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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/77337-0.txt b/77337-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a7a7408 --- /dev/null +++ b/77337-0.txt @@ -0,0 +1,13084 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 *** + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht +wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt +genutzt werden. + +Worte in Antiqua sind so =gekennzeichnet=, gesperrte so ~gesperrt~. + +======================================================================= + + + Leben und Taten + + des scharfsinnigen Edlen + + Don Quijote von la Mancha + + von + + Miguel de Cervantes Saavedra + + + Erster Band + + + + + Übersetzt von Ludwig Tieck + + + Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig + + + + + Holzfreies Papier + + Druck von Philipp Reclam jun. + + Leipzig + + + + + ~Prolog~ + + +Müßiger Leser. -- Ohne Schwur magst du mir +glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind +meines Gehirns, wäre das schönste, lieblichste und +verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich +habe aber unmöglich dem Gesetze der Natur zuwiderhandeln +können, daß jedes Wesen sein ähnliches +hervorbringt. Was konnte also mein unfruchtbarer, +ungebildeter Geist anders erzeugen als die Geschichte +eines dürren und welken Sohnes, der wunderlich und +voll seltsamer Gedanken ist, die vorher noch niemand +beigefallen sind: wie erzeugt sich's auch gut in einem +Gefängnisse, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist +und alles traurige Geräusch seine Wohnung hat? +Ruhe, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit +der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel +der Quellen, diese Begünstigungen machen selbst +die unfruchtbarsten Musen fruchtbar und teilen der +Welt Werke mit, die Bewunderung und Frucht erregen. +Ein Vater hat wohl einen häßlichen unliebenswürdigen +Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt, +knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine +Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit +und geistreiche Züge hält und sie allen seinen Freunden +für Witz und Scharfsinn anrechnet. Ich aber, +wenn ich auch der Vater scheine, bin nur der Gevatter +des Don Quijote und will nicht dem Strome der gewöhnlichen +Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser, +wie wohl andere tun, mit Tränen in den Augen +bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde +wahrnimmst, vergeben oder übersehen mögest; denn +du bist ja weder sein Verwandter noch sein Freund, +du hast deine Seele für dich in deinem Körper, so uneingeschränkten +Willen, daß einem das Herz im Leibe +lacht, du bist in deinem Hause und darin so unumschränkter +Herr, wie der König in seinen Domänen, +und du weißt das Sprichwort recht gut zu schätzen, +daß jeder in seinen vier Pfählen der Klügste ist. Dies +zusammengenommen befreit und erlöst dich von jeder +Achtung und Verpflichtung, und du kannst also von +dieser Geschichte sagen, was dir gut dünkt, ohne +Furcht, daß man dich für das Böse, das du sprichst, +schelten, noch für das Gute, welches du von ihr redest, +belohnen wird. + +Ich wollte dir diese Geschichte nackt und bloß +überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne +die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette, +Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor +den Anfang der Bücher zu setzen pflegt. Denn ich +muß dir sagen, ob mir das Buch auszuarbeiten +wohl einige Mühe kostete, ich doch die für die +größte halte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt +liesest. Ich habe oft die Feder genommen, um zu +schreiben, und sie ebenso oft wieder hingeworfen, +weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte: indem +ich nun nachdenkend bin, das Papier vor mir, die +Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem +Tische und die Hand an der Wange, wohl sinnend, +was ich sagen solle, tritt ein Freund von mir, der +munter und verständig ist, herein, und wie er mich +so schwermütig sieht, fragt er nach der Ursache; ich +verhehlte sie ihm nicht, sondern sagte, wie ich auf +den Prolog sönne, den ich zur Geschichte des Don +Quijote machen wolle, und daß mich dies so anstrenge, +daß ich ihn gar nicht machen und ebensowenig die +Taten dieses edlen Ritters ans Licht stellen wolle. +Soll ich denn nun nicht darüber in Sorgen sein, was +der alte Gesetzgeber, der Haufen genannt, sagen wird, +wenn er nun sieht, wie nach so vielen Jahren, in +denen ich im Stillschweigen und Vergessenheit geschlafen +habe, ich nun nach so manchem Jahre mit +einer Lektüre hervortrete, trocken wie eine Binse, +ohne Erfindung, mit schlechtem Stil, arm an Ideen +und gänzlich ohne Gelehrsamkeit und Literatur, +ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen +am Ende des Buchs, wie ich doch sehe, +daß andere Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte +und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles, +Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken, +worüber sich alsdann die Leser verwundern und die +Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer +halten! Wenn sie dann aber gar die Heilige Schrift +zitieren! Dann muß man sie vollends für Sankt +Thamasse oder andere Lehrer der Kirche halten, indem +sie eine so treffliche Schicklichkeit beobachten, +daß sie in einer Zeile einen Verliebten schildern und +in der folgenden eine christliche Predigt halten, so daß +es eine Lust ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses +mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande +nichts bemerkt und am Ende nichts angemerkt, noch +weniger weiß ich, welchem Autor ich folge, um sie, +wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Abc +zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und +mit dem Xenophon oder Zoylus oder Zeuxis endigen, +wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler +war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange +an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten, +die Herzöge, Marquis, Grafen, Bischöfe, Damen und +weltberühmte Poeten zu Verfassern haben. Wenn +ich freilich zwei oder drei meiner vertrauten Freunde +bäte, so weiß ich wohl, daß ich Verse bekommen +könnte, und zwar solche, daß ihnen jene nicht gleichkämen, +die von den angesehensten Verfassern in +unserm Spanien herrühren. + +»Kurz, mein liebster Freund,« so fuhr ich fort, »ich +bin entschlossen, daß der Herr Don Quijote in den +Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der +Himmel ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die +ihm jetzt mangeln, denn meine Unerfahrenheit und +wenige Wissenschaft machen mich unfähig, ihm alles +dies zu verschaffen, auch weil ich von Natur zu furchtsam +und zu träge bin, das in Autoren aufzusuchen, +die das nämliche sagen, was ich ohne sie sagen kann. +Dies alles erzeugt in mir jene Angst und tiefe Schwermut, +in der du mich gefunden hast: und das, was ich +dir soeben erzählt habe, ist dazu mehr als hinreichende +Ursache.« + +Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die +Stirn, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte: +»Bei Gott, erst jetzt komme ich aus meinem Irrtum, +in dem ich so lange gelebt habe, seit ich Euch kenne, +indem ich Euch nämlich nach allen Euren Handlungen +immer für einen vernünftigen und verständigen +Menschen gehalten habe. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr +ebenso weit davon entfernt seid, wie es der Himmel +von der Erde ist. + +Wie ist es möglich, daß so geringfügige Dinge, +die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen, +einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden +und zu verwirren, dem es ein leichtes ist, durch weit +größere Schwierigkeiten zu brechen? Wahrlich, dies +ist nicht Mangel an Geschicklichkeit, sondern nur +überflüssige Trägheit. Soll ich Euch den Beweis darüber +führen? Nun so hört mir aufmerksam zu und +Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand +umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel, +von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt +und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt +nicht Euren berühmten Don Quijote schenken wollt, +das Licht und den Spiegel der ganzen irrenden +Ritterschaft.« + +»Nun, so sagt doch,« erwiderte ich, »wie wollt +Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen und das Chaos +meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?« + +Worauf er antwortete: »Zuerst, was die Sonetten, +Epigramme und Lobgedichte betrifft, die vor +Eurem Buche fehlen und die von würdigen, angesehenen +Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn +Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu +schreiben und sie nachher taufen, und Namen vorsetzen, +welche Ihr nur immer wollt, Ihr könnt ja +gar den Priester Johann von Indien oder den Kaiser +von Trapezunt adoptieren, von denen ich weiß, daß +sie berühmte Poeten sind. Sind sie es nicht gewesen, +und es kömmt irgendein Pedant oder Bakkalaureus, +die Euch deshalb necken und die Wahrheit bezweifeln +wollen, so sollt Ihr das nur verachten, denn wenn +sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen +sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es +geschrieben habt. + +In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr +auf dem Rand zitieren wollt und aus denen Ihr +Sentenzen und Phrasen in Euer Buch aufgenommen +habt, dürft Ihr nur einige Sentenzen und lateinische +Brocken, die Ihr auswendig wißt, durcheinander +werfen, oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe +machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr +von Freiheit oder Sklaverei sprecht: + +=Non bene pro toto libertas venditur auro.= + +Gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius, +oder wer es sonst gesagt hat. Sprecht Ihr von der +Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde +auf das: + + =Pallida mors aequo pulsat pede + Pauperum tabernas, regumque turres.= + +Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott +auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich +in die Heilige Schrift einbrechen, ja Ihr könnt so +keck sein und die göttlichen Worte selbst aufführen: + + =Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros.= + +Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so dürft Ihr +nur das Evangelium anführen: =De corde exeunt +cogitationes malae.= Kommt Ihr auf die Unzuverlässigkeit +der Freunde, so ist gleich Cato da, der Euch +sein Distichon anbietet: + + =Donec eris felix, multos numerabis amicos, + Tempora si, fuerint nubila solus eris.= + +Und mit diesen und ähnlichen lateinischen Brocken +halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches +in unseren Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches +ist. Was aber die Anmerkungen am Ende des +Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreist so +machen. Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem +Buche, so fallt nur auf den Riesen Goliat, und bloß +mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten +macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung +ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese +Goliat oder Goliath war ein Philister, den der Schäfer +Daniel mit einem Steinwurf im Tale Terebintus +tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in +demselben Kapitel, welches davon handelt. + +Damit Ihr Euch aber auch als einen Mann zeigen +könnt, der in den weltlichen Dingen und der Kosmographie +bewandert ist, so dürft Ihr es nur so einrichten, +daß Ihr in Eurem Buche einmal den Tagofluß +wöhnt, augenblicks könnt Ihr wieder eine +herrliche Anmerkung niederschreiben: Dieser Fluß +Tago führt seinen Namen von einem Könige von +Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich +in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten +Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß +er Goldsand mit sich führe, usw. Sprecht Ihr von +Räubern, so will ich Euch gleich die Geschichte des +Cacus schenken, die ich auswendig weiß. Wenn +liederliche Weiber vorkommen, so habt Ihr ja den +Bischof von Mondonnedo, der Euch die Lamia, Lais +und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches +Ansehen setzen wird. Nennt Ihr Grausame, so +bietet Euch Ovidius die Medea an. Nennt Ihr Zauberinnen, +so hat Homerus die Calypso und Virgilius +die Circe. Sollen es tapfere Feldherren sein, so gibt +Julius Cäsar Euch selbst in seinen Kommentarien +und Plutarch gibt Euch gleich tausend Alexander. +Wollt Ihr von Liebe etwas abhandeln, so trefft Ihr, +wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf +dem Leo Hebräus, der Euch ein ganzes Maß vollzapfen +wird. Mögt Ihr Euch aber nicht nach fremden +Gegenden bemühen, so habt Ihr ja den Fonseca von +der Liebe Gottes zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste +so viel über diese Materie finden wird, als +sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts +weiter zu tun, als diese Namen zu nennen, oder diese +Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurige +aufzunehmen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen +und Anmerkungen sorgen, denn ich +schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben +und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben +will. + +Jetzt bleibt uns nur noch die Zitation der Autoren +übrig, die man in anderen Büchern findet und die +in dem Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen gibt es +ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins +von denen Büchern zu nehmen, in denen sie alle, +wie Ihr sagt, von A bis Z zitiert sind. Das nämliche +Abc könnt Ihr nun auch Eurem Buche anheften: sieht +man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das +nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht, und +vielleicht ist doch einer oder der andere so einfältig, +daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer +einfachen, schlichten Erzählung gebraucht. Überdies +wird es niemand untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt +seid oder nicht, denn keiner kümmert sich darum. +Ihr habt aber gar, wenn Ihr die Sache genau nehmt, +aller der Sachen nicht nötig, die, wie Ihr sagt, Eurem +Buche mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die +Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte, +die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero +niemals anführt; auch gehört in die Erzählung erdichteter +Narrheiten keine pünktliche Wahrheit oder +Beobachtungen aus der Astrologie; auch die geometrischen +Maße sind hier unnütz, sowie die Widerlegung +der Argumente, deren sich die Rhetorik bedient; auch +soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem +das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine +Art Mischung, die kein christlicher Verstand billigen +sollte. Euer Hauptzweck ist, das darzustellen, was +Ihr schreiben wollt, und je mehr Ihr das erreicht, +je vorzüglicher wird Euer Buch sein, da Ihr Euch +auch in Eurem Buche nichts weiter vorsetzt, als das +Ansehen zu stürzen, in dem bei der Welt und dem +Haufen die Ritterbücher stehen, so gehen Euch auch +die Sentenzen der Philosophen, die Ermahnungen der +Heiligen Schrift, die Fabeln der Poeten, die Figuren +der Redner, die Wunder der Heiligen gar nichts an, +sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in +einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden +Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich +wohlklingend und anständig fortbewegen, und daß +Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne +Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu +verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches +der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher +noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich +ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere, +daß der Ernste sie nicht verwerfe und der +Klügere sie nicht verachte. Kurz, richtet es ins Werk, +daß Ihr das schlecht gegründete Ansehen dieser Ritterbücher +zerstört, die von so vielen gehaßt und von +noch mehreren verehrt werden; gelingt Euch dies, so +ist Euch nichts Kleines gelungen.« + +Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich dem Rat +meines Freundes zu und seine Gedanken waren mir +so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu +disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus +ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun, +freundlicher Leser, seinen Verstand findest, so wie +mein Glück, daß ich ihn zu einer Zeit antraf, da mir +guter Rat so nötig war, zugleich aber auch eine +Freude für dich entdeckst, indem dir nun die aufrichtige +und unverstellte Historie des berühmten Don +Quijote von la Mancha geschenkt wird, der, wie alle +Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der +keuscheste Verliebte, sowie der tapferste Ritter gewesen +ist, den man wohl seit vielen Jahren dort +herum bemerkt hat. Ich will dir den Dienst nicht +sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß +ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen +Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir, +daß du mir für die Bekanntschaft seines Stallmeisters +Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche +Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen +Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen +wollen. Und hiermit beschütze dich Gott und vergiß +mich nicht. + +Lebe wohl! + + + + +Auf das Buch +des Don Quijote von la Mancha + + +Urganda die Unbekannte + + +Kommst du, o Buch zu Bra-- + So werden sie dich le-- + Und keiner wird verwe-- + So Plan wird Schreibart ta-- + +Gerätst du unter Scha-- + So wirst du bald verneh-- + Wie schön sie dich verste-- + Begreif'n sie auch kein Com-- + Sie haben's sich vorgenom-- + Sie müssen's urteiln be-- +Weil nun Erfahrung sa-- + Daß, wer die Eiche su-- + Im frischen Schatten ru-- + So wirst du trefflich sa-- +Wenn Bejar dir will ra-- + Der Fürsten schon gebo-- + Jetzt blüht mit dem Herzo-- + Dem neuen Alexan-- +Du brauchst wohl keinen an-- + Ist er dir nur gewo-- + Du sagst von dem Mancha-- + Die seltnen Abenteu-- + Ihn verrückten Leserei-- + Den Kopf zu seinem Scha-- +Die Waffen, Ritter, Da-- + Entzündten ihm ein Fie-- + Wie Roland dem Wüti-- + Er liebte so wie die-- + Bekannt' durch Taten die Lie-- + Zur Tobosischen Dulzi-- +Führt' nicht Inschrift und Sinn-- + Als Rittersmann im Schil-- + Er selbst statt tausend Bil-- + Handelt' weislich wohl darin-- +Hält er die Zuschrift gerin-- + So ist der zu bekla-- + Der es voll Mut gewa-- + Dies Ritterwerk zu schrei-- + Dann wird ihn keiner nei-- + Auf immer ist er geschla-- +Es hat sich nicht zugetra-- + Daß der Schreiber dich geschmük-- + Mit niedlichen kleinen Stük-- + Von der lateinschen Spra-- +Mag keiner dagegen was ha-- + Und drüber rezensi-- + Der wird Gesichter zie-- + Und halten ihn für tö-- + Der das ganze Buch verste-- + Hieher gehört keine Lati-- +Geklätsch sei wie deine Sa-- + Laß jeden des Weges ge-- + Das ist die beste Re-- + So kommst du nie zu Scha-- +Die gerne andre schla-- + Geh' ihnen aus der Stras-- + Und trübe selbst kein Was-- + Erwirb dir gut Gerüch-- + Denn wer Torheit erdich-- + Erregt gerechte Has-- +Sei niemals also wü-- + Die Steine zu Hand zu neh-- + Die Fenster sind ja glä-- + Mußt nicht nach dem Nächsten zie-- +Es ist keinem Manne gebüh-- + Wer nicht Vernunft verloh-- + Der schont ja gern der To-- + Wer aber nur gesun-- + Wohl zu gefallen den Jun-- + Hat selbst für Narren geschrie-- + + + + +Amadis von Gallia an Don Quijote +von la Mancha + + +Sonett + +In meinem Leid hab' ich dich zum Genossen, +Wie ich der Ferne, Arme, der Verwaiste +Einst nach dem großen Felsen Armut reiste +Aus Freudigkeit in Trübsal hingestoßen. + +Wie mir, so sind die Augen dir geflossen +Vom Tränenstrom, in dem das Salz das meiste, +Du warst zufrieden, wie man dich auch speiste, +Hast Erdensohn das Irdische genossen. + +Sei sicher, daß du ewiglich wirst leben, +So lange nur Apoll den goldnen Wagen +Noch lenkt vom roten Morgen nach dem Westen. + +Stets wird man dir den Ruhm des Tapfern geben, +Dein Land wird schönen Preis von dannen tragen. +Und deinen Weisen hält man für den Besten. + + + + +Don Belianis von Graecia an Don Quijote +von la Mancha + + +Sonett + +Ich tobte, schlug, zerstörte baß verwegen, +Mehr als ein Rittersmann jemals bewiesen; +Ich war so stolz als tapfer, künstlich unterwiesen, +Ich rächte die Beschwer mit tausend Schlägen. + +Den Taten mein kommt ew'ger Ruhm entgegen, +Als Liebender manch' Träne ließ ich fließen, +Nur Zwerglein waren mir die größten Riesen, +Im Kampfe mocht ich all' zu Boden legen. + +Zu meinen Füßen lag das Glück geschmieget, +Ein Stirnhaar wußte Klugheit doch zu finden +Am Glück, wenn's auch ganz kahle Scheitel bote. + +Mags, daß mein Ruhm jenseit dem Monde flieget, +Und aller Tatenglanz mir muß erblinden, +Beneid' ich deine Größe, Don Quijote. + + + + +Die Dame Oriana an Dulzinea von Toboso + + +Sonett + +Lebt' ich wie du in sanfter Ruhe Schoße, +So gönnt' ich dir, o schöne Dulzinea, +Das prächtige London ach! mit Freuden ja, +Hätt' ich dafür gewohnt dort in Tobose! + +Du warst dem Ritter seine süße Rose, +O daß es mir nicht so wie dir geschah, +Daß ich ihn nicht zu meinem Besten sah +Im wilden Kampf mit Schwert und wackerm Rosse! + +Hätt' ich gekonnt den Amadis vermeiden, +So keusch verharren, wie es dir gelungen +Mit deinem sittgern Edlen Don Quijote! + +Ich wär' beneidet, brauchte nicht zu neiden; +Es hätte mir kein Schmerz die Brust durchdrungen, +Der schwerer war, als von 'nem halben Lote. + + + + +Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia, an +Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quijote + + +Sonett + +Gegrüßt sei, braver Kerl, dem gutes Glücke, +Als er stallmeisterlich in Dienst gegangen +Die Leiden alle vorher weggefangen, +Und niemals ihm bewiesen seine Tücke. + +Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke, +Dem Irren nicht zuwider; mein Verlangen +War Ruh', ich netzte oft um ihn die Wangen, +Der stolz sucht' nach dem Monde eine Brücke. + +Ich neide dir den Namen und dein Tierlein, +Auf deinen Schnappsack geht noch mehr die Mißgunst, +In dem du deine Weisheit tätest zeigen. + +Noch einmal sei gegrüßt, du wackres Kerlein, +Der spanische Ovid besinget mit Kunst +Dich Edlen, drum mußt du dich ihm verneigen. + + + + +Der rasende Orlando an Don Quijote +von la Mancha + + +Sonett + +Bist du kein Pair und so nicht meinesgleichen, +Sind tausend dir nicht gleich, denn unter denen +Darf keiner dich als ungebärd' verhöhnen, +Du paarlos, unbesiegt in deinen Streichen. + +Orland' bin ich und schwärmt' in fernen Reichen, +Angelika erzeugte meine Tränen; +Ihr opfert' ich die Tat der kräftgen Sehnen, +Den Glanz des Ruhms, der niemals wird erbleichen. + +Mich zu verdunkeln bist nur du geboren; +Ich preise deine Taten als die größten, +Und auch erreichst du mich als ein Verrückter. + +Doch kämpftest du mit großen Zaubermohren, +So muß ich mich mit dem Gedanken trösten, +In Lieb' bin ich wie du ein Unbeglückter. + + + + +Der Ritter des Phöbus an Don Quijote +von la Mancha + + +Sonett + +Mein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen, +Ihr spanischer Phöbus, Blume aller Feinen, +Mein tapfrer Arm vermißt sich nicht dem deinen, +Ertönten gleich Gebirge seinen Streichen. + +Ich wies die Völker ab mit ihren Reichen, +Ließ Morgenland zu meinen Füßen weinen, +Zu seh'n der Claridiana Antlitz scheinen, +Mußt auch Aurorens Herrlichkeit erbleichen. + +Worauf es durch ein seltnes Wunder kame, +Daß Hölle, als die Dame mich verschmähte, +Den Arm gefürchtet, der gezähmt ihr Toben. + +Unsterblich, Don Quijote, bleibt Euer Name, +Und Dulzinea Eure Morgenröte +Wird jeder Mund als keusch und weise loben. + + + + +Der Sultan an Don Quijote von la Manche + + +Sonett + +Wohl sind, Herr Quijote, Eure Geschichten +Beweise, wie das Haupt Euch sehr verrücket, +Doch jeder muß gesteh'n, der auf Euch blicket, +Daß Ihr nichts Kleines dachtet auszurichten. + +Ihr wolltet die Beschwer der Welt vernichten, +Und spaßhaft ist es, wie es Euch geglücket, +Denn Lümmelvolk, das sich darein nicht schicket, +Euch oftmals wacker bei den Ohren kriegten. + +Und wenn die vielgeliebte Dulzinee +Sich undankbar erwiesen, Don Quijote, +Und kalt geblieben gegen Eure Triebe, + +So sei Euch dies ein Trost in Eurem Wehe; +Herr Sancho war ein schlechter Liebesbote, +Er dumm, sie hart, nicht weit her Eure Liebe. + + + + +Gespräch zwischen Babinza und Rosinante + + +Sonett + +B. Ihr, Rosinante, schaut so miserabel. +R. Nur stets marschieren, nichts zu fressen kriegen. +B. Ihr wollt gewiß auf Heu und Häcksel liegen? +R. Mein Herr gibt mir auch nicht ein Maul voll Haber. + +B. O geht, Ihr seid ein ungezogner Knabe, + Wer wird so eselhaft den Herrn belügen! +R. Er bleibt ein Esel, ist es von der Wiegen; + Wollt wissen wie? Er ist ja ein Liebhaber. + +B. Ist lieben Torheit? R. Weisheit nicht, mein Seele! +B. Seid Philosoph. R. Das macht, weil ich nicht speise. +B. Verklagt den Knappen. R. Ihr seid linker Hand. + +Wem klag' ich's wohl, daß ich mich hungrig quäle, +Wenn es dem Herrn wie Knappen gleicherweise +Noch knapper geht als selbst dem Rosinant? + + + + + Don Quijote von la Mancha + + + + + ~Erstes Buch~ + + + + + ~Erstes Kapitel~ + +Handelt von dem Stande und der Lebensweise des +namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha + + +In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen +ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein +Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß, +einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine +Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends +gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter +und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene +Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner +Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes +Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art, +ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich +in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine +Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine +Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich +ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, +der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt +zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit +fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution, +mager, von dürrem Gesichte, ein großer +Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige, +die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada +führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen +unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten +Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen +Vermutungen schließen, daß er sich Quixana +nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung +wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem +Punkte derselben von der Wahrheit abweichen. + +Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die +Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den +größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher +von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung +zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der +Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens +vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit, +daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, +um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in +denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein +Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter +allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke, +die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat, +die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner +Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er +auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn +an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige +des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, +erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure +Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn +er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit +göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die +Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt +ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter +seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen +und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht +enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß +darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich +mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte +und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn +auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch +kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus +Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er +darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem +Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt, +und oft kam ihm der Gedanke, die Feder +zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen, +fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan, +wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken +abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit +mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter +Mann war und zu Siguenza graduiert), wer +von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin +von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister +Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß +keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn +sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor, +der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus +edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich +wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit +besser beschlagen. + +Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die +Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die +Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam +es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein +Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand +verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit +solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, +als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, +Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen +und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein, +daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, +wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine +zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid +Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, +er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom +brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem +einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen +mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom +Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den +bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung +des Herkules nachgeahmt, der den Anteus, +den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel +Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er +gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle +stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und +artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von +Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem +Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er +dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches +ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er +sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben +zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe +auch seine Nichte fortschenken wolle. + +Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß +gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, +den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn +es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung +seiner Ehre als zum Besten seiner Republik, +ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung +und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer +aufzusuchen und alles das auszuüben, was er +von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht +aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu +unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm +und Namen schmücken würden. Der Unglückliche +stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines +tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde +gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken, +angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte +er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen. +Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen, +die er von seinen Urgroßvätern geerbt und +die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen +in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte +sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen +großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht +vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber +seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte +aus Pappen die untere Hälfte und verband sie +mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen +Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu +erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines +Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei +Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das +wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet. +Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der +er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser +Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte +inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der +Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere +Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß +dieser Helm der trefflichste sei. + +Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob +dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte, +als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als +das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen +war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der +Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid +mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem +er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle, +denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig, +wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und +das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen +führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten, +daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen, +ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es +nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie +es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein +anderer Name zukommen müsse, der es ziere und +sich für das neue Amt und die neue Lebensweise +gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den +vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte, +umarbeitete, wegwarf und wieder annahm, +um den besten zu erfinden, wählte er endlich die +Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener, +volltönender und bedeutungsvoller Name, +bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er +seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der +erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der +Welt sei. + +Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem +Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für +sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen +wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß +er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird, +die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit +genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel +Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere +meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre +Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis +zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches +und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu +machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt +habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern +Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und +er benamte sich also Don Quijote von la Mancha. +Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland +und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem +er den Zunamen von ihr entlehnte. + +Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm +gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener +festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als +eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein +irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub +und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn +ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem +Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn +gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn +in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue, +oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär' +es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte, +sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte, +vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe +und mit demütiger und unterwürfiger Stimme +spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro, +Herr der Insel Malindrania, den im +Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter +Don Quijote von la Mancha überwand und mir +befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit +Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir +schalte. -- Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter, +als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er +wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle. +Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten +Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in +die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber +wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals +gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien +ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken +zu geben. Er suchte nun einen Namen, der +dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und +Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und +er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie +war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem +Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie +alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden +hatte. + + + + + ~Zweites Kapitel~ + + Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don + Quijote aus seinem Besitztum + + +Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es +nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk +zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach +seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung +erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen, +die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er +aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen, +die er vergelten müsse. Ohne also irgend +jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer +bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem +Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit +allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den +übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff +die Lanze und zog durch eine kleine Tür des +Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und +vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten +Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem +Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher +Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes +Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm +nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener +Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der +Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf +weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als +neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild +auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne. +Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz +heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder +andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten, +auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen, +in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren, +wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung +getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte +er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell +zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße +überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte +seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als +den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß +dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen. + +Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt, +sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel, +daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte +meiner Taten an das Licht tritt, der Weise, +der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem +ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote +Apoll hatte kaum über das Angesicht der +großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines +schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die +kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen +die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher +Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen +Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone +des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen +zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote +von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein +berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über +das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.« +Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr +weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter! +in dem meine preisvollen Taten ans Licht +treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz +gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum +Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser +Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist, +die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß, +ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht, +meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege +und in jeglicher Bahn. -- Darauf sprach er, als wäre +er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea! +Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält +es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer +Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle +nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt +Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das +so Großes um Willen Eurer Liebe leidet. + +An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn, +alles, wie er es in seinen Büchern gefunden +hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel +es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine +große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig +und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die +Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte. +Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas +stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er +sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit, +um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken +Armes zu erproben. + +Es sind Autoren der Meinung, daß das erste +Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice +gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen +auf, aber alles, was ich hierin erforschen +können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha +geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog, +und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe +gestorben waren. + +Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein +Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um +sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich +erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine +Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der +ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden +winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem +Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von +ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen +nennt, die mit einigen Maultiertreibern, +welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach +Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles, +was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien +und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es +ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein +Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von +glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und +des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit +denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er +näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien, +und da er nur noch wenig entfernt war, zog er +dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß +ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um +mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich +ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß +er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem +Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke +und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen, +die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige +Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses +in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein +Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde +Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln +wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen +Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich +Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich +ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe. +Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der +Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf +diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich +zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen +wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht +aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus +Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht +und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme +diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten +dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der +Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub +oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben, +geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen +mich Eure Gegenwart beglückt.« + +Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht +mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte, +aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das +ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen +nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß +sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt +Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit +ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch +sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich +Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen +als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden +die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters +vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie +hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt +nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der, +wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war; +als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen +Waffen, als der Zaum des Pferdes, die +Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte, +so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild +von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt +hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur +fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und +sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe +suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir +haben keins in der Schenke, alles übrige im großen +Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit +des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt +er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er: +»Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn +mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.« +-- Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen +hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man +wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier, +ein Eingeweihter in die falschen Künste der +Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel +wie ein Student oder Page, er antwortete daher: +»So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine +und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und +wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich +absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit +und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen, +geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte, +hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler +Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch +den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte +sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große +Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier +auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute +es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es +Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte +so gut. Er führte es in den Stall und kam dann +zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den +indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er +sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und +Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit +nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den +nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen +Bändern unter dem Halse festgebunden war und von +denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen +vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen, +er blieb also den ganzen Abend in seinem +Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur +dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte, +daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme +Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären +und sagte daher mit vielem Anstande: + +»Niemals ward ein edler Bote +So bedient von Damen süß, +Wie der große Don Quijote +Als er seine Heimat ließ. +Zarte Mädchen pflegten ihn, +Prinzessin'n sein Rösselin. + +O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der +Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von +la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben, +bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich +kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote, +die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand +schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der +Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann +Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll, +wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch +dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen, +die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren, +antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur, +ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas +zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote, +»denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.« +Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke +nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser +Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er +vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne +ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote, +der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es +viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen, +denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand +acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von +achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich +mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen +Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch +das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei, +was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer +und Waffenlast können nur durch Erquickung +des Innern ertragen werden.« -- Sie setzten also +den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke, +und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten +und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot, +schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein +lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der +Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den +Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm +nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der +Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu +trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich +geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr +ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt +und durch das andere den Wein eingegossen hätte. +Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder +seines Helmes zerschneiden zu lassen. + +Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein +Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und +indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner +Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig +darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde, +daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch +Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren +Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells; +und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für +glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er +noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin +nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe, +ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben. + + + + + ~Drittes Kapitel~ + + Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote + zum Ritter geschlagen wurde + + +Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine +magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange +währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit +dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die +Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich +mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure +Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich +flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen +Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der +Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen +Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung, +ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle. +Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener +aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte, +um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit +nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete +Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß +die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer +liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr +mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und +daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells +die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird +dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie +es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen +könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen, +wie es das Amt der Ritterschaft und +der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne, +und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.« + +Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm +war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit +seines Gastes haben mochte, war +jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden +hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen, +nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte +also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche +und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich +und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei, +als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde; +er selbst habe sich in seinen Jugendjahren +einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls +verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine +Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von +Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in +der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte +von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia, +imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer +von San Lucar, unter den Rittern von Cordova, +den Schenken von Toledo und andern verschiedenen +Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und +die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort +sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er +manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt +und wenige Unmündige betrogen; kurz, er +habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen +Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht; +letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses +sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen +und fremden Haushalte alle irrenden Ritter +aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein +möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum +auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten +Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in +seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die +Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen, +um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß +man die Wache im Falle der Not an jedwedem +Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht +das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten +könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand +die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß +er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben +wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen +Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld +mit sich führe? -- Don Quijote antwortete, daß er +keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern +von fahrenden Rittern niemals gelesen, +daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf +sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn +es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den +Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der +Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als +Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum +niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei +sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht, +daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher +angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine +gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie +auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden +zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in +den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die +Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der +sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer +zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte +und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau +oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam +schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu +kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden +so völlig zu genesen, als wenn man gar keine +Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen +Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden +Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen, +daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten +versehen gewesen, wozu besonders +Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn +es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben +waren, welches aber in der Tat nur sehr selten +der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr +subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem +Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein +ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen +Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht +sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen. +Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon +wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er +auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen +solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten +bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem +Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten +gedächte. + +Don Quijote versprach seinen Rat auf das +pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht, +daß er die Waffen in einem Hofe bewachen +solle, der zur Seite der Schenke lag. Don +Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog, +der neben einem Brunnen stand, dann nahm er +seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem +Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen; +indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht +an völlig hereinzubrechen. + +Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke +waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die +Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter +geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über +diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten +ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden +einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze +stützte und seine Augen auf die Waffen heftete, +ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war +völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles, +was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von +allen gesehen wurde. + +Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in +der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu +geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes +Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen, +aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit +lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger +Ritter, der du dich nahst, die Waffen des +allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein +Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust, +berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als +Strafe deines Übermutes verlieren willst.« -- Der +Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht, +aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen, +wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern +nahm die Waffen herunter und warf sie eine +große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses +erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und +richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu +seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir, +Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich +dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht +mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst +und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen +Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit +beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber +einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem +er ihn so behende auf den Boden hinlegte, +daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre, +jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft +hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die +Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben +Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen. +Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen +(denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein +auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen +Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er +machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den +Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort +zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu +flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff +zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere +Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber +mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn +an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei +liefen alle aus der Schenke zusammen und unter +diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote +sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an +seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit! +Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu +dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf +deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares +Abenteuer bevorsteht!« -- Hiedurch wurde, nach +seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht +einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle +Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten. + +Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen +sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der +Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel +es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte, +es aber dabei nicht wagte, den Trog zu +verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu +lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten, +dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er +närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen +würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote +aber schrie noch lauter und nannte sie alle +Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells +aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter, +weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter +verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft +empfangen, wolle er auch über seine Verräterei +mit ihm Rücksprache nehmen. -- »Was aber euch +übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines +Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter +achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt +mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn +empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.« +Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit, +daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen +wurden. Hiedurch und durch die Überredungen +des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf +zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich +wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung +seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit +zurück, mit welcher er sie begonnen hatte. + +Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines +Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm +lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen, +ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging +also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung +einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz +ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch +geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe. +Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß +er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß +aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei; +alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich +im Nackenschlage mit der Hand und im +Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den +Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß +dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne; +mehr als genug habe er in der Bewachung der +Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend +wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt +habe. Don Quijote glaubte dies alles und +antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen +und daß er alles so schnell als möglich beendigen +möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und +er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person +im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen +ausgenommen, die er ihm nennen würde +und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle. + +Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm +sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und +die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so +und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug, +und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu +Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die +Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale +las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte, +erhub er unter dem Lesen die Hand und gab +ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen +zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert, +indem er immer zwischen den Zähnen murmelte, +als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der +einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es +auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand +tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien +nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen; +doch hielten die Tapferkeiten, die sie den +neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren +Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete, +sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure +Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch +glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem +Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene +Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr +einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines +Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete +mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie +sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig, +jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya +ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen, +dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen +wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus +Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen, +und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich +also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach +es ihm, und die andere befestigte ihm die +Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der +Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen +und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn +ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera. +Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen, +und sich Donna Müllerin zu nennen, indem +er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot. + +Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien +beendigt waren, konnte Don Quijote die +Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu +sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen. +Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und +umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche +Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er +von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es +sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der +Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke +zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer +und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf +gut Glück fortziehen. + + + + + ~Viertes Kapitel~ + + Was unserm Ritter begegnete, als er + die Schenke verließ + + +Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke, +so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als +Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den +Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich +aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen +Erfordernisse, die er mit sich führen solle, +vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach +Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem +Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern, +seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder +hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben +der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien. + +Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante +nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als +wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit +zu laufen anfing, daß es schien, als wenn +seine Beine den Boden nicht berührten. Er war +noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als +wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme +einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte +er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem +Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren +läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt, +die Pflichten meines Standes zu erfüllen und +die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln; +ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten +oder einer Notgeängsteten her, die +meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« -- Er lenkte +zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante +dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien. +Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht +hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem +anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden, +der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war, +ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben +derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das +nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem +Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige +Streiche und begleitete jeden Streich mit einer +Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die +Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter +sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es +nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit, +ich will es nicht wieder tun, ich verspreche, +künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.« + +Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit +erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht +geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich +nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß +und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah +er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an +der die Stute festgebunden war), damit ich Euch +zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.« +-- Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt +über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem +Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete +mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge, +den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde +Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte, +aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein +Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit +und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus +Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich +ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele, +er lügt es.« + +»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner +Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die +uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit +dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch +bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und +schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich +binde ihn los!« + +Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein +Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte +Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei, +worauf dieser antwortete: »Neun Monate und +jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete +es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig +Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer, +sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen +wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß +er dastehe und geschworen habe, ob er gleich +gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel, +denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen +abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real +für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er +unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete +Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe +betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen, +die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat +er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen, +so hast du dafür dasjenige seines Körpers +zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da +er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit +abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.« + +»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein +Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir +nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real +auf dem andern bezahlen.« + +»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen +Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken, +denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich +schinden wie einen Sankt Bartholomäus.« + +»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug, +daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete, +er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft, +den er empfangen, schwören, dich freizulassen und +den Lohn gewiß zu bezahlen.« + +»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,« +antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein +Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der +Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche +Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.« + +»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote, +»auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr, +da jedermann der Sohn seiner Taten ist.« + +»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was +für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen +Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?« + +»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,« +antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir +kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden +der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen +wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern, +und obenein lauter blankgeschliffene.« + +»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte +Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so +bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es +vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre +ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder +aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden +werde, und wenn Ihr Euch auch besser als +eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber +wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr +Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen, +so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von +la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und +Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht, +was du versprochen und geschworen, bei Strafe der +angekündigten Strafe.« + +Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die +Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit +den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz +verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte +er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun +komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir +schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr +geboten hat.« -- »Ich schwöre Euch,« sagte +Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der +wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend +Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig +ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt +Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit +er das tut, was er gesagt hat.« -- »Ich schwöre dir +ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute, +das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern +wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er +nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder +an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab, +daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,« +sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher +Ungebühr und seht, wie er diese vernichten +wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug, +denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen, +wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und +gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen, +um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres +ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern +Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles, +was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um +sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er +ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte. + +Also vernichtete der tapfere Don Quijote die +Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg +ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft +auf die schönste und edelste Weise angetreten zu +haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit +den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit +halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor +allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor +allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir +unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer +und überaus berühmter Ritter, wie ist und +sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie +die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und +schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert +hat, das jemals die Unvernunft ersann und +die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel +aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der +ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.« + +Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine +Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und +sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis, +an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu +überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in +Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und +nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante +den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen +eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen +Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu +begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen +geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen, +die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo +waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen. +Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen +reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls +beritten und drei Burschen zu Fuß für die +Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt, +so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer. +Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten, +die er in seinen Büchern gelesen, +nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das +ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich +also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln +fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem +Schilde die Brust und lagerte sich dann in der +Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die +irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß +sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als +sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören +konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach +mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten, +wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt +keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la +Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von +Toboso. + +Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu +hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die +sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten +merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides +angehörte. Sie wollten aber gern erfahren, +warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert +werde und einer von ihnen, der gern spottete +und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle +kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht, +zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet, +so wollen wir freiwillig und ohne allen +Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns +fordert.« + +»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don +Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte +Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß +Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet, +beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt +der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen +nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach +den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen, +wie es Sitte und übler Gebrauch unter +Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich +Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache +vertraue, die auf meiner Seite ist.« + +»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich +flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches +wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren +mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie +hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil +aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten +Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber +Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis +dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so +groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem +Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel, +und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen, +und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß +wir alle schon für sie sind, und wenn man auch +auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief +sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein +triefe, so wollen wir demungeachtet, um +Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen, +was Ihr nur verlangen werdet.« + +»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don +Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag' +ich dir, was du behauptest, außer Ambra und +Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig, +sondern sie ist gerader als eine Spindel von +Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung +bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit +meiner Dame ausgestoßen habt.« + +Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen +den, der gesprochen hatte ein und rannte mit +solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn +es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante +mitten im Wege gestolpert und gefallen +wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel +ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte +seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein. +Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte +es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die +Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung. +Indem er sich bestrebte aufzustehen und es +doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel, +elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht +durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines +Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen, +der nicht sonderlich aufgeräumt war, den +armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte, +konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort +auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm +hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere +Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm +Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß +er ihn unter der Last und dem Drucke seiner +Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen +ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte, +aber der Junge war einmal erbittert und wollte +das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen +rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen +Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem +elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters +von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht +das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde, +und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt. + +Der Junge wurde müde und die Kaufleute +setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von +dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich +allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben, +aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund +und wacker war, wie konnte er es jetzt, so +zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber +pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für +ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich +sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd +schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben, +denn er war am ganzen Körper zerschlagen. + + + + + ~Fünftes Kapitel~ + + Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters + zu erzählen + + +Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so +verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel, +nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern +zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom +Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von +Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im +Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder, +die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben +sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als +die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand +schien ihm auf seine Lage am meisten passend +zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke +eines großen Schmerzes auf der Erde herum und +sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete +Ritter im Walde sagt: + +Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein, +Daß dich mein Leid nicht schmerzt? +Du magst wohl ohne Kunde sein, +O'r hast die Treu verscherzt. + +So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort: + +O du Marchese von Mantua fein, +Mein Ohm, verwandtes Herz! + +Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer +aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging, +der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte. +Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah, +ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei +und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt +anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser +der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete +also nichts weiteres, als daß er in der +Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die +Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug, +ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer +stand verwundert da als er dergleichen Unsinn +hörte; er machte das Visier los, das von den +Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte +ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte +ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und +rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name +als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden +Edelmanne noch nicht in einen irrenden +Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden +denn so zugerichtet?« -- Jener aber fuhr immer +fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten. + +Da dies der gute Mann sah, machte er ihm, +so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um +nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand +weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich, +ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe +brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für +die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen +suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen +und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel +faßte, seinen Esel aber an einem Stricke +führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat, +sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don +Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don +Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum +auf dem Lasttiere halten konnte und dann und +wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß +der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn +zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan +ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich +auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den +Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez, +den der Kommandant von Antequera, +Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach +seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von +neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh +tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten, +die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo +de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte +in der Diana des Georg de Montemayor +gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte +sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels +werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören +zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein +Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem +Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden, +den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte +erregte. Am Schluß derselben sagte dieser: +»Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo +de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa +zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt +wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will +die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn, +sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete +hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich, +bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de +Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua, +sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid +Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern +der ehrenfeste Herr Quixada.« -- »Ich weiß, wer +ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch, +daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern +auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch +dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die +sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan +haben, vergleichen sich nicht den meinigen.« + +Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen +sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer +wartete, bis es finster würde, damit man nicht +den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter +sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte, +zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes +Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der +Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes +gute Freunde waren, befanden sich dort und +die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme: +»Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat +Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn +Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen, +nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht +die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn +ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren +werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten +Ritterbücher, die er immer las, den Verstand +verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß +ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich +sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und +ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen. +Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen +Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf +in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.« + +Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch +hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der +Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal +in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei +Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf, +den Degen nahm und auf die Mauer losschlug, +wenn er dann ermüdet war, sagte er, er +habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht, +der Schweiß, den er von der Anstrengung +vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden, +die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank +er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus +und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß +das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der +weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund +gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die +Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines +Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher +dazu getan hätten, ehe er das geworden ist, +was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen +Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl +als die Ketzer verdienen.« + +»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und +wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn, +ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt +haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie +zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem +guten Freunde ergangen sein muß.« + +Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote +mit an und der Bauer begriff daraus völlig die +Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter +Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen +und dem Herrn Marques von Mantua, der +schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn +Mohren Abindarraez, den der Kommandant von +Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen +führt.« + +Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und +wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren +Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von +seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte, +wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt +alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines +Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett +und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda, +daß sie meine Wunden heile und untersuche.« + +»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin, +»mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem +Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit +Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen, +ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und +noch hundertmal und noch tausendmal verflucht +mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so +zugerichtet haben.« + +Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine +Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden, +sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit +seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan, +in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten +und wildesten, die man wohl auf einem +großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!« +sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz? +Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr +alle verbrannt sein.« + +Sie taten tausend Fragen an Don Quijote, +aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man +möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen, +welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und +der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher, +auf welche Art er Don Quijote gefunden +habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die +jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen +habe, welches den Lizentiaten in seinem +Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich +seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief, +mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes +begab. + + + + + ~Sechstes Kapitel~ + + Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und + Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen + hielten + + +Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer +sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer +geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher +befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen +hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen +mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden +waren und außerdem noch mehrere in +kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte, +ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich +mit einer Schale Weihwasser und einer Rute +zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat, +besprengt die Stube, damit nicht einer von +den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken, +uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe +tun und sie aus der Welt schaffen wollen.« + +Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin +und befahl dem Barbier, daß er ihm ein +Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn, +weil sich vielleicht einige finden möchten, die +die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die +Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden, +denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am +besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen, +sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer +dran zu legen, oder man könnte sie auch in den +Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten, +weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich +fiele.« + +Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile +hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen, +aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern +er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen. + +Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte, +waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der +Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu +liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war +dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das +in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen +ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken +haben, darum muß man es auch als den Stifter +einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne +Gnade zum Feuer verdammen!« + +»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn +man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste +von allen in dieser Gattung sei und darum könnte +man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.« + +»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus +diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt. +Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.« + +»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten +des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis +von Gallia.« + +»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das +Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes +setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn, +macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den +Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.« + +Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden +und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter, +wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer +Geduld erwartete. + +»Weiter!« sagte der Pfarrer. -- »Der nun +kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von +Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich +glaube, von der Familie des Amadis.« + +»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte +der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra +verbrennen zu können und den Schäfer +Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten +und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd' +ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben, +wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters +ertappen ließe.« + +»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier. +-- »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. -- »Wenn es +so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in +den Hof hinunter!« -- Da es so viele waren und +ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie +alle aus dem Fenster in den Hof hinab. + +»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der +Pfarrer fort. -- »Dieser«, antwortete der Barbier, +»ist Don Olivante de Laura.« -- »Der Verfasser +dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe, +der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt +sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von +beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich +richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist +aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und +Albernheit in den Hof wandern soll.« + +»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der +Florismarte von Hircania.« -- »Ist der Herr Florismarte +da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich +eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren +Geburt und seinen schimärischen Abenteuern, +zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener +Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den +andern, Frau Haushälterin.« + +»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie, +und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. -- +»Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. -- +»Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und +ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente, +also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.« +-- Es geschah sogleich. + +Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden +den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen +Namens, den dieses Buch führte, könnte man +ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man +sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der +Teufel und darum wandere er auch zum Feuer. + +Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte: +»Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« -- »Ich +kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer; +»da findet sich der Herr Reinald von Montalban +mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer +Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs +und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin; +eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige +Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung +des berühmten Mateo Boyardo, aus dem +auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein +Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und +er redet nicht seine Landessprache, so werde ich +nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet +er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm +alle Hochschätzung.« -- »Ich habe ihn italienisch,« +sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« -- +»Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,« +antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern +dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu +übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er +hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit +nicht ausgedrückt und eben das wird allen +begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen +wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit, +die sie anwenden und besitzen, wird der +Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen +können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle, +die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden +sollten, in einen trockenen Brunnen legen +müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen +anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del +Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt, +ausnehme, wenn mir diese in die Hände +fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben, +die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem +Feuer überliefern soll.« + +Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles +gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der +Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer +Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze +Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein +anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de +Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das +Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat +erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich +verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut +werden, aber die Palme von England bewahre man +gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in +einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter +der Beute des Darius fand, die er brauchte, um +die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren. +Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen +merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist, +zweitens, weil es von einem geistreichen Könige +von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer +im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich +ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar, +zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande +das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten. +Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas, +wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und +der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein, +alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen +sollen.« + +»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn +hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.« + +»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre +dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber +vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen, +dann müsse man alles wegstreichen, was +sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen +noch größeren Narrheiten, dann möchte man +ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen +und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade +gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach +Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.« +-- »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne +sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen, +befahl er der Haushälterin, alle die großen +zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen. +Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam +begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie +alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes +und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm +also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster +hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt, +fiel eins davon dem Barbier auf die Füße +nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen, +der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter +Tirante dem Weisen. + +»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter +Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen +haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere +Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube +von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don +Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder +Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn, +imgleichen der Zweikampf, den der tapfere +Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten +der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln +und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine +Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito +verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in +Ansehung des Stils dies das beste Buch von der +Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und +sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor +ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle +übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen. +Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne +so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt +zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf +die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause +und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die +Wahrheit gesagt habe.