ist der Mensch
+beneidenswert? Mit all seiner Gelehrsamkeit?“
+
+Ximenes lächelte vergnügt. „Ihr wißt hübsche Dinge zu reden, Imam. Und
+deshalb nenne ich dich doch einen gelehrten Mann.“
+
+„Mohammed nannte die Gelehrten die Erben der Propheten.“
+
+„Je nun, dubitat Augustinus. Mohammeds Koran strotzt von Widersprüchen,
+denn er ist aus menschlicher Leidenschaft geboren und enthält
+Menschensache. Zudem irrte Mohammed bequem. Er durchstöberte das
+jüdische Gesetz und nahm sich daraus, was er für seine Sendung
+brauchte. Seine klingenden Weisheiten von der Größe Gottes, sind sie
+nicht dem fünften Buch Moses entnommen? ‚Es ist kein anderer Gott als
+der Gott der Gerechten.‘“
+
+„Wer sagt dir, Faki der Christen, daß diese Weisheit Mohammed allein
+erfahren? Aber hinausgeschrien hat er sie in die Welt. Erkennen, was
+ist, und sein Erkennen den andern Brüdern sagen. Das hat dein Isa auch
+getan. Und wir ehren ihn als Propheten. Laß darüber den Hader begraben
+sein. Und hätte ich das Leben von sieben Geiern, wie es dem weisen
+Lokman beschieden war, ich könnte nicht anders sagen als: Gott ist groß
+und einzig und Mohammed ist sein Prophet.“
+
+„Ihr haltet also von unserm Glauben nicht viel?“ forschte Ximenes mit
+lauerndem Blick.
+
+Der Imam strich sich bedächtig den Schneebart, und es war, als wöge
+er die Gedanken in seinem Hirn. „Du willst mir in die Seele schauen,
+Hochpriester. So blättere ich sie dir freundlich auf wie ein Buch.
+Dein Glaube ist schön. Nur haben ihn deine Priester, meine ich, mit
+Lehrmeinungen entstellt, die sich mit Gottes Offenbarungen, wie sie
+unserm Propheten zuteil wurden, nicht vereinbaren lassen. Die Vernunft,
+der engen Schranke des Glaubens entronnen, richtet Unheil an. Doch das
+wäre zu ertragen. Nur eines -- verzeih, Gesegneter des Herrn --, mich
+dünkt, Ihr haltet nicht viel von Eurem Glauben, Ihr glaubt ihn schwach.“
+
+„Imam -- wie kommt Ihr auf den Gedanken?“ fragte betroffen der Primas.
+
+„Wäre er nicht schwach, wozu dann die Stützen des Dogmas und der
+Inquisition?“
+
+Ximenes schwieg einen Augenblick bestürzt. Dann gab er sich eine äußere
+Gelassenheit. „Der Glaube ist nicht schwach, aber die Menschen sind es
+und sie bedürfen der Stütze.“
+
+„Ehrwürdiger Mann, dem Gott Teppiche unter die Füße und ein warm Kissen
+für sein Haupt geben möge, fahre nicht im Zorn auf, der Gott beleidigen
+würde, wenn ich dich frage: Die Menschen stützest du mit Dogma und
+Inquisition? Und antworte mir sanft wie eine Taube: Sind diese Stützen
+nicht eher Peitschen als Säulen?“
+
+Der Erzbischof fühlte eine unbehagliche Hitze über sein Herz fließen.
+„Ei, danket Gott, daß Ihr nicht Katholik seid, Maure. Ihr denkt zuviel.
+Und mich soll es nicht wundern, wenn Ihr bald ganz im Unglauben
+erstickt.“
+
+„Sie nennen mich Al-Abdallah, den Diener Gottes. Ich glaube Gott, ohne
+ihn zu sehen. Aber ich kann nicht an deine Worte glauben, wiewohl ich
+sie höre. Klage mich nicht an, denn sonst müßtest du auch die Wolken
+anklagen, weil auch sie nicht bestätigen, was du sagst, sie gehen
+unbekümmert ihren Weg, ob du sie schiltst oder lobst. Warum läßt du
+Wolken ziehen und Menschen nicht? Nur weil du die Macht über sie nicht
+hast. Und siehst du, deine Kirche ist doch nur ein Wort, mit dem du
+Unfaßbares fassen willst.“
+
+„Und die deine nicht?“ rief Ximenes mit triumphierendem Auge.
+
+„Gewiß. Aber dann frage ich dich: Warum bekämpfst du uns statt uns die
+Hände zu reichen? Nur weil wir es mit dem Propheten halten? Du hältst
+es eben mit einem andern Propheten, dem Isa.“
+
+„Das ist nicht Glaube mehr,“ sagte Ximenes verärgert. „Das ist
+philosophische Klügelei, wie sie eure Gelehrten großziehen.“
+
+„Wer die Wissenschaft lehrt, hat Ehrfurcht vor Gott, dessen Name die
+Geister besingen. Wer in der Wissenschaft streitet, kämpft heilig.
+Die Wissenschaft ist der Leuchtturm zum Paradies, der Gefährte in der
+Fremde, die Rüstung wider den Feind. Engel berühren die Gelehrten
+mit den Flügeln, und durch die Wissenschaft steigt der Diener Gottes
+die Stufen zur Güte hinauf. Das Wissen ist der größte Imam. Wer die
+Wissenschaft lehrt, dem ist besser als wenn er den Berg Abu Kobeis aus
+Gold besäße. Abderrhaman ließ für einen Gelehrten, der aus Fes kam,
+dreißig Paläste auf dem Weg vom Meer nach Cordoba bauen. Das Kleid
+des Wissens ist aus menschlicher Erfahrung und aus der Furcht Gottes
+zusammengesetzt, sagt Abdallah Ben Mesud, und das Schwert der Zunge
+soll immer siegen über die Zunge des Schwertes. Aber wem sage ich das?
+Sitzt nicht einer vor mir aus dem Reich des Geistes? Möge dir Gott
+stets weise Gedanken geben und dich mit ewigem Priestertum belehnen.“
+
+Ximenes mußte Atem schöpfen. „Eure Gedanken stehen auf falschem Grund.
+Den wahren Gott habt Ihr mit Eurer Wissenschaft nicht erkannt.“ Seine
+Augen blickten den Mohammedaner überlegen an.
+
+„Wer wollte ihn erkennen? Gott ist die Zahl Eins und die Zahl
+Unendlich. Summiere sie oder ziehe eine von der andern ab, es bleibt
+immer Gott übrig. Aber heißt das, ihn schon erkannt zu haben? Und doch
+bleibt uns nichts übrig als uns im Stirnenschweiß um ihn zu bemühen.
+Laß mich denn glauben an das heilige Gesetz und an den Propheten.“
+
+„Das sollt Ihr sicherlich,“ antwortete Ximenes überaus freundlich.
+„Doch eines -- eines müßt ihr uns doch zugestehen: Unter der
+erkaltenden Glut eures Glaubens werdet ihr nie mehr die Erde erobern.
+Wir bleiben Sieger.“
+
+„Vielleicht nicht die Erde, aber uns selbst. Das ist mehr. O weiser
+christlicher Scheich! Wir suchen doch in unsern Gebeten denselben Gott,
+den ihr sucht, und deshalb willst du uns knechten? Nur weil wir den
+gemeinsamen Gott mit andern Augen ansehen? Mit unsern, unsern Augen?
+Ja -- und euer Siegerrecht, ist es nicht versiegelt im königlichen
+Vertrag? Der Herr der Könige erhalte das Leben des weisesten der
+Erdenfürsten -- dürfen wir nicht unsere Moscheen und Medrisets
+behalten? Haben wir nicht unsere Kadis, die der Herr mit Verstand und
+Einsicht segnen möge? Und ist uns nicht -- der Allmächtige stärke das
+Königsleben dafür! -- Sprache, Sitte und Tracht verbürgt für immer? Das
+soll nicht versiegelt sein von der Treue des Siegers?“
+
+„Es ist -- aber es ist nicht versiegelt, daß wir euch die Stützen
+des Glaubens, der ein Irrglauben ist, unversehrt lassen müssen. Eure
+Moscheen behaltet, nur bauen wir unsere Altäre in sie hinein --“
+
+Der Imam streckte sich. Seine Hand zitterte auf dem Knotenstock.
+„Das -- das willst du -- vor deinem Gott verantworten, christlicher
+Scheich?“ Er erschauerte vor dem weiten Gewissen des Seelenhirten.
+Wie von Staub erstickt kam es aus seinem Munde: „Glaubensrecht --
+Sittenrecht, Urteilsrecht -- alles papierne Dinge -- und Eure Taten
+sollten das Papier zerreißen dürfen -- das Papier in der königlichen
+Truhe? O Ihr meint es nicht ernst.“
+
+„So muß ich dir, Imam, weitere Proben dieses Ernstes geben. Auch die
+geistige Quelle eures Irrglaubens muß verstopft werden.“
+
+„Irrglauben! Irrglauben! Ich sage dir schon: Auch du irrst! Wir alle
+irren. Wenn der Beduine in der Wüste zieht, wenn Sonnenglut und
+Sand sein Auge blenden, dann zweifelt er oft an der Richtigkeit des
+Karawanenwegs, aber der Irrende vertraut dem ewigen Lenker aller
+Karawanen, bis ihm die Oase lächelt. Die Oase ist Gott, wir irren und
+finden doch zu ihm, nur jeder auf seine Weise. Der Irrtum dauert nun
+schon an die tausend Jahre, und wir sollen nun Erkenner der Wahrheit
+heißen, weil ein Christ es will? Ist dein Wille Gott? Er ist eine
+Anmaßung.“
+
+„Imam!“ Der Gleichmut des Kirchenfürsten begann zu wanken. „Du
+verkennst Gottes Offenbarung sehr. Wir müssen für unsern Glauben
+kämpfen.“
+
+„So hast du Angst, ihn zu verlieren? Der wahre Glaube beharrt und läßt
+andere beharren. Was Irrtum ist, fällt nicht durch Kampf, sondern durch
+eigene Erkenntnis ab. Aber der Bach wächst zum Strom aus, ich sehe es.
+Zuerst war bei euch ein Kinderglaube da, dann ein wirklicher Glaube,
+dann ein Kämpfen für den Glauben und endlich ein Morden für ihn. Was
+soll noch werden? Hast du mich noch etwas zu fragen?“
+
+„Aus Euch spricht ein arger Kläger. Aber des Übels Urgrund liegt in
+euren Büchern.“
+
+„Unsre Bücher?“ Die Augen des Alten leuchteten wie brennende Fackeln.
+
+„Sie können Freunde des Menschen werden,“ sagte Ximenes, „aber auch
+seine gefährlichsten Verderber, denn sie führen wie böse Geister in
+Zweifel und Irre. Nur ein sorgsam wachender Geist vermag ihre Güte und
+ihre Schädlichkeit zu unterscheiden. Wo die Quelle trüb rinnt, muß sie
+verstopft werden, sonst verseucht sie das gesunde Wasser. Ihr müßt uns
+erlauben, Spreu und Weizen zu sondern.“
+
+Abu Atir griff sich an die Stirn. „Du, den Gott mit Balsam behandeln
+möge -- ich verstehe dich nicht recht --, du willst --?“
+
+„Euch aufhelfen aus eurem Irrglauben, euch liebevoll ans Herz ziehen
+mit der Liebe Jesu, euch zu demütigen Kindern Gottes machen, den euer
+befangener Sinn noch nicht erkannt hat, und eure Weisheit gründen auf
+die Dreieinigkeit Gottes.“
+
+„Es ist nur ein Gott und nichts außer ihm!“ sprang der Feuerglaube aus
+des Alten Brust, auf der sich die Hände falteten in ehrlichem Bekennen.
+Und es war, als bliese aus seinem Antlitz die heilige Flamme des Korans
+selbst. „Und wenn die Erde jetzt in ihren Festen erzitterte und die
+Gestirne zu wogen anfingen: es ist nur ein Gott und nichts außer ihm.
+Gepriesen sei die Kraft, die allen Propheten ward. Auch Isa war ein
+Prophet, aber nicht Gottes Sohn, denn Gott hat keinen Sohn gezeugt,
+und Isa selbst hat gesagt: niemand ist gut als der einzige Gott! Der
+einzige Gott! Isa hat wie Mohammed dem Juden gegeben, was des Juden
+war, und sich genommen, was Gutes bei ihnen war. Seine Botschaft war
+Licht und Freude und Bestätigung der Thora in vielem. Er hat den alten
+Gott neu geschaut, wie Mohammed ihn neu geschaut hat, sie waren beide
+groß, aber der Prophet von Mekka hat sich nicht Sohn Gottes genannt,
+sondern nur Diener, und war so demütig wie Isa, und hat sich nicht in
+eine bleiche Hostie einschließen lassen, dünn wie Frauenflor, sondern
+war und hat nur sein wollen der Knecht Gottes. Wir können Gott kein
+andres Wesen zugesellen, also sagt es der Prophet.“
+
+„Und es steht in euern Büchern und ihr schwört darauf. Aber eure Bücher
+sind Trug. Euer Koran ist das ungeordnete Buch eines Schwärmers. Was
+sein anmaßender Geist an schönen Gedanken ergriffen, hat er wahllos
+aufs Papier werfen lassen und hat es dann Geist Gottes genannt. Habt
+ihr Bürgen für die Echtheit?“
+
+„Dieselbe Reinheit des Herzens, die deine Apostel drängte, das Wort
+Isas niederzuschreiben.“
+
+„Ihr greift nach hohen Worten, Imam. Wir wollen sehen, was eure Bücher
+enthalten.“
+
+„Unsre Bücher!“ Das verwitterte Bronzegesicht, von den Runen des Wehs
+gezeichnet, glühte im Wiederscheine des innern Aufruhrs. „Unsere Bücher
+müßt Ihr uns lassen, denn sonst --“
+
+„Sonst?“ fragte verwundert der Primas.
+
+Der Greis atmete schwer. „Man soll die Zunge lang einkerkern, bevor man
+sie durch ein Wort befreit. Aber es muß gesagt werden. Cordoba fiel,
+Sevilla fiel, Granada fiel -- aber die Mauren leben noch.“ Es klang wie
+eine Mahnung an das Gewissen des Bedrängers. Und es war, als sähe der
+Alte in eine weit entfernte Jugend zurück, die von Christenkämpfen und
+Blutfreude erklang.
+
+Ximenes hatte einen Herzschlag lang Ehrfurcht vor der Glaubens- und
+Volksliebe dieses Menschen. Aber bald erdrückte der eigene heiße
+Glaubensdrang das Gefühl. „Ihr pocht auf eine Stärke, die nicht mehr
+ist, Imam.“
+
+„Und du auf eine, mit der du deinem Herrn ins Gesicht schlägst.“
+
+„Der heilige Dienst in seiner Wahrheit fordert, daß ich allen Menschen
+seine Wahrheit künde. Ich öffne euch die Augen und euch schmerzt noch
+das hehre Sonnenlicht.“
+
+„Du willst Augen öffnen und brichst dabei Herzen, fremder Scheich.“
+
+„Zum Ende!“ Ximenes raffte die Papiere auf dem Tisch zusammen.
+
+„Aber nicht zu einem, das Menschen mordet,“ flehte der Imam mit nassen
+Augen. „Gott gebe dir Geduld zu hören, was unser Herz leidet, und es
+wird darüber weich werden wie flüssiger Honig und wird erfüllt werden
+mit dem Wohllaut des Singvogels.“
+
+„Am kommenden Tag des Herrn sollen alle eure Bücher aus den Häusern
+der Mauren auf die Bibarrambla geschafft werden zur Prüfung durch
+christliche Hüter. Vergeßt nicht Koran, Sunna, Überlieferungen.“
+
+Der Imam bebte an allen Gliedern. „Der Kadi des Lebens, der über Wolken
+richtet zu seiner Zeit, wird es nicht zulassen. O du Wesen mit den
+tausend Barmherzigkeiten, habe ich dich verloren aus meinen Sinnen? Hat
+mir Christenhaß deinen Namen verdunkelt? Primas von Spanien, wer gibt
+dir diese Macht über uns?“
+
+Da erhob sich Ximenes mit dem Gewicht seines Kraftbewußtseins. „Die
+Kirche,“ sagte er gewaltig und seine Faust stieß dumpf auf den Tisch.
+
+„Unseliges Gefäß, in das du den Gottesinhalt füllest! Darin hast
+du dich übernommen. Denk an mich! Gott beschütze das Siegel deiner
+Weissagung, doch ich glaube nicht daran.“ Mit zitternden Knien, ein
+Stoßgebet murmelnd, tastete sich Abu Atir nach der Schwelle, wo ihn
+zwei junge Mauren empfingen, die ihn aus dem Palast geleiteten.
+
+Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand
+sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach
+welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein
+großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die
+geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das
+Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos,
+eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und
+Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser
+Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung
+des großen Zweckes: ~Ad majorem Dei gloriam~.“
+
+„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit
+gesättigter Glaubensfreude.
+
+„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen.
+„Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es
+auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der
+Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in
+heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem
+Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich
+hinein.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Reija und Saffana erhoben sich vom Gebetsteppich. Zu ihren Häupten
+dufteten die Storaxkerzen. „Mein Väterchen!“ Mit dem Morgentau der
+Gesundung auf der Stirn eilte Reija dem Greis entgegen. Das weiße
+Lieblingskätzchen auf ihrer Schulter sprang erschreckt auf den Teppich.
+Das Mädchen las das Unheil aus den Augen des Imams. „Bi nefsi, sie
+haben dich gequält!“
+
+Abu Atir erzählte und Reija hörte mit gepreßtem Herzen zu. „Bring
+Väterchen zur Ruhe,“ sagte sie zu Saffana. „Er soll den Tag vergessen.“
+
+„Es gibt noch viel zu sinnen,“ wehrte der Alte ab. Er setzte sich
+auf einen fellbelegten Schemel. Im Kerzenschein flammte das farbige
+Ornament, die Goldstuckatur und das Azulejosmuster, alles aus bester
+granadinischer Königszeit, hellauf, und Spiegel warfen das Licht von
+drei Seiten zurück. In der üppigen Weichheit der Teppiche und Matten
+gingen lautlos die Schritte der Mädchen. Reija im rotseidnen Damast,
+um das Haupt den Thailesan, den duftigen Schal, gebunden, die Füße
+in reichbestickten Schuhen, huschte von Truhe zu Truhe, die in den
+verhängten Nischen des Gemachs standen.
+
+„Willst du den roten Ghamar zu trinken haben? Willst du Sikbadsch, das
+Fleischmus, essen? Gott mit seinen neunundneunzig Namen stärke dich!“
+Sie mühte sich vergebens, dem Greis aus dem Trübsinn zu helfen.
+
+Da stahl sich die muntere Saffana an die Herrin heran. „Es ist einer
+da,“ sagte sie leise.
+
+Aber der Imam hatte es gehört. „Was schwatzest du?“
+
+„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“
+
+Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst.
+
+„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“
+
+„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und
+verkauft Sattelzeug.“
+
+„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig.
+
+„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und
+Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen.
+Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige
+Schmerzen um das Herz herum gehabt.“
+
+„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija.
+
+„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist
+verliebt wie ein Kalif.“
+
+„Das hat er dir gesagt?“
+
+„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und
+selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, spricht er von
+seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger
+Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“
+
+Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen
+Bäckereien zwischen die Zähne.
+
+„Und er schläft in einem Maultierstall --“
+
+„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen.
+
+„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“
+
+An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel
+aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig.
+
+Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf
+nicht links das Auge hangen.“
+
+Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das
+Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von
+Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein.
+Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig
+herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von
+blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende
+Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten
+wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen
+ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit
+zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den
+Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten.
+
+Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm
+und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns
+wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor
+der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man
+wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“
+
+„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des
+Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner Schönheit
+haltmachen? Und wäre es noch die Moschee -- aber die Bücher! Deines
+Vaters Koran!“
+
+„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen.
+
+„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind
+biegsam.“
+
+„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge -- Eswer wird uns
+helfen.“
+
+„Es ist zu spät.“
+
+„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die
+Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“
+
+„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’
+fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen.
+Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“
+
+Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier
+sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne
+Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“
+
+„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann -- meine Bücher.“
+
+Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die
+Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse
+des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der
+Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der
+alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und
+Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges
+Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von
+den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere
+Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen,
+wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste
+wird eine andere pflücken.“
+
+Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da warf Saffana
+plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid
+hervorgeholt hatte.
+
+Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’
+ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur
+Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert.
+In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe
+die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen,
+welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch
+die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte
+kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen
+selbst die Ameisen Verse. Von wem?“
+
+„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“
+
+Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du
+hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“
+
+Da nickte Saffana ein heftiges Ja.
+
+Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle.
+Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war
+die Unruhe in ihr.
+
+„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn
+diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“
+
+Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der
+flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im
+Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“
+
+Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen
+Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach
+Atem.
+
+„Was gibt es?“ horchte Reija auf.
+
+„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt -- ach, die Ehre!“
+
+„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“
+
+„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora,
+der schöne Reiter, der damals -- ach, entsinnt Euch nur -- damals, als
+böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten -- damals, wißt
+Ihr nicht?“
+
+Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie
+Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“
+
+„Nicht er selbst -- sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da
+und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen
+Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie
+wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi,
+ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn
+ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen
+zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem
+andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“
+
+„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der
+Imam mit verrunzelter Stirn.
+
+„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir
+recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“
+
+„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat
+Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und
+ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach.
+
+Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in
+sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses.
+
+Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute
+in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel
+zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in
+der dunklen Wölbung spiegelten.
+
+Da -- Mandolinenklang -- eine Stimme singt --
+
+So wagte der Unselige alles um sie. Wenn sie ihn griffen! Lang lauschte
+sie. Ihr war, als girrte im Iraksstrauch die Ringeltaube. Das Lied
+verhallte mählich.
+
+Reija schlich mit leise tastenden Füßen nach ihrem Lager. Seide und
+Linnen fielen. Bald spiegelte sich der bronzedunkle Ton ihrer ebenmäßig
+gewachsenen Glieder lässig in den drei Wandgläsern, das aufgelöste Haar
+umnetzte die Brüste, in denen junges Leben glühte. Saffana drückte
+verliebt ihr Haupt an die gemeißelten Schenkel. Keusch geschlossen in
+strengem Ernst lagen Reijas rote Lippen, die noch nichts wußten von
+Nächten, in denen Küsse lodern.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Durch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern
+des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot
+des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die
+Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen.
+Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern,
+umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema,
+der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut
+der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den
+Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte
+Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber,
+gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten
+Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da
+und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert
+sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen
+fort -- vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen
+Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf
+der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben.
+
+Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis
+aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des
+Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um
+das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem
+gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott
+und Mohammed ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich
+aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz.
+
+Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz
+für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die
+Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über
+die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng
+geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de
+Gomeres zum Palast des Ximenes.
+
+Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand
+auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen.
+Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes,
+Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in
+ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern,
+Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze
+schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht,
+brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera,
+dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder
+der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene
+Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee
+strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein
+magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls.
+
+Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben
+Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem
+Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der
+Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen
+hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch.
+
+„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig
+nieder.
+
+Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die
+gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft.
+
+„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet ein
+Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt.
+
+„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber
+tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer
+bei Gott.“
+
+„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer.
+
+„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie
+wieder auf. Sie kosten Geld.“
+
+„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“
+
+Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen
+lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki.
+
+„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter
+zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele
+himmlischen Tau.“
+
+„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani
+damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer.
+
+Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen,
+aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und
+er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde.
+
+Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer
+Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas.
+Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem
+Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen
+der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und
+nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende
+Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen
+Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die
+Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden
+Soldaten schielt.
+
+In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora
+auf -- nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt
+das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt
+die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen
+Schnallen im Sattelknopf befestigt, die schleppende Zäumung des
+Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät.
+Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick
+verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse.
+
+„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich
+hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn
+beide hinken.“
+
+Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören
+sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen.
+
+Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt
+das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die
+reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein
+soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen
+Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird
+dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des
+Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im
+guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm
+fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch
+immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen
+nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über
+die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung
+der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und
+das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual
+und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele,
+die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den
+Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn,
+grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer
+für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe
+ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und
+Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in
+ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut
+triefen, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie
+im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium
+Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in
+Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger
+nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition
+war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre
+entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal.
+
+Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen
+Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden
+Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die
+glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude
+eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge
+des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines
+eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem
+er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn
+zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um.
+
+Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben
+aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren
+Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der
+Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart
+gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden
+Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge
+nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern
+auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten
+sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen
+klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner
+habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen
+maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame
+ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des
+Königs Arm glitt.
+
+„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen Mauren
+nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den
+Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an
+Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum
+Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit
+fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen
+und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek
+meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert
+sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen
+Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das
+große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird
+über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh -- da aus der Gasse des
+Zacatin -- unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“
+
+„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon.
+
+„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und
+dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und
+Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei
+Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte
+die Luft.
+
+Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter
+ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in
+Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden
+auf.
+
+Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau
+heran.
+
+Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen,
+geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem
+Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren
+Spalieren staute sich die Maurenmasse.
+
+Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen
+Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter,
+deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen Gewändern
+der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem
+Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle
+alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit
+arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der
+Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs
+Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die
+Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als
+gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen.
+
+Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu
+Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf
+die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am
+liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn
+wie den König selbst zu ehren.
+
+Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz
+hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm
+die abgegebenen Bücher in Empfang.
+
+Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe
+ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du
+kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst
+ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten
+Königs von Granada.“
+
+Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es
+bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite.
+
+Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne,
+goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln,
+Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare
+Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt
+des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob
+sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den
+Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“
+
+Ringsherum entstand eine Bewegung.
+
+Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das
+kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen --?“
+
+Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester
+gerichtet.
+
+„Wer seid Ihr?“ fragte Leon.
+
+Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der
+Graf de Mora hatte sich herangedrängt.
+
+„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust.
+
+„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung
+auf die schlanke Gestalt.
+
+„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“
+
+Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija!
+Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und
+flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied
+werden.
+
+Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln
+sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne
+Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß
+verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen
+Leibergewoge der Bruderschaft.
+
+Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört.
+Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch
+bittenden Mädchens.
+
+„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen --“
+
+„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme.
+
+„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor --“
+
+Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das
+die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die
+Kuttenarme vor. „Weh Euch!“
+
+Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer
+Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten Massen lodern. „Brüder --
+eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt -- fürchtet ihr
+Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie
+Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran
+bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die
+Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre
+ich euch, rettet mir den Koran -- ich bin Reija -- das Königskind!“
+
+Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte
+Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch
+zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren,
+trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das
+Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute
+Reichtum in Eitelkeit verzehren?“
+
+„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung.
+
+„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“
+
+Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren.
+Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen
+in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen
+Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es
+sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht
+verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern
+machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed.
+
+Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib -- hier
+richten Männer!“
+
+In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier
+der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein
+Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater -- das Weib ist schwach, es
+weiß nicht, was es tut.“
+
+Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des Mädchens
+los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das
+Königskind.
+
+Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der
+Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“
+
+Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer.
+Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser
+Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten.
+
+Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz
+wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten.
+
+Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem
+bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne
+Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter
+Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken
+durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte
+wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda
+schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern,
+die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der
+Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin -- es gibt
+sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten
+Lippen.
+
+„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein
+verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“
+
+„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof,
+Herzogin.“
+
+„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore
+mit sich durch die kleine Balkontür.
+
+Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem
+erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen
+ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und
+dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen
+herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen
+Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben
+gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine
+schwere Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu
+nüchternem Denken.
+
+Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das
+nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“
+
+„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt
+für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt.
+
+„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“
+
+Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie
+durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher.
+
+Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen.
+„Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche
+verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe --“
+
+„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf.
+
+Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten
+riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer
+wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem
+Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz.
+
+Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier.
+„Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann.
+
+Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der
+Tote?“ fragt der Graf drängender.
+
+„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“
+
+„Wo ist Salzedo?“
+
+„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“
+
+„So ist er verloren!“
+
+Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem
+undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf
+den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des Zacatins wälzen sich
+neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem
+Palast des Primas.
+
+Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon.
+Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend
+flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug
+war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn
+von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach
+dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt
+Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser
+des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen
+zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die
+Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen
+abseits unter der Hut von Lanzen.
+
+Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde
+getötet. Salzedo wurde verschleppt.“
+
+Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf -- Ihr
+rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen
+Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt -- oh, ich gewähre Euch
+jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“
+
+Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine
+Brustwand tobte.
+
+„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof.
+
+„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins:
+Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“
+
+Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann.
+„Ihr bittet -- für ein Buch der Ungläubigen?“
+
+„+Ein+ Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den
+Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich --“ Er hielt verwirrt inne.
+
+„Bedenke ich’s recht -- fürwahr -- die Hochschule zu Alcala wird ein
+prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er
+gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen.
+
+Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu
+Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen.
+
+Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd.
+
+Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde
+Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten
+Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der
+wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue
+Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die
+Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze.
+
+Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen
+Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige
+Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister,
+griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers
+Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los,
+seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das
+Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende
+Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: ~Est Deus
+in nobis~, es ist ein Gott in uns!
+
+Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich
+darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des
+Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren.
+Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und
+Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die
+rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines
+ganzen Volkes.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Von fünf Lanzenreitern begleitet, reitet der Graf de Mora nach der
+betürmten Moreria, dem Maurenviertel. Er muß Salzedo finden. Da hört er
+sich angerufen. Sein Freund Hernando de Rojas drängt sich auf seinem
+Andalusier heran. „Pedro! Pedro! Man hat eine Spur Salzedos! Das
+heißblütige Weib, das um den Koran gekämpft --“
+
+„Reija?!“ Der heftig ausgestoßene Name verursacht einen Brand auf den
+Lippen des Grafen.
+
+„Ihre Ritter sollen ihn mitgeschleppt haben. Maurische List! Eine
+Geisel in ihren Händen!“
+
+Der Graf hetzte mit einem Spornhieb sein Pferd vorwärts. De Rojas
+konnte ihm nur mühsam folgen. Bald ragten die Mauern des Alkazars vor
+ihm. Hier wohnte der Imam Abu Atir. Vor dem zinnengekrönten Gemäuer
+drängte und schob sich das Volk wie Ameisen um ihren Bau.
+
+Der königliche Hauptmann wandte sich an einen der Maurenritter, die vor
+dem steinernen Tor standen, die Marlota, einen Brokatüberwurf, über die
+Schulter geworfen, in eiserner Wehr. „Ist der Imam Abu Atir im Hause?“
+
+„Der Imam? Mögen ihn alle guten Geister des Herrn beschützen, so Ihr
+Böses im Sinne habt, Hauptmann des Königs. Was wollt Ihr von ihm?“
+
+Noch ehe der Maure eine Antwort erhielt, schob sich die simsonstarke
+Patriarchengestalt des Imams aus dem Tor ins Licht.
+
+„Hadha! Dieser ist es!“ sagte der gewappnete Maurenritter.
+
+Der Graf senkte den Degen vor dem Greis. „Es soll Salzedo, der
+Hausmeister des Primas, in Eurer Gewalt sein.“
+
+Abu Atir lächelte klug. „Es soll der Koran, das goldne Buch Boabdils,
+in deiner Gewalt sein, Feta.“
+
+„Es ist des Königs Gebot.“
+
+„König Fernando hat Verträge unterschrieben: unser Glaube soll
+unberührt bleiben.“
+
+„Der König hat euch nicht den Glauben genommen, sondern nur Bücher.“
+
+„Oh, über das weite Gewissen eines Gottesmanns! Gebt den Koran zurück
+und wir geben euch Salzedo.“
+
+Da durchzuckte es des Grafen Herz. Aus dem Tor schritt inmitten der
+Sklavinnen das verschleierte Königskind. Eine der Frauen trug auf einer
+silbernen Tasse Milch und Salz.
+
+„Das ist unser Brauch,“ sagte Reija. „Nimm Halib und Milch, auf daß du
+in Frieden scheidest, Hauptmann des Königs.“
+
+Graf de Mora schüttelte den Kopf. „Ich danke Euch.“
+
+„Was beliebt?“ fragte Reija mit dunkelblitzenden Augen.
+
+„Ich möchte Salzedo frei haben.“
+
+„Feta -- du bekommst Salzedo, wenn ich den Koran bekomme.“
+
+Zorn und Bewunderung rangen im Herzen des Grafen miteinander. Ihm war,
+als straffte sich das Wesen der Jungfrau unter dem Druck der Gefahr.
+
+Abu Atir drängte sanft das herbe Mädchen beiseite. „Menge dich nicht in
+Männerworte, Reija, meine Taube.“
+
+„Ich will Worte machen um das Heiligtum meines Vaters, dem Gott
+allezeit weiche Kissen geben möge.“
+
+Der Graf besann sich, daß er von Ximenes den Auftrag hatte, den Handel
+unblutig zu lösen, wenn er nur Salzedo wiederbrächte. „Ich gebe Euch
+heute abend den Koran, doch Ihr müßt mir noch jetzt Salzedo ausliefern.“
+
+„Was soll der Hauch eines Mundes, der in die Luft geht?“ fragte Abu
+Atir geringschätzig.
+
+„Ich verpfände Euch mein Leben für mein Wort,“ sagte Graf de Mora.
+
+Da trat Reija hastig heran. „Das soll wiegen, Väterchen. Daß du es
+weißt, Feta, ich habe Salzedo unter meinem Bett versteckt, denn die Wut
+der Mauren hatte ihn überall gesucht. Dank’ mir’s, Feta, er wäre sonst
+nicht lebendig in deine Hände gekommen.“
+
+„Und ich habe Euch den Koran von Ximenes erbettelt. Dankt mir’s, Doña
+Reija, denn er wäre jetzt Rauch und Flammen. Seht hin!“ Er wies auf die
+Rauchsäule, die aus der Tiefe der Bibarrambla aufstieg.
+
+Abu Atir heulte auf: „Die Bücher brennen!“ Der Ruf widerhallte in den
+Herzen der das Haus belagernden Mauren. Aus Schmerzenslärm, Ingrimm
+und Wut stieß es sich heraus: „Zum Palast des Ximenes! Unsere Bücher!“
+Die brodelnde Masse der Burnusse wälzte sich wie ein weißer Brei
+die Feigenhänge hinab nach der Antequeruela. Vergebens rief der Imam
+seine warnenden Wehworte den Eilenden nach. Der Strom war im Gang, die
+Lava des Aufruhrs floß den Berg hinab in die Stadt. Von allen Seiten
+erscholl das fatalistische Insch’allah! aus dem Lärm der fließenden
+Haufen.
+
+Noch einmal forderte der Graf: „Gebt mir Salzedo!“
+
+„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und
+ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu.
+
+Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars
+erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen
+riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem
+Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand.
+
+Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk,
+und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die
+Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die
+Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden
+Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose
+Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter
+ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab.
+
+Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste
+drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb
+erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter
+des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden
+Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich
+steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts.
+Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten
+zum Widerstand anspornen.
+
+Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines
+Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die
+wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf
+nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er
+denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das
+die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er
+ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten.
+Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel,
+und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen
+Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der
+Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn
+er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“
+
+Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den
+Mauren als Geisel.“
+
+„Wofür?“ braust der Primas auf.
+
+„Für den Koran des Königs.“
+
+„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen.
+
+„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein
+leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir
+tauschen. Gebt den Koran.“
+
+„Das Weib ist ein Teufel!“
+
+„Sie ist eine Maurin.“
+
+„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren
+in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“
+
+Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die
+Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter
+geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit
+erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang -- wir haben den Mörder des
+Collados!“
+
+„Wer ist es?“
+
+„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“
+
+„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“
+
+„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet.
+Sein Dolch traf den Collados.“
+
+„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn
+dingfest gemacht?“
+
+„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben,
+den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm
+gefunden als diese drei losen Zettel.“
+
+Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte
+Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das
+wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte
+die Zettel zu sich.
+
+„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes.
+
+„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“
+
+Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden
+breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt
+ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken
+übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und
+Christenschädeln singt.
+
+Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald
+darauf blauen Flecken am Firmament.
+
+Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die
+Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei
+Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort
+wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das
+Geheul zum Orkan an.
+
+Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten
+Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne
+bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen,
+blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen
+lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über
+buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die
+Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut.
+
+Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da.
+So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares
+Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt
+dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren
+Leib, die gelbe Seide knistert.
+
+„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt
+noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu.
+
+Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete
+eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß
+du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne
+am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den
+Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung.
+
+Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich
+verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die
+Sinne.
+
+Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin
+eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden
+Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann
+erblickte.
+
+„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und
+ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte
+durchschlagen.“
+
+Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija
+erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich
+ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu
+hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er
+muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch.
+
+Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von
+ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie
+überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit
+blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir
+fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“
+
+„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt
+das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende,
+halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des
+Schleiers.
+
+Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott
+heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten
+Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht
+hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden
+Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr
+werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“
+
+„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei
+immerdar, wird dich dafür segnen.“
+
+„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“
+
+„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras
+haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“
+
+An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und
+Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter
+dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser
+flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit
+unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der
+sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich
+gequält von seinem Munde.
+
+„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch
+den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie
+ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt
+aus dem Bann reißen.
+
+„Er wird nicht frei sein,“ trotzte er bebend. „Lebt wohl!“ Er stampfte
+durch den Patio nach dem Tor, wo die Knechte seiner harrten. Sein
+ganzer Mensch war in heftigem Aufruhr. Er glaubte hinter der Mauer des
+Palastes ein jäh abschnellendes Lachen zu hören. Sein erster Gedanke,
+als die tobenden Gefühle verebbten, war: Ich wollte, sie wäre mir
+widerwärtig wie der Carrasco, die Stechpalme. Aber sie hat Augen --
+Augen! Die Steinfliesen unter seinen Reiterstiefeln tanzten, die Wände
+wankten, und die Nacht ringelte sich vor seinen Blicken zu glühenden
+Kreisen zusammen. Hatte er keine denkklare Stirn mehr? Ei, sie hat das
+an sich, was die Andalusier Amago nennen, ein drohendes: Nimm dich in
+acht! Der wie zum Sprung gespannte Leib, die lauernden Augen, die halb
+geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne drohten -- alles Amago!
+
+Er wußte nicht, wie er seinen Zelter bestieg, wie er die gaffende,
+gärende Menge durchritt.
+
+In der Alcazaba wachte ein erregtes Mädchenherz die ganze Nacht über
+dem Koran. Reija las sich die Augen müde an den Paradiesessuren. Neben
+ihr schlief Saffana. Das Königskind spürte Flammen neben sich lecken,
+aber sie loderten aus den schönen Augen des spanischen Feta. Was wollte
+der Feind mitten in den Suren? Immer wieder drängte er sich zwischen
+den heiligen Sätzen durch und zerbrach den mühsam abgerungenen Sinn der
+Prophetengesetze.
+
+Lange noch lag Reijas schwarzes Haupt andachtslos über den Koran
+gebeugt. Bis sie aufschreckte und durch das Säulenfenster nach dem
+Stück Himmel sah. Zu ihren Häupten erblaßte der Schweif des Skorpions,
+des Unglückssterns.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
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+Die Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen
+und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten,
+Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu
+laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht,
+sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in
+Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres
+draußen horchend.
+
+Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck
+der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die
+verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden
+durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen
+Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen
+Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines
+Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten
+Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung
+der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden
+Arabers poetische Triumphe feierten -- alles war in einen Haufen Asche
+versunken.
+
+Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das
+erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen
+bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten
+in gelblich fahlem Licht.
+
+Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden
+vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die
+Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben,
+die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen
+und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die
+Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand
+besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten
+Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla
+ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar
+niederzulegen.
+
+Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse
+wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige
+Gobernador das Kommando übernimmt.
+
+Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen
+Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der
+Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, während sie nach der
+Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt!
+
+Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser
+erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt
+der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen
+schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch
+verdrängt wird.
+
+Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla
+spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines
+Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des
+Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken.
+Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers.
+
+Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen.
+Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen.
+Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich
+weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern
+und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die
+starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm
+entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet
+um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande,
+Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der
+Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen
+zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem
+Imam.
+
+„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben
+die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen
+gestillt werden, denn sie sind heilig.“
+
+„Es geht Ximenes um den Glauben!“
+
+„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur +sein+,
+der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte
+Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich
+weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und
+wenn es an die Gedärme gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut,
+ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist
+Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das
+Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft
+sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er
+wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“
+
+Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene
+Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“
+mahnt er wieder.
+
+„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und
+sie reiten unversöhnt auseinander.
+
+Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe.
+Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt
+verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien
+muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im
+gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt
+Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber
+von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers
+ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen.
+Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner
+Augen Glut mehr, als zu wärmen?
+
+Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon
+den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein
+Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“
+
+Doch der Graf hielt ihn zurück. „Bleib. Ich muß dich sprechen.“
+
+„Du hast mit Leon einen Handel gehabt?“
+
+„Kaum einen Wortstreit.“ Mora wurde flüchtig rot.
+
+Der Freund blickte durch die Säulchenfenster auf die gärende Stadt.
+„Diese Mauren haben trotz ihrer Zermürbung einen bewundernswerten
+Stolz. Ich habe Abu Atir sprechen gehört. Edler Geist! Er hätte einen
+Apostel Christi abgeben können. Doch Gott steckte ihn bestimmt mit
+Absicht in eine mohammedanische Haut. Ich habe ein heiteres Wort von
+ihm gehört: Ximenes glaubt, daß sich die Sonne verfinstert, wenn er
+sich räuspert.“
+
+„Ich will von den Mauren nichts hören,“ sagte unwillig der Graf,
+während er Degen und Schärpe wegwarf. Die schönen gestählten Glieder
+spielten freier, vom Druck des Panzerhemdes befreit. Er schritt
+mit gerunzelter Stirn auf und ab, rief nach Chispazo, jagte den
+Springteufel wieder fort und warf Gewandstücke da und dorthin.
+
+„Es wird dich also mehr freuen zu hören, daß Perez de Oliva eine
+Karawelle nach Hispaniola rüstet.“
+
+Der Graf schüttelte wieder den Kopf. „Auch damit wird nichts.“
+
+„Du willst nicht nach Haiti? Willst du hier immer Hammelfett riechen
+und Olla potrida essen?“
+
+„Lege dich auf den Diwan -- er ist maurische Arbeit --“
+
+„Von Mauren willst du, glaube ich, nichts hören.“
+
+Der Graf drückte den Freund mit einem kräftigen Arm in die üppigen
+Polster. „Wir haben Eswer Ben Zerragh gefangen.“
+
+„Die Stadt spricht davon. Man soll seine Berge nicht zu früh verlassen,
+sagt der vorsichtige Hirte.“
+
+Graf de Mora zog die Zettel aus seinem Brustlatz. „Der junge Ritter
+trug das bei sich. Worte des Aufruhrs -- aber seines Herzens. Du kennst
+dich in Canzonieros aus.“
+
+Hernando buchstabierte geläufig die Schrift und lachte. „Das wellt wie
+Wüstensand unter Samumfittichen. Verse aus einer verliebten Seele.
+Gazalun -- die Gazelle -- und er selbst ist Asadun, der Löwe. Er
+verliert seine Wildheit beim Anblick der schönen Reija --“
+
+„Heißt das wirklich Reija?“ fiel der Graf dem Freund gereizt ins Wort.
+
+„Reija, gewiß -- und sie wirft braune Beine im Tanz beim Mondenlicht --
+und da ist von einer königlichen Abstammung die Rede -- und da: Unter
+Hüterflügeln eines weißen Adlers sitzend --“
+
+„Abu Atir! Es liegt am Tag!“ Der Graf schlug heftig mit dem Degenknauf
+auf seinen Schenkel.
+
+„Es ist eine Muwaschaha, wie sie die Hirten in den Bergen singen.“
+
+„Ich weiß, wen er meint. Die Perle des Alkazars, die Agarenos nennen
+sie Ward.“
+
+„Ward? Das ist die Rose. Ei, ist es die, welche dein Degen --“
+
+„Laß das,“ unterbrach ihn der Graf hastig. „Es hätte jeder Kastilier an
+meiner Stelle ebenso gehandelt.“
+
+Hernando de Rojas wurde nachdenklich. „Das Schicksal nimmt sich oft
+seltsame Anwälte. Du hast also Salzedo gefunden?“
+
+„Ich verdanke den Fund dem sonderbaren Mädchen -- eben dieser Ward.“
+Und er erzählte dem Freund den Hergang.
+
+„So ist Salzedo einen Koran wert. Hm -- Don Pedro war früher nicht
+leicht zu einem Handel mit Mauren geneigt. Er befahl und es geschah.
+Vielleicht weil er immer nur mit Mauren und nicht mit Maurinnen zu
+tun hatte.“ Er lächelte listig. „Und diesen gefährlichen Ritt in die
+Alcazaba wagtest du um Salzedo, um Ximenes willen? Man muß sagen, da
+hast ein Herz für deine Spanier.“
+
+Mora drehte das Gesicht nach der zart gemusterten Stuckatur der Wand.
+Hernando ließ nicht locker. „Dein Entschluß, Hispaniola untreu zu
+werden, steht also fest?“
+
+„Das Land lockt mich nicht mehr,“ sagte der Graf geringschätzig. „Mein
+Degen sehnt sich nach maurischen Brüsten. Der Glaube ist bedroht. Der
+König hat recht: in diesem Augenblick gehören alle spanischen Ritter
+nach Spanien.“
+
+„Und um das zu erkennen, mußte zuerst eine Maurin vor deinen Augen
+ihren Koran verteidigen?“ Er zielte mit einem prüfenden Blick nach dem
+Freund.
+
+Dieser entzog sich wieder dem lauernden Auge. „Du mengst Dinge hinein,
+die nicht dazu gehören.“ Er vermurmelte ein paar grollende Worte.
+
+Da legte ihm Hernando die Hand auf die Schulter. „Du bist nicht
+aufrichtig.“
+
+Von den Minars erklang das Selam in feierlich gezogenen Tönen. Aus den
+Gassen scholl der Lärm der Empörer herauf. Don Pedro de Solar fuhr
+gequält auf: „Es gibt einen kleinen Fisch, er heißt Remora. Er soll das
+größte Schiff der Welt aufhalten können. Siehst du, so kann ein kleines
+Ereignis die größten Entschlüsse zum Stocken bringen.“
+
+„Das ist auf Hispaniola gemünzt?“
+
+Der Graf wurde plötzlich von weichen Gefühlen bewegt. „Ich möchte
+wieder in Mora sein, in meinem Carmen bei der Stadt, möchte den
+arabischen Springbrunnen rauschen hören. Meine Mutter hatte so viele
+arabische Märchen im Kopf.“ Er blickte verloren in das weiße Blenden
+der Albaycin-Häuser, während sein Fuß auf der Espartomatte ungeduldig
+spielte.
+
+Hernandos Blick nagelte den Freund fest. „Dich drückt etwas Bestimmtes.“
+
+Statt aller Antwort fragte Don Pedro: „Du hast viel Glück bei den
+Weibern gehabt?“
+
+„Ohne zu prahlen, ich hatte die Schönen von Salamanca, Sevilla,
+Barcelona, Toledo -- nein, das ist ja schon halbe Prahlerei. Ei, was
+geht dich mein Glück bei den Mädchen an?“
+
+„Ich möchte doch auch einmal eure Paradiese sehen,“ sagte der Graf, mit
+dem Finger weich über die samtne Decke streichelnd.
+
+Hernando machte Augen. „Jetzt fürchte ich um die Erdbeständigkeit
+Granadas. Don Pedro de Solar fragt nach den Paradiesen an einer Maja
+Brust!“
+
+„Schweig oder besser: rede! Stopple ein paar Abenteuer zusammen, wenn
+du sie nicht erlebt hast. Deine Tugend ist Wohlredenheit.“
+
+„Hältst du mich für einen geschwätzigen Amadis? Meine Abenteuer
+könnte ein ehrsamer Schreiber einem König als lustiges Buch zu Füßen
+legen. Man lernt im Schatten der Schulbank von Salamanca mehr als den
+Juvenal. Von der stolzen Ines herab, die ihr Schloß durch Feuerwerk
+für mich beleuchten ließ, bis zur schönen kupferhaarigen Dolores, die
+so wunderbar faul war, daß sie ein Esel darum beneidet hätte, und die
+nur Fetzen am Leib hatte statt Seide, habe ich alle Zwischenstufen von
+Schönheiten genossen. Und doch rate ich dir, wenn du Vergnügen höher
+schätzest als Liebe, so nimm dir eine Maurin in dein Bett. Es sind
+weichschenklige Weiber.“
+
+„Bist du bei Sinnen?“ empörte sich Don Pedro.
+
+„Du hast Midashände, darauf fliegen die Maurinnen wie die Hennen aufs
+Futter. Sie sind flüchtige Schmetterlinge, eilen von Genuß zu Genuß,
+ihr Tag- und Nachtwerk ist küssen, küssen. Auch verstehen sie es, keine
+Kinder zu kriegen, denn an diesen könnte deine Liebe einst bitter
+leiden. Man sagt ihnen freilich nach, daß sie die Männer bald ermüden
+und sich wie Delila ihrer Stärke freuen. Aber was tut’s! Sie schwelgen
+an den Tafeln des Lasters, und die Tugenden ihrer Mädchen sind Masken,
+die gelüftet eine abgefeimte Dueña zeigen.“
+
+Der Graf ballte die Fäuste. „So kann’s nicht sein, so nicht!“ In der
+Angst, sich zu verraten, änderte er den Ton. „Wie erwirbt man so
+flüchtige Liebe?“
+
+„Der eine tut’s in Versen, der andere mit Blicken, der dritte greift
+keck zu und überrennt ihren Leib. Auch eine Kupplerin kann gute Dienste
+tun. Die Mauren schätzen ihre Frauen als Weib, Kind und Dirne ein.
+Solch ein Mischmasch ist gerade für die Stunde gut, da dem Christen
+der Adam um die Lenden kitzelt. Doch hüte dich, aus einem Zeitvertreib
+Ernst zu machen. Die Busenwärme eines braunen Kindes soll dir schwere
+Gefühle abschütteln, nicht dich damit beladen. Auch hüte dich vor den
+vornehmen Mädchen, sie werten jeden Christenblick wie den eines Piraten
+und sind leichter reizbar, durch ihre Fetas verwöhnt, die einigen Sinn
+für echte Caballeria haben. Der Zufall hat dir Beweise des maurischen
+Rittertums in den Versen dieses Abencerragen in die Hände gespielt. Auf
+solche liebeklingende Werbung fällt leicht eine Agarena hinein.“
+
+„Also Maurin und doch nicht.“ In des Grafen Brust kochte es.
+
+„Ich will den Tag mit Henna anstreichen, da ich vor Mora über Maurinnen
+sprechen durfte, ohne daß es ihn überlief. Sonderbar -- Hispaniola
+verweht -- dafür verteidigst du Maurenmädchen --“
+
+„Eswer Ben Zerragh soll hängen!“ brauste es plötzlich wie ein Zyklon
+aus dem Munde des Grafen.
+
+Da griff sich Hernando an die Stirn. „Ah! -- Es ist am Tage! Deine
+Wange in Glut! Der hilfsbereite Degen! Eswer soll hängen! Der Blitz
+zündete und traf! O ich blinder Maulwurf!“
+
+Graf de Mora saß auf einer Truhe, das Kinn in die Hand gestützt.
+Er wußte, daß ihm der Freund das Geheimnis entreißen würde, und im
+Grunde wollte er es auch. Die Beladenheit seines Herzens drängte
+nach Mitteilung. Und Rojas war der Treuesten einer, zugleich geübt
+in Galanterie, beredsam, geschickt, alles in allem ein brauchbarer
+Helfer in einer Sache, die des Grafen Herz in ein Chaos zu verwandeln
+im Begriffe war. Nur ein Knabe hätte jetzt noch an Ausflucht denken
+können. „Sie ist schön,“ sagte Mora, und es klang wie ein offenes
+Bekenntnis.
+
+Hernando zuckte die Achseln. „Die Mauren vergleichen sie freilich mit
+Canopus, dem seltenen Stern. Du müßtest sie unverschleiert sehen.“
+
+„Ich habe sie gesehen,“ stürzte Don Pedro glücklich heraus. „Ihr Wert
+ist größer als der ihres Schleiers. O Hernando, was rätst du mir?“
+
+Rojas mußte sich zuerst sammeln. Es kam zu unerwartet. „Gebe mir
+Gott den richtigen Augenblicksverstand, damit ich nicht daneben
+sinne. Deine Lage ist heikel, wenn du diese Schönheit ernst nimmst.
+Du bist königlicher Hauptmann, erster Soldat des Gobernadors, hast
+Kriegsverdienste, bist Grande, kannst ohne Genehmigung des Königs
+nicht vor das Gericht gestellt werden, stehst bedeckten Hauptes vor
+dem König, dein Platz bei den Cortes ist hinter den Prälaten -- das
+alles macht dich groß, aber es hindert dich, frei zu handeln. Ximenes
+bereitet Schläge gegen die Mauren vor, und du sollst mithelfen --“
+
+„Er wird nicht über mein Herz schreiten dürfen,“ sagte Don Pedro
+erregt. „Ich war ein Leben lang auf falscher Fährte. Diese Mauren sind
+in ihrem Glauben ebenso stark wie wir. Tendilla, Talavera, Osuna, Orgaz
+beugen sich vor der Kraft ihrer Überzeugung. Ich stürmte blindlings an
+ihr vorbei, nahm gedankenlos hin, was mir die Überlieferung als eine
+Selbstverständlichkeit hinlegte.“
+
+„Über deinem Haupt hängt eine Wolke,“ mahnte der Freund. „Flieh, ehe
+ihr Donner dich vernichtet.“
+
+„Es gibt Wolken, denen der Mensch nicht entfliehen kann. Sie eilen zu
+schnell.“
+
+„Schwer wird man deine Wandlung verstehen. Du standest an der Spitze
+der Maurenhasser. Wer hat ihn zum sanften Schäfer gemacht? wird man
+fragen. Auf jeden Fall hüte dich, deine Wandlung vor den Augen der
+Familiares zu zeigen. Die Liebe einer Maurin ist ein gefährliches
+Himmelsgeschenk. Aber im Grunde bist du ein fallendes Blatt, vom Sturm
+an die Schöne herangeweht, du atmest ihre bestrickende Nähe und siehst
+vielleicht noch nicht die Netze, die dir gestellt sind.“
+
+Eswer wird in neun Tagen frei sein! Der Lockton schwang an des Grafen
+Ohr. Und die Augen, die Zähne, die sie dabei zeigte! O ihre Schönheit
+warf glühende Bälle nach ihm und er vermochte kaum klar zu denken.
+Doch plötzlich sprang es ihn an. „Du kennst die Geschichte des
+Abencerragen, Hernando. Er hat in Notwehr gehandelt, als er damals den
+Schergen verwundet -- doch nun hat er freilich einen Alguacil getötet.
+Vielleicht auch aus Notwehr. Und wenn nicht -- ein kastilischer Ritter
+hätte nicht viel anders gehandelt, wenn er einen Landsmann von Feinden
+bedroht gesehen hätte.“
+
+Der Freund lächelte. „Du suchst schon nach Entschuldigungen. Trefflich!
+Bei San Isidoro, man muß an Wunder glauben, der Wolf ist zum Lamm
+bekehrt. Und das alles aus den Feuergründen eines Weiberauges! Pedro,
+Pedro, du hast lange den schönen Blitzen widerstanden, aber nun treffen
+sie dich um so unbarmherziger. Das Weib rächt sich durch ein Weib. Sei
+auf der Hut! Es laufen so schöne Majas in Granada herum, daß dir um
+dein Herz nicht bange zu sein braucht. Aber laß diesen wahnwitzigen
+Gedanken fallen: eine maurische Königstochter!“
+
+„So gilt das Edle weniger als die billige Ware einer Liebesnacht?
+Hernando, nun kenne ich dich nicht mehr. Alfonso der Sechste war es,
+der eine maurische Fürstentochter zur Gattin erhob, vor maurischen
+Schönheiten senkten christliche Ritter einst ihren galanten Degen --
+o geh, geh, du hast deine Zeit in Salamanca an schlechte Weisheit
+verschwendet. Die Erde wird nicht aus der Achse fallen, wenn ein Gott
+zwischen zwei Religionen Versöhnung predigt.“
+
+„So weit bist du schon, Pedro? Und mit solchen Gedanken willst du als
+königlicher Hauptmann die Rattenwinkel der Empörung säubern?“
+
+„Weg mit dem Amt, das mir das Herz beengt!“ flammte der Graf auf.
+
+„Du -- den Degen niederlegen -- in die Hände des Königs? Dieses Königs?“
+
+„Soll ich nicht prüfen dürfen, wo das hartbedrängte Volk geirrt? Man
+sollte die Mauren doch auch mit den Waffen des Geistes besiegen können,
+des Geistes, den Spanien in seinen Hochschulen großzieht.“ Mora begann
+fremdartig zu schwärmen. „Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich
+wehrte und zur Heldin wurde. Möge kalt wägender Verstand hier unheilige
+Glut erklügeln, ich glaube dem Feuer aus diesem reinen Mund.“
+
+„Du dampfst wie kochender Wein! Ich will nüchtern bleiben. Noch ist
+nichts geschehen, als daß dein schwer zündbares Herz endlich Feuer
+fing. Aber man fliegt nicht ungestraft mit wächsernen Flügeln einer
+Sonne zu. Männer, die nie geliebt, wirft die Liebe um so leichter um.
+Mach’ doch um Christi willen keinen heiligen Altar aus deinem Gefühl.
+Leb’ wohl!“ Er klirrte in die Kühle des Korridors hinaus und ließ den
+Grafen in einem Gewoge selig-unseliger Bedrängnisse zurück.
+
+Hernando hatte recht, es war noch nichts geschehen. Aber dieses
+herzaufwühlende Gefühl, daß etwas geschehen könnte! Der Graf ließ sich
+davon überrieseln. Er stand beim Fenster. Der Moderduft des Herbstes
+drang aus dem Garten des Generalifes in seine Sinne. Fern schimmerte
+der Schnee des Picacho de Veleta, tief unten rauschte leise der Darro.
+Bald mußte er mit gelben Regenfluten daherbrausen --
+
+Der Graf spannte das Auge nach der Darrostraße. Eine Dame ritt daher,
+gefolgt von Rittern. Leonore de Uceda! Welch schmachtenden Blick
+warf sie herauf! Der Graf zog sich in den Schatten zurück. Dieses
+liebebettelnde Abenteuerweib kam zur Unzeit in seine Gedanken geritten.
+Er schüttelte das Bild von seiner Seele, denn es wog zu leicht und
+wurde von keiner Tugend geziert.
+
+Dumpf läuteten die Glocken. Es mochte wieder ein Auflauf im Gange
+sein. Don Pedro durfte bis zum Abend ruhen. Er drückte das Haupt in
+die arabischen Diwanpolster. Eswer wird in neun Tagen frei sein! klang
+es wieder an sein Ohr. Und seine Müdigkeit zerriß. Er wird nicht frei
+sein! tobte der Trotz in ihm. Er ist dein Liebhaber, schöne Gazelle der
+Agarenos! Und ich werde nicht die Torheit begehen -- ei, was für eine
+Torheit? Ach, Gedanken sind Würmer, die am Mark des Menschen zehren.
+
+So drohte sein Gemüt in den Niederungen des Zweifels und der Eifersucht
+zu ersticken.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Reijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines
+zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da
+stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches.
+
+„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“
+
+Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins
+Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“
+
+„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie
+dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die
+schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur
+von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug --“
+
+„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit.
+
+„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid --“
+
+Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer
+Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla -- Gott erleuchte sein Herz, wie
+er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten,
+begleitet von seinem Hauptmann --“
+
+„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen.
+
+„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll
+Licht.“
+
+„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus.
+
+„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs
+neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht
+auf -- und da -- o daß ich es noch einmal sehen könnte! -- da wirft
+der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist
+mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König
+Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich
+an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze
+-- die Waffen sinken zu Boden -- der Graf -- Gott gebe ihm Gärten und
+Paläste und tränke seine Herden! -- der Graf läßt durch Reiter eine
+Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei
+Söhne reiten durch die lebendige Gasse -- und der Graf ruft: ‚Diese
+meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit
+angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad
+nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf --
+Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für
+sein Leben.“
+
+„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den
+schönen Lippen.
+
+„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador --
+ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man
+sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen
+Gott loben, denn er hat ein sichtbares Zeichen gegeben über sein
+zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf,
+er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen
+errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und
+ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“
+
+In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und
+schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten
+sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt
+auf dem Untergrund des dunklen Samts.
+
+Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen
+brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“
+
+Saffana brachte Teppiche und Diwan in Ordnung. „Talavera?“
+
+Reija kräuselte die Lippen in Unmut. „Den, der uns den Koran brachte.“
+
+„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen.
+„Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er
+ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“
+
+„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin.
+
+Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung
+ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein
+Weib an.“
+
+Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen
+christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt,
+stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“
+
+„Freilich -- damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten
+des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der
+Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie
+gefällt er dir, Tau der Wüste?“
+
+Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber
+sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. Es war so
+schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen
+Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“
+
+Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber
+ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie
+die Sklavin.
+
+„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute
+einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“
+
+„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn
+herum aber sah ich Flammen.“
+
+„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“
+
+„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das
+Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel -- da erwachte ich
+und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“
+
+„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“
+
+„Aber was soll die Flamme um ihn?“
+
+„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“
+
+Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum.
+Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl
+-- sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er
+einem den Koran gebracht?“
+
+Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen
+möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott
+für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch
+wenn er stirbt.“
+
+Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie
+rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der
+Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir
+den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl
+schöner als der Graf.“
+
+„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das Echo. Aber
+das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel
+ihres Gefühls zu lösen.
+
+„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh
+zurück.
+
+Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich
+segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“
+
+Noria, die Schiefrückige rief zum Bad.
+
+In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der
+Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und
+Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus
+silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden.
+
+Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs,
+keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen
+die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos
+gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar,
+sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern
+und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang
+war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift.
+Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten
+sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten
+dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem
+Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein
+glücklicher Falter nahte.
+
+Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen,
+ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern,
+wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare
+Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es
+mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden
+Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte
+Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin
+fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten
+Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser von
+Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut
+rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen,
+ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen.
+
+Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit
+natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an
+ihr bebte.
+
+„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd.
+
+„Was ist es mit ihr?“
+
+„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins
+Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den
+Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“
+
+Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom
+Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die
+Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine
+fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden
+Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines
+goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den
+fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes
+Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras.
+
+Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß
+zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es
+möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den
+Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand.
+„Das Gewand!“
+
+Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie
+erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie
+legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin
+ein jemenitisches Liebeslied summte.
+
+Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das
+stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein
+sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine
+Riesensphinx dalag.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+Die Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der
+Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter
+nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus.
+Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche
+Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten
+brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den
+Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am
+selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches
+Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig
+entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach
+Sevilla.
+
+Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen
+gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins
+Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche
+Licht zu einem Fünklein zusammen.
+
+Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in
+das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König --“
+
+„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin
+stürzend.
+
+Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit
+geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“
+
+Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur
+Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter --! O
+warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt
+haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und
+noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt
+einen eifernden Erzbischof.“
+
+„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella.
+
+Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl.
+„Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie
+Könige aus sich selbst sein!“
+
+Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis!
+Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des
+Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man
+uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“
+
+„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen
+den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er
+ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse
+Vergangenheit seines Vaters.“
+
+„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella
+auf.
+
+Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn
+laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit
+Eifer --“
+
+„-- und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin
+warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel
+herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone
+Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“
+
+Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die
+Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“
+
+Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu
+vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar,
+Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die
+beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten.
+Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick --“
+
+Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen
+gebären sich dann von selbst.“
+
+Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über
+der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar
+den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des
+Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er
+sich aufrecht.
+
+„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng verfurchtem
+Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen,
+gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist
+besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch,
+ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den
+Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst
+zu tun?“
+
+„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen
+Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig.
+Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst
+auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner
+erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf,
+damit meine Könige besser schlafen können.“
+
+Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns
+schmerzen,“ sagte sie weich.
+
+„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre
+Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“
+
+„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben
+Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben
+gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten -- und Ihr verbrennt die Bücher
+ihres Glaubens!“
+
+„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des
+Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an
+ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie
+sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich
+blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich
+das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut.
+Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des
+goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer
+Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft
+christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale
+der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man
+mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen
+Medizinen in mir sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in
+der eigenen Tat erblicken.“
+
+„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend.
+
+Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache
+alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch
+Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr,
+ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr
+Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen
+bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen.
+Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen
+Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine
+Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten
+hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds
+fortgepflanzt.“
+
+„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu --“
+
+„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich
+sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste,
+ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden
+wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s
+geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf --“
+
+„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon --?“
+
+„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz.
+Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein
+ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter
+dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein
+Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft.
+Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets
+meinem Rat williger das Ohr geliehen -- o sprecht für mich!“
+
+Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein
+Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges Schwert,
+Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren,
+aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“
+
+„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft.
+
+„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken
+aber bleibt unberührt.“
+
+Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken
+überwachen.“
+
+„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker
+werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns
+anklagen sollte. Leon ist allzu streng --“
+
+„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt?
+Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße
+legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der
+Kirche --“
+
+„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn
+flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert:
+die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die
+Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch,
+drängst du die Mauren übers Meer.“
+
+„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“
+
+„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der
+König.
+
+„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich
+nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser
+ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen
+stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten:
+Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“
+
+„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis.
+„Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt
+noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche
+werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und
+sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr
+schürt. Es könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib
+mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“
+
+Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht
+nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser
+Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada
+die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele
+gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“
+
+Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn
+ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe,
+bürgt Ihr mir für den Erfolg?“
+
+Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was
+spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo
+bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen
+Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die
+Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen
+Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch
+der gefährlichste -- gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die
+Seele des Aufruhrs.“
+
+„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf.
+
+Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen.
+
+Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten,
+der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein
+Schwert zu klopfen.“
+
+„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich
+halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien
+weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich
+nicht --“
+
+Der König reckte sich. „Was soll die Drohung?“
+
+„Der ganze Priesterstand ist in mir verletzt worden. Wenn’s dabei
+bleibt, wächst der Granden Stolz, der Mut der kühlen Denker. Weh Euch,
+weh uns! Kirchen und Klöster werden zu Ruinen und über Priesterleichen
+geht der Weg zur Macht.“
+
+„Ihr malt grell, Ximenes,“ sagte Fernando unbeirrt.
+
+„O viel zu blaß ist das Gemälde der Zerstörung. Wollt Ihr ein zweites
+Bild? Die Kirche auf der Seite der Granden? Rittertum und Geistlichkeit
+haben den Koloß geschmiedet, der langsam die Mauren zermalmte. Doch
+der Koloß kann sich, wenn’s sein muß, auch nach einer andern Richtung
+wenden. Im Rat der Cortes gilt meine Stimme noch.“
+
+Der König stand bleich unter dem Drohwort des Kanzlers. Dann schnellte
+er los: „Isabella! Was ist Freund, was Feind an diesem Hof? Weiß ich,
+ob, was die Zunge spricht, auch im Herzen geboren? Was heut uns dankt,
+dankt morgen einem andern.“
+
+Ximenes stand betroffen von dem jäh ausbrechenden Königsschmerz.
+Da trat die Königin zu dem greisen Freund. Sie fand ihre Stärke
+wieder. „Ihr seid ein spanischer Priester, die sind im Kirchenamt so
+hart erzogen wie im Kriegsdienst. Das ist vielleicht ein Gotenerbe.
+Drum drängt das Kämpferherz den Gottesmann in Euch zurück. Wir
+brauchen solche Schwertpriester, um den Spanier glücklich zu wissen.
+Ximenes, wir haben nichts zu wählen, nichts zu fürchten --“ Und in
+Gedanken setzte sie hinzu: als dich, Ximenes! Doch sie sprach ein
+zuversichtliches Wort. „Ihr sollt Vollmachten haben. Formuliert sie.“
+
+Ximenes atmete auf. „So hört: die Verträge mit den Mauren können
+unbedenklich für nichtig erklärt werden.“
+
+Fernando starrte den kühlen Forderer an. „Seid Ihr von Sinnen? An
+meinem Namen klebt das Recht. Es war ein anderer Fernando, den sie den
+Heiligen heißen, der mit den Mauren im Kampf lag, doch es war sein
+Stolz, daß er Verträge hielt. Die Gerechtigkeit umschimmert seinen
+Königsadel. Soll die Geschichte sagen, daß ein späterer Fernando
+Verträge brach?“
+
+Um die Mundwinkel des Kanzlers legte sich ein Zug unerbittlicher
+Schärfe. Die Augendeckel gingen langsam auf und ab. „Das Gewissen der
+spanischen Könige war nicht immer rein, dünkt mich. Ein Alfonso war
+es, der einen maurischen Königssohn vertrieb, bei dem er kurz vorher
+selbst Schutz gefunden vor seinen Feinden. Empfindliche Menschen
+nennen dies Undankbarkeit. König Pedro ermordete mit eigner Hand den
+Maurenfürsten, der als Gast bei ihm lag. Und hätte der Cid sich mit der
+geraden Treuherzigkeit den Lorbeer um das Haupt gewunden?“
+
+Zornig schnitt ihm Fernando das Wort ab. „Soll der Enkel nachahmen, was
+die Ahnen gesündigt?“
+
+Da rückte der Erzbischof mit gesenkter Stimme an das Gewissen seines
+Herrn heran: „Und hat dieser Enkel das eroberte Malaga vertragsrichtig
+behandelt? Schrien nicht Mauren am Marterpfahl, durchstochen von
+spanischen Ritterlanzen? Wurden nicht zwölf Juden mit Schilfrohren zu
+Tode gepeitscht? Nicht zwölftausend Mauren als Sklaven verkauft und
+alles, was maurisch betete, vertrieben? Und das Geschenk von vierzig
+maurischen Mädchen für die Königin von Neapel?“
+
+„Mahnst du mich daran, daß Priester deinesgleichen meine Ratgeber
+waren?“ stürmte der König grimmig auf den Primas ein. „Die Zeiten sind
+vorüber. Fortan soll der Maure an mich glauben können.“
+
+„Er tut es, indem er sich empört,“ lächelte der Erzbischof überlegen.
+„Hat ein solches Volk nicht das Recht auf Einhaltung der Verträge
+verwirkt?“
+
+„Wer trieb sie zur Empörung? Verletzte ihre Rechte?“
+
+Da richtete Ximenes den Asketenleib auf und sein Auge sprühte Triumph.
+„Und wer sagt Euch, Hoheit, daß dies nicht mit Vorbedacht geschehen?“
+
+Fernando starrte den Schrecklichen an. „Ihr -- habt --?“
+
+„Um sie zur Empörung zu reizen, verbrannte ich die Bücher und riß die
+Kinder von den Müttern. Die Aufgereizten mußten zu den Waffen greifen,
+man mußte sie zum Aufruhr treiben, um sie ins Unrecht zu setzen, denn
+einem Empörer hält man keine Verträge mehr, weil er selbst den Vertrag,
+den friedlichen, gebrochen.“
+
+Der König mußte sich fassen. „Bei Gott und Santiago! Das ist furchtbar.
+Dies auszusinnen, mußte erst ein Priester kommen. Ich brauche Zeit,
+dies alles zu überdenken.“
+
+„O handelt, handelt!“ stürzte Ximenes hervor. „Der Augenblick, das
+größte Werk der Christenheit zu tun, ist da. Wer ihn versäumt, klagt
+sich selbst vor Gott an. Man stelle die Mauren unter die Anklage des
+Hochverrats und der Vertragsverletzung, und im gleichen Atemzug wartet
+man mit Gnade auf, gibt den Empörern die Möglichkeit zur einzigen
+Rettung: Entweder Auswanderung oder Taufe! Der Maure hängt an seinem
+Granada, ich verpfände meinen Kopf, der größte Teil bleibt hier und
+fällt unserm Glauben zu.“
+
+Die Gesichter der Könige waren in Blässe getaucht. Das gewaltige Werk
+dieses staatsmännischen Kopfes stand wie ein Koloß vor ihnen und sie
+wagten nicht, seine Größe zu ermessen.
+
+Ximenes hielt die Seelen der schon halb bezwungenen Könige fest in
+seinen Händen. „Denkt an die Juden, die wir vertrieben! Es lag damals
+nicht anders.“
+
+Der König zuckte zusammen. Vor seinem Geiste schwebte ein Erinnern
+an die dunkelste Zeit der Herrschaft. Er sah die spanischen Juden
+auf den Knien liegen und er hörte die Silberlinge, die sie ihm
+für die Zurücknahme des Vertreibungsediktes anboten, im großen
+Sammelbeutel klirren. Dreißigtausend Dukaten lagen dann wohlgezählt
+auf dem Marmortisch des Audienzsaales. Schon wollte Fernando um des
+Riesenschatzes willen Gnade üben -- da warf sich der glaubenswütige
+Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor den König hin: „Judas hat
+Jesus um dreißig Silberlinge verkauft, Eure königliche Hoheit wollen
+ihn neuerlich um dreißigtausend verkaufen.“ Und er warf das Kruzifix
+auf den Tisch. Das weckte den König. Er ließ das Geld unberührt und
+achthunderttausend Juden mußten auswandern, ihr Vermögen fiel dem
+Kronschatz anheim. Die Erinnerung griff an das Königsherz. Ximenes
+mußte es aufs neue durchwühlen.
+
+„Die Welt muß der Stimme gehorchen, die von Nazareth kam. Will mein
+König auf den Ruhm verzichten, Europa von den Irrgläubigen gereinigt zu
+haben? Und zudem --“ seine Stimme wurde bohrendes Geflüster -- „Spanien
+braucht Geld, und es ist aus den Mauren herauszupressen. Macht Euch zu
+Freunden des ungerechten Mammons. Die Mauren sollen Glauben und Geld
+lassen.“
+
+Der König fühlte, wie sein Gewissen pochte. Er sehnte sich nach der
+Schirmerhand der Kirche. „Laßt Messen lesen für die Not unseres
+Herzens! Wie sollen wir anders können, wenn der erste Priester des
+Reiches unsere Tat auf sich nimmt! Verfaßt das Edikt: Taufe oder
+Auswanderung!“
+
+„Taufe oder Auswanderung!“ Mit glänzendem Auge wiederholte es die
+leicht gewonnene Königin.
+
+„Noch eines,“ sagte Ximenes. Und sein Blick lauerte in die Herzen
+der Könige. „Wenn man den Auswanderern den Geleitbrief bis an die
+afrikanische Küste gäbe, dann wäre Gelegenheit, sich ihrer -- nach der
+Ausschiffung auf rasche Weise zu entledigen. Man macht sie nieder --“
+
+„Seid Ihr von Sinnen?“ schnellte die entsetzte Königin empor.
+
+Fernando aber durchbohrte den schrecklichen Ratgeber mit einem
+furchtbaren Blick. „Ist das ein Priestergedanke oder --?“
+
+„Der Herzog von Medina-Sidonia riet es. Er hat mehr Klugheit als Herz.“
+
+„Und Ihr gebt Euch zum Anwalt dieser Klugheit her? Dann soll das Herz
+bei Königen zu finden sein. Nie wird das geschehen, was Ihr sinnt. Der
+Maure baue auf ein Königswort.“
+
+Ximenes’ Herz rollte sich zusammen. So mußte er eben mit dem kleinern
+Erfolg zufrieden sein. Seine Neider konnten wenigstens nicht mehr mit
+der königlichen Ungnade triumphieren. Er reckte und streckte sich.
+„Unser Gebet ist: Christi Geist komme und belebe die Mauren. Spanien
+ein Volk, ein Land. Nicht Freiheit, sondern Reinheit des Glaubens!
+Zu Hirten setzte Gott die Bischöfe ein, vertraut also dem einen, der
+Euch die Herde vermehren hilft und die räudigen Schafe ausstößt.
+Glaubt mir, der Kirche Geist kennt keine Schwäche, alle natürlichen
+Erschütterungen, die Prüfungen Gottes, wird er überwinden. Straucheln
+wir auch, wir erheben uns wieder und setzen gewaltiger unsern Weg fort.
+Niemand wird das Geheimnis unserer Macht lösen können, denn wer könnte
+Gott enträtseln?“ Er verneigte sich vor den Königen. Diese küßten dem
+ersten Diener Gottes die Hand.
+
+„Ihr sollt morgen das Hochamt zelebrieren,“ sagte die Königin. „Dann
+kehrt nach Granada zurück. Wir folgen bald.“
+
+Draußen erwartete den Kirchenfürsten der getreue Ruyz. Aus dem
+strahlenden Gesicht seines Herrn las er den Sieg einer geistigen
+Schlacht.
+
+Ximenes ließ sich beim Großinquisitor Deza ankündigen. Der Primas, der
+noch vor zwei Jahren die Strenge der Inquisition verurteilt hatte, ging
+jetzt in ihr auf. Er stand mit seinem Kanzleramt nicht im Getriebe des
+Tribunals, er war nicht im Supremo, dem höchsten Rat des Gerichts in
+Toledo, aber er bediente sich seiner Macht zur Stärkung der eigenen.
+Die bewegende Kraft ging von ihm aus. Er trat infolge seiner hohen
+geistlichen Stellung mehr vor das Volk als der in den Geheimzimmern
+wirkende Großinquisitor. Von Deza kannte man nur den Namen und die
+Auswirkung seiner Gesetze; Ximenes konnte man ins Auge sehen und konnte
+seine Tatkraft bewundern.
+
+Er ließ sich nun über den Guadalquivir zum Kartäuserkloster in Triana
+rudern. Dort wohnte Deza. Schon von weitem hörte man den zahmen Löwen
+brüllen, den der Großinquisitor selbst bei der Messe zu seinen Füßen
+liegen hatte. Sie traten in die klösterliche Zwingburg. Über einem
+Torbogen wehte die Fahne des heiligen Tribunals mit dem grünen Kreuz,
+das aus einer Krone wuchs, von Schwert und Ölzweig flankiert. Scheue,
+dunkle Mönchsgestalten schlichen die Mauer entlang. Irgendwo hörte man
+leises Wimmern, wie vom Winde verweht. Ein Schauer rieselte dem jungen
+Pater Ruyz durchs Mark. Er wußte, daß unter ihm die Folterkammer des
+Ketzergerichts lag.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Graf de Mora stand in Alkazar vor dem Imam, der in Gesellschaft
+vornehmer Mauren war, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf
+niedrigen Strohschemeln saßen.
+
+„Möge dir Gott die Gnade eines langen Lebens schenken, Feta,“ begrüßte
+Abu Atir befremdet den christlichen Gast. „Mir grünt nicht mehr Bart
+und Haar, darum vergib, wenn ich mich nicht erhebe.“
+
+Nachdem der Graf gedankt, sagte er kurz: „Ximenes ist zurück.“
+
+Der Imam fühlte einen Druck am Herzen. „Gesegnet sei sein Schritt, wenn
+er Gutes bringt vom König, dem Gott ein freundliches Alter bescheren
+möge.“
+
+Der Graf blickte zu Boden. „Es ist sein Wille, daß ich Euch in den
+Turm der Cautiva begleite, wo Ihr Eure künftige Wohnung haben sollt --
+Ihr und Doña Reija.“ Er stockte verlegen. Das Amt hätte Ximenes einem
+andern übertragen sollen.
+
+Abu Atir beugte seinen Leib weit vor, als hätte er nicht recht gehört.
+Die Mauren aber sahen einander bestürzt an. Und einer von ihnen fragte:
+„Was ist der Sinn dieser Botschaft?“
+
+„Hört Ihr die Fanfaren in den Straßen? Es wird das neue Edikt des
+Königs verlesen. Der König gibt den Aufständischen Gnade und erbarmt
+sich ihrer verführten Seelen.“
+
+„Aufständischen? Verführten?“ ging es von Mund zu Mund.
+
+Auf den Stützen zweier Maurenarme erhob sich statuenartig Abu Atir.
+„Der König von Spanien, dem Isa, der große Prophet, ins Herz blicken
+möge -- was läßt er uns durch die Posaune sagen?“
+
+Schonend, wie von Mitleid überschattet, klang die Antwort des Grafen:
+„Die Mauren sollen wählen zwischen Taufe und Auswanderung.“
+
+Wie ein Henkerbeil fiel das Wort in die Hirne der Edlen. Jäh
+aufflammende, wirre, unverständliche Worte flogen hin und her, und die
+weißen Burnusse gerieten in gefährliche Bewegung. Selbst einige Hände,
+von der Verzweiflung getrieben, griffen nach den Brüsten, als suchten
+sie nach den verborgenen Waffen.
+
+Da fuhr des Imams dunkle Stimme in die Bestürzung. „Bei den sieben
+Toren der Hölle! Bettet eure Herzen in den Polstern des Friedens. Der
+da will, es sei ein Morgen für euch, wird ihn heraufführen aus den
+Tiefen der Nacht. Mein königlicher Feta -- gepriesen sei der Herr, auch
+wenn er seine Schrecken sendet. Ihr sagt: Taufe oder Auswanderung. Also
+das, was vor sieben Jahren den Juden geschehen ist?“
+
+Graf de Mora nickte. Sein Blick verfolgte jede Bewegung der
+verzweifelten Mauren. Was nützten ihm am Ende die zehn Reiter, die
+unten im Hof sein Leben unter ihre Lanzen nahmen?
+
+Dem Greis traten die Tränen in die Augen. „Ach du, Hamet Zeli, und du,
+Almama, -- Osmar Ben Akbet -- blühender Zweig des Irak, du mein Moadh
+Ben Kordha! O ihr Männer, denen diese Erde Gottes herrlichstes Geschenk
+war, ihr sollt sie nun verlassen, das Eden der Mauren, wo eure Urväter
+geackert und gebaut haben, wo der Quell ihrer Weisheit entsprungen und
+die Flammen ihrer Herzen aufgeloht haben -- Granada verlassen!“
+
+„Wir verlassen es nicht!“ entlud sich eine wilde Brust. „Wir greifen
+wieder zu den Waffen!“
+
+„Zu den Waffen!“ brauste ein Sturm durch den Saal.
+
+Der Imam aber pflanzte sich vor dem Hauptmann des Königs auf. „Zurück
+von ihm. Achtet seiner, denn er ist der Sohn einer Mutter. Er ist der
+Überbringer der Gedanken eines Azaziel, dem die Gewalt zu klein ward
+und der im Übermaß der selbstgeschaffenen Dinge zugrunde gehen wird.
+Was schreit ihr nach Waffen? Sie sind wertlos.“
+
+„Wir haben die Geiseln des Grafen Tendilla!“ schrie ein Edler.
+
+Wie helles Wetterleuchten zuckte ein Jubel über die Gemüter hin. Alles
+geriet aufs neue in Aufruhr.
+
+Mit wuchtigem Schritt durchbrach der Imam wieder den Knäuel. „Laßt
+die Blicke im Geist auf den Palmen von Mekka ruhen! Wir wollen eine
+Zierde anlegen unserm Herzen, sie soll weit leuchten über den Verrat
+der Christen. Geht in die Quartiere, durchlauft den Albaycin und die
+Antequeruela, ruft es von den Minars: Es ist kein Gott außer Gott
+und Mohammed ist sein Prophet! Und wenn sie aufheulen wie die Wölfe
+vor Schmerz über das, was ihnen die christlichen Priester ins Herz
+schütten an brennendem Öl, so sollen sie doch nicht nach den Armbrüsten
+greifen, und keine Hand rühre die Geiseln an. Man schicke sie als
+Antwort der Mauren an den Grafen Tendilla zurück. Man gab uns Verrat
+und Treulosigkeit, wir geben Großmut zurück. Keine Hand beflecke sich
+mit Mord.“ Der Atem dampfte aus seinem Mund.
+
+Mit zusammengepreßten Lippen, den qualvollen Aufruhr im Herzen, standen
+Fakis und Fetas um den geliebten Santon. Dieser wandte sich nun
+keuchend an den Grafen: „Und -- was wollt Ihr -- von mir?“
+
+„Der Primas von Spanien befiehlt, Euch in die Alhambra zu bringen. Ihr
+sollt in vornehmer Haft --“
+
+„Haft? Ein Mahbus, ein Gefangener --? Ist das der Sinn?“ Er zuckte
+zusammen. Und dann klagte es sich leise von seinen Lippen: „Es wird ein
+Wehklagen sein in Granada, das bis in die sieben Himmel dringen wird.
+Es werden Karawanen des Leids gerüstet werden, die werden ziehen übers
+Meer, bis in die Wüsten der Berber. Und hier wird man uns nehmen, was
+wir bebaut, aus jeder Ackerfurche der Vega wird ein Schrei springen
+nach uns: bleib! Doch wenn ihr bleiben wollt, Brüder friedlicher
+Gedanken, dann müßt ihr eure Knie beugen vor dem Taufwasser und müßt,
+was ihr sonst nur in euern Kammern Gott zuflüstert, den schwarzen
+Priestern im Beichtstuhl vertrauen. Und glauben müßt ihr an drei Götter
+in einem, müßt euch die Sinne verwirren lassen von den Trugschlüssen
+klügelnder Vernunft, müßt euch beugen vor goldenen Gefäßen und Sonnen,
+in denen der Leib Isas verschlossen ist. Aber, Brüder vor Gott und
+den Menschen, das mache jeder mit sich selbst aus. Wir verfluchen den
+Renegaten nicht, denn er wird innerlich nicht seinem alten Glauben
+absterben. Und ich? Oh, nicht wahr, ich habe euch Aufstand und Empörung
+gepredigt? Hab’ euch zugerufen: widersteht! Oder habe ich euch am Ende
+Worte des Friedens gesagt, euch empfohlen, die Geiseln zurückzugeben
+und die Christen zu beschämen? Ei, das wird der königliche Feta
+übelnehmen. Es ist vielleicht nicht die erwartete Antwort auf die Rute
+des irdischen Königs. Aber wie immer: es erhebe sich keine Waffe für
+mich und das unschuldige Königskind. Die Rose wird verblühen, wenn kein
+Erbarmer seinen Willen nach ihr streckt.“
+
+Das Wort stach wie ein Speer in die Brust des Grafen. Aber er kam
+nicht zur Besinnung über den Schmerz. Abu Atir verlor sich in seinem
+Weh. „Habe ich sie deshalb aus der Dunkelheit ans Licht gehoben? Eben
+erst öffnete sich der Kelch ihres Herzens für den Tau des Wissens, der
+Schönheit, der Musik und der Dichtkunst -- da greift das Schicksal hart
+in ihres Glückes Rad und wendet die Speichen in die Nacht zurück. Feta
+des Königs, ich beschwöre dich, wer wird diese Rose hegen und pflegen?
+Sie wird ihre Sklavinnen mitnehmen können?“
+
+Der Graf bejahte. „Sie darf täglich einmal zu Euch gehen und sie wird
+ihr Zimmer neben dem Euren haben.“
+
+Sonnenschein legte sich in das Auge des Imams. „O Gottes überströmende
+Gnade! Wie lange wird die Haft währen?“
+
+„Bis Gewähr gegeben ist für die Ruhe in Granada.“
+
+„Ein dunkles Wort, meint ihr nicht?“ sagte er zu den andern. „Befaßt
+euch mit der Antwort.“
+
+„Wir werden zum König gehen,“ rief Hamet Zeli aus, der Friedfertigsten
+einer. „Sollen Schakale der Wüste barmherziger sein als er?“
+
+Selbst den Grafen rührte die Treue der Edlen. Er wäre versucht gewesen,
+dem hehren Greis eine Gasse in die Freiheit zu öffnen; aber ein anderer
+Gedanke hob diese edle Regung auf: Reija kam in die Alhambra! Er gab
+sich einen Ruck. „Meine Reiter warten. Sie werden die Sänfte begleiten.
+In der Stadt liegen achthundert Kastilier, die getreuesten Soldaten des
+Königs, Männer von Alcala und Toledo.“
+
+„Habt keine Sorge,“ sagte der Imam mit hochgestrecktem Leib. „Mein Wort
+ist wie ein Königswort. In wenigen Augenblicken werden diese Fakis die
+Straßen durchlaufen und das Weh der Mauren stillen. Wieviel Bedenkzeit
+ist meinen Brüdern im Glauben gegeben?“
+
+„Bis zum ersten Tag des März muß Granada +einen+ Glauben haben.“
+
+„Ob sich Gott so schnell wird umlernen lassen?“ zweifelte Abu Atir
+mit leisem Spott. „Ob sie es glauben werden, wenn ihnen die fremden
+Priester zurufen werden: eins ist drei und drei ist eins? Einer von
+den drei Göttern ist der Vater, einer der Sohn, einer der Heilige
+Geist, und daß der Sohn Vater und der Vater Sohn sei und doch nicht
+Vater und nicht Sohn, daß ein Gott Mensch sei und ein Mensch Gott,
+und doch der Mensch nicht wie Gott? Und daß Gott gelitten hat, daß er
+Backenstreiche empfangen und gekreuzigt wurde, und daß er ins Grab fuhr
+und auferstanden ist -- ach, ob sie das so schnell lernen werden? Und
+viele werden so tun, als glaubten sie es, um nur nicht ihr geliebtes
+Granada verlassen zu müssen. Ei, wie hat doch dein guter Priester
+Talavera gesagt? ‚Ximenes erringt größere Erfolge als der König. Dieser
+hat nur Granadas Boden gewonnen, jener aber Granadas Seelen.‘ Kommt
+nach dem Zimmer des Pfaus. Ich werde dir Reija holen.“
+
+Und mit nassen Augen nahmen die Ritter und Fakis Abschied von dem
+Santon.
+
+Als der Graf neben dem Alten durch die Korridore nach dem Pfauenzimmer
+ging, hörte er das Wehklagen der Mauren aus dem Hof klingen. Aber bald
+entzückte sein Herz ein anderer Ton. Frohes Mädchenlachen scholl aus
+einem Zimmer. Und eine helle Lohe schlug in die Glieder des Spaniers.
+Denn da stand sie auch schon an der Schwelle und ihr Blick brannte nach
+dem schönen Unheilsboten.
+
+„Eswer Ben Zerragh ist nicht frei,“ war ihr erstes Wort. Und ihre
+Fingerspitzen spielten in der Luft.
+
+„Er wird auch nicht frei werden,“ antwortete der Graf halb erstickt.
+
+„Ich bat für ihn, und du kannst nein sagen, Feta?“ Ihre Augen waren
+voll unheimlicher Dunkelheit.
+
+Da erklärte ihr der Imam den Grund des Besuches. Reija erblaßte und
+zitterte. „Gefangen? Ja, glaubst du, daß das so leicht geht?“
+
+„Was wollt Ihr tun, Doña Reija?“
+
+„Kratzen und beißen wie eine wilde Hyäne und den würgen, der nach mir
+greift.“
+
+Abu Atir trat dazwischen. „Sie ist ein Kind,“ sagte er entschuldigend
+zum Grafen. „Vergebt ihr.“
+
+Da traten Tränen in ihre schönen Augen. Sie schlug die Arme vor das
+Gesicht, und die braunen Hände leuchteten aus der feinen Florhülle.
+„Ich soll -- nicht -- Saffana haben -- und keine Perlen -- Smaragde --
+Seide, Polster, Salben, Laute und Bücher?“
+
+„Alles dürft Ihr haben,“ schlug rasch des Grafen Trost in den Schmerz
+der Eitelkeit.
+
+„Werde ich ein schönes Zimmer mit Spiegeln in der Alhambra haben?“
+schluchzte sie jämmerlich.
+
+„Einen Raum, wo oft Euer Vater geweilt.“
+
+Sie tat einen Freudenschrei. „So will ich dir folgen, Feta. Und nicht
+wahr, du läßt manchmal einen zamoranischen Dudelsack vor meiner Tür
+spielen?“ Sie lief mit aufgeworfenen Händen in das Frauengemach, und
+man hörte sie mit den Sklavinnen erregt sprechen.
+
+Der Graf ging die Treppe hinab in den Sahat. Sein Herz klopfte. Er
+durfte der königlichen Agarena das Geleite geben. Lange mußte er
+warten. Er hörte den Springbrunnen eintönig rauschen und sah, wie die
+Schatten an den Hofmauern mählich wuchsen. Dann erklang Schreien,
+Wehklagen, Rufen -- jetzt mußte sie --
+
+Dicht verschleiert schritt sie die Treppe herab. Das fürstliche Wiegen
+der Glieder schlug dem Grafen in die Sinne. Die Sänfte verschlang sie.
+Dann folgte Abu Atir und endlich Saffana.
+
+In des Spaniers Herzen gingen die Wogen einer hochstürmenden See.
+Draußen brauste der Lärm der Mauren. Die Grausamkeit des neuen Edikts
+trieb alle Herzen in Verzweiflung.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+
+Jeden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck
+Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen
+der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort
+schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe
+Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer
+wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen
+Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und
+-- mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel,
+ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen
+warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich
+über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu
+Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit
+einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den
+Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht,
+ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen
+müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber
+dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem
+Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der
+Besessenheit? fragte er sich bang.
+
+Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in
+bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und
+zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag
+zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro
+von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der
+Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und
+Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die
+schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die
+Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm
+dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich lächelnd Ruhe. Der
+Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.
+
+Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada
+leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der
+Genil und der Darro schwollen an.
+
+Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren
+rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und
+Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen,
+ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten
+sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam
+einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng
+verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht.
+Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden
+konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort
+die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden
+Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie
+für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und
+man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten -- Monfis
+nannte man sie --, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten
+Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen,
+beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat
+wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam
+verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut
+wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge
+der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf
+den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter
+gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen
+die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die
+einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.
+
+Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg
+zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische
+übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte dies ‚Perlen vor
+die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und
+Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit.
+Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden,
+arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder
+und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die
+Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.
+
+Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den
+heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung
+wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des
+Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu
+grollen.
+
+Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend
+erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach
+vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse
+Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen
+lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht
+mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte
+die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben
+wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des
+Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten
+entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die
+Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken
+und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold
+umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger
+Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die
+Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten,
+beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen
+vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man
+einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria
+heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der
+Kläger vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht
+gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen
+Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba
+herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen
+Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und
+in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im
+Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst
+nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der
+Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte
+den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem
+weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach
+der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen.
+Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen
+Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten
+konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um
+das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner
+Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der
+eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne
+der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf
+sich dem schrecklichen Reinigungswillen.
+
+Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der
+Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von
+Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch
+bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken
+der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.
+
+Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft,
+die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der
+Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu
+werden.
+
+Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und
+durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du
+wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer sein als in der
+Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge.
+Man spricht in den Miradores davon.“
+
+Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“
+
+„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede.
+Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst
+der Gefangene einer Gefangenen.“
+
+„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf.
+
+„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen?
+Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet
+wissen.“
+
+Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der
+Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte
+er doch verraten. „Es ist wahr -- ich habe ihr weh getan -- sie hat
+ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr
+kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie
+längst im liebenden Schutz Castros.“
+
+„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf
+der Hut.“
+
+Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen,
+das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie
+Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche
+Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun
+stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine
+Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“
+
+Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“
+Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest
+mich da und sprichst kein Wort zu -- diesem.“ Er stellte ihr den Freund
+lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für
+dich.“
+
+Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige
+Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der
+Herbstnebel die Landschaft.
+
+„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott
+sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“
+
+Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig.
+
+„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt
+das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der
+Lustigkeit, des Gesanges.“
+
+Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem
+Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem
+Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte
+Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht
+allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte
+ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe
+trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien
+vorwärts kam.
+
+Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da
+müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“
+
+„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando.
+
+„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere
+Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“
+
+„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann
+man dich erringen?“
+
+Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte
+und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber
+einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38.
+Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will
+Saffana an deine Liebe glauben.“
+
+Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie
+verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern
+durch: „Du kommst mir nicht an.“
+
+„So küsse ich die Augen.“
+
+Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen
+spricht, ist kein Kußheld.“
+
+Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken
+Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben.
+„Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein
+Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und
+böser Dschinnen Neid erfahren.“
+
+Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen.
+
+„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein
+Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“
+
+„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“
+
+Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den
+Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da
+legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende
+auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die
+Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet.
+
+„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen
+geben, du aller Blüten süßester Honig du!“
+
+„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“
+lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du
+mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal
+des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber
+will Tränen haben.“
+
+„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen.
+
+Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns
+befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie
+Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die
+Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in
+den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin
+getan, daß sie so leiden muß?“
+
+„Du liebst sie?“
+
+„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan,
+ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie
+David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben?
+Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist
+zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar
+ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr
+Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht
+lieben?“
+
+Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den
+Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“
+
+„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser
+Königskind sieht.“
+
+„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft.
+
+„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin
+Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht.
+„Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie.
+
+Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ
+die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen.
+
+Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte
+sie Schläge empfangen.
+
+In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den
+Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin
+hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen.
+
+Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum
+daß er damit begonnen, trat der Graf ein.
+
+„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen
+die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“
+
+„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn.
+
+„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern
+zu tun.“
+
+„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte seine
+Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein
+Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man
+ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen
+führe?“
+
+Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben
+ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man
+wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab?
+„Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem
+Imam zu.
+
+Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die
+Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott
+verherrlichen möge?“
+
+„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe
+nehmen?“
+
+Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu
+Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich
+in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“
+
+„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren
+und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen
+sehen in Malaga.“
+
+Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin
+alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung
+wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“
+
+„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen
+Tiger zu schicken.“
+
+„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“
+
+„Aber es werden Euch Mauern umengen --“
+
+„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll -- ewig --?“
+
+„Man will sicher sein vor Euch.“
+
+Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes
+Väterchen!“
+
+Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, hinauf und
+hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt
+mich -- hier -- mit diesem Kinde --“
+
+„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“
+
+Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas.
+
+„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung
+aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt
+du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den
+Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es
+steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei.
+Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem
+Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über
+deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie
+fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist
+es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete.
+Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin
+gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein
+Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und
+wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im
+lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed
+auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen
+Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu
+den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide
+ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm
+abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“
+
+„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den
+bläulichweißen Mönchslippen.
+
+„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“
+
+„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der
+Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“
+
+„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen treiben. Sei
+duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“
+
+Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte
+Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“
+
+Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals
+bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das
+Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen
+der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf
+sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen
+Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will
+-- versuchen -- die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust,
+ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des
+Grafen lehnen.
+
+Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam,
+als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden,
+kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn
+Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste
+Augenblick konnte den Greis umwerfen.
+
+Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie
+ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner
+Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn
+überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr
+die entscheidenden Worte des Mädchens.
+
+Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon
+trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte
+Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will
+selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören,
+und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr
+getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“
+
+Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der
+Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner Seite
+weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem
+Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt
+dann statt einer Seele zwei gewonnen.“
+
+„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt.
+„Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu
+belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“
+
+Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese
+Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“
+
+Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die
+Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“
+
+Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer.
+
+Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den
+ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er
+flüsternd das Salve Regina vor sich hin.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+
+Kaum waren sie allein, griff der Imam nach den matt herabhängenden
+Armen des bleichen Königskindes. Wortlos streichelte er darüber hin.
+
+Reija bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.
+
+„Kaaba -- Mihrab -- Koran -- aus dem Herzen geworfen!“ lispelte der
+Greis.
+
+Das Mädchen warf das Haupt empor. Das starre Bronzegesicht belebte
+sich. „Weißt du, für wen ich Christin werde? Mit der frommen Gebärde,
+mit allem, was sichtbar ist an den Nasranije? Für dich, Väterchen!“ Sie
+legte das Wort wie ein kostbares Geschenk vor ihn hin.
+
+Die schmerzdurchtränkten Augen starrten sie an. „Was -- soll -- das?“
+
+„Ich muß dich retten. Ich will in die Alpujarras, wo die Monfis sich
+sammeln. Ich wiegle sie auf --“
+
+„Seele der Blumen -- bist du auf die Irrwurz --?“
+
+„Dein Elend schrei ich ihnen ins Herz. Abu Atir ist gefangen! Könnt
+ihr’s dulden? Die Tage Boabdils sollen wiederkommen, wenn wir nur
+einig sind. Ich wecke den wilden Löwen in ihnen, ich führe sie in den
+steinernen Palmenwald ihrer Moscheen, ich lasse die Scheichs heilige
+Kampfworte im Namen Boabdils sprechen. Der Herr, der den Pferden
+Mohammeds Windesflügel gab, wird auch meinen Worten Flügel geben. Die
+Granadiner verdorren ohne dich wie die Frucht ohne Regen. Der Jude
+Pereres wird mir Geld geben, ich schiffe mich nach Tanger ein, rufe den
+Kampfzorn der Berber an.“
+
+Abu Atir umschlang mit bebenden Händen ihren Leib. „Blume von Andalus
+-- mit diesen Händen willst du Ketten -- welch ein Dschin ist in dich
+gefahren? Du meine Hossané!“
+
+„Mit dem Feuer meines Herzens zünde ich die Gedanken der Rache in
+ihnen an. Und das Leid um die Glaubensbrüder wird einen Riesenbrand
+entfachen, der die Berge und Täler in ein einziges Feuermeer verwandeln
+soll.“
+
+Der Alte koste ihr gelöstes Haar. „Du flammender Wille -- du Riesin an
+Tugend, Gazelle an Leib, was für Kräfte traust du dir zu? Den Glauben
+der Nasranije erheucheln? Weißt du nicht, daß du verloren bist, wenn
+du entdeckt wirst? Daß sie dich in den Sanbenito stecken, auf dem Esel
+durch die Straßen jagen?“
+
+Ihre Züge spannten sich unerschrocken. Und ihre Augen starrten
+plötzlich in sich hinein. „Ghadban der Dichter hat den Kalifen
+Hadschadsch durch Wohlredenheit besiegt, so daß er ihn aus dem Kerker
+laufen ließ. Oh, was müssen das für goldtönende Worte gewesen sein!
+Ich will die Saiten meiner Anafine stimmen, daß ich ihn -- Ximenes --
+Leon -- oder besser --“ Sie hielt wie unter der Spannung ihres Innern
+die Gedanken an, um sie dann aufs neue durcheinander zu wühlen. „Es
+ist erst ein Saatkorn in mir -- es muß keimen -- zur Blüte werden.
+Es ist nichts Kleines unter der Sonne. Aus einem verirrten Kamel
+bei der Quelle Semsem entstand Mekka. Warum soll nicht aus einem
+Gedankenfunken eines Königskindes sich Granada entzünden?“
+
+„Du Herd wilder Wünsche,“ bebte der Imam. „Gib mir die Hand. Die
+Priester werden dich mit Dingen locken, die einem Weib gefährlich
+werden können. Wer soll als Christin für dich sorgen? Die Mauren
+wandern aus -- die Beni Mossad, Hamet Zeli, Chalad Ben Temin, alle die
+glaubensstarken, treuen Gefährten und Freunde, soweit sie nicht in die
+Alpujarras geflüchtet sind. Die Moriskos? Welcher von ihnen soll seinen
+Schutz --“
+
+„Das Morgen wird mit glühendem Sturmbrausen kommen -- ich bin bei dir!
+Ist das nicht himmlischer Trost? Und ich darf frei gehen und Pläne
+spinnen und langsam die Äste zusammentragen für den granadinischen
+Brand.“
+
+Der Greis sah sie bang-fragend an. „Was in diesen Augen glüht -- oh, es
+ist nicht das Feuer deines Vaters -- es ist die Leidenschaftlichkeit
+deiner Mutter --“
+
+„Meine Mutter!“ Reija schauerte zusammen. Ihre Gedanken griffen zurück.
+Das Stammeln an dem Mutterherzen war ihr nicht mehr in Erinnerung. Sie
+hörte oft von ihr sprechen, aber aus den Schilderungen ragte das Wesen
+der Mutter nicht mit der Weihe einer lebendigen Heiligen in ihr Leben.
+Doch nun schwang eine neue Saite in ihrer Seele. Sie sollte den Glauben
+der Mutter kennenlernen. Eine Neugier gebar sich in ihr, zu erfahren,
+wie ihre Mutter zu Gott betete. Es erfaßte sie gleichsam eine Lust, an
+den heiligen Geheimnissen der Christenheit naschen zu dürfen, ohne ganz
+in ihnen aufzugehen. Stark schwang ihre Seele im alten Glauben, dem sie
+unwandelbare Treue bewahren wollte, und sie stellte sich diesen äußern
+Wechsel bei Aufrechthaltung der innern Glaubenskraft rührend leicht
+vor. „Meine Mutter hat fest an den christlichen Gott geglaubt?“ fragte
+sie scheu-ehrfürchtig.
+
+Der Imam nickte. „Der duldende Geist Boabdils nahm keinen Anstand
+daran. Es hatten ja viele Maurenfürsten christliche Frauen.“
+
+„Und -- du?“ Sie fühlte zaghaft in die Seele des väterlichen Herzens.
+„Du würdest -- keine Duldung üben -- wenn ich --“ Sie stockte verlegen.
+
+In des Alten Antlitz lag die vornehme Ruhe des Weisen. „Was ein Mensch
+mit reiner Seele glaubt, ist vor diesem und jenem Gott heilig. Ich
+könnte nie anders glauben als: Es ist kein Gott außer Gott. Aber wie
+sollte ich dich verdammen, wenn du einmal -- ach, es ist ja nicht
+auszudenken -- o du Taube der Ziergärten -- Mondschein der Sommernacht
+du -- sieh doch, ihm, der die schwarze Ameise auf dem schwarzen Stein
+in schwarzer Nacht entdeckt, ihm bleibt nichts verborgen, und er wird
+auch die Winkel deines Herzens durchschauen --“
+
+„Und wird sehen, wie treu ich ihm bin! Mein Herz wird ein Sieb sein,
+durch das die christlichen Lehren rinnen werden, und es wird kein Satz
+darin zurückbleiben.“
+
+Der Diener des Gotteswortes legte die Hand auf ihr Haupt, und warm und
+väterlich flossen die Lehren von seinem Mund in das abschiednehmende
+Herz. „Sieh, Reija, es gibt einen alten arabischen Stamm der Fekariten,
+dem gab Gott Trug zum Geleite, und es hieß von ihm: Trau keinem
+Fekariten die Kamele, denn sicher kannst du sein, daß eines fehle. So
+halte es mit dem Trug der Christen. Sie werden auf ihre Weise sorgen,
+daß dein Vertrauen zusammenbricht. Sei wachsam wie der Hahn, den der
+Morgen nicht überraschen darf. Nahe dich nicht dem Fluß, wenn er
+austritt, und dem Menschen, wenn er böse wird. Aber merke auch: Böses
+wird nicht durch Böses ausgelöscht, denn wenn du zwei Feuer anzündest,
+löscht keins das andre aus. Entreiße dich der Knechtschaft des
+unsichtbaren Feuers, das Liebe heißt, denn es kann dich verbrennen.“
+
+Die Wache trat ein. „Die Zeit ist da,“ seufzte Reija mit überströmenden
+Augen. Und sie nahm Abschied von dem Geleiter ihrer Wege.
+
+In ihrem Gemach schickte sie die harrende Saffana nach dem königlichen
+Hauptmann, sie wolle ihn sprechen. Dann kauerte sie sich in einen
+Winkel. Und nun strömte wie Regen die Fülle der Gedanken über sie. Ein
+leiser Schauer überfiel sie, als sie die Tragweite ihrer Handlungsweise
+überdachte. Ihr Leben mußte fortan eine ununterbrochene Verstellung
+sein, und es stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie diesem trügerischen
+Spiel gewachsen sein würde. Aber lange konnte die Maske nicht getragen
+werden. Wenn der Frühling den Schnee in der Sierra Nevada fraß, waren
+die Wege in den Alpujarras wieder gangbar, und das Befreiungswerk
+konnte beginnen. In der Höhle von Cañor fand sich die erste
+Zufluchtsstätte. Von dort aus konnte man ins Horn des Aufruhrs stoßen.
+Oder man konnte auf Schleichwegen ans Meer fliehen -- hinüberschiffen
+-- den Vater wiedersehen -- und doch -- lauerte nicht die eifersüchtige
+Morayna, die Gattin Boabdils, auf ihre Wiederkehr? Also dort und hier
+Verderben! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie sich vor die
+Königin hinwürfe? Isabella, sagte man, habe Mitleid mit den bekehrten
+Frauen. Aber vor allem mußte doch der Feta -- dieser Don Pedro de
+Solar --
+
+Aus ihrem Innern stieg es wie Raubtierpranken herauf. Ein süßer,
+ziehender Schmerz verbreitete sich in ihrem Blut, und sie wußte dafür
+keine Gründe anzugeben. Sie überdachte des Grafen vornehmes Gehaben,
+seine männliche Schönheit, die Wandlung in seinem Wesen seit jenem Tag,
+da er sie vor den Händen des Priesters beschützt. Oh, was hatte damals
+für ein Feuer in seinen Augen geglüht! Und dann die kargen Fragen und
+Antworten, die ihm die Brust --
+
+Ein heißer Hauch beengte ihre Kehle. Sie begann ihre Glieder in
+Wohligkeit zu strecken, und ihre Muskeln und Nerven spielten. Sie
+entsann sich mancher Worte des Grafen, und sie klangen jetzt in ihr
+wieder, als wären sie vom Tau überrieselt. Waren nicht Wellen der
+Fröhlichkeit durch sein Wesen gegangen, als er von ihrem Entschluß
+der Taufe hörte? Ihr weiblicher Scharfsinn ahnte die hier schon kaum
+mehr verborgenen Zusammenhänge. Sie sprang auf und wiegte ihre Glieder
+in langsamem Schreiten, selbstgefällig, mit natürlicher Eitelkeit.
+Sie freute sich kindisch, daß sie von nun an auch ihr Antlitz
+unverschleiert zeigen durfte, wie es die reizenden Kastilierinnen
+trugen, die auf den Rossen stolz saßen oder auf den Miradores ihre
+dunklen Augen spielen ließen.
+
+Da tönten draußen die herrischen Schritte. Don Pedro de Solar stand auf
+der Schwelle. Hinter ihm schlüpfte Saffana herein.
+
+Reija warf schnell den Schleier vor das Gesicht, bog ihre Gestalt sanft
+in die Polster hin und verschränkte in natürlicher Selbstgefälligkeit
+die Arme.
+
+„Ihr habt mich rufen lassen?“ durchbrach der Graf mühsam seine
+Verwirrung.
+
+„Du bist mir böse, Feta?“ fragte sie lächelnd, ohne ihre Glieder aus
+der Lässigkeit zu lösen.
+
+„Es macht mir immer Freude, Euch zu dienen.“
+
+„Ich soll morgen zur Taufe gehen. Ich will meine Chilaa, mein
+Ehrenkleid, tragen. Man muß wohl das Kreuz machen, wenn man die Kirche
+betritt? So?“ Sie fuhr ungelenk mit den Fingern über die Brust.
+
+„Dreimal müßt Ihr Euch bekreuzen.“ Er zeigte es ihr.
+
+„Ich werde dort schöne Bilder sehen und den goldnen -- oh, wie heißt
+das große Gefäß?“
+
+„Kelch? Monstranz? Ihr werdet alles schauen. Zuvor wird Euch der
+Priester das Salz auf die Zunge legen, das Zeichen der christlichen
+Weisheit. Der Priester wird den bösen Feind in Euch beschwören --“
+
+„Ich habe einen bösen Feind in mir? Oh, so durfte mich doch kein Mensch
+bisher lieben.“ Ein berückender Blick fiel aus den großen Augen auf ihn.
+
+„Es +ist+ -- Evas Sünde, die von Euch genommen werden soll,“ sagte
+der Graf betreten.
+
+Der Schleier barg ihr Erröten. „Und was weiter, Feta?“
+
+„Pater Leon wird Euch vor dem Taufstein fragen, ob Ihr an Gott,
+Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und
+an vieles andere noch glauben wollt. Und Ihr müßt bei jeder Frage
+antworten: ich glaube.“
+
+Reija fühlte den Hauch eines Bannes auf sich liegen und über ihr Gemüt
+senkte sich eine schwere, schwarze Decke. „Weiter, Feta!“
+
+„Pater Leon gießt Euch dreimal Wasser auf die Stirn, salbt Euch mit
+Chrisam, hängt Euch ein weißes Tuch um und gibt Euch die Kerze in
+die Hand. Den Sinn der Handlung wird Euch Pater Leon später selbst
+erklären, denn er hat sich ausbedungen, Euch selbst im Glauben zu
+unterrichten.“
+
+Im Herzen Reijas schnürte sich etwas zusammen. „Oh, ich möchte so
+gern Talavera haben, den frommen Knecht Gottes, dessen Herz von Güte
+überströmt.“
+
+„Ich fühle es Euch nach. Doch auch Pater Leon hat viel Gewalt über das
+Herz.“
+
+Reija schwieg bedrückt. Dann sprang sie auf einen eiteln Gedanken über.
+„Darf ich den Schleier vor der Taufe abnehmen?“
+
+„Ihr dürft es schon jetzt,“ brannte der Graf lichterloh.
+
+Da löste sie behutsam das Gewebe los, ganz langsam, als wollte sie
+vorsichtig ein kostbares Gut enthüllen. Die sonnenwarme Haut drängte
+sich ans Licht und bald lag der Edelschnitt ihres Gesichtes vor den
+erstaunten Blicken des Grafen. Ihm war, als hätte sich die Madonna
+selbst in irgendeinem erneuten Erdenwandel offenbart. Er, der sich
+in Tyrannis und Haß gefallen hatte, starrte sie wie ein Gotteswunder
+an. In ihrem Blick lag eine keusche Verhaltenheit und doch schienen
+im Schmelz dieser Augen geheimnisvolle Versprechungen zu schimmern,
+behütet von einer natürlichen Würde. Sie schloß nun die Wimpern über
+die vielsagenden Sterne. Die feingezeichneten Lippen preßten sich fest
+zusammen, als wollte sie dem bedrängten Gefühl jeden Ausweg verwehren.
+Der Widerschein ihrer Innenglut entflammte ihre Wange und Reija wurde
+noch reizender durch diesen Zustand der Scham und Verwirrung. Sie
+erschien dem Grafen wie eines jener blütenduftenden Gedichte, das
+die spielende Phantasie des Arabers in den Augenblicken höchster
+Liebesfreude formt.
+
+„Ich darf auf dem Albaycin, in der Alcazaba wieder aus und ein gehen?“
+fragte sie, sich gewaltsam aus der Verlegenheit reißend.
+
+„Ihr dürft es.“
+
+„Und noch eines --“ Sie stockte einen Atemzug lang. „Eswer Ben Zerragh
+-- was ist mit Eswer Ben Zerragh?“ Sie bemerkte mit Genugtuung, wie der
+Name seine Züge zerriß.
+
+„Fragt nicht nach ihm, Doña Reija,“ antwortete der Graf mit beißender
+Schärfe. In seinem Gaumen klebte ein bitterer Geschmack und auf seiner
+Brust lag es wie Blei.
+
+„Ich muß wissen, ob sie ihn hängen werden.“
+
+„Er wird ewiges Gefängnis bekommen,“ schoß er den Pfeil nach ihr ab.
+
+Da trat sie dicht an ihn heran, daß er den bestrickenden Duft ihres
+Fleisches spürte und das heftige Wogen ihrer Brüste hörte. „Du kannst
+ihn -- nicht -- frei machen, Feta? Pfui!“ Ihre Augen lauerten wie vor
+einem Sprung.
+
+„Seid Ihr von Sinnen?“
+
+Reija schob Saffana kurzerhand aus dem Zimmer. Dann sprudelte sie es
+mit gefalteten Händen heraus: „Freund der Sonne! Du mußt ihn frei
+machen, Feta! Er ist so ein hübscher Jüngling und hat noch viel zu
+leben und zu lieben. Sperr’ einen alten Schaitan statt seiner in die
+Zelle. Eswer ist wie ein Gabriel und aus seinem Mund sprüht Zornfeuer.
+Sag’, ist er nicht schön?“ Mit jedem Satz rückte sie listig seiner
+Eifersucht an den Leib.
+
+Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche. Er sah ihre Zähne blitzen, sah
+die blutvollen, sehnsüchtig gespannten Lippen, und die Gewalt seiner
+Leidenschaft zerbrach ihm die Flügel der Gedanken. „Doña Reija -- fragt
+mich -- nicht mehr -- nach dem Abencerragen. Sein Name -- ist -- Gift.“
+Schmerzhaft stöhnte er es hervor.
+
+In ihr flammte ein Jubel. „Ei, wenn Blicke donnern könnten, man müßte
+es bis nach Damaskus hören,“ sagte sie mit einem Lächeln, das ihn noch
+mehr reizte. „Doch deshalb bleibt es eben, wie es ist. Eswers Auge ist
+drohend wie eine Wetterwolke über der Wüste. Und er schreitet selbst
+wie --“
+
+„Lebt wohl, Doña Reija.“ Der Graf verbeugte sich in furchtbarem innern
+Aufruhr und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Die Leidenschaft
+hatte alle Ritterlichkeit in ihm zerschlagen.
+
+Saffana stürzte herein. „Bei Mohammeds Bart! Bi smi allah! Was hast
+du mit dem Feta angefangen? Er ging wie ein abgewiesener Panther und
+fauchte mich in eine Ecke.“
+
+Reija stand mit hochwogender Brust, die Augen auf die Tür geheftet. Ob
+er wiederkommen wird? dachte sie. Sie lauschte hinaus. Als sie keine
+Schritte mehr hörte, jauchzte sie auf: „Er liebt mich! Er ist ganz
+närrisch vor Liebe! Was stehst und starrst du, Dienerin der Dschinnen?
+Er liebt mich, liebt mich! sag’ ich dir -- und ich -- o, o!“ sie zuckte
+zusammen, „-- ich soll ihn verderben!“ Der Schmerz warf ihren Leib auf
+den Polster hin und ein würgendes Schluchzen erschütterte ihre Glieder.
+
+Saffana stürzte erschreckt zu ihr hin. „Rose, Rose! Als Mohammed zum
+erstenmal im Paradies Gott entgegentrat, da fielen die Schweißtropfen
+des Propheten auf die Erde und verwandelten sich in Rosen. Oh, auch
+deine Tränen, Engel der Erde, werden sich in Blumen verwandeln. Ach,
+ich wüßte, wie dir zu helfen wäre.“ Sie lächelte schelmisch in die
+Tränen der Herrin hinein und fingerte leise streichelnd durch ihr
+gelöstes Haar.
+
+Reija hob schnell den verweinten Kopf. „So sag’ es schnell.“
+
+„Schems hosna, schöne Sonne, es müßte dich der pflücken, den du liebst.“
+
+Da knallte ein Wangenschlag. Aber durch Reijas Tränen blitzte ein
+Lächeln.
+
+Saffana aber sagte ungerührt und hart: „In mir weint kein Schmerz um
+einen Mann. Sie sind alle zusammen nicht eine Träne wert.“
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+
+Scharenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit
+Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der
+geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung
+wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen
+gewinnen, so und so viele täglich.
+
+Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt.
+
+An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne
+Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden
+in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge,
+Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke
+stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche
+hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten
+die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der
+christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung
+herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn,
+Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden
+standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen,
+überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von
+alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der
+Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen.
+
+Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der
+heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das
+Jesuskind im Arm.
+
+„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit
+vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben
+ihr stand.
+
+„Es ist auch Euer Name -- Maria,“ sagte er gepreßt.
+
+„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria --
+ich werde sie oft verwechseln.“
+
+Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob,
+trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die Reija befangen
+über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf
+sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen
+lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die
+Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr
+bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte,
+schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm
+war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers
+Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des
+Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit
+warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten
+Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte.
+
+Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was
+die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten.
+Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des
+Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form
+gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren
+Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald
+ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von
+Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel,
+und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war
+ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder
+hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen
+Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade
+rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter
+der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen
+Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte.
+Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte
+sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können?
+Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes --?
+
+Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende,
+kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick der Mutter,
+deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige
+Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das
+Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu
+verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden,
+halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte,
+sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie
+sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art
+Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob
+sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit.
+
+Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar.
+Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur
+Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen -- und alles fiel aufs Knie und
+der Gesang schwieg -- dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch
+-- sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie
+deutlich die Priesterworte: ~Domine, non sum dignus~ -- diese
+klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach.
+
+Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle
+schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über
+dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen
+verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille
+tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr
+Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den
+Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle
+Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und
+Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und
+Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre
+Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder
+nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein
+Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die
+Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah
+sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte
+man von nun an noch häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche
+Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das
+Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen
+in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne
+Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller.
+
+Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf
+versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem
+schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser
+Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor
+sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner
+Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen
+und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging
+mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war.
+
+Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte
+sie: „Maria heiße ich nun für alle -- Maria Calabreña -- auch für dich,
+Feta.“
+
+„Gefällt es Euch nicht so?“
+
+Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge.
+War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen
+Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue
+Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer
+strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr
+bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe
+ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem
+Doppelleben beistehen?
+
+Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am
+Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird
+Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee
+der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“
+
+Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das:
+~Domine non sum dignus~?“
+
+Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte
+der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja -- ich bin nicht würdig
+-- daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich
+es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht.
+
+„Ich will besser -- Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm
+heftigen Schmerz.
+
+„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu
+Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter
+meinem Nährvater.“
+
+Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen
+Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an
+den Wachen vorbei die Treppe hinauf.
+
+Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas
+fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen
+mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger
+denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der
+ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen
+Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu:
+„Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter
+Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen
+ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm.
+Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er
+löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten
+Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in
+die kalte Wintereinsamkeit.
+
+Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“
+Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von
+Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene
+in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“
+
+Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür,
+schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich hervor, wusch
+sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und
+räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr
+soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem
+Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die
+Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Die Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem
+Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht
+arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das
+ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der
+Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken
+herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre
+schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten
+Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau.
+
+Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf
+den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im
+Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte.
+Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in
+der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen
+Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und
+bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“
+
+Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen,
+so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr
+Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit
+einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die
+Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische
+Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast
+beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß
+die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze,
+die einen betörenden Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln
+pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen?
+
+Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer
+und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und
+Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in
+geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem
+Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel
+öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der
+Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie
+nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit,
+die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte
+das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die
+Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es
+als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit
+dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er
+erstehen.
+
+„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden
+Einfalt.
+
+Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr
+müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er
+verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das
+Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe.
+Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese
+eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles
+wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu
+unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art
+der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles
+wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere
+Arbeit gehabt.
+
+Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja
+manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt
+Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie
+Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“
+
+Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern
+Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll
+ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“
+
+Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben
+lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte
+und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“
+
+Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle,
+welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob
+Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht
+auf jeden Fall selig werden?“
+
+Der Dominikaner zog die Brauen hoch. „Das ist das faule Kraut der
+Duldung. Christus will alle Menschen sein nennen.“
+
+„Mohammed doch auch,“ beharrte Maria in kindlichem Eifer.
+
+Da ging eine Unruhe über das scharfgeschnittene Zelotengesicht. „Wer
+sich wehret gegen Christus, kommt nie zu ihm. Ihr könnt nicht von einem
+Licht beleuchtet werden, wenn Ihr den Kopf von ihm abwendet. Ihr könnt
+nicht bergauf schreiten, wenn Ihr talab gehet. Euer Wille bahnt dem
+Glauben den Weg. Es hat sich einer für Euch totgeliebt. Im Tabernakel
+liegt er verschlossen.“
+
+„Dort ist -- Christus -- der Herr?“ bröckelte es sich zweifelnd von den
+Lippen.
+
+„Das Lamm wohnet unter uns. Die weisesten Kirchenväter wußten das
+Geheimnis nicht zu lösen: Christus wahrhaftig in Brot und Wein.“
+
+„Es ist über alle Maßen groß,“ bekannte ihr redlich schlichtes Herz.
+
+„Es wird noch Größeres über Euch kommen. Aber aus dem Saulus ward ein
+Paulus. Der Heiland weint um Euch, da Eure Seele nicht zu ihm finden
+will. Die Könige des Morgenlandes kamen von weither, um das Kind zu
+suchen, und hier will ein Königskind ihn nicht finden, da er so nahe
+ist. Hier beim Tabernakel ist der wonnige Hain, wo zu lustwandeln
+Seligkeit ist.“
+
+Die blumige Sprache rührte an ihr Herz, sie klang arabisch vertraut.
+Sie senkte verlegen das Haupt, daß ihr schwarzes Haar sich wie eine
+schöne Decke vor den Blicken des Priesters breitete. „So will ich denn
+glauben,“ sagte sie flügellahm. „Und sagt, Herr, warum hat Gott den
+Heiland nicht befreit wie Isaak, der auch geopfert werden sollte?“
+
+„Das geschah aus unsagbarer Liebe zur Menschheit. Durch sein Blut hat
+Gott der Menschheit den Weg zu sich gewiesen, den Weg der Leiden.“
+
+„So sollen wir viel leiden auf Erden?“ erschrak sie in ihrer kindlichen
+Einfalt. „Und Mohammed hat uns viel Freuden hier erlaubt.“
+
+Die unselige Fragerin verstimmte den Vikar. „Freuden der Hölle!
+Männerliebe und Genußsucht. Mohammed müßt Ihr schmerzlos entsagen,
+denn ein kunstvolles Lügengewebe hat er Euch zusammengesponnen, hat
+Dinge aus der heidnischen, christlichen und jüdischen Religion in einen
+Topf geworfen und daraus einen Heiltrank gemacht, der in Wahrheit ein
+Gifttrank ist. Dazu bemühte er den Erzengel Gabriel vom Himmel herab. O
+wie sündhaft handelte der Prophet! Er war ein kurzsichtiger Betrüger,
+den jeder Laienbruder eines Bessern hätte belehren können.“
+
+Maria de Calabreña stach das Weh in die beleidigte Seele. Aber sie
+schwieg und verarbeitete heimlich den Schmerz um ihren Kinderglauben.
+Und Leon wühlte immer tiefer ihr Herz auf und sagte endlich, wenn
+ihr Gott durch Priestermund das scheinbar Unverständlichste zurufen
+würde, sie müßte gehorchen im guten Glauben an die Vollmacht des
+Stellvertreters Gottes. „Gedanken und Taten eines Priesters leitet
+Gott. Ihr werdet es erfahren. Ihr müßt recht oft zu mir kommen, macht
+Euch nicht selten wie der Stern Kanopus, jeden Tag um diese Stunde bin
+ich für Euch zu sprechen. Und wo Kreuze stehen, werft Euch nieder, ein
+jedes wird Euch zum Altar werden; jedes Gebet wird Euch ein goldener
+Apfel in silberner Schale sein. Eure Worte werden Engel wie Rosen
+aus Eurem Mund nehmen und in Kränze flechten wie bei der heiligen
+Rosalinde.“
+
+Das gefiel Reija wieder, denn es klang wieder arabisch anmutig. Und es
+troff noch in ihrem Herzen nach, als Leon fragte: „Habt Ihr noch etwas
+auf dem Herzen?“
+
+Aus dem Gewoge ihrer Gedanken hob sie einen heraus, der sie
+unvermittelt überfiel. „Ihr nennt Maria Mutter Gottes. Wer war dann die
+Großmutter Gottes?“
+
+Der Dominikaner rümpfte die Nase über die arge Scholastikerin. „Er
+hatte keine, wiewohl natürlich eine Mutter der Gottesmutter da war.