« + +»Ich will es tun,« antwortete der Barbier, +»aber was machen wir mit den übrigen kleinen +Büchern?« + +»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher, +sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf, +welches die Diana des Georg de Montemayor war +und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke +hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt +zu werden, denn sie stiften und werden niemals +solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet +haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie +dem Leser Nachteil bringen.« + +»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet +doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen +lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim +von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er +diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein +Schäfer zu werden und singend und musizierend +durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird +wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste +und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.« + +»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer, +»wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen +Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir +wollen also mit der Diana des Montemayor den +Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt +werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden, +was von der weisen Felicia und dem bezauberten +Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen +Verse und dem Werke in Gottes Namen die +Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das +erste zu sein.« + +»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die +Diana, die man die zweite vom Salamantiner +nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben +Titel, vom Gil Polo verfaßt.« + +»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer, +»mag jene zum Hofe verdammten begleiten und +ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen +wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. -- +Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn +es wird schon spät.« + +»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein +anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher +vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso, +einem sardinischen Poeten.« + +»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer, +»seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und +Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles +Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste, +ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung +jemals an das Licht der Welt getreten sind, und +wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß +er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat. +Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir +mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid +von dem groben florentinischen Tuche geschenkt +hätte.« + +Er legte es mit der größten Freude beiseite und +der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt +der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares +und die Entwirrung der Eifersucht.« + +»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,« +sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen +Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne +mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals +fertig würden.« + +»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.« + +»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer, +»sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn +wie ein kostbares Kleinod.« + +»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier, +»heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.« + +»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer, +»so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von +manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden, +die sich unter seinen Schönheiten befinden; +hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den +ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und +heroischen Gedichte sehr hochschätze.« + +»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte +des Lopez Maldonado.« + +»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete +der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem +Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört, +denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein +Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist +er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals +zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten. +Was steht denn aber daneben?« + +»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete +der Barbier. + +»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein +guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im +Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist +manches gut erfunden, manches wird vorbereitet +und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen +zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient +er sich durch diesen die Gnade für das Ganze, +die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin, +Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.« + +»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und +nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana +des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des +Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate +des Cristoval de Virues, des Valenzischen +Poeten.« + +»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind +die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer +Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den +berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die +köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien +besitzt.« + +Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen, +er endigte also damit, daß er befahl, alle +übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt +schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte: +die Tränen der Angelica. + +»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der +Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses +Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der +Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht +allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der +auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich +übersetzt hat.« + + + + + ~Siebentes Kapitel~ + + Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don + Quijote von la Mancha + + +In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit +lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr +tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die +Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die +Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!« +Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und +brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher +ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea +und der Löwe von Spanien mit allen Taten des +Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen +und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl +hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht +kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom +Pfarrer angetroffen wären. + +Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon +aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte +und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so +wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte. +Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt +auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt +war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte: +»Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande +ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt +werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den +Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen +Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage +gewonnen haben.« -- »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,« +antwortete der Pfarrer, »Gott wird es +fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß +das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen +wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart +Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet +sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.« +-- »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber +gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der +Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem +Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus +Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger +Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will +nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir +nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe, +trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen +soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise, +denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will +ich schon auf Rache denken.« + +Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen +ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem +alle seine Torheit bewunderten. In dieser +Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die +sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl +manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen +Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal +und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen +nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort, +daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen +müssen. + +Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier +gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war, +das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen, +damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände, +weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung +aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß +ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt +habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit +ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch +Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen +Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da +fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend +von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die +Tür gewesen war und tastete mit den Händen und +blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges +Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume +Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin, +wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die +Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet +war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht +Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im +Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr, +denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.« + +»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern +ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben +Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist +waren; er stieg von einer Schlange ab, auf +der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer, +und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht, +aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum +Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und +als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte, +fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur +das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin, +daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen +wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher +Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und +des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man +nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte +sich den weisen Munnaton.« + +»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don +Quijote. + +»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin, +»ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name +endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don +Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer +Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine +Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß +ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit +einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und +ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern +vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele +Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm, +daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen +kann, was der Himmel einmal verhängt hat.« + +»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte, +»aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen +Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer, +ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt +herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu +kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher +nach Wolle geht und geschoren nach Hause +kömmt.« + +»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten +Dinge sprichst du da! Bevor mich einer +scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart +dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges +meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm +nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet. +Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz +friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen, +daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren +werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige +Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem +Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete, +daß das, was der Welt am meisten vonnöten, +irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende +Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach +ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht, +denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr, +konnte er nicht mit ihm fertig werden. + +In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem +Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden +Manne (wenn man nämlich den so nennen +kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen +Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so +sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß +der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn +und als sein Edelknabe zu dienen. Unter +andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für +ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn +es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen, +in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine +Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter +setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen +verließ Sancho Pansa (so hieß der +Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe +seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür, +Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete +ein andres, alles aber in eiliger Unordnung +und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen. +Er versah sich auch mit einem Schilde, +den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so +gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte +seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde, +wann er sich auf den Weg machen wolle, damit +dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor +allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack +mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu +vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen +wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht +die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem +Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er +überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters +entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise +beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger +kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet, +ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze, +ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er +Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter, +der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte +sich auch mit Hemden und andern Dingen, +dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben +hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen +sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und +Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und +Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei +sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten, +daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt +zu werden, wenn man sie auch aufsuchen +sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit +Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher, +indem er sich schon in seinen Gedanken als den +Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen +hatte. + +Don Quijote war bemüht, dieselben Wege +wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten +Reise genommen hatte, und diese gingen über das +Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und +mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal +denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die +Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten +ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem +Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu, +daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen +der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern +und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte +Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund +Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte +der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu +Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen, +die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß +durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen +soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern, +denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis +ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst +und der bösen Tage und der noch bösern Nächte +überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines +Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von +irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie +groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich +leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich +innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre, +daran hängende in sich begreift, und es mag denn +zutreffen, daß du in dem einen von diesen als +König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches, +denn nach dem, was und wie alles den irrenden +Rittern begegnet, das man weder je gesehn +noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht +fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.« + +»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn +ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer +Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne +Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder +Infanten?« + +»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don +Quijote. + +»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie +es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf +die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins +davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein, +Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin, +Gräfin mag eher gehn, und auch das nur +mit Gottes Beistand.« + +»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »der wird dir geben, was dir +am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht +so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der +Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.« + +»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,« +antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen +Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß, +was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich +ist.« + + + + + ~Achtes Kapitel~ + + Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote + in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den + Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der + Aufbewahrung würdig + + +Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, +die hier auf dem Felde standen, und sowie +sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben: +»Das Glück führt unsre Sache besser, als +wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund +Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr +ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu +halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu +nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den +Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist +ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, +diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.« + +»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa. + +»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr, +»mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei +Meilen lang sind.« + +»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho, +»daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen +sind, und was Ihr für die Arme haltet, +sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch +der Mühlenstein in Gang gebracht wird.« + +»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote, +»daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert +bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so +gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung +dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche +Schlacht mit ihnen beginne.« + +Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante +die Sporen, ohne auf die Stimme seines +Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer +nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht +Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er +war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder +nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte, +noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie +standen, nahe gekommen war, worauf er mit +lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen +und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger +Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich +erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel +in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr +ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme +aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch +bezahlen!« Und indem er dies sagte und +sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea +empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit +zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der +Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante +im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los +und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den +der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze +in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große +Strecke über das Feld weggeschleudert wurden. + +Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit +seines Esels herbei, und als er hinzu kam, +fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte, +so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan +hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte +ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet, +was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären, +die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber +welche im Kopfe hat!« -- »Gib dich zur Ruhe, +Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist +Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen +einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr, +da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß +eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und +meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese +Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm +ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die +Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich, +endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten +nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!« + +»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho +Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf +er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder +ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie +sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten, +den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte +Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer +geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über +den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und +indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach, +sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben, +daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas +genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang, +er einen gewaltigen Zweig oder Ast von +einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage +solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug, +daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm, +von welcher Begebenheit sich auch späterhin +seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten. +Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der +ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke, +der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem +ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn +gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu +auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge +von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben +können.« + +»Das gebe Gott!« sagte Sancho, »ich glaube +auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber +setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mich dünkt, +Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein +Malzeichen von dem Falle.« + +»Es ist wahr,« antwortete Don Quijote, »und +wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es +nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist, +über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst +die Eingeweide hindurch kämen.« + +»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen +sagen,« antwortete Sancho, »aber das weiß Gott, +daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet, +falls es euch irgendwo weh tut; von mir kann ich +versichern, daß ich mich über den allerkleinsten +Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister +der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie +nicht klagen dürfen.« + +Don Quijote mußte über die Einfalt seines +Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich +beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe, +denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil +in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho +sagte, er bemerke, daß es Zeit sei, zu essen. Sein +Herr erwiderte, daß er es noch nicht bedürfe, daß +er aber essen könne so viel er wolle. Mit dieser +Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so +bequem ein als er nur konnte; er nahm aus dem +Schnappsack was er hineingepackt hatte, und so +folgte er reitend und essend seinem Herrn eine +große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den +Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund +setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga +hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog +und die Schlückchen immer schneller wiederholte, +gedachte er keines Versprechens mehr, das +ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für +keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung, +herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen, +wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten. + +Sie mußten endlich die Nacht unter einigen +Bäumen zubringen, und von dem einen Baume +brach Don Quijote einen trocknen Zweig ab, der +ihm zur Lanze dienen sollte, an den er auch das +Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen +übrig geblieben war. Don Quijote schlief die ganze +Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin +Dulzinea, um es nachzutun, was er in +seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf +viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten +und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen +unterhielten. Nicht also trieb es Sancho +Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit +keinem Habersüppchen angefüllt hatte, die ganze +Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher +nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht +aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die +ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der +Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange +die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten +es nicht. Als er sich ermuntert hatte, +schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei +er ihn viel eingefallner fand als den Abend +vorher und sich von Herzen darüber betrübte, +weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege +seine Auszehrung würden heilen können. Don Quijote +begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie +schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten +hatte. + +Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapize +zu, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang +entdeckten. »Hier,« rief Don Quijote, als +er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir +die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das +tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm, +daß, wenn du mich auch in der allergrößten +Gefahr erblicken solltest, du doch niemalen die Hand +an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen, +außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom +Pöbel oder gemeinem Volke beleidigt würde, in +einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehn: +sind es aber Ritter, so ist es dir nach den +Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt, +mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen +bist.« + +»Seid versichert, gnädiger Herr,« antwortete +Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam +leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich +nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge; +aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen +wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen +nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze +erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn +ihm was zuleide geschieht.« + +»Das leugne ich auch gar nicht,« antwortete Don +Quijote, »nur in dem Umstande, daß du mir nicht +gegen Ritter beistehn darfst, sollst du deine natürliche +Hitze bändigen.« + +»Ich sage ja auch, daß ich es tun will,« antwortete +Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so +genau halten will wie den Sonntag.« + +Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege +zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt, +die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner +waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie +trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine +Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei +Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche +war, wie man nachher erfuhr, eine Biscajische +Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste, +der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien +ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich +dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don +Quijote gesehen, als er zu seinem Stallmeister +sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das +berühmteste Abenteuer, das jemalen gesehen worden, +denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen, +mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer, +die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin +fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr +nach meinem vollen Vermögen zu steuern.« + +»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den +Windmühlen,« sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr, +das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der +Kutsche sind wohl andere reisende Leute. Hört, was +ich sage, und seht was es ist, daß Euch der Teufel +nicht einen Irrtum macht.« + +»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt,« antwortete +Don Quijote, »daß du wenig von der Natur der +Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie +du sogleich gewahr werden sollst.« + +Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich +in die Mitte des Weges, den die Patres kamen, +und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen +konnten, sagte er mit lauter Stimme: + +»Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt +die erhabnen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt +in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid +gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer +Übeltaten zu empfangen!« + +Die Patres hielten an und verwunderten sich +sowohl über Don Quijotes Gestalt, als auch über +seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr +Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern +zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre +Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche +mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder +nicht.« + +»Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn +ich kenne euch Lügenbrut,« sprach Don Quijote; +und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte +er den Rosinante und griff mit solcher Wut und +Keckheit den vordersten Mönch mit eingesenkter +Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende +vom Maultier geworfen, er ihn übel von seiner +Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar +getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward, +wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine +Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers +und fing an, leichter als der Wind, über das Feld +zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der +Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel +ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider +auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche +kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen +auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses +rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die +sein Herr Don Quijote gewonnen habe. Die Jungen, +die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten, +was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle, +und Don Quijote weit ab von sich erblickten, der +mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho, +schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare +aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so +übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der +Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten, +stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesicht, +wieder auf sein Maultier und trabte, so wie +er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in +einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag +dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter +den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten +sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze, +als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre. + +Don Quijote befand sich, wie schon gemeldet, +bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure +Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit +ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten, +denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden +gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines +Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den +Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß +ich Don Quijote von la Mancha bin, irrender Ritter +und Abenteurer, Gefangener der unvergleichlichen +und schönen Donna Dulzinea von Toboso; zum +Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen, +begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso +kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert +und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung +getan.« + +Alles, was Don Quijote sagte, hörte ein Stallmeister, +der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein +Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den +Wagen nicht wollte fort lassen, wenn er nicht den +Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so +machte er sich an Don Quijote, und indem er die +Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen +und noch schlechteren biskayischen Sprache: +»Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott, +an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich +so schlachten, als wärst du Biskayer!« + +Don Quijote verstand seine Meinung wohl und +antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein +Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für +deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt, +du dienender Sklave!« + +Der Biskayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter? +Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ! +Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst +sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen; +Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann +zum Teufel und lügst, sagst du's anders!« + +»Du wirst es plötzlich schauen, wie Agrages +sagt,« antwortete Don Quijote und zugleich warf +er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert, +legte den Schild vor und griff den Biskayer mit +dem Vorsatz an, ihm das Leben zu nehmen. Der +Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von +dem Maultier absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes +war, auf das er sich nicht verlassen +konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen +zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche +nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm +zum Schilde diente und nun gingen die beiden gegen +einander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen. +Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber +vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen +schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht +nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle +andern tot machen wollte, die ihn stören würden. +Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah, +erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas +beiseite zu fahren und so wollte sie von weitem +dem hartnäckigen Kampfe zuschauen. + +Zum Anbeginn gab der Biskayer dem Don +Quijote über der Schulter und über dem Schilde +einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild +nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den +Gürtel gespalten wäre. Don Quijote, der das Gewicht +dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit +lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea! +Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter, +der Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich +in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies +sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem +Schild schirmen und auf den Biskayer zustürzen, +tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf +das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu +lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen +sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und +war willens, es eben wie Don Quijote zu machen. +Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt, +wobei er sein Maultier weder auf die eine noch +die andere Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit +und auch weil es an dergleichen Possen nicht +gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun. + +Also, wie gemeldet, rannte Don Quijote gegen +den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen +und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen. +Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert +geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle +Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich +aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit +denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame +in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen +Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend +Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus +einer so großen Gefahr erretten möge. -- -- -- + +Schade aber ist es, daß gerade bei dieser Stelle +der Autor abbricht und diesen Zweikampf mit der +Entschuldigung unausgemacht läßt, daß er nichts +weiteres von Don Quijotes Taten vorgefunden, als +was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor +dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß +eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit +soll überliefert sein oder daß die herrlichen +Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben +sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in +einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften, +die von diesem berühmten Ritter Meldung tun. +Diesen Gedanken nährte ich und hoffte demnach, +den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen, +welches mir auch, unter Begünstigung des Himmels, +auf folgende Weise gelungen ist, die ich im zweiten +Teil erzählen will. -- + + + + + ~Zweites Buch~ + + + + + ~Erstes Kapitel~ + + Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den + der wackere Biskayer und der tapfere + Manchaner hielten + + +Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den +tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote +mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend, +zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn +sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf +teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel +entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren +Moment stand die treffliche Geschichte still +und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht +gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen +könne. + +Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das +Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte +sich in Mißvergnügen, wenn ich an die +Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden +müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen +Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien +mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten +Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser +sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen, +seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran +es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von +denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre +Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen +oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine +Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken +und Kindereien ausmalten, wenn sie auch +noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern +Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen, +daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und +andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher +nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so +brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben, +sondern ich schob die ganze Schuld auf die +Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie +verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte. + +Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich +unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung +der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von +Henares befanden, so müsse auch die Historie selber +neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben +existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines +Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser +Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die +ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben +und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen +Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des +Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft, +des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser +bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung +irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten, +den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu +beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren +Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen +über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu +Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn +sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen +Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen +wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit +sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen +hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden, +wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte, +daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen +Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche +Lobpreisungen verdiene; die Arbeit +und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß +dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden +mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß, +wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden +hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren +würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und +Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen, +wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese +Geschichte auf folgende Weise. + +Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo, +da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und +Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen +wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu +lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der +Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen +Neigung, nahm einige Blätter von denen, die +der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die +arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben, +konnte sie aber nicht lesen und sah mich +also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie +mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen +Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl +welche für unverständlichere und ältere Sprachen +finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei, +gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm +das Buch in die Hand gab; er schlug es in der +Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing +er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache, +und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche +als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei. +Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein +Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich +gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea +von Toboso, die so oftmals in dieser Historie +genannt wird, hatte nach Berichten unter allen +Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand, +Schweinefleisch einzupökeln.« + +Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war +ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich +ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte +des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken +bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen, +er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische +übersetzte, folgendermaßen: Historia des +Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide +Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es +war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen +zu verbergen, da ich den Titel des Buches +hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte +von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere +um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt +hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären, +wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen +können. + +Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das +Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die +ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote +handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas +auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte, +wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit +fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen +zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell +zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern +und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu +geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo +er in ungefähr einem und einem halben Monat +alles so übersetzte, wie man es hier findet. + +Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht +mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt, +sie standen in derselben Stellung, wie sie die +Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser +mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt; +zugleich war das Maultier des Biskayers +so täuschend abgebildet, daß man es auf einen +Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte. +Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben, +Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich +sein Name war, unter Rosinantes Füßen +war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don +Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig +abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen, +mit einem so hervorstehenden Rückgrad +und einem so anständigen Betragen, daß er beim +Beschauen bewies, wie passend und mit welcher +Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei. +Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am +Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein +Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und +wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat +einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und +sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den +Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide +Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden. +Ich könnte noch einige andere Abweichungen +anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine +tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag, +sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in +ein helleres Licht setzt. + +Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit +nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser +ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich +sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr +unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß +manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies +scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn +wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen +des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte, +geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber +hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger +Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau +sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz +noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe +dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten, +deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin +der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen, +Beispiel und Rat des Gegenwärtigen, +Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man +nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen +Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin +mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld +an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem +Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der +Übersetzung folgendermaßen an. -- -- -- + +Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter +der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer, +die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu +dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und +ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war +der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend +ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs +gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend +war, dem edlen Mute und allen künftigen +Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen; +aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte, +drehte das Schwert seines Gegners, so daß +es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter +keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze +Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege +einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des +Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen +Gekrach auf die Erde stürzte und eine +Strecke weit wegflog. + +Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut +genügend zu beschreiben, die das Herz unseres +Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah! +Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der +Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob, +das Schwert mit beiden Händen faßte und +damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet +jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert +war, trotz diesem herrlichen Schirme der +Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus +der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und +er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen, +auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den +Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die +Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das +Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht, +lief übers Feld und warf seinen Herrn mit +wenigen Kapriolen auf den Boden. + +Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies +alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom +Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die +Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle, +sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen +solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein +da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre +ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind, +wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin +mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten, +herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten, +ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und +ihrem Stallmeister das Leben zu schenken. + +Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster +und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen, +bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die +Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß +dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe +Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen +Donna Dulzinea zu präsentieren, +damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten +möge.« + +Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne +sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen +oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen, +versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen +werde, was man ihm gebiete. -- »So sei es denn +im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein +Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden +sein kann.« + + + + + ~Zweites Kapitel~ + + Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho + Pansa, seinem Stallmeister + + +Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den +die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er +hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam +zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet, +daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen +lassen möge, über welche er ihn, seinem +Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne. +Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war +und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen +wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu +halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf +er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte +sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr +Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der +Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen +Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich +fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz +einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert +hat.« + +Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend, +Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche, +keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer +sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene +Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld, +es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht +nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr +eintragen sollen.« + +Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die +Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen +Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem +Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der +Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes +Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe +seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß +er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut +zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don +Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an, +bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf, +als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut, +Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn +da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen +habt, so ist er imstande, alles der heiligen +Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben +die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig +der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns +wieder herauslassen.« + +»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann +hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender +Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er +auch tausend Homizidien begangen hätte.« + +»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete +Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf +keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die +heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich +auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich +nichts an.« + +»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete +Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der +Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten +wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl +einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen +bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den +Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen +hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr +Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit +zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?« + +»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß +ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich +kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich +behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als +Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht +gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit +nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt +habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu +kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut, +ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im +Schnappsack.« + +»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn +ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von +dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem +einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin +ersparen.« + +»Was für eine Flasche und was für ein Balsam +ist das?« fragte Sancho Pansa. + +»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von +welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so +beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu +fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu +besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige +und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu +tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten +durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet), +die Hälfte des Körpers, die auf den Boden +gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe +das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im +Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und +gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei +Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und +du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein +Fisch.« + +»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich +mich der Regierung der versprochenen Insel begeben, +und ich verlange zum Lohn meiner vielen +und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr +mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes +mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze +wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr +brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und +lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen, +ob es ihn zu machen viel kosten wird.« + +»Mit weniger als für drei Realen kannst du +drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote. + +»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht +Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?« + +»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote, +»noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch +größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt +wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr +schmerzt mich mehr als ich es sage.« + +Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und +Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm +verdorben war, wollte er unsinnig werden; er +legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen +zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim +Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien, +wo sie am umständlichsten geschrieben +stehen, eben das Leben zu führen, welches der +große Marquis von Mantua führte, als er schwur, +den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches +darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit +seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen +Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die +ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige +Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf +erwiesen.« + +Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt, +mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der +Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich +hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von +Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan +hat, was ihm zukömmt, und also keine andere +Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen +begeht.« + +»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete +Don Quijote, »ich vernichte also den Eid, +insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber +ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte +Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem +Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser +ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses +vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich +das nach, was sich in Ansehung des Helmes +des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar +war.« + +»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese +Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit +zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen! +Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen +Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen +Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen +wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit +und Drückendes hat, wie in den Kleidern +zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren, +nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem +Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis +von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in +Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr, +daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten +Männer reisen, die gar keine Helme tragen, +ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen +Helm haben nennen hören.« + +»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote, +»denn nicht zwei Stunden werden wir auf den +Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen, +als nach Albraca kamen, um Angelika, +die schöne, zu entsetzen.« + +»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho, +»und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und +daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen, +die mir so köstlich ist; dann will ich +sterben.« + +»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls +unbekümmert sein darfst, denn wenn uns +auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die +Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir +wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und +die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf +dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses +der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem +Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen +wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese +Nacht herbergen und den Balsam machen können, +von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir +zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.« + +Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig +Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und +sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für +einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind +schicken.« + +»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don +Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der +irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate +nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das, +was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon +versichert sein, wenn du so viele Historien wie +ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge +habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden, +daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es +sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett +anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen +Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich +wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne +die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten, +denn sie waren eben solche Menschen wie wir es +sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die +meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, +und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß +ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen +Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben +anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir +etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die +Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus +ihren Angeln heben willst.« + +»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte +Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder +lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum +keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich +will aber künftig den Schnappsack mit aller Art +von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr +ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin, +will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die +kernigter und gewichtiger sind.« + +»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don +Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien, +nichts als die Früchte zu essen, von denen du da +sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt +darin und in etlichen Kräutern bestand, die +sie im Felde fanden und kannten und welche ich +ebenfalls kenne.« + +»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit +solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir +vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen, +wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft +Nutzen zu ziehen.« + +Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte +und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da +sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo +sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten +sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit. +Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um +noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen; +aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter, +das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei +einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden, +bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war +sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht +hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter +freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte +durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht +mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine +Ritterschaft beweisen könne. + + + + + ~Drittes Kapitel~ + + Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten + begegnete + + +Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig +aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich +tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt +hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken +Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel +kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch +zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie +ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu +führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt, +daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf +der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald +ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die +beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig +war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich +ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden, +nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten +Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge +niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote +setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher +herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als +ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit +du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft +mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind, +die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen, +damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet +und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite +und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt, +daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch +dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus +meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke. +Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche +sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie +alle Dinge gleich macht.« + +»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß +Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was +Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für +mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser +zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die +Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und +Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne +Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, +wenn ich nur langsam kauen soll, wenig +trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen +muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die +Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit +der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger +Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt, +da ich ein Diener und Zubehör der irrenden +Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber +in was anderes verwandeln, das mir bequemer und +nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für +empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in +Ewigkeit.« + +»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der +Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und +zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit +Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen +von diesem Rotwelsch der Edelknaben und +irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und +beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende +Stücke wie die Faust groß, herunterkauten. + +Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht +legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln, +wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war, +als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn +war auch nicht müßig, denn es ging häufig +herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer +an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden +preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war. + +Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll +Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete +hierauf seinen Mund zu folgenden Worten: +»O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem +unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten, +nicht weil man damals das Gold, welches +in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in +jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann, +sondern weil unter denen, die damals lebten, die +beiden Wörter mein und dein unbekannt waren. +In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein, +keiner durfte für seinen gewöhnlichen +Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken, +um sie von den starken Eichen zu pflücken, +die einladend und freigebig die süße und gesunde +Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer +und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen +Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum +Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen +bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren +Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur +Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen +Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung +des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her, +womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen +ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit +des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe, +Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des +gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen +Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und +zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von +allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was +zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder +diente. Damals schweiften die einfältigen und +schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel +zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter +bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die +Tugend damals und immer zu verhüllen geboten +hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt +geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig +zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne +Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der +sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt +unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen, +die der sinnende Müßiggang erzeugt. +Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der +werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und +suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um +köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit +waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt. +Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit, +weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu +irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen. +Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter, +denn keiner richtete damals und keiner wurde +gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie +schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich +selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und +keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und +aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber +in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend +sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth +verborgen und verschlossen hielte: denn auch +dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte, +listerfüllte Begier hinein und vereitelt +und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit +wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der +anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter +begründet, um Jungfrauen zu verteidigen, +Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen +beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr +Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme +und den freundlichen Willkommen danke, welche sie +mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich +das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet, +den irrenden Rittern freundlich zu sein, so +habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen, +aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich +Euch um so mehr.« + +Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte +unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn +die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter +erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten +diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm, +ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und +Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still, +aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten +Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten, +an einen Korkbaum gehängt hatten. + +Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war +vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte +nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen +könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch +gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so +wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen +machen, daß einer von unseren Kameraden singen +soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer, +klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein +lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant +auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher +wünschen kann.« + +Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man +den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch +der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr +zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden +Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon +zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja. +Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte, +sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio, +den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser +Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und +hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen. +Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt, +und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir +als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen +die Freude und spiele und singe die Romanze, +die dir dein Oheim gemacht hat und die +dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« -- »Sehr gern,« +sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu +lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen +Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich +mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied: + +~Antonio~. + +Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst, +Wenn du kein einziges Wörtchen sagst -- +Mir nicht einmal ein Blickchen gibst, +Der Liebe stummredende Sprache. + +Ich weiß, daß du ein verständiges Kind, +Daß du mich liebst, macht's wieder kund, +Der weiß, wie der andre ihm gesinnt +Macht ja immer den glücklichsten Bund. + +Oft freilich, wollt' es sich weisen +Olalla, deutlich genug, +Daß wohl deine Seele von Eisen -- +Von Stein deine milchweiße Brust. + +Aber sie alle ja deine Reden, +Die Worte, womit du mich strafst, +Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden, +Die lallten mir Trost zu im Schlaf. + +Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen, +Kam meine Liebe dir immer zurück, +Sie verminderte niemals dein Keifen, +Sie vermehrte kein freundlicher Blick. + +Wenn Liebe wohl immer ist artig, +Und artig bist du gewiß, +So tröst' ich mich, Monate wart' ich +Und endlich doch liebest du mich. + +Wenn Dienste es können bezeugen +Daß man im Herzen gerührt, +So will ich nicht alle verschweigen, +Die ich für dich ausgeführt. + +Denn, wenn du geachtet so weit, +So hast du mich oftmals gesehn +In meinem schön' Sonntagskleid +Am Montage selber noch gehn. + +Es gehn ja das Putzen und Liebe +Wohl immer Hand in Hand, +Und daß ich dir angenehm bliebe +Drum habe so viel aufgewandt. + +Dir zuliebe so laß ich das Tanzen, +Musizieren und auch Reimerei, +Da ich sonst immer gesungen +Schon vom ersten Hahnengeschrei. + +Unerwähnt, wie die Lippen dich loben, +Wie schön und trefflich du bist, +Daß manch andre deshalben toben +Wenn alles auch Wahrheit ist. + +So wollte Therese von Berrocal +Als ich dich lobte, mich strafen. +Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal, +Er denkt's, ja er liebt einen Affen! + +Das machen die Bänder, die bunten, +Die falschen Haar' auf dem Kopf, +Ist keine Schönheit dadrunten, +Sie machen die Liebe zum Tropf. + +Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig, +Da trat ihr Vetter ihr bei, +Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne, +Was er tat, was ich tat dabei. + +Zum Spaße will ich nicht hofieren, +Ich diene dir nimmer darum +Daß ich dich möchte verführen, +Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm. + +Ein Joch hat die heilige Kirche, +Für mich nur ein Faden von Seiden, +Gefällt dir's da drinne zu wallen, +So folg' ich mit zehntausend Freuden. + +Tust du's nicht, so schwört es dir heilig +Dein treuster und herzlichster Diener, +Aus den Bergen entflieh ich hier eilig, +Werd' aus Bosheit gar Kapuziner! + + +Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don +Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho +Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr +daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte +also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich +nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen +wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten +Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die +Nacht mit Singen hinzubringen.« + +»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche +beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf +als durch Musik verlangen.« + +»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,« +antwortete Sancho. + +»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote; +»suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von +meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei +alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn +du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es +schmerzt mich mehr als billig.« + +Sancho tat, was er befahl, da aber einer von +den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er, +es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen. +Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien, +der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit +etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er +versicherte, daß es nun keiner andern Medizin +brauche, wie es sich auch befand. + + + + + ~Viertes Kapitel~ + + Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft + erzählte + + +Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen, +die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu +und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im +Dorfe los ist?« -- »Wie sollen wir es wissen?« +sagte einer von den andern. -- »Nun, so will ich +euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute +früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus +gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus +Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben, +der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in +Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.« + +»Für die Marcella!« rief der eine aus. + +»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt, +»und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem +Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem +Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar +am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den +Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle +zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr +dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher +sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht +zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein +guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der +sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie +müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen +habe und nichts dürfe fehlen, und darüber +ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber +sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen, +was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine +Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er +nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich +glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich +wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn +ich nicht früh wieder ins Dorf muß.« + +»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten, +»und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben +und alle Ziegen hüten soll.« + +»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr +braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich +will für euch alle hierbleiben; und das ist keine +Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre, +sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich +mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht +laufen kann.« + +»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete +Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der +Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte: +»Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines +reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von +unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele +Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in +sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig +gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe +er die Wissenschaft von den Sternen inne und was +dort am Himmel Sonne und Mond machten, und +buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von +Sonne und Mond vorher.« + +»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht +Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert +werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro, +ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so +in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen, +ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.« + +»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,« +rief Don Quijote. + +»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das +ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's +erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr +reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten +alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr +sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen +säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute +Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät +kein Tropfen.« + +»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte +Don Quijote. + +»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete +Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte +und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate +vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen +war, als er eines Tages mit einem Male +als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem +Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug, +war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer +sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren +sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen, +Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene +ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen, +so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen +Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für +die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe +hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß +sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe +die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer +angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten +es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf +diese närrische Abänderung verfallen wären. Um +die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus +gestorben, und er erbte von ihm einen +Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke +und eine ziemliche Menge von großem und +kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über +das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er +verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle, +mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten +Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein +mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er +seine Tracht verändert hatte, und es war nichts +anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin +Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher +genannt hat und in die sich der arme gestorbene +Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch +auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es +wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht, +gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures +Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr +als Ysop erleben solltet.« + +»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es +nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die +Namen verstümmelte. + +»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro +aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn +wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.« + +»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don +Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied +zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen; +aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn +Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt +nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun +nicht weiter unterbrechen.« + +»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der +Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer, +der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus +und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst +seinem vielen und großen Vermögen auch eine +Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter +starb, die wohl das herrlichste Weib war hier +weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht +vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne +und auf der andern der Mond stand, und dabei +war sie so arbeitsam und gegen die Armen so +mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt +jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus +Gram über den Tod einer solchen braven Frau +starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge +und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht +eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist. +Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir +immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein +schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die +Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es +auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn +Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht +Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen +hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie +bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen +und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von +ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß +deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht +nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen +in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen +der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde, +daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber, +der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie +auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre +hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung +tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor +Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen +des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe. +Und wahrlich, das wird zum Lobe des +braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt. +Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man +in kleinen Dörfern über alles spricht und über +alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es +für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz +erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder +dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends +auf dem Lande.« + +»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote; +»aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und +Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.« + +»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß +alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist +die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der +Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften +eines jeden auseinandersetzte, der sie zur +Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und +daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte. +Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch +nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und +unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies +schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der +Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete +darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich +dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen +möchte. Denn er behauptete, und das mit +Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren +Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages, +als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige +Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an +ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu +kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen +Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre +Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde +und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es +sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte, +Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus +anlegten und ihr durch die Felder nachzogen. +Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war +unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie +nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß +aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer +so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei +sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht +steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn +erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur +etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht +so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr +dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner +gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können, +daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben +hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen +aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft +und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie +geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis +irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt, +und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten +sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt +sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und +mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande +mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche, +denn ihre Freundlichkeit und Schönheit +zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an, +und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie +in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts +weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme +die Grausame und Undankbare nennen, nebst +anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für +ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn +Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten +wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge +und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen, +die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein +Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen; +davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der +Name Marzella gegraben und geschrieben wäre; +zum Überfluß haben einige noch eine Krone in +denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber +ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß +Marzella unter allen schönen Mädchen allein die +Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein +Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt +man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle +Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am +Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne +daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre +Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am +Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre +Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen +in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden +auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken +dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und +über diesen und jenen sowie über jene und diese +triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle, +die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet, +was aus ihrem Übermute werden soll und wer +der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche +Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit +genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt +habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß +ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom +Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch +auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der +Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu +sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der +Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe +Meile von hier.« + +»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don +Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen, +welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen +Geschichte gemacht habt.« + +»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die +Hälfte von alledem, was den Liebhabern der +Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber +morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles +sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr +Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die +freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich +bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger +Zufall mehr zu befürchten ist.« + +Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen +Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat +seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte +möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte +den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an +seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener +Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es +sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem +und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter, +sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte +erlitten hatte. + + + + + ~Fünftes Kapitel~ + + Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella + beschlossen, nebst anderen Begebenheiten + + +Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des +Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden, +Don Quijote ermunterten und ihm sagten, +daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne, +wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis +des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der +es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich +zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit +vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den +Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile +fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern +zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad +kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen +und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte +in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme, +und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu +Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei +Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie +zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer +fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich +erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten, +worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer +von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter +sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß +die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei, +um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches +wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den +Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen +sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig +sein muß.« + +»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo, +»und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern +wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.« + +Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella +und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf +der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen +Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt +habe, aus welcher sie in Trauerkleidern +gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von +der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella +erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie +bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus +nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz, +er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von +Pedro gehört hatte. + +Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein +andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte, +fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf +diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land +zöge. + +Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe, +welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere +Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und +Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen, +aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast +werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die +irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger +mich zu den niedrigsten zähle.« + +Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn +auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu +sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit +sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen +irrenden Rittern?« + +»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote, +»die Annalen und Historien von England gelesen?, +in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus +erzählt werden, den wir in unserer Sprache +gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem +eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien +geht, daß er nicht gestorben, sondern +durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei, +und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren, +seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen +werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener +Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet +hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde +der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde +gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel, +die vom Don Lanzarote vom See mit der +Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin +und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona +war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm +Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist: + +Niemals ward ein edler Bote +So bedient von Damen süß, +Wie der große Lanzarote +Da er einst Bretagna ließ. + +Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von +seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt. +Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft +und erstreckte sich durch viele und verschiedene +Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt +und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen +Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen +der tapfere Felixmarte von Hircania und +der niemals genug gepriesene Tirante der Weise, +und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir +ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und +wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese, +meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn +beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den +auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten +lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben +suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden +Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß +meinen Arm und meine Person der größten +Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir +nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen +zuschicken kann.« + +Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends, +daß es Don Quijote am Verstande fehle, so +wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit +er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten +wie alle diejenigen, die dies an ihm zum +ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger +Mann und von fröhlichem Temperament +war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm +zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle +hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch +mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher: +»Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner +Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen, +die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube, +daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen +Stand haben.« + +»So strenge mag hingehen,« antwortete unser +Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen +die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen +Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen +soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns +ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann, +der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen, +die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom +Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und +Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten +es mit der Stärke unseres Armes und mit den +Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache +bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den +fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und +dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind +wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch +den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und +alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht, +nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung +gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen, +welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr +Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher +Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht +sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken, +daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm +sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich +will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger +und beschwerlicher, hungriger und durstiger, +elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich +zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im +Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren +haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich +durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern +emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit +Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen, +die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise +beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre +Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten +Hoffnungen vereitelt sein.« + +»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der +Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein +Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich +mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein +großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen, +in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr +erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht +dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem +guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren +unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame +so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott +wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem +Heidentume.« + +»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses +darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden +Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen +übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch +und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der +irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat +unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd +und liebevoll die Augen auf sie heftet, als +flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge +in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt; +ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine +Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen +und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon +auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt +werden. Damit aber muß man nicht glauben, +daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen +sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen, +dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe +des Werkes verrichten.« + +»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe +ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals +gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von +einer und der andern Seite der Zorn entbrennt, +sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes +zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du +nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander +losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen. +Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß +der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der +Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere +auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich +nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich +nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll, +sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott +zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die +Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame +empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ +eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies +glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen +haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht +alle sind verliebt.« + +»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote. +»Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden +Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es +so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem +Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß +es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter +ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen +geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter, +sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die +Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die +Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber +und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.« + +»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube +ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß +Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von +Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er +sich empfehlen konnte, und doch ward er darum +nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus +mannhafter und berühmter Ritter.« + +Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein +Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, +um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser +Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen +Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber +dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte. +Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß +er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren +hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich, +empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr +geheimnisvoller Ritter zu sein.« + +»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der +irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so +kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da +Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun +also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin, +so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte +ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft +und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft +und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie +muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt, +daß sie von einem so vorzüglichen Ritter, +wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.« + +Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer +und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr, +der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt +erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel +sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren, +daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso, +ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens +Prinzessin sein, da sie meine Königin und +Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich, +denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen +und erträumten Schönheitsideale, die die +Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist +golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre +Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen, +ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, +Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor +die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der +Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem +menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung +so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen +köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.« + +»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft +wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo. + +Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt +nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen +Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den +Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes +von Katalonien, ebensowenig von den +Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas, +Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones, +Urreas, Foces und Gurreas von Arragon; +den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans +von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses +von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de +la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten +Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren +edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere +man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung +geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen +der Waffen des Orlando schrieb: + +Keiner soll sie berühren, +Der sich nicht unterfängt +Mit Roldan Streit zu führen.« + +»Mein Stamm ist von den Cachopines von +Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe +mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von +la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit +gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals +zu Ohren gekommen.« + +»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don +Quijote. + +Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der +beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und +selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an +unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes. +Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte, +für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf +gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von +Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals +hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin +etwas gehört, so nahe er auch an Toboso +lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen, +als sie zwischen dem Risse von zwei hohen +Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in +Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen +von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs +von ihnen gingen unter einer Trage, die mit +mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war. +Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte +er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus +tragen und am Fuße des Felsens, da ist die +Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.« + +Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und +sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die +Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen +mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite +eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte +sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle, +die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre, +auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie +ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig +Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines +schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um +ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und +viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle +Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten, +beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von +den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius, +ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich +Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles +buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem +Testament verordnet hat.« + +»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh, +wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier +die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er +mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin +des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst +seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er +von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung, +wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben +Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun +als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der +ewigen Ruhe gesenkt zu werden.« + +Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und +die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam, +edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen +betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel +mit seinen reichsten Geschenken geschmückt +hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus, +der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten +im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit, +ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne +Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein +zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die +den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite +in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte +und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt, +er flehte zu einer Unmenschlichen, seine +Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den +tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er +diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung +gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine +Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine +Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen +wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen +leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen, +die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie +dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der +Erde überliefert ist.« + +»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und +grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener +Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig, +einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle +Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals +gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung +dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der +göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl. +Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam +Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt +Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit +zu übergeben, wenn er es im Unwillen +so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr +es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr, +daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer +das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe, +damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur +Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund +zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen +sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und +unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft +zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie +wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden +befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt +sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der +Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe +und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel +erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen +Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem +sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren +wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben +werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen +wir unsere gerade Straße, um das mit Augen +zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt +hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und +des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich +wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens +bitte ich dich dringend darum, diese Papiere +nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu +überlassen.« + +Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten, +streckte er die Hand aus und faßte einige, +die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius +sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr +die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt, +aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht, +daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.« +Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere +enthielten, schlug eins davon auf und sah die +Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius +das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte, +was der Unglückselige geschrieben hat, und damit +Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset +dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit +dem Grabe fertig werden.« + +»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da +die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten +sie sich um ihn und er las mit lauter +Stimme folgendes Gedicht ab. + + + + + ~Sechstes Kapitel~ + + Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst + anderen unverhofften Begebenheiten + + +Gedicht des Chrysostomus + +Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden, +Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme, +Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen, + +Zur Hölle selbst will ich die Wege finden, +Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme, +Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen. + +Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen, +Mein Leiden, deine Taten zu besingen, +Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden, +Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden, +Im armen Busen seufzend widerklingen. + +So höre denn, und lausche meinen Tönen, +Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen, +So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen, +Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer, +Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. -- + +Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen, +Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen +Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen + +Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen +Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen +Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen: + +Gegirr der Witwentauben in den Klausen, +Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde +Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne +Der gattenlosen Eule, Klagetöne +Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde. + +O klingt, und helft mir meine Klagen weinen, +Daß alle sich zu einem Ton vereinen, +In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen, +Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden, +Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. -- + +Nie schallten noch so laute Klagen wider +Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen, +Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten: + +Doch tönten dort so viele Jammerlieder +Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen, +In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten: + +Einsame, sichre Tale, o ihr weiten +Einöden, die kein Menschenfuß versehret; +Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze, +Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze, +Die Natter sich im feuchten Schatten nähret: + +Du Widerhall in diesen Wüsteneien, +Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien, +Von ihrem unerhörten harten Sinne, +Daß ihn die ganze weite Welt erkundet, +Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. -- + +Verachtung tötet, durch des Argwohns herben +Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren; +Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen: + +Der Liebende muß an der Trennung sterben: +Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren, +Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen. + +Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen; +Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben, +Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet +Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret: +Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben. + +Und unter allen Martern läßt das Hoffen +Mir nach dem Lichte keine Spalte offen: +Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören; +Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich +Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. -- + +Wer kann zugleich in einem Augenblicke +Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren! +Wenn alles nur gerechte Furcht begründet! + +Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke, +Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren, +Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet? + +Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet, +Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen? +Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen, +Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen? +Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen? + +Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet: +Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet; +Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände. +Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget +Verbittert dein Andenken auch mein Ende. -- + +Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen, +Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben, +Und meinen festen Glauben fester fassen. + +Ich sehe dich für einen andern glühen, +Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben, +Der niemals noch sein altes Reich verlassen: + +Ich sage, ja, du magst mich immer hassen, +So wie dein Körper schön, ist deine Seele, +Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden, +Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden, +Mein Herz in ewig wachen Martern quäle. + +Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben +Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben +So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten, +Das Grab empfange Körper dann und Seele, +Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. -- + +O du, die wortelos in dem Verachten +Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen, +Daß ich im Blute meines Herzens wüte: + +Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten, +Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen, +Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete: + +Rührt dich mein früher Tod, o so behüte +Den hellen Himmel deiner süßen Blicke, +Daß keine Träne ihren Schimmer trübe, +Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe, +Ich weise jedes Mitleid nur zurücke. + +Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen, +Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen. +Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben, +Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme, +Daß du so früh geendiget mein Leben. -- + +So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen, +Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade, +O Sisyphus mit deiner Felsenmasse, + +Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden +Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade, +Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse. + +Verbunden dann mit den Verdammten lasse +Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide +Vereinen sie sich all mit mir im Singen, +Dem Körper Totenopfer darzubringen, +Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide. + +Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet, +Und tausend andre Larven aufgetürmet, +Sie heulen dann die trauervollen Chöre, +Genug dem Liebenden, im Gram gestorben, +Denn er verdient nicht größre Totenehre. -- + +Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte, +Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte, +Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke +Von der, die nur beseligt wird durch Jammer, +Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. -- + +Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus, +worauf der, welcher es vorgelesen, sagte, +daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas +Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen +schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht, +Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen +den guten Ruf, den Marzella sonst genösse. + +Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten +Gedanken seines Freundes bekannt waren: +»Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte, +müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche +dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt +war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt, +um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche +Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende +von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen +Zweifeln erschüttert werden, so wurde +auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem +Argwohn gequält, die er nicht für +Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der +Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die +Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist +sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei +ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden +kann.« + +»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem +er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das +er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine +seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn +wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet +ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze +des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde, +erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die +Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde. +Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten +sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren +Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen +die Augen auf sie, wie diejenigen, denen +der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius +erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens +ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher +Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob +deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses +Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit +das Leben raubte? Oder kömmst du, um +über deine grausamen Taten zu triumphieren? +Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines +angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend +den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen, +wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius +tat? Sage nur schnell, was du willst oder +welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß, +wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir +dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen, +und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch +willfahren.« + +»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius, +führt mich her,« antwortete Marzella, +»sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir +die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben, +zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit +entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind, +aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel +Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um +meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen. +Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[ +und so, daß ihr, ohne weitere bewegende +Ursache, mich meiner Schönheit wegen +liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie +ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu +lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott +mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig +ist; aber das ist mir unverständlich, wie die, +weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben, +der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar +fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich +ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt +es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du +schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich +häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche +Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die +Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn +nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen +das Auge, lassen aber den Willen frei: denn +machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie +den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener +Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu +finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig +die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig +müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man +mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so +sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn +dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr +meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus +keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es +sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der +Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet +hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch +beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies +erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit +nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne +Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen +hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist, +daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet +hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir +aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn +die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem +Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes +keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen +fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck +der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei, +niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun +von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele +schmücken und verschönen kann: warum soll die, +welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren, +dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine +Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und +List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu +leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die +Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die +hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen +Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken +und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der +Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein +Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine +Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen +nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung +weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben, +so daß man sagen kann, er sei an seinem +Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben. +Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich +waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern +müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem +Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird, +mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich +ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist, +in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die +Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume +meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun +auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung +seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln +wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem +Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich +ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine +Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren +Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte +meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er +verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward: +wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines +Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage, +der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging, +der rede laut, um den ich klagte, der höhne +mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich +grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche, +ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere. +Bisher hat es der Himmel über mich noch +nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der +Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist +Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen +von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich +bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn +einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und +Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem +Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese +Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer +mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie +vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar +nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich +heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge +mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare, +Grausame, diese Unerkenntliche wird +keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft +wünschen und auf keine Weise keinem folgen. +Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus +töteten, warum wird meine Ehre und +Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in +Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich +wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht, +daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr +wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre +nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt +mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse +keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich +nicht um den andern, scherze nicht mit diesem, +lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft +sind die Hirtenmädchen dieser Gegend, +meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine +Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen +beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es +nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen, +den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer +ersten Heimat zurückkehrt.« + +Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um, +ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich +in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie +alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit +entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den +Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen +Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken, +ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung +auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies +bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier +trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten +Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen +und sagte mit lauter und verständlicher Stimme: +»Niemand, von was Stand und Würden er auch +sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen, +bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu +erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden +Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine +Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie +fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer +Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht, +daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie +als das Edelste in der Welt schätze und verehre, +denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die +mit so edlen Vorsätzen lebt.« + +Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder +des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles, +was er seinem wackeren Freunde schuldig sei, +noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle +gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner +entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht, +die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt, +sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle +Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem +großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf +dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius +folgende Inschrift wollte eingraben lassen: + +Hier liegt ein Opfer der Liebe; +Ein Schäfer vom Gefilde, +Der Grausamkeit zu milde, +Ihn tötete Mißliebe. + +Er starb dem mächt'gen Triebe +Zur undankbaren Schönen, +Die durch Verschmähen, Verhöhnen +Ihn tötete mit Liebe. + +Über das Grab wurden dann viele Blumen und +Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius, +indem sie ihm wegen seines Freundes einen +Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten +Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote +trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden, +die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen, +einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem +sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse +stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote +bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche +Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt +noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle +diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern +gereinigt habe, mit denen sie angefüllt +sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß +hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern +nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen +ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es +ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über +die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus, +als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser +war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen +und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten. +Es kam aber nicht so, wie er es dachte, +wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften +Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen +wird. -- + + + + + ~Drittes Buch~ + + + + + ~Erstes Kapitel~ + + Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches + Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche + Yangueser traf + + +Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don +Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen +übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus +gegenwärtig waren, Abschied genommen, +sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch +wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren +hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend +nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu +finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches +Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer +Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen +sie hier in der Hitze der Mittagsstunde +auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don +Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den +Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem +schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den +Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich +und ohne Zeremonien miteinander, was sie +darin antrafen. + +Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden, +denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen +Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten +von der Weide von Cordova nicht von dem Wege +Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der +Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß +ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch +das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln +Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und +Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don +Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr +willkommen. + +In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich +mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er +witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine +sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem +Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen +Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen. +Diesen aber war mehr an der Weide als an +anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also +mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den +Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand. +Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß +die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren +Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn +mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den +Boden stürzte. + +Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung +des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst +herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich +gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine +Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes +Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb +wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich +wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die +er unter unsern Augen erlitten hat.« + +»Was Teufel können wir für Rache nehmen?« +antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann, +und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur +anderthalb.« + +»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote, +zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den +Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat +Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt +und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote +dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter +drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die +vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen +gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren +Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte +hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und +Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon +mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem +Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote, +ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten +konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante +nieder, der sich noch nicht hatte aufheben +können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig +die Wirkung von Krippenstangen in den Händen +erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug +und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die +Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer +in schlechtem Zustande und noch schlechterem +Humore liegen. + +Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa, +der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand, +mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr +Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!« + +»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don +Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho. + +»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete +Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei +Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten, +wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht +ist er für zerschlagene Knochen nicht minder +als für Wunden nützlich.« + +»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße, +was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber +ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters, +Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen, +wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will +ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.« + +»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho +Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen +wir weder gehen noch stehen können?« + +»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte +der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die +Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber +ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht +gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen, +die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich +glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die +Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der +Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt +würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses +für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für +unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du +nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns +eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis +ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs +wieder tun, sondern greife du sogleich nach +deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust; +kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich +dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen, +denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen, +wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern +Armes erstrecke.« + +So eingebildet war der arme Mann auf die +Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho +Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht +so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger +Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger +Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn +ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen +muß; lasse es sich der gnädige Herr also +ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht, +daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde, +so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter, +indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit +verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist, +oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte, +erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann +von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder +Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung +auszuschließen.« + +Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich +wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne +große Beschwer reden zu können, und daß sich der +Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich +dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du +dich befindest. So antworte mir doch darauf, du +feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns +bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile +dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß +wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer +der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe? +Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und +dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur +Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest, +du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch +so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes +Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu +verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten +Reichen und Provinzen die Gemüter der +Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich +auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn +sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas +unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern +und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil +zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue +Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen +und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen +oder sich dagegen zu beschützen.« + +»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete +Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand +und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen, +aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich +bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre. +Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt, +so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es +freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste +Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte +so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt +ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl +wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht +lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein +Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das +denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten +Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so +bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln +folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden +müssen?« + +»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen +Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem +Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die +Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse, +und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß +meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen +Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen +verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn +augenblicklich sterben.« + +Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger +Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft +ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten +oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen +Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube, +daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die +dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach +seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.« + +»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote, +»daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren +und Unglücksfällen unterworfen ist, und +durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu +Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung +an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen +hat, deren Geschichte ich umständlich weiß, +wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte, +wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß +durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe +emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher +oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal +gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von +Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des +Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit +erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert +Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben +habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe +festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger +Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus +in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse +Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet +habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen +Abgrund an Händen und Füßen gefesselt +worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier +nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches +ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser +großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund +zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter +schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl +mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf, +den sie erduldeten, war noch härter, als +den wir heute haben aushalten müssen; überdies, +Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden +nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten +erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat, +auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen +Worten: schlägt ein Schuster einen andern +mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann +von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt +sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz +erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den +Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe +zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft +wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten +und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts +weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger +von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte +eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.« + +»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete +Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte +ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten +sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch +schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und +mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß +mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob +mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind +oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von +den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse +wie meinen Schultern eingedrückt haben.« + +»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa, +daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht +verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht +vertilgt.« + +»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück +geben könnte, als solches, wobei man warten +muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht. +Wäre unser Unglück doch lieber von der Art, +daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten, +das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß +alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen +würden, um uns wieder zurechtzubringen.« + +»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner +Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote, +»und so will ich ebenfalls tun, damit wir +nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß +der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks +genossen hat.« + +»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete +Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender +Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß +der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen +ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten +müssen.« + +»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine +Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte +Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses +Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann, +damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem +ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese +Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere +mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus, +Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes +des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert +Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen +Esel ritt und saß.« + +»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da +erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein +großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder +wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.« + +Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden, +die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre, +aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte +nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt, +erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege +mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen +Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt +und wir aus diesem einsamen Walde kommen +mögen.« + +»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen +hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden +Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und +Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres, +daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.« + +»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann +sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind; +und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem +Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen +Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch +aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte, +und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel +nannte und auf dem Felsen Armut wohnte, +ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch, +denn hierin ist die Erzählung nicht genau, +weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis +Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte. +Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe +dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante +zustößt.« + +»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und +mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen +und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen +über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er +Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein +Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich +war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit +zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls, +bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages, +ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie +zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen +können, gewiß nicht hinter Sancho oder +seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho +packte Don Quijote über den Esel, an dessen +Schweif er den Rosinante band; er selber führte den +Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den +Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche +Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus +dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer +kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem +sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach +Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho +bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote +nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange, +bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn +Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel +hineinzog. + + + + + ~Zweites Kapitel~ + + Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete, + die er für ein Kastell hielt + + +Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem +Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle. +Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er +von einem Felsen herunter einen Fall getan habe, +wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen +wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so +wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie +war von Natur mitleidig und es dauerte sie das +Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich +über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und +ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem +Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen. +In derselben Schenke diente eine asturianische +Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf, +platter Nase, einem schiefen und einem nicht +ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden +durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe +von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht +ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern +zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den +Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte +wieder die Tochter, und beide besorgten dem +Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die, +wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen +Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren; +hier wohnte zugleich ein Eseltreiber, +dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas +entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln +und Decken seiner Maultiere bestand, doch das +Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches +auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über +welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf +diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine +Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man +nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß +sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für +Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher +aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden +man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte +zählen können, wenn man sich die Mühe hätte +geben wollen. + +In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don +Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit +ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten, +indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die +Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die +Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig +war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von +Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren +es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte +viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen +Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid +doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch +einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie +werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch +ziemlich weh tut.« + +»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl +auch einen Fall getan haben?« + +»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von +dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen +sah, tut mir der ganze Körper so weh, als +wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.« + +»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn +mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme +herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen +könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume +erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre +ich wirklich heruntergefallen.« + +»Da liegt der Hund begraben,« antwortete +Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern +wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau +wurde als mein Herr Don Quijote.« + +»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische +Maritorne. + +»Don Quijote von la Mancha,« antwortete +Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter, +und der beste und kräftigste, den man wohl seit +lange in der Welt gesehen hat.« + +»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die +Magd. + +»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr +das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So +wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder +Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken +geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist +er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur +auf Erden und morgen hat er zwei oder drei +Kronen von Königreichen zu verschenken, die er +seinem Stallmeister geben kann.« + +»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so +gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß +Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft +im Besitz habt?« + +»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho, +»denn es ist noch nicht länger als einen Monat, +daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis +jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch +geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und +ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß, +wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung +oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht +davon einen Schaden zurück behalte, ich meine +Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien +vertausche.« + +Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr +aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er +sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und +sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch +glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell +meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich +mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil +Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister +erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich +sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen, +ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange +ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken +und hätten die hohen Himmelsmächte es +doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren +Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen +Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne, +untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener +schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens +sein dürften.« + +Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und +die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten +des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig +verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen +hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle +als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein +sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht +gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten +sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als +die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten +sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten +und gingen dann fort; die asturische Maritorne +sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit +ebensosehr bedurfte als sein Herr. + +Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden, +daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen +wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß, +sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft +eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte +und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es +war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein +so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch +ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn +sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es +sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke +zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes +Schicksal haben sie so weit heruntergebracht. + +Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige +Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte +des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte +sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine +schilfene Matte war und eine Decke, die eher das +Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von +Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers, +wie schon gesagt, aus den Sätteln und +dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet, +deren er zwölf hatte, die spiegelblank, +dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer +der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor +dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders +erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen +wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist, +daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger +und in allen Dingen überaus gründlicher +Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten +erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten +Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht. +Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein +Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer +so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß +sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus +Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten +Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal +sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie +der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem +die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt +werden, denn diese haben gründlich und ausführlich +geschrieben. + +Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein +Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben +hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und +erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon +war Sancho bepflastert und im Bett, aber der +Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht, +einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz +die Augen weit offen, wie ein Hase. In der +ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch +kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in +der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese +nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser +Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern +seines Unglückes, in den Gedanken hatte, +bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten, +auf die nur eine Einbildung verfallen +kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr +berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon +gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein, +in denen er herbergte), und daß die Tochter des +Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle +sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt +und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen +ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu +schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen. +Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste +Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen +und über den gefährlichen Kampf zu sinnen, +den seine Keuschheit zu bestehen haben würde, +doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit +gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen, +wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra +mit ihrer Dame Quintannona darbieten +sollten. + +Indem er noch über diesen Gedanken brütete, +kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde), +die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie +schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter +einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte, +wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem +Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum +zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte, +sich im Bette, trotz seiner Pflaster und +den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die +Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau +zu empfangen, die leise und schüchtern mit +den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand +zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote, +der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und +sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang, +sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald +das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch +der feinste und zarteste Zindel schien. Um die +Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz +köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die +Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren +ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren +Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem, +der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch, +war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem +Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit +allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern +die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden +hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten +Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem +übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der +arme Mann war auch so verblendet, daß weder +die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge, +die die edle Jungfrau an sich hatte und die +jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt +hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt +sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart +bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser +Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden +können, schöne und erhabene Dame, um für eine +so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den +Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen +wollen: aber das Glück, welches nie müde wird, +die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager +geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert +liege, so daß, wenn ich auch gesonnen +wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir +unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit +kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die +versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen +Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen +Beherrscherin meiner innigsten Gedanken. +Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich +als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt +ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches +Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen +wollen.« + +Maritorne war voller Verdruß und schwitzte, +sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und +ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden +acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich +von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den +seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine +Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten +war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte, +aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die +Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging +er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen, +auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren, +hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht +war, sich loszumachen und daß Don Quijote +arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß +sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ +einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere +Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er +ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit +noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und +trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller +Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach +war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die +hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten, +sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern +der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte, +daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie +ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben. +In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht +an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch +vernommen hatte. Als die Magd ihren +Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete, +kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho +Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte +und in ein Knäuel drückte. + +Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du, +Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.« +Indem ward Sancho munter und da er die Last auf +sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und +schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei +er Maritornen nicht selten traf. Als diese den +Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren +und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück, +daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde. +Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu +wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich +nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und +die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche +Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom +Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung +seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte +dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat +der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die +Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein +den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun +im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die +Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug +der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die +Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt, +und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander, +daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem +kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des +Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so +unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm +hinfiel, keine gesunde Stelle blieb. + +Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke +ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen +alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das +ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete +er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat +im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im +Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der +heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf, +war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem +zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und +ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand +seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!« +Da er aber sah, daß der, den er festhielt, +nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für +tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder; +in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme: +»Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt, +denn hier ist ein Mensch umgebracht!« + +Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ +den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als +er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach +seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln, +die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur +die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho +konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie +lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don +Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher +zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte +die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein +Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach +dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit +und langer Zeit ein anderes Licht anzündete. + + + + + ~Drittes Kapitel~ + + Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten, + die den braven Don Quijote und seinen wackern + Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem + Unglück für ein Kastell ansah + + +Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner +Betäubung erholt und mit demselben Ton der +Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen +Stallmeister angerufen hatte, als er von den +Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er +auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du? +Schläfst du, Freund Sancho?« + +»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete +Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es +ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich +alle Teufel über mich hergemacht hätten.« + +»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete +Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle +Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein +verzaubertes ist, denn du mußt erfahren -- -- -- +Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen +werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode +aufbewahren willst.« + +»Ich schwöre,« antwortete Sancho. + +»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort, +»weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand +zu kränken.« + +»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete +Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden +tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es +morgen schon entdecken dürfte.« + +»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem +Leben eine so nahe Grenze steckt?« + +»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern +es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, +und es ist immer mein Wunsch, daß sie +von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.« + +»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß +ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du +mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines +der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich +wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit +wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die +Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die +zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen +Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von +den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen +Verstande? Was von anderen verborgenen +Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen +vergraben lasse, um die Treue nicht zu +brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von +Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, +daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches +das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder +vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil, +wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es +geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten +Gesprächen begriffen war, ohne daß ich +sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine +Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen +angehörte und mir einen solchen Schlag auf den +Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf +ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich +weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber +der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die +Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. +Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz +dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten +Mohren bewacht und mir nicht zugedacht +ist.« + +»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn +über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, +daß das mit den Krippenstangen +nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt +mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches +Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen +haben, was man uns gereicht hat? Euer +Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt +doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in +den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten +Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt +habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück +auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender +Ritter und denke es auch niemals zu sein, und +doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!« + +»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don +Quijote. + +»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?« +rief Sancho. + +»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete +Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen +Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen +ganz gesund machen soll.« + +Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet +und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen +Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho +hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um +den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich +widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn: +»Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte +Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen +will, weil er noch im Fasse was behalten hat?« + +»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete +Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich +vor niemand blicken.« + +»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich +fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern +bezeugen.« + +»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte +Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein +hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten +Mohren zu halten.« + +Der Häscher kam näher, und da er die beiden in +einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll +Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch +mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen +er war, nicht regen oder bewegen konnte. +Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie +steht's, mein guter Kerl?« + +»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte +Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle +wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden +Rittern, Ihr Lümmel?« + +Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden +Menschen so schlecht behandeln sah, verlor +die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an +Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem +Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich +wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß, +gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte +Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für +uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.« + +»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es +ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu +tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu +ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare +Phantome, so daß wir an ihnen durchaus +keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch +schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf, +wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten +dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein, +Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu +verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt +gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die +mir das Gespenst geschlagen hat.« + +Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich +Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete +dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit +seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte +Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut +und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien, +Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der +besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund +zu machen, der dort im Bette schwer verwundet +liegt, von den Händen des verzauberten Mohren, +der in dieser Schenke umgeht.« + +Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen +Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden, +machte er die Tür der Schenke auf und rief +den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen +Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das +Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück, +der den Kopf auf den Händen stützte und sich über +den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein +anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt +hatte, denn was er für Blut hielt, war nur +Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen +des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun +sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum +machte, indem er sie zusammentat und eine gute +Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die +gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte +alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen, +da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß +er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu +tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein +Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis +wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave +Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte +machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete; +bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der +Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber +war stillschweigend fortgegangen, um seine +Tiere abzufüttern. + +Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er +gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen +Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene +aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen +können und es war wohl ein Viertel Quart in dem +Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum +getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel, +daß er nichts im Magen behielt, und durch +diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in +einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man +ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es +und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte +und sich so stark fühlte und seine Schmerzen +so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und +wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des +Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht +alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch +noch so gefährlich, bestehen könne. + +Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen +besser fand, bat um das, was noch im +Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war. +Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff +mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den +Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel +als sein Herr hinunter. Der Magen des armen +Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit +sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen, +wobei er schwitzte und sich quälte, +daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte +Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig +wurde und den Balsam und den Totschläger, der +ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote +dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß +dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum +Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung, +daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes +bedienen dürfe.« + +»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum +in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten +lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und +der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde +aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die +Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit +dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht +werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen +und Martern, daß nicht bloß er, sondern +alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu +Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte +ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie +sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet +war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. +Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und +kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer +aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er +zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und +die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes +bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen +Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke +schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben, +sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte +das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf +anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte. +Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine +Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die +ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen, +die in der Schenke waren, standen umher +und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die +Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein +Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer, +schwer wie aus dem Innersten seines Leibes +heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb, +weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens +dachten so diejenigen, die ihn am vorigen +Abend hatten bepflastern sehen. + +Als sie nun beide beritten waren, rief er am +Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit +feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß +sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich +in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine +Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar +zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich +an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr +erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit +sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen, +die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen. +Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding +der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt, +so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft, +den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und +Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.« + +Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt: +»Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß +Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn +ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die +Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer +Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu +und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das +Abendessen und die Betten.« + +»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don +Quijote. + +»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der +Wirt. + +»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte +Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte, +es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil +es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so +kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr +die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann +unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln, +von denen ich gewiß weiß (denn bisher +habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß +sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den +Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz +wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet +zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten, +denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag +Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu +Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und +Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des +Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen +waren.« + +»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der +Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir +mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem +Krame gar nichts, sondern ich will das meinige +haben.« + +»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!« +antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante +die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke +hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber, +ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge, +entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt, +der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah, +wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen, +der aber die Antwort gab, daß, da sein +Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch +nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines +irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn +derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in +den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu +bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm, +daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen +wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte, +daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr +zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde, +wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn +durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche +Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen, +und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich +niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten +Vorwurf machen dürfen. + +Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho +fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in +der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia, +drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und +zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges, +aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes +Volk, die, wie von einem Geiste zugleich +angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel +hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte, +sie ihn darauflegten und dann die Augen in +die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die +Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten, +zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof +zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde. +Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen +ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie +man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel +zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub +ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines +Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam +hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm +ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte, +daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister +sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen +Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen +fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu +finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam, +die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble +Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen +wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut +und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen, +daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn +sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er +machte also den Versuch, vom Pferde auf die +Mauer zu steigen, aber er war so schwach und +steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen +konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die +Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und +Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich +niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im +Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch +ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er +bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte; +alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie +aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also +seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten +ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige +Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich, +ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen, +das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit +es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und +führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen +seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho, +trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es +bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam +(wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit +zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund +und frisch!« + +Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die +Schulter an und sagte unter andern härteren +Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen, +daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt +wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien +soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind? +Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt +mich!« -- Und indem er diese Worte noch sprach, +fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim +ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte +er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne, +ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem +Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte, +denn man kann mit Recht von ihr sagen, +daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren +und Schatten vom Christentum behalten hatte. + +Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen +Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke +aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden, +daß er noch nichts bezahlt und seinen +Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten +seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern +geschehen war. Der Wirt behielt freilich als +Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück, +aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt. +Der Wirt wollte, als er hinaus war, das +Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht +zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote, +wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der +Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei +Dreier achteten. + + + + + ~Viertes Kapitel~ + + Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa + mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen + Abenteuern, die der Erzählung würdig sind + + +Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem +Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten +konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt +bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß +jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß, +denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk +mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster +und Wesen aus einer andern Welt! Was +mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb +der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie +zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer +zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben, +weil sie mich gleichfalls bezaubert +hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre, +hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben +können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß +diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes +gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze +der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie +ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß +ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert +ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines +Lebens und seiner Person oder im dringendsten +Falle der Not tut.« + +»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter +oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im +Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß +die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster +oder verzauberte Menschen waren, wie +Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch +und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle +als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen +nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der +andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque +der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr +auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht +auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde +heruntersteigen konntet, sondern was ich davon +halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern +herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute +Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht +wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das +Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande, +jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem +Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach +Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.« + +»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft! +Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du +es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll +es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so +sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen, +läßt sich der Freude irgend etwas anderes +vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt +oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich, +nichts anderes kommt diesem bei.« + +»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch +kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das, +daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr +Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen +Herren rechnen, wir noch keine einzige +Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer, +und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre +und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat +es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe +gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und +obendrein von verzauberten Personen, an denen +ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen, +über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie +Ihr es nennt.« + +»Dieses ist es, was mich verdrießt und was +dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete +Don Quijote; »aber ich will von nun an streben, +mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben, +daß derjenige, der es führt, keiner Art +von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück +kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände +spielen, als er sich den Ritter des brennenden +Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der +trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen +kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es +so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung, +so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte +ihm Widerstand leisten.« + +»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß, +wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden +ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder +wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was +taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual +daran erlebt.« + +»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir +meinen.« + +Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit +seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit +einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte, +die ihm auf seinem Wege entgegenzog; +sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho +und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an +welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal +aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an +dem sich mehr als an irgendeinem andern die +Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an +welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den +Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte +eingeschrieben werden sollen. Siehst du +jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt? +Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen +und zahlreichen Völkern geworben, uns +von dort entgegenzieht.« + +»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn +von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer +Staub auf.« + +Don Quijote drehte sich um und sah, daß es +wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er +war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die +hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der +großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in +jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit, +Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und +Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern +gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und +tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken, +die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen +und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei +verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so +bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte; +Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es +Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen +glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber +dabei tun? gnädiger Herr!« + +»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten +und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du +mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von +dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando +des großen Kaisers Alifanfaron stehen, +Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber, +der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der +Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten +Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm +in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.« + +»Warum sind sich aber diese Herren so böse?« +fragte Sancho. + +»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don +Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide, +dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt, +die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige +Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie +aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er +nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten +Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.« + +»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin +tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in +meinen Kräften steht.« + +»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don +Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, +braucht man den Ritterschlag nicht erhalten +zu haben.« + +»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho, +»aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn +wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn +so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen, +ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?« + +»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du +mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück +laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder +nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind, +werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten, +daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen +ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei +aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten +Ritter kenntlich machen, die sich in diesen +beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser +sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns +auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir +beide Heere genau beobachten können.« + +Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen +Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don +Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen +können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben, +sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten. +Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles, +was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun +mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den +du in gelber Rüstung siehst und der in seinem +Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den +Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere +Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke. +Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen +bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne +Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog +von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur +Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran +von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien, +der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und +als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt, +von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß, +als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen +Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal +auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe +jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten +Timonel von Carcajona, Herrn des neuen +Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen +Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb; +in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im +hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift, +nämlich Miau, als den Anfang des Namens +seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die +Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien. +Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren +Rosses belastet und dessen Rüstung so +weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von +französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr +der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen +Fersen in die Seiten des bunten und gewandten +Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der +ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom +Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein +Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück +wächst nach.« -- + +So nannte er noch viele Ritter von einer wie +von der andern Schwadron, die er sich einbildete; +allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen, +Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus +dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er +fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes +mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen +Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind +die, welche die süßen Gewässer des berühmten +Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen +Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und +reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten, +die, welche die berühmten und frischen Wasser des +klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen +nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden +Pactolus zu sich leiten, die Numidier +dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die +Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther +und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber, +deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die +eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren +Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen +Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren +Namen ich mich aber nicht erinnere. -- In jener +Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen +Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer, +die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen, +goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen +Wasser des göttlichen Genil genießen, die +die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen, +diejenigen, die sich auf den himmlischen +Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner +dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet, +Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen, +die sich im Pisuenga baden, berühmt +wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre +Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten +Guadiana weiden, dessen verborgener +Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der +beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen +Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz, +alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in +sich faßt und begreift.