+Aber Maria wurde im Geiste beschattet.“
+
+„O lieber, guter Pater, ich fasse das nicht,“ gestand sie aus der
+Unschuld ihres Denkens heraus. „Es liegt zuviel in mir, was der Koran
+mir gegeben, das muß deine Lehre erst wegräumen. Hab’ Nachsicht mit
+mir.“ Und es schossen ihr beinahe die Tränen in die Augen.
+
+Da drängte seine Hand nach ihrem Antlitz, als wollte er ihr Naß
+trocknen. Doch er besann sich. „Ihr müßt erst aus der Nacht Eures
+Gemüts heraus, aus der Verblendung des Irrglaubens, es müssen die
+Wurzeln des alten Glaubens absterben, und auch Euer häusliches Leben
+soll alle Spuren auslöschen, die nach rückwärts weisen. Auch die
+alten morschen Hüllen der Puppen zerfallen, wenn der Schmetterling
+herausfliegt. Ihr müßt nur bereuen, was Ihr gesündigt. Und dazu ist
+der Beichtstuhl geschaffen.“ Und er erklärte ihr die Wesenheiten der
+Beichte.
+
+Doña Maria erschrak heftig. Ein Mittler und Stellvertreter zwischen ihr
+und Gott! Was sie insgeheim durchdacht und durchwühlt, sollte sie einem
+fremden Mann anvertrauen? +Einem+ vielleicht --? Es stach in ihr
+Herz. Sie dachte ein Wimpernzucken lang an einen Mann. Gott möge ihm
+gnädig sein, ach ja, ihm könnte sie vielleicht --
+
+„O wundersame Macht des Beichtstuhls!“ riß Leon ihre Gedanken entzwei.
+„Bezwungen von der Nähe Gottes, wirft der sündige Mensch aus dem
+Trieb der bereuenden Seele die letzten Bedenken ab, und um des
+Glaubens willen klagt er sich an. O reinigende Kraft der Reue! Wenn
+die Muselmänner bereuen, zerreißen sie ihre Kleider, wir aber unser
+Herz. Katharina von Siena beichtete täglich, wie erst muß Euer Leben
+von Sündenlast beschwert sein. Im Heilandsgebet heißt es: Vergib uns
+unsere Schuld! Dann muß sie eben auch da sein, in Worten, Gedanken,
+Taten. Drum tötet die Angst, sagt mir jeden Tag, was Euch bedrückt,
+doch verheimlicht nichts, denn verschwiegene Sünden geißeln das Gemüt.
+Auch was Ihr über andre wißt, ladet es ab vor dem verschwiegenen
+Priesterherzen.“ Damit warf er die erste Angel der Inquisition nach ihr
+aus. „Ihr müßt auch die Gottesspeise im Abendmahl zu Euch nehmen. Sie
+ist die Speise für die Seele. Durch den Adamsapfel wurde die Menschheit
+zerstreut, durch das himmlische Brot und den Wein wurde sie wieder zu
+einem einzigen Leib gemacht. Wir alle sind eines Leibes -- ein Leib,
+versteht Ihr?“
+
+Nein, das verstand sie auch nicht.
+
+Der Pater schob ungeduldig die Lippen hin und her. „Ihr scheint ein
+weiblicher Gideon zu sein, der dreimal bewiesen haben will, bevor er
+glaubt. Das Abendmahl ist die Wegzehrung für den irdischen Pilger,
+Ihr müßt danach greifen.“ Ein Bild nach dem andern legte er vor sie
+hin. Aber ihr sonst für Redebilder so empfängliches Gemüt konnte damit
+nichts anfangen. Sie war gedankenmüde geworden. Ihre Finger nestelten
+an ihrem Halsschmuck: ein goldnes Krüglein hing an einer Kette. „Was
+ist das?“ forschte der Mönch.
+
+„Ein Wassertropfen aus dem Semsem, dem heiligen Brunnen von Mekka, ein
+unschuldig Hamalet.“
+
+Pater Leon nahm es an sich. „Nimmer darf dies Euer Schutz sein.“ Er
+holte aus einer Schatulle ein Wachsscheibchen hervor, das Agnus Dei
+vorstellend. „Dies ist das Lamm Gottes, Herr Jesus, vom Papst geweiht.
+Es wird Euer Herz vor wilden Flammen behüten.“ Er nahm den Flüsterton
+der Beichte an. „Sagt, ist Euer Herz nicht verwirrt durch eine --
+gewisse Liebe? Ein Taufkind muß rein in die Christenlehre kommen. Gott
+sucht die Sünden der Väter an den Kindern heim, es könnte sein, daß Ihr
+an Eures Vaters sündiger Lust leidet.“
+
+Maria erbebte in der Tiefe ihres Herzens. Des Vaters Sünde? Was für
+eine? Und sollte sie dem Manne etwas verraten, was kaum wie ein Keim in
+ihr lag? Sie hatte als Maurin ihr Auge zu einem Christenritter erhoben.
+Aber nun war sie doch Christin -- wenigstens in den Augen des Mönches
+-- und nun war wohl die Sünde getilgt -- oder bestand sie erst recht?
+Da sie sich doch innerlich als Mohammedanerin fühlte? Ihr Gewissen
+geriet in Anfechtung.
+
+„Ihr verbergt mir etwas,“ sagte der geübte Seelenerschließer.
+
+Sie blickte noch verwirrter. „Euer Auge starrt mir ja auf den Grund
+meines Herzens. O wie soll ich Arme -- hört -- es war einmal, daß ich
+Sehnsucht hatte -- nach einem maurischen Ritter -- aber er ist gefangen
+und im Elend.“
+
+„Das tilgt aus Eurem Herzen mit brennender Liebe zum Heiland. Es war
+eine Jungfrau, Lucia hieß sie. Sie wurde von einem heidnischen Ritter
+bedrängt, der danach begehrte, ihre schönen Augen zu küssen. Da riß
+sie sich die Augen aus und sandte sie ihm, auf daß er habe, was er
+begehrte. Tut auch so.“
+
+Wie ein Donnerschlag ging das Wort über ihr Gemüt. „Meine Augen --?“
+Sie bedeckte sie in Angst.
+
+„Es liegt noch viel Eitelkeit in Euch, Doña Maria. Euer Körper duftet
+balsamisch, das ist maurische Art. Erstickt sie.“
+
+„Ei, die Araber haben ein schönes Bild gehabt: Der Balsam sei aus den
+Tränen des Christkindes auf der Flucht nach Ägypten hervorgesprossen.“
+
+„Fürwahr, ein schönes Bild, aber aus mohammedanischer Phantasie geboren
+und darum verwerflich. Pflegt es nicht weiter. Auch Euern Körper pflegt
+christlich durch Kasteiung und Buße. Die Maurinnen hängen an Schönheit,
+Tand, Perlen, Bädern --“
+
+Die Freude an diesen Dingen lachte aus ihren Augen. „Ach ja, die Bäder
+sind wohlig und weich --“
+
+„Im Bad kann Segen und Unheil liegen. Aus dem Bad der Bathseba
+entsprang die Sünde, im Susannabad triumphierte die Tugend.“ Und er
+erzählte ihr die biblischen Legenden und warnte sie vor dem Teufel, der
+in allerlei Gestalt vor den Menschen hintrete. „Da war eine Nonne voll
+Keuschheit, Anna de Nativité, der erschien der Teufel in der Gestalt
+des Gekreuzigten, und er befreite seinen rechten Arm und wollte damit
+die Nonne umfangen. Da kniete sie schnell nieder, betete heiß und
+inbrünstig, und der Zauber schwand dahin.“
+
+Maria erbebte. „So muß ich vor jedem Kreuz in Ängsten beten, denn es
+könnte der Teufel oben hangen?“
+
+Der Pater lächelte. „Wer will, erkennt den Teufel selbst in der
+heiligen Maske. Das eigene Gewissen zeigt ihn an. Morgen sollt Ihr im
+Beichtstuhl knien.“ Er wies auf die hölzerne Nische an einer Wand. Er
+gab ihr in einfachster Form die Weisungen zum Empfang des Sakramentes
+der Buße. Dann legte er ihr sanft die Hand aufs Haupt, und seine Finger
+berührten länger, als es für das heilige Zeichen notwendig war, ihren
+Scheitel. Er spürte, wie das schwarze Haar unter seinen Fingern brannte
+und wie die Funken in sein Blut schlugen.
+
+Doña Maria aber erschauerte unter der Berührung. Noch nie hatte eines
+fremden Mannes Hand ihr Haar berührt. Und dieser durfte es tun? Sie
+konnte sich kaum erheben, vom Gewicht der Stunde bedrückt.
+
+Der Dominikaner entließ sie mit einer stummen Verbeugung, sein Blick
+verfolgte sie bis zur Tür, erfreute sich an ihrem Schreiten, das so
+stolz war wie das einer Edelantilope.
+
+Doña Maria atmete auf, als sie die dunkle Tür hinter sich wußte. Des
+Priesters Worte wühlten in ihrem Busen, und in der Seele bedrückt, ging
+sie aus der Mosala. Im Hofwinkel kauerte Saffana und fror. Sie warf
+der Herrin die Capa über die Schulter. „Was hast du von ihm gehört,
+Liebling der Engel?“
+
+Doña Maria zog die Schultern zusammen. „Bei uns ist alles hell und
+licht. Aber hier liegt Kreuz, Tod, Sündenschuld, Entsagung, Reue
+ausgestreut auf dem Erdenweg. Vom Paradies hat er kein Wort gesprochen.“
+
+Die Sklavin machte traurige Augen. „Ach was, zwischen Dornen blühen
+doch auch Rosen,“ sagte sie mit dem Willen, sich und die Herrin zu
+erheitern.
+
+In der Mosala schritt der Dominikaner in Unruhe auf und ab. Sein Hirn
+war durch die tägliche Beicht- und Bekehrungsarbeit ermüdet, doch
+diese Christenlehre empfand er als eine Art Erfrischung. Er sah in
+sich. Hatte er wirklich eine verirrte Seele getröstet? War er mehr
+freundschaftlich als väterlich gewesen? Er wollte sich selbst nicht
+täuschen. Die Wellen, die in der Nähe dieses Mädchens um seine Sinne
+gingen, spürte er jetzt noch angenehm rauschen. Die Rose, deren Duft
+er soeben eingesogen, war gewiß kostbar. Hatte er sie nicht zuviel
+geschreckt? War diese Bekehrungsart die richtige? In diesem Falle ja,
+sagte er sich. Angst macht oft gefügig.
+
+Er zündete mehrere Kerzen an. Der Lichtschein fiel auf allerhand
+kirchliches Gerät. Heiligenbilder lehnten an der Wand, für Kirchen
+bestimmt, auf dem Tisch lagen die Marterwerkzeuge Christi, ein paar
+Kruzifixe, zwei Monstranzen, aus der palästinischen Ferne herbeigeholte
+Reliquien, die Kirchenväter, die Vulgata und die heilige Legende des
+Dominikus. Pater Leon schlug das Hohelied auf. Aber er hatte nicht
+lang Freude daran. Von der Wand lächelte ihn die heilige Agatha an.
+Doch beim Bestarren des Bildes ging ihr keusches Leben unter und es
+blieb nichts übrig als die abgeschnittene Brust. Ein anderes Bild
+stürmte auf ihn ein: Hatte nicht der heilige Dominikus an der Brust der
+Muttergottes die Milch getrunken? Gab es nicht eine heilige Lidwina von
+Schidam, in deren Busen sich der ganze Vorgang der Milchentwicklung wie
+in der Brust Mariens wiederholt hatte?
+
+Welch unreine Gedanken schwirrten da durch sein Haupt? Wer stieß ihn in
+die wild aufschlagenden Flammen? Hier ging doch kein Potipharatem, der
+verpestete! Saß hier nicht vor wenigen Augenblicken ein unschuldsvolles
+Kind, eingesponnen in die Worte seiner heiligenden Kraft? Strömte
+von dieser Reinheit der betörende Zauber aus, der seine Sinne
+durcheinanderwarf und sie mit lockenden Bildern fütterte? Er begann
+heftig zu zittern. Und wieder dachte er an die heilige Theresa, die
+einen Wohlgeruch ausströmte, der jeden betörend traf, der sie mit der
+Hand berührte. Und sein Geist umklammerte hilfesuchend die Gestalt
+seines großen Ordensbruders Thomas von Aquino, den seine Feinde durch
+ein schönes Weib verführen wollten, das er durch einen glühenden Span
+aus dem Zimmer jagte. Einen solchen Brand wollte er das nächste Mal
+entfachen, wenn ihm der Böse wieder das Weib mit den großen dunklen
+Augen und dem zweifelnden Herzen schickte. Er hätte sie doch einem
+andern Priester zuweisen sollen. Aber dazu war ja noch immer Zeit.
+
+Er erschrak vor sich selbst. War das nicht alles verwandt mit der
+babylonischen Hure, der Weltlust auf dem siebenfach gehörnten Tier?
+Noch immer wollte er es sich nicht eingestehen, daß sein eigener
+unreiner Geist die Luft verpestete, daß er, er selbst, aus Granada die
+Hure von Ninive machen wollte.
+
+Wie sie sich wehrte gegen den neuen Glauben! Sein Gedanke flog abermals
+zur schönen Schülerin zurück. Sie ist noch zu jung! Wie traurig sie
+manchmal blickte, wenn sie etwas nicht fassen konnte. Und ihrer Augen
+Glut! Und diese sollte wirklich noch nicht geliebt haben? Ging nicht
+Magdalena an ihren schönen Augen zugrunde? Aber dann freilich durch ihr
+Herz zur Buße.
+
+Seine Finger griffen nach dem Talisman, den er ihr abgenommen. Wie
+oft mögen ihre Lippen an dem Krüglein geruht haben! Und wie unter
+der magischen Kraft dieses Gedankens hob er langsam das Gold zu den
+eigenen Lippen -- aber noch vor dem Kuß warf er es mit einer zornigen
+Bewegung auf den Tisch. „Weiche von mir, Satan!“ schrie er laut auf.
+Und er glaubte aus seinem Mund den Schwefeldampf des entweichenden
+Höllenfürsten rauchen zu sehen. Der Widersacher geht nicht nur wie ein
+brüllender Löwe um, sondern auch in der Form zärtlicher Jungfrauen. Ich
+will wachsam sein und ihn betrügen.
+
+In einer Nische, durch einen schweren Vorhang verdeckt, stand der
+Schrank, in welchem die Akten der Inquisition verwahrt waren, bevor
+sie nach Cordoba gingen. Nur Leon hatte den Schlüssel dazu. Er zog die
+Papiere hervor, in denen Unsummen von Klagen, Leiden, Weh und Lüge
+zusammengestoppelt lagen. Dann lagen hier die königlichen Edikte, die
+Inquisitionsbriefe, die Prozesse von Granada, die Listen über die
+Familiares, die Angebereien und vieles andere. Überall glühte am Schluß
+der Richtername Lucero, Inquisitor von Cordoba. Dieser furchtbare
+Priester, dessen Devise lautete: wir zählen unsere Opfer nicht, wir
+wägen sie -- freute sich doch, wenn die Zahl der Gewogenen mit jedem
+Tag wuchs. Und er wappnete sich mit dem Panzer irdischer Gerechtigkeit,
+dem Schild des Glaubens, dem Helm der Buße und dem Schwert des Gebetes.
+Nur den Mantel der Gnade breitete er über keine Tat.
+
+Pater Leon wollte eben die Tabelle der granadinischen Gütereinziehung
+hervorziehen -- da klopfte es.
+
+Als sich die Tür öffnete, spürte der Mönch eine Blutwelle zum Herzen
+steigen.
+
+Leonore de Uceda grüßte mit verführerischem Lächeln den erschreckten
+Dominikaner. „Der Name des Herrn sei gelobt, und sein Segen komme über
+seine Diener!“ Und sie tauchte die feinen Finger in das Weihwasser bei
+der Tür.
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Nach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als
+erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar
+hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken.
+
+Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn
+er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald
+begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige
+schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten
+sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel
+in einer herrlichen Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen
+Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr
+Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort
+hineinwerfen.
+
+Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin
+da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben
+doch nach mir verlangt.“
+
+Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine
+Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel
+darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe
+in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in
+Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei
+schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den
+betroffenen Mönch.
+
+Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein
+paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte
+allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber
+zu so später Stunde --?“
+
+„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele
+einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“
+
+Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu
+dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit
+in ihrem Lächeln ertrinke.
+
+„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch
+die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla
+Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“
+
+„Ihr -- schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich
+dachte --“
+
+Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird
+vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater
+die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man
+geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt
+man freier.“
+
+„Und vergißt so den Dank, den man -- aber im Ernst, ich dachte, daß nun
+Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens --“
+
+„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña
+Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden
+auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid
+in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“
+Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die
+Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und -- ihres
+Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet -- nun wird es sich
+bejähren, daß ich das letztemal --“
+
+„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten
+Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde --“
+
+„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen -- aber der Ort,
+wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur
+Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen
+Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig
+ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals
+dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig
+den Platz geräumt?“
+
+„Doña Leonore -- dies alles -- jetzt --?“ Pater Leon saß an dem
+Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles
+vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“
+
+„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne
+malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl
+lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude -- Ena de Isla --,
+ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh
+gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich
+vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile
+in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel
+unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt -- und wer -- wer“ --
+sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm -- „wer ist jetzt an der
+Reihe?“
+
+Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir
+ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an
+einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“
+
+„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“
+
+„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer
+Schönheit spannten.“
+
+„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar
+Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines
+Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater
+erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und --
+mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten.
+Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen
+Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen.
+Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten
+lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen.
+
+Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore -- du
+zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der
+König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun --
+der König wird dich wieder aufnehmen.“
+
+„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben
+beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“
+
+„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon
+warnend.
+
+„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen
+würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten
+unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter
+Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore -- was weckst
+du Hoffnungen in mir --?“
+
+„Oh -- ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie rückte schnell
+aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu
+leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben,
+daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine
+Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen
+Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in
+ihr zu rumoren.
+
+Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht
+werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den
+Altar scheuen.“
+
+Leonore de Uceda erschauerte. „Wo sollen wir also --?“
+
+„Ich wüßte einen Ort --,“ der Dominikaner senkte den Kopf, die kleine
+Tonsur lag wie ein Möndlein im Kerzenlicht.
+
+Die Schöne verstand ihn. Ihre Augen suchten die geheime Tür, die nach
+dem Cuarto de Machuca, einem Turmzimmer, führte, wo die eigentliche
+Wohnung des Dominikaners lag. „Ich will nicht,“ sagte sie fest und
+leise. „Ihr habt dort Ambra --“ Aber in den bläulichweißen Ovalen
+funkelten erregt die sinnlichen Augen. „Nein, wir wollen zuerst ehrlich
+handeln. Du weißt noch nicht, was mich hierherführt. Ist es wahr, daß
+du zum Inquisitor von Granada ernannt wurdest?“
+
+Er sah betroffen. „Was soll das --?“
+
+„Das Amt kann dir helfen, dir die Eroberung meines Herzens zu
+erleichtern.“ Sie knetete unruhig das herabtropfende Wachs einer Kerze
+zwischen den Fingern.
+
+Der Vikar ging nach der Tür und horchte hinaus. Die nächtliche Stille
+drückte wie Blei auf sein Gemüt. Alle seine Fibern waren gespannt.
+„Sprich frei!“
+
+„König Fernando hat mich auszeichnen wollen,“ schleuderte Doña Leonore
+ihren Grimm von sich. „Es winkte mir ein klingender Name. Ich sollte
+mit einem Mann vermählt werden, den nicht nur der Verstand wählte,
+nein, dem auch mein Herz seit einiger Zeit insgeheim entgegenschlug.
+Stattliche Männlichkeit, ein tadelloser Charakter, eine fast
+tempelherrenartige Gesinnung gegenüber den Frauen -- unter solchen
+Sternen hoffte ich eine Läuterung meiner eigenen Verworfenheit.“
+
+„Ich sehe es kommen,“ lächelte der Pater unzart.
+
+Der Fächer der schönen Frau zitterte über der Wange. „Weh dem
+Weib, das sich, verschmäht von dem Heißbegehrten, nur mit Wünschen
+begnügen muß. Ich habe mit den Augen um ihn geworben, mit der ganzen
+Koketterie meines Wesens um seine Standhaftigkeit gerungen, ich
+habe mit überströmenden Worten der Liebe um sein Herz gekämpft. Die
+Antwort schmeckte bitter wie Wermut. Mit dem Panzer ewiger Keuschheit
+umhüllte sich der Prahlende, mit der Miene des Kostverächters warf er
+meine Liebe von sich, ohne auch nur daran zu nippen. Hörst du, Juan?
+Eine Uceda wegwerfen wie eine unnütze Schale, deren Trank man nicht
+benötigt. Dominikaner! Von vornherein wegwerfen und keine Träne nach
+ihr weinen! Alles unter dem Vorwand klösterlicher Tugend! Ein Mann, ein
+Ritter, ein Hauptmann des Königs!“
+
+„Ah! Die Sonne taucht aus Wolken!“ fuhr der Mönch auf. „Es ist Don
+Pedro de Solar Graf von Mora.“
+
+„Daß dir der Name Flammen ins Herz würfe, die für meine Rache glühten!“
+schlug es wie eine böse Lohe in ihr auf. „Und ich mußte an dem Eis
+seines Herzens abgleiten! Soll ich die Spottgeburt einer Dulderin sein,
+ich, die Malagueña, die Geliebte eines Königs? Die geträumt hatte,
+mit einem Augenzwinkern Throne erzittern zu machen? Siehst du, Juan,
+ich hätte die beleidigende Abweisung erduldet, wenn ihre Beweggründe
+wahrhaftig die unselige Unverletztheit seiner Tugend gewesen wären.
+Und fast schien es so. Aber dann ließ ich meine Spione hinter dem
+täglichen Gang seiner Füße schleichen, ließ sein Treiben beobachten
+und von bezahlten Leisetretern jeden Seufzer seiner schönen Augen auf
+der Straße auffangen, und dann -- o über den Tag! Mit diesen meinen
+Blicken riß ich ihm das Geheimnis aus der Brust. Der Himmel muß oft
+eine merkwürdige Wollust haben, das Herz einer Frau in Qual erzittern
+zu machen! Die beleidigte Liebe hat scharfe Augen, und diese sahen -- o
+Priester, weißt du es noch nicht? Damals vor deinen Füßen geschah es --
+die Maurin mit dem Koran --“
+
+„Wirf deine schönen Funken in den Brand!“ freute sich der Vikar
+unverhohlen.
+
+„Eine Maurin!“ pfeilte der Hohn von dem schönen Mund. „Dunkelleibig,
+zart und glatt. Darin hat er sich verbissen!“
+
+„Ich sehe ihn noch, wie er in hellem Zorn den Degen zwischen mich und
+sie -- oh, sie ist gewachsen wie eine Spindel aus der Guadarrama.“
+
+Sie zischte vor Zorn über die Kränkung. „Eine Maurin, in Gottes Namen!
+Eine, deren Wollust für die kurze Dauer einer Fastnacht beglückt, die
+nicht mehr die Anmut des Errötens kennt, wenn sie halb ihre Kleider
+wegwirft! Eine Schwärmerei für die arabische Seltsamkeit, sei’s denn!
+Aber Liebe, herzaufwühlende Liebe? Dieses Schauspiel den Spaniern?
+Und den Spanierinnen? Wenn Christenritter einst Maurinnen ins Ehebett
+nahmen, geschah es um Länder, Burgen, Grenzen. Aber aus Liebe? Wie
+soll ich nicht das Opfer meiner Eifersucht werden, wenn ich stückweise
+Proben seiner zerfallenden Keuschheit zu kosten bekomme? Er führte sie
+zur Taufe, seine Augen verschlangen sie, die Lippen, die mir Worte des
+schmerzlichen Abschieds logen, brannten nach ihr -- ich sah es mit
+diesen meinen Augen --“
+
+Der Vikar runzelte die Stirn. „Der Eifer wird zum Vulkan, aber man muß
+gestehen, er sprüht um einen liebenswerten Gegenstand. Aber Liebe,
+sagst du?“
+
+Sie fuhr hoch. „Liebe!! Seine Blicke sprachen Liebe! Soll ich sie
+beide im mondlichen Garten im zärtlichsten Geflüster belauschen?
+Meine Eifersucht würde vorschnell der Verräter sein. Oh, wie er mich
+behandelte! Vor meinen Damen, von oben herab! Vor den Damen, die sonst
+nur Zeugen der schmeichelnden Verehrung kastilischer Granden waren
+-- mich wegzuwerfen -- vor diesen Damen!“ Ihre frauliche Empörung
+machte sie fast ersticken. Dann raffte sie ihre Glieder zusammen und
+ihre Augen stielten sich. „Sie ist eine Cava -- so heißen sie ihre
+Hexenweiber -- ach, Juan -- räche mich!“
+
+Ihre Glut brannte in sein Herz. „Was -- willst -- du?“
+
+„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm dürstet. Sie
+wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich,
+daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in
+den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen?
+Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß
+sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu
+verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid,
+das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser,
+und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan
+-- Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr
+eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als
+Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man
+welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu
+das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und
+die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht
+beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von
+Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede,
+sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis
+sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich
+die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie
+spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah -- ach,
+welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig
+zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt
+köstlicher Lohn!“
+
+Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen?
+Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“
+
+„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich
+reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde
+wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört
+hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann
+nicht, kann nicht. Juan -- hilf, hilf -- du kennst den Preis!“ Sie
+zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern.
+
+Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit.
+„Weib, du forderst Furchtbares -- zu deinem zerbrochenen Herzen ein
+zweites, drittes, viertes -- o Himmel und Hölle!“
+
+Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine
+Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan
+-- aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in
+Cordoba --“
+
+„Eva -- Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“
+
+„Und doch will ich dir den Himmel erschließen -- und mich dann reuevoll
+in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“
+
+„Und ich soll zum Judas werden -- soll sie foltern -- den schönen Leib?
+Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb
+tragen -- so rein ist dieses Weib -- und ich soll --?“
+
+Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen
+ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer
+Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch -- du wirst mich rächen! Sag’
+-- wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie
+einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“
+
+„Ja -- man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“
+
+„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie
+beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe
+dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib -- ist wieder dein!“
+Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze
+gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit.
+
+Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe --
+wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner
+Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob!
+Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o
+Herr -- ich versinke --“
+
+Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen -- da taumelte
+er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er
+riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe
+der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime
+Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier,
+von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs
+neue auf.
+
+Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst.
+„Nimmer -- Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab -- du sollst den Preis
+nicht früher haben, bis -- bis -- das Lamm geschlachtet vor mir liegt.
+Schwöre!“
+
+Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten --
+eingegriffelt -- im Buch der Siegel -- am Jüngsten Gericht --“
+
+„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des
+Vampirs raste über den Scheitel des Mönches.
+
+Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich --
+schwöre --“
+
+Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt -- so lieb ich
+dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf
+sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein
+Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben.
+Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende
+Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen
+an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe
+und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest
+brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares
+Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte
+sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur
+Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In
+wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen
+Jungfrau, über dem Altar.
+
+Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes
+Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts
+dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des
+Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle.
+Er rieb sich die Augen -- Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie
+mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem
+Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith
+mußte Männer verderben -- du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in
+die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem
+Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins
+Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer --
+
+Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich
+fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein
+Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes
+menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem
+Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester
+erspart.
+
+Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte
+ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit
+Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña.
+
+Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“
+wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust!
+Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach
+der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu
+bereuen.
+
+Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich
+schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der
+Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen
+reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an
+den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen
+wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im
+Kampf mit meinem Gewissen zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im
+Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst
+nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser
+spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen.
+Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das
+Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe
+hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des
+Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja
+doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft
+schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also
+mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter
+Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die
+Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten,
+die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet
+werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was
+so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen
+Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein
+Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten
+Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht --
+genieße sie!
+
+Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem
+Winkel lauerte.
+
+Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag
+ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen
+nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt
+an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die
+Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das
+Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie
+einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva.
+Dort schlief sie wohl jetzt -- die schöne --
+
+Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das
+nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein Inneres?
+Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer
+Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig
+durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn
+hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem
+Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem
+jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte.
+Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im
+silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die
+Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer
+maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln.
+Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von
+Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim.
+
+In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib
+zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach
+einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des
+Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in
+die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief
+Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an
+die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden
+Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes.
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Wenn die wunderschöne Königstochter vorbeireitet, ist es, als zöge
+ein Meteor über den granadinischen Himmel. Alles gafft und starrt.
+Die bronzene statuarische Gestalt auf dem weißen Zelter gleicht einem
+Beduinenmädchen, das ruhevoll durch die Zeltgassen ihres Stammes zieht.
+Man spricht in den vornehmen Häusern der Christen von dem Reiz dieses
+Mädchens mit demselben Eifer, den man Maurenkämpfen, Turnieren und
+Stiergefechten widmet.
+
+Der Graf Tendilla brachte ihr die Huldigung der andalusischen
+Ritter in der Form eines goldenen Standkreuzes. Übergetretene Fakis
+beglückwünschten das neue Taufkind und granadinische Christenmädchen
+tanzten vor der Alcazaba an schönen Abenden den Fandango.
+
+Doch so ruhig die Stadt schien -- draußen in den Alpujarras erhob sich
+dräuend das Gespenst des Aufruhrs. Die Beni Mossad, hieß es, seien
+nicht ausgewandert, sondern befänden sich mit ihrem Anhang in den
+Bergen, wo sie die Monfis sammelten, um den geliebten Imam zu befreien.
+Tatsächlich hielt Maria de Calabreña heimlich Verbindung mit dem
+Gebirge, es kamen als Bettler und Händler verkleidete Vertraute in den
+Alkazar und gaben dort ihre Briefe ab, die dann Doña Maria in den Turm
+der Cautiva schmuggelte.
+
+Das Königskind litt an seiner Liebe. Ihr Herz unterschrieb nicht, was
+ihr Verstand ausklügelte. Oft horchte sie hinaus in die Nacht, die
+schon auf ihren Schwingen Frühlingsvorschauer hereintrug, und ihr
+war, als müßte sie aus dem Turm fliehen, weit, weit weg, um dann ihr
+Schicksal fern von der Alhambra zu beweinen. Es kamen sonnenwarme Tage,
+aber sie belebten das Gemüt Reijas nicht. Selten sah sie den Grafen
+de Mora. Nur durch Saffana erforschte dieser die Seelenstimmung des
+Mädchens. Auch er war von dunklen Gewalten hin und her geworfen, die
+alte Dienstbeflissenheit war erstorben, seine Strenge gab sich gequält,
+sein Ordnungssinn war erschüttert.
+
+Eines Tages stand wieder Hernando de Rojas vor ihm, das Freundesherz
+beladen mit Sorge. Don Pedro hielt ihm freudestrahlend einen Zettel mit
+Versen hin.
+
+Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“
+
+Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der
+Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei
+nachsichtig.“
+
+Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt
+arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf
+persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter den Muallakat hängen
+wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der
+Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu
+Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst
+so dem König nicht weiter dienen.“
+
+„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin
+geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert,
+während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“
+
+„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando
+warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht
+mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr
+hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus -- willst du
+Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines
+Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen
+Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege
+alles, aber dann endlich eine Tat!“
+
+Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña
+Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie --
+auswandert.“
+
+Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen.
+„Daran glaubst du selbst nicht.“
+
+Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die
+Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam.
+Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten --
+
+Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu
+ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der
+Cautiva.
+
+Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien.
+Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug.
+
+In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria
+de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. Der Graf
+konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der
+festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf
+den Vorhang hinter ihm zu.
+
+„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde.
+„Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was
+gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an.
+
+Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen
+mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und
+das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den
+schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust.
+„Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er.
+
+„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien
+bedeutet.“ Es klang müde und kühl.
+
+Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla,
+-- daß -- der Gefangene -- mit einer Sklavin sein Auslangen finden
+könne.“
+
+Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen,
+daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“
+
+Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man -- bittet Euch, die Alhambra
+nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem
+andern.
+
+Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der
+Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“
+
+Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine
+glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf
+in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm.
+
+Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem
+Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den
+Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach
+rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß.
+„Warum quält man den alten Mann und -- mich? Was soll ich noch tun?
+Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier --“
+
+„Findet Ihr -- Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er
+einen Pfeil nach ihrem Herzen.
+
+„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig.
+Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob
+er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht,
+an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr
+dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den
+Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde.
+
+Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra
+verlassen.“
+
+„So will ich’s eben tun -- Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen
+Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es
+geschehen?“
+
+„Morgen -- -- heute -- --“ Don Pedro würgte an den Worten.
+
+Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will
+mich der Graf Tendilla forthaben?“
+
+„Nicht er -- ich selbst will es.“
+
+Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan -- daß Ihr
+-- mich so --?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen.
+
+Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen
+und ihre Hände an sich reißen.
+
+„Seid bedankt -- für die Milde -- mit der Ihr -- uns --“ Wieder
+schnitten ihr Tränen das Wort entzwei.
+
+Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem
+aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff
+heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht -- seht mir ins Auge.“
+
+Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf
+ihn.
+
+Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit
+schmerzlicher Glut. „Hier -- hier liegt mein wahres Gesicht -- schlagt
+mir die Würde aus dem Leib -- ich kann nicht anders -- so, so liebe ich
+dich!“
+
+Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O
+war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was
+für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den
+sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem
+Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und
+Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche
+Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in
+der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener
+Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der
+Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie
+die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle
+und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger
+Gewalten zu erliegen. „Feta -- Feta -- nun weiß ich -- daß ich gehen
+muß.“
+
+Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände.
+„Eure Nähe versengt mich -- geht oder bleibt -- ich bin verloren.“
+Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen.
+
+Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden
+Finger. „Was -- hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen
+Liebe willst du --? o Gott mit den neunundneuzig Namen -- die Ehre des
+Königskindes -- in den Staub -- flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“
+
+„Fliehen -- bleiben -- das Unheil kommt!“
+
+„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in
+sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel.
+
+Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und
+warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind
+umarmt, zog er das Mädchen an sich, daß die aufgebrochene Rosenblüte
+ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein.
+Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben
+und Nehmen. „Gott -- was hab’ ich -- getan? Wer wird mich vor mir
+selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund.
+
+Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich
+habe eine Christenbraut!“
+
+Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr
+Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze
+Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte
+sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben
+erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht
+erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte?
+Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer
+zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter
+Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem
+Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster -- Feta du -- Feta der Sonne
+-- war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach,
+haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück
+keimen -- Insch’allah!“
+
+„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte
+er bewegt.
+
+„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir
+genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch
+ein Wirrsal ist sie!“
+
+„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner
+Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein
+Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was
+auch ohne sie schon Wert besitzt.“
+
+„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du
+Stürmer in der Schlacht -- aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich
+will kein Königskind mehr sein! Deine Geliebte will ich sein -- deine
+Taube, Rose, dein Schmetterling -- gib mir die Liebesnamen deines und
+meines Volkes.“
+
+„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie
+eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar,
+aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte
+er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen
+geheiligter erschien: „Reija!“
+
+Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn
+mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu
+vertrauen, Freund meines Herzens!“
+
+Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund
+gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch
+sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du,
+Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die
+Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit
+Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer
+Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“
+
+„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig.
+
+„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will,
+lebe der Einsamkeit.“
+
+Don Pedro schüttelte unmutig den Kopf. „Das will ich nicht.“
+
+„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“
+
+„Das will ich nicht.“
+
+„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie.
+
+„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und
+Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide.
+
+„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein
+besserer Liebhaber als Dichter werden!“
+
+„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein,
+mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern
+Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter
+Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast
+du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du,
+Rose von Andalus?“
+
+Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so.
+Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin
+aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir
+einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf
+mir mit deiner Liebe auf -- richte nicht gleich -- hab’ Mitleid mit
+mir.“
+
+Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern
+siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken
+wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein.
+Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen
+sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten.
+Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines
+Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß
+deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern
+Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im
+Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das
+Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der
+Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der
+dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite,
+dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir.
+Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch
+des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in
+gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang
+der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria,
+die Jungfrau voller Gnaden im Bilde nah, und in Demut wandelst du
+zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“
+
+Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz.
+„Ach, ich will ja so gern glauben -- um deinetwillen -- aber ich flehe
+dich an -- hasse mein Volk nicht!“
+
+Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe
+begrub ich längst meinen Haß.“
+
+„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre
+Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine
+Enttäuschung.
+
+„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“
+
+„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und
+im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es
+schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern -- sie verzehren sich
+nach Freiheit und Licht -- sie wollen auswandern -- Eswer Ben Zerragh
+ist darunter --“
+
+Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter
+den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht
+teuer ist.“
+
+Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die
+Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den
+Namen trägt -- er liebt mich, aber ich -- liebe ihn nicht.“ Wie eine
+schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den
+Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe,
+bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei
+damit beglücken können!“
+
+Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte
+die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht
+sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in
+meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will
+ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du --“ ihr
+heißer Blick wurde lauernd -- „du läßt den Zettel hineinschmuggeln --
+und ich sorge dafür, daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein
+verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge
+hat.“
+
+„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe.
+
+Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro -- mein
+Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu
+mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde
+des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht
+-- liebst -- mich -- nicht --“
+
+Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst
+Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese
+kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah
+verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen
+verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen
+List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer,
+sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König
+selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das
+Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese
+Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen
+Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser
+eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück?
+In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles,
+was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt
+war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre
+Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen.
+
+So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust,
+schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm
+endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem
+Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas
+angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines
+Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan
+beinahe gerecht.
+
+Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch
+den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen
+um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila
+tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon
+wartet auf mich --“
+
+„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der
+Eifersucht.
+
+„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in
+freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem
+Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil
+du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“
+
+„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen
+Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie
+könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“
+
+„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum
+Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht.
+
+Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus.
+
+Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen.
+„Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen
+dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der
+Tränke. Kismet alles!“
+
+Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in
+dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr
+halbbetäubtes Ohr klang.
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Ein von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die
+Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging.
+Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten,
+bis die Herrin wiederkam.
+
+Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein
+geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und
+Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu
+schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen
+zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen
+gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während
+der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf,
+hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend
+vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und
+hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das
+Volk beweinen konnte.
+
+Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten
+Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von
+Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der
+vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den
+Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria
+fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf.
+
+Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout,
+mit malagischem Edelwein verdaut.
+
+Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf
+ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater
+witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen
+sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie
+mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte
+köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und
+Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein.
+
+Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand
+hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden
+lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in
+heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der
+Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der
+Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars
+geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus
+geistig zu vermählen.
+
+Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er
+sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren.
+Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr
+das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und
+des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den
+erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre
+Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer
+schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm.
+
+„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er
+mit einem kaum verhaltenen Lächeln.
+
+„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit.
+
+„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er
+verweisend.
+
+„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer
+Gedanken.
+
+„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel
+mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“
+
+„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“
+
+„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum,
+die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute
+nicht beichten?“
+
+Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in
+ihrem Glück?
+
+„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr
+Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich.
+
+Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine
+Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte,
+schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als
+wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen.
+
+Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen
+das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende Kraft der
+Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch
+alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein
+zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“
+
+Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen.
+„Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit
+der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich
+zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der
+bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und
+hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes
+ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese
+feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten,
+berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer
+Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen:
+„Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe
+Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott
+vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur
+mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über
+ihr Haupt. „Bekenne -- bekenne --“ drängte er, die Augen auf ihren
+schwarzen Scheitel gerichtet.
+
+„Ich habe nichts zu bekennen, als daß --“ Sie stockte und schnellte
+dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „-- als daß ich liebe.“
+
+Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis
+von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe,
+als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte
+ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er
+eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten.
+
+„Einen Ritter -- Feta --“ gestand sie beengt.
+
+„Wer ist es?“
+
+„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte
+sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“
+
+Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die Natur hat dir das
+Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“
+
+„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot.
+
+„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele
+ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren
+Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen
+Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und
+bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“
+
+„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken.
+
+Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist
+selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“
+
+Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter -- Vater! O laßt sie mir heilig
+sein.“
+
+„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die
+Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das
+Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen
+Küssen zu vergehen?“
+
+„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus.
+
+„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein
+Atem dampfte gegen ihr Gesicht.
+
+Da vergrub sie vor Scham ihr Haupt in die Hände. „Fragt nicht weiter --“
+
+„So hast du es schon getan?“ flammte er in ihre Verwirrung.
+
+„Nein!“ erklang es mit verzweifelter Wehr. Und abermals barg sie das
+glutübergossene Gesicht unter dem schwarzen Wald von Haaren in ihre
+Hände.
+
+Er atmete auf. „Wenn du dich ganz deinem Gott nähern willst -- und das
+willst du doch -- so ertöte überhaupt die Liebe in dir.“
+
+„Bei Gott und dem Propheten --“ erschrak sie heftig. „Verzeih -- die
+Gewohnheit -- bei Gott und den Heiligen! Das -- kann -- ich -- nicht.“
+
+„Brennend und qualvoll ist die Liebe zu einem Mann, bei den Schmerzen
+wirst du die Freuden vergessen, die dir die Umarmung bereitet. Deiner
+Kinder Leid wird das deine sein --“
+
+Das Blut schnellte ihr in die Wangen. In ihrer rührenden Wehrlosigkeit
+erschien sie ihm wie ein Seraph. „Fühlst du schon die Kümmernis,
+liebe Seele?“ wühlte er aufs neue in ihrer Wirrnis herum. „Entsage
+dem stürmischen Meer der Welt und ziehe dich in einen heiligen Hain
+zurück, wo die Stimmen des Lebens sanfter schwingen und die Einkehr
+der Seele leichter ist als im Lärm des Tages. Dort sind die Wälle der
+Unschuld errichtet, dort versammeln sich um dich die gleichgesinnten
+Schwestern und helfen dir, Leid zu tragen und Freude zu empfinden. In
+dem Augenblick, da du die Klosterschwelle überschreitest, verschwindet
+die äußere Welt und eine innere öffnet sich dir, es naht Jesus mit
+den Heiligen und spendet dir stündlich unsagbare Wonnen. Nicht ein
+Grab ist es, in das du steigst, Paradiesesstille und himmlischer Glanz
+überfluten deine Seele im Gebet. Ich wüßte dir hier ein Nonnenkloster
+zu ‚Unserer Frauen Ängsten‘, wo du alle Liebesängste vergäßest.
+Liebliche Schwestern triffst du dort, für die Beichte würde ich sorgen.
+Überlege es, Tochter der Welt, die du dann Braut Christi werden
+würdest.“
+
+Maria de Calabreña hörte Worte rauschen, deren schwerwiegenden Inhalt
+sie nur mühsam begriff. Aber sie sah die traurigen Gestalten der
+schmucklosen Nonnen in ihren weltfremden Gewändern durch die Gassen
+von Granada wandeln und das Herz krampfte sich zusammen und wehrte
+sich mit der ganzen Kraft seiner Liebesfreudigkeit gegen die Lockung.
+Beinahe hätte sie laut aufgelacht, als sie sich vorstellte, wie sie
+im schwarzen Nonnenkleid, das Gebetbuch in der Hand, nach der Kirche
+wandelte. Aber sie spürte den zunehmenden Druck dieser mahnenden
+Priesterhand, der fast zu schmerzen anfing, und so stöhnte sie leise
+vor sich hin: „Nonne -- Nonne -- ich fass’ das nicht -- Braut Christi?
+So sind diese Nonnen alle Bräute Christi?“
+
+„Das sind sie in der Tat.“
+
+„Aber dann hat ja der Herr Jesu tausendmal mehr Bräute, als ein Kalif
+Frauen hat.“ Sie staunte aus ihrer ganzen Ehrlichkeit heraus.
+
+Der Vikar hatte Mühe, ihr die Geistigkeit dieses Brautverhältnisses
+zu erklären. Nimmer konnte sie das traurige Schicksal dieser ewigen
+Brautschaft begreifen, der keine Hochzeit folgen konnte. „Ach -- ich
+kann nicht -- Nonne werden -- weil --“ und übermächtig wogte es aus
+ihrer Brust: „Ich liebe zu heiß!“
+
+„Das unreine Feuer der Liebenden hat niemals genug und verzehrt am
+Ende die Liebenden selbst. O schmerzensvolle Liebe! Das Herz des
+Beichtvaters schlägt in väterlicher Liebe zu dem Beichtkind, und was
+dieses betrübt, betrübt auch ihn. Ihr habt Euer Agnus Dei -- küßt Ihr
+es oft?“
+
+„Ich drücke es am Abend immer an die Lippen.“ Ihre Stimme klang brüchig.
+
+„Gebt -- daß auch meine Lippe sich daran erfreut.“ Er neigte sich zu
+ihrem Busen herab und küßte das Wachsscheibchen im goldnen Gehäuse.
+Seine Sinne schlürften den herben Hauch ihrer Brust und sein Mund
+sog lang an der Stelle, die ihre Lippen allabendlich berührten, und
+seine Vorstellungskraft weidete sich an dem Bild, daß er durch diese
+Berührung mittelbar ihren eigenen Kuß empfände. Maria erschauerte bis
+ins Mark, als sie seinen Kopf, seine Haare, die Tonsur so nahe an ihrem
+Busen spürte. War denn das wirklich Christenpriesterart? Es wurde erst
+wieder Licht vor ihr, als sich das Haupt von ihr hob. Wie eisigkalte
+Ströme rann es durch ihr Hirn.
+
+Ein paar dürftige Sündlein bröckelten sich von ihrem Herzen ab, dann
+erklang wieder des Dominikaners fremdes Gemurmel, seine Hand machte
+das Kreuzzeichen über sie und dann konnte sie sich erheben. Er gab
+ihr als Buße einige Gebete auf und befahl ihr, keinem Menschen ein
+Sterbenswörtlein von allem, was sie im Beichtstuhl gesprochen und
+gehört, zu sagen. Durch eine Handauflegung auf ihren schleierbedeckten
+Scheitel entließ er sie.
+
+Maria de Calabreña hatte das Gefühl, als schritte sie qualvoll aus
+einer großen Gefahr heraus und doch wußte sie sich nicht zu sagen,
+wovor sie Angst empfand. Von Bängnis durchwühlt, wankte sie die Treppe
+hinab.
+
+Der Dominikaner zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihr schloß.
+Er, der arme Priester, stand da allabendlich einem königlich-stolzen
+Mädchen gegenüber. Ein Sündenhauch wehte über seinen Leib. Das gestand
+er sich ein. Und er schauderte einen Augenblick vor der Sünde wider
+den Heiligen Geist, vor der Übertretung des kirchlichen Gebotes und
+der Sittlichkeit zurück. Hier war er wenigstens noch nicht Verräter
+an seinem Gott geworden. Aber da verdrängte ein anderes Bild seine
+kämpfenden Gedanken.
+
+Leonores zauberischer Liebreiz, von den Flammen der Leidenschaft
+erhöht, stellte sich im Geist neben die zarte Schönheit der
+Moriska. Wie lag hier alles noch verknospet, was dort schon in
+beglückender Reife Wonnen spendete! Wie behütete das Maurenkind seine
+Jungfräulichkeit mit dem natürlichen Panzer ihrer Tugend, während dort
+ein ausschweifendes Schenken und Sündigen zweite Natur geworden war. Ob
+diese braune Königstochter je so weit kommen konnte? Aber fließt nicht
+des Vaters Lüsteblut in ihren Adern? Dann war sie doch einmal zum Fall
+reif.
+
+Er bebte am ganzen Leib. In die brennende Urtiefe des Lebens, in das
+Wesen des Doppelrätsels Mann und Weib schwang sich sein brünstiger
+Wille hinab. Ohne dieses Verlangen, das seine Kirche ein Sündenwerk
+nannte, glaubte er nicht ganz Mensch sein zu können. Sollte er die Qual
+der Ausgeschlossenheit vom Irdisch-Menschlichen leiden? Ach, schwer
+drückte das Joch der Tiergebundenheit auf ihn. Keine heilige Anwandlung
+hatte er mehr, sein viehisches Gelüste riß ihn aus dem Himmel, den
+er mit seinen Gedanken schon schändete. Das Wunder der Zeugung alles
+Lebens griff mit schrecklichen Armen nach ihm und raunte ihm zu: Auch
+du entgehst mir nicht, aber du fassest mich mit deinem verfluchten
+Geist.
+
+Pater Leon wog in seinem Geiste die beiden Schönheitsgebilde ab. Dort
+besaß er schon -- hier konnte er bald besitzen. Es mußte köstlich
+sein, um diesen jungfräulichen Leib zu ringen, und er hatte gewichtige
+Helfer bei dieser langsamen Belagerung: die entweihten Dogmen und die
+Glaubensmittel seiner Religion. Was sein unreiner Sinn berührte, fiel
+aus der Höhe der Würde hinab in die Tiefe der Gemeinheit. Christen-
+und Priestertum versanken in seinen sündigen Wünschen und aufstieg
+der tierische Mensch. Der entheiligte Gott sollte ihm helfen, seine
+Gelüste zu befriedigen. Er hatte nicht den Zauber der Verführungskunst,
+der sonst liebenswürdigen Naturen zur Verfügung steht, die durch ihr
+Wesen selbst verführen. Er konnte nicht die Schmeichelrede des Alltags,
+die tändelnde Sprache des Majo, des galanten Liebhabers führen, nicht
+die werbende Zärtlichkeit des Schwärmers gebrauchen. Aber er hatte
+die unheimlichen Fallen und Requisiten der einschüchternden Kirche in
+Händen. Er hatte einst Leonore de Uceda damit bezwungen, er konnte --
+
+Sein Hirn geriet in furchtbaren Brand. Vor seinen Augen kreisten
+farbige Ringe und in seinen Ohren knisterte es wie Funkengestöber der
+Hölle. Skrupellos, beinahe mit dem Abgrund des Verderbers liebäugelnd,
+vergrub er seine Gedanken in lodernde Bilder der Wollust. Eines vor
+allem bestürmte seinen Sinn. Er wollte demnächst -- die Mittel hatte er
+dazu -- die schönen Füße Marias de Calabreña nackt sehen. Er krümmte
+sich in süßer Qual. Ein Wort des heiligen Augustinus stahl sich als
+Trost in seine Seele: ~O felix culpa!~ Ohne Adams Schuld wäre
+keine Erlösung gewesen.
+
+Folgerichtig aber glitt nun sein Geist in einen furchtbaren Haß hinein,
+der ihn zur unerbittlichen Verdammung zwang. Einen Namen schleuderte
+dieser Teufel mitten in sein Dürsten: Don Pedro de Solar! Das Ungeheuer
+Eifersucht hakte seine Tatzen in seine Brust. Es gefiel ihm, die Würde
+des Ritters zu zertrümmern. In dem Degen, den der Ritter zwischen sie
+und ihn gelegt hatte, sah er das trennende Werkzeug zwischen Mann und
+Mann. Er konnte dem Grafen unmöglich die Blüte gönnen, nach der sein
+eigener Wille dürstete. Was forderte Leonore de Uceda? Die Vernichtung
+der Rivalin? Ei, er wollte sich ein anderes Ziel setzen. Und sollte
+sein Wollen des Teufels sein, er mußte versuchen, um dieser Perle
+willen die Muschel zu zerbrechen, die sie für ihn verschloß.
+
+Wie von Dämonen gepeitscht, jagte er sein Judasgewissen aus einer Hölle
+in die andere.
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Über die Kaktus- und Aloehecken der Landhäuser strichen die
+balsamischen Düfte der aufgewühlten Frühlingserde. Das Licht in den
+engen Gassen wurde klarer und goldener, der Darro brauste jugendlicher
+am Hang der Alhambra vorbei, in der Vega keimte die junge Saat auf und
+an den vergitterten Fenstern des Albaycin prangten die ersten Blumen.
+
+An einem goldblitzenden Morgen ging es wie ein Lauffeuer durch die
+Stadt: Eswer Ben Zerragh ist entsprungen. Der Gobernador fluchte. Man
+untersuchte das Gefängnis, man vernahm alle Wachsoldaten ein, nur den
+einen nicht, der entflohen war. In die Gebirge wurden Streifscharen
+geschickt -- ohne Erfolg. In die Barrancos der Alpujarras wagte man
+sich nicht, da die Monfis zu zahlreich waren. Um so gewisser war es,
+daß sich der entsprungene Maurenfürst in dieses Retiro geflüchtet.
+
+Das Herrscherpaar wurde erwartet. Die Königin wollte die ‚bekehrte‘
+Stadt in ihrem neuen Glaubenskleid sehen. Ximenes ritt ohne Bedeckung
+durch die Gassen. Das stählerne Gemüt des Kanzlers glaubte sich
+gottgeborgen. Der Erzbischof Talavera versank neben ihm in ein
+wesenloses Nichts. Pater Leon, der scharfe Seelenreiniger und
+-peiniger, ernannte seine theologischen und weltlichen Beisitzer
+und bald wurden neue Edikte des geheimen Gerichts in den Gassen
+ausgerufen und es war zu hören, daß eine Unzahl von Handlungen und
+Unterlassungen durch das heilige Gericht geahndet werden würden:
+Hexerei, Gotteslästerungen, das Anrufen von Teufeln, das Bezweifeln
+von Glaubensartikeln, das Beschimpfen und Beschädigen von Kruzifixen,
+das Verführen von Frauen im Beichtstuhl, die Vernachlässigung der
+Anzeigepflicht von Ketzern und vieles andere, was ein teuflischer
+Erfindungsgeist spitzfindig ausgeklügelt. An den Wochentagen zogen die
+Familiares mit Trompeten und Trommeln unter Anführung des höchsten
+Alguacil durch die Gassen, und auf den Plätzen wurde das Edikt
+verlesen. Binnen sechs Tagen mußten die Anzeigen über jene Personen
+erstattet sein, die sich eines der bezeichneten Vergehen schuldig
+gemacht hatten. Den Denunzianten wurde völlige Verschwiegenheit
+zugesichert. Selbst dem Beschuldigten sollte ihr Name nicht genannt
+werden.
+
+Die Moriskos erschraken vor dieser gräßlichen Rechtsprechung. Wer
+einen Feind hatte, war ihm wehrlos ausgeliefert. Jeder Haß konnte
+sich durch die Tür der Inquisition Luft machen, wer einen anderen
+schädigen wollte, brauchte nur eine falsche Anzeige erstatten und man
+schenkte ihm Glauben. Niemand war mehr seines Eigentums, seines Lebens
+sicher. Schrecklicher noch als die aufrechten kastilischen Soldaten
+des Königs trat jetzt das Gespenst des furchtbaren Gerichts, dessen
+Vorschauer schon vor Wochen aus Cordoba herübergestrichen waren, unter
+die bebenden Moriskos. Sie, die kaum eine flüchtige Berührung mit den
+Dogmen der Kirche hatten und noch unsicher in den Riten herumtappten,
+konnten jeden Augenblick wegen einer angeblichen Übertretung gepackt
+werden. Wohl versprach man gelinde Strafen, aber man wußte, was man
+von spanischen Versprechungen zu halten hatte. Man zitterte um seine
+kärgliche Habe und vor der bevorstehenden Schmach, verspottet und
+beschimpft im Sanbenito jahrelang unter den Christen wandeln zu müssen.
+Alles zog sich furchtsam in die Häuser zurück, wo man wenigstens
+flüsternd das Leid von der Seele wälzen und dem alten Glauben
+nachtrauern konnte.
+
+Die Könige kamen, begrüßt von der Moriskomenge, der man die
+Begeisterung in die Seele gedroht hatte. Vom Leid verdunkelte Mienen,
+freudlose Augen, verhärmte Wangen -- fürwahr, die Königin hatte nicht
+viel mehr erwartet. Sie warf während des Eintritts beziehungsvolle
+Blicke nach Ximenes, um dessen Herz der Eisenpanzer der Härte lag.
+„Was für eine Stadt!“ entfuhr es ihren Lippen. „Das Volk scheint nicht
+glücklich.“
+
+Der Erzbischof zuckte mit keiner Wimper. „Der einheitliche Glaube ist
+da.“
+
+„Er ist mit Leid erkauft worden. Verzweifelte Klagen drangen über die
+Schwelle meines Gemachs. Man erwartet alles von meiner Gegenwart.“
+
+„Wenn diese Gegenwart auch nur ein Haar von dem verrücken sollte, was
+meine starke Hand erbaut, dann wäre der heilige Eifer umsonst gewesen.“
+Er sah die Königin mit einem bezwingenden Blick an.
+
+„Hat die Inquisition Arbeit bekommen?“ fragte Isabella.
+
+„Es ist möglich, daß zu Ostern Scheiterhaufen brennen.“
+
+Die Königin erschrak. „Die Eile wird das Volk rasend machen. Meint Ihr
+nicht, daß die Barmherzigkeit größer sei als die Gerechtigkeit?“
+
+„Man wird barmherzig sein und oft nur Güter einziehen, wo die
+Verbrennung angebracht wäre.“
+
+„Große Seelen wachsen durch die Bedrückung. Die Moriskos haben große
+Seelen. Sollen sie uns noch gefährlicher werden?“
+
+„Dann vollenden kastilische Reiter das, was wir begonnen,“ entschied
+der kriegerische Hohepriester. -- -- --
+
+Der Graf de Mora hatte den Weg in die Alcazaba gefunden, wo nun Reija
+mit ihren Sklavinnen ihr junges Glück durchsann. In seinem Gewissen
+hämmerte die Schuld. Der Abencerrage war vogelfrei. Der Gewinn war
+durch ein schuldbeladnes Gewissen teuer erkauft worden. Reija wußte
+nicht, wohin sich der Maure gewandt. Aber der Graf schalt sich einen
+Toren, weil er die Flucht seines Rivalen selbst begünstigt. Dann
+verscheuchten wieder die Liebesbeteuerungen des Mädchens alle Wolken.
+
+Als das Glaubensedikt kam, grübelte sich Reija mit ihrem beweglichen
+Verstand so gut es gehen wollte, in die Heilslehren hinein, nur
+bemerkte Don Pedro de Solar an ihr ein verdunkeltes Wesen, wenn sie von
+den Dogmen sprach. Dann machte er sich selbst Gedanken, wie sie oft
+den Menschen in den Stunden farbloser Dämmerung zu überfallen pflegen.
+
+Hell brannten die Kerzen im dufterfüllten Gemach der Königstochter.
+Don Pedro saß neben ihr. Der Wohlgeruch ihrer Glieder wallte um das
+Gemüt des Liebenden. Er hörte ihren Mund so gern tönen. Sie sprach
+ihr Spanisch mit vielen arabischen Wörtern untermischt, betonte die
+Endsilben länger, als es im Andalusischen üblich war, wodurch etwas
+Singendes in ihre Rede kam, das dem Grafen gar wohl gefiel. Auch das R
+rollte sie scharf heraus, was ihr eine entzückende Herbheit gab.
+
+Don Pedro schenkte ihr einen Ring mit einem großen Saphir.
+
+Ihre Augen strahlten voll Eitelkeit. „O Liebster, wie weißt du zu
+schenken! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Ring.“
+
+„Ich doch,“ lächelte er beglückt. „Die Hand, die ihn jetzt trägt.“
+
+Reija schmeichelte sich an seine Brust heran. „O mein Feta! Weißt du,
+was mir noch zum Glück fehlt? Abu Atir soll frei sein!“ Es schlich nur
+so zwischen den Lippen heraus.
+
+Don Pedros Auge verdüsterte sich. „Er tut mir leid, der alte Sid.“
+
+Ihre Wimpern schlossen sich wie in Trauer. „Der Himmel hat einen
+Verkünder seiner Seligkeit verloren. Ob sein Stern je wieder aufgehen
+wird?“ Als sie sah, wie Don Pedros Stirn umwölkt blieb, lenkte sie ihre
+Gedanken auf freundlichere Wege. „Oh, wärest du einer von den Beni Osa!
+Sie haben den Wüstensand zum Bett gehabt, sagt Abu Atir. Sie haben
+unter buntbewimpelten Zelten geschlafen, Kamele verkauft und getauscht
+gegen Waffen und Kleider, haben herrliche Lieder gesungen und Lanzen
+verkämpft in Schlachten um Mohammed. Oh, wenn du von ihnen abstammtest!
+Und ich wollte von den Rosen von Iram stammen, die König Scheddad in
+liebender Glut als das Schönste auf Erden gepflanzt. O sag’, warum hast
+du uns Mauren einst so gehaßt?“ Sie kräuselte plötzlich ihren Mund.
+
+„In deiner Liebe sühnte ich mein Unrecht.“ Er bedeckte ihre braunen
+Wangen mit Küssen.
+
+„Wir hatten doch soviel für euch getan. Ja, ja, bi nefsi! An unsern
+Rittern stärkten die euren ihren Mut, von ihnen lernten sie die
+Verehrung des Weibes, und von unsern Baumeistern nahmt ihr die schönen
+Formen -- und eure Romanzen und Tänze, sind sie nicht den unsern
+abgelauscht?“
+
+Don Pedro fing das Wort auf. „Tanz! Tanz! Du sollst mir die Leila
+tanzen!“
+
+„Das geht nicht, Liebling der Freude! Die Leila tanzen wir nur mit dem
+Schleier auf dem Leib.“ Sie versteckte schnell ihre Augen.
+
+Der Graf zog sie an sich. „So hüll’ dich in drei Schleier, daß ich
+nichts erspähen kann.“
+
+„Meine Brüste müßtest du doch sehen.“ Wieder schloß sie die Augen. Ihre
+Wimpernspeere stachen in sein Herz. „Aber weißt du, ich will dir aus
+der Hamasa singen. Saffana soll mich begleiten.“ Sie schlug in die Hand.
+
+Die schöne Sklavin holte die Anafine vom Silberhaken. Und Reija hob mit
+weicher dunkler Stimme zu singen an. Es war ein arabisches Morgenlied.
+
+„Wenn der Morgensonne Gruß die Berge rötet und das Vogellied erwacht,
+wenn auf Blumengrund der goldne Ferge herzieht und vertreibt die letzte
+Nacht, weint mein Aug’ um dich, das schon geweint, als die Nacht noch
+war dem Morgen feind. Aus den goldnen Mähnen fällt der Tau nieder auf
+die buntgeschmückte Au’, Sonnenwagen kreist um alle Erden -- wann wird
+mir sein Glanz zur Freude werden?“
+
+Verzückt lauschte Don Pedro. „Hernando weiß viele solcher Lieder, aber
+es klang mir keines so schön.“
+
+„Wo ist der Feta?“ fragte die Sklavin schnell.
+
+Der Graf warf ihr einen schelmisch-drohenden Blick zu. „Er ist dir
+nicht gleichgültig? Man merkt es wohl.“
+
+Saffana wurde rot. „Er hat wirklich einen hübschen Mund.“
+
+„Er schwärmt auch von deinem,“ lachte Don Pedro.
+
+„Ei, hab’ ich nicht auch alle arabischen Schönheiten, die man Nesib
+nennt? Oh, sagt ihm doch, Stern der Sterne, ich gehe jeden Abend mit
+meiner Herrin zur Christenlehre und ich muß zwischen den Säulen einsam
+frieren, während sie in der Mosala heilige Worte hört.“
+
+Der Graf verstand sie und nickte. „Ich will’s ihm sagen.“
+
+Da huschte die Moriska beglückt hinaus.
+
+Reija schmollte. „Dein gelehrter Freund hat ihr den Kopf wirbeln
+gemacht. Weißt du, wo die Maurenmädchen ihre Liebsten zu treffen
+pflegen? An der Tränenquelle. Sie heißt Dinadamar und liegt auf dem
+Hügel vor dem Elvirator. An dem Rand der ummauerten Quelle stehen
+Zypressen. Wenn eine Maurin einen Christen liebte, weinte sie dort ihre
+Tränen um ihn, bis das Wasser ihr zum Halse stieg, und dann geschah es
+meist, daß der christliche Freund in der Nähe war und seine Chiquilla
+aus dem Wasser zog.“
+
+„Oh, lägest du dort in deinem Tränenwasser!“ seufzte Don Pedro
+schelmisch.
+
+Sie hielt ihm den Mund zu. „O Männer! Was ihr im Dunkel der Nacht
+liebend sucht, schreit ihr bei Tag der Sonne entgegen.“
+
+„Ich bin nicht einer der vielen. Aber nun mußt du tanzen!“
+
+„Wenn du wegschaust,“ lächelte sie gefügiger. Und ohne eine Antwort
+abzuwarten, flog sie ins Nebenzimmer, um sich zu entkleiden.
+
+Don Pedro atmete die Luft des Entzückens. Wie liebte er sie! Alles,
+alles an ihr! Das helle Leuchten des Tages und das Dunkel der Nacht
+in ihrem Wesen. Wuchs sie nicht vor ihm auf wie eine schöne, durch
+den gesegneten Himmelsstrich erschlossene Blüte, umschmeichelt von
+der Sonne Zauberkraft, geküßt vom Licht des Mondes, gehätschelt von
+des Südens weicher Luft? War sie nicht unerschöpflich im Geben und
+Schenken, in Erfindungen und neuen Gedanken der Schönheit? Sie war
+Ewigkeit und flüchtiger Genuß zugleich, ein klingendes Lied ihres
+Volkes, eine der Huris, aus dem Paradies gestiegen, dem Sterblichen ein
+leises Ahnen von den Freuden zu geben, die seiner warteten. Don Pedro
+liebte sie nicht mit dem Stachel der Wollust im Herzen, sondern mit dem
+reinen Gedanken der Besitzseligkeit eines solchen göttlichen Geschenks.
+Wie eine schöne Fackel sollte sie ihm das neue Leben, in das er durch
+sie getaucht, erleuchten.
+
+Da öffnete sich die Tür. Maria -- nein, Reija schwebte herein. Ihre
+Reize waren durch rosafarbne dichte Schleier verhüllt, aber Haupt,
+Schultern, Brüste, Arme und Füße waren frei. In der Türnische setzte
+sich mit gekreuzten Beinen die Sklavin hin und spielte auf der Anafine
+eine jener Tanzmelodien, wie sie die Beduinenweiber in den Zelten zu
+spielen pflegen, bald in rhythmisch wiegenden, bald in langgezogenen
+Tönen wehmütig hingehaucht.
+
+Reija stand zuerst regungslos, nur die herrlichen braunen Schultern
+bebten leise. Dann löste sie sich aus der lauschenden Gebundenheit,
+langsam wiegte sich der Körper nach vorn, nach rückwärts, lockend
+dehnten sich die gemeißelten Brüste, dann schnellte ihr Oberleib
+plötzlich vor, ihr Antlitz war schreckgespannt, es war, als lauschte
+sie fernem Löwenbrüllen in der Wüste, dann erhob sie sich mit
+beruhigtem Lächeln aus der Stellung des Lauschens, ein sanftes Wiegen
+des ganzen Leibes drückte die Wohligkeit der Seele aus, und plötzlich,
+den lockenden Tönen völlig hingegeben, schnellte sich der Körper von
+der Fessel des Rhythmus los, und wie wenn sie ein Stachel aus dem
+Innern heraus anspornte, warf sie ihre Glieder in einer wilden, aber
+immer schönen Regellosigkeit hin und her, als drängte jede Fiber in
+ihr nach einem geliebten Gegenstand. Immer zügelloser wogte ihre
+Gestalt hin und her, ein sinnlich betörender Taumel erschien sie zu
+erfassen -- der Geliebte ist da! -- ein werbendes Sehnen, ein Wirbeln
+und Drehen, begleitet von den aufjauchzenden Tönen der Anafine -- die
+Hände schlagen verzückt in die Luft, die Augen und Wangen glühen, der
+Atem keucht aus dem halb geöffneten Mund, in dem die Zähne leuchten
+-- mit beinahe wollüstiger Hingabe an die Seele des Tanzes schwingt,
+schlängelt, wiegt und schaukelt sie ihren leidenschaftlich bewegten
+Körper, ohne je schamlos zu werden, wiewohl es schien, als wollte sie
+jeden Augenblick den nackten Leib den kosenden Lüften preisgeben.
+
+Da fängt Don Pedro, hingerissen von der sinnzerwühlenden Auflösung
+des Körpers und von den sprühenden Wundern ihrer morgenländischen
+Seele, die Geliebte in seinen Armen auf. Ihr Busen brennt im Feuer der
+Hingabe an seiner Brust, ein schwüler, bestrickender Duft von Blumen
+und arabischen Spezereien umwirbelt seine Sinne und unter seinen
+entzündeten Blicken wogen die nackten Brüste des herrlichen Mädchens.
+Wie ein Trunkener küßt er die aufgeschlossenen, ihm entgegentaumelnden
+Lippen.
+
+Saffana bricht die brausende Melodie entzwei und läßt das Instrument
+fallen. Sie heult in einer Ecke bei einem Wandspiegel ihre Freude aus.
+
+Noch brennend von den geheimen Opferfeuern der unterdrückten Sinne,
+lösen sich die Liebenden voneinander los. Wie ein Erwachender blickt
+Don Pedro um sich. Auf dem Diwan liegt wohlig hingestreckt sein Mädchen
+mit geschlossenen Augen und schwer kämpfender Brust. Er will hinstürzen
+und die Schleier von den Reizen des Schöpfungswunders heben --
+
+Da wehrt sie ihn sanft von sich. „Du sollst mich lieben wie der Dichter
+Dschemil seine Botheina liebte. Unter Palmen in einsamem Tal legte er
+ihr nur die heilende Hand aufs stürmisch pochende Herz und berührte sie
+sonst nicht.“
+
+Das tat er denn auch mit aller Zärtlichkeit, und er war versucht, seine
+Lippen auf die Granatfrucht ihres Busens zu senken.
+
+Da tönte draußen die Stimme der Matrone. Reija sprang auf und hinter
+den Vorhang des Schlafgemaches.
+
+Noria trat ein. „Don Hernando ist da.“
+
+Gleich darauf stand der Freund im Zimmer. „Du mußt schnell heim. Die
+Wache vor dem Fenster Abu Atirs ist ermordet --“
+
+„Nein!“ brauste der Graf auf. Und seine Augen flogen unwillkürlich nach
+dem Vorhang.
+
+„Maurische List und Tollkühnheit -- man wollte es wie bei Eswer
+versuchen --“
+
+„Da sind Teufel am Werk oder --“ Sein Herzschlag stockte.
+
+„Ein Gesandter des Königs ist bei dir. Du sollst morgen vor Fernando
+erscheinen. Man will dir den Befehl über die Truppen für die Alpujarras
+geben.“
+
+Don Pedro starrte ihn an. „Mir -- diese Ehre --?“
+
+„Man weiß keinen Bessern. Dazu die Empfehlungen des Ximenes --“
+
+Der Graf zog die Brauen hoch. „Wirklich? Des Ximenes? So werden Heilige
+zu Sündern. Laß mich hier Abschied nehmen.“
+
+Da schnellte schon der Vorhang zurück. Reija trat mit angstgelähmten
+Augen heraus. Statt der Schleier trug sie einen Seidenstoff, der sie
+wie eine Toga umhüllte. Hernando verneigte sich staunend vor der
+Schönheit des Mädchens.
+
+„Ich -- habe -- alles gehört,“ sagte Reija. Und sie senkte langsam den
+Schild ihrer Wimpern über die Augen. Auf ihren Lippen war jedes Lächeln
+erfroren.
+
+Der Graf reckte sich. „Ich werde die Truppen nicht in die Alpujarras
+führen.“
+
+Ein Freudenschrei sprang aus der Brust der Moriska. „Alle guten Geister
+Gottes mögen über deinem Hause wachen!“
+
+Hernando aber sah bestürzt den Freund an. „Womit willst du vor dem
+König die Weigerung rechtfertigen?“
+
+„Das höre der König allein.“ Don Pedro atmete schwer.
+
+Reija hob den Vorhang. „Tretet einen Augenblick hier hinein, Feta. Ihr
+werdet hier ein Geschöpf finden, das dieses Geschenk einer glücklichen
+Stunde zu würdigen wissen wird.“
+
+Der ritterliche Gelehrte war nicht auf den Kopf gefallen. Er erkannte
+auch gleich das spitze Lachen daneben. Wie ein aufgescheuchter Hase
+flog er hinein und fiel gleich darauf in weiche, weit geöffnete Arme.
+
+Kaum war Don Pedro mit seiner Geliebten allein, flüsterte ihm diese zu:
+„Ich weiß, was du denkst.“ Ihre Worte klangen wie durch einen dichten
+Nebel gedämpft. „Bei den Freuden des Paradieses schwöre ich dir: ich
+habe hier meine Hände nicht im Spiel.“
+
+Der Graf preßte die Lippen aufeinander, sein Gesicht zeigte Spuren
+tiefwühlenden Schmerzes.
+
+„Pedro -- du glaubst mir nicht? Ich liege vor deinen Füßen -- ich
+umklammere deine Knie -- ich bin unschuldig -- aber ich ahne, wer es
+getan.“
+
+„Eswer!“ stürzte der Graf heraus.
+
+„Er ist tollkühn und hängt schwärmerisch an dem Imam.“
+
+„Weil er an dir hängt!“ kochte das eifersüchtige Herz des Spaniers auf.
+„So dankt er für seine Freiheit! Es kann nur ein Blut für deine Liebe
+pulsen. Gott gebe, daß ich ihm im ehrlichen Kampf gegenüberstehe.“
+
+„Pedro -- du wirst nicht -- gegen die Mauren kämpfen?“ Ihre Hände
+verkrampften sich unter heftigem Schluchzen in seine Arme. „Oh, sprich
+mit der Königin -- sie ist mild und gut --!“
+
+„Ihr Wille ist betört durch die Sprache der Priester, gefesselt
+durch die Macht der Inquisition. Wer diese Fesseln bräche, gewönne
+für Spanien den Atemzug der Freiheit wieder. In Toledo schmachten
+Christenritter in den Kerkern des heiligen Gerichts, in Tiara brennen
+Scheiterhaufen, Cordoba seufzt unter dem Druck priesterlicher Henker,
+und nun soll Granada --? Oh, die Könige wissen nicht, wie die
+Dominikaner Dezas und Ximenes arbeiten. Wer ihnen die Augen öffnete für
+das Elend der Seelen! Der edle Talavera ist auf meiner Seite, Tendilla,
+Osuna, Orgaz -- die Granden empören sich, daß man ihre Besitzungen
+infolge der Austreibung maurischer Bauern zugrunde gehen läßt, die
+Jünglinge des höchsten Adels zittern vor den Familiares -- o Mädchen,
+Mädchen! Die Fackel deiner Liebe hat in mir die der Gerechtigkeit
+entzündet, und an ihr soll sich die Barmherzigkeit der Könige
+entflammen.“
+
+„Michael bist du, der Engel der Gerechtigkeit!“ schluchzte sie
+Freudentränen an seinem Hals. „Wie liebe ich dich, mein Feta!“
+
+Hernando kam mit erhitztem Gesicht. Er packte den seligverstörten
+Freund bei den Armen und zog ihn hinaus. Hinter den beiden siedete das
+Glück in zwei Mädchenherzen. Herrin und Sklavin -- die Liebe machte
+keinen Unterschied mehr.
+
+„Oh! oh! oh! Er küßt so heiß!“ lief Saffanas Herz über. Und sie strich
+sich verwirrt das Kleid über dem Busen zurecht.
+
+Reija aber warf sich auf den Gebetsteppich der Länge nach hin und rief
+Mohammed und Jesus gleichzeitig um Beistand für ihre Liebesqual an.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Der Graf hatte den Imam einvernommen. Des Maurenpriesters Auge
+leuchtete sonnenklar in Unschuld. „Ich hätte wohl dem Erlöser die Hand
+zur Flucht gereicht, aber ich wußte nicht, wie nah er mir war.“ Bis
+spät in die Nacht dauerten die Verhöre bei den Wachen. Man bat um eine
+Verdoppelung des Postens beim Fenster, denn es wollte niemand mehr
+der Maurenlist zum Opfer fallen. Allgemein war die Meinung, der kühne
+Abencerrage sei der Täter.
+
+Die Alguaciles brachten stündlich neue Nachrichten. Bei einem Morisko
+wurde ein Zettel mit einem aufreizenden Inhalt gefunden: „Wehrt euch,
+sonst ist das Ende da. Ihr werdet in den Bergen die Weidegerechtigkeit
+verlieren. Man rühmt eure Geschicklichkeit, doch man wird sie auf
+seine Weise ausnützen, eure Genügsamkeit, aber ihr werdet dafür nicht
+viel zu essen bekommen, euern Fleiß, dafür wird man euch bis aufs Blut
+schinden, eure Bescheidenheit, und man wird euch wirklich nur ein paar
+Maravedis im Tag geben, eure Bodenwirtschaft, und ihr werdet sie im
+Joch beweisen müssen.“
+
+Don Pedro ließ den Zettel verbrennen -- um des Imams willen, dem er die
+Aufreizung zuschrieb.
+
+Es war nach Mitternacht, als man auf den Höhen der Sierra Nevada
+kleine Punkte aufleuchten sah, Feuer, wie sie die Mauren zur Zeit der
+Sonnenwende auf den Bergen zu entzünden pflegten. Auch bei Gefahr,
+Aufstand, als Zeichen der Versammlungen brannten diese Feuer. Der
+Graf wurde stutzig. Er hatte die ergebnislose Untersuchung für heute
+beendet. Zu Hause angekommen, fiel ihm ein Paket Schriften in die Hand,
+das er heute von der Mutter gesandt bekommen hatte. Es waren Dokumente
+seines Vaters, Erinnerungen, wie sie der alte Mann, der nicht nur
+waffentüchtig, sondern auch gelehrt war, aufgezeichnet hatte. Sie lagen
+nun zum erstenmal vor den Augen des Sohnes. Die Mutter fühlte sich
+krank und hatte dem Sohn in einer Anwandlung von Sterbensmüdigkeit die
+Aufzeichnungen des Vaters geschickt.
+
+Die Erinnerungen spielten in eine ferne Zeit hinein, sie sprachen
+von Waffenglück und königlichem Dienst, von der Vertiefung in
+Glaubenssachen --
+
+Da erblaßte der Graf. Er las seltsame Worte: „Beinahe hätte ich
+die Schmach über mich ergehen lassen müssen, von der Inquisition
+verfolgt zu werden, weil ich mich infolge eines nächtelangen Studiums
+in arabischen Schriften mit den Angriffen der Mohammedaner gegen
+die heiligen Dogmen der Kirche befreundet hatte. Besonders das
+Dreieinigkeitsdogma machte meinem Geist viel Pein. Nur die Einsprache
+eines mächtigen Gönners, des Herzogs von Medina-Sidonia, bewahrte mich
+vor dem Ärgsten.“
+
+Mit zusammengepreßtem Herzen sann der Graf in die Schrift. Sein Vater,
+der Abgott seiner Jugend -- von der Inquisition verfolgt! Nun erinnerte
+er sich des betretenen Schweigens in den Kreisen der Granden, wenn von
+der Vergangenheit des Vaters die Rede war. Man wollte ihm, dem Sohn,
+des Alten Sünde nicht als erblichen Fluch auf die Schultern laden, aber
+man konnte doch nicht vermeiden, ihn mit einem gewissen Mißtrauen zu
+behandeln. Die kriegerischen Anlagen des jungen Grafen drängten den
+gelehrten Sinn zurück, und erst in den letzten Wochen, da sich sein
+Herz gewandelt, hatte auch sein Geist die Spuren der Gelehrsamkeit
+in den arabischen Schriften, die ihm Hernando de Rojas verschafft,
+aufmerksam verfolgt. Er hatte da plötzlich entdeckt, wieviel die
+Spanier den arabischen Gelehrten, und vor allem den Philosophen,
+verdanken, wie die Bücher des Averroes über Aristoteles das ganze
+christliche Denken umformten, wie die Heilkunst auf Grund arabischer
+Erfahrungen ausgeübt wurde, wie Kriegführung und Rittertum im
+maurischen Boden wurzelten und die spanische Dichtung sich noch immer
+der morgenländischen Blüten bediente. Pulver, Papier, Seidenzucht,
+Ackerbau, alles mußte der Spanier den Mauren entwinden, selbst Kolumbus
+hätte wahrscheinlich ohne die Erdkarte des Edrisi das neue Land nicht
+entdeckt.
+
+Waren es Feinde, die den Vater vor das Tribunal geschleppt? Oder hatte
+er sich selbst unvorsichtig verraten? So war sein Geschlecht durch des
+Vaters Schuld nahe daran gewesen, von allen Ehren ausgeschlossen zu
+werden? Und belastete nicht ein von der Inquisition Verurteilter auch
+Kind und Kindeskinder?
+
+Er hatte in dieser Nacht tief und ernst zu denken. Und mit umränderten,
+müden Augen sah er dem Morgen entgegen. Die innere Unruhe verscheuchte
+das Blei von seinen Lidern, und der erste Sonnenstrahl grüßte einen
+matten Körper und Geist.
+
+ * * * * *
+
+Im Saal der Schwestern, unter der prunkvollen, tropfsteinartigen
+Kuppel, die wie ein phantastisches Riesenzellengewebe zu Häupten hing,
+inmitten der ornamentalen Pracht der Wände, der farbenstrahlenden
+Türbogen und des abwechslungsreichen Spiels der Formen und Muster, des
+Goldes und des Dämmerlichts nahmen die Könige die Berichte der Granden
+entgegen. Am frühen Morgen waren beunruhigende Nachrichten angelangt.
+Christendörfer in den Alpujarras waren von den Mauren überfallen
+worden, die Monfis plünderten christliche Hirtenstationen, und man
+sprach davon, daß sich große Banden um Orgiva und Guejar sammelten, der
+Name Abu Atir fliege von Mund zu Mund, es sei offenkundig, daß man ihn
+befreien und zum König ausrufen würde. Die schwere Reiterei, tapfere
+Lehensmannen und Adelige aus den ersten Geschlechtern, machte sich
+zum Aufbruch bereit, der große Kapitän Gonsalvo de Cordoba sollte das
+kleine Heer gemeinsam mit Tendilla gegen die Maurennester führen. Doch
+zuvor sollte der Graf de Mora die Stärke der Banden erkunden.
+
+Die Wachen vor dem Löwenhof zogen in dreifacher Stärke auf. Fremde
+Gesandte, geistliche Würdenträger und Bittsteller harrten im Hof. Der
+Vorsaal der Mozaraber war überfüllt von schimmernden Gestalten, die von
+den Sekretären der Königin nach Listen geordnet wurden. Ein Gnadenwort
+aus hohem Mund war Erquickung für den ehrgeizigen kastilischen
+Ritter. Man witterte Maurenkämpfe und freute sich, denn des Friedens
+Tatenlosigkeit drückte auf die spanischen Gemüter.
+
+„Ah -- der Held von Santa Fé!“ sagte der Graf de Cabra zu einem andern
+Granden, als sich die Gestalt des königlichen Hauptmanns an der Saaltür
+zeigte. „Man spricht viel von der schönen Moriska, die Boabdils Tochter
+sein soll. Aber man nennt selten ihren Namen ohne den seinen. Es
+scheint da ein Liebesgarten aufzublühen.“
+
+„Ihr meint doch nicht --“
+
+„Was ich meine, wird den Grafen de Mora nicht abhalten, unvernünftig
+zu sein. Ich weiß nur, daß er die Hand der schönen Leonore de Uceda
+verschmäht hat.“
+
+„Und das sollte ungestraft von ihr geschehen sein?“ lächelte der Grande.
+
+Cabra machte ein Zeichen des Schweigens. Graf de Mora hatte sich
+genähert. Er trug das reichgestickte Gewand seines Vaters, den Hut mit
+dem Federbusch, das golden eingelegte Schwert und den schwarzen Mantel.
+In seinen Zügen waltete tiefer Ernst. Man erinnerte sich nicht, ihn
+je so dunklen Gesichts gesehen zu haben. Er gab kurze, aber höfliche
+Antworten.
+
+„Wer eröffnet die Audienz?“ fragte er den Grafen Gonzalez de Lara,
+einen würdigen Greis.
+
+„Wer anders als Ximenes und Pater Leon? Die Inquisition hat den
+Vortritt vor den Granden.“
+
+„Das war nicht immer so,“ sagte Mora mit verfalteter Stirn.
+
+„Man kann zu Euch freier sprechen. Die Cortes sollten die Augen offen
+halten. Wenn Könige in den Händen der Priester sind, ist es fast
+schlimmer, als wenn ein König in den Händen eines Weibes ist.“
+
+Der Graf de Mora drückte dem Alten beziehungsvoll die Hand. „Ihr denkt,
+wie es ist. Wenn’s not tut, erinnert Euch meiner.“
+
+„Auch Ihr, junger Freund, sollt an mir nicht vorübergehen.“
+
+„Gewiß nicht, Lara. Man spricht, höre ich, von Übergriffen der
+Inquisition.“
+
+„Man spricht wahre Worte. Aber still -- da drüben bei der Säule steht
+ein Familiare der Inquisition. Die Leute bewachen jedes Wimpernzucken.“
+
+„Wird man die Königin allein sprechen können?“
+
+„Schwer. Ximenes horcht die Seelen der Untertanen aus.“
+
+„Man muß doch vor ihr Herz kommen können?“
+
+„Meist nur vor ihr Antlitz. Um ihr Herz legt Ximenes seine Dornenhecke.
+Doch Ihr habt ein alt Geschlecht, vielleicht zeichnet Euch die Königin
+aus. Ihr habt Gewichtiges --?“
+
+Er kam nicht weiter. Der große Kapitän Gonsalvo trat mit dem glänzenden
+Gefolge seiner Hausmannschaft in den Löwenhof, der Gobernador schritt
+durch die Reihen der Edlen, die alten Geschlechter Mendoza, Villena,
+Castro, Cifuentes, Ureña, Cabra und andere hoben sich von dem jüngern
+Adel ab, gekennzeichnet durch die Geschlechtswappen ihrer Herolde,
+während die hohe Geistlichkeit und die verdienstvollen Mönche getrennt
+von den Granden eine Insel um die Brunnenschale in der Hofmitte
+bildeten. Vor dem Eingang zum Saal der Schwestern, der durch einen
+großen Vorhang abgeschlossen war, standen die Edelknaben der Königin
+unter der Führung ihres Alcayden Diego von Cordoba.
+
+„Der König ist aufgeräumt und gnädig,“ sagte der Graf Alvaro Nuñez de
+Castro, der eben herauskam. „Er hat mir einen Teil der Besitzsteuer
+erlassen.“
+
+„Und die Königin?“ fragte de Mora ungeduldig.
+
+„Sie spricht nur mit Ximenes. Ich konnte keinen Gnadenblick erhaschen.“
+
+Name für Name wurde gerufen, Stunde auf Stunde verrann. Graf de Mora
+wurde ungeduldig. Der Löwenhof leerte sich, viele Granden wurden für
+den nächsten Tag bestimmt, und endlich nannten die Sekretäre nur mehr
+drei Edelnamen: Tendilla, Gonsalvo und Mora.
+
+Bald darauf standen die drei Ritter gleichzeitig vor dem Herrscherpaar.
+Ihre hohen Gestalten umspielte dämmriges Licht aus der Kuppel.
+Seitwärts der Königin saß Ximenes, während Leon an einer der herrlichen
+Holztüren stand, die zu den kleinern Seitengemächern führten. Sechs
+Granden hielten Wache beim Eingang in den Saal der Ajimezes, durch
+dessen Erkerfenster man den Strahl des Springbrunnens im Patio de
+Daraxa in der Sonne blitzen sah.
+
+Der König enthüllte seine Absicht, wie notwendig es sei, den Mauren
+Ernst zu zeigen. Er wies auf die Vorgänge der letzten Nacht hin, teilte
+mit, daß die Monfis schon bis zum Hügel von Padul schwärmten, und
+Gonsalvo legte einen Plan für den Marsch in die Berge vor und erbot
+sich, das nahegelegene Maurenschloß von Guejar zu stürmen. Auch Graf
+Tendilla unterstützte den Antrag. Der Graf de Mora wurde beauftragt,
+Lanjaron, das stark befestigte Bergnest in den Alpujarras, zu nehmen.
+
+Da verneigte sich Don Pedro de Solar vor dem König. „Ich will nach
+Lanjaron -- zum letztenmal meinem König und meiner Königin im Kampf
+gegen die Mauren zu dienen.“
+
+Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung. Fernando blickte aus
+seiner kühlen Haltung auf. „Hispaniola lockt Euch noch immer?“
+
+Der Graf schüttelte den Kopf. „Darf ich mit meinem König allein
+sprechen?“ fragte er mit beinahe feierlich gespannter Seele.
+
+Der König blickte verwundert. „Das ist nicht Sitte. Die Königin zum
+mindesten --“
+
+„Ihr Herz wird meine Sprache segnen,“ sagte de Mora mit leuchtendem
+Auge.
+
+„Mein Primas wird nicht fehlen wollen,“ bemerkte Fernando, indem er
+Ximenes einen beziehungsvollen Blick zuwarf.
+
+Der Erzbischof nickte kühl. Leon trat zu ihm und flüsterte ihm etwas
+zu. Der Königin aber wurde ängstlich zumute. Was hatten sie für
+Geheimnisse? „Erzbischof, was darf ich nicht wissen?“
+
+Ximenes kräuselte unmutig die Lippen. „Pater Leon bat mich, die Worte
+des Grafen hören zu dürfen.“
+
+Graf de Mora flehte kühn: „Mein Wort ist nur für die königlichen
+Hoheiten bestimmt.“
+
+Da entschied der König kurz: „Erwartet mich im Saal der Ajimezes.
+Ximenes bleibe, der Vikar entferne sich.“
+
+Graf de Mora trat in den Nebensaal. Pater Leon ging verstimmt in den
+Löwenhof, wo er wie ein lauernder Marder um die Säulen schlich. Alles
+wich dem Gefürchteten aus, Granden und Kleriker hatten Ursache, mit ihm
+nicht allzu bekannt zu werden.
+
+Der König ließ sich noch von Gonsalvo Bericht über die verfügbaren
+Streitkräfte erstatten. Als er dann von den Sekretären hörte, daß für
+heute nur mehr der Besuch des Hospitals und zweier Klöster geplant war,
+verabschiedete er die beiden Granden.
+
+Ximenes lehnte beim Fenster und starrte in das Grün der Zypressen. Der
+König rief ihn nun heran. „Ihr kennt den Grafen de Mora?“
+
+Der Kanzler nickte. „Sein Vater ist nicht ganz ohne Makel ins Grab
+gestiegen. Aber man hat damals -- es sind schon an die fünfzehn Jahre
+her -- noch Gnade mit manchen Zweiflern geübt. Wir schreiben eine andre
+Zeit.“
+
+Die Königin geriet in Eifer. „Soll der Sohn die Sünden der Väter büßen?
+Wie soll der Sohn zur Tapferkeit rüsten, wenn er weiß, daß sie um
+seines Vaters Fehler willen nicht belohnt wird?“
+
+„Und dennoch macht man so die Väter vorsichtig,“ sagte Ximenes. „Auch
+liegt es im beschworenen Gesetz enthalten. Im übrigen muß man Don Pedro
+de Solar hören. Er hat sich Verdienste erworben, er hat auch meinen
+Salzedo aus maurischen Händen befreit, er war ein eifriger Verfolger
+der Mauren, die Bewachung des Imams lag in seinen Händen. Ob sie immer
+gut war -- hm -- wer will es sagen? Auch der Abencerrage flüchtete
+unter seiner Bewachung. Aber noch scheint der Graf pflichttreu und
+gewissenhaft zu sein. Nur eins trübt sein gutes Bild. Pater Leon macht
+mich aufmerksam, daß der Graf nahe daran sei, sein Herz an eine Maurin
+zu verlieren --“
+
+Der König machte eine jähe Wendung. Er dachte an die herbstliche
+Abendstunde, da er diesen viel gelobten und nie verliebten Grafen mit
+Leonore de Uceda verloben wollte. Er hatte den Grafen seither nicht
+wiedergesehen.
+
+Isabella ereiferte sich. „Eine Maurin? Moriska? Und er will den Raub
+der losen Liebesfrüchte vor dem Altar heiligen?“
+
+„Man munkelt es.“
+
+„Er hätte seinen Wert für ein würdigeres Herz aufsparen sollen. Die
+Moriskas machen leicht ihr Herz zum Spielball. Man wird sich hüten
+müssen, ihn gnädig zu behandeln. Wer ist das Weib?“
+
+„Die natürliche Tochter Boabdils,“ meldete Ximenes eindrucksvoll.
+
+Fernando wurde von seinem Gewissen bedrängt. Er dachte des Mannes als
+eines, den er oft getäuscht. „Wie kommt die Tochter her?“
+
+„Geheimnisvoll genug. Ihre Mutter, die Gräfin Calabreña, flüchtete
+vor vielen Jahren an den Maurenhof und verliebte sich in Boabdil. Die
+Frucht ist dieses Mädchen. Sie wurde vom Vater in Spanien belassen
+und der Erziehung eines Ratgebers des Königs übergeben, eben jenem
+ehrwürdigen Imam Abu Atir. Sie ist erst seit vorigem Herbst in Granada.
+Sie wehrte sich bei der Bücherverbrennung um den Koran ihres Vaters,
+und es mußte ihr das Buch ausgeliefert werden, damit wir Salzedo dafür
+unversehrt erhielten. Es war ein erbärmlicher Handel, vom Grafen de
+Mora vorgeschlagen und nur durch die Not entschuldigt. Damals schon
+wunderte man sich über die Verteidigung des Mädchens durch den Grafen.
+Das Kind ist unterdessen Christin geworden. Sie ist wirklich kaum mehr
+als ein Kind.“
+
+Die Königin wurde nachdenklich. „Warum bekomme ich die Moriska nie zu
+sehen?“
+
+„Sie lebt sehr zurückgezogen, fast noch auf maurische Art. Sie besucht
+nur mit unserer Erlaubnis täglich den Imam. Aber man wird von nun an
+vorsichtiger sein müssen. Die Befreiungsversuche der Mauren scheinen in
+der Alcazaba eine Stütze zu finden, und wenn mich nicht alles täuscht,
+hat diese schöne Moriska allen Grund, sich von einem gewissen Verdacht
+zu reinigen. Pater Leon ist der Beichtvater des Königskindes.“ Der
+Kanzler machte hinter halbgeschlossenen Lidern kleine Augen.
+
+„Sonderbar!“ sagte Isabella leise. „Aber hören wir den Grafen. Kommt!“
+
+Die Granden öffneten den Vorhang im Türbogen. Prachtvoll fiel das
+Licht aus dem Patio de Daraxa in den zierlichen Mirador, der den Saal
+abschloß.
+
+Graf de Mora stand bei einem der Fenster. Nun verneigte er sich tief,
+ließ sich aufs Knie und küßte die Hand der Königin. Der Vorhang schloß
+sich wieder.
+
+Die heißersehnte Stunde hatte geschlagen. Der Sonnenschein in den
+Blicken der Königin trieb den Grafen an, offen zu sprechen, wenn er
+auch in Fernandos undurchdringlichem Gesicht keine Ermutigung las. Auch
+das wächserne Antlitz des Primas war keine freundliche Einladung.
+
+„Ihr seid nicht in der Liste der Familiares?“ fragte der König.
+
+„Nein.“
+
+„Warum?“
+
+„Es ist ein Amt, das andre Männer fordert, die weniger Mann sind als
+ich.“
+
+Ximenes zog die weißen Brauen hoch. „Es stehen die ersten Namen auf den
+Listen.“
+
+„Doch auch die letzten von ganz Spanien, die man nur in verrufnen
+Ventawinkeln nennt.“
+
+„Ketzer sind eben in allen Schichten zu suchen. Sie aufzufinden,
+braucht man die Hilfe eines jeden.“
+
+„Zur Sache,“ warf der ungeduldige König ein. „Ihr wollt nicht nach
+Hispaniola?“
+
+„Meine Güter verlangen nach dem Herrn. Ich will meinen Herden, den
+Feldern und der Seidenzucht leben.“
+
+„So jung und schon soviel Sinn für Behaglichkeit?“ verwunderte sich die
+Königin. „Da werden die andalusischen Schönen trauern, wenn ein Mann
+wie Ihr sein Licht unter den Scheffel stellt. Ihr seid unbeweibt?“
+
+Dem Grafen klopfte das Herz. „Bis jetzt -- ja.“
+
+Der König horchte auf. „Man sagt, Ihr geht gern am Weibe vorbei.“
+
+„Ich habe mich besonnen.“
+
+Isabella tat überrascht. „Die Wahl?“
+
+„Fiel auf ein tugendhaft Geschöpf, das, meine ich, wert ist, den Kranz
+der Ahnen als neue Blume zu zieren: Maria de Calabreña.“
+
+Die Königin zuckte zusammen. „Der Name ist in unserm Gedächtnis schwarz
+geschrieben. Die Calabreñas haben vor vielen Jahren eine Verschwörung
+gegen den Thron angezettelt, man verfolgte das Geschlecht --“
+
+„Und eine der Verfolgten war Ines, die Tochter des Sancho de Calabreña,
+der dennoch keinen Anteil an der Sache hatte. Sancho rettete sich nach
+Guadix, wo er starb. Die Tochter aber gewann das Herz des Maurenkönigs.
+Aus dieser Liebe entsproß ein schönes Mädchen, in allen Tugenden
+erzogen, wenn auch auf maurische Art, jetzt aber Christin --“
+
+„Bei Gott, das ist gewagt,“ unterbrach ihn erregt die Königin. „Sich
+wegzuwerfen an eine Moriska!“
+
+„Sie ist Christin so gut wie eine,“ verteidigte sie der Graf.
+
+„Vielleicht nur -- Euch zuliebe!“ warf Ximenes wie von ungefähr ein.
+
+„In ihren Adern ist unreines Blut,“ sagte Fernando. „Und Ihr wallt
+Euer reines -- oh, nicht zu denken! Ihr besudelt Euch. Denkt an die
+Kinder aus dieser Blutmischung. Der Weg zu jedem hohen Amt ist Euch
+verschlossen, auf Schritt und Tritt fühlen Eure Kinder die Schuld der
+Eltern.“
+
+„Sie ist eine Königstochter!“ sagte der Graf in wachsender Wärme.
+
+„Eines Königs, dessen Sinnen noch immer ist, uns zu bekriegen, das
+Verlorene zurückzugewinnen.“
+
+Und Ximenes unterbreitete gewichtig seine eigenen Gedanken: „Boabdil
+will, daß man in ihr das Andenken an den Vater ehre. Sie taugt dazu
+und scheint dabei ungefährlich. Doch ist es Zufall, daß sie mit dem
+Imam nach Granada kam? Soll dieser schlaue Alte nicht -- Wegbereiter
+für den König sein? Unsere Kundschafter bringen Nachricht übers
+Meer, daß Boabdil sich rüstet, daß die Berber ihr Herz für ihre
+Maurenbrüder entdeckt haben. Ihr seht die plumpe Falle nicht? Könnte
+ein Christenritter nicht dazu dienen, zur rechten Zeit schwach zu sein
+und im Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe auf jene zu vergessen?“
+
+Graf de Mora stand betroffen. „Wahrhaftig -- darauf -- bei Gott und
+seinen guten Engeln -- darauf war ich nicht vorbereitet.“
+
+Ximenes schob die blutleeren Lippen hin und her. „Ich sehe jetzt
+klar. Darum die Weigerung, Familiare zu werden. Die Moriska könnte
+-- so fürchtet Ihr -- im neuen Glauben straucheln, und Ihr müßtet
+pflichtgemäß ihr Kläger werden.“
+
+„Bei Santiago!“ rief der Graf bestürzt aus. „Auch das? -- Ihr
+wißt Gründe aufzudecken, die erschauern machen.“ Und er wandte
+sich an die Königin. „Erhabne Frau, käme ich in diesen Fall, ich
+wäre bejammernswert, allein ich bürge für den guten Willen meines
+zukünftigen Weibes im Punkt des Glaubens.“
+
+„Ihr nehmt da viel auf Euch,“ warnte die Königin.
+
+„Ich bitte um gnädiges Gehör,“ bat der Graf bewegt. „Darf ich der
+ersten Frau Spaniens mein Herz zu Füßen legen? Der Frau Isabella? Der
+Sterbliche naht sonst Eurer Hoheit mit abgemessener, eingeengter Seele.
+Oh, laßt mich freier sein, wie es dem freien Gegenstand ziemt.“
+
+Ximenes blinzelte mit heimlichem Argwohn nach dem Ritter, und der König
+schien ungehalten. Doch Isabella fragte freundlich: „Was wollt Ihr
+also?“
+
+„Ein wahres Christentum!“ rief der Graf warmherzig aus. „Und
+Menschlichkeit gegenüber den Mauren!“
+
+Die Herrscher horchten auf. Ximenes saß fühllos. „Haben wir die je
+verleugnet?“ fragte die Königin.
+
+„Alles zittert vor der Unbarmherzigkeit der Kirche -- Christen und
+Moriskos.“
+
+„Der Kirche?“ Der Primas erhob sich aus seiner Regungslosigkeit. „Es
+ist sonst nicht die Art andalusischer Ritter, das strenge Maß der
+Etikette zu überschreiten.“
+
+„Wer zwingt uns zu dem Äußersten?“ erglühte Mora. „Aus unserer
+Seelenangst heraus werden wir zu ungestümen Forderern. Schon schreit
+Toledo auf, wo man zwanzig Rittern die Daumenschrauben angelegt, in
+Madrid sind die Kerker mit edlen Namen überfüllt, Valladolid, Burgos,
+Alcala und Segovia bäumen sich unter dem Druck auf, und nicht der
+Glaube macht sie beben, nur die Verteidigung des Glaubens selbst. Was
+will man mit den eingezognen Gütern? Ungläubige dadurch gläubig machen?
+In ihre Seelen sieht nur Gott. Und sei es um die alten Christen -- doch
+die neuen? Oh, seht zu, was Ihr beginnt!“
+
+Ximenes ließ einen leisen Spott um seine Mundwinkel spielen. „Ich sah
+es kommen, bei Santiago, darauf war ich gefaßt. Das Weib beginnt Euch
+zu bedrängen.“
+
+Der Graf geriet in Brand. „Soll eines Weibes edler Einfluß einen Mann
+verderben können? Rühmt man den spanischen Damen nicht nach, daß sie
+nach Maurenart sich ihre Ritter erzogen haben zur Galanterie und edler
+Denkungsweise? Bin ich unmännlich, weil ich von einem Weib Mitleid
+fühlen lernte? Vor Santa Fé hielt ich’s wohl anders. Fünfmal warf ich,
+heftig blutend, den Feind vom Wall; und ungezählt sind die Ehrenlanzen,
+die ich mit maurischen Rittern brach, ich war kein Maurenfreund, ich
+war besessen von Härte, ein jeder Atemzug in mir war blinder Haß, ein
+jeder Blick Verachtung der Agarenos. Bis ich sie kennenlernte, ihr
+kindlich freies Tun, ihr spielendes Gehaben, ihren heiligen Glauben
+an den Propheten, ihren Fleiß, die Zähigkeit, das gebeugte, willige
+Untertanenherz, ihr Wissen, ihre Kunst. Unselig, daß ich schwärmen muß!
+Ich hörte den Imam reden, als geschlagnen, in seinem Glauben zertretnen
+Menschen, und hörte kein Wort der Verdammung. Als Granada im Aufruhr
+lag, hat sein Wort die Feuer gedämpft. Der Kerker ist Spaniens Dank
+dafür.“
+
+Der König war erblaßt und sah die Königin mit großen Augen an. „Das
+heiße ich kühn, meint Ihr nicht, Isabella?“
+
+Diese sah noch immer freundlich. „Die Liebe hat Euch ein großes Herz
+gegeben, Graf de Mora. Es greift schon über die Grenzen Spaniens hinaus
+und -- über unsern Glauben.“
+
+„Wie ehre ich den katholischen Glauben!“ rief der Graf flammend. „Und
+lasset Christus mit der angebornen Sanftheit walten, und Ihr werft
+mehr Mauren glutbrünstig auf die Knie als mit der fürchterlichen
+Inquisition.“
+
+Da warf Ximenes das kühle Wasser seiner Seele in die Glut des Ritters.
+„Wer Christus nur als sanften Hirten kennt, kennt ihn nur halb. Er
+reinigte mit der Geißel Tempel.“
+
+„Zur Sache, Graf,“ mahnte Fernando. „Was wollt Ihr?“
+
+„Spanien glücklich wissen, bewohnt von Menschen, die ihren Gott nach
+ihrer Art im Busen tragen dürfen.“
+
+„Verschiednen Glaubens?“ Die Königin schnellte ihren Oberleib vor,
+während der König den lächelnden Erzbischof stumm ansah.
+
+„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien
+zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die
+Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder
+schafft. Wir aber haben mehr als Italien: erobernd streckt Spanien
+seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt
+Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist.
+Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung
+fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert
+und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes
+lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler,
+die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen
+auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren
+Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den
+schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu
+entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf.
+Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders
+klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen,
+und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird
+sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin.
+„Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen
+Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt +mir+! Und nicht
+der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr
+flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es
+nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne
+auf.“
+
+Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas
+ein Zeichen, für die Könige zu sprechen.
+
+Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher
+Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt
+bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es,
+dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu
+bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst
+im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt
+gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr
+wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines großen
+Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den
+Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“
+
+„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr
+Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die
+Gnade haben!“
+
+„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch
+sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt
+Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte
+meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“
+
+„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese
+Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr,
+die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“
+
+Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an
+unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“
+
+„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird
+diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses
+trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern
+Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses
+auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren
+durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt
+glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß
+Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur
+Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der
+Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein
+Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam
+nützen, um damit zu schaden?“
+
+„Man wird +die+ Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden
+kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der
+Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in Spanien
+etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre
+Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht
+die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“
+
+„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können?
+Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“
+
+„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung
+ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein
+schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter
+Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte
+machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein.
+Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk
+zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König
+wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des
+warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt
+Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“
+
+„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft
+verunstalten darf.“
+
+„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr,
+scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen.
+
+„Ich -- versteh -- Euch nicht.“
+
+Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den
+Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen.
+Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“
+sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal
+so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden
+mußten --“
+
+„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten
+sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter
+auf. „Ich weiß -- seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor
+Menschen schuldig zu werden. Doch sein Angedenken ist geheiligt in
+meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner
+gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester
+lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl
+ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen,
+die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn
+schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger
+waren? Wer sagen, daß er geirrt?“
+
+„Er hat geirrt!“
+
+„Hat er den Irrtum bekannt?“
+
+„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur
+von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder
+Gnade gibt.“
+
+Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh,
+dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch
+wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser
+Gottes.“
+
+Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag
+der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr
+seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die
+Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich
+die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach
+Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“
+
+Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich
+ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung.
+„Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der
+erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“
+
+Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß -- wir haben unsre
+Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“
+
+„Und dennoch -- schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich
+in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das
+Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz des Volkes Wünsche.
+Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht
+Euer großmütiges Herz überwuchern --“
+
+„Mein König -- diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht
+wich das Blut.
+
+Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der
+Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem
+großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig
+weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken
+baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen --
+wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“
+
+Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen
+über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der
+Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das
+Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden
+Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah
+er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber,
+doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte
+er mit gierig gestrecktem Hals.
+
+„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging
+durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner
+Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken
+glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah
+ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein
+Wild in den Bogen.
+
+Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch
+ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd.
+
+„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst.
+
+„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der
+Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige
+alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. Welch ein Stürmer!
+Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere
+solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber
+ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der
+Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen
+Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die
+Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube,
+eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder
+Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf
+Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an
+Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden
+es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott
+verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es
+nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer
+Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der
+Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben.
+O diese Sprache, die er redete!“
+
+„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin.
+„Graf Tendilla, Talavera --“
+
+„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist
+gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann
+leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich
+einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen
+unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen
+Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die
+Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder
+scharf übe.“
+
+„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König
+unentschlossen.
+
+Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die
+Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie
+beschworen.“
+
+Die Königin erschrak. „Ihr wollt --?“
+
+„Seine verliebte Seele zittert in Unruhe, bald wird auch sein Gedanke
+über Gott und Glauben wankend werden. Liebe ist nachsichtig und
+verurteilt nicht leicht, und die Moriska ist sicherlich befangen
+im alten Glauben. Auch der Graf kann da in gewissen Dingen leicht
+entgleisen, weil er liebt. Gelingt es, ihn in einem solchen Augenblick
+zu packen, dann hat die Inquisition freie Hand.“
+
+Der König strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ximenes -- das ist
+nicht weise Vorsicht -- das ist ein Spiel mit einem -- Menschenleben.“
+
+„Es ist die Eingebung einer höhern Macht, die da noch hilft, wo Könige
+verzagen,“ sagte Ximenes gelassen.
+
+Die Königin zitterte in Mitleid. „Ich fürchte, wir verarmen an Talenten
+und an Herzen, wenn wir so edle Regungen unterdrücken.“
+
+„Das überlasse Eure Hoheit der Kirche. Zudem -- der Hof braucht Geld --
+der Graf ist reich -- Ihr versteht.“
+
+Die Könige erbleichten. Aber sie schwiegen vor der entsetzlichen Kraft
+dieser Rechtsbegründung aus Priestermund. Endlich fand Isabella das
+erlösende Wort. „Nur weil ich der Kirche Hoheit erkenne, sag’ ich ja.
+Aber wie wollt Ihr in die geheimsten Kammern des Herzens dringen?“
+
+Der Erzbischof lächelte überlegen. „Darüber mag sich der Dominikaner
+den Kopf zerbrechen. Gelingt es ihm, die Könige vor Gefahr zu bewahren,
+dann schreibt seinen Namen auf die Tafel der Verdienste. Der Graf
+darf nicht länger so denken, sonst mästet Ihr Euch einen zweiten
+Cid heran, der seinem König wieder gefährlich werden kann. Alle
+Ricoshombres, die unzufriednen andalusischen Granden, werden ihm folgen
+und Kastilien und Aragonien bedrohen, ja, er könnte, ein zweiter Graf
+Julian, die Mauren aus der Berberei zu Hilfe rufen und die schwer
+erkämpfte Einheit Spaniens furchtbar zertrümmern. Schon mehren sich
+die Zeichen, daß der Adel nicht übel Lust hat, den starken Händen der
+Regenten zu entgleiten. Der kastilische Hidalgo haßt mich, und der
+Herd des Hasses ist nicht nur in Toledo zu suchen. Auch hier braut
+man die Unzufriedenheit zusammen, am Pestherd des Prophetenglaubens.
+Bald werden auch die alten Christen schwankend, wenn sie den Adel mit
+solchen Köpfen an der Spitze in offener Empörung gegen die heiligen
+Gesetze sehen. Habt ein Augenmerk auf den Herzog von Osuna, auf den
+Grafen von Orgaz, auf Priego de Cordoba, ja selbst auf Medina-Sidonia.“
+
+Die Könige sahen einander erblassend an. „Mit welchen Bildern schreckt
+Ihr unsern Geist?“ bebte Isabella.
+
+Fernando stampfte mit dem Fuß. „So weit können sie es treiben wollen?“
+
+„Ist es erst so weit, hat es dieser Graf bewiesen, daß er’s kann. Wir
+müssen schneller sein. Eure Ungnade wird ihn vorsichtig machen. Gebt
+mir freie Hand.“
+
+„Macht ihn unschädlich,“ rief die Königin bedrängt aus. „Aber -- schont
+ihn, im Grunde ist es nur ein irregeführter Mensch, ein Unglücklicher,
+den Gesetzen der menschlichen Natur unterworfen.“
+
+„Ob Härte oder Schonung -- überlaßt das dem barmherzigen Sinn der
+Inquisition, die für die Reinigung der ketzerischen Seele sorgt. Sie
+wird den durch die Sünde Abgefallenen wieder mit der Kirche versöhnen.“
+Er verneigte sich und empfing den Handkuß der Könige.
+
+In der prallen Sonne des Löwenhofes blickte er suchend um sich. Der
+Dominikaner glitt aus dem Schatten eines von Säulen getragnen Pavillons
+und schlich demütig gebückt zu ihm hin. Der erste Faden für das Netz,
+das den Unseligen umgarnen sollte, wurde in die Seele Leons gesponnen.
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Granada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und
+stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das
+Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die Taufe war nicht
+unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man
+Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von
+Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff
+man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen
+Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke
+nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die
+das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten,
+andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die
+sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer
+Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre
+Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen
+des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt
+hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen
+Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das
+Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla
+abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito
+am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von
+Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen
+davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser,
+einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das
+Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde
+gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte.
+Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit
+hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften
+entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom
+Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt
+mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken.
+So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche
+‚versöhnt‘.
+
+Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte,
+litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die Empörung gegen die
+furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern
+stempelte.
+
+Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie
+einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und
+woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die
+cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser
+und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der
+Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller
+Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit
+welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt
+wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge
+vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen
+und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich
+verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück.
+Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die
+Christen verschonte das Gericht nicht. --
+
+Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war
+wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse
+Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in
+derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen.
+Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran
+weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“
+
+„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor.
+
+„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“
+
+„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer.
+
+„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“
+
+„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla
+unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest
+auszuräuchern.“
+
+„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir
+nie.“
+
+Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach
+dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten,
+der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des
+Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe
+des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in
+höchster Andacht zum Himmel.
+
+Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen
+benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner.
+„Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“
+
+Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet,
+verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle
+Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe
+willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich
+hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des
+Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest
+verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn
+für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners
+Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses.
+Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche -- haben sie kein
+Herz im Leibe?“
+
+Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen
+nicht.“
+
+„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf
+einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß
+ist, wird alles richten. Insch’allah!“
+
+Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada
+verlassen. Und du gehst morgen fort -- wir werden ganz ohne Beschützer
+sein.“
+
+„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht -- ich bin bald zurück.“
+
+Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare
+Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den Hirnen dieser
+Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben
+straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr
+Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal
+des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das
+größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm
+her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib.
+„Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der
+Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund
+geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch
+ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in
+ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um
+der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber
+und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße
+Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann
+dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott
+ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen
+Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen
+Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den
+Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar.
+Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden
+die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut
+fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien
+ein Flammenbusch zu sein.
+
+Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde
+haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir
+da. Lebt wohl -- ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses
+letzte getan, soll vieles anders werden.“
+
+Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich
+will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden
+Wangen zu Boden.
+
+Unendliches Glück erhellte das Auge des Grafen. Mit zärtlicher
+Liebkosung begleitete sie den Geliebten die Treppe hinab. Dann
+kehrte sie zu Abu Atir zurück. „Rüste dich, Väterchen, zum letzten
+Schritt,“ flüsterte sie ihm hastig zu. „Ich habe alles vorbereitet.“
+Ihr Auge bekam einen schillernden Glanz. „Wenn morgen die Truppen nach
+Guejar ziehen, ist die Stadt von Soldaten entblößt. Die Wali Beni
+Mossad werden mit fünf Pferden in der morgigen Nacht beim Mühlentor
+halten. Die Wache bei deinem Zimmer wird durch drei andalusische
+Maultiertreiber überwältigt, die sich noch bei Tag in die Alhambra
+einschleichen. Spanischer Mantel und andalusische Mütze sind für dich
+bereit, man wird dich für einen Gelehrten halten. In Begleitung der
+drei Arrieros gelangst du bis zum Mühlentor, wo die Pferde warten. Von
+dort reitet ihr über Padul nach Salobreña ans Meer. Ein Schiff trägt
+dich nach Maghreb zu meinem Vater.“
+
+Der Greis hatte starr-staunend gehorcht. „O Gott -- wenn ein Schatten
+des Argwohns auf dich --“
+
+„Ich weiß von nichts und schlafe ruhig in der Alcazaba.“
+
+„Und du kommst nach? Nach Salobreña?“
+
+„Nein. Mein Geschick ist mit dem meines Feta verknüpft. Ich will ihn
+beschwören, mit mir nach den Kanarischen Inseln zu fliehen, oder es
+blüht in Frankreich für uns eine neue Heimat. Nur fort von hier! Der
+Boden brennt mir unter den Füßen. Nimmer will ich des Grafen Herz
+täuschen, unsere gemeinsame Kette bricht nur der Tod.“
+
+„Oh, Engel mit dem Schwert des Geistes und der Liebe! So weih’ ich
+dich für dein Liebeswerk, das du mir und jenem tust. Mögen dich Gottes
+Seraphim behüten. Hör’ mich an: Geheimnisvoll naht sich morgen gerade
+die Nacht Kadir, in der der ungeschaffene Koran aus dem siebenten
+Himmel in den Himmel des Mondes gebracht wurde, um vom Engel Gabriel
+behütet zu werden. Diese Nacht ist immer von großen Geschehnissen
+erfüllt, darum glaube ich an ein gutes Gelingen. Ich will dir ein
+Geheimnis anvertrauen, das mir dein Vater nur in höchster Not
+preiszugeben befahl. Die Not ist da und du bist sein Kind. Im Turm
+der sieben Stockwerke in der Alhambra unter dem Getäfel einer Nische
+im obersten Zimmer, wo der Türmer haust, hatte Boabdil eine Kerze
+verwahrt, die so hergerichtet ist, daß deren Wachs, am untern Ende
+angezündet und auf das Pergament getropft, das sich in meinen Händen
+befindet, eine Schrift auftauchen läßt, welche besagt, wo der letzte
+granadinische Schatz des Königs in Granada verborgen ist. Von diesem
+darf ich für dich nehmen, soviel ich will. Hier hast du das Pergament.“
+Er schnitt in einer verborgenen Rockfalte eine Naht auf und zog ein
+zusammengefaltetes Pergament heraus.
+
+Mit höchstem Staunen griff Reija nach dem Blatt. „Ich will’s benützen,
+wenn die Not am höchsten.“ Sie steckte es zu sich. „Tausend Dank,
+Väterchen!“
+
+„Gib alles, was du an Geld hast, dem Wali Sareb in Verwahrung. Er
+ist ein treuer Prophetenknecht. Für mich genügt das nackte Leben. In
+Salobreña warten Gelder auf mich. Du mußt gehen?“
+
+„Die Arrieros sind für die dritte Stunde heute bestellt. Sie bekommen
+Ausrüstung und Waffen. Dein getreuer Malik Ben Hossaim hilft mir bei
+allem. Er ist schlau, verwegen und vorsichtig. Leb’ wohl, Väterchen!“
+Sie warf sich die schwarze Mantilla um, zog den Schleier vor und
+huschte aus dem Turm. Unten wartete Saffana.
+
+Der Frühling begann seine Wunder leise zu entfalten. Mild fächelte die
+Luft, rosenrote Mandelblüten dufteten von den Hängen, die Blütenstände
+der Aloestauden prangten wie Tempelleuchter, der Maulbeerbaum und die
+Granate gingen auf, auf den Hügeln schimmerte der Wein dem großen
+Blühen entgegen. In der Calle de Gomeres warteten die Maultiere.
+Durch die engen Gassen der Antequeruela drückten sich verängstigte
+Moriskengestalten an ihr vorbei, alle Gesichter erregt und bleich unter
+dem Eindruck des Autillos. Der übliche Gassenlärm war verstummt. Züge
+von Mönchen und Nonnen, alle unheimlich verhüllt wie Boten des Todes,
+schlängelten sich zur Alhambra hinauf, lebendige dunkle Girlanden im
+frühlingsjungen Grün des Berges. Von Zeit zu Zeit tönte durch die
+Gassen ein weher Ruf, man wußte nicht woher, irgendeine Brust stöhnte
+wohl ihr Leid in die glühende Sonne. Reija ritt gesenkten Hauptes, von
+den Wogen ihrer Gedanken bedrängt, durch die geängstigte Stadt, die
+in wenigen Stunden ihre andalusisch-maurische Fröhlichkeit eingebüßt
+hatte, gebrochen durch die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts.
+
+„Höre, Saffana! Du läufst heute abend in der Alcazaba herum, soviel du
+willst. Nur in meinem Zimmer laß dich nicht sehen. Rüste mir das Bad
+und fülle alle Räuchervasen.“
+
+„Werda, Werda, du willst dich schmücken, als ginge es zum Liebesfest.“
+
+„Rosen vergiß mir nicht und flatternde Seidenbänder. Morgen zieht
+mein Bräutigam in den Kampf. Aber die Monfis sind aus Helden
+zusammengesetzt, sie werden aus den Christenleibern den Staub der
+Verwesung machen.“ Ihr Auge, schwarz wie ein Nachthimmel, glühte für
+den Ruhm der alten Glaubensbrüder. „Was hältst du von den Christen und
+ihrer Kirche?“
+
+Saffana schüttelte den Kopf. „Ich kann’s nicht begreifen, was diese
+Fakis tun. Sie zwingen uns, ihre goldenen Bilder anzubeten, sie rufen
+uns mit Glocken zum Gebet, ihre Predigten hallen von Verboten und
+Sünden. Und was soll der Wein in ihrem Kelche? Die Fakis deuten es mit
+Blut. Ich kann’s nicht glauben. Aber es gibt so schöne Ritter unter
+den Spaniern --“ ihr Auge belebte sich rasch -- „man möchte so gern in
+ihren Armen liegen und ihren Götzendienst vergessen.“
+
+Reija hörte nicht mehr auf ihr leichtes Geschwätz. Ihre Gedanken
+verfingen sich im Netz der eigenen Liebe. Und in ihrem Geiste loderte
+der ersehnte Abend in Flammen des Prophetenparadieses.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Pater Leon trat mit gesättigtem Herzen in die kühle Dämmerung der
+Mosala. Das Autillo war ein offenkundiger Sieg, eine Machtentfaltung
+des Nazarenerglaubens. Der Vikar fertigte die ihn begleitenden Mönche
+ab und ordnete dann sogleich die Inquisitionsakten in den Schrank
+ein. Dann öffnete er ein Aktenbündel und holte ein schneeweißes,
+leeres Papier heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, ergriff er das
+Schreibrohr und setzte ein paar Worte hin, die den leeren Bogen mit
+einem schrecklichen Inhalt zu füllen begannen:
+
+„Anklage gegen den königlichen Hauptmann Don Pedro de Solar Grafen de
+Mora, der beschuldigt wird --“
+
+Hier endigte der Gedankengang des Inquisitors. Die Schuld zu ersinnen
+und zu formulieren, blieb ihm die Nacht. Die gräßlichen Gedanken
+entflatterten ihm und er ließ erquickendere in sein Hirn. Vor seinem
+brennenden Auge wiegte Maria de Calabreña ihren schönen Leib. Wie
+weit stand sie mit -- oh, ihm schauderte. War dieser Leib schon ein
+fruchttragender Acker geworden?
+
+Draußen tappten Schritte. Der Dominikaner öffnete. „Ah, endlich! Ich
+habe Euch längst erwartet, Don Silvio.“
+
+Der Mönch führte einen etwas verwachsenen Mann herein, der schon in
+seinem Äußern zu jenen Menschen zu gehören schien, die zuerst essen,
+bevor sie beten. Ein olivenfarbiges, verschrammtes Spitzbubengesicht,
+dessen graue Augen hinter den Lidspalten versteckt lagen, struppiges,
+aschgraues Haar, die Nase klumpig, die Lippen wulstig und bläulich, die
+Haltung vernachlässigt, alle Gebärden vorsichtig, als müßte der Mann
+unausgesetzt vor irgendeiner Entdeckung auf der Hut sein -- fürwahr, es
+stand kein Engelsgebilde vor dem Dominikaner.
+
+„Du kommst von Cordoba?“ fragte dieser.
+
+Don Silvio bejahte mit einer rostig klingenden Stimme. „Der hochwürdige
+Pater Lucero, Inquisitor von Cordoba, schickt mich.“
+
+„Ich bat ihn um eine geschickte Hand, die in gewissen Dingen nicht in
+Verlegenheit kommt.“
+
+Der Scherge lächelte eitel. „Auch Jonas verbarg sich vor dem Herrn und
+dieser fand ihn doch.“
+
+„Du greifst hoch in die Wolken.“
+
+Don Silvio sah sich vorsichtig um. Die Nähe des Altars und der
+Meßgeräte verwirrte ihn ein wenig. „Darf ich zuerst beten?“ heuchelte
+er schamlos.
+
+„Tu was du mußt.“
+
+Der Mann kniete schwerfällig beim Altar nieder und schien mit Andacht
+zu beten. Dann erhob er sich und trat mit dem gleichgültigsten Gesicht
+an den Tisch. „Was also soll getan werden?“
+
+„Wo wohnst du jetzt hier?“ erkundigte sich der Vikar.
+
+„In einer Venta am Elvirator gleich in der Nähe des
+Inquisitionspalastes. Es weiß kein Mensch, woher ich komme, und in
+Cordoba lebe ich versteckt wie eine Kröte bei Tag.“
+
+„Hast du das Dekret des Familiare der Inquisition?“
+
+Don Silvio zog den zerknitterten Schein heraus. Der Vikar prüfte ihn.
+Das Dokument sagte das Ungeheuerliche aus, daß dieser verkommene
+Schlaufuchs in der Bruderschaft der Familiares aufgenommen worden sei
+und daß er geschworen habe, sein Leben dem heiligen Offizium zu weihen
+und dafür alle Ablässe der Cruce signati empfangen habe und im Besitz
+des heiligen Kreuzes sei. Einen solchen Bruder brauchte der Inquisitor.
+Jede spanische Stadt wimmelte von dergleichen Gesellen, die von der
+Gnade des Tribunals lebten und ihre eigene Zunft hatten. „Weißt du
+deine Aussagen geschickt zu setzen?“ fragte Leon.
+
+„So daß sie den Schein der Wahrheit haben. Ich streue etwas Angst ein,
+taste mit den Worten unsicher herum, suche um Himmels willen einen
+Ausweg, der mir nicht gelingt, um Jesu Barmherzigkeit willen muß ich
+einfach sagen, was ich gehört, gesehen, ob ich will oder nicht. Und
+zitternd schreibe ich meinen Namen unter die Zeugenschrift. Ehrwürdiger
+Pater, ich habe an die hundert Christen vor das Tribunal gezerrt, und
+wenn die Summe sich rundet, kaufe ich mir ein Häuschen in Andalusien,
+da wo es am schönsten ist.“
+
+„Hast du -- Schriftliches bei dir von Lucero?“
+
+„Nur meinen Mund. Der plappert wie eine Litanei oder schweigt wie ein
+Sarg. Je nach Bedarf. Der sehr ehrwürdige Pater Lucero wird sich
+hüten, mir etwas Schriftliches zu geben. Unsereins kommt in der Venta
+leicht in Händel und da ist jede Schrift in Gefahr, wenn die Messer
+fliegen. Zur Sache denn, um welchen Fall handelt es sich? Oder ist
+einer ganz neu aufzubauen? Da müßte man vorsichtig sein.“
+
+„Die Sache liegt eigentlich so offen, daß man nur eines kleinen
+Beweises bedarf, um die Anklage zu erheben. Ist es geschehen, hast du
+der Kirche, Spanien, der Königin, dem König, und dem Erzbischof Ximenes
+einen großen Dienst erwiesen.“
+
+Der Handlanger des Bösen machte gewichtige Augen. „Bei Santiago! Ein
+ehrenvolles Amt, das manchem Bettler in der Seele kitzeln müßte. Fast
+möchte ich mir den Zehnten von ganz Spanien dafür ausbedingen.“
+
+„Dein Häuschen in Andalusien dürfte dir sicher sein. Die einzuziehenden
+Güter der betreffenden Person sind umfangreich, ein Fünftel davon
+fällt dem königlichen Schatz zu, der Rest der Kirche und dem Staat.