« + +Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er +noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er +jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden +Attribute erteilte, trunken und entzückt +von dem, was er in seinen lügenhaften +Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über +diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen; +er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und +her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr +aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus +keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol +mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder +Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist, +wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß +wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den +Gespenstern vorige Nacht.« + +»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote, +»hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der +Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?« + +»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho, +»als Blöken von Schafen und Hammeln.« -- Und +dies war es auch, denn die beiden Herden waren +nun ziemlich nahe gekommen. + +»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote, +»macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch +hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht +besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und +dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als +sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit, +so abseitige dich und laß mich allein, denn +allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu +verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit +diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen, +faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er +wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter. +Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein +gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott, +Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen +wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit +willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja +kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung, +weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue +Felder, noch der Teufel und seine Großmutter. +Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge +vor?« + +Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern +rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr +Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen +Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel +streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie +leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von +Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach, +stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein +und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen, +als wenn er wirklich mit Todfeinden zu +kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die +Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also +verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit +nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern +und begannen seine Ohren mit Steinen wie die +Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte +sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er +sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du, +stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein +einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann +deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen +kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen +Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte +eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die +Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er +diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot +oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes, +nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und +fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er +hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm +nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und +traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß +sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier +Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei +Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So +heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite, +daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom +Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei +und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten; +sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden +die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben +beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas +anderes abzuwarten. + +In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem +Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß +sich den Bart aus, indem er die Stunde und den +Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft +gemacht hatte. Da er nun sah, daß er +auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen, +stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand +ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er +noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte +ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr +halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet, +keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?« + +»So hat sie der Schelm von Weisen, mein +Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen, +Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist, +alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser +Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den +Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht +erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine +Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht, +so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit +du deines Irrtums los werdest und merkest, wie +ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und +reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß, +sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie +ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel +mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht, +wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne +dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und +Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und +Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte +ich keinen einzigen im Munde behalten.« + +Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die +Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah, +indem der Balsam schon im Magen Don +Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an +ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß +er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er +in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen +Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter +Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen? +Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet, +denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.« +Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe, +Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut, +sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er +ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger +Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er +seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie +Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem +Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen, +sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da +er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand +zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm +sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und +nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen +Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der +versprochenen Insel verlieren sollte. + +Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke +Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer +noch weh taten, mit der anderen faßte er die +Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite +seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön +war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister, +der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und +die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie +ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken +ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so +gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse, +Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein +anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer; +alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise, +daß sich das Wetter bald aufheitern muß und +daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen, +denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück +immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück +überstanden, das Glück uns nahe sein muß. +Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten, +die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.« + +»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn +der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich +in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute +mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört +wohl einem anderen als mir?« + +»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don +Quijote. + +»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho. + +»Auf die Weise haben wir heute nichts zu +essen,« erwiderte Don Quijote. + +»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier +auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg +wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt, +mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche +irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.« + +»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre +mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering +viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides +beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor +Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier, +Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott, +der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen, +da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem +Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der +Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen +der Flut; seine Güte läßt die Sonne über +Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten +und Ungerechten.« + +»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum +Prediger als zum irrenden Ritter.« + +»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles +und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote, +»denn ein irrender Ritter aus den verflossenen +Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit +gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem +Felde halten können, so gut, als wenn er auf der +Universität Paris den Gradus empfangen hätte: +woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die +Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.« + +»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete +Sancho, »wir wollen weiter und für die +Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge +uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher +und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte +Mohren, denn wenn das wieder kömmt, +so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.« + +»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote, +»und nimm du selbst den Weg, welchen du +willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in +Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir +aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie +viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der +Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.« + +Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam +und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten +Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?« + +»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote, +»alle vollständig und gesund.« + +»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete +Sancho. + +»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don +Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn +habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen +lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder +Flüssen ausgefallen.« + +»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho, +»habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in +der oberen aber keinen halben und keinen ganzen, +denn alles ist so platt wie meine flache Hand.« + +»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm +sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte, +»ich hätte lieber einen Arm hingegeben, +nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du +mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne +ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn +ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber +allem diesen sind die unterworfen, die wir uns +zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also +steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich +will dem Wege folgen, den du aussuchst.« + +Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er +eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen, +auf dem er sich eben befand. So zogen sie +langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte +Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu +eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung +und Ergötzung zu verursachen, und unter +anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was +man im folgenden Kapitel erzählen wird. + + + + + ~Fünftes Kapitel~ + + Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn + führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam + begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten + + +«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle, +die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß +eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen +den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn +Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt, +auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit +der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen +Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun +geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem +Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag, +denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.« + +»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war +meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls +vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du +mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen +hat. Aber ich will es wieder gut machen, +denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle +Dinge Mittel.« + +»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?« +fragte Sancho. + +»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen +hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich +einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung +gesichert, es mag nun aber sein oder +nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu +denken.« + +»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so +trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso +wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster +wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß +zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch, +wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.« + +Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel +sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen +Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen +möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor +Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war +ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden +und um ihr Unglück vollständig zu +machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der +Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die +Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis +herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg +fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei +Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie +sich auf dem großen Wege befanden. + +Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der +Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise +lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße +eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die +Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak, +indem er es bemerkte und dem Don Quijote +war es nicht ganz unheimlich; jener zog den +Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes +an und so standen sie beide und schauten aufmerksam +hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen, +wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie +immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen. +Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie +Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten +sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe; +er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne +Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und +furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein +wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.« + +»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho, +»wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht, +wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen, +um alles auszuhalten?« + +»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don +Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß +sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie +jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil +ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber +jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich, +soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte +ausholen kann.« + +»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und +kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,« +sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei +sein oder nicht?« + +»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote, +»so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu +fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie +ich dieses Unternehmen anfassen will.« + +»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte +Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite +des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen, +was das doch mit den wandernden Lichtern +sein möchte und so entdeckten sie nach und nach +viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren +fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den +letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte, +als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein +Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte, +in welchem sie die Gegenstände genauer +erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl +zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden +Fackeln in den Händen, hinter denen eine +Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere +Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören +bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt, +denn daß es keine Pferde waren, sah +man an dem langsamen Gange; die in den weißen +Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher +Stimme. + +Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde +und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend, +das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen, +auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote +gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho +schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen +war: der Gebieter aber ermunterte sich bald, +der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete, +wie dieses eines von den Abenteuern aus +seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken +die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher +sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände, +den zu rächen ihm allein vorbehalten sei: +er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein, +setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann +mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des +Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei +mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe +genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter, +wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer +ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer +derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt, +denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht +entweder verübt oder erlitten und es geziemt +sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch +für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen +oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an +euch verübt.« + +»Wir haben Eile«, antwortete einer von den +Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß +wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft +zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein +Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort +wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden, +er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und +seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich +verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.« +Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als +es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte +und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf. +Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen +sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der, +schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte, +die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten +angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun +machte er sich an die übrigen, und es war eine +Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff +und auf sie einhieb, so daß es schien, als +wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel +gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät +war sein Betragen. Die in den Hemden +waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen +also sogleich ohne Widerstand den Kampf +und flüchteten mit den brennenden Fackeln über +das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als +wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen +Nacht aufführen wollten. So konnten sich +auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und +Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht +zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don +Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm +erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle +hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für +den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um +den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre +mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung +der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte +bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer +und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende +Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote +zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem +Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die +Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er +sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen +solle; worauf der Liegende antwortete: +»Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann +mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich +bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher +Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr +würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen, +denn ich bin ein Lizentiat und habe die +ersten Orden.« + +»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte +Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?« + +»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene, +»sondern mein Unstern.« + +»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,« +sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf +meine anfängliche Frage genug tut.« + +»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten +genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also +müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei +Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und +Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und +komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit +ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir +wollen nach der Stadt Segovia und führen einen +Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter, +der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und +dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis +nach Segovia führen, in welcher +Stadt er geboren ist.« + +»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don +Quijote. + +»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers, +welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus. + +»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der +Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod +zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte; +da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat, +so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und +die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn +er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr, +müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter +aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen +Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen, +um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden +abzuhelfen.« + +»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen +heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was +mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil +ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit +meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die +Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht +darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen +habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen +wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir +ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird +zu stehen kommen.« + +»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote, +»geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr +Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so +durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und +den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder +schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse +Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben +konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch +anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn +ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß +Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür +ich Euch ansah und hielt.« + +»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen +hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich +nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der +mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch +unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine +Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.« + +»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,« +antwortete Don Quijote, »warum wartet +Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?« +Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen +möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen +nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen +Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn +trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten. +Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel +und stopfte so viel er nur mochte und konnte +in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier, +worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem +Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf, +ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel +reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er +sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte, +die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung +bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden, +sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf: +»Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer +der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt, +so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte +Don Quijote von la Mancha, der sich mit +einem anderen Namen nennt der Ritter von der +traurigen Gestalt.« + +Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und +Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen, +ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der +traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch +sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine +Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die +dem armen Manne gehörte und da spielte Euer +Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die +ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es +nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet +oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne +fehlen, weiß ich nicht zu sagen.« + +»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote, +»sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die +Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen, +daß es gut sei, wenn ich mir noch einen +anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter +der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der +Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der +vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser +der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter +vom Greifen, noch ein anderer der des Todes, +und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie +auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage +ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner +Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den +Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie +ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke, +und damit sich ein solcher Namen noch +besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es +die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine +überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.« + +»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit +und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern +was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt +sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten, +Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann +nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift +werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt +nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich +versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu +spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen +Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben, +daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei +gar wohl entbehren könnt.« + +Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit, +nahm sich aber doch vor, sich bei diesem +Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem +Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er +sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe +der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die +Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche +gelegt, =juxta illud: si quis suadente diabolo etc.=, +aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern +nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies +glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu +verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es +einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt, +sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale +aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht, +so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai +Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen +Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des +Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte, +der wackere Rodrigo de Vivar aber +darum immer ein geehrter und tapferer Ritter +blieb.« + +Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog +hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas +zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen, +ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen +bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu, +sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses +gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen +habe, am allerschönsten beendigt. Diese +Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen +sind, könnten darauf kommen, daß sie doch +nur von einem einzigen Manne überwunden wären, +deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren +und uns suchen, um uns noch das Nötige +beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß, +das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste +wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig +zurück und so gehe denn, wie man sagt, der +Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem +Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen +Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen, +dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe, +und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren +nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als +sie sich in einem geräumigen und abgelegenen +Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho +seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert, +vollbrachten sie nun mit der Würze des +Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl, +Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen +mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die +Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne +Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt +hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit, +die Sancho für die schlimmste von allen +hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken +hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß +zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho, +da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem +frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden +Kapitel erfahren wird. + + + + + ~Sechstes Kapitel~ + + Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer, + welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr + vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha + vollbracht wurde + + +»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn +diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon, +als daß hier herum eine Quelle oder ein +Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß +macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir +etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen, +womit wir diesen schrecklichen Durst löschen +könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch +mehr als der Hunger peinigt.« + +Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er +nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm +seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel +ihres Nachtessens geladen wurden, und so +zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis +der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich +sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert +Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause +eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen +und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen +war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um +zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch +komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen, +das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte, +dem Sancho besonders, der von Natur +furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich, +wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit +einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit +dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden, +hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote +mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt, +dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen +Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt, +still und schauerlich rauschten, so daß die +Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch +des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht +und Grausen erwecken durften, da sie überdies +sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind +nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei +ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in +der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt +von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante, +nahm den Schild, faßte die Lanze und +sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich +geboren bin, um vom Himmel herab in dieser +unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches +man nur das von Gold oder das goldene zu nennen +pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, +mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind: +ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die +Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun +Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die +Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus +und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt +der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in +vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem +gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten +ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe, +daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene +jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher +Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht, +die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende +Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen +jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen +und zu brausen scheint von mondhohen, +steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen +Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet, +welche Dinge zusammen, ja jedes für sich +hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der +Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem +Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen +Begegnissen und Abenteuern. Alles aber, +was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker +und Entzünder meines Mutes, so daß mir das +Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses +Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den +furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also +ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen +und lebe wohl, erwarte mich hier drei +Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit +nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat +zurückkehren und von dort, um etwas Edles und +Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und +der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen, +daß ihr gefangener Ritter umgekommen +sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig +gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.« + +Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing +er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger +Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch +doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen +wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier, +wir können ja schnell umlenken und der Gefahr +aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen +nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch +hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige +Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer +in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet, +habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig +in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es +nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so +ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht +anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann; +da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan +hat, indem er Euch von der Prelle lossprach, +die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund +und frei aus dem Treffen mit der großen Schar +kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und +bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes +Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke +muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht, +ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur +mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und +Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen, +weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern +dachte, aber freilich allzuviel zerreißt +den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in +die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die +verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die +Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür +lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen, +den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend +Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht +ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr +denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch +dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens +bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner +Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe, +muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn +der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über +uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der +Linie linker Hand befindet.« + +»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote, +»diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr +werden, wovon du sprichst, da die Nacht so +finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel +scheint?« + +»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho, +»aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die +Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn +am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem +puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit +vom Tage sein kann.« + +»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don +Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von +mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich +abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht +schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho, +ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins +Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und +entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für +meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit +trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante +den Sattelgurt festzumachen und dann hier +zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder +tot, zurück.« + +Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß +seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine +Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte +er die Probe machen, was er durch List ausrichten +könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse; +indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog, +band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem +Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine +zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten +wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd +nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho +den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte +er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen +und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet, +daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr +nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen +und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur +böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt, +gegen den Stachel lecken.« + +Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn +je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger +wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband +zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig +zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen +werden oder Rosinante berühriger werden möchte, +weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache, +nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte +also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich +nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden +sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich +ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft +verzögern wird.« + +»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete +Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug +verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen, +wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf +dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise +schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer +findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer, +worauf Ihr wartet, anfassen könnt.« + +»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte +Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen +Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf +du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue, +was du willst, ich werde meinerseits das tun, was +meiner Würde am besten zusteht.« + +»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,« +antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;« +zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die +eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die +andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er +den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt, +ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen: +solche Furcht flößten ihm die Schläge ein, +die unaufhörlich abwechselnd erklangen. + +Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung +eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen +habe, worauf Sancho erwiderte, daß er +es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel +dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch +anstrengen, eine Historie vorzutragen, die, +wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz +und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor +allen anderen die schönste Historie ist; nun aber +gebt acht, denn ich fange an. + +Es war das, was war, das Gute, das uns +kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem, +der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr, +wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise +anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer +Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland, +welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es +aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh +auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig +halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu +suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg +einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja, +diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken +auf uns lauern.« + +»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte +Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu +verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.« + +»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in +einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von +Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen +hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie +ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und +dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt, +die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva +hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten, +und dieser reiche Hirte -- --« + +»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,« +sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben +Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen +nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger +Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.« + +»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho, +»werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt, +ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es +ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue +Sitten aufbringen soll.« + +»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote, +»da es das Schicksal einmal will, daß ich dir +zuhören muß, so fahre nur fort.« + +»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho +fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer +in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes, +unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges +an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen +Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu +sehen glaube.« + +»So hast du sie also gekannt?« fragte Don +Quijote. + +»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho, +»aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte +mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn +ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen +und schwören könnte, wie ich selber alles mit +meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so +Tage gingen und Tage kamen, richtete es der +Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander +rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen +seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen +verkehrte, und die Ursache davon war, wie die +bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine +gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben +hatte, die wirklich über die Schnur und ins +Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so +zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu +sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um +hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden. +Wie nun Torralva merkte, daß sie vom +Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks +stärker, als er sie jemals geliebt hatte.« + +»So ist der natürliche Charakter der Weiber,« +sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die +sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie +gehaßt werden. Aber fahre fort.« + +»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der +Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er +trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf +den Weg nach den Feldern von Estremadura, um +von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen. +Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und +folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem, +einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um +den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen +Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und +noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht. +Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie +will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt +nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man +mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner +Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und +dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen +und auf dem diesseitigen Ufer war kein +Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine +Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden +konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er +sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen, +die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen +und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange +um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit +davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß +in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine +Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit +diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert +Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der +Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege +über, er kam zurück und setzte eine andere über, +er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine +andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr, +die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn +wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert, +so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher +nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu +erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz +auf der andern Seite voller Schmutz +und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit +Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch +kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und +nochmal fuhr er über und nochmal.« + +»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don +Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht +aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn +sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt +haben.« + +»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?« +fragte Sancho. + +»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don +Quijote. + +»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau +zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte +ist nun so völlig aus, daß ich nichts +weiter erzählen kann.« + +»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote, +»ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich, +ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt +sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du +in der Erzählung nicht fortfahren kannst?« + +»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,« +antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte, +wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr +mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet, +so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was +noch übrig war und wahrhaftig, das war von +nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.« + +»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun +die Geschichte aus?« + +»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho. + +»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast +da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie +vorgetragen, was kein anderer Mensch auf +der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es +vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört +und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört +bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem +feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber +hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen +Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.« + +»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das +weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts +mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende +ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten +Ziegen einen Fehler macht.« + +»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo +sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir +lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er +gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum +machte jener Sprünge und blieb auf demselben +Flecke, so meisterhaft war er festgebunden. + +Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des +Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß +Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte, +oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein +mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug, +es kam ihm der Wunsch und das Begehren +an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun +konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang +gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen +Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute: +der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht +auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm +also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb, +war, daß er seine rechte Hand von dem +Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit +dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte +Schleife löste, die ganz allein und ohne +irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe +hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife +plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen +blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst +erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile +reckte, die nicht unansehnlich zu nennen. +Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste +vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst +und Not zu kommen), zeigte sich eine andere, +größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht +ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können, +somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf +und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr +er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen +zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er +unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr +verschieden von jenem, welches ihn in so große +Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und +sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?« + +»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser, +»es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle +wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.« +Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt, +sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug, +daß ohne größeres Geräusch und Aussehen +als das vergangene, er sich von der Last befreit +sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber +der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht +weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho +ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast +in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen, +so war es nicht anders möglich, als daß einige +davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum +hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon +zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte, +worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte: +»Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.« + +»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber +woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als +sonst?« + +»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht +nach Ambra,« antwortete Don Quijote. + +»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich +bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich +zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten +Taten herumzieht.« + +»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,« +sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase +zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst +du besser berechnen, wer du seist und was du mir +schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen +dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.« + +»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden +denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet +und ein Ding getan, das nicht sein sollte.« + +»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu +rühren,« antwortete Don Quijote. + +Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten +Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte, +daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit +vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die +Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so +wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er +wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine +bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis +sei's gesagt, keine andere Courbetten zu +machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich +Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein +gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das +furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte +sich auch das helle Morgenrot, wobei man die +Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don +Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen +befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten +Schatten machen: er hörte aber zugleich, +wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts, +was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne +längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen, +nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm, +drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er +schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in +dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein +möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine +Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen. +Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und +die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der +Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch, +was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine +Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament +gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe, +in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche +Besoldung für die Zeit seines Dienstes +vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig, +gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück, +so könnte er gewisser als jemals die versprochene +Insel erwarten. Sancho fing wieder an +zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden +seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich, +ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns +zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle +Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser +dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn +guter Eltern oder wenigstens für einen alten +Christen zu halten; auch war sein Herr durch +diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß +er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte +sich so gut er konnte und richtete sich nun +nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers +sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm +zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel +führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen +und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine +ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren +Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie +auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt +wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom +herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen +einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von +Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie +bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen +Schläge ertönte. Rosinante wurde vor +dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu, +aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach +auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen +seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in +dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis +begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich +Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte. +Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang +als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen +den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm +so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als +sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren +und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und +entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß +kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen +und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große +Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht +hatte, und es waren (wenn du es, mein +Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten +hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden +Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten. + +Als Don Quijote sah, was es war, wurde er +still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen. +Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt +auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung. +Auch Don Quijote sah den Sancho an +und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff +und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten, +mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen +möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht +so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos +Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho +sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste +er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit +den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor +Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe +und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit +gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote +dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies +parodischerweise diese Worte sagte: »Freund +Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um +vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit +das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen. +Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, +mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so +hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her, +die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das +furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote +sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte +und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob +und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige, +daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den +Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt +hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht +seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho +merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte +er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr +möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch, +gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.« + +»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete +Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger +Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer +waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen +wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um +es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich +denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen +und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von +Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es +überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist, +daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen +habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein +gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und +aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen +sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach +dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich, +und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten +Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt, +Euren Spaß aus mir.« + +»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger +Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß +ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten +bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden +leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer, +das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie +aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding +zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche +Furcht ausgestanden haben? Wenigstens +habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen +Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und +einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.« + +»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote, +»daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding +würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist +es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig +genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.« +-- »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein +gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck +zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken +und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine +Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite +wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man +hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt +dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem +Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl +ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich +wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar +Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht +nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf +dem festen Lande verschenken.« + +»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don +Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit +würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst +du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen +nicht in der Gewalt des Menschen stehen +und sei von nun an für die Zukunft in einem +Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken +haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich +führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen +habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals +gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem +Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem +deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für +einen großen Fehler, sowohl von deiner als von +meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung +gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in +größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin, +dem Stallmeister des Amadis von Gallia, +der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß +er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das +Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den +Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen +wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don +Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um +uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens +zu verstehen zu geben, sein Name nur +ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen +Geschichte genannt wird? Aus alle dem +Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig +sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht, +zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und +Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun +an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne +über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch +über Euch erzürnen möge, wird es immer übel +für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und +Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu +ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so +kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen, +wie ich Euch schon einmal gesagt habe.« + +»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,« +sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen +(wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt +und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen +muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden +Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich +monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei +den Maurergesellen, verdungen?« + +»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote, +»daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient +haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich +dir aber in meinem zurückgelassenen Testament +etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum +geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen +Zeiten die Ritterschaft geraten wird, +und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge +wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide; +denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren +Stand, als den eines Abenteurers.« + +»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein +das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz +eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie +Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber +Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine +Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure +Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem +Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.« + +»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben +auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung +der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt +werden.« + + + + + ~Siebentes Kapitel~ + + Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung + von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die + dem unüberwindlichen Ritter zustießen + + +Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho +schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber +Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes +einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er +durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug +einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine +andere Straße als auf welcher sie erst gereist +waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don +Quijote einen Menschen, der beritten war und auf +dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte. +Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon +gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung, +Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches +nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche, +die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften, +geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt: +Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere +auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die +Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden +ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt +sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und +unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur +meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände, +denn jetzund kann ich es nicht auf meine +Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis +der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls +ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der +auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen +dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.« + +»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und +seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht +wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht +walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.« + +»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote, +»was tun denn Helm und Walken miteinander?« + +»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber +wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so +würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr +einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.« + +»Wie kann ich mich in meiner Behauptung +irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote, +»sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der +uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und +auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?« + +»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen +kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein +Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner +ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat, +das blitzert.« + +»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,« +sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und +laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich, +ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit, +dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm +verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.« + +»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte +Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns +Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke +bescheren.« + +»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals, +ja nicht in Gedanken einmal der Walken +erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe +-- -- -- ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte +dir die Seele zusammenwalken.« + +Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr +machte das Gelübde vollführen, welches er ihm so +kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem +Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche +Don Quijote sah, verhielt es sich also. In jener +Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das +eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte, +das andere benachbarte aber war mit einem versorgt +und daher bediente der Barbier des größeren +Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker +gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein +anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb +der Barbier eben kam und ein Bartbecken von +Messing mit sich führte, und da es das Schicksal +um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut, +der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben +lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf, +welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe +Meile weit flimmerte. Er ritt in der Tat, wie +Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel und +dies zusammen war dem Don Quijote der Apfelschimmel, +der Ritter und der goldene Helm, denn +es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er +sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen +irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte, +daß der arme Ritter ihm nahe genug war, +legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen, +die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit +dem Vorsatz, jenen durch und durch zu rennen; als +er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu, +ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige +dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig, +was mir nach allem Recht zukommt!« + +Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb, +dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein +besseres Mittel den Lanzenstoß von sich abzuhalten, +als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte +aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie +eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit +über das Feld rannte, daß ihn der Wind +selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ +er auf der Erde liegen, womit sich Don Quijote +zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig +genug gewesen, und daß er dem Biber trefflich +nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die +Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße, +weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt +seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho +den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm +und sagte: »Mein Seel! Ein köstliches Bartbecken, +unter Brüdern ist es seinen Taler wert.« Zugleich +gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den +Kopf setzte und es rundherum drehte, um das +Visier zu finden, wie er es aber nicht antraf, +sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße +diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß +in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben und, +was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.« + +Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen +hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken, +aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die +Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber +lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote. + +»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich +mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide +muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte, +die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht, +wie ein Ei dem andern.« + +»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho? +Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte +Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall +in die Hände eines solchen geraten sein, der +seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so +in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das +feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich +damit zu bereichern, und somit die andere Hälfte +zu einem Dinge machte, das, wie du bemerktest, +einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm +aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne, +ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies +will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied +befindet, fertig machen, und zwar so, daß ihn jener +Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt, +den der Gott der Schmiede für den Gott +der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will +ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist +besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend +sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.« + +»Vielleicht,« sagte Sancho, »wenn die Steine +nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so +wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf, +als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die +Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite +Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen +ließ.« + +»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren +zu haben, denn du weißt, Sancho,« sagte +Don Quijote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnis +habe.« + +»Auch ich hab's im Gedächtnis,« antwortete +Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache +oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte; ich +denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo +ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit +allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals +verwundet zu werden und auch keinen andern zu +verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden +möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen +Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und +wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter +tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten, +die Augen zudrücken und sich dann in +Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal +und das Bettuch meint.« + +»Du bist ein schlechter Christ, Sancho,« sagte +Don Quijote bei diesen Worten, »denn du vergißt +niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren +ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist +es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten +keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem +Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen? +Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen +Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn +beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß +und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen, +so wär' ich schon längst umgekehrt und +hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet, +als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten, +die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulzinea +zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte, +nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu +haben, den sie nun davongetragen hat.« + +Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten +Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: »So +mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein +Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was +Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der +Spaß mir niemals aus dem Gedächtnis kommen +wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern +eingeprägt hat. Wir wollen aber von was andern +reden und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was +machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie +ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns +hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt? +Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine +machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich +wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren, +und bei meinem Barte, der Graue ist +wacker.« + +»Es war niemals meine Gewohnheit,« sagte +Don Quijote, »die zu berauben, die ich überwinde, +auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen +zu nehmen und sie unberitten zu lassen, +wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im +Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm +allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen +als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrecht +zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen +Esel oder wofür du es halten magst, denn so wie +uns sein Herr in der Entfernung sehen wird, +kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.« + +»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte,« +sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen, +der mir nicht so wacker scheint! Wie sind +doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man +nicht einmal einen Esel gegen einen andern austauschen +darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich +nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen +dürfte.« + +»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher,« sagte +Don Quijote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser +unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du +es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im +äußersten Grade bedürftig bist.« + +»So zum äußersten bedürftig,« antwortete +Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht +nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis tauschte er +die Kleider sogleich um und zierte seinen Esel so +köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien als +vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten +sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem +Küchenesel übriggeblieben war und tranken von +dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen +trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen, so +heftig war der Haß, den sie wegen ihrer Furcht +gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren +Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen +sie wieder auf und ohne einen bestimmten Weg +einzuschlagen (weil es irrenden Rittern gut ansteht, +sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die +Straße, die Rosinante erwählte; dieser Wahl folgte +sein Herr und auch der Esel, der immer nachging, +wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter +führte. Sie gerieten demungeachtet auf +die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach, +ohne sich eine Absicht vorzusetzen. + +Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem +Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht +die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu +schwatzen? Denn seit mir das harte Gebot, still zu +schweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier +Dinge im Magen verdorben und jetzt habe ich eins +auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte +umkommen lassen.« + +»So sprich es aus«, sagte Don Quijote, »und +befleißige dich der Kürze, denn das Weitläufige +macht nie Vergnügen.« + +»Ich sage also, gnädiger Herr,« sprach Sancho, +»daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen +darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen +und Erquickung Abenteuer sucht hier in den +Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr +auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und +weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen +Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht +und Eurer Verdienste. Es scheint mir also, +mit Eurer Erlaubnis, besser, daß wir irgendeinem +Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen +sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste +könnt Ihr dann Eure tapfere Gesinnung, Eure +gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand +an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir +dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung +geben, jedem nach seinem Werte, dann würden +auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Andenken +aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht +erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken +des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten, +daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch +wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen, +meine Verrichtungen gewiß auch schwarz +auf weiß erscheinen würden.« + +»Nicht übel sprichst du, Sancho,« antwortete +Don Quijote; »bevor ich aber zu jenem Ziele gelange, +ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen, +gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen, +damit, wenn ich etwelche beendige, mich +der Ruhm bekränze. Wenn sich nun ein solcher +Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt, +so ist er durch seine Taten schon bekannt, +so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore +der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn +mit Geschrei umgeben und ausrufen: dieses ist der +Ritter von der Sonne, oder von der Schlange, oder +von irgendeinem anderen Sinnbilde, unter welchem +er denkwürdige Taten vollbracht hat. Dieser ist +es, werden sie sagen, der im einzelnen Zweikampfe +den Riesen Brocabruno von der gewaltigen Kraft +überwand, er löste den mächtigen Zauber, in welchem +der große Mameluk von Persien fast seit +neun Jahrhunderten schmachtete. Also werden von +Mund zu Mund seine Taten gepriesen und über +dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes +tritt der König des Reiches an die Fenster seines +herrlichen Palastes: sowie er den Ritter gewahrt, +erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem +Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle +meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden, +ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die +sich dorten naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen +diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich +bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig +und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den +Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach +Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter +die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so +schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie +gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt +finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten +Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter +wirft; er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint +dem andern mehr eine Gottheit als ein +menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder +wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen +Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber +ihre Herzen in großen Sorgen stehn, weil +sie nicht wissen was sie reden oder wie sie ihre +Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von +dorten führen sie ihn wohl in ein anderes Quartier +des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er +die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren +Scharlachmantel bedecken; schien er in der +Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide +noch trefflicher. Der Abend kommt und er speist +mit dem Könige, der Königin und der Infantin, +wobei er niemals die Augen von ihr wendet und +sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden +merken; sie tut das nämliche mit der +nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt, +sie ist eine verständige Jungfrau. Sowie die +Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die +Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg +mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei +Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich +bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat, +daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten +Ritter von der Welt gehalten werden muß. +Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die +zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen, +keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde +Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein großes +vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin, +die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem +so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das +Hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder +Fürst oder was er nur sein mag, in einen gefährlichen +Krieg mit einem anderen, ebenso mächtigen, +verwickelt ist; der fremde Ritter bittet ihn hierauf, +(nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten) +um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege +Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König +und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade +mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben +Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin, +Abschied, die er im Garten hinter einem +Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt +auf den Garten: hier hat er sie auch schon oftmals +gesprochen, denn eine Jungfrau, die das +völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin +und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig +nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr +in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum +Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde; +endlich kommt die Infantin wieder zu sich, durch +das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem +Ritter, der sie tausend und tausendmal küßt und +sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird +endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück +oder Unglück mitteilen wollen; es fleht die Prinzessin, +daß er so schnell als möglich zurückkommen +möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder +küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit +solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das +Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach, +wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz +der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der +Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der +Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt, +nachdem er sich von den beiden beurlaubt, +daß die gnädige Infantin sich übel befinde und +keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt, +wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz +schlägt ihm und es fehlt wenig, so läßt er seine +Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die +Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es +ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt +und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge +sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von +königlichem Geschlechte abstamme oder nicht. Die +Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große +Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne, +wenn er nicht von Königlichem Geschlechte sei; mit +diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden, +um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen +und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie +sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er +streitet im Kriege, er überwindet den Feind des +Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert +in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück, +am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame, +sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater +zum Lohne seiner Dienste zum Weibe begehren +soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht +weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß +er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst +geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin +und der Vater selbst preist sich deshalb +glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der +Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von +welchem Königreiche ist, denn es mag wohl in der +Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater +stirbt, die Infantin erbt den Thron und wie man die +Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es +in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen +zu belohnen, die ihm darin beigestanden +haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen +Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich +derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe +war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen +Herzogs.« + +»So wünsch' ich's, und das ist der Weg Rechtens,« +sagte Sancho, »und buchstäblich wird es Euer +Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der +traurigen Gestalt.« + +»Du darfst nicht zweifeln, Sancho,« versetzte +Don Quijote, »denn auf dieselbe Weise und auf +die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe, +haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen, +Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß +ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich +einen christlichen oder heidnischen König antreffe, +der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber +es wird uns noch Zeit übrig bleiben, darauf zu +denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen +herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle. +Mir fehlt aber noch ein anderes Ding, +denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und +einer schönen Tochter, und daß ich unglaublichen +Ruhm im ganzen Universum erhalten habe, so +weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich +vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich +wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein +kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals +zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht +nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich +meine Taten noch größeren Ruhm verdienen; so +werde ich dieses Mangels halber den Lohn meines +tapferen Armes verlieren. Ich bin freilich wohl +ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte, +ich besitze ein Eigentum und meine Einnahme erstreckt +sich wohl über fünfhundert Taler; es mag +auch wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte +niederschreibt, meine Verwandtschaft und +Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich +wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel des +Königs bin: denn du mußt wissen, Sancho, wie es +zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt, eine +Art, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen +ableitet, die aber die Zeit nach und nach erniedrigt +hat, so daß sie sich endlich gleichsam in der Basis +einer Pyramide verlieren; andere entspringen aus +niedrigem Geschlechte und steigen und steigen nach +und nach, bis sie vornehme Leute werden; der +Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß +jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese +sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich +gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein +Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann +auch der König, mein Schwiegervater, zufrieden +stellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird +mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß +sie ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt +wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners, +mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo +nicht, so raube ich sie dann und entführe sie, wohin +es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn +ihrer Eltern vertilgen.« + +»Es paßt hier schön,« sagte Sancho, »was +manche Schelme sagen: bitte das nicht im Guten, +was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man +könnte auch noch besser sagen: das Rauben eines +Spitzbuben ist besser als das Bitten eines braven +Mannes; ich sage das nur, weil, wenn der Herr +König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele +legen und Euch die gnädige Infantin übergeben +will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu rauben +und wegzunehmen. Das Unglück ist nur, daß bis +wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche +ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes mit +leeren Backen auf den Lohn passen muß, wenn +nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die +seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft +und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der +Himmel anders beschert, denn ich glaube, sein Herr +ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen +Frau zu geben.« + +»Niemand kann ihm solches verweigern,« sagte +Don Quijote. + +»Damit es aber so komme,« antwortete Sancho, +»müssen wir brav zu Gott beten und das Glück +dann gehen lassen, wohin es uns führen will.« + +»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quijote, +»wie ich es wünsche und du, Sancho, es +brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein +hält.« + +»Das weiß Gott,« sagte Sancho, »daß ich ein +alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um +Graf zu sein.« + +»Überflüssig genug ist es,« sagte Don Quijote, +»und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne +Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich +dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst +oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich +dich zum Grafen mache, ich dich zugleich zum Ritter +mache, und sie mögen sich dann stellen wie sie +wollen, so müssen sie dir denn durchaus deinen +gnädigen Herrn geben.« + +»Und denkt nur nicht, daß ich mich nicht in +Hauterdiät setzen werde,« sagte Sancho. + +»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du +sagen,« erwiderte sein Herr. + +»Auch gut,« antwortete Sancho Pansa, »ich sage +nur, daß ich mich schon drein schicken will, denn +meiner Seel, ich war nur einmal Hochzeitbitter +und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich +könnte wohl gar einen Küster vorstellen. Wie +wird's aber vollends werden, wenn sie mir den +Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich +ganz voll Gold und Perlen sitze wie ein fremder +Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um +mich nur zu sehen.« + +»Du wirst gut aussehen,« sagte Don Quijote, +»doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren +lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein +Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um +den anderen unter das Messer bringen, sonst weiß +doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.« + +»Was gilt's,« sagte Sancho, »ich nehme mir +lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im +Hause wohnen, und wenn's nötig tut, muß er +mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines +Großen.« + +»Aber wie weißt du,« fragte Don Quijote, »daß +die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?« + +»Ich will es sagen,« antwortete Sancho; »ich +war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang +in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn +vorbei reiten, von dem die Leute sagten, er wäre +sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen +Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er +mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die +Leute, warum der Mann nicht neben dem anderen +ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da +antworteten sie, daß er sein Bereiter sei und daß +es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich +zu führen: das weiß ich seitdem so gut, daß ich +es niemals wieder vergessen habe.« + +»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote, +»und auf die Weise kannst du deinen Barbier +mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht +auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit +erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf +sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und +überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres +Geschäft als ein Pferd satteln.« + +»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge +sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu +denken, wie Ihr König werdet und mich zum +Grafen macht.« + +»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem +er die Augen erhob, sah er, was das folgende +Kapitel erzählen wird. + + + + + ~Achtes Kapitel~ + + Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit, + die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern + gingen + + +Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische +Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen, +erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen +Geschichte, daß, nachdem zwischen dem +berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem +Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen +waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind, +der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der +Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen +zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines +Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne +Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen +trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu +Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren +mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit +Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte, +sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten, +die der König zwingt, ihm auf den Galeeren +zu dienen.« + +»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie +kommt der König dazu, irgend jemand zu +zwingen?« + +»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern +das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen +verurteilt hat und sie zwingt, auf den +Galeeren zu dienen.« + +»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich +dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man +fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien +Willen.« + +»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho. + +»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt +hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang +aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und +beizustehen.« + +»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte +Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König +vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an +dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen +ihrer Verbrechen gestraft.« + +Indem kam die Kette mit den Ruderknechten +heran und Don Quijote bat diejenigen, die als +Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den +Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen, +warum man diese Leute auf solche Weise fortführe. +Einer von den Wachen zu Pferde antwortete, +daß es Ruderknechte wären, Sklaven +Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren +gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und +mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«, +erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem +insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.« +Er fügte noch so viele und so höfliche +Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß +der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir +haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche +von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber +wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu +lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie +werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese +Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.« + +Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote +würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht +gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte +den vordersten, um welcher Sünden willen er in +so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete, +daß er als Verliebter so ginge. + +»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote. +»Bringt man die Verliebten nach den Galeeren, +so hätte ich schon seit langem dort rudern +müssen.« + +»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der +Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine +Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche +mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so +kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit +meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn +ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte. +Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung +war unnötig, die Sache machte sich bald, +ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel, +ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten +gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.« + +»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote. + +»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der +Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig +Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft +nach ein Felsenherzer. + +Don Quijote tat dem zweiten die nämliche +Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still +und schwermütig war; der erste aber antwortete +für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht +mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein +Musikus und Sänger.« + +»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und +Sänger werden auf Galeeren geschickt?« + +»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht, +»kein böser Ding auf der Welt, als in der Not +singen.« + +»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don +Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.« + +»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn, +wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.« + +»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote; +einer von der Wache aber antwortete: »Herr +Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen +rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser +Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein +Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs +Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er +schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen +hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil +ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht +behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er +bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu +sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei +Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent +kein besseres Glück wünschen könne, als daß +auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod +schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise +gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung +nach nicht unrecht.« + +»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote +und wandte sich zum dritten, den er wie die +vorigen befragte, der auch behende und mit großer +Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf +Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir +zehn Dukaten mangelten.