+Von diesem Teil würde ich dir den Zehnten beim Supremo der Inquisition
+auswirken.“
+
+„Bietet Ihr mir Sicherheit?“
+
+„Du sollst Dezas Unterschrift haben.“
+
+„Darauf kann ich bei allen Juden Europas Schulden machen. Und wie heißt
+der große Name, der so viele Gebäude in ihren Festen erschüttert?“
+
+„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“
+
+„Der zählt!“ Don Silvio spitzte die Lippen zu einem Pfiff. „Was hat er
+getan? Oder besser, was für Verbrechen will man von ihm?“
+
+„Er hält mehr als notwendig den Mauren die Stange.“
+
+„Dann also muß man ihn maurisch fassen. Man will ihn, verstehe ich
+recht, verdächtigen, daß er Spanien oder die Kirche -- was ja fast
+dasselbe ist -- verunglimpft.“
+
+„Schärfe dein Hirn,“ drängte Leon ungeduldig.
+
+Der Vertraute biß die Zähne zusammen. Und mit seinen grauen Äuglein
+schaute er tief nach innen, als wollte er die Rüstkammer seiner
+Schurkerei durchstöbern. Sein spärliches Haar stand im Wirbel
+aufrecht, wie von Galgenluft zerzaust. „Laßt sehen! -- Geheime
+Versammlungen? Verbraucht! Man will doch sonst niemand von den Granden
+unschädlich machen?“
+
+„Das wäre noch zu überlegen.“
+
+„Eine gewöhnliche Lässigkeit nachzuweisen, wäre ein Kinderspiel, aber
+das paßt nicht für den großen Namen. Der Graf ist wohl, was man so
+sagt, gläubig?“
+
+„Er denkt tolerant.“
+
+„Hallo! Da sitzt ein Loch, durch das er durchfliegen kann, oder der
+Topf hat einen neuen Henkel gefunden. Wenn man ihm die Liebe zum Koran
+ins Blut schießen lassen würde? Könnte man ihn nicht in eine Maurin
+verliebt machen?“
+
+Die Mönchsaugen leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln „Das hat er
+schon in aller Wahrhaftigkeit selbst besorgt.“ Und er speiste ihn mit
+Einzelheiten ab.
+
+„Da brauchen wir für den Stier erst kein rotes Tuch. Maurin, Koran,
+die Heftigkeit des Ritters, die Toleranz -- laßt mich sinnen -- ein
+gefälschter Brief -- ein zu gefährliches Mittel -- aber der Graf
+besitzt sicher einen Diener -- und der könnte mir es anvertraut haben
+-- ich meine, daß dieses und jenes Wort gefallen --“
+
+„Du ziehst einen armen Teufel mit ins Unheil,“ erschrak der Dominikaner.
+
+„Wie lautet das Sprüchlein des ehrwürdigen Torquemada? Es ist
+besser, daß tausend Unschuldige sterben, als daß ein einziger Ketzer
+davonkommt. Man sagt, die Kirche vergißt solche erprobte Sprüchlein
+nicht gern.“
+
+„Deine Sünden werden Teufel erzittern machen,“ erschauerte Leon. „Geh,
+geh -- ich will ohne dich auszukommen suchen.“
+
+„Das hättet Ihr früher bedenken müssen. Ich weiß schon allzu viel.“
+Seine buschigen Augenbrauen zogen sich hoch, während er seinen
+struppigen Bart strich.
+
+„Es ist nie zu spät, Gedanken zu bereuen.“
+
+„Ob man dieser Reue Glauben schenken wird? Vergeßt nicht, ehrwürdiger
+Pater, ich habe gut ein Drittel der cordobanischen Prozesse auf meinem
+Gewissen.“
+
+„Um so sicherer bist du in unserer Gewalt.“
+
+„Oder Ihr in der meinen. Wenn ich plaudere --“
+
+„Glaubt man dir nicht oder macht dich rechtzeitig mundtot. Die Aussagen
+der Inquisitoren dürfen nicht angezweifelt werden, sie werden sich um
+ihre Haut zu wehren wissen.“
+
+Mißvergnügt drehte sich der Schurke nach der Tür.
+
+Leon rief ihn zurück. „Du sollst nicht unversöhnt von dannen gehen.
+Es bleibt dabei. Mach’ dich an den Diener heran. Wir wollen dann den
+Vertrag schließen. Und noch eins. Wenn du schwören solltest, du habest
+gehört, daß eine gewisse Moriska dabei ertappt wurde, wie sie betend
+auf dem Mekkateppich lag, oder daß sie nächtlich den Zambra tanze, sich
+täglich wasche und das Schweinefleisch verachte -- du würdest dich doch
+nicht lange besinnen?“
+
+Don Silvio rümpfte geringschätzig die Nase. „Für solche Kleinigkeiten
+hat mein Gewissen noch Platz. Ich kann auch beschwören, daß ich das
+Weib auf einem Aquelarre, einem Hexensabbat, in San Esteban gesehen.“
+
+„Man wird sich deiner erinnern. Geh.“
+
+Mit einer verzogenen Fratze, die Lippen häßlich zusammengekniffen,
+die Schultern hochgezogen, schlich der Scherge hinaus. Er war das
+Feilschen in Cordoba gewohnt. Sollte er hier andre Methoden lernen?
+Eine Schurkerei, so tief in der heiligen Gerechtigkeit verwurzelt,
+konnte nicht leicht ausgerissen werden oder der ganze Baum stürzte um.
+Aber was half es ihm, wenn durch seine Verräterei die Inquisition einen
+Stoß bekam? Wer würde ihn belohnen? Über die Erlösung würde man den
+Erlöser vergessen. Er lebte von der Inquisition, nicht sie von ihm.
+Es waren hundert andere Auswürflinge da, sein Amt zu übernehmen, und
+er konnte sich die Nägel ausreißen vor Galle, daß er der Klügere sein
+wollte. Nein, nein, der Pater hatte recht, man mußte Hand in Hand mit
+den Dienern des heiligen Offiziums gehen, um nicht nackt wie Hiob auf
+dem Mist zu sitzen. Das waren so seine grauen Gedanken, als er durch
+das Tor der Gerechtigkeit in der Alhambra schritt.
+
+Pater Leon hatte sich in Instruktionen vertieft. Sein Gemüt war
+ebensowenig erheitert wie das des davongegangenen Besuchers. War
+er nicht mit der Belastung eines wildfremden Gewissens zu voreilig
+gewesen? Aber noch war kein Abschluß des Handels da. Unterdessen mußte
+ihm der Teufel, den er für Gott hielt, irgendwie zu Hilfe kommen.
+
+Die Zeit schlich. Bald mußte Maria de Calabreña da sein. Er hatte ihr
+in der letzten Beichte unter anderm auch die Buße aufgegeben, von nun
+an nach alter Büßerweise barfüßig vor dem Altar zu erscheinen, um so
+die Demut vor Gott besser zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. Er berief
+sich auf Moses, der, als er vor Gott im feurigen Busch kniete, auch die
+Schuhe auszog, da er heilig Land betrat. Das Gebot erinnerte Doña Maria
+an die mohammedanische Fußwaschung vor dem Gebet und sie fand nichts
+Absonderliches darin. Heute also mußte sie bloßen Fußes --
+
+Leon lief es über den Rücken. Er nahm ein Inquisitionsheft zur
+Hand, seine Gedanken abzulenken. Da lag ein Zeugenverhör vor ihm,
+musterhaft und geschickt in der Fragestellung, hingeworfen von
+einem der Consultores in Cordoba. Es waren Schachzüge mönchischer
+Spitzfindigkeit, die hier in vielgestaltiger Form mit Menschenleben
+spielten. Leon hatte sich kaum in das Labyrinth der Fragestellungen
+hineingetastet, als er den geliebten Schritt draußen hörte. Die
+Wachsoldaten ließen wie immer die schöne Moriska eintreten.
+
+Der Dominikaner begleitete sie nach freundlichem Gruß zum Altar.
+Gehorsam zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und kniete an den Stufen
+nieder. Der Dominikaner stand hinter ihr, als wollte er ihre Andacht
+in seinen Segen nehmen. Seine Augen aber verschlangen das nackte,
+bräunliche Fleisch ihrer gemeißelten Sohle und das bläuliche Geäder der
+zarten Fessel. Jede Zehe liebkoste er und er hätte stundenlang ihre
+liebliche Blöße bestaunen können, ohne in seiner Begehrlichkeit zu
+ermüden. Als sie sich erhob und die Schuhe anzog, beobachtete er jede
+Linie ihres Körpers, jede Rundung, jeden gefälligen Schwung. Maria fing
+einen dieser prüfenden Blicke auf und errötete. Etwas verzagt setzte
+sie sich an das mit Erbauungsschriften belegte Tischchen. Leon ging auf
+und ab, und seine sonst so strenge, herablassende Miene, vollgesogen
+vom Dünkel der Kirchlichkeit, verwandelte sich in eine Freundlichkeit,
+die das Mädchen befremdete. Der Vikar segelte in das Fahrwasser der
+Kirche und der Dogmen, erklärte die Zeremonien der Sakramente, um dann
+auf einmal die Belehrung abzubrechen und unvermittelt an das Herz der
+Jungfrau heranzurücken. „Der Graf -- nur unter uns, Doña Maria -- er
+liebt Euch mit derselben Herzlichkeit wie Ihr ihn?“ fragte er wie in
+tiefer Anteilnahme.
+
+„Er würde mir zuliebe alles tun,“ sagte sie glücklich.
+
+„Das ist ein schweres Wort.“ Des Paters Lippen schmeckten ins Leere.
+„Gesetzt nun, Ihr wärt im Irrglauben beharrt, meint Ihr, der Graf hätte
+sich bewegen lassen, den Christenglauben abzuwerfen?“
+
+Sie erschrak. Daran hatte sie eigentlich nie gedacht. Ob wirklich seine
+Liebe so groß gewesen wäre? „Ich glaube, er hätte sich wenigstens nach
+und nach mit Mohammeds Gesetzen, mit Koran und Sunna befreundet,“ sagte
+sie ausweichend.
+
+„Hat er Euch je Beweise zu einer solchen Annahme gegeben?“
+
+„Nein, aber er hätte gewiß erkannt, daß auch Mohammed ein großer Mensch
+war.“
+
+„Groß kann ein Mensch nicht sein, der so irrt. Aber Ihr schweift
+ab. Ich meine, hat der Graf Euch Beweise eines so duldsamen Denkens
+gegeben? Er liebte wohl Eure alte Religion?“
+
+„Lieben? Dann hätte er sie doch angenommen und die seine weggeworfen.“
+
+„Liebende rasen oft über Sünde und Unheil hinweg ins Verderben.“
+
+„Wäre es wirklich ein Verderben für ihn gewesen?“ erschrak sie heftig.
+
+„Ich würde kein größeres kennen. Aber sagt, spricht der Graf oft und
+viel von der heiligen katholischen Religion?“
+
+„Freilich -- er liebt sie doch -- nur --,“ sie stockte.
+
+„Nur?“ griff der Priester überhastig in ihre Verlegenheit.
+
+„Ach, nichts.“
+
+„Nein, Ihr wolltet eine Ausnahme einschalten.“
+
+„Ich wollte nur sagen -- aber bitte, bitte, blickt nicht finster --,
+ich meine, auch er ist nicht blind gegenüber den Übertreibungen --“
+
+„Auch er? Also sind auch andere da, die --?“
+
+„Ach, ich meinte nur -- man spricht doch das und jenes --, so lächelte
+er oft, wenn er die Leute, die Frauen stundenlang vor den Altären
+liegen sah --“
+
+„Da lächelte er?“ fragte der Mönch gespannt. „Und sagte wohl: ‚Ach, wie
+arm sind diese Frauen?‘ Das sagte er, nicht wahr, Doña Maria?“
+
+„Nicht doch, er sagte es nicht. Aber ich sah es ihm an, wie ihn das
+Mitleid mit ihnen überlief, wenn sie so vor den Bildern lagen --“
+
+„Er sagte wohl: ‚Das sollte nicht sein.‘“
+
+„Gesagt hat er das nicht.“
+
+„Vielleicht doch einmal? denkt nach.“ Des Priesters Augen stachen in
+ihre Seele.
+
+„Ich erinnere mich nicht.“
+
+„Aber es könnte sein, daß er es einmal gesagt hat?“
+
+„Vielleicht. Aber ich weiß nichts davon. Er freute sich nur immer, wenn
+ich ihm sagte, daß ich früher auf dem Gebetsteppich lag und auch ohne
+ein Bild meinen Weg zu Gott fand. Er nannte dies schön und recht bei
+den Moslims.“
+
+„Das heißt also, daß der katholische Brauch nicht schön und recht sei?“
+
+„O Gott, das hat er nicht gesagt.“
+
+„Doch folgt es leicht daraus. Er fand demnach in manchem Eure alte
+Religion viel schöner und richtiger als die unsere?“
+
+„Nicht das, aber es waren doch schöne Stunden, wenn wir den Koran
+lasen, die Verheißung vom Paradies --“
+
+„Er las den Koran mit Euch?“
+
+„Freilich, das mußte er doch, um zu wissen, wie wir es früher hielten.“
+
+„Und da meinte er wohl auch, daß dieses Paradies schön und
+erstrebenswert sei?“
+
+Sie nickte unverfänglich. „Ei, wem sollte wohl der heilige Gotteshain
+mit den vielen Huris nicht gefallen und mit den Quellen der Liebe?“
+
+„Auch ihm gefiel das also?“ Er umspann mit den leicht hingeworfnen
+Fragen ihr ganzes Denken wie mit einem Netz.
+
+„Ich sagte schon, wem sollte es nicht gefallen?“
+
+„Und sprach er nicht von der Dreieinigkeit manchmal zweifelnd?“
+
+„Das wüßte ich nicht zu sagen, Pater. Aber wozu das alles?“
+
+„Ich nehme eben an allem teil, was Eure Seele bewegt. Der Graf hat also
+wohl selten von der Dreieinigkeit gesprochen?“
+
+„Fast nie. Das heißt, ja, jetzt erinnere ich mich, einmal -- richtig,
+da sagte er, er könnte mir nichts Bestimmtes darüber sagen, denn er
+wisse nichts davon.“
+
+„Er wisse nichts von der Dreieinigkeit? Sagte er so?“
+
+„So ungefähr.“
+
+„Merkt doch genau meine Frage: Er sagte, er wisse nichts von der
+Dreieinigkeit?“
+
+„Ach, das hat er nicht gesagt.“
+
+„Aber so ungefähr. Vielleicht sagte er so: ‚Ich weiß nichts von der
+heiligen Dreieinigkeit.‘“
+
+„Vielleicht, aber ich weiß es nicht genau.“
+
+„Also -- er weiß nichts von der heiligen Dreieinigkeit. Merkt das gut.“
+
+Maria sah ihn groß an. „Das ist doch harmlos wie ein verwehtes Blatt.“
+
+Des Paters Schreibrohr warf ein paar Worte auf das leere Blatt. „Und
+Jesus? Wie sprach er über Jesum?“
+
+„Er nannte ihn einen großen Menschen.“
+
+„Aber nicht einen Sohn Gottes?“
+
+„Ich kann mich dessen nicht entsinnen.“
+
+„Er hat ihn also nicht einen Sohn Gottes genannt?“
+
+„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur nicht, daß er ihn so genannt hätte.“
+
+„Dann wird er wohl der Meinung sein, daß Jesus nicht der Sohn Gottes
+sei.“
+
+„Das hat er nie und nimmer gesagt.“
+
+„Vielleicht doch, und Ihr könnt Euch nur nicht darauf besinnen.“
+
+Sie zuckte die Achseln.
+
+„Er wird also wohl so gesagt haben: ‚Jesus ist ein großer Mensch und
+ein Prophet.‘“
+
+„Vielleicht,“ sagte sie, glücklich über den vom Pater selbst gefundenen
+Ausweg. Sie ahnte nicht, wie sie nach seinem Herzen plauderte.
+
+„Also sagte er: ‚Jesus ist ein Prophet.‘“
+
+„So sagen es die Mohammedaner, und vielleicht freute sich der Graf
+darüber -- ich weiß es wirklich nicht.“
+
+„Also der Graf freute sich darüber, daß die Mohammedaner sagen, Jesus
+sei ein großer Prophet.“
+
+„Der Sohn Gottes muß doch auch zugleich ein großer Prophet sein.“
+
+„Der Graf wollte also von der Dreieinigkeit nichts wissen --“
+
+„Das habe ich doch nicht gesagt,“ fuhr sie erschreckt auf.
+
+„Wer wenig oder nicht davon spricht, will wohl davon nichts wissen.
+Wohl aber freute sich der Graf darüber, daß die Moslims Jesum für einen
+großen Propheten halten.“
+
+„Das sollte ich gesagt haben? Oh, ich bin so ungeschickt im
+Spanischen --“
+
+„Ihr habt sehr geschickt die Wahrheit gesagt. Nun liegt des Grafen
+inneres Bild klar vor mir.“
+
+Sie faßte das in ihrem Sinne auf und fügte glücklich strahlend dazu:
+„Oh, läge es so in Euch, wie es in mir liegt. Der Graf ist ja so
+nachsichtig und mild, und läge es an ihm, er würde keinem Mauren ein
+Leid antun.“
+
+„Er ist so nachsichtig? Könnte keinem Mauren --?“ Die Worte flogen aufs
+Papier.
+
+„Warum nehmt Ihr das alles so groß?“
+
+„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in
+seiner ganzen Nachsichtigkeit -- ja, über die Hostie sprach er nicht
+mit Euch?“
+
+„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding --“
+
+„Sagte er: unscheinbares Ding?“
+
+„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“
+
+„Er bezweifelte es wohl?“
+
+„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn --“
+
+„Also er nannte die Hostie unscheinbar -- ja, ja, machte ein
+merkwürdiges Gesicht dazu -- schüttelte wohl gar den Kopf --“
+
+„O nicht doch -- wie sollte er?“ -- Sie lächelte.
+
+„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal --“
+
+„Ja, einmal -- da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines
+Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“
+
+„Ganz recht -- da schüttelte er den Kopf -- das unscheinbare Ding --
+ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal
+darüber weiterreden.“
+
+Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter
+schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend.
+
+„Ja.“
+
+Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten
+nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es
+nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie
+schon irgendeine Ausflucht suchen.
+
+„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir
+heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“
+
+Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und Kerzengeruch
+woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In
+die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe!
+Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den
+rosigen Abend hinein.
+
+Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser
+ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil
+getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber
+es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben
+der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten.
+Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt
+schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage
+zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder
+eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña.
+Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des
+zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner
+Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt
+das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren
+auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria
+durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher
+Verzweiflungsschrei zerbrach.
+
+Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den
+Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der
+Tür.
+
+Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich
+morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego,
+die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles.
+Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte
+hinaus.
+
+Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen.
+Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine
+Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch
+wußte, daß er damit der Kirche und dem König einen Dienst erwies. Der
+Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so
+weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte.
+Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war
+der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch
+nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin
+überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte
+das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu
+vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch
+einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten
+auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden
+als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz
+der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig
+den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte
+Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen.
+
+Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein
+Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond
+behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden.
+
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Leid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie
+Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein.
+
+Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des
+orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd
+in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die
+mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im
+Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die
+sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften,
+ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise
+aufgeschlagenen Vorhang, stand der kostbare Diwan des Königskindes,
+ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie
+persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte
+der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des
+grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und
+her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz
+vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla
+blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt.
+Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder -- es war das Zeichen, daß
+sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen
+in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige,
+schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine
+Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug
+in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden
+zu sein.
+
+Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der
+buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze
+Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern
+und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die
+feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten,
+während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich.
+
+Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an
+der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und
+der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische
+Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann
+nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen
+Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe
+Schleier, wo keine sein sollen.“
+
+Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den
+Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“
+
+„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, der
+keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe
+meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über
+alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen
+Namen führt.“
+
+Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob
+sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar -- wir
+haben viel von dir gesprochen --“
+
+Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die
+Christenlehre?“
+
+Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir
+-- ich soll es nicht sagen -- und doch beengt es mir die Brust. Wir
+sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich
+manches deiner Worte auf.“
+
+Der Graf blickte dunkel und nachdenklich vor sich hin. „Sonderbar.“
+
+Sie hob ihm das Kinn empor. „Pedro, Pedro -- nun bist du traurig
+geworden. Oh, wie lieb’ ich dich -- und doch weiß ich, du wirst mich
+verfluchen --“
+
+„Werda, Rose!“ schmeichelte er sich in ihr Spitzengewebe hinein.
+
+Reija dachte an die bevorstehende Flucht des Imams. Bald mußte es der
+Graf erfahren -- und dann -- sie seufzte in sich hinein.
+
+Er nahm ihre Hand. Ihre Haut hatte den Samthauch der Purpurrosen,
+leise, besänftigend strich er darüber hin. „Reija, wenn ich heimkehre,
+soll alles, alles geordnet werden. Die Aufsage des Königsdienstes, die
+Bewirtschaftung von Mora, die Reise nach den Kanarischen Inseln --“
+
+Sie wollte aufjubeln -- aber im nächsten Augenblick lief schon wieder
+der böse Schatten über ihre Stirn. „O meine Träume! Und wenn uns das
+Brautbett zum Grab wird?“
+
+„Du holde Angst! Was soll uns drohen? Der König sah mich gestern
+freundlicher als sonst an, als er in den Marstall kam. Ungnade wird
+sich in Gnade verwandeln, bringe ich ihm das Reis der Tapferkeit heim.
+Und wenn alle mich verdammen, hier ist der Himmel, zu dem Engel mir
+die Wege weisen.“
+
+Ihre trauererfüllte Schönheit lag halb hingestreckt in den weichen
+Kissen, halb von seinen Armen umfangen, und er schlürfte jeden Reiz an
+ihr wie ein Geschenk Gottes ein. Dann sagte er, von einem plötzlichen
+düstern Gedanken gepackt: „Und wenn ein Maurenpfeil den Weg zu meinem
+Herzen findet --“
+
+Jäh taumelte sie auf. „Du darfst nicht fallen. Mein Gebet ist dein
+Schutzengel.“
+
+„Und wenn die Wellen deines Gebets nicht bis zum Erbarmer schlagen?“
+
+„Oh, ich kann so innig beten,“ versuchte sie sich aus der eigenen Angst
+zu retten.
+
+Er lag wie festgeschmiedet an ihrem Herzen. „So halte ich dich --
+oh, sieh mir in die Augen -- es bleibt nur eines noch -- des Glückes
+Erfüllung und Krönung --“
+
+Es überlief sie, und ihre Wimpern zuckten wie im glühenden Traum. Die
+Ahnung des Weibesdämmerns kam über sie. Und sie sagte langsam und
+leise: „Dein Wille -- kröne -- unsere Liebe -- Gott wird die Stunde
+segnen.“
+
+„Und kehre ich nicht wieder, soll das Pfand dieser Liebe die Erinnerung
+an den sein, den du liebst --“
+
+Sie sprang mit glühenden Augen auf. „Komm, wir wollen die Nacht über
+die Helle des Tages erheben. Freund der Freude und der Liebe, ich will
+den Zambra tanzen.“
+
+Ihr lockender Mund, von seinen Küssen schon völlig aufgeschlossen,
+warf sich auf, als sehnte er sich dem zerstörenden Brand entgegen, er
+glich dem Purpurkelch, den Mannesliebe füllen sollte. Sie warf neue
+Duftkräuter in die Vasen und versperrte die Tür. Dann drängte sie den
+Geliebten hinter den Vorhang einer kleinen Nische zurück. „Hier harre
+-- und wenn ich rufe, öffne den Vorhang.“ Sie schlüpfte in die große
+Diwannische und ließ den Scharlachvorhang herab.
+
+Don Pedro spürte die Flammen in seinen Fibern züngeln. Oh, was barg
+dieses herrliche Gefäß Gottes! Dunkel und Licht in wunderbarem
+Wechsel, eine brandende See und den Frieden einer Sternennacht.
+Eines drängte sich ihm auf: der neue Glaube in ihr war nur ein
+aufgepfropftes Reis, sie selbst blieb eine echte Agarena, eine Tochter
+der islamitischen Offenbarung, und die Genien ihres Volkes trugen sie
+leichtbeschwingt über alle Härten des Lebens hinweg. Warum schonte
+man nicht ihre Blumenhaftigkeit, sondern schlug mit der harten
+Bußgeißel einen schönen Gedanken Gottes entzwei? Warum stieß man
+seine Schenkerhand zurück und entweihte seine Gabe? Nein, sie sollte
+nie mehr in die gnadenlose Sphäre dieses Dominikaners treten, der
+ihr Wesen spaltete. Welcher Glaube der bessere? Was kümmert es den
+Liebenden! Fragt das Feuer, welches Holz das bessere ist, wenn es mit
+Macht ins Haus fährt? Den Sturm, welcher Widerstand der schwächere,
+das Meer, ob die Küste es aushält, an die es brandet? Oh, ich will ihr
+auf der aufblühenden Insel maurische Gemächer bauen, nach denen ihr
+Heimweh verlangen wird, und des Morgenlandes Kostbarkeiten sollen sie
+schmücken. Sie ist schön wie die Lilie von Damaskus, wie die Rose von
+Yemen --
+
+In den Sturm seiner Schwärmerei wehte ein süß-klagender Ton wie aus der
+Sternenhöhe -- ein paar Klänge auf den Saiten der Anafine -- dann das
+Geräusch des Vorhangs -- und nun schlug Don Pedro den seinen auf.
+
+Inmitten des von Licht überfluteten Raumes stand die blühende Schönheit
+in ihrer fast nackten Gliederpracht, die sich von der brennenden Röte
+des Vorhangs in statuenhaften Umrissen abhob. Über dem rosigbraun
+getönten Fleisch lag nur ein grünlicher dünner Flor, der die samtne
+Haut durchschimmern ließ. In dem schwarzen Haar leuchteten Perlen und
+Rosen, um die Stirn spannte sich ein goldner Reif, von blutroten Rosen
+geschmückt, auch zwischen den blinkenden Zähnen flammte das Blumenrot
+auf, es blutete am Gürtel, an der Brust und an den Schultern. So
+schien sie selbst ein sich nach der Sonne verzehrender Rosenstrauch zu
+sein. An den Hand- und Fußgelenken blinkten edelsteinbesetzte Spangen,
+die bei jeder Bewegung rot und grün blitzten. Nun aber stand sie
+reglos mit bloßen Füßen, den Blick gesenkt, die Beine zum ersehnten
+Tanz gespannt wie schöne Säulen, auf ihrem Antlitz leichter Sinn und
+geheimes Weh zu schöner Harmonie gepaart.
+
+Die Rose entfiel ihrer Lippe. Sie begann leise, wie klagend, zu
+singen, als triebe ihr Liebesschmerz in namenlose Fernen hinaus.
+Leicht deuteten ihre Arme und ihr Oberkörper diesen sehnsüchtigen Zug
+an, wiegend und biegend, rhythmenlos, nur einer innern Eingebung des
+Liebesgefühls folgend, schien plötzlich ihr ganzes Wesen zu singen, als
+löste es sich in den Geheimnissen der Musik völlig auf. Arabische Worte
+tönten, bald feierlich getragen, bald schnellend und spitz klingend wie
+durch die Luft sausende Messer, und immer drängender wurde die Bewegung
+des Leibes, sie hob sich aus der ursprünglichen Stellung heraus und
+schwebte auf den Fußspitzen in eine Ecke, wo sie sich zusammenkauerte,
+dann wieder den Knäuel ihres Körpers löste und wirbelflink in die Mitte
+des Zimmers trieb. Von den Stacheln beginnender Wollust angefeuert,
+schnellte sie ihren Leib nach vorn und rückwärts, der Schleier flog
+in die Luft, umwirbelte aufs neue im kreisenden Spiel ihren Rumpf,
+und nach einem blitzschnellen Taumel um die eigene Achse blieb
+sie mit verzückten Blicken, die Arme weit von sich gestreckt, auf
+straffgespannten Beinen stehen. Vor ihr auf dem Boden lag der Schleier.
+Ihre Brust wogte im Sturm der Gefühle, der Lenden braune Pracht ging
+im Atem mit, und der Schwung um die Hüfte war herrlicher anzusehen als
+der Bogenschwung maurischer Hallen. Don Pedro erschauerte -- vor ihm
+lagen dunkle Matten der Wollust -- Flammen wühlten in seinem Gebein
+-- er umfing den sanft gebognen Pantherleib. Vor seinen Blicken liegt
+das süße Lächeln, geboren aus dem Mysterium der Sinne, leuchten die
+schwarzen Augen, nur halb mehr geschützt von den Edelwimpern, und im
+Verlangen öffnet sich die Glut ihres Purpurmundes. Don Pedro streckt
+ihren von dem Brand der Sinne schon halb versengten Leib in seiner
+ganzen Schönheit in den knisternden Samt.
+
+Willig trägt sie ihm ihr Feuer entgegen. Ihre braunen Arme werden zu
+sehnsüchtigen Klammern. Haare, Nacken, Augen, Lippen, Schultern, Brust
+und Glieder erschließen ihm Geheimnisse von unerhörter Pracht, bis
+Gedanken und Sein in ein unsagbar süßes Nichts zerfließen.
+
+Zitternd umfängt er sie im Weh des Abschieds noch einmal, bevor sie die
+Schleier um ihre Schönheit legt.
+
+„Nun wirst du fern sein“ -- schluchzt sie schmerzvoll --, „der Mond
+der Liebe erlischt -- aber gepriesen sei Gott, der auch das Ferne nah
+macht.“
+
+„Gepriesen sei er fürwahr,“ antwortete Don Pedro.
+
+„Du wirst als Ghaliba heimkehren, als Sieger.“
+
+Ihre letzten Küsse rissen seinen Schmerz noch einmal auf.
+
+Endlich fand er die Kraft zum Scheiden. Ihre Blicke der Liebe schrien
+nach einem letzten Trostwort. Und als sie seinen Schritt draußen
+verhallen hörte, warf sie sich in die Polster und stöhnte sich in die
+aufgewühlten Haare hinein, die noch feucht von seinen Küssen waren. Die
+Nachschauer der hochzeitlichen Süße durchfuhren ihren wie im Fieber
+ringenden Leib.
+
+Sie nahm taumelnd das Tesbih, den morgenländischen Rosenkranz, mit den
+neunundneunzig medinischen Kugeln zur Hand und versuchte, die schönen
+Namen Gottes in Andacht herunterzusagen. Aber die wilde Stunde des
+Leids zerbrach ihren Gebetswillen.
+
+
+
+
+Dreißigstes Kapitel
+
+
+Die spanische Christenheit erfüllte ein Freudentaumel. Die Monfis von
+Guejar waren geschlagen, nachdem sie zuerst den spanischen Rittern
+schwere Verluste zugefügt hatten. Die Maurenburg des Ortes war erstürmt
+worden. Gonsalvo de Cordoba hatte als erster die Sturmleiter erstiegen,
+seine Ritter folgten. Don Pedro de Solar hieb vier Maurenfürsten
+nieder, gefürchtete Häuptlinge der Banden. Seine Taten entschieden den
+Kampf, auf Gnad’ und Ungnade ergaben sich die führerlosen Mauren. Ein
+großer Zug von Gefangenen ging nach Granada ab. Eilboten berichteten
+den katholischen Königen den Sieg. Die Stadt mußte zum Freudenfest
+rüsten, von den Miradores und Türmen wehten die spanischen Banner.
+
+Aber ein anderes Ereignis hatte inzwischen die Stadt in Aufruhr
+gebracht. Der Imam Abu Atir war in einer Nacht entflohen. Wieder
+waren zwei Wächter ermordet worden und vergebens war die Suche nach
+den kühnen Übeltätern. Um den Alkazar im Albaycin standen wie um eine
+feindliche Burg die spanischen Reiter und hielten Wache über das
+Königskind. Denn hier vermutete man den Sitz des verbrecherischen
+Anschlags. --
+
+Reija lag auf dem Gebetsteppich mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt
+stundenlang und kleidete auf ihre fromme Art alle Sehnsucht in
+seufzende Gebetsworte, die bald christlich, bald islamitisch klangen.
+Ein kastilischer Eilreiter hatte ihr vom Grafen de Mora die Nachricht
+gebracht, er sei unversehrt, ruhmbekränzt und auf dem Heimmarsch
+begriffen. Da schwang ihre Seele neu gestärkt dem großen Gott entgegen.
+
+„Mein weinendes Auge erhebt sich zum Schein des Mondes, hinter dem du
+wachst, o Herr. Sei mein, ich bin dein, du liebreiches Brot und holder
+Wein, du, der du Welten küßt mit deinem Odem und Länder verheerst mit
+Glut und Wasserflut, ich arme Rose flehe zu dir: zeige dich mir! Laß
+den Geliebten in meine Arme sinken, laß mich den Tau seiner Küsse
+fühlen und scheuch’ alle Feinde von mir und laß unser Haus gesegnet
+sein unter Palmen am Meer!“
+
+Bei jedem Geräusch flatterte ihre Angst auf. Er ist es! Und immer
+wieder sank ihr Haupt enttäuscht auf die Brust, wenn Saffana
+herangeschwirrt kam und eines ihrer hellachenden Trostworte in die
+Seele der Herrin warf.
+
+Der Abend sank. Reija warf sich von Fenster zu Fenster. Die beginnende
+Nacht hüllte draußen den Hof in Schatten, die Blumen dufteten betäubend
+herauf und verworren tönte das Geräusch der Menge in den Gassen herüber.
+
+Sklavinnen kamen, die atemlos den Einzug der spanischen Streiftruppen
+meldeten. Nun mußte er auch kommen!
+
+Immer tiefer rückt die Nacht vor. Selbst die muntere Saffana verliert
+die Lust zu scherzen. „Glaub’ mir, Liebling der Engel, er wird zum
+König gerufen worden sein.“
+
+„Komme ich nicht vor dem König?“ bäumte sich Reijas Liebesstolz auf.
+Und ihre erhitzte Phantasie beschwerte sie mit Eifersuchtsgedanken.
+Wenn er in Guejar eine schöne Sklavin gefunden hätte? Sie sprang,
+gequält von ihrer Ungeduld, auf und ließ sich die Mantilla geben.
+Gleich darauf hielt sie der Stolz zurück.
+
+Da -- Noria eilt mit glänzendem Gesicht herein.
+
+Aus der bräutlichen Brust bricht sich ein einziger Schrei: Er ist’s!
+
+Doch die Sklavin schüttelte das Haupt. „Der andere -- sein Freund --“
+
+„Rojas?“ Reija drückt die Hand an die Kehle.
+
+Da steht auch schon der junge Gelehrte an der Schwelle. Sein Gesicht
+ist bleich, sein Blick gesenkt, der Atem keucht. Kaum daß er Saffana
+bemerkt. „Doña Maria -- verzeiht -- Don Pedro -- kann nicht zu Euch
+kommen --“ Er würgt an den Worten.
+
+„Was ist geschehen?“ stöhnt ihre Angst.
+
+„Faßt Euch -- noch ist nicht alles verloren.“ Er eilt auf die Wankende
+zu, sie zu stützen.
+
+Ihre Augen sind eine einzige Frage, die ihre Lippen nicht formen können.
+
+Da bekennt er es herzbeengt: „Er ist -- in den Händen -- der
+Inquisition.“
+
+Reija fällt lautlos in die Arme der Sklavin.
+
+Sie bringen sie langsam, durch Besprengen mit Wasser und Riechmittel,
+zu sich.
+
+Dann erzählt Rojas: „Der Graf von Orgaz und ich erwarteten ihn zu
+Hause. Er kam todmüde, aber mit glückstrahlendem Antlitz, warf sich
+in das neue Wams, um sich nach der Alcazaba zu begeben. Kaum hatten
+wir den Myrtenhof passiert, traten vier Alguaciles auf uns zu und
+verhafteten den Grafen de Mora im Namen der Inquisition.“
+
+„Ihr habt es -- dulden -- können --?“
+
+Rojas senkt das Haupt. „Ihr wißt nicht, Doña Maria, was ein Widerstand
+bedeutet hätte. Wir wären als Mitschuldige verhaftet worden.“
+
+„Weshalb hat man ihn verhaftet?“
+
+„Wer weiß das? Er selbst weiß es nicht.“
+
+Sie rafft ihren geschwächten Leib auf. „Ich muß zu ihm --“
+
+„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn
+geführt haben.“
+
+Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den
+Wolken und Sternen“ -- ihr Auge füllte sich mit Entsetzen -- „wenn ich
+selbst -- ohne es zu wollen -- der fürchterliche Leon -- aber das ist
+ja Wahnsinn -- ich habe doch nichts gesagt -- er nichts getan -- es
+müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn -- o Rojas, Rojas --
+das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir -- oh, wenn
+ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“
+
+„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann
+neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein -- er wird sich lösen --“
+
+„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie
+hervor.
+
+„O Gott, seid vorsichtig -- die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken
+und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“
+
+„Ich will zur Königin -- sie ist gut und edel --“
+
+„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von
+Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur
+Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten,
+würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“
+
+„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“
+
+Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich
+Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich
+will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt
+werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“
+
+„Er -- und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht.
+
+„Ich muß eilen -- man wird seine Zimmer durchsuchen -- lebt wohl, Doña
+Maria, und Gott stärke Euch!“
+
+Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte
+alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin
+war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von
+de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte,
+die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die
+Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele
+warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen
+Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen
+Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem
+Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an
+eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten
+alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das
+war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel
+Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der
+Gebetssammlung.
+
+Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter -- der Vogel
+Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was
+würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als
+Unheilskünder im Sold hält.“
+
+Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß
+auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt?
+Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben.
+
+Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie
+in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das
+Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist
+bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana eilte der Herrin nach und fand
+sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab
+auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel
+Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab.
+Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie
+sich aus der Lähmung.
+
+Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag.
+
+„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust.
+
+Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem
+islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem
+wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und
+steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs
+zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke
+enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das
+Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält.
+
+
+
+
+Einunddreißigstes Kapitel
+
+
+Im Patio de Mexuar wimmelt es von Mönchsgestalten. Verwunderte
+Blicke begleiteten Maria de Calabreña auf dem Weg zu den Zimmern des
+Dominikaners. Hier finden die peinlichen Verhöre statt, hier werden
+die Anzeigen entgegengenommen, die Beamten der Inquisition gehen ein
+und aus, Bittsteller, verweinte Frauen, Zeugen unter Bewachung von
+Alguaciles, vornehme und verdächtige, lumpige Gestalten drängen sich
+aneinander vorbei.
+
+Ein Mönch gibt dem schön geschmückten Mädchen mit dem verstörten
+Gesicht zu wissen, daß Pater Leon heute vor Abend nicht zu sprechen
+sei, denn es sei eine große Prozeßsache im Gang. Ein Stich trifft
+sie ins Herz. Sie verlangt den Namen des Inquisiten zu wissen -- der
+Mönch schweigt mit einem kühlen Gesicht. Sie reitet niedergeschlagen
+heim und der Tag wird zu einer Qual, die ihre Messer in die Seele der
+Gepeinigten stößt. Sie hungert in Seide und Schmuck, und jedes Wort,
+das man zu ihr spricht, sägt ihr Hirn entzwei.
+
+Am Abend läßt man sie vor. Im dämmrigen Hof verschleichen sich die
+letzten Gestalten.
+
+Der bleiche Dominikaner empfängt sie mit schleppenden Schritten und
+führt die Unglückliche in die Nische neben den Beichtstuhl. Ihre Hand
+fühlt sich an wie lebendiger Alabaster.
+
+Maria de Calabreña wirft die Mantilla weg und zeigt ihm ihr
+verschluchztes Gesicht. Schmerzerstarrte Augen blicken ihn an. Ein
+paar sinnlose Worte lösen sich von ihrem Mund, die den Mönch beinahe
+erschüttern. Endlich ein Stammeln: „Was -- habt -- Ihr -- getan --?“
+Sie kaut die Worte und schluchzt. „Der Graf -- ist -- unschuldig.“
+
+„Ihr wißt es also schon? Unschuldig, mit den Augen der Liebe gesehen --
+doch mit jenen des Glaubens -- nein. Ich sehe Euch schmerzgebeugt, und
+es ist verständlich, Doña Maria -- aber wie konntet Ihr Euer Herz an
+einen Ketzer hängen?“
+
+Da schlug ihr Haupt von der Tischkante auf. „Er -- ein Ketzer?“
+
+Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen
+Worte stempeln ihn dazu.“
+
+„Mei --?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff
+nach dem Herzen.
+
+„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr
+zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen
+katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“
+
+„Eure -- Fragen -- oh, die Sinne brechen mir -- Eure Fragen? -- Was für
+Fragen?“
+
+Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem
+Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab.
+
+„Das -- soll ich -- gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“
+
+„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure Aussage noch
+an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr,
+was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä:
+Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch
+die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der
+Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die
+Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch
+ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber
+überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde
+verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der
+Gerechten.“
+
+Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch,
+Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott,
+an Christus, an die heilige Jungfrau -- er hat nie mit den Propheten
+übereingestimmt --“
+
+„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“
+
+Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich
+gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das -- ist -- ja
+-- nicht -- wahr -- das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern
+klang es: „Das -- habt -- Ihr gesagt -- Priester --“
+
+Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes
+Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“
+
+„Ich weiß -- hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder --“
+
+„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von
+ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache,
+aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine
+Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge
+teilt.“
+
+„Ihr habt eine Liebende vor Euch -- seht meine verweinten Augen -- mein
+zerbrochenes Herz -- ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden
+lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns
+beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres
+Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters
+vergraben sind --“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin -- „alles
+soll Euch gehören, wenn Ihr uns --“
+
+„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors?
+Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden
+ist!“
+
+„Ihr glaubt doch nicht --“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt.
+
+„Ein leeres Blatt -- sonderbar -- wo liegt der Schlüssel zu dem
+Geheimnis?“
+
+„Ich allein besitze ihn.“
+
+„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“
+
+„Sobald Don Pedro frei ist.“
+
+„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf
+schüttelnd.
+
+Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette
+mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem
+Peiniger hin.
+
+„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“
+
+„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben.
+Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte
+ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken
+umwarf.“
+
+„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf.
+
+„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir.
+Ach, guter, ehrwürdiger Pater -- er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis
+gebracht?“
+
+„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte
+den Namen seines Anklägers.“
+
+„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten
+Isa?“
+
+Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O
+über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“
+
+Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den
+Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ Euch doch nichts
+getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben --“
+
+„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der
+sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt
+nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“
+
+„Es waren Säulen, die mich stützen konnten -- ach, Pater, Pater --,
+ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem
+Herzen reißt.“
+
+„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert
+Euch!“
+
+„Ich fasse ihn nicht -- so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte
+es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein
+Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht -- laßt mich doch nur
+erst Wurzel fassen.“
+
+„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“
+
+„Sie ist groß und gütig -- aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn
+zu befreien.“
+
+Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest.
+„Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein
+entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“
+
+„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“
+
+„Ihr kennt kaum ihre Namen -- das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña
+Maria.“ Das Schreibrohr kratzte.
+
+„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert
+mir den Kopf -- das Herz --.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen.
+
+„Richtet Euch auf -- an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit
+lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine
+Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust.
+
+Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen
+Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele
+Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines Vaters teuerm Leben --
+laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds --“
+
+Den Priester erfaßte Entsetzen. „In den alten Glauben zurück?“
+
+Wieder flog das Rohr über das Papier.
+
+„Ich beschwöre Euch bei dem, was auf Salomonis Siegel geschrieben
+steht --“
+
+„Das ist der Schwur des Irrglaubens! Weh Euch! Ihr seid verloren!“
+
+„Hinter Eurer Marter lächelt kein Gott -- siebenfaches Elend ist mein
+Glaube, er wurzelt nicht in meiner Brust -- aber Ihr seid schuld daran
+-- Euer Christus ist nicht der, den wir Christus nennen -- ja, Ihr
+zwingt mich, wieder zu beten mit dem Gesicht nach Mekka gewendet --“
+
+„Unselige! So wohnst du nicht mehr in der geheimnisvollen Arche der
+Kirche, und dich begraben die Gewässer des Unglaubens? Du neigst dich
+dem Propheten wieder zu, willst Christum nicht erkennen und begehrst
+den Barrabas los? Das ist Ketzerei de vehementi!“ Seine Kutte flatterte
+nach der Tür, die er aufriß. „Alguaciles! Bringt Doña Maria de
+Calabreña in den Kerker der Inquisition!“
+
+Wie aus einem Nichts heraus schnellten zwei schwarzgekleidete hagere
+Gestalten ins Zimmer. Sie hatten leichte Arbeit, denn sie trugen
+eine ihrer Sinne Beraubte auf den starken Händen hinaus. Über ihre
+zermarterte Seele wehte der Hauch des Entsetzens.
+
+Aus der priesterlichen Brust schienen Dämpfe zu steigen, das Gift
+seiner Seele enthaltend. Der Triumph glühte in seinen tückischen
+Blicken. Sein Hirn sprang aufgeschreckt in einen Gedanken hinein: Der
+Inquisitor von Toulouse, Fulco de Saint Georges, hatte einst Frauen im
+Gefängnis verführt und wurde gestäupt. Was warf sich diese Erinnerung
+plötzlich in seinen brennenden Jubel?
+
+„Den Fiskal der Inquisition, Pater Juan Collades!“ befahl er einem
+Mönch. Er sollte die förmliche Verhaftung der neuen Ketzerin
+vornehmen, die durch den Inquisitor selbst entlarvt wurde. Ihre Worte
+glichen einem Bekenntnis.
+
+Pater Collades kam. Ein Mensch mit kühlem Herzen, ruhevoll in seinen
+Gebärden, gleichgültig in den Mienen. Er setzte sofort die förmliche
+Clamosa auf, den Antrag auf Verhaftung. Man arbeitete bis spät in
+die Nacht, wiewohl der Fall einfach lag, da die Äußerungen vor dem
+Inquisitor selbst gefallen waren. In den nächsten Tagen mußte die
+Summaria, das Ermittlungsprotokoll, den Konsultoren vorgelegt werden,
+die als weltliche Richter nur beratende Stimmen hatten.
+
+„Glaubt Ihr, daß dieses Mädchen die Aussagen widerrufen wird?“ fragte
+Pater Collades.
+
+„Ich werde sie zum Bekennen zwingen. Und am Ende“ -- er dämpfte die
+Stimme und sein Herz klopfte gewaltig --, „wir haben das Mittel der
+Tortur. Jedenfalls werde ich Doña Maria de Calabreña noch einmal
+sprechen. Ich erinnere mich da der Worte des heiligen Bernardus: ‚Wenn
+du etwas Böses hörst, verurteile deinen Nächsten nicht sogleich,
+entschuldige ihn lieber. Vielleicht hat er es aus Unwissenheit oder
+Übereilung getan.‘ Ich will ihr den Weg aus dem Kerker nicht ganz
+verrammeln.“
+
+„Das ist aber, soviel ich weiß, nicht die Gepflogenheit in Cordoba,“
+sagte der Fiskal augenzwinkernd.
+
+„Wir aber leben in Granada,“ entschied Pater Leon selbstbewußt. Er fand
+in seiner Verworfenheit noch den Mut zu einer heuchlerischen Verbrämung
+seiner Missetat.
+
+
+
+
+Zweiunddreißigstes Kapitel
+
+
+In einem beschlagnahmten Palast eines ausgewanderten Maurenfürsten
+beim Elvirator arbeitete das heilige Offizium. Über dem Tor stand
+die Aufschrift der Inquisition: ~Exurge Domine; judica causam
+tuam, capite nobis vulpes~. Die Fenster des gegenüberliegenden
+Hauses waren vermauert worden. Im Secreto, dem Gerichtssaal im ersten
+Stockwerk, standen die Truhen mit den Anklageakten. Durch einen engen
+Korridor über eine gewundene Treppe hinab gelangte man zur Folterkammer
+unter der Erde. Kein Seufzer, kein Schrei drang aus dieser Grabestiefe
+herauf. Die Fenster des Secreto waren auch bei Tag verhängt, wenn das
+Gericht tagte. Scheute man das Licht der Sonne?
+
+An dem schwarzbehangnen Tisch des heiligen Offiziums saßen der
+Inquisitor Pater Leon, der Fiskal Pater Collades, zwei Konsulatoren
+des weltlichen Gerichts und zwei Dominikaner als ehrbare Zeugen. In
+einer Nische wartete der Portero, der Pförtner, der die Vorführung zu
+besorgen hatte.
+
+Es wurden viele Schriften hin und her gereicht. Die Mitglieder
+flüsterten, und es war, als drückte ein schwerer Gewitterhimmel über
+die Gemüter. Granada war in Erregung. Die Verhaftung des königlichen
+Hauptmanns hatte alle Granden empört. Man vermutete, daß damit der
+Anfang zu weitern Schrecken wie in Toledo gemacht war. Niemand konnte
+begreifen, wieso der Graf de Mora in Verdacht kam, Ketzerei getrieben
+zu haben, wiewohl der erste Gedanke auf das schöne Königskind fiel,
+die ihn vielleicht im Glauben wankend gemacht haben konnte. Die beiden
+großen Maurenfreunde, der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz, an
+die Hernando de Rojas mit dem Eifer seiner Freundesseele herangetreten
+war, setzten sich bei der Königin vergebens für den Beschuldigten
+ein. Auch Fernando wies auf die unangreifbare Macht der Inquisition
+hin, an der selbst der Papst nicht zu rütteln vermochte. Die beiden
+Granden versammelten heimlich viele andalusische Edle bei sich, aber
+ihr rührender Rettungseifer scheiterte an der Furcht der Gemüter vor
+den Nachstellungen des heimlichen Gerichts. Nur wie ein dumpfes Grollen
+ging es von Palast zu Palast. Es war eine Schmach für den spanischen
+Adel, der wehrlos der Entrechtung durch die Inquisition preisgegeben
+war.
+
+Ximenes war nach Toledo gereist. Leon durfte mit dem unbegrenzten
+Vertrauen des Erzbischofs Wucher treiben. Das Machtbewußtsein leuchtete
+ihm von der gelblichbraunen, vorgewölbten Stirn, es prägte sich in dem
+scharfen Lippenzug aus, der seinem Gesicht heute eine ungewöhnliche
+Härte gab, in dem eisigen Blick, der selbst die Mitglieder des Rates im
+Innern frösteln machte. Wie konnte diese mitleidslose Seele die Sonne
+fühlen, die draußen frühlingswarm über den rötlichen Steinkolossen
+der Alhambra lag. Hier waren Kälte und Schatten zu Gast, die würdigen
+Begleiter einer Handlung, bei der diese Menschen Gottes allerwärmende
+Kraft als störend empfunden hätten.
+
+In der Hand eines Mönches knisterte das verleumderische Papier des
+Don Silvio, das Zeugenmacht erlangt hatte. Der Familiare wollte von
+Chispazo, dem Diener des Grafen, allerhand verdächtige Äußerungen
+gehört haben, die nun, sorgfältig niedergeschrieben, als wuchtiges
+Anklageinstrument dienten. Da waren angebliche Reden über die
+wohltätige Kraft des Korans zu lesen, es stand geschrieben, der Graf
+sei selbst auf dem Gebetsteppich gekniet, er habe sich umständlicher
+Waschungen befleißigt und habe über die Beichte abfällig gesprochen.
+Auch die erfundenen Aussagen der Doña Leonore de Uceda lagen
+wohlgeordnet auf dem Papier. Ihr eifersüchtiges Herz hatte sie in
+Gift entleert. Der Unrat ihres Hasses war in drei Anklageblättern
+aufgespeichert. Ein furchtbares Lügengewebe war verfertigt worden, und
+es wurde als Netz um das Haupt des wehrlosen Menschen gelegt.
+
+Ein Stuhl wurde gerückt. Der Inquisitor erhob sich. „Die Weisheit
+dieser Welt ist Torheit vor Gott. Aber laßt uns dennoch versuchen,
+weise und gerecht zu urteilen.“ Er gab dem Portero einen Wink. „Holt
+den Inquisiten Don Pedro de Solar Grafen von Mora.“
+
+Bald darauf öffneten sich die Türflügel, und der Graf schritt unter
+der Hut zweier Alguaciles herein. Empörung, Leid und Kerkerhaft
+hatten seine männlich schöne Gestalt gebrochen, doch versuchte er
+sich aufrecht zu erhalten. In seinem Gesicht, blaß wie Gips, brannten
+die Augen wie Wolfsleuchten, umgeben von grauen Höfen, den Zeichen
+durchwachter Nächte. Seine Züge waren wieder wie einst streng und hart
+geworden. Als er den Pater Leon vor sich sah, stockte sein Fuß. „Ich
+will vor keinem befangenen Richter stehen,“ sagte er gelassen.
+
+Leon sah die Beisitzer des Gerichts an. „Ich wüßte nicht, daß ich dem
+Grafen je Gelegenheit gegeben, an meiner Unbefangenheit zu zweifeln.“
+
+„Doch,“ erwiderte dieser. „Ich habe gegen Euern Willen ein maurisches
+Mädchen verteidigt.“
+
+Der Dominikaner lächelte. „So etwas vergißt sich schnell. Stimmt ab,
+ihr Herren.“
+
+Gleich darauf war es entschieden: Die Bitte des Grafen wurde abgelehnt.
+
+„Weshalb steh ich hier?“ warf sich Mora selbst in den Strom des Verhörs.
+
+„Vor allem seid gebeten, nur auf das zu antworten, was man Euch fragen
+wird. Und schwört, alles geheimzuhalten, was Ihr hier sagen, was Ihr
+hören werdet.“
+
+„Soll ich hier so Ungeheures erfahren, daß Ihr es vor den Augen der
+Mitwelt bedecken müßt?“ erstaunte der Graf.
+
+„Darüber sind wir Euch keine Rechenschaft schuldig. Schwört.“
+
+„So lege Euch Gott diesen Schwur auf Euer Gewissen.“ Er erhob die
+Eidfinger.
+
+Dann befragte ihn der Inquisitor über sein Leben und das seiner
+Vorfahren. Mit Stolz bekannte er sich als Sohn des Grafen de Mora, der
+nahe daran war, mit dem Sanbenito verflucht zu werden.
+
+„Ich habe die Prozeßschrift Eures Vaters dieser Tage gelesen,“ sagte
+Leon, „und es ist eigentlich ein laufender Prozeß.“
+
+„Nicht abgeschlossen?“ fuhr Mora auf. „Er könnte also jeden Tag --?“
+
+„Neu aufgenommen werden,“ nickte der Inquisitor.
+
+„Der Tote kann sich nimmer verteidigen.“
+
+„Aber die Lebenden können noch immer zeugen.“
+
+„Ihr macht furchtbare Schlüsse. Und wenn man ihn schuldig erkennen
+würde?“
+
+„Könnten seine Gebeine den reinigenden Flammen übergeben werden.“
+
+Der Graf wankte auf den Ketzerrichter zu. „Das -- kann -- nicht --
+sein. Den Erdenrest verbrennen --?“
+
+„Wir gehen weiter. Ihr habt dann ein Maurenmädchen kennengelernt, die
+natürliche Tochter des ehemaligen Königs von Granada, die nunmehr
+getaufte Doña Maria de Calabreña.“
+
+Das bleiche Antlitz des Inquisiten rötete sich. „Ja,“ sagte er leise.
+„Durch sie wurde ich der Mensch, der vor Euch steht.“
+
+„Wir fragen Euch nun, ob Ihr allen Glaubensvorschriften nachgekommen
+seid.“
+
+Der Graf nickte stumm.
+
+„So bekreuziget Euch und sprecht das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser
+und das Ave-Maria.“
+
+Don Pedro sprach alles mit klarer Stimme und mit der tiefen Überzeugung
+seines gläubigen Herzens.
+
+„Wißt Ihr die Ursache Eurer Verhaftung?“ fragte der Inquisitor.
+
+„Nein. Ich weiß nur, daß ich dem König wertvolle Dienste geleistet,
+daß ich tapfer vor dem Feind gestritten und nicht um Haaresbreite vom
+Glauben gewichen bin.“
+
+„Die Verdienste mag der König belohnen. Die Kirche muß sich Eurer
+Sünden erinnern, mit denen Ihr Gott beleidigt.“
+
+„Ich dachte, dafür sollte der Beichtstuhl dienen.“
+
+„Eure Sünden überschreiten die Macht der Lossprechung. Wir ermahnen
+Euch, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“
+
+„Ich habe nichts auf dem Gewissen,“ sagte der Graf seelenruhig.
+
+„Wir ermahnen Euch zum zweitenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem
+Gewissen habt.“
+
+„Ich habe nichts zu bekennen,“ erwiderte der Graf mit derselben Ruhe.
+
+„So denket nach, ob Eure Seele nicht beschwert ist durch gewisse
+Äußerungen --“
+
+Da riß sich der Beschuldigte aus der Gelassenheit. „Zeigt mir den
+Menschen, der mich verleumdet hat.“
+
+Alle Mitglieder des Gerichts saßen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da.
+Der Graf wurde durch dieses Schweigen furchtbar erregt. „Ich will den
+Menschen sehen. Ich war einst hart. Meine Härte kann mir Feinde gemacht
+haben. Ich will ihre Namen wissen.“
+
+Das Haupt Leons erhob sich langsam. „Wir ermahnen Euch zum drittenmal,
+alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“
+
+„Ich kann nichts bekennen, wenn ich nicht weiß, wessen man mich zeiht.“
+
+„Bekennet!“
+
+„Sagt, was ich getan haben soll.“
+
+„Eben das sollt Ihr sagen.“ Es flog wie ein höhnender Pfeil in des
+Grafen Brust.
+
+„Gebt mir nur einen Anhaltspunkt, ihr Herren. Seid barmherzig, ihr
+Herren, sagt mir, was man mir aufbürdet.“
+
+„Ihr habt nie ketzerisch gesprochen und gehandelt?“
+
+„Wann? Wo?“ entsetzte sich Mora.
+
+„Eben das sollt Ihr uns sagen. Bekennet.“
+
+„Ich kann nichts bekennen!“ schrie nun der Graf verzweifelt auf. „Ich
+befolgte alle Gebote der Kirche, ich sprach alle vorgeschriebenen
+Gebete, ich ging jeden Tag in die Messe -- wozu zwingt ihr mich, ihr
+Herren? Ich kann nichts als die Wahrheit sagen.“
+
+„Eben die wollen wir wissen. Sie steht schon auf diesen Papieren. Ihr
+braucht sie nur zu bestätigen.“
+
+„Ich kenne sie doch nicht, lest mir vor, was da steht.“
+
+„Wir dürfen es nicht. Bekennet.“
+
+Der Graf glaubte wahnsinnig zu werden. Er stand vor einem leeren
+Nichts. Nun krampfte es sich aus seiner Brust: „Verflucht sei mein
+Verfolger, sein Wesen vergehe vor Gottes Angesicht, der Teufel jage
+nach seiner Seele, und alle menschliche Kreatur wende ihr Antlitz mit
+Schaudern von ihm ab.“
+
+Der Inquisitor starrte regungslos vor sich hin. Die Schauer des Fluches
+webten sich vor seinem Auge um das Haupt der schönen Moriska zusammen.
+
+„Fragt mich doch um des Heilands willen aus. Habe ich in der Anbetung
+der Heiligen zuwenig Eifer gezeigt? Habe ich unbewußt Gott gelästert?“
+
+Nur des Dominikaners Finger spielten mit dem Anklageblatt, sein übriger
+Mensch blieb regungslos, so daß dem Grafen der Zorn im Herzen brannte.
+Die zwei Patres nickten schläfrig vor sich hin. Endlich rekelte sich
+Pater Leon aus seiner Starrheit. „Der Fiskal erhebe die Anklage.“
+
+Der schwüle Rauch der Kerzen machte die Luft stickig, die lautlose
+Stille legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf die Brust des
+Inquisiten.
+
+Dumpf wie aus Erdentiefen tönte die Stimme des Fiskals: „Im Namen
+des vom heiligen Gericht in Cordoba bevollmächtigten Tribunals in
+Granada! Don Pedro de Solar Graf von Mora, daselbst geboren im Jahre
+des Herrn Eintausendvierhundertsechzigundacht, Ritter des Ordens von
+Santiago de Compostela, Hauptmann der königlichen Wache in Granada,
+wird beschuldigt und ist durch Aussagen überführt, in Dingen des
+katholischen Glaubens zu wanken und durch Äußerungen verschiedener
+Art gegenüber glaubwürdigen Personen dargetan zu haben, daß er den
+christlichen Glauben mißachtet und Gottes heilige Gebote übertreten
+hat. Er hat gesagt, er wisse von Gottes heiliger Dreieinigkeit wenig
+oder nichts. Er hat den Propheten Mohammed einen großen Mann genannt
+und behauptet, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes gewesen --“
+
+Der Graf greift mit den Händen nach der Stirn. „Seid Ihr -- wahnsinnig?
+Oder bin ich es?“
+
+Ungerührt schnarrte die Stimme des Fiskals: „Auch sagte er, Jesus sei
+ein Prophet und die Hostie ein unscheinbares Ding, und er schüttelte
+den Kopf, wenn man davon sprach. Er las mit einer gewissen Person
+den Koran, besonders die Suren vom Paradies und nannte des Propheten
+Religion erhaben, lobte auch die Art der Moslims, vor Gott auf dem
+Gebetsteppich zu knien, ja, er kniete auch selbst auf diesem Teppich,
+mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt. Er hat über die Beichte abfällig
+gesprochen und sich regelrechter Waschungen nach islamitischer Art
+befleißigt. Dies alles beweist die Verleugnung des alleinseligmachenden
+katholischen Glaubens, wenngleich der Graf äußerlich noch in dessen
+Lehren beharrt. Über alles dies richte das heilige Offizium. Das
+Vermögen des Inquisiten wurde vom Sequestrado bis zum Ausgang des
+Prozesses beschlagnahmt. Das heilige Tribunal von Granada im Namen des
+Inquisitoriats von Cordoba.“
+
+Durch die Stille hetzte der Atem des gemarterten Grafen. Seine Augen
+starrten ins Leere, in seiner Brust wogte ein furchtbares Chaos.
+Lüge, Haß und Niedertracht warfen ihn zu Boden, seine Ehre lag im
+Staub, Bösewichter spielten Fangball mit ihr, Hyänen verkrallten sich
+in seinen wehrlosen Leib, um ihn auszusaugen und aus dem Reich der
+Lebendigen zu stoßen. Und über den Köpfen dieser Teufel, die Kläger
+und Richter in einer Person waren, leuchtete Christi unbeflecktes
+Sterbekreuz, und der Herr sah seinen Jammer und stieg nicht herab,
+seine satanischen Widersacher zu zermalmen. Warum fuhr er nicht wie
+einst mit der Geißel unter die Tempelschänder? Schändeten diese nicht
+auch sein Heiligtum, sein Herz, seine Lehre? Er wollte sich mit der
+Inbrunst eines herzaufwühlenden Gebetes vor das Kreuz niederwerfen, um
+ein Wunder zu erflehen. Aber da klang schon die Stimme des Inquisitors
+an sein Ohr. „Wollt Ihr nun bekennen, Graf de Mora?“
+
+„Nun bekenne ich feierlich vor Gott und den Heiligen, daß alles erlogen
+ist, was hier geschrieben steht. Die Erde verschlinge meine Feinde wie
+einst die Rotte Korah.“
+
+„Wir ermahnen Euch zum letztenmal: Bekennet!“
+
+Der Graf keuchte in die furchtbare Stille und schwieg.
+
+„So wird die barmherzige Kirche jammern müssen über Euch und das Leid,
+das sie Euch anzutun gezwungen sein wird. Sie weinet über Euch und
+ist fassungslos über Eure Reuelosigkeit. Aber wie sagte Innozenz?
+Demjenigen, der Gott keine Treue hält, soll auch keine gehalten werden.
+Oh, bei Christi allerbarmender Liebe beschwören wir Euch: Bekennet, daß
+wir gegen unsern Willen nicht gezwungen werden, Euch zu zwingen. Ihr
+unterschätzt vielleicht die uns von Gott gegebene Macht.“
+
+„Es ist die Macht, die ihr euch selbst genommen!“ rief der Graf mächtig
+aus.
+
+„Schreibt das auf, Pater Diego, die Kühnheit verdient festgehalten zu
+werden. Ihr wollt also nicht bekennen?“
+
+Da schleuderte der Graf seinen Peinigern das Feuer seiner Empörung in
+die entsetzten Gesichter. „Ich bekenne nichts -- aber ich erkenne,
+daß ihr Vernunft und Gefühl gemordet habt, daß die alte Freiheit der
+spanischen Granden vor der Glaubenstollheit eurer Mönche im Staube
+liegt, daß ihr das von Gott ins Herz geschriebene Gesetz leugnet, daß
+ihr aus eures Vaters Haus eine Mördergrube gemacht habt, daß euer
+Werkzeug das Entsetzen, eure Waffe Gift ist, und daß euer Rasen weder
+vor Lebendigem noch Totem stillhält. Ich erkenne, daß die sanfte Glut
+der Religion unseres Nazareners durch haßverwirrte Priester zu einem
+verzehrenden Feuer entfacht wurde, das tausend Herzen verbrennen soll.
+Grimm und Wut heißen eure Helfer, die die Christenlehre zerbrochen
+und dem Prophetenglauben ewigen Krieg angesagt haben. Ihr lehrt den
+menschenliebenden Sohn Gottes hassen, indem ihr in seinem Namen
+Missetaten verübt. Dann will ich lieber Götter ehren als einen Gott,
+dessen Reichsverweser Teufel sind.“
+
+Leon war kreidebleich geworden. Die Griffel der Schreiber flogen über
+das Papier.
+
+„Ihr könnt Euch selbst nicht mehr verteidigen, denn Eure Zunge raset,“
+sagte der Inquisitor. „Wollt Ihr nun einen Abogador[3] anerkennen?“
+
+ [3] Abogador = Rechtsanwalt.
+
+Der Graf schüttelte den Kopf.
+
+„Höret, Graf de Mora. Wir züchtigen Euch nur um der übrigen Menschen
+willen. Diese leben sicherer, wenn sie wissen, daß das Böse von Euch
+genommen. Tut Buße, daß Euch die Kirche wieder aufnehmen kann in
+Gnaden. Die Strafe ist keine Freude für uns. Tut Buße!“
+
+„Ich habe nichts zu büßen. Wohl habe ich mich über die Schwachheit der
+Mauren erbarmt, aber nie war ich Verteidiger ihres Glaubens. Es war ein
+Engel Gottes, der mich das Mitleid lehrte, gesandt, um mir die Augen zu
+öffnen. Ja, dieses Mädchen war die Mittlerin der Duldung.“
+
+„Schreibt das nieder, Pater Diego.“
+
+„Schreibt es nieder und setzt dazu: Sie erschloß mir die Weisheit ihres
+Propheten, ehe sie Christin wurde.“
+
+„Sie ist es nicht mehr,“ wehte es eisig von den Lippen Leons.
+
+Da erschrickt Don Pedro de Solar bis ins Mark. „Sie -- ist
+zurückgekehrt -- zum alten Glauben?“
+
+„Noch nicht. Aber der Kirche erbarmender Arm hat sich ihrer auf dem Weg
+dahin als Ketzerin bemächtigt.“
+
+„Sie -- ist --?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Graf den
+Priester an.
+
+Dieser nickte sein entsetzliches Ja.
+
+„Reija gefangen! Reija! Reija!“ Schreck, Zorn, Wut brauen sich in
+seinem Herzen zu einem gräßlichen Pandämonium zusammen. Seine Arme
+taumeln wie zuckende Schlangen in die Luft. „Gesetz -- Menschlichkeit
+-- alles dahin! Umnachtet die Vernunft! Die Blume zertreten, deren Duft
+jedes Herz mit Wonnen erfüllt -- zerrissen ihre Brust, die nur für
+Liebe schlug -- von Priesterhänden geknickt -- o Henker -- blutsaugende
+Henker!“
+
+Da rief Leon nach dem Knebel. Des Grafen ergrimmte Fäuste warfen die
+Alguaciles rechts und links nieder. „Gottschändende Teufel! Schergen
+des Satans! An dieser Liebe sättigt sich euer Haß und die Glaubenswut
+eurer verruchten Hirne! Die haben sie aus der Hochliebe Christi
+herausgestoßen und zurück in die blühende Welt, aus der sie kam und
+die ihr Sünde und Irrglauben nennt. Wehe, wenn ihr diese martert! Wenn
+ihr die Unschuld in brennende Gewänder hüllt, wenn in Glut aufgehen
+soll, was Gott in seinem Schöpferwillen zur Freude geschaffen! Hört es,
+Dominikaner! Brennt dieses Mädchens Wunderleib anklagend zum Himmel,
+dann entzündet ihre Glut ein ganzes Volk, und alles, was diesen Brand
+im eignen Herzen fühlt, wird sich wie ein einziges Feuermeer erheben
+und euer mönchisches Gezücht niedersengen, bis eure Asche sturmverweht
+in alle Lande fliegt!“
+
+Die Mönche zittern. Leon allein ist furchtlos. „Die Wache!“
+
+Fünf baskische Bären im Panzer stürzen herein und umringen den Grafen.
+Die schäumende Kraft des Ebers ist gebrochen. Seine Augen rollen noch
+im nachbebenden Zorn, aber im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit bricht
+sein letztes Wehren zusammen. Verkämpft hängen die Arme an den Lenden
+herab, sein Kopf fällt auf die Brust, und durch sein Hirn braust ein
+Strom müder Gedanken -- Leon, Reija, Kerker, Teufel, Flammen, Koran,
+Jesus, Tanz -- alles wirbelt zu einer zähen, breiigen Masse zusammen
+und ergießt sich, Gefühle und Gedanken erstickend, in sein Inneres.
+Inmitten der klirrenden Panzer wankt er hinaus. Hinter ihm knarrt
+heiser die Tür.
+
+Pater Leon steht bleich, aber gefaßt da. „Ihr habt diese Zunge, das
+prahlende Organ eines gottverfluchten Herzens, gehört. Sie könnte
+leicht tausend entzündbare Herzen vergiften, zu denen sie spricht.“
+
+„Eine solche Zunge verdient nicht, lebendig zu bleiben,“ entsetzte sich
+gehorsam einer der Dominikaner.
+
+„Die Überzeugung unseres göttlichen Rechtes ist ein Festungsbau, den
+stärkere Kanonen stürmen müßten,“ sprach siegessicher Pater Leon. „Oder
+sollte der heilige Augustinus, der große Leon und die Kirchenväter
+unrecht haben, die um der Lehre des alleinseligmachenden Glaubens
+willen den Ketzer vertilgt wissen wollten? War nicht Gott selbst der
+erste Inquisitor, als er Adam und Eva aus dem Paradiese trieb? War
+nicht jenes Tierfell der vertriebnen Menschheit das erste Sanbenito?
+Erschreckt nicht vor dem Hochmut der Ketzerzunge. Wer nicht mit
+mir ist, der ist wider mich. Und wer nicht in mir bleibt, sagt der
+Evangelist Johannes, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt,
+und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, daß sie verbrenne.“ Er
+verhüllte in geheucheltem Schmerz sein Haupt und sagte: „So bereitet
+denn für morgen die Folter. Doch gebt dem Inquisiten vorher den süßen
+Wein von Almontillado zu trinken, daß er sich stärke. Wenn er wieder
+tobt, gebt ihm die Mordaza, den Knebel.“
+
+Da erhob sich einer der Konsulatoren. „Vom Standpunkt des königlichen
+Gesetzes erachten wir, daß der Inquisit ein Bekenntnis abgelegt und von
+der Folter abzusehen wäre.“
+
+„Noch hat er nicht bekannt,“ entgegnete der Inquisitor, und die Mönche
+nickten.
+
+„Seine Anklagen und Verunglimpfungen des heiligen Offiziums gleichen
+einem Bekenntnis.“
+
+„Wir haben nicht Verunglimpfungen abzuwehren, die Kirche will den
+Sünder reuig und geständig wissen. Don Pedro de Solar Graf de Mora muß
+bekennen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“
+
+In die Unmenschlichkeit dieser Herzen wehte das heilige Wort, ohne
+sie von der Besessenheit zu erlösen. Gnadenlos übergaben sie alle den
+‚Feind Gottes‘ der körperlichen Qual.
+
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Kapitel
+
+
+In der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers.
+Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten.
+Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die
+Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle
+Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht
+hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer,
+Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch -- so sieht der Ort aus, wo jetzt
+ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña war
+freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen
+Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den
+Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer
+Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis
+umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten
+die Getreue vertrieben.
+
+Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung
+ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht,
+nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise
+lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.
+
+Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und
+sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe
+verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren
+Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.
+
+Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält
+liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu
+nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes
+Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn
+stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von
+Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde,
+funkelnde Schwerter -- Gottes goldne Engel steigen herab -- Engel --
+Engel --“
+
+Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon.
+Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit
+weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.
+
+„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels.
+Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand
+des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“
+
+Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.
+
+„Ob Ihr beichten wollt?“
+
+„Mann -- o Mann Gottes -- was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr
+Leid heraus.
+
+„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem
+glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen
+Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage
+nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen
+stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er
+berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken,
+unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche
+Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die
+in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch
+begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der
+Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten
+Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von
+Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser
+Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein
+Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem
+war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda
+gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl
+gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen
+die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst
+darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine
+Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten
+Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es
+erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und
+bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe,
+schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er
+die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.
+
+„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen
+Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes Bitten in seine
+verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu
+schonen --“
+
+„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die
+Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen
+lassen.“
+
+Sie schrak zusammen. „Das -- könnte er -- wieder tun?“
+
+Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn
+der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß.
+
+Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren
+Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr -- mit dem Grafen -- gemacht?
+Habt Erbarmen mit mir -- Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“
+
+„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich
+sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“
+
+„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf.
+
+Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele.
+Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der
+Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie
+Ihr.“
+
+„So ändert unser Schicksal.“
+
+„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt
+nicht gern vor der Öffentlichkeit.“
+
+„Und deshalb, Priester -- müssen wir -- unschuldig leiden?“ Sie warf
+mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin.
+
+„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben
+verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen
+christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“
+
+„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja
+gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“
+
+„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber -- es treibt mich noch
+ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt
+in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem
+Schatz Eures Vaters sprechen soll.“
+
+„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt
+wurde.“
+
+„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den
+Schlüssel zu dem Geheimnis.“
+
+„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“
+
+„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“
+
+„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart.
+
+„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle
+schlecht um den Grafen de Mora.“
+
+„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf.
+
+„Er wird um das Geheimnis wissen --“
+
+„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst.
+
+„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden
+sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“
+
+„Ihr wollt ihn --? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte
+wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie
+glühende Lava aus ihren Augen.
+
+Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen,
+und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“
+
+„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie.
+
+„Er wird nicht lange widerstehen können.“
+
+Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis
+verrate, ist er -- frei?“
+
+„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern,
+sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“
+
+„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe
+finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz
+haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn
+und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer,
+um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“
+
+„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu
+wirken vermag.“
+
+„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus.
+
+„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den
+Tücken des Ungläubigen.“
+
+„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird -- helft mir, guter,
+lieber Pater -- versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie
+schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter
+Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden
+Blicken lag.
+
+„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den
+Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt.
+
+Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das
+erlösende Wort kommen sollte.
+
+„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“
+
+„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt
+auf die Brust.
+
+„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man
+schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder
+strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel,
+in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden,
+denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“
+
+„Henker -- das alles -- um Christi willen?“
+
+„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen --“
+
+Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel -- was soll ich dir
+geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus?
+Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“
+
+Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche
+Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück,
+dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht,
+Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund
+der Verruchtheit. Sein keuchender Atem jagte wie Glutwind über ihre
+angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender
+Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe
+mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus -- „mit diesem deinem Leib
+speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der
+Liebe!“
+
+„Rasender -- wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf.
+
+„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“
+
+„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich
+schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“
+
+Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne
+Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada -- mit jedem deiner
+Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte
+seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren
+Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen
+deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein
+anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den
+andern überquillt -- o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener
+Liebesnächte -- diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust,
+blutend von der Hingabe an ihn -- reich’ mir den letzten Rest, den
+deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und
+brennenden Wünschen -- sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen,
+was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat,
+ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen,
+ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche
+begehren --“
+
+„O Mensch -- Tier -- Sohn der Nacht und der Verdammnis -- wofür hältst
+du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen.
+
+„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen
+steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen
+Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann.
+Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro
+liegen die einsamen Nonnenzellen der Büßerinnen in Fels gehauen.
+Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist
+atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen
+Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche
+Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern
+der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar
+Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So
+wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so
+wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt
+bleiben.“
+
+Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie
+brennende Pfeile. „Satan -- fürchtest du denn nicht meinen anklagenden
+Schrei vor dem heiligen Tribunal?“
+
+Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick
+wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten
+Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten -- Weib, du kennst unsre
+Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen.
+Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen
+Geist der Wahnsinn zerstückelt.“
+
+Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um
+sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren
+Nacken wehen. „Ich -- will -- dir -- meinen Leib -- morgen -- geben --“
+
+„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter -- hab keine Angst --
+die Wache hält am fernen Ende des Korridors --“
+
+„Und wenn ich dir alles gebe -- ist Don Pedro -- frei?“
+
+Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen
+Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in
+seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für
+dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du
+unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr.
+
+Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte
+auf. „Gib mir den Brief!“
+
+„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“
+
+Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten,
+keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten
+Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um
+Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib -- gib
+-- sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke!
+Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den
+Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte
+wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero
+als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“
+
+Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust.
+
+„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn
+ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen --“
+
+„Würger -- mich foltern lassen -- eine Königstochter?“
+
+„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du
+deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige
+Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine
+Brüste vor uns dampfen.“
+
+Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die
+Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann.
+
+Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du
+zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende
+Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt
+nichts übrig als die Folter -- gemeine Augen werden sich an deiner
+entkleideten Schönheit weiden -- oh, es ist nicht auszudenken, Perle
+meines Herzens --.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche
+Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der
+Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon
+sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem
+trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe -- der die
+heilige Martina zerreißen sollte -- küßte ihr die Füße -- laß mich die
+deinen küssen -- komm -- komm -- das Eis deiner Tugend soll das Feuer
+meiner Leidenschaft schmelzen -- Delila!“
+
+In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick
+gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin.
+
+Da weiten sich ihre Augen -- gräßliche Gedanken springen sie wie
+Hyänen an -- in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn --
+wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut -- da wird ihr
+Fuß zur Waffe, er hebt sich empor -- schleudert sich auf die Natter --
+„Delila über dir!“
+
+Leon taumelt -- fällt -- und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas
+Arme nach dem Strick -- werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers
+-- mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein
+grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht -- „Meduse --
+Me--du--se --“ Dann Stille -- herzmarternde Stille. Endlos rinnt die
+Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu
+schmerzen -- die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke
+zersprengen will -- ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein
+Tau zusammen --
+
+Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie
+das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht
+Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen -- sie
+greift langsam nach dem Körper -- sein Gesicht ist verzerrt, um den
+wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn
+sonst, die Augen sind gläsern starr -- der Anblick schauert in ihr
+Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht -- du hast einen
+Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib -- du darfst
+sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper
+mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten
+Sukuums entgegen -- der Scheitan reißt ihm die Glieder ab -- er war
+ein Fethin, ein Verführer -- ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne
+gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift.
+
+Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die
+Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde
+füllen und Granada -- nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen
+Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet
+erstarrt.
+
+Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie
+greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf -- die heilige
+Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten -- oh, wenn christlicher Haß auf
+ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge
+liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein
+kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der
+gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und
+ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr
+glauben als der Lebendigen.
+
+Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene
+Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache.
+
+Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie
+zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das
+rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen
+Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten
+da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem
+Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen,
+langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger
+zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich
+mählich, ihr Körper wächst -- sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter
+sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors.
+
+Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija
+weist ihm furchtlos den Freibrief.
+
+Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt
+er kurz.
+
+„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“
+
+Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der
+Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die
+nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das
+Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein
+trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn
+ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren.
+Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte
+zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der
+Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators.
+Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder
+Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen
+graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt
+sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre
+Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen.
+Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern
+weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen
+Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch --
+Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und
+Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn
+tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln
+-- fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes
+Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan
+durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden
+Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn.
+
+Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus
+irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich
+los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da
+drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine
+gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten
+Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von
+Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts
+-- da tauchen die Zinnen der Alcazaba auf -- sie ist am Ziel -- wie
+ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden -- hinter ihrer
+Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen,
+geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken -- sie hat noch die Kraft, mit
+den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die
+Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem
+Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder.
+
+Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet -- erschrickt
+-- er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln -- da starrt er in
+das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter
+stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“
+Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen
+Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana
+aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte
+Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das
+halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die
+liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus.
+
+Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege -- wie
+bist du heraus?“
+
+Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der
+Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die
+Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen
+entdeckt. „Wo sollen wir hin?“
+
+„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du --
+rafft alles Geld zusammen -- ein paar Geschmeide --“
+
+In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im
+Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte
+Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die
+Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija
+trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten,
+turbanähnlichen Tuch umhüllt. So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet
+sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim,
+gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen
+Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber.
+Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung
+entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende
+Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann
+wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das
+Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein
+dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein
+heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert.
+
+Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem
+sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei,
+hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch
+und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem
+Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden.
+Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und
+öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt
+maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten.
+
+Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und
+blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese
+Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die
+Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als
+trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben -- gelblichrotes
+Gestein -- der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten
+die Rosse -- es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes
+Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber
+die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren
+Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen?
+Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod
+zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr
+entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines Menschen. Wie
+viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf -- die
+Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues -- was half der Mord
+dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt!
+
+Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe
+zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum
+Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid
+geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als
+sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf
+Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs
+Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert,
+allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an
+das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier
+der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die
+durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter
+Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so
+schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta,
+eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon
+erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor.
+
+Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch
+weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und
+die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort
+abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle,
+gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die
+Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der
+Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern
+die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen.
+Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in
+Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige
+Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den
+vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf
+der Rosse. Reija hängt nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals
+ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem
+Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen.
+
+An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann
+ansteigender, bestaubter Weg -- durch die blühende Gartenpracht von
+Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden
+Pferde -- jetzt -- o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta!
+Ihr Maurendörfer Haus an Haus -- Cañor da oben! Reija hat noch die
+Kraft, den Jubelruf in sich zu hören -- dann bringt sie mit schwachem
+Zügelruck das Tier zum Stehen -- die Sinne schwinden ihr -- sie fällt
+in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum
+in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten
+Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen.
+
+
+
+
+Vierunddreißigstes Kapitel
+
+
+Durch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem
+Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt
+die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim,
+der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände
+angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst
+geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr
+zu Ohr.
+
+Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis
+auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten
+sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast
+des Ximenes -- der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen --,
+nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen
+schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in
+den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf
+ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen,
+hat unsre Seelen zerschlagen, unser Jammer hat Gott erbarmt, und er
+hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden
+erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus
+der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt
+es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des
+Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es
+ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!
+
+Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen
+Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die
+Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem
+teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas
+steigt.
+
+Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das
+Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren
+der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds
+heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach
+zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es
+nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen,
+einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das
+letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer,
+der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser
+Gebein jagen.
+
+In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen
+Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs,
+herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die
+Schreckensbotschaft.
+
+Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen
+Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die
+Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte
+vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den
+Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer
+geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“
+
+Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die
+Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen
+Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen.
+Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter
+scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische
+Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit
+durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin
+seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich
+wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen
+Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer
+Auferstehung des Mönchsleibes.
+
+Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den
+Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er
+kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren
+Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis
+ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit
+seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche,
+wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen
+verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des
+Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener
+sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert
+hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien
+Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter
+Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der
+hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage
+zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die
+Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach
+trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.
+
+„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem
+beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber
+es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die
+nach den Alpujarras führt. Man hat drei Reiter, darunter eine Frau,
+verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht
+gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen
+nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch
+mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis
+des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort
+vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition
+von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher,
+als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur
+schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“
+
+Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine
+Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser
+hier dazu riet.
+
+„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein
+eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm
+gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch
+gewisse Forderungen des Dominikaners --“
+
+„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.
+
+Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner
+liebte die Frauen -- es ist kein Geheimnis mehr --“
+
+Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also
+wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ -- er drängte hastig an den König
+heran --, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte?
+Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken?
+Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch
+wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet
+wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor
+fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen
+Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der
+Königin.
+
+Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer
+Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende aber hat Gott
+geschändet. Lucero komme! Doch -- wenn sich Boabdil regt?“
+
+„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische
+Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und
+diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen
+unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim
+gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten
+versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“
+
+„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.
+
+„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen.
+Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben.
+Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora,
+ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels
+angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem
+Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten
+in Heil.“
+
+„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.
+
+„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten,
+wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere
+Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der
+Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles
+für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern,
+auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen
+tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich
+werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke
+den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die
+Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten
+jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar
+handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu
+unterdrücken --“
+
+„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.
+
+„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres
+wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam,
+hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich
+sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen,
+sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden --“
+
+Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die
+Granden vergessen können? Ximenes!“
+
+„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind.
+Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca
+geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von
+Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche
+Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist
+geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“
+
+Isabella erbleichte. „Ximenes -- rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren
+Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte
+er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender
+seine Grausamkeit vergessen.
+
+„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“
+forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein
+geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen
+verkehren.“
+
+„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer
+Gewichtigkeit.
+
+„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen
+den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und
+dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht
+in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit
+übergeben.“
+
+„Relaxierung?“ fuhr der König empor.
+
+„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine
+Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des
+Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun
+möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch
+diesen gefährlichen alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe
+rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt
+das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten,
+wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung
+des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die
+Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen
+ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung
+durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen.
+Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und
+wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis
+der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle,
+fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott
+gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen
+Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der
+andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des
+heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“
+
+Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also
+zu Ostern ein Autodafé?“
+
+„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas.
+
+„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen
+brennen sehen.“
+
+„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben
+Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch
+leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm
+Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“
+
+„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin.
+
+„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die
+sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche
+Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche
+Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand,
+dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst hatte den Adel, den
+einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt.
+
+Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn
+hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen
+Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung
+königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den
+Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz
+verlange ich ausreichende Vollmacht.“
+
+Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist,
+den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern
+fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer
+um den Mann.“
+
+„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht
+genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir
+brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern
+sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte
+hinter uns -- die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben,
+sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder,
+man muß die Leute nur dran glauben lassen.“
+
+Die Königin durchschauerte es. „Ximenes -- wollt Ihr das alles -- mit
+dem heiligen Evangelium verantworten?“
+
+Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen
+Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem
+heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche
+mich dazu zwänge.‘ Hoheit -- für dieses Ansehen der Kirche ist kein
+Opfer zu groß.“
+
+„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir
+könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht
+auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen
+vorschreibt.“
+
+Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor
+seinen Puppen.
+
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Kapitel
+
+
+Das abendliche Dunkel hüllt die Berge in ein Büßergewand. Der Mond
+bleicht über dem Barranco de Poqueira und über den hängenden Triften
+von Cañor.
+
+Reija liegt auf dem Espartogras vor der Höhle, von wo sie einst den
+Koran geholt. Um ihr geängstigtes Haupt schweben noch immer die Geister
+der Verfolgung, und ihre Seele schreit nach dem Geliebten. Könnte sie
+ihren Schmerz im Tau seiner Lippen kühlen! Sie werden ihn nun auf die
+Folter spannen, damit er seine Mitwisserschaft an dem Mord bekenne! Sie
+werden ein furchtbares Schuldgebäude errichten, das seine geschwächten
+Kräfte nicht mehr tragen können, und sein gemarterter Geist wird
+bekennen, was er nie gewußt.
+
+Aber dann spielen ihre Gedanken mit Fluchtmöglichkeiten. Sie sieht sich
+geborgen unter dem Dickichtmantel des Irakstrauches, überschirmt von
+dem Friedlicht der Sterne. Der Schrei eines Hirten am Hang zerreißt das
+Trugbild.
+
+Hier liegt sie nun seit Tagen, im Retiro der Mauren, wo die Saumpfade
+himmelan streben, Geier hausen, schwarze Ziegen auf smaragdnen
+Weiden grasen, Hirten bei dem Feuer sitzen und Jäger über das Geröll
+schleichen. Saffana und Malik wechseln einander in der Wache ab. Der
+Sklave durchbohrt mit seinen Falkenblicken das Dunkel, und seine
+Mausohren durchhorchen die Felseneinsamkeit nach jedem kleinsten
+Geräusch. Aber es ist still in den Bergen. Nur Hirten tauschen von
+Hang zu Hang ihren eintönigen Gruß aus, und wenn der Wind günstig ist,
+dringt aus der Tiefe von Cañor ein verirrter Gebetsruf herauf. Noch
+also ist keine Gefahr. Auch die vier Maurendörfer am Talhang bilden
+eine lebendige Schutzwehr, die keinen Verrat kennt. Alle Monfis wachen
+über das Leben des Königskindes, das ihnen durch Boabdils Vaterschaft
+heilig geworden ist. Reija kennt dieses Hirtenvolk, dessen Seele Abu
+Atir noch betreut, als er dem Maurenkönig den Koran las. Diese Schäfer
+haben Treue und Glauben als Gesetzeshüter, sie sind muskelgewaltig und
+stählern, in ihnen pulst noch das Blut der Wüstensöhne, wenn sie auch
+den Sand mit dem Felsen getauscht. Es sind zungenkarge Männer, selten
+hallt die dörfliche Trift von ihrem Lachen, und ihre Freude ist dem
+Ernst der todesstarren Steinmasse angepaßt. Aber wenn der kriegerische
+Zorn in ihnen aufglüht, dann schaffen sie Taten voll Adlergrimm.
+
+Die Abenddämmerung graut, Schatten steigen aus dem Tal, und bald liegt
+der Mondglanz wie ein bleicher Heiligenschein über den Steinwarten.
+
+Reijas Leid bricht stromweise aus den Augen. Ihre Brust stöhnt
+unter der ins Bewußtsein rückenden Qual. In dieser mondbeschienenen
+Einsamkeit, wo die Natur am Herzen Gottes zu schlafen scheint, fühlt
+ihr empfindsamer Sinn doppelt die eigene Verlassenheit. Ein alter
+Glaube sagt, wenn Gottesfürchtige weinen, zählen zwei Engel, die die
+Taten der Menschen aufzeichnen, ihre Tränen. So werden ihre Engel viel
+zu tun haben, um ihrem Schmerz das Maß anzulegen. Wüßte Abu Atir um
+ihr Schicksal, er ritte mit der Geschwindigkeit des Wüstenrosses in
+die Berge. Nichts weiß sie von ihm. Hat er sein Maghreb erreicht? Ist
+er noch in Salobreña? Und so hat Reija ihr Leben auf eine trostlose
+Gegenwart gestellt, und vor ihr liegt eine verschleierte Zukunft.
+
+Auch von Granada kommt keine Nachricht; die Stadt scheint von einer
+undurchdringlichen Mauer umgeben zu sein. Was bereitet sich vor?
+
+An einem sonnenschweren Spätnachmittag keucht Taleb der Hirte den
+Felshang herauf. Er erzählt: „In Granada hat man den ermordeten Mönch
+bestattet. Die ganze Stadt war auf den Füßen. In die Maurendörfer
+schicken sie spanische Reiter und durchsuchen die Häuser. Aus Cordoba
+ist der neue Inquisitor angekommen, Lucero heißt er, die Moriskos
+nennen ihn den christlichen Teufel.“
+
+Die Angst zersägt Reijas Herz. Nun wird Don Pedro gefoltert! Vielleicht
+in diesem Augenblick. Qual und Furcht greifen in ihre Glieder und
+lähmen sie. Saffana schleppt die Herrin vor die Höhle und bettet sie
+auf einen Stein. Vor ihr liegt die tagdurchglühte Berglandschaft unter
+dem andalusischen Azur, gegen Süden zu deckt der durchsilberte Dunst
+die Weite über dem Meer, zu ihren Füßen kriechen die ersten abendlichen
+Schatten an den Hängen hinauf, sie gleichen gespenstischen Armen, die
+nach ihr langen. Langsam verblutet im Westen die Kraft der Sonne hinter
+rostroten Dünsten. Hoch oben segelt eine goldumsäumte Wolke durch das
+dunkelnde Blau in der Richtung gegen Granada. Blaßflimmernd gräbt sich
+der erste Stern aus dem Nichts.
+
+Da blickt der scharfäugige Wächter Malik hinter einem Felsblock nach
+dem Felssteig. Seine Miene spannt sich, seine Hand greift nach der
+Armbrust. Saffana späht hinab -- erschrickt --
+
+Ein Mann klettert herauf, wie gehetzt von bösen Dschinnen. Saffana
+durchfährt es blitzartig -- das ist -- „O Rose von Andalus,“ flüsterte
+sie über das starrende Gesicht der Herrin hin -- „bade dein Antlitz im
+Licht des Glückes -- es kommt jemand --“
+
+Reija drückt die Hand jäh ans Herz. „Eswer Ben Zerragh!“ Wie warme
+Meerwellen flutet es über sie hin, löst etwas in ihrem ermatteten Leib,
+daß er sich aufrichtet in gespannter Neugier. Ist er’s wirklich, dessen
+Bild von Zeit zu Zeit in ihrem Geist aufgetaucht war, umglüht von der
+Erinnerung an den Zauber der scheuen Werbung? Wo trieb er sich rastlos
+irrend umher? Wer wies ihm den Weg herauf? Sucht er, ein Verfolgter,
+wieder die Höhle auf oder weiß er, daß sie hier? Verwirrt eilt sie in
+die Höhle und gibt Saffana ein Schweigezeichen.
+
+Der Maurenjüngling klettert durch den abendlichen Schatten heran --
+schwingt sich über Fels und Platte -- erklimmt den letzten Steinabsatz
+vor der Höhle. Und nun starrt er in die schreckfrohen Augen der
+Sklavin. „Du --?“ Er tastet mit den zuckenden Händen nach ihrem Kleid.
+Da gewahrt sein Adlerblick den Wächter hinter dem Felsblock. „Bei Gott
+dem Erhabenen, wem gilt die Wehr und Wache?“
+
+Saffanas stummer Blick sagt ihm alles.
+
+Der Abencerrage kriecht auf den Knien an die Höhle heran. Seine Augen
+sind voll Wasser, sein Gesicht brennt von Glutwellen. „Ich weiß, was
+dieser Tage in Granada geschehen --“ bebt er leise, wie in Ehrfurcht.
+
+„Darum darfst du hier nicht weilen, Eswer Ben Zerragh.“
+
+„Er darf,“ klang es jetzt weich und traurig aus der Höhle. „Es steht
+geschrieben -- Allah akbar.“ Am dunklen Eingang der Höhle leuchten
+Reijas Augen. Schwach wie eine Binse lehnt ihr schlanker Leib am
+Gestein.
+
+„Wer ist der Mann?“ fragt der Abencerrage, beunruhigt auf den alten
+Waffenmann zeigend.
+
+„Der Treuesten einer,“ sagte Reija. Und ihr Blick überfliegt die
+verwahrloste Gestalt des edlen Kömmlings. „Gottes Wille hat dich Wege
+des Unheils geführt, deine Wangen sind hohl --“
+
+„Ich habe wenig zu essen in den Bergen und flüchte von Höhle zu Höhle,
+immer höher dem Eis nach. Die Ratschaften verbergen mich, so gut es
+geht, vor den spanischen Schergen. In Almeria ist man auf meine Spur
+gekommen, eben als ich nach Afrika hinüber wollte. Ich mußte zurück in
+die Alpujarras -- aber was soll mein armselig Schicksal -- die Tochter
+meines Königs ist in Not --“ Mit der Überschwenglichkeit seines jungen
+Lebens warf er sich zu ihren Füßen hin. „Man verfolgt dich -- die
+Maurendörfer sind voll davon -- du hast den Priesterteufel Leon
+erwürgt --“
+
+Das Grauen stieg Reija in die Kehle und sie schrie auf. Die furchtbare
+Nacht erhob sich aus dunklen Tiefen. „Leon -- hat unsre Seelen --
+gemordet -- ich hab’ -- seinen Leib --“
+
+„Die Tat ist groß,“ erschauerte Eswer in Bewunderung. „Laß uns stark
+werden, und wir werden es dir danken. Du bist Christin geworden,
+Tochter Boabdils?“
+
+„In meinem Herzen loht der Glaube und das Blut meines Vaters. Der
+Christenglaube machte mich elend. Er ist schön, aber den, der ihn mir
+predigte, hat Schaitan vernichtet.“
+
+In der Höhle brannte das Feuer, beizender Rauch schlich aus dem
+Gestein. Reijas Leib löste sich als Schattenriß aus der rötlichen Glut
+der Höhlenöffnung. „Warum bist du hierhergekommen, Eswer Ben Zerragh?“
+
+„Ich ahnte, daß dein Weg hierher führe, und bin gekommen, dir zu
+dienen.“
+
+„Wie willst du mir dienen, der du selbst verfolgt bist?“ staunte sie
+ihn an.
+
+„Du hast recht -- wie soll ich dir dienen? Was helfen jetzt Hikmet, die
+Lehren der Weisheit? Aber laß mich sinnen -- vielleicht läßt uns Gott
+einen Ausweg finden.“ Er setzte sich auf den Felsblock und stützte das
+Kinn in die Hand.
+
+„Weißt du etwas von Abu Atir?“ fragte sie hastig.
+
+„Er ist wie von Gottes Hauch weggeblasen aus der Welt,“ sagte er
+traurig.
+
+„Oh, wenn er die Berber aus Maghreb übers Meer führte! Sein Glaube
+macht aus Wüstenhasen Löwen. Wenn er wüßte, was ich leide, er würde
+Heere aus dem maghrebischen Sand stampfen. Insch’allah!“ Ihre Augen
+glänzten in rührender Not. „Eswer Ben Zerragh -- dein Geschlecht ist
+hehr und groß, bei dem Ehrennamen deines Geschlechtes -- hilf einem
+Menschen aus schwerer Gefahr!“
+
+Eswers Brust hob sich gewaltig. „Einen Almansor will ich aus mir
+machen, diene ich dir damit, Königskind!“
+
+„Almansor war nur ein Schlachtenheld, du sollst mehr tun, du sollst
+dich selbst besiegen, Abencerrage. Höre, es geht nicht um mich.“
+
+Da schnellte er empor. Selbst im schwachen Licht des Mondes sah sie
+sein verstörtes Gesicht. „Es ist der Feta, von dem gesprochen wird, daß
+Gott sein steinernes Herz weich gemacht hat wie Wachs.“ Reija wandte
+sich erglühend ab. Da wußte er es und flüsterte traurig: „Ist es also,
+daß du mit ihm fliehen möchtest ins süße Tal von Mohabera, wo Liebende
+nichts als ihre Stimme hören? Du liebst den Feta, den Habib deines
+Herzens?“
+
+Durch ihren Körper zuckte der Schmerz, durchsüßt von Liebesglück.
+„Ich liebe ihn -- Don Pedro de Solar -- und solange Adler ihre Kreise
+ziehen, werde ich ihn beweinen. Aber ich will ihn befreien.“ Ihre Hand
+griff nach seinem Arm.
+
+Sein Gemüt durchwogte Leid. Und er warf es offen vor sie hin. „O Rose,
+süße Königin der Menschenblumen, weißt du es nicht, daß mir deine
+Wimpern Dolche wurden und deine Blicke Pfeile? Ich sah dich und stand
+in Flammen wie Jakob, als er Rahel sah.“
+
+„Unselig ist mein Wesen, denn es badet die Menschen in Leid,“ jammerte
+Reija, und durch ihre Schultern zuckte der Schmerz.
+
+„Dein Wesen ist Maessema, das himmlische Wasser. Es brachte mir
+Erquickung im Leid der Verfolgung. Und ich flehte zu Gott in stillen
+Stunden, daß er mir schenke deine Hände, deine Brüste, deinen Schoß.
+Vor dieser Höhle sog ich einst deines Atems süßes Ambra ein, während
+du schliefst, und deiner Locken Pracht umnachtete mich, und von deinem
+Mund zogen Ströme von Glück in mein jubelndes Herz, nimmer dürstete
+ich nach dem Tau der Paradiesesmädchen und nach ihrer Brüste lockendem
+Spiel. Und als du am andern Morgen nach Granada zogst und mein Elend
+zurückließest, sandte ich dir meine Lieder nach, gesammelt aus den
+Tränen der Liebe, und ich trotzte der Gefahr und stieg verkleidet in
+die Raubtierhöhle Granada und sang vor dem Alkazar mein sehnendes Herz
+aus in der Nacht --“
+
+„Ich weiß es, Eswer Ben Zerragh,“ sagte sie leise, von Mitleid
+durchrüttelt.
+
+„Und ich tötete einen für meines Volkes heiligen Glauben, wurde
+ergriffen und schmachtete im Turm --“
+
+„Und wer befreite dich, Maurenfürst?“ Im hellern Mond leuchtete ihr
+Auge auf.
+
+„Du warst es -- und das gab meiner Liebe neue Nahrung.“
+
+„Nimmer hätte ich’s tun können, wäre er nicht gewesen. Don Pedro de
+Solar litt es um meinetwillen. Er warf seine Eifersucht auf dich und
+ließ es doch geschehen. Er nahm Schuld auf sich im Übermaß der Liebe
+und befreite seinen Nebenbuhler. Sag’ das den maurischen Männern,
+wohin du kommst. Er ist so groß und hehr. Und nun öffne dein Herz --
+wie will es ihm dieser Nebenbuhler danken?“
+
+Der Maure fühlte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. „Bi nefsi! Gott
+lenkt wunderbar,“ flüsterte er betroffen.
+
+„Das tut er, aber du sollst dir doch den Mund waschen, bevor du seinen
+Namen aussprichst, denn du bist undankbaren Herzens, wenn du nur Worte
+machst.“
+
+„Der Allmilde erhob sein Auge und rettete mich vom Tod und sandte einen
+leibhaftigen Engel -- und ich haderte mit ihm und goß meiner Seele
+Unrat in die Tränenschale. O Mädchen, du lehrst mich einen seltsamen
+Weg wandeln, an dem wenig Blumen stehen.“
+
+„Soll dich ein Christ mit Großmut schlagen?“ fachte sie seinen Stolz
+an. „Er hätte dich töten lassen können, aber er schloß die Augen, auf
+daß dein Fuß frei gehen, dein Herz jauchzen könne, wiewohl er wußte,
+daß du mich liebst. Und nun willst du einer von den Fossaha sein, den
+Wohlrednern, die sich auf keine Tat verstehen?“
+
+Eswers Herz lag im Bann des edlen Gedankens, und doch wütete der
+Liebesschmerz darin. „Mädchen, wer sagt dir, daß mir Gott die Kraft
+geben würde zu solcher Tat, vor der alle Liebhaber zurückschauderten?
+Ibn Chazim bin ich, der vergebens liebte und seinem Mädchen doch nicht
+zürnen konnte, weil sie ihn verschmähte. Er folgte ihr wie ein Hund und
+sang seine Lieder in die des andern hinein, der glücklicher war als er.
+Sang, bis seine Seele todmüde war von Liebesschmerz. Segne deinen Ibn
+Chazim! Er wird sich erniedrigen, der Mohadschil deines Brautbettes zu
+sein, der bei eurer Liebesnacht Wache hält. Das gereichte Honigbrot
+soll ihm das Fieber des Herzens stillen. O Mädchen, was soll ich tun?
+Soll ich den Pfeil schnitzen aus dem Hirmbaum und seine Peiniger töten
+aus dem Versteck? Soll ich seine Wächter des Nachts überfallen und die
+Türen seines Kerkers sprengen? Soll ich die Mauren aufrufen zum Kampf
+für einen Christen? Werden sie ihre Lanzen mit Blut röten? Mohammeds
+Glaube beflügelt keinen Geist und keinen Fuß, wenn es den Kampf für
+einen Ungläubigen gilt.“
+
+Reija machte zornig eine abwehrende Bewegung mit dem Arm. „Schweig,
+Besonnener. Die List kehrt nicht bei stumpfen Geistern ein. Laß unsere
+Gedanken ruhiger gehen. Morgen kommt Jusuf, ein Hirte aus Granada. Don
+Pedro de Solar hat einen wackern Freund, zu dem habe ich ihn geschickt.
+Ich bin erschöpft. Laß uns essen. Sei zart zu mir, denn ich bin
+hilflos.“ Sie wandte sich nach der Höhle.
+
+Bald darauf aßen sie von dem Ziegenbraten und den Garbanzos, den
+Kichererbsen. Es war das Hirtenmahl für ein Königskind. Dann hüllte
+Saffana die weichen Glieder der Herrin in die Schlafdecke. Im schwanken
+Feuerschein wechselte das Licht auf dem leidgezeichneten Gesicht der
+Maurin. Der letzte Qualm rauchte auf, verringelte und erstickte,
+Menschen und Gestein versanken in Nacht.
+
+Der Abencerrage legte sich wieder vor die Höhle hin wie damals, da
+er ihres Atems Hauch zum erstenmal eingesogen. Der Schmerz um seine
+verlorene Liebe flocht dunkle Kränze in sein Gemüt. Über ihm kreisten
+im ruhigen Geleise die Sterne um den Pol und der Mond ließ sein Silber
+in die Nacht tropfen. Es war so still, als ginge Gottes Odem fühlbar
+über die Berge.
+
+Da gebar die Nacht einen funkensprühenden Stern, der sich in erhabenem
+Bogen über das halbe Firmament schwang und dann in dem Gefels zerbrach.
+Eswer deutete das Himmelszeichen als einen Hoffnungsstrahl, den Gott
+gesandt. --
+
+Als Eswer die Augen öffnete, saß schon die Sonne zwiegespalten auf
+dem gegenüberliegenden Grat. Bald darauf kletterte der Hirte Jusuf
+die Felsen herauf. Der Bergwind nahm die Backen voll, als wollte er
+alles Gestein zerschlagen, er splitterte scharfe Brocken vom Leib des
+Gebirges ab, rauschte durch die einsamen Stauden, daß sie wie arme
+Sünder am Totenpfahl hin und her baumelten. Der Schweiß perlte über
+des Hirten Stirn. Er warf sich vor Eswer nieder, den er als alten
+Bergfreund erkannte.
+
+Reija flog ihm vom Lager entgegen. Ihr Blick versuchte ihm die Worte
+vom Mund zu reißen. Jusuf vermochte kaum Atem zu schöpfen. „Die
+Christen -- feiern -- Ostern -- hört ihr’s alle? Da sollen nun --
+Ketzer brennen.“
+
+Ein herzzerreißender Schrei durchschnitt die Bergstille. In den Armen
+Saffanas lag, zitternd an allen Gliedern, das Königskind. Eswer sprang
+angstvoll heran.
+
+Der hastige Schwätzermund kramte alle Neuigkeiten heraus. „In den
+Carceles liegen die Gefangenen. Man kennt noch keine Urteile. Aber auf
+der Bibarrambla zimmern sie Gerüste. Quemadero nennen sie den Platz, wo
+die Scheiterhaufen stehen sollen.“
+
+„Daß dich Schaitan! Schweig, du Affenreiter, du stinkiges Kamel, siehst
+du nicht --?“ Eswer stieß den Hirten unsanft weg.
+
+Doch Reija wand ihren Leib aus der Schreckenslähmung. „Alles will ich
+wissen. Spricht man -- unter den Moriskos -- von dem Grafen -- de Mora?“
+
+„Er soll auch -- unter ihnen sein.“
+
+Ein erstickter Schrei -- ihr Arm tastet nach seinem --
+
+Da versteht der Hirte. „Die Moriskos reden gar viel -- Gott erkennt die
+Wahrheit.“
+
+„Was -- reden sie -- über den -- Grafen?“
+
+„Sie wünschen ihm zehn Hürden vollgepropft mit Kamelen. Sie beten für
+ihn, daß er nicht ins Feuer muß.“
+
+„Hörst du es, Eswer -- sie -- beten -- für ihn, daß er nicht --“ jedes
+Wort würgt sich langsam aus der Kehle. „Und einst -- hat er sie -- gar
+hart geschlagen -- aber nun hat er -- für sie -- gesprochen -- das
+vergessen sie ihm nicht --“ Und plötzlich fährt es wie ein Sturm in sie
+und sie springt auf. „Und wir liegen da in den Bergen und wehklagen
+-- Eswer Ben Zerragh -- zu Ostern brennen Scheiterhaufen in Granada.
+Sollen wir im Gebirge den Widerschein am Himmel sehen und ohnmächtig
+auf den Knien liegen? Gebet und Tat retten ihn!“ Ihre verschluchzten
+Augen strahlen in Begeisterung.
+
+„Was verstehst du unter Tat?“ fragt Eswer bestürzt.
+
+„Ihn befreien -- oder mit ihm untergehen.“
+
+„Wahnsinnige! Hast du die Künste eines Magribi, eines Zauberers,
+gelernt, um so Unmögliches zu vollbringen? Wo ist unsere Stärke?“
+
+„Unser Wille ist sie!“ flammt Reija auf. „Gott läßt Gnadenströme über
+einen guten Willen fließen.“ Sie schüttelte sich wie ein Fohlen, das
+die Kandare abwerfen will, und ihre Gebote, von der Gewalt ihrer
+Vorsätze getrieben, brachen gleich Bergwässern aus ihrer Brust:
+„Saffana! Malik! Jusuf! Die Maultiere gepackt! Mir ein ledernes Kleid!
+Alpargatas! die Faja um die Hüften, den Dolch! Ihr alle mit als
+Maultiertreiber! Oder als Schahhad! Wir führen Erz oder Obst aus der
+Sierra, wir verstecken unsere Absichten, unsere Geldtasche, unsern Weg.“
+
+Da bäumte sich Trotz und Eifersucht in dem Abencerragen auf. „Du darfst
+nicht von hier fort, Königskind!“
+
+„Feiger Feta! Ich will dich zu einem Abu Turab machen, zum Vater des
+Staubes. Ich jage dich mit der Navaja in diesen Abgrund, wenn du mich
+hinderst. Meinen Geist leitet Thar, die Rache!“
+
+„Es ist Wahnsinn, was du treibst. Wie willst du die Ringe von Wachen
+zerbrechen?“
+
+„Hernando wird helfen -- er war sein Freund -- Osuna und Orgaz, Freunde
+der Mauren, und gewaltig im Wort und mit den Waffen --“
+
+„Sie sind machtlos gegenüber Priester und Königen, es geschehen keine
+Hirtensiege Davids mehr, die Schwachen müssen unterliegen.“
+
+„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen.
+Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände
+rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in
+die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern
+gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin,
+daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder
+vom Herzen reißen wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit
+Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden
+wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum
+Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis
+nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich
+will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit
+einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das
+Kampflied der lakhmitischen Frauen?“
+
+Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer,
+dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu
+enden, was sie litten -- Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend,
+daß die Locken zittern --“
+
+„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes
+hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist
+mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln,
+bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer
+ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast
+nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben
+dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so
+brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum!
+Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken
+der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu
+lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt
+der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen
+Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht
+werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und
+wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens
+keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“
+
+Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen
+mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir
+und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein
+Trinkgenoß.“
+
+Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen
+Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott
+Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana
+und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr
+sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die
+geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der
+Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie
+lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija,
+die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz
+wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre
+Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn
+Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“
+
+„Das Zeichen?“
+
+„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen.
+Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an,
+truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird
+die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die
+Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das
+übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe
+der Bibarrambla bereit.“
+
+Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh
+soll der Ritt aus Cañor gewagt werden.
+
+Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele,
+die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija
+starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der
+Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen
+aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite
+Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der
+Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren
+Gipfel ersteigt.
+
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Kapitel
+
+
+Durch den dunklen Gang des Inquisitionsgefängnisses schreitet eine
+Frauengestalt inmitten zweier Wachsoldaten. Vor einer Tür wo ein
+stämmiger Lanzenknecht breitbeinig Wache hält, bleiben die Wächter
+stehen. „Hier ist die Zelle.“
+
+„Ausweis?“ fragte der Lanzenmann.
+
+Einer der Begleiter weist ein Papier vor. „Königliche Vollmacht.“
+
+Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren -- Leonore de Uceda tritt
+allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu,
+mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor.
+
+Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf
+schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem
+Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine
+gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der
+Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine
+Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat
+einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der
+schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen
+sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis
+der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum
+imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein
+leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert
+vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen
+umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran.
+Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut
+aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät!
+
+Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie
+zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was -- will -- dieser Schritt
+-- hier?“
+
+„Graf de Mora -- ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als
+fürchtete sie das Tönen ihres Herzens.
+
+„Wer -- gab Euch -- ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter
+der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft.
+
+„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein
+Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“
+
+„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten
+Augen.
+
+Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der
+Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten.
+
+„Hat Euch -- der König -- geschickt? Will er mir -- Gnade -- schenken?“
+
+Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn
+Priester die Lenker sind.“
+
+„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade -- von --
+Ximenes?“
+
+Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel
+hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“
+
+„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“
+
+Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum -- habt Ihr
+-- das Unselige getan?“
+
+Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’
+doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken
+über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin
+geworden -- das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß,
+wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“
+
+„Das -- könnte -- wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens
+zerstückelte jeden Satz.
+
+„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele
+der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die
+Ewigkeit?“
+
+„Ich will -- Vergebung -- von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust.
+
+Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue
+heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das
+Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“
+
+„Doña Leonore -- Ihr häuft Rätsel auf die meinen -- helft sie mir
+lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus
+den Fragen des Inquisitors -- ich kenne auch nicht den Namen meines
+neuen Henkers -- wo ist Leon?“
+
+„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“
+
+Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist
+Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“
+
+Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern
+das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“
+
+Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet
+sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte
+aus seinem Innern. „Sie -- ist -- gerettet?“
+
+„Geflohen!“
+
+Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei -- wie
+Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre
+Worte brechen sich aus seinem Hirn.
+
+Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der
+Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine
+Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte
+er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein
+tropfen. „Reija -- geflohen! Oh, barmherziger Engel!“
+
+„Ihr -- liebt sie -- noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer
+Kehle.
+
+„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“
+
+„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“
+
+„Bei den ehernen Himmeln! Weib -- wer blies dir das ein?“ Er starrt sie
+an.
+
+Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt
+es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie
+dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das
+Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein
+wankendes Christentum an?“
+
+Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija -- Reija -- mich
+verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija -- mich verraten?
+Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß
+Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den
+Polen gleiten, und ich will die Mär glauben -- den Verrat Reijas
+glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre,
+wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn
+schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei
+dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner
+Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den
+armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten,
+Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit -- oh, der Wille des
+Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von
+Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel
+waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz -- über
+ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen -- Doña
+Leonore -- wie muß sie gelitten haben -- sie, vor der der Windhauch
+in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das
+Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den
+zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring,
+der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben
+die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich
+eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie
+hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren
+Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand ich vor
+dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib -- Weib -- letze
+meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht
+zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung!
+Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene
+Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und
+Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien --
+die Drachen der Inquisition Deza, Lucero -- sie krümmen ihre Leiber im
+Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! -- -- Du schweigst?
+Deine Augen trauern hinter Floren -- deine Blicke schreien: nein!! So
+triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“
+
+„Ungebrochen ihre Kraft -- König und Königin ohnmächtig -- die
+rebellischen Granden sind gefangen -- nach Toledo geführt --“
+
+„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf.
+
+„-- Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva -- und dein Freund
+Hernando --“
+
+„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen
+Stock hin.
+
+„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen
+heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé -- dort
+überraschten sie die Schergen des Ximenes -- der weltliche Rat wird ihr
+Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“
+
+Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien --
+wimmernd in Ketten -- der Geist der Besten -- hört den Freiheitstraum
+verrauschen -- sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen
+durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes
+Lachen -- zerbrochen durch das Schicksal des Freundes -- so werden sie
+dich peinigen wie mich -- bis du mürbe geworden -- Leonore -- sag’ --
+du bist der einzige Bote aus der lichten Welt -- sag’ -- was beschließt
+man über mich?“
+
+Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und --
+morgen -- wird man es dir -- verkünden.“
+
+Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand.
+
+Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort.
+
+„De vehementi --? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen.
+
+Wieder sank ihr Haupt auf die Brust.
+
+Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das
+Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um
+seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren
+halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein
+Auge ins Dunkel.
+
+Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro -- ich
+habe die Macht, dich zu befreien.“
+
+Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die
+plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid
+geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des
+Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine
+Hände griffen in die trüb erhellte Leere.
+
+Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des
+Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde
+Liebe aus deiner Brust -- Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge
+nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du
+graß? Dein Auge ist Entsetzen -- weg von dir schattet der Todesengel
+und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich
+kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines -- alles liegt
+zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem
+kalten Lächeln belohnst -- Pedro, Pedro, -- Geliebter! Einen Tautropfen
+von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine
+Leonore -- sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt:
+ich liebe dich!“
+
+Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam
+bröckelt es sich ab: „Liebst du -- mich -- wirklich -- Doña Leonore?“
+
+„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, sie
+schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“
+
+„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird --
+entsagen.“
+
+Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren
+Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts.
+
+Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in
+die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija -- hörst du es, Weib? Schaff’
+mir Pferd und Schiff -- mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“
+
+Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro?
+Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren -- und
+ich rette dich.“
+
+„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine
+Königslaune hättet verwenden können.“
+
+Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So
+willst du sterben, Don Pedro?“
+
+„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen
+segnen.“
+
+Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem
+aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen
+malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner
+Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“
+
+Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen
+Gliedern.
+
+„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen
+Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept -- Leon hat es
+bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten.
+„Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen
+vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich
+mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir
+ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die
+Hölle meines Hasses.“
+
+Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand
+und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder
+durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger
+verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine
+Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen,
+dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein
+käfigbefreiter Parder aufspringen -- aber die gefolterten Beine
+knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung,
+klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich
+Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem
+die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von
+seinen Lippen.
+
+Die Wache trat ein. „Die Zeit ist um.“
+
+Mit einem Blick gesättigten Hasses, den Körper hochgestreckt, verließ
+Doña Leonore de Uceda die Zelle. Kein Mitleid klopfte mehr an ihr
+Herz. Priester mordeten um des verzerrten Glaubens, sie um ihrer
+versengten Liebe willen. Bei diesem Opfer hatten sich beide Henker
+die Hände gereicht. Und Don Pedro de Solar fühlte mitten im Toben der
+Verzweiflung: aus diesen Fangarmen der Hölle gab es kein Entrinnen
+mehr. Grausig wie ein gespenstischer Spuk stiegen vor seinem Auge die
+Rauchsäulen des Ketzerfeuers empor. Aus der grauenhaft gepreßten Stille
+sprang plötzlich ein furchtbarer Schrei.
+
+
+
+
+Siebenunddreißigstes Kapitel
+
+
+Der Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt,
+liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes,
+den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien
+fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich
+die Hölle wie toll.
+
+Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero
+von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren Ostersonntag.
+Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der
+Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des
+ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der
+Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das
+als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien
+wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen
+und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des
+reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in
+den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die
+Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch
+haßverseuchter Richter beleidigt werden.
+
+Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das
+Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch
+die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche,
+Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen
+durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der
+Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden.
+
+In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die
+Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten
+Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte
+Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen
+einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte.
+
+Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge,
+ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den
+Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der
+königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und
+Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor
+dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit
+Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis
+zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer
+harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die
+die siegende Macht des Christentums künden sollen.
+
+Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt
+von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem
+das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem
+schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist.
+Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die
+andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt
+sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die
+nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch
+psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf
+daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten.
+Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre
+Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor
+den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von
+Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze
+Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der
+Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen.
+
+Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig
+Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend
+geworden. Aber auch das Gerücht hat sich -- trotz aller Geheimhaltung
+-- Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden
+soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln.
+Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den
+Schergen, die in der Menge verteilt sind.
+
+Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter.
+
+„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein
+Schuhflicker ein paar Zudringliche.
+
+„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut
+sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur erbarmen sie mich in
+der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen
+werden?“
+
+„Ihr seht doch dort das Holz.“
+
+„Es sollen sechs brennen --“
+
+„Nur einer, höre ich.“
+
+„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein
+Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei
+der Verbrennung, Gevatter?“
+
+„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt
+nicht?“
+
+„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen
+ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute.
+
+„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“
+
+„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu,
+„aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der
+Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein --“
+
+„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht
+von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de
+Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“
+
+„Es bereitet sich was vor, es liegt am Tage.“
+
+„Seht, sie pflanzen das grüne Kreuz auf! Gott rette uns!“
+
+„Ich gehe, ich gehe -- der Weihrauch drückt mir in der Kehle.
+Vielleicht macht mich auch das dicke Blut so furchtsam.“
+
+„Die Dominikaner sagen, wer nicht dableibt, ist nicht rein im Glauben.“
+
+„So bleib’ ich denn, aber ich will wegsehen. Gott steh’ mir bei!“
+
+„Gleich wird die Messe beginnen!“
+
+„Wo ist Ximenes? Nun werden wir Lucero sehen, den Cordobaner. Gottes
+Licht liegt in seinem Namen.“
+
+„Er ist ein wahrhaftiges Licht, das den Glauben reinigt und alles
+Unrechte verbrennt.“
+
+„Aufgepaßt! Königliche Reiter! Als ob wir nicht genug davon hätten! Eh
+-- drückt nicht so, Frau! Habt Ihr einen darunter, weil Ihr so weint?“
+
+„Gott weiß, wie rein unser Haus ist. Aber muß man nicht weinen um ihre
+armen verführten Seelen?“
+
+„Die Moreria hat ihr ganzes Gelichter ausgeworfen, es ist alles voll
+von Burnussen. Unsere Priester könnten den ganzen Genil als Taufwasser
+über sie schütten, sie würden doch Mohammeds Paradies glauben.“
+
+Reiter schaffen Platz für den Zug. Da und dort ein Aufschrei aus einer
+allzu bedrängten Brust. Angst und Neugier spannen die Gesichter. Die
+Glocken beginnen zu läuten. Das Stimmengewirr sucht den Schall zu
+übertönen. Beim Eingang einer Gasse senken sich die Standarten der
+königlichen Reiter -- Ximenes naht!
+
+„Der Primas! Der Gobernador! Da seht -- Talavera! Ah! Ah! Er hält sich
+kaum aufrecht! Ximenes kommt! Ximenes!!“
+
+Der Erzbischof ist bleich wie Wachs, aber sein Auge brennt, als wollte
+er mit diesem Feuer allein zehn Ketzer versengen. Im schlichten
+Franziskanerkleid schreitet er daher, ganz langsam, das Haupt
+gesenkt, die Lippen bewegen sich im Gebetmurmeln, ringsherum flirren
+die Rüstungen seiner Leibwache. Wie eine Meereswoge wirft sich das
+gaffende Volk von rückwärts an die Soldatenmauer heran, um den
+Streiter für den Glauben zu sehen. Die Sombreros fliegen vom Kopf,
+die Hälse strecken sich, hinter dem Wall von Lanzen wogt es hin und
+her. Dem Toledaner folgt die granadinische Klerisei, paarweise, Gebete
+murmelnd. Dann kommen die Granden, geführt von dem andalusischen
+Geschlecht der Herzöge von Medina-Sidonia, alle in den schwarzen,
+enggeschnittenen kastilischen Trachten, von Knappen begleitet, während
+die Frauen in einer eigenen Gruppe, von den Ehrendamen flankiert, in
+hochgeschlossenen Gewändern, den Hals von der steifen Krause umengt,
+mit züchtig gesenkten Augen daherwandeln.
+
+Unter ihnen schritt auch Doña Leonore de Uceda. Das schöne Antlitz war
+von dem Laster des Neides und den Qualen der Selbstanklage entstellt.
+Jeder Schritt schmerzte sie in den Knien, und sie glaubte unter der
+Last ihrer Schuld zusammenzubrechen. Neben ihr ging mit stolz erhobnem
+Haupt der Graf de Castro, ihr neuer Liebling, der sich über ihre
+leidenschaftliche Liebe zum Grafen de Mora mit dem Lächeln des Stoikers
+ebenso hinweggesetzt hatte, wie über die durch eine Königsliebe
+beschädigte Tugend des Weibes.
+
+Das Glockengeläute schwillt neu an. Ohnmächtige Frauen sinken im
+Gedränge nieder, man kümmert sich nicht um sie, Augen und Hirne spannen
+sich nach dem Gassenloch. „Sie kommen!“ Wie aus Grabestiefen erklingt
+jetzt mißtönig der klagende Gesang des Miserere. Ein Glutwind schwingt
+plötzlich seine Peitschen über die Stadt.
+
+Aus dem Schattenwinkel des Platzes bohrt sich der dunkle Wurm. Zwei
+Kohlenbrenner, mit Lanzen bewaffnet, in schwarzen Leinenkleidern, wie
+Gesellen des Teufels zu schauen, eröffnen den Zug. Fackeltragende
+Dominikaner unter Anführung des Kreuzes folgen den schwarzen
+Riesengestalten. Dann schaukelt die rote Damastfahne der Inquisition
+mit dem lorbeerumschlungenen Degen aus dem Schatten ins Licht. Dann
+wieder Granden und Familiares des Tribunals -- und nun doppelt umreiht
+von Lanzenknechten die von der Kirche verdammten, meist armen Moriskos
+im grauen Sanbenito, auf dem Haupt die spitze Inquisitionsmütze. Auf
+dem fahlen Schandkittel flammt grellrot das Andreaskreuz über Brust
+und Rücken, in den Händen tragen alle brennende Kerzen, zuerst gehen
+die gelinde Verurteilten, dann kommen die zu Geißelnden, die mit der
+Galeere und dem Gefängnis Bedachten, drei Särge, in denen die Gebeine
+derjenigen ruhen, die aus der Friedhoferde gescharrt wurden, weil sie
+nach ihrem Tod der Ketzerei schuldig erkannt wurden und nun als Tote
+verbrannt werden sollen.