« + +»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte +Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu +lösen.« + +»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht, +»als wenn einer mitten auf der See Geld +hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er +nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte +ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt, +die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die +Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf +meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich +heute mitten auf dem Platze von Zocodover in +Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein +Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott +ist mächtig und man muß Geduld haben.« + +Don Quijote kam zum vierten, einem Manne +mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer +Bart bis auf die Brust herunterhing; als +er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt +würde, fing er an zu weinen und antwortete +nichts. Aber der fünfte Gefangene diente +zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige +Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren, +nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde +und in großer Pracht gehalten hat.« + +»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa, +»öffentlich am Pranger gestanden haben.« + +»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie +haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler +für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen +gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein +Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als +Zauberer ausgeübt.« + +»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,« +sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen, +wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen +hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern +man hätte ihn vielmehr zum General derselben +ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines +Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert +verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten +Staate von äußerster Notwendigkeit, so +wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben +müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren +über sie ansetzen, wie es bei den übrigen +Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die +Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde +vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen, +daß sich unwissende und einfältige Menschen +mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger +alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher +sind, die wenige Jahre und noch weniger +Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen +oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag +zu machen, dastehen, als wenn ihnen der +Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche +ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber +noch weitläufiger sein und Gründe anführen, +warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im +Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber +hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es +aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben +und die Sache einrichten können. Ich will nur +noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese +silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und +diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung, +bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei +vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine +Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu +verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige +glauben, denn unser Geist ist frei und weder +Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen. +Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige +Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte +mischen, die den Menschen töricht machen, womit +sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen, +da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien +Willen zu zwingen.« + +»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und +wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der +Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das +Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit +nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht +war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in +Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht; +aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen, +ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht +wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe +außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir +keinen Augenblick Ruhe läßt.« + +Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch +Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen +aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen +reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den +folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher +als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil +ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und +mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt +waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige, +daß durch all dies Scherzen eine so verworrene +Verwandtschaft entstand, daß sie kein +Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag. +Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte, +so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf +sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde. +Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung, +das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist +alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen +Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch +Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden +wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten, +daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem +Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher +Charakter verdient.« + +Dieser war wie ein Student gekleidet und einer +von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und +geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein +Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt, +der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte: +die Weise, wie er angefesselt war, war von der der +übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße +hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um +den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei +Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am +andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund +befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von +oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder +in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden +Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen +waren, so daß er weder die Hände zum Munde +erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen +konnte. Don Quijote fragte, warum +dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an +sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht +allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen +begangen habe, und daß er so verwegen und listig +sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten, +wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten, +sondern stets seine Flucht befürchteten. + +»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann +er begangen haben, wenn er keine größere Strafe +als die Galeere verdient?« + +»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die +Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man +braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche +Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst +auch Hans Gines Diebsfinger genannt.« + +»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht, +»laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf +aus, Namen und Beinamen herzuerzählen. +Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg +ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie +Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und +er wird genug zu tun finden.« + +»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius, +»du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte, +wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll, +wie es dir gewiß nicht lieb ist.« + +»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß +sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß +der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans +Gines Diebsfinger heiße oder nicht.« + +»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?« +fragte der Wächter. + +»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon +dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder +ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr +uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her +und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das +Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr +aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines +Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen +Fingern niedergeschrieben habe.« + +»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius, +»er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben, +so gut man es nur verlangen kann, er hat +das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als +Pfand zurückgelassen.« + +»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und +wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen +hätte.« + +»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote. + +»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den +Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in +dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben +werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch +soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält, +und diese Wahrheiten sind so anmutig und +lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein +können.« + +»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte +Don Quijote. + +»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete +jener. + +»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote. + +»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines, +»da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben +habe, hebt mit meiner Geburt an und +beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren +gesandt wurde.« + +»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte +Don Quijote. + +»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich +schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß, +wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,« +antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich, +wieder hinzukommen, denn ich werde dort +Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem +mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf +den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als +ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum +Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon +auswendig.« + +»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote. + +»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das +Unglück verfolgt immer die Genies.« + +»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius. + +»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,« +antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die +Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut, +die armen Schelmen zu mißhandeln, die +unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und +dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät +lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele -- -- +Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der +Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert +sind und alle Welt sei ruhig und lebe +wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen, +denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.« + +Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem +Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber +Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht +zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest +gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei +zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette +wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir +gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel +verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen +gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen +eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und +gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch +ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser +auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei +jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und +überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache +eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit +gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches +alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß +ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch +den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der +Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden +der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß, +als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein +Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die +unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir +aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist, +das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten +läßt, daher ergeht meine Bitte an diese +Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch +gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu +lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die +dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn +mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven +zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute +geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,« +fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen +euch nichts getan; dorten aber wird +jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im +Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute +zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche +Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen +nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit +dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch +danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt, +falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet, +so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern +Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen, +es also zu vollstrecken.« + +»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius, +»ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz! +Wir sollen die Sklaven des Königs frei +lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu +tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein +Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer +Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um +ungelegte Eier.« + +»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein +Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote. +Und in demselben Augenblick rannte er so +wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr +setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet +zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich +ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte +führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak +über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber +wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen, +die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten +sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe +erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, +wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese +günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie +in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an +der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand +eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald +zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten, +bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus +nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits +half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus, +der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde +herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius +machte und ihm Degen und Flinte abnahm; +hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald +zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald +keiner von der Wache mehr das Feld behauptete, +denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg, +teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen +Ruderknechte erregten. Sancho wurde über +diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte, +daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft +den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die +Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen; +diese Besorgnis trug er auch seinem +Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen, +damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken +könnten. + +»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber +ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf +er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich +schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd +ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um +zu sehen was er haben wollte, er aber sagte: +»Braven Leuten steht es gut an, für empfangene +Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist +eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am +meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine +edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren +habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum +Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese +Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch +nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch +nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der +Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr +sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt, +euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt +für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem +berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung +zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so +könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch +gefällt.« + +Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg: +»Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser +Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit, +es auszurichten, denn wir können nicht in +Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln +und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre +gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen +könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft +nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns +macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun +könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft +nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl +Ave Marias und Credos zu verwandeln, die +wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das +läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf +der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu +glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens +zurückkehren werden, ich meine, daß wir +unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf +den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte +man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn +Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt +Birnen vom Ulmbaum fordern.« + +»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt, +»Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans +Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt, +daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen +den Beinen und die ganze Kette über den Buckel +gehängt!« + +Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart +war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don +Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen +angefangen, sie frei zu machen), gab, da er +sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen +Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten, +und einen solchen Hagel von Steinen nach +Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug +hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei +der arme Rosinante sich aus allem Spornen +nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen +wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg +sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das +auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich +nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel +so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie +ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen, +als sich der Student über ihn machte, ihm +das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei +oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so +lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach; +er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über +der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst +die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der +Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen +sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf +sie untereinander die in der Schlacht gewonnene +Beute verteilten und jeder sich nach einer andern +Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren +Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der +Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea +von Toboso zu präsentieren. + +Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote +blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich, +indem er je zuweilen die Ohren schüttelte, +wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der +seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe; +Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls +durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne +Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft, +Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so +schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so +großes Gut verschafft hatte. + + + + + ~Neuntes Kapitel~ + + Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen + Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer, + die in dieser wahrhaftigen Geschichte + vorgetragen werden + + +Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah, +sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho, +habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes +erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich +deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen +Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen +ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige +vorsichtiger sein werde.« + +»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete +Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr +aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren, +wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt +mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer +Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die +heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert, +denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen +noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon, +als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.« + +»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte +Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest, +ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat, +will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem +Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch +nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so +im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst, +ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern +nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst +du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann, +auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen +strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken +oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn +wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr +aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der +Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht +mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben +und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein +diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht, +sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen +Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor +und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und +Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.« + +»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen +ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein +Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie +nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute +für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an +einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner +Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit +meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen; +drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen +guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den +Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich +Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant +mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände +brauchen werden.« + +Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu +antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte +an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen +Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte +die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach +Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und +sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken, +damit sie von der heiligen Brüderschaft +nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als +er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem +Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den +Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein +Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen +so heftige Jagd gemacht hatten. + +Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte +des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die +Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen, +wenigstens so lange, als ihre Speisekammer +sie versorgte, und also machten sie ihr +Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in +der sich viele Korkbäume befanden. Aber das +Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht +vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles +lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt, +führte den Gines Friedberg, diesen berühmten +Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit +des Don Quijote von der Kette erlöst war und der +ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft, +die er mit großem Rechte fürchtete, auf den +Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken, +diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die +nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho +Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie, +da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter +immer undankbar sind, die Not auch oft +das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch +der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines, +der weder dankbar noch von edler Gesinnung war, +darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen, +indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm, +den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum +Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho +Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe +es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß +er nicht wiedergefunden werden konnte. + +Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen +und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen +Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah, +begann er so heftig und laut den allerkläglichsten +Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte +und folgende Reden vernahm: »O du mein +eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause +erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines +Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten! +O du Ernährer meiner halben Person, +du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis +und das war mein halbes Auskommen.« + +Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die +Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den +besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich +in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich +eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf +Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit +stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine +Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don +Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank, +dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte, +das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders +für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte. +Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in +die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und +wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet +waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen +zog er fort, ohne an etwas anderes zu +denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken +(seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu +reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich +zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen +geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer +über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend, +in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er +für ein neues Abenteuer, solange er auf solche +Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte. + +Indem hub er die Augen auf und bemerkte, +wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze +seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der +Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen, +wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub +jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen +Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz +vermodert und zerrissen; sie waren aber von so +großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um +sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen, +was sich im Mantelsack befinde. Sancho +richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus, +und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß +zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher +alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden +von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes +Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand +er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie +er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der +uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was +trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein +kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses +ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das +Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho +küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er +noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte, +stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer +war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote +mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders +ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender, +der durch dieses Gebirge gezogen ist, von +Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an +irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.« + +»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn +wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld +wohl nicht liegenlassen.« + +»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so +kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl +sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich +in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet +findet, wodurch wir auf die Spur geraten +und das entdecken, was wir gern wissen möchten.« + +Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als +Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben, +ein Sonett, welches er laut ablas, damit +es auch Sancho hören könnte: + +Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden, +Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen, +Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen, +Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden. + +Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden; +Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen, + +Daß Götter wüten: aber warum steigen +Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden? + +Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen, +Daß du so großes Unheil mir geschicket; +Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden? + +Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen, +Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket, +Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden. + +»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch +nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der +Filz da auf den rechten Weg bringt.« + +»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote. + +»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr +von Filz oder Pilz etwas daher läset.« + +»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und +dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame, +über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt, +der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich +anders in der Kunst nicht unerfahren.« + +»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho, +»Reime zu machen?« + +»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete +Don Quijote, »das sollst du gewahr werden, +wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller +Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea +von Toboso senden werde; denn du mußt +wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger +Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und +Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder +richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die +verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten +die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr +Geist als Kunst.« + +»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden +wir, was wir wollen.« + +Don Quijote schlug das Blatt um und sagte: +»Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.« + +»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte +Sancho. + +»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von +Liebe,« antwortete Don Quijote. + +»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe +eine große Freude an den Liebessachen.« + +»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an +laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf +er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war: + +»Dein falsches Versprechen und mein gewisses +Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl +die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine +Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen, +Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber +besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum, +den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück +beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch +deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine +Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein +Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist. +Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und +gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls +nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust, +was du getan hast und ich nicht so gerächt werde, +wie ich es nicht wünsche.« + +Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte, +sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich +nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von +beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte +hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch +andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen +konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen +waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und +Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen, +diese beweint. Indes Don Quijote das Buch +durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack, +ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht +unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte +jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander, +denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit +oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten +in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich +auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht +mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er +sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die +Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge +des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes, +die Beraubung des Mantels und für allen +Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur +immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden +hatte, durch die Güte, daß ihm dieser +Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der +Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem +heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der +Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie +aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus +der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein +anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand +sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit +seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse +geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren +wilden Gegend niemand zu sehen war, den +er hätte fragen können, so richtete er nunmehr +seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen, +immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in +diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer +aufstoßen müsse. + +Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog, +bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der +vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger +Schnelligkeit von Stein zu Stein und von +Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war +halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen +Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh +und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel +trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem +Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß +man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte; +sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt, +schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter +von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale. +So viele Mühe er sich aber auch gab, war +es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der +Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf +in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein +Gemüt saumselig und phlegmatisch war. + +Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß +ebendieser der Herr des Reitkissens und des +Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den +Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein +Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu +finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen +und von der einen Seite die Runde um +den Berg zu machen, indem er von der andern +Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt +vielleicht den Menschen anträfen, der mit so +großer Eile an ihnen vorübergerannt sei. + +»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho, +»denn sowie ich mich von meinem werten Herrn +entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei +Schrecken und Einbildungen verursacht: das, +was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht +dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen +Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.« + +»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt, +»und es freut mich sehr, daß du meinem +Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen +soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper +verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir +am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen +statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen, +vielleicht treffen wir den Menschen, den wir +erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer +unseres Fundes sein muß.« + +Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre +doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir +ihn finden und er vielleicht der Herr von dem +Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm +wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen +diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen +einstecken kann, bis wir auf eine andere, +nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen +Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit, +wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser +sein Recht verloren hat.« + +»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung +geraten sind, daß er der Eigentümer sein +möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu +suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen +wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er +der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein +Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also, +Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß +erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.« +Mit diesen Worten spornte er den Rosinante +und Sancho folgte auf seinem Esel nach. +Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten +waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von +Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes +und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie +in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling +der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes +sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine +Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt, +und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen +und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen +Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don +Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen +möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei, +wie sie in diese Gegend gekommen wären, +die wenig oder gar nicht betreten würde, außer +von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder +anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho +antwortete, er möchte herunterkommen, und sie +wollten ihm dann alles erzählen. + +Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an +die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er: +»Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot +in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon +seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt, +habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?« + +»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don +Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack, +die wir nicht weit von hier fanden.« + +»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der +Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen +wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich +vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal +für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel +ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße, +worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht, +wie's kömmt.« + +»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete +Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich +mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen; +hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie +es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie +mich kratzen.« + +»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don +Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem +Herrn der Sachen?« + +»Was ich Euch sagen kann,« antwortete der +Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate +sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger +Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen +von hier; er sah vornehm und stattlich aus und +ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot +liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das +Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt +habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges +am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir +ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden, +und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch +nur noch eine halbe Meile tiefer hinein begebt, +so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es +ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher +gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig +führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch +unsere Antwort vernommen hatte, ritt er nach der +Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem +uns allen sein schönes Ansehen gefiel und +wir uns über seine Fragen verwunderten sowie +über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge +einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr, +bis er nach etlichen Tagen einem von unseren +Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich +an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße +gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte +und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm, +hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das +Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten +dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage +in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum, +um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in +der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes +fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung +war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt +und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn +kaum wiederkannten, doch gaben uns seine Kleider, +obschon sie zerrissen waren, Merkmale genug, +woraus wir entnahmen, daß er der nämliche sei, +den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und +sagte uns in wenigen und verständigen Worten, +daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern +möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um +eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen +seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir +baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte, +wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht +bringen: worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn +er zu seinem Unterhalte etwas bedürfe, er uns +sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn +wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft +bringen, wäre aber auch dies nicht nach +seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens +darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit +Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere +Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten +um Verzeihung, versprach auch, uns +künftig um Gottes willen darum anzusprechen, ohne +jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung +betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andere +als das, was er gerade fände, wenn ihn die +Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher +herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle, +die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen, +wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten +uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal +gesehen hatten und wie wir ihn nun vor +uns sahen, denn wie gesagt, er war ein sehr +schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine +höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch, +daß er von vornehmer Familie sein mußte, und obgleich +wir, seine Zuhörer, nur Bauersleute waren, +so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst +ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden +mußte. Indem er nun noch am besten in seiner +Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte, +lange Zeit verschloß er die Augen, indes +wir alle verwundert dastanden und warteten, was +aus dieser Verzückung werden sollte, es war uns +ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen +wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr +den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen, +dann drückte er sie wieder zu, rührte die +Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus +wir leicht entnahmen, daß ihn wieder ein +Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch +zu erkennen, wie richtig unsere Vermutung gewesen +sei, denn wild sprang er plötzlich von der +Erde auf und warf sich auf den, der ihm am +nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit, +daß, wenn wir ihn nicht aus den Händen +rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben +umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ha! +nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen +bezahlen, diese Hände sollen dir das +Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen +und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist. +Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich +alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu +sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen +zu behandeln. Wir verließen ihn sehr +betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte +sich von uns und rannte so schnell in das +Buschwerk und in die Steinklippen hinein, daß wir +ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir +aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele, +und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus +großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch +so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen +haben sich auch bestätigt, denn er hat +sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die +Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem +Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es +aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald +er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf, +wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten, +sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er +wieder bei Sinnen ist, bittet er um Gotteswillen +und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch +dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung +häufiger Tränen. Seitdem, meine Herrn«, +fuhr der Ziegenhirte fort, »haben ich und vier +andere Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei +von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so +lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn +wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei's nun +mit Güte oder Gewalt nach Almodovar führen, +was nur acht Meilen von hier liegt und ihn da +kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur +verträgt oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von +ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der +Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann. +Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf +eure Fragen antworten kann; der, dem die Sachen +gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche, +den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt +vorüberrennen saht« (denn Don Quijote hatte ihm +schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge +habe klettern sehen). Dieser war durch das, was +ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen +gesetzt und seine Begierde, zu erfahren, wer der +arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht, +er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher +beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge +aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet +zu lassen, bis er ihn endlich gefunden +hätte. Das Schicksal führte es aber besser als er es +erwartete oder erhoffte, denn in demselben Augenblicke +zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen +den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der +etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an +ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen +konnte. Seine Tracht war wie sie oben beschrieben +ist, nur bemerkte Don Quijote in der Nähe, daß +das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten +korduanischen Leder sei, wodurch er völlig überzeugt +wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider +führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse. + +Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie +mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler +Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß +ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte +ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit, +indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen +Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen +Jahren kenne. Der andere, den man den Zerlumpten +von der kläglichen Gestalt nennen könnte, +wie Don Quijote der von der traurigen heißt, entfernte +ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich +wieder aus den Armen gelassen hatten und legte +seine Hände auf die Schultern Don Quijotes, er beschaute +ihn dann, als wolle er sich besinnen, ob +er ihn kenne, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt, +Bildung und Waffenrüstung Don Quijotes vor sich +zu sehen, als Don Quijote erstaunt war, ihn zu +erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung +redete, war der Zerlumpte, und er sagte, +was man nachher erfahren wird. + + + + + ~Zehntes Kapitel~ + + Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem schwarzen + Gebirge + + +Die Geschichte erzählt, daß Don Quijote mit der +gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen +Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher +also sprach: »Wahrlich mein Herr, wer Ihr, +da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke +ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft, +die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich +wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr +als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur +Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat +mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen +edle Teilnahme erwidern kann, als meine +guten Wünsche.« + +»Meine Wünsche«, antwortete Don Quijote, »bestehen +nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen +war, diese Berge nicht eher zu verlassen, +bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte, +ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche +Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine +Linderung zu finden sei, und wenn es nötig +wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem +ersinnlichen Fleiße aufsuchen, wäre aber Euer Unglück +von der Art, daß für Euch die Türen aller +möglichen Hilfe verschlossen wären, so wollte ich +zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so +gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer +ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert, +und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche +Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler +Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch +gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was +Ihr im Leben am meisten geliebt habt oder noch +liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund +zu entdecken, der Euch soweit führt, in diesen +Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu +sterben, denn hier sterben werdet Ihr, Euch +selbst so entfremdet, wie Eure Tracht und Euer +Anstand bezeugen. Und ich schwöre«, fuhr Don +Quijote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den +ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich +auch bin, und bei dem Stande eines irrenden +Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler +Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen +erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin, +der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn +es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit +Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen +habe.« + +Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede +dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat +nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder +beschaute und wiederum vom Kopfe bis zu den +Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet +hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu +essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes +willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach +Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so +freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen +habt.« + +Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und +der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor, +womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte, +der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang, +daß er schnell einen Bissen nach dem andern +ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während +dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm +zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen +hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen +möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen +grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die +Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren, +setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das +nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte, +nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit +gesetzt hatte, sagte: »Wenn ihr es wünscht, +meine Herrn, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit +meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir +versprechen, weder durch eine Frage noch auf +andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte +zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde +ich keineswegs die Erzählung vollenden können.« + +Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don +Quijote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister +vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die +über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch +die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte +aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich +um so schneller die Geschichte meines Unglücks vollenden +kann, denn es meinem Gedächtnis wiederholen, +dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen, +und je weniger ihr mich also unterbrecht, +je schneller werde ich meine Erzählung endigen, +ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz +eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quijote +versprach alles im Namen der übrigen und jener +fing nach dieser Versicherung also an: »Mein Name +ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten +Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine +Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß +meine Eltern es beweinen werden, meine Familie +darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren +Reichtümern helfen können, denn um die Verhängnisse +des Himmels abzuwenden, sind die Güter des +Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen +Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller +ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht +zu erregen, so groß war die Schönheit Lucindens, +eines Mädchens, nicht minder edel und reich +als ich, aber von besserem Glück und geringerer +Sündhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig +war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen +frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie +liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die +ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten +unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber, +denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere +Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut +mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens +übereinstimmte. Unsere Jahre nahmen zu und mit +ihnen wuchs unsere beiderseitige Liebe, so daß es +Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen +Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu +verweigern, und so war er hierin dem Vater der +Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen +ist. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf +Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war +auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so +konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen +machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die +Empfindungen des Herzens zu erkennen geben, +denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes +macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste +Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel! +wie viele Briefe schrieb ich ihr, wie viele Antworten, +so erfreulich als anständig erhielt ich von +ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten +Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das +Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen +Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich +ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese +Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den +Wunsch sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den +Vorsatz, das Beste und Einzige zu tun, um das erwünschte +und verdiente Gut zu besitzen, und dies +war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen +Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete, +wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll +fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da +aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten +anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht +mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei +Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen +oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine +edle und verständige Antwort und versprach, daß +mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen +werde, worauf ich mich auch sogleich zu +meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen +und so wie ich in sein Zimmer trat, finde +ich ihn mit einem offenen Brief in der Hand, und +ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir: +»Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade +dir der Herzog Ricardo erzeigt. Dieser Herzog Ricardo +ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen +im schönsten Teile von Andalusien hat.« +Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft +schien, daß es mir selber unverständig vorkam, +wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs +gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte, +um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten +Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu +befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die +er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte, +noch mehr, als mein Vater sagte: ›In +zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den +Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem +Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem +deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten +können.‹ Diesen Worten fügte mein Vater noch +andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit +meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach +ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging +dann zu ihrem Vater und bat einige Zeit zu warten +und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich +gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er +versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend +Schwüren und heißen Tränen. + +Ich kam beim Herzog Ricardo an, er empfing +mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich +den Neid seiner älteren Diener in Bewegung +setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die +der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteil +gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft +entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs, +Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling, +großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so +sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber +verwunderten, und ob mir gleich der ältere +Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht +mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem +mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter +wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich +nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos +Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr, +vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht +wenige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein +Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so +schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war, +daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen +Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären. +Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten +die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er, +um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen, +ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich +ihm auf keine andere Weise ergeben wollte. Ich +versuchte es als Freund ihn mit den dringendsten +Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem +Vorsatz zurückzubringen; da ich aber sah, wie +unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir +vor, die Sache seinem Vater, dem Herzog Ricardo +zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und +klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er +wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als +ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu +entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig +werden konnte, um mich also zu hintergehen, sagte +er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus +seinem Gedächtnis das Bild jener Schönheit, die sich +seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen, +als auf einige Monate zu verreisen, und zwar, +wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich +in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne +Pferde in meiner Vaterstadt aufzusuchen und zu +kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt. +Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen, +als ich auch, von meiner Leidenschaft angetrieben, +ihn als den glücklichsten und heilsamsten +Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursache dieses +Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich +fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf, +meine teure Lucinde wieder zu sehen. Ich billigte +und lobte also seinen Vorsatz und bestätigte ihn +darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn +die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste +Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag +tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr, +unter dem Titel eines Gemahls die Gunst des Landmädchens +genossen und wartete nur auf eine schickliche +Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge +entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln +seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine +Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei +den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich +das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse +dann alle Wünsche mit verschwinden und sich +dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie +die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur +setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige +Liebe gar nicht gestellt ist, also, wie Don Fernando +die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten +seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie +er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu +heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das +nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen +hatte. + +Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir, +ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an, +mein Vater empfing ihn nach seinem Stande und +ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe, +die weder gestorben noch eingeschläfert war, von +neuem belebt wurde. Zu meinem Unglück erzählte +ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte, +ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde, +nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit, +Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde +so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den +Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehen, das mit +allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu +meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich +zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem +Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten; +er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick +alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus +vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit, +ward in sich verschlossen und mit einem Worte +so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung +meines Unglücks erfahren werdet. Um seine +Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir +verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel +vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem +Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie +mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu +verlangen, der so geistreich, edel und in solchen +Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir +schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten +des Körpers und der Seele, die unter den übrigen +Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen, +daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch +schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden +ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus +seinem Munde zu hören, ich fing an ihn zu fürchten +und ihm weniger zu trauen, denn es verging +kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden +gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie, +wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte, +wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt +wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend +und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das +Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen +hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere +zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir +zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß +ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle. +So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein +Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte +und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte +nämlich den Amadis von Gallia.« + +Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen +hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr, +gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das +Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so +wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um +mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch +würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie +Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der +Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt +hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch +mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu +verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und +Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe +ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von +der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur +Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis +von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von +Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna +Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya +gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des +Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen +Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner +Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch +läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht +verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein +werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat +kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert +Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner +Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen. +Doch halte ich im stillen dafür, daß ich +keins von allen behalten habe, soweit hat es die +Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer +durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß +ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine +Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von +Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es +mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu +sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist, +nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes, +nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung, +sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich +mir zur Stunde am meisten wünsche.« + +Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ +Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken +und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich +ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte +fortzufahren, hob er doch weder den Kopf +auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber +richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann +es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein +Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken +schlagen oder mich eines andern überreden und der +soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil +überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der +Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der +Königin Madasima geschlafen habe.« + +»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete +Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem +er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine +schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei! +Die Königin Madasima war eine hocherhabene +Dame, und es läßt sich unmöglich glauben, +daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl +geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint, +lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm +zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet, +bei Tage oder in der Nacht, oder wie es +ihm gut dünkt, beweisen.« + +Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht, +er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn +und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen, +Don Quijote war aber ebensowenig zum +Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert, +was er von der Madasima hatte hören müssen. +Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte, +als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame: +so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in +Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt +war, für einen Lügner und Hundsfott schelten +hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so +empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein +und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don +Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte. +Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher +Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter +Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber +empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage +zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf +ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen +eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen +wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und +nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte, +stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um +sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich +auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft +zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine +Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb, +daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen +Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie +sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten +hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er +es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört +habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho +Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der +Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab +sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und +solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote +nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen +wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt: +»Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von +der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer +wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann +also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung +nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher +Kerl prügeln.« + +»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe +ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig +ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote +fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht +möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn +er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß +seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte, +was er schon einmal gesagt hatte, daß man +seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben +könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden +herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit +oder verrückt, antreffen. + + + + + ~Elftes Kapitel~ + + Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen + Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten, + und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte + + +Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und +dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl +dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem +Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam +weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden +des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit +seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß +jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht +dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er +aber das lange Stillschweigen nicht aushalten +konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt +mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem +Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und +Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch +alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe, +aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und +Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu +reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich +bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch +der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es +zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich +doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur +Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen; +aber das ist zu hart, und keine Geduld +reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern +herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen, +Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem +nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß +man gar nicht herausreden darf, was man auf dem +Herzen hat, als wenn man stumm wäre.« + +»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge +einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit +auflösen, sprich was du willst, doch unter der +Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange +wir in diesen Bergen herumziehen.« + +»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will +ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag, +ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen, +und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch +so der Königin Madam Trine anzunehmen oder +wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie +Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht? +Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr +waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte +in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre +nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen +vorgefallen.« + +»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote, +»wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine +ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin +Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß +ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den +Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen +Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu +sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die +Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre +an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von +dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger +Mann und kluger Kopf war. Er diente der +Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen, +daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine +Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient: +und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte, +was er redete, mußt du nur darauf merken, daß, +als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.« + +»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß +man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben +müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden, +so daß der Kieselstein Euch nach dem +Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden +wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns +der Dame angenommen haben, die Gott verderben +mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio +mochte verrückt sein oder nicht.« + +»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder +irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre +der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie +vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und +gar für die Königin Madasima, die ich wegen +ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe, +denn außer daß sie über alle Maßen schön war, +war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden, +deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig, +und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister +Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen +ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit +ertragen, und hieraus nahm der unwissende und +schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und +zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber +sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal, +alle diejenigen, die es denken oder sagen.« + +»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete +Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische +seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen +oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor +seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist +nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer +einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt: +und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen, +nackt geh' ich wieder fort, mir kann's +nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er +will, was kümmert's mich? So mancher geht nach +Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann +man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott +ist der Richter über alles.« + +»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote, +»welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander? +Was haben deine Sprichwörter mit unserer +Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig +und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel +anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert, +was dich nichts angeht. Begreife überdies +mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was +ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und +in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß +ist, die ich besser inne habe, als alle die +Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.« + +»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn +das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen, +daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen +in den Bergen herumziehen, um einen +Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun +finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen, +was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte, +sondern Euern Kopf und meine Rippen, +wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu +schmeißen?« + +»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote, +»wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den +Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife, +sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung +unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und +Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten +Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen +sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden +Ritter vollendet und berühmt machen kann, die +Krone aufsetzen will.« + +»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?« +fragte Sancho Pansa. + +»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt, +»denn der Würfel mag wohl so fallen, daß +wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht +auf deiner Betriebsamkeit.« + +»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho. + +»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald +von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so +wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort +meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit +du nicht länger in Erwartungen bleiben und +sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen, +so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer +der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein, +unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen +der fürnehmste, ja der einzige, der König von +allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht. +Schlimm möchte es dem Don Belianis und +allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich +ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich +schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte, +daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt +werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler, +die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt +sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur +Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch +der handeln, der den Ruhm eines Klugen und +Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses +nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus +ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung +malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden +Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und +den Scharfsinn eines tapferen und verständigen +Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder +darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein +sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild +ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise +ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern +zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit +wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den +Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen +haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so +leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der +irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch +dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters +am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser +Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde, +sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies, +war, wie er sich entfernte, von der Dame +Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut +Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön +veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der +sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt +hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin +nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte, +Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte, +Flotten aufreibe und Bezauberungen löse: +da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen +schicken, so will ich auch diese Gelegenheit +nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit +so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.« + +»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr +denn nun hier in der Einsamkeit tun?« + +»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don +Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will, +einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen, +um zugleich den gewaltigen Don Roldan +in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer +Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne, +mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe, +worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume +ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte, +Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte, +die Häuser niederriß, das Vieh gebunden +führte und tausend andere Tollheiten beging, die +eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind. +Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando +(denn er führt alle drei Namen) nicht in allen +seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch +vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen, +die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten, +vielleicht begnüge ich mich aber auch in der +Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen +Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und +Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten +Ruhm errang.« + +»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter, +die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine +Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen; +aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend +zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht? +Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu +wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit +einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht +habe?« + +»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote, +»und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung: +denn daß ein irrender Ritter aus Gründen +rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als +Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache +unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu +verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen +Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends +da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit +von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso +finde, denn wie du den Schäfer von neulich, +Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei, +alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho, +verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche +und nie erhörte Nachahmung ausreden zu +wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich +bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief +bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden +will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine +Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine +Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich +im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort +zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so +werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den +Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich, +gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir +bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde, +das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho, +verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig? +Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn +jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm +nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit +seines Metalls ermessen kann.« + +Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr +Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich +nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr +sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den +Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft +sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen +und Inseln verschenken und andere Gnaden +und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden +Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur +Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße +oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn +wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken +ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als +vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich +wohl anders denken, als daß dem, der so etwas +glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen +ist? Das Becken, das voller Beulen ist, +habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will +ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen +barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich +noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.« + +»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei +dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don +Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den +nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie +ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner +Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die +irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit +und Unsinn aussieht und alles verkehrt und +wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich +also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment +von Zauberern hinter uns herläuft, die +alle unsere Dinge verändern und verwandeln und +sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem +sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint, +was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der +Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder +für was andres ansehen: auch war es eine herrliche +Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite +ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken +scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der +Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem +Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen, +um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber +nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie +sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei +jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn +dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er +ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte, +wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut +auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht, +sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke +ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom +Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner +Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.« + +Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß +eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden +wie eine einzelne abgeschnittene Klippe +dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach +vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen +eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge +einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde +Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und +Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen +Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen +Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie +er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als +ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel, +ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um +hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst +über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz, +wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses +kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine +immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das +Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und +Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz +erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche +Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend +euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des +unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und +eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in +dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit +jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise, +jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr +Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern +der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und +wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt +sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o +helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens +sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea +von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz +meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern +meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes +Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge +den Ort und den Zustand, zu dem mich die +Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit +Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O +ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter +meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften +Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine +Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister, +liebwerter Gefährte im Glück und Unglück, +fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was +du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener +wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache +von allem ist.« -- Und sowie er dieses sagte, stieg +er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich +Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen +Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte: +»Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist, +o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich +in deinem Schicksale, wandle, wohin du +willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben, +daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an +Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin, +der dem Bradamante so kostbar war.« + +Wie Sancho dies sah, sagte er: »Es ist gut, daß +uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen +den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig +so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand +zu geben, als Lobpreisungen herzusagen; wäre er +aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß +man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht +das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei +mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung, +denn soweit denke ich es mit Gottes +Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr +Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit +meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein +Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der +Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen, +denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens +und Wiederkommens lange währen, denn +wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht, +wenn ich dasein oder wiederkommen möchte, denn +ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter +Wandersmann.« + +»Ich sage dir, Sancho,« antwortete Don Quijote, +richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine +Idee scheint mir nicht übel, ich sage ferner, daß du +in drei Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit +du das, was ich tue und rede, beobachten sollst, +damit du darüber Rede stehen kannst.« + +»Was soll ich noch weiter sehen,« fragte Sancho, +»als was ich schon gesehen habe.« + +»Sauber hast du dich verrechnet,« antwortete +Don Quijote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider +zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich +bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen +angerennt, sowie ich noch viele andere Dinge gleicher +Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern +wirst.« + +»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagte +Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie +Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen +einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen, +daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön +ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung, +wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig +achtet und daß das Werk ohne sie nicht vollführt +werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn +alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes +Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet, +sag' ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben oder +doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle +ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich +der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch +die Stöße gegen eine Felskante gebt, die härter +als der Diamant ist.« + +»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund +Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber du mußt +wissend sein, daß alle diese Dinge, die ich vornehme, +kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders +hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die +uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, unter +der Strafe der Ächtung, und ein Ding für das +andere tun, ist um nichts besser, als lügen; darum +also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte +und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes +an sich führen; es wird deshalb auch nötig +sein, daß du mir etwas Charpie zum Verbinden +zurückläßt, denn durch einen Zufall fehlt uns der +Balsam, den wir verloren haben.« + +»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren,« antwortete +Sancho, »denn mit dem ist Charpie und +alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten +haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite +Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen +höre, kehrt sich mir Seele und Magen um. Noch +mehr aber bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt, +die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich +die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte, +denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen +und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge +davon erzählen: schreibt mir nur den Brief +und gebt mir geschwind meinen Abschied, denn ich +habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald +aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier +bleibt.« + +»Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don +Quijote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen +oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas +Schlimmeres gibt.« + +»Wen die Hölle hat,« antwortete Sancho, »=nulla +est retentio=, wie ich gehört habe.« + +»Ich verstehe nicht, was du mit =retentio= meinst,« +sagte Don Quijote. + +»=Retentio= ist so viel,« erwiderte Sancho, »daß, +wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen +kann, das wird aber mit Euer Gnaden +nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben, +um den Rosinante anzuspornen; dann will ich mich +stracks nach Toboso begeben und gleich zur gnädigen +Dulzinea, und dann will ich ihr so viel von den +Narrheiten und Unsinnigkeiten (das ist doch eins) +erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen +wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden +soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit +ihrer zärtlichen honigsüßen Antwort komme ich +dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück +und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie +eine Hölle vorkommt, es aber nicht ist, denn Ihr +habt die Hoffnung herauszukommen, was aber, +wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen, +die sich in der Hölle aufhalten, und darin +werdet Ihr mir gewiß Recht geben.« + +»Du sprichst die Wahrheit,« sagte der von der +traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen, +um den Brief zu schreiben?« + +»Und auch die Eselsverschreibung?« fügte Sancho +hinzu. + +»Wir müssen alles,« sagte Don Quijote, »und +der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben, +auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die +Alten taten, ingleichen auf etlichen Wachstafeln, +obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten +sein dürften als Papier. Ich denke aber eben +daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann, +nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio zugehörte; +du wirst alsdann Sorge tragen, es auf +Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im +ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder +wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben +können; gib es aber ja nicht zum Kopieren einem +Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt, +sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.« + +»Wie wird's aber mit der Unterschrift werden?« +fragte Sancho. + +»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben,« +antwortete Don Ouijote. + +»Ganz gut,« antwortete Sancho, »aber die Verschreibung +muß mit aller Gewalt eine Unterschrift +haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so +werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch und +mir die jungen Esel nicht ausliefern.« + +»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche +selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte +dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung +keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief +betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift +setzen: Der Eurige bis in den Tod, der +Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch +wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden +Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulzinea +weder lesen noch schreiben, hat auch Zeit ihres +Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen, +denn meine und ihre Liebe blieb immer +platonisch, ohne sich weiter bis auf ein anständiges +Anblicken zu erstrecken, und auch das nur je zuweilen, +denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß +ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das +Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen +habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es +in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat, +wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben +sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonzo +Nogales erzogen.« + +»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter +des Aldonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulzinea +von Toboso, mit einem andern Namen +Aldonza Lorenzo getauft?« + +»Sie ist es,« sagte Don Quijote, »sie ist dieselbe, +die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.« + +»Ich kenne sie recht gut,« sagte Sancho, »und +wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der +stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott +lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein +muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den +besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem +das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! was sie +für ein Maul am Halse hat und was für eine +Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem +Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres +Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon, +und die hörten's, als hätten sie unten am +Turm gestanden; und was das Beste an ihr ist, so +heuchelt sie nicht, nein, sie ist sehr beredsam, sie ist +lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß +und ihr Gelächter. Nun sag' ich auch, Herr Ritter +von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht +nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern +Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte +desperat, ja besessen werden, und jeder, der es erfährt, +wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zuviel +leidet, wenn Euch auch der Teufel gar holen sollte. +Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege +wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr +lange nicht gesehen und sie muß sich wohl sehr verändert +haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht +bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne +und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe +meinem gnädigen Herrn Don Quijote, daß ich +bisher in einem tüchtigen Irrtum gelebt habe, denn +ich meinte nicht anders, als die Dame Dulzinea sei +irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret, +oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente, +die Ihr ihr zugeschickt habt, wie die Biskayer +und die Ruderknechte, nebst noch vielen +andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege +in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben, +als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im +Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen +Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen +Dulzinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer +Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich +vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? Denn +es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen, +daß sie gerade Flachs hechelt oder auf +der Tenne drischt, so werden die sich ärgern, und +sie wird wohl gar darüber spotten und sich lustig +machen.