+
+Und jetzt -- die Gemüter sieden, die Stirnen schwitzen vor
+todeslüsterner Neugier, und über die Rücken rieseln die Schauer -- jäh
+prallt die Masse an die Spaliere heran -- er kommt!!
+
+Zwischen zwei Dominikanern, gefolgt von zwei Familiares, hinkt,
+ein Bild des Jammers, ein harlekinisch gekleideter Mensch. An
+seinem gefolterten, zum Schreiten fast untauglichen Leib hängt ein
+weitgeschnittenes Sanbenito, das mit Teufelsfratzen und Flammen bemalt
+ist, und auf dem schwarzhaarigen Haupt sitzt die hohe kegelförmige
+Coroza aus Pappe, ebenfalls mit Flammen bemalt. Das Antlitz ist
+verwildert, durch die Tortur entstellt, von Jammer und Gram zerfressen.
+Niemand kennt ihn, bis aus der Gruppe der Granden sich der Ruf
+losschnellt: „Mora! Mora!“ Der Name züngelt von Mund zu Mund, und
+bald summt und wispert und schallt es über den Platz: „Mora! Mora!
+Mora!“ Herzen zittern, Augen füllen sich mit Tränen, Gewissen hämmern,
+Angst jagt von Brust zu Brust. Die grausige Gewißheit, durch das
+Flammen-Sanbenito besiegelt, wirft ihren Brand in alle Herzen. Was muß
+er verbrochen haben, um so verdammt zu werden! Frauen schluchzen beim
+Anblick ihres entstellten Lieblings, den sie wie den Cid durch die
+Gassen reiten sahen, heldenhaft, ernst und streng. Und nun alles durch
+Kerkerqual und Tortur gebrochen, der ganze Mensch eine halbe Leiche,
+der daherwankt, gestützt von dem Helferarm eines „liebenden“ Bruders in
+Christo.
+
+Und nun fahren Kreuzigungsschauer durch die bebenden Herzen der Massen:
+Lucero inmitten seiner Dominikaner! Ein scharfgeschnittener gebräunter
+Kopf mit der andalusischen Adlernase sitzt raubvogelartig über der
+Kutte, stechende kalte Augen sind die Schilder seiner Verstandeskraft,
+der harte Mund kündet die Unerbittlichkeit seiner Entschlüsse, die
+hohe Stirn verrät Geist und Tatkraft, und seine Haltung spricht jeder
+mönchischen Demut Hohn. Die blutvollen Lippen murmeln Todesgebete, die
+klanglos im Gesumme der begleitenden Priester ersterben. Alles in allem
+ein ungebändigter Geist, der gewohnt ist, an den Gebilden des Hasses zu
+weben.
+
+Auf allen Lippen schwebt es: das ist er! Mit knapper Not ist er vor
+wenigen Wochen dem großen Rächer Tod entschlüpft. Als er einen Brief
+öffnete, fiel weißer Staub heraus, der ihn beim Einatmen bewußtlos
+machte. Wie gnädig war da Gott!
+
+Die Verurteilten werden auf der Tribüne zu einem Klumpen
+zusammengepfercht. Die Glocken schweigen. Aus einer Menschengruppe
+ertönt Schluchzen: Angehörige und Freunde eines Ketzers klagen um
+den geliebten Mann, der da oben, ewiger Schmach preisgegeben, im
+Schandkittel steht. Angst flattert durch die Brüste, und bang steigt
+die Frage auf: Werde ich das nächste Mal nicht auch da oben stehen?
+
+Das Glöcklein zur Missa aurea erklingt. Ein Dominikaner bringt das
+Altaropfer unter dem bangen Schweigen der Menge. Nach dem Evangelium
+liest Ximenes an Königs Statt den feierlichen Schwur, alle Ketzer
+auszurotten und die Inquisitoren zu unterstützen. Nie flog ein Eid
+inbrünstiger himmelwärts, des Erzbischofs Augen leuchten, als hätte
+sie Gottes heiliges Feuer entzündet. Das Volk hebt die Hände auf und
+schwört mit seinem Seelenhirten, die Ketzer vertilgen zu helfen zur
+größeren Ehre Gottes. Amen.
+
+Ein neuer Dominikaner besteigt die Kanzel, Glaubensfeuer sprüht aus
+seinen Augen, sein Haupt umstrahlt voller Sonnenschein, als wöbe der
+Himmel seine Gloriole um den Streiter. Er spricht beredsam von den
+Gnaden des ewigen Gottes, von der Unverletzbarkeit der niedrigsten
+Seele im Liebesbereich der Allmacht, von der Barmherzigkeit der
+Kirche, die aber nicht umhin könne, die Augen offen zu halten für das
+Zerstörungswerk des Teufels. Er tischt mit tränenerstickter Stimme
+Bibelstellen auf, die die Verfolgung der Ketzer heischen, und verdammt
+die Zweifler, die in das dreieinige Gottheitsdogma nicht den Weg finden
+wollen. Er bittet Gott um Erleuchtung der Irrenden, um Vergebung
+für die Bereuenden und um Segnung der Buße. Und dann strotzt sein
+Predigerwort von erbarmungsloser Härte, es zielt wie hundert Dolche
+nach den Brüsten und stöbert die Furcht in den Herzenswinkeln auf, daß
+sie den ganzen Menschen durchrüttle. Katholischer Glaube, Reinheit
+und Einheit der Religion -- mit diesen Wesenheiten durchsättigt er
+seine Erbauungspredigt, wirft aber zum Schluß aufs neue die Gewitter
+seiner Glaubenstollheit in die erregten Hirne, daß sie vom Übermaß
+haßerfüllter Vorsätze zu bersten scheinen. Die Opfer auf der Tribüne
+der Verdammnis weinen still vor sich hin, denn sie fühlen den Stachel
+in ihrem Herzen wühlen, der gegen ihr Tun und Treiben gerichtet ist.
+Wie ein Rudel Lämmer stehen sie zu zusammengeklumpt, zweiundvierzig
+verurteilte Männer und Frauen und ein vierzehnjähriges Kind, das „Gott
+gelästert“.
+
+Der eine aber, der Narr und Verbrecher zugleich schien, stand
+abseits des Klumpens, und das zermarterte Gesicht, das die Sonne
+erbarmungslos überglühte, verklärte sich mählich unter dem Abglanz
+hoher Gedanken, die nicht durch des Dominikaners Wortgeißel
+aufgepeitscht wurden. Die Schande, grell ins Licht des Tages gerückt,
+rührte sein wundgeschlagenes Herz nicht mehr. Tröstlicher als die
+wütend zuschlagende Rute des Priesters war für ihn der Gedanke
+an seine unversehrte Liebe und an die Rettung Reijas. Mit tauben
+Ohren stand er da, aufrecht mit seinen zerbrochnen, zerschundnen
+Gliedern, die blutgeschrammte, gefolterte Stirn furchtlos dem
+Geschick entgegenstreckend, das man über ihn verhängt. Und während
+von der Kanzel die Eifererschläge hallten, öffnete er sein Herz dem
+Heilandswort, das in ähnlich düsterer Stunde der Verlassenheit einst
+schmerzlich-anklagend erklungen war: Vater, vergib ihnen, denn sie
+wissen nicht, was sie tun. Auch diese hier haben dein Gesetz verkehrt
+und deinen göttlichen Tag zur Höllennacht gemacht. Mit des Hasses
+verwirrendem Getränk haben sie dein heiliges Blut durchsetzt und haben
+in deinem von Barmherzigkeit triefenden Namen Gericht gehalten über
+nie bestandene Schuld. O Herr, den ich geliebt wie vielleicht keiner
+dieser Priester, laß dein Sonnenauge auf mir ruhen, wenn die irdische
+Nacht beginnt, und entlocke mir keine Träne der Verzagtheit! Was sagte
+einst Abu Atir? Jeder Mensch geht aus dem Ist in das War. Warum also
+schrecken wir vor dem Natürlichen zurück?
+
+Wie eines brausenden Bergbachs Getöse donnert das Predigerwort an
+seinem Ohr vorbei. Sein Geist erhebt sich in die Hochgefilde seliger
+Erinnerung. Reijas Bild schwebt wie aus gottesklaren Sphären herab.
+Das irdische Paradies, das sie ihm geschaffen, verklärt sich in
+ein himmlisches, das fast islamitische Züge trägt, denn einer Huri
+Lichtgestalt winkt ihm und scheint ihm ein seidnes Lager im heiligen
+Auengrün zu bereiten, wo Bäche rauschen, sanfte Lüfte wehen und das
+leise Geflüster in den Iraksträuchern wie süße Musik klingt. Das
+greifbar schöne Bild zaubert auf sein entstelltes Gesicht den alten
+Schimmer von Schönheit, und unter der Schmachmütze lächelt sein Mund,
+als neigten sich tröstende Geister zu ihm herab. Er sieht den Platz, wo
+er das vom Hufschlag getroffene Königskind auf der Erde zum erstenmal
+erblickte, den Bücherhaufen, vor dem er Reija mit dem Degen vor einem
+blindwütenden Priester geschützt, er hört ihre tiefkehlige Stimme
+tönen, schaut ihre Gazellenschlankheit im Patio der Alcazaba inmitten
+der Frauen im Mondlicht wandelnd, sie lächelt ihn an, hingestreckt im
+weichen Pfühl, umduftet von Storax und Ambra, er entsinnt sich ihres
+fröhlichen Geplauders im gelinden Gefängnis der Alhambra, er begleitet
+sie zur Taufe, die ihr morgenländisches Wesen kaum berührt, verliebt
+sich in die Ungebundenheit ihrer Kinderseele, in ihr Zwitschern und
+Lachen und in ihren gespannten Ernst, wenn es um große Dinge ging. Ja,
+ihr Herz stammt aus dem Garten ewiger Jugend und ist gesegnet von dem
+Lächeln Gottes. Engelsschön hebt sich ihr Edelleib aus dem Nichts, und
+die Nacht singt jubelnde Choräle zum Preis ihrer Schönheit --
+
+Plötzlich Stille. Das Wort des Gottesredners ist verhallt -- Graf de
+Mora schnellt aus dem wachen Traum. In den Massen hebt eine Unruhe an,
+wieder tönen Jammerrufe -- dazwischen Ostergesang von Knaben, die vor
+dem Altar knien, auf dem der erstandene Heiland mit der weißroten Fahne
+des Sieges steht. Osterfest! Pas-cha! Bedeutete das Fest nicht einst
+den Hebräern die Befreiung vom Tod durch den Würgengel? Wo das Lammblut
+an die Türpfosten gestrichen wurde, dort ging der grause Seraph an
+der Erstgeburt vorbei. Heute ist des Grafen Stirn mit seinem eigenen
+Marterblut gezeichnet, und der Würgengel wird nicht vorüberziehen.
+
+Ein Dominikaner besteigt die zweite Kanzel und verkündet den
+vierzigtägigen Ablaß für alle, die dem Autodafé beiwohnen. Dann liest
+er Namen vor -- die Häupter der Verurteilten schrecken empor.
+
+„Abbas Ben Kahir ist der Ketzerei überführt, hat aber die Sekte der
+Ketzer verlassen und wird in den Schoß der Kirche aufgenommen. Es wird
+derselbe an drei Sonntagen mit nacktem Oberleib vom Elvirator bis zum
+Tor des Albaycin durch Diener der Inquisition gepeitscht. Auch wird ihm
+die Buße auferlegt, sein Leben lang weder Fleisch noch sonst etwas,
+das aus dem Tierreich stammt, zu essen, zum Zeichen des Abscheues vor
+seiner Ketzerei. Auch wird er zum immerwährenden Tragen des Sanbenitos
+verdammt. Das Vaterunser und den Glauben hat er um Mitternacht täglich
+zu beten. Die Pfarre von San Juan wird Brief und Urteil zur Überwachung
+erhalten.“
+
+Ein dumpfer Aufschrei, und ein kleiner, altersschwacher Morisko fällt
+einem Mönch in die Arme. Er ist mit der Kirche „versöhnt“. In der Menge
+heult ein Weib auf.
+
+„Osmin Ben Jesid ist der Ketzerei überführt ...“
+
+Eintönig geht die Verlesung weiter. Furchtbare Strafen fallen auf
+die Häupter der schuldig Befundenen. Zweihundert Geißelhiebe mit dem
+geknoteten Lederstrick, zehn Jahre Galeere, Gefängnis, Gütereinziehung,
+Bann, Verlust aller Würden -- das spitzfindige Mönchshirn hat die
+grausamsten Erniedrigungen und Demütigungen ersonnen, durch die das
+Leben des Verurteilten für immer zerbrochen ist. Schmach und Schande
+folgten von nun an dem Unglücklichen bis an sein Lebensende. Das
+Sanbenito sorgte für die Kenntlichmachung des Ausgestoßenen. Selbst die
+de levi Verurteilten verloren ihr Vermögen, das dem königlichen Schatz
+und der Kirche anheimfiel.
+
+Eine Stunde lang dauerte die Verlesung der Urteile. Wie flammender
+Löwenatem fuhr der Glutwind über den Platz. Die durch Angst und Folter
+zermürbten Jammergestalten fielen wie die Fliegen um, noch bevor sie
+ihr Urteil gehört.
+
+Da -- eine grauenvolle von Schreckensstille erfüllte Pause -- dann
+tönt der edle Name, hallend und scharf: „Don Pedro de Solar Graf de
+Mora --“
+
+Die Leiber wogen an die Spaliere der Stadtknechte heran, die Augen
+aller starren nach der im flammenbemalten Gewand steckenden Gestalt des
+königlichen Hauptmanns. Jetzt tritt er vor, kniet nieder und faltet die
+Hände vor der Brust.
+
+Hell wie eine Glocke klingt das Urteil über den Platz: „... ist der
+Ketzerei überführt und ist darin als ein Negativo beharret bis zur
+Stunde. Die Kirche stößt den Ketzer aus im Namen des Herrn Jesu Christi
+und übergibt ihn dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit mit der Bitte um
+Schonung.“
+
+Auf der Frauentribüne fällt eine Edeldame in die Arme einer andern.
+Ihre verglasten Blicke starren nach dem Unglücklichen. Sie sieht die
+Dornenkrone über seinem Haupt schweben, die sie ihm selbst geflochten.
+
+Graf de Mora steht reglos, die schwarzen, verklärten Augen, wie
+beschattet von den Fittichen des nahenden Todes, auf den siegenden
+Heiland am Altar gerichtet.
+
+Die zwei Dominikaner an seiner Seite sprechen in ihn ein, sie wollen
+ihn noch einmal zur Abschwörung der Ketzerei bewegen. Wie Schlangen
+züngeln die Worte an sein Ohr. Er drängt sie gelassen zur Seite und
+will sprechen -- da hält ihm einer der Mönche den Mund zu.
+
+Leonore de Uceda erhebt sich aus den Zuckungen der Reue. Ihr neuer
+Geliebter, der Graf de Castro, flüstert ihr erregt ins Ohr: „Doña
+Leonore -- der Graf stand Euch nahe --“
+
+Und sie würgt mit vorquellenden Augen die Wahrheit aus der Kehle: „Mein
+Haß -- treibt -- ihn -- in den -- Tod --“
+
+Der Graf schaudert zurück. „Ihr habt -- ihn --?“
+
+Sie nickt mit verzerrten Zügen. „Führt mich zum König --“
+
+Kalt, mit ertöteter Liebe im Herzen, erwidert Castro: „Der König wird
+nicht gewillt sein, ein haßerfülltes Geschöpf anzuhören. Lebt wohl,
+Doña Leonore.“
+
+Die Verlassene bricht lautlos zusammen.
+
+Durch das dampfende Volk geht ein flüsterndes Wogen und Wallen. Aus
+den dichtgeballten Haufen jagen Schreie in die stickige Luft. Auf die
+Tribüne tritt der weltliche Corregidor und verkündet im Namen des
+Königs das Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Gleichzeitig
+donnert eine Drommete, wie vom Sendling des Todes geblasen.
+
+Der Graf steht unbeweglich, noch immer die Augen auf den Heiland
+gerichtet. Es ist, als öffne sich durch seinen Blick die Seele und
+als dringe ihr Gebet durch die schwarzen Leuchten ins Herz der
+Christusstatue. Der Herr hat die Scheiterhaufen der heiligen Martina,
+Columba und Katharina durch Regen gelöscht, er wird ein Wunder tun an
+dem Bekenner seiner Allmacht, glüht der Glaube in dem Märtyrerherzen.
+Aber der Himmel blaut erbarmungslos auf das furchtbare Gericht herab,
+das seine sinnbildliche Klarheit schändet. Über dem Haupt des Grafen
+ringt sich schon der Nimbus wunderbarer Reinheit aus dem irdischen
+Leib, und seine Augen verklären sich aufs höchste.
+
+Da stößt ein Schrei aus der Menge: „Ein Rosenvogel!“
+
+Während das schauerliche Miserere erklingt, fliegt über die Dächer der
+Steinpaläste ein seltsamer Vogel, dessen Gefieder rosenrot im Azur
+leuchtet. Die Augen der Moriskos blicken nach der wildflatternden
+Riesenrose empor. Ist es der Vogel Phönix, der aus wohlriechender Asche
+flog? Ist es ein Gottgesandter für die Seele des Grafen? Bedeutet er
+Befreiung vom irdischen Staub? Seht -- er fliegt in die Sonne -- in den
+Himmel hinein -- nein, er senkt sich auf die Dächer herab -- oh! Ay!
+Magier und Deuter her!
+
+Alles starrt dem taumelnden Flug des Wundervogels nach. Ein seltsames
+Gefühl des Grauens steigt plötzlich aus geheimnisvollen Tiefen auf und
+bemächtigt sich der bangschlagenden Herzen. Unerklärliche Geräusche
+erregen die bis zum Übermaß gespannten Nerven. Der flatternde Vogel hat
+die Gemüter von der Tragödie des Wahns abgelenkt, und alles steht unter
+dem Druck einer bangen Ahnung.
+
+Wieder zischen eigentümliche Geräusche auf, denen man keinen Namen
+geben kann, wieder wächst die Unruhe in dem Meer der Köpfe, wieder
+schreit es aus den Ecken auf, wehklagend und geisterhaft --
+
+Da -- in einem Winkel des Platzes, wo schwarzverhüllte Männer
+Holzscheite ordnen, zuckt eine grelle Fackel auf.
+
+Aber was ist das? Warum schwillt die Stickluft an? Welch siedende
+Hitze! Und da drüben in der Luft -- Rauch -- stinkender, auftaumelnder
+Rauch -- und der rosenfarbene Vogelleib hebt sich leuchtend von dem
+qualmenden Untergrund ab.
+
+Mit einemmal zuckt es wie ein aufschreiender Blitz aus einer Gasse:
+Feuer! Nar! Fuego! Gellendes Geschrei, tierartiges Brüllen aus
+angstgepackten Brüsten, Getöse, Krachen und Splittern der hölzernen
+Tribünen, klagendes Geheul, Wimmern, Jammern -- ein leinener
+Schutzdachstreifen reißt ab und peitscht mit seinem Ende die Köpfe der
+Sitzenden -- Schreien, Verwirrung, Getaumel -- Fuego! Nar! Gequetsche
+und Geknäuel unter anschwellendem Getöse -- die Sonnenglut verdunkelt
+sich durch aufsteigende Rauchsäulen --
+
+Da zuckt wie ein Pfeil aus dem Dächergeschiebe im Sonnenwinkel die
+erste giftgelbe Flamme auf. Feuerfanfaren treiben die aufgewühlten
+Köpfe in Angst und Entsetzen.
+
+Ximenes, bleich wie eine Leiche, starrt in den geisternden Qualm.
+Will mir der Himmel in die Arme fallen? fährt es durch sein Gewissen.
+Soll das Werk der Gerechtigkeit nicht getan werden? Ist dies das
+Erdbeben, das die heilige Lucia vor der Marter rettete? Von Grausen
+erfaßt, bekreuzigt er sich. Dann ruft er in die ratlos auf und ab
+wogende Inquisitionswache: „Helft löschen!“ Unter Anführung von Rittern
+quetschen sich ungeordnete Soldatenhaufen durch die tobende Menge nach
+den Gassenöffnungen.
+
+Häusernamen tönen durch die Luft -- Christen, Mauren drängen sich
+heulend in die halbverstopften Gassen, Scharen von Wächtern drängen
+ihnen nach.
+
+Lucero schreitet zu den Gefangenen und ermahnt die Wächter, deren
+Reihen sich gelichtet haben, an ihre Pflicht.
+
+Stickiger Qualm würgt die Kehlen zusammen -- über niedergetretene
+Frauen und Kinder, über tote und jammernde Leiber wälzt sich der
+Menschenstrom.
+
+Himmel und Erde! Ist die Hölle los? Hier und dort und dort und hier,
+überall Rauchwirbel und Funken -- wie aus unsichtbaren Schlünden
+aufsteigender, den Himmel verdüsternder Qualm, untermischt von
+rotbraunen und gelben Flammenfetzen, die gespensterhaft hin und her
+torkeln -- in die Siedehitze prasselt und knistert es wie Höllenfeuer,
+das die Sonne entzündet hat -- qualvolle Laute sirren durch die Luft,
+ersticken jäh -- Todesschreie -- die Menschenhaufen verstopfen die
+Ausgänge des Platzes -- prallen mit ohrenzerreißendem Geheul zurück --
+
+Aus der Schattengasse des Zacatin wälzen sich Burnusse heran,
+scharenweise, Fäuste schnellen in die Luft --
+
+„Wache!“ schreit Ximenes erblassend.
+
+„Wache!“ brüllt Lucero. Und von allen Seiten dröhnt das Echo: „Wache!“
+
+Der Gobernador reißt mit starker Faust ein paar Wächter mit sich
+und schleudert sie Ximenes hin. Näher und näher leuchten die weißen
+Maurenhaufen, wie Kugeln rollen sie heran, durchbrechen den Wall der
+Menge und den der Soldaten, stürzen sich auf die gefangenen Moriskos.
+Verzweifelt wehren sich die Granden.
+
+Der Corregidor zerrt den entgeistert stehenden Grafen de Mora an sich
+heran: „Kommt!“
+
+„Wohin?“
+
+„Ins Gefängnis zurück!“
+
+„In die Freiheit!“ schrillt eine knabenhaft weiche Stimme aus dem
+Maurenknäuel jäh auf. Und ein Hirtenjunge schleudert sich dicht an den
+Corregidor heran, und in seinen Händen blitzt die Navaja. „Freiheit
+oder Leben!“ Der Richter taumelt zurück. In dem Augenblick reißen
+braune Fäuste den Grafen aus dem Getümmel, das zwischen den Agarenos
+und den herankeuchenden Inquisitionsknechten anhebt. Die Dominikaner
+springen über das Tribünengeländer in die Menschenhaufen hinein. Auf
+und ab flutendes Gewoge von Leibern, Kreischen und Jammern -- alles
+umhüllt von dem erstickenden Rauch des ringsum über die Häuserdächer
+herandrohenden Feuers. Granada ist zu einem einzigen Quemadero geworden.
+
+Graf de Mora liegt am Boden, umringt von fäusteschwingenden Mauren, den
+Montesinos aus den Alpujarras. Ehe er sich’s versieht, reißen sie ihm
+das Schandgewand vom Leib und werfen ihm den Burnus um.
+
+Der Hirtenjunge mit dem vermummten Gesicht krallt seine kleinen Hände
+in des Wehrlosen Leib. „Geliebter!“
+
+Mora glaubt zu vergehen. „Himmel -- Heerscharen --“
+
+„Mir nach in den Zacatin!“ klingt es wieder wie Heilandston an sein
+Ohr. Und ringsum ein Haufen geballter weißer schützender Leiber, die
+mit Faustschlägen und Messerstichen dem neuen Agareno den Weg durch
+die verzweifelten, niedergerungenen Kämpfer bahnen. Ehe die Gedanken
+zu jagen beginnen, sieht sich der Graf hinweggeschleppt über liegende
+Körper -- der Platz verdunkelt in Rauch und Aschenregen, die Granden
+scharen sich zu einem verzweifelten Ringen zusammen -- die Ketzer
+reißen sich von der Tribüne los und werfen sich in die dichtgeklumpten
+Massen der Kämpfenden, wo sie ihre Schandkleider in Fetzen zerstückeln,
+verschwinden dann in Kampf und Getöse.
+
+Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch
+die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der
+Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle,
+in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen.
+Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen
+flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst
+gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns
+flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an -- da und
+dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und
+entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern.
+
+Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. Wie ein
+weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine
+Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten,
+über Steine und Leiber daher.
+
+Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt
+auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in
+Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den
+weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden. --
+
+Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen.
+Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot
+besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk,
+an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der
+halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine
+menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand -- dann
+noch ein Tor -- und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei
+gesattelte Pferde den Boden stampfen.
+
+Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm
+hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn.
+Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem
+Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf
+ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in
+die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen
+Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes
+Denken. „Du -- du -- Retterin --“
+
+„Ich war es nicht allein --“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben
+geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich --
+Eswer Ben Zerragh --“
+
+Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen
+werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke
+verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar -- er starb, daß
+wir uns lieben können -- Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der
+Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den
+blauüberleuchteten Hof, als senkte sich dort die Herrlichkeit des
+Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt.
+
+Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija.
+
+Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier.
+Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet
+zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem
+Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren
+sind erschlagen -- sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn
+sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada
+wiedergewinnen -- aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht
+-- wir sind Schahhad geworden -- Bettler --“ Und er blickt mit warmem
+Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird
+dein Habib reiten können?“
+
+Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem
+Prophetenpriester entgegenstreckte.
+
+„Die Zeit ist kostbar -- solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und
+das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den
+Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer.
+In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der
+Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines
+Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch
+helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft.
+Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht,
+sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen.
+Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst,
+Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt
+Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion
+Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La
+illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um,
+wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich
+nicht nach Granada um, willst du eine glückliche Heimkehr erzwingen.
+Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“
+
+Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem
+christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam.
+Noch eine letzte schmerzliche Umarmung -- dann schwang sich der Alte
+aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie
+auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus
+ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich.
+„Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen.
+
+Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern
+vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen
+wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken
+der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein
+in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der
+Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene
+Christenstadt.
+
+
+
+
+Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text selbst nicht
+erklärt sind
+
+
+ Ahbab (ar.): Freunde
+ Alcazaba (ar.): Burg
+ Alkazar (ar.): ebenfalls Burg
+ Alguacil (sp.): Gerichtsdiener
+ Amadis (sp.): berühmter Held eines spanischen Ritterromans
+ Caballeria (sp.): Ritterpflicht, ritterliche Ehre
+ Calina (sp.): brauner Höhendunst
+ Carmen (sp.): Landhaus
+ Dschinnen (ar.): Geister Arabiens
+ Escudero (sp.): Schildknappen, Edelknaben
+ Faja (sp.): andalusische Schärpe
+ Faki (ar.): arabischer Priester
+ Feta (ar.): Ritter
+ Habib (ar.): Freund
+ Hermandad (sp.): Stadt- und Landwache für den Landfrieden
+ Isa (ar.): Jesus
+ Maja (sp.): Mädchen aus dem Volk, Geliebte
+ Medriset (ar.): Hochschule
+ Mekteb (ar.): Kinderschule
+ Mihrab (ar.): die Gebetsnische in den Moscheen
+ Minar (ar.): Turm der Moschee
+ Muallakat (ar.): die Dichtungen der sieben größten arabischen Dichter
+ Nasranij (ar.): Christ
+ Navaja (sp.): Gürtelmesser
+ Nisaram (ar.): Nazarener
+ Olla potrida (sp.): spanische Nationalspeise
+ Patio (sp.): Hof in den spanischen Häusern
+ Ricoshombres (sp.): der reiche Adel
+ Sahat (ar.): Hof in den arabischen Häusern
+ Salat (ar.): Stoßgebet
+ Santon (sp.): Heiliger
+ Schahhad (ar.): Bettler
+ Schaitan (ar.): Satan
+ Semsem (ar.): der heilige Brunnen von Mekka
+ Sid (ar.): Herr
+ Supremo (sp.): höchster Rat der Inquisition
+ Venta (sp.): Landschenke
+ Virgen (sp.): die heilige Jungfrau
+
+
+
+
+Winke für die Aussprache der spanischen Wörter
+
+
+Fast alle auf einen Vokal oder auf s und n ausgehenden Worte haben
+die Betonung auf der vorletzten Silbe. Ausnahmen sind durch einen
+Akzentstrich gekennzeichnet.
+
+Die auf einen Konsonanten ausgehenden Wörter (ausgenommen s und n)
+haben die Betonung auf der Endsilbe. (Auch hier gibt es Ausnahmen.)
+
+ h wird nicht ausgesprochen.
+ v wird wie w ausgesprochen.
+ j wird wie ch ausgesprochen.
+ c vor a, o und u sowie vor Konsonanten wie k, vor e und i wie z.
+ ch wie tsch.
+ ñ wie nj.
+ ll wie lj.
+ x wird wie ch ausgesprochen.
+ s wird scharf ausgesprochen wie ss.
+
+
+
+
+Die Werke von Ludwig Huna
+
+
+Herr Walther von der Vogelweide
+
+Ein Roman von Minne und Vaterlandstreue
+
+5. Tausend
+
+Es ist ein Monumentalgemälde ... ein ungewöhnlich reizvolles Problem
+... in einer Fülle so ungeheuer wirklicher Situationen und Beziehungen,
+daß die Gestalt Walthers in allen ihren liebenswerten Vorzügen lebhaft
+vor den Leser tritt.
+
+ Leipziger Abendpost
+
+
+Die Verschwörung der Pazzi
+
+Ein Roman aus der Zeit der Frührenaissance
+
+5. Tausend
+
+Hier erwächst uns ja ein neuer Boccaccio ... So etwas liegt ihm, darin
+ist er Meister, und es wäre Unrecht, ihm überhitzte Sinnlichkeit
+vorzuwerfen ... Hunas begehrtestes Südlandbuch.
+
+ Deutsche Zeitung, Berlin
+
+
+Wieland der Schmied
+
+Ein nordischer Sagenroman
+
+6. Tausend
+
+Der Roman des deutschen Volkes ... Zu wahrhaft überwältigender Größe
+erhebt sich aus Hunas Dichtung die ungeheure Welt, die sich in der Edda
+verkörpert.
+
+ Deutsch-Österreichische Tageszeitung, Wien
+
+
+Der Kampf um Gott
+
+Ein Roman aus der Zeit der Wiedertäufer
+
+5. Tausend
+
+Eine prachtvolle Schilderung der Wiedertäuferzeit, mit Philipp von
+Hessen, dem unruhigen Landgrafen, im Mittelpunkt. Großartig ist Huna
+die Darstellung der ganzen Epoche mit ihren zahlreichen Kämpfen
+gelungen.
+
+ Berliner Tageblatt
+
+
+Der Friedensverein
+
+Eine satirische Geschichte
+
+3. Tausend
+
+Eine großangelegte, köstliche Satire auf Vereinsmeierei, Strebertum,
+Großmannssucht und politische Kindergärtnerei.
+
+ Heimgarten, Graz
+
+
+Die Borgia-Trilogie:
+
+Die Stiere von Rom
+
+Roman. 17. Tausend
+
+Ein großer Wurf ... gigantisch ist die Handlung dieses Romans ... es
+kommt über den Leser ein Rausch ...
+
+ Südd. Literaturschau, Stuttgart
+
+
+Der Stern des Orsini
+
+Roman. 17. Tausend
+
+Ein geschichtliches Gemälde von grandioser Pracht, ein Dokument jener
+Zeit, von einem echten Dichter geschaffen.
+
+ Berner Tagblatt
+
+
+Das Mädchen von Nettuno
+
+Roman. 12. Tausend
+
+Eine gewaltige, von Kraft und von Sinnenfreudigkeit überschäumende
+Symphonie, die jede Erwartung übertrifft.
+
+ Roseggers Heimgarten
+
+
+Der Wolf im Purpur
+
+Roman. 8. Tausend
+
+Ein Kulturdokument deutscher Geschichte, das allen tief ans Herz
+greifen wird.
+
+ Blätter für Bücherfreunde, Leipzig
+
+
+Monna Beatrice
+
+Ein Liebesroman aus dem alten Venedig. 12. Tausend
+
+Eine machtvolle Symphonie von Liebe und Tod ... ein Hoheslied der Liebe
+... eine der stärksten und glühendsten Romanschilderungen.
+
+ Bad. Presse, Karlsruhe
+
+
+Die Harmonien im Hause Sylvanus
+
+Die Darstellungskunst des Dichters gibt oft Szenen von dramatischer
+Höhe, und seine Naturschilderungen haben einen so bestrickenden Reiz,
+daß den in Berlins Häusermeer Eingeschlossenen das Heimweh beschleicht.
+Das Buch bereitet Stunden köstlichen Genusses.
+
+ Tägl. Rundschau, Berlin
+
+
+Offiziere
+
+Von Hunas „Offizieren“ kennen wir den brausenden Rhythmus seiner
+hinreißenden Erzählungskunst.
+
+ Grazer Tagblatt
+
+
+Grethlein & Co., Leipzig und Zürich
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 ***
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+/* Transcriber's notes */
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1927 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht korrigiert,
+sofern diese jeweils mehrfach im Text vorkommen; dies gilt insbesondere
+für das Setzen von Bindestrichen und Leerzeichen.</p>
+
+<p class="p0">Die Fußnoten wurden an den jeweiligen Absatz angefügt.</p>
+
+<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
+<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden kursiv dargestellt.
+<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter auf Grundlage des
+Original-Einbandes gestaltet und in die Public Domain eingebracht. Ein
+Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann
+unbeschränkt genutzt werden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="eng">
+
+<div class="chapter">
+ <p class="s3 center padtop3 mbot3">Ludwig Huna, Granada in Flammen</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s2 center padtop1 mtop3">Ludwig Huna</p>
+
+<h1>Granada in Flammen</h1>
+
+<p class="s4 center mbot3">Roman</p>
+
+<div class="padtop5">
+
+<hr class="full">
+
+</div>
+
+<p class="s3 center mbot3">Grethlein &amp; Co., Leipzig und Zürich</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="center padtop5 mbot3">Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung,
+vorbehalten<br>
+Copyright 1927 by Grethlein &amp; Co., Leipzig</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s4 center padtop5">Für dich,<br>
+<em class="gesperrt">du meine liebe Frau</em>,<br>
+die mir den Lebensweg verschönt,<br>
+die mir geholfen, Freud zu schätzen,<br>
+Leid zu tragen, in Liebe und<br>
+Dankbarkeit geschrieben</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak">Inhaltsverzeichnis</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s5">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Erstes Kapitel</div>
+ </td>
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+ <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">7</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zweites Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">16</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Drittes Kapitel</div>
+ </td>
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+ <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">23</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Viertes Kapitel</div>
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+ <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">33</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fünftes Kapitel</div>
+ </td>
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+ <div class="right"><a href="#Funftes_Kapitel">42</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sechstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">51</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Siebentes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Achtes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">65</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Neuntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">80</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Elftes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">94</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zwölftes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zwolftes_Kapitel">100</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Dreizehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Dreizehntes_Kapitel">112</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vierzehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">120</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fünfzehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Funfzehntes_Kapitel">131</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sechzehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sechzehntes_Kapitel">137</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Siebzehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Siebzehntes_Kapitel">147</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Achtzehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Achtzehntes_Kapitel">154</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Neunzehntes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Neunzehntes_Kapitel">165</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zwanzigstes_Kapitel">174</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Einundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Einundzwanzigstes_Kapitel">179</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zweiundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zweiundzwanzigstes_Kapitel">189</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Dreiundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Dreiundzwanzigstes_Kapitel">201</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vierundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vierundzwanzigstes_Kapitel">212</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fünfundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Funfundzwanzigstes_Kapitel">221</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sechsundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sechsundzwanzigstes_Kapitel">231</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Siebenundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Siebenundzwanzigstes_Kapitel">251</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Achtundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
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+ <div class="right"><a href="#Achtundzwanzigstes_Kapitel">258</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Neunundzwanzigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Neunundzwanzigstes_Kapitel">271</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Dreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Dreissigstes_Kapitel">277</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Einunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Einunddreissigstes_Kapitel">282</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zweiunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zweiunddreissigstes_Kapitel">288</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Dreiunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Dreiunddreissigstes_Kapitel">299</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vierunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vierunddreissigstes_Kapitel">314</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fünfunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Funfunddreissigstes_Kapitel">322</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sechsunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sechsunddreissigstes_Kapitel">334</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Siebenunddreißigstes Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Siebenunddreissigstes_Kapitel">341</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text
+ selbst nicht erklärt sind</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Erklarung_von_ofter_vorkommenden_Worten">360</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Winke für die Aussprache der spanischen Wörter</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Winke_fur_die_Aussprache_der_spanischen_Woerter">361</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">
+ Erstes Kapitel
+ </h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="initial">Ü</span>ber der Felsstarre der Loma de Veleta zittert die Luft unter der
+Hochglut der granadinischen Sommersonne. Die Hitze scheint die Felsen
+einschmelzen zu wollen. Schweigende Einsamkeit über dem Gestein.
+Schwarze Schafe liegen freßfaul auf der Steinhalde. Da und dort der
+Zwergwuchs eines Strauches in der Felskahlheit, manchmal ein Höhlenloch
+im blendenden Gestein. Der Schatten des Berggeiers huscht über die
+Ödflächen, und leise schmachtet der girrende Ruf einer Wildtaube durch
+die sommermüde Luft. In der Taltiefe legen die verstaubten Maurengärten
+um weißglühende Steinhäuser ihren reichen Schmuck. Aber alles Leben
+scheint unter dem Brand der dritten Stunde erstorben.</p>
+
+<p>Auf einem Stein liegt ein junger Hirte hingestreckt; er spannt
+seinen lauernden Blick ins Tal. Eine knorrige Gestalt, wie mit dem
+Fels verwachsen, das Gesicht von Sonne und Bergwind gegerbt. Um den
+gebräunten Leib liegt der sackartige Burnus, um die Hüfte schließt sich
+ein Gurt, in dem Messer und Schleuder stecken. Zu seinen Füßen stürzt
+sich der Hang bis in die Tiefe zum Dorf Cañor hinab, das in hellem
+Grün gebettet liegt wie alle Dörfer in den Tälern der Alpujarras, dem
+Bergland am Südhang der Sierra Nevada.</p>
+
+<p>Der Hirte äugt durch die Sonnenschräge in die Tiefe nach dem in der
+Hitze gelähmten Maurendorf und scheint sich wenig um die Herde zu
+kümmern, die ihm sein Herr in Orgiva anvertraut. Er gedenkt besserer
+Zeiten, da er noch in Granada Handel trieb, das er verlassen mußte, als
+die Christen die Stadt nahmen. Sieben Jahre ist das her. Noch hüten die
+Mauren von Granada <span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span>den alten Gottesglauben, aber die allzu eifrigen
+Hüter haben sich vor den Nachstellungen der Christen in die Alpujarras
+geflüchtet oder in die fruchtgesegneten Täler des Guadalfeo. Hier
+träumen die Sadat, die reichen maurischen Edlen, von der Wiederkehr des
+letzten Königs Mohammed Abdallah, genannt Boabdil, der im afrikanischen
+Fes seine Sehnsucht nach Granada großzüchtet. Weiß man, was Gott
+beschlossen? Werden die christlichen Könige Fernando und Isabella ewig
+leben? Auch die armen Hirten in den Bergen, die in den Steinhütten über
+den Sommer leben, träumen diesen Freiheitstraum. Aber in Gottes Namen
+— Insch’ allah! So will’s denn getragen sein.</p>
+
+<p>Von Cañor führt ein Saumpfad bis ins Felsland herauf. Ein Maultier kann
+ihn noch bezwingen. Aber es ist in den Hütten nichts zu holen, wo das
+Graslager der Hirten, ein Steintisch, eine steinerne Handmühle, ein
+Kochtopf, Schafbraten und Fladen das Um und Auf eines Lebens bilden.
+Nicht allzu weit glitzert ein Wässerchen, eins der vielen, die von der
+Loma in den Barranco, die Talschlucht, hinabstürzen. Und zu sagen wäre
+noch, daß der Hirte einen wunderbaren Weitblick bis zur Maurenburg
+Salobreña am Meer hätte, wenn nicht die Calina, der bräunliche
+Sonnendunst, Meer und Burg verdeckte. Und sein Auge erfreut sich auch
+lieber an der Pracht des Schneehauptes des Picacho de Veleta, der auf
+dem Untergrund des andalusischen Himmels über grauen Schieferklippen
+aufragt. Bis in die blendenden Höhen hinauf klettern die maurischen
+Kräutersucher, die Gehilfen der arabischen Ärzte, und hier schlugen
+auch die Maurenflüchtlinge, die zum Prophetenglauben übergetretenen
+Christen, aufständische Ritter und andere Verfolgte ihre Schlupflöcher
+in die Felsen, die die spanischen Kriegsleute fürchteten, da maurische
+List ihnen allerlei Fallen stellte. Die Berge waren treu wie das Volk,
+das sich ihnen verschrieben.</p>
+
+<p>Der Hirte Taleb rekelt sich aus der ermüdenden Schau. Gerade über dem
+Dorf Cañor taucht ein Bergadler seinen Leib in die goldne Flut. Dorthin
+blickt er.</p>
+
+<p>Da knattert Steinschlag hinter ihm. Von der Bergwand zu <span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span>seiner Rechten
+klettert ein junger Maure herab. Er trägt die graue Leinenjacke und
+das Unterkleid, das bis zum Knie die braunen Beine sehen läßt, an
+den Füßen die Alpargatas, die hanfnen Schuhe der Bergbewohner. Das
+fein gezeichnete Gesicht verrät edle Abkunft, die Augen haben einen
+schwermütigen Glanz, das braune Haar hängt etwas verwahrlost über die
+kühne Stirn. Auf Rufweite vom Hirten hält er inne im Klettern. „Taleb
+— sie will nicht kommen, Insch’ allah!“</p>
+
+<p>„Es ist noch zu heiß zum Aufstieg, Eswer Ben Zerragh. Auch hat mein
+Mädchen die Vorsicht des Fuchses. Sie kommt nur, wenn <em class="gesperrt">er</em> kommt.
+Wenn es nun Gott gefallen hat, die Wege des ehrwürdigen Abu Osmin Atir
+al Abdallah anders zu lenken?“</p>
+
+<p>Eswer Ben Zerragh legt sich unweit des Hirten in die pralle Sonne und
+schweigt. Das goldne Licht flimmert im bewegten Spiel über der Loma.
+Schafe blöken, Steingeröll bröckelt leise in der Ferne.</p>
+
+<p>„Deine Sobeiha ist schön,“ sagt Eswer nach einer Weile unvermittelt.</p>
+
+<p>„Ihr Name ist Morgenröte, wie soll sie anders sein?“</p>
+
+<p>Wieder Schweigen. „Wie lang wird’s noch währen?“ seufzt der Edle.</p>
+
+<p>„Sid, du hast doch alles, was du zum Leben brauchst. Ist das nicht
+Reichtum, was wir beide haben? Wir besitzen nichts, was wir verlieren
+könnten.“</p>
+
+<p>„Gott segne deine Armut, die dich reich macht, Taleb. Du brauchst
+nichts zu beschützen als deine Sobeiha und deine Herde.“</p>
+
+<p>„Das kann nur Gott. Es ist keine Macht und kein Schutz außer bei Gott.“</p>
+
+<p>„Man kann nicht mit dir rechten. Sag, sind noch viele Höhlen hier
+herum?“</p>
+
+<p>„Wenn du da hinüberschaust, hast du die Höhlen von Medina, Berchulez
+und Trevelez und manche andre, alle von Mauren bewohnt, die die Hirten
+mit Nahrung versorgen. Aber sieh“ — Taleb zuckte zusammen —, „beim
+Olivenhain an der Mauer — mit dem Korb am Rücken — sie ist es.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p>Die beiden Männer verfolgten schweigsam den Weg des Mädchens. Durch
+Fruchtgärten schritt sie, schien manchmal zu lauern, begann zu
+klettern, verschwand zuweilen, tauchte wieder auf und kam näher den
+Hang herauf. Sie verließ das Buschwerk und kam in die Felsenzone, stieg
+steil an und keuchte endlich über einen Steinabsatz heran, wickelte
+den Schleier vom Gesicht und gab Taleb ihre Lippen zum Kuß. Eswer Ben
+Zerragh aber griff nach dem Korb, wo die Honigfladen leuchteten.</p>
+
+<p>Die Morgenröte lachte mit blanken Zähnen. „Gott gebe dir die
+Freßlust der Zikade, Herr.“ Über den erhitzten Wangen funkelten ein
+Paar Schwarzaugen, in denen die Glut afrikanischer Sonnenstrahlen
+aufgespeichert zu sein schien.</p>
+
+<p>Eswer holte die in großen Blättern eingewickelten Frühfeigen aus dem
+Korb, Reis und Puffbohnen, einen Vorrat für eine Woche. Dann hatten
+ihm Freunde aus Orgiva ein paar Koranblätter geschickt, Labsal für das
+gläubige Herz. „Bei den fünfundsiebzig Wunden des Thalha, der mit dem
+Propheten kämpfte bei Ohod, ich will dir das nie vergessen, Blume der
+Berge.“</p>
+
+<p>Durch ihren Leib brannte Unruhe. „Was ich gesehen! Der fremde Scheich
+kommt. Er ist seit gestern in Cañor und heilt Herzenswunden. Abu Atir
+heißen sie ihn.“</p>
+
+<p>„Was will er aber bei uns?“ forschte Eswer.</p>
+
+<p>„Bi nefsi! Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Und er bringt eine
+Hosna mit, eine Schönäugige, ich habe sie schleierlos gesehen, ihre
+Schönheit ist wie der Glanz des Mihrab in Cordoba. Sie nennen sie
+Reija. Niemand weiß, wer sie ist. Und er! Der Imam! Sein Bart ist weiß
+wie der Veletaschnee, sein Auge leuchtet wie die Sonne, und wenn er
+spricht, fällt Tau auf die trocknen Fluren der Herzen.“</p>
+
+<p>„Du hast die klingenden Worte in der Moschee erlauscht, Morgenröte?“</p>
+
+<p>Sie nickte lächelnd. Dann sprangen ihre gebräunten, kupferfarbnen
+Füße in den Hanfschuhen mit Katzenbehendigkeit die Felsen hinauf zu
+einer Höhle, deren Eingang hinter einem Steinblock halb verborgen lag.
+Taleb blickte verschärft ins Tal. Eswer <span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>Ben Zerragh stand aufrecht
+wie eine Palme an den Fels gelehnt. Seine Gedanken hatten den Weg zu
+der Bedeutung des fremden Scheichs gefunden. Abu Atir! War das nicht
+der Imam des vertriebenen Maurenkönigs gewesen? Stand er nicht im Ruf
+hoher Weisheit und in dem eines Santon, eines Heiligen? Und wer ist
+die seltsame Blume an seiner Seite, und was will sie in den Höhen?
+Beim Schwert, das der Eidam des Propheten trug! sann der Edle vor sich
+hin. Ich will auf das Recht pochen, das einst Jusuf erhob: das Antlitz
+edler Frauen unverschleiert zu sehen im Monat Schewal, der Zeit der
+Freuden. Und ich will vor den Imam hintreten und bekennen: ich bin ein
+Abencerrage!</p>
+
+<p>Aus der Höhle sprang Sobeiha. Das ungefesselte Haar peitschte ihre
+Stirn und Schläfen. „Wir müssen das Blumenkind des Imam und ihre
+Sklavin in der Höhle des Spiegels unterbringen.“</p>
+
+<p>„Wo liegt die?“ horchte Eswer auf.</p>
+
+<p>„Einen Schleuderwurf von hier, oberhalb der deinen, Herr.“</p>
+
+<p>„Warum heißt sie Höhle des Spiegels?“</p>
+
+<p>„Sie trägt am Eingang einen glänzenden flachen Stein, auf dem sich des
+Morgens die Sonne und am Abend der Mond spiegelt. Es sind Polster aus
+Esperantogras darin. Doch sieh — da kommen sie.“</p>
+
+<p>„Die Maultiere sind noch klein wie Spinnen,“ sagte Sobeiha. „Ich will
+das Wasser in die Krüge füllen, daß sie die Gebete sprechen können.“</p>
+
+<p>Bald sah man den Zug der Maultiere aus dem Buschwerk bergan klimmen.
+Man konnte sechs Stück zählen und drei Führer.</p>
+
+<p>Eswers Herz schlug heftig. Nach einem Mond kamen die ersten Menschen
+in seine Einsamkeit. Allah akbar! Gott ist groß! Sein Wille wird sie
+geleiten, sann er in den durch die Bergschatten steigenden Zug. Man
+erkannte schon die zwei Frauengestalten auf den Tieren, und Taleb
+winkte mit der Wolljacke hinab. Aus der kleinen Karawane blinkte ein
+flatterndes Tuch.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Das Gebirge erwachte aus dem Sonnenschlaf. Über die Kare unter dem
+Schneehaupt der Veleta stürzten die wilden Ziegen in Rudeln von Fels zu
+Fels. Die grauen Wolfshunde der Hirten kläfften in die Tiefe hinab.</p>
+
+<p>Da bog der Zug um eine Felsnase. Schlank wie Irakzweige saßen
+die Frauenleiber auf den Rücken der Maultiere. Bald hielten die
+staubbedeckten Tiere auf der Felsplatte. Über die sonderbare Karawane
+ging der Atem der unberührten Bergwildnis hin, und die Fremden standen,
+nachdem ihnen die Treiber aus den hohen Sätteln geholfen, wortlos, von
+den Schauern der Einsamkeit überwältigt, auf der Platte.</p>
+
+<p>Der Abencerrage verneigte sich ehrfürchtig vor dem Greis an der Spitze
+des Zuges. „As Selam Aleikum! Heil mit dir!“ grüßte er den Fremden.</p>
+
+<p>„Wa Aleikum as Selam! Und mit dir sei der Friede!“ dankte der Greis
+leise. Dann kreuzten beide Männer die Arme über der Brust.</p>
+
+<p>Aus dem Antlitz des abrahamitischen Fremden leuchtete es wie
+Gottesfrieden. Klare Blauaugen unter buschigen weißen Brauen, die
+wie Tempelbogen über dem Eingang zur Seele prangten, strahlten das
+beseligende Licht der Güte aus, und man glaubte durch diese Klarheit
+tief bis in ihren Urgrund hinabsehen zu können. Der weiße Burnus floß
+an den rüstigen Gliedern wie ein Liliengewand nieder, und der mächtige,
+bis zum Ledergürtel reichende Bart hob seine Erscheinung fast zum
+prophetenähnlichen Gottesboten.</p>
+
+<p>Zwerchsäcke und Taschen wurden abgeschnallt. Die Mädchen sprachen
+leise miteinander. Und Eswer hatte Zeit, an der einen der Jungfrauen
+Schönheiten zu entdecken. Er bewunderte den palmenschlanken Wuchs, das
+dunkle Augenpaar unter dem Schleier, das die Blitze einer Wetternacht
+schleuderte, die schwarzen Locken in ihrer halben Aufgelöstheit, die
+nur teilweise verschleierten Hände von goldkupfriger Farbe und die
+hochangesetzten Brüste voll Reife. Und ihr Gang hatte die ruhige
+rhythmische Bewegtheit eines sanften Liedes, mit dem der Araber Gottes
+<span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>Erhabenheit preist. In Eswer, einem eifrigen Sammler morgenländischer
+Beredsamkeit, begann es wie aus Märchentiefen zu klingen. Doch Abu Atir
+unterbrach sein inneres Geläute. „Bist du der Flüchtling Eswer Ben
+Zerragh?“</p>
+
+<p>„Ich bin es. Sei gegrüßt im Namen des Propheten, dem Ehre und Friede
+sei! Bei den sechs Offenbarungssternen, nicht der Bruchteil eines
+Geschenkes ist mein eigen, das deiner würdig wäre. Man hat mir in
+Granada alles genommen; nur meine Freunde helfen mir.“</p>
+
+<p>„Wer sind sie?“ fragte der Imam.</p>
+
+<p>„Abu Ben Jazir, Arzt in Orgiva, und Jahva Ben Hilal, der Teppichhändler
+beim Elvirator in Granada.“</p>
+
+<p>„Und das sind deine Freunde aus den Bergen?“ Er zeigte auf die Hirten.</p>
+
+<p>Eswer zog Sobeiha und Taleb an den Händen heran. „Mögen sie deinem
+Angesicht wohlgefällig sein.“</p>
+
+<p>Abu Atir rief seine Mädchen herbei. „Das ist Reija, mein anvertrautes
+Gut, und das ist ihre Sklavin Saffana aus gutem Geblüt. Und diese
+drei sind Freunde aus Granada.“ Er wies auf drei Männer, die sich
+zurückgezogen hatten.</p>
+
+<p>Eswer überkam freudiges Erstaunen. Er erkannte in ihnen angesehene
+Handelsleute, die den blauen Überwurf der Mauren trugen. Der älteste
+von ihnen, Ismael Ben Katasi, reichte dem Abencerragen die Hand, und
+dieser grüßte ihn mit verschränkten Armen: „Gott segne deine Geschäfte
+und deine Wallfahrt nach Mekka.“</p>
+
+<p>Der Alte schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Segen mehr. Wir sind
+vertrieben.“</p>
+
+<p>„Auch du?“</p>
+
+<p>Ismael wies auf einen zweiten Mauren. „Mein Bruder Ali und ich. Man hat
+bei uns Berberbriefe gefunden, die verdächtig waren.“</p>
+
+<p>„Und du, Ibn Maratan?“ wandte sich Eswer an den jüngsten der drei.
+„Auch dein Auge glänzt in Leid.“</p>
+
+<p>Der Maure nickte mit zusammengepreßten Lippen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>„Er hat einen berberischen Seefahrer bei sich verborgen,“ erklärte
+Ismael Ben Katasi. „Nun rettet er sich zu dir, Eswer Ben Zerragh. Hast
+du Platz in deiner Höhle?“</p>
+
+<p>Der Abencerrage war voll Freude. „Willkommen und freundlich
+aufgenommen! Dort oben liegt das Loch, weich ist das Gras, ihr müßt nur
+Freunde in Orgiva haben, die für euch sorgen.“</p>
+
+<p>„Die haben wir!“ sagte Ali Ben Katasi.</p>
+
+<p>„Bevor wir weiterhandeln,“ sagte der Imam, „laßt uns zu Gebet und
+Ruhe kommen. Vom weißen Minar dieses Gipfels klingt Gottes Mahnung zu
+uns herab. Richtet euer Antlitz nach dem Tempel Haram im Lande der
+Offenbarung.“</p>
+
+<p>Die Mädchen hatten sich auf kleine Gebetsteppiche geworfen und das
+Mulatum, das Gebetstuch, über den Kopf geworfen, nachdem Sobeiha das
+Wasser gereicht hatte. Bald darauf erklang Abu Atirs Anrufung Gottes
+in die Berge: „Gott ist allmächtig! Sei gepriesen, höchster Gott! Zu
+dir beten wir und für dich üben wir gute Werke, Friede sei mit dir,
+Prophet! Und Gottes Gnade und Segen mit dir und allen wahren Verehrern
+Gottes!“ Die Leiber warfen sich vor und zurück, die Gedanken versenkten
+sich in glühende Bilder. Eswers Augen aber verschlangen das schöne
+Mädchen, dessen Schlankheit wie ein Zweig des Gadhastrauches war.</p>
+
+<p>„Nun kommt nach der Höhle des Spiegels,“ sagte Abu Atir nach dem Gebet.
+Und er schritt selbst führerlos voran, worüber sich Eswer wunderte. Der
+Alte mußte also die Höhle kennen. „Als Mohammed floh,“ sagte der Imam,
+in Ehrfurcht vor dem Höhlenloch Eswers stehend, „und Tag und Nacht in
+der Höhle des Berges Thaur zubrachte, wob eine Spinne vor dem Eingang
+ihr Netz, damit es aussehe, als wäre niemand drin, und Tauben bauten
+ihr Nest davor zum Zeichen der Unberührtheit. Dein Netz und Nest ist
+die Wachsamkeit deiner Hirten, Eswer.“ Und er trat mit den Männern
+heran, während sich die Mädchen vor der Höhle auf einen Felsblock
+niederließen.</p>
+
+<p>Ein Steingewölbe dunkelte über ihnen, der Lichtschein des <span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span>Tages beim
+Eingang gab dem Raum ein dämmriges Licht. Ein Graslager zog sich bis in
+die Tiefe. „Es ist nicht allzu schlimm,“ erklärte Eswer den verzagten
+Freunden. „Was man gewöhnt, wird nicht mehr eine Last.“</p>
+
+<p>„Ich hätte Lust, mit euch hier zu hausen,“ sagte Abu Atir, „wenn mich
+nicht wichtige Geschäfte nach Granada zögen.“</p>
+
+<p>Sie traten wieder ins Freie. „Kommst du nicht von Granada?“ fragte
+Eswer.</p>
+
+<p>Der Greis lächelte. „Ich habe es Jahre nicht gesehen, aber Freunde
+wirkten dort für mich.“ Er stockte und wurde verlegen. „Laßt uns
+vorerst die Mädchen versorgen.“</p>
+
+<p>Taleb wies ihnen den Weg zur Spiegelhöhle und hielt ein Stoßgebet
+weit von der Männerhöhle entfernt vor einem großen Felsblock. Die
+Mauren packten kräftig an, bald bewegte sich der Koloß und gab den
+mannsbreiten Eingang zur Höhle frei. Drei große fensterartige Öffnungen
+ließen Taghelle und Luft hereinströmen, und der grasweiche Boden lud
+zum Ruhen ein. Eswer erstaunte und fragte Taleb: „Warum zeigtest du mir
+diesen Platz nie?“</p>
+
+<p>Der Hirt lächelte. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in den Bergen
+seit grauen Jahren, daß diese Höhle nur flüchtenden Frauen gehört.
+Wüßten viele Männer davon, man hörte den Klang der Nachtständchen bis
+nach Cañor hinab.“</p>
+
+<p>„Reija, du wirst hier wohl schlafen,“ sagte der Imam. „Und für eine
+Wache —“</p>
+
+<p>„Ich selbst will wachen,“ schnellte der Abencerrage heraus, und seine
+Wange glühte in ritterlichem Eifer.</p>
+
+<p>Das Mädchen zog die Schultern wie fröstelnd zusammen, kaum daß ein
+Blick den schutzbereiten Jüngling streifte. „Ich werde mit Saffana,
+meiner Sklavin, unter dem Schutz der Engel schlafen.“ Tiefkehlig, ernst
+und beinahe abweisend klang es.</p>
+
+<p>Eswer verschränkte betrübt die Arme über die Brust. Da war es, als
+bereute die Jungfrau das harte Wort. „Du — darfst wachen,“ sagte sie
+rasch, „denn du bist aus dem Stamm der Abencerragen.“ Und große Wimpern
+senkten sich über die Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>„Mein Vater war Lanzenschwinger und hat es vor Loja bewiesen,“ sagte
+der junge Ritter beglückt. „Fünf Christen warf er dort in den Sand. Ich
+habe sie von ihm, die blitzende Kunst des Wurfes, und ich will sie, tut
+es not, für dich üben als dein Wächter, holde Reija.“</p>
+
+<p>Der silberbärtige Imam lächelte über den Rittereifer. „Laßt uns vor
+dieser Höhle das Abendbrot verzehren, sobald der Mond sich über der
+Loma wiegt. Und nun kommt, Männer, ich muß euer Ohr für ein paar
+Augenblicke allein haben.“</p>
+
+<p>Die Männer verneigten sich wieder mit verschränkten Armen vor der
+Jungfrau und stiegen dann mit Abu Atir über die Felsen ein wenig
+aufwärts, hielten aber bald in der Einsamkeit eines muschelartigen
+Kars, wo ihre Stimmen nur schwer den Weg ins Weite finden konnten. Hier
+unter dem dunkler blauenden Himmel, umgeben von der ernsten Majestät
+des Schweigens, hockten sie sich mit verschränkten Beinen auf die
+Felsbänke, und Abu Atir, der Überlieferer und Ausleger des Korans, ließ
+das bärtige Haupt bekümmert in die Hände fallen und brach endlich in
+den Wehruf aus: „O mein Granada!“</p>
+
+<p>Und im Mitweh senkten die Männer die Häupter und weinten leise. Bis der
+Imam langsam den Kopf hob und mit starker Stimme das Surenwort sprach:
+„Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht
+gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich.“</p>
+
+<p>Da antworteten die Männer gleichzeitig mit überzeugungstiefer Wärme:
+„La illaha illa illahu! Gott ist der einzige Gott!“</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">
+ Zweites Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">H</span>inter dem dunklen Lomagrat glühte der Himmel auf, denn der Tag
+verlosch. Noch umflossen die Wogen des abendlichen Lichtes die
+Felsen, noch leuchteten die Zacken des Gebirges in reinen Farben,
+hervorgezaubert aus dem Sonnentod, noch erglühte das Schneehaupt des
+Picacho de Veleta wie in trauernder <span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>Röte. Langsam aber taute schon der
+Abend den kühlenden Balsam auf das trockenheiße Gestein.</p>
+
+<p>„Ich kenne euer Geschick, ihr Brüder Beni Katasi,“ sagte der Imam, „und
+auch das deine, Ibn Maratan, ist mir nicht fremd. Aber du, Eswer Ben
+Zerragh, hast mir noch nicht dein Herz geöffnet. Dein Geschlecht war
+Boabdil sehr ergeben, dessen Vater freilich euer Geschlecht ausrotten
+wollte.“</p>
+
+<p>„Gesegnet sei Boabdil und verflucht sein Vater Abul Hassan!“ rief der
+Abencerrage grimmig aus. „Die Abencerragen hoben einst Boabdil aufs
+Pferd und sprengten mit ihm durch die Nacht nach Granada und hetzten
+das Volk auf gegen den tückischen Abul Hassan, der endlich nach Malaga
+flüchten mußte. Und auf der Stätte, wo Boabdils Brüder unter dem
+Henkerschwert des Vaters gefallen waren, legten die Abencerragen die
+vier Königsfahnen hin, und Boabdil kniete darauf nieder und schwor den
+Königseid —“</p>
+
+<p>„Alte Geschichten!“ wehrte der Imam mit der Hand ab. „Dein Geschlecht
+hat sich an einer großen Hoffnung verblutet. Boabdil hat Granada
+nicht halten können. Ruhmlos vertrauert er nun sein Leben in Fes bei
+einem fremden König. Tagelang sitzt er auf einem Hügel und blickt
+nach Norden, wo er die roten Türme der Alhambra zu schauen wähnt.
+Dann greift seine Hand klagend in die Saiten und sucht ein altes Lied
+hervor, das die Schönheit seiner ‚Granatha‘ besingt. Und seine Mutter
+Ayscha sitzt bei ihm und kühlt ihm die Hitze seines Tränenauges. Aber
+sagt, ist nicht alles, was nach ihm kam, auch Unglück gewesen? Wo sind
+unsere Verträge mit den Christenkönigen hin? Wer hält sie noch?“</p>
+
+<p>„Es ziehen sich Wetter über der Stadt zusammen,“ sagte Ibn Maratan.
+„Was ich sah, erstickte mein Herz. Fernando und Isabella sind gekommen,
+den Rest unsrer Glaubenssache zu zertrümmern. Hunderte von Mauren
+bekehren sich schon zu Isa. Sie haben einen geschickten Priester
+herbeigeholt, Leon nennen sie ihn, und sein Wort heißt: Glaube oder
+leide! Der alte milde Erzbischof Talavera gilt nichts mehr bei den
+Königen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung
+an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn
+Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die
+Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir
+uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von
+der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon
+gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“</p>
+
+<p>„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen
+haben gewaltige Tatzen.“</p>
+
+<p>„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden,
+sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten
+und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen
+durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon
+an seiner eignen Tatze stirbt.“</p>
+
+<p>„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.</p>
+
+<p>„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn
+Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren
+haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns
+Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella
+und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer
+Diener.“</p>
+
+<p>„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme
+im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin
+— ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den
+Kampf gegen die Stadt schickte —, sie hat nun, höre ich, ihren
+Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas
+— o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! —, zum Primas von Spanien
+gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf,
+aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in
+Toledo bliebe!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt
+ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt
+in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal —“</p>
+
+<p>„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali,
+„eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet —
+wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn
+anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie
+müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein
+Leben lang in Granada durchbetteln.“</p>
+
+<p>„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu
+Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb
+dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei
+deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und
+deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine
+spielte?“</p>
+
+<p>„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine
+Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“</p>
+
+<p>Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen
+und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen
+Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.</p>
+
+<p>„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der
+aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land.
+Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba,
+der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst
+Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden.
+Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu
+wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man
+entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen —“</p>
+
+<p>„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter
+des jungen Abencerragen.</p>
+
+<p>„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt <span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>des
+Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die
+Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein
+Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst
+eilte nach Granada heim — in meinem Hause wartete ein Scherge des
+Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte
+verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das
+Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten
+der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen
+Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über
+ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich
+mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und
+entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher
+in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich
+endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins
+Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß
+ich ihn selbst!“</p>
+
+<p>Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen
+zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen
+die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner
+Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr — ihr wißt etwas —
+von meiner Mutter —?“</p>
+
+<p>Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt.
+„Fasse dich, Eswer Ben Zerragh — bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist
+eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt,
+sie mir aufzubürden.“</p>
+
+<p>Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter — o sag’ es
+— und wäre es bitter wie Koloquintentrank — meine Mutter —?“</p>
+
+<p>„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen
+Könige lagen, im Hain von Asabica —“</p>
+
+<p>„Im Friedenshain der Abencerragen —“ zitterte die Stimme Maratans.</p>
+
+<p>Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang
+verzweifelt die Hände zum Imam empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span></p>
+
+<p>„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben
+Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit
+einem Segen für dich auf den Lippen.“</p>
+
+<p>Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“
+sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei
+dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie
+nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott
+ohne Flor und Hülle.“</p>
+
+<p>Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte
+sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer,
+Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und
+Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher
+herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends
+verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie
+syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen
+Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen
+Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.</p>
+
+<p>„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi.
+„Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“</p>
+
+<p>„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.</p>
+
+<p>Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der
+Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind
+wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden?
+Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen
+die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir,
+hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald
+niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba,
+wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende
+Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist.
+Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu
+seiner Zeit. Wißt <span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span>ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr
+von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der
+Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden
+Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das
+unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe
+Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die
+Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach
+Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der
+afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen
+sah.</p>
+
+<p>Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber
+her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie
+brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus
+und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder
+Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die
+Muezzins zum Gebet rufen lassen.“</p>
+
+<p>Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder.
+Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater
+gehabt.“</p>
+
+<p>Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in
+den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden
+Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so
+stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die
+Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter,
+der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem
+Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am
+Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der
+Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“</p>
+
+<p>„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.</p>
+
+<p>„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das
+lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen
+hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst
+teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den
+unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von
+den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle,
+dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.</p>
+
+<p>Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die
+sternübersäte Wölbung.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">
+ Drittes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>n der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der
+Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über
+das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in
+der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den
+Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie
+ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde
+Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste
+atmeten freier.</p>
+
+<p>Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter
+Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine
+größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz,
+der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die
+Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das
+blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden.
+Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie
+Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches,
+der maurischen Spangen.</p>
+
+<p>Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte
+ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim <span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>Tanz wie eine Fahne
+hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit
+schließen.</p>
+
+<p>Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der
+Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der
+Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten
+von Schira sein.“</p>
+
+<p>„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des
+lieberasenden Dichters.“</p>
+
+<p>Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija
+wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme
+eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder:</p>
+
+<p>„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um
+Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß
+ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen
+Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du
+mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit
+einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz
+blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst
+einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“</p>
+
+<p>Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines
+Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier
+sehen durfte.“</p>
+
+<p>„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt
+hat.“</p>
+
+<p>Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele
+schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete
+die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel.</p>
+
+<p>„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“</p>
+
+<p>Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem
+Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick:
+„Es ist nichts um einen Mann.“</p>
+
+<p>„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen.
+Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, <span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>die sterben, wenn sie
+ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling,
+der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um
+ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret.
+Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden
+Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein
+kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn
+Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da
+wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten,
+mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“</p>
+
+<p>„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die
+Hirtin?“</p>
+
+<p>Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da — sie ist nicht vom Stamm
+Osret.“</p>
+
+<p>Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über
+der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen
+ihrer Zähne, die das Futter malmten.</p>
+
+<p>Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich
+die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel
+gleiten. Zischend troff das Fett herab.</p>
+
+<p>Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu
+Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres
+Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte.</p>
+
+<p>„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und
+seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam
+gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der
+Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war.</p>
+
+<p>Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte
+Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch
+schmerzlich-süßer empfinden.</p>
+
+<p>Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit
+den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans <span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span>Feuer hin, und
+Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge
+waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen.
+Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er
+mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem
+nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im
+Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz
+froh machen wird.“</p>
+
+<p>Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam
+auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz
+des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der
+Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen:</p>
+
+<p>„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen.
+Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner
+Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden
+sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan,
+König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie
+Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs,
+eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute
+nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht
+mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der
+schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen
+den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den
+jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil
+hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und
+deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur
+furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra
+froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war,
+ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof
+hinrichten —“</p>
+
+<p>„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span></p>
+
+<p>„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den
+übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den
+Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde.
+Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten
+Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen
+Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“</p>
+
+<p>Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“</p>
+
+<p>Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben
+Himmel offen, Retter meines Königs!“</p>
+
+<p>Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem
+Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil
+vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die
+Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen
+ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie
+heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem
+Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende
+König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war
+der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung
+Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das
+Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul
+Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden,
+nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte
+des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein
+Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater
+in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm
+unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“</p>
+
+<p>Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern.</p>
+
+<p>„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns
+Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den
+Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten <span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>die
+Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und
+Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl
+wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um
+eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der
+Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte
+sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch
+ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens
+warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin
+über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho
+de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien
+fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen
+die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie — und sie ihn. Nach
+den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba
+bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen.
+Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie
+erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück
+klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed
+Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen
+Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd
+führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von
+Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen
+zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña
+fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils
+erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der
+junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen
+Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines
+zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen,
+sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben.
+Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von
+ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die
+Opfergaben auf <span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte,
+die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über
+sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und
+küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die
+Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie
+nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde
+für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben
+dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“</p>
+
+<p>Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die
+schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und
+ihre Brust ging hoch.</p>
+
+<p>Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich
+atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des
+Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die
+braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es
+künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und
+nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil
+witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich
+sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die
+rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt.
+Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige
+Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den
+christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich
+nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir
+nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern
+von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor
+den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und
+Spinnrad erzogen.“</p>
+
+<p>„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas
+Brust.</p>
+
+<p>Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die
+Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt <span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span>miteinander, bis
+Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O
+Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts — ende, ende!“</p>
+
+<p>„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst.</p>
+
+<p>„Und das Königskind — wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben
+Katasi.</p>
+
+<p>„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt.</p>
+
+<p>Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den
+Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch
+vor ihr!“</p>
+
+<p>Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern,
+die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen.
+Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie
+besessen: „Ein Königskind!“</p>
+
+<p>Reija aber fiel kraftlos in die Arme des Imam. Das Glück traf sie wie
+ein Blitz.</p>
+
+<p>Der alte Ismael Ben Katasi raffte sich als erster auf. Aus der Vorsicht
+seines erfahrungsreichen Herzens heraus fragte er: „Imam, Sid — du
+weißt, wie oft in allen Zeiten Geschichten und abermals Geschichten
+vorgekommen sind — sieh, es könnte dich einer betrogen haben — es
+könnte — o gib uns Beweise, Gewißheit, Imam!“</p>
+
+<p>Der Alte nickte. „Es ist kein Leben ohne Schrift. Ehre dem Weisen, der
+sie erfunden!“ Er legte sorgsam, als trüge er zerbrechlich Glas in den
+Händen, den schönen Menschenschatz in die zitternden Hände Saffanas und
+zog aus seinem Brustbeutel ein dickes Pergament.</p>
+
+<p>„Bei Gottes strahlendem Angesicht! Li amri! Des Königs eigenes Wachs —
+der Schutzbrief für das Kind! Gott verdamme fortan die Zweifler! Abu
+Atir, herrlichster der Schirmer, das Kind ist in Gefahr —“</p>
+
+<p>„Laß mich es schützen vor Schaitan und Tücke!“ rief Eswer Ben Zerragh
+mit der Heftigkeit des entflammten Liebenden. „Ich habe keine Mutter
+mehr zu schützen, aber in meiner Brust lebt <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>Liebe, die ich an ein
+würdiges Geschöpf Gottes verschwenden möchte. Ich bin Abencerrage, mein
+Vater schützte ihren Vater, laß mich die Tochter schützen. Und du bist
+alt, Imam —“</p>
+
+<p>Da reckte sich der Greis hochauf, und es war, als knackten seine
+Gelenke, und er pflanzte die stählernen Glieder vor die hilflose
+Königstochter auf und legte schirmend seine eiserne Hand auf ihre
+Brust. „Bist du im Mondeswahn, Jüngling? Deine Raschheit, deine
+Heftigkeit sollen sie schützen? Dein Eifer ehrt dich, aber gib meinen
+Kräften die Ehre! Dieses Kind ist geheiligt durch Ahnenblut, jedes
+Haar an ihr ist kostbar wie ein Tropfen aus dem Brunnen Semsem, denn
+sie stammt aus dem Blute der Beni Nassr und gleicht einer Perle, früh
+losgerissen von der Muschel.“ Behutsam strich der Greis über die Pracht
+des gelösten Mädchenhaars, während Eswer beschämt dastand wie ein
+Knabe, der in der Mekteb Strafe bekam.</p>
+
+<p>Reija schlug die Augen auf. „Wo — ist — meine Mutter?“ Ihr Blick war
+Schmerz und Freude. Und die Stimme klang wie entrückt in das stille
+Weben der Nacht.</p>
+
+<p>„Sie ist längst gestorben.“</p>
+
+<p>„Und warum — ach, Väterchen, warum muß ich das heute erfahren?“</p>
+
+<p>„Du bist heute achtzehn Jahre alt geworden, und es war der Wille des
+Königs, daß du an diesem Tage das Geheimnis deiner Herkunft erfahren
+solltest und daß du den goldnen Koran wieder nach Granada trägst, das
+Eigentum Boabdils, das wir bei seiner Vertreibung hier herauf in die
+Berge gerettet haben vor dem Vertilgungswahn der Christen.“</p>
+
+<p>„Den Koran? Die Muschel des Gottesworts? Boabdils Koran?“ stürmten die
+Mauren auf den Imam ein.</p>
+
+<p>„Er ist von unermeßlichem Wert. Er soll nun zum Labsal für unsere
+Brüder nach der bedrängten Stadt getragen werden, und Reija soll ihm
+das Geleite geben.“</p>
+
+<p>„Gott, gib Kraft!“ flehte das Mädchen mit halberstickter Kehle.</p>
+
+<p>Saffana weinte. „O Königstochter, nun darf ich dich nicht <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>mehr Hamam,
+die Taube, und Werda, die Rose, nennen! Darf nicht mit dir spielen —“</p>
+
+<p>Reija streichelte der Sklavin die Locken. „Du darfst es.“</p>
+
+<p>„Wo ist der Koran?“ drängten die Männer in heiliger Glut heran.</p>
+
+<p>„Wir wollen in Morgenfrühe bei dem steinernen Mihrab beten. Und wenn
+die Stunde kommt, da man einen schwarzen und weißen Faden unterscheiden
+kann, wollen wir den Koran aus dem Felsen nehmen, und der erste
+Sonnenstrahl soll das heilige Buch aus jahrelangem Schlaf wecken.“</p>
+
+<p>Nun wurden Waschungen und Gebete verrichtet, und Saffana mußte alte
+Kiffaß, Erzählungen aus der Omajadenzeit, hersagen. Aber Reija war
+aus der Neugeburt ihres Wesens heraus unfähig, ihre Sinne für die
+Beredsamkeit zu schärfen. Es taumelte in ihr hin und her, und vom
+Glück überwältigt, schlief sie unter dem hohen Mond mitten unter den
+andern ein. Ihr Haupt lag auf der Motharif, ihr Atem ging leise,
+und alle fühlten, daß erhabne Träume von Pracht und Herrlichkeit um
+die lächelnden Lippen spielten, so wie sie einst in den Sinnen der
+Kalifentöchter glühten.</p>
+
+<p>Saffana aber erzählte unermüdlich von Az-Zahara, der zertrümmerten
+Märchenstadt bei Cordoba, und von den Prachtgärten des ägyptischen
+Kalifen Thalun, in denen die Vögel unter vergoldeten Palmen sangen. Der
+junge Maratan hing an den Lippen der Sklavin, als tropfte Goldregen von
+ihnen. Schems hosna! Schöne Sonne! besang er heimlich ihre Reize.</p>
+
+<p>Die Männer wachten lange vor der Höhle. Eswer Ben Zerragh trauerte vor
+sich hin. Er sah nach der arabischen Legende die Seele seiner Mutter
+als Hamé, das ist als Eule, über den Bergen fliegen und hörte ihre
+Stimme flehen: ‚Tränke mich und gedenke mein!‘ Und er tränkte die Seele
+mit den Tränen seines Leids. Dann aber umschwebte ihn das Bild der
+schönen Reija, mit deren Erhebung er eine Hoffnung in sich zu Grabe
+trug.</p>
+
+<p>Manch zuversichtliches Wort ward noch unter der Sternenhoheit
+gewechselt. Silbern kreiste die andalusische Nacht über Wache und
+Schlaf.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">
+ Viertes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">A</span>rktus sank am Himmel dahin. Vor der Höhle flatterte schon ein Lied
+aus der Kehle der Morgenröte himmelan: „Tränke Gott mit Tau des Zeltes
+Reste, wo ich feierte der Liebe Feste.“ Ein leichter Wind trug das
+Takbir, den Gebetsruf des Muezzin von Cañor herauf. Abu Atir erhob sich
+vom Lager. Ein Büschel weißer Strähnen wehte von seiner Schädeldecke
+mit der mächtigen Bartfahne um die Wette. Die klugen Augen blickten
+frisch in das dämmernde Weben des Morgens. Er legte sich die Kopfbinde
+der Imamwürde um und weckte nun die Männer. Als sie nach dem Gebet
+zur Frauenhöhle schritten, fanden sie die Mädchen schon wach. Jetzt
+wurde das in der Spiegelhöhle liegende Steinversteck mit Haue und
+Brecheisen bearbeitet, bald lösten sich die Felsbrocken los, und
+im Dunkel einer Höhlung blinkte eine weiße Kiste, die den Schatz
+enthielt. Mit Ehrfurcht holten die Männer die Truhe heraus und warteten
+unter Gebeten, bis hinter der Loma de Yator der Himmel in Morgenglut
+entbrannte. Da öffnete Abu Atir den Deckel und aller Augen blickten
+verzückt auf das ehrwürdige Buch, dessen Goldpracht auf blauseidnem
+Kissen lag, umgeben von viereckigen Münzen aus der Almohadenzeit.</p>
+
+<p>„Gefäß Gottes, in das er seine Liebe und Weisheit senkte, sei gegrüßt!“
+rief der Imam inbrünstig aus. „In deinem Geiste spiegelt sich Gottes
+Geist, in dem Wort des Propheten Gottes Wort, und in unserem Wort und
+in unserer Tat soll sich die Treue zu Gott und dem Propheten spiegeln.
+Wir wollen dich hüten als ein Königserbe und in dem Mihrab von Granada
+betten. Wie einst die Krieger der Halimet ihre Hände in duftendes
+Menschim tauchten und schwuren, getreu zu bleiben, so strecken wir
+die Hände in den Sonnenwind und schwören, getreu zu bleiben dem Wort
+Gottes.“ Und er öffnete das Buch und las die Fatiha, die Eingangssure,
+und die elfte Sure der Morgenbetrachtung. „Gott geleite uns froh in die
+alte Heimat, in das geliebte ‚Granatha‘,“ schloß er. „Ihr Männer kehrt
+von Orgiva hierher <span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span>in die Berge zurück, wo Freunde für euch sorgen
+werden. Dort harret unsrer auch schon neues Geleite.“</p>
+
+<p>„Bei den Oliven des Paradieses,“ schwur Eswer, dessen Herz zu bluten
+begann, „meine Gebete sollen euch immer geleiten.“</p>
+
+<p>Nun wurde Honig gereicht und das Lusindsch, ein Mandelgebäck, dazu
+genossen. Der Hirte Taleb steckte dem Königskind ein gebratenes
+Täubchen in die Maultiertasche. Es war seine Verehrung. Und Sobeiha
+hatte einen Kranz von Bergblumen geflochten und schlang ihn nun um den
+Hals des beglückten Mädchens.</p>
+
+<p>Eswer Ben Zerragh nahm Abschied. „Gott gebe deinem Maultier Kraft,
+dich zu tragen über Gestein und Weg, dir selbst aber Glück, Besitz,
+Ertrag und eine Erinnerung an diese Berge! Bleibe eingedenk des Tages
+und der Nacht, da du unter Steinen wohntest, und erfreue dich Gottes
+freundlicher Hilfe, du selbst ein schöner Gedanke dieses Gottes.“ Seine
+Stimme zitterte gewaltig.</p>
+
+<p>Die Korankiste wurde an den Sattel Reijas geschnallt. Die beiden Katasi
+eröffneten den Zug, dann ritten Reija und Saffana, hinter ihnen Abu
+Atir und endlich Ibn Maratan. Als die Sonne, die einen Augenblick
+hinter Wolken verschwunden war, sich wieder mit goldenem Schwung in
+das Blau warf, stiegen die Tiere langsam den Steilpfad hinab. Reija
+sah sich nicht um, wiewohl ihr das Herz klopfte. Saffana winkte zur
+Felsplatte hinauf, wo Eswer wie eine aufrechte Zeder stand. Er sah mit
+blutendem Herzen hinab. Die Karawane schrumpfte zusammen, verschwand
+hinter einem Eichenhain, tauchte wieder auf und verlor sich endlich in
+den von Morgenlicht überfluteten Gärten von Cañor. Da verhüllte der
+Abencerrage sein Haupt. „Bi nefsi! Sie ist schön wie eine Rose von
+Damaskus, aber sie wird mir nimmer blühen.“</p>
+
+<p>Der Reiterzug ritt in den werdenden Tag, der schon herbstliche
+Müdigkeit hatte. Die Luft flimmerte über der Erde wie Goldgespinste
+aus Gottes Hand. Der sanfte Bergwind der Veleta lag den Reitenden
+im Nacken. Sie gelangten nach Cañor, <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>wo man gerade die Almosen
+verteilte, denn der Rhamadan war vorbei. Dann ging es über maurische
+Dörfer nach Orgiva, wo man von den Handelsleuten, die nach den Bergen
+zurückkehren mußten, Abschied nahm. Hier wartete neues Geleite für den
+Koran. Drei Ritter aus dem Geschlecht der Beni Mossad übernahmen die
+Überwachung, ältere Männer mit dem Stolz des Vertrauens auf der Stirn.
+Sie saßen in ihren weißen Burnussen auf schwarzen, erlesenen Rossen,
+den federgeschmückten Turban auf dem Haupt, die Füße in buntgestickten
+Lederschuhen, die in silbernen Steigbügeln ruhten, den Degen in der
+kunstvoll verzierten Scheide an Quastenschnüren quer über der Brust,
+und trugen so ein echt maurisches Rittergepräge zur Schau.</p>
+
+<p>In ritterlicher Weise huldigten sie auch dem Königskind. Der eine von
+ihnen war Chatib, das ist Kanzelredner, in Granada, der zweite Wali,
+ein Viertelvorsteher von Granada, und der dritte Athibb, ein Arzt. Mit
+gelehrten Reden versuchten sie die Langeweile des Rittes zu kürzen. Als
+sie in Lanjaron, der Gartenstadt, unter der schönen Burg ankamen, wo
+heute genächtigt werden sollte, trieb das Gemüt der schönen Reija schon
+die farbigsten, frohesten Blüten. Wohl wußte sie, daß sie in Andalus
+keine Rechte mit ihrer königlichen Abstammung geltend machen konnte,
+aber die Verehrung der Mauren war ihr gewiß, und das erfüllte sie mit
+einem harmlosen Stolz.</p>
+
+<p>Am andern Morgen zog man durch das Lecrintal weiter. In den Gärten
+lachte die Frucht, in den Weinbergen blinkten die Kittel der lesenden
+Frauen, da und dort tauchte ein spanischer Soldat, ein Ildsch oder
+Nasranij, wie man auf maurisch die Christen nannte, aus einer Gasse auf
+und wurde scheelsüchtig betrachtet. Die Atalaya, die Wachttürme, wurden
+auf den Höhen sichtbar, wo bei Gefahr die Feuer angezündet wurden,
+und bald stieg der Hügel von Padul vor den Blicken der Reiter auf. Da
+bebte das Herz der Königstochter. In der Ferne, von den Hitzeschleiern
+geheimnisvoll umhüllt, schimmerte Granada wie ein kostbarer
+Edelstein von der vierzehntorigen Mauer mit den tausend Wachttürmen
+eingeschlossen. Wie der Sommergarten zu <span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>Füßen des beschneiten Libanon
+lag die Stadt mit ihrem Grün unter dem Schnee der Sierra Nevada.
+Auf einem Hügel ragte der stolze Königsbau der Alhambra wie in
+rötlich schimmerndem Erzglanz auf, der Steingedanke prachtliebender
+Maurenkönige.</p>
+
+<p>Abu Atir hielt den Zug der Tiere an. „Friede mit dir, ‚Granatha‘,
+Königin unter den Bettlern, und darum von uns geliebt wie die
+Heiligtümer Arabiens! Selbst wenn wir tot sind, zieht der Hauch deiner
+Schönheit Kreise über unser Grab.“</p>
+
+<p>Die Mauren sprangen vom Pferd, legten ihre Degen ab, die Sklaven
+breiteten die Gebetsteppiche zu ihren Füßen aus, und bald darauf klang
+die preisende Andacht der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten
+zum Himmel. Dann wies der Imam nach der Stadt. „Dort blühten Glück und
+Unglück für deinen Vater, Reija, dort im Herzen der Stadt, wo Haus an
+Haus übereinandergewürfelt steht, im Rabad al Bayassin, wo der große
+Turm des Minar herübergrüßt, im Viertel der Edlen.“</p>
+
+<p>Reijas Auge wurde naß. Der Greis erklärte dem Mädchen bei der Rast
+die Geschichte der Stadt, sprach von den Kämpfen in der Vega,
+in der breiten, fruchtschweren Ebene, die ihre Schätze wie auf
+einem Riesenteppich rings um die Stadt legte, er sprach von den
+Schmerzenstagen, als die Christen mit der Gewalt ihrer Kriegsmassen auf
+die letzten Bollwerke der Mauren stießen, und wie der König, von den
+Seinen verflucht, aus Granada ziehen mußte und auf diesem Hügel von
+Padul die letzte Schau ins Land hielt.</p>
+
+<p>Die Ritter trauerten im Weh der Erinnerung. Hier war es, wo Mutter
+und Gattin den König höhnten, daß er um das weine, was zu verteidigen
+er nicht die Kraft gehabt hatte. El suspiro del Moro! Den ‚letzten
+Seufzer des Mauren‘ nannten jetzt die Spanier den durch eines Königs
+Abschiedstränen geweihten Felsen. „Hinweg, Bruder der Freude!“ verjagte
+der Imam das eigene Weh. „Madhma madha! Vorbei ist vorbei! Wo sind die
+Leute vom Stamm Ad und die von Themud? Wo die Kalifen, die auf goldnem
+Thron saßen und auf weichen Mädchenbrüsten schliefen? Auch diese
+Christenkönige sind Lehm und <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>Wasser und also der Erde untertan.“ Seine
+Rechte wies nach Nordwesten, wo kahle Höhen in den Dunst geisterten.
+„Dort liegt Cordoba, die Kalifenstadt, von wo unser Ruhm über die Welt
+ging und wo das königliche Dreigestirn Abderrhaman, Haschin und Hakem
+leuchtete. Aber es ist alles eitel.“</p>
+
+<p>Der Dunst über Granada wurde goldiger, und die rotbraune Tapia der
+Alhambra begann zu glühen. Wie erstarrte weiße Riesenfalter im Grün
+von Aloe und Kaktus blinkten die arabischen Lusthäuser. Die Königsburg
+und die siebzigtausend Häuser des andalusischen Damaskus grüßten das
+heimkehrende Kind im festlichen Abendglanz. Wie silberne Schlangen
+blitzten die Wasseradern der Vega auf, und die Oliven- und Orangenhaine
+bauschten sich polsterartig aus den abgeernteten Felderweiten heraus.</p>
+
+<p>Der Wali Mossad begann vom Hochmut der Spanier zu erzählen. Unablässig
+rann ihm das Leid von den Lippen. „Da ist einer, die rechte Hand des
+Gobernadors Tendilla, schön wie der Engel Gabriel, der Kriegsruhm
+leuchtet ihm von der Stirn, seine Augen glühen Haß den Mauren, seine
+Stimme schneidet ins Herz, und Härte ist sein Begleiter. Don Pedro de
+Solar, Grafen von Mora, heißen sie ihn, den königlichen Hauptmann. Er
+hat den Befehl über die Alhambra.“</p>
+
+<p>Reijas Hand spielte mit dem Talisman an ihrer Brust: fünf silbernen
+Fingern, die die Hauptgebete des Islams versinnbildlichten. Sie wollte
+sich durch die Berührung des Zaubergehänges vor den bösen Kräften
+schützen, die aus dieses Mannes Auge strahlen mußten.</p>
+
+<p>Als der Salzwind von Süden wehte, brach man auf, und die andalusischen
+Rosse flogen wie Wüstenpferde der goldschimmernden Stadt zu. Das
+Schlagen der Hufe, das Keuchen der Pferdeleiber, das Rasseln der
+Degen, das Geklirr der Frauenketten stimmte sich zu einem frohen Klang
+zusammen.</p>
+
+<p>Granada enthüllte sich wie eine schöne Frau. Über die Vorgartenmauern
+schlang sich die Weinrebe herab, immer mehr Volk zeigte sich auf dem
+Weg, man grüßte die edlen Mauren und <span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>staunte die verschleierten Frauen
+an. Dumpf polterten die Hufschläge über die Genilbrücke, unter der der
+wasserarme Fluß dahinschlich. Beim Mühlentor durfte der Zug unbelästigt
+die Wache passieren, denn man erkannte die edlen Beni Mossad. Hinter
+dem Tor in der engen Gasse staute sich das bunt zusammengewürfelte
+Volk. Aus allen Winkeln drängte sich ein Mischgeruch von Räucherwerk,
+Schafmist, Gewürz, Lauch, Hammelfett und Schweiß in die Nase.
+Gebetsworte surrten aus den hohen Gitterfenstern eintönig herab; es
+herrschte eine Stickluft. Es war die Antequeruela, das Viertel der
+Armen, durch das sie ritten. Maurinnen in ärmlicher Kleidung, um
+das Gesicht das heiße, im Nacken verknotete Wollzeug geschlungen,
+starrten neugierig aus den Toren nach den Reiterinnen. Barcelonische
+und genuesische Händler priesen schreiend ihre Waren an. Ein seltsamer
+Mann, in ein graues, dichtgeschlossenes Gewand gehüllt, das auf Brust
+und Rücken mit einem roten Kreuz bemalt war, bettelte sich von Tür zu
+Tür.</p>
+
+<p>„Es ist ein Ketzer,“ erklärte der Wali, „das Schandkleid der
+Inquisition, das Sanbenito, muß er bis zu seinem letzten Hauch tragen.
+An den Feiertagen steht er mit der brennenden Kerze in der Hand vor der
+Kirchentür, sein Gut ist eingezogen worden, seine Kinder sind verachtet
+von den Christen.“</p>
+
+<p>Reija schauderte zurück, dann warf sie ihm eine Münze vom Pferd herab.</p>
+
+<p>An dem Judenviertel ging es vorbei, dessen enge Gassen die Düsterheit
+des Schicksals seiner Bewohner kündeten. Auch dieses Volk hatte bessere
+Tage gesehen, als noch die Maurenkönige in Granada herrschten. Gab es
+doch sogar einen jüdischen Minister Samuel unter den Vezieren. Die
+Königin Isabella aber ließ sie alle taufen oder austreiben. Die neuen
+Christen — Maranen nannte man sie — konnten des neuen Heils nicht
+froh werden, wiewohl manche als Ärzte, Schriftausleger und Gelehrte am
+königlichen Hofe lebten. Innerlich trennte sich keiner vom alten Gesetz
+seiner Väter. Sie waren nirgends und überall zu sehen, je nachdem es
+ihr Vorteil erheischte. Mit dem Warenbeutel am <span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span>Rücken schlichen sie
+sich des Nachts in die Häuser der Mauren, um Handel zu treiben. Die
+Inquisition hatte ein wachsames Auge auf sie.</p>
+
+<p>Abgemergelte, geschäftig sich herandrängende Gestalten umringten die
+Pferde der Reiter, als sie jetzt durch die Alcaiceria, den Trödelmarkt,
+zogen. „Alles Maranen, getaufte Juden,“ erklärte der Wali, „noch unter
+Torquemada gebrandmarkt. Dabei können sie von Glück sagen, nicht
+vertrieben worden zu sein. Denn die das Schicksal erlitten, denen nahm
+man das Geld nicht nur aus der Tasche, sondern schnitt es ihnen aus
+dem Bauch, wenn man es dort vermutete. Wer eine Thora im Haus hat, ist
+verloren. Unlängst griffen sie einen, der eine Hostie gegessen haben
+sollte unter dem Schalet, einen andern, weil er sein Hemd am Sabbat
+gewechselt. Und trotzdem haben sie ihre heimlichen Winkel, wo sie
+Kaftan, Leibgurt und Käppchen versteckt liegen haben, und kommt der
+Sabbatabend, beten sie doch zu ihrem Gott, wie unsere Moriskos zu dem
+unsern. Sie leiden noch mehr als wir. Aber es wird über uns kommen wie
+über sie, wenn er kommt!“</p>
+
+<p>„Ximenes!“ erschauerte Abu Atir.</p>
+
+<p>„Die Moriskos in Toledo nennen ihn einen Geist, geschaffen aus dem
+Feuer des Samum. Gott behüte uns vor seinem Glaubenseifer, der mehr
+Glaubenstollheit ist. Man spricht davon, daß er Maurenbücher verbrennen
+will.“</p>
+
+<p>Abu Atir warf seinen Leib zurück. „Nimmer glaube ich’s. Der Segen des
+Höchsten über unsern Koran! Ich will ihm Schätze weisen, größer denn
+die Goldreste von Rusafa in Cordoba, nur auf Boabdils Koran lege er die
+Hand nicht.“</p>
+
+<p>Sie gelangten auf die große Bab al Raml, den Hauptplatz der Stadt,
+den die Spanier Bibarrambla nannten. Hier lag die Medriset, die
+Hochschule der Mauren, mit ihren zierlichen arabischen Hufeisenbogen,
+unter denen die Jünger der Wissenschaft wandelten. Vor den Hallen
+flochten Maurenweiber aus Espartogras die großen Fußbodenmatten für
+den Winterbedarf, und syrische Händler verkauften ihre Teppiche.
+Nebenan priesen die <span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>Töpfer aus Andujar ihre Vasen und schimmernden
+Azulejos, die farbigen Glasuren für die Wandtäfelung, an. Dann ging es
+durch die engen Gassen des Zacatin, wo die Gewölbe der korduanischen
+Goldschmiede lagen und das Geschrei sich zu einem ohrenbetäubenden
+Getöse verdichtete. Buntes, schillerndes Seidenzeug lag in den Basars
+der großen Caiseria vor den Augen der Mädchen.</p>
+
+<p>„Kleider, Seide!“ rief Reija in kindlicher Eitelkeit aus.</p>
+
+<p>„Degen und Schwerter!“ freuten sich die Männer, als sie an den
+Waffenläden vorbeiritten.</p>
+
+<p>Auf den Kauftischen breiteten sich die Kostbarkeiten des Morgenlandes
+aus, Spezereien, Edelsteine, Farbstoffe, Gewürze, Lederwaren, Bücher
+und das bunteste Zeug in reicher Abwechslung.</p>
+
+<p>Aber was war das? Eine Moschee, vor der braune Kuttenträger wandelten.
+Paarweise traten gebräunte Knaben unter Führung von Mönchen in den
+heiligen Raum und bekreuzigten sich, schritten nach dem Altar, wo
+das Tabernakel glänzte. Maurenknaben in der Moschee, die in eine
+christliche Kirche umgewandelt war. Abu Atir drängte das Pferd Reijas
+von der Stelle, deren Anblick sein Herz beengte.</p>
+
+<p>Durch schmutzige Krämergassen ritten sie aufwärts nach dem Albaycin,
+wo der Imam im alten Kassr, im Hause der Nassriden, das Heim für
+das jüngste Kind des Geschlechts hatte vorbereiten lassen. Vor dem
+Ostuwan, dem festungsartigen Vorbau des Palastes, über dessen Tor unter
+dem Metallfries das prächtige Stahlschild der Nassriden schimmerte,
+hielten die Rosse. Ein reichverziertes Eisengitter öffnete sich
+nach dem Sahat, dem Innenhof, wo das Gartengrün und eine wunderbare
+Blumenpracht den blitzenden Springbrunnen umkränzten. Ringsherum
+flimmerten die bunt ornamentierten Wände und Laubengänge des Hauses,
+sahen die Ajimezes, die durch ein Säulchen geteilten Fenster der
+Innengemächer, auf die lauschige Gartenstille herab. Ein betäubender
+Duft wehte aus den Rosenbeeten. Der Geist des Islams lächelte heiter
+aus jedem Bogenschwung, aus jedem Wandzierat, aus jedem geheimnisvollen
+Nischenschatten. <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span>Die arabische Ampel aus zartem Schmiedeornament
+überschimmerte mit ihrem Licht den Laubengang, und in jeder Nische
+verdampfte in kupfernen Pfannen das Rosenöl oder der Duft des
+Sandelholzes. Berbersklaven ordneten die Rasen und Wege, und als Reija
+die breite Steintreppe hinaufstieg, nachdem sie die Beni Mossad dankend
+verabschiedet hatte, kamen ihr zwei Sklavinnen entgegen, ehrwürdige
+Matronen, die ihr von nun an dienen sollten.</p>
+
+<p>Die üppige Pracht des ersten Gemaches verwirrte den Sinn des Mädchens.
+Die geometrische Kunst der arabischen Baumeister an den Wänden,
+vielgestaltig und -farbig, wie ein Linienmärchen zur Schau gestellt,
+mußte zur träumerischen Betrachtung anregen, und Reijas Phantasie
+freute sich auf die Stunden des Auskostens aller Schönheiten. Sie trat
+jetzt mit Abu Atir auf den Mirador, den maurischen Balkon.</p>
+
+<p>Zu ihren Füßen lag die lärmende Stadt, umrahmt von der grünen Vega, das
+flache Gedächer des Albaycin, die steilen Gäßchen, in die nie das warme
+Gold der Sonne tauchte, jenseits des Darro der vielfältig gegliederte
+Steinleib der Alhambra und dahinten der Schneewall der Sierra Nevada.
+Eine überwältigende Größe sprach aus dem Bild. Der Sonnentod flammte
+scharlachrot wie Liebesglut über den Dächern. Reijas Herz wurde von
+Gottesgedanken gepackt. „Wo ist der Koran?“ fragte sie wie aus heiligem
+Drang heraus.</p>
+
+<p>„Die Beni Mossad trugen ihn in die Moschee. Ali wird am Freitag zum
+erstenmal daraus lesen.“</p>
+
+<p>„Meines Vaters Koran — in Granada!“ jubelte Reija. Da fiel ihr Blick
+in die Straße auf eine hohe Gestalt in weißer Mönchskutte, der viele
+Moriskos folgten. „Wer ist das?“ fragte sie eine der Matronen.</p>
+
+<p>„Verhülle dein Gesicht fest, Blume von Andalus. Das ist der Pater Leon.“</p>
+
+<p>„Dieser ist es?“ erschauerte Reija. „Er blickt finster wie der Baum
+Sukuum, der die Hölle deckt.“</p>
+
+<p>Es pochte. Ein alter Maure mit schwer verfurchtem Gesicht <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>trat
+ehrfürchtig ein. „Allah akbar! Gott sei dir immer gnädig, Blüte des
+Alters, weiser Scheich!“ sagte er ernst, während er die Arme über die
+Brust verschränkte.</p>
+
+<p>„Gegrüßt auch du, Malik Ben Hossaim, mein Rasul, mein Bote, dem alles
+zum Segen werde. Du warst in Cordoba?“</p>
+
+<p>Der vertraute Bote bejahte, indem er die Lider bis auf eine kleine
+Spalte schloß.</p>
+
+<p>„Und du hast die letzten Bücher aus dem Schatz meines Vaters gebracht?“</p>
+
+<p>Wieder klappten die Augendeckel zu.</p>
+
+<p>„Und sonst hast du mir nichts zu sagen nach so langer Zeit?“</p>
+
+<p>Da bewegten sich die dünnen Lippen, und langsam, jedes Wort betonend,
+sagte Malik Ben Hossaim: „Ximenes kommt aus Toledo.“</p>
+
+<p>„Ximenes!“ Der Name fiel wie Eis in das gelassene Blut des Imam. Soeben
+erscholl das Idsam, der Gebetsruf, in feierlich gezogenen Tönen über
+die Dächer: Gott ist der Höchste, und ich bekenne, daß es nur einen
+einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommt zum Gebet!
+Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste! Es gibt nur einen einzigen
+Gott!</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Funftes_Kapitel">
+ Fünftes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>m Thronsaal der Gesandten in der Alhambra standen die Granden vor den
+Königen.</p>
+
+<p>In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff
+Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den
+Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach
+und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung
+vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend
+Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche
+Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten
+für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre
+Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten
+Glaubensfanatismus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span></p>
+
+<p>Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des
+Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in
+den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre
+Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner
+natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche
+Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger.
+Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten
+Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos,
+erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer
+reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und
+zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist
+der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch
+Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den
+Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben
+ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt
+zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger
+gewisser Granden zu verteidigen.</p>
+
+<p>Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in
+Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter
+Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott
+auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das
+Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner
+schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser
+Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der
+fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch
+sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der
+Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So
+blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach.</p>
+
+<p>Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht
+Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit,
+hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um
+das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>hier schluchzte
+der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des
+Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften
+und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch
+zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt,
+verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden.</p>
+
+<p>Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter
+geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen
+Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im
+rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem
+Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr.</p>
+
+<p>Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt
+des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt,
+vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des
+Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des
+Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents
+von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des
+Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier
+bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich
+freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes
+für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft
+verdoppelt den Erfolg.“</p>
+
+<p>Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den
+Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt,
+meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen
+zweier Dominikaner zu seinem Sitz.</p>
+
+<p>Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den
+Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den
+kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das
+Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu
+haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter
+der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er
+den Soldaten <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch
+erfinderischer Kopf durfte nicht feiern.</p>
+
+<p>„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter.</p>
+
+<p>Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er.</p>
+
+<p>„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor
+allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem
+Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man
+hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der
+König.</p>
+
+<p>„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“</p>
+
+<p>„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich
+durchlisten.“</p>
+
+<p>Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie
+Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“</p>
+
+<p>Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert
+an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub
+da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten
+Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser
+kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern
+liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier
+im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe
+unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der
+Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets,
+wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe
+keines äußerlichen Löwenzeichens.</p>
+
+<p>Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach
+der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der
+Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und
+suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich
+einst, von den Goten abzustammen. <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>Hat nicht ein Ahne von Euch den
+Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“</p>
+
+<p>„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz.</p>
+
+<p>„Ihr habt die Wunde an dem Hals —?“</p>
+
+<p>„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“</p>
+
+<p>„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir
+brauchen — Neapels wegen — Hauptleute, die unter dem Mars geboren
+wurden.“</p>
+
+<p>„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude — jedoch ich gestehe —
+die Ferne zieht mich an.“</p>
+
+<p>Der König blickte ungehalten. „Ihr wollt nach Hispaniola.“</p>
+
+<p>Des Ritters Augen glänzten. „Die Goldschächte von Ophir locken mich.
+Kolumbus will ins unentdeckte Bergland der Inseln dringen. Man sagt,
+daß Bobadilla demnächst hinübersegeln soll. Wenn ich es wagen dürfte —“</p>
+
+<p>Der König zog die Brauen hoch. „Verderblicher Drang! Wohin käme
+Spanien, wenn alle Ritter westindische Sehnsucht hätten! Sevilla ist
+schon halb entblößt von Edlen, Cordoba folgt nach. Nun auch Granada?“</p>
+
+<p>„Dazu ist mir der Graf zu teuer,“ warf sich Tendilla dazwischen.</p>
+
+<p>„Dann bleibt!“ befahl der König.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar trat zu seinem Sitz zurück. Über seine Stirn zog ein
+Schatten.</p>
+
+<p>Fernando rief seinen ersten Feldherrn, den großen Kapitän Gonsalvo de
+Cordoba, Herrn von Aguillar, vor den Thron. „Kann man in die Alpujarras
+dringen?“</p>
+
+<p>Der stattliche Krieger mit den Lorbeeren auf der Stirn berichtete:
+„Hinter den Barrancos liegen die alten Maurennester und die
+Schlupfwinkel der Mißvergnügten. Für die spanische Reiterei wäre der
+Boden ein zweites Malaga. Die Mauren verstehen sich auf den Bergkrieg,
+wir haben unsere Ruhmeskränze in den Ebenen Italiens gepflückt.“</p>
+
+<p>„Das klingt nicht zuversichtlich.“ Wieder sah der König düster.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span></p>
+
+<p>Da mengte sich Isabella drein. „Gebt den Mauren tüchtige Priester, und
+sie werden nicht zu flüchten brauchen. Ich will nicht ihr Blut, sondern
+den Glauben. Spanien soll einen Gott verehren.“</p>
+
+<p>Es klang wie ein schmetternder Kriegsruf. Gott, Jesus und die Jungfrau!
+Das waren die Leitsterne der Spanier.</p>
+
+<p>Aber die Stirn der Königin umwölkte sich. „Warum ziehen sich Prälaten
+und Lehensmänner auf ihre Besitzungen zurück, anstatt bei Hof zu
+dienen? Ist man schon ruhebedürftig? Satt der Lorbeeren? Mißtraut man
+uns? Will man sich in der Einsamkeit für einen Trotz stärken, den ich
+schon gebrochen glaubte? Ist meine Geistlichkeit durch die Pragmatika
+gekränkt, die ihr manches alte Recht nahm, das kein Recht uns schien?
+Ich vermisse meine Domherren von Toledo, den Bischof von Jaen und
+manchen andern. Fühlen sie sich bei ihren Weibern wohl? Man bessere es
+und lerne nicht allzuviel von den Mauren.“</p>
+
+<p>Es waren schwer anklagende Worte im Munde einer Königin. Aber die
+Granden waren die Sprache gewöhnt. Man nahm sich davon, soviel man
+wollte, und das Leben ging seinen alten Gang weiter.</p>
+
+<p>„Auch meine Ritter zürnen,“ fuhr die Königin fort. „Die Cortes
+beschlossen bisher nur, was ihnen frommte. Wer beschließt, was dem
+gemeinen Bauer not tut? Der königliche Rat ist die Ergänzung des
+Willens der Cortes. Es kann nicht ein Stand alles heißen wollen. Ist
+Spanien nicht glücklich? Mit blühendem Handel bedacht, geachtet in
+aller Welt, bestrahlt vom Kriegsruhm, beneidet um die neuentdeckten
+Länder, und nun auch bald — so hoffen wir — geeinigt in einem
+Glauben? Was wollt ihr, Granden? Zürnt ihr unserm Wunsch nach
+Schlichtheit in der Kleidung? Mögen sich die Mauren mit syrischem Tand
+behängen, euch Christen ziemt die Schmucklosigkeit. Gebt den Altären
+Schmuck und begnügt euch mit dem schwarzen Wams. Oder stoßt ihr euch
+an der Maurensteuer? Sind auch die Kriege tot, die Mauren leben noch
+und schielen nach der Berberei hinüber. Ihr seht die Gegenwart, wir die
+Zukunft. Wir brauchen <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>Geld für die Bekehrung, zum Schmuck der Altäre,
+daß diese die Mauren locken, die des Schmucks gewohnt sind. Vor dem
+Altar bricht der schöne Quell des Glaubens von selbst auf. Drum murrt
+nicht, Granden. Sprecher, vor!“</p>
+
+<p>Aus der kühl und stumm sitzenden Ritterschaft erhob sich der Herzog von
+Osuna, ein gereifter Herr. Mit dem Stolz des selbstbewußten Untertans
+trat er vor seine Könige. „Wir wollen nur, daß man in Hinkunft die
+Cortes mehr zu Rate ziehe als bisher. Und dann noch eines, erhabne
+Königin: Seid nachsichtig mit den Mauren, die unsre Güter bebauen. Sie
+sind zum großen Teil bekehrt, doch unbelehrt. Ein verfänglich Wort,
+eine Gebärde bringt sie in Verdacht des alten Glaubens. Wir verlieren
+unsre besten Kräfte, denn fleißig, bedürfnislos und willig ist der
+Maure, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Wohl zwinge ich ihn nieder,
+wenn er sich rührt. Doch der für uns in Frieden die Furchen in die Erde
+zieht, den Boden wässert, die Seidenraupe züchtet, soll auch unsere
+milde Hand zu spüren bekommen.“</p>
+
+<p>Der König sah finster. „Ist mir doch, als spräche aus Euch ein Grande
+von Aragonien. Es scheint, man nimmt bei seiner Sorge um das tägliche
+Brot den Glauben allzu leicht.“</p>
+
+<p>Der greise Erzbischof Talavera humpelte zum Thron. „O mein König, nicht
+den Glauben nehmen wir leicht, doch leicht das ungewollte Straucheln
+im neuen Glauben. Sie müssen erst gehen lernen im Christentum. Man
+kann ein Kind nicht für jeden Fall auf den Boden, den es mit seinen
+ungeschickten Beinchen tut, gleich züchtigen.“</p>
+
+<p>„Wer wollte das!“ fuhr die Königin auf.</p>
+
+<p>„Es ist geschehen,“ klagte Talavera. „Mit Drohungen drängt man die
+Moriskos in die Kirche, in den Beichtstuhl, in die Prozessionen.“</p>
+
+<p>„Man soll es abstellen,“ sagte der König unsicher. „Die Geschichte sage
+nicht, daß nur Gewalt die Herzen bändigte.“</p>
+
+<p>„O laßt mir Zeit, erhabne Königin, mir und den Mauren. Und darum —
+fast schäme ich mich, zu bitten — wenn es noch ungeschehen zu machen
+— o Gott, verwirrt ist mein Gemüt — Ximenes <span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>— wie ehre ich ihn! Er
+wirkt Wunder in Toledo — doch hier in Andalusien, auf fremdem Boden —
+o überlegt es, große Königin, mein König!“</p>
+
+<p>Isabella blickte besorgt auf den zitternden Greis, der in den Armen der
+beiden Mönche hing. „Ximenes — ist gerecht,“ sagte sie leise.</p>
+
+<p>„Es gibt etwas, das größere Wunder übt als Gerechtigkeit: Güte, Gnade!“</p>
+
+<p>„Sie sind Gottes Geschenke in Eurer Brust, Talavera. Aber ich weiß, daß
+auch die Brust Ximenes’ solche Schätze birgt. Er wird sie nützen. Auch
+kann ich mir den treuesten Diener nicht entfremden.“</p>
+
+<p>„Besser einem Diener sich entfremden als einem ganzen Volk,“ rief
+erregt Graf Orgaz, ein eifriger Maurenfreund, dazwischen.</p>
+
+<p>Der König sprang auf. „Genug der Leidenschaft um eines bösen
+Gegenstandes willen.“ Ein strafender Blick fiel auf den dreisten
+Grafen. Wollte sich der alte Rittertrotz, kaum erst gezügelt, von der
+Kette reißen? „Wie denkt Pater Leon darüber?“</p>
+
+<p>Von den Sitzen des Klerus erhob sich ein junger Dominikaner. In den
+schön durchgebildeten, scharfen Zügen lag die Härte des Eiferers,
+die hohe Stirn drohte, und unter ihr glänzten dunkle Augen auf
+bläulichweißem Grunde, Augen, deren Blickkraft die unheimliche Macht
+des Magneten hatte. Mit der Gewalt dieser Augensprache allein schon
+glaubte der Priester Seelen bannen zu können. Die kräftig gezogene
+Lippe aber verriet den Unsegen sinnlicher Geister. Eisig klang seine
+Stimme über die Versammlung hin: „Ein Franz von Assisi konnte mit
+Sanftmut Gläubige stärken, doch Heiden bekehren konnte er nicht. Allzu
+fern steht uns der Mekka-Prophet, als daß wir mit ihm Pakte schließen
+könnten. Sein Ich trieb Mohammed in die Prophetenschaft hinein, nicht
+der Geist Gottes. Er stiftete Gesetze, die seinem Wesen angenehm waren
+und seinem Volk schmeichelten. Weil es eine Religion der Bequemlichkeit
+ist, vermag sich der Maure so schwer von ihr zu scheiden, und nur mit
+Strenge hält <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>man seinen Geist an der Kette des neuen Glaubens, sonst
+schüttelt er sie immer wieder ab. Christus hat gesagt: es wird ein
+Hirt und eine Herde sein. Wer nicht in der geheimnisvollen Arche, die
+da Kirche heißt, schwimmt, wird von den Gewässern der Sünde ergriffen.
+Wir aber können keinen Menschen in der Sünde belassen. Unselig der, der
+fremden Propheten zuneigt.“</p>
+
+<p>Das religiöse Wort fuhr mächtig in die Seelen der Granden. Um Christi
+willen konnte man nichts Besseres tun, als die Leugner des Gottessohns
+hassen. Das Mitleid schwieg, da dieses Heilswort, posaunenartig aus
+eines Priesters Brust gestoßen, tief ins Herz sank. Und die Furcht vor
+der Inquisition machte vor den Herzen der Granden nicht halt. Nur der
+Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz verurteilten innerlich das
+Flammenwort des Dominikaners.</p>
+
+<p>„Alles für den Glauben!“ stürmte jetzt der Herzog von Medina-Sidonia
+seine tiefste Überzeugung hervor.</p>
+
+<p>„Alles für den Glauben!“ riefen die Granden emporspringend.</p>
+
+<p>Der Priestermund hatte das Ansehen der Kirche und der Könige
+wiederhergestellt. Mit gehobener Brust empfingen die Herrscher den Rest
+der Bittsteller.</p>
+
+<p>Durch das lautlose Spalier der Edlen schritten Fernando und Isabella
+Arm in Arm, gefolgt von den Geheimschreibern des Hofes, nach dem
+maurischen Torbogen. Als sie durch die Vorhalle des Comaresturms
+gingen, grüßte sie die von Fackeln beleuchtete Pracht des
+Wasserbeckens, das die schimmernde, durchbrochene Stuckwand und die
+Arkaden des Myrtenhofes widerspiegelte. Die Koransprüche an den Mauern
+beirrten das Herz der Könige nicht. Das alles gehörte jetzt ihnen. Sie
+hatten nicht den traurigen Ehrgeiz, Zertrümmerer der schönen Kunstbeute
+zu heißen. Denn diese selbst zeugte für die Größe des Sieges, der
+errungen worden war. Unter den rauschenden Fanfaren der Hornbläser
+schritt das Königspaar in die Gemächer der Bäder hinab, wo in der Sala
+de las Damas ein leichtes Abendessen bereit stand.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">
+ Sechstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>m Hofe des Ayscha-Hauses, dicht neben den Bädern, ergingen sich
+zuwartend jene Männer, die für eine besondere Aussprache von den
+Herrschern empfangen werden sollten.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar Graf von Mora schritt mit dem Herzog von Osuna
+erregt auf und ab. „Der König — wirklich der König?“ fragte Mora
+ungläubig.</p>
+
+<p>„Ihr möchtet wohl lieber von der Königin empfangen sein?“ lächelte der
+Herzog.</p>
+
+<p>„Es ist eine Gnade ohnegleichen. Mich auszuwählen!“</p>
+
+<p>Osuna senkte seine Stimme. „Man war heute ungnädig gegen uns.
+Vielleicht will man es gutmachen.“</p>
+
+<p>„Habt Ihr bemerkt, Herzog, wie der König sich erst meines Namens
+entsinnen mußte? Mein Geschlecht, sagt man, gelte nicht viel in seinen
+Augen. Mein Vater stand im Verdacht, allzu eifrig für die Cortes
+gesprochen zu haben. Das vergißt Fernando nicht.“</p>
+
+<p>Da trat ein Escudero mit einem Brieflein an den Grafen heran. Dieser
+errötete. Der Herzog aber lächelte wieder. „Glücklicher Mann, der die
+Gebete des Herzens wie ein Gott empfangen darf.“</p>
+
+<p>Der Graf zerriß das Schreiben, kaum daß er es gelesen. „Es wiederholt
+sich seit einer Woche jeden Tag. Ein Versegestammel arabischer
+Gefühle auf gut spanisch. Und der Page ist schweigsam wie ein
+Inquisitionsknecht. Sicherlich eine Hofdame mit einem Eulengesicht und
+einem Entengang, sonst würde sie mehr Schleier gelüftet und weniger
+Verse geschrieben haben.“</p>
+
+<p>Der Herzog von Osuna wurde nachdenklich. „Seit einer Woche, sagt Ihr?“</p>
+
+<p>„Es ist nichts Auffälliges daran.“</p>
+
+<p>„Hm — es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin,
+Leonore de Uceda, in Granada weilt.“</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>de Uceda?
+Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche
+Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern
+beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der
+Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“</p>
+
+<p>Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der
+Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte
+eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann
+lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie.
+Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht
+befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen
+würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele
+verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein
+wollten.“</p>
+
+<p>„Alles gut, Herzog — aber eine Uceda! Und gerade mich?!“</p>
+
+<p>„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt
+bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter
+nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige
+Damen bereit?“</p>
+
+<p>„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der
+Graf.</p>
+
+<p>„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als
+das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln
+war ein gewagtes Stück.“</p>
+
+<p>„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem
+meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“</p>
+
+<p>„Ihr kennt Kolumbus?“</p>
+
+<p>„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in
+Salamanca.“</p>
+
+<p>„Ihr wart in Salamanca?“</p>
+
+<p>„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und
+Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der
+ganz Kastilien spricht.“</p>
+
+<p>„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“</p>
+
+<p>Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro
+de Solar zum Herrscher.</p>
+
+<p>Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen
+Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor
+dem schlanken Ritter.</p>
+
+<p>Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen
+Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast,
+das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um
+die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf
+grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also?
+Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel
+nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit
+einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu
+besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert.</p>
+
+<p>Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte
+es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente
+und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke
+ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von
+unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft.</p>
+
+<p>Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser
+stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in
+diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder
+in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen
+Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell
+die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“</p>
+
+<p>„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora.</p>
+
+<p>„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus <span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>dem
+Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie
+leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz —“</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar verneigte sich verwirrt. „O mein gnädiger König!“</p>
+
+<p>„Doch — Ihr seid — unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern
+und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“</p>
+
+<p>„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie
+gaben mir nur Blicke, keine Seele.“</p>
+
+<p>„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“</p>
+
+<p>„Und dann“ — der Graf errötete —, „ich bin, was Schönheit angeht,
+verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“</p>
+
+<p>„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen.
+Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch
+glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen
+sahen. Kennt Ihr — Leonore de Uceda?“</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in
+einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als
+hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm
+diese Schmach —? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit
+anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was —
+habe ich getan — daß man mich — so zu — ehren sucht?“</p>
+
+<p>„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht
+kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich.</p>
+
+<p>„Ich kann dieses — Geschenk nicht annehmen.“</p>
+
+<p>„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst.</p>
+
+<p>„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu
+sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“</p>
+
+<p>„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr
+verschmäht — was — ich geliebt?!“</p>
+
+<p>„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen
+<span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine
+Enttäuschung erleben.“</p>
+
+<p>Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln,
+die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich.
+Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen
+würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern
+auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer
+Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen
+Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann,
+der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein
+empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen,
+so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren
+König geliebt —“</p>
+
+<p>„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte
+Graf de Mora.</p>
+
+<p>Der König wurde weich. „Schön gedacht — doch das Leben fordert
+Entsagungen. Wenn ich mich nun meines Innersten entäußere, so schätzt
+die Ehre, die Euch zuteil wird. Wenn Ihr plaudert, seid Ihr verloren.
+Ich habe eine Königin, ein herrliches Weib, ein gutes Weib, erfahren
+und geschickt, staatsmännisch klug und beim Volk beliebt. Ritter
+opferten ihr Leben für sie — und dennoch — ich habe neben ihr noch
+andere geliebt. Ich altere und möchte das Sündenleben abgeschlossen
+sehen um meiner Königin willen, möchte Gewesenes vergessen sein lassen.
+Doch will ich nicht dabei verletzen, will erheben, will den schönen
+Schatz nicht in Klostermauern begraben, sondern ans Herz eines Mannes
+betten, der Mitwisser meines Leids geworden, aber zugleich Erlöser sein
+kann. Eures Königs Schuld liegt vor Euch. Ihr habt in einem — darf ich
+sagen seligen? — Augenblick ein Bild gesehen, das sonst Sterblichen
+verwehrt ist. Euer König hat sich eines Gefühls begeben, er hat Wunden
+aufgerissen, die ihn schmerzten. Habt Ihr, Graf, jetzt noch den Mut,
+Euern Ehrgeiz höher zu stellen als Eure Herzenspflicht?“ Der König sah
+den Granden durchdringend an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>Don Pedro de Solar sah zu Boden. Er ward zum Zeugen königlicher Reue
+gemacht. Doch in der Schwäche seines Herrn wurde er selbst stark. Er
+stand als der Tugendhaftere und deshalb Beneidete vor ihm. Durfte er
+sich also erniedrigen und eine Hand erfassen, die trotz der Königsliebe
+unrein war? Die weggeworfene Frucht, wenn sie auch einen König
+erfrischt hatte, als eine unversehrte hinnehmen? Durfte er Tröster
+eines weiblichen Herzens werden, das seine Weiblichkeit zerbrochen?
+Kein Kuß mehr wusch die Schmach der königlichen Umarmung weg. Es
+gab freilich Beispiele aus des Königs Pedro Zeiten, den Spanien den
+Grausamen hieß, Beispiele, die dem Ritter alle Bedenken zerstreuen
+konnten, Beispiele ähnlicher Händel, die doch nicht entwürdigt und die
+Händler sogar vor aller Welt ausgezeichnet hatten. Aber wer sicherte
+sie vor dem Fluch der Nachwelt? Und was galten sie vor dem Stolz des
+kastilischen Edelmannes? Der Graf besann sich nicht lang. „Ihr wollt
+verschenken, was neben der Königin Euch am teuersten war? Darf ich
+wagen, Euch zu bitten, Königliche Hoheit, einen andern zu beglücken?“</p>
+
+<p>Des Königs Blick schoß Zorn auf den Ritter. „Und wenn ich Euch zwänge?“</p>
+
+<p>„So müßte ich der Welt wissen lassen, wie sich der König seiner
+Ritter bedient, um Liebesschulden aus seinem Leben zu tilgen. O meine
+Königliche Hoheit, ich fühle die Bedrängnis dieses hohen Herzens, doch
+— Ihr könnt keinen Ungeschickteren wählen. Ich bin hart, streng,
+versteh es nicht, auf den weichen Saiten einer Frauenseele zu spielen,
+mein Sinn ist unstet, drängt nach Mannestat. Ich schwöre es, keinem
+Menschen anzudeuten, was diese Stunde mir geoffenbart.“</p>
+
+<p>„Bei Gott und Santiago — das traf!“ sagte der König klanglos. „Doña
+Leonore wird das Herz brechen.“</p>
+
+<p>„Sie weiß — von dieser Stunde —?“</p>
+
+<p>Fernando nickte.</p>
+
+<p>„O Gott — die Briefe — Verse —?“</p>
+
+<p>Abermals nickte der König. „Behandelt sie mit größter Achtung, wenn Ihr
+jetzt zu ihr geht.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span></p>
+
+<p>„Ich soll —?“ erschrak Don Pedro de Solar.</p>
+
+<p>„Dies wenigstens werdet Ihr mir nicht versagen,“ bat der König ernst.
+Er wies nach einer kleinen Tür. „Hier kommt Ihr auf einen andern
+Korridor. Im ersten Zimmer rechts wartet jemand auf Euch, der Euch
+die andre Hälfte dieses Apfels weisen wird.“ Der König nahm von einer
+Fruchtschale die Hälfte eines rotbackigen Apfels. „Es ist ein Zeichen
+des Verständnisses.“</p>
+
+<p>„Der Gang ist schwer für mich. Doch mein König befiehlt.“ Der Graf
+verneigte sich und ging. An der Tür hielt ihn der König auf. „Noch
+eins: Ihr dürft nach Hispaniola segeln.“</p>
+
+<p>„Oh, wie soll ich danken — die unverdiente Gnade —“</p>
+
+<p>„Es ist nur Vorsicht, nicht Gnade. Wir wollen nicht gern dem Menschen
+in die Augen sehen, der uns schwach erkannt. Geht.“</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar stand in einem kleinen Korridor. Er überlegte.
+Sollte er wirklich mit dem Weibe fertig werden, das so seltsam um ihn
+warb? Aber er sah ein, daß es ihm ziemte, der Dame, die er verschmäht,
+Gründe anzugeben, ohne sie zu beleidigen. Doña Leonore hatte Anspruch
+auf dieselbe Wahrheit, wie sie der König bekommen hatte. Mit klopfendem
+Herzen näherte er sich der Tür, die halb offen stand. Er wurde also
+erwartet. Im nächsten Augenblick rieselten ihm süße Schauer durchs Mark.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">
+ Siebentes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>er Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin.
+Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks,
+aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer
+Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen
+Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen
+sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus
+mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der
+Graf jetzt mit den Augen trank.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl
+hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer
+Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen
+Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder
+baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die
+goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der
+Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und
+das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña,
+die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die
+Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen
+die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden
+Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten
+Geschöpfe gemacht.</p>
+
+<p>Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol
+noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem
+von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus
+den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten
+an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen
+Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten
+konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken
+heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die
+zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den
+goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern
+zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie
+Unheil.</p>
+
+<p>„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt
+— in der Tat — das hätte ich am wenigsten erwartet.“</p>
+
+<p>„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora.</p>
+
+<p>Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine
+dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige
+Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche
+Haltung waren Eigenschaften, die ein <span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span>liebebegieriges Weib entflammen
+konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in
+Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den
+kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären
+und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und
+verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann
+sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch
+fesselnder.</p>
+
+<p>„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche.
+Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich
+möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen,
+deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte.</p>
+
+<p>„Und — wie wollt Ihr — behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu
+sich kommend.</p>
+
+<p>„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß
+sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an
+Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“</p>
+
+<p>„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen.</p>
+
+<p>„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“</p>
+
+<p>Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr
+ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in
+Gefahr.“</p>
+
+<p>Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als
+Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als
+Freundin ein.“</p>
+
+<p>„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die
+verführerischen Augen.</p>
+
+<p>„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe
+heraus.</p>
+
+<p>„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum
+daß ein Anfang gemacht war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span></p>
+
+<p>„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“</p>
+
+<p>„Und dazu diese — Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale.</p>
+
+<p>Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte,
+Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro — versteht Ihr
+so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart
+beim König.“</p>
+
+<p>„So wißt Ihr alles.“</p>
+
+<p>Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das
+ist, was Ihr mir zu sagen habt?“</p>
+
+<p>„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit
+sein eigen nennen soll.“</p>
+
+<p>„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen
+bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“</p>
+
+<p>„Nun denn — ich beneide den — König.“</p>
+
+<p>Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten
+Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase
+schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann
+bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure
+Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß
+man die Wache ruft.“</p>
+
+<p>„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“</p>
+
+<p>„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“</p>
+
+<p>„Doña Leonore — ich schätze Euch — den König, aber ich kann nichts
+tun, um Euch — glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel
+haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle
+verschrieben habt.“</p>
+
+<p>Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib
+zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes.</p>
+
+<p>Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore — es ist ein Unwürdiger,
+um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es
+sein könnte.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p>
+
+<p>„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre
+sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen.</p>
+
+<p>„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“</p>
+
+<p>„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch!
+Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie
+erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter
+Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum,
+genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien!
+Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in
+Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den
+Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken
+der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe
+— liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich
+verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“</p>
+
+<p>Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der
+Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte
+sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor.
+„Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“</p>
+
+<p>„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer
+Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte
+ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren
+Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann:
+Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht
+einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit
+blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir
+vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir,
+hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht
+das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit
+solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das
+war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine
+Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“</p>
+
+<p>Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s
+heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie
+zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre
+Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht
+diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen.
+Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König,
+mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden
+wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von
+Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht
+gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie
+heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin.
+„O Gott — verzeiht mir — Eure Schönheit — ich will — gebt mir
+Bedenkzeit —“</p>
+
+<p>Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich —? Nicht stürmen wollen?
+Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr — o begreift
+Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist?
+Diese Schmach richte der König!“</p>
+
+<p>Der Graf sprang auf. „Ich komme von ihm. Er weiß alles.“</p>
+
+<p>„Und er?“ Ihre Blicke durchstachen ihn.</p>
+
+<p>„Ich darf nach Hispaniola segeln.“</p>
+
+<p>Da senkte Doña Leonore das Haupt. „Das bricht meinen Stolz,“ sagte sie
+leise, wie in Wehmut aufgelöst. „Ich ahne nun alles. Ihr liebt eine
+andre.“</p>
+
+<p>Der Graf schüttelte das Haupt. „Ich liebe kein Weib. Der Verdacht ist
+begreiflich. Aber dann wäre es mir leicht, Euch auszuschlagen.“</p>
+
+<p>„Was also gefällt Euch nicht an mir?“ Sie ließ mit wollüstigem
+<span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span>Begehren die Lippen halbgeöffnet spielen. Durch das Netz der Mantilla
+schimmerte die wogende elfenbeinerne Haut.</p>
+
+<p>„Ich bin für ein Weib nicht geschaffen. Und wenn Ihr der himmlische
+Engel selbst wäret —“</p>
+
+<p>„Und das sagt dieser, den die schenkende Natur mit allen Vorzügen
+des Geistes und des Körpers gebildet! Quäler, besinne dich, ehe ich
+mich entschließe, auf dich zu verzichten.“ Ihr Auge schillerte in
+schwärzlichgrünen Lichtern, und der Graf mußte unwillkürlich an die
+Schlange denken, die ihre Opfer vor dem Anfall bestarrt.</p>
+
+<p>„Laßt die Zeit Helfer sein. In den nächsten Tagen schiffe ich mich ein
+— Hispaniola soll —“</p>
+
+<p>„Unselig Land, das uns die Besten weglockt! Verflucht sei Kolumbus, der
+uns Frauen arm macht!“</p>
+
+<p>„Das Leben unter einer andern Sonne muß schön sein. Hier drückt die
+Luft, zermürbt der soldatische Gehorsam den Menschen. Ich möchte aus
+der Schule der Manneszucht endlich ins Leben selbst übergehen.“</p>
+
+<p>„Leben ohne Frauenliebe?“ Ihr Wollustatem stöhnte leise zwischen den
+Zähnen, und sie zerrte an der rosafarbenen Schleife über dem Busen.</p>
+
+<p>„Vielleicht bleibt mir das kostbare Geschenk Liebe für eine Zeit
+aufbewahrt, da ich es besser zu schätzen weiß.“</p>
+
+<p>Verlangen und Scham kämpften in ihren letzten fordernden Blicken.
+„Mein Blühen währt nicht ewig. Verwelkte Blumen wird ein Graf de Mora
+nicht einmal mehr bemitleiden können, wenn er die Kraft nicht hat, die
+blühenden zu lieben. Verflucht seien meine Reize, wenn sie so machtlos
+sind.“ Sie sprang auf. „Ihr habt mich würdelos gesehen. Eine Frau
+vergißt das nicht. Eure Augen waren die Zauberformel für mein Unglück,
+aber ich werde diese Augen zu vergessen suchen. Weh Euch, wenn ich’s
+nicht vermag oder wenn ich dahinter komme, daß Euch andre Gründe,
+verschwiegenere, bestimmten — Gründe des gebundenen Herzens —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>Graf de Mora lachte auf. „Dann kann ich sicher ruhen. Ich liebe kein
+Weib. Bin ich entlassen?“</p>
+
+<p>Ihre Augen wichen ihm aus. Aber sie gab den Kampf um ihn auf. Mora
+wollte in einer Aufwallung zärtlichsten Mitleids ihre Hand ergreifen.
+Sie entzog sie ihm. „Mögt Ihr nie bereuen, diese Stunde so geendet zu
+haben. Lebt wohl!“</p>
+
+<p>Hinter dem Grafen schloß sich die Tür. Leonore wankte nach einem
+Sessel. Sie hatte das Gefühl eines fürchterlichen Erwachens. Sie, die
+eines Königs Liebe besessen, hatte würdelos um eines Mannes Liebe
+gerungen. Wo war ihr Stolz im chaotischen Sturm der Sinne geblieben?
+Und doch fühlte sie, daß nur der innerliche Schrei des Tiers, das
+Aufzucken wilder Mächte in ihr, die ererbte Begierde, die nach dem
+Manne schlechtweg fieberte, diese Stunde herbeigeführt hatte. Der
+unersättliche Trieb der Malagueñas loderte in ihr, der im Lande
+sprichwörtlich war. Man sagte den Frauen aus Malaga nach, sie hätten
+vom Meer die Wildheit und Wandelbarkeit gelernt. Doña Leonore empfand
+es als eine Schmach, daß dieser Ritter gegen sich und sie ankämpfte.
+Dann blieb ihr nur eines mehr: zu hassen, wo sie nicht lieben konnte.
+Es war der selbstverständliche Schluß ihres weiblichen Gefühls, den ihr
+Verstand unterschrieb.</p>
+
+<p>Sie ordnete ihr Haar, trocknete die verweinten Augen, salbte ihre
+geröteten Wangen und wurde wieder eitel. Sie mußte zum König. Aber
+sie mußte als Stümperin vor seine Augen treten. Der König hatte sich
+in der Macht ihrer Reize verrechnet. Er würde sie wohl auf eine
+andre Weise zärtlich verabschieden. Tröstungen der Einsamkeit —
+die Franziskanerinnen von Santa Isabella haben schöne Gärten — und
+Kastanienwälder —. Sie schauerte zusammen. Und plötzlich überfiel sie
+der Gedanke an den Mann, der einst ihre Kleinheit aus dem Schatten
+zur Größe gehoben hatte: Pater Leon. Sie wollte den halbvergessenen
+Dominikaner um die Entwirrung ihrer Liebesfrage angehen. Er hatte mehr
+als ihr Herz in ihrem Leib gesehen. Und ihm verdankte sie die Nächte in
+einem Königsbett.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">
+ Achtes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>er Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de
+Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer
+Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden
+Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in
+den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen
+Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die
+Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken.</p>
+
+<p>Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen
+Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche,
+aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein
+freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen,
+und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts
+Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In
+klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das
+Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen
+sollen?</p>
+
+<p>Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch
+betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er
+durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von
+Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten.</p>
+
+<p>Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren
+blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen,
+schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des
+Imams Auge verdunkelte sich.</p>
+
+<p>„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger
+begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder
+einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns
+Wege der Beredung zeigen.“</p>
+
+<p>Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>ein großer
+Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen
+zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren
+Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen.</p>
+
+<p>Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem
+Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch
+wohl in unserm Glauben?“</p>
+
+<p>„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche
+Maure.</p>
+
+<p>„Wer bekehrte Euch?“</p>
+
+<p>„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure
+Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie
+würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber
+eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den
+Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand.
+Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und
+sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“</p>
+
+<p>Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit
+schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit
+sich zu ziehen.</p>
+
+<p>Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der
+Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“</p>
+
+<p>Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit,
+der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die
+Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein
+Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten
+Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten
+Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen
+Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen,
+überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in
+dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’
+Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher
+Einbildungskräfte. In <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>der Franziskanerzelle, in der Waldklause von
+Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter
+dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das
+Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst
+maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem
+irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben
+die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen
+ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne
+der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam
+zerfiel.</p>
+
+<p>Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen
+Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds
+Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot.
+Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre.</p>
+
+<p>Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den
+Königen allein.</p>
+
+<p>Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner
+geliebten Leonore.</p>
+
+<p>Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß
+des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille
+entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch
+den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß
+eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur
+auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden,
+der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug.</p>
+
+<p>Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte
+erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im
+Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der
+Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer
+sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es
+nagte an dem fanatischen Priesterherzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach.
+Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der
+einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte
+sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen
+Habsburger Prinzen verheiratet war.</p>
+
+<p>„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten
+beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner
+Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz
+Eurer Feinde.“</p>
+
+<p>Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück.
+Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen
+Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König
+brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den
+Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren
+zu verteidigen.“</p>
+
+<p>Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und
+sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische
+Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen
+Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten
+bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme.
+„Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen
+trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt
+die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher
+vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den
+Mönch Ximenes hierher berufen?“</p>
+
+<p>„Beides,“ sagte die Königin.</p>
+
+<p>„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht.
+Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir
+brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren
+außerhalb unseres Glaubens.“</p>
+
+<p>„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr
+könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre
+daran nichts zu ändern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.</p>
+
+<p>Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes
+zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch
+Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“</p>
+
+<p>Ximenes dankte innig. „Ich habe den Großinquisitor Deza gesprochen.“</p>
+
+<p>Wie staubige dicke Luft drückte der Name auf das Gemüt der Könige.</p>
+
+<p>„Er hat mir Vollmachten erteilt. Es wäre wünschenswert, wenn die
+königlichen Befugnisse sich mit seinen deckten.“</p>
+
+<p>„Sie sollen es,“ sagte Isabella gefügig.</p>
+
+<p>Ximenes stach mit zwingenden Blicken in das Herz der Regentin. „Noch
+kennt Ihr die Vollmacht nicht. Aber es ist freilich oft besser, wenn
+Könige über gewisse Dinge nicht viel erfahren, sie haben dann weniger
+Verantwortung vor der Menschheit.“</p>
+
+<p>„Und auch vor Gott?“ fragte der glaubensstarke Herrscher.</p>
+
+<p>„Wir nehmen die Angst der Könige auf unser Gewissen.“</p>
+
+<p>„Mit welchem Recht?“</p>
+
+<p>„Mit dem Recht des Stärkern. Wir glauben so fest, im Namen unseres
+Gottes zu handeln, daß kleinliche Bedenken unsere Handlungen
+nicht beschränken können. Wir nehmen doch auch die Handlungen der
+— Inquisition auf unser Gewissen. Die sechstausend brennenden
+Menschenfackeln des Torquemada, die zehntausend im Bildnis Verbrannten,
+die hunderttausend sonstig bestraften Christen — das sind Zahlen, die
+Könige mit weltlichem Sinn nur schwer verantworten könnten. Anders
+ist es, wenn das Gewissen der Könige unter der Vormundschaft der
+gottgewollten katholischen Kirche steht. Welchen Reichtum verdankt
+uns das königliche Haus! Die eingezogenen Güter der Maranen haben den
+Kronschatz beträchtlich vermehrt. Könige brauchen Geld. Wir können es
+nicht mehr den Kisten getaufter Juden entnehmen. Die Moriskos sind
+einfältiger.“</p>
+
+<p>Isabella legte erblassend die Hand aufs Herz. „Ist das Euer Ernst?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>„Ich sehe betroffene Mienen,“ sagte der Kanzler kühl. „Das schwankende
+Gemüt der Einfältigen ist unser Feind und — Freund. Fließt nicht
+aus der strengen Ordnung reichlicher Gewinn in den Königsschatz?
+Ein Fünftel des eingezogenen Gutes gehört den Königen. Wollen die
+königlichen Hoheiten nur lässige Verwalter eines so schönen Vermögens
+besitzen? Und was sagte einst Pater Albarca, als Kolumbus die
+hispaniolischen Länder entdeckte? ‚Die Entdeckung neuer Länder war
+Gottes Lohn an die Könige für die Unterjochung der Juden und Mauren.‘
+Im selben Jahr, da wir Granada eroberten, entdeckte Kolumbus das neue
+Reich für die Könige. Wunderbare Fügung Gottes! Sichtbarer konnte
+sich der Himmel nicht offenbaren. Der Glaube des Kolumbus eroberte
+Westindien. Soll der Glaube der Könige schwankender sein?“</p>
+
+<p>Fernando spielte unruhig mit den Fingern. Der Gedanke an die
+Bereicherung durch die Inquisition drängte alle sittlichen Bedenken in
+den Hintergrund. Zum Überfluß deckte dieser Priester vor ihm mit seinem
+Hirn die königlichen Gewissen. „Ihr versteht zu überzeugen,“ sagte er
+mit schwerem Atem.</p>
+
+<p>„Ich bekomme Vollmacht?“ Der Eifer des Primas suchte den Augenblick zu
+erhaschen.</p>
+
+<p>Der König nickte.</p>
+
+<p>Ximenes atmete auf. „Wir brauchen noch vornehme Mauren zur Bekehrung.“</p>
+
+<p>Fernando dachte nach. „Da sind die Abencerragen — aber dem Boabdil zu
+stark verpflichtet. Die Beni Mossad — alle in hohen Ämtern, aber zu
+strenge Mohammedaner. Dann wäre — wie hieß er nur — Leon sprach mir
+von ihm — er ist erst seit kurzem hier — die Mauren verehren ihn wie
+einen Santon, einen Heiligen.“</p>
+
+<p>„Vielleicht ein Imam?“ fragte Ximenes.</p>
+
+<p>Die Königin entsann sich des Mannes. „Ihr meint Abu Atir. Wenn er auf
+der Straße geht, folgt ihm ein Schwarm gelehrter Mauren.“</p>
+
+<p>„Ich muß ihn sprechen,“ sagte der Kanzler rasch. „Ein <span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>Moseswort zur
+rechten Zeit öffnet einem Felsenquell den Weg.“ Dann besann er sich.
+„Noch eines. Die allzu große Nähe eines Königs bei den Untertanen macht
+leicht mitleidig und nachsichtig. Die Edikte, aus der Ferne gegeben,
+werden von einem strengern Geist diktiert sein.“</p>
+
+<p>„Ihr sollt sie von Sevilla empfangen,“ sagte der leicht beeinflußbare
+König. „Wir reisen.“</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">
+ Neuntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">M</span>önche zogen durch Granada, trugen ein Marienbild, sangen dunkle
+Psalmen und umräucherten das kunstlos verfertigte Abbild der heiligen
+Jungfrau. Jedermann mußte es wissen: das Bild wurde auf der Silla del
+Moro in der Nähe eines alten Palastes gefunden, und daher erschien
+es gottgesegnet. Man ließ es sofort weihen und im feierlichen Umzug
+nach der Alhambramoschee bringen, wo jetzt die großen Messen gelesen
+wurden. Bald raunte man sich zu, das Bild habe Kranke geheilt, die am
+Wege lagen, welchen die Prozession ging. Ein Wunderbild! lief es durch
+die Gassen. Das Königspaar begleitete das Bild. Es war der letzte
+feierliche Akt vor der Abreise nach Sevilla.</p>
+
+<p>Die Sonne stand hoch. Der Staub warf Wolken um die Ornate der Priester.
+Spitz klangen die Glöckchen der Meßknaben.</p>
+
+<p>Der Graf de Mora führte seine gelben Lanzenreiter zu seiten der
+Prozession. Die gaffenden Mauren bewunderten sein herrliches Pferd,
+einen weitnüstrigen Renner mit dichtem Schweif. Und der Reiter, gleicht
+er nicht dem Cid oder einem Palatin? Hinter den vergitterten Fenstern
+starrt manch dunkles Auge und brennt manch heimlicher Wunsch.</p>
+
+<p>Da stockt der Zug der hymnensingenden Kinder. Aus einer Nebengasse
+Geschrei, Fliehen, Menschengewirr — dann Hufegepolter. In die Menge
+rast ein Pferd ohne Reiter. Knäuel — schreiende Haufen — starke
+andalusische Arme bändigen das Tier.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span></p>
+
+<p>Graf de Mora drängt plötzlich heran. „Wem gehört das Pferd?“</p>
+
+<p>Die Mauren flüchten vor ihm. Einer zeigt in die Gasse, die nach dem
+Albaycin ihr Loch öffnet. „Nashun! Nashun! Ein Unglück!“ geht es von
+Mund zu Mund.</p>
+
+<p>Ein Maure drängt sich aus dem Knäuel von Leibern, hinter welchem ledige
+Pferde am Zügel gehalten werden. „Ein Mädchen stürzte vom Pferde, Sidi.“</p>
+
+<p>„Wenn es nicht mehr ist!“ Der Graf will weiterreiten. Da öffnet sich
+der Kreis der neugierigen Menschen, und der königliche Hauptmann sieht
+ein reichgekleidetes Mädchen in der Maurentracht am Boden liegen,
+daneben kniet ein bibelhaft ehrwürdiger Greis mit Samaritergebärden,
+Männer und Frauen in Neugier zusammengeklumpt.</p>
+
+<p>Eine Maurin! schießt der Haß durch des Grafen Gemüt. „Macht Platz!“
+fordert er. Und er sieht nun das Weib näher an. Mit vorsichtiger Hand
+zieht eben der Greis den Schleier von dem Gesicht, das bleich mit
+geschlossenen Augen auf dem Arm einer Dienerin liegt.</p>
+
+<p>„Meine Charka, mein Liebling — sag’, daß du lebst — öffne die Augen
+— lebe, lebe! Allah akbar! Gott ist groß! Lebe, lebe, meine Reija!“
+Die Angst bröckelt sich von den Lippen des Alten. Und neben ihm heult
+eine Sklavin.</p>
+
+<p>Der Graf sitzt regungslos im Sattel. Das Gejammer rührt ihn nicht.
+„Warum mußtet Ihr gerade jetzt ausreiten, da die Prozession geht?“
+fragt Don Pedro de Solar. Wenn es nach mir ginge, denkt er hinzu, diese
+Mauren müßten büschelweise ihre Haare lassen. Aber dabei wendet er
+keinen Blick von dem braunbleichen Gesicht am Boden.</p>
+
+<p>Der Greis deckt den Schleier sorgsam über die Wangen des Mädchens. Und
+im nächsten Augenblick horcht sein Ohr an der Brust der Ohnmächtigen.
+„Sie lebt!“ Es reißt seinen Oberleib auf, Freude strahlt in seinen
+Augen. Sie lebt! Sie lebt! Die Burnusse fliegen hin und her.</p>
+
+<p>„Wer ist der Greis?“ fragt Mora einen Mauren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>„Er gibt uns das Brot des Himmels, legt den Koran aus — Abu Osmin Ben
+Atir — oh, daß du das nicht weißt, Sidi.“ Die Umstehenden schauen
+verwundert. Nein, daß er so was nicht weiß!</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar wendet sein Pferd. Das also ist der Imam! Der
+Glaubensnährer der Irrgläubigen! Und das junge Mädchen — ein
+Enkelkind? Eine Favoritin? Der Graf drängt sein Roß zur Prozession
+zurück. Seine Gedanken versuchen sich in die Gesänge der Mönche
+einzuweben. Aber der sonderbare Greis will ihm nicht aus dem Kopf.
+Und das Mädchen —? Was kümmert ihn das alles? Er ruft seinen
+Lieblingsheiligen, den Mann von Assisi, an. Gebetsbrocken fliegen von
+seinen Lippen.</p>
+
+<p>Langsam steigt der Zug die Gomeresgasse zur Alhambra hinauf. Hinter
+Berberfeigen und Kaktushecken öffnet sich jetzt der Blick nach dem
+Albaycin. Der Graf hält das Pferd an und blickt in das blendende
+Häusergewirr der Terrassenstadt hinab. Gleich darauf setzt er mit einem
+kräftigen Schenkeldruck das Roß wieder in Gang. Und dann versucht
+er aus dem Gassenzickzack die Stelle herauszufinden, wo das Unglück
+geschah. Ob sie wohl noch daliegt? huschte es durch die Gebete an den
+Blumenheiligen. Welch ein Glück, einmal das unverhüllte Antlitz einer
+Maurin — pah! Sein Pferd bäumt sich unter dem Druck des Stachelsporns.
+Dieser wilde Hauptmann stört die Weihe der Prozession. Selbst das
+blumengeschmückte Bild der Jungfrau schwankt in der Luft hin und her,
+als litte es an der Unruhe des Reiters in seiner Nähe.</p>
+
+<p>Vor dem Tor der Gerechtigkeit empfing Ximenes das Bild mit dem
+Allerheiligsten. Alle Glocken läuteten. Die Menge sank aufs Knie.</p>
+
+<p>Des Grafen Gedanken lagen nicht unter dem Segen des Primas. Er spielte
+mit dem Namen Agarenos, mit dem der Spanier die Mauren als Nachkommen
+der Hagar bezeichnete. Ob wohl Hagar auch so schön&#8239;—</p>
+
+<p>Die Ministrantenglöcklein bimmelten. Die Leute erhoben sich. <span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>Don
+Pedro de Solar hatte noch immer die Degenspitze zur Huldigung gesenkt.
+Erst der Krach aus der Donnerbüchse auf dem Velaturm ließ ihn
+zusammenschrecken.</p>
+
+<p>Die feierliche Besitznahme des Wunderbildes war zu Ende. Der Graf
+entließ seine Reiter und schritt in seine Behausung in der Torre de las
+Damas in der Alhambra. Hier empfing ihn sein Lieblingsdiener Chispazo,
+ein aufgeweckter Dörfler aus der Vega, und dieser schnallte ihm die
+Rüstung ab.</p>
+
+<p>Die harte Natur des Grafen paßte wenig in die Weichheit des kühlen
+Raumes, der sich mit seinen Ajimezesfenstern gegen die grüne
+Gartenpracht des Generalifes, des Lustschlosses der maurischen
+Könige, und auf den Albaycin öffnete. Die flimmernden Stuckornamente
+zauberten wollüstige Stimmungen hervor, die zu dem Weiberfeind im
+grellen Gegensatz standen. Don Pedro de Solar wußte mit diesem Sinn
+für schillernde Farben, verschlungene Linien und geometrische Figuren,
+mit dieser Anhäufung von Bogen über Bogen, mit diesen spielerischen
+Säulchenfenstern aus Jaspis und Marmor nichts Rechtes anzufangen. Ja,
+er haßte diese üppig wuchernde Phantasie, die Männer umgeworfen und
+ein ganzes Reich zerstört hatte. Der Mauren Geist unterwarf sich den
+Sinnen, meinte er, und was diese wollten, gestaltete jener. Ihr Trumpf
+war Genußsteigerung auf allen Gebieten der Lebensfreude, trotzdem
+Mohammed seinen Jüngern Mäßigkeit und allerlei Verbote gegeben hatte.
+Das Volk nahm von seiner Religion das, was ihm bequem war, und die
+Kalifen waren die Vorbeter dieser Bequemlichkeit.</p>
+
+<p>Der Graf ließ sich den Schweiß vom Leib reiben. Kühl wehte es von
+den Mauern, während draußen die Sonne ihr Gold über Buschwerk und
+südländische Gartenpracht warf. Das Generalife leuchtete mit seinem
+Gemäuer wie Schnee aus der dunklen Zypressen- und Myrtenumrahmung. Der
+Graf hatte kein Herz für den Gartentraum poetisch sinnender Emire, und
+nur die Freude an Abenteuern steckte ihm vom Großvater her im Blut,
+der einst auf maghrebischem Boden allerhand wilde Fahrten unternommen.
+Das unverspottete Rittertum hatte es ihm angetan. <span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>Lanzenwerfen,
+Armbrustschießen, Degenkreuzen, Rosse tummeln, Heilige beschützen —
+das betrieb er mit der ernsten Seele des Kastiliers. Und solche Männer,
+meinte er, brauchte das neue Land jenseits des Ozeans. Lieber heute als
+morgen wollte er hinüber.</p>
+
+<p>Morgen? Heute? — In wenigen Tagen vielleicht — oder auch&#8239;—</p>
+
+<p>Der Graf trat ans Fenster, das nach dem Albaycin sah. Einmal sollte
+er doch wieder dort hinüberschauen, um die Marktverhältnisse zu
+untersuchen. Man sprach von Übervorteilungen. Dann gingen Gerüchte,
+daß Berber gekommen seien. Die afrikanischen Gäste liebte der Spanier
+nicht. Sie erinnerten die Mauren allzusehr an schönere Zeiten.</p>
+
+<p>Draußen tönte die helle Stimme seines Freundes Hernando de Rojas.</p>
+
+<p>„Pedro, Pedro, ich hab’s!“ Der Lizentiat stürmte erregt herein.</p>
+
+<p>„Was hast du?“</p>
+
+<p>„Ich trank den Montillo in der Venta der schönen Hexe Dolores —“</p>
+
+<p>„Das ist alles?“ fragte enttäuscht der Graf.</p>
+
+<p>„Und da konnte ich die Inschrift entziffern.“</p>
+
+<p>„Bei Santiago! Was meinst du für ein Ding?“</p>
+
+<p>„Die westgotische Inschrift des Königs Witterich über die Erbauung
+einer Kirche an der Mauer der Königsmoschee.“</p>
+
+<p>„Wenn das die ganze Ausbeute deines Schenkenbesuches ist!“</p>
+
+<p>„Den Kuß der braunen Dolores nicht zu vergessen. Ach, was weißt du
+von dem Taumel, der die ganze Wissenschaft von Salamanca bis Upsala
+ergreifen wird. Du bleibst kalt wie ein — kastilischer Graf.“</p>
+
+<p>Das leichte Geblüt, von der valencianischen Küste als Wiegengeschenk
+erhalten, machte den jungen Gelehrten leicht zum Freund. Auch viele
+Frauen liebten seinen Frohsinn, der alle Lebensschwere übersprang
+wie ein Stierkämpfer die Arenawand. Mühelos wußte er sich den
+Zufälligkeiten des Lebens anzupassen, <span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>nie trugen seine Feueraugen den
+Schleier des Trübsinns, die helle Stimme polterte manchmal überlaut,
+wenn sich de Rojas in einen Gegenstand verbiß. Er liebte die Künste
+und hatte Sinn für maurische Vergangenheit, aber einen besondern Eifer
+für Recht und Gerechtigkeit. Die Frauen behaupteten, daß ihm die
+enganliegende grünseidene Jacke und die andalusischen Beinkleider mit
+der Doppelreihe von Silberknöpfen an der Seite bis zu den Knien herab
+besonders schön kleideten. Und Hernando hielt viel auf die Aussprüche
+der Frauen, denn er liebte sie alle. Er hätte mit derselben Glut, die
+noch aus den Studententagen von Salamanca stammte, Wikingerweiber wie
+Indianerfrauen umarmt.</p>
+
+<p>Hernando wickelte ein Holzschwert, dessen Schneide aus
+Obsidiansplittern bestand, aus einer Leinenhülle. „Sieh — aus
+Westindien!“</p>
+
+<p>Dem Grafen glänzte das Auge. „Das nenn’ ich Waffe. Wer brachte es mit?“</p>
+
+<p>„Mein Freund Gomares, der aus Haiti kam. Aber er brachte auch böse
+Nachricht. Des Kolumbus Widersacher sind am Werk. Er selbst dringt
+von Land zu Land vor und kümmert sich nicht um die Mannschaften, die
+die Orte besiedeln. Man rüstet in Bälde ein Schiff unter Francisco
+de Bobadilla. Er soll Kolumbus beiseite drücken. Du kannst also
+hinübersegeln und deinen Traum wahr machen.“</p>
+
+<p>Don Pedro stand beim Fenster, die Augen nach dem Albaycin gespannt.
+„Wenn Kolumbus fällt, mögen Könige selber Länder entdecken. Fernando
+wird ihn vergessen, er vergißt überhaupt schnell Verdienste.“</p>
+
+<p>„Du hast finstre Augen. Ist etwas vorgefallen?“</p>
+
+<p>„Nichts.“ Der Graf bereute es jetzt, daß er sich so rasch die Zunge
+binden ließ.</p>
+
+<p>„Es gab viel Unruhe bei der Prozession, hörte ich.“</p>
+
+<p>„Nichts von Bedeutung. Ja — der Imam — wie hieß er nur? — Abu Atir,
+glaube ich —“</p>
+
+<p>De Rojas horchte auf. „Der bei Boabdil den Koran las? Er <span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>soll weiser
+sein als der Bischof von Avilla. Ein weißhaariger Mohammedaner mit
+einem Prophetenbart —“</p>
+
+<p>„Er fiel vom Pferde — doch nein — nicht er — sein Mädchen — was
+weiß ich —?“</p>
+
+<p>Hernando hörte kaum zu. „Abu Atir! Das trifft sich gut. Er soll
+mir Lieder sammeln helfen.“ Der Lizentiat breitete ein paar
+arabisch beschriebene Blätter vor dem Grafen aus. „Romanzen aus der
+Almohadenzeit. Ich hab’s übersetzt.“ Und er las mit der Genießerfreude
+des Kenners eines jener sinnlich-schwülen Phantasiegebilde, die die
+Kalifendichter ihrem Herrn auf den Teppich legten, wenn er schlecht
+bei Laune war. Das Lied stammte von einem schwelgerischen Zecher, der
+Mohammeds Verbot ein Schnippchen schlug. „Sie kam, vom Mantelsaum der
+Nacht umhüllt, zu mir als Traumbild wie die Berggazelle. Von ihrem
+Mund die Feuchte trank ich bald, und bald des süßen Weines goldene
+Welle, bald küßt’ ich ihrer Wangen Abendrot, von ihren dunklen Haaren
+überschattet. Am Stab des Orion schlich die Nacht schon altersgrauen
+Hauptes und ermattet. Langwallenden Gewands mit blonden Locken kam dann
+der Tag und lächelte voll Wonnen, in seines Mundes Zähne, die Jasminen,
+verliebte nach dem Regen sich die Sonnen, in seinen Kleidern schwankten
+duft’ge Sträucher und löschten ihren Durst in kühlen Flüssen, wir aber
+brauchten Regen nicht, da Arm in Arm wir lagen unter Tränengüssen.“</p>
+
+<p>Des Grafen Seele wußte mit dem klingenden Kleinod nichts anzufangen.
+„Das mag für Kalifenohren taugen. Ich will Degenklirren hören. Hast du
+so was in deiner Tasche?“</p>
+
+<p>Hernando lachte auf. „Euer Gnaden haben zu befehlen.“ Er zog etwas
+anderes ans Licht. Omajadenruhm erklang, überschwenglich und breit.
+Kampflärm tobte und Christenschädel flogen rechts und links in
+den Sand. Aber am Ende triumphierte doch ein edleres Gefühl: „Der
+schlimmste Feind ergibt sich endlich ihrer Macht, doch übergroß nach
+ihrem Sieg ist ihre Huld.“</p>
+
+<p>„Sie prahlen immer, diese Agarenos,“ sagte der Graf geärgert. <span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span>„Wer
+Sieger ist, knechtet den Besiegten, immer — immer. Die Huld ist
+Dichterlüge.“</p>
+
+<p>„Womit soll ich nun einen Übellaunigen erheitern? Mit
+Inquisitionsurteilen? Mit der Nachricht, daß Ximenes maurische Bücher
+verbrennen will? Darum habe ich den Schatz hierher gerettet.“</p>
+
+<p>„Man sollte auch die Besitzer verbrennen, um das Gift ganz auszurotten.“</p>
+
+<p>„Ob’s ohne Widerstand abgehen wird? Der Koran ist ihr Heiligstes.“</p>
+
+<p>Don Pedro rührte sich nicht vom Fenster weg. Der Alcazar, die
+Maurenburg, leuchtete herüber. „Ei, dort Feuer anzünden! Das ganze
+Rattennest verbrennen!“ Er rief nach Chispazo.</p>
+
+<p>Der flinke Bursche eilte herbei. „Weh mir!“</p>
+
+<p>Hernando gab ihm einen Puff. „Was heulst du, Junge? Noch bevor ein
+Unglück dich anschreit!“</p>
+
+<p>„Weil ich ihm zuvorkommen will, dann wendet man es ab.“ Er zwinkerte
+pfiffig.</p>
+
+<p>„Wie du ausschaust! Dein Gesicht eine Stachelwildnis!“ zürnte der Graf.</p>
+
+<p>„Nur damit sich kein Weib in meine Reize verfängt,“ lachte Chispazo.</p>
+
+<p>„Du liebst die Weiber nicht?“ fragte Hernando.</p>
+
+<p>„Alle, aber nicht eines. Wer viele Weiber liebt, braucht nicht Angst zu
+haben, eine heiraten zu müssen. Und wer eine heiratet, liebt die Frauen
+nicht mehr, die eigene mit inbegriffen.“</p>
+
+<p>„Laß deine Fanfarronadas, Affe!“</p>
+
+<p>„Nehmt sie für andalusisches Salz&#x2060;<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, Herr!“</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Damit bezeichnet man den andalusischen Witz des Volkes</p></div>
+
+</div>
+
+<p>Der Graf nahm den Schwätzer beim Ohr und zerrte ihn zu sich heran. „Du
+gehst in den Albaycin — was wollte ich sagen — ja, in den Albaycin
+und hältst dort Nachschau — wie doch oft Gedanken entgleiten — fragst
+nach der Stimmung in den Häusern. Man sagt, die Inquisitionsurteile
+seien schon durchgesickert.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>„Verlaßt Euch, Herr, auf mich. Ich weiß Geldmittel zu gebrauchen, wenn
+sie die Euren sind. Ich will in die Häuser schleichen, ohne mich lästig
+zu machen. Wann soll ich zurück sein?“</p>
+
+<p>„Noch am Abend. Und so nebenbei fragst du —“ des Grafen Finger
+spielten unruhig mit den Versblättern des Freundes — „wo der Imam Abu
+Atir wohnt.“</p>
+
+<p>„Das muß ich mir erst buchstabenweise auf meine Gehirntafel schreiben,
+sonst fällt es in ein Nichts. Abu — das heißt Vater — Atir — also
+Vater Atir — hm, ich weiß nicht, ob man im Albaycin sämtliche Väter
+kennen wird. Aber Atir wird doch wohl den richtigen Vater ausfindig
+machen.“</p>
+
+<p>„Ja — und noch eines — so ganz nebenbei fragst du auch — nach dem
+Mädchen, das heute vom Pferd gestürzt —“</p>
+
+<p>Hernando horchte auf. „Ein Mädchen, sagst du?“</p>
+
+<p>„Ich sprach doch vorhin davon, aber du warst in Hispaniola.“</p>
+
+<p>De Rojas setzte sich rittlings auf den Stuhl. „Man muß es in die Welt
+posaunen: Graf de Mora fragt nach einem gefallenen maurischen Mädchen.
+Die Sterne gehen also von heute an verkehrt. Hat dich die Zauberin
+Urganda verhext?“</p>
+
+<p>„Zum Teufel mit dem Spott! Ich sah sie leblos liegen, vielleicht ist
+sie tot.“</p>
+
+<p>„Dann wäre ja dein Wunsch nach Ausrottung der Sippschaft mit einem
+schönen Anfang gesegnet, und du könntest eine liebliche Leichenschau
+halten.“</p>
+
+<p>„Gut denn, Chispazo, du fragst nicht nach dem Mädchen. Aber wo Abu Atir
+wohnt.“</p>
+
+<p>Der Diener sprang davon. Don Pedro de Solar fühlte beim Fenster die
+Pulse brennen. Und er hatte keinen aufregenden Wein getrunken. Tanzte
+die Sonne aus ihrer Bahn?</p>
+
+<p>„Was willst du vom Imam?“ fragte Hernando.</p>
+
+<p>Der Graf wich aus: „Ximenes will ihm auf den Zahn fühlen. Er soll
+großen Einfluß bei den Mauren haben. Wenn er klug ist, wechselt er den
+Glauben.“</p>
+
+<p>„Vielleicht besitzt er aber eine Tugend, die größer ist als Klugheit:
+die Überzeugungstreue.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>„Dann wird Ximenes Mittel haben — aber darüber mag er sich den Kopf
+zerbrechen. Komm, die Küchenglocke! Graf Tendilla wartet nicht gern.“</p>
+
+<p>„Dein Maurengrimm wächst sich zur Löwengröße aus. Das kann gefährlich
+werden.“</p>
+
+<p>„Sicherlich für die Mauren.“ Der Graf lachte mit blanken Zähnen.</p>
+
+<p>„Vielleicht auch für dich,“ sagte Hernando mit merkwürdiger Betonung.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">
+ Zehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>n einem maurischen Palast auf der Bibarrambla arbeitete Ximenes
+mit einem jungen Franziskanermönch Ruyz de Alcala an der religiösen
+Umgestaltung des Maurentums. Auf einem Tisch lag neben dem reichen
+Bekehrungsmaterial auch ein wohlgeordneter Anklagestoff in Form von
+Schriften und Büchern. Der Vikar Pater Juan de Leon, das Haupt der
+priesterlichen Gewalt in Granada, hatte mit Bienenfleiß Rückfallsklagen
+gesammelt, und seine Familiares, die Schergen der Inquisition, sorgten
+täglich für den Zuwachs an Opfern.</p>
+
+<p>Die Kerzen brannten über stark schmelzenden Wachsklumpen. Ihr Geruch
+mischte sich mit dem Moderduft des Patiogartens und legte sich süßlich
+auf die Gaumenhaut.</p>
+
+<p>Gestützt auf seine treuen Franziskaner, humpelte der Erzbischof
+Talavera, von dem Dominikanervikar Leon begleitet, herein. Freundlich
+begrüßte ihn der Primas. Dann reichte er dem Jünger des heiligen
+Dominikus die Hand.</p>
+
+<p>Das feurige Auge des wohlgewachsenen Vikars funkelte im Kerzenschein.
+Dieses Auge, der grausam-sinnliche Neromund und die bis zur Nasenwurzel
+geschlossenen dunklen Brauen verrieten Härte und Unbeugsamkeit.</p>
+
+<p>Ximenes lud die Gäste ein, auf den Zederstühlen Platz zu nehmen. Der
+verworrene Stimmenlärm vom Platz der Bibarrambla, auf den die Fenster
+des Gemaches gingen, hörte sich <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>wie ein aufgeregtes Meer an. Von Zeit
+zu Zeit pfeilten laute Stimmen herauf, Kaufleute schrien ihre Waren aus
+und der Ruf der Wache schaffte irgendwo Ordnung.</p>
+
+<p>„Ein bewegliches Volk,“ lächelte Ximenes. „Es muß auf seine Weise
+genommen werden.“ Er sah nach der Tür. „Pater Angelus!“ Ein alter
+Franziskaner schob sich in die Türspalte. „Sorgt, daß niemand am Gange
+sei.“ Der Mönch schloß unterwürfig die Tür.</p>
+
+<p>„Kennt Ihr den Imam Abu Atir?“ fragte der Primas den Erzbischof.</p>
+
+<p>Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“</p>
+
+<p>Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine
+Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten
+müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen —“ Ximenes schien
+ablenken zu wollen — „die Moscheen müssen fallen.“</p>
+
+<p>Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt
+es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme.</p>
+
+<p>Der Kanzler legte sich breit in den Stuhl zurück. „Ich treibe nicht
+im uferlosen Meer des Glaubens, kenne nicht Sturm und Wellen auf der
+Meerfahrt, denn meine Ufer heißen Glauben und Gott. Klar und getreu ist
+meines Gebetes Inhalt: Glaubensverbreitung, wo Menschen atmen. Diese
+Mauren sind ein leicht erregbares Volk, aber gerade darum für unsern
+Glauben leicht zu gewinnen.“</p>
+
+<p>„Da sprecht Ihr wahr,“ sagte Talavera froh darüber, daß er mit Ximenes
+eines Sinnes sein konnte. „Und sie sind auch ein gutes Volk, darum auch
+für die Güte empfänglich. Habt nur Geduld. Mit ihr könnt Ihr Kiesel in
+Rubine verwandeln. Gelingt es heute nicht, gelingt es morgen. Schont
+sie nach Möglichkeit und laßt ihnen die Moscheen.“</p>
+
+<p>Der Primas furchte die Stirn. „Die Worte würden einem heiligen
+Chrysologus Ehre machen. Doch es gibt Zeiten, wo Christus mit der
+Geißel mehr notwendig ist als der sanfte Heiland, der Magdalenentränen
+kühlt. Nicht wahr, Leon?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>Der Dominikaner nickte. Seine Lippen waren hochmütig verzogen. „Man
+darf die Mauren nicht immer mit Rosinen füttern wollen, die sie so sehr
+lieben.“</p>
+
+<p>„Leon!“ warnte der Duldergeist Talaveras. „Eure Jugend kann in den
+Mitteln irren.“</p>
+
+<p>Ximenes legte dem greisen Gottesmann wohlwollend die Hand auf die
+Schulter. „Verzeiht, Bruder in Christo, hier irrt einmal die Jugend
+nicht. Entreißt man den Mauren die Glaubensstätte, dann hängt der
+Glaube in der Luft. Ich habe Befehle gegeben, daß man die Kadis und
+Imams davon verständigt, sie mögen den Koran in den <em class="gesperrt">Häusern</em>
+lesen.“</p>
+
+<p>„Das verstößt gegen den Königsvertrag,“ entsetzte sich der Erzbischof.</p>
+
+<p>„Der Eifer macht Euch Ehre, doch es geht um größere Dinge. Und
+Verträge? Nehmt die Verträge, seit die Welt besteht — ist auch ein
+einziger noch zu Recht bestehend? Die katholischen Könige haben den
+Mauren das Recht ihres Glaubens belassen, ihrer Sitte, ihrer Sprache,
+ihrer eigenen Richter, mehr nicht. Es steht nicht geschrieben, daß wir
+nicht in ihren Moscheen Gottesdienste halten könnten. Haben sie nicht
+dazu ihre Hausmoscheen? Aber ihre Bücher sind Irrwerke. Es steht nicht
+geschrieben, daß wir sie ihnen belassen müssen, und wir werden es
+bedenken.“</p>
+
+<p>Talavera zitterte am ganzen Leib. „Das — wollt Ihr — vor Gott
+verantworten?“</p>
+
+<p>„Seiner Ehrwürden scheint nicht wohl zu sein. Ich bitte Euch, Brüder,
+führt ihn auf sein Zimmer, stärkt ihn und sorgt für Ruhe und frische
+Luft. Es ist zu dumpfig hier.“</p>
+
+<p>„O mir ist wohl,“ bebte Talavera. „Aber dieses fürchterliche Geschäft
+—“ Er hob bittend die Hände auf. „Laßt ihnen Zeit — o wie spät
+bekehrte sich eine heilige Margareta, ein Augustinus, ein Saulus, ein
+Simon. Und waren doch alle einst verlorene Schafe.“</p>
+
+<p>„Genug davon.“ Ximenes stand mit kühl abweisender Gebärde auf. „Ich
+höre Euch, wenn Ihr frischer im Gemüt seid.“</p>
+
+<p>Tränenden Auges wankte der Hirte der Granadiner an den <span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>Armen seiner
+Mönche davon. Abgetan! wimmerte es in seiner Seele.</p>
+
+<p>Der Primas war erregt. Seine Nasenflügel flatterten, die Stirn war
+bleich, die Adern darauf formten sich zu Wülsten. „Welch ein Aufruhr
+in diesem einfältigen Gemüt! Behüte diesen Greis, Leon, und laß die
+Achtung, die die Mauren vor ihm haben, nicht zu einer Woge werden, die
+uns alle hinwegschwemmt. Du verstehst mich.“</p>
+
+<p>Der Dominikaner nickte demütig.</p>
+
+<p>„Sind die Listen aller Elches, der Renegaten, angelegt? Gut. Das
+Königspaar ist abgereist, wir haben freie Hand.“ Ximenes besah die
+Namen. „So viele Familienväter! Und nur um der Geschäfte willen
+mohammedanisch geworden! Sie sollen es an den Kindern büßen. Die Listen
+werden den Walis gegeben, sie sollen die Kinder der Elches ausheben und
+den Pfarrern ausliefern zur christlichen Belehrung und Erziehung. Wer
+sich widersetzt, dem droht Ihr mit Gefängnis. Laßt dabei die Glocken
+läuten, damit die Erlösungstat feierlicher an die Herzen rühre. Du
+lächelst, Bruder Leon?“</p>
+
+<p>„Talavera hat die Mauren mit Geläute verwöhnt, Hochwürdigster. Es wird
+nicht mehr viel Eindruck machen. Sie nennen den Erzbischof ihren Faki
+campanero, den Glockenpriester.“</p>
+
+<p>„So sollen sie stärkere Glocken zu hören bekommen,“ sagte Ximenes kalt.
+„Der edle Zegri soll die Kinder der Elches in einer Schule sammeln
+lassen. Salzedo, mein Hausmeister, soll mit Soldaten der Hermandad die
+bezeichneten Häuser abgehen, und zwei Dominikaner fordern die Übergabe
+der Kinder bis zum Alter von siebzehn Jahren. Eine Mutter, ihres Kindes
+beraubt, wählt nicht lange. Dann nehmt die Taufe vor. Diese Kinder
+sind Gottes und kehren nur zu Gott zurück. Die Pfarrer sollen die
+Kinder sonntäglich am Abend versammeln und mit ihnen den englischen
+Gruß beten. Sorgt, daß sie sich ordentlich bekreuzen. Dann aber —“
+seine Stimme wurde warm — „dann harret deiner ein Größeres. <span class="antiqua" lang="la">Suum
+cuique!</span> Der Großinquisitor Deza hat dich zum Hilfsinquisitor für
+Granada ernannt.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>Die Würde ließ den Dominikanerpater taumeln. „Mir — dieses Amt —?“</p>
+
+<p>„Cordoba ist überlastet, man wird hier einen Sitz des heiligen
+Tribunals errichten. Die Bestätigung der Urteile bleibt Cordoba, das
+heißt Lucero vorbehalten.“ Er überreichte Leon den Anstellungsbrief,
+worin enthalten war, daß Granada ihm allen Beistand in
+Inquisitionssachen zu leisten habe und daß er das Recht zur Verhaftung
+und Folter aller Verdächtigen besitze, auch sei jede Beleidigung des
+Inquisitors und seiner Familiares streng zu bestrafen. Ximenes setzte
+zum Schluß leise hinzu: „Gedenke der Kirche und ihrer Nöte und sei ein
+fleißiger Arbeiter im Acker des Herrn.“</p>
+
+<p>„<span class="antiqua" lang="la">Operibus credite et non verbis</span>,“ antwortete der Vikar mit
+gesenktem Haupt. Der neue Geist, der über ihn ausgegossen ward, löste
+seinen ganzen Menschen auf.</p>
+
+<p>„Sorge, daß du geschickte Vertraute wählst,“ mahnte Ximenes.</p>
+
+<p>„Wir haben angesehene Ritter darunter und das abgefeimteste Gelichter,
+das sich in den Schenken herumschlägt. Sie haben sich unter einem
+Mayordomo zu einer Bruderschaft vereinigt, die Wert darauf legt, von
+den Mauren gefürchtet zu werden.“</p>
+
+<p>Da hörte man Lärm auf dem Platz. Die Geistlichen drängten zum Fenster.
+Maurische Weiber, umringt von einem Haufen Volks, wehklagten und
+schrien.</p>
+
+<p>„Eine Handelsfrau, ich kenne sie,“ erklärte Leon. „Ihr Mann soll
+vom Alguacil der Inquisition verhaftet werden. Es geht selten ohne
+Widerstand ab. Ein Ketzer de levi, also leicht belastet. Es ist noch
+keiner de vehementi&#x2060;<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> ergriffen worden. Seht, da schleppt man den Mann
+heran, drüben hält der cordobanische Karren. Entfernt Euch, der Anblick
+der verzweifelten Frau könnte Euch —“</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> de levi = damit bezeichnete man ketzerische Vergehen
+leichterer Natur, de vehementi solche schwererer Art.</p></div>
+
+</div>
+
+<p>„Ich bin Stärkeres gewohnt,“ wehrte Ximenes hart ab. „Sie kämpfen
+schwer, diese kastilischen Alguaciles. Seht — die Reiter des
+Gobernadors drängen das Volk in die Gassen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Mönche zogen jetzt reihenweise über den Platz. Sie kamen von der
+Verlesung der Inquisitionsedikte. Weiber drängten sich an sie heran und
+versuchten, ihnen die Hände zu küssen.</p>
+
+<p>Der alte Pförtner trat in das Zimmer. „Der Imam ist da.“</p>
+
+<p>„Er möge kommen,“ sagte Ximenes, vom Fenster zurücktretend. Er stellte
+für den seltnen Gast einen Stuhl zurecht und ließ seine zwei Mönche
+näher an sich rücken.</p>
+
+<p>Die hohe Gestalt Abu Atirs stand auf der Schwelle. Burnus, Turban
+und Bart leuchteten wie Schnee, das Gesicht, gesund und wetterbraun,
+strafte das Alter Lügen. Sein klares Auge übersah mit einem einzigen
+Blick das Trifolium. Nach orientalischem Brauch grüßte er mit über der
+Brust verschränkten Armen jeden einzelnen mit dem Friedensgruß seines
+Gottes. Dann blieb sein Auge an Ximenes hangen. „Gott schenke dir,
+hochwürdigster Faki der Christen, manches Jahr und mache dein Haupt
+weise und dein Auge sehend. Friede von ihm, der des Propheten Lehre
+erhob über die Welt!“</p>
+
+<p>Ximenes dankte freundlich. Dann hieß er den Gast sich setzen, dessen
+blütenreiche Sprache ihm nicht behagte. „Verzeiht, daß wir Euer Alter
+bemühten —“</p>
+
+<p>Abu Atir lächelte, daß die unversehrten Zähne leuchteten. Er wußte,
+daß man seine Gedanken durchsieben mußte, wenn man mit Ximenes
+sprechen wollte. „Es ist das Schicksal vieler Menschen, alt zu werden.
+Glücklich, wer mit vergilbtem Gesicht die Sterbesure sprechen hören
+kann. Es liegt an dem Menschen, das Alter würdig zu ertragen.“</p>
+
+<p>„Ein gottgefällig Wort,“ sagte Ximenes. „Ihr seid erst kurz hier?“</p>
+
+<p>„Und habe doch Schweres hier erlebt. Soeben sah ich Weiber um ihre
+Männer weinen. Bi nefsi! Ihr wißt den Glauben in den Leibern der
+Menschen festzunageln.“</p>
+
+<p>„Damit die Seelen folgen können,“ antwortete der Primas gelassen.</p>
+
+<p>Ein Druck seiner großen Wimpern schloß die Augen des Imams. „Nur meine
+ich, daß der Mann, der den Glauben in die <span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span><em class="gesperrt">Herzen</em> knetet, größer
+zu nennen ist. Eine Frage: Ihr seid zufrieden mit den neuen Christen?“</p>
+
+<p>„Sie lieben uns noch nicht,“ gestand der Erzbischof freimütig.</p>
+
+<p>„Ihr guten Herren, denen Gott das Licht friedvoller Weisheit schenken
+möge, warum macht ihr es den neuen Christen so schwer, euch zu lieben?“</p>
+
+<p>Ximenes wulstete die Lippen. „Wir legen alles, was die Kirche zu
+bieten hat, in das Herz der Bekehrten, aber sie schielen trotz aller
+Gnadengeschenke des Himmels doch wieder zurück nach der Moschee, aus
+der wir sie errettet glaubten.“</p>
+
+<p>„Ihr sagt: errettet? So waren sie darin in Gefahr?“ Der fragende Blick
+des Imams war klar wie aus dem Urgrund seiner Seele. „Ich denke, im
+alten Glauben hatten sie nichts zu fürchten. Die Furcht lernten sie
+erst bei euch. Es war die gemeine Furcht der Seele vor dem Straucheln.
+Das überfiel sie nicht im Palmenhain unsrer Moschee. Und Ihr sagt:
+gerettet?“</p>
+
+<p>Ximenes’ Feder spielte unaufhörlich auf dem Papier. „Wir retteten sie,
+meine ich, aus einem Irrtum. Verzeiht abermals, aber Euer Glaube ist
+der Irrtum.“</p>
+
+<p>„Häuft keinen Zorn auf mich, ich meine, es irrt nur einer nicht:
+der die Gewalt hat über die Schale eines Granatapfels und über
+Sternenbahnen. Und wenn wir Irrende an das glauben, was uns seit Jugend
+an selig gemacht, so laß uns in diesem Glauben, den du Irrtum nennst.
+Wir lassen ja auch den deinen unberührt.“</p>
+
+<p>„Doch war’s nicht immer so.“ Der Primas lächelte überlegen. „Es liegen
+jahrhundertelange Kämpfe hinter Spaniens Gegenwart. Sie erzählen von
+erschlagenen Christen.“</p>
+
+<p>„Und von erschlagnen Mauren,“ unterbrach ihn Abu Atir vorsichtig. „Ja,
+es waren arge Waffen, mit denen in Andalus gekämpft wurde. Doch nun
+sollte die Vernunft das Schwert ziehen. Laßt uns groß kämpfen.“</p>
+
+<p>Ximenes murmelte vor sich hin: <span class="antiqua" lang="la">Tu sic his sis, aliter senitas!</span>
+An meiner Stelle würdest du anders denken! Dann sagte er laut: „Ihr
+sprecht gelehrt.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>„Der Glaube ist größer als die Gelehrsamkeit. Sieh, es war vor
+vierhundert Jahren ein Mann, der nannte sich Abu Ala, und dieser sagte:
+‚Ich staune über die Christen, die glauben, daß Gott hilflos gemartert
+wurde, ich staune über die Juden, die glauben, daß Gott am vergossenen
+Blut Wohlgefallen habe, ich staune über die Mohammedaner, die auf
+Kamelen weite Reisen machen, um einen schwarzen Stein zu küssen. Sie
+sind blind für die Wahrheit. Und die Menschen teilen sich in zwei
+Gruppen, die einen haben Verstand und keinen Glauben, und die andern
+glauben und haben keinen Verstand.‘ So sprach Abu Ala. Ist der Mensch
+beneidenswert? Mit all seiner Gelehrsamkeit?“</p>
+
+<p>Ximenes lächelte vergnügt. „Ihr wißt hübsche Dinge zu reden, Imam. Und
+deshalb nenne ich dich doch einen gelehrten Mann.“</p>
+
+<p>„Mohammed nannte die Gelehrten die Erben der Propheten.“</p>
+
+<p>„Je nun, dubitat Augustinus. Mohammeds Koran strotzt von Widersprüchen,
+denn er ist aus menschlicher Leidenschaft geboren und enthält
+Menschensache. Zudem irrte Mohammed bequem. Er durchstöberte das
+jüdische Gesetz und nahm sich daraus, was er für seine Sendung
+brauchte. Seine klingenden Weisheiten von der Größe Gottes, sind sie
+nicht dem fünften Buch Moses entnommen? ‚Es ist kein anderer Gott als
+der Gott der Gerechten.‘“</p>
+
+<p>„Wer sagt dir, Faki der Christen, daß diese Weisheit Mohammed allein
+erfahren? Aber hinausgeschrien hat er sie in die Welt. Erkennen, was
+ist, und sein Erkennen den andern Brüdern sagen. Das hat dein Isa auch
+getan. Und wir ehren ihn als Propheten. Laß darüber den Hader begraben
+sein. Und hätte ich das Leben von sieben Geiern, wie es dem weisen
+Lokman beschieden war, ich könnte nicht anders sagen als: Gott ist groß
+und einzig und Mohammed ist sein Prophet.“</p>
+
+<p>„Ihr haltet also von unserm Glauben nicht viel?“ forschte Ximenes mit
+lauerndem Blick.</p>
+
+<p>Der Imam strich sich bedächtig den Schneebart, und es war, als wöge
+er die Gedanken in seinem Hirn. „Du willst mir in die Seele schauen,
+Hochpriester. So blättere ich sie dir freundlich auf wie ein Buch.
+Dein Glaube ist schön. Nur haben ihn deine <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>Priester, meine ich, mit
+Lehrmeinungen entstellt, die sich mit Gottes Offenbarungen, wie sie
+unserm Propheten zuteil wurden, nicht vereinbaren lassen. Die Vernunft,
+der engen Schranke des Glaubens entronnen, richtet Unheil an. Doch das
+wäre zu ertragen. Nur eines — verzeih, Gesegneter des Herrn —, mich
+dünkt, Ihr haltet nicht viel von Eurem Glauben, Ihr glaubt ihn schwach.“</p>
+
+<p>„Imam — wie kommt Ihr auf den Gedanken?“ fragte betroffen der Primas.</p>
+
+<p>„Wäre er nicht schwach, wozu dann die Stützen des Dogmas und der
+Inquisition?“</p>
+
+<p>Ximenes schwieg einen Augenblick bestürzt. Dann gab er sich eine äußere
+Gelassenheit. „Der Glaube ist nicht schwach, aber die Menschen sind es
+und sie bedürfen der Stütze.“</p>
+
+<p>„Ehrwürdiger Mann, dem Gott Teppiche unter die Füße und ein warm Kissen
+für sein Haupt geben möge, fahre nicht im Zorn auf, der Gott beleidigen
+würde, wenn ich dich frage: Die Menschen stützest du mit Dogma und
+Inquisition? Und antworte mir sanft wie eine Taube: Sind diese Stützen
+nicht eher Peitschen als Säulen?“</p>
+
+<p>Der Erzbischof fühlte eine unbehagliche Hitze über sein Herz fließen.
+„Ei, danket Gott, daß Ihr nicht Katholik seid, Maure. Ihr denkt zuviel.
+Und mich soll es nicht wundern, wenn Ihr bald ganz im Unglauben
+erstickt.“</p>
+
+<p>„Sie nennen mich Al-Abdallah, den Diener Gottes. Ich glaube Gott, ohne
+ihn zu sehen. Aber ich kann nicht an deine Worte glauben, wiewohl ich
+sie höre. Klage mich nicht an, denn sonst müßtest du auch die Wolken
+anklagen, weil auch sie nicht bestätigen, was du sagst, sie gehen
+unbekümmert ihren Weg, ob du sie schiltst oder lobst. Warum läßt du
+Wolken ziehen und Menschen nicht? Nur weil du die Macht über sie nicht
+hast. Und siehst du, deine Kirche ist doch nur ein Wort, mit dem du
+Unfaßbares fassen willst.“</p>
+
+<p>„Und die deine nicht?“ rief Ximenes mit triumphierendem Auge.</p>
+
+<p>„Gewiß. Aber dann frage ich dich: Warum bekämpfst du uns <span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span>statt uns die
+Hände zu reichen? Nur weil wir es mit dem Propheten halten? Du hältst
+es eben mit einem andern Propheten, dem Isa.“</p>
+
+<p>„Das ist nicht Glaube mehr,“ sagte Ximenes verärgert. „Das ist
+philosophische Klügelei, wie sie eure Gelehrten großziehen.“</p>
+
+<p>„Wer die Wissenschaft lehrt, hat Ehrfurcht vor Gott, dessen Name die
+Geister besingen. Wer in der Wissenschaft streitet, kämpft heilig.
+Die Wissenschaft ist der Leuchtturm zum Paradies, der Gefährte in der
+Fremde, die Rüstung wider den Feind. Engel berühren die Gelehrten
+mit den Flügeln, und durch die Wissenschaft steigt der Diener Gottes
+die Stufen zur Güte hinauf. Das Wissen ist der größte Imam. Wer die
+Wissenschaft lehrt, dem ist besser als wenn er den Berg Abu Kobeis aus
+Gold besäße. Abderrhaman ließ für einen Gelehrten, der aus Fes kam,
+dreißig Paläste auf dem Weg vom Meer nach Cordoba bauen. Das Kleid
+des Wissens ist aus menschlicher Erfahrung und aus der Furcht Gottes
+zusammengesetzt, sagt Abdallah Ben Mesud, und das Schwert der Zunge
+soll immer siegen über die Zunge des Schwertes. Aber wem sage ich das?
+Sitzt nicht einer vor mir aus dem Reich des Geistes? Möge dir Gott
+stets weise Gedanken geben und dich mit ewigem Priestertum belehnen.“</p>
+
+<p>Ximenes mußte Atem schöpfen. „Eure Gedanken stehen auf falschem Grund.
+Den wahren Gott habt Ihr mit Eurer Wissenschaft nicht erkannt.“ Seine
+Augen blickten den Mohammedaner überlegen an.</p>
+
+<p>„Wer wollte ihn erkennen? Gott ist die Zahl Eins und die Zahl
+Unendlich. Summiere sie oder ziehe eine von der andern ab, es bleibt
+immer Gott übrig. Aber heißt das, ihn schon erkannt zu haben? Und doch
+bleibt uns nichts übrig als uns im Stirnenschweiß um ihn zu bemühen.
+Laß mich denn glauben an das heilige Gesetz und an den Propheten.“</p>
+
+<p>„Das sollt Ihr sicherlich,“ antwortete Ximenes überaus freundlich.
+„Doch eines — eines müßt ihr uns doch zugestehen: Unter der
+erkaltenden Glut eures Glaubens werdet ihr nie mehr die Erde erobern.
+Wir bleiben Sieger.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span></p>
+
+<p>„Vielleicht nicht die Erde, aber uns selbst. Das ist mehr. O weiser
+christlicher Scheich! Wir suchen doch in unsern Gebeten denselben Gott,
+den ihr sucht, und deshalb willst du uns knechten? Nur weil wir den
+gemeinsamen Gott mit andern Augen ansehen? Mit unsern, unsern Augen?
+Ja — und euer Siegerrecht, ist es nicht versiegelt im königlichen
+Vertrag? Der Herr der Könige erhalte das Leben des weisesten der
+Erdenfürsten — dürfen wir nicht unsere Moscheen und Medrisets
+behalten? Haben wir nicht unsere Kadis, die der Herr mit Verstand und
+Einsicht segnen möge? Und ist uns nicht — der Allmächtige stärke das
+Königsleben dafür! — Sprache, Sitte und Tracht verbürgt für immer? Das
+soll nicht versiegelt sein von der Treue des Siegers?“</p>
+
+<p>„Es ist — aber es ist nicht versiegelt, daß wir euch die Stützen
+des Glaubens, der ein Irrglauben ist, unversehrt lassen müssen. Eure
+Moscheen behaltet, nur bauen wir unsere Altäre in sie hinein —“</p>
+
+<p>Der Imam streckte sich. Seine Hand zitterte auf dem Knotenstock.
+„Das — das willst du — vor deinem Gott verantworten, christlicher
+Scheich?“ Er erschauerte vor dem weiten Gewissen des Seelenhirten.
+Wie von Staub erstickt kam es aus seinem Munde: „Glaubensrecht —
+Sittenrecht, Urteilsrecht — alles papierne Dinge — und Eure Taten
+sollten das Papier zerreißen dürfen — das Papier in der königlichen
+Truhe? O Ihr meint es nicht ernst.“</p>
+
+<p>„So muß ich dir, Imam, weitere Proben dieses Ernstes geben. Auch die
+geistige Quelle eures Irrglaubens muß verstopft werden.“</p>
+
+<p>„Irrglauben! Irrglauben! Ich sage dir schon: Auch du irrst! Wir alle
+irren. Wenn der Beduine in der Wüste zieht, wenn Sonnenglut und
+Sand sein Auge blenden, dann zweifelt er oft an der Richtigkeit des
+Karawanenwegs, aber der Irrende vertraut dem ewigen Lenker aller
+Karawanen, bis ihm die Oase lächelt. Die Oase ist Gott, wir irren und
+finden doch zu ihm, nur jeder auf seine Weise. Der Irrtum dauert nun
+schon an die tausend Jahre, und wir sollen nun Erkenner der Wahrheit
+heißen, <span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>weil ein Christ es will? Ist dein Wille Gott? Er ist eine
+Anmaßung.“</p>
+
+<p>„Imam!“ Der Gleichmut des Kirchenfürsten begann zu wanken. „Du
+verkennst Gottes Offenbarung sehr. Wir müssen für unsern Glauben
+kämpfen.“</p>
+
+<p>„So hast du Angst, ihn zu verlieren? Der wahre Glaube beharrt und läßt
+andere beharren. Was Irrtum ist, fällt nicht durch Kampf, sondern durch
+eigene Erkenntnis ab. Aber der Bach wächst zum Strom aus, ich sehe es.
+Zuerst war bei euch ein Kinderglaube da, dann ein wirklicher Glaube,
+dann ein Kämpfen für den Glauben und endlich ein Morden für ihn. Was
+soll noch werden? Hast du mich noch etwas zu fragen?“</p>
+
+<p>„Aus Euch spricht ein arger Kläger. Aber des Übels Urgrund liegt in
+euren Büchern.“</p>
+
+<p>„Unsre Bücher?“ Die Augen des Alten leuchteten wie brennende Fackeln.</p>
+
+<p>„Sie können Freunde des Menschen werden,“ sagte Ximenes, „aber auch
+seine gefährlichsten Verderber, denn sie führen wie böse Geister in
+Zweifel und Irre. Nur ein sorgsam wachender Geist vermag ihre Güte und
+ihre Schädlichkeit zu unterscheiden. Wo die Quelle trüb rinnt, muß sie
+verstopft werden, sonst verseucht sie das gesunde Wasser. Ihr müßt uns
+erlauben, Spreu und Weizen zu sondern.“</p>
+
+<p>Abu Atir griff sich an die Stirn. „Du, den Gott mit Balsam behandeln
+möge — ich verstehe dich nicht recht —, du willst —?“</p>
+
+<p>„Euch aufhelfen aus eurem Irrglauben, euch liebevoll ans Herz ziehen
+mit der Liebe Jesu, euch zu demütigen Kindern Gottes machen, den euer
+befangener Sinn noch nicht erkannt hat, und eure Weisheit gründen auf
+die Dreieinigkeit Gottes.“</p>
+
+<p>„Es ist nur ein Gott und nichts außer ihm!“ sprang der Feuerglaube aus
+des Alten Brust, auf der sich die Hände falteten in ehrlichem Bekennen.
+Und es war, als bliese aus seinem Antlitz die heilige Flamme des Korans
+selbst. „Und wenn die Erde jetzt in ihren Festen erzitterte und die
+Gestirne zu wogen anfingen: es ist nur ein Gott und nichts außer ihm.
+Gepriesen <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>sei die Kraft, die allen Propheten ward. Auch Isa war ein
+Prophet, aber nicht Gottes Sohn, denn Gott hat keinen Sohn gezeugt,
+und Isa selbst hat gesagt: niemand ist gut als der einzige Gott! Der
+einzige Gott! Isa hat wie Mohammed dem Juden gegeben, was des Juden
+war, und sich genommen, was Gutes bei ihnen war. Seine Botschaft war
+Licht und Freude und Bestätigung der Thora in vielem. Er hat den alten
+Gott neu geschaut, wie Mohammed ihn neu geschaut hat, sie waren beide
+groß, aber der Prophet von Mekka hat sich nicht Sohn Gottes genannt,
+sondern nur Diener, und war so demütig wie Isa, und hat sich nicht in
+eine bleiche Hostie einschließen lassen, dünn wie Frauenflor, sondern
+war und hat nur sein wollen der Knecht Gottes. Wir können Gott kein
+andres Wesen zugesellen, also sagt es der Prophet.“</p>
+
+<p>„Und es steht in euern Büchern und ihr schwört darauf. Aber eure Bücher
+sind Trug. Euer Koran ist das ungeordnete Buch eines Schwärmers. Was
+sein anmaßender Geist an schönen Gedanken ergriffen, hat er wahllos
+aufs Papier werfen lassen und hat es dann Geist Gottes genannt. Habt
+ihr Bürgen für die Echtheit?“</p>
+
+<p>„Dieselbe Reinheit des Herzens, die deine Apostel drängte, das Wort
+Isas niederzuschreiben.“</p>
+
+<p>„Ihr greift nach hohen Worten, Imam. Wir wollen sehen, was eure Bücher
+enthalten.“</p>
+
+<p>„Unsre Bücher!“ Das verwitterte Bronzegesicht, von den Runen des Wehs
+gezeichnet, glühte im Wiederscheine des innern Aufruhrs. „Unsere Bücher
+müßt Ihr uns lassen, denn sonst —“</p>
+
+<p>„Sonst?“ fragte verwundert der Primas.</p>
+
+<p>Der Greis atmete schwer. „Man soll die Zunge lang einkerkern, bevor man
+sie durch ein Wort befreit. Aber es muß gesagt werden. Cordoba fiel,
+Sevilla fiel, Granada fiel — aber die Mauren leben noch.“ Es klang wie
+eine Mahnung an das Gewissen des Bedrängers. Und es war, als sähe der
+Alte in eine weit entfernte Jugend zurück, die von Christenkämpfen und
+Blutfreude erklang.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Ximenes hatte einen Herzschlag lang Ehrfurcht vor der Glaubens- und
+Volksliebe dieses Menschen. Aber bald erdrückte der eigene heiße
+Glaubensdrang das Gefühl. „Ihr pocht auf eine Stärke, die nicht mehr
+ist, Imam.“</p>
+
+<p>„Und du auf eine, mit der du deinem Herrn ins Gesicht schlägst.“</p>
+
+<p>„Der heilige Dienst in seiner Wahrheit fordert, daß ich allen Menschen
+seine Wahrheit künde. Ich öffne euch die Augen und euch schmerzt noch
+das hehre Sonnenlicht.“</p>
+
+<p>„Du willst Augen öffnen und brichst dabei Herzen, fremder Scheich.“</p>
+
+<p>„Zum Ende!“ Ximenes raffte die Papiere auf dem Tisch zusammen.</p>
+
+<p>„Aber nicht zu einem, das Menschen mordet,“ flehte der Imam mit nassen
+Augen. „Gott gebe dir Geduld zu hören, was unser Herz leidet, und es
+wird darüber weich werden wie flüssiger Honig und wird erfüllt werden
+mit dem Wohllaut des Singvogels.“</p>
+
+<p>„Am kommenden Tag des Herrn sollen alle eure Bücher aus den Häusern
+der Mauren auf die Bibarrambla geschafft werden zur Prüfung durch
+christliche Hüter. Vergeßt nicht Koran, Sunna, Überlieferungen.“</p>
+
+<p>Der Imam bebte an allen Gliedern. „Der Kadi des Lebens, der über Wolken
+richtet zu seiner Zeit, wird es nicht zulassen. O du Wesen mit den
+tausend Barmherzigkeiten, habe ich dich verloren aus meinen Sinnen? Hat
+mir Christenhaß deinen Namen verdunkelt? Primas von Spanien, wer gibt
+dir diese Macht über uns?“</p>
+
+<p>Da erhob sich Ximenes mit dem Gewicht seines Kraftbewußtseins. „Die
+Kirche,“ sagte er gewaltig und seine Faust stieß dumpf auf den Tisch.</p>
+
+<p>„Unseliges Gefäß, in das du den Gottesinhalt füllest! Darin hast
+du dich übernommen. Denk an mich! Gott beschütze das Siegel deiner
+Weissagung, doch ich glaube nicht daran.“ Mit zitternden Knien, ein
+Stoßgebet murmelnd, tastete sich Abu Atir <span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span>nach der Schwelle, wo ihn
+zwei junge Mauren empfingen, die ihn aus dem Palast geleiteten.</p>
+
+<p>Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand
+sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach
+welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein
+großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die
+geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das
+Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos,
+eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und
+Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser
+Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung
+des großen Zweckes: <span class="antiqua" lang="la">Ad majorem Dei gloriam</span>.“</p>
+
+<p>„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit
+gesättigter Glaubensfreude.</p>
+
+<p>„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen.
+„Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es
+auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der
+Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in
+heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem
+Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich
+hinein.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">
+ Elftes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">R</span>eija und Saffana erhoben sich vom Gebetsteppich. Zu ihren Häupten
+dufteten die Storaxkerzen. „Mein Väterchen!“ Mit dem Morgentau der
+Gesundung auf der Stirn eilte Reija dem Greis entgegen. Das weiße
+Lieblingskätzchen auf ihrer Schulter sprang erschreckt auf den Teppich.
+Das Mädchen las das Unheil aus den Augen des Imams. „Bi nefsi, sie
+haben dich gequält!“</p>
+
+<p>Abu Atir erzählte und Reija hörte mit gepreßtem Herzen zu. „Bring
+Väterchen zur Ruhe,“ sagte sie zu Saffana. „Er soll den Tag vergessen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span></p>
+
+<p>„Es gibt noch viel zu sinnen,“ wehrte der Alte ab. Er setzte sich
+auf einen fellbelegten Schemel. Im Kerzenschein flammte das farbige
+Ornament, die Goldstuckatur und das Azulejosmuster, alles aus bester
+granadinischer Königszeit, hellauf, und Spiegel warfen das Licht von
+drei Seiten zurück. In der üppigen Weichheit der Teppiche und Matten
+gingen lautlos die Schritte der Mädchen. Reija im rotseidnen Damast,
+um das Haupt den Thailesan, den duftigen Schal, gebunden, die Füße
+in reichbestickten Schuhen, huschte von Truhe zu Truhe, die in den
+verhängten Nischen des Gemachs standen.</p>
+
+<p>„Willst du den roten Ghamar zu trinken haben? Willst du Sikbadsch, das
+Fleischmus, essen? Gott mit seinen neunundneunzig Namen stärke dich!“
+Sie mühte sich vergebens, dem Greis aus dem Trübsinn zu helfen.</p>
+
+<p>Da stahl sich die muntere Saffana an die Herrin heran. „Es ist einer
+da,“ sagte sie leise.</p>
+
+<p>Aber der Imam hatte es gehört. „Was schwatzest du?“</p>
+
+<p>„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“</p>
+
+<p>Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst.</p>
+
+<p>„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“</p>
+
+<p>„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und
+verkauft Sattelzeug.“</p>
+
+<p>„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig.</p>
+
+<p>„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und
+Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen.
+Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige
+Schmerzen um das Herz herum gehabt.“</p>
+
+<p>„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija.</p>
+
+<p>„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist
+verliebt wie ein Kalif.“</p>
+
+<p>„Das hat er dir gesagt?“</p>
+
+<p>„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und
+selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, <span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>spricht er von
+seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger
+Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“</p>
+
+<p>Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen
+Bäckereien zwischen die Zähne.</p>
+
+<p>„Und er schläft in einem Maultierstall —“</p>
+
+<p>„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen.</p>
+
+<p>„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“</p>
+
+<p>An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel
+aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig.</p>
+
+<p>Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf
+nicht links das Auge hangen.“</p>
+
+<p>Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das
+Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von
+Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein.
+Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig
+herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von
+blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende
+Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten
+wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen
+ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit
+zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den
+Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten.</p>
+
+<p>Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm
+und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns
+wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor
+der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man
+wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“</p>
+
+<p>„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des
+Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner <span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>Schönheit
+haltmachen? Und wäre es noch die Moschee — aber die Bücher! Deines
+Vaters Koran!“</p>
+
+<p>„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen.</p>
+
+<p>„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind
+biegsam.“</p>
+
+<p>„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge — Eswer wird uns
+helfen.“</p>
+
+<p>„Es ist zu spät.“</p>
+
+<p>„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die
+Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“</p>
+
+<p>„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’
+fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen.
+Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“</p>
+
+<p>Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier
+sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne
+Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“</p>
+
+<p>„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann — meine Bücher.“</p>
+
+<p>Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die
+Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse
+des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der
+Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der
+alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und
+Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges
+Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von
+den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere
+Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen,
+wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste
+wird eine andere pflücken.“</p>
+
+<p>Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>warf Saffana
+plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid
+hervorgeholt hatte.</p>
+
+<p>Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’
+ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur
+Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert.
+In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe
+die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen,
+welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch
+die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte
+kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen
+selbst die Ameisen Verse. Von wem?“</p>
+
+<p>„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“</p>
+
+<p>Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du
+hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“</p>
+
+<p>Da nickte Saffana ein heftiges Ja.</p>
+
+<p>Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle.
+Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war
+die Unruhe in ihr.</p>
+
+<p>„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn
+diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“</p>
+
+<p>Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der
+flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im
+Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“</p>
+
+<p>Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen
+Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach
+Atem.</p>
+
+<p>„Was gibt es?“ horchte Reija auf.</p>
+
+<p>„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt — ach, die Ehre!“</p>
+
+<p>„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“</p>
+
+<p>„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora,
+der schöne Reiter, der damals — ach, <span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>entsinnt Euch nur — damals, als
+böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten — damals, wißt
+Ihr nicht?“</p>
+
+<p>Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie
+Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“</p>
+
+<p>„Nicht er selbst — sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da
+und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen
+Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie
+wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi,
+ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn
+ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen
+zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem
+andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“</p>
+
+<p>„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der
+Imam mit verrunzelter Stirn.</p>
+
+<p>„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir
+recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“</p>
+
+<p>„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat
+Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und
+ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach.</p>
+
+<p>Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in
+sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses.</p>
+
+<p>Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute
+in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel
+zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in
+der dunklen Wölbung spiegelten.</p>
+
+<p>Da — Mandolinenklang — eine Stimme singt&#8239;—</p>
+
+<p>So wagte der Unselige alles um sie. Wenn sie ihn griffen! Lang lauschte
+sie. Ihr war, als girrte im Iraksstrauch die Ringeltaube. Das Lied
+verhallte mählich.</p>
+
+<p>Reija schlich mit leise tastenden Füßen nach ihrem Lager. <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>Seide und
+Linnen fielen. Bald spiegelte sich der bronzedunkle Ton ihrer ebenmäßig
+gewachsenen Glieder lässig in den drei Wandgläsern, das aufgelöste Haar
+umnetzte die Brüste, in denen junges Leben glühte. Saffana drückte
+verliebt ihr Haupt an die gemeißelten Schenkel. Keusch geschlossen in
+strengem Ernst lagen Reijas rote Lippen, die noch nichts wußten von
+Nächten, in denen Küsse lodern.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Zwolftes_Kapitel">
+ Zwölftes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>urch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern
+des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot
+des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die
+Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen.
+Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern,
+umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema,
+der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut
+der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den
+Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte
+Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber,
+gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten
+Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da
+und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert
+sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen
+fort — vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen
+Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf
+der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben.</p>
+
+<p>Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis
+aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des
+Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um
+das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem
+gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott
+und Mohammed <span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich
+aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz.</p>
+
+<p>Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz
+für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die
+Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über
+die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng
+geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de
+Gomeres zum Palast des Ximenes.</p>
+
+<p>Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand
+auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen.
+Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes,
+Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in
+ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern,
+Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze
+schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht,
+brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera,
+dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder
+der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene
+Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee
+strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein
+magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls.</p>
+
+<p>Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben
+Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem
+Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der
+Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen
+hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch.</p>
+
+<p>„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig
+nieder.</p>
+
+<p>Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die
+gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft.</p>
+
+<p>„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet <span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>ein
+Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt.</p>
+
+<p>„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber
+tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer
+bei Gott.“</p>
+
+<p>„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer.</p>
+
+<p>„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie
+wieder auf. Sie kosten Geld.“</p>
+
+<p>„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“</p>
+
+<p>Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen
+lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki.</p>
+
+<p>„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter
+zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele
+himmlischen Tau.“</p>
+
+<p>„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani
+damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer.</p>
+
+<p>Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen,
+aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und
+er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde.</p>
+
+<p>Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer
+Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas.
+Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem
+Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen
+der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und
+nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende
+Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen
+Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die
+Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden
+Soldaten schielt.</p>
+
+<p>In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora
+auf — nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt
+das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt
+die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen
+Schnallen im Sattelknopf <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>befestigt, die schleppende Zäumung des
+Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät.
+Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick
+verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse.</p>
+
+<p>„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich
+hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn
+beide hinken.“</p>
+
+<p>Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören
+sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen.</p>
+
+<p>Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt
+das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die
+reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein
+soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen
+Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird
+dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des
+Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im
+guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm
+fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch
+immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen
+nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über
+die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung
+der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und
+das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual
+und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele,
+die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den
+Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn,
+grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer
+für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe
+ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und
+Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in
+ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut
+triefen, ohne mit der <span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span>Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie
+im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium
+Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in
+Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger
+nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition
+war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre
+entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal.</p>
+
+<p>Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen
+Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden
+Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die
+glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude
+eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge
+des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines
+eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem
+er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn
+zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um.</p>
+
+<p>Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben
+aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren
+Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der
+Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart
+gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden
+Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge
+nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern
+auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten
+sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen
+klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner
+habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen
+maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame
+ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des
+Königs Arm glitt.</p>
+
+<p>„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span>Mauren
+nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den
+Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an
+Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum
+Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit
+fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen
+und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek
+meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert
+sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen
+Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das
+große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird
+über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh — da aus der Gasse des
+Zacatin — unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“</p>
+
+<p>„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon.</p>
+
+<p>„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und
+dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und
+Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei
+Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte
+die Luft.</p>
+
+<p>Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter
+ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in
+Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden
+auf.</p>
+
+<p>Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau
+heran.</p>
+
+<p>Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen,
+geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem
+Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren
+Spalieren staute sich die Maurenmasse.</p>
+
+<p>Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen
+Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter,
+deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen <span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span>Gewändern
+der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem
+Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle
+alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit
+arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der
+Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs
+Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die
+Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als
+gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen.</p>
+
+<p>Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu
+Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf
+die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am
+liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn
+wie den König selbst zu ehren.</p>
+
+<p>Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz
+hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm
+die abgegebenen Bücher in Empfang.</p>
+
+<p>Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe
+ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du
+kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst
+ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten
+Königs von Granada.“</p>
+
+<p>Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es
+bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite.</p>
+
+<p>Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne,
+goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln,
+Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare
+Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt
+des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob
+sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den
+Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“</p>
+
+<p>Ringsherum entstand eine Bewegung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das
+kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen —?“</p>
+
+<p>Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester
+gerichtet.</p>
+
+<p>„Wer seid Ihr?“ fragte Leon.</p>
+
+<p>Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der
+Graf de Mora hatte sich herangedrängt.</p>
+
+<p>„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust.</p>
+
+<p>„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung
+auf die schlanke Gestalt.</p>
+
+<p>„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“</p>
+
+<p>Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija!
+Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und
+flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied
+werden.</p>
+
+<p>Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln
+sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne
+Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß
+verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen
+Leibergewoge der Bruderschaft.</p>
+
+<p>Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört.
+Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch
+bittenden Mädchens.</p>
+
+<p>„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen —“</p>
+
+<p>„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme.</p>
+
+<p>„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor —“</p>
+
+<p>Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das
+die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die
+Kuttenarme vor. „Weh Euch!“</p>
+
+<p>Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer
+Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten <span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>Massen lodern. „Brüder —
+eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt — fürchtet ihr
+Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie
+Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran
+bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die
+Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre
+ich euch, rettet mir den Koran — ich bin Reija — das Königskind!“</p>
+
+<p>Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte
+Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch
+zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren,
+trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das
+Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute
+Reichtum in Eitelkeit verzehren?“</p>
+
+<p>„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung.</p>
+
+<p>„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“</p>
+
+<p>Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren.
+Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen
+in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen
+Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es
+sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht
+verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern
+machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed.</p>
+
+<p>Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib — hier
+richten Männer!“</p>
+
+<p>In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier
+der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein
+Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater — das Weib ist schwach, es
+weiß nicht, was es tut.“</p>
+
+<p>Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des <span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span>Mädchens
+los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das
+Königskind.</p>
+
+<p>Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der
+Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“</p>
+
+<p>Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer.
+Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser
+Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten.</p>
+
+<p>Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz
+wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten.</p>
+
+<p>Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem
+bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne
+Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter
+Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken
+durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte
+wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda
+schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern,
+die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der
+Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin — es gibt
+sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten
+Lippen.</p>
+
+<p>„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein
+verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“</p>
+
+<p>„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof,
+Herzogin.“</p>
+
+<p>„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore
+mit sich durch die kleine Balkontür.</p>
+
+<p>Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem
+erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen
+ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und
+dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen
+herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen
+Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben
+gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine
+schwere <span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu
+nüchternem Denken.</p>
+
+<p>Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das
+nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“</p>
+
+<p>„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt
+für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt.</p>
+
+<p>„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“</p>
+
+<p>Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie
+durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher.</p>
+
+<p>Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen.
+„Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche
+verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe —“</p>
+
+<p>„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf.</p>
+
+<p>Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten
+riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer
+wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem
+Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz.</p>
+
+<p>Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier.
+„Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann.</p>
+
+<p>Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der
+Tote?“ fragt der Graf drängender.</p>
+
+<p>„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“</p>
+
+<p>„Wo ist Salzedo?“</p>
+
+<p>„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“</p>
+
+<p>„So ist er verloren!“</p>
+
+<p>Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem
+undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf
+den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span>Zacatins wälzen sich
+neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem
+Palast des Primas.</p>
+
+<p>Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon.
+Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend
+flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug
+war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn
+von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach
+dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt
+Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser
+des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen
+zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die
+Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen
+abseits unter der Hut von Lanzen.</p>
+
+<p>Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde
+getötet. Salzedo wurde verschleppt.“</p>
+
+<p>Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf — Ihr
+rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen
+Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt — oh, ich gewähre Euch
+jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine
+Brustwand tobte.</p>
+
+<p>„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof.</p>
+
+<p>„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins:
+Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“</p>
+
+<p>Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann.
+„Ihr bittet — für ein Buch der Ungläubigen?“</p>
+
+<p>„<em class="gesperrt">Ein</em> Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den
+Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich —“ Er hielt verwirrt inne.</p>
+
+<p>„Bedenke ich’s recht — fürwahr — die Hochschule zu Alcala wird ein
+prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er
+gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu
+Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen.</p>
+
+<p>Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd.</p>
+
+<p>Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde
+Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten
+Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der
+wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue
+Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die
+Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze.</p>
+
+<p>Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen
+Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige
+Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister,
+griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers
+Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los,
+seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das
+Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende
+Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: <span class="antiqua" lang="la">Est Deus
+in nobis</span>, es ist ein Gott in uns!</p>
+
+<p>Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich
+darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des
+Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren.
+Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und
+Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die
+rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines
+ganzen Volkes.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">
+ Dreizehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">V</span>on fünf Lanzenreitern begleitet, reitet der Graf de Mora nach der
+betürmten Moreria, dem Maurenviertel. Er muß Salzedo finden. Da hört er
+sich angerufen. Sein Freund Hernando de Rojas drängt sich auf seinem
+Andalusier heran. „Pedro! Pedro! <span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>Man hat eine Spur Salzedos! Das
+heißblütige Weib, das um den Koran gekämpft —“</p>
+
+<p>„Reija?!“ Der heftig ausgestoßene Name verursacht einen Brand auf den
+Lippen des Grafen.</p>
+
+<p>„Ihre Ritter sollen ihn mitgeschleppt haben. Maurische List! Eine
+Geisel in ihren Händen!“</p>
+
+<p>Der Graf hetzte mit einem Spornhieb sein Pferd vorwärts. De Rojas
+konnte ihm nur mühsam folgen. Bald ragten die Mauern des Alkazars vor
+ihm. Hier wohnte der Imam Abu Atir. Vor dem zinnengekrönten Gemäuer
+drängte und schob sich das Volk wie Ameisen um ihren Bau.</p>
+
+<p>Der königliche Hauptmann wandte sich an einen der Maurenritter, die vor
+dem steinernen Tor standen, die Marlota, einen Brokatüberwurf, über die
+Schulter geworfen, in eiserner Wehr. „Ist der Imam Abu Atir im Hause?“</p>
+
+<p>„Der Imam? Mögen ihn alle guten Geister des Herrn beschützen, so Ihr
+Böses im Sinne habt, Hauptmann des Königs. Was wollt Ihr von ihm?“</p>
+
+<p>Noch ehe der Maure eine Antwort erhielt, schob sich die simsonstarke
+Patriarchengestalt des Imams aus dem Tor ins Licht.</p>
+
+<p>„Hadha! Dieser ist es!“ sagte der gewappnete Maurenritter.</p>
+
+<p>Der Graf senkte den Degen vor dem Greis. „Es soll Salzedo, der
+Hausmeister des Primas, in Eurer Gewalt sein.“</p>
+
+<p>Abu Atir lächelte klug. „Es soll der Koran, das goldne Buch Boabdils,
+in deiner Gewalt sein, Feta.“</p>
+
+<p>„Es ist des Königs Gebot.“</p>
+
+<p>„König Fernando hat Verträge unterschrieben: unser Glaube soll
+unberührt bleiben.“</p>
+
+<p>„Der König hat euch nicht den Glauben genommen, sondern nur Bücher.“</p>
+
+<p>„Oh, über das weite Gewissen eines Gottesmanns! Gebt den Koran zurück
+und wir geben euch Salzedo.“</p>
+
+<p>Da durchzuckte es des Grafen Herz. Aus dem Tor schritt inmitten der
+Sklavinnen das verschleierte Königskind. Eine der Frauen trug auf einer
+silbernen Tasse Milch und Salz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>„Das ist unser Brauch,“ sagte Reija. „Nimm Halib und Milch, auf daß du
+in Frieden scheidest, Hauptmann des Königs.“</p>
+
+<p>Graf de Mora schüttelte den Kopf. „Ich danke Euch.“</p>
+
+<p>„Was beliebt?“ fragte Reija mit dunkelblitzenden Augen.</p>
+
+<p>„Ich möchte Salzedo frei haben.“</p>
+
+<p>„Feta — du bekommst Salzedo, wenn ich den Koran bekomme.“</p>
+
+<p>Zorn und Bewunderung rangen im Herzen des Grafen miteinander. Ihm war,
+als straffte sich das Wesen der Jungfrau unter dem Druck der Gefahr.</p>
+
+<p>Abu Atir drängte sanft das herbe Mädchen beiseite. „Menge dich nicht in
+Männerworte, Reija, meine Taube.“</p>
+
+<p>„Ich will Worte machen um das Heiligtum meines Vaters, dem Gott
+allezeit weiche Kissen geben möge.“</p>
+
+<p>Der Graf besann sich, daß er von Ximenes den Auftrag hatte, den Handel
+unblutig zu lösen, wenn er nur Salzedo wiederbrächte. „Ich gebe Euch
+heute abend den Koran, doch Ihr müßt mir noch jetzt Salzedo ausliefern.“</p>
+
+<p>„Was soll der Hauch eines Mundes, der in die Luft geht?“ fragte Abu
+Atir geringschätzig.</p>
+
+<p>„Ich verpfände Euch mein Leben für mein Wort,“ sagte Graf de Mora.</p>
+
+<p>Da trat Reija hastig heran. „Das soll wiegen, Väterchen. Daß du es
+weißt, Feta, ich habe Salzedo unter meinem Bett versteckt, denn die Wut
+der Mauren hatte ihn überall gesucht. Dank’ mir’s, Feta, er wäre sonst
+nicht lebendig in deine Hände gekommen.“</p>
+
+<p>„Und ich habe Euch den Koran von Ximenes erbettelt. Dankt mir’s, Doña
+Reija, denn er wäre jetzt Rauch und Flammen. Seht hin!“ Er wies auf die
+Rauchsäule, die aus der Tiefe der Bibarrambla aufstieg.</p>
+
+<p>Abu Atir heulte auf: „Die Bücher brennen!“ Der Ruf widerhallte in den
+Herzen der das Haus belagernden Mauren. Aus Schmerzenslärm, Ingrimm
+und Wut stieß es sich heraus: „Zum Palast des Ximenes! Unsere Bücher!“
+Die brodelnde Masse <span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>der Burnusse wälzte sich wie ein weißer Brei
+die Feigenhänge hinab nach der Antequeruela. Vergebens rief der Imam
+seine warnenden Wehworte den Eilenden nach. Der Strom war im Gang, die
+Lava des Aufruhrs floß den Berg hinab in die Stadt. Von allen Seiten
+erscholl das fatalistische Insch’allah! aus dem Lärm der fließenden
+Haufen.</p>
+
+<p>Noch einmal forderte der Graf: „Gebt mir Salzedo!“</p>
+
+<p>„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und
+ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu.</p>
+
+<p>Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars
+erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen
+riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem
+Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand.</p>
+
+<p>Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk,
+und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die
+Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die
+Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden
+Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose
+Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter
+ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab.</p>
+
+<p>Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste
+drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb
+erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter
+des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden
+Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich
+steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts.
+Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten
+zum Widerstand anspornen.</p>
+
+<p>Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines
+Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die
+<span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf
+nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er
+denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das
+die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er
+ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten.
+Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel,
+und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen
+Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der
+Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn
+er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“</p>
+
+<p>Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den
+Mauren als Geisel.“</p>
+
+<p>„Wofür?“ braust der Primas auf.</p>
+
+<p>„Für den Koran des Königs.“</p>
+
+<p>„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen.</p>
+
+<p>„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein
+leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir
+tauschen. Gebt den Koran.“</p>
+
+<p>„Das Weib ist ein Teufel!“</p>
+
+<p>„Sie ist eine Maurin.“</p>
+
+<p>„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren
+in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“</p>
+
+<p>Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die
+Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter
+geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit
+erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang — wir haben den Mörder des
+Collados!“</p>
+
+<p>„Wer ist es?“</p>
+
+<p>„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“</p>
+
+<p>„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span></p>
+
+<p>„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet.
+Sein Dolch traf den Collados.“</p>
+
+<p>„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn
+dingfest gemacht?“</p>
+
+<p>„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben,
+den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm
+gefunden als diese drei losen Zettel.“</p>
+
+<p>Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte
+Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das
+wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte
+die Zettel zu sich.</p>
+
+<p>„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes.</p>
+
+<p>„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“</p>
+
+<p>Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden
+breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt
+ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken
+übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und
+Christenschädeln singt.</p>
+
+<p>Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald
+darauf blauen Flecken am Firmament.</p>
+
+<p>Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die
+Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei
+Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort
+wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das
+Geheul zum Orkan an.</p>
+
+<p>Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten
+Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne
+bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen,
+blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen
+lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über
+buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die
+Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p>Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da.
+So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares
+Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt
+dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren
+Leib, die gelbe Seide knistert.</p>
+
+<p>„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt
+noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu.</p>
+
+<p>Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete
+eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß
+du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne
+am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den
+Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung.</p>
+
+<p>Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich
+verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die
+Sinne.</p>
+
+<p>Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin
+eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden
+Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann
+erblickte.</p>
+
+<p>„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und
+ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte
+durchschlagen.“</p>
+
+<p>Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija
+erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich
+ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu
+hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er
+muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch.</p>
+
+<p>Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von
+ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie
+überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit
+blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir
+fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt
+das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende,
+halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des
+Schleiers.</p>
+
+<p>Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott
+heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten
+Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht
+hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden
+Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr
+werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“</p>
+
+<p>„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei
+immerdar, wird dich dafür segnen.“</p>
+
+<p>„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“</p>
+
+<p>„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras
+haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“</p>
+
+<p>An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und
+Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter
+dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser
+flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit
+unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der
+sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich
+gequält von seinem Munde.</p>
+
+<p>„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch
+den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie
+ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt
+aus dem Bann reißen.</p>
+
+<p>„Er wird nicht frei sein,“ trotzte er bebend. „Lebt wohl!“ Er stampfte
+durch den Patio nach dem Tor, wo die Knechte seiner harrten. Sein
+ganzer Mensch war in heftigem Aufruhr. Er glaubte hinter der Mauer des
+Palastes ein jäh abschnellendes Lachen zu hören. Sein erster Gedanke,
+als die tobenden Gefühle <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>verebbten, war: Ich wollte, sie wäre mir
+widerwärtig wie der Carrasco, die Stechpalme. Aber sie hat Augen —
+Augen! Die Steinfliesen unter seinen Reiterstiefeln tanzten, die Wände
+wankten, und die Nacht ringelte sich vor seinen Blicken zu glühenden
+Kreisen zusammen. Hatte er keine denkklare Stirn mehr? Ei, sie hat das
+an sich, was die Andalusier Amago nennen, ein drohendes: Nimm dich in
+acht! Der wie zum Sprung gespannte Leib, die lauernden Augen, die halb
+geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne drohten — alles Amago!</p>
+
+<p>Er wußte nicht, wie er seinen Zelter bestieg, wie er die gaffende,
+gärende Menge durchritt.</p>
+
+<p>In der Alcazaba wachte ein erregtes Mädchenherz die ganze Nacht über
+dem Koran. Reija las sich die Augen müde an den Paradiesessuren. Neben
+ihr schlief Saffana. Das Königskind spürte Flammen neben sich lecken,
+aber sie loderten aus den schönen Augen des spanischen Feta. Was wollte
+der Feind mitten in den Suren? Immer wieder drängte er sich zwischen
+den heiligen Sätzen durch und zerbrach den mühsam abgerungenen Sinn der
+Prophetengesetze.</p>
+
+<p>Lange noch lag Reijas schwarzes Haupt andachtslos über den Koran
+gebeugt. Bis sie aufschreckte und durch das Säulenfenster nach dem
+Stück Himmel sah. Zu ihren Häupten erblaßte der Schweif des Skorpions,
+des Unglückssterns.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">
+ Vierzehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>ie Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen
+und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten,
+Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu
+laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht,
+sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in
+Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres
+draußen horchend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck
+der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die
+verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden
+durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen
+Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen
+Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines
+Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten
+Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung
+der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden
+Arabers poetische Triumphe feierten — alles war in einen Haufen Asche
+versunken.</p>
+
+<p>Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das
+erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen
+bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten
+in gelblich fahlem Licht.</p>
+
+<p>Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden
+vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die
+Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben,
+die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen
+und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die
+Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand
+besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten
+Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla
+ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar
+niederzulegen.</p>
+
+<p>Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse
+wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige
+Gobernador das Kommando übernimmt.</p>
+
+<p>Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen
+Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der
+Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>während sie nach der
+Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt!</p>
+
+<p>Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser
+erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt
+der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen
+schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch
+verdrängt wird.</p>
+
+<p>Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla
+spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines
+Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des
+Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken.
+Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers.</p>
+
+<p>Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen.
+Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen.
+Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich
+weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern
+und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die
+starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm
+entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet
+um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande,
+Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der
+Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen
+zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem
+Imam.</p>
+
+<p>„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben
+die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen
+gestillt werden, denn sie sind heilig.“</p>
+
+<p>„Es geht Ximenes um den Glauben!“</p>
+
+<p>„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur <em class="gesperrt">sein</em>,
+der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte
+Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich
+weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und
+wenn es an die Gedärme <span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut,
+ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist
+Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das
+Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft
+sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er
+wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“</p>
+
+<p>Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene
+Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“
+mahnt er wieder.</p>
+
+<p>„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und
+sie reiten unversöhnt auseinander.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe.
+Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt
+verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien
+muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im
+gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt
+Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber
+von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers
+ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen.
+Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner
+Augen Glut mehr, als zu wärmen?</p>
+
+<p>Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon
+den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein
+Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“</p>
+
+<p>Doch der Graf hielt ihn zurück. „Bleib. Ich muß dich sprechen.“</p>
+
+<p>„Du hast mit Leon einen Handel gehabt?“</p>
+
+<p>„Kaum einen Wortstreit.“ Mora wurde flüchtig rot.</p>
+
+<p>Der Freund blickte durch die Säulchenfenster auf die gärende Stadt.
+„Diese Mauren haben trotz ihrer Zermürbung einen bewundernswerten
+Stolz. Ich habe Abu Atir sprechen gehört. Edler Geist! Er hätte einen
+Apostel Christi abgeben können. Doch Gott steckte ihn bestimmt mit
+Absicht in eine mohammedanische <span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>Haut. Ich habe ein heiteres Wort von
+ihm gehört: Ximenes glaubt, daß sich die Sonne verfinstert, wenn er
+sich räuspert.“</p>
+
+<p>„Ich will von den Mauren nichts hören,“ sagte unwillig der Graf,
+während er Degen und Schärpe wegwarf. Die schönen gestählten Glieder
+spielten freier, vom Druck des Panzerhemdes befreit. Er schritt
+mit gerunzelter Stirn auf und ab, rief nach Chispazo, jagte den
+Springteufel wieder fort und warf Gewandstücke da und dorthin.</p>
+
+<p>„Es wird dich also mehr freuen zu hören, daß Perez de Oliva eine
+Karawelle nach Hispaniola rüstet.“</p>
+
+<p>Der Graf schüttelte wieder den Kopf. „Auch damit wird nichts.“</p>
+
+<p>„Du willst nicht nach Haiti? Willst du hier immer Hammelfett riechen
+und Olla potrida essen?“</p>
+
+<p>„Lege dich auf den Diwan — er ist maurische Arbeit —“</p>
+
+<p>„Von Mauren willst du, glaube ich, nichts hören.“</p>
+
+<p>Der Graf drückte den Freund mit einem kräftigen Arm in die üppigen
+Polster. „Wir haben Eswer Ben Zerragh gefangen.“</p>
+
+<p>„Die Stadt spricht davon. Man soll seine Berge nicht zu früh verlassen,
+sagt der vorsichtige Hirte.“</p>
+
+<p>Graf de Mora zog die Zettel aus seinem Brustlatz. „Der junge Ritter
+trug das bei sich. Worte des Aufruhrs — aber seines Herzens. Du kennst
+dich in Canzonieros aus.“</p>
+
+<p>Hernando buchstabierte geläufig die Schrift und lachte. „Das wellt wie
+Wüstensand unter Samumfittichen. Verse aus einer verliebten Seele.
+Gazalun — die Gazelle — und er selbst ist Asadun, der Löwe. Er
+verliert seine Wildheit beim Anblick der schönen Reija —“</p>
+
+<p>„Heißt das wirklich Reija?“ fiel der Graf dem Freund gereizt ins Wort.</p>
+
+<p>„Reija, gewiß — und sie wirft braune Beine im Tanz beim Mondenlicht —
+und da ist von einer königlichen Abstammung die Rede — und da: Unter
+Hüterflügeln eines weißen Adlers sitzend —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span></p>
+
+<p>„Abu Atir! Es liegt am Tag!“ Der Graf schlug heftig mit dem Degenknauf
+auf seinen Schenkel.</p>
+
+<p>„Es ist eine Muwaschaha, wie sie die Hirten in den Bergen singen.“</p>
+
+<p>„Ich weiß, wen er meint. Die Perle des Alkazars, die Agarenos nennen
+sie Ward.“</p>
+
+<p>„Ward? Das ist die Rose. Ei, ist es die, welche dein Degen —“</p>
+
+<p>„Laß das,“ unterbrach ihn der Graf hastig. „Es hätte jeder Kastilier an
+meiner Stelle ebenso gehandelt.“</p>
+
+<p>Hernando de Rojas wurde nachdenklich. „Das Schicksal nimmt sich oft
+seltsame Anwälte. Du hast also Salzedo gefunden?“</p>
+
+<p>„Ich verdanke den Fund dem sonderbaren Mädchen — eben dieser Ward.“
+Und er erzählte dem Freund den Hergang.</p>
+
+<p>„So ist Salzedo einen Koran wert. Hm — Don Pedro war früher nicht
+leicht zu einem Handel mit Mauren geneigt. Er befahl und es geschah.
+Vielleicht weil er immer nur mit Mauren und nicht mit Maurinnen zu
+tun hatte.“ Er lächelte listig. „Und diesen gefährlichen Ritt in die
+Alcazaba wagtest du um Salzedo, um Ximenes willen? Man muß sagen, da
+hast ein Herz für deine Spanier.“</p>
+
+<p>Mora drehte das Gesicht nach der zart gemusterten Stuckatur der Wand.
+Hernando ließ nicht locker. „Dein Entschluß, Hispaniola untreu zu
+werden, steht also fest?“</p>
+
+<p>„Das Land lockt mich nicht mehr,“ sagte der Graf geringschätzig. „Mein
+Degen sehnt sich nach maurischen Brüsten. Der Glaube ist bedroht. Der
+König hat recht: in diesem Augenblick gehören alle spanischen Ritter
+nach Spanien.“</p>
+
+<p>„Und um das zu erkennen, mußte zuerst eine Maurin vor deinen Augen
+ihren Koran verteidigen?“ Er zielte mit einem prüfenden Blick nach dem
+Freund.</p>
+
+<p>Dieser entzog sich wieder dem lauernden Auge. „Du mengst Dinge hinein,
+die nicht dazu gehören.“ Er vermurmelte ein paar grollende Worte.</p>
+
+<p>Da legte ihm Hernando die Hand auf die Schulter. „Du bist nicht
+aufrichtig.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>Von den Minars erklang das Selam in feierlich gezogenen Tönen. Aus den
+Gassen scholl der Lärm der Empörer herauf. Don Pedro de Solar fuhr
+gequält auf: „Es gibt einen kleinen Fisch, er heißt Remora. Er soll das
+größte Schiff der Welt aufhalten können. Siehst du, so kann ein kleines
+Ereignis die größten Entschlüsse zum Stocken bringen.“</p>
+
+<p>„Das ist auf Hispaniola gemünzt?“</p>
+
+<p>Der Graf wurde plötzlich von weichen Gefühlen bewegt. „Ich möchte
+wieder in Mora sein, in meinem Carmen bei der Stadt, möchte den
+arabischen Springbrunnen rauschen hören. Meine Mutter hatte so viele
+arabische Märchen im Kopf.“ Er blickte verloren in das weiße Blenden
+der Albaycin-Häuser, während sein Fuß auf der Espartomatte ungeduldig
+spielte.</p>
+
+<p>Hernandos Blick nagelte den Freund fest. „Dich drückt etwas Bestimmtes.“</p>
+
+<p>Statt aller Antwort fragte Don Pedro: „Du hast viel Glück bei den
+Weibern gehabt?“</p>
+
+<p>„Ohne zu prahlen, ich hatte die Schönen von Salamanca, Sevilla,
+Barcelona, Toledo — nein, das ist ja schon halbe Prahlerei. Ei, was
+geht dich mein Glück bei den Mädchen an?“</p>
+
+<p>„Ich möchte doch auch einmal eure Paradiese sehen,“ sagte der Graf, mit
+dem Finger weich über die samtne Decke streichelnd.</p>
+
+<p>Hernando machte Augen. „Jetzt fürchte ich um die Erdbeständigkeit
+Granadas. Don Pedro de Solar fragt nach den Paradiesen an einer Maja
+Brust!“</p>
+
+<p>„Schweig oder besser: rede! Stopple ein paar Abenteuer zusammen, wenn
+du sie nicht erlebt hast. Deine Tugend ist Wohlredenheit.“</p>
+
+<p>„Hältst du mich für einen geschwätzigen Amadis? Meine Abenteuer
+könnte ein ehrsamer Schreiber einem König als lustiges Buch zu Füßen
+legen. Man lernt im Schatten der Schulbank von Salamanca mehr als den
+Juvenal. Von der stolzen Ines herab, die ihr Schloß durch Feuerwerk
+für mich beleuchten ließ, bis zur schönen kupferhaarigen Dolores, die
+so wunderbar <span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>faul war, daß sie ein Esel darum beneidet hätte, und die
+nur Fetzen am Leib hatte statt Seide, habe ich alle Zwischenstufen von
+Schönheiten genossen. Und doch rate ich dir, wenn du Vergnügen höher
+schätzest als Liebe, so nimm dir eine Maurin in dein Bett. Es sind
+weichschenklige Weiber.“</p>
+
+<p>„Bist du bei Sinnen?“ empörte sich Don Pedro.</p>
+
+<p>„Du hast Midashände, darauf fliegen die Maurinnen wie die Hennen aufs
+Futter. Sie sind flüchtige Schmetterlinge, eilen von Genuß zu Genuß,
+ihr Tag- und Nachtwerk ist küssen, küssen. Auch verstehen sie es, keine
+Kinder zu kriegen, denn an diesen könnte deine Liebe einst bitter
+leiden. Man sagt ihnen freilich nach, daß sie die Männer bald ermüden
+und sich wie Delila ihrer Stärke freuen. Aber was tut’s! Sie schwelgen
+an den Tafeln des Lasters, und die Tugenden ihrer Mädchen sind Masken,
+die gelüftet eine abgefeimte Dueña zeigen.“</p>
+
+<p>Der Graf ballte die Fäuste. „So kann’s nicht sein, so nicht!“ In der
+Angst, sich zu verraten, änderte er den Ton. „Wie erwirbt man so
+flüchtige Liebe?“</p>
+
+<p>„Der eine tut’s in Versen, der andere mit Blicken, der dritte greift
+keck zu und überrennt ihren Leib. Auch eine Kupplerin kann gute Dienste
+tun. Die Mauren schätzen ihre Frauen als Weib, Kind und Dirne ein.
+Solch ein Mischmasch ist gerade für die Stunde gut, da dem Christen
+der Adam um die Lenden kitzelt. Doch hüte dich, aus einem Zeitvertreib
+Ernst zu machen. Die Busenwärme eines braunen Kindes soll dir schwere
+Gefühle abschütteln, nicht dich damit beladen. Auch hüte dich vor den
+vornehmen Mädchen, sie werten jeden Christenblick wie den eines Piraten
+und sind leichter reizbar, durch ihre Fetas verwöhnt, die einigen Sinn
+für echte Caballeria haben. Der Zufall hat dir Beweise des maurischen
+Rittertums in den Versen dieses Abencerragen in die Hände gespielt. Auf
+solche liebeklingende Werbung fällt leicht eine Agarena hinein.“</p>
+
+<p>„Also Maurin und doch nicht.“ In des Grafen Brust kochte es.</p>
+
+<p>„Ich will den Tag mit Henna anstreichen, da ich vor Mora über Maurinnen
+sprechen durfte, ohne daß es ihn überlief. Sonderbar <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>— Hispaniola
+verweht — dafür verteidigst du Maurenmädchen —“</p>
+
+<p>„Eswer Ben Zerragh soll hängen!“ brauste es plötzlich wie ein Zyklon
+aus dem Munde des Grafen.</p>
+
+<p>Da griff sich Hernando an die Stirn. „Ah! — Es ist am Tage! Deine
+Wange in Glut! Der hilfsbereite Degen! Eswer soll hängen! Der Blitz
+zündete und traf! O ich blinder Maulwurf!“</p>
+
+<p>Graf de Mora saß auf einer Truhe, das Kinn in die Hand gestützt.
+Er wußte, daß ihm der Freund das Geheimnis entreißen würde, und im
+Grunde wollte er es auch. Die Beladenheit seines Herzens drängte
+nach Mitteilung. Und Rojas war der Treuesten einer, zugleich geübt
+in Galanterie, beredsam, geschickt, alles in allem ein brauchbarer
+Helfer in einer Sache, die des Grafen Herz in ein Chaos zu verwandeln
+im Begriffe war. Nur ein Knabe hätte jetzt noch an Ausflucht denken
+können. „Sie ist schön,“ sagte Mora, und es klang wie ein offenes
+Bekenntnis.</p>
+
+<p>Hernando zuckte die Achseln. „Die Mauren vergleichen sie freilich mit
+Canopus, dem seltenen Stern. Du müßtest sie unverschleiert sehen.“</p>
+
+<p>„Ich habe sie gesehen,“ stürzte Don Pedro glücklich heraus. „Ihr Wert
+ist größer als der ihres Schleiers. O Hernando, was rätst du mir?“</p>
+
+<p>Rojas mußte sich zuerst sammeln. Es kam zu unerwartet. „Gebe mir
+Gott den richtigen Augenblicksverstand, damit ich nicht daneben
+sinne. Deine Lage ist heikel, wenn du diese Schönheit ernst nimmst.
+Du bist königlicher Hauptmann, erster Soldat des Gobernadors, hast
+Kriegsverdienste, bist Grande, kannst ohne Genehmigung des Königs
+nicht vor das Gericht gestellt werden, stehst bedeckten Hauptes vor
+dem König, dein Platz bei den Cortes ist hinter den Prälaten — das
+alles macht dich groß, aber es hindert dich, frei zu handeln. Ximenes
+bereitet Schläge gegen die Mauren vor, und du sollst mithelfen —“</p>
+
+<p>„Er wird nicht über mein Herz schreiten dürfen,“ sagte Don <span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>Pedro
+erregt. „Ich war ein Leben lang auf falscher Fährte. Diese Mauren sind
+in ihrem Glauben ebenso stark wie wir. Tendilla, Talavera, Osuna, Orgaz
+beugen sich vor der Kraft ihrer Überzeugung. Ich stürmte blindlings an
+ihr vorbei, nahm gedankenlos hin, was mir die Überlieferung als eine
+Selbstverständlichkeit hinlegte.“</p>
+
+<p>„Über deinem Haupt hängt eine Wolke,“ mahnte der Freund. „Flieh, ehe
+ihr Donner dich vernichtet.“</p>
+
+<p>„Es gibt Wolken, denen der Mensch nicht entfliehen kann. Sie eilen zu
+schnell.“</p>
+
+<p>„Schwer wird man deine Wandlung verstehen. Du standest an der Spitze
+der Maurenhasser. Wer hat ihn zum sanften Schäfer gemacht? wird man
+fragen. Auf jeden Fall hüte dich, deine Wandlung vor den Augen der
+Familiares zu zeigen. Die Liebe einer Maurin ist ein gefährliches
+Himmelsgeschenk. Aber im Grunde bist du ein fallendes Blatt, vom Sturm
+an die Schöne herangeweht, du atmest ihre bestrickende Nähe und siehst
+vielleicht noch nicht die Netze, die dir gestellt sind.“</p>
+
+<p>Eswer wird in neun Tagen frei sein! Der Lockton schwang an des Grafen
+Ohr. Und die Augen, die Zähne, die sie dabei zeigte! O ihre Schönheit
+warf glühende Bälle nach ihm und er vermochte kaum klar zu denken.
+Doch plötzlich sprang es ihn an. „Du kennst die Geschichte des
+Abencerragen, Hernando. Er hat in Notwehr gehandelt, als er damals den
+Schergen verwundet — doch nun hat er freilich einen Alguacil getötet.
+Vielleicht auch aus Notwehr. Und wenn nicht — ein kastilischer Ritter
+hätte nicht viel anders gehandelt, wenn er einen Landsmann von Feinden
+bedroht gesehen hätte.“</p>
+
+<p>Der Freund lächelte. „Du suchst schon nach Entschuldigungen. Trefflich!
+Bei San Isidoro, man muß an Wunder glauben, der Wolf ist zum Lamm
+bekehrt. Und das alles aus den Feuergründen eines Weiberauges! Pedro,
+Pedro, du hast lange den schönen Blitzen widerstanden, aber nun treffen
+sie dich um so unbarmherziger. Das Weib rächt sich durch ein Weib. Sei
+auf der Hut! Es laufen so schöne Majas in Granada herum, daß dir <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>um
+dein Herz nicht bange zu sein braucht. Aber laß diesen wahnwitzigen
+Gedanken fallen: eine maurische Königstochter!“</p>
+
+<p>„So gilt das Edle weniger als die billige Ware einer Liebesnacht?
+Hernando, nun kenne ich dich nicht mehr. Alfonso der Sechste war es,
+der eine maurische Fürstentochter zur Gattin erhob, vor maurischen
+Schönheiten senkten christliche Ritter einst ihren galanten Degen —
+o geh, geh, du hast deine Zeit in Salamanca an schlechte Weisheit
+verschwendet. Die Erde wird nicht aus der Achse fallen, wenn ein Gott
+zwischen zwei Religionen Versöhnung predigt.“</p>
+
+<p>„So weit bist du schon, Pedro? Und mit solchen Gedanken willst du als
+königlicher Hauptmann die Rattenwinkel der Empörung säubern?“</p>
+
+<p>„Weg mit dem Amt, das mir das Herz beengt!“ flammte der Graf auf.</p>
+
+<p>„Du — den Degen niederlegen — in die Hände des Königs? Dieses Königs?“</p>
+
+<p>„Soll ich nicht prüfen dürfen, wo das hartbedrängte Volk geirrt? Man
+sollte die Mauren doch auch mit den Waffen des Geistes besiegen können,
+des Geistes, den Spanien in seinen Hochschulen großzieht.“ Mora begann
+fremdartig zu schwärmen. „Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich
+wehrte und zur Heldin wurde. Möge kalt wägender Verstand hier unheilige
+Glut erklügeln, ich glaube dem Feuer aus diesem reinen Mund.“</p>
+
+<p>„Du dampfst wie kochender Wein! Ich will nüchtern bleiben. Noch ist
+nichts geschehen, als daß dein schwer zündbares Herz endlich Feuer
+fing. Aber man fliegt nicht ungestraft mit wächsernen Flügeln einer
+Sonne zu. Männer, die nie geliebt, wirft die Liebe um so leichter um.
+Mach’ doch um Christi willen keinen heiligen Altar aus deinem Gefühl.
+Leb’ wohl!“ Er klirrte in die Kühle des Korridors hinaus und ließ den
+Grafen in einem Gewoge selig-unseliger Bedrängnisse zurück.</p>
+
+<p>Hernando hatte recht, es war noch nichts geschehen. Aber dieses
+herzaufwühlende Gefühl, daß etwas geschehen könnte! Der Graf ließ sich
+davon überrieseln. Er stand beim Fenster. Der Moderduft <span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>des Herbstes
+drang aus dem Garten des Generalifes in seine Sinne. Fern schimmerte
+der Schnee des Picacho de Veleta, tief unten rauschte leise der Darro.
+Bald mußte er mit gelben Regenfluten daherbrausen&#8239;—</p>
+
+<p>Der Graf spannte das Auge nach der Darrostraße. Eine Dame ritt daher,
+gefolgt von Rittern. Leonore de Uceda! Welch schmachtenden Blick
+warf sie herauf! Der Graf zog sich in den Schatten zurück. Dieses
+liebebettelnde Abenteuerweib kam zur Unzeit in seine Gedanken geritten.
+Er schüttelte das Bild von seiner Seele, denn es wog zu leicht und
+wurde von keiner Tugend geziert.</p>
+
+<p>Dumpf läuteten die Glocken. Es mochte wieder ein Auflauf im Gange
+sein. Don Pedro durfte bis zum Abend ruhen. Er drückte das Haupt in
+die arabischen Diwanpolster. Eswer wird in neun Tagen frei sein! klang
+es wieder an sein Ohr. Und seine Müdigkeit zerriß. Er wird nicht frei
+sein! tobte der Trotz in ihm. Er ist dein Liebhaber, schöne Gazelle der
+Agarenos! Und ich werde nicht die Torheit begehen — ei, was für eine
+Torheit? Ach, Gedanken sind Würmer, die am Mark des Menschen zehren.</p>
+
+<p>So drohte sein Gemüt in den Niederungen des Zweifels und der Eifersucht
+zu ersticken.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Funfzehntes_Kapitel">
+ Fünfzehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">R</span>eijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines
+zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da
+stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches.</p>
+
+<p>„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“</p>
+
+<p>Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins
+Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“</p>
+
+<p>„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie
+dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die
+schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur
+von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span></p>
+
+<p>„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit.</p>
+
+<p>„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid —“</p>
+
+<p>Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer
+Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla — Gott erleuchte sein Herz, wie
+er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten,
+begleitet von seinem Hauptmann —“</p>
+
+<p>„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen.</p>
+
+<p>„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll
+Licht.“</p>
+
+<p>„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus.</p>
+
+<p>„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs
+neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht
+auf — und da — o daß ich es noch einmal sehen könnte! — da wirft
+der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist
+mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König
+Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich
+an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze
+— die Waffen sinken zu Boden — der Graf — Gott gebe ihm Gärten und
+Paläste und tränke seine Herden! — der Graf läßt durch Reiter eine
+Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei
+Söhne reiten durch die lebendige Gasse — und der Graf ruft: ‚Diese
+meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit
+angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad
+nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf —
+Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für
+sein Leben.“</p>
+
+<p>„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den
+schönen Lippen.</p>
+
+<p>„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador —
+ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man
+sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen
+Gott loben, denn er hat ein <span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>sichtbares Zeichen gegeben über sein
+zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf,
+er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen
+errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und
+ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“</p>
+
+<p>In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und
+schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten
+sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt
+auf dem Untergrund des dunklen Samts.</p>
+
+<p>Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen
+brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“</p>
+
+<p>Saffana brachte Teppiche und Diwan in Ordnung. „Talavera?“</p>
+
+<p>Reija kräuselte die Lippen in Unmut. „Den, der uns den Koran brachte.“</p>
+
+<p>„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen.
+„Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er
+ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“</p>
+
+<p>„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin.</p>
+
+<p>Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung
+ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein
+Weib an.“</p>
+
+<p>Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen
+christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt,
+stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“</p>
+
+<p>„Freilich — damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten
+des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der
+Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie
+gefällt er dir, Tau der Wüste?“</p>
+
+<p>Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber
+sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. <span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>Es war so
+schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen
+Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“</p>
+
+<p>Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber
+ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie
+die Sklavin.</p>
+
+<p>„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute
+einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“</p>
+
+<p>„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn
+herum aber sah ich Flammen.“</p>
+
+<p>„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“</p>
+
+<p>„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das
+Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel — da erwachte ich
+und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“</p>
+
+<p>„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“</p>
+
+<p>„Aber was soll die Flamme um ihn?“</p>
+
+<p>„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“</p>
+
+<p>Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum.
+Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl
+— sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er
+einem den Koran gebracht?“</p>
+
+<p>Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen
+möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott
+für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch
+wenn er stirbt.“</p>
+
+<p>Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie
+rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der
+Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir
+den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl
+schöner als der Graf.“</p>
+
+<p>„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Echo. Aber
+das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel
+ihres Gefühls zu lösen.</p>
+
+<p>„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh
+zurück.</p>
+
+<p>Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich
+segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“</p>
+
+<p>Noria, die Schiefrückige rief zum Bad.</p>
+
+<p>In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der
+Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und
+Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus
+silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden.</p>
+
+<p>Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs,
+keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen
+die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos
+gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar,
+sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern
+und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang
+war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift.
+Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten
+sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten
+dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem
+Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein
+glücklicher Falter nahte.</p>
+
+<p>Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen,
+ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern,
+wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare
+Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es
+mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden
+Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte
+Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin
+fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten
+Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser <span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span>von
+Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut
+rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen,
+ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen.</p>
+
+<p>Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit
+natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an
+ihr bebte.</p>
+
+<p>„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd.</p>
+
+<p>„Was ist es mit ihr?“</p>
+
+<p>„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins
+Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den
+Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“</p>
+
+<p>Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom
+Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die
+Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine
+fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden
+Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines
+goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den
+fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes
+Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras.</p>
+
+<p>Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß
+zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es
+möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den
+Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand.
+„Das Gewand!“</p>
+
+<p>Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie
+erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie
+legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin
+ein jemenitisches Liebeslied summte.</p>
+
+<p>Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das
+stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein
+sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine
+Riesensphinx dalag.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Sechzehntes_Kapitel">
+ Sechzehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>ie Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der
+Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter
+nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus.
+Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche
+Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten
+brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den
+Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am
+selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches
+Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig
+entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach
+Sevilla.</p>
+
+<p>Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen
+gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins
+Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche
+Licht zu einem Fünklein zusammen.</p>
+
+<p>Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in
+das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König —“</p>
+
+<p>„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin
+stürzend.</p>
+
+<p>Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit
+geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“</p>
+
+<p>Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur
+Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter —! O
+warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt
+haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und
+noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt
+einen eifernden Erzbischof.“</p>
+
+<p>„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella.</p>
+
+<p>Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl.
+„Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie
+Könige aus sich selbst sein!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis!
+Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des
+Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man
+uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“</p>
+
+<p>„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen
+den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er
+ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse
+Vergangenheit seines Vaters.“</p>
+
+<p>„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella
+auf.</p>
+
+<p>Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn
+laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit
+Eifer —“</p>
+
+<p>„— und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin
+warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel
+herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone
+Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“</p>
+
+<p>Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die
+Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“</p>
+
+<p>Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu
+vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar,
+Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die
+beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten.
+Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick —“</p>
+
+<p>Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen
+gebären sich dann von selbst.“</p>
+
+<p>Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über
+der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar
+den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des
+Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er
+sich aufrecht.</p>
+
+<p>„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng <span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>verfurchtem
+Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen,
+gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist
+besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch,
+ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den
+Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst
+zu tun?“</p>
+
+<p>„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen
+Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig.
+Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst
+auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner
+erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf,
+damit meine Könige besser schlafen können.“</p>
+
+<p>Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns
+schmerzen,“ sagte sie weich.</p>
+
+<p>„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre
+Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“</p>
+
+<p>„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben
+Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben
+gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten — und Ihr verbrennt die Bücher
+ihres Glaubens!“</p>
+
+<p>„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des
+Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an
+ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie
+sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich
+blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich
+das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut.
+Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des
+goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer
+Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft
+christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale
+der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man
+mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen
+Medizinen in mir <span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in
+der eigenen Tat erblicken.“</p>
+
+<p>„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend.</p>
+
+<p>Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache
+alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch
+Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr,
+ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr
+Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen
+bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen.
+Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen
+Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine
+Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten
+hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds
+fortgepflanzt.“</p>
+
+<p>„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu —“</p>
+
+<p>„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich
+sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste,
+ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden
+wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s
+geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf —“</p>
+
+<p>„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon —?“</p>
+
+<p>„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz.
+Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein
+ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter
+dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein
+Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft.
+Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets
+meinem Rat williger das Ohr geliehen — o sprecht für mich!“</p>
+
+<p>Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein
+Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges <span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span>Schwert,
+Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren,
+aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“</p>
+
+<p>„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft.</p>
+
+<p>„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken
+aber bleibt unberührt.“</p>
+
+<p>Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken
+überwachen.“</p>
+
+<p>„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker
+werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns
+anklagen sollte. Leon ist allzu streng —“</p>
+
+<p>„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt?
+Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße
+legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der Kirche
+—“</p>
+
+<p>„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn
+flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert:
+die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die
+Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch,
+drängst du die Mauren übers Meer.“</p>
+
+<p>„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“</p>
+
+<p>„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der
+König.</p>
+
+<p>„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich
+nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser
+ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen
+stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten:
+Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“</p>
+
+<p>„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis.
+„Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt
+noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche
+werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und
+sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr
+schürt. Es <span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib
+mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“</p>
+
+<p>Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht
+nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser
+Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada
+die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele
+gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“</p>
+
+<p>Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn
+ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe,
+bürgt Ihr mir für den Erfolg?“</p>
+
+<p>Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was
+spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo
+bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen
+Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die
+Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen
+Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch
+der gefährlichste — gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die
+Seele des Aufruhrs.“</p>
+
+<p>„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf.</p>
+
+<p>Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen.</p>
+
+<p>Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten,
+der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein
+Schwert zu klopfen.“</p>
+
+<p>„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich
+halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien
+weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich
+nicht —“</p>
+
+<p>Der König reckte sich. „Was soll die Drohung?“</p>
+
+<p>„Der ganze Priesterstand ist in mir verletzt worden. Wenn’s dabei
+bleibt, wächst der Granden Stolz, der Mut der kühlen Denker. Weh Euch,
+weh uns! Kirchen und Klöster werden zu Ruinen und über Priesterleichen
+geht der Weg zur Macht.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span></p>
+
+<p>„Ihr malt grell, Ximenes,“ sagte Fernando unbeirrt.</p>
+
+<p>„O viel zu blaß ist das Gemälde der Zerstörung. Wollt Ihr ein zweites
+Bild? Die Kirche auf der Seite der Granden? Rittertum und Geistlichkeit
+haben den Koloß geschmiedet, der langsam die Mauren zermalmte. Doch
+der Koloß kann sich, wenn’s sein muß, auch nach einer andern Richtung
+wenden. Im Rat der Cortes gilt meine Stimme noch.“</p>
+
+<p>Der König stand bleich unter dem Drohwort des Kanzlers. Dann schnellte
+er los: „Isabella! Was ist Freund, was Feind an diesem Hof? Weiß ich,
+ob, was die Zunge spricht, auch im Herzen geboren? Was heut uns dankt,
+dankt morgen einem andern.“</p>
+
+<p>Ximenes stand betroffen von dem jäh ausbrechenden Königsschmerz.
+Da trat die Königin zu dem greisen Freund. Sie fand ihre Stärke
+wieder. „Ihr seid ein spanischer Priester, die sind im Kirchenamt so
+hart erzogen wie im Kriegsdienst. Das ist vielleicht ein Gotenerbe.
+Drum drängt das Kämpferherz den Gottesmann in Euch zurück. Wir
+brauchen solche Schwertpriester, um den Spanier glücklich zu wissen.
+Ximenes, wir haben nichts zu wählen, nichts zu fürchten —“ Und in
+Gedanken setzte sie hinzu: als dich, Ximenes! Doch sie sprach ein
+zuversichtliches Wort. „Ihr sollt Vollmachten haben. Formuliert sie.“</p>
+
+<p>Ximenes atmete auf. „So hört: die Verträge mit den Mauren können
+unbedenklich für nichtig erklärt werden.“</p>
+
+<p>Fernando starrte den kühlen Forderer an. „Seid Ihr von Sinnen? An
+meinem Namen klebt das Recht. Es war ein anderer Fernando, den sie den
+Heiligen heißen, der mit den Mauren im Kampf lag, doch es war sein
+Stolz, daß er Verträge hielt. Die Gerechtigkeit umschimmert seinen
+Königsadel. Soll die Geschichte sagen, daß ein späterer Fernando
+Verträge brach?“</p>
+
+<p>Um die Mundwinkel des Kanzlers legte sich ein Zug unerbittlicher
+Schärfe. Die Augendeckel gingen langsam auf und ab. „Das Gewissen der
+spanischen Könige war nicht immer rein, dünkt mich. Ein Alfonso war
+es, der einen maurischen Königssohn vertrieb, bei dem er kurz vorher
+selbst Schutz gefunden vor seinen Feinden. Empfindliche Menschen
+nennen dies Undankbarkeit. <span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>König Pedro ermordete mit eigner Hand den
+Maurenfürsten, der als Gast bei ihm lag. Und hätte der Cid sich mit der
+geraden Treuherzigkeit den Lorbeer um das Haupt gewunden?“</p>
+
+<p>Zornig schnitt ihm Fernando das Wort ab. „Soll der Enkel nachahmen, was
+die Ahnen gesündigt?“</p>
+
+<p>Da rückte der Erzbischof mit gesenkter Stimme an das Gewissen seines
+Herrn heran: „Und hat dieser Enkel das eroberte Malaga vertragsrichtig
+behandelt? Schrien nicht Mauren am Marterpfahl, durchstochen von
+spanischen Ritterlanzen? Wurden nicht zwölf Juden mit Schilfrohren zu
+Tode gepeitscht? Nicht zwölftausend Mauren als Sklaven verkauft und
+alles, was maurisch betete, vertrieben? Und das Geschenk von vierzig
+maurischen Mädchen für die Königin von Neapel?“</p>
+
+<p>„Mahnst du mich daran, daß Priester deinesgleichen meine Ratgeber
+waren?“ stürmte der König grimmig auf den Primas ein. „Die Zeiten sind
+vorüber. Fortan soll der Maure an mich glauben können.“</p>
+
+<p>„Er tut es, indem er sich empört,“ lächelte der Erzbischof überlegen.
+„Hat ein solches Volk nicht das Recht auf Einhaltung der Verträge
+verwirkt?“</p>
+
+<p>„Wer trieb sie zur Empörung? Verletzte ihre Rechte?“</p>
+
+<p>Da richtete Ximenes den Asketenleib auf und sein Auge sprühte Triumph.
+„Und wer sagt Euch, Hoheit, daß dies nicht mit Vorbedacht geschehen?“</p>
+
+<p>Fernando starrte den Schrecklichen an. „Ihr — habt —?“</p>
+
+<p>„Um sie zur Empörung zu reizen, verbrannte ich die Bücher und riß die
+Kinder von den Müttern. Die Aufgereizten mußten zu den Waffen greifen,
+man mußte sie zum Aufruhr treiben, um sie ins Unrecht zu setzen, denn
+einem Empörer hält man keine Verträge mehr, weil er selbst den Vertrag,
+den friedlichen, gebrochen.“</p>
+
+<p>Der König mußte sich fassen. „Bei Gott und Santiago! Das ist furchtbar.
+Dies auszusinnen, mußte erst ein Priester kommen. Ich brauche Zeit,
+dies alles zu überdenken.“</p>
+
+<p>„O handelt, handelt!“ stürzte Ximenes hervor. „Der Augenblick, <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>das
+größte Werk der Christenheit zu tun, ist da. Wer ihn versäumt, klagt
+sich selbst vor Gott an. Man stelle die Mauren unter die Anklage des
+Hochverrats und der Vertragsverletzung, und im gleichen Atemzug wartet
+man mit Gnade auf, gibt den Empörern die Möglichkeit zur einzigen
+Rettung: Entweder Auswanderung oder Taufe! Der Maure hängt an seinem
+Granada, ich verpfände meinen Kopf, der größte Teil bleibt hier und
+fällt unserm Glauben zu.“</p>
+
+<p>Die Gesichter der Könige waren in Blässe getaucht. Das gewaltige Werk
+dieses staatsmännischen Kopfes stand wie ein Koloß vor ihnen und sie
+wagten nicht, seine Größe zu ermessen.</p>
+
+<p>Ximenes hielt die Seelen der schon halb bezwungenen Könige fest in
+seinen Händen. „Denkt an die Juden, die wir vertrieben! Es lag damals
+nicht anders.“</p>
+
+<p>Der König zuckte zusammen. Vor seinem Geiste schwebte ein Erinnern
+an die dunkelste Zeit der Herrschaft. Er sah die spanischen Juden
+auf den Knien liegen und er hörte die Silberlinge, die sie ihm
+für die Zurücknahme des Vertreibungsediktes anboten, im großen
+Sammelbeutel klirren. Dreißigtausend Dukaten lagen dann wohlgezählt
+auf dem Marmortisch des Audienzsaales. Schon wollte Fernando um des
+Riesenschatzes willen Gnade üben — da warf sich der glaubenswütige
+Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor den König hin: „Judas hat
+Jesus um dreißig Silberlinge verkauft, Eure königliche Hoheit wollen
+ihn neuerlich um dreißigtausend verkaufen.“ Und er warf das Kruzifix
+auf den Tisch. Das weckte den König. Er ließ das Geld unberührt und
+achthunderttausend Juden mußten auswandern, ihr Vermögen fiel dem
+Kronschatz anheim. Die Erinnerung griff an das Königsherz. Ximenes
+mußte es aufs neue durchwühlen.</p>
+
+<p>„Die Welt muß der Stimme gehorchen, die von Nazareth kam. Will mein
+König auf den Ruhm verzichten, Europa von den Irrgläubigen gereinigt zu
+haben? Und zudem —“ seine Stimme wurde bohrendes Geflüster — „Spanien
+braucht Geld, <span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>und es ist aus den Mauren herauszupressen. Macht Euch zu
+Freunden des ungerechten Mammons. Die Mauren sollen Glauben und Geld
+lassen.“</p>
+
+<p>Der König fühlte, wie sein Gewissen pochte. Er sehnte sich nach der
+Schirmerhand der Kirche. „Laßt Messen lesen für die Not unseres
+Herzens! Wie sollen wir anders können, wenn der erste Priester des
+Reiches unsere Tat auf sich nimmt! Verfaßt das Edikt: Taufe oder
+Auswanderung!“</p>
+
+<p>„Taufe oder Auswanderung!“ Mit glänzendem Auge wiederholte es die
+leicht gewonnene Königin.</p>
+
+<p>„Noch eines,“ sagte Ximenes. Und sein Blick lauerte in die Herzen
+der Könige. „Wenn man den Auswanderern den Geleitbrief bis an die
+afrikanische Küste gäbe, dann wäre Gelegenheit, sich ihrer — nach der
+Ausschiffung auf rasche Weise zu entledigen. Man macht sie nieder —“</p>
+
+<p>„Seid Ihr von Sinnen?“ schnellte die entsetzte Königin empor.</p>
+
+<p>Fernando aber durchbohrte den schrecklichen Ratgeber mit einem
+furchtbaren Blick. „Ist das ein Priestergedanke oder —?“</p>
+
+<p>„Der Herzog von Medina-Sidonia riet es. Er hat mehr Klugheit als Herz.“</p>
+
+<p>„Und Ihr gebt Euch zum Anwalt dieser Klugheit her? Dann soll das Herz
+bei Königen zu finden sein. Nie wird das geschehen, was Ihr sinnt. Der
+Maure baue auf ein Königswort.“</p>
+
+<p>Ximenes’ Herz rollte sich zusammen. So mußte er eben mit dem kleinern
+Erfolg zufrieden sein. Seine Neider konnten wenigstens nicht mehr mit
+der königlichen Ungnade triumphieren. Er reckte und streckte sich.
+„Unser Gebet ist: Christi Geist komme und belebe die Mauren. Spanien
+ein Volk, ein Land. Nicht Freiheit, sondern Reinheit des Glaubens!
+Zu Hirten setzte Gott die Bischöfe ein, vertraut also dem einen, der
+Euch die Herde vermehren hilft und die räudigen Schafe ausstößt.
+Glaubt mir, der Kirche Geist kennt keine Schwäche, alle natürlichen
+Erschütterungen, die Prüfungen Gottes, wird er überwinden. Straucheln
+wir auch, wir erheben uns wieder und setzen gewaltiger unsern Weg fort.
+Niemand wird das Geheimnis unserer Macht lösen <span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span>können, denn wer könnte
+Gott enträtseln?“ Er verneigte sich vor den Königen. Diese küßten dem
+ersten Diener Gottes die Hand.</p>
+
+<p>„Ihr sollt morgen das Hochamt zelebrieren,“ sagte die Königin. „Dann
+kehrt nach Granada zurück. Wir folgen bald.“</p>
+
+<p>Draußen erwartete den Kirchenfürsten der getreue Ruyz. Aus dem
+strahlenden Gesicht seines Herrn las er den Sieg einer geistigen
+Schlacht.</p>
+
+<p>Ximenes ließ sich beim Großinquisitor Deza ankündigen. Der Primas, der
+noch vor zwei Jahren die Strenge der Inquisition verurteilt hatte, ging
+jetzt in ihr auf. Er stand mit seinem Kanzleramt nicht im Getriebe des
+Tribunals, er war nicht im Supremo, dem höchsten Rat des Gerichts in
+Toledo, aber er bediente sich seiner Macht zur Stärkung der eigenen.
+Die bewegende Kraft ging von ihm aus. Er trat infolge seiner hohen
+geistlichen Stellung mehr vor das Volk als der in den Geheimzimmern
+wirkende Großinquisitor. Von Deza kannte man nur den Namen und die
+Auswirkung seiner Gesetze; Ximenes konnte man ins Auge sehen und konnte
+seine Tatkraft bewundern.</p>
+
+<p>Er ließ sich nun über den Guadalquivir zum Kartäuserkloster in Triana
+rudern. Dort wohnte Deza. Schon von weitem hörte man den zahmen Löwen
+brüllen, den der Großinquisitor selbst bei der Messe zu seinen Füßen
+liegen hatte. Sie traten in die klösterliche Zwingburg. Über einem
+Torbogen wehte die Fahne des heiligen Tribunals mit dem grünen Kreuz,
+das aus einer Krone wuchs, von Schwert und Ölzweig flankiert. Scheue,
+dunkle Mönchsgestalten schlichen die Mauer entlang. Irgendwo hörte man
+leises Wimmern, wie vom Winde verweht. Ein Schauer rieselte dem jungen
+Pater Ruyz durchs Mark. Er wußte, daß unter ihm die Folterkammer des
+Ketzergerichts lag.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Siebzehntes_Kapitel">
+ Siebzehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">G</span>raf de Mora stand in Alkazar vor dem Imam, der in Gesellschaft
+vornehmer Mauren war, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf
+niedrigen Strohschemeln saßen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>„Möge dir Gott die Gnade eines langen Lebens schenken, Feta,“ begrüßte
+Abu Atir befremdet den christlichen Gast. „Mir grünt nicht mehr Bart
+und Haar, darum vergib, wenn ich mich nicht erhebe.“</p>
+
+<p>Nachdem der Graf gedankt, sagte er kurz: „Ximenes ist zurück.“</p>
+
+<p>Der Imam fühlte einen Druck am Herzen. „Gesegnet sei sein Schritt, wenn
+er Gutes bringt vom König, dem Gott ein freundliches Alter bescheren
+möge.“</p>
+
+<p>Der Graf blickte zu Boden. „Es ist sein Wille, daß ich Euch in den
+Turm der Cautiva begleite, wo Ihr Eure künftige Wohnung haben sollt —
+Ihr und Doña Reija.“ Er stockte verlegen. Das Amt hätte Ximenes einem
+andern übertragen sollen.</p>
+
+<p>Abu Atir beugte seinen Leib weit vor, als hätte er nicht recht gehört.
+Die Mauren aber sahen einander bestürzt an. Und einer von ihnen fragte:
+„Was ist der Sinn dieser Botschaft?“</p>
+
+<p>„Hört Ihr die Fanfaren in den Straßen? Es wird das neue Edikt des
+Königs verlesen. Der König gibt den Aufständischen Gnade und erbarmt
+sich ihrer verführten Seelen.“</p>
+
+<p>„Aufständischen? Verführten?“ ging es von Mund zu Mund.</p>
+
+<p>Auf den Stützen zweier Maurenarme erhob sich statuenartig Abu Atir.
+„Der König von Spanien, dem Isa, der große Prophet, ins Herz blicken
+möge — was läßt er uns durch die Posaune sagen?“</p>
+
+<p>Schonend, wie von Mitleid überschattet, klang die Antwort des Grafen:
+„Die Mauren sollen wählen zwischen Taufe und Auswanderung.“</p>
+
+<p>Wie ein Henkerbeil fiel das Wort in die Hirne der Edlen. Jäh
+aufflammende, wirre, unverständliche Worte flogen hin und her, und die
+weißen Burnusse gerieten in gefährliche Bewegung. Selbst einige Hände,
+von der Verzweiflung getrieben, griffen nach den Brüsten, als suchten
+sie nach den verborgenen Waffen.</p>
+
+<p>Da fuhr des Imams dunkle Stimme in die Bestürzung. „Bei den sieben
+Toren der Hölle! Bettet eure Herzen in den Polstern des Friedens. Der
+da will, es sei ein Morgen für euch, wird ihn <span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>heraufführen aus den
+Tiefen der Nacht. Mein königlicher Feta — gepriesen sei der Herr, auch
+wenn er seine Schrecken sendet. Ihr sagt: Taufe oder Auswanderung. Also
+das, was vor sieben Jahren den Juden geschehen ist?“</p>
+
+<p>Graf de Mora nickte. Sein Blick verfolgte jede Bewegung der
+verzweifelten Mauren. Was nützten ihm am Ende die zehn Reiter, die
+unten im Hof sein Leben unter ihre Lanzen nahmen?</p>
+
+<p>Dem Greis traten die Tränen in die Augen. „Ach du, Hamet Zeli, und du,
+Almama, — Osmar Ben Akbet — blühender Zweig des Irak, du mein Moadh
+Ben Kordha! O ihr Männer, denen diese Erde Gottes herrlichstes Geschenk
+war, ihr sollt sie nun verlassen, das Eden der Mauren, wo eure Urväter
+geackert und gebaut haben, wo der Quell ihrer Weisheit entsprungen und
+die Flammen ihrer Herzen aufgeloht haben — Granada verlassen!“</p>
+
+<p>„Wir verlassen es nicht!“ entlud sich eine wilde Brust. „Wir greifen
+wieder zu den Waffen!“</p>
+
+<p>„Zu den Waffen!“ brauste ein Sturm durch den Saal.</p>
+
+<p>Der Imam aber pflanzte sich vor dem Hauptmann des Königs auf. „Zurück
+von ihm. Achtet seiner, denn er ist der Sohn einer Mutter. Er ist der
+Überbringer der Gedanken eines Azaziel, dem die Gewalt zu klein ward
+und der im Übermaß der selbstgeschaffenen Dinge zugrunde gehen wird.
+Was schreit ihr nach Waffen? Sie sind wertlos.“</p>
+
+<p>„Wir haben die Geiseln des Grafen Tendilla!“ schrie ein Edler.</p>
+
+<p>Wie helles Wetterleuchten zuckte ein Jubel über die Gemüter hin. Alles
+geriet aufs neue in Aufruhr.</p>
+
+<p>Mit wuchtigem Schritt durchbrach der Imam wieder den Knäuel. „Laßt
+die Blicke im Geist auf den Palmen von Mekka ruhen! Wir wollen eine
+Zierde anlegen unserm Herzen, sie soll weit leuchten über den Verrat
+der Christen. Geht in die Quartiere, durchlauft den Albaycin und die
+Antequeruela, ruft es von den Minars: Es ist kein Gott außer Gott
+und Mohammed ist sein Prophet! Und wenn sie aufheulen wie die Wölfe
+vor Schmerz <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>über das, was ihnen die christlichen Priester ins Herz
+schütten an brennendem Öl, so sollen sie doch nicht nach den Armbrüsten
+greifen, und keine Hand rühre die Geiseln an. Man schicke sie als
+Antwort der Mauren an den Grafen Tendilla zurück. Man gab uns Verrat
+und Treulosigkeit, wir geben Großmut zurück. Keine Hand beflecke sich
+mit Mord.“ Der Atem dampfte aus seinem Mund.</p>
+
+<p>Mit zusammengepreßten Lippen, den qualvollen Aufruhr im Herzen, standen
+Fakis und Fetas um den geliebten Santon. Dieser wandte sich nun
+keuchend an den Grafen: „Und — was wollt Ihr — von mir?“</p>
+
+<p>„Der Primas von Spanien befiehlt, Euch in die Alhambra zu bringen. Ihr
+sollt in vornehmer Haft —“</p>
+
+<p>„Haft? Ein Mahbus, ein Gefangener —? Ist das der Sinn?“ Er zuckte
+zusammen. Und dann klagte es sich leise von seinen Lippen: „Es wird ein
+Wehklagen sein in Granada, das bis in die sieben Himmel dringen wird.
+Es werden Karawanen des Leids gerüstet werden, die werden ziehen übers
+Meer, bis in die Wüsten der Berber. Und hier wird man uns nehmen, was
+wir bebaut, aus jeder Ackerfurche der Vega wird ein Schrei springen
+nach uns: bleib! Doch wenn ihr bleiben wollt, Brüder friedlicher
+Gedanken, dann müßt ihr eure Knie beugen vor dem Taufwasser und müßt,
+was ihr sonst nur in euern Kammern Gott zuflüstert, den schwarzen
+Priestern im Beichtstuhl vertrauen. Und glauben müßt ihr an drei Götter
+in einem, müßt euch die Sinne verwirren lassen von den Trugschlüssen
+klügelnder Vernunft, müßt euch beugen vor goldenen Gefäßen und Sonnen,
+in denen der Leib Isas verschlossen ist. Aber, Brüder vor Gott und
+den Menschen, das mache jeder mit sich selbst aus. Wir verfluchen den
+Renegaten nicht, denn er wird innerlich nicht seinem alten Glauben
+absterben. Und ich? Oh, nicht wahr, ich habe euch Aufstand und Empörung
+gepredigt? Hab’ euch zugerufen: widersteht! Oder habe ich euch am Ende
+Worte des Friedens gesagt, euch empfohlen, die Geiseln zurückzugeben
+und die Christen zu beschämen? Ei, das wird der königliche Feta
+übelnehmen. Es <span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>ist vielleicht nicht die erwartete Antwort auf die Rute
+des irdischen Königs. Aber wie immer: es erhebe sich keine Waffe für
+mich und das unschuldige Königskind. Die Rose wird verblühen, wenn kein
+Erbarmer seinen Willen nach ihr streckt.“</p>
+
+<p>Das Wort stach wie ein Speer in die Brust des Grafen. Aber er kam
+nicht zur Besinnung über den Schmerz. Abu Atir verlor sich in seinem
+Weh. „Habe ich sie deshalb aus der Dunkelheit ans Licht gehoben? Eben
+erst öffnete sich der Kelch ihres Herzens für den Tau des Wissens, der
+Schönheit, der Musik und der Dichtkunst — da greift das Schicksal hart
+in ihres Glückes Rad und wendet die Speichen in die Nacht zurück. Feta
+des Königs, ich beschwöre dich, wer wird diese Rose hegen und pflegen?
+Sie wird ihre Sklavinnen mitnehmen können?“</p>
+
+<p>Der Graf bejahte. „Sie darf täglich einmal zu Euch gehen und sie wird
+ihr Zimmer neben dem Euren haben.“</p>
+
+<p>Sonnenschein legte sich in das Auge des Imams. „O Gottes überströmende
+Gnade! Wie lange wird die Haft währen?“</p>
+
+<p>„Bis Gewähr gegeben ist für die Ruhe in Granada.“</p>
+
+<p>„Ein dunkles Wort, meint ihr nicht?“ sagte er zu den andern. „Befaßt
+euch mit der Antwort.“</p>
+
+<p>„Wir werden zum König gehen,“ rief Hamet Zeli aus, der Friedfertigsten
+einer. „Sollen Schakale der Wüste barmherziger sein als er?“</p>
+
+<p>Selbst den Grafen rührte die Treue der Edlen. Er wäre versucht gewesen,
+dem hehren Greis eine Gasse in die Freiheit zu öffnen; aber ein anderer
+Gedanke hob diese edle Regung auf: Reija kam in die Alhambra! Er gab
+sich einen Ruck. „Meine Reiter warten. Sie werden die Sänfte begleiten.
+In der Stadt liegen achthundert Kastilier, die getreuesten Soldaten des
+Königs, Männer von Alcala und Toledo.“</p>
+
+<p>„Habt keine Sorge,“ sagte der Imam mit hochgestrecktem Leib. „Mein Wort
+ist wie ein Königswort. In wenigen Augenblicken werden diese Fakis die
+Straßen durchlaufen und das Weh der Mauren stillen. Wieviel Bedenkzeit
+ist meinen Brüdern im Glauben gegeben?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span></p>
+
+<p>„Bis zum ersten Tag des März muß Granada <em class="gesperrt">einen</em> Glauben haben.“</p>
+
+<p>„Ob sich Gott so schnell wird umlernen lassen?“ zweifelte Abu Atir
+mit leisem Spott. „Ob sie es glauben werden, wenn ihnen die fremden
+Priester zurufen werden: eins ist drei und drei ist eins? Einer von
+den drei Göttern ist der Vater, einer der Sohn, einer der Heilige
+Geist, und daß der Sohn Vater und der Vater Sohn sei und doch nicht
+Vater und nicht Sohn, daß ein Gott Mensch sei und ein Mensch Gott,
+und doch der Mensch nicht wie Gott? Und daß Gott gelitten hat, daß er
+Backenstreiche empfangen und gekreuzigt wurde, und daß er ins Grab fuhr
+und auferstanden ist — ach, ob sie das so schnell lernen werden? Und
+viele werden so tun, als glaubten sie es, um nur nicht ihr geliebtes
+Granada verlassen zu müssen. Ei, wie hat doch dein guter Priester
+Talavera gesagt? ‚Ximenes erringt größere Erfolge als der König. Dieser
+hat nur Granadas Boden gewonnen, jener aber Granadas Seelen.‘ Kommt
+nach dem Zimmer des Pfaus. Ich werde dir Reija holen.“</p>
+
+<p>Und mit nassen Augen nahmen die Ritter und Fakis Abschied von dem
+Santon.</p>
+
+<p>Als der Graf neben dem Alten durch die Korridore nach dem Pfauenzimmer
+ging, hörte er das Wehklagen der Mauren aus dem Hof klingen. Aber bald
+entzückte sein Herz ein anderer Ton. Frohes Mädchenlachen scholl aus
+einem Zimmer. Und eine helle Lohe schlug in die Glieder des Spaniers.
+Denn da stand sie auch schon an der Schwelle und ihr Blick brannte nach
+dem schönen Unheilsboten.</p>
+
+<p>„Eswer Ben Zerragh ist nicht frei,“ war ihr erstes Wort. Und ihre
+Fingerspitzen spielten in der Luft.</p>
+
+<p>„Er wird auch nicht frei werden,“ antwortete der Graf halb erstickt.</p>
+
+<p>„Ich bat für ihn, und du kannst nein sagen, Feta?“ Ihre Augen waren
+voll unheimlicher Dunkelheit.</p>
+
+<p>Da erklärte ihr der Imam den Grund des Besuches. Reija <span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span>erblaßte und
+zitterte. „Gefangen? Ja, glaubst du, daß das so leicht geht?“</p>
+
+<p>„Was wollt Ihr tun, Doña Reija?“</p>
+
+<p>„Kratzen und beißen wie eine wilde Hyäne und den würgen, der nach mir
+greift.“</p>
+
+<p>Abu Atir trat dazwischen. „Sie ist ein Kind,“ sagte er entschuldigend
+zum Grafen. „Vergebt ihr.“</p>
+
+<p>Da traten Tränen in ihre schönen Augen. Sie schlug die Arme vor das
+Gesicht, und die braunen Hände leuchteten aus der feinen Florhülle.
+„Ich soll — nicht — Saffana haben — und keine Perlen — Smaragde —
+Seide, Polster, Salben, Laute und Bücher?“</p>
+
+<p>„Alles dürft Ihr haben,“ schlug rasch des Grafen Trost in den Schmerz
+der Eitelkeit.</p>
+
+<p>„Werde ich ein schönes Zimmer mit Spiegeln in der Alhambra haben?“
+schluchzte sie jämmerlich.</p>
+
+<p>„Einen Raum, wo oft Euer Vater geweilt.“</p>
+
+<p>Sie tat einen Freudenschrei. „So will ich dir folgen, Feta. Und nicht
+wahr, du läßt manchmal einen zamoranischen Dudelsack vor meiner Tür
+spielen?“ Sie lief mit aufgeworfenen Händen in das Frauengemach, und
+man hörte sie mit den Sklavinnen erregt sprechen.</p>
+
+<p>Der Graf ging die Treppe hinab in den Sahat. Sein Herz klopfte. Er
+durfte der königlichen Agarena das Geleite geben. Lange mußte er
+warten. Er hörte den Springbrunnen eintönig rauschen und sah, wie die
+Schatten an den Hofmauern mählich wuchsen. Dann erklang Schreien,
+Wehklagen, Rufen — jetzt mußte sie&#8239;—</p>
+
+<p>Dicht verschleiert schritt sie die Treppe herab. Das fürstliche Wiegen
+der Glieder schlug dem Grafen in die Sinne. Die Sänfte verschlang sie.
+Dann folgte Abu Atir und endlich Saffana.</p>
+
+<p>In des Spaniers Herzen gingen die Wogen einer hochstürmenden See.
+Draußen brauste der Lärm der Mauren. Die Grausamkeit des neuen Edikts
+trieb alle Herzen in Verzweiflung.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">
+ Achtzehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">J</span>eden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck
+Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen
+der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort
+schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe
+Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer
+wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen
+Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und
+— mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel,
+ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen
+warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich
+über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu
+Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit
+einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den
+Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht,
+ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen
+müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber
+dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem
+Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der
+Besessenheit? fragte er sich bang.</p>
+
+<p>Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in
+bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und
+zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag
+zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro
+von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der
+Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und
+Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die
+schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die
+Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm
+dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>lächelnd Ruhe. Der
+Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.</p>
+
+<p>Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada
+leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der
+Genil und der Darro schwollen an.</p>
+
+<p>Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren
+rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und
+Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen,
+ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten
+sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam
+einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng
+verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht.
+Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden
+konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort
+die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden
+Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie
+für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und
+man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten — Monfis
+nannte man sie —, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten
+Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen,
+beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat
+wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam
+verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut
+wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge
+der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf
+den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter
+gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen
+die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die
+einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.</p>
+
+<p>Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg
+zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische
+übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>dies ‚Perlen vor
+die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und
+Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit.
+Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden,
+arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder
+und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die
+Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.</p>
+
+<p>Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den
+heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung
+wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des
+Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu
+grollen.</p>
+
+<p>Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend
+erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach
+vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse
+Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen
+lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht
+mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte
+die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben
+wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des
+Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten
+entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die
+Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken
+und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold
+umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger
+Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die
+Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten,
+beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen
+vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man
+einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria
+heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der
+Kläger <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht
+gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen
+Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba
+herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen
+Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und
+in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im
+Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst
+nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der
+Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte
+den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem
+weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach
+der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen.
+Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen
+Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten
+konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um
+das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner
+Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der
+eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne
+der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf
+sich dem schrecklichen Reinigungswillen.</p>
+
+<p>Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der
+Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von
+Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch
+bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken
+der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft,
+die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der
+Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu
+werden.</p>
+
+<p>Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und
+durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du
+wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer <span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>sein als in der
+Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge.
+Man spricht in den Miradores davon.“</p>
+
+<p>Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“</p>
+
+<p>„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede.
+Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst
+der Gefangene einer Gefangenen.“</p>
+
+<p>„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf.</p>
+
+<p>„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen?
+Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet
+wissen.“</p>
+
+<p>Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der
+Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte
+er doch verraten. „Es ist wahr — ich habe ihr weh getan — sie hat
+ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr
+kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie
+längst im liebenden Schutz Castros.“</p>
+
+<p>„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf
+der Hut.“</p>
+
+<p>Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen,
+das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie
+Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche
+Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun
+stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine
+Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“</p>
+
+<p>Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“
+Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest
+mich da und sprichst kein Wort zu — diesem.“ Er stellte ihr den Freund
+lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für
+dich.“</p>
+
+<p>Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige
+Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der
+Herbstnebel die Landschaft.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span></p>
+
+<p>„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott
+sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“</p>
+
+<p>Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig.</p>
+
+<p>„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt
+das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der
+Lustigkeit, des Gesanges.“</p>
+
+<p>Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem
+Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem
+Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte
+Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht
+allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte
+ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe
+trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien
+vorwärts kam.</p>
+
+<p>Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da
+müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“</p>
+
+<p>„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando.</p>
+
+<p>„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere
+Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“</p>
+
+<p>„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann
+man dich erringen?“</p>
+
+<p>Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte
+und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber
+einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38.
+Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will
+Saffana an deine Liebe glauben.“</p>
+
+<p>Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie
+verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern
+durch: „Du kommst mir nicht an.“</p>
+
+<p>„So küsse ich die Augen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span></p>
+
+<p>Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen
+spricht, ist kein Kußheld.“</p>
+
+<p>Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken
+Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben.
+„Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein
+Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und
+böser Dschinnen Neid erfahren.“</p>
+
+<p>Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen.</p>
+
+<p>„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein
+Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“</p>
+
+<p>„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“</p>
+
+<p>Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den
+Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da
+legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende
+auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die
+Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet.</p>
+
+<p>„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen
+geben, du aller Blüten süßester Honig du!“</p>
+
+<p>„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“
+lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du
+mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal
+des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber
+will Tränen haben.“</p>
+
+<p>„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen.</p>
+
+<p>Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns
+befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie
+Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die
+Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in
+den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin
+getan, daß sie so leiden muß?“</p>
+
+<p>„Du liebst sie?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span></p>
+
+<p>„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan,
+ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie
+David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben?
+Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist
+zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar
+ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr
+Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht
+lieben?“</p>
+
+<p>Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den
+Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“</p>
+
+<p>„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser
+Königskind sieht.“</p>
+
+<p>„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft.</p>
+
+<p>„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin
+Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht.
+„Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie.</p>
+
+<p>Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ
+die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen.</p>
+
+<p>Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte
+sie Schläge empfangen.</p>
+
+<p>In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den
+Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin
+hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen.</p>
+
+<p>Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum
+daß er damit begonnen, trat der Graf ein.</p>
+
+<p>„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen
+die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“</p>
+
+<p>„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn.</p>
+
+<p>„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern
+zu tun.“</p>
+
+<p>„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte <span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>seine
+Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein
+Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man
+ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen
+führe?“</p>
+
+<p>Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben
+ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man
+wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab?
+„Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem
+Imam zu.</p>
+
+<p>Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die
+Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott
+verherrlichen möge?“</p>
+
+<p>„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe
+nehmen?“</p>
+
+<p>Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu
+Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich
+in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“</p>
+
+<p>„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren
+und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen
+sehen in Malaga.“</p>
+
+<p>Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin
+alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung
+wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“</p>
+
+<p>„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen
+Tiger zu schicken.“</p>
+
+<p>„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“</p>
+
+<p>„Aber es werden Euch Mauern umengen —“</p>
+
+<p>„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll — ewig —?“</p>
+
+<p>„Man will sicher sein vor Euch.“</p>
+
+<p>Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes
+Väterchen!“</p>
+
+<p>Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>hinauf und
+hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt
+mich — hier — mit diesem Kinde —“</p>
+
+<p>„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“</p>
+
+<p>Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas.</p>
+
+<p>„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung
+aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt
+du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den
+Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es
+steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei.
+Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem
+Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über
+deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie
+fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist
+es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete.
+Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin
+gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein
+Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und
+wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im
+lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed
+auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen
+Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu
+den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide
+ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm
+abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“</p>
+
+<p>„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den
+bläulichweißen Mönchslippen.</p>
+
+<p>„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“</p>
+
+<p>„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der
+Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“</p>
+
+<p>„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen <span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>treiben. Sei
+duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“</p>
+
+<p>Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte
+Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“</p>
+
+<p>Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals
+bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das
+Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen
+der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf
+sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen
+Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will
+— versuchen — die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust,
+ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des
+Grafen lehnen.</p>
+
+<p>Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam,
+als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden,
+kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn
+Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste
+Augenblick konnte den Greis umwerfen.</p>
+
+<p>Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie
+ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner
+Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn
+überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr
+die entscheidenden Worte des Mädchens.</p>
+
+<p>Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon
+trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte
+Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will
+selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören,
+und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr
+getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“</p>
+
+<p>Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der
+Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner <span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span>Seite
+weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem
+Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt
+dann statt einer Seele zwei gewonnen.“</p>
+
+<p>„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt.
+„Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu
+belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese
+Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“</p>
+
+<p>Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die
+Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“</p>
+
+<p>Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer.</p>
+
+<p>Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den
+ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er
+flüsternd das Salve Regina vor sich hin.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">
+ Neunzehntes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">K</span>aum waren sie allein, griff der Imam nach den matt herabhängenden
+Armen des bleichen Königskindes. Wortlos streichelte er darüber hin.</p>
+
+<p>Reija bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.</p>
+
+<p>„Kaaba — Mihrab — Koran — aus dem Herzen geworfen!“ lispelte der
+Greis.</p>
+
+<p>Das Mädchen warf das Haupt empor. Das starre Bronzegesicht belebte
+sich. „Weißt du, für wen ich Christin werde? Mit der frommen Gebärde,
+mit allem, was sichtbar ist an den Nasranije? Für dich, Väterchen!“ Sie
+legte das Wort wie ein kostbares Geschenk vor ihn hin.</p>
+
+<p>Die schmerzdurchtränkten Augen starrten sie an. „Was — soll — das?“</p>
+
+<p>„Ich muß dich retten. Ich will in die Alpujarras, wo die Monfis sich
+sammeln. Ich wiegle sie auf —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>„Seele der Blumen — bist du auf die Irrwurz —?“</p>
+
+<p>„Dein Elend schrei ich ihnen ins Herz. Abu Atir ist gefangen! Könnt
+ihr’s dulden? Die Tage Boabdils sollen wiederkommen, wenn wir nur
+einig sind. Ich wecke den wilden Löwen in ihnen, ich führe sie in den
+steinernen Palmenwald ihrer Moscheen, ich lasse die Scheichs heilige
+Kampfworte im Namen Boabdils sprechen. Der Herr, der den Pferden
+Mohammeds Windesflügel gab, wird auch meinen Worten Flügel geben. Die
+Granadiner verdorren ohne dich wie die Frucht ohne Regen. Der Jude
+Pereres wird mir Geld geben, ich schiffe mich nach Tanger ein, rufe den
+Kampfzorn der Berber an.“</p>
+
+<p>Abu Atir umschlang mit bebenden Händen ihren Leib. „Blume von Andalus
+— mit diesen Händen willst du Ketten — welch ein Dschin ist in dich
+gefahren? Du meine Hossané!“</p>
+
+<p>„Mit dem Feuer meines Herzens zünde ich die Gedanken der Rache in
+ihnen an. Und das Leid um die Glaubensbrüder wird einen Riesenbrand
+entfachen, der die Berge und Täler in ein einziges Feuermeer verwandeln
+soll.“</p>
+
+<p>Der Alte koste ihr gelöstes Haar. „Du flammender Wille — du Riesin an
+Tugend, Gazelle an Leib, was für Kräfte traust du dir zu? Den Glauben
+der Nasranije erheucheln? Weißt du nicht, daß du verloren bist, wenn
+du entdeckt wirst? Daß sie dich in den Sanbenito stecken, auf dem Esel
+durch die Straßen jagen?“</p>
+
+<p>Ihre Züge spannten sich unerschrocken. Und ihre Augen starrten
+plötzlich in sich hinein. „Ghadban der Dichter hat den Kalifen
+Hadschadsch durch Wohlredenheit besiegt, so daß er ihn aus dem Kerker
+laufen ließ. Oh, was müssen das für goldtönende Worte gewesen sein!
+Ich will die Saiten meiner Anafine stimmen, daß ich ihn — Ximenes —
+Leon — oder besser —“ Sie hielt wie unter der Spannung ihres Innern
+die Gedanken an, um sie dann aufs neue durcheinander zu wühlen. „Es
+ist erst ein Saatkorn in mir — es muß keimen — zur Blüte werden.
+Es ist nichts Kleines unter der Sonne. Aus einem verirrten Kamel
+bei der Quelle Semsem entstand Mekka. Warum soll <span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>nicht aus einem
+Gedankenfunken eines Königskindes sich Granada entzünden?“</p>
+
+<p>„Du Herd wilder Wünsche,“ bebte der Imam. „Gib mir die Hand. Die
+Priester werden dich mit Dingen locken, die einem Weib gefährlich
+werden können. Wer soll als Christin für dich sorgen? Die Mauren
+wandern aus — die Beni Mossad, Hamet Zeli, Chalad Ben Temin, alle die
+glaubensstarken, treuen Gefährten und Freunde, soweit sie nicht in die
+Alpujarras geflüchtet sind. Die Moriskos? Welcher von ihnen soll seinen
+Schutz —“</p>
+
+<p>„Das Morgen wird mit glühendem Sturmbrausen kommen — ich bin bei dir!
+Ist das nicht himmlischer Trost? Und ich darf frei gehen und Pläne
+spinnen und langsam die Äste zusammentragen für den granadinischen
+Brand.“</p>
+
+<p>Der Greis sah sie bang-fragend an. „Was in diesen Augen glüht — oh, es
+ist nicht das Feuer deines Vaters — es ist die Leidenschaftlichkeit
+deiner Mutter —“</p>
+
+<p>„Meine Mutter!“ Reija schauerte zusammen. Ihre Gedanken griffen zurück.
+Das Stammeln an dem Mutterherzen war ihr nicht mehr in Erinnerung. Sie
+hörte oft von ihr sprechen, aber aus den Schilderungen ragte das Wesen
+der Mutter nicht mit der Weihe einer lebendigen Heiligen in ihr Leben.
+Doch nun schwang eine neue Saite in ihrer Seele. Sie sollte den Glauben
+der Mutter kennenlernen. Eine Neugier gebar sich in ihr, zu erfahren,
+wie ihre Mutter zu Gott betete. Es erfaßte sie gleichsam eine Lust, an
+den heiligen Geheimnissen der Christenheit naschen zu dürfen, ohne ganz
+in ihnen aufzugehen. Stark schwang ihre Seele im alten Glauben, dem sie
+unwandelbare Treue bewahren wollte, und sie stellte sich diesen äußern
+Wechsel bei Aufrechthaltung der innern Glaubenskraft rührend leicht
+vor. „Meine Mutter hat fest an den christlichen Gott geglaubt?“ fragte
+sie scheu-ehrfürchtig.</p>
+
+<p>Der Imam nickte. „Der duldende Geist Boabdils nahm keinen Anstand
+daran. Es hatten ja viele Maurenfürsten christliche Frauen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span></p>
+
+<p>„Und — du?“ Sie fühlte zaghaft in die Seele des väterlichen Herzens.
+„Du würdest — keine Duldung üben — wenn ich —“ Sie stockte verlegen.</p>
+
+<p>In des Alten Antlitz lag die vornehme Ruhe des Weisen. „Was ein Mensch
+mit reiner Seele glaubt, ist vor diesem und jenem Gott heilig. Ich
+könnte nie anders glauben als: Es ist kein Gott außer Gott. Aber wie
+sollte ich dich verdammen, wenn du einmal — ach, es ist ja nicht
+auszudenken — o du Taube der Ziergärten — Mondschein der Sommernacht
+du — sieh doch, ihm, der die schwarze Ameise auf dem schwarzen Stein
+in schwarzer Nacht entdeckt, ihm bleibt nichts verborgen, und er wird
+auch die Winkel deines Herzens durchschauen —“</p>
+
+<p>„Und wird sehen, wie treu ich ihm bin! Mein Herz wird ein Sieb sein,
+durch das die christlichen Lehren rinnen werden, und es wird kein Satz
+darin zurückbleiben.“</p>
+
+<p>Der Diener des Gotteswortes legte die Hand auf ihr Haupt, und warm und
+väterlich flossen die Lehren von seinem Mund in das abschiednehmende
+Herz. „Sieh, Reija, es gibt einen alten arabischen Stamm der Fekariten,
+dem gab Gott Trug zum Geleite, und es hieß von ihm: Trau keinem
+Fekariten die Kamele, denn sicher kannst du sein, daß eines fehle. So
+halte es mit dem Trug der Christen. Sie werden auf ihre Weise sorgen,
+daß dein Vertrauen zusammenbricht. Sei wachsam wie der Hahn, den der
+Morgen nicht überraschen darf. Nahe dich nicht dem Fluß, wenn er
+austritt, und dem Menschen, wenn er böse wird. Aber merke auch: Böses
+wird nicht durch Böses ausgelöscht, denn wenn du zwei Feuer anzündest,
+löscht keins das andre aus. Entreiße dich der Knechtschaft des
+unsichtbaren Feuers, das Liebe heißt, denn es kann dich verbrennen.“</p>
+
+<p>Die Wache trat ein. „Die Zeit ist da,“ seufzte Reija mit überströmenden
+Augen. Und sie nahm Abschied von dem Geleiter ihrer Wege.</p>
+
+<p>In ihrem Gemach schickte sie die harrende Saffana nach dem königlichen
+Hauptmann, sie wolle ihn sprechen. Dann kauerte sie sich in einen
+Winkel. Und nun strömte wie Regen die Fülle <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>der Gedanken über sie. Ein
+leiser Schauer überfiel sie, als sie die Tragweite ihrer Handlungsweise
+überdachte. Ihr Leben mußte fortan eine ununterbrochene Verstellung
+sein, und es stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie diesem trügerischen
+Spiel gewachsen sein würde. Aber lange konnte die Maske nicht getragen
+werden. Wenn der Frühling den Schnee in der Sierra Nevada fraß, waren
+die Wege in den Alpujarras wieder gangbar, und das Befreiungswerk
+konnte beginnen. In der Höhle von Cañor fand sich die erste
+Zufluchtsstätte. Von dort aus konnte man ins Horn des Aufruhrs stoßen.
+Oder man konnte auf Schleichwegen ans Meer fliehen — hinüberschiffen
+— den Vater wiedersehen — und doch — lauerte nicht die eifersüchtige
+Morayna, die Gattin Boabdils, auf ihre Wiederkehr? Also dort und hier
+Verderben! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie sich vor die
+Königin hinwürfe? Isabella, sagte man, habe Mitleid mit den bekehrten
+Frauen. Aber vor allem mußte doch der Feta — dieser Don Pedro de
+Solar&#8239;—</p>
+
+<p>Aus ihrem Innern stieg es wie Raubtierpranken herauf. Ein süßer,
+ziehender Schmerz verbreitete sich in ihrem Blut, und sie wußte dafür
+keine Gründe anzugeben. Sie überdachte des Grafen vornehmes Gehaben,
+seine männliche Schönheit, die Wandlung in seinem Wesen seit jenem Tag,
+da er sie vor den Händen des Priesters beschützt. Oh, was hatte damals
+für ein Feuer in seinen Augen geglüht! Und dann die kargen Fragen und
+Antworten, die ihm die Brust&#8239;—</p>
+
+<p>Ein heißer Hauch beengte ihre Kehle. Sie begann ihre Glieder in
+Wohligkeit zu strecken, und ihre Muskeln und Nerven spielten. Sie
+entsann sich mancher Worte des Grafen, und sie klangen jetzt in ihr
+wieder, als wären sie vom Tau überrieselt. Waren nicht Wellen der
+Fröhlichkeit durch sein Wesen gegangen, als er von ihrem Entschluß
+der Taufe hörte? Ihr weiblicher Scharfsinn ahnte die hier schon kaum
+mehr verborgenen Zusammenhänge. Sie sprang auf und wiegte ihre Glieder
+in langsamem Schreiten, selbstgefällig, mit natürlicher Eitelkeit.
+Sie freute sich kindisch, daß sie von nun an auch ihr Antlitz
+unverschleiert <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>zeigen durfte, wie es die reizenden Kastilierinnen
+trugen, die auf den Rossen stolz saßen oder auf den Miradores ihre
+dunklen Augen spielen ließen.</p>
+
+<p>Da tönten draußen die herrischen Schritte. Don Pedro de Solar stand auf
+der Schwelle. Hinter ihm schlüpfte Saffana herein.</p>
+
+<p>Reija warf schnell den Schleier vor das Gesicht, bog ihre Gestalt sanft
+in die Polster hin und verschränkte in natürlicher Selbstgefälligkeit
+die Arme.</p>
+
+<p>„Ihr habt mich rufen lassen?“ durchbrach der Graf mühsam seine
+Verwirrung.</p>
+
+<p>„Du bist mir böse, Feta?“ fragte sie lächelnd, ohne ihre Glieder aus
+der Lässigkeit zu lösen.</p>
+
+<p>„Es macht mir immer Freude, Euch zu dienen.“</p>
+
+<p>„Ich soll morgen zur Taufe gehen. Ich will meine Chilaa, mein
+Ehrenkleid, tragen. Man muß wohl das Kreuz machen, wenn man die Kirche
+betritt? So?“ Sie fuhr ungelenk mit den Fingern über die Brust.</p>
+
+<p>„Dreimal müßt Ihr Euch bekreuzen.“ Er zeigte es ihr.</p>
+
+<p>„Ich werde dort schöne Bilder sehen und den goldnen — oh, wie heißt
+das große Gefäß?“</p>
+
+<p>„Kelch? Monstranz? Ihr werdet alles schauen. Zuvor wird Euch der
+Priester das Salz auf die Zunge legen, das Zeichen der christlichen
+Weisheit. Der Priester wird den bösen Feind in Euch beschwören —“</p>
+
+<p>„Ich habe einen bösen Feind in mir? Oh, so durfte mich doch kein Mensch
+bisher lieben.“ Ein berückender Blick fiel aus den großen Augen auf ihn.</p>
+
+<p>„Es <em class="gesperrt">ist</em> — Evas Sünde, die von Euch genommen werden soll,“ sagte
+der Graf betreten.</p>
+
+<p>Der Schleier barg ihr Erröten. „Und was weiter, Feta?“</p>
+
+<p>„Pater Leon wird Euch vor dem Taufstein fragen, ob Ihr an Gott,
+Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und
+an vieles andere noch glauben wollt. Und Ihr müßt bei jeder Frage
+antworten: ich glaube.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>Reija fühlte den Hauch eines Bannes auf sich liegen und über ihr Gemüt
+senkte sich eine schwere, schwarze Decke. „Weiter, Feta!“</p>
+
+<p>„Pater Leon gießt Euch dreimal Wasser auf die Stirn, salbt Euch mit
+Chrisam, hängt Euch ein weißes Tuch um und gibt Euch die Kerze in
+die Hand. Den Sinn der Handlung wird Euch Pater Leon später selbst
+erklären, denn er hat sich ausbedungen, Euch selbst im Glauben zu
+unterrichten.“</p>
+
+<p>Im Herzen Reijas schnürte sich etwas zusammen. „Oh, ich möchte so
+gern Talavera haben, den frommen Knecht Gottes, dessen Herz von Güte
+überströmt.“</p>
+
+<p>„Ich fühle es Euch nach. Doch auch Pater Leon hat viel Gewalt über das
+Herz.“</p>
+
+<p>Reija schwieg bedrückt. Dann sprang sie auf einen eiteln Gedanken über.
+„Darf ich den Schleier vor der Taufe abnehmen?“</p>
+
+<p>„Ihr dürft es schon jetzt,“ brannte der Graf lichterloh.</p>
+
+<p>Da löste sie behutsam das Gewebe los, ganz langsam, als wollte sie
+vorsichtig ein kostbares Gut enthüllen. Die sonnenwarme Haut drängte
+sich ans Licht und bald lag der Edelschnitt ihres Gesichtes vor den
+erstaunten Blicken des Grafen. Ihm war, als hätte sich die Madonna
+selbst in irgendeinem erneuten Erdenwandel offenbart. Er, der sich
+in Tyrannis und Haß gefallen hatte, starrte sie wie ein Gotteswunder
+an. In ihrem Blick lag eine keusche Verhaltenheit und doch schienen
+im Schmelz dieser Augen geheimnisvolle Versprechungen zu schimmern,
+behütet von einer natürlichen Würde. Sie schloß nun die Wimpern über
+die vielsagenden Sterne. Die feingezeichneten Lippen preßten sich fest
+zusammen, als wollte sie dem bedrängten Gefühl jeden Ausweg verwehren.
+Der Widerschein ihrer Innenglut entflammte ihre Wange und Reija wurde
+noch reizender durch diesen Zustand der Scham und Verwirrung. Sie
+erschien dem Grafen wie eines jener blütenduftenden Gedichte, das
+die spielende Phantasie des Arabers in den Augenblicken höchster
+Liebesfreude formt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span></p>
+
+<p>„Ich darf auf dem Albaycin, in der Alcazaba wieder aus und ein gehen?“
+fragte sie, sich gewaltsam aus der Verlegenheit reißend.</p>
+
+<p>„Ihr dürft es.“</p>
+
+<p>„Und noch eines —“ Sie stockte einen Atemzug lang. „Eswer Ben Zerragh
+— was ist mit Eswer Ben Zerragh?“ Sie bemerkte mit Genugtuung, wie der
+Name seine Züge zerriß.</p>
+
+<p>„Fragt nicht nach ihm, Doña Reija,“ antwortete der Graf mit beißender
+Schärfe. In seinem Gaumen klebte ein bitterer Geschmack und auf seiner
+Brust lag es wie Blei.</p>
+
+<p>„Ich muß wissen, ob sie ihn hängen werden.“</p>
+
+<p>„Er wird ewiges Gefängnis bekommen,“ schoß er den Pfeil nach ihr ab.</p>
+
+<p>Da trat sie dicht an ihn heran, daß er den bestrickenden Duft ihres
+Fleisches spürte und das heftige Wogen ihrer Brüste hörte. „Du kannst
+ihn — nicht — frei machen, Feta? Pfui!“ Ihre Augen lauerten wie vor
+einem Sprung.</p>
+
+<p>„Seid Ihr von Sinnen?“</p>
+
+<p>Reija schob Saffana kurzerhand aus dem Zimmer. Dann sprudelte sie es
+mit gefalteten Händen heraus: „Freund der Sonne! Du mußt ihn frei
+machen, Feta! Er ist so ein hübscher Jüngling und hat noch viel zu
+leben und zu lieben. Sperr’ einen alten Schaitan statt seiner in die
+Zelle. Eswer ist wie ein Gabriel und aus seinem Mund sprüht Zornfeuer.
+Sag’, ist er nicht schön?“ Mit jedem Satz rückte sie listig seiner
+Eifersucht an den Leib.</p>
+
+<p>Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche. Er sah ihre Zähne blitzen, sah
+die blutvollen, sehnsüchtig gespannten Lippen, und die Gewalt seiner
+Leidenschaft zerbrach ihm die Flügel der Gedanken. „Doña Reija — fragt
+mich — nicht mehr — nach dem Abencerragen. Sein Name — ist — Gift.“
+Schmerzhaft stöhnte er es hervor.</p>
+
+<p>In ihr flammte ein Jubel. „Ei, wenn Blicke donnern könnten, man müßte
+es bis nach Damaskus hören,“ sagte sie mit einem Lächeln, das ihn noch
+mehr reizte. „Doch deshalb bleibt <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>es eben, wie es ist. Eswers Auge ist
+drohend wie eine Wetterwolke über der Wüste. Und er schreitet selbst
+wie —“</p>
+
+<p>„Lebt wohl, Doña Reija.“ Der Graf verbeugte sich in furchtbarem innern
+Aufruhr und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Die Leidenschaft
+hatte alle Ritterlichkeit in ihm zerschlagen.</p>
+
+<p>Saffana stürzte herein. „Bei Mohammeds Bart! Bi smi allah! Was hast
+du mit dem Feta angefangen? Er ging wie ein abgewiesener Panther und
+fauchte mich in eine Ecke.“</p>
+
+<p>Reija stand mit hochwogender Brust, die Augen auf die Tür geheftet. Ob
+er wiederkommen wird? dachte sie. Sie lauschte hinaus. Als sie keine
+Schritte mehr hörte, jauchzte sie auf: „Er liebt mich! Er ist ganz
+närrisch vor Liebe! Was stehst und starrst du, Dienerin der Dschinnen?
+Er liebt mich, liebt mich! sag’ ich dir — und ich — o, o!“ sie zuckte
+zusammen, „— ich soll ihn verderben!“ Der Schmerz warf ihren Leib auf
+den Polster hin und ein würgendes Schluchzen erschütterte ihre Glieder.</p>
+
+<p>Saffana stürzte erschreckt zu ihr hin. „Rose, Rose! Als Mohammed zum
+erstenmal im Paradies Gott entgegentrat, da fielen die Schweißtropfen
+des Propheten auf die Erde und verwandelten sich in Rosen. Oh, auch
+deine Tränen, Engel der Erde, werden sich in Blumen verwandeln. Ach,
+ich wüßte, wie dir zu helfen wäre.“ Sie lächelte schelmisch in die
+Tränen der Herrin hinein und fingerte leise streichelnd durch ihr
+gelöstes Haar.</p>
+
+<p>Reija hob schnell den verweinten Kopf. „So sag’ es schnell.“</p>
+
+<p>„Schems hosna, schöne Sonne, es müßte dich der pflücken, den du liebst.“</p>
+
+<p>Da knallte ein Wangenschlag. Aber durch Reijas Tränen blitzte ein
+Lächeln.</p>
+
+<p>Saffana aber sagte ungerührt und hart: „In mir weint kein Schmerz um
+einen Mann. Sie sind alle zusammen nicht eine Träne wert.“</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Zwanzigstes_Kapitel">
+ Zwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">S</span>charenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit
+Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der
+geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung
+wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen
+gewinnen, so und so viele täglich.</p>
+
+<p>Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt.</p>
+
+<p>An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne
+Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden
+in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge,
+Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke
+stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche
+hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten
+die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der
+christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung
+herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn,
+Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden
+standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen,
+überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von
+alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der
+Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen.</p>
+
+<p>Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der
+heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das
+Jesuskind im Arm.</p>
+
+<p>„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit
+vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben
+ihr stand.</p>
+
+<p>„Es ist auch Euer Name — Maria,“ sagte er gepreßt.</p>
+
+<p>„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria —
+ich werde sie oft verwechseln.“</p>
+
+<p>Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob,
+trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die <span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>Reija befangen
+über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf
+sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen
+lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die
+Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr
+bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte,
+schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm
+war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers
+Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des
+Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit
+warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten
+Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte.</p>
+
+<p>Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was
+die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten.
+Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des
+Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form
+gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren
+Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald
+ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von
+Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel,
+und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war
+ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder
+hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen
+Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade
+rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter
+der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen
+Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte.
+Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte
+sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können?
+Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes —?</p>
+
+<p>Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende,
+kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>der Mutter,
+deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige
+Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das
+Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu
+verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden,
+halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte,
+sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie
+sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art
+Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob
+sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit.</p>
+
+<p>Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar.
+Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur
+Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen — und alles fiel aufs Knie und
+der Gesang schwieg — dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch
+— sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie
+deutlich die Priesterworte: <span class="antiqua" lang="la">Domine, non sum dignus</span> — diese
+klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach.</p>
+
+<p>Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle
+schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über
+dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen
+verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille
+tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr
+Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den
+Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle
+Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und
+Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und
+Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre
+Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder
+nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein
+Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die
+Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah
+sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte
+man von nun an noch <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche
+Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das
+Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen
+in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne
+Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller.</p>
+
+<p>Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf
+versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem
+schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser
+Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor
+sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner
+Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen
+und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging
+mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war.</p>
+
+<p>Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte
+sie: „Maria heiße ich nun für alle — Maria Calabreña — auch für dich,
+Feta.“</p>
+
+<p>„Gefällt es Euch nicht so?“</p>
+
+<p>Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge.
+War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen
+Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue
+Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer
+strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr
+bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe
+ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem
+Doppelleben beistehen?</p>
+
+<p>Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am
+Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird
+Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee
+der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“</p>
+
+<p>Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das:
+<span class="antiqua" lang="la">Domine non sum dignus</span>?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span></p>
+
+<p>Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte
+der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja — ich bin nicht würdig
+— daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich
+es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht.</p>
+
+<p>„Ich will besser — Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm
+heftigen Schmerz.</p>
+
+<p>„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu
+Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter
+meinem Nährvater.“</p>
+
+<p>Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen
+Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an
+den Wachen vorbei die Treppe hinauf.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas
+fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen
+mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger
+denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der
+ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen
+Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu:
+„Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter
+Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen
+ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm.
+Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er
+löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten
+Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in
+die kalte Wintereinsamkeit.</p>
+
+<p>Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“
+Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von
+Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene
+in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“</p>
+
+<p>Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür,
+schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>hervor, wusch
+sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und
+räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr
+soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem
+Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die
+Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Einundzwanzigstes_Kapitel">
+ Einundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>ie Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem
+Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht
+arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das
+ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der
+Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken
+herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre
+schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten
+Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau.</p>
+
+<p>Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf
+den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im
+Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte.
+Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in
+der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen
+Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und
+bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“</p>
+
+<p>Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen,
+so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr
+Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit
+einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die
+Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische
+Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast
+beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß
+die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze,
+die einen betörenden <span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln
+pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen?</p>
+
+<p>Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer
+und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und
+Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in
+geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem
+Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel
+öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der
+Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie
+nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit,
+die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte
+das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die
+Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es
+als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit
+dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er
+erstehen.</p>
+
+<p>„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden
+Einfalt.</p>
+
+<p>Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr
+müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er
+verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das
+Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe.
+Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese
+eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles
+wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu
+unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art
+der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles
+wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere
+Arbeit gehabt.</p>
+
+<p>Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja
+manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt
+Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie
+Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern
+Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll
+ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“</p>
+
+<p>Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben
+lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte
+und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“</p>
+
+<p>Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle,
+welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob
+Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht
+auf jeden Fall selig werden?“</p>
+
+<p>Der Dominikaner zog die Brauen hoch. „Das ist das faule Kraut der
+Duldung. Christus will alle Menschen sein nennen.“</p>
+
+<p>„Mohammed doch auch,“ beharrte Maria in kindlichem Eifer.</p>
+
+<p>Da ging eine Unruhe über das scharfgeschnittene Zelotengesicht. „Wer
+sich wehret gegen Christus, kommt nie zu ihm. Ihr könnt nicht von einem
+Licht beleuchtet werden, wenn Ihr den Kopf von ihm abwendet. Ihr könnt
+nicht bergauf schreiten, wenn Ihr talab gehet. Euer Wille bahnt dem
+Glauben den Weg. Es hat sich einer für Euch totgeliebt. Im Tabernakel
+liegt er verschlossen.“</p>
+
+<p>„Dort ist — Christus — der Herr?“ bröckelte es sich zweifelnd von den
+Lippen.</p>
+
+<p>„Das Lamm wohnet unter uns. Die weisesten Kirchenväter wußten das
+Geheimnis nicht zu lösen: Christus wahrhaftig in Brot und Wein.“</p>
+
+<p>„Es ist über alle Maßen groß,“ bekannte ihr redlich schlichtes Herz.</p>
+
+<p>„Es wird noch Größeres über Euch kommen. Aber aus dem Saulus ward ein
+Paulus. Der Heiland weint um Euch, da Eure Seele nicht zu ihm finden
+will. Die Könige des Morgenlandes kamen von weither, um das Kind zu
+suchen, und hier will ein Königskind ihn nicht finden, da er so nahe
+ist. Hier <span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span>beim Tabernakel ist der wonnige Hain, wo zu lustwandeln
+Seligkeit ist.“</p>
+
+<p>Die blumige Sprache rührte an ihr Herz, sie klang arabisch vertraut.
+Sie senkte verlegen das Haupt, daß ihr schwarzes Haar sich wie eine
+schöne Decke vor den Blicken des Priesters breitete. „So will ich denn
+glauben,“ sagte sie flügellahm. „Und sagt, Herr, warum hat Gott den
+Heiland nicht befreit wie Isaak, der auch geopfert werden sollte?“</p>
+
+<p>„Das geschah aus unsagbarer Liebe zur Menschheit. Durch sein Blut hat
+Gott der Menschheit den Weg zu sich gewiesen, den Weg der Leiden.“</p>
+
+<p>„So sollen wir viel leiden auf Erden?“ erschrak sie in ihrer kindlichen
+Einfalt. „Und Mohammed hat uns viel Freuden hier erlaubt.“</p>
+
+<p>Die unselige Fragerin verstimmte den Vikar. „Freuden der Hölle!
+Männerliebe und Genußsucht. Mohammed müßt Ihr schmerzlos entsagen,
+denn ein kunstvolles Lügengewebe hat er Euch zusammengesponnen, hat
+Dinge aus der heidnischen, christlichen und jüdischen Religion in einen
+Topf geworfen und daraus einen Heiltrank gemacht, der in Wahrheit ein
+Gifttrank ist. Dazu bemühte er den Erzengel Gabriel vom Himmel herab. O
+wie sündhaft handelte der Prophet! Er war ein kurzsichtiger Betrüger,
+den jeder Laienbruder eines Bessern hätte belehren können.“</p>
+
+<p>Maria de Calabreña stach das Weh in die beleidigte Seele. Aber sie
+schwieg und verarbeitete heimlich den Schmerz um ihren Kinderglauben.
+Und Leon wühlte immer tiefer ihr Herz auf und sagte endlich, wenn
+ihr Gott durch Priestermund das scheinbar Unverständlichste zurufen
+würde, sie müßte gehorchen im guten Glauben an die Vollmacht des
+Stellvertreters Gottes. „Gedanken und Taten eines Priesters leitet
+Gott. Ihr werdet es erfahren. Ihr müßt recht oft zu mir kommen, macht
+Euch nicht selten wie der Stern Kanopus, jeden Tag um diese Stunde bin
+ich für Euch zu sprechen. Und wo Kreuze stehen, werft Euch nieder, ein
+jedes wird Euch zum Altar werden; jedes Gebet <span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span>wird Euch ein goldener
+Apfel in silberner Schale sein. Eure Worte werden Engel wie Rosen
+aus Eurem Mund nehmen und in Kränze flechten wie bei der heiligen
+Rosalinde.“</p>
+
+<p>Das gefiel Reija wieder, denn es klang wieder arabisch anmutig. Und es
+troff noch in ihrem Herzen nach, als Leon fragte: „Habt Ihr noch etwas
+auf dem Herzen?“</p>
+
+<p>Aus dem Gewoge ihrer Gedanken hob sie einen heraus, der sie
+unvermittelt überfiel. „Ihr nennt Maria Mutter Gottes. Wer war dann die
+Großmutter Gottes?“</p>
+
+<p>Der Dominikaner rümpfte die Nase über die arge Scholastikerin. „Er
+hatte keine, wiewohl natürlich eine Mutter der Gottesmutter da war.
+Aber Maria wurde im Geiste beschattet.“</p>
+
+<p>„O lieber, guter Pater, ich fasse das nicht,“ gestand sie aus der
+Unschuld ihres Denkens heraus. „Es liegt zuviel in mir, was der Koran
+mir gegeben, das muß deine Lehre erst wegräumen. Hab’ Nachsicht mit
+mir.“ Und es schossen ihr beinahe die Tränen in die Augen.</p>
+
+<p>Da drängte seine Hand nach ihrem Antlitz, als wollte er ihr Naß
+trocknen. Doch er besann sich. „Ihr müßt erst aus der Nacht Eures
+Gemüts heraus, aus der Verblendung des Irrglaubens, es müssen die
+Wurzeln des alten Glaubens absterben, und auch Euer häusliches Leben
+soll alle Spuren auslöschen, die nach rückwärts weisen. Auch die
+alten morschen Hüllen der Puppen zerfallen, wenn der Schmetterling
+herausfliegt. Ihr müßt nur bereuen, was Ihr gesündigt. Und dazu ist
+der Beichtstuhl geschaffen.“ Und er erklärte ihr die Wesenheiten der
+Beichte.</p>
+
+<p>Doña Maria erschrak heftig. Ein Mittler und Stellvertreter zwischen ihr
+und Gott! Was sie insgeheim durchdacht und durchwühlt, sollte sie einem
+fremden Mann anvertrauen? <em class="gesperrt">Einem</em> vielleicht —? Es stach in ihr
+Herz. Sie dachte ein Wimpernzucken lang an einen Mann. Gott möge ihm
+gnädig sein, ach ja, ihm könnte sie vielleicht&#8239;—</p>
+
+<p>„O wundersame Macht des Beichtstuhls!“ riß Leon ihre Gedanken entzwei.
+„Bezwungen von der Nähe Gottes, wirft der <span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>sündige Mensch aus dem
+Trieb der bereuenden Seele die letzten Bedenken ab, und um des
+Glaubens willen klagt er sich an. O reinigende Kraft der Reue! Wenn
+die Muselmänner bereuen, zerreißen sie ihre Kleider, wir aber unser
+Herz. Katharina von Siena beichtete täglich, wie erst muß Euer Leben
+von Sündenlast beschwert sein. Im Heilandsgebet heißt es: Vergib uns
+unsere Schuld! Dann muß sie eben auch da sein, in Worten, Gedanken,
+Taten. Drum tötet die Angst, sagt mir jeden Tag, was Euch bedrückt,
+doch verheimlicht nichts, denn verschwiegene Sünden geißeln das Gemüt.
+Auch was Ihr über andre wißt, ladet es ab vor dem verschwiegenen
+Priesterherzen.“ Damit warf er die erste Angel der Inquisition nach ihr
+aus. „Ihr müßt auch die Gottesspeise im Abendmahl zu Euch nehmen. Sie
+ist die Speise für die Seele. Durch den Adamsapfel wurde die Menschheit
+zerstreut, durch das himmlische Brot und den Wein wurde sie wieder zu
+einem einzigen Leib gemacht. Wir alle sind eines Leibes — ein Leib,
+versteht Ihr?“</p>
+
+<p>Nein, das verstand sie auch nicht.</p>
+
+<p>Der Pater schob ungeduldig die Lippen hin und her. „Ihr scheint ein
+weiblicher Gideon zu sein, der dreimal bewiesen haben will, bevor er
+glaubt. Das Abendmahl ist die Wegzehrung für den irdischen Pilger,
+Ihr müßt danach greifen.“ Ein Bild nach dem andern legte er vor sie
+hin. Aber ihr sonst für Redebilder so empfängliches Gemüt konnte damit
+nichts anfangen. Sie war gedankenmüde geworden. Ihre Finger nestelten
+an ihrem Halsschmuck: ein goldnes Krüglein hing an einer Kette. „Was
+ist das?“ forschte der Mönch.</p>
+
+<p>„Ein Wassertropfen aus dem Semsem, dem heiligen Brunnen von Mekka, ein
+unschuldig Hamalet.“</p>
+
+<p>Pater Leon nahm es an sich. „Nimmer darf dies Euer Schutz sein.“ Er
+holte aus einer Schatulle ein Wachsscheibchen hervor, das Agnus Dei
+vorstellend. „Dies ist das Lamm Gottes, Herr Jesus, vom Papst geweiht.
+Es wird Euer Herz vor wilden Flammen behüten.“ Er nahm den Flüsterton
+der Beichte an. „Sagt, ist Euer Herz nicht verwirrt durch eine —
+gewisse Liebe? <span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>Ein Taufkind muß rein in die Christenlehre kommen. Gott
+sucht die Sünden der Väter an den Kindern heim, es könnte sein, daß Ihr
+an Eures Vaters sündiger Lust leidet.“</p>
+
+<p>Maria erbebte in der Tiefe ihres Herzens. Des Vaters Sünde? Was für
+eine? Und sollte sie dem Manne etwas verraten, was kaum wie ein Keim in
+ihr lag? Sie hatte als Maurin ihr Auge zu einem Christenritter erhoben.
+Aber nun war sie doch Christin — wenigstens in den Augen des Mönches
+— und nun war wohl die Sünde getilgt — oder bestand sie erst recht?
+Da sie sich doch innerlich als Mohammedanerin fühlte? Ihr Gewissen
+geriet in Anfechtung.</p>
+
+<p>„Ihr verbergt mir etwas,“ sagte der geübte Seelenerschließer.</p>
+
+<p>Sie blickte noch verwirrter. „Euer Auge starrt mir ja auf den Grund
+meines Herzens. O wie soll ich Arme — hört — es war einmal, daß ich
+Sehnsucht hatte — nach einem maurischen Ritter — aber er ist gefangen
+und im Elend.“</p>
+
+<p>„Das tilgt aus Eurem Herzen mit brennender Liebe zum Heiland. Es war
+eine Jungfrau, Lucia hieß sie. Sie wurde von einem heidnischen Ritter
+bedrängt, der danach begehrte, ihre schönen Augen zu küssen. Da riß
+sie sich die Augen aus und sandte sie ihm, auf daß er habe, was er
+begehrte. Tut auch so.“</p>
+
+<p>Wie ein Donnerschlag ging das Wort über ihr Gemüt. „Meine Augen —?“
+Sie bedeckte sie in Angst.</p>
+
+<p>„Es liegt noch viel Eitelkeit in Euch, Doña Maria. Euer Körper duftet
+balsamisch, das ist maurische Art. Erstickt sie.“</p>
+
+<p>„Ei, die Araber haben ein schönes Bild gehabt: Der Balsam sei aus den
+Tränen des Christkindes auf der Flucht nach Ägypten hervorgesprossen.“</p>
+
+<p>„Fürwahr, ein schönes Bild, aber aus mohammedanischer Phantasie geboren
+und darum verwerflich. Pflegt es nicht weiter. Auch Euern Körper pflegt
+christlich durch Kasteiung und Buße. Die Maurinnen hängen an Schönheit,
+Tand, Perlen, Bädern —“</p>
+
+<p>Die Freude an diesen Dingen lachte aus ihren Augen. „Ach ja, die Bäder
+sind wohlig und weich —“</p>
+
+<p>„Im Bad kann Segen und Unheil liegen. Aus dem Bad der <span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>Bathseba
+entsprang die Sünde, im Susannabad triumphierte die Tugend.“ Und er
+erzählte ihr die biblischen Legenden und warnte sie vor dem Teufel, der
+in allerlei Gestalt vor den Menschen hintrete. „Da war eine Nonne voll
+Keuschheit, Anna de Nativité, der erschien der Teufel in der Gestalt
+des Gekreuzigten, und er befreite seinen rechten Arm und wollte damit
+die Nonne umfangen. Da kniete sie schnell nieder, betete heiß und
+inbrünstig, und der Zauber schwand dahin.“</p>
+
+<p>Maria erbebte. „So muß ich vor jedem Kreuz in Ängsten beten, denn es
+könnte der Teufel oben hangen?“</p>
+
+<p>Der Pater lächelte. „Wer will, erkennt den Teufel selbst in der
+heiligen Maske. Das eigene Gewissen zeigt ihn an. Morgen sollt Ihr im
+Beichtstuhl knien.“ Er wies auf die hölzerne Nische an einer Wand. Er
+gab ihr in einfachster Form die Weisungen zum Empfang des Sakramentes
+der Buße. Dann legte er ihr sanft die Hand aufs Haupt, und seine Finger
+berührten länger, als es für das heilige Zeichen notwendig war, ihren
+Scheitel. Er spürte, wie das schwarze Haar unter seinen Fingern brannte
+und wie die Funken in sein Blut schlugen.</p>
+
+<p>Doña Maria aber erschauerte unter der Berührung. Noch nie hatte eines
+fremden Mannes Hand ihr Haar berührt. Und dieser durfte es tun? Sie
+konnte sich kaum erheben, vom Gewicht der Stunde bedrückt.</p>
+
+<p>Der Dominikaner entließ sie mit einer stummen Verbeugung, sein Blick
+verfolgte sie bis zur Tür, erfreute sich an ihrem Schreiten, das so
+stolz war wie das einer Edelantilope.</p>
+
+<p>Doña Maria atmete auf, als sie die dunkle Tür hinter sich wußte. Des
+Priesters Worte wühlten in ihrem Busen, und in der Seele bedrückt, ging
+sie aus der Mosala. Im Hofwinkel kauerte Saffana und fror. Sie warf
+der Herrin die Capa über die Schulter. „Was hast du von ihm gehört,
+Liebling der Engel?“</p>
+
+<p>Doña Maria zog die Schultern zusammen. „Bei uns ist alles hell und
+licht. Aber hier liegt Kreuz, Tod, Sündenschuld, Entsagung, Reue
+ausgestreut auf dem Erdenweg. Vom Paradies hat er kein Wort gesprochen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>Die Sklavin machte traurige Augen. „Ach was, zwischen Dornen blühen
+doch auch Rosen,“ sagte sie mit dem Willen, sich und die Herrin zu
+erheitern.</p>
+
+<p>In der Mosala schritt der Dominikaner in Unruhe auf und ab. Sein Hirn
+war durch die tägliche Beicht- und Bekehrungsarbeit ermüdet, doch
+diese Christenlehre empfand er als eine Art Erfrischung. Er sah in
+sich. Hatte er wirklich eine verirrte Seele getröstet? War er mehr
+freundschaftlich als väterlich gewesen? Er wollte sich selbst nicht
+täuschen. Die Wellen, die in der Nähe dieses Mädchens um seine Sinne
+gingen, spürte er jetzt noch angenehm rauschen. Die Rose, deren Duft
+er soeben eingesogen, war gewiß kostbar. Hatte er sie nicht zuviel
+geschreckt? War diese Bekehrungsart die richtige? In diesem Falle ja,
+sagte er sich. Angst macht oft gefügig.</p>
+
+<p>Er zündete mehrere Kerzen an. Der Lichtschein fiel auf allerhand
+kirchliches Gerät. Heiligenbilder lehnten an der Wand, für Kirchen
+bestimmt, auf dem Tisch lagen die Marterwerkzeuge Christi, ein paar
+Kruzifixe, zwei Monstranzen, aus der palästinischen Ferne herbeigeholte
+Reliquien, die Kirchenväter, die Vulgata und die heilige Legende des
+Dominikus. Pater Leon schlug das Hohelied auf. Aber er hatte nicht
+lang Freude daran. Von der Wand lächelte ihn die heilige Agatha an.
+Doch beim Bestarren des Bildes ging ihr keusches Leben unter und es
+blieb nichts übrig als die abgeschnittene Brust. Ein anderes Bild
+stürmte auf ihn ein: Hatte nicht der heilige Dominikus an der Brust der
+Muttergottes die Milch getrunken? Gab es nicht eine heilige Lidwina von
+Schidam, in deren Busen sich der ganze Vorgang der Milchentwicklung wie
+in der Brust Mariens wiederholt hatte?</p>
+
+<p>Welch unreine Gedanken schwirrten da durch sein Haupt? Wer stieß ihn in
+die wild aufschlagenden Flammen? Hier ging doch kein Potipharatem, der
+verpestete! Saß hier nicht vor wenigen Augenblicken ein unschuldsvolles
+Kind, eingesponnen in die Worte seiner heiligenden Kraft? Strömte
+von dieser Reinheit der betörende Zauber aus, der seine Sinne
+durcheinanderwarf und sie <span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>mit lockenden Bildern fütterte? Er begann
+heftig zu zittern. Und wieder dachte er an die heilige Theresa, die
+einen Wohlgeruch ausströmte, der jeden betörend traf, der sie mit der
+Hand berührte. Und sein Geist umklammerte hilfesuchend die Gestalt
+seines großen Ordensbruders Thomas von Aquino, den seine Feinde durch
+ein schönes Weib verführen wollten, das er durch einen glühenden Span
+aus dem Zimmer jagte. Einen solchen Brand wollte er das nächste Mal
+entfachen, wenn ihm der Böse wieder das Weib mit den großen dunklen
+Augen und dem zweifelnden Herzen schickte. Er hätte sie doch einem
+andern Priester zuweisen sollen. Aber dazu war ja noch immer Zeit.</p>
+
+<p>Er erschrak vor sich selbst. War das nicht alles verwandt mit der
+babylonischen Hure, der Weltlust auf dem siebenfach gehörnten Tier?
+Noch immer wollte er es sich nicht eingestehen, daß sein eigener
+unreiner Geist die Luft verpestete, daß er, er selbst, aus Granada die
+Hure von Ninive machen wollte.</p>
+
+<p>Wie sie sich wehrte gegen den neuen Glauben! Sein Gedanke flog abermals
+zur schönen Schülerin zurück. Sie ist noch zu jung! Wie traurig sie
+manchmal blickte, wenn sie etwas nicht fassen konnte. Und ihrer Augen
+Glut! Und diese sollte wirklich noch nicht geliebt haben? Ging nicht
+Magdalena an ihren schönen Augen zugrunde? Aber dann freilich durch ihr
+Herz zur Buße.</p>
+
+<p>Seine Finger griffen nach dem Talisman, den er ihr abgenommen. Wie
+oft mögen ihre Lippen an dem Krüglein geruht haben! Und wie unter
+der magischen Kraft dieses Gedankens hob er langsam das Gold zu den
+eigenen Lippen — aber noch vor dem Kuß warf er es mit einer zornigen
+Bewegung auf den Tisch. „Weiche von mir, Satan!“ schrie er laut auf.
+Und er glaubte aus seinem Mund den Schwefeldampf des entweichenden
+Höllenfürsten rauchen zu sehen. Der Widersacher geht nicht nur wie ein
+brüllender Löwe um, sondern auch in der Form zärtlicher Jungfrauen. Ich
+will wachsam sein und ihn betrügen.</p>
+
+<p>In einer Nische, durch einen schweren Vorhang verdeckt, stand der
+Schrank, in welchem die Akten der Inquisition verwahrt <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>waren, bevor
+sie nach Cordoba gingen. Nur Leon hatte den Schlüssel dazu. Er zog die
+Papiere hervor, in denen Unsummen von Klagen, Leiden, Weh und Lüge
+zusammengestoppelt lagen. Dann lagen hier die königlichen Edikte, die
+Inquisitionsbriefe, die Prozesse von Granada, die Listen über die
+Familiares, die Angebereien und vieles andere. Überall glühte am Schluß
+der Richtername Lucero, Inquisitor von Cordoba. Dieser furchtbare
+Priester, dessen Devise lautete: wir zählen unsere Opfer nicht, wir
+wägen sie — freute sich doch, wenn die Zahl der Gewogenen mit jedem
+Tag wuchs. Und er wappnete sich mit dem Panzer irdischer Gerechtigkeit,
+dem Schild des Glaubens, dem Helm der Buße und dem Schwert des Gebetes.
+Nur den Mantel der Gnade breitete er über keine Tat.</p>
+
+<p>Pater Leon wollte eben die Tabelle der granadinischen Gütereinziehung
+hervorziehen — da klopfte es.</p>
+
+<p>Als sich die Tür öffnete, spürte der Mönch eine Blutwelle zum Herzen
+steigen.</p>
+
+<p>Leonore de Uceda grüßte mit verführerischem Lächeln den erschreckten
+Dominikaner. „Der Name des Herrn sei gelobt, und sein Segen komme über
+seine Diener!“ Und sie tauchte die feinen Finger in das Weihwasser bei
+der Tür.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel">
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">N</span>ach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als
+erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar
+hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken.</p>
+
+<p>Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn
+er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald
+begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige
+schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten
+sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel
+in einer herrlichen <span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen
+Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr
+Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort
+hineinwerfen.</p>
+
+<p>Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin
+da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben
+doch nach mir verlangt.“</p>
+
+<p>Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine
+Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel
+darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe
+in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in
+Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei
+schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den
+betroffenen Mönch.</p>
+
+<p>Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein
+paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte
+allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber
+zu so später Stunde —?“</p>
+
+<p>„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele
+einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“</p>
+
+<p>Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu
+dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit
+in ihrem Lächeln ertrinke.</p>
+
+<p>„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch
+die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla
+Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“</p>
+
+<p>„Ihr — schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich dachte
+—“</p>
+
+<p>Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird
+vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater
+die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man
+geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt
+man freier.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p>„Und vergißt so den Dank, den man — aber im Ernst, ich dachte, daß nun
+Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens —“</p>
+
+<p>„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña
+Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden
+auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid
+in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“
+Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die
+Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und — ihres
+Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet — nun wird es sich
+bejähren, daß ich das letztemal —“</p>
+
+<p>„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten
+Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde —“</p>
+
+<p>„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen — aber der Ort,
+wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur
+Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen
+Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig
+ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals
+dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig
+den Platz geräumt?“</p>
+
+<p>„Doña Leonore — dies alles — jetzt —?“ Pater Leon saß an dem
+Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles
+vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“</p>
+
+<p>„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne
+malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl
+lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude — Ena de Isla —,
+ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh
+gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich
+vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile
+in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel
+unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt — und <span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>wer — wer“ —
+sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm — „wer ist jetzt an der
+Reihe?“</p>
+
+<p>Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir
+ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an
+einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“</p>
+
+<p>„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“</p>
+
+<p>„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer
+Schönheit spannten.“</p>
+
+<p>„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar
+Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines
+Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater
+erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und —
+mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten.
+Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen
+Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen.
+Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten
+lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen.</p>
+
+<p>Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore — du
+zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der
+König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun —
+der König wird dich wieder aufnehmen.“</p>
+
+<p>„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben
+beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“</p>
+
+<p>„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon
+warnend.</p>
+
+<p>„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen
+würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten
+unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter
+Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore — was weckst
+du Hoffnungen in mir —?“</p>
+
+<p>„Oh — ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie <span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>rückte schnell
+aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu
+leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben,
+daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine
+Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen
+Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in
+ihr zu rumoren.</p>
+
+<p>Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht
+werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den
+Altar scheuen.“</p>
+
+<p>Leonore de Uceda erschauerte. „Wo sollen wir also —?“</p>
+
+<p>„Ich wüßte einen Ort —,“ der Dominikaner senkte den Kopf, die kleine
+Tonsur lag wie ein Möndlein im Kerzenlicht.</p>
+
+<p>Die Schöne verstand ihn. Ihre Augen suchten die geheime Tür, die nach
+dem Cuarto de Machuca, einem Turmzimmer, führte, wo die eigentliche
+Wohnung des Dominikaners lag. „Ich will nicht,“ sagte sie fest und
+leise. „Ihr habt dort Ambra —“ Aber in den bläulichweißen Ovalen
+funkelten erregt die sinnlichen Augen. „Nein, wir wollen zuerst ehrlich
+handeln. Du weißt noch nicht, was mich hierherführt. Ist es wahr, daß
+du zum Inquisitor von Granada ernannt wurdest?“</p>
+
+<p>Er sah betroffen. „Was soll das —?“</p>
+
+<p>„Das Amt kann dir helfen, dir die Eroberung meines Herzens zu
+erleichtern.“ Sie knetete unruhig das herabtropfende Wachs einer Kerze
+zwischen den Fingern.</p>
+
+<p>Der Vikar ging nach der Tür und horchte hinaus. Die nächtliche Stille
+drückte wie Blei auf sein Gemüt. Alle seine Fibern waren gespannt.
+„Sprich frei!“</p>
+
+<p>„König Fernando hat mich auszeichnen wollen,“ schleuderte Doña Leonore
+ihren Grimm von sich. „Es winkte mir ein klingender Name. Ich sollte
+mit einem Mann vermählt werden, den nicht nur der Verstand wählte,
+nein, dem auch mein Herz seit einiger Zeit insgeheim entgegenschlug.
+Stattliche Männlichkeit, ein tadelloser Charakter, eine fast
+tempelherrenartige Gesinnung gegenüber den Frauen — unter solchen
+Sternen hoffte ich eine Läuterung meiner eigenen Verworfenheit.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span></p>
+
+<p>„Ich sehe es kommen,“ lächelte der Pater unzart.</p>
+
+<p>Der Fächer der schönen Frau zitterte über der Wange. „Weh dem
+Weib, das sich, verschmäht von dem Heißbegehrten, nur mit Wünschen
+begnügen muß. Ich habe mit den Augen um ihn geworben, mit der ganzen
+Koketterie meines Wesens um seine Standhaftigkeit gerungen, ich
+habe mit überströmenden Worten der Liebe um sein Herz gekämpft. Die
+Antwort schmeckte bitter wie Wermut. Mit dem Panzer ewiger Keuschheit
+umhüllte sich der Prahlende, mit der Miene des Kostverächters warf er
+meine Liebe von sich, ohne auch nur daran zu nippen. Hörst du, Juan?
+Eine Uceda wegwerfen wie eine unnütze Schale, deren Trank man nicht
+benötigt. Dominikaner! Von vornherein wegwerfen und keine Träne nach
+ihr weinen! Alles unter dem Vorwand klösterlicher Tugend! Ein Mann, ein
+Ritter, ein Hauptmann des Königs!“</p>
+
+<p>„Ah! Die Sonne taucht aus Wolken!“ fuhr der Mönch auf. „Es ist Don
+Pedro de Solar Graf von Mora.“</p>
+
+<p>„Daß dir der Name Flammen ins Herz würfe, die für meine Rache glühten!“
+schlug es wie eine böse Lohe in ihr auf. „Und ich mußte an dem Eis
+seines Herzens abgleiten! Soll ich die Spottgeburt einer Dulderin sein,
+ich, die Malagueña, die Geliebte eines Königs? Die geträumt hatte,
+mit einem Augenzwinkern Throne erzittern zu machen? Siehst du, Juan,
+ich hätte die beleidigende Abweisung erduldet, wenn ihre Beweggründe
+wahrhaftig die unselige Unverletztheit seiner Tugend gewesen wären.
+Und fast schien es so. Aber dann ließ ich meine Spione hinter dem
+täglichen Gang seiner Füße schleichen, ließ sein Treiben beobachten
+und von bezahlten Leisetretern jeden Seufzer seiner schönen Augen auf
+der Straße auffangen, und dann — o über den Tag! Mit diesen meinen
+Blicken riß ich ihm das Geheimnis aus der Brust. Der Himmel muß oft
+eine merkwürdige Wollust haben, das Herz einer Frau in Qual erzittern
+zu machen! Die beleidigte Liebe hat scharfe Augen, und diese sahen — o
+Priester, weißt du es noch nicht? Damals vor deinen Füßen geschah es —
+die Maurin mit dem Koran —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span></p>
+
+<p>„Wirf deine schönen Funken in den Brand!“ freute sich der Vikar
+unverhohlen.</p>
+
+<p>„Eine Maurin!“ pfeilte der Hohn von dem schönen Mund. „Dunkelleibig,
+zart und glatt. Darin hat er sich verbissen!“</p>
+
+<p>„Ich sehe ihn noch, wie er in hellem Zorn den Degen zwischen mich und
+sie — oh, sie ist gewachsen wie eine Spindel aus der Guadarrama.“</p>
+
+<p>Sie zischte vor Zorn über die Kränkung. „Eine Maurin, in Gottes Namen!
+Eine, deren Wollust für die kurze Dauer einer Fastnacht beglückt, die
+nicht mehr die Anmut des Errötens kennt, wenn sie halb ihre Kleider
+wegwirft! Eine Schwärmerei für die arabische Seltsamkeit, sei’s denn!
+Aber Liebe, herzaufwühlende Liebe? Dieses Schauspiel den Spaniern?
+Und den Spanierinnen? Wenn Christenritter einst Maurinnen ins Ehebett
+nahmen, geschah es um Länder, Burgen, Grenzen. Aber aus Liebe? Wie
+soll ich nicht das Opfer meiner Eifersucht werden, wenn ich stückweise
+Proben seiner zerfallenden Keuschheit zu kosten bekomme? Er führte sie
+zur Taufe, seine Augen verschlangen sie, die Lippen, die mir Worte des
+schmerzlichen Abschieds logen, brannten nach ihr — ich sah es mit
+diesen meinen Augen —“</p>
+
+<p>Der Vikar runzelte die Stirn. „Der Eifer wird zum Vulkan, aber man muß
+gestehen, er sprüht um einen liebenswerten Gegenstand. Aber Liebe,
+sagst du?“</p>
+
+<p>Sie fuhr hoch. „Liebe!! Seine Blicke sprachen Liebe! Soll ich sie
+beide im mondlichen Garten im zärtlichsten Geflüster belauschen?
+Meine Eifersucht würde vorschnell der Verräter sein. Oh, wie er mich
+behandelte! Vor meinen Damen, von oben herab! Vor den Damen, die sonst
+nur Zeugen der schmeichelnden Verehrung kastilischer Granden waren
+— mich wegzuwerfen — vor diesen Damen!“ Ihre frauliche Empörung
+machte sie fast ersticken. Dann raffte sie ihre Glieder zusammen und
+ihre Augen stielten sich. „Sie ist eine Cava — so heißen sie ihre
+Hexenweiber — ach, Juan — räche mich!“</p>
+
+<p>Ihre Glut brannte in sein Herz. „Was — willst — du?“</p>
+
+<p>„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm <span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>dürstet. Sie
+wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich,
+daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in
+den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen?
+Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß
+sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu
+verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid,
+das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser,
+und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan
+— Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr
+eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als
+Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man
+welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu
+das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und
+die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht
+beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von
+Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede,
+sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis
+sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich
+die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie
+spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah — ach,
+welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig
+zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt
+köstlicher Lohn!“</p>
+
+<p>Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen?
+Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“</p>
+
+<p>„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich
+reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde
+wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört
+hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann
+nicht, kann nicht. Juan — hilf, hilf — du kennst den Preis!“ Sie
+zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit.
+„Weib, du forderst Furchtbares — zu deinem zerbrochenen Herzen ein
+zweites, drittes, viertes — o Himmel und Hölle!“</p>
+
+<p>Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine
+Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan
+— aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in
+Cordoba —“</p>
+
+<p>„Eva — Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“</p>
+
+<p>„Und doch will ich dir den Himmel erschließen — und mich dann reuevoll
+in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“</p>
+
+<p>„Und ich soll zum Judas werden — soll sie foltern — den schönen Leib?
+Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb
+tragen — so rein ist dieses Weib — und ich soll —?“</p>
+
+<p>Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen
+ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer
+Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch — du wirst mich rächen! Sag’
+— wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie
+einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“</p>
+
+<p>„Ja — man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“</p>
+
+<p>„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie
+beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe
+dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib — ist wieder dein!“
+Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze
+gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit.</p>
+
+<p>Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe —
+wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner
+Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob!
+Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o
+Herr — ich versinke —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen — da taumelte
+er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er
+riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe
+der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime
+Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier,
+von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs
+neue auf.</p>
+
+<p>Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst.
+„Nimmer — Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab — du sollst den Preis
+nicht früher haben, bis — bis — das Lamm geschlachtet vor mir liegt.
+Schwöre!“</p>
+
+<p>Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten —
+eingegriffelt — im Buch der Siegel — am Jüngsten Gericht —“</p>
+
+<p>„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des
+Vampirs raste über den Scheitel des Mönches.</p>
+
+<p>Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich —
+schwöre —“</p>
+
+<p>Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt — so lieb ich
+dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf
+sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein
+Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben.
+Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende
+Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen
+an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe
+und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest
+brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares
+Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte
+sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur
+Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In
+wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen
+Jungfrau, über dem Altar.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span></p>
+
+<p>Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes
+Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts
+dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des
+Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle.
+Er rieb sich die Augen — Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie
+mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem
+Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith
+mußte Männer verderben — du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in
+die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem
+Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins
+Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer&#8239;—</p>
+
+<p>Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich
+fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein
+Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes
+menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem
+Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester
+erspart.</p>
+
+<p>Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte
+ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit
+Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña.</p>
+
+<p>Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“
+wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust!
+Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach
+der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu
+bereuen.</p>
+
+<p>Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich
+schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der
+Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen
+reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an
+den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen
+wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im
+Kampf mit meinem Gewissen <span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im
+Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst
+nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser
+spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen.
+Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das
+Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe
+hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des
+Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja
+doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft
+schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also
+mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter
+Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die
+Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten,
+die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet
+werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was
+so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen
+Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein
+Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten
+Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht —
+genieße sie!</p>
+
+<p>Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem
+Winkel lauerte.</p>
+
+<p>Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag
+ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen
+nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt
+an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die
+Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das
+Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie
+einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva.
+Dort schlief sie wohl jetzt — die schöne&#8239;—</p>
+
+<p>Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das
+nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>Inneres?
+Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer
+Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig
+durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn
+hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem
+Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem
+jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte.
+Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im
+silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die
+Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer
+maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln.
+Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von
+Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim.</p>
+
+<p>In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib
+zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach
+einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des
+Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in
+die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief
+Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an
+die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden
+Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel">
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">W</span>enn die wunderschöne Königstochter vorbeireitet, ist es, als zöge
+ein Meteor über den granadinischen Himmel. Alles gafft und starrt.
+Die bronzene statuarische Gestalt auf dem weißen Zelter gleicht einem
+Beduinenmädchen, das ruhevoll durch die Zeltgassen ihres Stammes zieht.
+Man spricht in den vornehmen Häusern der Christen von dem Reiz dieses
+Mädchens mit demselben Eifer, den man Maurenkämpfen, Turnieren und
+Stiergefechten widmet.</p>
+
+<p>Der Graf Tendilla brachte ihr die Huldigung der andalusischen
+<span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>Ritter in der Form eines goldenen Standkreuzes. Übergetretene Fakis
+beglückwünschten das neue Taufkind und granadinische Christenmädchen
+tanzten vor der Alcazaba an schönen Abenden den Fandango.</p>
+
+<p>Doch so ruhig die Stadt schien — draußen in den Alpujarras erhob sich
+dräuend das Gespenst des Aufruhrs. Die Beni Mossad, hieß es, seien
+nicht ausgewandert, sondern befänden sich mit ihrem Anhang in den
+Bergen, wo sie die Monfis sammelten, um den geliebten Imam zu befreien.
+Tatsächlich hielt Maria de Calabreña heimlich Verbindung mit dem
+Gebirge, es kamen als Bettler und Händler verkleidete Vertraute in den
+Alkazar und gaben dort ihre Briefe ab, die dann Doña Maria in den Turm
+der Cautiva schmuggelte.</p>
+
+<p>Das Königskind litt an seiner Liebe. Ihr Herz unterschrieb nicht, was
+ihr Verstand ausklügelte. Oft horchte sie hinaus in die Nacht, die
+schon auf ihren Schwingen Frühlingsvorschauer hereintrug, und ihr
+war, als müßte sie aus dem Turm fliehen, weit, weit weg, um dann ihr
+Schicksal fern von der Alhambra zu beweinen. Es kamen sonnenwarme Tage,
+aber sie belebten das Gemüt Reijas nicht. Selten sah sie den Grafen
+de Mora. Nur durch Saffana erforschte dieser die Seelenstimmung des
+Mädchens. Auch er war von dunklen Gewalten hin und her geworfen, die
+alte Dienstbeflissenheit war erstorben, seine Strenge gab sich gequält,
+sein Ordnungssinn war erschüttert.</p>
+
+<p>Eines Tages stand wieder Hernando de Rojas vor ihm, das Freundesherz
+beladen mit Sorge. Don Pedro hielt ihm freudestrahlend einen Zettel mit
+Versen hin.</p>
+
+<p>Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“</p>
+
+<p>Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der
+Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei
+nachsichtig.“</p>
+
+<p>Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt
+arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf
+persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter <span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span>den Muallakat hängen
+wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der
+Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu
+Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst
+so dem König nicht weiter dienen.“</p>
+
+<p>„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin
+geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert,
+während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“</p>
+
+<p>„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando
+warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht
+mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr
+hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus — willst du
+Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines
+Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen
+Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege
+alles, aber dann endlich eine Tat!“</p>
+
+<p>Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña
+Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie —
+auswandert.“</p>
+
+<p>Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen.
+„Daran glaubst du selbst nicht.“</p>
+
+<p>Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die
+Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam.
+Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten&#8239;—</p>
+
+<p>Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu
+ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der
+Cautiva.</p>
+
+<p>Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien.
+Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug.</p>
+
+<p>In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria
+de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. <span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span>Der Graf
+konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der
+festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf
+den Vorhang hinter ihm zu.</p>
+
+<p>„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde.
+„Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was
+gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an.</p>
+
+<p>Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen
+mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und
+das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den
+schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust.
+„Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien
+bedeutet.“ Es klang müde und kühl.</p>
+
+<p>Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla,
+— daß — der Gefangene — mit einer Sklavin sein Auslangen finden
+könne.“</p>
+
+<p>Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen,
+daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“</p>
+
+<p>Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man — bittet Euch, die Alhambra
+nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem
+andern.</p>
+
+<p>Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der
+Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“</p>
+
+<p>Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine
+glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf
+in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm.</p>
+
+<p>Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem
+Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den
+Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach
+rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß.
+„Warum quält man <span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>den alten Mann und — mich? Was soll ich noch tun?
+Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier —“</p>
+
+<p>„Findet Ihr — Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er
+einen Pfeil nach ihrem Herzen.</p>
+
+<p>„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig.
+Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob
+er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht,
+an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr
+dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den
+Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde.</p>
+
+<p>Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra
+verlassen.“</p>
+
+<p>„So will ich’s eben tun — Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen
+Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es
+geschehen?“</p>
+
+<p>„Morgen — — heute — —“ Don Pedro würgte an den Worten.</p>
+
+<p>Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will
+mich der Graf Tendilla forthaben?“</p>
+
+<p>„Nicht er — ich selbst will es.“</p>
+
+<p>Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan — daß Ihr
+— mich so —?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen.</p>
+
+<p>Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen
+und ihre Hände an sich reißen.</p>
+
+<p>„Seid bedankt — für die Milde — mit der Ihr — uns —“ Wieder
+schnitten ihr Tränen das Wort entzwei.</p>
+
+<p>Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem
+aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff
+heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht — seht mir ins Auge.“</p>
+
+<p>Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf
+ihn.</p>
+
+<p>Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit
+<span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span>schmerzlicher Glut. „Hier — hier liegt mein wahres Gesicht — schlagt
+mir die Würde aus dem Leib — ich kann nicht anders — so, so liebe ich
+dich!“</p>
+
+<p>Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O
+war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was
+für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den
+sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem
+Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und
+Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche
+Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in
+der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener
+Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der
+Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie
+die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle
+und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger
+Gewalten zu erliegen. „Feta — Feta — nun weiß ich — daß ich gehen
+muß.“</p>
+
+<p>Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände.
+„Eure Nähe versengt mich — geht oder bleibt — ich bin verloren.“
+Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen.</p>
+
+<p>Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden
+Finger. „Was — hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen
+Liebe willst du —? o Gott mit den neunundneuzig Namen — die Ehre des
+Königskindes — in den Staub — flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“</p>
+
+<p>„Fliehen — bleiben — das Unheil kommt!“</p>
+
+<p>„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in
+sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel.</p>
+
+<p>Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und
+warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind
+umarmt, zog er das Mädchen an sich, <span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>daß die aufgebrochene Rosenblüte
+ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein.
+Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben
+und Nehmen. „Gott — was hab’ ich — getan? Wer wird mich vor mir
+selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund.</p>
+
+<p>Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich
+habe eine Christenbraut!“</p>
+
+<p>Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr
+Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze
+Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte
+sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben
+erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht
+erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte?
+Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer
+zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter
+Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem
+Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster — Feta du — Feta der Sonne
+— war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach,
+haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück
+keimen — Insch’allah!“</p>
+
+<p>„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte
+er bewegt.</p>
+
+<p>„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir
+genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch
+ein Wirrsal ist sie!“</p>
+
+<p>„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner
+Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein
+Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was
+auch ohne sie schon Wert besitzt.“</p>
+
+<p>„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du
+Stürmer in der Schlacht — aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich
+will kein Königskind mehr sein! Deine <span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>Geliebte will ich sein — deine
+Taube, Rose, dein Schmetterling — gib mir die Liebesnamen deines und
+meines Volkes.“</p>
+
+<p>„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie
+eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar,
+aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte
+er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen
+geheiligter erschien: „Reija!“</p>
+
+<p>Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn
+mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu
+vertrauen, Freund meines Herzens!“</p>
+
+<p>Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund
+gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch
+sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du,
+Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die
+Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit
+Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer
+Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“</p>
+
+<p>„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig.</p>
+
+<p>„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will,
+lebe der Einsamkeit.“</p>
+
+<p>Don Pedro schüttelte unmutig den Kopf. „Das will ich nicht.“</p>
+
+<p>„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“</p>
+
+<p>„Das will ich nicht.“</p>
+
+<p>„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie.</p>
+
+<p>„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und
+Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide.</p>
+
+<p>„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein
+besserer Liebhaber als Dichter werden!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span></p>
+
+<p>„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein,
+mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern
+Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter
+Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast
+du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du,
+Rose von Andalus?“</p>
+
+<p>Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so.
+Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin
+aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir
+einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf
+mir mit deiner Liebe auf — richte nicht gleich — hab’ Mitleid mit
+mir.“</p>
+
+<p>Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern
+siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken
+wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein.
+Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen
+sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten.
+Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines
+Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß
+deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern
+Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im
+Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das
+Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der
+Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der
+dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite,
+dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir.
+Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch
+des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in
+gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang
+der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria,
+die Jungfrau voller Gnaden im Bilde <span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>nah, und in Demut wandelst du
+zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“</p>
+
+<p>Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz.
+„Ach, ich will ja so gern glauben — um deinetwillen — aber ich flehe
+dich an — hasse mein Volk nicht!“</p>
+
+<p>Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe
+begrub ich längst meinen Haß.“</p>
+
+<p>„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre
+Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine
+Enttäuschung.</p>
+
+<p>„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“</p>
+
+<p>„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und
+im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es
+schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern — sie verzehren sich
+nach Freiheit und Licht — sie wollen auswandern — Eswer Ben Zerragh
+ist darunter —“</p>
+
+<p>Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter
+den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht
+teuer ist.“</p>
+
+<p>Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die
+Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den
+Namen trägt — er liebt mich, aber ich — liebe ihn nicht.“ Wie eine
+schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den
+Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe,
+bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei
+damit beglücken können!“</p>
+
+<p>Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte
+die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht
+sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in
+meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will
+ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du —“ ihr
+heißer Blick wurde lauernd — „du läßt den Zettel hineinschmuggeln —
+und ich sorge dafür, <span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein
+verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge
+hat.“</p>
+
+<p>„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe.</p>
+
+<p>Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro — mein
+Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu
+mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde
+des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht
+— liebst — mich — nicht —“</p>
+
+<p>Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst
+Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese
+kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah
+verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen
+verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen
+List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer,
+sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König
+selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das
+Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese
+Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen
+Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser
+eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück?
+In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles,
+was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt
+war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre
+Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen.</p>
+
+<p>So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust,
+schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm
+endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem
+Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas
+angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines
+Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan
+beinahe gerecht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch
+den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen
+um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila
+tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon
+wartet auf mich —“</p>
+
+<p>„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der
+Eifersucht.</p>
+
+<p>„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in
+freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem
+Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil
+du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“</p>
+
+<p>„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen
+Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie
+könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“</p>
+
+<p>„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum
+Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht.</p>
+
+<p>Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus.</p>
+
+<p>Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen.
+„Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen
+dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der
+Tränke. Kismet alles!“</p>
+
+<p>Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in
+dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr
+halbbetäubtes Ohr klang.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel">
+ Vierundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">E</span>in von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die
+Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging.
+Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten,
+bis die Herrin wiederkam.</p>
+
+<p>Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein
+geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und
+<span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu
+schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen
+zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen
+gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während
+der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf,
+hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend
+vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und
+hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das
+Volk beweinen konnte.</p>
+
+<p>Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten
+Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von
+Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der
+vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den
+Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria
+fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf.</p>
+
+<p>Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout,
+mit malagischem Edelwein verdaut.</p>
+
+<p>Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf
+ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater
+witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen
+sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie
+mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte
+köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und
+Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein.</p>
+
+<p>Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand
+hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden
+lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in
+heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der
+Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der
+Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars
+geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus
+geistig zu vermählen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_214">[S. 214]</span></p>
+
+<p>Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er
+sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren.
+Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr
+das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und
+des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den
+erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre
+Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer
+schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm.</p>
+
+<p>„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er
+mit einem kaum verhaltenen Lächeln.</p>
+
+<p>„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit.</p>
+
+<p>„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er
+verweisend.</p>
+
+<p>„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer
+Gedanken.</p>
+
+<p>„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel
+mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“</p>
+
+<p>„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“</p>
+
+<p>„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum,
+die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute
+nicht beichten?“</p>
+
+<p>Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in
+ihrem Glück?</p>
+
+<p>„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr
+Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich.</p>
+
+<p>Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine
+Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte,
+schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als
+wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen.</p>
+
+<p>Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen
+das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende <span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span>Kraft der
+Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch
+alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein
+zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“</p>
+
+<p>Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen.
+„Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit
+der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich
+zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der
+bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und
+hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes
+ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese
+feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten,
+berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer
+Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen:
+„Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe
+Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott
+vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur
+mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über
+ihr Haupt. „Bekenne — bekenne —“ drängte er, die Augen auf ihren
+schwarzen Scheitel gerichtet.</p>
+
+<p>„Ich habe nichts zu bekennen, als daß —“ Sie stockte und schnellte
+dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „— als daß ich liebe.“</p>
+
+<p>Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis
+von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe,
+als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte
+ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er
+eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten.</p>
+
+<p>„Einen Ritter — Feta —“ gestand sie beengt.</p>
+
+<p>„Wer ist es?“</p>
+
+<p>„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte
+sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“</p>
+
+<p>Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die <span class="pagenum" id="Page_216">[S. 216]</span>Natur hat dir das
+Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“</p>
+
+<p>„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot.</p>
+
+<p>„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele
+ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren
+Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen
+Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und
+bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“</p>
+
+<p>„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken.</p>
+
+<p>Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist
+selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“</p>
+
+<p>Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter — Vater! O laßt sie mir heilig
+sein.“</p>
+
+<p>„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die
+Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das
+Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen
+Küssen zu vergehen?“</p>
+
+<p>„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus.</p>
+
+<p>„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein
+Atem dampfte gegen ihr Gesicht.</p>
+
+<p>Da vergrub sie vor Scham ihr Haupt in die Hände. „Fragt nicht weiter —“</p>
+
+<p>„So hast du es schon getan?“ flammte er in ihre Verwirrung.</p>
+
+<p>„Nein!“ erklang es mit verzweifelter Wehr. Und abermals barg sie das
+glutübergossene Gesicht unter dem schwarzen Wald von Haaren in ihre
+Hände.</p>
+
+<p>Er atmete auf. „Wenn du dich ganz deinem Gott nähern willst — und das
+willst du doch — so ertöte überhaupt die Liebe in dir.“</p>
+
+<p>„Bei Gott und dem Propheten —“ erschrak sie heftig. „Verzeih <span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span>— die
+Gewohnheit — bei Gott und den Heiligen! Das — kann — ich — nicht.“</p>
+
+<p>„Brennend und qualvoll ist die Liebe zu einem Mann, bei den Schmerzen
+wirst du die Freuden vergessen, die dir die Umarmung bereitet. Deiner
+Kinder Leid wird das deine sein —“</p>
+
+<p>Das Blut schnellte ihr in die Wangen. In ihrer rührenden Wehrlosigkeit
+erschien sie ihm wie ein Seraph. „Fühlst du schon die Kümmernis,
+liebe Seele?“ wühlte er aufs neue in ihrer Wirrnis herum. „Entsage
+dem stürmischen Meer der Welt und ziehe dich in einen heiligen Hain
+zurück, wo die Stimmen des Lebens sanfter schwingen und die Einkehr
+der Seele leichter ist als im Lärm des Tages. Dort sind die Wälle der
+Unschuld errichtet, dort versammeln sich um dich die gleichgesinnten
+Schwestern und helfen dir, Leid zu tragen und Freude zu empfinden. In
+dem Augenblick, da du die Klosterschwelle überschreitest, verschwindet
+die äußere Welt und eine innere öffnet sich dir, es naht Jesus mit
+den Heiligen und spendet dir stündlich unsagbare Wonnen. Nicht ein
+Grab ist es, in das du steigst, Paradiesesstille und himmlischer Glanz
+überfluten deine Seele im Gebet. Ich wüßte dir hier ein Nonnenkloster
+zu ‚Unserer Frauen Ängsten‘, wo du alle Liebesängste vergäßest.
+Liebliche Schwestern triffst du dort, für die Beichte würde ich sorgen.
+Überlege es, Tochter der Welt, die du dann Braut Christi werden
+würdest.“</p>
+
+<p>Maria de Calabreña hörte Worte rauschen, deren schwerwiegenden Inhalt
+sie nur mühsam begriff. Aber sie sah die traurigen Gestalten der
+schmucklosen Nonnen in ihren weltfremden Gewändern durch die Gassen
+von Granada wandeln und das Herz krampfte sich zusammen und wehrte
+sich mit der ganzen Kraft seiner Liebesfreudigkeit gegen die Lockung.
+Beinahe hätte sie laut aufgelacht, als sie sich vorstellte, wie sie
+im schwarzen Nonnenkleid, das Gebetbuch in der Hand, nach der Kirche
+wandelte. Aber sie spürte den zunehmenden Druck dieser mahnenden
+Priesterhand, der fast zu schmerzen anfing, und so stöhnte sie leise
+vor sich hin: „Nonne — Nonne — ich fass’ das nicht — Braut Christi?
+So sind diese Nonnen alle Bräute Christi?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span></p>
+
+<p>„Das sind sie in der Tat.“</p>
+
+<p>„Aber dann hat ja der Herr Jesu tausendmal mehr Bräute, als ein Kalif
+Frauen hat.“ Sie staunte aus ihrer ganzen Ehrlichkeit heraus.</p>
+
+<p>Der Vikar hatte Mühe, ihr die Geistigkeit dieses Brautverhältnisses
+zu erklären. Nimmer konnte sie das traurige Schicksal dieser ewigen
+Brautschaft begreifen, der keine Hochzeit folgen konnte. „Ach — ich
+kann nicht — Nonne werden — weil —“ und übermächtig wogte es aus
+ihrer Brust: „Ich liebe zu heiß!“</p>
+
+<p>„Das unreine Feuer der Liebenden hat niemals genug und verzehrt am
+Ende die Liebenden selbst. O schmerzensvolle Liebe! Das Herz des
+Beichtvaters schlägt in väterlicher Liebe zu dem Beichtkind, und was
+dieses betrübt, betrübt auch ihn. Ihr habt Euer Agnus Dei — küßt Ihr
+es oft?“</p>
+
+<p>„Ich drücke es am Abend immer an die Lippen.“ Ihre Stimme klang brüchig.</p>
+
+<p>„Gebt — daß auch meine Lippe sich daran erfreut.“ Er neigte sich zu
+ihrem Busen herab und küßte das Wachsscheibchen im goldnen Gehäuse.
+Seine Sinne schlürften den herben Hauch ihrer Brust und sein Mund
+sog lang an der Stelle, die ihre Lippen allabendlich berührten, und
+seine Vorstellungskraft weidete sich an dem Bild, daß er durch diese
+Berührung mittelbar ihren eigenen Kuß empfände. Maria erschauerte bis
+ins Mark, als sie seinen Kopf, seine Haare, die Tonsur so nahe an ihrem
+Busen spürte. War denn das wirklich Christenpriesterart? Es wurde erst
+wieder Licht vor ihr, als sich das Haupt von ihr hob. Wie eisigkalte
+Ströme rann es durch ihr Hirn.</p>
+
+<p>Ein paar dürftige Sündlein bröckelten sich von ihrem Herzen ab, dann
+erklang wieder des Dominikaners fremdes Gemurmel, seine Hand machte
+das Kreuzzeichen über sie und dann konnte sie sich erheben. Er gab
+ihr als Buße einige Gebete auf und befahl ihr, keinem Menschen ein
+Sterbenswörtlein von allem, was sie im Beichtstuhl gesprochen und
+gehört, zu sagen. Durch eine Handauflegung auf ihren schleierbedeckten
+Scheitel entließ er sie.</p>
+
+<p>Maria de Calabreña hatte das Gefühl, als schritte sie qualvoll <span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span>aus
+einer großen Gefahr heraus und doch wußte sie sich nicht zu sagen,
+wovor sie Angst empfand. Von Bängnis durchwühlt, wankte sie die Treppe
+hinab.</p>
+
+<p>Der Dominikaner zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihr schloß.
+Er, der arme Priester, stand da allabendlich einem königlich-stolzen
+Mädchen gegenüber. Ein Sündenhauch wehte über seinen Leib. Das gestand
+er sich ein. Und er schauderte einen Augenblick vor der Sünde wider
+den Heiligen Geist, vor der Übertretung des kirchlichen Gebotes und
+der Sittlichkeit zurück. Hier war er wenigstens noch nicht Verräter
+an seinem Gott geworden. Aber da verdrängte ein anderes Bild seine
+kämpfenden Gedanken.</p>
+
+<p>Leonores zauberischer Liebreiz, von den Flammen der Leidenschaft
+erhöht, stellte sich im Geist neben die zarte Schönheit der
+Moriska. Wie lag hier alles noch verknospet, was dort schon in
+beglückender Reife Wonnen spendete! Wie behütete das Maurenkind seine
+Jungfräulichkeit mit dem natürlichen Panzer ihrer Tugend, während dort
+ein ausschweifendes Schenken und Sündigen zweite Natur geworden war. Ob
+diese braune Königstochter je so weit kommen konnte? Aber fließt nicht
+des Vaters Lüsteblut in ihren Adern? Dann war sie doch einmal zum Fall
+reif.</p>
+
+<p>Er bebte am ganzen Leib. In die brennende Urtiefe des Lebens, in das
+Wesen des Doppelrätsels Mann und Weib schwang sich sein brünstiger
+Wille hinab. Ohne dieses Verlangen, das seine Kirche ein Sündenwerk
+nannte, glaubte er nicht ganz Mensch sein zu können. Sollte er die Qual
+der Ausgeschlossenheit vom Irdisch-Menschlichen leiden? Ach, schwer
+drückte das Joch der Tiergebundenheit auf ihn. Keine heilige Anwandlung
+hatte er mehr, sein viehisches Gelüste riß ihn aus dem Himmel, den
+er mit seinen Gedanken schon schändete. Das Wunder der Zeugung alles
+Lebens griff mit schrecklichen Armen nach ihm und raunte ihm zu: Auch
+du entgehst mir nicht, aber du fassest mich mit deinem verfluchten
+Geist.</p>
+
+<p>Pater Leon wog in seinem Geiste die beiden Schönheitsgebilde ab. Dort
+besaß er schon — hier konnte er bald besitzen. Es mußte <span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>köstlich
+sein, um diesen jungfräulichen Leib zu ringen, und er hatte gewichtige
+Helfer bei dieser langsamen Belagerung: die entweihten Dogmen und die
+Glaubensmittel seiner Religion. Was sein unreiner Sinn berührte, fiel
+aus der Höhe der Würde hinab in die Tiefe der Gemeinheit. Christen-
+und Priestertum versanken in seinen sündigen Wünschen und aufstieg
+der tierische Mensch. Der entheiligte Gott sollte ihm helfen, seine
+Gelüste zu befriedigen. Er hatte nicht den Zauber der Verführungskunst,
+der sonst liebenswürdigen Naturen zur Verfügung steht, die durch ihr
+Wesen selbst verführen. Er konnte nicht die Schmeichelrede des Alltags,
+die tändelnde Sprache des Majo, des galanten Liebhabers führen, nicht
+die werbende Zärtlichkeit des Schwärmers gebrauchen. Aber er hatte
+die unheimlichen Fallen und Requisiten der einschüchternden Kirche in
+Händen. Er hatte einst Leonore de Uceda damit bezwungen, er konnte&#8239;—</p>
+
+<p>Sein Hirn geriet in furchtbaren Brand. Vor seinen Augen kreisten
+farbige Ringe und in seinen Ohren knisterte es wie Funkengestöber der
+Hölle. Skrupellos, beinahe mit dem Abgrund des Verderbers liebäugelnd,
+vergrub er seine Gedanken in lodernde Bilder der Wollust. Eines vor
+allem bestürmte seinen Sinn. Er wollte demnächst — die Mittel hatte er
+dazu — die schönen Füße Marias de Calabreña nackt sehen. Er krümmte
+sich in süßer Qual. Ein Wort des heiligen Augustinus stahl sich als
+Trost in seine Seele: <span class="antiqua" lang="la">O felix culpa!</span> Ohne Adams Schuld wäre
+keine Erlösung gewesen.</p>
+
+<p>Folgerichtig aber glitt nun sein Geist in einen furchtbaren Haß hinein,
+der ihn zur unerbittlichen Verdammung zwang. Einen Namen schleuderte
+dieser Teufel mitten in sein Dürsten: Don Pedro de Solar! Das Ungeheuer
+Eifersucht hakte seine Tatzen in seine Brust. Es gefiel ihm, die Würde
+des Ritters zu zertrümmern. In dem Degen, den der Ritter zwischen sie
+und ihn gelegt hatte, sah er das trennende Werkzeug zwischen Mann und
+Mann. Er konnte dem Grafen unmöglich die Blüte gönnen, nach der sein
+eigener Wille dürstete. Was forderte Leonore de Uceda? Die Vernichtung
+der Rivalin? Ei, er wollte sich ein anderes <span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span>Ziel setzen. Und sollte
+sein Wollen des Teufels sein, er mußte versuchen, um dieser Perle
+willen die Muschel zu zerbrechen, die sie für ihn verschloß.</p>
+
+<p>Wie von Dämonen gepeitscht, jagte er sein Judasgewissen aus einer Hölle
+in die andere.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Funfundzwanzigstes_Kapitel">
+ Fünfundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">Ü</span>ber die Kaktus- und Aloehecken der Landhäuser strichen die
+balsamischen Düfte der aufgewühlten Frühlingserde. Das Licht in den
+engen Gassen wurde klarer und goldener, der Darro brauste jugendlicher
+am Hang der Alhambra vorbei, in der Vega keimte die junge Saat auf und
+an den vergitterten Fenstern des Albaycin prangten die ersten Blumen.</p>
+
+<p>An einem goldblitzenden Morgen ging es wie ein Lauffeuer durch die
+Stadt: Eswer Ben Zerragh ist entsprungen. Der Gobernador fluchte. Man
+untersuchte das Gefängnis, man vernahm alle Wachsoldaten ein, nur den
+einen nicht, der entflohen war. In die Gebirge wurden Streifscharen
+geschickt — ohne Erfolg. In die Barrancos der Alpujarras wagte man
+sich nicht, da die Monfis zu zahlreich waren. Um so gewisser war es,
+daß sich der entsprungene Maurenfürst in dieses Retiro geflüchtet.</p>
+
+<p>Das Herrscherpaar wurde erwartet. Die Königin wollte die ‚bekehrte‘
+Stadt in ihrem neuen Glaubenskleid sehen. Ximenes ritt ohne Bedeckung
+durch die Gassen. Das stählerne Gemüt des Kanzlers glaubte sich
+gottgeborgen. Der Erzbischof Talavera versank neben ihm in ein
+wesenloses Nichts. Pater Leon, der scharfe Seelenreiniger und
+-peiniger, ernannte seine theologischen und weltlichen Beisitzer
+und bald wurden neue Edikte des geheimen Gerichts in den Gassen
+ausgerufen und es war zu hören, daß eine Unzahl von Handlungen und
+Unterlassungen durch das heilige Gericht geahndet werden würden:
+Hexerei, Gotteslästerungen, das Anrufen von Teufeln, das Bezweifeln
+von Glaubensartikeln, das Beschimpfen und Beschädigen von Kruzifixen,
+<span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span>das Verführen von Frauen im Beichtstuhl, die Vernachlässigung der
+Anzeigepflicht von Ketzern und vieles andere, was ein teuflischer
+Erfindungsgeist spitzfindig ausgeklügelt. An den Wochentagen zogen die
+Familiares mit Trompeten und Trommeln unter Anführung des höchsten
+Alguacil durch die Gassen, und auf den Plätzen wurde das Edikt
+verlesen. Binnen sechs Tagen mußten die Anzeigen über jene Personen
+erstattet sein, die sich eines der bezeichneten Vergehen schuldig
+gemacht hatten. Den Denunzianten wurde völlige Verschwiegenheit
+zugesichert. Selbst dem Beschuldigten sollte ihr Name nicht genannt
+werden.</p>
+
+<p>Die Moriskos erschraken vor dieser gräßlichen Rechtsprechung. Wer
+einen Feind hatte, war ihm wehrlos ausgeliefert. Jeder Haß konnte
+sich durch die Tür der Inquisition Luft machen, wer einen anderen
+schädigen wollte, brauchte nur eine falsche Anzeige erstatten und man
+schenkte ihm Glauben. Niemand war mehr seines Eigentums, seines Lebens
+sicher. Schrecklicher noch als die aufrechten kastilischen Soldaten
+des Königs trat jetzt das Gespenst des furchtbaren Gerichts, dessen
+Vorschauer schon vor Wochen aus Cordoba herübergestrichen waren, unter
+die bebenden Moriskos. Sie, die kaum eine flüchtige Berührung mit den
+Dogmen der Kirche hatten und noch unsicher in den Riten herumtappten,
+konnten jeden Augenblick wegen einer angeblichen Übertretung gepackt
+werden. Wohl versprach man gelinde Strafen, aber man wußte, was man
+von spanischen Versprechungen zu halten hatte. Man zitterte um seine
+kärgliche Habe und vor der bevorstehenden Schmach, verspottet und
+beschimpft im Sanbenito jahrelang unter den Christen wandeln zu müssen.
+Alles zog sich furchtsam in die Häuser zurück, wo man wenigstens
+flüsternd das Leid von der Seele wälzen und dem alten Glauben
+nachtrauern konnte.</p>
+
+<p>Die Könige kamen, begrüßt von der Moriskomenge, der man die
+Begeisterung in die Seele gedroht hatte. Vom Leid verdunkelte Mienen,
+freudlose Augen, verhärmte Wangen — fürwahr, die Königin hatte nicht
+viel mehr erwartet. Sie warf während des Eintritts beziehungsvolle
+Blicke nach Ximenes, <span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span>um dessen Herz der Eisenpanzer der Härte lag.