« + +»Ich habe es dir schon sonst oftmals gesagt, +Sancho,« sagte Don Quijote, »daß du ein Schwätzer +seist und so dummköpfig du bist, willst du dich doch +oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber +einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig +ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine +schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die +überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich nämlich +in einen jungen Burschen, der rundlich und von +versprechender Statur war. Dies erfuhr ihr Oheim +und sagte eines Tages in Form eines freundschaftlichen +Vorwurfes zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert, +gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie +eine so vornehme, schöne und reiche Dame sich in +einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen +Menschen verlieben kann, da doch in diesem +Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte +Theologen sind, unter denen Ihr nur, wie unter +gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen +mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und +vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe: +›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtum und +schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit +diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen, +wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn +dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr +Philosophie als Aristoteles.‹ -- Ebenso, Freund +Sancho, wozu ich die Dulzinea von Toboso will, gilt +sie mir soviel wie die höchste Prinzessin auf Erden. +Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame +unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach +ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis, +Phyllis, die Sylvien, Dianen, Galatheen, +Alinen und noch viele andere, von denen die +Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele +angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und +Blut waren und die wirklichen Geliebten von +denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht, +sondern die meisten erfinden sie nur, um einen +Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit +man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande +wären, es zu sein; und darum ist es mir +auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die +ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei, +die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals danach +gefragt werden, um ein Stiftsfräulein abgeben +zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein, +daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn +du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon +weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur +Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter +Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst +bei Dulzinea, denn in der Schönheit +kommt ihr niemand gleich und im guten Rufe +kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich +zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so +ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch +rechts etwas mangelt, in meiner Einbildung male +ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was +Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt +ihr Helena nicht nahe und Lukrezia erreicht sie +nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der +verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch +oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was +er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen +tadeln sollten, so werden mich doch die +Strengen gewiß darum nicht schelten.« + +»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen +recht,« antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel. +Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem +Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja +nicht vom Stricke reden; aber macht nur den Brief +und ich will mein Maul halten.« + +Don Quijote nahm die Schreibtafel, ging beiseite +und schrieb mit vieler Andacht den Brief +nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei +und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle, +damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die +Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil +er von seinem Unglück alles zu fürchten habe. + +Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur +drei- oder viermal im Buche nieder und gebt es +mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu +glauben, daß ich's im Gedächtnisse behalten könnte, +ist nur Narrheit, denn mein Gedächtnis ist so +schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse. +Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich +werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist +gewiß wie gegossen.« + +»Höre zu, denn also lautet er,« sagte Don +Quijote. + + + ~Don Quijotes Brief an Dulzinea + von Toboso.~ + + Monarchin! Erhabene Herrscherin! + +Der von der Trennung tief Verwundete, der +von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir, +o süßeste Dulzinea von Toboso, das: Wohl sei Dir! +welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt, +wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn +Deine Verschmähung zu meiner bitteren Qual gereicht, +obgleichen ich schon im Leiden geübt, so vermag +doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren, +die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend +ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir, +o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu +erzählen, auf was Weise ich zu Liebe Dir +zurück verbleibe: gefällt es Dir, mir beizustehen, +so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu +Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend +habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit +genug getan, wie meinem Wunsche. + + Der Deinige bis in den Tod. + + Der Ritter von der traurigen Gestalt. + +»Bei meines Vaters armer Seele,« rief Sancho +aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das +erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen +ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie +man's nur wünschen kann und wie herrlich schraubt +es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter +von der traurigen Gestalt. Meiner Seel, ich sage +doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es +gibt gar nichts, was Ihr nicht könntet.« + +»Alles«, antwortete Don Quijote, »ist in dem +Amte, welches ich bekleide, vonnöten.« + +»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch +auf einem andern Blatte den Zettul wegen der +drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar +und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.« + +»Gern,« sagte Don Quijote, und nachdem er +geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor: + +»Bitte Ew. Wohlgeboren, meine liebe Nichte, +auf diesen Schein über Eselsfüllen, dem Sancho +Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen, +die im Hause geblieben, zu überliefern. Solche +drei Füllen bitte ihm als Bezahlung für gleichmäßige +Valuta zu reichen, die bar empfangen. +Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen. +Gegeben im Innern des schwarzen Gebirges, +am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt +laufenden Jahres.« + +»Es ist gut,« sagte Sancho, »nun unterschreibet +nur.« + +»Das Unterschreiben ist nicht nötig,« sagte Don +Quijote, »sondern ich will nur meinen Namenszug +hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift +für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert +wären.« + +»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden,« antwortete +Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den +Rosinante satteln und Ihr erteilt mir Euren Segen; +denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten +weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt, +und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe, +als nur mein Herz wünschen konnte.« + +»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur weil +es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt +sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten +vollführen, denn ich will sie in weniger +als einer halben Stunde fertig haben; hast du +diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf +alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst, +wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges +sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir +vorgesetzt habe.« + +»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt +mich Euch nicht nackend sehen, denn das würde +mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte, +und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so +schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben +habe, daß ich das Heulen nicht von neuem +anfangen mag: gefällt es Euch aber, daß ich ihrer +etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie +doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten, +die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist +dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt, +es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich +Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie +wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme +sich die Dame Dulzinea nur in acht, denn wenn sie +nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör' ich +hoch und teuer, ich will Ihr die schickliche Antwort +mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen +herausholen, denn warum soll man's denn leiden, +daß ein so berühmter irrender Ritter wie Ihr seid, +um nichts und wieder nichts unsinnig wird für +eine -- -- --. Die gute Dame soll mich nur nicht +ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst +ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich +bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber +meiner Seel, wenn sie mich kennt, so mag sie mich +zum Frühstück nehmen.« + +»Wahrlich, Sancho,« sagte Don Quijote, »dem +Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.« + +»So unsinnig bin ich nicht,« antwortete Sancho, +»aber hitzköpfiger; doch, von was anderem, was +werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme? +Wollt Ihr wie Cardenio auf der Straße +lauern und die Hirten plündern?« + +»Sei deshalb unbesorgt,« antwortete Don Quijote, +»denn hätte ich gleich andere Speise, so würde +ich doch nichts als die Krauter dieser Wiese und +die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen, +denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung, +nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.« + +Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger +Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht +wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist +gar zu abgelegen.« + +»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich +will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen,« +sagte Don Quijote, »auch werde ich darauf denken, +oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen, +um mich droben umzusehen, ob du nicht +wiederkommst; das Beste und Sicherste aber wird +sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß +du von dem hier häufigen Ginster etwas nimmst +und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das +offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum +Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden, +wie der Faden dem Perseus aus dem +Labyrinthe half.« + +»Das soll geschehen,« antwortete Sancho Pansa; +er nahm Ginster, bat seinen Herrn um seinen +Segen und unter häufigen Tränen von beiden +Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den +Rosinante, den ihm Don Quijote fleißig empfahl, +daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst +wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem +flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit +Zweige des Ginsters ausstreute, wie es ihm sein +Herr geraten hatte: so entfernte er sich, obgleich +ihn Don Quijote noch immer quälte, daß er bleiben +möchte, um ihn etliche Tollheiten machen zu sehen. +Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt, +als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr +habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich +Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit +ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum +will ich um etliche bitten, obwohl das freilich die +tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.« + +»Habe ich es dir nicht gesagt?« sagte Don Quijote, +»warte, mein Sancho, in einem Vaterunser +ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf +die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir +nichts dir nichts schlug er zweimal Rad und warf +sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine +in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie +nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen, +den Rosinante umzuwenden, völlig zufrieden und +hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können, +sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße +ziehen, bis er wiederkommt, welches nicht lange +dauern wird. + + + + + ~Zwölftes Kapitel~ + + Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don + Quijote als Verrückter im schwarzen Gebirge + unternahm + + +Um auf das zurückzukommen, was der von der +traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah, +so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote +mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte +bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet, +und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne +weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg +er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte +noch einmal, was er schon oft überlegt hatte, +ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich +besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in +seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen +schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf +er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich +ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein +von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare? +denn am Ende war er doch immer bezaubert +und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn +nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt +seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit +siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich +diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio +half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in +seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine +Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren +kommen; gewiß ist es, er verlor +ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand +und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab, +wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem +jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben +des Agramant, geschlafen habe: und indem +er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame +ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte +er nichts sonderliches darin, unsinnig zu +werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten +nachahmen, wenn ich ihn nicht auch +in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte +wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von +Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit +Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner +Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie +die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein +hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr +dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der +rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf +der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von +Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten +zu begehen, sich wohl als Verliebter +noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte +erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana +verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als +bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen: +er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth +zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und +dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in +seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete. +Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich +mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen, +diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein +Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren +Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin, +zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis! +und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen, +so gut er es nur kann: wenigstens soll +man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden +können, daß, wenn er große Taten nicht +vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch +nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet +bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von +ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans +Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen +des Amadis und lehrt mich, wie ich den +Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere +mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und +dieses will ich auch tun. -- + +Er zog hierauf einige große Galläpfel vou +einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze +dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte, +war, daß er keinen Einsiedler auffinden +konnte, dem er beichtete und mit dem er sich +tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf +der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in +die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande +niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen +und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen, +die man noch fand und die man noch lesen konnte, +als man sie fand, waren nicht mehr als folgende: + +Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter, +die ihr auf dem Platze hier seid, +ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter, +wenn ihr euch des Unglücks nicht freut, +so hört meine Klagen nun weiter. + +Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote, +denn er ist so fürchterlich ja, +so steht euch ein Bach zu Gebote, +denn hier bewein' ich, Don Quijote, +die Trennung von Dulzinea +von Toboso. + +Hier ist er, der Ort, den erwählet +der Liebende, ewig getreu, +der ihn der Geliebten verhehlet, +hier reißet der Schmerz ihn entzwei, +er weiß nicht recht, was ihn so quälet. +Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote, +wie keinem es jemals geschah, +drum welkt er wie Bohn' oder Schote +denn hier bewein' ich, Don Quijote, +die Trennung von Dulzinea +von Toboso. + +Er suchte wohl hier Abenteuer +in Orten, an Felsen so reich, +er flüchtete dem Ungeheuer, +doch hört er im wüsten Gesträuch +von Leiden nur die alte Leier. +Es peitscht ihn die Liebe zu Tode +und bleibet zur Marter ihm nah, +drum kratzt er den Kopf mit der Pfote, +denn hier bewein' ich, Don Quijote, +die Trennung von Dulzinea +von Toboso. + +Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte +der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea +ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don +Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea +nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die +Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch +in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden +hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt, +sie erhielten sich nicht und nur diese drei +Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und +daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der +Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und +die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle +antworten, Trost geben und zuhören möchten, +unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich +mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme: +wenn dieser so drei Wochen weggeblieben +wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der +von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden, +daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt +hätte. + +Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und +Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem +Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete. +Als er auf die große Straße gelangt war, machte +er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte +am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn +das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er +hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch +schon so war, als wenn er wieder in den Lüften +flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich +es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt +und gesollt hätte, denn es war um die +Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen +spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit +vielen Tagen danach großen Hunger empfunden +hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht +an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß, +sollte er einkehren oder nicht: wie er noch +in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute +aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von +denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat, +ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von +dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte, +daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen +sei?« + +»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas +Pferd gehört auch unserm Don Quijote. + +Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der +Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren, +die nämlichen, die das Verhör und Gericht über +die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den +Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten, +begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören, +liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn +bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho +Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?« + +Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm +sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein +Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein +Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle +und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich +wichtig sei, die er aber nicht verraten +dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären. + +»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr +uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist, +so werden wir glauben, wie wir es schon glauben, +daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn +Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr +müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es +ergeht Euch übel.« + +»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich +bin ein Mann, der keinen plündert und keinen +umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder +vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten +im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust +Buße tut.« -- Und zugleich erzählte er ihnen +in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben +sei, samt allen gehabten Abenteuern und +wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso +bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo, +in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei. + +Die beiden standen voll Erstaunen über das, +was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich +sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben +kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert, +so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho +Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die +Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er +sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und +wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier +im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der +Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn +er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho +Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und +suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und +hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht +hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten +und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen +hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie +er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte, +er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem +Körper herum und sah und begriff zum zweiten +Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne +weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn +halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen +ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht +und gegen die Nase gab, daß das Blut +herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier +sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei, +daß er sich so übel begegne? + +»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete +Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt, +drei junge Esel verloren habe, wovon mir +jeder so wert wie ein Palast war.« + +»Wie das?« fragte der Barbier. + +»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete +Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und +auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn, +auf die mir die Nichte drei junge Esel von den +vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im +Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust +seines Grauen erzählte. + +Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn +er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung +wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf +Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich +sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern +würden nicht für gültig anerkannt. + +Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn +dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er +den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er +wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben +werden könnte, wo und wann sie es wollten. + +»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier, +»wir wollen ihn gleich niederschreiben.« + +Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um +den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er +sich auf den einen Fuß und bald auf den andern, +jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den +Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom +Finger heruntergebissen hatte und die beiden in +der größten Erwartung standen, was er doch sagen +würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause: +»Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich +das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen +Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde: +Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!« + +»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen +heißen, sondern vielleicht meine Königin oder +Monarchin.« + +»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich +darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam -- -- +-- -- wenn ich mich recht erinnere -- -- -- -- +der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete +küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich +unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß +nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er +schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende +hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von +der traurigen Gestalt.« + +Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte +den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn +sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und +dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal +sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf +erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber +er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm +in der Schenke widerfahren war, in die er nicht +einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr, +wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute +Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu +machen und Kaiser zu werden oder wenigstens +Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht, +nach der Tapferkeit seiner Person und der +Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding +ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle +er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl +Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das +Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die +eine reiche und große Herrschaft auf dem festen +Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache +er sich nichts. + +Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem +er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so +ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten, +indem sie erwogen, wie gewaltig Don +Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den +Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen +habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm +seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß +dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe, +wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten +ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten +ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines +Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches +und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe +der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens +Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme. + +Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren, +wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten +sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser, +sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl +wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren +Stallmeistern zu geben pflegen.« + +»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer, +»irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der +etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet, +die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.« + +»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho, +»daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß +er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach! +ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht +die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir +werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt, +Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch +sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?« + +»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der +Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und +ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache +machen, Kaiser und nicht Erzbischof +zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein, +denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.« + +»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß +ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat; +was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben +Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm +am meisten diene und wobei er mir das meiste +geben kann.« + +»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der +Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter +Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist +auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen +Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt; +damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich +essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in +diese Schenke hineingehen.« + +Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten, +er aber wolle draußen warten und ihnen nachher +die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe +und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er +sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas +Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante. +Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach +einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu +essen. + +Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich, +wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der +Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz +in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war, +wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich +dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine +irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich, +so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen +möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don +Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte +Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von +ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer +irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber, +um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen +möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln, +in das sie ein schlechter Ritter verwickelt +habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht +befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben, +auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten, +bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade +gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in +dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte, +und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und +nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es +möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit +zu heilen. + + + + + ~Dreizehntes Kapitel~ + + Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet, + nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte + vorgetragen zu werden + + +Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers +nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich +zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von +der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür +der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum +Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen +weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze, +an dem der Wirt seine Kämme aufhing. +Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen +anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich +Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung +dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge +herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der +Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß +dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und +der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse; +sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich +mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu +verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg. +Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie +man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm +nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer +Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt +waren, hierauf ein Leibchen von grünem +Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles +aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien. +Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte, +sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes +Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte, +und um die Stirn band er ein Strumpfband von +schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband +machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich +gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er +sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er +ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf +er noch einen langen Mantel überwarf und sich +quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg +seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf +den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche +spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze +eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen +von allen Abschied, auch von der braven Maritorne, +die, so sündhaft sie auch selber sei, einen +Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen +Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche +Unternehmung, die sie unternommen hatten, +glücklich beendigen möchten. + +Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als +dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm +nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren, +sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester, +wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so +gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den +Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß +er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle +der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte +weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er +fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den +Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte. +Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug +lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der +Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte, +sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete +ihn, wie er sich gebärden und welche +Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe, +um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu +gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner +unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete, +daß er selbst seine Lektion wüßte und sie +gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte +sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der +Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also +den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen +Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von +Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was +ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im +Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig +den Fund des Mantelsacks und das, was er in +diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm +er auch war, so war dieser brave Herr doch gut +auf sein Bestes bedacht. + +Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo +Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut +hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er +seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte, +sagte er, daß dieses der Eingang sei, und +daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies +nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie +hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und +diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen +Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien, +welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr +nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie +wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte, +wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an +Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und +weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche +Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer +Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen, +weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch +und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären +sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen +und ihn so anzufrischen, daß er sich +gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot +zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber +solle er ohne Sorgen sein. + +Sancho hörte alles an und prägte es sich gut +ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht, +daß sie seinem Herrn zureden wollten, er +möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er +seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die +Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr +als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte +auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn +zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame +zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend, +ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so +viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien +das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort +zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen +Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei. + +Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein +und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein +kleiner friedlicher Bach murmelte und auf dem +Felsen und einige Bäume einen angenehmen frischen +Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es +war im August, in welchem Monat die Sonne dort +sehr heiß brennt; drei Stunden nach Mittag waren +verflossen, welches alles ihnen diesen Ort sehr +angenehm machte und sie einlud, hier die Rückkehr +des Sancho zu erwarten, wie sie auch taten. Indem +die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen +sie eine Stimme, die ohne den begleitenden Ton +eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber +sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie +hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute +Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft +erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden +Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies +mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit; +da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die +sie singen hörten, kein Lied eines Bauern sein +könne, sondern von einem feinen Manne herrühren +müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die +Verse, die sie hörten, waren folgende: + +Wer hat mir zerstört mein gutes Glücke? +Die Tücke. +Und was macht mich nun in Qual vergehen? +Verschmähen. +Welcher Lehrer, daß ich dulden lerne? +Die Ferne: + +und also machen bessre Sterne +mir niemals lichtern Himmel offen, +vereinigt töten mich das Hoffen, +Verschmähen, Tücke, wie die Ferne. + +Wer macht mir mein Leben schwarz und trübe? +Die Liebe. +Und wer scheucht die Freude weit zurücke? +Das Glücke. +Und wer weigert mir zu sein ein Retter? +Die Götter: +Und also brechen tausend Wetter +daß ich muß ein Verlorner sein +nur zum Verderben auf mich ein, +das Glück, die Liebe und die Götter. + +Wie kann ich ein beßres Glück erwerben? +Durch Sterben. +Und was macht, das uns die Lieb' erfreue? +Untreue. +Und für wen ist alles Leid verloren? +Dem Toren: + +und also bin ich nur geboren, +in meinem Leiden zu verschmachten, +für Helfer sind ja nur zu achten +Untreue, Sterben, oh, des Toren! + +Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und +die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den +beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung, +sie hielten sich ruhig, indem sie noch +mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß +alles schwieg, beschlossen sie aufzustehen und den +Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang, +und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten, +machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten, +denn ein neuer Ton traf ihr Ohr und folgendes +Sonett wurde gesungen. + +Sonett + +Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen +Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen, +Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen, +Zu den gebenedeiten Himmelsreichen. + +Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen +Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen, +Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen, +Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen. + +Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder, +Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen, +Er tötet schleichend jegliches Vertrauen. + +Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder, +So wird die Welt den alten Krieg begonnen +Und Zwietracht wieder als Regenten schauen. + +Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer und die +beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie +noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß +sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen +verkehrt hatte, beschlossen sie zu erfahren, wer der +Traurige sei, dessen Stimme so schön, wie sein +Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen, +als sie, indem sie um einen Felsen bogen, +einen Menschen von eben der Gestalt gewahr +wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er +von Cardenio erzählte. Als der Mensch sie erblickte, +blieb er unverändert in seiner traurigen +Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken +und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die +Augen aufzuschlagen oder sie noch einmal anzusehen. + +Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und +schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an +den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu +und bat und beschwur ihn in wenigen, aber vernünftigen +Worten, dieses unglückselige Leben zu +verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches +das allerhöchste Elend zu nennen sei. Cardenio +war gerade bei vollem Verstande und ohne einen +Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm +selbst entfernte; da er also die beiden sah, anders +gekleidet als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien +aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig, +noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer +Sache reden hörte, die man kannte; auf das aber, +was ihm der Pfarrer gesagt hatte, antwortete er +mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer ihr auch +sein mögt, meine Herren, daß der Himmel, der für +die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft, +wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein +Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller +Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit +Eindringlichkeit und Vernunft, obgleich ich ohne +diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier +entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle. +Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl +möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne, +wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen +kann, ihr müßt mich also für einen Menschen +von schwachem Verstande halten, oder, was noch +schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und +freilich wäre es kein Wunder, wenn ihr es tätet, +denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige +Bild meines Elendes so überwältigt hat +und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich +selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos +wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung +entbehre; darum muß ich alles glauben, +was mir manche erzählen und mir durch Spuren +beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener +schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht. +Ich kann nun nichts weiter tun, als vergeblich +klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen +und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem, +der mich anhören will, mein Unglück erzählen, +damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie +sich nicht über die Folgen desselben wundern und +wenn sie mir nicht helfen können, mich doch +wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über +meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt +werden muß. Kommt ihr also, meine +Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der +schon manche hergekommen sind, so bitte ich euch, +ehe ihr noch in euren gütigen Überredungen fortfahrt, +die Geschichte meines Unglücks anzuhören, +weil ihr vielleicht nachher selber eure Mühe unnütz +findet, mir in meinem Elende Trost zu geben, +das durchaus keinen Trost zuläßt.« + +Es war gerade der Wunsch der beiden, aus +seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut +zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte +vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm +keine andere Hilfe und keinen andern Trost anzubieten, +als die er selber wünschen würde. Der +traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte +an und trug sie fast mit den nämlichen Worten +und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quijote +und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt +hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und +durch die Gewissenhaftigkeit Don Quijotes, den Gesetzen +der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung +abgebrochen wurde, wie es die Historie +oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück, +daß sie durch keinen Anfall von Wahnsinn gestört +wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu +Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando +im Amadis von Gallia den Brief fand, sagte +Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb +sagte er ihn mit diesen Worten her: + +Lucinde an Cardenio. + +›Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch, +die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem +hochzuschätzen, wenn Ihr mich also von meinen +Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre +bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun. +Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich +liebt, und der ohne mich zu zwingen Euch das bewilligen +wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr +mich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es +glaube.‹ + +Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt, +bewogen, um Lucinden als meine Gemahlin anzuhalten, +und durch dieses Blatt wurde Fernando in +seiner Meinung bestätigt, Lucinden für das verständigste +und klügste Mädchen seiner Zeit zu +halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch, +mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch +in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando +was mir Lucindens Vater erwidert hatte, daß es +meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich +es aber nicht wagte, es ihm zu sagen, aus Furcht, +daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil +ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Lucinde +unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären +hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen +Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriff +wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich +so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der +Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich +sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit +meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur +dies Hindernis, sondern noch manches andere mache +mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne, was; +es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals +in Erfüllung gehen würden. + +Don Fernando antwortete mir, daß er es über +sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und +ihn dahin zu bringen, daß er mit Lucindens Vater +redete. -- O du ehrsüchtiger Marius! grausamer +Catilina! schändlicher Sylla! verräterischer Galalon! +du hinterlistiger Vellido! rachsüchtiger Julian! o +habsüchtiger Judas! du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger, +Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche +getan, der dir so offen die geheimsten +Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich +dich beleidigt? Welchen Rat habe ich dir je gegeben, +welches Wort jemals gesprochen, das nicht +hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück +zu befördern? Aber worüber klag' ich, Elender! +es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne +Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt +und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft +des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des +Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben +können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller +Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten, +der so angesehen war, daß er nur wählen durfte, +um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht +ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt +hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will +diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen +und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen +Geschichte anknüpfen. + +Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich +war, um seine schändliche Falschheit auszuüben, +beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder +zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem +für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb +gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine +verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er +kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot, +mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte, +daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte. +Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte +ich sie nur ahnden? Weit davon entfernt, bot ich +mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an, +sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft +hielt. In derselben Nacht sprach ich mit +Lucinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando +verabredet habe, und daß sie die feste Hoffnung +fassen könne, daß nun unsere tugendhaften +Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich, +vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie +ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei +überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein +Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung +zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah, +aber indem sie es gesagt hatte, wurden ihre Augen +von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle, +so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, obgleich +es mir schien, sie habe mir noch vieles zu +sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich +noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn +so oft das gute Glück und meine Sorgfalt uns eine +Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch +jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere +Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht +einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß +der Himmel mir sie zur Geliebten vergönnt habe, +ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz +und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit +ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen +schien. Nebenher erzählten wir uns tausend lustige +Vorfälle von unseren Nachbarn und Bekannten, +und das höchste, was meine Kühnheit dann wagte, +war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt +zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des +niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem +Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem +traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte +und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und +Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte +Traurigkeit Lucindens. Um aber meine +Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles +der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den +wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich +innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich +endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken +und Argwohn, ohne daß ich wußte oder +erdenken konnte, was ich argwöhnte; Zeichen, die +mir den traurigen Erfolg und das Unglück, das +meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben. + +Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich +überreichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando. +Man empfing mich freundlich, fertigte mich +aber nicht so freundlich ab, sondern ich erhielt zu +meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht +Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der +Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder +schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen +Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur +eine Erfindung des falschen Fernando, denn es +fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich +abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe +dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir +unmöglich, so viele Tage von Lucinden entfernt zu +leben, besonders da ich sie so schwermütig verlassen +hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein +redlicher Diener, obgleich ich einsah, daß es auf +Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier +Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich +aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich +sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Lucindens +Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn +nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen +haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn +sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur +selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer +ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf +dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie +er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei um +die Mittagstunde, als ihm aus einem Fenster eine +Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß und +zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: Wenn Ihr +ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so +bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich +nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an +die er gerichtet ist; es ist ein gutes Werk, womit +Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset, +damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt +das, was in dem Tuche ist. Und wie sie dies gesagt +hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch +herab, in dem hundert Realen eingebunden +waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger +habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort +abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück, +doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das +Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß +ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun +für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt +sah und aus der Überschrift erkannte, daß der +Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich +sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen +Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das +Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief +selbst zu überliefern; seitdem sind sechszehn Stunden +verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt +habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt. + +Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich, +von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen, +daß ich mich kaum aufrechterhalten konnte. Ich +erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt: + +»Das Versprechen, welches Don Fernando Euch +gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen +zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu +Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur +Gemahlin begehrt hat und mein Vater, von Don +Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht, +verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb +zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll, +und zwar so verborgen und geheim, daß nur der +Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeugen +sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen; +wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch +liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben. +Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich +mich gezwungen sehe, die Meinigen mit dem zu +verbinden, der so schlecht die versprochene Treue zu +halten weiß.« + +Dies war der Inhalt des Briefes, der mich +sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort +oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein, +daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens, +den Don Fernando bewogen hatte, mich +zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don +Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren, +den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und +der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn +ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern +Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Lucinden +zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin +und ließ mein Maultier in dem Hause des braven +Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es +fügte sich so glücklich, daß ich Lucinden gerade am +Gitterfenster traf, dem Zeugen unserer Liebe. Lucinde +sah mich gleich und ich sah sie, aber nicht so, +wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber +in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt +und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu +kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner. +Wie mich Lucinde erblickte, sagte sie: Cardenio, +ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten +schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger +Vater, nebst anderen Zeugen, die wohl Zeugen +meines Todes, aber niemals meiner Vermählung +sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber +Freund und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu +sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so +soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle +Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt +und du anfängst, meine Liebe zu dir völlig zu erkennen. + +Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich +fürchtete, gestört zu werden: Laß, Geliebte, deine +Taten deine Worte wahr machen, führst du einen +Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein +Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen, +wenn uns das Glück entgegen ist. Ich +glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie +riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete. +Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein, +die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft, +ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß +in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung +verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine +Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich +ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging +in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und +Eingänge kannte, noch mehr mich aber der Tumult +begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen +zu werden. Ohne bemerkt zu werden, begab ich +mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von +herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß +ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die +Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken +mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich +kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so +viele und von solcher Art drängten sich mir auf, +daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam +trat endlich ohne weiteren Schmuck in den +Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider. +Als Zeuge kam ein Verwandter Lucindens mit ihm +und weiter war niemand im Saale zugegen, als +Diener des Hauses. Bald darauf erschien Lucinde +aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und +zwei Mädchen begleitet; ihre Kleidung war so schön +und reich, wie es ihr Stand und ihre Schönheit +verdienten und so schön, als sich der Putz mit edler +Pracht gepaart erweisen kann. Meine Angst und +Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer +zu betrachten, ich merkte nur die Farben +Rot und Weiß und den Glanz der Edelgesteine, +die auf dem Kopfe schimmerten, wie auf ihrem +ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer +glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde, +so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem +Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale +waren, wetteiferten und ihr Schimmer dennoch den +Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind +meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die +unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin +vorzustellen? Wär' es, grausames Gedächtnis, +nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals +tat, damit ich von so unendlicher Beleidigung +empöret, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens +dies Leben verliere? -- Laßt es euch, meine +Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit +anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß, +daß ich sie nicht kürzlich und in wenigen Worten +erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in +meinen Augen eine lange Rede.« + +Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig +verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauern +Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären, +denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie +nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen +ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten +schenken müsse. + +»Indem ich also im Saale wartete,« fuhr Cardenio +fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein, +faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie +vorzunehmen, indem er sagte: Wollt Ihr, +Fräulein Lucinde, diesen hier gegenwärtigen Don +Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es +die heilige Mutter Kirche befiehlt? Ich stürzte mit +Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich +hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und +mit verwirrter Seele, um Lucindens Antwort zu +vernehmen, das Urteil meines Todes oder die Bestätigung +meines Lebens! O wär' ich doch damals +hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Lucinde! +Lucinde! bedenke, was du tust, erwäge, was du +mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist, +und daß du keinem andern angehören darfst! +Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines +Lebens ein und dasselbe ist. Ha! Verräter Don +Fernando! du Räuber meines Glücks, du Tod +meines Lebens! Was willst du? Was verlangst +du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel +deiner Wünsche erlangen kannst, denn Lucinde ist +meine Gattin und ich bin ihr Gemahl! + +O ich Tor! jetzt abwesend und fern von der +Gefahr, jetzt erzähl' ich, was ich damals hätte tun +sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein +köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber, +an dem ich mich rächen konnte, hätte ich ein +Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle, +Klagen auszustoßen: nun gut, ich war damals ein +Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zuviel, +wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in +Reue und Wahnsinn. -- Der Priester erwartete +Lucindens Antwort, die lange zögerte, und als ich +nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich +zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die +Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem +Besten zu enttäuschen, da hörte ich, daß sie mit +schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das +nämliche sagte Don Fernando, die Ringe wurden +gewechselt, das unauflösliche Band war geknüpft. +Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber +sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank +ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter. + +Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen +hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die +Worte und Versprechungen Lucindens falsch fand +und die Möglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das +Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke +verloren hatte; da verließ mich jeder Gedanke, +mir war's, als würde der Himmel mir abtrünnig, +als trüge die Erde mich nur als ihren +Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern +Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt: +nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich +vor Wut und Eifersucht mich an allen Adern +brennen fühlte. + +Alle waren durch Lucindens Ohnmacht verwirrt; +die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr +Luft zu machen und fand ein zusammengelegtes +Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und +es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt +hatte, sank er in einen Stuhl und stützte +den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken +versunken, ohne den übrigen zu helfen, +seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so +alle Leute des Hauses im Tumulte sah, beschloß +ich, fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen +möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man +mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze +Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung +des falschen Fernando erführe, sowie den +Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber +mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt +hat, wenn es größere gibt, führte es so, +daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft +fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne +also an meinem ärgsten Feinde Rache zu nehmen, +wie ich leicht gekonnt hätte, wär' ich nicht von +allen Gedanken verlassen worden, beschloß ich, die +Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben. +Ich war also grausamer gegen mich, wie ich +gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet +hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber, +der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet, +ermordet sich unaufhörlich, ohne sein +Leben zu beschließen. + +Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier +stand; ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied +zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es, +wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts +zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen +Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte +und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob +ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich +einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen +begleitete ich die Namen Lucinde und Don Fernando, +als wenn sie dadurch das Unrecht büßten, +das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie +grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich +aber habsüchtig, weil sie von den Reichtümern +meines Feindes geblendet, mich verlassen +und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit +mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult +dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie +dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der +Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie +konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen +reichen, schönen und vornehmen Mann gaben, ohne +den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen +handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches +ihrem guten Namen und ihrer Ehre so nachteilig +war. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen +dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten +sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen, +denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten +sie selbst keinen besseren Gatten für ihre +Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt +nachgegeben hätte und die Hand gereicht, +hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben, +daß ich kommen und alles das bestätigen +werde, was sie so gut gefunden hätte, zu erdichten. +Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig +Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe +sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen, +womit sie mich getäuscht und in meiner +festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen +hingehalten hatte. So schreiend und in dieser +Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit +Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange +dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne +Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf +Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite +dieser Berge liegen, und etliche Schäfer nach der +wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen +mir diese Gegend nach und sogleich begab ich mich +mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu +endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis +kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger +tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so +unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu +Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert, +ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung +meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag +ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf +ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich +bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten +beigestanden haben, denn sie erzählten mir, +wie sie mich angetroffen hätten, und daß ich so +vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt, +daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren +habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden, +daß er nicht immer hinreichend stark ist, +sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend +Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch +die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und +vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin +wiederhole, meine Absicht ist dann, mir mit diesem +Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann +wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so +matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann. +Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines +geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden +Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten, +die in diesen Bergen streifen, legen mir, +aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen +Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehe +und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht +Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt +der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt +in mir die Begierde, sie zu nehmen und sie zu verzehren. +Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne +begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und +nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie's mir auch +aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem +Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies +elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel +gefallen wird, es zu beschließen, oder mein Gedächtnis +so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit +und des Verrats Lucindens, sowie Don Fernandos +Schändlichkeiten gedenke, geschieht das vor meinem +Tode, so will ich meine Gedanken anders richten, +wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner +Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle +ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper +aus diesem Elend zu reißen, in das ich mich freiwillig +gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die +trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun, +ob ich weniger empfinden kann als wie ihr an +mir gesehen habt? Gebt euch darum keine Mühe, +mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir +so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten +Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will. +Ich will keine Wohlfahrt ohne Lucinden, und da sie +einen andern erwählt hat, indem sie die Meine +war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück, +da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie +machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig, +ich will mich selbst verderben und dadurch +ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein +Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen +Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß +ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich +um so grössere Marter, weil ich glaube, daß sie +sich nicht mit dem Tod endigen werden.« + +Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die +Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem +ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte, +unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und +sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der +vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn +hier beschließt den dritten der weise und genaue +Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 *** diff --git a/77337-h/77337-h.htm b/77337-h/77337-h.htm new file mode 100644 index 0000000..a384fbc --- /dev/null +++ b/77337-h/77337-h.htm @@ -0,0 +1,13481 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Leben Und Taten Des Scharfsinnigen Edlen | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; } + +h1 { font-size: 210%} +h2, .s2 { font-size: 175%} +h3, .s3 { font-size: 125%} +.s4 { font-size: 110%} +.s5 { font-size: 85%} + +h1 { page-break-before: avoid; + font-weight: normal;} + +h2, h3 { padding-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; } + +p { margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p3 {margin-top: 3em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} +.mbot4 {margin-bottom: 4em;} + +.padbot4 {padding-bottom: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +div.chapter {page-break-before: always;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt{ + font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry {display: inline-block;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} +@media print { .poetry {display: block;} } +.x-ebookmaker .poetry { + margin-left: 2em; + display: block;} + +/* Poetry indents */ +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} +.poetry .indent2 {text-indent: -2em;} +.poetry .indent4 {text-indent: -1em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +.poetry .indent18 {text-indent: 6em;} +.poetry .indent20 {text-indent: 7em;} +.poetry .indent17 {text-indent: 5.5em;} +.poetry .indent1 {text-indent: -2.5em;} + +/* Illustration classes */ +.illowp46 {width: 46%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> + +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und +Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich +offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht wird nicht +geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter padbot4 illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="s4 center">Leben und Taten<br> +des scharfsinnigen Edlen</p> + +<h1>Don Quijote von la Mancha</h1> + +<p class="p3 s5 center">von</p> + +<p class="p2 mbot2 s2 center">Miguel de Cervantes Saavedra</p> + +<p class="p4 mbot4 s3 center">Erster Band</p> + +<p class="p4 center">Übersetzt von Ludwig Tieck</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<p class="s5 mbot4 center">Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig</p> + +<p class="p4 s5 center">Holzfreies Papier<br> +Druck von Philipp Reclam jun.<br> +Leipzig</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h2>Prolog</h2> +</div> + +<p>Müßiger Leser. — Ohne Schwur magst du mir +glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind +meines Gehirns, wäre das schönste, lieblichste und +verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich +habe aber unmöglich dem Gesetze der Natur zuwiderhandeln +können, daß jedes Wesen sein ähnliches +hervorbringt. Was konnte also mein unfruchtbarer, +ungebildeter Geist anders erzeugen als die Geschichte +eines dürren und welken Sohnes, der wunderlich und +voll seltsamer Gedanken ist, die vorher noch niemand +beigefallen sind: wie erzeugt sich's auch gut in einem +Gefängnisse, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist +und alles traurige Geräusch seine Wohnung hat? +Ruhe, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit +der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel +der Quellen, diese Begünstigungen machen selbst +die unfruchtbarsten Musen fruchtbar und teilen der +Welt Werke mit, die Bewunderung und Frucht erregen. +Ein Vater hat wohl einen häßlichen unliebenswürdigen +Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt, +knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine +Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit +und geistreiche Züge hält und sie allen seinen Freunden +für Witz und Scharfsinn anrechnet. Ich aber, +wenn ich auch der Vater scheine, bin nur der Gevatter +des Don Quijote und will nicht dem Strome der gewöhnlichen<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> +Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser, +wie wohl andere tun, mit Tränen in den Augen +bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde +wahrnimmst, vergeben oder übersehen mögest; denn +du bist ja weder sein Verwandter noch sein Freund, +du hast deine Seele für dich in deinem Körper, so uneingeschränkten +Willen, daß einem das Herz im Leibe +lacht, du bist in deinem Hause und darin so unumschränkter +Herr, wie der König in seinen Domänen, +und du weißt das Sprichwort recht gut zu schätzen, +daß jeder in seinen vier Pfählen der Klügste ist. Dies +zusammengenommen befreit und erlöst dich von jeder +Achtung und Verpflichtung, und du kannst also von +dieser Geschichte sagen, was dir gut dünkt, ohne +Furcht, daß man dich für das Böse, das du sprichst, +schelten, noch für das Gute, welches du von ihr redest, +belohnen wird.</p> + +<p>Ich wollte dir diese Geschichte nackt und bloß +überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne +die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette, +Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor +den Anfang der Bücher zu setzen pflegt. Denn ich +muß dir sagen, ob mir das Buch auszuarbeiten +wohl einige Mühe kostete, ich doch die für die +größte halte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt +liesest. Ich habe oft die Feder genommen, um zu +schreiben, und sie ebenso oft wieder hingeworfen, +weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte: indem +ich nun nachdenkend bin, das Papier vor mir, die +Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem +Tische und die Hand an der Wange, wohl sinnend, +was ich sagen solle, tritt ein Freund von mir, der +munter und verständig ist, herein, und wie er mich<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> +so schwermütig sieht, fragt er nach der Ursache; ich +verhehlte sie ihm nicht, sondern sagte, wie ich auf +den Prolog sönne, den ich zur Geschichte des Don +Quijote machen wolle, und daß mich dies so anstrenge, +daß ich ihn gar nicht machen und ebensowenig die +Taten dieses edlen Ritters ans Licht stellen wolle. +Soll ich denn nun nicht darüber in Sorgen sein, was +der alte Gesetzgeber, der Haufen genannt, sagen wird, +wenn er nun sieht, wie nach so vielen Jahren, in +denen ich im Stillschweigen und Vergessenheit geschlafen +habe, ich nun nach so manchem Jahre mit +einer Lektüre hervortrete, trocken wie eine Binse, +ohne Erfindung, mit schlechtem Stil, arm an Ideen +und gänzlich ohne Gelehrsamkeit und Literatur, +ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen +am Ende des Buchs, wie ich doch sehe, +daß andere Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte +und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles, +Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken, +worüber sich alsdann die Leser verwundern und die +Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer +halten! Wenn sie dann aber gar die Heilige Schrift +zitieren! Dann muß man sie vollends für Sankt +Thamasse oder andere Lehrer der Kirche halten, indem +sie eine so treffliche Schicklichkeit beobachten, +daß sie in einer Zeile einen Verliebten schildern und +in der folgenden eine christliche Predigt halten, so daß +es eine Lust ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses +mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande +nichts bemerkt und am Ende nichts angemerkt, noch +weniger weiß ich, welchem Autor ich folge, um sie, +wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Abc +zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> +mit dem Xenophon oder Zoylus oder Zeuxis endigen, +wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler +war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange +an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten, +die Herzöge, Marquis, Grafen, Bischöfe, Damen und +weltberühmte Poeten zu Verfassern haben. Wenn +ich freilich zwei oder drei meiner vertrauten Freunde +bäte, so weiß ich wohl, daß ich Verse bekommen +könnte, und zwar solche, daß ihnen jene nicht gleichkämen, +die von den angesehensten Verfassern in +unserm Spanien herrühren.</p> + +<p>»Kurz, mein liebster Freund,« so fuhr ich fort, »ich +bin entschlossen, daß der Herr Don Quijote in den +Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der +Himmel ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die +ihm jetzt mangeln, denn meine Unerfahrenheit und +wenige Wissenschaft machen mich unfähig, ihm alles +dies zu verschaffen, auch weil ich von Natur zu furchtsam +und zu träge bin, das in Autoren aufzusuchen, +die das nämliche sagen, was ich ohne sie sagen kann. +Dies alles erzeugt in mir jene Angst und tiefe Schwermut, +in der du mich gefunden hast: und das, was ich +dir soeben erzählt habe, ist dazu mehr als hinreichende +Ursache.«</p> + +<p>Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die +Stirn, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte: +»Bei Gott, erst jetzt komme ich aus meinem Irrtum, +in dem ich so lange gelebt habe, seit ich Euch kenne, +indem ich Euch nämlich nach allen Euren Handlungen +immer für einen vernünftigen und verständigen +Menschen gehalten habe. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr +ebenso weit davon entfernt seid, wie es der Himmel +von der Erde ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<p>Wie ist es möglich, daß so geringfügige Dinge, +die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen, +einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden +und zu verwirren, dem es ein leichtes ist, durch weit +größere Schwierigkeiten zu brechen? Wahrlich, dies +ist nicht Mangel an Geschicklichkeit, sondern nur +überflüssige Trägheit. Soll ich Euch den Beweis darüber +führen? Nun so hört mir aufmerksam zu und +Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand +umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel, +von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt +und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt +nicht Euren berühmten Don Quijote schenken wollt, +das Licht und den Spiegel der ganzen irrenden +Ritterschaft.«</p> + +<p>»Nun, so sagt doch,« erwiderte ich, »wie wollt +Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen und das Chaos +meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?«</p> + +<p>Worauf er antwortete: »Zuerst, was die Sonetten, +Epigramme und Lobgedichte betrifft, die vor +Eurem Buche fehlen und die von würdigen, angesehenen +Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn +Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu +schreiben und sie nachher taufen, und Namen vorsetzen, +welche Ihr nur immer wollt, Ihr könnt ja +gar den Priester Johann von Indien oder den Kaiser +von Trapezunt adoptieren, von denen ich weiß, daß +sie berühmte Poeten sind. Sind sie es nicht gewesen, +und es kömmt irgendein Pedant oder Bakkalaureus, +die Euch deshalb necken und die Wahrheit bezweifeln +wollen, so sollt Ihr das nur verachten, denn wenn +sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> +sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es +geschrieben habt.</p> + +<p>In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr +auf dem Rand zitieren wollt und aus denen Ihr +Sentenzen und Phrasen in Euer Buch aufgenommen +habt, dürft Ihr nur einige Sentenzen und lateinische +Brocken, die Ihr auswendig wißt, durcheinander +werfen, oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe +machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr +von Freiheit oder Sklaverei sprecht:</p> + +<p class="center"> +<span class="antiqua">Non bene pro toto libertas venditur auro.</span><br> +</p> + +<p>Gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius, +oder wer es sonst gesagt hat. Sprecht Ihr von der +Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde +auf das:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Pallida mors aequo pulsat pede</span><br></div> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Pauperum tabernas, regumque turres.</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott +auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich +in die Heilige Schrift einbrechen, ja Ihr könnt so +keck sein und die göttlichen Worte selbst aufführen:</p> + +<p class="center"> +<span class="antiqua">Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros.</span> +</p> + +<p>Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so dürft Ihr +nur das Evangelium anführen: <span class="antiqua">De corde exeunt +cogitationes malae.</span> Kommt Ihr auf die Unzuverlässigkeit +der Freunde, so ist gleich Cato da, der Euch +sein Distichon anbietet:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Donec eris felix, multos numerabis amicos,</span></div> + <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Tempora si, fuerint nubila solus eris.</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und mit diesen und ähnlichen lateinischen Brocken +halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches +in unseren Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches +ist. Was aber die Anmerkungen am Ende des<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> +Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreist so +machen. Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem +Buche, so fallt nur auf den Riesen Goliat, und bloß +mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten +macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung +ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese +Goliat oder Goliath war ein Philister, den der Schäfer +Daniel mit einem Steinwurf im Tale Terebintus +tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in +demselben Kapitel, welches davon handelt.</p> + +<p>Damit Ihr Euch aber auch als einen Mann zeigen +könnt, der in den weltlichen Dingen und der Kosmographie +bewandert ist, so dürft Ihr es nur so einrichten, +daß Ihr in Eurem Buche einmal den Tagofluß +wöhnt, augenblicks könnt Ihr wieder eine +herrliche Anmerkung niederschreiben: Dieser Fluß +Tago führt seinen Namen von einem Könige von +Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich +in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten +Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß +er Goldsand mit sich führe, usw. Sprecht Ihr von +Räubern, so will ich Euch gleich die Geschichte des +Cacus schenken, die ich auswendig weiß. Wenn +liederliche Weiber vorkommen, so habt Ihr ja den +Bischof von Mondonnedo, der Euch die Lamia, Lais +und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches +Ansehen setzen wird. Nennt Ihr Grausame, so +bietet Euch Ovidius die Medea an. Nennt Ihr Zauberinnen, +so hat Homerus die Calypso und Virgilius +die Circe. Sollen es tapfere Feldherren sein, so gibt +Julius Cäsar Euch selbst in seinen Kommentarien +und Plutarch gibt Euch gleich tausend Alexander. +Wollt Ihr von Liebe etwas abhandeln, so trefft Ihr,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> +wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf +dem Leo Hebräus, der Euch ein ganzes Maß vollzapfen +wird. Mögt Ihr Euch aber nicht nach fremden +Gegenden bemühen, so habt Ihr ja den Fonseca von +der Liebe Gottes zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste +so viel über diese Materie finden wird, als +sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts +weiter zu tun, als diese Namen zu nennen, oder diese +Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurige +aufzunehmen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen +und Anmerkungen sorgen, denn ich +schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben +und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben +will.</p> + +<p>Jetzt bleibt uns nur noch die Zitation der Autoren +übrig, die man in anderen Büchern findet und die +in dem Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen gibt es +ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins +von denen Büchern zu nehmen, in denen sie alle, +wie Ihr sagt, von A bis Z zitiert sind. Das nämliche +Abc könnt Ihr nun auch Eurem Buche anheften: sieht +man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das +nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht, und +vielleicht ist doch einer oder der andere so einfältig, +daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer +einfachen, schlichten Erzählung gebraucht. Überdies +wird es niemand untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt +seid oder nicht, denn keiner kümmert sich darum. +Ihr habt aber gar, wenn Ihr die Sache genau nehmt, +aller der Sachen nicht nötig, die, wie Ihr sagt, Eurem +Buche mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die +Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte, +die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> +niemals anführt; auch gehört in die Erzählung erdichteter +Narrheiten keine pünktliche Wahrheit oder +Beobachtungen aus der Astrologie; auch die geometrischen +Maße sind hier unnütz, sowie die Widerlegung +der Argumente, deren sich die Rhetorik bedient; auch +soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem +das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine +Art Mischung, die kein christlicher Verstand billigen +sollte. Euer Hauptzweck ist, das darzustellen, was +Ihr schreiben wollt, und je mehr Ihr das erreicht, +je vorzüglicher wird Euer Buch sein, da Ihr Euch +auch in Eurem Buche nichts weiter vorsetzt, als das +Ansehen zu stürzen, in dem bei der Welt und dem +Haufen die Ritterbücher stehen, so gehen Euch auch +die Sentenzen der Philosophen, die Ermahnungen der +Heiligen Schrift, die Fabeln der Poeten, die Figuren +der Redner, die Wunder der Heiligen gar nichts an, +sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in +einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden +Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich +wohlklingend und anständig fortbewegen, und daß +Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne +Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu +verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches +der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher +noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich +ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere, +daß der Ernste sie nicht verwerfe und der +Klügere sie nicht verachte. Kurz, richtet es ins Werk, +daß Ihr das schlecht gegründete Ansehen dieser Ritterbücher +zerstört, die von so vielen gehaßt und von +noch mehreren verehrt werden; gelingt Euch dies, so +ist Euch nichts Kleines gelungen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich dem Rat +meines Freundes zu und seine Gedanken waren mir +so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu +disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus +ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun, +freundlicher Leser, seinen Verstand findest, so wie +mein Glück, daß ich ihn zu einer Zeit antraf, da mir +guter Rat so nötig war, zugleich aber auch eine +Freude für dich entdeckst, indem dir nun die aufrichtige +und unverstellte Historie des berühmten Don +Quijote von la Mancha geschenkt wird, der, wie alle +Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der +keuscheste Verliebte, sowie der tapferste Ritter gewesen +ist, den man wohl seit vielen Jahren dort +herum bemerkt hat. Ich will dir den Dienst nicht +sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß +ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen +Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir, +daß du mir für die Bekanntschaft seines Stallmeisters +Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche +Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen +Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen +wollen. Und hiermit beschütze dich Gott und vergiß +mich nicht.</p> + +<p>Lebe wohl!</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p> + + +<h3>Auf das Buch<br> +des Don Quijote von la Mancha</h3> +</div> + +<p class="s4 mbot2 center">Urganda die Unbekannte</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent18">Kommst du, o Buch zu Bra--</div> + <div class="verse indent20">So werden sie dich le--</div> + <div class="verse indent20">Und keiner wird verwe--</div> + <div class="verse indent20">So Plan wird Schreibart ta--</div> + <div class="verse indent18">Gerätst du unter Scha--</div> + <div class="verse indent20">So wirst du bald verneh--</div> + <div class="verse indent20">Wie schön sie dich verste--</div> + <div class="verse indent20">Begreif'n sie auch kein Com--</div> + <div class="verse indent20">Sie haben's sich vorgenom--</div> + <div class="verse indent20">Sie müssen's urteiln be--</div> + <div class="verse indent17">Weil nun Erfahrung sa--</div> + <div class="verse indent20">Daß, wer die Eiche su--</div> + <div class="verse indent20">Im frischen Schatten ru--</div> + <div class="verse indent20">So wirst du trefflich sa--</div> + <div class="verse indent17">Wenn Bejar dir will ra--</div> + <div class="verse indent20">Der Fürsten schon gebo--</div> + <div class="verse indent20">Jetzt blüht mit dem Herzo--</div> + <div class="verse indent20">Dem neuen Alexan--</div> + <div class="verse indent17">Du brauchst wohl keinen<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> an--</div> + <div class="verse indent20">Ist er dir nur gewo--</div> + <div class="verse indent20">Du sagst von dem Mancha--</div> + <div class="verse indent20">Die seltnen Abenteu--</div> + <div class="verse indent20">Ihn verrückten Leserei--</div> + <div class="verse indent20">Den Kopf zu seinem Scha--</div> + <div class="verse indent17">Die Waffen, Ritter, Da--</div> + <div class="verse indent20">Entzündten ihm ein Fie--</div> + <div class="verse indent20">Wie Roland dem Wüti--</div> + <div class="verse indent20">Er liebte so wie die--</div> + <div class="verse indent20">Bekannt' durch Taten die Lie--</div> + <div class="verse indent20">Zur Tobosischen Dulzi--</div> + <div class="verse indent17">Führt' nicht Inschrift und Sinn--</div> + <div class="verse indent20">Als Rittersmann im Schil--</div> + <div class="verse indent20">Er selbst statt tausend Bil--</div> + <div class="verse indent20">Handelt' weislich wohl darin--</div> + <div class="verse indent17">Hält er die Zuschrift gerin--</div> + <div class="verse indent20">So ist der zu bekla--</div> + <div class="verse indent20">Der es voll Mut gewa--</div> + <div class="verse indent20">Dies Ritterwerk zu schrei--</div> + <div class="verse indent20">Dann wird ihn keiner nei--</div> + <div class="verse indent20">Auf immer ist er geschla--</div> + <div class="verse indent17">Es hat sich nicht zugetra--</div> + <div class="verse indent20">Daß der Schreiber dich geschmük--</div> + <div class="verse indent20">Mit niedlichen kleinen Stük--</div> + <div class="verse indent20">Von der lateinschen Spra--</div> + <div class="verse indent17">Mag keiner dagegen was ha--</div> + <div class="verse indent20">Und drüber rezensi--</div> + <div class="verse indent20">Der wird Gesichter zie--</div> + <div class="verse indent20">Und halten ihn für tö--</div> + <div class="verse indent20">Der das ganze Buch verste--</div> + <div class="verse indent20">Hieher gehört keine Lati--</div> + <div class="verse indent17">Geklätsch sei wie deine Sa--</div> + <div class="verse indent20">Laß jeden des Weges ge--</div> + <div class="verse indent20">Das ist die beste Re--</div> + <div class="verse indent20">So kommst du nie zu<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Scha--</div> + <div class="verse indent17">Die gerne andre schla--</div> + <div class="verse indent20">Geh' ihnen aus der Stras--</div> + <div class="verse indent20">Und trübe selbst kein Was--</div> + <div class="verse indent20">Erwirb dir gut Gerüch--</div> + <div class="verse indent20">Denn wer Torheit erdich--</div> + <div class="verse indent20">Erregt gerechte Has--</div> + <div class="verse indent17">Sei niemals also wü--</div> + <div class="verse indent20">Die Steine zu Hand zu neh--</div> + <div class="verse indent20">Die Fenster sind ja glä--</div> + <div class="verse indent20">Mußt nicht nach dem Nächsten zie--</div> + <div class="verse indent17">Es ist keinem Manne gebüh--</div> + <div class="verse indent20">Wer nicht Vernunft verloh--</div> + <div class="verse indent20">Der schont ja gern der To--</div> + <div class="verse indent20">Wer aber nur gesun--</div> + <div class="verse indent20">Wohl zu gefallen den Jun--</div> + <div class="verse indent20">Hat selbst für Narren geschrie--</div> + </div> +</div> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p class="p4 mbot2 center">Amadis von Gallia an Don Quijote<br> +von la Mancha</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">In meinem Leid hab' ich dich zum Genossen,</div> + <div class="verse indent0">Wie ich der Ferne, Arme, der Verwaiste</div> + <div class="verse indent0">Einst nach dem großen Felsen Armut reiste</div> + <div class="verse indent0">Aus Freudigkeit in Trübsal hingestoßen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wie mir, so sind die Augen dir geflossen</div> + <div class="verse indent0">Vom Tränenstrom, in dem das Salz das meiste,</div> + <div class="verse indent0">Du warst zufrieden, wie man dich auch speiste,</div> + <div class="verse indent0">Hast Erdensohn das Irdische genossen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sei sicher, daß du ewiglich wirst leben,</div> + <div class="verse indent0">So lange nur Apoll den goldnen Wagen</div> + <div class="verse indent0">Noch lenkt vom roten Morgen nach dem Westen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Stets wird man dir den Ruhm des Tapfern geben,</div> + <div class="verse indent0">Dein Land wird schönen Preis von dannen tragen.</div> + <div class="verse indent0">Und deinen Weisen hält man für den Besten.</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<p class="p4 center">Don Belianis von Graecia an Don Quijote +von la Mancha</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich tobte, schlug, zerstörte baß verwegen,</div> + <div class="verse indent0">Mehr als ein Rittersmann jemals bewiesen;</div> + <div class="verse indent0">Ich war so stolz als tapfer, künstlich unterwiesen,</div> + <div class="verse indent0">Ich rächte die Beschwer mit tausend Schlägen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Den Taten mein kommt ew'ger Ruhm entgegen,</div> + <div class="verse indent0">Als Liebender manch' Träne ließ ich fließen,</div> + <div class="verse indent0">Nur Zwerglein waren mir die größten Riesen,</div> + <div class="verse indent0">Im Kampfe mocht ich all' zu Boden legen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zu meinen Füßen lag das Glück geschmieget,</div> + <div class="verse indent0">Ein Stirnhaar wußte Klugheit doch zu finden</div> + <div class="verse indent0">Am Glück, wenn's auch ganz kahle Scheitel bote.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mags, daß mein Ruhm jenseit dem Monde flieget,</div> + <div class="verse indent0">Und aller Tatenglanz mir muß erblinden,</div> + <div class="verse indent0">Beneid' ich deine Größe, Don Quijote.</div> + <div class="verse"></div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p class="p4 center">Die Dame Oriana an Dulzinea von Toboso</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lebt' ich wie du in sanfter Ruhe Schoße,</div> + <div class="verse indent0">So gönnt' ich dir, o schöne Dulzinea,</div> + <div class="verse indent0">Das prächtige London ach! mit Freuden ja,</div> + <div class="verse indent0">Hätt' ich dafür gewohnt dort in Tobose!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du warst dem Ritter seine süße Rose,</div> + <div class="verse indent0">O daß es mir nicht so wie dir geschah,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich ihn nicht zu meinem Besten sah</div> + <div class="verse indent0">Im wilden Kampf mit Schwert und wackerm Rosse!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hätt' ich gekonnt den Amadis vermeiden,</div> + <div class="verse indent0">So keusch verharren, wie es dir gelungen</div> + <div class="verse indent0">Mit deinem sittgern Edlen Don Quijote!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich wär' beneidet, brauchte nicht zu neiden;</div> + <div class="verse indent0">Es hätte mir kein Schmerz die Brust durchdrungen,</div> + <div class="verse indent0">Der schwerer war, als von 'nem halben Lote.</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p class="p4 center">Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia, an<br> +Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quijote</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Gegrüßt sei, braver Kerl, dem gutes Glücke,</div> + <div class="verse indent0">Als er stallmeisterlich in Dienst gegangen</div> + <div class="verse indent0">Die Leiden alle vorher weggefangen,</div> + <div class="verse indent0">Und niemals ihm bewiesen seine Tücke.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke,</div> + <div class="verse indent0">Dem Irren nicht zuwider; mein Verlangen</div> + <div class="verse indent0">War Ruh', ich netzte oft um ihn die Wangen,</div> + <div class="verse indent0">Der stolz sucht' nach dem Monde eine Brücke.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich neide dir den Namen und dein Tierlein,</div> + <div class="verse indent0">Auf deinen Schnappsack geht noch mehr die Mißgunst,</div> + <div class="verse indent0">In dem du deine Weisheit tätest zeigen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Noch einmal sei gegrüßt, du wackres Kerlein,</div> + <div class="verse indent0">Der spanische Ovid besinget mit Kunst</div> + <div class="verse indent0">Dich Edlen, drum mußt du dich ihm verneigen.</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> + +<p class="p4 center">Der rasende Orlando an Don Quijote +von la Mancha</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bist du kein Pair und so nicht meinesgleichen,</div> + <div class="verse indent0">Sind tausend dir nicht gleich, denn unter denen</div> + <div class="verse indent0">Darf keiner dich als ungebärd' verhöhnen,</div> + <div class="verse indent0">Du paarlos, unbesiegt in deinen Streichen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Orland' bin ich und schwärmt' in fernen Reichen,</div> + <div class="verse indent0">Angelika erzeugte meine Tränen;</div> + <div class="verse indent0">Ihr opfert' ich die Tat der kräftgen Sehnen,</div> + <div class="verse indent0">Den Glanz des Ruhms, der niemals wird erbleichen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mich zu verdunkeln bist nur du geboren;</div> + <div class="verse indent0">Ich preise deine Taten als die größten,</div> + <div class="verse indent0">Und auch erreichst du mich als ein Verrückter.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch kämpftest du mit großen Zaubermohren,</div> + <div class="verse indent0">So muß ich mich mit dem Gedanken trösten,</div> + <div class="verse indent0">In Lieb' bin ich wie du ein Unbeglückter.</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> + +<p class="p4 center">Der Ritter des Phöbus an Don Quijote +von la Mancha</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen, </div> + <div class="verse indent0">Ihr spanischer Phöbus, Blume aller Feinen, </div> + <div class="verse indent0">Mein tapfrer Arm vermißt sich nicht dem deinen, </div> + <div class="verse indent0">Ertönten gleich Gebirge seinen Streichen. </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich wies die Völker ab mit ihren Reichen, </div> + <div class="verse indent0">Ließ Morgenland zu meinen Füßen weinen, </div> + <div class="verse indent0">Zu seh'n der Claridiana Antlitz scheinen, </div> + <div class="verse indent0">Mußt auch Aurorens Herrlichkeit erbleichen. </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Worauf es durch ein seltnes Wunder kame, </div> + <div class="verse indent0">Daß Hölle, als die Dame mich verschmähte, </div> + <div class="verse indent0">Den Arm gefürchtet, der gezähmt ihr Toben. </div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Unsterblich, Don Quijote, bleibt Euer Name, </div> + <div class="verse indent0">Und Dulzinea Eure Morgenröte</div> + <div class="verse indent0">Wird jeder Mund als keusch und weise loben.</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p class="p4 center">Der Sultan an Don Quijote von la Manche</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wohl sind, Herr Quijote, Eure Geschichten</div> + <div class="verse indent0">Beweise, wie das Haupt Euch sehr verrücket,</div> + <div class="verse indent0">Doch jeder muß gesteh'n, der auf Euch blicket,</div> + <div class="verse indent0">Daß Ihr nichts Kleines dachtet auszurichten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr wolltet die Beschwer der Welt vernichten,</div> + <div class="verse indent0">Und spaßhaft ist es, wie es Euch geglücket,</div> + <div class="verse indent0">Denn Lümmelvolk, das sich darein nicht schicket,</div> + <div class="verse indent0">Euch oftmals wacker bei den Ohren kriegten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wenn die vielgeliebte Dulzinee</div> + <div class="verse indent0">Sich undankbar erwiesen, Don Quijote,</div> + <div class="verse indent0">Und kalt geblieben gegen Eure Triebe,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So sei Euch dies ein Trost in Eurem Wehe;</div> + <div class="verse indent0">Herr Sancho war ein schlechter Liebesbote,</div> + <div class="verse indent0">Er dumm, sie hart, nicht weit her Eure Liebe.</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p class="p4 center">Gespräch zwischen Babinza und Rosinante</p> +</div> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">B. Ihr, Rosinante, schaut so miserabel.</div> + <div class="verse indent0">R. Nur stets marschieren, nichts zu fressen kriegen.</div> + <div class="verse indent0">B. Ihr wollt gewiß auf Heu und Häcksel liegen?</div> + <div class="verse indent0">R. Mein Herr gibt mir auch nicht ein Maul voll Haber.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">B. O geht, Ihr seid ein ungezogner Knabe,</div> + <div class="verse indent0">Wer wird so eselhaft den Herrn belügen!</div> + <div class="verse indent0">R. Er bleibt ein Esel, ist es von der Wiegen;</div> + <div class="verse indent0">Wollt wissen wie? Er ist ja ein Liebhaber.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">B. Ist lieben Torheit? R. Weisheit nicht, mein Seele!</div> + <div class="verse indent0">B. Seid Philosoph.  R. Das macht, weil ich nicht speise.</div> + <div class="verse indent0">B. Verklagt den Knappen. R. Ihr seid linker Hand.</div> + <div class="verse indent1"></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wem klag' ich's wohl, daß ich mich hungrig quäle,</div> + <div class="verse indent0">Wenn es dem Herrn wie Knappen gleicherweise</div> + <div class="verse indent0">Noch knapper geht als selbst dem Rosinant?</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="p4 s2 center">Don Quijote von la Mancha</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<h2><em class="gesperrt">Erstes Buch</em></h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Handelt von dem Stande und der Lebensweise des<br> +namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha</span></h3> +</div> + + +<p>In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen +ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein +Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß, +einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine +Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends +gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter +und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene +Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner +Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes +Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art, +ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich +in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine +Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine +Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich +ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, +der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt +zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit +fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution, +mager, von dürrem Gesichte, ein großer +Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige, +die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada +führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen +unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> +Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen +Vermutungen schließen, daß er sich Quixana +nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung +wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem +Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.</p> + +<p>Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die +Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den +größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher +von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung +zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der +Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens +vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit, +daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, +um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in +denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein +Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter +allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke, +die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat, +die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner +Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er +auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn +an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige +des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut, +erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure +Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn +er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit +göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die +Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt +ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter +seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen +und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht +enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß +darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> +mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte +und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn +auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch +kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus +Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er +darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem +Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt, +und oft kam ihm der Gedanke, die Feder +zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen, +fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan, +wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken +abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit +mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter +Mann war und zu Siguenza graduiert), wer +von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin +von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister +Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß +keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn +sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor, +der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus +edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich +wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit +besser beschlagen.</p> + +<p>Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die +Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die +Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam +es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein +Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand +verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit +solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, +als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, +Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen +und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein,<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> +daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, +wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine +zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid +Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, +er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom +brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem +einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen +mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom +Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den +bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung +des Herkules nachgeahmt, der den Anteus, +den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel +Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er +gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle +stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und +artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von +Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem +Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er +dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches +ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er +sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben +zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe +auch seine Nichte fortschenken wolle.</p> + +<p>Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß +gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, +den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn +es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung +seiner Ehre als zum Besten seiner Republik, +ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung +und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer +aufzusuchen und alles das auszuüben, was er +von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht +aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> +unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm +und Namen schmücken würden. Der Unglückliche +stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines +tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde +gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken, +angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte +er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen. +Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen, +die er von seinen Urgroßvätern geerbt und +die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen +in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte +sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen +großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht +vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber +seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte +aus Pappen die untere Hälfte und verband sie +mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen +Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu +erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines +Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei +Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das +wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet. +Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der +er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser +Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte +inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der +Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere +Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß +dieser Helm der trefflichste sei.</p> + +<p>Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob +dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte, +als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als +das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> +war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der +Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid +mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem +er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle, +denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig, +wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und +das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen +führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten, +daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen, +ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es +nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie +es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein +anderer Name zukommen müsse, der es ziere und +sich für das neue Amt und die neue Lebensweise +gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den +vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte, +umarbeitete, wegwarf und wieder annahm, +um den besten zu erfinden, wählte er endlich die +Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener, +volltönender und bedeutungsvoller Name, +bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er +seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der +erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der +Welt sei.</p> + +<p>Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem +Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für +sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen +wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß +er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird, +die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit +genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel +Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere +meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> +Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis +zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches +und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu +machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt +habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern +Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und +er benamte sich also Don Quijote von la Mancha. +Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland +und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem +er den Zunamen von ihr entlehnte.</p> + +<p>Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm +gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener +festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als +eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein +irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub +und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn +ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem +Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn +gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn +in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue, +oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär' +es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte, +sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte, +vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe +und mit demütiger und unterwürfiger Stimme +spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro, +Herr der Insel Malindrania, den im +Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter +Don Quijote von la Mancha überwand und mir +befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit +Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir +schalte. — Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter, +als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> +wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle. +Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten +Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in +die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber +wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals +gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien +ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken +zu geben. Er suchte nun einen Namen, der +dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und +Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und +er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie +war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem +Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie +alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden +hatte.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em><br> +<span class="s5">Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don<br> +Quijote aus seinem Besitztum</span></h3> +</div> + + +<p>Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es +nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk +zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach +seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung +erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen, +die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er +aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen, +die er vergelten müsse. Ohne also irgend +jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer +bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem +Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit +allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den +übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> +die Lanze und zog durch eine kleine Tür des +Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und +vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten +Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem +Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher +Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes +Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm +nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener +Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der +Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf +weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als +neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild +auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne. +Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz +heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder +andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten, +auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen, +in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren, +wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung +getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte +er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell +zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße +überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte +seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als +den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß +dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.</p> + +<p>Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt, +sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel, +daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte +meiner Taten an das Licht tritt, der Weise, +der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem +ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote +Apoll hatte kaum über das Angesicht der<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> +großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines +schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die +kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen +die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher +Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen +Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone +des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen +zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote +von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein +berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über +das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.« +Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr +weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter! +in dem meine preisvollen Taten ans Licht +treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz +gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum +Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser +Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist, +die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß, +ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht, +meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege +und in jeglicher Bahn. — Darauf sprach er, als wäre +er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea! +Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält +es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer +Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle +nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt +Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das +so Großes um Willen Eurer Liebe leidet.</p> + +<p>An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn, +alles, wie er es in seinen Büchern gefunden +hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel +es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> +große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig +und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die +Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte. +Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas +stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er +sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit, +um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken +Armes zu erproben.</p> + +<p>Es sind Autoren der Meinung, daß das erste +Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice +gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen +auf, aber alles, was ich hierin erforschen +können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha +geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog, +und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe +gestorben waren.</p> + +<p>Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein +Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um +sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich +erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine +Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der +ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden +winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem +Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von +ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen +nennt, die mit einigen Maultiertreibern, +welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach +Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles, +was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien +und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es +ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein +Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von +glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> +des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit +denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er +näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien, +und da er nur noch wenig entfernt war, zog er +dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß +ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um +mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich +ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß +er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem +Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke +und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen, +die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige +Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses +in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein +Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde +Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln +wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen +Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich +Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich +ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe. +Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der +Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf +diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich +zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen +wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht +aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus +Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht +und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme +diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten +dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der +Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub +oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen +mich Eure Gegenwart beglückt.«</p> + +<p>Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht +mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte, +aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das +ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen +nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß +sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt +Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit +ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch +sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich +Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen +als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden +die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters +vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie +hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt +nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der, +wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war; +als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen +Waffen, als der Zaum des Pferdes, die +Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte, +so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild +von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt +hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur +fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und +sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe +suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir +haben keins in der Schenke, alles übrige im großen +Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit +des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt +er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er: +»Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn +mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.«<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> +— Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen +hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man +wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier, +ein Eingeweihter in die falschen Künste der +Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel +wie ein Student oder Page, er antwortete daher: +»So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine +und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und +wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich +absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit +und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen, +geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte, +hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler +Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch +den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte +sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große +Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier +auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute +es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es +Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte +so gut. Er führte es in den Stall und kam dann +zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den +indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er +sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und +Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit +nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den +nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen +Bändern unter dem Halse festgebunden war und von +denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen +vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen, +er blieb also den ganzen Abend in seinem +Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur +dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> +daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme +Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären +und sagte daher mit vielem Anstande:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Niemals ward ein edler Bote</div> + <div class="verse indent0">So bedient von Damen süß,</div> + <div class="verse indent0">Wie der große Don Quijote</div> + <div class="verse indent0">Als er seine Heimat ließ.</div> + <div class="verse indent0">Zarte Mädchen pflegten ihn,</div> + <div class="verse indent0">Prinzessin'n sein Rösselin.</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der +Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von +la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben, +bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich +kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote, +die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand +schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der +Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann +Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll, +wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch +dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen, +die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren, +antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur, +ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas +zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote, +»denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.« +Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke +nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser +Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er +vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne +ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote, +der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es +viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> +denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand +acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von +achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich +mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen +Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch +das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei, +was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer +und Waffenlast können nur durch Erquickung +des Innern ertragen werden.« — Sie setzten also +den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke, +und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten +und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot, +schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein +lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der +Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den +Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm +nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der +Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu +trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich +geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr +ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt +und durch das andere den Wein eingegossen hätte. +Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder +seines Helmes zerschneiden zu lassen.</p> + +<p>Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein +Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und +indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner +Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig +darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde, +daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch +Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren +Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells; +und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> +glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er +noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin +nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe, +ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote<br> +zum Ritter geschlagen wurde</span></h3> +</div> + + +<p>Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine +magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange +währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit +dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die +Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich +mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure +Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich +flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen +Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der +Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen +Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung, +ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle. +Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener +aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte, +um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit +nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete +Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß +die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer +liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr +mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und +daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells +die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird +dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen +könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen, +wie es das Amt der Ritterschaft und +der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne, +und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«</p> + +<p>Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm +war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit +seines Gastes haben mochte, war +jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden +hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen, +nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte +also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche +und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich +und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei, +als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde; +er selbst habe sich in seinen Jugendjahren +einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls +verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine +Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von +Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in +der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte +von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia, +imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer +von San Lucar, unter den Rittern von Cordova, +den Schenken von Toledo und andern verschiedenen +Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und +die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort +sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er +manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt +und wenige Unmündige betrogen; kurz, er +habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen +Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht; +letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> +sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen +und fremden Haushalte alle irrenden Ritter +aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein +möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum +auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten +Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in +seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die +Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen, +um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß +man die Wache im Falle der Not an jedwedem +Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht +das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten +könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand +die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß +er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben +wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen +Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld +mit sich führe? — Don Quijote antwortete, daß er +keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern +von fahrenden Rittern niemals gelesen, +daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf +sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn +es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den +Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der +Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als +Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum +niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei +sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht, +daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher +angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine +gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie +auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden +zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> +den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die +Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der +sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer +zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte +und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau +oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam +schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu +kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden +so völlig zu genesen, als wenn man gar keine +Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen +Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden +Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen, +daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten +versehen gewesen, wozu besonders +Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn +es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben +waren, welches aber in der Tat nur sehr selten +der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr +subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem +Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein +ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen +Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht +sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen. +Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon +wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er +auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen +solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten +bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem +Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten +gedächte.</p> + +<p>Don Quijote versprach seinen Rat auf das +pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht, +daß er die Waffen in einem Hofe bewachen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> +solle, der zur Seite der Schenke lag. Don +Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog, +der neben einem Brunnen stand, dann nahm er +seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem +Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen; +indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht +an völlig hereinzubrechen.</p> + +<p>Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke +waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die +Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter +geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über +diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten +ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden +einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze +stützte und seine Augen auf die Waffen heftete, +ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war +völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles, +was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von +allen gesehen wurde.</p> + +<p>Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in +der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu +geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes +Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen, +aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit +lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger +Ritter, der du dich nahst, die Waffen des +allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein +Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust, +berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als +Strafe deines Übermutes verlieren willst.« — Der +Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht, +aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen, +wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> +nahm die Waffen herunter und warf sie eine +große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses +erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und +richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu +seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir, +Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich +dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht +mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst +und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen +Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit +beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber +einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem +er ihn so behende auf den Boden hinlegte, +daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre, +jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft +hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die +Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben +Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen. +Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen +(denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein +auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen +Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er +machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den +Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort +zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu +flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff +zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere +Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber +mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn +an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei +liefen alle aus der Schenke zusammen und unter +diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote +sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> +seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit! +Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu +dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf +deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares +Abenteuer bevorsteht!« — Hiedurch wurde, nach +seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht +einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle +Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.</p> + +<p>Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen +sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der +Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel +es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte, +es aber dabei nicht wagte, den Trog zu +verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu +lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten, +dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er +närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen +würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote +aber schrie noch lauter und nannte sie alle +Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells +aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter, +weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter +verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft +empfangen, wolle er auch über seine Verräterei +mit ihm Rücksprache nehmen. — »Was aber euch +übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines +Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter +achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt +mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn +empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.« +Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit, +daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen +wurden. Hiedurch und durch die Überredungen<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> +des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf +zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich +wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung +seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit +zurück, mit welcher er sie begonnen hatte.</p> + +<p>Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines +Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm +lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen, +ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging +also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung +einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz +ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch +geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe. +Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß +er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß +aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei; +alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich +im Nackenschlage mit der Hand und im +Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den +Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß +dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne; +mehr als genug habe er in der Bewachung der +Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend +wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt +habe. Don Quijote glaubte dies alles und +antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen +und daß er alles so schnell als möglich beendigen +möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und +er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person +im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen +ausgenommen, die er ihm nennen würde +und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.</p> + +<p>Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> +sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und +die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so +und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug, +und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu +Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die +Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale +las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte, +erhub er unter dem Lesen die Hand und gab +ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen +zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert, +indem er immer zwischen den Zähnen murmelte, +als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der +einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es +auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand +tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien +nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen; +doch hielten die Tapferkeiten, die sie den +neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren +Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete, +sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure +Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch +glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem +Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene +Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr +einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines +Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete +mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie +sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig, +jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya +ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen, +dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen +wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus +Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> +und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich +also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach +es ihm, und die andere befestigte ihm die +Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der +Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen +und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn +ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera. +Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen, +und sich Donna Müllerin zu nennen, indem +er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.</p> + +<p>Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien +beendigt waren, konnte Don Quijote die +Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu +sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen. +Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und +umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche +Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er +von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es +sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der +Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke +zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer +und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf +gut Glück fortziehen.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Was unserm Ritter begegnete, als er<br> +die Schenke verließ</span></h3> +</div> + + +<p>Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke, +so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als +Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den +Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> +aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen +Erfordernisse, die er mit sich führen solle, +vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach +Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem +Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern, +seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder +hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben +der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.</p> + +<p>Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante +nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als +wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit +zu laufen anfing, daß es schien, als wenn +seine Beine den Boden nicht berührten. Er war +noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als +wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme +einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte +er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem +Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren +läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt, +die Pflichten meines Standes zu erfüllen und +die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln; +ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten +oder einer Notgeängsteten her, die +meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« — Er lenkte +zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante +dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien. +Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht +hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem +anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden, +der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war, +ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben +derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das +nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> +Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige +Streiche und begleitete jeden Streich mit einer +Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die +Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter +sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es +nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit, +ich will es nicht wieder tun, ich verspreche, +künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.«</p> + +<p>Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit +erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht +geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich +nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß +und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah +er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an +der die Stute festgebunden war), damit ich Euch +zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.« +— Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt +über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem +Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete +mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge, +den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde +Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte, +aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein +Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit +und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus +Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich +ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele, +er lügt es.«</p> + +<p>»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner +Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die +uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit +dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch +bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> +schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich +binde ihn los!«</p> + +<p>Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein +Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte +Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei, +worauf dieser antwortete: »Neun Monate und +jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete +es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig +Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer, +sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen +wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß +er dastehe und geschworen habe, ob er gleich +gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel, +denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen +abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real +für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er +unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete +Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe +betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen, +die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat +er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen, +so hast du dafür dasjenige seines Körpers +zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da +er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit +abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.«</p> + +<p>»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein +Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir +nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real +auf dem andern bezahlen.«</p> + +<p>»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen +Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken, +denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich +schinden wie einen Sankt Bartholomäus.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug, +daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete, +er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft, +den er empfangen, schwören, dich freizulassen und +den Lohn gewiß zu bezahlen.«</p> + +<p>»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,« +antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein +Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der +Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche +Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.«</p> + +<p>»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote, +»auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr, +da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«</p> + +<p>»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was +für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen +Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«</p> + +<p>»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,« +antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir +kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden +der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen +wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern, +und obenein lauter blankgeschliffene.«</p> + +<p>»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte +Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so +bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es +vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre +ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder +aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden +werde, und wenn Ihr Euch auch besser als +eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber +wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr +Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen, +so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> +la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und +Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht, +was du versprochen und geschworen, bei Strafe der +angekündigten Strafe.«</p> + +<p>Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die +Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit +den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz +verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte +er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun +komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir +schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr +geboten hat.« — »Ich schwöre Euch,« sagte +Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der +wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend +Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig +ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt +Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit +er das tut, was er gesagt hat.« — »Ich schwöre dir +ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute, +das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern +wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er +nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder +an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab, +daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,« +sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher +Ungebühr und seht, wie er diese vernichten +wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug, +denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen, +wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und +gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen, +um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres +ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern +Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles,<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> +was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um +sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er +ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.</p> + +<p>Also vernichtete der tapfere Don Quijote die +Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg +ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft +auf die schönste und edelste Weise angetreten zu +haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit +den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit +halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor +allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor +allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir +unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer +und überaus berühmter Ritter, wie ist und +sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie +die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und +schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert +hat, das jemals die Unvernunft ersann und +die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel +aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der +ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«</p> + +<p>Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine +Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und +sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis, +an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu +überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in +Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und +nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante +den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen +eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen +Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu +begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen +geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> +die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo +waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen. +Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen +reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls +beritten und drei Burschen zu Fuß für die +Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt, +so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer. +Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten, +die er in seinen Büchern gelesen, +nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das +ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich +also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln +fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem +Schilde die Brust und lagerte sich dann in der +Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die +irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß +sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als +sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören +konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach +mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten, +wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt +keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la +Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von +Toboso.</p> + +<p>Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu +hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die +sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten +merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides +angehörte. Sie wollten aber gern erfahren, +warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert +werde und einer von ihnen, der gern spottete +und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle +kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> +zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet, +so wollen wir freiwillig und ohne allen +Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns +fordert.«</p> + +<p>»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don +Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte +Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß +Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet, +beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt +der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen +nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach +den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen, +wie es Sitte und übler Gebrauch unter +Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich +Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache +vertraue, die auf meiner Seite ist.«</p> + +<p>»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich +flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches +wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren +mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie +hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil +aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten +Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber +Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis +dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so +groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem +Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel, +und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen, +und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß +wir alle schon für sie sind, und wenn man auch +auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief +sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein +triefe, so wollen wir demungeachtet, um<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> +Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen, +was Ihr nur verlangen werdet.«</p> + +<p>»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don +Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag' +ich dir, was du behauptest, außer Ambra und +Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig, +sondern sie ist gerader als eine Spindel von +Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung +bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit +meiner Dame ausgestoßen habt.«</p> + +<p>Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen +den, der gesprochen hatte ein und rannte mit +solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn +es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante +mitten im Wege gestolpert und gefallen +wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel +ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte +seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein. +Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte +es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die +Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung. +Indem er sich bestrebte aufzustehen und es +doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel, +elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht +durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines +Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen, +der nicht sonderlich aufgeräumt war, den +armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte, +konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort +auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm +hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere +Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm +Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +er ihn unter der Last und dem Drucke seiner +Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen +ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte, +aber der Junge war einmal erbittert und wollte +das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen +rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen +Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem +elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters +von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht +das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde, +und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.</p> + +<p>Der Junge wurde müde und die Kaufleute +setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von +dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich +allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben, +aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund +und wacker war, wie konnte er es jetzt, so +zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber +pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für +ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich +sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd +schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben, +denn er war am ganzen Körper zerschlagen.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters<br> +zu erzählen</span></h3> +</div> + + +<p>Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so +verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel, +nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern +zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> +Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von +Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im +Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder, +die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben +sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als +die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand +schien ihm auf seine Lage am meisten passend +zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke +eines großen Schmerzes auf der Erde herum und +sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete +Ritter im Walde sagt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein,</div> + <div class="verse indent0">Daß dich mein Leid nicht schmerzt?</div> + <div class="verse indent0">Du magst wohl ohne Kunde sein,</div> + <div class="verse indent0">O'r hast die Treu verscherzt.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O du Marchese von Mantua fein,</div> + <div class="verse indent0">Mein Ohm, verwandtes Herz!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer +aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging, +der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte. +Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah, +ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei +und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt +anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser +der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete +also nichts weiteres, als daß er in der +Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die +Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug, +ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer +stand verwundert da als er dergleichen Unsinn +hörte; er machte das Visier los, das von den<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> +Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte +ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte +ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und +rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name +als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden +Edelmanne noch nicht in einen irrenden +Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden +denn so zugerichtet?« — Jener aber fuhr immer +fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.</p> + +<p>Da dies der gute Mann sah, machte er ihm, +so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um +nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand +weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich, +ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe +brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für +die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen +suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen +und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel +faßte, seinen Esel aber an einem Stricke +führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat, +sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don +Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don +Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum +auf dem Lasttiere halten konnte und dann und +wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß +der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn +zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan +ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich +auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den +Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez, +den der Kommandant von Antequera, +Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> +seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von +neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh +tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten, +die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo +de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte +in der Diana des Georg de Montemayor +gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte +sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels +werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören +zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein +Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem +Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden, +den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte +erregte. Am Schluß derselben sagte dieser: +»Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo +de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa +zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt +wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will +die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn, +sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete +hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich, +bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de +Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua, +sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid +Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern +der ehrenfeste Herr Quixada.« — »Ich weiß, wer +ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch, +daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern +auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch +dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die +sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan +haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«</p> + +<p>Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> +sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer +wartete, bis es finster würde, damit man nicht +den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter +sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte, +zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes +Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der +Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes +gute Freunde waren, befanden sich dort und +die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme: +»Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat +Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn +Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen, +nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht +die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn +ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren +werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten +Ritterbücher, die er immer las, den Verstand +verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß +ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich +sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und +ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen. +Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen +Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf +in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«</p> + +<p>Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch +hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der +Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal +in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei +Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf, +den Degen nahm und auf die Mauer losschlug, +wenn er dann ermüdet war, sagte er, er +habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> +der Schweiß, den er von der Anstrengung +vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden, +die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank +er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus +und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß +das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der +weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund +gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die +Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines +Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher +dazu getan hätten, ehe er das geworden ist, +was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen +Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl +als die Ketzer verdienen.«</p> + +<p>»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und +wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn, +ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt +haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie +zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem +guten Freunde ergangen sein muß.«</p> + +<p>Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote +mit an und der Bauer begriff daraus völlig die +Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter +Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen +und dem Herrn Marques von Mantua, der +schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn +Mohren Abindarraez, den der Kommandant von +Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen +führt.«</p> + +<p>Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und +wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren +Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von +seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte,<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> +wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt +alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines +Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett +und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda, +daß sie meine Wunden heile und untersuche.«</p> + +<p>»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin, +»mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem +Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit +Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen, +ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und +noch hundertmal und noch tausendmal verflucht +mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so +zugerichtet haben.«</p> + +<p>Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine +Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden, +sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit +seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan, +in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten +und wildesten, die man wohl auf einem +großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!« +sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz? +Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr +alle verbrannt sein.«</p> + +<p>Sie taten tausend Fragen an Don Quijote, +aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man +möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen, +welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und +der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher, +auf welche Art er Don Quijote gefunden +habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die +jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen +habe, welches den Lizentiaten in seinem<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> +Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich +seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief, +mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes +begab.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und<br> +Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen<br> +hielten</span></h3> +</div> + + +<p>Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer +sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer +geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher +befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen +hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen +mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden +waren und außerdem noch mehrere in +kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte, +ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich +mit einer Schale Weihwasser und einer Rute +zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat, +besprengt die Stube, damit nicht einer von +den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken, +uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe +tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«</p> + +<p>Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin +und befahl dem Barbier, daß er ihm ein +Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn, +weil sich vielleicht einige finden möchten, die +die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die +Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden, +denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am +besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen,<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> +sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer +dran zu legen, oder man könnte sie auch in den +Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten, +weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich +fiele.«</p> + +<p>Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile +hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen, +aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern +er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.</p> + +<p>Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte, +waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der +Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu +liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war +dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das +in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen +ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken +haben, darum muß man es auch als den Stifter +einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne +Gnade zum Feuer verdammen!«</p> + +<p>»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn +man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste +von allen in dieser Gattung sei und darum könnte +man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«</p> + +<p>»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus +diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt. +Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«</p> + +<p>»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten +des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis +von Gallia.«</p> + +<p>»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das +Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes +setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> +macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den +Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«</p> + +<p>Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden +und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter, +wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer +Geduld erwartete.</p> + +<p>»Weiter!« sagte der Pfarrer. — »Der nun +kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von +Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich +glaube, von der Familie des Amadis.«</p> + +<p>»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte +der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra +verbrennen zu können und den Schäfer +Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten +und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd' +ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben, +wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters +ertappen ließe.«</p> + +<p>»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier. +— »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. — »Wenn es +so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in +den Hof hinunter!« — Da es so viele waren und +ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie +alle aus dem Fenster in den Hof hinab.</p> + +<p>»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der +Pfarrer fort. — »Dieser«, antwortete der Barbier, +»ist Don Olivante de Laura.« — »Der Verfasser +dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe, +der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt +sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von +beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich +richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> +aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und +Albernheit in den Hof wandern soll.«</p> + +<p>»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der +Florismarte von Hircania.« — »Ist der Herr Florismarte +da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich +eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren +Geburt und seinen schimärischen Abenteuern, +zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener +Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den +andern, Frau Haushälterin.«</p> + +<p>»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie, +und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. — +»Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. — +»Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und +ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente, +also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.« +— Es geschah sogleich.</p> + +<p>Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden +den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen +Namens, den dieses Buch führte, könnte man +ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man +sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der +Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.</p> + +<p>Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte: +»Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« — »Ich +kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer; +»da findet sich der Herr Reinald von Montalban +mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer +Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs +und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin; +eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige +Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung +des berühmten Mateo Boyardo, aus dem<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> +auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein +Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und +er redet nicht seine Landessprache, so werde ich +nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet +er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm +alle Hochschätzung.« — »Ich habe ihn italienisch,« +sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« — +»Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,« +antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern +dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu +übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er +hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit +nicht ausgedrückt und eben das wird allen +begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen +wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit, +die sie anwenden und besitzen, wird der +Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen +können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle, +die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden +sollten, in einen trockenen Brunnen legen +müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen +anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del +Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt, +ausnehme, wenn mir diese in die Hände +fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben, +die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem +Feuer überliefern soll.«</p> + +<p>Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles +gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der +Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer +Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze +Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein +anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> +Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das +Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat +erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich +verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut +werden, aber die Palme von England bewahre man +gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in +einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter +der Beute des Darius fand, die er brauchte, um +die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren. +Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen +merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist, +zweitens, weil es von einem geistreichen Könige +von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer +im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich +ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar, +zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande +das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten. +Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas, +wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und +der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein, +alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen +sollen.«</p> + +<p>»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn +hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«</p> + +<p>»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre +dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber +vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen, +dann müsse man alles wegstreichen, was +sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen +noch größeren Narrheiten, dann möchte man +ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen +und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade +gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> +Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.« +— »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne +sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen, +befahl er der Haushälterin, alle die großen +zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen. +Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam +begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie +alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes +und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm +also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster +hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt, +fiel eins davon dem Barbier auf die Füße +nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen, +der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter +Tirante dem Weisen.</p> + +<p>»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter +Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen +haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere +Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube +von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don +Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder +Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn, +imgleichen der Zweikampf, den der tapfere +Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten +der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln +und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine +Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito +verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in +Ansehung des Stils dies das beste Buch von der +Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und +sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor +ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle +übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen.<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> +Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne +so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt +zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf +die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause +und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die +Wahrheit gesagt habe.«</p> + +<p>»Ich will es tun,« antwortete der Barbier, +»aber was machen wir mit den übrigen kleinen +Büchern?«</p> + +<p>»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher, +sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf, +welches die Diana des Georg de Montemayor war +und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke +hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt +zu werden, denn sie stiften und werden niemals +solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet +haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie +dem Leser Nachteil bringen.«</p> + +<p>»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet +doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen +lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim +von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er +diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein +Schäfer zu werden und singend und musizierend +durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird +wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste +und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«</p> + +<p>»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer, +»wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen +Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir +wollen also mit der Diana des Montemayor den +Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt +werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden,<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> +was von der weisen Felicia und dem bezauberten +Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen +Verse und dem Werke in Gottes Namen die +Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das +erste zu sein.«</p> + +<p>»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die +Diana, die man die zweite vom Salamantiner +nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben +Titel, vom Gil Polo verfaßt.«</p> + +<p>»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer, +»mag jene zum Hofe verdammten begleiten und +ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen +wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. — +Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn +es wird schon spät.«</p> + +<p>»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein +anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher +vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso, +einem sardinischen Poeten.«</p> + +<p>»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer, +»seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und +Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles +Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste, +ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung +jemals an das Licht der Welt getreten sind, und +wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß +er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat. +Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir +mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid +von dem groben florentinischen Tuche geschenkt +hätte.«</p> + +<p>Er legte es mit der größten Freude beiseite und +der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> +der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares +und die Entwirrung der Eifersucht.«</p> + +<p>»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,« +sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen +Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne +mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals +fertig würden.«</p> + +<p>»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«</p> + +<p>»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer, +»sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn +wie ein kostbares Kleinod.«</p> + +<p>»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier, +»heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«</p> + +<p>»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer, +»so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von +manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden, +die sich unter seinen Schönheiten befinden; +hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den +ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und +heroischen Gedichte sehr hochschätze.«</p> + +<p>»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte +des Lopez Maldonado.«</p> + +<p>»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete +der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem +Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört, +denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein +Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist +er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals +zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten. +Was steht denn aber daneben?«</p> + +<p>»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete +der Barbier.</p> + +<p>»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> +guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im +Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist +manches gut erfunden, manches wird vorbereitet +und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen +zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient +er sich durch diesen die Gnade für das Ganze, +die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin, +Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«</p> + +<p>»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und +nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana +des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des +Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate +des Cristoval de Virues, des Valenzischen +Poeten.«</p> + +<p>»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind +die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer +Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den +berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die +köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien +besitzt.«</p> + +<p>Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen, +er endigte also damit, daß er befahl, alle +übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt +schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte: +die Tränen der Angelica.</p> + +<p>»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der +Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses +Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der +Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht +allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der +auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich +übersetzt hat.«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don<br> +Quijote von la Mancha</span></h3> +</div> + + +<p>In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit +lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr +tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die +Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die +Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!« +Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und +brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher +ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea +und der Löwe von Spanien mit allen Taten des +Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen +und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl +hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht +kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom +Pfarrer angetroffen wären.</p> + +<p>Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon +aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte +und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so +wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte. +Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt +auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt +war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte: +»Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande +ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt +werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den +Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen +Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage +gewonnen haben.« — »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,« +antwortete der Pfarrer, »Gott wird es<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> +fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß +das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen +wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart +Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet +sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.« +— »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber +gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der +Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem +Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus +Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger +Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will +nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir +nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe, +trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen +soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise, +denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will +ich schon auf Rache denken.«</p> + +<p>Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen +ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem +alle seine Torheit bewunderten. In dieser +Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die +sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl +manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen +Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal +und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen +nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort, +daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen +müssen.</p> + +<p>Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier +gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war, +das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen, +damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände, +weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> +aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß +ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt +habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit +ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch +Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen +Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da +fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend +von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die +Tür gewesen war und tastete mit den Händen und +blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges +Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume +Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin, +wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die +Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet +war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht +Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im +Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr, +denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«</p> + +<p>»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern +ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben +Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist +waren; er stieg von einer Schlange ab, auf +der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer, +und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht, +aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum +Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und +als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte, +fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur +das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin, +daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen +wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher +Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und +des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> +nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte +sich den weisen Munnaton.«</p> + +<p>»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don +Quijote.</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin, +»ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name +endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don +Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer +Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine +Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß +ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit +einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und +ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern +vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele +Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm, +daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen +kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«</p> + +<p>»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte, +»aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen +Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer, +ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt +herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu +kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher +nach Wolle geht und geschoren nach Hause +kömmt.«</p> + +<p>»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten +Dinge sprichst du da! Bevor mich einer +scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart +dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges +meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm +nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet. +Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz +friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> +daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren +werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige +Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem +Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete, +daß das, was der Welt am meisten vonnöten, +irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende +Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach +ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht, +denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr, +konnte er nicht mit ihm fertig werden.</p> + +<p>In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem +Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden +Manne (wenn man nämlich den so nennen +kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen +Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so +sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß +der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn +und als sein Edelknabe zu dienen. Unter +andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für +ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn +es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen, +in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine +Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter +setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen +verließ Sancho Pansa (so hieß der +Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe +seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür, +Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete +ein andres, alles aber in eiliger Unordnung +und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen. +Er versah sich auch mit einem Schilde, +den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so +gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> +seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde, +wann er sich auf den Weg machen wolle, damit +dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor +allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack +mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu +vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen +wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht +die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem +Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er +überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters +entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise +beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger +kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet, +ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze, +ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er +Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter, +der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte +sich auch mit Hemden und andern Dingen, +dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben +hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen +sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und +Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und +Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei +sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten, +daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt +zu werden, wenn man sie auch aufsuchen +sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit +Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher, +indem er sich schon in seinen Gedanken als den +Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen +hatte.</p> + +<p>Don Quijote war bemüht, dieselben Wege +wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> +Reise genommen hatte, und diese gingen über das +Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und +mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal +denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die +Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten +ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem +Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu, +daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen +der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern +und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte +Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund +Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte +der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu +Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen, +die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß +durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen +soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern, +denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis +ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst +und der bösen Tage und der noch bösern Nächte +überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines +Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von +irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie +groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich +leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich +innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre, +daran hängende in sich begreift, und es mag denn +zutreffen, daß du in dem einen von diesen als +König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches, +denn nach dem, was und wie alles den irrenden +Rittern begegnet, das man weder je gesehn +noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> +fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«</p> + +<p>»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn +ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer +Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne +Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder +Infanten?«</p> + +<p>»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don +Quijote.</p> + +<p>»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie +es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf +die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins +davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein, +Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin, +Gräfin mag eher gehn, und auch das nur +mit Gottes Beistand.«</p> + +<p>»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »der wird dir geben, was dir +am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht +so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der +Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«</p> + +<p>»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,« +antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen +Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß, +was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich +ist.«</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Achtes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote<br> +in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den<br> +Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der<br> +Aufbewahrung würdig</span></h3> +</div> + + +<p>Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, +die hier auf dem Felde standen, und sowie +sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben: +»Das Glück führt unsre Sache besser, als +wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund +Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr +ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu +halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu +nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den +Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist +ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, +diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«</p> + +<p>»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.</p> + +<p>»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr, +»mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei +Meilen lang sind.«</p> + +<p>»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho, +»daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen +sind, und was Ihr für die Arme haltet, +sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch +der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«</p> + +<p>»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote, +»daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert +bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so +gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> +dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche +Schlacht mit ihnen beginne.«</p> + +<p>Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante +die Sporen, ohne auf die Stimme seines +Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer +nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht +Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er +war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder +nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte, +noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie +standen, nahe gekommen war, worauf er mit +lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen +und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger +Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich +erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel +in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr +ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme +aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch +bezahlen!« Und indem er dies sagte und +sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea +empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit +zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der +Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante +im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los +und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den +der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze +in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große +Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.</p> + +<p>Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit +seines Esels herbei, und als er hinzu kam, +fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte, +so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan +hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet, +was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären, +die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber +welche im Kopfe hat!