+„Was für eine Stadt!“ entfuhr es ihren Lippen. „Das Volk scheint nicht
+glücklich.“</p>
+
+<p>Der Erzbischof zuckte mit keiner Wimper. „Der einheitliche Glaube ist
+da.“</p>
+
+<p>„Er ist mit Leid erkauft worden. Verzweifelte Klagen drangen über die
+Schwelle meines Gemachs. Man erwartet alles von meiner Gegenwart.“</p>
+
+<p>„Wenn diese Gegenwart auch nur ein Haar von dem verrücken sollte, was
+meine starke Hand erbaut, dann wäre der heilige Eifer umsonst gewesen.“
+Er sah die Königin mit einem bezwingenden Blick an.</p>
+
+<p>„Hat die Inquisition Arbeit bekommen?“ fragte Isabella.</p>
+
+<p>„Es ist möglich, daß zu Ostern Scheiterhaufen brennen.“</p>
+
+<p>Die Königin erschrak. „Die Eile wird das Volk rasend machen. Meint Ihr
+nicht, daß die Barmherzigkeit größer sei als die Gerechtigkeit?“</p>
+
+<p>„Man wird barmherzig sein und oft nur Güter einziehen, wo die
+Verbrennung angebracht wäre.“</p>
+
+<p>„Große Seelen wachsen durch die Bedrückung. Die Moriskos haben große
+Seelen. Sollen sie uns noch gefährlicher werden?“</p>
+
+<p>„Dann vollenden kastilische Reiter das, was wir begonnen,“ entschied
+der kriegerische Hohepriester.&#8239;—&#8239;—&#8239;—</p>
+
+<p>Der Graf de Mora hatte den Weg in die Alcazaba gefunden, wo nun Reija
+mit ihren Sklavinnen ihr junges Glück durchsann. In seinem Gewissen
+hämmerte die Schuld. Der Abencerrage war vogelfrei. Der Gewinn war
+durch ein schuldbeladnes Gewissen teuer erkauft worden. Reija wußte
+nicht, wohin sich der Maure gewandt. Aber der Graf schalt sich einen
+Toren, weil er die Flucht seines Rivalen selbst begünstigt. Dann
+verscheuchten wieder die Liebesbeteuerungen des Mädchens alle Wolken.</p>
+
+<p>Als das Glaubensedikt kam, grübelte sich Reija mit ihrem beweglichen
+Verstand so gut es gehen wollte, in die Heilslehren hinein, nur
+bemerkte Don Pedro de Solar an ihr ein verdunkeltes Wesen, wenn sie von
+den Dogmen sprach. Dann machte er sich <span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>selbst Gedanken, wie sie oft
+den Menschen in den Stunden farbloser Dämmerung zu überfallen pflegen.</p>
+
+<p>Hell brannten die Kerzen im dufterfüllten Gemach der Königstochter.
+Don Pedro saß neben ihr. Der Wohlgeruch ihrer Glieder wallte um das
+Gemüt des Liebenden. Er hörte ihren Mund so gern tönen. Sie sprach
+ihr Spanisch mit vielen arabischen Wörtern untermischt, betonte die
+Endsilben länger, als es im Andalusischen üblich war, wodurch etwas
+Singendes in ihre Rede kam, das dem Grafen gar wohl gefiel. Auch das R
+rollte sie scharf heraus, was ihr eine entzückende Herbheit gab.</p>
+
+<p>Don Pedro schenkte ihr einen Ring mit einem großen Saphir.</p>
+
+<p>Ihre Augen strahlten voll Eitelkeit. „O Liebster, wie weißt du zu
+schenken! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Ring.“</p>
+
+<p>„Ich doch,“ lächelte er beglückt. „Die Hand, die ihn jetzt trägt.“</p>
+
+<p>Reija schmeichelte sich an seine Brust heran. „O mein Feta! Weißt du,
+was mir noch zum Glück fehlt? Abu Atir soll frei sein!“ Es schlich nur
+so zwischen den Lippen heraus.</p>
+
+<p>Don Pedros Auge verdüsterte sich. „Er tut mir leid, der alte Sid.“</p>
+
+<p>Ihre Wimpern schlossen sich wie in Trauer. „Der Himmel hat einen
+Verkünder seiner Seligkeit verloren. Ob sein Stern je wieder aufgehen
+wird?“ Als sie sah, wie Don Pedros Stirn umwölkt blieb, lenkte sie ihre
+Gedanken auf freundlichere Wege. „Oh, wärest du einer von den Beni Osa!
+Sie haben den Wüstensand zum Bett gehabt, sagt Abu Atir. Sie haben
+unter buntbewimpelten Zelten geschlafen, Kamele verkauft und getauscht
+gegen Waffen und Kleider, haben herrliche Lieder gesungen und Lanzen
+verkämpft in Schlachten um Mohammed. Oh, wenn du von ihnen abstammtest!
+Und ich wollte von den Rosen von Iram stammen, die König Scheddad in
+liebender Glut als das Schönste auf Erden gepflanzt. O sag’, warum hast
+du uns Mauren einst so gehaßt?“ Sie kräuselte plötzlich ihren Mund.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span></p>
+
+<p>„In deiner Liebe sühnte ich mein Unrecht.“ Er bedeckte ihre braunen
+Wangen mit Küssen.</p>
+
+<p>„Wir hatten doch soviel für euch getan. Ja, ja, bi nefsi! An unsern
+Rittern stärkten die euren ihren Mut, von ihnen lernten sie die
+Verehrung des Weibes, und von unsern Baumeistern nahmt ihr die schönen
+Formen — und eure Romanzen und Tänze, sind sie nicht den unsern
+abgelauscht?“</p>
+
+<p>Don Pedro fing das Wort auf. „Tanz! Tanz! Du sollst mir die Leila
+tanzen!“</p>
+
+<p>„Das geht nicht, Liebling der Freude! Die Leila tanzen wir nur mit dem
+Schleier auf dem Leib.“ Sie versteckte schnell ihre Augen.</p>
+
+<p>Der Graf zog sie an sich. „So hüll’ dich in drei Schleier, daß ich
+nichts erspähen kann.“</p>
+
+<p>„Meine Brüste müßtest du doch sehen.“ Wieder schloß sie die Augen. Ihre
+Wimpernspeere stachen in sein Herz. „Aber weißt du, ich will dir aus
+der Hamasa singen. Saffana soll mich begleiten.“ Sie schlug in die Hand.</p>
+
+<p>Die schöne Sklavin holte die Anafine vom Silberhaken. Und Reija hob mit
+weicher dunkler Stimme zu singen an. Es war ein arabisches Morgenlied.</p>
+
+<p>„Wenn der Morgensonne Gruß die Berge rötet und das Vogellied erwacht,
+wenn auf Blumengrund der goldne Ferge herzieht und vertreibt die letzte
+Nacht, weint mein Aug’ um dich, das schon geweint, als die Nacht noch
+war dem Morgen feind. Aus den goldnen Mähnen fällt der Tau nieder auf
+die buntgeschmückte Au’, Sonnenwagen kreist um alle Erden — wann wird
+mir sein Glanz zur Freude werden?“</p>
+
+<p>Verzückt lauschte Don Pedro. „Hernando weiß viele solcher Lieder, aber
+es klang mir keines so schön.“</p>
+
+<p>„Wo ist der Feta?“ fragte die Sklavin schnell.</p>
+
+<p>Der Graf warf ihr einen schelmisch-drohenden Blick zu. „Er ist dir
+nicht gleichgültig? Man merkt es wohl.“</p>
+
+<p>Saffana wurde rot. „Er hat wirklich einen hübschen Mund.“</p>
+
+<p>„Er schwärmt auch von deinem,“ lachte Don Pedro.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>„Ei, hab’ ich nicht auch alle arabischen Schönheiten, die man Nesib
+nennt? Oh, sagt ihm doch, Stern der Sterne, ich gehe jeden Abend mit
+meiner Herrin zur Christenlehre und ich muß zwischen den Säulen einsam
+frieren, während sie in der Mosala heilige Worte hört.“</p>
+
+<p>Der Graf verstand sie und nickte. „Ich will’s ihm sagen.“</p>
+
+<p>Da huschte die Moriska beglückt hinaus.</p>
+
+<p>Reija schmollte. „Dein gelehrter Freund hat ihr den Kopf wirbeln
+gemacht. Weißt du, wo die Maurenmädchen ihre Liebsten zu treffen
+pflegen? An der Tränenquelle. Sie heißt Dinadamar und liegt auf dem
+Hügel vor dem Elvirator. An dem Rand der ummauerten Quelle stehen
+Zypressen. Wenn eine Maurin einen Christen liebte, weinte sie dort ihre
+Tränen um ihn, bis das Wasser ihr zum Halse stieg, und dann geschah es
+meist, daß der christliche Freund in der Nähe war und seine Chiquilla
+aus dem Wasser zog.“</p>
+
+<p>„Oh, lägest du dort in deinem Tränenwasser!“ seufzte Don Pedro
+schelmisch.</p>
+
+<p>Sie hielt ihm den Mund zu. „O Männer! Was ihr im Dunkel der Nacht
+liebend sucht, schreit ihr bei Tag der Sonne entgegen.“</p>
+
+<p>„Ich bin nicht einer der vielen. Aber nun mußt du tanzen!“</p>
+
+<p>„Wenn du wegschaust,“ lächelte sie gefügiger. Und ohne eine Antwort
+abzuwarten, flog sie ins Nebenzimmer, um sich zu entkleiden.</p>
+
+<p>Don Pedro atmete die Luft des Entzückens. Wie liebte er sie! Alles,
+alles an ihr! Das helle Leuchten des Tages und das Dunkel der Nacht
+in ihrem Wesen. Wuchs sie nicht vor ihm auf wie eine schöne, durch
+den gesegneten Himmelsstrich erschlossene Blüte, umschmeichelt von
+der Sonne Zauberkraft, geküßt vom Licht des Mondes, gehätschelt von
+des Südens weicher Luft? War sie nicht unerschöpflich im Geben und
+Schenken, in Erfindungen und neuen Gedanken der Schönheit? Sie war
+Ewigkeit und flüchtiger Genuß zugleich, ein klingendes Lied ihres
+Volkes, eine der Huris, aus dem Paradies gestiegen, dem Sterblichen ein
+leises Ahnen von den Freuden zu geben, die seiner <span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span>warteten. Don Pedro
+liebte sie nicht mit dem Stachel der Wollust im Herzen, sondern mit dem
+reinen Gedanken der Besitzseligkeit eines solchen göttlichen Geschenks.
+Wie eine schöne Fackel sollte sie ihm das neue Leben, in das er durch
+sie getaucht, erleuchten.</p>
+
+<p>Da öffnete sich die Tür. Maria — nein, Reija schwebte herein. Ihre
+Reize waren durch rosafarbne dichte Schleier verhüllt, aber Haupt,
+Schultern, Brüste, Arme und Füße waren frei. In der Türnische setzte
+sich mit gekreuzten Beinen die Sklavin hin und spielte auf der Anafine
+eine jener Tanzmelodien, wie sie die Beduinenweiber in den Zelten zu
+spielen pflegen, bald in rhythmisch wiegenden, bald in langgezogenen
+Tönen wehmütig hingehaucht.</p>
+
+<p>Reija stand zuerst regungslos, nur die herrlichen braunen Schultern
+bebten leise. Dann löste sie sich aus der lauschenden Gebundenheit,
+langsam wiegte sich der Körper nach vorn, nach rückwärts, lockend
+dehnten sich die gemeißelten Brüste, dann schnellte ihr Oberleib
+plötzlich vor, ihr Antlitz war schreckgespannt, es war, als lauschte
+sie fernem Löwenbrüllen in der Wüste, dann erhob sie sich mit
+beruhigtem Lächeln aus der Stellung des Lauschens, ein sanftes Wiegen
+des ganzen Leibes drückte die Wohligkeit der Seele aus, und plötzlich,
+den lockenden Tönen völlig hingegeben, schnellte sich der Körper von
+der Fessel des Rhythmus los, und wie wenn sie ein Stachel aus dem
+Innern heraus anspornte, warf sie ihre Glieder in einer wilden, aber
+immer schönen Regellosigkeit hin und her, als drängte jede Fiber in
+ihr nach einem geliebten Gegenstand. Immer zügelloser wogte ihre
+Gestalt hin und her, ein sinnlich betörender Taumel erschien sie zu
+erfassen — der Geliebte ist da! — ein werbendes Sehnen, ein Wirbeln
+und Drehen, begleitet von den aufjauchzenden Tönen der Anafine — die
+Hände schlagen verzückt in die Luft, die Augen und Wangen glühen, der
+Atem keucht aus dem halb geöffneten Mund, in dem die Zähne leuchten
+— mit beinahe wollüstiger Hingabe an die Seele des Tanzes schwingt,
+schlängelt, wiegt und schaukelt sie ihren leidenschaftlich bewegten
+Körper, <span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span>ohne je schamlos zu werden, wiewohl es schien, als wollte sie
+jeden Augenblick den nackten Leib den kosenden Lüften preisgeben.</p>
+
+<p>Da fängt Don Pedro, hingerissen von der sinnzerwühlenden Auflösung
+des Körpers und von den sprühenden Wundern ihrer morgenländischen
+Seele, die Geliebte in seinen Armen auf. Ihr Busen brennt im Feuer der
+Hingabe an seiner Brust, ein schwüler, bestrickender Duft von Blumen
+und arabischen Spezereien umwirbelt seine Sinne und unter seinen
+entzündeten Blicken wogen die nackten Brüste des herrlichen Mädchens.
+Wie ein Trunkener küßt er die aufgeschlossenen, ihm entgegentaumelnden
+Lippen.</p>
+
+<p>Saffana bricht die brausende Melodie entzwei und läßt das Instrument
+fallen. Sie heult in einer Ecke bei einem Wandspiegel ihre Freude aus.</p>
+
+<p>Noch brennend von den geheimen Opferfeuern der unterdrückten Sinne,
+lösen sich die Liebenden voneinander los. Wie ein Erwachender blickt
+Don Pedro um sich. Auf dem Diwan liegt wohlig hingestreckt sein Mädchen
+mit geschlossenen Augen und schwer kämpfender Brust. Er will hinstürzen
+und die Schleier von den Reizen des Schöpfungswunders heben&#8239;—</p>
+
+<p>Da wehrt sie ihn sanft von sich. „Du sollst mich lieben wie der Dichter
+Dschemil seine Botheina liebte. Unter Palmen in einsamem Tal legte er
+ihr nur die heilende Hand aufs stürmisch pochende Herz und berührte sie
+sonst nicht.“</p>
+
+<p>Das tat er denn auch mit aller Zärtlichkeit, und er war versucht, seine
+Lippen auf die Granatfrucht ihres Busens zu senken.</p>
+
+<p>Da tönte draußen die Stimme der Matrone. Reija sprang auf und hinter
+den Vorhang des Schlafgemaches.</p>
+
+<p>Noria trat ein. „Don Hernando ist da.“</p>
+
+<p>Gleich darauf stand der Freund im Zimmer. „Du mußt schnell heim. Die
+Wache vor dem Fenster Abu Atirs ist ermordet —“</p>
+
+<p>„Nein!“ brauste der Graf auf. Und seine Augen flogen unwillkürlich nach
+dem Vorhang.</p>
+
+<p>„Maurische List und Tollkühnheit — man wollte es wie bei Eswer
+versuchen —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>„Da sind Teufel am Werk oder —“ Sein Herzschlag stockte.</p>
+
+<p>„Ein Gesandter des Königs ist bei dir. Du sollst morgen vor Fernando
+erscheinen. Man will dir den Befehl über die Truppen für die Alpujarras
+geben.“</p>
+
+<p>Don Pedro starrte ihn an. „Mir — diese Ehre —?“</p>
+
+<p>„Man weiß keinen Bessern. Dazu die Empfehlungen des Ximenes —“</p>
+
+<p>Der Graf zog die Brauen hoch. „Wirklich? Des Ximenes? So werden Heilige
+zu Sündern. Laß mich hier Abschied nehmen.“</p>
+
+<p>Da schnellte schon der Vorhang zurück. Reija trat mit angstgelähmten
+Augen heraus. Statt der Schleier trug sie einen Seidenstoff, der sie
+wie eine Toga umhüllte. Hernando verneigte sich staunend vor der
+Schönheit des Mädchens.</p>
+
+<p>„Ich — habe — alles gehört,“ sagte Reija. Und sie senkte langsam den
+Schild ihrer Wimpern über die Augen. Auf ihren Lippen war jedes Lächeln
+erfroren.</p>
+
+<p>Der Graf reckte sich. „Ich werde die Truppen nicht in die Alpujarras
+führen.“</p>
+
+<p>Ein Freudenschrei sprang aus der Brust der Moriska. „Alle guten Geister
+Gottes mögen über deinem Hause wachen!“</p>
+
+<p>Hernando aber sah bestürzt den Freund an. „Womit willst du vor dem
+König die Weigerung rechtfertigen?“</p>
+
+<p>„Das höre der König allein.“ Don Pedro atmete schwer.</p>
+
+<p>Reija hob den Vorhang. „Tretet einen Augenblick hier hinein, Feta. Ihr
+werdet hier ein Geschöpf finden, das dieses Geschenk einer glücklichen
+Stunde zu würdigen wissen wird.“</p>
+
+<p>Der ritterliche Gelehrte war nicht auf den Kopf gefallen. Er erkannte
+auch gleich das spitze Lachen daneben. Wie ein aufgescheuchter Hase
+flog er hinein und fiel gleich darauf in weiche, weit geöffnete Arme.</p>
+
+<p>Kaum war Don Pedro mit seiner Geliebten allein, flüsterte ihm diese zu:
+„Ich weiß, was du denkst.“ Ihre Worte klangen wie durch einen dichten
+Nebel gedämpft. „Bei den Freuden des Paradieses schwöre ich dir: ich
+habe hier meine Hände nicht im Spiel.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>Der Graf preßte die Lippen aufeinander, sein Gesicht zeigte Spuren
+tiefwühlenden Schmerzes.</p>
+
+<p>„Pedro — du glaubst mir nicht? Ich liege vor deinen Füßen — ich
+umklammere deine Knie — ich bin unschuldig — aber ich ahne, wer es
+getan.“</p>
+
+<p>„Eswer!“ stürzte der Graf heraus.</p>
+
+<p>„Er ist tollkühn und hängt schwärmerisch an dem Imam.“</p>
+
+<p>„Weil er an dir hängt!“ kochte das eifersüchtige Herz des Spaniers auf.
+„So dankt er für seine Freiheit! Es kann nur ein Blut für deine Liebe
+pulsen. Gott gebe, daß ich ihm im ehrlichen Kampf gegenüberstehe.“</p>
+
+<p>„Pedro — du wirst nicht — gegen die Mauren kämpfen?“ Ihre Hände
+verkrampften sich unter heftigem Schluchzen in seine Arme. „Oh, sprich
+mit der Königin — sie ist mild und gut —!“</p>
+
+<p>„Ihr Wille ist betört durch die Sprache der Priester, gefesselt
+durch die Macht der Inquisition. Wer diese Fesseln bräche, gewönne
+für Spanien den Atemzug der Freiheit wieder. In Toledo schmachten
+Christenritter in den Kerkern des heiligen Gerichts, in Tiara brennen
+Scheiterhaufen, Cordoba seufzt unter dem Druck priesterlicher Henker,
+und nun soll Granada —? Oh, die Könige wissen nicht, wie die
+Dominikaner Dezas und Ximenes arbeiten. Wer ihnen die Augen öffnete für
+das Elend der Seelen! Der edle Talavera ist auf meiner Seite, Tendilla,
+Osuna, Orgaz — die Granden empören sich, daß man ihre Besitzungen
+infolge der Austreibung maurischer Bauern zugrunde gehen läßt, die
+Jünglinge des höchsten Adels zittern vor den Familiares — o Mädchen,
+Mädchen! Die Fackel deiner Liebe hat in mir die der Gerechtigkeit
+entzündet, und an ihr soll sich die Barmherzigkeit der Könige
+entflammen.“</p>
+
+<p>„Michael bist du, der Engel der Gerechtigkeit!“ schluchzte sie
+Freudentränen an seinem Hals. „Wie liebe ich dich, mein Feta!“</p>
+
+<p>Hernando kam mit erhitztem Gesicht. Er packte den seligverstörten
+Freund bei den Armen und zog ihn hinaus. Hinter <span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>den beiden siedete das
+Glück in zwei Mädchenherzen. Herrin und Sklavin — die Liebe machte
+keinen Unterschied mehr.</p>
+
+<p>„Oh! oh! oh! Er küßt so heiß!“ lief Saffanas Herz über. Und sie strich
+sich verwirrt das Kleid über dem Busen zurecht.</p>
+
+<p>Reija aber warf sich auf den Gebetsteppich der Länge nach hin und rief
+Mohammed und Jesus gleichzeitig um Beistand für ihre Liebesqual an.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel">
+ Sechsundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>er Graf hatte den Imam einvernommen. Des Maurenpriesters Auge
+leuchtete sonnenklar in Unschuld. „Ich hätte wohl dem Erlöser die Hand
+zur Flucht gereicht, aber ich wußte nicht, wie nah er mir war.“ Bis
+spät in die Nacht dauerten die Verhöre bei den Wachen. Man bat um eine
+Verdoppelung des Postens beim Fenster, denn es wollte niemand mehr
+der Maurenlist zum Opfer fallen. Allgemein war die Meinung, der kühne
+Abencerrage sei der Täter.</p>
+
+<p>Die Alguaciles brachten stündlich neue Nachrichten. Bei einem Morisko
+wurde ein Zettel mit einem aufreizenden Inhalt gefunden: „Wehrt euch,
+sonst ist das Ende da. Ihr werdet in den Bergen die Weidegerechtigkeit
+verlieren. Man rühmt eure Geschicklichkeit, doch man wird sie auf
+seine Weise ausnützen, eure Genügsamkeit, aber ihr werdet dafür nicht
+viel zu essen bekommen, euern Fleiß, dafür wird man euch bis aufs Blut
+schinden, eure Bescheidenheit, und man wird euch wirklich nur ein paar
+Maravedis im Tag geben, eure Bodenwirtschaft, und ihr werdet sie im
+Joch beweisen müssen.“</p>
+
+<p>Don Pedro ließ den Zettel verbrennen — um des Imams willen, dem er die
+Aufreizung zuschrieb.</p>
+
+<p>Es war nach Mitternacht, als man auf den Höhen der Sierra Nevada
+kleine Punkte aufleuchten sah, Feuer, wie sie die Mauren zur Zeit der
+Sonnenwende auf den Bergen zu entzünden pflegten. Auch bei Gefahr,
+Aufstand, als Zeichen der Versammlungen brannten diese Feuer. Der
+Graf wurde stutzig. Er hatte <span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span>die ergebnislose Untersuchung für heute
+beendet. Zu Hause angekommen, fiel ihm ein Paket Schriften in die Hand,
+das er heute von der Mutter gesandt bekommen hatte. Es waren Dokumente
+seines Vaters, Erinnerungen, wie sie der alte Mann, der nicht nur
+waffentüchtig, sondern auch gelehrt war, aufgezeichnet hatte. Sie lagen
+nun zum erstenmal vor den Augen des Sohnes. Die Mutter fühlte sich
+krank und hatte dem Sohn in einer Anwandlung von Sterbensmüdigkeit die
+Aufzeichnungen des Vaters geschickt.</p>
+
+<p>Die Erinnerungen spielten in eine ferne Zeit hinein, sie sprachen
+von Waffenglück und königlichem Dienst, von der Vertiefung in
+Glaubenssachen&#8239;—</p>
+
+<p>Da erblaßte der Graf. Er las seltsame Worte: „Beinahe hätte ich
+die Schmach über mich ergehen lassen müssen, von der Inquisition
+verfolgt zu werden, weil ich mich infolge eines nächtelangen Studiums
+in arabischen Schriften mit den Angriffen der Mohammedaner gegen
+die heiligen Dogmen der Kirche befreundet hatte. Besonders das
+Dreieinigkeitsdogma machte meinem Geist viel Pein. Nur die Einsprache
+eines mächtigen Gönners, des Herzogs von Medina-Sidonia, bewahrte mich
+vor dem Ärgsten.“</p>
+
+<p>Mit zusammengepreßtem Herzen sann der Graf in die Schrift. Sein Vater,
+der Abgott seiner Jugend — von der Inquisition verfolgt! Nun erinnerte
+er sich des betretenen Schweigens in den Kreisen der Granden, wenn von
+der Vergangenheit des Vaters die Rede war. Man wollte ihm, dem Sohn,
+des Alten Sünde nicht als erblichen Fluch auf die Schultern laden, aber
+man konnte doch nicht vermeiden, ihn mit einem gewissen Mißtrauen zu
+behandeln. Die kriegerischen Anlagen des jungen Grafen drängten den
+gelehrten Sinn zurück, und erst in den letzten Wochen, da sich sein
+Herz gewandelt, hatte auch sein Geist die Spuren der Gelehrsamkeit
+in den arabischen Schriften, die ihm Hernando de Rojas verschafft,
+aufmerksam verfolgt. Er hatte da plötzlich entdeckt, wieviel die
+Spanier den arabischen Gelehrten, und vor allem den Philosophen,
+verdanken, wie die <span class="pagenum" id="Page_233">[S. 233]</span>Bücher des Averroes über Aristoteles das ganze
+christliche Denken umformten, wie die Heilkunst auf Grund arabischer
+Erfahrungen ausgeübt wurde, wie Kriegführung und Rittertum im
+maurischen Boden wurzelten und die spanische Dichtung sich noch immer
+der morgenländischen Blüten bediente. Pulver, Papier, Seidenzucht,
+Ackerbau, alles mußte der Spanier den Mauren entwinden, selbst Kolumbus
+hätte wahrscheinlich ohne die Erdkarte des Edrisi das neue Land nicht
+entdeckt.</p>
+
+<p>Waren es Feinde, die den Vater vor das Tribunal geschleppt? Oder hatte
+er sich selbst unvorsichtig verraten? So war sein Geschlecht durch des
+Vaters Schuld nahe daran gewesen, von allen Ehren ausgeschlossen zu
+werden? Und belastete nicht ein von der Inquisition Verurteilter auch
+Kind und Kindeskinder?</p>
+
+<p>Er hatte in dieser Nacht tief und ernst zu denken. Und mit umränderten,
+müden Augen sah er dem Morgen entgegen. Die innere Unruhe verscheuchte
+das Blei von seinen Lidern, und der erste Sonnenstrahl grüßte einen
+matten Körper und Geist.</p>
+
+<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p>Im Saal der Schwestern, unter der prunkvollen, tropfsteinartigen
+Kuppel, die wie ein phantastisches Riesenzellengewebe zu Häupten hing,
+inmitten der ornamentalen Pracht der Wände, der farbenstrahlenden
+Türbogen und des abwechslungsreichen Spiels der Formen und Muster, des
+Goldes und des Dämmerlichts nahmen die Könige die Berichte der Granden
+entgegen. Am frühen Morgen waren beunruhigende Nachrichten angelangt.
+Christendörfer in den Alpujarras waren von den Mauren überfallen
+worden, die Monfis plünderten christliche Hirtenstationen, und man
+sprach davon, daß sich große Banden um Orgiva und Guejar sammelten, der
+Name Abu Atir fliege von Mund zu Mund, es sei offenkundig, daß man ihn
+befreien und zum König ausrufen würde. Die schwere Reiterei, tapfere
+Lehensmannen und Adelige aus den ersten Geschlechtern, machte sich
+zum Aufbruch bereit, der große Kapitän Gonsalvo de Cordoba sollte das
+kleine Heer gemeinsam mit Tendilla gegen die Maurennester <span class="pagenum" id="Page_234">[S. 234]</span>führen. Doch
+zuvor sollte der Graf de Mora die Stärke der Banden erkunden.</p>
+
+<p>Die Wachen vor dem Löwenhof zogen in dreifacher Stärke auf. Fremde
+Gesandte, geistliche Würdenträger und Bittsteller harrten im Hof. Der
+Vorsaal der Mozaraber war überfüllt von schimmernden Gestalten, die von
+den Sekretären der Königin nach Listen geordnet wurden. Ein Gnadenwort
+aus hohem Mund war Erquickung für den ehrgeizigen kastilischen
+Ritter. Man witterte Maurenkämpfe und freute sich, denn des Friedens
+Tatenlosigkeit drückte auf die spanischen Gemüter.</p>
+
+<p>„Ah — der Held von Santa Fé!“ sagte der Graf de Cabra zu einem andern
+Granden, als sich die Gestalt des königlichen Hauptmanns an der Saaltür
+zeigte. „Man spricht viel von der schönen Moriska, die Boabdils Tochter
+sein soll. Aber man nennt selten ihren Namen ohne den seinen. Es
+scheint da ein Liebesgarten aufzublühen.“</p>
+
+<p>„Ihr meint doch nicht —“</p>
+
+<p>„Was ich meine, wird den Grafen de Mora nicht abhalten, unvernünftig
+zu sein. Ich weiß nur, daß er die Hand der schönen Leonore de Uceda
+verschmäht hat.“</p>
+
+<p>„Und das sollte ungestraft von ihr geschehen sein?“ lächelte der Grande.</p>
+
+<p>Cabra machte ein Zeichen des Schweigens. Graf de Mora hatte sich
+genähert. Er trug das reichgestickte Gewand seines Vaters, den Hut mit
+dem Federbusch, das golden eingelegte Schwert und den schwarzen Mantel.
+In seinen Zügen waltete tiefer Ernst. Man erinnerte sich nicht, ihn
+je so dunklen Gesichts gesehen zu haben. Er gab kurze, aber höfliche
+Antworten.</p>
+
+<p>„Wer eröffnet die Audienz?“ fragte er den Grafen Gonzalez de Lara,
+einen würdigen Greis.</p>
+
+<p>„Wer anders als Ximenes und Pater Leon? Die Inquisition hat den
+Vortritt vor den Granden.“</p>
+
+<p>„Das war nicht immer so,“ sagte Mora mit verfalteter Stirn.</p>
+
+<p>„Man kann zu Euch freier sprechen. Die Cortes sollten die Augen offen
+halten. Wenn Könige in den Händen der Priester <span class="pagenum" id="Page_235">[S. 235]</span>sind, ist es fast
+schlimmer, als wenn ein König in den Händen eines Weibes ist.“</p>
+
+<p>Der Graf de Mora drückte dem Alten beziehungsvoll die Hand. „Ihr denkt,
+wie es ist. Wenn’s not tut, erinnert Euch meiner.“</p>
+
+<p>„Auch Ihr, junger Freund, sollt an mir nicht vorübergehen.“</p>
+
+<p>„Gewiß nicht, Lara. Man spricht, höre ich, von Übergriffen der
+Inquisition.“</p>
+
+<p>„Man spricht wahre Worte. Aber still — da drüben bei der Säule steht
+ein Familiare der Inquisition. Die Leute bewachen jedes Wimpernzucken.“</p>
+
+<p>„Wird man die Königin allein sprechen können?“</p>
+
+<p>„Schwer. Ximenes horcht die Seelen der Untertanen aus.“</p>
+
+<p>„Man muß doch vor ihr Herz kommen können?“</p>
+
+<p>„Meist nur vor ihr Antlitz. Um ihr Herz legt Ximenes seine Dornenhecke.
+Doch Ihr habt ein alt Geschlecht, vielleicht zeichnet Euch die Königin
+aus. Ihr habt Gewichtiges —?“</p>
+
+<p>Er kam nicht weiter. Der große Kapitän Gonsalvo trat mit dem glänzenden
+Gefolge seiner Hausmannschaft in den Löwenhof, der Gobernador schritt
+durch die Reihen der Edlen, die alten Geschlechter Mendoza, Villena,
+Castro, Cifuentes, Ureña, Cabra und andere hoben sich von dem jüngern
+Adel ab, gekennzeichnet durch die Geschlechtswappen ihrer Herolde,
+während die hohe Geistlichkeit und die verdienstvollen Mönche getrennt
+von den Granden eine Insel um die Brunnenschale in der Hofmitte
+bildeten. Vor dem Eingang zum Saal der Schwestern, der durch einen
+großen Vorhang abgeschlossen war, standen die Edelknaben der Königin
+unter der Führung ihres Alcayden Diego von Cordoba.</p>
+
+<p>„Der König ist aufgeräumt und gnädig,“ sagte der Graf Alvaro Nuñez de
+Castro, der eben herauskam. „Er hat mir einen Teil der Besitzsteuer
+erlassen.“</p>
+
+<p>„Und die Königin?“ fragte de Mora ungeduldig.</p>
+
+<p>„Sie spricht nur mit Ximenes. Ich konnte keinen Gnadenblick erhaschen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>Name für Name wurde gerufen, Stunde auf Stunde verrann. Graf de Mora
+wurde ungeduldig. Der Löwenhof leerte sich, viele Granden wurden für
+den nächsten Tag bestimmt, und endlich nannten die Sekretäre nur mehr
+drei Edelnamen: Tendilla, Gonsalvo und Mora.</p>
+
+<p>Bald darauf standen die drei Ritter gleichzeitig vor dem Herrscherpaar.
+Ihre hohen Gestalten umspielte dämmriges Licht aus der Kuppel.
+Seitwärts der Königin saß Ximenes, während Leon an einer der herrlichen
+Holztüren stand, die zu den kleinern Seitengemächern führten. Sechs
+Granden hielten Wache beim Eingang in den Saal der Ajimezes, durch
+dessen Erkerfenster man den Strahl des Springbrunnens im Patio de
+Daraxa in der Sonne blitzen sah.</p>
+
+<p>Der König enthüllte seine Absicht, wie notwendig es sei, den Mauren
+Ernst zu zeigen. Er wies auf die Vorgänge der letzten Nacht hin, teilte
+mit, daß die Monfis schon bis zum Hügel von Padul schwärmten, und
+Gonsalvo legte einen Plan für den Marsch in die Berge vor und erbot
+sich, das nahegelegene Maurenschloß von Guejar zu stürmen. Auch Graf
+Tendilla unterstützte den Antrag. Der Graf de Mora wurde beauftragt,
+Lanjaron, das stark befestigte Bergnest in den Alpujarras, zu nehmen.</p>
+
+<p>Da verneigte sich Don Pedro de Solar vor dem König. „Ich will nach
+Lanjaron — zum letztenmal meinem König und meiner Königin im Kampf
+gegen die Mauren zu dienen.“</p>
+
+<p>Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung. Fernando blickte aus
+seiner kühlen Haltung auf. „Hispaniola lockt Euch noch immer?“</p>
+
+<p>Der Graf schüttelte den Kopf. „Darf ich mit meinem König allein
+sprechen?“ fragte er mit beinahe feierlich gespannter Seele.</p>
+
+<p>Der König blickte verwundert. „Das ist nicht Sitte. Die Königin zum
+mindesten —“</p>
+
+<p>„Ihr Herz wird meine Sprache segnen,“ sagte de Mora mit leuchtendem
+Auge.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>„Mein Primas wird nicht fehlen wollen,“ bemerkte Fernando, indem er
+Ximenes einen beziehungsvollen Blick zuwarf.</p>
+
+<p>Der Erzbischof nickte kühl. Leon trat zu ihm und flüsterte ihm etwas
+zu. Der Königin aber wurde ängstlich zumute. Was hatten sie für
+Geheimnisse? „Erzbischof, was darf ich nicht wissen?“</p>
+
+<p>Ximenes kräuselte unmutig die Lippen. „Pater Leon bat mich, die Worte
+des Grafen hören zu dürfen.“</p>
+
+<p>Graf de Mora flehte kühn: „Mein Wort ist nur für die königlichen
+Hoheiten bestimmt.“</p>
+
+<p>Da entschied der König kurz: „Erwartet mich im Saal der Ajimezes.
+Ximenes bleibe, der Vikar entferne sich.“</p>
+
+<p>Graf de Mora trat in den Nebensaal. Pater Leon ging verstimmt in den
+Löwenhof, wo er wie ein lauernder Marder um die Säulen schlich. Alles
+wich dem Gefürchteten aus, Granden und Kleriker hatten Ursache, mit ihm
+nicht allzu bekannt zu werden.</p>
+
+<p>Der König ließ sich noch von Gonsalvo Bericht über die verfügbaren
+Streitkräfte erstatten. Als er dann von den Sekretären hörte, daß für
+heute nur mehr der Besuch des Hospitals und zweier Klöster geplant war,
+verabschiedete er die beiden Granden.</p>
+
+<p>Ximenes lehnte beim Fenster und starrte in das Grün der Zypressen. Der
+König rief ihn nun heran. „Ihr kennt den Grafen de Mora?“</p>
+
+<p>Der Kanzler nickte. „Sein Vater ist nicht ganz ohne Makel ins Grab
+gestiegen. Aber man hat damals — es sind schon an die fünfzehn Jahre
+her — noch Gnade mit manchen Zweiflern geübt. Wir schreiben eine andre
+Zeit.“</p>
+
+<p>Die Königin geriet in Eifer. „Soll der Sohn die Sünden der Väter büßen?
+Wie soll der Sohn zur Tapferkeit rüsten, wenn er weiß, daß sie um
+seines Vaters Fehler willen nicht belohnt wird?“</p>
+
+<p>„Und dennoch macht man so die Väter vorsichtig,“ sagte Ximenes. „Auch
+liegt es im beschworenen Gesetz enthalten. Im übrigen muß man Don Pedro
+de Solar hören. Er hat sich Verdienste <span class="pagenum" id="Page_238">[S. 238]</span>erworben, er hat auch meinen
+Salzedo aus maurischen Händen befreit, er war ein eifriger Verfolger
+der Mauren, die Bewachung des Imams lag in seinen Händen. Ob sie immer
+gut war — hm — wer will es sagen? Auch der Abencerrage flüchtete
+unter seiner Bewachung. Aber noch scheint der Graf pflichttreu und
+gewissenhaft zu sein. Nur eins trübt sein gutes Bild. Pater Leon macht
+mich aufmerksam, daß der Graf nahe daran sei, sein Herz an eine Maurin
+zu verlieren —“</p>
+
+<p>Der König machte eine jähe Wendung. Er dachte an die herbstliche
+Abendstunde, da er diesen viel gelobten und nie verliebten Grafen mit
+Leonore de Uceda verloben wollte. Er hatte den Grafen seither nicht
+wiedergesehen.</p>
+
+<p>Isabella ereiferte sich. „Eine Maurin? Moriska? Und er will den Raub
+der losen Liebesfrüchte vor dem Altar heiligen?“</p>
+
+<p>„Man munkelt es.“</p>
+
+<p>„Er hätte seinen Wert für ein würdigeres Herz aufsparen sollen. Die
+Moriskas machen leicht ihr Herz zum Spielball. Man wird sich hüten
+müssen, ihn gnädig zu behandeln. Wer ist das Weib?“</p>
+
+<p>„Die natürliche Tochter Boabdils,“ meldete Ximenes eindrucksvoll.</p>
+
+<p>Fernando wurde von seinem Gewissen bedrängt. Er dachte des Mannes als
+eines, den er oft getäuscht. „Wie kommt die Tochter her?“</p>
+
+<p>„Geheimnisvoll genug. Ihre Mutter, die Gräfin Calabreña, flüchtete
+vor vielen Jahren an den Maurenhof und verliebte sich in Boabdil. Die
+Frucht ist dieses Mädchen. Sie wurde vom Vater in Spanien belassen
+und der Erziehung eines Ratgebers des Königs übergeben, eben jenem
+ehrwürdigen Imam Abu Atir. Sie ist erst seit vorigem Herbst in Granada.
+Sie wehrte sich bei der Bücherverbrennung um den Koran ihres Vaters,
+und es mußte ihr das Buch ausgeliefert werden, damit wir Salzedo dafür
+unversehrt erhielten. Es war ein erbärmlicher Handel, vom Grafen de
+Mora vorgeschlagen und nur durch die Not entschuldigt. <span class="pagenum" id="Page_239">[S. 239]</span>Damals schon
+wunderte man sich über die Verteidigung des Mädchens durch den Grafen.
+Das Kind ist unterdessen Christin geworden. Sie ist wirklich kaum mehr
+als ein Kind.“</p>
+
+<p>Die Königin wurde nachdenklich. „Warum bekomme ich die Moriska nie zu
+sehen?“</p>
+
+<p>„Sie lebt sehr zurückgezogen, fast noch auf maurische Art. Sie besucht
+nur mit unserer Erlaubnis täglich den Imam. Aber man wird von nun an
+vorsichtiger sein müssen. Die Befreiungsversuche der Mauren scheinen in
+der Alcazaba eine Stütze zu finden, und wenn mich nicht alles täuscht,
+hat diese schöne Moriska allen Grund, sich von einem gewissen Verdacht
+zu reinigen. Pater Leon ist der Beichtvater des Königskindes.“ Der
+Kanzler machte hinter halbgeschlossenen Lidern kleine Augen.</p>
+
+<p>„Sonderbar!“ sagte Isabella leise. „Aber hören wir den Grafen. Kommt!“</p>
+
+<p>Die Granden öffneten den Vorhang im Türbogen. Prachtvoll fiel das
+Licht aus dem Patio de Daraxa in den zierlichen Mirador, der den Saal
+abschloß.</p>
+
+<p>Graf de Mora stand bei einem der Fenster. Nun verneigte er sich tief,
+ließ sich aufs Knie und küßte die Hand der Königin. Der Vorhang schloß
+sich wieder.</p>
+
+<p>Die heißersehnte Stunde hatte geschlagen. Der Sonnenschein in den
+Blicken der Königin trieb den Grafen an, offen zu sprechen, wenn er
+auch in Fernandos undurchdringlichem Gesicht keine Ermutigung las. Auch
+das wächserne Antlitz des Primas war keine freundliche Einladung.</p>
+
+<p>„Ihr seid nicht in der Liste der Familiares?“ fragte der König.</p>
+
+<p>„Nein.“</p>
+
+<p>„Warum?“</p>
+
+<p>„Es ist ein Amt, das andre Männer fordert, die weniger Mann sind als
+ich.“</p>
+
+<p>Ximenes zog die weißen Brauen hoch. „Es stehen die ersten Namen auf den
+Listen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_240">[S. 240]</span></p>
+
+<p>„Doch auch die letzten von ganz Spanien, die man nur in verrufnen
+Ventawinkeln nennt.“</p>
+
+<p>„Ketzer sind eben in allen Schichten zu suchen. Sie aufzufinden,
+braucht man die Hilfe eines jeden.“</p>
+
+<p>„Zur Sache,“ warf der ungeduldige König ein. „Ihr wollt nicht nach
+Hispaniola?“</p>
+
+<p>„Meine Güter verlangen nach dem Herrn. Ich will meinen Herden, den
+Feldern und der Seidenzucht leben.“</p>
+
+<p>„So jung und schon soviel Sinn für Behaglichkeit?“ verwunderte sich die
+Königin. „Da werden die andalusischen Schönen trauern, wenn ein Mann
+wie Ihr sein Licht unter den Scheffel stellt. Ihr seid unbeweibt?“</p>
+
+<p>Dem Grafen klopfte das Herz. „Bis jetzt — ja.“</p>
+
+<p>Der König horchte auf. „Man sagt, Ihr geht gern am Weibe vorbei.“</p>
+
+<p>„Ich habe mich besonnen.“</p>
+
+<p>Isabella tat überrascht. „Die Wahl?“</p>
+
+<p>„Fiel auf ein tugendhaft Geschöpf, das, meine ich, wert ist, den Kranz
+der Ahnen als neue Blume zu zieren: Maria de Calabreña.“</p>
+
+<p>Die Königin zuckte zusammen. „Der Name ist in unserm Gedächtnis schwarz
+geschrieben. Die Calabreñas haben vor vielen Jahren eine Verschwörung
+gegen den Thron angezettelt, man verfolgte das Geschlecht —“</p>
+
+<p>„Und eine der Verfolgten war Ines, die Tochter des Sancho de Calabreña,
+der dennoch keinen Anteil an der Sache hatte. Sancho rettete sich nach
+Guadix, wo er starb. Die Tochter aber gewann das Herz des Maurenkönigs.
+Aus dieser Liebe entsproß ein schönes Mädchen, in allen Tugenden
+erzogen, wenn auch auf maurische Art, jetzt aber Christin —“</p>
+
+<p>„Bei Gott, das ist gewagt,“ unterbrach ihn erregt die Königin. „Sich
+wegzuwerfen an eine Moriska!“</p>
+
+<p>„Sie ist Christin so gut wie eine,“ verteidigte sie der Graf.</p>
+
+<p>„Vielleicht nur — Euch zuliebe!“ warf Ximenes wie von ungefähr ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_241">[S. 241]</span></p>
+
+<p>„In ihren Adern ist unreines Blut,“ sagte Fernando. „Und Ihr wallt
+Euer reines — oh, nicht zu denken! Ihr besudelt Euch. Denkt an die
+Kinder aus dieser Blutmischung. Der Weg zu jedem hohen Amt ist Euch
+verschlossen, auf Schritt und Tritt fühlen Eure Kinder die Schuld der
+Eltern.“</p>
+
+<p>„Sie ist eine Königstochter!“ sagte der Graf in wachsender Wärme.</p>
+
+<p>„Eines Königs, dessen Sinnen noch immer ist, uns zu bekriegen, das
+Verlorene zurückzugewinnen.“</p>
+
+<p>Und Ximenes unterbreitete gewichtig seine eigenen Gedanken: „Boabdil
+will, daß man in ihr das Andenken an den Vater ehre. Sie taugt dazu
+und scheint dabei ungefährlich. Doch ist es Zufall, daß sie mit dem
+Imam nach Granada kam? Soll dieser schlaue Alte nicht — Wegbereiter
+für den König sein? Unsere Kundschafter bringen Nachricht übers
+Meer, daß Boabdil sich rüstet, daß die Berber ihr Herz für ihre
+Maurenbrüder entdeckt haben. Ihr seht die plumpe Falle nicht? Könnte
+ein Christenritter nicht dazu dienen, zur rechten Zeit schwach zu sein
+und im Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe auf jene zu vergessen?“</p>
+
+<p>Graf de Mora stand betroffen. „Wahrhaftig — darauf — bei Gott und
+seinen guten Engeln — darauf war ich nicht vorbereitet.“</p>
+
+<p>Ximenes schob die blutleeren Lippen hin und her. „Ich sehe jetzt
+klar. Darum die Weigerung, Familiare zu werden. Die Moriska könnte
+— so fürchtet Ihr — im neuen Glauben straucheln, und Ihr müßtet
+pflichtgemäß ihr Kläger werden.“</p>
+
+<p>„Bei Santiago!“ rief der Graf bestürzt aus. „Auch das? — Ihr
+wißt Gründe aufzudecken, die erschauern machen.“ Und er wandte
+sich an die Königin. „Erhabne Frau, käme ich in diesen Fall, ich
+wäre bejammernswert, allein ich bürge für den guten Willen meines
+zukünftigen Weibes im Punkt des Glaubens.“</p>
+
+<p>„Ihr nehmt da viel auf Euch,“ warnte die Königin.</p>
+
+<p>„Ich bitte um gnädiges Gehör,“ bat der Graf bewegt. „Darf <span class="pagenum" id="Page_242">[S. 242]</span>ich der
+ersten Frau Spaniens mein Herz zu Füßen legen? Der Frau Isabella? Der
+Sterbliche naht sonst Eurer Hoheit mit abgemessener, eingeengter Seele.
+Oh, laßt mich freier sein, wie es dem freien Gegenstand ziemt.“</p>
+
+<p>Ximenes blinzelte mit heimlichem Argwohn nach dem Ritter, und der König
+schien ungehalten. Doch Isabella fragte freundlich: „Was wollt Ihr
+also?“</p>
+
+<p>„Ein wahres Christentum!“ rief der Graf warmherzig aus. „Und
+Menschlichkeit gegenüber den Mauren!“</p>
+
+<p>Die Herrscher horchten auf. Ximenes saß fühllos. „Haben wir die je
+verleugnet?“ fragte die Königin.</p>
+
+<p>„Alles zittert vor der Unbarmherzigkeit der Kirche — Christen und
+Moriskos.“</p>
+
+<p>„Der Kirche?“ Der Primas erhob sich aus seiner Regungslosigkeit. „Es
+ist sonst nicht die Art andalusischer Ritter, das strenge Maß der
+Etikette zu überschreiten.“</p>
+
+<p>„Wer zwingt uns zu dem Äußersten?“ erglühte Mora. „Aus unserer
+Seelenangst heraus werden wir zu ungestümen Forderern. Schon schreit
+Toledo auf, wo man zwanzig Rittern die Daumenschrauben angelegt, in
+Madrid sind die Kerker mit edlen Namen überfüllt, Valladolid, Burgos,
+Alcala und Segovia bäumen sich unter dem Druck auf, und nicht der
+Glaube macht sie beben, nur die Verteidigung des Glaubens selbst. Was
+will man mit den eingezognen Gütern? Ungläubige dadurch gläubig machen?
+In ihre Seelen sieht nur Gott. Und sei es um die alten Christen — doch
+die neuen? Oh, seht zu, was Ihr beginnt!“</p>
+
+<p>Ximenes ließ einen leisen Spott um seine Mundwinkel spielen. „Ich sah
+es kommen, bei Santiago, darauf war ich gefaßt. Das Weib beginnt Euch
+zu bedrängen.“</p>
+
+<p>Der Graf geriet in Brand. „Soll eines Weibes edler Einfluß einen Mann
+verderben können? Rühmt man den spanischen Damen nicht nach, daß sie
+nach Maurenart sich ihre Ritter erzogen haben zur Galanterie und edler
+Denkungsweise? Bin ich unmännlich, weil ich von einem Weib Mitleid
+fühlen lernte? <span class="pagenum" id="Page_243">[S. 243]</span>Vor Santa Fé hielt ich’s wohl anders. Fünfmal warf ich,
+heftig blutend, den Feind vom Wall; und ungezählt sind die Ehrenlanzen,
+die ich mit maurischen Rittern brach, ich war kein Maurenfreund, ich
+war besessen von Härte, ein jeder Atemzug in mir war blinder Haß, ein
+jeder Blick Verachtung der Agarenos. Bis ich sie kennenlernte, ihr
+kindlich freies Tun, ihr spielendes Gehaben, ihren heiligen Glauben
+an den Propheten, ihren Fleiß, die Zähigkeit, das gebeugte, willige
+Untertanenherz, ihr Wissen, ihre Kunst. Unselig, daß ich schwärmen muß!
+Ich hörte den Imam reden, als geschlagnen, in seinem Glauben zertretnen
+Menschen, und hörte kein Wort der Verdammung. Als Granada im Aufruhr
+lag, hat sein Wort die Feuer gedämpft. Der Kerker ist Spaniens Dank
+dafür.“</p>
+
+<p>Der König war erblaßt und sah die Königin mit großen Augen an. „Das
+heiße ich kühn, meint Ihr nicht, Isabella?“</p>
+
+<p>Diese sah noch immer freundlich. „Die Liebe hat Euch ein großes Herz
+gegeben, Graf de Mora. Es greift schon über die Grenzen Spaniens hinaus
+und — über unsern Glauben.“</p>
+
+<p>„Wie ehre ich den katholischen Glauben!“ rief der Graf flammend. „Und
+lasset Christus mit der angebornen Sanftheit walten, und Ihr werft
+mehr Mauren glutbrünstig auf die Knie als mit der fürchterlichen
+Inquisition.“</p>
+
+<p>Da warf Ximenes das kühle Wasser seiner Seele in die Glut des Ritters.
+„Wer Christus nur als sanften Hirten kennt, kennt ihn nur halb. Er
+reinigte mit der Geißel Tempel.“</p>
+
+<p>„Zur Sache, Graf,“ mahnte Fernando. „Was wollt Ihr?“</p>
+
+<p>„Spanien glücklich wissen, bewohnt von Menschen, die ihren Gott nach
+ihrer Art im Busen tragen dürfen.“</p>
+
+<p>„Verschiednen Glaubens?“ Die Königin schnellte ihren Oberleib vor,
+während der König den lächelnden Erzbischof stumm ansah.</p>
+
+<p>„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien
+zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die
+Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder
+schafft. Wir aber haben mehr <span class="pagenum" id="Page_244">[S. 244]</span>als Italien: erobernd streckt Spanien
+seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt
+Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist.
+Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung
+fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert
+und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes
+lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler,
+die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen
+auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren
+Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den
+schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu
+entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf.
+Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders
+klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen,
+und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird
+sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin.
+„Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen
+Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt <em class="gesperrt">mir</em>! Und nicht
+der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr
+flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es
+nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne
+auf.“</p>
+
+<p>Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas
+ein Zeichen, für die Könige zu sprechen.</p>
+
+<p>Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher
+Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt
+bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es,
+dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu
+bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst
+im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt
+gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr
+wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines <span class="pagenum" id="Page_245">[S. 245]</span>großen
+Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den
+Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“</p>
+
+<p>„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr
+Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die
+Gnade haben!“</p>
+
+<p>„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch
+sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt
+Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte
+meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“</p>
+
+<p>„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese
+Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr,
+die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“</p>
+
+<p>Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an
+unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“</p>
+
+<p>„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird
+diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses
+trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern
+Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses
+auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren
+durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt
+glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß
+Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur
+Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der
+Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein
+Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam
+nützen, um damit zu schaden?“</p>
+
+<p>„Man wird <em class="gesperrt">die</em> Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden
+kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der
+Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in <span class="pagenum" id="Page_246">[S. 246]</span>Spanien
+etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre
+Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht
+die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“</p>
+
+<p>„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können?
+Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“</p>
+
+<p>„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung
+ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein
+schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter
+Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte
+machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein.
+Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk
+zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König
+wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des
+warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt
+Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“</p>
+
+<p>„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft
+verunstalten darf.“</p>
+
+<p>„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr,
+scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen.</p>
+
+<p>„Ich — versteh — Euch nicht.“</p>
+
+<p>Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den
+Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen.
+Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“
+sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal
+so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden
+mußten —“</p>
+
+<p>„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten
+sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter
+auf. „Ich weiß — seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor
+Menschen schuldig zu werden. Doch <span class="pagenum" id="Page_247">[S. 247]</span>sein Angedenken ist geheiligt in
+meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner
+gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester
+lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl
+ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen,
+die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn
+schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger
+waren? Wer sagen, daß er geirrt?“</p>
+
+<p>„Er hat geirrt!“</p>
+
+<p>„Hat er den Irrtum bekannt?“</p>
+
+<p>„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur
+von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder
+Gnade gibt.“</p>
+
+<p>Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh,
+dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch
+wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser
+Gottes.“</p>
+
+<p>Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag
+der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr
+seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die
+Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich
+die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach
+Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“</p>
+
+<p>Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich
+ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung.
+„Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der
+erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“</p>
+
+<p>Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß — wir haben unsre
+Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“</p>
+
+<p>„Und dennoch — schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich
+in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das
+Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz <span class="pagenum" id="Page_248">[S. 248]</span>des Volkes Wünsche.
+Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht
+Euer großmütiges Herz überwuchern —“</p>
+
+<p>„Mein König — diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht
+wich das Blut.</p>
+
+<p>Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der
+Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem
+großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig
+weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken
+baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen —
+wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“</p>
+
+<p>Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen
+über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der
+Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das
+Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden
+Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah
+er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber,
+doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte
+er mit gierig gestrecktem Hals.</p>
+
+<p>„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging
+durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner
+Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken
+glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah
+ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein
+Wild in den Bogen.</p>
+
+<p>Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch
+ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd.</p>
+
+<p>„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst.</p>
+
+<p>„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der
+Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige
+alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. <span class="pagenum" id="Page_249">[S. 249]</span>Welch ein Stürmer!
+Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere
+solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber
+ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der
+Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen
+Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die
+Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube,
+eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder
+Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf
+Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an
+Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden
+es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott
+verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es
+nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer
+Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der
+Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben.
+O diese Sprache, die er redete!“</p>
+
+<p>„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin.
+„Graf Tendilla, Talavera —“</p>
+
+<p>„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist
+gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann
+leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich
+einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen
+unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen
+Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die
+Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder
+scharf übe.“</p>
+
+<p>„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König
+unentschlossen.</p>
+
+<p>Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die
+Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie
+beschworen.“</p>
+
+<p>Die Königin erschrak. „Ihr wollt —?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_250">[S. 250]</span></p>
+
+<p>„Seine verliebte Seele zittert in Unruhe, bald wird auch sein Gedanke
+über Gott und Glauben wankend werden. Liebe ist nachsichtig und
+verurteilt nicht leicht, und die Moriska ist sicherlich befangen
+im alten Glauben. Auch der Graf kann da in gewissen Dingen leicht
+entgleisen, weil er liebt. Gelingt es, ihn in einem solchen Augenblick
+zu packen, dann hat die Inquisition freie Hand.“</p>
+
+<p>Der König strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ximenes — das ist
+nicht weise Vorsicht — das ist ein Spiel mit einem — Menschenleben.“</p>
+
+<p>„Es ist die Eingebung einer höhern Macht, die da noch hilft, wo Könige
+verzagen,“ sagte Ximenes gelassen.</p>
+
+<p>Die Königin zitterte in Mitleid. „Ich fürchte, wir verarmen an Talenten
+und an Herzen, wenn wir so edle Regungen unterdrücken.“</p>
+
+<p>„Das überlasse Eure Hoheit der Kirche. Zudem — der Hof braucht Geld —
+der Graf ist reich — Ihr versteht.“</p>
+
+<p>Die Könige erbleichten. Aber sie schwiegen vor der entsetzlichen Kraft
+dieser Rechtsbegründung aus Priestermund. Endlich fand Isabella das
+erlösende Wort. „Nur weil ich der Kirche Hoheit erkenne, sag’ ich ja.
+Aber wie wollt Ihr in die geheimsten Kammern des Herzens dringen?“</p>
+
+<p>Der Erzbischof lächelte überlegen. „Darüber mag sich der Dominikaner
+den Kopf zerbrechen. Gelingt es ihm, die Könige vor Gefahr zu bewahren,
+dann schreibt seinen Namen auf die Tafel der Verdienste. Der Graf
+darf nicht länger so denken, sonst mästet Ihr Euch einen zweiten
+Cid heran, der seinem König wieder gefährlich werden kann. Alle
+Ricoshombres, die unzufriednen andalusischen Granden, werden ihm folgen
+und Kastilien und Aragonien bedrohen, ja, er könnte, ein zweiter Graf
+Julian, die Mauren aus der Berberei zu Hilfe rufen und die schwer
+erkämpfte Einheit Spaniens furchtbar zertrümmern. Schon mehren sich
+die Zeichen, daß der Adel nicht übel Lust hat, den starken Händen der
+Regenten zu entgleiten. Der kastilische Hidalgo haßt mich, und der
+Herd des Hasses ist nicht nur in Toledo <span class="pagenum" id="Page_251">[S. 251]</span>zu suchen. Auch hier braut
+man die Unzufriedenheit zusammen, am Pestherd des Prophetenglaubens.
+Bald werden auch die alten Christen schwankend, wenn sie den Adel mit
+solchen Köpfen an der Spitze in offener Empörung gegen die heiligen
+Gesetze sehen. Habt ein Augenmerk auf den Herzog von Osuna, auf den
+Grafen von Orgaz, auf Priego de Cordoba, ja selbst auf Medina-Sidonia.“</p>
+
+<p>Die Könige sahen einander erblassend an. „Mit welchen Bildern schreckt
+Ihr unsern Geist?“ bebte Isabella.</p>
+
+<p>Fernando stampfte mit dem Fuß. „So weit können sie es treiben wollen?“</p>
+
+<p>„Ist es erst so weit, hat es dieser Graf bewiesen, daß er’s kann. Wir
+müssen schneller sein. Eure Ungnade wird ihn vorsichtig machen. Gebt
+mir freie Hand.“</p>
+
+<p>„Macht ihn unschädlich,“ rief die Königin bedrängt aus. „Aber — schont
+ihn, im Grunde ist es nur ein irregeführter Mensch, ein Unglücklicher,
+den Gesetzen der menschlichen Natur unterworfen.“</p>
+
+<p>„Ob Härte oder Schonung — überlaßt das dem barmherzigen Sinn der
+Inquisition, die für die Reinigung der ketzerischen Seele sorgt. Sie
+wird den durch die Sünde Abgefallenen wieder mit der Kirche versöhnen.“
+Er verneigte sich und empfing den Handkuß der Könige.</p>
+
+<p>In der prallen Sonne des Löwenhofes blickte er suchend um sich. Der
+Dominikaner glitt aus dem Schatten eines von Säulen getragnen Pavillons
+und schlich demütig gebückt zu ihm hin. Der erste Faden für das Netz,
+das den Unseligen umgarnen sollte, wurde in die Seele Leons gesponnen.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel">
+ Siebenundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">G</span>ranada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und
+stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das
+Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die <span class="pagenum" id="Page_252">[S. 252]</span>Taufe war nicht
+unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man
+Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von
+Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff
+man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen
+Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke
+nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die
+das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten,
+andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die
+sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer
+Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre
+Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen
+des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt
+hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen
+Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das
+Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla
+abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito
+am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von
+Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen
+davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser,
+einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das
+Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde
+gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte.
+Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit
+hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften
+entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom
+Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt
+mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken.
+So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche
+‚versöhnt‘.</p>
+
+<p>Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte,
+litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die <span class="pagenum" id="Page_253">[S. 253]</span>Empörung gegen die
+furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern
+stempelte.</p>
+
+<p>Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie
+einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und
+woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die
+cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser
+und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der
+Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller
+Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit
+welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt
+wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge
+vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen
+und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich
+verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück.
+Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die
+Christen verschonte das Gericht nicht.&#8239;—</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war
+wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse
+Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in
+derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen.
+Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran
+weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“</p>
+
+<p>„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor.</p>
+
+<p>„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“</p>
+
+<p>„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer.</p>
+
+<p>„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“</p>
+
+<p>„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla
+unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest
+auszuräuchern.“</p>
+
+<p>„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir
+nie.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_254">[S. 254]</span></p>
+
+<p>Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach
+dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten,
+der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des
+Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe
+des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in
+höchster Andacht zum Himmel.</p>
+
+<p>Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen
+benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner.
+„Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“</p>
+
+<p>Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet,
+verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle
+Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe
+willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich
+hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des
+Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest
+verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn
+für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners
+Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses.
+Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche — haben sie kein
+Herz im Leibe?“</p>
+
+<p>Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen
+nicht.“</p>
+
+<p>„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf
+einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß
+ist, wird alles richten. Insch’allah!“</p>
+
+<p>Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada
+verlassen. Und du gehst morgen fort — wir werden ganz ohne Beschützer
+sein.“</p>
+
+<p>„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht — ich bin bald zurück.“</p>
+
+<p>Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare
+Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den <span class="pagenum" id="Page_255">[S. 255]</span>Hirnen dieser
+Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben
+straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr
+Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal
+des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das
+größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm
+her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib.
+„Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der
+Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund
+geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch
+ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in
+ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um
+der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber
+und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße
+Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann
+dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott
+ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen
+Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen
+Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den
+Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar.
+Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden
+die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut
+fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien
+ein Flammenbusch zu sein.</p>
+
+<p>Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde
+haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir
+da. Lebt wohl — ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses
+letzte getan, soll vieles anders werden.“</p>
+
+<p>Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich
+will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden
+Wangen zu Boden.</p>
+
+<p>Unendliches Glück erhellte das Auge des Grafen. Mit zärtlicher
+<span class="pagenum" id="Page_256">[S. 256]</span>Liebkosung begleitete sie den Geliebten die Treppe hinab. Dann
+kehrte sie zu Abu Atir zurück. „Rüste dich, Väterchen, zum letzten
+Schritt,“ flüsterte sie ihm hastig zu. „Ich habe alles vorbereitet.“
+Ihr Auge bekam einen schillernden Glanz. „Wenn morgen die Truppen nach
+Guejar ziehen, ist die Stadt von Soldaten entblößt. Die Wali Beni
+Mossad werden mit fünf Pferden in der morgigen Nacht beim Mühlentor
+halten. Die Wache bei deinem Zimmer wird durch drei andalusische
+Maultiertreiber überwältigt, die sich noch bei Tag in die Alhambra
+einschleichen. Spanischer Mantel und andalusische Mütze sind für dich
+bereit, man wird dich für einen Gelehrten halten. In Begleitung der
+drei Arrieros gelangst du bis zum Mühlentor, wo die Pferde warten. Von
+dort reitet ihr über Padul nach Salobreña ans Meer. Ein Schiff trägt
+dich nach Maghreb zu meinem Vater.“</p>
+
+<p>Der Greis hatte starr-staunend gehorcht. „O Gott — wenn ein Schatten
+des Argwohns auf dich —“</p>
+
+<p>„Ich weiß von nichts und schlafe ruhig in der Alcazaba.“</p>
+
+<p>„Und du kommst nach? Nach Salobreña?“</p>
+
+<p>„Nein. Mein Geschick ist mit dem meines Feta verknüpft. Ich will ihn
+beschwören, mit mir nach den Kanarischen Inseln zu fliehen, oder es
+blüht in Frankreich für uns eine neue Heimat. Nur fort von hier! Der
+Boden brennt mir unter den Füßen. Nimmer will ich des Grafen Herz
+täuschen, unsere gemeinsame Kette bricht nur der Tod.“</p>
+
+<p>„Oh, Engel mit dem Schwert des Geistes und der Liebe! So weih’ ich
+dich für dein Liebeswerk, das du mir und jenem tust. Mögen dich Gottes
+Seraphim behüten. Hör’ mich an: Geheimnisvoll naht sich morgen gerade
+die Nacht Kadir, in der der ungeschaffene Koran aus dem siebenten
+Himmel in den Himmel des Mondes gebracht wurde, um vom Engel Gabriel
+behütet zu werden. Diese Nacht ist immer von großen Geschehnissen
+erfüllt, darum glaube ich an ein gutes Gelingen. Ich will dir ein
+Geheimnis anvertrauen, das mir dein Vater nur in höchster Not
+preiszugeben befahl. Die Not ist da und du bist sein Kind. Im Turm
+der sieben Stockwerke in der Alhambra unter dem Getäfel <span class="pagenum" id="Page_257">[S. 257]</span>einer Nische
+im obersten Zimmer, wo der Türmer haust, hatte Boabdil eine Kerze
+verwahrt, die so hergerichtet ist, daß deren Wachs, am untern Ende
+angezündet und auf das Pergament getropft, das sich in meinen Händen
+befindet, eine Schrift auftauchen läßt, welche besagt, wo der letzte
+granadinische Schatz des Königs in Granada verborgen ist. Von diesem
+darf ich für dich nehmen, soviel ich will. Hier hast du das Pergament.“
+Er schnitt in einer verborgenen Rockfalte eine Naht auf und zog ein
+zusammengefaltetes Pergament heraus.</p>
+
+<p>Mit höchstem Staunen griff Reija nach dem Blatt. „Ich will’s benützen,
+wenn die Not am höchsten.“ Sie steckte es zu sich. „Tausend Dank,
+Väterchen!“</p>
+
+<p>„Gib alles, was du an Geld hast, dem Wali Sareb in Verwahrung. Er
+ist ein treuer Prophetenknecht. Für mich genügt das nackte Leben. In
+Salobreña warten Gelder auf mich. Du mußt gehen?“</p>
+
+<p>„Die Arrieros sind für die dritte Stunde heute bestellt. Sie bekommen
+Ausrüstung und Waffen. Dein getreuer Malik Ben Hossaim hilft mir bei
+allem. Er ist schlau, verwegen und vorsichtig. Leb’ wohl, Väterchen!“
+Sie warf sich die schwarze Mantilla um, zog den Schleier vor und
+huschte aus dem Turm. Unten wartete Saffana.</p>
+
+<p>Der Frühling begann seine Wunder leise zu entfalten. Mild fächelte die
+Luft, rosenrote Mandelblüten dufteten von den Hängen, die Blütenstände
+der Aloestauden prangten wie Tempelleuchter, der Maulbeerbaum und die
+Granate gingen auf, auf den Hügeln schimmerte der Wein dem großen
+Blühen entgegen. In der Calle de Gomeres warteten die Maultiere.
+Durch die engen Gassen der Antequeruela drückten sich verängstigte
+Moriskengestalten an ihr vorbei, alle Gesichter erregt und bleich unter
+dem Eindruck des Autillos. Der übliche Gassenlärm war verstummt. Züge
+von Mönchen und Nonnen, alle unheimlich verhüllt wie Boten des Todes,
+schlängelten sich zur Alhambra hinauf, lebendige dunkle Girlanden im
+frühlingsjungen Grün des Berges. Von Zeit zu Zeit tönte durch die
+Gassen ein weher <span class="pagenum" id="Page_258">[S. 258]</span>Ruf, man wußte nicht woher, irgendeine Brust stöhnte
+wohl ihr Leid in die glühende Sonne. Reija ritt gesenkten Hauptes, von
+den Wogen ihrer Gedanken bedrängt, durch die geängstigte Stadt, die
+in wenigen Stunden ihre andalusisch-maurische Fröhlichkeit eingebüßt
+hatte, gebrochen durch die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts.</p>
+
+<p>„Höre, Saffana! Du läufst heute abend in der Alcazaba herum, soviel du
+willst. Nur in meinem Zimmer laß dich nicht sehen. Rüste mir das Bad
+und fülle alle Räuchervasen.“</p>
+
+<p>„Werda, Werda, du willst dich schmücken, als ginge es zum Liebesfest.“</p>
+
+<p>„Rosen vergiß mir nicht und flatternde Seidenbänder. Morgen zieht
+mein Bräutigam in den Kampf. Aber die Monfis sind aus Helden
+zusammengesetzt, sie werden aus den Christenleibern den Staub der
+Verwesung machen.“ Ihr Auge, schwarz wie ein Nachthimmel, glühte für
+den Ruhm der alten Glaubensbrüder. „Was hältst du von den Christen und
+ihrer Kirche?“</p>
+
+<p>Saffana schüttelte den Kopf. „Ich kann’s nicht begreifen, was diese
+Fakis tun. Sie zwingen uns, ihre goldenen Bilder anzubeten, sie rufen
+uns mit Glocken zum Gebet, ihre Predigten hallen von Verboten und
+Sünden. Und was soll der Wein in ihrem Kelche? Die Fakis deuten es mit
+Blut. Ich kann’s nicht glauben. Aber es gibt so schöne Ritter unter
+den Spaniern —“ ihr Auge belebte sich rasch — „man möchte so gern in
+ihren Armen liegen und ihren Götzendienst vergessen.“</p>
+
+<p>Reija hörte nicht mehr auf ihr leichtes Geschwätz. Ihre Gedanken
+verfingen sich im Netz der eigenen Liebe. Und in ihrem Geiste loderte
+der ersehnte Abend in Flammen des Prophetenparadieses.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Achtundzwanzigstes_Kapitel">
+ Achtundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">P</span>ater Leon trat mit gesättigtem Herzen in die kühle Dämmerung der
+Mosala. Das Autillo war ein offenkundiger Sieg, eine Machtentfaltung
+des Nazarenerglaubens. Der Vikar fertigte die <span class="pagenum" id="Page_259">[S. 259]</span>ihn begleitenden Mönche
+ab und ordnete dann sogleich die Inquisitionsakten in den Schrank
+ein. Dann öffnete er ein Aktenbündel und holte ein schneeweißes,
+leeres Papier heraus. Ohne mit der Wimper zu zucken, ergriff er das
+Schreibrohr und setzte ein paar Worte hin, die den leeren Bogen mit
+einem schrecklichen Inhalt zu füllen begannen:</p>
+
+<p>„Anklage gegen den königlichen Hauptmann Don Pedro de Solar Grafen de
+Mora, der beschuldigt wird —“</p>
+
+<p>Hier endigte der Gedankengang des Inquisitors. Die Schuld zu ersinnen
+und zu formulieren, blieb ihm die Nacht. Die gräßlichen Gedanken
+entflatterten ihm und er ließ erquickendere in sein Hirn. Vor seinem
+brennenden Auge wiegte Maria de Calabreña ihren schönen Leib. Wie
+weit stand sie mit — oh, ihm schauderte. War dieser Leib schon ein
+fruchttragender Acker geworden?</p>
+
+<p>Draußen tappten Schritte. Der Dominikaner öffnete. „Ah, endlich! Ich
+habe Euch längst erwartet, Don Silvio.“</p>
+
+<p>Der Mönch führte einen etwas verwachsenen Mann herein, der schon in
+seinem Äußern zu jenen Menschen zu gehören schien, die zuerst essen,
+bevor sie beten. Ein olivenfarbiges, verschrammtes Spitzbubengesicht,
+dessen graue Augen hinter den Lidspalten versteckt lagen, struppiges,
+aschgraues Haar, die Nase klumpig, die Lippen wulstig und bläulich, die
+Haltung vernachlässigt, alle Gebärden vorsichtig, als müßte der Mann
+unausgesetzt vor irgendeiner Entdeckung auf der Hut sein — fürwahr, es
+stand kein Engelsgebilde vor dem Dominikaner.</p>
+
+<p>„Du kommst von Cordoba?“ fragte dieser.</p>
+
+<p>Don Silvio bejahte mit einer rostig klingenden Stimme. „Der hochwürdige
+Pater Lucero, Inquisitor von Cordoba, schickt mich.“</p>
+
+<p>„Ich bat ihn um eine geschickte Hand, die in gewissen Dingen nicht in
+Verlegenheit kommt.“</p>
+
+<p>Der Scherge lächelte eitel. „Auch Jonas verbarg sich vor dem Herrn und
+dieser fand ihn doch.“</p>
+
+<p>„Du greifst hoch in die Wolken.“</p>
+
+<p>Don Silvio sah sich vorsichtig um. Die Nähe des Altars und <span class="pagenum" id="Page_260">[S. 260]</span>der
+Meßgeräte verwirrte ihn ein wenig. „Darf ich zuerst beten?“ heuchelte
+er schamlos.</p>
+
+<p>„Tu was du mußt.“</p>
+
+<p>Der Mann kniete schwerfällig beim Altar nieder und schien mit Andacht
+zu beten. Dann erhob er sich und trat mit dem gleichgültigsten Gesicht
+an den Tisch. „Was also soll getan werden?“</p>
+
+<p>„Wo wohnst du jetzt hier?“ erkundigte sich der Vikar.</p>
+
+<p>„In einer Venta am Elvirator gleich in der Nähe des
+Inquisitionspalastes. Es weiß kein Mensch, woher ich komme, und in
+Cordoba lebe ich versteckt wie eine Kröte bei Tag.“</p>
+
+<p>„Hast du das Dekret des Familiare der Inquisition?“</p>
+
+<p>Don Silvio zog den zerknitterten Schein heraus. Der Vikar prüfte ihn.
+Das Dokument sagte das Ungeheuerliche aus, daß dieser verkommene
+Schlaufuchs in der Bruderschaft der Familiares aufgenommen worden sei
+und daß er geschworen habe, sein Leben dem heiligen Offizium zu weihen
+und dafür alle Ablässe der Cruce signati empfangen habe und im Besitz
+des heiligen Kreuzes sei. Einen solchen Bruder brauchte der Inquisitor.
+Jede spanische Stadt wimmelte von dergleichen Gesellen, die von der
+Gnade des Tribunals lebten und ihre eigene Zunft hatten. „Weißt du
+deine Aussagen geschickt zu setzen?“ fragte Leon.</p>
+
+<p>„So daß sie den Schein der Wahrheit haben. Ich streue etwas Angst ein,
+taste mit den Worten unsicher herum, suche um Himmels willen einen
+Ausweg, der mir nicht gelingt, um Jesu Barmherzigkeit willen muß ich
+einfach sagen, was ich gehört, gesehen, ob ich will oder nicht. Und
+zitternd schreibe ich meinen Namen unter die Zeugenschrift. Ehrwürdiger
+Pater, ich habe an die hundert Christen vor das Tribunal gezerrt, und
+wenn die Summe sich rundet, kaufe ich mir ein Häuschen in Andalusien,
+da wo es am schönsten ist.“</p>
+
+<p>„Hast du — Schriftliches bei dir von Lucero?“</p>
+
+<p>„Nur meinen Mund. Der plappert wie eine Litanei oder schweigt wie ein
+Sarg. Je nach Bedarf. Der sehr ehrwürdige <span class="pagenum" id="Page_261">[S. 261]</span>Pater Lucero wird sich
+hüten, mir etwas Schriftliches zu geben. Unsereins kommt in der Venta
+leicht in Händel und da ist jede Schrift in Gefahr, wenn die Messer
+fliegen. Zur Sache denn, um welchen Fall handelt es sich? Oder ist
+einer ganz neu aufzubauen? Da müßte man vorsichtig sein.“</p>
+
+<p>„Die Sache liegt eigentlich so offen, daß man nur eines kleinen
+Beweises bedarf, um die Anklage zu erheben. Ist es geschehen, hast du
+der Kirche, Spanien, der Königin, dem König, und dem Erzbischof Ximenes
+einen großen Dienst erwiesen.“</p>
+
+<p>Der Handlanger des Bösen machte gewichtige Augen. „Bei Santiago! Ein
+ehrenvolles Amt, das manchem Bettler in der Seele kitzeln müßte. Fast
+möchte ich mir den Zehnten von ganz Spanien dafür ausbedingen.“</p>
+
+<p>„Dein Häuschen in Andalusien dürfte dir sicher sein. Die einzuziehenden
+Güter der betreffenden Person sind umfangreich, ein Fünftel davon
+fällt dem königlichen Schatz zu, der Rest der Kirche und dem Staat.
+Von diesem Teil würde ich dir den Zehnten beim Supremo der Inquisition
+auswirken.“</p>
+
+<p>„Bietet Ihr mir Sicherheit?“</p>
+
+<p>„Du sollst Dezas Unterschrift haben.“</p>
+
+<p>„Darauf kann ich bei allen Juden Europas Schulden machen. Und wie heißt
+der große Name, der so viele Gebäude in ihren Festen erschüttert?“</p>
+
+<p>„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“</p>
+
+<p>„Der zählt!“ Don Silvio spitzte die Lippen zu einem Pfiff. „Was hat er
+getan? Oder besser, was für Verbrechen will man von ihm?“</p>
+
+<p>„Er hält mehr als notwendig den Mauren die Stange.“</p>
+
+<p>„Dann also muß man ihn maurisch fassen. Man will ihn, verstehe ich
+recht, verdächtigen, daß er Spanien oder die Kirche — was ja fast
+dasselbe ist — verunglimpft.“</p>
+
+<p>„Schärfe dein Hirn,“ drängte Leon ungeduldig.</p>
+
+<p>Der Vertraute biß die Zähne zusammen. Und mit seinen grauen Äuglein
+schaute er tief nach innen, als wollte er die Rüstkammer seiner
+Schurkerei durchstöbern. Sein spärliches Haar <span class="pagenum" id="Page_262">[S. 262]</span>stand im Wirbel
+aufrecht, wie von Galgenluft zerzaust. „Laßt sehen! — Geheime
+Versammlungen? Verbraucht! Man will doch sonst niemand von den Granden
+unschädlich machen?“</p>
+
+<p>„Das wäre noch zu überlegen.“</p>
+
+<p>„Eine gewöhnliche Lässigkeit nachzuweisen, wäre ein Kinderspiel, aber
+das paßt nicht für den großen Namen. Der Graf ist wohl, was man so
+sagt, gläubig?“</p>
+
+<p>„Er denkt tolerant.“</p>
+
+<p>„Hallo! Da sitzt ein Loch, durch das er durchfliegen kann, oder der
+Topf hat einen neuen Henkel gefunden. Wenn man ihm die Liebe zum Koran
+ins Blut schießen lassen würde? Könnte man ihn nicht in eine Maurin
+verliebt machen?“</p>
+
+<p>Die Mönchsaugen leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln „Das hat er
+schon in aller Wahrhaftigkeit selbst besorgt.“ Und er speiste ihn mit
+Einzelheiten ab.</p>
+
+<p>„Da brauchen wir für den Stier erst kein rotes Tuch. Maurin, Koran,
+die Heftigkeit des Ritters, die Toleranz — laßt mich sinnen — ein
+gefälschter Brief — ein zu gefährliches Mittel — aber der Graf
+besitzt sicher einen Diener — und der könnte mir es anvertraut haben
+— ich meine, daß dieses und jenes Wort gefallen —“</p>
+
+<p>„Du ziehst einen armen Teufel mit ins Unheil,“ erschrak der Dominikaner.</p>
+
+<p>„Wie lautet das Sprüchlein des ehrwürdigen Torquemada? Es ist
+besser, daß tausend Unschuldige sterben, als daß ein einziger Ketzer
+davonkommt. Man sagt, die Kirche vergißt solche erprobte Sprüchlein
+nicht gern.“</p>
+
+<p>„Deine Sünden werden Teufel erzittern machen,“ erschauerte Leon. „Geh,
+geh — ich will ohne dich auszukommen suchen.“</p>
+
+<p>„Das hättet Ihr früher bedenken müssen. Ich weiß schon allzu viel.“
+Seine buschigen Augenbrauen zogen sich hoch, während er seinen
+struppigen Bart strich.</p>
+
+<p>„Es ist nie zu spät, Gedanken zu bereuen.“</p>
+
+<p>„Ob man dieser Reue Glauben schenken wird? Vergeßt nicht, <span class="pagenum" id="Page_263">[S. 263]</span>ehrwürdiger
+Pater, ich habe gut ein Drittel der cordobanischen Prozesse auf meinem
+Gewissen.“</p>
+
+<p>„Um so sicherer bist du in unserer Gewalt.“</p>
+
+<p>„Oder Ihr in der meinen. Wenn ich plaudere —“</p>
+
+<p>„Glaubt man dir nicht oder macht dich rechtzeitig mundtot. Die Aussagen
+der Inquisitoren dürfen nicht angezweifelt werden, sie werden sich um
+ihre Haut zu wehren wissen.“</p>
+
+<p>Mißvergnügt drehte sich der Schurke nach der Tür.</p>
+
+<p>Leon rief ihn zurück. „Du sollst nicht unversöhnt von dannen gehen.
+Es bleibt dabei. Mach’ dich an den Diener heran. Wir wollen dann den
+Vertrag schließen. Und noch eins. Wenn du schwören solltest, du habest
+gehört, daß eine gewisse Moriska dabei ertappt wurde, wie sie betend
+auf dem Mekkateppich lag, oder daß sie nächtlich den Zambra tanze, sich
+täglich wasche und das Schweinefleisch verachte — du würdest dich doch
+nicht lange besinnen?“</p>
+
+<p>Don Silvio rümpfte geringschätzig die Nase. „Für solche Kleinigkeiten
+hat mein Gewissen noch Platz. Ich kann auch beschwören, daß ich das
+Weib auf einem Aquelarre, einem Hexensabbat, in San Esteban gesehen.“</p>
+
+<p>„Man wird sich deiner erinnern. Geh.“</p>
+
+<p>Mit einer verzogenen Fratze, die Lippen häßlich zusammengekniffen,
+die Schultern hochgezogen, schlich der Scherge hinaus. Er war das
+Feilschen in Cordoba gewohnt. Sollte er hier andre Methoden lernen?
+Eine Schurkerei, so tief in der heiligen Gerechtigkeit verwurzelt,
+konnte nicht leicht ausgerissen werden oder der ganze Baum stürzte um.
+Aber was half es ihm, wenn durch seine Verräterei die Inquisition einen
+Stoß bekam? Wer würde ihn belohnen? Über die Erlösung würde man den
+Erlöser vergessen. Er lebte von der Inquisition, nicht sie von ihm.
+Es waren hundert andere Auswürflinge da, sein Amt zu übernehmen, und
+er konnte sich die Nägel ausreißen vor Galle, daß er der Klügere sein
+wollte. Nein, nein, der Pater hatte recht, man mußte Hand in Hand mit
+den Dienern des heiligen Offiziums gehen, um nicht nackt wie Hiob auf
+dem Mist zu sitzen. Das <span class="pagenum" id="Page_264">[S. 264]</span>waren so seine grauen Gedanken, als er durch
+das Tor der Gerechtigkeit in der Alhambra schritt.</p>
+
+<p>Pater Leon hatte sich in Instruktionen vertieft. Sein Gemüt war
+ebensowenig erheitert wie das des davongegangenen Besuchers. War
+er nicht mit der Belastung eines wildfremden Gewissens zu voreilig
+gewesen? Aber noch war kein Abschluß des Handels da. Unterdessen mußte
+ihm der Teufel, den er für Gott hielt, irgendwie zu Hilfe kommen.</p>
+
+<p>Die Zeit schlich. Bald mußte Maria de Calabreña da sein. Er hatte ihr
+in der letzten Beichte unter anderm auch die Buße aufgegeben, von nun
+an nach alter Büßerweise barfüßig vor dem Altar zu erscheinen, um so
+die Demut vor Gott besser zum sichtbaren Ausdruck zu bringen. Er berief
+sich auf Moses, der, als er vor Gott im feurigen Busch kniete, auch die
+Schuhe auszog, da er heilig Land betrat. Das Gebot erinnerte Doña Maria
+an die mohammedanische Fußwaschung vor dem Gebet und sie fand nichts
+Absonderliches darin. Heute also mußte sie bloßen Fußes&#8239;—</p>
+
+<p>Leon lief es über den Rücken. Er nahm ein Inquisitionsheft zur
+Hand, seine Gedanken abzulenken. Da lag ein Zeugenverhör vor ihm,
+musterhaft und geschickt in der Fragestellung, hingeworfen von
+einem der Consultores in Cordoba. Es waren Schachzüge mönchischer
+Spitzfindigkeit, die hier in vielgestaltiger Form mit Menschenleben
+spielten. Leon hatte sich kaum in das Labyrinth der Fragestellungen
+hineingetastet, als er den geliebten Schritt draußen hörte. Die
+Wachsoldaten ließen wie immer die schöne Moriska eintreten.</p>
+
+<p>Der Dominikaner begleitete sie nach freundlichem Gruß zum Altar.
+Gehorsam zog sie ihre Schuhe und Strümpfe aus und kniete an den Stufen
+nieder. Der Dominikaner stand hinter ihr, als wollte er ihre Andacht
+in seinen Segen nehmen. Seine Augen aber verschlangen das nackte,
+bräunliche Fleisch ihrer gemeißelten Sohle und das bläuliche Geäder der
+zarten Fessel. Jede Zehe liebkoste er und er hätte stundenlang ihre
+liebliche Blöße bestaunen können, ohne in seiner Begehrlichkeit zu
+ermüden. Als sie <span class="pagenum" id="Page_265">[S. 265]</span>sich erhob und die Schuhe anzog, beobachtete er jede
+Linie ihres Körpers, jede Rundung, jeden gefälligen Schwung. Maria fing
+einen dieser prüfenden Blicke auf und errötete. Etwas verzagt setzte
+sie sich an das mit Erbauungsschriften belegte Tischchen. Leon ging auf
+und ab, und seine sonst so strenge, herablassende Miene, vollgesogen
+vom Dünkel der Kirchlichkeit, verwandelte sich in eine Freundlichkeit,
+die das Mädchen befremdete. Der Vikar segelte in das Fahrwasser der
+Kirche und der Dogmen, erklärte die Zeremonien der Sakramente, um dann
+auf einmal die Belehrung abzubrechen und unvermittelt an das Herz der
+Jungfrau heranzurücken. „Der Graf — nur unter uns, Doña Maria — er
+liebt Euch mit derselben Herzlichkeit wie Ihr ihn?“ fragte er wie in
+tiefer Anteilnahme.</p>
+
+<p>„Er würde mir zuliebe alles tun,“ sagte sie glücklich.</p>
+
+<p>„Das ist ein schweres Wort.“ Des Paters Lippen schmeckten ins Leere.
+„Gesetzt nun, Ihr wärt im Irrglauben beharrt, meint Ihr, der Graf hätte
+sich bewegen lassen, den Christenglauben abzuwerfen?“</p>
+
+<p>Sie erschrak. Daran hatte sie eigentlich nie gedacht. Ob wirklich seine
+Liebe so groß gewesen wäre? „Ich glaube, er hätte sich wenigstens nach
+und nach mit Mohammeds Gesetzen, mit Koran und Sunna befreundet,“ sagte
+sie ausweichend.</p>
+
+<p>„Hat er Euch je Beweise zu einer solchen Annahme gegeben?“</p>
+
+<p>„Nein, aber er hätte gewiß erkannt, daß auch Mohammed ein großer Mensch
+war.“</p>
+
+<p>„Groß kann ein Mensch nicht sein, der so irrt. Aber Ihr schweift
+ab. Ich meine, hat der Graf Euch Beweise eines so duldsamen Denkens
+gegeben? Er liebte wohl Eure alte Religion?“</p>
+
+<p>„Lieben? Dann hätte er sie doch angenommen und die seine weggeworfen.“</p>
+
+<p>„Liebende rasen oft über Sünde und Unheil hinweg ins Verderben.“</p>
+
+<p>„Wäre es wirklich ein Verderben für ihn gewesen?“ erschrak sie heftig.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_266">[S. 266]</span></p>
+
+<p>„Ich würde kein größeres kennen. Aber sagt, spricht der Graf oft und
+viel von der heiligen katholischen Religion?“</p>
+
+<p>„Freilich — er liebt sie doch — nur —,“ sie stockte.</p>
+
+<p>„Nur?“ griff der Priester überhastig in ihre Verlegenheit.</p>
+
+<p>„Ach, nichts.“</p>
+
+<p>„Nein, Ihr wolltet eine Ausnahme einschalten.“</p>
+
+<p>„Ich wollte nur sagen — aber bitte, bitte, blickt nicht finster —,
+ich meine, auch er ist nicht blind gegenüber den Übertreibungen —“</p>
+
+<p>„Auch er? Also sind auch andere da, die —?“</p>
+
+<p>„Ach, ich meinte nur — man spricht doch das und jenes —, so lächelte
+er oft, wenn er die Leute, die Frauen stundenlang vor den Altären
+liegen sah —“</p>
+
+<p>„Da lächelte er?“ fragte der Mönch gespannt. „Und sagte wohl: ‚Ach, wie
+arm sind diese Frauen?‘ Das sagte er, nicht wahr, Doña Maria?“</p>
+
+<p>„Nicht doch, er sagte es nicht. Aber ich sah es ihm an, wie ihn das
+Mitleid mit ihnen überlief, wenn sie so vor den Bildern lagen —“</p>
+
+<p>„Er sagte wohl: ‚Das sollte nicht sein.‘“</p>
+
+<p>„Gesagt hat er das nicht.“</p>
+
+<p>„Vielleicht doch einmal? denkt nach.“ Des Priesters Augen stachen in
+ihre Seele.</p>
+
+<p>„Ich erinnere mich nicht.“</p>
+
+<p>„Aber es könnte sein, daß er es einmal gesagt hat?“</p>
+
+<p>„Vielleicht. Aber ich weiß nichts davon. Er freute sich nur immer, wenn
+ich ihm sagte, daß ich früher auf dem Gebetsteppich lag und auch ohne
+ein Bild meinen Weg zu Gott fand. Er nannte dies schön und recht bei
+den Moslims.“</p>
+
+<p>„Das heißt also, daß der katholische Brauch nicht schön und recht sei?“</p>
+
+<p>„O Gott, das hat er nicht gesagt.“</p>
+
+<p>„Doch folgt es leicht daraus. Er fand demnach in manchem Eure alte
+Religion viel schöner und richtiger als die unsere?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_267">[S. 267]</span></p>
+
+<p>„Nicht das, aber es waren doch schöne Stunden, wenn wir den Koran
+lasen, die Verheißung vom Paradies —“</p>
+
+<p>„Er las den Koran mit Euch?“</p>
+
+<p>„Freilich, das mußte er doch, um zu wissen, wie wir es früher hielten.“</p>
+
+<p>„Und da meinte er wohl auch, daß dieses Paradies schön und
+erstrebenswert sei?“</p>
+
+<p>Sie nickte unverfänglich. „Ei, wem sollte wohl der heilige Gotteshain
+mit den vielen Huris nicht gefallen und mit den Quellen der Liebe?“</p>
+
+<p>„Auch ihm gefiel das also?“ Er umspann mit den leicht hingeworfnen
+Fragen ihr ganzes Denken wie mit einem Netz.</p>
+
+<p>„Ich sagte schon, wem sollte es nicht gefallen?“</p>
+
+<p>„Und sprach er nicht von der Dreieinigkeit manchmal zweifelnd?“</p>
+
+<p>„Das wüßte ich nicht zu sagen, Pater. Aber wozu das alles?“</p>
+
+<p>„Ich nehme eben an allem teil, was Eure Seele bewegt. Der Graf hat also
+wohl selten von der Dreieinigkeit gesprochen?“</p>
+
+<p>„Fast nie. Das heißt, ja, jetzt erinnere ich mich, einmal — richtig,
+da sagte er, er könnte mir nichts Bestimmtes darüber sagen, denn er
+wisse nichts davon.“</p>
+
+<p>„Er wisse nichts von der Dreieinigkeit? Sagte er so?“</p>
+
+<p>„So ungefähr.“</p>
+
+<p>„Merkt doch genau meine Frage: Er sagte, er wisse nichts von der
+Dreieinigkeit?“</p>
+
+<p>„Ach, das hat er nicht gesagt.“</p>
+
+<p>„Aber so ungefähr. Vielleicht sagte er so: ‚Ich weiß nichts von der
+heiligen Dreieinigkeit.‘“</p>
+
+<p>„Vielleicht, aber ich weiß es nicht genau.“</p>
+
+<p>„Also — er weiß nichts von der heiligen Dreieinigkeit. Merkt das gut.“</p>
+
+<p>Maria sah ihn groß an. „Das ist doch harmlos wie ein verwehtes Blatt.“</p>
+
+<p>Des Paters Schreibrohr warf ein paar Worte auf das leere Blatt. „Und
+Jesus? Wie sprach er über Jesum?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_268">[S. 268]</span></p>
+
+<p>„Er nannte ihn einen großen Menschen.“</p>
+
+<p>„Aber nicht einen Sohn Gottes?“</p>
+
+<p>„Ich kann mich dessen nicht entsinnen.“</p>
+
+<p>„Er hat ihn also nicht einen Sohn Gottes genannt?“</p>
+
+<p>„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur nicht, daß er ihn so genannt hätte.“</p>
+
+<p>„Dann wird er wohl der Meinung sein, daß Jesus nicht der Sohn Gottes
+sei.“</p>
+
+<p>„Das hat er nie und nimmer gesagt.“</p>
+
+<p>„Vielleicht doch, und Ihr könnt Euch nur nicht darauf besinnen.“</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>„Er wird also wohl so gesagt haben: ‚Jesus ist ein großer Mensch und
+ein Prophet.‘“</p>
+
+<p>„Vielleicht,“ sagte sie, glücklich über den vom Pater selbst gefundenen
+Ausweg. Sie ahnte nicht, wie sie nach seinem Herzen plauderte.</p>
+
+<p>„Also sagte er: ‚Jesus ist ein Prophet.‘“</p>
+
+<p>„So sagen es die Mohammedaner, und vielleicht freute sich der Graf
+darüber — ich weiß es wirklich nicht.“</p>
+
+<p>„Also der Graf freute sich darüber, daß die Mohammedaner sagen, Jesus
+sei ein großer Prophet.“</p>
+
+<p>„Der Sohn Gottes muß doch auch zugleich ein großer Prophet sein.“</p>
+
+<p>„Der Graf wollte also von der Dreieinigkeit nichts wissen —“</p>
+
+<p>„Das habe ich doch nicht gesagt,“ fuhr sie erschreckt auf.</p>
+
+<p>„Wer wenig oder nicht davon spricht, will wohl davon nichts wissen.
+Wohl aber freute sich der Graf darüber, daß die Moslims Jesum für einen
+großen Propheten halten.“</p>
+
+<p>„Das sollte ich gesagt haben? Oh, ich bin so ungeschickt im Spanischen
+—“</p>
+
+<p>„Ihr habt sehr geschickt die Wahrheit gesagt. Nun liegt des Grafen
+inneres Bild klar vor mir.“</p>
+
+<p>Sie faßte das in ihrem Sinne auf und fügte glücklich strahlend dazu:
+„Oh, läge es so in Euch, wie es in mir liegt. Der <span class="pagenum" id="Page_269">[S. 269]</span>Graf ist ja so
+nachsichtig und mild, und läge es an ihm, er würde keinem Mauren ein
+Leid antun.“</p>
+
+<p>„Er ist so nachsichtig? Könnte keinem Mauren —?“ Die Worte flogen aufs
+Papier.</p>
+
+<p>„Warum nehmt Ihr das alles so groß?“</p>
+
+<p>„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in
+seiner ganzen Nachsichtigkeit — ja, über die Hostie sprach er nicht
+mit Euch?“</p>
+
+<p>„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding —“</p>
+
+<p>„Sagte er: unscheinbares Ding?“</p>
+
+<p>„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“</p>
+
+<p>„Er bezweifelte es wohl?“</p>
+
+<p>„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn —“</p>
+
+<p>„Also er nannte die Hostie unscheinbar — ja, ja, machte ein
+merkwürdiges Gesicht dazu — schüttelte wohl gar den Kopf —“</p>
+
+<p>„O nicht doch — wie sollte er?“ — Sie lächelte.</p>
+
+<p>„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal —“</p>
+
+<p>„Ja, einmal — da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines
+Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“</p>
+
+<p>„Ganz recht — da schüttelte er den Kopf — das unscheinbare Ding —
+ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal
+darüber weiterreden.“</p>
+
+<p>Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter
+schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend.</p>
+
+<p>„Ja.“</p>
+
+<p>Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten
+nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es
+nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie
+schon irgendeine Ausflucht suchen.</p>
+
+<p>„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir
+heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“</p>
+
+<p>Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und <span class="pagenum" id="Page_270">[S. 270]</span>Kerzengeruch
+woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In
+die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe!
+Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den
+rosigen Abend hinein.</p>
+
+<p>Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser
+ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil
+getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber
+es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben
+der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten.
+Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt
+schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage
+zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder
+eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña.
+Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des
+zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner
+Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt
+das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren
+auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria
+durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher
+Verzweiflungsschrei zerbrach.</p>
+
+<p>Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den
+Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der
+Tür.</p>
+
+<p>Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich
+morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego,
+die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles.
+Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte
+hinaus.</p>
+
+<p>Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen.
+Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine
+Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch
+wußte, daß er damit der Kirche und <span class="pagenum" id="Page_271">[S. 271]</span>dem König einen Dienst erwies. Der
+Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so
+weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte.
+Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war
+der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch
+nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin
+überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte
+das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu
+vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch
+einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten
+auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden
+als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz
+der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig
+den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte
+Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen.</p>
+
+<p>Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein
+Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond
+behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Neunundzwanzigstes_Kapitel">
+ Neunundzwanzigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">L</span>eid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie
+Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein.</p>
+
+<p>Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des
+orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd
+in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die
+mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im
+Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die
+sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften,
+ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise
+aufgeschlagenen Vorhang, <span class="pagenum" id="Page_272">[S. 272]</span>stand der kostbare Diwan des Königskindes,
+ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie
+persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte
+der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des
+grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und
+her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz
+vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla
+blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt.
+Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder — es war das Zeichen, daß
+sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen
+in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige,
+schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine
+Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug
+in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden
+zu sein.</p>
+
+<p>Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der
+buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze
+Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern
+und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die
+feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten,
+während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an
+der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und
+der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische
+Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann
+nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen
+Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe
+Schleier, wo keine sein sollen.“</p>
+
+<p>Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den
+Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“</p>
+
+<p>„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, <span class="pagenum" id="Page_273">[S. 273]</span>der
+keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe
+meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über
+alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen
+Namen führt.“</p>
+
+<p>Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob
+sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar — wir
+haben viel von dir gesprochen —“</p>
+
+<p>Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die
+Christenlehre?“</p>
+
+<p>Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir
+— ich soll es nicht sagen — und doch beengt es mir die Brust. Wir
+sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich
+manches deiner Worte auf.“</p>
+
+<p>Der Graf blickte dunkel und nachdenklich vor sich hin. „Sonderbar.“</p>
+
+<p>Sie hob ihm das Kinn empor. „Pedro, Pedro — nun bist du traurig
+geworden. Oh, wie lieb’ ich dich — und doch weiß ich, du wirst mich
+verfluchen —“</p>
+
+<p>„Werda, Rose!“ schmeichelte er sich in ihr Spitzengewebe hinein.</p>
+
+<p>Reija dachte an die bevorstehende Flucht des Imams. Bald mußte es der
+Graf erfahren — und dann — sie seufzte in sich hinein.</p>
+
+<p>Er nahm ihre Hand. Ihre Haut hatte den Samthauch der Purpurrosen,
+leise, besänftigend strich er darüber hin. „Reija, wenn ich heimkehre,
+soll alles, alles geordnet werden. Die Aufsage des Königsdienstes, die
+Bewirtschaftung von Mora, die Reise nach den Kanarischen Inseln —“</p>
+
+<p>Sie wollte aufjubeln — aber im nächsten Augenblick lief schon wieder
+der böse Schatten über ihre Stirn. „O meine Träume! Und wenn uns das
+Brautbett zum Grab wird?“</p>
+
+<p>„Du holde Angst! Was soll uns drohen? Der König sah mich gestern
+freundlicher als sonst an, als er in den Marstall kam. Ungnade wird
+sich in Gnade verwandeln, bringe ich ihm das Reis der Tapferkeit heim.
+Und wenn alle mich <span class="pagenum" id="Page_274">[S. 274]</span>verdammen, hier ist der Himmel, zu dem Engel mir
+die Wege weisen.“</p>
+
+<p>Ihre trauererfüllte Schönheit lag halb hingestreckt in den weichen
+Kissen, halb von seinen Armen umfangen, und er schlürfte jeden Reiz an
+ihr wie ein Geschenk Gottes ein. Dann sagte er, von einem plötzlichen
+düstern Gedanken gepackt: „Und wenn ein Maurenpfeil den Weg zu meinem
+Herzen findet —“</p>
+
+<p>Jäh taumelte sie auf. „Du darfst nicht fallen. Mein Gebet ist dein
+Schutzengel.“</p>
+
+<p>„Und wenn die Wellen deines Gebets nicht bis zum Erbarmer schlagen?“</p>
+
+<p>„Oh, ich kann so innig beten,“ versuchte sie sich aus der eigenen Angst
+zu retten.</p>
+
+<p>Er lag wie festgeschmiedet an ihrem Herzen. „So halte ich dich —
+oh, sieh mir in die Augen — es bleibt nur eines noch — des Glückes
+Erfüllung und Krönung —“</p>
+
+<p>Es überlief sie, und ihre Wimpern zuckten wie im glühenden Traum. Die
+Ahnung des Weibesdämmerns kam über sie. Und sie sagte langsam und
+leise: „Dein Wille — kröne — unsere Liebe — Gott wird die Stunde
+segnen.“</p>
+
+<p>„Und kehre ich nicht wieder, soll das Pfand dieser Liebe die Erinnerung
+an den sein, den du liebst —“</p>
+
+<p>Sie sprang mit glühenden Augen auf. „Komm, wir wollen die Nacht über
+die Helle des Tages erheben. Freund der Freude und der Liebe, ich will
+den Zambra tanzen.“</p>
+
+<p>Ihr lockender Mund, von seinen Küssen schon völlig aufgeschlossen,
+warf sich auf, als sehnte er sich dem zerstörenden Brand entgegen, er
+glich dem Purpurkelch, den Mannesliebe füllen sollte. Sie warf neue
+Duftkräuter in die Vasen und versperrte die Tür. Dann drängte sie den
+Geliebten hinter den Vorhang einer kleinen Nische zurück. „Hier harre
+— und wenn ich rufe, öffne den Vorhang.“ Sie schlüpfte in die große
+Diwannische und ließ den Scharlachvorhang herab.</p>
+
+<p>Don Pedro spürte die Flammen in seinen Fibern züngeln. Oh, was barg
+dieses herrliche Gefäß Gottes! Dunkel und Licht <span class="pagenum" id="Page_275">[S. 275]</span>in wunderbarem
+Wechsel, eine brandende See und den Frieden einer Sternennacht.
+Eines drängte sich ihm auf: der neue Glaube in ihr war nur ein
+aufgepfropftes Reis, sie selbst blieb eine echte Agarena, eine Tochter
+der islamitischen Offenbarung, und die Genien ihres Volkes trugen sie
+leichtbeschwingt über alle Härten des Lebens hinweg. Warum schonte
+man nicht ihre Blumenhaftigkeit, sondern schlug mit der harten
+Bußgeißel einen schönen Gedanken Gottes entzwei? Warum stieß man
+seine Schenkerhand zurück und entweihte seine Gabe? Nein, sie sollte
+nie mehr in die gnadenlose Sphäre dieses Dominikaners treten, der
+ihr Wesen spaltete. Welcher Glaube der bessere? Was kümmert es den
+Liebenden! Fragt das Feuer, welches Holz das bessere ist, wenn es mit
+Macht ins Haus fährt? Den Sturm, welcher Widerstand der schwächere,
+das Meer, ob die Küste es aushält, an die es brandet? Oh, ich will ihr
+auf der aufblühenden Insel maurische Gemächer bauen, nach denen ihr
+Heimweh verlangen wird, und des Morgenlandes Kostbarkeiten sollen sie
+schmücken. Sie ist schön wie die Lilie von Damaskus, wie die Rose von
+Yemen&#8239;—</p>
+
+<p>In den Sturm seiner Schwärmerei wehte ein süß-klagender Ton wie aus der
+Sternenhöhe — ein paar Klänge auf den Saiten der Anafine — dann das
+Geräusch des Vorhangs — und nun schlug Don Pedro den seinen auf.</p>
+
+<p>Inmitten des von Licht überfluteten Raumes stand die blühende Schönheit
+in ihrer fast nackten Gliederpracht, die sich von der brennenden Röte
+des Vorhangs in statuenhaften Umrissen abhob. Über dem rosigbraun
+getönten Fleisch lag nur ein grünlicher dünner Flor, der die samtne
+Haut durchschimmern ließ. In dem schwarzen Haar leuchteten Perlen und
+Rosen, um die Stirn spannte sich ein goldner Reif, von blutroten Rosen
+geschmückt, auch zwischen den blinkenden Zähnen flammte das Blumenrot
+auf, es blutete am Gürtel, an der Brust und an den Schultern. So
+schien sie selbst ein sich nach der Sonne verzehrender Rosenstrauch zu
+sein. An den Hand- und Fußgelenken blinkten edelsteinbesetzte Spangen,
+die bei jeder Bewegung rot <span class="pagenum" id="Page_276">[S. 276]</span>und grün blitzten. Nun aber stand sie
+reglos mit bloßen Füßen, den Blick gesenkt, die Beine zum ersehnten
+Tanz gespannt wie schöne Säulen, auf ihrem Antlitz leichter Sinn und
+geheimes Weh zu schöner Harmonie gepaart.</p>
+
+<p>Die Rose entfiel ihrer Lippe. Sie begann leise, wie klagend, zu
+singen, als triebe ihr Liebesschmerz in namenlose Fernen hinaus.
+Leicht deuteten ihre Arme und ihr Oberkörper diesen sehnsüchtigen Zug
+an, wiegend und biegend, rhythmenlos, nur einer innern Eingebung des
+Liebesgefühls folgend, schien plötzlich ihr ganzes Wesen zu singen, als
+löste es sich in den Geheimnissen der Musik völlig auf. Arabische Worte
+tönten, bald feierlich getragen, bald schnellend und spitz klingend wie
+durch die Luft sausende Messer, und immer drängender wurde die Bewegung
+des Leibes, sie hob sich aus der ursprünglichen Stellung heraus und
+schwebte auf den Fußspitzen in eine Ecke, wo sie sich zusammenkauerte,
+dann wieder den Knäuel ihres Körpers löste und wirbelflink in die Mitte
+des Zimmers trieb. Von den Stacheln beginnender Wollust angefeuert,
+schnellte sie ihren Leib nach vorn und rückwärts, der Schleier flog
+in die Luft, umwirbelte aufs neue im kreisenden Spiel ihren Rumpf,
+und nach einem blitzschnellen Taumel um die eigene Achse blieb
+sie mit verzückten Blicken, die Arme weit von sich gestreckt, auf
+straffgespannten Beinen stehen. Vor ihr auf dem Boden lag der Schleier.
+Ihre Brust wogte im Sturm der Gefühle, der Lenden braune Pracht ging
+im Atem mit, und der Schwung um die Hüfte war herrlicher anzusehen als
+der Bogenschwung maurischer Hallen. Don Pedro erschauerte — vor ihm
+lagen dunkle Matten der Wollust — Flammen wühlten in seinem Gebein
+— er umfing den sanft gebognen Pantherleib. Vor seinen Blicken liegt
+das süße Lächeln, geboren aus dem Mysterium der Sinne, leuchten die
+schwarzen Augen, nur halb mehr geschützt von den Edelwimpern, und im
+Verlangen öffnet sich die Glut ihres Purpurmundes. Don Pedro streckt
+ihren von dem Brand der Sinne schon halb versengten Leib in seiner
+ganzen Schönheit in den knisternden Samt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_277">[S. 277]</span></p>
+
+<p>Willig trägt sie ihm ihr Feuer entgegen. Ihre braunen Arme werden zu
+sehnsüchtigen Klammern. Haare, Nacken, Augen, Lippen, Schultern, Brust
+und Glieder erschließen ihm Geheimnisse von unerhörter Pracht, bis
+Gedanken und Sein in ein unsagbar süßes Nichts zerfließen.</p>
+
+<p>Zitternd umfängt er sie im Weh des Abschieds noch einmal, bevor sie die
+Schleier um ihre Schönheit legt.</p>
+
+<p>„Nun wirst du fern sein“ — schluchzt sie schmerzvoll —, „der Mond
+der Liebe erlischt — aber gepriesen sei Gott, der auch das Ferne nah
+macht.“</p>
+
+<p>„Gepriesen sei er fürwahr,“ antwortete Don Pedro.</p>
+
+<p>„Du wirst als Ghaliba heimkehren, als Sieger.“</p>
+
+<p>Ihre letzten Küsse rissen seinen Schmerz noch einmal auf.</p>
+
+<p>Endlich fand er die Kraft zum Scheiden. Ihre Blicke der Liebe schrien
+nach einem letzten Trostwort. Und als sie seinen Schritt draußen
+verhallen hörte, warf sie sich in die Polster und stöhnte sich in die
+aufgewühlten Haare hinein, die noch feucht von seinen Küssen waren. Die
+Nachschauer der hochzeitlichen Süße durchfuhren ihren wie im Fieber
+ringenden Leib.</p>
+
+<p>Sie nahm taumelnd das Tesbih, den morgenländischen Rosenkranz, mit den
+neunundneunzig medinischen Kugeln zur Hand und versuchte, die schönen
+Namen Gottes in Andacht herunterzusagen. Aber die wilde Stunde des
+Leids zerbrach ihren Gebetswillen.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Dreissigstes_Kapitel">
+ Dreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>ie spanische Christenheit erfüllte ein Freudentaumel. Die Monfis von
+Guejar waren geschlagen, nachdem sie zuerst den spanischen Rittern
+schwere Verluste zugefügt hatten. Die Maurenburg des Ortes war erstürmt
+worden. Gonsalvo de Cordoba hatte als erster die Sturmleiter erstiegen,
+seine Ritter folgten. Don Pedro de Solar hieb vier Maurenfürsten
+nieder, gefürchtete Häuptlinge der Banden. Seine Taten entschieden den
+Kampf, <span class="pagenum" id="Page_278">[S. 278]</span>auf Gnad’ und Ungnade ergaben sich die führerlosen Mauren. Ein
+großer Zug von Gefangenen ging nach Granada ab. Eilboten berichteten
+den katholischen Königen den Sieg. Die Stadt mußte zum Freudenfest
+rüsten, von den Miradores und Türmen wehten die spanischen Banner.</p>
+
+<p>Aber ein anderes Ereignis hatte inzwischen die Stadt in Aufruhr
+gebracht. Der Imam Abu Atir war in einer Nacht entflohen. Wieder
+waren zwei Wächter ermordet worden und vergebens war die Suche nach
+den kühnen Übeltätern. Um den Alkazar im Albaycin standen wie um eine
+feindliche Burg die spanischen Reiter und hielten Wache über das
+Königskind. Denn hier vermutete man den Sitz des verbrecherischen
+Anschlags.&#8239;—</p>
+
+<p>Reija lag auf dem Gebetsteppich mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt
+stundenlang und kleidete auf ihre fromme Art alle Sehnsucht in
+seufzende Gebetsworte, die bald christlich, bald islamitisch klangen.
+Ein kastilischer Eilreiter hatte ihr vom Grafen de Mora die Nachricht
+gebracht, er sei unversehrt, ruhmbekränzt und auf dem Heimmarsch
+begriffen. Da schwang ihre Seele neu gestärkt dem großen Gott entgegen.</p>
+
+<p>„Mein weinendes Auge erhebt sich zum Schein des Mondes, hinter dem du
+wachst, o Herr. Sei mein, ich bin dein, du liebreiches Brot und holder
+Wein, du, der du Welten küßt mit deinem Odem und Länder verheerst mit
+Glut und Wasserflut, ich arme Rose flehe zu dir: zeige dich mir! Laß
+den Geliebten in meine Arme sinken, laß mich den Tau seiner Küsse
+fühlen und scheuch’ alle Feinde von mir und laß unser Haus gesegnet
+sein unter Palmen am Meer!“</p>
+
+<p>Bei jedem Geräusch flatterte ihre Angst auf. Er ist es! Und immer
+wieder sank ihr Haupt enttäuscht auf die Brust, wenn Saffana
+herangeschwirrt kam und eines ihrer hellachenden Trostworte in die
+Seele der Herrin warf.</p>
+
+<p>Der Abend sank. Reija warf sich von Fenster zu Fenster. Die beginnende
+Nacht hüllte draußen den Hof in Schatten, die Blumen dufteten betäubend
+herauf und verworren tönte das Geräusch der Menge in den Gassen herüber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_279">[S. 279]</span></p>
+
+<p>Sklavinnen kamen, die atemlos den Einzug der spanischen Streiftruppen
+meldeten. Nun mußte er auch kommen!</p>
+
+<p>Immer tiefer rückt die Nacht vor. Selbst die muntere Saffana verliert
+die Lust zu scherzen. „Glaub’ mir, Liebling der Engel, er wird zum
+König gerufen worden sein.“</p>
+
+<p>„Komme ich nicht vor dem König?“ bäumte sich Reijas Liebesstolz auf.
+Und ihre erhitzte Phantasie beschwerte sie mit Eifersuchtsgedanken.
+Wenn er in Guejar eine schöne Sklavin gefunden hätte? Sie sprang,
+gequält von ihrer Ungeduld, auf und ließ sich die Mantilla geben.
+Gleich darauf hielt sie der Stolz zurück.</p>
+
+<p>Da — Noria eilt mit glänzendem Gesicht herein.</p>
+
+<p>Aus der bräutlichen Brust bricht sich ein einziger Schrei: Er ist’s!</p>
+
+<p>Doch die Sklavin schüttelte das Haupt. „Der andere — sein Freund —“</p>
+
+<p>„Rojas?“ Reija drückt die Hand an die Kehle.</p>
+
+<p>Da steht auch schon der junge Gelehrte an der Schwelle. Sein Gesicht
+ist bleich, sein Blick gesenkt, der Atem keucht. Kaum daß er Saffana
+bemerkt. „Doña Maria — verzeiht — Don Pedro — kann nicht zu Euch
+kommen —“ Er würgt an den Worten.</p>
+
+<p>„Was ist geschehen?“ stöhnt ihre Angst.</p>
+
+<p>„Faßt Euch — noch ist nicht alles verloren.“ Er eilt auf die Wankende
+zu, sie zu stützen.</p>
+
+<p>Ihre Augen sind eine einzige Frage, die ihre Lippen nicht formen können.</p>
+
+<p>Da bekennt er es herzbeengt: „Er ist — in den Händen — der
+Inquisition.“</p>
+
+<p>Reija fällt lautlos in die Arme der Sklavin.</p>
+
+<p>Sie bringen sie langsam, durch Besprengen mit Wasser und Riechmittel,
+zu sich.</p>
+
+<p>Dann erzählt Rojas: „Der Graf von Orgaz und ich erwarteten ihn zu
+Hause. Er kam todmüde, aber mit glückstrahlendem Antlitz, warf sich
+in das neue Wams, um sich nach der Alcazaba zu begeben. Kaum hatten
+wir den Myrtenhof passiert, <span class="pagenum" id="Page_280">[S. 280]</span>traten vier Alguaciles auf uns zu und
+verhafteten den Grafen de Mora im Namen der Inquisition.“</p>
+
+<p>„Ihr habt es — dulden — können —?“</p>
+
+<p>Rojas senkt das Haupt. „Ihr wißt nicht, Doña Maria, was ein Widerstand
+bedeutet hätte. Wir wären als Mitschuldige verhaftet worden.“</p>
+
+<p>„Weshalb hat man ihn verhaftet?“</p>
+
+<p>„Wer weiß das? Er selbst weiß es nicht.“</p>
+
+<p>Sie rafft ihren geschwächten Leib auf. „Ich muß zu ihm —“</p>
+
+<p>„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn
+geführt haben.“</p>
+
+<p>Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den
+Wolken und Sternen“ — ihr Auge füllte sich mit Entsetzen — „wenn ich
+selbst — ohne es zu wollen — der fürchterliche Leon — aber das ist
+ja Wahnsinn — ich habe doch nichts gesagt — er nichts getan — es
+müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn — o Rojas, Rojas —
+das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir — oh, wenn
+ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“</p>
+
+<p>„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann
+neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein — er wird sich lösen —“</p>
+
+<p>„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie
+hervor.</p>
+
+<p>„O Gott, seid vorsichtig — die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken
+und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“</p>
+
+<p>„Ich will zur Königin — sie ist gut und edel —“</p>
+
+<p>„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von
+Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur
+Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten,
+würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“</p>
+
+<p>„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich
+Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich
+will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt
+werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“</p>
+
+<p>„Er — und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht.</p>
+
+<p>„Ich muß eilen — man wird seine Zimmer durchsuchen — lebt wohl, Doña
+Maria, und Gott stärke Euch!“</p>
+
+<p>Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte
+alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin
+war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von
+de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte,
+die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die
+Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele
+warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen
+Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen
+Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem
+Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an
+eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten
+alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das
+war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel
+Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der
+Gebetssammlung.</p>
+
+<p>Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter — der Vogel
+Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was
+würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als
+Unheilskünder im Sold hält.“</p>
+
+<p>Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß
+auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt?
+Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben.</p>
+
+<p>Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie
+in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das
+Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist
+bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana <span class="pagenum" id="Page_282">[S. 282]</span>eilte der Herrin nach und fand
+sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab
+auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel
+Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab.
+Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie
+sich aus der Lähmung.</p>
+
+<p>Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag.</p>
+
+<p>„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust.</p>
+
+<p>Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem
+islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem
+wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und
+steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs
+zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke
+enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das
+Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Einunddreissigstes_Kapitel">
+ Einunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>m Patio de Mexuar wimmelt es von Mönchsgestalten. Verwunderte
+Blicke begleiteten Maria de Calabreña auf dem Weg zu den Zimmern des
+Dominikaners. Hier finden die peinlichen Verhöre statt, hier werden
+die Anzeigen entgegengenommen, die Beamten der Inquisition gehen ein
+und aus, Bittsteller, verweinte Frauen, Zeugen unter Bewachung von
+Alguaciles, vornehme und verdächtige, lumpige Gestalten drängen sich
+aneinander vorbei.</p>
+
+<p>Ein Mönch gibt dem schön geschmückten Mädchen mit dem verstörten
+Gesicht zu wissen, daß Pater Leon heute vor Abend nicht zu sprechen
+sei, denn es sei eine große Prozeßsache im Gang. Ein Stich trifft
+sie ins Herz. Sie verlangt den Namen des Inquisiten zu wissen — der
+Mönch schweigt mit einem kühlen Gesicht. Sie reitet niedergeschlagen
+heim und der Tag wird zu <span class="pagenum" id="Page_283">[S. 283]</span>einer Qual, die ihre Messer in die Seele der
+Gepeinigten stößt. Sie hungert in Seide und Schmuck, und jedes Wort,
+das man zu ihr spricht, sägt ihr Hirn entzwei.</p>
+
+<p>Am Abend läßt man sie vor. Im dämmrigen Hof verschleichen sich die
+letzten Gestalten.</p>
+
+<p>Der bleiche Dominikaner empfängt sie mit schleppenden Schritten und
+führt die Unglückliche in die Nische neben den Beichtstuhl. Ihre Hand
+fühlt sich an wie lebendiger Alabaster.</p>
+
+<p>Maria de Calabreña wirft die Mantilla weg und zeigt ihm ihr
+verschluchztes Gesicht. Schmerzerstarrte Augen blicken ihn an. Ein
+paar sinnlose Worte lösen sich von ihrem Mund, die den Mönch beinahe
+erschüttern. Endlich ein Stammeln: „Was — habt — Ihr — getan —?“
+Sie kaut die Worte und schluchzt. „Der Graf — ist — unschuldig.“</p>
+
+<p>„Ihr wißt es also schon? Unschuldig, mit den Augen der Liebe gesehen —
+doch mit jenen des Glaubens — nein. Ich sehe Euch schmerzgebeugt, und
+es ist verständlich, Doña Maria — aber wie konntet Ihr Euer Herz an
+einen Ketzer hängen?“</p>
+
+<p>Da schlug ihr Haupt von der Tischkante auf. „Er — ein Ketzer?“</p>
+
+<p>Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen
+Worte stempeln ihn dazu.“</p>
+
+<p>„Mei —?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff
+nach dem Herzen.</p>
+
+<p>„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr
+zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen
+katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“</p>
+
+<p>„Eure — Fragen — oh, die Sinne brechen mir — Eure Fragen? — Was für
+Fragen?“</p>
+
+<p>Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem
+Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab.</p>
+
+<p>„Das — soll ich — gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“</p>
+
+<p>„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure <span class="pagenum" id="Page_284">[S. 284]</span>Aussage noch
+an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr,
+was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä:
+Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch
+die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der
+Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die
+Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch
+ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber
+überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde
+verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der
+Gerechten.“</p>
+
+<p>Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch,
+Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott,
+an Christus, an die heilige Jungfrau — er hat nie mit den Propheten
+übereingestimmt —“</p>
+
+<p>„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“</p>
+
+<p>Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich
+gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das — ist — ja
+— nicht — wahr — das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern
+klang es: „Das — habt — Ihr gesagt — Priester —“</p>
+
+<p>Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes
+Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“</p>
+
+<p>„Ich weiß — hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder —“</p>
+
+<p>„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von
+ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache,
+aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine
+Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge
+teilt.“</p>
+
+<p>„Ihr habt eine Liebende vor Euch — seht meine verweinten Augen — mein
+zerbrochenes Herz — ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden
+lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns
+beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres
+Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters
+vergraben <span class="pagenum" id="Page_285">[S. 285]</span>sind —“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin — „alles
+soll Euch gehören, wenn Ihr uns —“</p>
+
+<p>„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors?
+Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden
+ist!“</p>
+
+<p>„Ihr glaubt doch nicht —“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt.</p>
+
+<p>„Ein leeres Blatt — sonderbar — wo liegt der Schlüssel zu dem
+Geheimnis?“</p>
+
+<p>„Ich allein besitze ihn.“</p>
+
+<p>„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“</p>
+
+<p>„Sobald Don Pedro frei ist.“</p>
+
+<p>„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf
+schüttelnd.</p>
+
+<p>Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette
+mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem
+Peiniger hin.</p>
+
+<p>„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“</p>
+
+<p>„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben.
+Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte
+ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken
+umwarf.“</p>
+
+<p>„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf.</p>
+
+<p>„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir.
+Ach, guter, ehrwürdiger Pater — er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis
+gebracht?“</p>
+
+<p>„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte
+den Namen seines Anklägers.“</p>
+
+<p>„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten
+Isa?“</p>
+
+<p>Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O
+über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“</p>
+
+<p>Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den
+Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ <span class="pagenum" id="Page_286">[S. 286]</span>Euch doch nichts
+getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben —“</p>
+
+<p>„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der
+sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt
+nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“</p>
+
+<p>„Es waren Säulen, die mich stützen konnten — ach, Pater, Pater —,
+ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem
+Herzen reißt.“</p>
+
+<p>„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert
+Euch!“</p>
+
+<p>„Ich fasse ihn nicht — so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte
+es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein
+Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht — laßt mich doch nur
+erst Wurzel fassen.“</p>
+
+<p>„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“</p>
+
+<p>„Sie ist groß und gütig — aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn
+zu befreien.“</p>
+
+<p>Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest.
+„Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein
+entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“</p>
+
+<p>„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“</p>
+
+<p>„Ihr kennt kaum ihre Namen — das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña
+Maria.“ Das Schreibrohr kratzte.</p>
+
+<p>„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert
+mir den Kopf — das Herz —.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen.</p>
+
+<p>„Richtet Euch auf — an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit
+lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine
+Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust.</p>
+
+<p>Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen
+Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele
+Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines <span class="pagenum" id="Page_287">[S. 287]</span>Vaters teuerm Leben —
+laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds —“</p>
+
+<p>Den Priester erfaßte Entsetzen. „In den alten Glauben zurück?“</p>
+
+<p>Wieder flog das Rohr über das Papier.</p>
+
+<p>„Ich beschwöre Euch bei dem, was auf Salomonis Siegel geschrieben steht
+—“</p>
+
+<p>„Das ist der Schwur des Irrglaubens! Weh Euch! Ihr seid verloren!“</p>
+
+<p>„Hinter Eurer Marter lächelt kein Gott — siebenfaches Elend ist mein
+Glaube, er wurzelt nicht in meiner Brust — aber Ihr seid schuld daran
+— Euer Christus ist nicht der, den wir Christus nennen — ja, Ihr
+zwingt mich, wieder zu beten mit dem Gesicht nach Mekka gewendet —“</p>
+
+<p>„Unselige! So wohnst du nicht mehr in der geheimnisvollen Arche der
+Kirche, und dich begraben die Gewässer des Unglaubens? Du neigst dich
+dem Propheten wieder zu, willst Christum nicht erkennen und begehrst
+den Barrabas los? Das ist Ketzerei de vehementi!“ Seine Kutte flatterte
+nach der Tür, die er aufriß. „Alguaciles! Bringt Doña Maria de
+Calabreña in den Kerker der Inquisition!“</p>
+
+<p>Wie aus einem Nichts heraus schnellten zwei schwarzgekleidete hagere
+Gestalten ins Zimmer. Sie hatten leichte Arbeit, denn sie trugen
+eine ihrer Sinne Beraubte auf den starken Händen hinaus. Über ihre
+zermarterte Seele wehte der Hauch des Entsetzens.</p>
+
+<p>Aus der priesterlichen Brust schienen Dämpfe zu steigen, das Gift
+seiner Seele enthaltend. Der Triumph glühte in seinen tückischen
+Blicken. Sein Hirn sprang aufgeschreckt in einen Gedanken hinein: Der
+Inquisitor von Toulouse, Fulco de Saint Georges, hatte einst Frauen im
+Gefängnis verführt und wurde gestäupt. Was warf sich diese Erinnerung
+plötzlich in seinen brennenden Jubel?</p>
+
+<p>„Den Fiskal der Inquisition, Pater Juan Collades!“ befahl er einem
+Mönch. Er sollte die förmliche Verhaftung der neuen <span class="pagenum" id="Page_288">[S. 288]</span>Ketzerin
+vornehmen, die durch den Inquisitor selbst entlarvt wurde. Ihre Worte
+glichen einem Bekenntnis.</p>
+
+<p>Pater Collades kam. Ein Mensch mit kühlem Herzen, ruhevoll in seinen
+Gebärden, gleichgültig in den Mienen. Er setzte sofort die förmliche
+Clamosa auf, den Antrag auf Verhaftung. Man arbeitete bis spät in
+die Nacht, wiewohl der Fall einfach lag, da die Äußerungen vor dem
+Inquisitor selbst gefallen waren. In den nächsten Tagen mußte die
+Summaria, das Ermittlungsprotokoll, den Konsultoren vorgelegt werden,
+die als weltliche Richter nur beratende Stimmen hatten.</p>
+
+<p>„Glaubt Ihr, daß dieses Mädchen die Aussagen widerrufen wird?“ fragte
+Pater Collades.</p>
+
+<p>„Ich werde sie zum Bekennen zwingen. Und am Ende“ — er dämpfte die
+Stimme und sein Herz klopfte gewaltig —, „wir haben das Mittel der
+Tortur. Jedenfalls werde ich Doña Maria de Calabreña noch einmal
+sprechen. Ich erinnere mich da der Worte des heiligen Bernardus: ‚Wenn
+du etwas Böses hörst, verurteile deinen Nächsten nicht sogleich,
+entschuldige ihn lieber. Vielleicht hat er es aus Unwissenheit oder
+Übereilung getan.‘ Ich will ihr den Weg aus dem Kerker nicht ganz
+verrammeln.“</p>
+
+<p>„Das ist aber, soviel ich weiß, nicht die Gepflogenheit in Cordoba,“
+sagte der Fiskal augenzwinkernd.</p>
+
+<p>„Wir aber leben in Granada,“ entschied Pater Leon selbstbewußt. Er fand
+in seiner Verworfenheit noch den Mut zu einer heuchlerischen Verbrämung
+seiner Missetat.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Zweiunddreissigstes_Kapitel">
+ Zweiunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>n einem beschlagnahmten Palast eines ausgewanderten Maurenfürsten
+beim Elvirator arbeitete das heilige Offizium. Über dem Tor stand
+die Aufschrift der Inquisition: <span class="antiqua" lang="la">Exurge Domine; judica causam
+tuam, capite nobis vulpes</span>. Die Fenster des gegenüberliegenden
+Hauses waren vermauert worden. Im Secreto, dem Gerichtssaal im ersten
+Stockwerk, standen die Truhen mit <span class="pagenum" id="Page_289">[S. 289]</span>den Anklageakten. Durch einen engen
+Korridor über eine gewundene Treppe hinab gelangte man zur Folterkammer
+unter der Erde. Kein Seufzer, kein Schrei drang aus dieser Grabestiefe
+herauf. Die Fenster des Secreto waren auch bei Tag verhängt, wenn das
+Gericht tagte. Scheute man das Licht der Sonne?</p>
+
+<p>An dem schwarzbehangnen Tisch des heiligen Offiziums saßen der
+Inquisitor Pater Leon, der Fiskal Pater Collades, zwei Konsulatoren
+des weltlichen Gerichts und zwei Dominikaner als ehrbare Zeugen. In
+einer Nische wartete der Portero, der Pförtner, der die Vorführung zu
+besorgen hatte.</p>
+
+<p>Es wurden viele Schriften hin und her gereicht. Die Mitglieder
+flüsterten, und es war, als drückte ein schwerer Gewitterhimmel über
+die Gemüter. Granada war in Erregung. Die Verhaftung des königlichen
+Hauptmanns hatte alle Granden empört. Man vermutete, daß damit der
+Anfang zu weitern Schrecken wie in Toledo gemacht war. Niemand konnte
+begreifen, wieso der Graf de Mora in Verdacht kam, Ketzerei getrieben
+zu haben, wiewohl der erste Gedanke auf das schöne Königskind fiel,
+die ihn vielleicht im Glauben wankend gemacht haben konnte. Die beiden
+großen Maurenfreunde, der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz, an
+die Hernando de Rojas mit dem Eifer seiner Freundesseele herangetreten
+war, setzten sich bei der Königin vergebens für den Beschuldigten
+ein. Auch Fernando wies auf die unangreifbare Macht der Inquisition
+hin, an der selbst der Papst nicht zu rütteln vermochte. Die beiden
+Granden versammelten heimlich viele andalusische Edle bei sich, aber
+ihr rührender Rettungseifer scheiterte an der Furcht der Gemüter vor
+den Nachstellungen des heimlichen Gerichts. Nur wie ein dumpfes Grollen
+ging es von Palast zu Palast. Es war eine Schmach für den spanischen
+Adel, der wehrlos der Entrechtung durch die Inquisition preisgegeben
+war.</p>
+
+<p>Ximenes war nach Toledo gereist. Leon durfte mit dem unbegrenzten
+Vertrauen des Erzbischofs Wucher treiben. Das Machtbewußtsein leuchtete
+ihm von der gelblichbraunen, vorgewölbten <span class="pagenum" id="Page_290">[S. 290]</span>Stirn, es prägte sich in dem
+scharfen Lippenzug aus, der seinem Gesicht heute eine ungewöhnliche
+Härte gab, in dem eisigen Blick, der selbst die Mitglieder des Rates im
+Innern frösteln machte. Wie konnte diese mitleidslose Seele die Sonne
+fühlen, die draußen frühlingswarm über den rötlichen Steinkolossen
+der Alhambra lag. Hier waren Kälte und Schatten zu Gast, die würdigen
+Begleiter einer Handlung, bei der diese Menschen Gottes allerwärmende
+Kraft als störend empfunden hätten.</p>
+
+<p>In der Hand eines Mönches knisterte das verleumderische Papier des
+Don Silvio, das Zeugenmacht erlangt hatte. Der Familiare wollte von
+Chispazo, dem Diener des Grafen, allerhand verdächtige Äußerungen
+gehört haben, die nun, sorgfältig niedergeschrieben, als wuchtiges
+Anklageinstrument dienten. Da waren angebliche Reden über die
+wohltätige Kraft des Korans zu lesen, es stand geschrieben, der Graf
+sei selbst auf dem Gebetsteppich gekniet, er habe sich umständlicher
+Waschungen befleißigt und habe über die Beichte abfällig gesprochen.
+Auch die erfundenen Aussagen der Doña Leonore de Uceda lagen
+wohlgeordnet auf dem Papier. Ihr eifersüchtiges Herz hatte sie in
+Gift entleert. Der Unrat ihres Hasses war in drei Anklageblättern
+aufgespeichert. Ein furchtbares Lügengewebe war verfertigt worden, und
+es wurde als Netz um das Haupt des wehrlosen Menschen gelegt.</p>
+
+<p>Ein Stuhl wurde gerückt. Der Inquisitor erhob sich. „Die Weisheit
+dieser Welt ist Torheit vor Gott. Aber laßt uns dennoch versuchen,
+weise und gerecht zu urteilen.“ Er gab dem Portero einen Wink. „Holt
+den Inquisiten Don Pedro de Solar Grafen von Mora.“</p>
+
+<p>Bald darauf öffneten sich die Türflügel, und der Graf schritt unter
+der Hut zweier Alguaciles herein. Empörung, Leid und Kerkerhaft
+hatten seine männlich schöne Gestalt gebrochen, doch versuchte er
+sich aufrecht zu erhalten. In seinem Gesicht, blaß wie Gips, brannten
+die Augen wie Wolfsleuchten, umgeben von grauen Höfen, den Zeichen
+durchwachter Nächte. Seine Züge waren wieder wie einst streng und hart
+geworden. Als er den <span class="pagenum" id="Page_291">[S. 291]</span>Pater Leon vor sich sah, stockte sein Fuß. „Ich
+will vor keinem befangenen Richter stehen,“ sagte er gelassen.</p>
+
+<p>Leon sah die Beisitzer des Gerichts an. „Ich wüßte nicht, daß ich dem
+Grafen je Gelegenheit gegeben, an meiner Unbefangenheit zu zweifeln.“</p>
+
+<p>„Doch,“ erwiderte dieser. „Ich habe gegen Euern Willen ein maurisches
+Mädchen verteidigt.“</p>
+
+<p>Der Dominikaner lächelte. „So etwas vergißt sich schnell. Stimmt ab,
+ihr Herren.“</p>
+
+<p>Gleich darauf war es entschieden: Die Bitte des Grafen wurde abgelehnt.</p>
+
+<p>„Weshalb steh ich hier?“ warf sich Mora selbst in den Strom des Verhörs.</p>
+
+<p>„Vor allem seid gebeten, nur auf das zu antworten, was man Euch fragen
+wird. Und schwört, alles geheimzuhalten, was Ihr hier sagen, was Ihr
+hören werdet.“</p>
+
+<p>„Soll ich hier so Ungeheures erfahren, daß Ihr es vor den Augen der
+Mitwelt bedecken müßt?“ erstaunte der Graf.</p>
+
+<p>„Darüber sind wir Euch keine Rechenschaft schuldig. Schwört.“</p>
+
+<p>„So lege Euch Gott diesen Schwur auf Euer Gewissen.“ Er erhob die
+Eidfinger.</p>
+
+<p>Dann befragte ihn der Inquisitor über sein Leben und das seiner
+Vorfahren. Mit Stolz bekannte er sich als Sohn des Grafen de Mora, der
+nahe daran war, mit dem Sanbenito verflucht zu werden.</p>
+
+<p>„Ich habe die Prozeßschrift Eures Vaters dieser Tage gelesen,“ sagte
+Leon, „und es ist eigentlich ein laufender Prozeß.“</p>
+
+<p>„Nicht abgeschlossen?“ fuhr Mora auf. „Er könnte also jeden Tag —?“</p>
+
+<p>„Neu aufgenommen werden,“ nickte der Inquisitor.</p>
+
+<p>„Der Tote kann sich nimmer verteidigen.“</p>
+
+<p>„Aber die Lebenden können noch immer zeugen.“</p>
+
+<p>„Ihr macht furchtbare Schlüsse. Und wenn man ihn schuldig erkennen
+würde?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_292">[S. 292]</span></p>
+
+<p>„Könnten seine Gebeine den reinigenden Flammen übergeben werden.“</p>
+
+<p>Der Graf wankte auf den Ketzerrichter zu. „Das — kann — nicht —
+sein. Den Erdenrest verbrennen —?“</p>
+
+<p>„Wir gehen weiter. Ihr habt dann ein Maurenmädchen kennengelernt, die
+natürliche Tochter des ehemaligen Königs von Granada, die nunmehr
+getaufte Doña Maria de Calabreña.“</p>
+
+<p>Das bleiche Antlitz des Inquisiten rötete sich. „Ja,“ sagte er leise.
+„Durch sie wurde ich der Mensch, der vor Euch steht.“</p>
+
+<p>„Wir fragen Euch nun, ob Ihr allen Glaubensvorschriften nachgekommen
+seid.“</p>
+
+<p>Der Graf nickte stumm.</p>
+
+<p>„So bekreuziget Euch und sprecht das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser
+und das Ave-Maria.“</p>
+
+<p>Don Pedro sprach alles mit klarer Stimme und mit der tiefen Überzeugung
+seines gläubigen Herzens.</p>
+
+<p>„Wißt Ihr die Ursache Eurer Verhaftung?“ fragte der Inquisitor.</p>
+
+<p>„Nein. Ich weiß nur, daß ich dem König wertvolle Dienste geleistet,
+daß ich tapfer vor dem Feind gestritten und nicht um Haaresbreite vom
+Glauben gewichen bin.“</p>
+
+<p>„Die Verdienste mag der König belohnen. Die Kirche muß sich Eurer
+Sünden erinnern, mit denen Ihr Gott beleidigt.“</p>
+
+<p>„Ich dachte, dafür sollte der Beichtstuhl dienen.“</p>
+
+<p>„Eure Sünden überschreiten die Macht der Lossprechung. Wir ermahnen
+Euch, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“</p>
+
+<p>„Ich habe nichts auf dem Gewissen,“ sagte der Graf seelenruhig.</p>
+
+<p>„Wir ermahnen Euch zum zweitenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem
+Gewissen habt.“</p>
+
+<p>„Ich habe nichts zu bekennen,“ erwiderte der Graf mit derselben Ruhe.</p>
+
+<p>„So denket nach, ob Eure Seele nicht beschwert ist durch gewisse
+Äußerungen —“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_293">[S. 293]</span></p>
+
+<p>Da riß sich der Beschuldigte aus der Gelassenheit. „Zeigt mir den
+Menschen, der mich verleumdet hat.“</p>
+
+<p>Alle Mitglieder des Gerichts saßen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da.
+Der Graf wurde durch dieses Schweigen furchtbar erregt. „Ich will den
+Menschen sehen. Ich war einst hart. Meine Härte kann mir Feinde gemacht
+haben. Ich will ihre Namen wissen.“</p>
+
+<p>Das Haupt Leons erhob sich langsam. „Wir ermahnen Euch zum drittenmal,
+alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“</p>
+
+<p>„Ich kann nichts bekennen, wenn ich nicht weiß, wessen man mich zeiht.“</p>
+
+<p>„Bekennet!“</p>
+
+<p>„Sagt, was ich getan haben soll.“</p>
+
+<p>„Eben das sollt Ihr sagen.“ Es flog wie ein höhnender Pfeil in des
+Grafen Brust.</p>
+
+<p>„Gebt mir nur einen Anhaltspunkt, ihr Herren. Seid barmherzig, ihr
+Herren, sagt mir, was man mir aufbürdet.“</p>
+
+<p>„Ihr habt nie ketzerisch gesprochen und gehandelt?“</p>
+
+<p>„Wann? Wo?“ entsetzte sich Mora.</p>
+
+<p>„Eben das sollt Ihr uns sagen. Bekennet.“</p>
+
+<p>„Ich kann nichts bekennen!“ schrie nun der Graf verzweifelt auf. „Ich
+befolgte alle Gebote der Kirche, ich sprach alle vorgeschriebenen
+Gebete, ich ging jeden Tag in die Messe — wozu zwingt ihr mich, ihr
+Herren? Ich kann nichts als die Wahrheit sagen.“</p>
+
+<p>„Eben die wollen wir wissen. Sie steht schon auf diesen Papieren. Ihr
+braucht sie nur zu bestätigen.“</p>
+
+<p>„Ich kenne sie doch nicht, lest mir vor, was da steht.“</p>
+
+<p>„Wir dürfen es nicht. Bekennet.“</p>
+
+<p>Der Graf glaubte wahnsinnig zu werden. Er stand vor einem leeren
+Nichts. Nun krampfte es sich aus seiner Brust: „Verflucht sei mein
+Verfolger, sein Wesen vergehe vor Gottes Angesicht, der Teufel jage
+nach seiner Seele, und alle menschliche Kreatur wende ihr Antlitz mit
+Schaudern von ihm ab.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_294">[S. 294]</span></p>
+
+<p>Der Inquisitor starrte regungslos vor sich hin. Die Schauer des Fluches
+webten sich vor seinem Auge um das Haupt der schönen Moriska zusammen.</p>
+
+<p>„Fragt mich doch um des Heilands willen aus. Habe ich in der Anbetung
+der Heiligen zuwenig Eifer gezeigt? Habe ich unbewußt Gott gelästert?“</p>
+
+<p>Nur des Dominikaners Finger spielten mit dem Anklageblatt, sein übriger
+Mensch blieb regungslos, so daß dem Grafen der Zorn im Herzen brannte.
+Die zwei Patres nickten schläfrig vor sich hin. Endlich rekelte sich
+Pater Leon aus seiner Starrheit. „Der Fiskal erhebe die Anklage.“</p>
+
+<p>Der schwüle Rauch der Kerzen machte die Luft stickig, die lautlose
+Stille legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf die Brust des
+Inquisiten.</p>
+
+<p>Dumpf wie aus Erdentiefen tönte die Stimme des Fiskals: „Im Namen
+des vom heiligen Gericht in Cordoba bevollmächtigten Tribunals in
+Granada! Don Pedro de Solar Graf von Mora, daselbst geboren im Jahre
+des Herrn Eintausendvierhundertsechzigundacht, Ritter des Ordens von
+Santiago de Compostela, Hauptmann der königlichen Wache in Granada,
+wird beschuldigt und ist durch Aussagen überführt, in Dingen des
+katholischen Glaubens zu wanken und durch Äußerungen verschiedener
+Art gegenüber glaubwürdigen Personen dargetan zu haben, daß er den
+christlichen Glauben mißachtet und Gottes heilige Gebote übertreten
+hat. Er hat gesagt, er wisse von Gottes heiliger Dreieinigkeit wenig
+oder nichts. Er hat den Propheten Mohammed einen großen Mann genannt
+und behauptet, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes gewesen —“</p>
+
+<p>Der Graf greift mit den Händen nach der Stirn. „Seid Ihr — wahnsinnig?
+Oder bin ich es?“</p>
+
+<p>Ungerührt schnarrte die Stimme des Fiskals: „Auch sagte er, Jesus sei
+ein Prophet und die Hostie ein unscheinbares Ding, und er schüttelte
+den Kopf, wenn man davon sprach. Er las mit einer gewissen Person
+den Koran, besonders die Suren vom Paradies und nannte des Propheten
+Religion erhaben, lobte auch <span class="pagenum" id="Page_295">[S. 295]</span>die Art der Moslims, vor Gott auf dem
+Gebetsteppich zu knien, ja, er kniete auch selbst auf diesem Teppich,
+mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt. Er hat über die Beichte abfällig
+gesprochen und sich regelrechter Waschungen nach islamitischer Art
+befleißigt. Dies alles beweist die Verleugnung des alleinseligmachenden
+katholischen Glaubens, wenngleich der Graf äußerlich noch in dessen
+Lehren beharrt. Über alles dies richte das heilige Offizium. Das
+Vermögen des Inquisiten wurde vom Sequestrado bis zum Ausgang des
+Prozesses beschlagnahmt. Das heilige Tribunal von Granada im Namen des
+Inquisitoriats von Cordoba.“</p>
+
+<p>Durch die Stille hetzte der Atem des gemarterten Grafen. Seine Augen
+starrten ins Leere, in seiner Brust wogte ein furchtbares Chaos.
+Lüge, Haß und Niedertracht warfen ihn zu Boden, seine Ehre lag im
+Staub, Bösewichter spielten Fangball mit ihr, Hyänen verkrallten sich
+in seinen wehrlosen Leib, um ihn auszusaugen und aus dem Reich der
+Lebendigen zu stoßen. Und über den Köpfen dieser Teufel, die Kläger
+und Richter in einer Person waren, leuchtete Christi unbeflecktes
+Sterbekreuz, und der Herr sah seinen Jammer und stieg nicht herab,
+seine satanischen Widersacher zu zermalmen. Warum fuhr er nicht wie
+einst mit der Geißel unter die Tempelschänder? Schändeten diese nicht
+auch sein Heiligtum, sein Herz, seine Lehre? Er wollte sich mit der
+Inbrunst eines herzaufwühlenden Gebetes vor das Kreuz niederwerfen, um
+ein Wunder zu erflehen. Aber da klang schon die Stimme des Inquisitors
+an sein Ohr. „Wollt Ihr nun bekennen, Graf de Mora?“</p>
+
+<p>„Nun bekenne ich feierlich vor Gott und den Heiligen, daß alles erlogen
+ist, was hier geschrieben steht. Die Erde verschlinge meine Feinde wie
+einst die Rotte Korah.“</p>
+
+<p>„Wir ermahnen Euch zum letztenmal: Bekennet!“</p>
+
+<p>Der Graf keuchte in die furchtbare Stille und schwieg.</p>
+
+<p>„So wird die barmherzige Kirche jammern müssen über Euch und das Leid,
+das sie Euch anzutun gezwungen sein wird. Sie weinet über Euch und
+ist fassungslos über Eure Reuelosigkeit. <span class="pagenum" id="Page_296">[S. 296]</span>Aber wie sagte Innozenz?
+Demjenigen, der Gott keine Treue hält, soll auch keine gehalten werden.
+Oh, bei Christi allerbarmender Liebe beschwören wir Euch: Bekennet, daß
+wir gegen unsern Willen nicht gezwungen werden, Euch zu zwingen. Ihr
+unterschätzt vielleicht die uns von Gott gegebene Macht.“</p>
+
+<p>„Es ist die Macht, die ihr euch selbst genommen!“ rief der Graf mächtig
+aus.</p>
+
+<p>„Schreibt das auf, Pater Diego, die Kühnheit verdient festgehalten zu
+werden. Ihr wollt also nicht bekennen?“</p>
+
+<p>Da schleuderte der Graf seinen Peinigern das Feuer seiner Empörung in
+die entsetzten Gesichter. „Ich bekenne nichts — aber ich erkenne,
+daß ihr Vernunft und Gefühl gemordet habt, daß die alte Freiheit der
+spanischen Granden vor der Glaubenstollheit eurer Mönche im Staube
+liegt, daß ihr das von Gott ins Herz geschriebene Gesetz leugnet, daß
+ihr aus eures Vaters Haus eine Mördergrube gemacht habt, daß euer
+Werkzeug das Entsetzen, eure Waffe Gift ist, und daß euer Rasen weder
+vor Lebendigem noch Totem stillhält. Ich erkenne, daß die sanfte Glut
+der Religion unseres Nazareners durch haßverwirrte Priester zu einem
+verzehrenden Feuer entfacht wurde, das tausend Herzen verbrennen soll.
+Grimm und Wut heißen eure Helfer, die die Christenlehre zerbrochen
+und dem Prophetenglauben ewigen Krieg angesagt haben. Ihr lehrt den
+menschenliebenden Sohn Gottes hassen, indem ihr in seinem Namen
+Missetaten verübt. Dann will ich lieber Götter ehren als einen Gott,
+dessen Reichsverweser Teufel sind.“</p>
+
+<p>Leon war kreidebleich geworden. Die Griffel der Schreiber flogen über
+das Papier.</p>
+
+<p>„Ihr könnt Euch selbst nicht mehr verteidigen, denn Eure Zunge raset,“
+sagte der Inquisitor. „Wollt Ihr nun einen Abogador&#x2060;<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> anerkennen?“</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Abogador = Rechtsanwalt.</p></div>
+
+</div>
+
+<p>Der Graf schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>„Höret, Graf de Mora. Wir züchtigen Euch nur um der übrigen Menschen
+willen. Diese leben sicherer, wenn sie wissen, <span class="pagenum" id="Page_297">[S. 297]</span>daß das Böse von Euch
+genommen. Tut Buße, daß Euch die Kirche wieder aufnehmen kann in
+Gnaden. Die Strafe ist keine Freude für uns. Tut Buße!“</p>
+
+<p>„Ich habe nichts zu büßen. Wohl habe ich mich über die Schwachheit der
+Mauren erbarmt, aber nie war ich Verteidiger ihres Glaubens. Es war ein
+Engel Gottes, der mich das Mitleid lehrte, gesandt, um mir die Augen zu
+öffnen. Ja, dieses Mädchen war die Mittlerin der Duldung.“</p>
+
+<p>„Schreibt das nieder, Pater Diego.“</p>
+
+<p>„Schreibt es nieder und setzt dazu: Sie erschloß mir die Weisheit ihres
+Propheten, ehe sie Christin wurde.“</p>
+
+<p>„Sie ist es nicht mehr,“ wehte es eisig von den Lippen Leons.</p>
+
+<p>Da erschrickt Don Pedro de Solar bis ins Mark. „Sie — ist
+zurückgekehrt — zum alten Glauben?“</p>
+
+<p>„Noch nicht. Aber der Kirche erbarmender Arm hat sich ihrer auf dem Weg
+dahin als Ketzerin bemächtigt.“</p>
+
+<p>„Sie — ist —?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Graf den
+Priester an.</p>
+
+<p>Dieser nickte sein entsetzliches Ja.</p>
+
+<p>„Reija gefangen! Reija! Reija!“ Schreck, Zorn, Wut brauen sich in
+seinem Herzen zu einem gräßlichen Pandämonium zusammen. Seine Arme
+taumeln wie zuckende Schlangen in die Luft. „Gesetz — Menschlichkeit
+— alles dahin! Umnachtet die Vernunft! Die Blume zertreten, deren Duft
+jedes Herz mit Wonnen erfüllt — zerrissen ihre Brust, die nur für
+Liebe schlug — von Priesterhänden geknickt — o Henker — blutsaugende
+Henker!“</p>
+
+<p>Da rief Leon nach dem Knebel. Des Grafen ergrimmte Fäuste warfen die
+Alguaciles rechts und links nieder. „Gottschändende Teufel! Schergen
+des Satans! An dieser Liebe sättigt sich euer Haß und die Glaubenswut
+eurer verruchten Hirne! Die haben sie aus der Hochliebe Christi
+herausgestoßen und zurück in die blühende Welt, aus der sie kam und
+die ihr Sünde und Irrglauben nennt. Wehe, wenn ihr diese martert! Wenn
+ihr die <span class="pagenum" id="Page_298">[S. 298]</span>Unschuld in brennende Gewänder hüllt, wenn in Glut aufgehen
+soll, was Gott in seinem Schöpferwillen zur Freude geschaffen! Hört es,
+Dominikaner! Brennt dieses Mädchens Wunderleib anklagend zum Himmel,
+dann entzündet ihre Glut ein ganzes Volk, und alles, was diesen Brand
+im eignen Herzen fühlt, wird sich wie ein einziges Feuermeer erheben
+und euer mönchisches Gezücht niedersengen, bis eure Asche sturmverweht
+in alle Lande fliegt!“</p>
+
+<p>Die Mönche zittern. Leon allein ist furchtlos. „Die Wache!“</p>
+
+<p>Fünf baskische Bären im Panzer stürzen herein und umringen den Grafen.
+Die schäumende Kraft des Ebers ist gebrochen. Seine Augen rollen noch
+im nachbebenden Zorn, aber im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit bricht
+sein letztes Wehren zusammen. Verkämpft hängen die Arme an den Lenden
+herab, sein Kopf fällt auf die Brust, und durch sein Hirn braust ein
+Strom müder Gedanken — Leon, Reija, Kerker, Teufel, Flammen, Koran,
+Jesus, Tanz — alles wirbelt zu einer zähen, breiigen Masse zusammen
+und ergießt sich, Gefühle und Gedanken erstickend, in sein Inneres.
+Inmitten der klirrenden Panzer wankt er hinaus. Hinter ihm knarrt
+heiser die Tür.</p>
+
+<p>Pater Leon steht bleich, aber gefaßt da. „Ihr habt diese Zunge, das
+prahlende Organ eines gottverfluchten Herzens, gehört. Sie könnte
+leicht tausend entzündbare Herzen vergiften, zu denen sie spricht.“</p>
+
+<p>„Eine solche Zunge verdient nicht, lebendig zu bleiben,“ entsetzte sich
+gehorsam einer der Dominikaner.</p>
+
+<p>„Die Überzeugung unseres göttlichen Rechtes ist ein Festungsbau, den
+stärkere Kanonen stürmen müßten,“ sprach siegessicher Pater Leon. „Oder
+sollte der heilige Augustinus, der große Leon und die Kirchenväter
+unrecht haben, die um der Lehre des alleinseligmachenden Glaubens
+willen den Ketzer vertilgt wissen wollten? War nicht Gott selbst der
+erste Inquisitor, als er Adam und Eva aus dem Paradiese trieb? War
+nicht jenes Tierfell der vertriebnen Menschheit das erste Sanbenito?
+Erschreckt nicht vor dem Hochmut der Ketzerzunge. Wer nicht mit
+<span class="pagenum" id="Page_299">[S. 299]</span>mir ist, der ist wider mich. Und wer nicht in mir bleibt, sagt der
+Evangelist Johannes, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt,
+und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, daß sie verbrenne.“ Er
+verhüllte in geheucheltem Schmerz sein Haupt und sagte: „So bereitet
+denn für morgen die Folter. Doch gebt dem Inquisiten vorher den süßen
+Wein von Almontillado zu trinken, daß er sich stärke. Wenn er wieder
+tobt, gebt ihm die Mordaza, den Knebel.“</p>
+
+<p>Da erhob sich einer der Konsulatoren. „Vom Standpunkt des königlichen
+Gesetzes erachten wir, daß der Inquisit ein Bekenntnis abgelegt und von
+der Folter abzusehen wäre.“</p>
+
+<p>„Noch hat er nicht bekannt,“ entgegnete der Inquisitor, und die Mönche
+nickten.</p>
+
+<p>„Seine Anklagen und Verunglimpfungen des heiligen Offiziums gleichen
+einem Bekenntnis.“</p>
+
+<p>„Wir haben nicht Verunglimpfungen abzuwehren, die Kirche will den
+Sünder reuig und geständig wissen. Don Pedro de Solar Graf de Mora muß
+bekennen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“</p>
+
+<p>In die Unmenschlichkeit dieser Herzen wehte das heilige Wort, ohne
+sie von der Besessenheit zu erlösen. Gnadenlos übergaben sie alle den
+‚Feind Gottes‘ der körperlichen Qual.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Dreiunddreissigstes_Kapitel">
+ Dreiunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">I</span>n der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers.
+Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten.
+Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die
+Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle
+Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht
+hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer,
+Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch — so sieht der Ort aus, wo jetzt
+ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña <span class="pagenum" id="Page_300">[S. 300]</span>war
+freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen
+Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den
+Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer
+Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis
+umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten
+die Getreue vertrieben.</p>
+
+<p>Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung
+ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht,
+nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise
+lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.</p>
+
+<p>Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und
+sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe
+verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren
+Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.</p>
+
+<p>Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält
+liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu
+nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes
+Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn
+stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von
+Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde,
+funkelnde Schwerter — Gottes goldne Engel steigen herab — Engel —
+Engel —“</p>
+
+<p>Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon.
+Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit
+weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.</p>
+
+<p>„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels.
+Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand
+des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“</p>
+
+<p>Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_301">[S. 301]</span></p>
+
+<p>„Ob Ihr beichten wollt?“</p>
+
+<p>„Mann — o Mann Gottes — was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr
+Leid heraus.</p>
+
+<p>„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem
+glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen
+Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage
+nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen
+stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er
+berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken,
+unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche
+Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die
+in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch
+begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der
+Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten
+Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von
+Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser
+Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein
+Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem
+war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda
+gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl
+gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen
+die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst
+darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine
+Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten
+Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es
+erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und
+bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe,
+schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er
+die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.</p>
+
+<p>„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen
+Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes <span class="pagenum" id="Page_302">[S. 302]</span>Bitten in seine
+verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu
+schonen —“</p>
+
+<p>„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die
+Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen
+lassen.“</p>
+
+<p>Sie schrak zusammen. „Das — könnte er — wieder tun?“</p>
+
+<p>Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn
+der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß.</p>
+
+<p>Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren
+Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr — mit dem Grafen — gemacht?
+Habt Erbarmen mit mir — Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“</p>
+
+<p>„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich
+sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“</p>
+
+<p>„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf.</p>
+
+<p>Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele.
+Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der
+Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie
+Ihr.“</p>
+
+<p>„So ändert unser Schicksal.“</p>
+
+<p>„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt
+nicht gern vor der Öffentlichkeit.“</p>
+
+<p>„Und deshalb, Priester — müssen wir — unschuldig leiden?“ Sie warf
+mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin.</p>
+
+<p>„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben
+verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen
+christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“</p>
+
+<p>„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja
+gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“</p>
+
+<p>„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber — es treibt mich noch
+ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt
+in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem
+Schatz Eures Vaters sprechen soll.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_303">[S. 303]</span></p>
+
+<p>„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt
+wurde.“</p>
+
+<p>„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den
+Schlüssel zu dem Geheimnis.“</p>
+
+<p>„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“</p>
+
+<p>„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“</p>
+
+<p>„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart.</p>
+
+<p>„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle
+schlecht um den Grafen de Mora.“</p>
+
+<p>„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf.</p>
+
+<p>„Er wird um das Geheimnis wissen —“</p>
+
+<p>„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst.</p>
+
+<p>„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden
+sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“</p>
+
+<p>„Ihr wollt ihn —? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte
+wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie
+glühende Lava aus ihren Augen.</p>
+
+<p>Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen,
+und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“</p>
+
+<p>„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie.</p>
+
+<p>„Er wird nicht lange widerstehen können.“</p>
+
+<p>Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis
+verrate, ist er — frei?“</p>
+
+<p>„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern,
+sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“</p>
+
+<p>„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe
+finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz
+haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn
+und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer,
+um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_304">[S. 304]</span></p>
+
+<p>„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu
+wirken vermag.“</p>
+
+<p>„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus.</p>
+
+<p>„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den
+Tücken des Ungläubigen.“</p>
+
+<p>„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird — helft mir, guter,
+lieber Pater — versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie
+schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter
+Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden
+Blicken lag.</p>
+
+<p>„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den
+Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt.</p>
+
+<p>Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das
+erlösende Wort kommen sollte.</p>
+
+<p>„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“</p>
+
+<p>„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt
+auf die Brust.</p>
+
+<p>„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man
+schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder
+strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel,
+in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden,
+denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“</p>
+
+<p>„Henker — das alles — um Christi willen?“</p>
+
+<p>„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen —“</p>
+
+<p>Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel — was soll ich dir
+geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus?
+Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“</p>
+
+<p>Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche
+Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück,
+dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht,
+Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund
+der Verruchtheit. Sein keuchender <span class="pagenum" id="Page_305">[S. 305]</span>Atem jagte wie Glutwind über ihre
+angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender
+Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe
+mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus — „mit diesem deinem Leib
+speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der
+Liebe!“</p>
+
+<p>„Rasender — wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf.</p>
+
+<p>„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“</p>
+
+<p>„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich
+schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“</p>
+
+<p>Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne
+Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada — mit jedem deiner
+Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte
+seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren
+Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen
+deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein
+anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den
+andern überquillt — o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener
+Liebesnächte — diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust,
+blutend von der Hingabe an ihn — reich’ mir den letzten Rest, den
+deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und
+brennenden Wünschen — sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen,
+was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat,
+ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen,
+ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche
+begehren —“</p>
+
+<p>„O Mensch — Tier — Sohn der Nacht und der Verdammnis — wofür hältst
+du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen.</p>
+
+<p>„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen
+steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen
+Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann.
+Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro
+liegen die einsamen Nonnenzellen <span class="pagenum" id="Page_306">[S. 306]</span>der Büßerinnen in Fels gehauen.
+Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist
+atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen
+Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche
+Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern
+der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar
+Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So
+wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so
+wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt
+bleiben.“</p>
+
+<p>Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie
+brennende Pfeile. „Satan — fürchtest du denn nicht meinen anklagenden
+Schrei vor dem heiligen Tribunal?“</p>
+
+<p>Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick
+wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten
+Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten — Weib, du kennst unsre
+Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen.
+Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen
+Geist der Wahnsinn zerstückelt.“</p>
+
+<p>Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um
+sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren
+Nacken wehen. „Ich — will — dir — meinen Leib — morgen — geben —“</p>
+
+<p>„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter — hab keine Angst —
+die Wache hält am fernen Ende des Korridors —“</p>
+
+<p>„Und wenn ich dir alles gebe — ist Don Pedro — frei?“</p>
+
+<p>Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen
+Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in
+seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für
+dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du
+unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr.</p>
+
+<p>Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte
+auf. „Gib mir den Brief!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_307">[S. 307]</span></p>
+
+<p>„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“</p>
+
+<p>Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten,
+keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten
+Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um
+Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib — gib
+— sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke!
+Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den
+Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte
+wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero
+als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“</p>
+
+<p>Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust.</p>
+
+<p>„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn
+ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen —“</p>
+
+<p>„Würger — mich foltern lassen — eine Königstochter?“</p>
+
+<p>„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du
+deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige
+Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine
+Brüste vor uns dampfen.“</p>
+
+<p>Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die
+Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann.</p>
+
+<p>Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du
+zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende
+Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt
+nichts übrig als die Folter — gemeine Augen werden sich an deiner
+entkleideten Schönheit weiden — oh, es ist nicht auszudenken, Perle
+meines Herzens —.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche
+Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der
+Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon
+sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem
+trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe — der die
+heilige Martina zerreißen sollte — küßte <span class="pagenum" id="Page_308">[S. 308]</span>ihr die Füße — laß mich die
+deinen küssen — komm — komm — das Eis deiner Tugend soll das Feuer
+meiner Leidenschaft schmelzen — Delila!“</p>
+
+<p>In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick
+gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin.</p>
+
+<p>Da weiten sich ihre Augen — gräßliche Gedanken springen sie wie
+Hyänen an — in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn —
+wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut — da wird ihr
+Fuß zur Waffe, er hebt sich empor — schleudert sich auf die Natter —
+„Delila über dir!“</p>
+
+<p>Leon taumelt — fällt — und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas
+Arme nach dem Strick — werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers
+— mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein
+grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht — „Meduse —
+Me—du—se —“ Dann Stille — herzmarternde Stille. Endlos rinnt die
+Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu
+schmerzen — die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke
+zersprengen will — ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein
+Tau zusammen&#8239;—</p>
+
+<p>Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie
+das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht
+Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen — sie
+greift langsam nach dem Körper — sein Gesicht ist verzerrt, um den
+wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn
+sonst, die Augen sind gläsern starr — der Anblick schauert in ihr
+Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht — du hast einen
+Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib — du darfst
+sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper
+mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten
+Sukuums entgegen — der Scheitan reißt ihm die Glieder ab — er war
+ein Fethin, ein Verführer — ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne
+gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_309">[S. 309]</span></p>
+
+<p>Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die
+Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde
+füllen und Granada — nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen
+Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet
+erstarrt.</p>
+
+<p>Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie
+greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf — die heilige
+Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten — oh, wenn christlicher Haß auf
+ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge
+liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein
+kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der
+gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und
+ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr
+glauben als der Lebendigen.</p>
+
+<p>Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene
+Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache.</p>
+
+<p>Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie
+zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das
+rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen
+Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten
+da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem
+Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen,
+langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger
+zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich
+mählich, ihr Körper wächst — sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter
+sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors.</p>
+
+<p>Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija
+weist ihm furchtlos den Freibrief.</p>
+
+<p>Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt
+er kurz.</p>
+
+<p>„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_310">[S. 310]</span></p>
+
+<p>Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der
+Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die
+nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das
+Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein
+trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn
+ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren.
+Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte
+zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der
+Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators.
+Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder
+Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen
+graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt
+sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre
+Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen.
+Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern
+weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen
+Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch —
+Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und
+Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn
+tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln
+— fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes
+Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan
+durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden
+Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn.</p>
+
+<p>Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus
+irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich
+los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da
+drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine
+gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten
+Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von
+Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts
+— da <span class="pagenum" id="Page_311">[S. 311]</span>tauchen die Zinnen der Alcazaba auf — sie ist am Ziel — wie
+ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden — hinter ihrer
+Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen,
+geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken — sie hat noch die Kraft, mit
+den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die
+Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem
+Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder.</p>
+
+<p>Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet — erschrickt
+— er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln — da starrt er in
+das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter
+stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“
+Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen
+Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana
+aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte
+Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das
+halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die
+liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus.</p>
+
+<p>Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege — wie
+bist du heraus?“</p>
+
+<p>Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der
+Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die
+Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen
+entdeckt. „Wo sollen wir hin?“</p>
+
+<p>„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du —
+rafft alles Geld zusammen — ein paar Geschmeide —“</p>
+
+<p>In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im
+Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte
+Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die
+Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija
+trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten,
+turbanähnlichen Tuch umhüllt. <span class="pagenum" id="Page_312">[S. 312]</span>So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet
+sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim,
+gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen
+Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber.
+Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung
+entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende
+Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann
+wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das
+Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein
+dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein
+heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert.</p>
+
+<p>Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem
+sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei,
+hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch
+und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem
+Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden.
+Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und
+öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt
+maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten.</p>
+
+<p>Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und
+blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese
+Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die
+Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als
+trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben — gelblichrotes
+Gestein — der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten
+die Rosse — es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes
+Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber
+die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren
+Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen?
+Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod
+zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr
+entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines <span class="pagenum" id="Page_313">[S. 313]</span>Menschen. Wie
+viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf — die
+Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues — was half der Mord
+dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt!</p>
+
+<p>Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe
+zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum
+Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid
+geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als
+sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf
+Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs
+Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert,
+allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an
+das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier
+der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die
+durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter
+Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so
+schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta,
+eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon
+erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor.</p>
+
+<p>Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch
+weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und
+die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort
+abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle,
+gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die
+Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der
+Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern
+die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen.
+Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in
+Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige
+Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den
+vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf
+der Rosse. Reija hängt <span class="pagenum" id="Page_314">[S. 314]</span>nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals
+ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem
+Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen.</p>
+
+<p>An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann
+ansteigender, bestaubter Weg — durch die blühende Gartenpracht von
+Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden
+Pferde — jetzt — o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta!
+Ihr Maurendörfer Haus an Haus — Cañor da oben! Reija hat noch die
+Kraft, den Jubelruf in sich zu hören — dann bringt sie mit schwachem
+Zügelruck das Tier zum Stehen — die Sinne schwinden ihr — sie fällt
+in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum
+in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten
+Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Vierunddreissigstes_Kapitel">
+ Vierunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>urch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem
+Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt
+die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim,
+der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände
+angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst
+geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr
+zu Ohr.</p>
+
+<p>Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis
+auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten
+sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast
+des Ximenes — der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen —,
+nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen
+schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in
+den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf
+ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen,
+hat unsre Seelen zerschlagen, <span class="pagenum" id="Page_315">[S. 315]</span>unser Jammer hat Gott erbarmt, und er
+hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden
+erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus
+der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt
+es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des
+Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es
+ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!</p>
+
+<p>Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen
+Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die
+Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem
+teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas
+steigt.</p>
+
+<p>Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das
+Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren
+der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds
+heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach
+zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es
+nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen,
+einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das
+letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer,
+der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser
+Gebein jagen.</p>
+
+<p>In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen
+Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs,
+herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die
+Schreckensbotschaft.</p>
+
+<p>Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen
+Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die
+Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte
+vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den
+Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer
+geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_316">[S. 316]</span></p>
+
+<p>Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die
+Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen
+Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen.
+Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter
+scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische
+Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit
+durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin
+seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich
+wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen
+Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer
+Auferstehung des Mönchsleibes.</p>
+
+<p>Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den
+Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er
+kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren
+Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis
+ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit
+seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche,
+wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen
+verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des
+Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener
+sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert
+hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien
+Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter
+Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der
+hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage
+zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die
+Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach
+trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.</p>
+
+<p>„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem
+beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber
+es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die
+nach den Alpujarras führt. Man <span class="pagenum" id="Page_317">[S. 317]</span>hat drei Reiter, darunter eine Frau,
+verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht
+gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen
+nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch
+mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis
+des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort
+vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition
+von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher,
+als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur
+schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“</p>
+
+<p>Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine
+Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser
+hier dazu riet.</p>
+
+<p>„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein
+eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm
+gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch
+gewisse Forderungen des Dominikaners —“</p>
+
+<p>„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.</p>
+
+<p>Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner
+liebte die Frauen — es ist kein Geheimnis mehr —“</p>
+
+<p>Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also
+wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ — er drängte hastig an den König
+heran —, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte?
+Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken?
+Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch
+wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet
+wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor
+fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen
+Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der
+Königin.</p>
+
+<p>Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer
+Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende <span class="pagenum" id="Page_318">[S. 318]</span>aber hat Gott
+geschändet. Lucero komme! Doch — wenn sich Boabdil regt?“</p>
+
+<p>„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische
+Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und
+diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen
+unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim
+gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten
+versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“</p>
+
+<p>„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.</p>
+
+<p>„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen.
+Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben.
+Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora,
+ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels
+angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem
+Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten
+in Heil.“</p>
+
+<p>„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.</p>
+
+<p>„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten,
+wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere
+Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der
+Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles
+für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern,
+auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen
+tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich
+werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke
+den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die
+Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten
+jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar
+handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu
+unterdrücken —“</p>
+
+<p>„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.</p>
+
+<p>„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres
+<span class="pagenum" id="Page_319">[S. 319]</span>wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam,
+hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich
+sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen,
+sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden —“</p>
+
+<p>Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die
+Granden vergessen können? Ximenes!“</p>
+
+<p>„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind.
+Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca
+geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von
+Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche
+Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist
+geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“</p>
+
+<p>Isabella erbleichte. „Ximenes — rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren
+Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte
+er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender
+seine Grausamkeit vergessen.</p>
+
+<p>„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“
+forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein
+geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen
+verkehren.“</p>
+
+<p>„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer
+Gewichtigkeit.</p>
+
+<p>„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen
+den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und
+dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht
+in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit
+übergeben.“</p>
+
+<p>„Relaxierung?“ fuhr der König empor.</p>
+
+<p>„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine
+Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des
+Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun
+möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch
+diesen gefährlichen <span class="pagenum" id="Page_320">[S. 320]</span>alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe
+rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt
+das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten,
+wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung
+des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die
+Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen
+ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung
+durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen.
+Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und
+wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis
+der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle,
+fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott
+gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen
+Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der
+andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des
+heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“</p>
+
+<p>Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also
+zu Ostern ein Autodafé?“</p>
+
+<p>„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas.</p>
+
+<p>„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen
+brennen sehen.“</p>
+
+<p>„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben
+Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch
+leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm
+Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“</p>
+
+<p>„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin.</p>
+
+<p>„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die
+sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche
+Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche
+Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand,
+dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst <span class="pagenum" id="Page_321">[S. 321]</span>hatte den Adel, den
+einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt.</p>
+
+<p>Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn
+hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen
+Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung
+königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den
+Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz
+verlange ich ausreichende Vollmacht.“</p>
+
+<p>Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist,
+den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern
+fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer
+um den Mann.“</p>
+
+<p>„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht
+genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir
+brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern
+sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte
+hinter uns — die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben,
+sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder,
+man muß die Leute nur dran glauben lassen.“</p>
+
+<p>Die Königin durchschauerte es. „Ximenes — wollt Ihr das alles — mit
+dem heiligen Evangelium verantworten?“</p>
+
+<p>Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen
+Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem
+heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche
+mich dazu zwänge.‘ Hoheit — für dieses Ansehen der Kirche ist kein
+Opfer zu groß.“</p>
+
+<p>„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir
+könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht
+auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen
+vorschreibt.“</p>
+
+<p>Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor
+seinen Puppen.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_322">[S. 322]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Funfunddreissigstes_Kapitel">
+ Fünfunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>as abendliche Dunkel hüllt die Berge in ein Büßergewand. Der Mond
+bleicht über dem Barranco de Poqueira und über den hängenden Triften
+von Cañor.</p>
+
+<p>Reija liegt auf dem Espartogras vor der Höhle, von wo sie einst den
+Koran geholt. Um ihr geängstigtes Haupt schweben noch immer die Geister
+der Verfolgung, und ihre Seele schreit nach dem Geliebten. Könnte sie
+ihren Schmerz im Tau seiner Lippen kühlen! Sie werden ihn nun auf die
+Folter spannen, damit er seine Mitwisserschaft an dem Mord bekenne! Sie
+werden ein furchtbares Schuldgebäude errichten, das seine geschwächten
+Kräfte nicht mehr tragen können, und sein gemarterter Geist wird
+bekennen, was er nie gewußt.</p>
+
+<p>Aber dann spielen ihre Gedanken mit Fluchtmöglichkeiten. Sie sieht sich
+geborgen unter dem Dickichtmantel des Irakstrauches, überschirmt von
+dem Friedlicht der Sterne. Der Schrei eines Hirten am Hang zerreißt das
+Trugbild.</p>
+
+<p>Hier liegt sie nun seit Tagen, im Retiro der Mauren, wo die Saumpfade
+himmelan streben, Geier hausen, schwarze Ziegen auf smaragdnen
+Weiden grasen, Hirten bei dem Feuer sitzen und Jäger über das Geröll
+schleichen. Saffana und Malik wechseln einander in der Wache ab. Der
+Sklave durchbohrt mit seinen Falkenblicken das Dunkel, und seine
+Mausohren durchhorchen die Felseneinsamkeit nach jedem kleinsten
+Geräusch. Aber es ist still in den Bergen. Nur Hirten tauschen von
+Hang zu Hang ihren eintönigen Gruß aus, und wenn der Wind günstig ist,
+dringt aus der Tiefe von Cañor ein verirrter Gebetsruf herauf. Noch
+also ist keine Gefahr. Auch die vier Maurendörfer am Talhang bilden
+eine lebendige Schutzwehr, die keinen Verrat kennt. Alle Monfis wachen
+über das Leben des Königskindes, das ihnen durch Boabdils Vaterschaft
+heilig geworden ist. Reija kennt dieses Hirtenvolk, dessen Seele Abu
+Atir noch betreut, als er dem Maurenkönig den Koran las. Diese Schäfer
+haben Treue und Glauben als Gesetzeshüter, sie sind muskelgewaltig und
+<span class="pagenum" id="Page_323">[S. 323]</span>stählern, in ihnen pulst noch das Blut der Wüstensöhne, wenn sie auch
+den Sand mit dem Felsen getauscht. Es sind zungenkarge Männer, selten
+hallt die dörfliche Trift von ihrem Lachen, und ihre Freude ist dem
+Ernst der todesstarren Steinmasse angepaßt. Aber wenn der kriegerische
+Zorn in ihnen aufglüht, dann schaffen sie Taten voll Adlergrimm.</p>
+
+<p>Die Abenddämmerung graut, Schatten steigen aus dem Tal, und bald liegt
+der Mondglanz wie ein bleicher Heiligenschein über den Steinwarten.</p>
+
+<p>Reijas Leid bricht stromweise aus den Augen. Ihre Brust stöhnt
+unter der ins Bewußtsein rückenden Qual. In dieser mondbeschienenen
+Einsamkeit, wo die Natur am Herzen Gottes zu schlafen scheint, fühlt
+ihr empfindsamer Sinn doppelt die eigene Verlassenheit. Ein alter
+Glaube sagt, wenn Gottesfürchtige weinen, zählen zwei Engel, die die
+Taten der Menschen aufzeichnen, ihre Tränen. So werden ihre Engel viel
+zu tun haben, um ihrem Schmerz das Maß anzulegen. Wüßte Abu Atir um
+ihr Schicksal, er ritte mit der Geschwindigkeit des Wüstenrosses in
+die Berge. Nichts weiß sie von ihm. Hat er sein Maghreb erreicht? Ist
+er noch in Salobreña? Und so hat Reija ihr Leben auf eine trostlose
+Gegenwart gestellt, und vor ihr liegt eine verschleierte Zukunft.</p>
+
+<p>Auch von Granada kommt keine Nachricht; die Stadt scheint von einer
+undurchdringlichen Mauer umgeben zu sein. Was bereitet sich vor?</p>
+
+<p>An einem sonnenschweren Spätnachmittag keucht Taleb der Hirte den
+Felshang herauf. Er erzählt: „In Granada hat man den ermordeten Mönch
+bestattet. Die ganze Stadt war auf den Füßen. In die Maurendörfer
+schicken sie spanische Reiter und durchsuchen die Häuser. Aus Cordoba
+ist der neue Inquisitor angekommen, Lucero heißt er, die Moriskos
+nennen ihn den christlichen Teufel.“</p>
+
+<p>Die Angst zersägt Reijas Herz. Nun wird Don Pedro gefoltert! Vielleicht
+in diesem Augenblick. Qual und Furcht greifen in ihre Glieder und
+lähmen sie. Saffana schleppt die Herrin <span class="pagenum" id="Page_324">[S. 324]</span>vor die Höhle und bettet sie
+auf einen Stein. Vor ihr liegt die tagdurchglühte Berglandschaft unter
+dem andalusischen Azur, gegen Süden zu deckt der durchsilberte Dunst
+die Weite über dem Meer, zu ihren Füßen kriechen die ersten abendlichen
+Schatten an den Hängen hinauf, sie gleichen gespenstischen Armen, die
+nach ihr langen. Langsam verblutet im Westen die Kraft der Sonne hinter
+rostroten Dünsten. Hoch oben segelt eine goldumsäumte Wolke durch das
+dunkelnde Blau in der Richtung gegen Granada. Blaßflimmernd gräbt sich
+der erste Stern aus dem Nichts.</p>
+
+<p>Da blickt der scharfäugige Wächter Malik hinter einem Felsblock nach
+dem Felssteig. Seine Miene spannt sich, seine Hand greift nach der
+Armbrust. Saffana späht hinab — erschrickt&#8239;—</p>
+
+<p>Ein Mann klettert herauf, wie gehetzt von bösen Dschinnen. Saffana
+durchfährt es blitzartig — das ist — „O Rose von Andalus,“ flüsterte
+sie über das starrende Gesicht der Herrin hin — „bade dein Antlitz im
+Licht des Glückes — es kommt jemand —“</p>
+
+<p>Reija drückt die Hand jäh ans Herz. „Eswer Ben Zerragh!“ Wie warme
+Meerwellen flutet es über sie hin, löst etwas in ihrem ermatteten Leib,
+daß er sich aufrichtet in gespannter Neugier. Ist er’s wirklich, dessen
+Bild von Zeit zu Zeit in ihrem Geist aufgetaucht war, umglüht von der
+Erinnerung an den Zauber der scheuen Werbung? Wo trieb er sich rastlos
+irrend umher? Wer wies ihm den Weg herauf? Sucht er, ein Verfolgter,
+wieder die Höhle auf oder weiß er, daß sie hier? Verwirrt eilt sie in
+die Höhle und gibt Saffana ein Schweigezeichen.</p>
+
+<p>Der Maurenjüngling klettert durch den abendlichen Schatten heran —
+schwingt sich über Fels und Platte — erklimmt den letzten Steinabsatz
+vor der Höhle. Und nun starrt er in die schreckfrohen Augen der
+Sklavin. „Du —?“ Er tastet mit den zuckenden Händen nach ihrem Kleid.
+Da gewahrt sein Adlerblick den Wächter hinter dem Felsblock. „Bei Gott
+dem Erhabenen, wem gilt die Wehr und Wache?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_325">[S. 325]</span></p>
+
+<p>Saffanas stummer Blick sagt ihm alles.</p>
+
+<p>Der Abencerrage kriecht auf den Knien an die Höhle heran. Seine Augen
+sind voll Wasser, sein Gesicht brennt von Glutwellen. „Ich weiß, was
+dieser Tage in Granada geschehen —“ bebt er leise, wie in Ehrfurcht.</p>
+
+<p>„Darum darfst du hier nicht weilen, Eswer Ben Zerragh.“</p>
+
+<p>„Er darf,“ klang es jetzt weich und traurig aus der Höhle. „Es steht
+geschrieben — Allah akbar.“ Am dunklen Eingang der Höhle leuchten
+Reijas Augen. Schwach wie eine Binse lehnt ihr schlanker Leib am
+Gestein.</p>
+
+<p>„Wer ist der Mann?“ fragt der Abencerrage, beunruhigt auf den alten
+Waffenmann zeigend.</p>
+
+<p>„Der Treuesten einer,“ sagte Reija. Und ihr Blick überfliegt die
+verwahrloste Gestalt des edlen Kömmlings. „Gottes Wille hat dich Wege
+des Unheils geführt, deine Wangen sind hohl —“</p>
+
+<p>„Ich habe wenig zu essen in den Bergen und flüchte von Höhle zu Höhle,
+immer höher dem Eis nach. Die Ratschaften verbergen mich, so gut es
+geht, vor den spanischen Schergen. In Almeria ist man auf meine Spur
+gekommen, eben als ich nach Afrika hinüber wollte. Ich mußte zurück in
+die Alpujarras — aber was soll mein armselig Schicksal — die Tochter
+meines Königs ist in Not —“ Mit der Überschwenglichkeit seines jungen
+Lebens warf er sich zu ihren Füßen hin. „Man verfolgt dich — die
+Maurendörfer sind voll davon — du hast den Priesterteufel Leon erwürgt
+—“</p>
+
+<p>Das Grauen stieg Reija in die Kehle und sie schrie auf. Die furchtbare
+Nacht erhob sich aus dunklen Tiefen. „Leon — hat unsre Seelen —
+gemordet — ich hab’ — seinen Leib —“</p>
+
+<p>„Die Tat ist groß,“ erschauerte Eswer in Bewunderung. „Laß uns stark
+werden, und wir werden es dir danken. Du bist Christin geworden,
+Tochter Boabdils?“</p>
+
+<p>„In meinem Herzen loht der Glaube und das Blut meines Vaters. Der
+Christenglaube machte mich elend. Er ist schön, aber den, der ihn mir
+predigte, hat Schaitan vernichtet.“</p>
+
+<p>In der Höhle brannte das Feuer, beizender Rauch schlich aus <span class="pagenum" id="Page_326">[S. 326]</span>dem
+Gestein. Reijas Leib löste sich als Schattenriß aus der rötlichen Glut
+der Höhlenöffnung. „Warum bist du hierhergekommen, Eswer Ben Zerragh?“</p>
+
+<p>„Ich ahnte, daß dein Weg hierher führe, und bin gekommen, dir zu
+dienen.“</p>
+
+<p>„Wie willst du mir dienen, der du selbst verfolgt bist?“ staunte sie
+ihn an.</p>
+
+<p>„Du hast recht — wie soll ich dir dienen? Was helfen jetzt Hikmet, die
+Lehren der Weisheit? Aber laß mich sinnen — vielleicht läßt uns Gott
+einen Ausweg finden.“ Er setzte sich auf den Felsblock und stützte das
+Kinn in die Hand.</p>
+
+<p>„Weißt du etwas von Abu Atir?“ fragte sie hastig.</p>
+
+<p>„Er ist wie von Gottes Hauch weggeblasen aus der Welt,“ sagte er
+traurig.</p>
+
+<p>„Oh, wenn er die Berber aus Maghreb übers Meer führte! Sein Glaube
+macht aus Wüstenhasen Löwen. Wenn er wüßte, was ich leide, er würde
+Heere aus dem maghrebischen Sand stampfen. Insch’allah!“ Ihre Augen
+glänzten in rührender Not. „Eswer Ben Zerragh — dein Geschlecht ist
+hehr und groß, bei dem Ehrennamen deines Geschlechtes — hilf einem
+Menschen aus schwerer Gefahr!“</p>
+
+<p>Eswers Brust hob sich gewaltig. „Einen Almansor will ich aus mir
+machen, diene ich dir damit, Königskind!“</p>
+
+<p>„Almansor war nur ein Schlachtenheld, du sollst mehr tun, du sollst
+dich selbst besiegen, Abencerrage. Höre, es geht nicht um mich.“</p>
+
+<p>Da schnellte er empor. Selbst im schwachen Licht des Mondes sah sie
+sein verstörtes Gesicht. „Es ist der Feta, von dem gesprochen wird, daß
+Gott sein steinernes Herz weich gemacht hat wie Wachs.“ Reija wandte
+sich erglühend ab. Da wußte er es und flüsterte traurig: „Ist es also,
+daß du mit ihm fliehen möchtest ins süße Tal von Mohabera, wo Liebende
+nichts als ihre Stimme hören? Du liebst den Feta, den Habib deines
+Herzens?“</p>
+
+<p>Durch ihren Körper zuckte der Schmerz, durchsüßt von Liebesglück.
+<span class="pagenum" id="Page_327">[S. 327]</span>„Ich liebe ihn — Don Pedro de Solar — und solange Adler ihre Kreise
+ziehen, werde ich ihn beweinen. Aber ich will ihn befreien.“ Ihre Hand
+griff nach seinem Arm.</p>
+
+<p>Sein Gemüt durchwogte Leid. Und er warf es offen vor sie hin. „O Rose,
+süße Königin der Menschenblumen, weißt du es nicht, daß mir deine
+Wimpern Dolche wurden und deine Blicke Pfeile? Ich sah dich und stand
+in Flammen wie Jakob, als er Rahel sah.“</p>
+
+<p>„Unselig ist mein Wesen, denn es badet die Menschen in Leid,“ jammerte
+Reija, und durch ihre Schultern zuckte der Schmerz.</p>
+
+<p>„Dein Wesen ist Maessema, das himmlische Wasser. Es brachte mir
+Erquickung im Leid der Verfolgung. Und ich flehte zu Gott in stillen
+Stunden, daß er mir schenke deine Hände, deine Brüste, deinen Schoß.
+Vor dieser Höhle sog ich einst deines Atems süßes Ambra ein, während
+du schliefst, und deiner Locken Pracht umnachtete mich, und von deinem
+Mund zogen Ströme von Glück in mein jubelndes Herz, nimmer dürstete
+ich nach dem Tau der Paradiesesmädchen und nach ihrer Brüste lockendem
+Spiel. Und als du am andern Morgen nach Granada zogst und mein Elend
+zurückließest, sandte ich dir meine Lieder nach, gesammelt aus den
+Tränen der Liebe, und ich trotzte der Gefahr und stieg verkleidet in
+die Raubtierhöhle Granada und sang vor dem Alkazar mein sehnendes Herz
+aus in der Nacht —“</p>
+
+<p>„Ich weiß es, Eswer Ben Zerragh,“ sagte sie leise, von Mitleid
+durchrüttelt.</p>
+
+<p>„Und ich tötete einen für meines Volkes heiligen Glauben, wurde
+ergriffen und schmachtete im Turm —“</p>
+
+<p>„Und wer befreite dich, Maurenfürst?“ Im hellern Mond leuchtete ihr
+Auge auf.</p>
+
+<p>„Du warst es — und das gab meiner Liebe neue Nahrung.“</p>
+
+<p>„Nimmer hätte ich’s tun können, wäre er nicht gewesen. Don Pedro de
+Solar litt es um meinetwillen. Er warf seine Eifersucht auf dich und
+ließ es doch geschehen. Er nahm Schuld auf sich im Übermaß der Liebe
+und befreite seinen Nebenbuhler. Sag’ das <span class="pagenum" id="Page_328">[S. 328]</span>den maurischen Männern,
+wohin du kommst. Er ist so groß und hehr. Und nun öffne dein Herz —
+wie will es ihm dieser Nebenbuhler danken?“</p>
+
+<p>Der Maure fühlte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. „Bi nefsi! Gott
+lenkt wunderbar,“ flüsterte er betroffen.</p>
+
+<p>„Das tut er, aber du sollst dir doch den Mund waschen, bevor du seinen
+Namen aussprichst, denn du bist undankbaren Herzens, wenn du nur Worte
+machst.“</p>
+
+<p>„Der Allmilde erhob sein Auge und rettete mich vom Tod und sandte einen
+leibhaftigen Engel — und ich haderte mit ihm und goß meiner Seele
+Unrat in die Tränenschale. O Mädchen, du lehrst mich einen seltsamen
+Weg wandeln, an dem wenig Blumen stehen.“</p>
+
+<p>„Soll dich ein Christ mit Großmut schlagen?“ fachte sie seinen Stolz
+an. „Er hätte dich töten lassen können, aber er schloß die Augen, auf
+daß dein Fuß frei gehen, dein Herz jauchzen könne, wiewohl er wußte,
+daß du mich liebst. Und nun willst du einer von den Fossaha sein, den
+Wohlrednern, die sich auf keine Tat verstehen?“</p>
+
+<p>Eswers Herz lag im Bann des edlen Gedankens, und doch wütete der
+Liebesschmerz darin. „Mädchen, wer sagt dir, daß mir Gott die Kraft
+geben würde zu solcher Tat, vor der alle Liebhaber zurückschauderten?
+Ibn Chazim bin ich, der vergebens liebte und seinem Mädchen doch nicht
+zürnen konnte, weil sie ihn verschmähte. Er folgte ihr wie ein Hund und
+sang seine Lieder in die des andern hinein, der glücklicher war als er.
+Sang, bis seine Seele todmüde war von Liebesschmerz. Segne deinen Ibn
+Chazim! Er wird sich erniedrigen, der Mohadschil deines Brautbettes zu
+sein, der bei eurer Liebesnacht Wache hält. Das gereichte Honigbrot
+soll ihm das Fieber des Herzens stillen. O Mädchen, was soll ich tun?
+Soll ich den Pfeil schnitzen aus dem Hirmbaum und seine Peiniger töten
+aus dem Versteck? Soll ich seine Wächter des Nachts überfallen und die
+Türen seines Kerkers sprengen? Soll ich die Mauren aufrufen zum Kampf
+für einen Christen? Werden sie ihre Lanzen mit Blut röten? Mohammeds
+<span class="pagenum" id="Page_329">[S. 329]</span>Glaube beflügelt keinen Geist und keinen Fuß, wenn es den Kampf für
+einen Ungläubigen gilt.“</p>
+
+<p>Reija machte zornig eine abwehrende Bewegung mit dem Arm. „Schweig,
+Besonnener. Die List kehrt nicht bei stumpfen Geistern ein. Laß unsere
+Gedanken ruhiger gehen. Morgen kommt Jusuf, ein Hirte aus Granada. Don
+Pedro de Solar hat einen wackern Freund, zu dem habe ich ihn geschickt.
+Ich bin erschöpft. Laß uns essen. Sei zart zu mir, denn ich bin
+hilflos.“ Sie wandte sich nach der Höhle.</p>
+
+<p>Bald darauf aßen sie von dem Ziegenbraten und den Garbanzos, den
+Kichererbsen. Es war das Hirtenmahl für ein Königskind. Dann hüllte
+Saffana die weichen Glieder der Herrin in die Schlafdecke. Im schwanken
+Feuerschein wechselte das Licht auf dem leidgezeichneten Gesicht der
+Maurin. Der letzte Qualm rauchte auf, verringelte und erstickte,
+Menschen und Gestein versanken in Nacht.</p>
+
+<p>Der Abencerrage legte sich wieder vor die Höhle hin wie damals, da
+er ihres Atems Hauch zum erstenmal eingesogen. Der Schmerz um seine
+verlorene Liebe flocht dunkle Kränze in sein Gemüt. Über ihm kreisten
+im ruhigen Geleise die Sterne um den Pol und der Mond ließ sein Silber
+in die Nacht tropfen. Es war so still, als ginge Gottes Odem fühlbar
+über die Berge.</p>
+
+<p>Da gebar die Nacht einen funkensprühenden Stern, der sich in erhabenem
+Bogen über das halbe Firmament schwang und dann in dem Gefels zerbrach.
+Eswer deutete das Himmelszeichen als einen Hoffnungsstrahl, den Gott
+gesandt.&#8239;—</p>
+
+<p>Als Eswer die Augen öffnete, saß schon die Sonne zwiegespalten auf
+dem gegenüberliegenden Grat. Bald darauf kletterte der Hirte Jusuf
+die Felsen herauf. Der Bergwind nahm die Backen voll, als wollte er
+alles Gestein zerschlagen, er splitterte scharfe Brocken vom Leib des
+Gebirges ab, rauschte durch die einsamen Stauden, daß sie wie arme
+Sünder am Totenpfahl hin und her baumelten. Der Schweiß perlte über
+des Hirten Stirn. Er warf sich vor Eswer nieder, den er als alten
+Bergfreund erkannte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_330">[S. 330]</span></p>
+
+<p>Reija flog ihm vom Lager entgegen. Ihr Blick versuchte ihm die Worte
+vom Mund zu reißen. Jusuf vermochte kaum Atem zu schöpfen. „Die
+Christen — feiern — Ostern — hört ihr’s alle? Da sollen nun —
+Ketzer brennen.“</p>
+
+<p>Ein herzzerreißender Schrei durchschnitt die Bergstille. In den Armen
+Saffanas lag, zitternd an allen Gliedern, das Königskind. Eswer sprang
+angstvoll heran.</p>
+
+<p>Der hastige Schwätzermund kramte alle Neuigkeiten heraus. „In den
+Carceles liegen die Gefangenen. Man kennt noch keine Urteile. Aber auf
+der Bibarrambla zimmern sie Gerüste. Quemadero nennen sie den Platz, wo
+die Scheiterhaufen stehen sollen.“</p>
+
+<p>„Daß dich Schaitan! Schweig, du Affenreiter, du stinkiges Kamel, siehst
+du nicht —?“ Eswer stieß den Hirten unsanft weg.</p>
+
+<p>Doch Reija wand ihren Leib aus der Schreckenslähmung. „Alles will ich
+wissen. Spricht man — unter den Moriskos — von dem Grafen — de Mora?“</p>
+
+<p>„Er soll auch — unter ihnen sein.“</p>
+
+<p>Ein erstickter Schrei — ihr Arm tastet nach seinem&#8239;—</p>
+
+<p>Da versteht der Hirte. „Die Moriskos reden gar viel — Gott erkennt die
+Wahrheit.“</p>
+
+<p>„Was — reden sie — über den — Grafen?“</p>
+
+<p>„Sie wünschen ihm zehn Hürden vollgepropft mit Kamelen. Sie beten für
+ihn, daß er nicht ins Feuer muß.“</p>
+
+<p>„Hörst du es, Eswer — sie — beten — für ihn, daß er nicht —“ jedes
+Wort würgt sich langsam aus der Kehle. „Und einst — hat er sie — gar
+hart geschlagen — aber nun hat er — für sie — gesprochen — das
+vergessen sie ihm nicht —“ Und plötzlich fährt es wie ein Sturm in sie
+und sie springt auf. „Und wir liegen da in den Bergen und wehklagen
+— Eswer Ben Zerragh — zu Ostern brennen Scheiterhaufen in Granada.
+Sollen wir im Gebirge den Widerschein am Himmel sehen und ohnmächtig
+auf den Knien liegen? Gebet und Tat retten ihn!“ Ihre verschluchzten
+Augen strahlen in Begeisterung.</p>
+
+<p>„Was verstehst du unter Tat?“ fragt Eswer bestürzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_331">[S. 331]</span></p>
+
+<p>„Ihn befreien — oder mit ihm untergehen.“</p>
+
+<p>„Wahnsinnige! Hast du die Künste eines Magribi, eines Zauberers,
+gelernt, um so Unmögliches zu vollbringen? Wo ist unsere Stärke?“</p>
+
+<p>„Unser Wille ist sie!“ flammt Reija auf. „Gott läßt Gnadenströme über
+einen guten Willen fließen.“ Sie schüttelte sich wie ein Fohlen, das
+die Kandare abwerfen will, und ihre Gebote, von der Gewalt ihrer
+Vorsätze getrieben, brachen gleich Bergwässern aus ihrer Brust:
+„Saffana! Malik! Jusuf! Die Maultiere gepackt! Mir ein ledernes Kleid!
+Alpargatas! die Faja um die Hüften, den Dolch! Ihr alle mit als
+Maultiertreiber! Oder als Schahhad! Wir führen Erz oder Obst aus der
+Sierra, wir verstecken unsere Absichten, unsere Geldtasche, unsern Weg.“</p>
+
+<p>Da bäumte sich Trotz und Eifersucht in dem Abencerragen auf. „Du darfst
+nicht von hier fort, Königskind!“</p>
+
+<p>„Feiger Feta! Ich will dich zu einem Abu Turab machen, zum Vater des
+Staubes. Ich jage dich mit der Navaja in diesen Abgrund, wenn du mich
+hinderst. Meinen Geist leitet Thar, die Rache!“</p>
+
+<p>„Es ist Wahnsinn, was du treibst. Wie willst du die Ringe von Wachen
+zerbrechen?“</p>
+
+<p>„Hernando wird helfen — er war sein Freund — Osuna und Orgaz, Freunde
+der Mauren, und gewaltig im Wort und mit den Waffen —“</p>
+
+<p>„Sie sind machtlos gegenüber Priester und Königen, es geschehen keine
+Hirtensiege Davids mehr, die Schwachen müssen unterliegen.“</p>
+
+<p>„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen.
+Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände
+rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in
+die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern
+gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin,
+daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder
+vom Herzen reißen <span class="pagenum" id="Page_332">[S. 332]</span>wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit
+Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden
+wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum
+Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis
+nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich
+will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit
+einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das
+Kampflied der lakhmitischen Frauen?“</p>
+
+<p>Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer,
+dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu
+enden, was sie litten — Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend,
+daß die Locken zittern —“</p>
+
+<p>„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes
+hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist
+mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln,
+bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer
+ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast
+nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben
+dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so
+brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum!
+Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken
+der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu
+lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt
+der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen
+Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht
+werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und
+wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens
+keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“</p>
+
+<p>Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen
+mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir
+und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein
+Trinkgenoß.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_333">[S. 333]</span></p>
+
+<p>Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen
+Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott
+Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana
+und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr
+sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die
+geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der
+Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie
+lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija,
+die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz
+wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre
+Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn
+Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“</p>
+
+<p>„Das Zeichen?“</p>
+
+<p>„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen.
+Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an,
+truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird
+die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die
+Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das
+übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe
+der Bibarrambla bereit.“</p>
+
+<p>Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh
+soll der Ritt aus Cañor gewagt werden.</p>
+
+<p>Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele,
+die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija
+starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der
+Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen
+aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite
+Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der
+Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren
+Gipfel ersteigt.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_334">[S. 334]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Sechsunddreissigstes_Kapitel">
+ Sechsunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>urch den dunklen Gang des Inquisitionsgefängnisses schreitet eine
+Frauengestalt inmitten zweier Wachsoldaten. Vor einer Tür wo ein
+stämmiger Lanzenknecht breitbeinig Wache hält, bleiben die Wächter
+stehen. „Hier ist die Zelle.“</p>
+
+<p>„Ausweis?“ fragte der Lanzenmann.</p>
+
+<p>Einer der Begleiter weist ein Papier vor. „Königliche Vollmacht.“</p>
+
+<p>Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren — Leonore de Uceda tritt
+allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu,
+mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor.</p>
+
+<p>Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf
+schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem
+Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine
+gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der
+Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine
+Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat
+einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der
+schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen
+sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis
+der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum
+imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein
+leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert
+vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen
+umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran.
+Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut
+aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät!</p>
+
+<p>Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie
+zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was — will — dieser Schritt
+— hier?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_335">[S. 335]</span></p>
+
+<p>„Graf de Mora — ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als
+fürchtete sie das Tönen ihres Herzens.</p>
+
+<p>„Wer — gab Euch — ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter
+der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft.</p>
+
+<p>„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein
+Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“</p>
+
+<p>„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten
+Augen.</p>
+
+<p>Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der
+Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten.</p>
+
+<p>„Hat Euch — der König — geschickt? Will er mir — Gnade — schenken?“</p>
+
+<p>Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn
+Priester die Lenker sind.“</p>
+
+<p>„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade — von —
+Ximenes?“</p>
+
+<p>Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel
+hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“</p>
+
+<p>„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“</p>
+
+<p>Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum — habt Ihr
+— das Unselige getan?“</p>
+
+<p>Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’
+doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken
+über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin
+geworden — das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß,
+wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“</p>
+
+<p>„Das — könnte — wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens
+zerstückelte jeden Satz.</p>
+
+<p>„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele
+der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die
+Ewigkeit?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_336">[S. 336]</span></p>
+
+<p>„Ich will — Vergebung — von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust.</p>
+
+<p>Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue
+heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das
+Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“</p>
+
+<p>„Doña Leonore — Ihr häuft Rätsel auf die meinen — helft sie mir
+lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus
+den Fragen des Inquisitors — ich kenne auch nicht den Namen meines
+neuen Henkers — wo ist Leon?“</p>
+
+<p>„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“</p>
+
+<p>Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist
+Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“</p>
+
+<p>Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern
+das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“</p>
+
+<p>Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet
+sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte
+aus seinem Innern. „Sie — ist — gerettet?“</p>
+
+<p>„Geflohen!“</p>
+
+<p>Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei — wie
+Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre
+Worte brechen sich aus seinem Hirn.</p>
+
+<p>Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der
+Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine
+Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte
+er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein
+tropfen. „Reija — geflohen! Oh, barmherziger Engel!“</p>
+
+<p>„Ihr — liebt sie — noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer
+Kehle.</p>
+
+<p>„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“</p>
+
+<p>„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_337">[S. 337]</span></p>
+
+<p>„Bei den ehernen Himmeln! Weib — wer blies dir das ein?“ Er starrt sie
+an.</p>
+
+<p>Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt
+es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie
+dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das
+Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein
+wankendes Christentum an?“</p>
+
+<p>Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija — Reija — mich
+verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija — mich verraten?
+Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß
+Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den
+Polen gleiten, und ich will die Mär glauben — den Verrat Reijas
+glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre,
+wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn
+schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei
+dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner
+Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den
+armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten,
+Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit — oh, der Wille des
+Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von
+Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel
+waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz — über
+ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen — Doña
+Leonore — wie muß sie gelitten haben — sie, vor der der Windhauch
+in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das
+Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den
+zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring,
+der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben
+die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich
+eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie
+hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren
+Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand <span class="pagenum" id="Page_338">[S. 338]</span>ich vor
+dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib — Weib — letze
+meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht
+zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung!
+Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene
+Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und
+Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien —
+die Drachen der Inquisition Deza, Lucero — sie krümmen ihre Leiber im
+Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! — — Du schweigst?
+Deine Augen trauern hinter Floren — deine Blicke schreien: nein!! So
+triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“</p>
+
+<p>„Ungebrochen ihre Kraft — König und Königin ohnmächtig — die
+rebellischen Granden sind gefangen — nach Toledo geführt —“</p>
+
+<p>„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf.</p>
+
+<p>„— Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva — und dein Freund
+Hernando —“</p>
+
+<p>„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen
+Stock hin.</p>
+
+<p>„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen
+heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé — dort
+überraschten sie die Schergen des Ximenes — der weltliche Rat wird ihr
+Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“</p>
+
+<p>Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien —
+wimmernd in Ketten — der Geist der Besten — hört den Freiheitstraum
+verrauschen — sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen
+durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes
+Lachen — zerbrochen durch das Schicksal des Freundes — so werden sie
+dich peinigen wie mich — bis du mürbe geworden — Leonore — sag’ —
+du bist der einzige Bote aus der lichten Welt — sag’ — was beschließt
+man über mich?“</p>
+
+<p>Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und —
+morgen — wird man es dir — verkünden.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_339">[S. 339]</span></p>
+
+<p>Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand.</p>
+
+<p>Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort.</p>
+
+<p>„De vehementi —? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen.</p>
+
+<p>Wieder sank ihr Haupt auf die Brust.</p>
+
+<p>Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das
+Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um
+seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren
+halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein
+Auge ins Dunkel.</p>
+
+<p>Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro — ich
+habe die Macht, dich zu befreien.“</p>
+
+<p>Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die
+plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid
+geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des
+Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine
+Hände griffen in die trüb erhellte Leere.</p>
+
+<p>Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des
+Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde
+Liebe aus deiner Brust — Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge
+nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du
+graß? Dein Auge ist Entsetzen — weg von dir schattet der Todesengel
+und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich
+kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines — alles liegt
+zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem
+kalten Lächeln belohnst — Pedro, Pedro, — Geliebter! Einen Tautropfen
+von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine
+Leonore — sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt:
+ich liebe dich!“</p>
+
+<p>Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam
+bröckelt es sich ab: „Liebst du — mich — wirklich — Doña Leonore?“</p>
+
+<p>„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, <span class="pagenum" id="Page_340">[S. 340]</span>sie
+schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“</p>
+
+<p>„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird —
+entsagen.“</p>
+
+<p>Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren
+Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts.</p>
+
+<p>Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in
+die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija — hörst du es, Weib? Schaff’
+mir Pferd und Schiff — mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“</p>
+
+<p>Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro?
+Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren — und
+ich rette dich.“</p>
+
+<p>„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine
+Königslaune hättet verwenden können.“</p>
+
+<p>Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So
+willst du sterben, Don Pedro?“</p>
+
+<p>„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen
+segnen.“</p>
+
+<p>Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem
+aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen
+malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner
+Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“</p>
+
+<p>Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen
+Gliedern.</p>
+
+<p>„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen
+Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept — Leon hat es
+bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten.
+„Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen
+vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich
+mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir
+ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die
+Hölle meines Hasses.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_341">[S. 341]</span></p>
+
+<p>Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand
+und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder
+durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger
+verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine
+Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen,
+dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein
+käfigbefreiter Parder aufspringen — aber die gefolterten Beine
+knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung,
+klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich
+Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem
+die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von
+seinen Lippen.</p>
+
+<p>Die Wache trat ein. „Die Zeit ist um.“</p>
+
+<p>Mit einem Blick gesättigten Hasses, den Körper hochgestreckt, verließ
+Doña Leonore de Uceda die Zelle. Kein Mitleid klopfte mehr an ihr
+Herz. Priester mordeten um des verzerrten Glaubens, sie um ihrer
+versengten Liebe willen. Bei diesem Opfer hatten sich beide Henker
+die Hände gereicht. Und Don Pedro de Solar fühlte mitten im Toben der
+Verzweiflung: aus diesen Fangarmen der Hölle gab es kein Entrinnen
+mehr. Grausig wie ein gespenstischer Spuk stiegen vor seinem Auge die
+Rauchsäulen des Ketzerfeuers empor. Aus der grauenhaft gepreßten Stille
+sprang plötzlich ein furchtbarer Schrei.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Siebenunddreissigstes_Kapitel">
+ Siebenunddreißigstes Kapitel
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="initial">D</span>er Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt,
+liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes,
+den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien
+fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich
+die Hölle wie toll.</p>
+
+<p>Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero
+von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren <span class="pagenum" id="Page_342">[S. 342]</span>Ostersonntag.
+Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der
+Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des
+ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der
+Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das
+als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien
+wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen
+und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des
+reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in
+den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die
+Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch
+haßverseuchter Richter beleidigt werden.</p>
+
+<p>Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das
+Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch
+die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche,
+Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen
+durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der
+Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden.</p>
+
+<p>In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die
+Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten
+Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte
+Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen
+einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte.</p>
+
+<p>Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge,
+ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den
+Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der
+königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und
+Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor
+dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit
+Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis
+zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer
+<span class="pagenum" id="Page_343">[S. 343]</span>harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die
+die siegende Macht des Christentums künden sollen.</p>
+
+<p>Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt
+von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem
+das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem
+schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist.
+Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die
+andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt
+sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die
+nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch
+psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf
+daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten.
+Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre
+Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor
+den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von
+Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze
+Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der
+Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen.</p>
+
+<p>Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig
+Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend
+geworden. Aber auch das Gerücht hat sich — trotz aller Geheimhaltung
+— Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden
+soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln.
+Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den
+Schergen, die in der Menge verteilt sind.</p>
+
+<p>Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter.</p>
+
+<p>„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein
+Schuhflicker ein paar Zudringliche.</p>
+
+<p>„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut
+sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur <span class="pagenum" id="Page_344">[S. 344]</span>erbarmen sie mich in
+der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen
+werden?“</p>
+
+<p>„Ihr seht doch dort das Holz.“</p>
+
+<p>„Es sollen sechs brennen —“</p>
+
+<p>„Nur einer, höre ich.“</p>
+
+<p>„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein
+Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei
+der Verbrennung, Gevatter?“</p>
+
+<p>„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt
+nicht?“</p>
+
+<p>„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen
+ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute.</p>
+
+<p>„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“</p>
+
+<p>„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu,
+„aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der
+Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein —“</p>
+
+<p>„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht
+von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de
+Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“</p>
+
+<p>„Es bereitet sich was vor, es liegt am Tage.“</p>
+
+<p>„Seht, sie pflanzen das grüne Kreuz auf! Gott rette uns!“</p>
+
+<p>„Ich gehe, ich gehe — der Weihrauch drückt mir in der Kehle.
+Vielleicht macht mich auch das dicke Blut so furchtsam.“</p>
+
+<p>„Die Dominikaner sagen, wer nicht dableibt, ist nicht rein im Glauben.“</p>
+
+<p>„So bleib’ ich denn, aber ich will wegsehen. Gott steh’ mir bei!“</p>
+
+<p>„Gleich wird die Messe beginnen!“</p>
+
+<p>„Wo ist Ximenes? Nun werden wir Lucero sehen, den Cordobaner. Gottes
+Licht liegt in seinem Namen.“</p>
+
+<p>„Er ist ein wahrhaftiges Licht, das den Glauben reinigt und alles
+Unrechte verbrennt.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_345">[S. 345]</span></p>
+
+<p>„Aufgepaßt! Königliche Reiter! Als ob wir nicht genug davon hätten! Eh
+— drückt nicht so, Frau! Habt Ihr einen darunter, weil Ihr so weint?“</p>
+
+<p>„Gott weiß, wie rein unser Haus ist. Aber muß man nicht weinen um ihre
+armen verführten Seelen?“</p>
+
+<p>„Die Moreria hat ihr ganzes Gelichter ausgeworfen, es ist alles voll
+von Burnussen. Unsere Priester könnten den ganzen Genil als Taufwasser
+über sie schütten, sie würden doch Mohammeds Paradies glauben.“</p>
+
+<p>Reiter schaffen Platz für den Zug. Da und dort ein Aufschrei aus einer
+allzu bedrängten Brust. Angst und Neugier spannen die Gesichter. Die
+Glocken beginnen zu läuten. Das Stimmengewirr sucht den Schall zu
+übertönen. Beim Eingang einer Gasse senken sich die Standarten der
+königlichen Reiter — Ximenes naht!</p>
+
+<p>„Der Primas! Der Gobernador! Da seht — Talavera! Ah! Ah! Er hält sich
+kaum aufrecht! Ximenes kommt! Ximenes!!“</p>
+
+<p>Der Erzbischof ist bleich wie Wachs, aber sein Auge brennt, als wollte
+er mit diesem Feuer allein zehn Ketzer versengen. Im schlichten
+Franziskanerkleid schreitet er daher, ganz langsam, das Haupt
+gesenkt, die Lippen bewegen sich im Gebetmurmeln, ringsherum flirren
+die Rüstungen seiner Leibwache. Wie eine Meereswoge wirft sich das
+gaffende Volk von rückwärts an die Soldatenmauer heran, um den
+Streiter für den Glauben zu sehen. Die Sombreros fliegen vom Kopf,
+die Hälse strecken sich, hinter dem Wall von Lanzen wogt es hin und
+her. Dem Toledaner folgt die granadinische Klerisei, paarweise, Gebete
+murmelnd. Dann kommen die Granden, geführt von dem andalusischen
+Geschlecht der Herzöge von Medina-Sidonia, alle in den schwarzen,
+enggeschnittenen kastilischen Trachten, von Knappen begleitet, während
+die Frauen in einer eigenen Gruppe, von den Ehrendamen flankiert, in
+hochgeschlossenen Gewändern, den Hals von der steifen Krause umengt,
+mit züchtig gesenkten Augen daherwandeln.</p>
+
+<p>Unter ihnen schritt auch Doña Leonore de Uceda. Das schöne <span class="pagenum" id="Page_346">[S. 346]</span>Antlitz war
+von dem Laster des Neides und den Qualen der Selbstanklage entstellt.
+Jeder Schritt schmerzte sie in den Knien, und sie glaubte unter der
+Last ihrer Schuld zusammenzubrechen. Neben ihr ging mit stolz erhobnem
+Haupt der Graf de Castro, ihr neuer Liebling, der sich über ihre
+leidenschaftliche Liebe zum Grafen de Mora mit dem Lächeln des Stoikers
+ebenso hinweggesetzt hatte, wie über die durch eine Königsliebe
+beschädigte Tugend des Weibes.</p>
+
+<p>Das Glockengeläute schwillt neu an. Ohnmächtige Frauen sinken im
+Gedränge nieder, man kümmert sich nicht um sie, Augen und Hirne spannen
+sich nach dem Gassenloch. „Sie kommen!“ Wie aus Grabestiefen erklingt
+jetzt mißtönig der klagende Gesang des Miserere. Ein Glutwind schwingt
+plötzlich seine Peitschen über die Stadt.</p>
+
+<p>Aus dem Schattenwinkel des Platzes bohrt sich der dunkle Wurm. Zwei
+Kohlenbrenner, mit Lanzen bewaffnet, in schwarzen Leinenkleidern, wie
+Gesellen des Teufels zu schauen, eröffnen den Zug. Fackeltragende
+Dominikaner unter Anführung des Kreuzes folgen den schwarzen
+Riesengestalten. Dann schaukelt die rote Damastfahne der Inquisition
+mit dem lorbeerumschlungenen Degen aus dem Schatten ins Licht. Dann
+wieder Granden und Familiares des Tribunals — und nun doppelt umreiht
+von Lanzenknechten die von der Kirche verdammten, meist armen Moriskos
+im grauen Sanbenito, auf dem Haupt die spitze Inquisitionsmütze. Auf
+dem fahlen Schandkittel flammt grellrot das Andreaskreuz über Brust
+und Rücken, in den Händen tragen alle brennende Kerzen, zuerst gehen
+die gelinde Verurteilten, dann kommen die zu Geißelnden, die mit der
+Galeere und dem Gefängnis Bedachten, drei Särge, in denen die Gebeine
+derjenigen ruhen, die aus der Friedhoferde gescharrt wurden, weil sie
+nach ihrem Tod der Ketzerei schuldig erkannt wurden und nun als Tote
+verbrannt werden sollen.</p>
+
+<p>Und jetzt — die Gemüter sieden, die Stirnen schwitzen vor
+todeslüsterner Neugier, und über die Rücken rieseln die Schauer — jäh
+prallt die Masse an die Spaliere heran — er kommt!!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_347">[S. 347]</span></p>
+
+<p>Zwischen zwei Dominikanern, gefolgt von zwei Familiares, hinkt,
+ein Bild des Jammers, ein harlekinisch gekleideter Mensch. An
+seinem gefolterten, zum Schreiten fast untauglichen Leib hängt ein
+weitgeschnittenes Sanbenito, das mit Teufelsfratzen und Flammen bemalt
+ist, und auf dem schwarzhaarigen Haupt sitzt die hohe kegelförmige
+Coroza aus Pappe, ebenfalls mit Flammen bemalt. Das Antlitz ist
+verwildert, durch die Tortur entstellt, von Jammer und Gram zerfressen.
+Niemand kennt ihn, bis aus der Gruppe der Granden sich der Ruf
+losschnellt: „Mora! Mora!“ Der Name züngelt von Mund zu Mund, und
+bald summt und wispert und schallt es über den Platz: „Mora! Mora!
+Mora!“ Herzen zittern, Augen füllen sich mit Tränen, Gewissen hämmern,
+Angst jagt von Brust zu Brust. Die grausige Gewißheit, durch das
+Flammen-Sanbenito besiegelt, wirft ihren Brand in alle Herzen. Was muß
+er verbrochen haben, um so verdammt zu werden! Frauen schluchzen beim
+Anblick ihres entstellten Lieblings, den sie wie den Cid durch die
+Gassen reiten sahen, heldenhaft, ernst und streng. Und nun alles durch
+Kerkerqual und Tortur gebrochen, der ganze Mensch eine halbe Leiche,
+der daherwankt, gestützt von dem Helferarm eines „liebenden“ Bruders in
+Christo.</p>
+
+<p>Und nun fahren Kreuzigungsschauer durch die bebenden Herzen der Massen:
+Lucero inmitten seiner Dominikaner! Ein scharfgeschnittener gebräunter
+Kopf mit der andalusischen Adlernase sitzt raubvogelartig über der
+Kutte, stechende kalte Augen sind die Schilder seiner Verstandeskraft,
+der harte Mund kündet die Unerbittlichkeit seiner Entschlüsse, die
+hohe Stirn verrät Geist und Tatkraft, und seine Haltung spricht jeder
+mönchischen Demut Hohn. Die blutvollen Lippen murmeln Todesgebete, die
+klanglos im Gesumme der begleitenden Priester ersterben. Alles in allem
+ein ungebändigter Geist, der gewohnt ist, an den Gebilden des Hasses zu
+weben.</p>
+
+<p>Auf allen Lippen schwebt es: das ist er! Mit knapper Not ist er vor
+wenigen Wochen dem großen Rächer Tod entschlüpft. Als er einen Brief
+öffnete, fiel weißer Staub heraus, der <span class="pagenum" id="Page_348">[S. 348]</span>ihn beim Einatmen bewußtlos
+machte. Wie gnädig war da Gott!</p>
+
+<p>Die Verurteilten werden auf der Tribüne zu einem Klumpen
+zusammengepfercht. Die Glocken schweigen. Aus einer Menschengruppe
+ertönt Schluchzen: Angehörige und Freunde eines Ketzers klagen um
+den geliebten Mann, der da oben, ewiger Schmach preisgegeben, im
+Schandkittel steht. Angst flattert durch die Brüste, und bang steigt
+die Frage auf: Werde ich das nächste Mal nicht auch da oben stehen?</p>
+
+<p>Das Glöcklein zur Missa aurea erklingt. Ein Dominikaner bringt das
+Altaropfer unter dem bangen Schweigen der Menge. Nach dem Evangelium
+liest Ximenes an Königs Statt den feierlichen Schwur, alle Ketzer
+auszurotten und die Inquisitoren zu unterstützen. Nie flog ein Eid
+inbrünstiger himmelwärts, des Erzbischofs Augen leuchten, als hätte
+sie Gottes heiliges Feuer entzündet. Das Volk hebt die Hände auf und
+schwört mit seinem Seelenhirten, die Ketzer vertilgen zu helfen zur
+größeren Ehre Gottes. Amen.</p>
+
+<p>Ein neuer Dominikaner besteigt die Kanzel, Glaubensfeuer sprüht aus
+seinen Augen, sein Haupt umstrahlt voller Sonnenschein, als wöbe der
+Himmel seine Gloriole um den Streiter. Er spricht beredsam von den
+Gnaden des ewigen Gottes, von der Unverletzbarkeit der niedrigsten
+Seele im Liebesbereich der Allmacht, von der Barmherzigkeit der
+Kirche, die aber nicht umhin könne, die Augen offen zu halten für das
+Zerstörungswerk des Teufels. Er tischt mit tränenerstickter Stimme
+Bibelstellen auf, die die Verfolgung der Ketzer heischen, und verdammt
+die Zweifler, die in das dreieinige Gottheitsdogma nicht den Weg finden
+wollen. Er bittet Gott um Erleuchtung der Irrenden, um Vergebung
+für die Bereuenden und um Segnung der Buße. Und dann strotzt sein
+Predigerwort von erbarmungsloser Härte, es zielt wie hundert Dolche
+nach den Brüsten und stöbert die Furcht in den Herzenswinkeln auf, daß
+sie den ganzen Menschen durchrüttle. Katholischer Glaube, Reinheit
+und Einheit der Religion — mit diesen Wesenheiten durchsättigt er
+seine Erbauungspredigt, wirft aber zum Schluß aufs neue die Gewitter
+seiner <span class="pagenum" id="Page_349">[S. 349]</span>Glaubenstollheit in die erregten Hirne, daß sie vom Übermaß
+haßerfüllter Vorsätze zu bersten scheinen. Die Opfer auf der Tribüne
+der Verdammnis weinen still vor sich hin, denn sie fühlen den Stachel
+in ihrem Herzen wühlen, der gegen ihr Tun und Treiben gerichtet ist.
+Wie ein Rudel Lämmer stehen sie zu zusammengeklumpt, zweiundvierzig
+verurteilte Männer und Frauen und ein vierzehnjähriges Kind, das „Gott
+gelästert“.</p>
+
+<p>Der eine aber, der Narr und Verbrecher zugleich schien, stand
+abseits des Klumpens, und das zermarterte Gesicht, das die Sonne
+erbarmungslos überglühte, verklärte sich mählich unter dem Abglanz
+hoher Gedanken, die nicht durch des Dominikaners Wortgeißel
+aufgepeitscht wurden. Die Schande, grell ins Licht des Tages gerückt,
+rührte sein wundgeschlagenes Herz nicht mehr. Tröstlicher als die
+wütend zuschlagende Rute des Priesters war für ihn der Gedanke
+an seine unversehrte Liebe und an die Rettung Reijas. Mit tauben
+Ohren stand er da, aufrecht mit seinen zerbrochnen, zerschundnen
+Gliedern, die blutgeschrammte, gefolterte Stirn furchtlos dem
+Geschick entgegenstreckend, das man über ihn verhängt. Und während
+von der Kanzel die Eifererschläge hallten, öffnete er sein Herz dem
+Heilandswort, das in ähnlich düsterer Stunde der Verlassenheit einst
+schmerzlich-anklagend erklungen war: Vater, vergib ihnen, denn sie
+wissen nicht, was sie tun. Auch diese hier haben dein Gesetz verkehrt
+und deinen göttlichen Tag zur Höllennacht gemacht. Mit des Hasses
+verwirrendem Getränk haben sie dein heiliges Blut durchsetzt und haben
+in deinem von Barmherzigkeit triefenden Namen Gericht gehalten über
+nie bestandene Schuld. O Herr, den ich geliebt wie vielleicht keiner
+dieser Priester, laß dein Sonnenauge auf mir ruhen, wenn die irdische
+Nacht beginnt, und entlocke mir keine Träne der Verzagtheit! Was sagte
+einst Abu Atir? Jeder Mensch geht aus dem Ist in das War. Warum also
+schrecken wir vor dem Natürlichen zurück?</p>
+
+<p>Wie eines brausenden Bergbachs Getöse donnert das Predigerwort an
+seinem Ohr vorbei. Sein Geist erhebt sich in die Hochgefilde seliger
+Erinnerung. Reijas Bild schwebt wie aus gottesklaren <span class="pagenum" id="Page_350">[S. 350]</span>Sphären herab.
+Das irdische Paradies, das sie ihm geschaffen, verklärt sich in
+ein himmlisches, das fast islamitische Züge trägt, denn einer Huri
+Lichtgestalt winkt ihm und scheint ihm ein seidnes Lager im heiligen
+Auengrün zu bereiten, wo Bäche rauschen, sanfte Lüfte wehen und das
+leise Geflüster in den Iraksträuchern wie süße Musik klingt. Das
+greifbar schöne Bild zaubert auf sein entstelltes Gesicht den alten
+Schimmer von Schönheit, und unter der Schmachmütze lächelt sein Mund,
+als neigten sich tröstende Geister zu ihm herab. Er sieht den Platz, wo
+er das vom Hufschlag getroffene Königskind auf der Erde zum erstenmal
+erblickte, den Bücherhaufen, vor dem er Reija mit dem Degen vor einem
+blindwütenden Priester geschützt, er hört ihre tiefkehlige Stimme
+tönen, schaut ihre Gazellenschlankheit im Patio der Alcazaba inmitten
+der Frauen im Mondlicht wandelnd, sie lächelt ihn an, hingestreckt im
+weichen Pfühl, umduftet von Storax und Ambra, er entsinnt sich ihres
+fröhlichen Geplauders im gelinden Gefängnis der Alhambra, er begleitet
+sie zur Taufe, die ihr morgenländisches Wesen kaum berührt, verliebt
+sich in die Ungebundenheit ihrer Kinderseele, in ihr Zwitschern und
+Lachen und in ihren gespannten Ernst, wenn es um große Dinge ging. Ja,
+ihr Herz stammt aus dem Garten ewiger Jugend und ist gesegnet von dem
+Lächeln Gottes. Engelsschön hebt sich ihr Edelleib aus dem Nichts, und
+die Nacht singt jubelnde Choräle zum Preis ihrer Schönheit&#8239;—</p>
+
+<p>Plötzlich Stille. Das Wort des Gottesredners ist verhallt — Graf de
+Mora schnellt aus dem wachen Traum. In den Massen hebt eine Unruhe an,
+wieder tönen Jammerrufe — dazwischen Ostergesang von Knaben, die vor
+dem Altar knien, auf dem der erstandene Heiland mit der weißroten Fahne
+des Sieges steht. Osterfest! Pas-cha! Bedeutete das Fest nicht einst
+den Hebräern die Befreiung vom Tod durch den Würgengel? Wo das Lammblut
+an die Türpfosten gestrichen wurde, dort ging der grause Seraph an
+der Erstgeburt vorbei. Heute ist des Grafen Stirn mit seinem eigenen
+Marterblut gezeichnet, und der Würgengel wird nicht vorüberziehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_351">[S. 351]</span></p>
+
+<p>Ein Dominikaner besteigt die zweite Kanzel und verkündet den
+vierzigtägigen Ablaß für alle, die dem Autodafé beiwohnen. Dann liest
+er Namen vor — die Häupter der Verurteilten schrecken empor.</p>
+
+<p>„Abbas Ben Kahir ist der Ketzerei überführt, hat aber die Sekte der
+Ketzer verlassen und wird in den Schoß der Kirche aufgenommen. Es wird
+derselbe an drei Sonntagen mit nacktem Oberleib vom Elvirator bis zum
+Tor des Albaycin durch Diener der Inquisition gepeitscht. Auch wird ihm
+die Buße auferlegt, sein Leben lang weder Fleisch noch sonst etwas,
+das aus dem Tierreich stammt, zu essen, zum Zeichen des Abscheues vor
+seiner Ketzerei. Auch wird er zum immerwährenden Tragen des Sanbenitos
+verdammt. Das Vaterunser und den Glauben hat er um Mitternacht täglich
+zu beten. Die Pfarre von San Juan wird Brief und Urteil zur Überwachung
+erhalten.“</p>
+
+<p>Ein dumpfer Aufschrei, und ein kleiner, altersschwacher Morisko fällt
+einem Mönch in die Arme. Er ist mit der Kirche „versöhnt“. In der Menge
+heult ein Weib auf.</p>
+
+<p>„Osmin Ben Jesid ist der Ketzerei überführt ...“</p>
+
+<p>Eintönig geht die Verlesung weiter. Furchtbare Strafen fallen auf
+die Häupter der schuldig Befundenen. Zweihundert Geißelhiebe mit dem
+geknoteten Lederstrick, zehn Jahre Galeere, Gefängnis, Gütereinziehung,
+Bann, Verlust aller Würden — das spitzfindige Mönchshirn hat die
+grausamsten Erniedrigungen und Demütigungen ersonnen, durch die das
+Leben des Verurteilten für immer zerbrochen ist. Schmach und Schande
+folgten von nun an dem Unglücklichen bis an sein Lebensende. Das
+Sanbenito sorgte für die Kenntlichmachung des Ausgestoßenen. Selbst die
+de levi Verurteilten verloren ihr Vermögen, das dem königlichen Schatz
+und der Kirche anheimfiel.</p>
+
+<p>Eine Stunde lang dauerte die Verlesung der Urteile. Wie flammender
+Löwenatem fuhr der Glutwind über den Platz. Die durch Angst und Folter
+zermürbten Jammergestalten fielen wie die Fliegen um, noch bevor sie
+ihr Urteil gehört.</p>
+
+<p>Da — eine grauenvolle von Schreckensstille erfüllte Pause — dann
+<span class="pagenum" id="Page_352">[S. 352]</span>tönt der edle Name, hallend und scharf: „Don Pedro de Solar Graf de
+Mora —“</p>
+
+<p>Die Leiber wogen an die Spaliere der Stadtknechte heran, die Augen
+aller starren nach der im flammenbemalten Gewand steckenden Gestalt des
+königlichen Hauptmanns. Jetzt tritt er vor, kniet nieder und faltet die
+Hände vor der Brust.</p>
+
+<p>Hell wie eine Glocke klingt das Urteil über den Platz: „... ist der
+Ketzerei überführt und ist darin als ein Negativo beharret bis zur
+Stunde. Die Kirche stößt den Ketzer aus im Namen des Herrn Jesu Christi
+und übergibt ihn dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit mit der Bitte um
+Schonung.“</p>
+
+<p>Auf der Frauentribüne fällt eine Edeldame in die Arme einer andern.
+Ihre verglasten Blicke starren nach dem Unglücklichen. Sie sieht die
+Dornenkrone über seinem Haupt schweben, die sie ihm selbst geflochten.</p>
+
+<p>Graf de Mora steht reglos, die schwarzen, verklärten Augen, wie
+beschattet von den Fittichen des nahenden Todes, auf den siegenden
+Heiland am Altar gerichtet.</p>
+
+<p>Die zwei Dominikaner an seiner Seite sprechen in ihn ein, sie wollen
+ihn noch einmal zur Abschwörung der Ketzerei bewegen. Wie Schlangen
+züngeln die Worte an sein Ohr. Er drängt sie gelassen zur Seite und
+will sprechen — da hält ihm einer der Mönche den Mund zu.</p>
+
+<p>Leonore de Uceda erhebt sich aus den Zuckungen der Reue. Ihr neuer
+Geliebter, der Graf de Castro, flüstert ihr erregt ins Ohr: „Doña
+Leonore — der Graf stand Euch nahe —“</p>
+
+<p>Und sie würgt mit vorquellenden Augen die Wahrheit aus der Kehle: „Mein
+Haß — treibt — ihn — in den — Tod —“</p>
+
+<p>Der Graf schaudert zurück. „Ihr habt — ihn —?“</p>
+
+<p>Sie nickt mit verzerrten Zügen. „Führt mich zum König —“</p>
+
+<p>Kalt, mit ertöteter Liebe im Herzen, erwidert Castro: „Der König wird
+nicht gewillt sein, ein haßerfülltes Geschöpf anzuhören. Lebt wohl,
+Doña Leonore.“</p>
+
+<p>Die Verlassene bricht lautlos zusammen.</p>
+
+<p>Durch das dampfende Volk geht ein flüsterndes Wogen und <span class="pagenum" id="Page_353">[S. 353]</span>Wallen. Aus
+den dichtgeballten Haufen jagen Schreie in die stickige Luft. Auf die
+Tribüne tritt der weltliche Corregidor und verkündet im Namen des
+Königs das Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Gleichzeitig
+donnert eine Drommete, wie vom Sendling des Todes geblasen.</p>
+
+<p>Der Graf steht unbeweglich, noch immer die Augen auf den Heiland
+gerichtet. Es ist, als öffne sich durch seinen Blick die Seele und
+als dringe ihr Gebet durch die schwarzen Leuchten ins Herz der
+Christusstatue. Der Herr hat die Scheiterhaufen der heiligen Martina,
+Columba und Katharina durch Regen gelöscht, er wird ein Wunder tun an
+dem Bekenner seiner Allmacht, glüht der Glaube in dem Märtyrerherzen.
+Aber der Himmel blaut erbarmungslos auf das furchtbare Gericht herab,
+das seine sinnbildliche Klarheit schändet. Über dem Haupt des Grafen
+ringt sich schon der Nimbus wunderbarer Reinheit aus dem irdischen
+Leib, und seine Augen verklären sich aufs höchste.</p>
+
+<p>Da stößt ein Schrei aus der Menge: „Ein Rosenvogel!“</p>
+
+<p>Während das schauerliche Miserere erklingt, fliegt über die Dächer der
+Steinpaläste ein seltsamer Vogel, dessen Gefieder rosenrot im Azur
+leuchtet. Die Augen der Moriskos blicken nach der wildflatternden
+Riesenrose empor. Ist es der Vogel Phönix, der aus wohlriechender Asche
+flog? Ist es ein Gottgesandter für die Seele des Grafen? Bedeutet er
+Befreiung vom irdischen Staub? Seht — er fliegt in die Sonne — in den
+Himmel hinein — nein, er senkt sich auf die Dächer herab — oh! Ay!
+Magier und Deuter her!</p>
+
+<p>Alles starrt dem taumelnden Flug des Wundervogels nach. Ein seltsames
+Gefühl des Grauens steigt plötzlich aus geheimnisvollen Tiefen auf und
+bemächtigt sich der bangschlagenden Herzen. Unerklärliche Geräusche
+erregen die bis zum Übermaß gespannten Nerven. Der flatternde Vogel hat
+die Gemüter von der Tragödie des Wahns abgelenkt, und alles steht unter
+dem Druck einer bangen Ahnung.</p>
+
+<p>Wieder zischen eigentümliche Geräusche auf, denen man keinen Namen
+geben kann, wieder wächst die Unruhe in dem Meer der <span class="pagenum" id="Page_354">[S. 354]</span>Köpfe, wieder
+schreit es aus den Ecken auf, wehklagend und geisterhaft&#8239;—</p>
+
+<p>Da — in einem Winkel des Platzes, wo schwarzverhüllte Männer
+Holzscheite ordnen, zuckt eine grelle Fackel auf.</p>
+
+<p>Aber was ist das? Warum schwillt die Stickluft an? Welch siedende
+Hitze! Und da drüben in der Luft — Rauch — stinkender, auftaumelnder
+Rauch — und der rosenfarbene Vogelleib hebt sich leuchtend von dem
+qualmenden Untergrund ab.</p>
+
+<p>Mit einemmal zuckt es wie ein aufschreiender Blitz aus einer Gasse:
+Feuer! Nar! Fuego! Gellendes Geschrei, tierartiges Brüllen aus
+angstgepackten Brüsten, Getöse, Krachen und Splittern der hölzernen
+Tribünen, klagendes Geheul, Wimmern, Jammern — ein leinener
+Schutzdachstreifen reißt ab und peitscht mit seinem Ende die Köpfe der
+Sitzenden — Schreien, Verwirrung, Getaumel — Fuego! Nar! Gequetsche
+und Geknäuel unter anschwellendem Getöse — die Sonnenglut verdunkelt
+sich durch aufsteigende Rauchsäulen&#8239;—</p>
+
+<p>Da zuckt wie ein Pfeil aus dem Dächergeschiebe im Sonnenwinkel die
+erste giftgelbe Flamme auf. Feuerfanfaren treiben die aufgewühlten
+Köpfe in Angst und Entsetzen.</p>
+
+<p>Ximenes, bleich wie eine Leiche, starrt in den geisternden Qualm.
+Will mir der Himmel in die Arme fallen? fährt es durch sein Gewissen.
+Soll das Werk der Gerechtigkeit nicht getan werden? Ist dies das
+Erdbeben, das die heilige Lucia vor der Marter rettete? Von Grausen
+erfaßt, bekreuzigt er sich. Dann ruft er in die ratlos auf und ab
+wogende Inquisitionswache: „Helft löschen!“ Unter Anführung von Rittern
+quetschen sich ungeordnete Soldatenhaufen durch die tobende Menge nach
+den Gassenöffnungen.</p>
+
+<p>Häusernamen tönen durch die Luft — Christen, Mauren drängen sich
+heulend in die halbverstopften Gassen, Scharen von Wächtern drängen
+ihnen nach.</p>
+
+<p>Lucero schreitet zu den Gefangenen und ermahnt die Wächter, deren
+Reihen sich gelichtet haben, an ihre Pflicht.</p>
+
+<p>Stickiger Qualm würgt die Kehlen zusammen — über niedergetretene
+<span class="pagenum" id="Page_355">[S. 355]</span>Frauen und Kinder, über tote und jammernde Leiber wälzt sich der
+Menschenstrom.</p>
+
+<p>Himmel und Erde! Ist die Hölle los? Hier und dort und dort und hier,
+überall Rauchwirbel und Funken — wie aus unsichtbaren Schlünden
+aufsteigender, den Himmel verdüsternder Qualm, untermischt von
+rotbraunen und gelben Flammenfetzen, die gespensterhaft hin und her
+torkeln — in die Siedehitze prasselt und knistert es wie Höllenfeuer,
+das die Sonne entzündet hat — qualvolle Laute sirren durch die Luft,
+ersticken jäh — Todesschreie — die Menschenhaufen verstopfen die
+Ausgänge des Platzes — prallen mit ohrenzerreißendem Geheul zurück&#8239;—</p>
+
+<p>Aus der Schattengasse des Zacatin wälzen sich Burnusse heran,
+scharenweise, Fäuste schnellen in die Luft&#8239;—</p>
+
+<p>„Wache!“ schreit Ximenes erblassend.</p>
+
+<p>„Wache!“ brüllt Lucero. Und von allen Seiten dröhnt das Echo: „Wache!“</p>
+
+<p>Der Gobernador reißt mit starker Faust ein paar Wächter mit sich
+und schleudert sie Ximenes hin. Näher und näher leuchten die weißen
+Maurenhaufen, wie Kugeln rollen sie heran, durchbrechen den Wall der
+Menge und den der Soldaten, stürzen sich auf die gefangenen Moriskos.
+Verzweifelt wehren sich die Granden.</p>
+
+<p>Der Corregidor zerrt den entgeistert stehenden Grafen de Mora an sich
+heran: „Kommt!“</p>
+
+<p>„Wohin?“</p>
+
+<p>„Ins Gefängnis zurück!“</p>
+
+<p>„In die Freiheit!“ schrillt eine knabenhaft weiche Stimme aus dem
+Maurenknäuel jäh auf. Und ein Hirtenjunge schleudert sich dicht an den
+Corregidor heran, und in seinen Händen blitzt die Navaja. „Freiheit
+oder Leben!“ Der Richter taumelt zurück. In dem Augenblick reißen
+braune Fäuste den Grafen aus dem Getümmel, das zwischen den Agarenos
+und den herankeuchenden Inquisitionsknechten anhebt. Die Dominikaner
+springen über das Tribünengeländer in die Menschenhaufen hinein. Auf
+und ab flutendes Gewoge von Leibern, Kreischen und Jammern — alles
+<span class="pagenum" id="Page_356">[S. 356]</span>umhüllt von dem erstickenden Rauch des ringsum über die Häuserdächer
+herandrohenden Feuers. Granada ist zu einem einzigen Quemadero geworden.</p>
+
+<p>Graf de Mora liegt am Boden, umringt von fäusteschwingenden Mauren, den
+Montesinos aus den Alpujarras. Ehe er sich’s versieht, reißen sie ihm
+das Schandgewand vom Leib und werfen ihm den Burnus um.</p>
+
+<p>Der Hirtenjunge mit dem vermummten Gesicht krallt seine kleinen Hände
+in des Wehrlosen Leib. „Geliebter!“</p>
+
+<p>Mora glaubt zu vergehen. „Himmel — Heerscharen —“</p>
+
+<p>„Mir nach in den Zacatin!“ klingt es wieder wie Heilandston an sein
+Ohr. Und ringsum ein Haufen geballter weißer schützender Leiber, die
+mit Faustschlägen und Messerstichen dem neuen Agareno den Weg durch
+die verzweifelten, niedergerungenen Kämpfer bahnen. Ehe die Gedanken
+zu jagen beginnen, sieht sich der Graf hinweggeschleppt über liegende
+Körper — der Platz verdunkelt in Rauch und Aschenregen, die Granden
+scharen sich zu einem verzweifelten Ringen zusammen — die Ketzer
+reißen sich von der Tribüne los und werfen sich in die dichtgeklumpten
+Massen der Kämpfenden, wo sie ihre Schandkleider in Fetzen zerstückeln,
+verschwinden dann in Kampf und Getöse.</p>
+
+<p>Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch
+die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der
+Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle,
+in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen.
+Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen
+flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst
+gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns
+flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an — da und
+dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und
+entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern.</p>
+
+<p>Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. <span class="pagenum" id="Page_357">[S. 357]</span>Wie ein
+weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine
+Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten,
+über Steine und Leiber daher.</p>
+
+<p>Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt
+auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in
+Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den
+weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden.&#8239;—</p>
+
+<p>Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen.
+Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot
+besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk,
+an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der
+halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine
+menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand — dann
+noch ein Tor — und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei
+gesattelte Pferde den Boden stampfen.</p>
+
+<p>Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm
+hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn.
+Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem
+Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf
+ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in
+die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen
+Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes
+Denken. „Du — du — Retterin —“</p>
+
+<p>„Ich war es nicht allein —“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben
+geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich —
+Eswer Ben Zerragh —“</p>
+
+<p>Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen
+werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke
+verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar — er starb, daß
+wir uns lieben können — Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der
+Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den
+blauüberleuchteten Hof, als <span class="pagenum" id="Page_358">[S. 358]</span>senkte sich dort die Herrlichkeit des
+Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt.</p>
+
+<p>Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija.</p>
+
+<p>Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier.
+Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet
+zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem
+Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren
+sind erschlagen — sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn
+sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada
+wiedergewinnen — aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht
+— wir sind Schahhad geworden — Bettler —“ Und er blickt mit warmem
+Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird
+dein Habib reiten können?“</p>
+
+<p>Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem
+Prophetenpriester entgegenstreckte.</p>
+
+<p>„Die Zeit ist kostbar — solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und
+das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den
+Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer.
+In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der
+Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines
+Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch
+helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft.
+Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht,
+sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen.
+Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst,
+Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt
+Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion
+Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La
+illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um,
+wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich
+nicht nach Granada um, willst du eine glückliche <span class="pagenum" id="Page_359">[S. 359]</span>Heimkehr erzwingen.
+Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“</p>
+
+<p>Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem
+christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam.
+Noch eine letzte schmerzliche Umarmung — dann schwang sich der Alte
+aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie
+auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus
+ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich.
+„Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen.</p>
+
+<p>Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern
+vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen
+wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken
+der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein
+in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der
+Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene
+Christenstadt.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_360">[S. 360]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Erklarung_von_ofter_vorkommenden_Worten">
+ <em class="gesperrt s5a">Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text selbst nicht
+ erklärt sind</em>
+ </h2>
+
+</div>
+
+<div class="erklaerung">
+
+<p>Ahbab (ar.): Freunde</p>
+
+<p>Alcazaba (ar.): Burg</p>
+
+<p>Alkazar (ar.): ebenfalls Burg</p>
+
+<p>Alguacil (sp.): Gerichtsdiener</p>
+
+<p>Amadis (sp.): berühmter Held eines spanischen Ritterromans</p>
+
+<p>Caballeria (sp.): Ritterpflicht, ritterliche Ehre</p>
+
+<p>Calina (sp.): brauner Höhendunst</p>
+
+<p>Carmen (sp.): Landhaus</p>
+
+<p>Dschinnen (ar.): Geister Arabiens</p>
+
+<p>Escudero (sp.): Schildknappen, Edelknaben</p>
+
+<p>Faja (sp.): andalusische Schärpe</p>
+
+<p>Faki (ar.): arabischer Priester</p>
+
+<p>Feta (ar.): Ritter</p>
+
+<p>Habib (ar.): Freund</p>
+
+<p>Hermandad (sp.): Stadt- und Landwache für den Landfrieden</p>
+
+<p>Isa (ar.): Jesus</p>
+
+<p>Maja (sp.): Mädchen aus dem Volk, Geliebte</p>
+
+<p>Medriset (ar.): Hochschule</p>
+
+<p>Mekteb (ar.): Kinderschule</p>
+
+<p>Mihrab (ar.): die Gebetsnische in den Moscheen</p>
+
+<p>Minar (ar.): Turm der Moschee</p>
+
+<p>Muallakat (ar.): die Dichtungen der sieben größten arabischen Dichter</p>
+
+<p>Nasranij (ar.): Christ</p>
+
+<p>Navaja (sp.): Gürtelmesser</p>
+
+<p>Nisaram (ar.): Nazarener</p>
+
+<p>Olla potrida (sp.): spanische Nationalspeise</p>
+
+<p>Patio (sp.): Hof in den spanischen Häusern</p>
+
+<p>Ricoshombres (sp.): der reiche Adel</p>
+
+<p>Sahat (ar.): Hof in den arabischen Häusern</p>
+
+<p>Salat (ar.): Stoßgebet</p>
+
+<p>Santon (sp.): Heiliger</p>
+
+<p>Schahhad (ar.): Bettler</p>
+
+<p>Schaitan (ar.): Satan</p>
+
+<p>Semsem (ar.): der heilige Brunnen von Mekka</p>
+
+<p>Sid (ar.): Herr</p>
+
+<span class="pagenum" id="Page_361">[S. 361]</span>
+
+<p>Supremo (sp.): höchster Rat der Inquisition</p>
+
+<p>Venta (sp.): Landschenke</p>
+
+<p>Virgen (sp.): die heilige Jungfrau</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Winke_fur_die_Aussprache_der_spanischen_Woerter">
+ <em class="gesperrt s5a">Winke für die Aussprache der spanischen Wörter</em>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Fast alle auf einen Vokal oder auf s und n ausgehenden Worte haben
+die Betonung auf der vorletzten Silbe. Ausnahmen sind durch einen
+Akzentstrich gekennzeichnet.</p>
+
+<p>Die auf einen Konsonanten ausgehenden Wörter (ausgenommen s und n)
+haben die Betonung auf der Endsilbe. (Auch hier gibt es Ausnahmen.)</p>
+
+<div class="mleft3 mbot3">
+
+<p>h wird nicht ausgesprochen.</p>
+
+<p>v wird wie w ausgesprochen.</p>
+
+<p>j wird wie ch ausgesprochen.</p>
+
+<p>c vor a, o und u sowie vor Konsonanten wie k, vor e und i wie z.</p>
+
+<p>ch wie tsch.</p>
+
+<p>ñ wie nj.</p>
+
+<p>ll wie lj.</p>
+
+<p>x wird wie ch ausgesprochen.</p>
+
+<p>s wird scharf ausgesprochen wie ss.</p>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="eng">
+
+<p class="s2 center mtop3 break-before">Die Werke von Ludwig Huna</p>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s3 center">Herr Walther von der Vogelweide</p>
+
+<p class="center">Ein Roman von Minne und Vaterlandstreue</p>
+
+<p class="s5 center">5. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Es ist ein Monumentalgemälde ... ein ungewöhnlich reizvolles Problem
+... in einer Fülle so ungeheuer wirklicher Situationen und Beziehungen,
+daß die Gestalt Walthers in allen ihren liebenswerten Vorzügen lebhaft
+vor den Leser tritt.</p>
+
+<p class="s5 right">Leipziger Abendpost</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Die Verschwörung der Pazzi</p>
+
+<p class="center">Ein Roman aus der Zeit der Frührenaissance</p>
+
+<p class="s5 center">5. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Hier erwächst uns ja ein neuer Boccaccio ... So etwas liegt ihm, darin
+ist er Meister, und es wäre Unrecht, ihm überhitzte Sinnlichkeit
+vorzuwerfen ... Hunas begehrtestes Südlandbuch.</p>
+
+<p class="s5 right">Deutsche Zeitung, Berlin</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Wieland der Schmied</p>
+
+<p class="center">Ein nordischer Sagenroman</p>
+
+<p class="s5 center">6. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Der Roman des deutschen Volkes ... Zu wahrhaft überwältigender Größe
+erhebt sich aus Hunas Dichtung die ungeheure Welt, die sich in der Edda
+verkörpert.</p>
+
+<p class="s5 right">Deutsch-Österreichische Tageszeitung, Wien</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Der Kampf um Gott</p>
+
+<p class="center">Ein Roman aus der Zeit der Wiedertäufer</p>
+
+<p class="s5 center">5. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Eine prachtvolle Schilderung der Wiedertäuferzeit, mit Philipp von
+Hessen, dem unruhigen Landgrafen, im Mittelpunkt. Großartig ist Huna
+die Darstellung der ganzen Epoche mit ihren zahlreichen Kämpfen
+gelungen.</p>
+
+<p class="s5 right">Berliner Tageblatt</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Der Friedensverein</p>
+
+<p class="center">Eine satirische Geschichte</p>
+
+<p class="s5 center">3. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Eine großangelegte, köstliche Satire auf Vereinsmeierei, Strebertum,
+Großmannssucht und politische Kindergärtnerei.</p>
+
+<p class="s5 right">Heimgarten, Graz</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1 x-ebookmaker-drop">*</p>
+
+<hr class="full hidehtml">
+
+<p class="s3 center hidehtml">Grethlein &amp; Co., Leipzig und Zürich</p>
+
+<p class="s2 center mtop3 break-before hidehtml">Die Werke von Ludwig Huna</p>
+
+<hr class="full hidehtml">
+
+<p class="s2a center">Die Borgia-Trilogie:</p>
+
+<p class="s3 center">Die Stiere von Rom</p>
+
+<p class="s5 center">Roman. 17. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Ein großer Wurf ... gigantisch ist die Handlung dieses Romans ... es
+kommt über den Leser ein Rausch&#8239;...</p>
+
+<p class="s5 right">Südd. Literaturschau, Stuttgart</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Der Stern des Orsini</p>
+
+<p class="s5 center">Roman. 17. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Ein geschichtliches Gemälde von grandioser Pracht, ein Dokument jener
+Zeit, von einem echten Dichter geschaffen.</p>
+
+<p class="s5 right">Berner Tagblatt</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Das Mädchen von Nettuno</p>
+
+<p class="s5 center">Roman. 12. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Eine gewaltige, von Kraft und von Sinnenfreudigkeit überschäumende
+Symphonie, die jede Erwartung übertrifft.</p>
+
+<p class="s5 right">Roseggers Heimgarten</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Der Wolf im Purpur</p>
+
+<p class="s5 center">Roman. 8. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Ein Kulturdokument deutscher Geschichte, das allen tief ans Herz
+greifen wird.</p>
+
+<p class="s5 right">Blätter für Bücherfreunde, Leipzig</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Monna Beatrice</p>
+
+<p class="s5 center">Ein Liebesroman aus dem alten Venedig. 12. Tausend</p>
+
+<p class="p0 s5">Eine machtvolle Symphonie von Liebe und Tod ... ein Hoheslied der Liebe
+... eine der stärksten und glühendsten Romanschilderungen.</p>
+
+<p class="s5 right">Bad. Presse, Karlsruhe</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Die Harmonien im Hause Sylvanus</p>
+
+<p class="p0 s5">Die Darstellungskunst des Dichters gibt oft Szenen von dramatischer
+Höhe, und seine Naturschilderungen haben einen so bestrickenden Reiz,
+daß den in Berlins Häusermeer Eingeschlossenen das Heimweh beschleicht.
+Das Buch bereitet Stunden köstlichen Genusses.</p>
+
+<p class="s5 right">Tägl. Rundschau, Berlin</p>
+
+<p class="s5 center mtop1 mbot1">*</p>
+
+<p class="s3 center">Offiziere</p>
+
+<p class="p0 s5">Von Hunas „Offizieren“ kennen wir den brausenden Rhythmus seiner
+hinreißenden Erzählungskunst.</p>
+
+<p class="s5 right">Grazer Tagblatt</p>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s3 center">Grethlein &amp; Co., Leipzig und Zürich</p>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77380 ***</div>
+</body>
+</html>
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