« — »Gib dich zur Ruhe, +Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist +Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen +einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr, +da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß +eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und +meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese +Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm +ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die +Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich, +endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten +nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«</p> + +<p>»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho +Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf +er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder +ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie +sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten, +den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte +Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer +geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über +den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und +indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach, +sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben, +daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas +genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang, +er einen gewaltigen Zweig oder Ast von +einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage +solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug, +daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> +von welcher Begebenheit sich auch späterhin +seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten. +Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der +ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke, +der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem +ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn +gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu +auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge +von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben +können.«</p> + +<p>»Das gebe Gott!« sagte Sancho, »ich glaube +auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber +setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mich dünkt, +Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein +Malzeichen von dem Falle.«</p> + +<p>»Es ist wahr,« antwortete Don Quijote, »und +wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es +nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist, +über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst +die Eingeweide hindurch kämen.«</p> + +<p>»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen +sagen,« antwortete Sancho, »aber das weiß Gott, +daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet, +falls es euch irgendwo weh tut; von mir kann ich +versichern, daß ich mich über den allerkleinsten +Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister +der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie +nicht klagen dürfen.«</p> + +<p>Don Quijote mußte über die Einfalt seines +Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich +beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe, +denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil +in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> +sagte, er bemerke, daß es Zeit sei, zu essen. Sein +Herr erwiderte, daß er es noch nicht bedürfe, daß +er aber essen könne so viel er wolle. Mit dieser +Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so +bequem ein als er nur konnte; er nahm aus dem +Schnappsack was er hineingepackt hatte, und so +folgte er reitend und essend seinem Herrn eine +große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den +Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund +setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga +hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog +und die Schlückchen immer schneller wiederholte, +gedachte er keines Versprechens mehr, das +ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für +keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung, +herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen, +wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.</p> + +<p>Sie mußten endlich die Nacht unter einigen +Bäumen zubringen, und von dem einen Baume +brach Don Quijote einen trocknen Zweig ab, der +ihm zur Lanze dienen sollte, an den er auch das +Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen +übrig geblieben war. Don Quijote schlief die ganze +Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin +Dulzinea, um es nachzutun, was er in +seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf +viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten +und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen +unterhielten. Nicht also trieb es Sancho +Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit +keinem Habersüppchen angefüllt hatte, die ganze +Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher +nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> +aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die +ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der +Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange +die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten +es nicht. Als er sich ermuntert hatte, +schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei +er ihn viel eingefallner fand als den Abend +vorher und sich von Herzen darüber betrübte, +weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege +seine Auszehrung würden heilen können. Don Quijote +begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie +schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten +hatte.</p> + +<p>Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapize +zu, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang +entdeckten. »Hier,« rief Don Quijote, als +er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir +die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das +tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm, +daß, wenn du mich auch in der allergrößten +Gefahr erblicken solltest, du doch niemalen die Hand +an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen, +außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom +Pöbel oder gemeinem Volke beleidigt würde, in +einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehn: +sind es aber Ritter, so ist es dir nach den +Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt, +mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen +bist.«</p> + +<p>»Seid versichert, gnädiger Herr,« antwortete +Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam +leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich +nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge;<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> +aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen +wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen +nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze +erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn +ihm was zuleide geschieht.«</p> + +<p>»Das leugne ich auch gar nicht,« antwortete Don +Quijote, »nur in dem Umstande, daß du mir nicht +gegen Ritter beistehn darfst, sollst du deine natürliche +Hitze bändigen.«</p> + +<p>»Ich sage ja auch, daß ich es tun will,« antwortete +Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so +genau halten will wie den Sonntag.«</p> + +<p>Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege +zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt, +die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner +waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie +trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine +Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei +Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche +war, wie man nachher erfuhr, eine Biscajische +Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste, +der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien +ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich +dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don +Quijote gesehen, als er zu seinem Stallmeister +sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das +berühmteste Abenteuer, das jemalen gesehen worden, +denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen, +mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer, +die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin +fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr +nach meinem vollen Vermögen zu steuern.«</p> + +<p>»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> +Windmühlen,« sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr, +das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der +Kutsche sind wohl andere reisende Leute. Hört, was +ich sage, und seht was es ist, daß Euch der Teufel +nicht einen Irrtum macht.«</p> + +<p>»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt,« antwortete +Don Quijote, »daß du wenig von der Natur der +Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie +du sogleich gewahr werden sollst.«</p> + +<p>Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich +in die Mitte des Weges, den die Patres kamen, +und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen +konnten, sagte er mit lauter Stimme:</p> + +<p>»Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt +die erhabnen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt +in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid +gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer +Übeltaten zu empfangen!«</p> + +<p>Die Patres hielten an und verwunderten sich +sowohl über Don Quijotes Gestalt, als auch über +seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr +Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern +zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre +Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche +mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder +nicht.«</p> + +<p>»Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn +ich kenne euch Lügenbrut,« sprach Don Quijote; +und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte +er den Rosinante und griff mit solcher Wut und +Keckheit den vordersten Mönch mit eingesenkter +Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende +vom Maultier geworfen, er ihn übel von seiner<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> +Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar +getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward, +wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine +Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers +und fing an, leichter als der Wind, über das Feld +zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der +Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel +ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider +auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche +kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen +auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses +rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die +sein Herr Don Quijote gewonnen habe. Die Jungen, +die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten, +was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle, +und Don Quijote weit ab von sich erblickten, der +mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho, +schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare +aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so +übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der +Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten, +stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesicht, +wieder auf sein Maultier und trabte, so wie +er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in +einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag +dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter +den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten +sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze, +als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre.</p> + +<p>Don Quijote befand sich, wie schon gemeldet, +bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure +Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit +ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten,<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> +denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden +gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines +Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den +Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß +ich Don Quijote von la Mancha bin, irrender Ritter +und Abenteurer, Gefangener der unvergleichlichen +und schönen Donna Dulzinea von Toboso; zum +Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen, +begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso +kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert +und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung +getan.«</p> + +<p>Alles, was Don Quijote sagte, hörte ein Stallmeister, +der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein +Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den +Wagen nicht wollte fort lassen, wenn er nicht den +Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so +machte er sich an Don Quijote, und indem er die +Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen +und noch schlechteren biskayischen Sprache: +»Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott, +an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich +so schlachten, als wärst du Biskayer!«</p> + +<p>Don Quijote verstand seine Meinung wohl und +antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein +Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für +deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt, +du dienender Sklave!«</p> + +<p>Der Biskayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter? +Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ! +Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst +sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen;<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> +Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann +zum Teufel und lügst, sagst du's anders!«</p> + +<p>»Du wirst es plötzlich schauen, wie Agrages +sagt,« antwortete Don Quijote und zugleich warf +er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert, +legte den Schild vor und griff den Biskayer mit +dem Vorsatz an, ihm das Leben zu nehmen. Der +Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von +dem Maultier absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes +war, auf das er sich nicht verlassen +konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen +zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche +nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm +zum Schilde diente und nun gingen die beiden gegen +einander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen. +Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber +vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen +schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht +nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle +andern tot machen wollte, die ihn stören würden. +Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah, +erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas +beiseite zu fahren und so wollte sie von weitem +dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.</p> + +<p>Zum Anbeginn gab der Biskayer dem Don +Quijote über der Schulter und über dem Schilde +einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild +nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den +Gürtel gespalten wäre. Don Quijote, der das Gewicht +dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit +lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea! +Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter, +der Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> +in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies +sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem +Schild schirmen und auf den Biskayer zustürzen, +tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf +das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu +lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen +sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und +war willens, es eben wie Don Quijote zu machen. +Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt, +wobei er sein Maultier weder auf die eine noch +die andere Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit +und auch weil es an dergleichen Possen nicht +gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.</p> + +<p>Also, wie gemeldet, rannte Don Quijote gegen +den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen +und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen. +Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert +geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle +Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich +aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit +denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame +in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen +Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend +Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus +einer so großen Gefahr erretten möge. — — —</p> + +<p>Schade aber ist es, daß gerade bei dieser Stelle +der Autor abbricht und diesen Zweikampf mit der +Entschuldigung unausgemacht läßt, daß er nichts +weiteres von Don Quijotes Taten vorgefunden, als +was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor +dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß +eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit +soll überliefert sein oder daß die herrlichen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> +Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben +sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in +einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften, +die von diesem berühmten Ritter Meldung tun. +Diesen Gedanken nährte ich und hoffte demnach, +den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen, +welches mir auch, unter Begünstigung des Himmels, +auf folgende Weise gelungen ist, die ich im zweiten +Teil erzählen will. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> + + +<h2><em class="gesperrt">Zweites Buch</em></h2> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den<br> +der wackere Biskayer und der tapfere<br> +Manchaner hielten</span></h3> +</div> + + +<p>Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den +tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote +mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend, +zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn +sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf +teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel +entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren +Moment stand die treffliche Geschichte still +und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht +gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen +könne.</p> + +<p>Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das +Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte +sich in Mißvergnügen, wenn ich an die +Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden +müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen +Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien +mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten +Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser +sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen, +seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran +es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> +denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre +Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen +oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine +Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken +und Kindereien ausmalten, wenn sie auch +noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern +Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen, +daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und +andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher +nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so +brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben, +sondern ich schob die ganze Schuld auf die +Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie +verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte.</p> + +<p>Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich +unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung +der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von +Henares befanden, so müsse auch die Historie selber +neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben +existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines +Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser +Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die +ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben +und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen +Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des +Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft, +des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser +bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung +irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten, +den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu +beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren +Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen +über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> +Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn +sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen +Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen +wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit +sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen +hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden, +wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte, +daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen +Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche +Lobpreisungen verdiene; die Arbeit +und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß +dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden +mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß, +wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden +hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren +würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und +Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen, +wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese +Geschichte auf folgende Weise.</p> + +<p>Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo, +da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und +Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen +wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu +lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der +Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen +Neigung, nahm einige Blätter von denen, die +der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die +arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben, +konnte sie aber nicht lesen und sah mich +also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie +mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen +Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl +welche für unverständlichere und ältere Sprachen<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> +finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei, +gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm +das Buch in die Hand gab; er schlug es in der +Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing +er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache, +und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche +als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei. +Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein +Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich +gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea +von Toboso, die so oftmals in dieser Historie +genannt wird, hatte nach Berichten unter allen +Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand, +Schweinefleisch einzupökeln.«</p> + +<p>Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war +ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich +ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte +des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken +bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen, +er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische +übersetzte, folgendermaßen: Historia des +Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide +Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es +war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen +zu verbergen, da ich den Titel des Buches +hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte +von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere +um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt +hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären, +wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen +können.</p> + +<p>Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das +Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> +ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote +handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas +auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte, +wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit +fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen +zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell +zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern +und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu +geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo +er in ungefähr einem und einem halben Monat +alles so übersetzte, wie man es hier findet.</p> + +<p>Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht +mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt, +sie standen in derselben Stellung, wie sie die +Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser +mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt; +zugleich war das Maultier des Biskayers +so täuschend abgebildet, daß man es auf einen +Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte. +Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben, +Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich +sein Name war, unter Rosinantes Füßen +war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don +Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig +abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen, +mit einem so hervorstehenden Rückgrad +und einem so anständigen Betragen, daß er beim +Beschauen bewies, wie passend und mit welcher +Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei. +Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am +Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein +Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und +wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> +einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und +sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den +Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide +Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden. +Ich könnte noch einige andere Abweichungen +anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine +tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag, +sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in +ein helleres Licht setzt.</p> + +<p>Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit +nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser +ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich +sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr +unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß +manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies +scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn +wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen +des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte, +geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber +hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger +Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau +sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz +noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe +dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten, +deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin +der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen, +Beispiel und Rat des Gegenwärtigen, +Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man +nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen +Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin +mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld +an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> +Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der +Übersetzung folgendermaßen an. — — —</p> + +<p>Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter +der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer, +die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu +dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und +ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war +der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend +ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs +gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend +war, dem edlen Mute und allen künftigen +Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen; +aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte, +drehte das Schwert seines Gegners, so daß +es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter +keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze +Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege +einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des +Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen +Gekrach auf die Erde stürzte und eine +Strecke weit wegflog.</p> + +<p>Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut +genügend zu beschreiben, die das Herz unseres +Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah! +Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der +Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob, +das Schwert mit beiden Händen faßte und +damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet +jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert +war, trotz diesem herrlichen Schirme der +Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus +der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und +er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> +auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den +Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die +Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das +Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht, +lief übers Feld und warf seinen Herrn mit +wenigen Kapriolen auf den Boden.</p> + +<p>Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies +alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom +Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die +Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle, +sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen +solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein +da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre +ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind, +wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin +mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten, +herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten, +ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und +ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.</p> + +<p>Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster +und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen, +bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die +Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß +dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe +Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen +Donna Dulzinea zu präsentieren, +damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten +möge.«</p> + +<p>Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne +sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen +oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen, +versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> +werde, was man ihm gebiete. — »So sei es denn +im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein +Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden +sein kann.«</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em><br> +<span class="s5">Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho<br> +Pansa, seinem Stallmeister</span></h3> +</div> + + +<p>Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den +die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er +hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam +zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet, +daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen +lassen möge, über welche er ihn, seinem +Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne. +Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war +und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen +wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu +halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf +er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte +sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr +Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der +Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen +Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich +fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz +einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert +hat.«</p> + +<p>Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend, +Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche, +keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer +sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> +Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld, +es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht +nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr +eintragen sollen.«</p> + +<p>Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die +Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen +Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem +Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der +Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes +Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe +seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß +er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut +zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don +Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an, +bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf, +als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut, +Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn +da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen +habt, so ist er imstande, alles der heiligen +Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben +die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig +der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns +wieder herauslassen.«</p> + +<p>»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann +hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender +Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er +auch tausend Homizidien begangen hätte.«</p> + +<p>»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete +Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf +keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die +heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich +auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich +nichts an.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<p>»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete +Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der +Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten +wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl +einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen +bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den +Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen +hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr +Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit +zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«</p> + +<p>»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß +ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich +kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich +behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als +Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht +gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit +nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt +habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu +kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut, +ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im +Schnappsack.«</p> + +<p>»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn +ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von +dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem +einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin +ersparen.«</p> + +<p>»Was für eine Flasche und was für ein Balsam +ist das?« fragte Sancho Pansa.</p> + +<p>»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von +welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so +beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu +fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> +besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige +und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu +tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten +durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet), +die Hälfte des Körpers, die auf den Boden +gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe +das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im +Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und +gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei +Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und +du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein +Fisch.«</p> + +<p>»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich +mich der Regierung der versprochenen Insel begeben, +und ich verlange zum Lohn meiner vielen +und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr +mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes +mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze +wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr +brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und +lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen, +ob es ihn zu machen viel kosten wird.«</p> + +<p>»Mit weniger als für drei Realen kannst du +drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.</p> + +<p>»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht +Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«</p> + +<p>»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote, +»noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch +größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt +wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr +schmerzt mich mehr als ich es sage.«</p> + +<p>Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und +Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> +verdorben war, wollte er unsinnig werden; er +legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen +zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim +Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien, +wo sie am umständlichsten geschrieben +stehen, eben das Leben zu führen, welches der +große Marquis von Mantua führte, als er schwur, +den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches +darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit +seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen +Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die +ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige +Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf +erwiesen.«</p> + +<p>Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt, +mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der +Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich +hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von +Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan +hat, was ihm zukömmt, und also keine andere +Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen +begeht.«</p> + +<p>»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete +Don Quijote, »ich vernichte also den Eid, +insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber +ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte +Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem +Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser +ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses +vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich +das nach, was sich in Ansehung des Helmes +des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar +war.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese +Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit +zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen! +Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen +Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen +Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen +wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit +und Drückendes hat, wie in den Kleidern +zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren, +nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem +Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis +von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in +Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr, +daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten +Männer reisen, die gar keine Helme tragen, +ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen +Helm haben nennen hören.«</p> + +<p>»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote, +»denn nicht zwei Stunden werden wir auf den +Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen, +als nach Albraca kamen, um Angelika, +die schöne, zu entsetzen.«</p> + +<p>»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho, +»und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und +daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen, +die mir so köstlich ist; dann will ich +sterben.«</p> + +<p>»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls +unbekümmert sein darfst, denn wenn uns +auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die +Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir +wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und +die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> +dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses +der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem +Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen +wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese +Nacht herbergen und den Balsam machen können, +von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir +zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«</p> + +<p>Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig +Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und +sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für +einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind +schicken.«</p> + +<p>»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don +Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der +irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate +nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das, +was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon +versichert sein, wenn du so viele Historien wie +ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge +habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden, +daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es +sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett +anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen +Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich +wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne +die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten, +denn sie waren eben solche Menschen wie wir es +sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die +meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, +und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß +ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen +Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben +anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> +etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die +Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus +ihren Angeln heben willst.«</p> + +<p>»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte +Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder +lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum +keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich +will aber künftig den Schnappsack mit aller Art +von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr +ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin, +will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die +kernigter und gewichtiger sind.«</p> + +<p>»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don +Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien, +nichts als die Früchte zu essen, von denen du da +sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt +darin und in etlichen Kräutern bestand, die +sie im Felde fanden und kannten und welche ich +ebenfalls kenne.«</p> + +<p>»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit +solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir +vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen, +wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft +Nutzen zu ziehen.«</p> + +<p>Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte +und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da +sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo +sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten +sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit. +Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um +noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen; +aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> +das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei +einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden, +bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war +sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht +hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter +freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte +durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht +mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine +Ritterschaft beweisen könne.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten<br> +begegnete</span></h3> +</div> + + +<p>Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig +aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich +tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt +hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken +Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel +kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch +zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie +ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu +führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt, +daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf +der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald +ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die +beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig +war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich +ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden, +nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten +Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge +niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> +setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher +herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als +ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit +du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft +mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind, +die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen, +damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet +und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite +und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt, +daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch +dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus +meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke. +Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche +sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie +alle Dinge gleich macht.«</p> + +<p>»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß +Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was +Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für +mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser +zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die +Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und +Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne +Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, +wenn ich nur langsam kauen soll, wenig +trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen +muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die +Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit +der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger +Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt, +da ich ein Diener und Zubehör der irrenden +Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber +in was anderes verwandeln, das mir bequemer und +nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> +empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in +Ewigkeit.«</p> + +<p>»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der +Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und +zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit +Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen +von diesem Rotwelsch der Edelknaben und +irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und +beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende +Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.</p> + +<p>Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht +legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln, +wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war, +als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn +war auch nicht müßig, denn es ging häufig +herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer +an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden +preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.</p> + +<p>Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll +Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete +hierauf seinen Mund zu folgenden Worten: +»O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem +unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten, +nicht weil man damals das Gold, welches +in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in +jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann, +sondern weil unter denen, die damals lebten, die +beiden Wörter mein und dein unbekannt waren. +In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein, +keiner durfte für seinen gewöhnlichen +Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken, +um sie von den starken Eichen zu pflücken, +die einladend und freigebig die süße und gesunde<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> +Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer +und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen +Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum +Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen +bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren +Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur +Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen +Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung +des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her, +womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen +ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit +des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe, +Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des +gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen +Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und +zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von +allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was +zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder +diente. Damals schweiften die einfältigen und +schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel +zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter +bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die +Tugend damals und immer zu verhüllen geboten +hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt +geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig +zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne +Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der +sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt +unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen, +die der sinnende Müßiggang erzeugt. +Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der +werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und +suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> +köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit +waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt. +Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit, +weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu +irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen. +Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter, +denn keiner richtete damals und keiner wurde +gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie +schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich +selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und +keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und +aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber +in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend +sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth +verborgen und verschlossen hielte: denn auch +dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte, +listerfüllte Begier hinein und vereitelt +und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit +wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der +anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter +begründet, um Jungfrauen zu verteidigen, +Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen +beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr +Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme +und den freundlichen Willkommen danke, welche sie +mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich +das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet, +den irrenden Rittern freundlich zu sein, so +habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen, +aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich +Euch um so mehr.«</p> + +<p>Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte +unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> +die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter +erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten +diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm, +ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und +Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still, +aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten +Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten, +an einen Korkbaum gehängt hatten.</p> + +<p>Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war +vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte +nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen +könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch +gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so +wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen +machen, daß einer von unseren Kameraden singen +soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer, +klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein +lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant +auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher +wünschen kann.«</p> + +<p>Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man +den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch +der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr +zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden +Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon +zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja. +Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte, +sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio, +den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser +Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und +hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen. +Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt, +und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> +als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen +die Freude und spiele und singe die Romanze, +die dir dein Oheim gemacht hat und die +dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« — »Sehr gern,« +sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu +lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen +Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich +mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:</p> + +<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Antonio</em>.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst,</div> + <div class="verse indent0">Wenn du kein einziges Wörtchen sagst --</div> + <div class="verse indent0">Mir nicht einmal ein Blickchen gibst,</div> + <div class="verse indent0">Der Liebe stummredende Sprache.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich weiß, daß du ein verständiges Kind,</div> + <div class="verse indent0">Daß du mich liebst, macht's wieder kund,</div> + <div class="verse indent0">Der weiß, wie der andre ihm gesinnt</div> + <div class="verse indent0">Macht ja immer den glücklichsten Bund.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Oft freilich, wollt' es sich weisen</div> + <div class="verse indent0">Olalla, deutlich genug,</div> + <div class="verse indent0">Daß wohl deine Seele von Eisen --</div> + <div class="verse indent0">Von Stein deine milchweiße Brust.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aber sie alle ja deine Reden,</div> + <div class="verse indent0">Die Worte, womit du mich strafst,</div> + <div class="verse indent0">Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden,</div> + <div class="verse indent0">Die lallten mir Trost zu im Schlaf.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen,</div> + <div class="verse indent0">Kam meine Liebe dir immer zurück,</div> + <div class="verse indent0">Sie verminderte niemals dein Keifen,</div> + <div class="verse indent0">Sie vermehrte kein freundlicher Blick.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wenn Liebe wohl immer ist<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> artig,</div> + <div class="verse indent0">Und artig bist du gewiß,</div> + <div class="verse indent0">So tröst' ich mich, Monate wart' ich</div> + <div class="verse indent0">Und endlich doch liebest du mich.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wenn Dienste es können bezeugen</div> + <div class="verse indent0">Daß man im Herzen gerührt,</div> + <div class="verse indent0">So will ich nicht alle verschweigen,</div> + <div class="verse indent0">Die ich für dich ausgeführt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Denn, wenn du geachtet so weit,</div> + <div class="verse indent0">So hast du mich oftmals gesehn</div> + <div class="verse indent0">In meinem schön' Sonntagskleid</div> + <div class="verse indent0">Am Montage selber noch gehn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es gehn ja das Putzen und Liebe</div> + <div class="verse indent0">Wohl immer Hand in Hand,</div> + <div class="verse indent0">Und daß ich dir angenehm bliebe</div> + <div class="verse indent0">Drum habe so viel aufgewandt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dir zuliebe so laß ich das Tanzen,</div> + <div class="verse indent0">Musizieren und auch Reimerei,</div> + <div class="verse indent0">Da ich sonst immer gesungen</div> + <div class="verse indent0">Schon vom ersten Hahnengeschrei.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Unerwähnt, wie die Lippen dich loben,</div> + <div class="verse indent0">Wie schön und trefflich du bist,</div> + <div class="verse indent0">Daß manch andre deshalben toben</div> + <div class="verse indent0">Wenn alles auch Wahrheit ist.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So wollte Therese von Berrocal</div> + <div class="verse indent0">Als ich dich lobte, mich strafen.</div> + <div class="verse indent0">Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal,</div> + <div class="verse indent0">Er denkt's, ja er liebt<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> einen Affen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das machen die Bänder, die bunten,</div> + <div class="verse indent0">Die falschen Haar' auf dem Kopf,</div> + <div class="verse indent0">Ist keine Schönheit dadrunten,</div> + <div class="verse indent0">Sie machen die Liebe zum Tropf.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig,</div> + <div class="verse indent0">Da trat ihr Vetter ihr bei,</div> + <div class="verse indent0">Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne,</div> + <div class="verse indent0">Was er tat, was ich tat dabei.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zum Spaße will ich nicht hofieren,</div> + <div class="verse indent0">Ich diene dir nimmer darum</div> + <div class="verse indent0">Daß ich dich möchte verführen,</div> + <div class="verse indent0">Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Joch hat die heilige Kirche,</div> + <div class="verse indent0">Für mich nur ein Faden von Seiden,</div> + <div class="verse indent0">Gefällt dir's da drinne zu wallen,</div> + <div class="verse indent0">So folg' ich mit zehntausend Freuden.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Tust du's nicht, so schwört es dir heilig</div> + <div class="verse indent0">Dein treuster und herzlichster Diener,</div> + <div class="verse indent0">Aus den Bergen entflieh ich hier eilig,</div> + <div class="verse indent0">Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don +Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho +Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr +daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte +also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich +nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen +wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten +Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die +Nacht mit Singen hinzubringen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> + +<p>»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche +beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf +als durch Musik verlangen.«</p> + +<p>»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,« +antwortete Sancho.</p> + +<p>»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote; +»suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von +meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei +alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn +du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es +schmerzt mich mehr als billig.«</p> + +<p>Sancho tat, was er befahl, da aber einer von +den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er, +es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen. +Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien, +der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit +etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er +versicherte, daß es nun keiner andern Medizin +brauche, wie es sich auch befand.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft<br> +erzählte</span></h3> +</div> + + +<p>Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen, +die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu +und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im +Dorfe los ist?« — »Wie sollen wir es wissen?« +sagte einer von den andern. — »Nun, so will ich +euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute +früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> +gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus +Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben, +der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in +Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«</p> + +<p>»Für die Marcella!« rief der eine aus.</p> + +<p>»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt, +»und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem +Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem +Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar +am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den +Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle +zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr +dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher +sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht +zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein +guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der +sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie +müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen +habe und nichts dürfe fehlen, und darüber +ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber +sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen, +was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine +Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er +nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich +glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich +wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn +ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«</p> + +<p>»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten, +»und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben +und alle Ziegen hüten soll.«</p> + +<p>»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr +braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich +will für euch alle hierbleiben; und das ist keine<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> +Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre, +sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich +mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht +laufen kann.«</p> + +<p>»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete +Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der +Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte: +»Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines +reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von +unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele +Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in +sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig +gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe +er die Wissenschaft von den Sternen inne und was +dort am Himmel Sonne und Mond machten, und +buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von +Sonne und Mond vorher.«</p> + +<p>»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht +Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert +werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro, +ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so +in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen, +ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«</p> + +<p>»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,« +rief Don Quijote.</p> + +<p>»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das +ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's +erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr +reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten +alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr +sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen +säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> +Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät +kein Tropfen.«</p> + +<p>»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte +Don Quijote.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete +Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte +und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate +vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen +war, als er eines Tages mit einem Male +als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem +Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug, +war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer +sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren +sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen, +Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene +ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen, +so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen +Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für +die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe +hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß +sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe +die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer +angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten +es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf +diese närrische Abänderung verfallen wären. Um +die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus +gestorben, und er erbte von ihm einen +Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke +und eine ziemliche Menge von großem und +kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über +das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er +verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle, +mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> +Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein +mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er +seine Tracht verändert hatte, und es war nichts +anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin +Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher +genannt hat und in die sich der arme gestorbene +Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch +auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es +wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht, +gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures +Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr +als Ysop erleben solltet.«</p> + +<p>»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es +nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die +Namen verstümmelte.</p> + +<p>»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro +aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn +wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«</p> + +<p>»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don +Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied +zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen; +aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn +Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt +nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun +nicht weiter unterbrechen.«</p> + +<p>»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der +Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer, +der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus +und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst +seinem vielen und großen Vermögen auch eine +Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter +starb, die wohl das herrlichste Weib war hier +weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> +vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne +und auf der andern der Mond stand, und dabei +war sie so arbeitsam und gegen die Armen so +mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt +jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus +Gram über den Tod einer solchen braven Frau +starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge +und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht +eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist. +Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir +immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein +schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die +Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es +auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn +Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht +Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen +hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie +bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen +und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von +ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß +deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht +nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen +in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen +der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde, +daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber, +der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie +auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre +hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung +tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor +Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen +des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe. +Und wahrlich, das wird zum Lobe des +braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt.<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> +Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man +in kleinen Dörfern über alles spricht und über +alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es +für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz +erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder +dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends +auf dem Lande.«</p> + +<p>»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote; +»aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und +Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«</p> + +<p>»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß +alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist +die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der +Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften +eines jeden auseinandersetzte, der sie zur +Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und +daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte. +Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch +nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und +unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies +schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der +Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete +darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich +dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen +möchte. Denn er behauptete, und das mit +Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren +Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages, +als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige +Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an +ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu +kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen +Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre +Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> +und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es +sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte, +Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus +anlegten und ihr durch die Felder nachzogen. +Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war +unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie +nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß +aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer +so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei +sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht +steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn +erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur +etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht +so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr +dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner +gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können, +daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben +hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen +aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft +und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie +geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis +irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt, +und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten +sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt +sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und +mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande +mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche, +denn ihre Freundlichkeit und Schönheit +zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an, +und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie +in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts +weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme +die Grausame und Undankbare nennen, nebst<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> +anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für +ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn +Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten +wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge +und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen, +die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein +Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen; +davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der +Name Marzella gegraben und geschrieben wäre; +zum Überfluß haben einige noch eine Krone in +denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber +ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß +Marzella unter allen schönen Mädchen allein die +Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein +Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt +man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle +Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am +Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne +daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre +Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am +Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre +Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen +in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden +auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken +dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und +über diesen und jenen sowie über jene und diese +triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle, +die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet, +was aus ihrem Übermute werden soll und wer +der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche +Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit +genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt +habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> +ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom +Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch +auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der +Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu +sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der +Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe +Meile von hier.«</p> + +<p>»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don +Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen, +welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen +Geschichte gemacht habt.«</p> + +<p>»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die +Hälfte von alledem, was den Liebhabern der +Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber +morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles +sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr +Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die +freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich +bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger +Zufall mehr zu befürchten ist.«</p> + +<p>Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen +Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat +seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte +möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte +den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an +seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener +Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es +sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem +und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter, +sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte +erlitten hatte.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella<br> +beschlossen, nebst anderen Begebenheiten</span></h3> +</div> + + +<p>Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des +Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden, +Don Quijote ermunterten und ihm sagten, +daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne, +wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis +des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der +es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich +zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit +vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den +Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile +fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern +zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad +kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen +und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte +in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme, +und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu +Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei +Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie +zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer +fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich +erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten, +worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer +von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter +sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß +die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei, +um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches +wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den +Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> +sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig +sein muß.«</p> + +<p>»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo, +»und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern +wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«</p> + +<p>Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella +und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf +der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen +Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt +habe, aus welcher sie in Trauerkleidern +gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von +der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella +erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie +bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus +nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz, +er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von +Pedro gehört hatte.</p> + +<p>Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein +andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte, +fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf +diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land +zöge.</p> + +<p>Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe, +welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere +Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und +Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen, +aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast +werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die +irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger +mich zu den niedrigsten zähle.«</p> + +<p>Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn +auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu +sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> +sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen +irrenden Rittern?«</p> + +<p>»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote, +»die Annalen und Historien von England gelesen?, +in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus +erzählt werden, den wir in unserer Sprache +gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem +eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien +geht, daß er nicht gestorben, sondern +durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei, +und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren, +seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen +werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener +Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet +hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde +der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde +gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel, +die vom Don Lanzarote vom See mit der +Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin +und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona +war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm +Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Niemals ward ein edler Bote</div> + <div class="verse indent0">So bedient von Damen süß,</div> + <div class="verse indent0">Wie der große Lanzarote</div> + <div class="verse indent0">Da er einst Bretagna ließ.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von +seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt. +Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft +und erstreckte sich durch viele und verschiedene +Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt +und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> +Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen +der tapfere Felixmarte von Hircania und +der niemals genug gepriesene Tirante der Weise, +und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir +ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und +wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese, +meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn +beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den +auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten +lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben +suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden +Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß +meinen Arm und meine Person der größten +Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir +nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen +zuschicken kann.«</p> + +<p>Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends, +daß es Don Quijote am Verstande fehle, so +wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit +er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten +wie alle diejenigen, die dies an ihm zum +ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger +Mann und von fröhlichem Temperament +war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm +zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle +hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch +mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher: +»Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner +Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen, +die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube, +daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen +Stand haben.«</p> + +<p>»So strenge mag hingehen,« antwortete unser<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> +Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen +die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen +Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen +soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns +ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann, +der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen, +die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom +Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und +Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten +es mit der Stärke unseres Armes und mit den +Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache +bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den +fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und +dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind +wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch +den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und +alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht, +nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung +gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen, +welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr +Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher +Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht +sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken, +daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm +sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich +will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger +und beschwerlicher, hungriger und durstiger, +elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich +zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im +Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren +haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich +durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern +emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> +Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen, +die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise +beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre +Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten +Hoffnungen vereitelt sein.«</p> + +<p>»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der +Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein +Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich +mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein +großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen, +in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr +erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht +dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem +guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren +unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame +so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott +wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem +Heidentume.«</p> + +<p>»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses +darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden +Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen +übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch +und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der +irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat +unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd +und liebevoll die Augen auf sie heftet, als +flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge +in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt; +ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine +Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen +und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon +auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt +werden. Damit aber muß man nicht glauben,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> +daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen +sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen, +dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe +des Werkes verrichten.«</p> + +<p>»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe +ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals +gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von +einer und der andern Seite der Zorn entbrennt, +sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes +zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du +nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander +losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen. +Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß +der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der +Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere +auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich +nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich +nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll, +sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott +zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die +Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame +empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ +eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies +glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen +haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht +alle sind verliebt.«</p> + +<p>»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote. +»Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden +Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es +so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem +Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß +es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter +ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> +geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter, +sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die +Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die +Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber +und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«</p> + +<p>»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube +ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß +Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von +Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er +sich empfehlen konnte, und doch ward er darum +nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus +mannhafter und berühmter Ritter.«</p> + +<p>Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein +Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, +um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser +Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen +Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber +dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte. +Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß +er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren +hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich, +empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr +geheimnisvoller Ritter zu sein.«</p> + +<p>»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der +irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so +kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da +Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun +also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin, +so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte +ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft +und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft +und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie +muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> +daß sie von einem so vorzüglichen Ritter, +wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«</p> + +<p>Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer +und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr, +der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt +erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel +sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren, +daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso, +ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens +Prinzessin sein, da sie meine Königin und +Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich, +denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen +und erträumten Schönheitsideale, die die +Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist +golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre +Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen, +ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, +Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor +die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der +Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem +menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung +so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen +köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«</p> + +<p>»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft +wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.</p> + +<p>Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt +nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen +Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den +Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes +von Katalonien, ebensowenig von den +Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas, +Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones, +Urreas, Foces und Gurreas von Arragon;<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> +den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans +von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses +von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de +la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten +Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren +edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere +man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung +geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen +der Waffen des Orlando schrieb:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Keiner soll sie berühren,</div> + <div class="verse indent0">Der sich nicht unterfängt</div> + <div class="verse indent0">Mit Roldan Streit zu führen.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>»Mein Stamm ist von den Cachopines von +Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe +mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von +la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit +gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals +zu Ohren gekommen.«</p> + +<p>»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don +Quijote.</p> + +<p>Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der +beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und +selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an +unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes. +Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte, +für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf +gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von +Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals +hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin +etwas gehört, so nahe er auch an Toboso +lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen, +als sie zwischen dem Risse von zwei hohen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> +Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in +Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen +von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs +von ihnen gingen unter einer Trage, die mit +mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war. +Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte +er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus +tragen und am Fuße des Felsens, da ist die +Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«</p> + +<p>Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und +sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die +Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen +mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite +eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte +sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle, +die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre, +auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie +ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig +Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines +schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um +ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und +viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle +Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten, +beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von +den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius, +ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich +Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles +buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem +Testament verordnet hat.«</p> + +<p>»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh, +wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier +die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er +mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> +des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst +seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er +von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung, +wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben +Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun +als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der +ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«</p> + +<p>Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und +die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam, +edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen +betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel +mit seinen reichsten Geschenken geschmückt +hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus, +der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten +im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit, +ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne +Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein +zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die +den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite +in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte +und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt, +er flehte zu einer Unmenschlichen, seine +Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den +tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er +diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung +gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine +Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine +Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen +wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen +leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen, +die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie +dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der +Erde überliefert ist.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<p>»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und +grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener +Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig, +einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle +Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals +gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung +dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der +göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl. +Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam +Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt +Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit +zu übergeben, wenn er es im Unwillen +so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr +es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr, +daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer +das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe, +damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur +Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund +zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen +sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und +unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft +zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie +wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden +befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt +sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der +Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe +und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel +erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen +Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem +sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren +wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben +werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen +wir unsere gerade Straße, um das mit Augen<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> +zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt +hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und +des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich +wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens +bitte ich dich dringend darum, diese Papiere +nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu +überlassen.«</p> + +<p>Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten, +streckte er die Hand aus und faßte einige, +die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius +sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr +die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt, +aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht, +daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.« +Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere +enthielten, schlug eins davon auf und sah die +Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius +das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte, +was der Unglückselige geschrieben hat, und damit +Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset +dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit +dem Grabe fertig werden.«</p> + +<p>»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da +die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten +sie sich um ihn und er las mit lauter +Stimme folgendes Gedicht ab.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst<br> +anderen unverhofften Begebenheiten</span></h3> +</div> + +<p class="center">Gedicht des Chrysostomus</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden,</div> + <div class="verse indent0">Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme,</div> + <div class="verse indent0">Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zur Hölle selbst will ich die Wege finden,</div> + <div class="verse indent0">Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme,</div> + <div class="verse indent0">Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen,</div> + <div class="verse indent0">Mein Leiden, deine Taten zu besingen,</div> + <div class="verse indent0">Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden,</div> + <div class="verse indent0">Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden,</div> + <div class="verse indent0">Im armen Busen seufzend widerklingen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So höre denn, und lausche meinen Tönen,</div> + <div class="verse indent0">Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen,</div> + <div class="verse indent0">So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen,</div> + <div class="verse indent0">Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer,</div> + <div class="verse indent0">Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen,</div> + <div class="verse indent0">Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen</div> + <div class="verse indent0">Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen</div> + <div class="verse indent0">Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen</div> + <div class="verse indent0">Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen:<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Gegirr der Witwentauben in den Klausen,</div> + <div class="verse indent0">Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde</div> + <div class="verse indent0">Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne</div> + <div class="verse indent0">Der gattenlosen Eule, Klagetöne</div> + <div class="verse indent0">Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O klingt, und helft mir meine Klagen weinen,</div> + <div class="verse indent0">Daß alle sich zu einem Ton vereinen,</div> + <div class="verse indent0">In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen,</div> + <div class="verse indent0">Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden,</div> + <div class="verse indent0">Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nie schallten noch so laute Klagen wider</div> + <div class="verse indent0">Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen,</div> + <div class="verse indent0">Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch tönten dort so viele Jammerlieder</div> + <div class="verse indent0">Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen,</div> + <div class="verse indent0">In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Einsame, sichre Tale, o ihr weiten</div> + <div class="verse indent0">Einöden, die kein Menschenfuß versehret;</div> + <div class="verse indent0">Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze,</div> + <div class="verse indent0">Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze,</div> + <div class="verse indent0">Die Natter sich im feuchten Schatten nähret:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du Widerhall in diesen Wüsteneien,</div> + <div class="verse indent0">Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien,</div> + <div class="verse indent0">Von ihrem unerhörten harten Sinne,</div> + <div class="verse indent0">Daß ihn die ganze weite Welt erkundet,</div> + <div class="verse indent0">Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Verachtung tötet, durch des Argwohns herben</div> + <div class="verse indent0">Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren;</div> + <div class="verse indent0">Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen:<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Liebende muß an der Trennung sterben:</div> + <div class="verse indent0">Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren,</div> + <div class="verse indent0">Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen;</div> + <div class="verse indent0">Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben,</div> + <div class="verse indent0">Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet</div> + <div class="verse indent0">Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret:</div> + <div class="verse indent0">Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und unter allen Martern läßt das Hoffen</div> + <div class="verse indent0">Mir nach dem Lichte keine Spalte offen:</div> + <div class="verse indent0">Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören;</div> + <div class="verse indent0">Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich</div> + <div class="verse indent0">Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer kann zugleich in einem Augenblicke</div> + <div class="verse indent0">Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren!</div> + <div class="verse indent0">Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke,</div> + <div class="verse indent0">Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren,</div> + <div class="verse indent0">Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet,</div> + <div class="verse indent0">Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen?</div> + <div class="verse indent0">Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen?</div> + <div class="verse indent0">Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet:</div> + <div class="verse indent0">Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet;</div> + <div class="verse indent0">Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände.</div> + <div class="verse indent0">Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget</div> + <div class="verse indent0">Verbittert dein Andenken auch mein Ende. --<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen,</div> + <div class="verse indent0">Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben,</div> + <div class="verse indent0">Und meinen festen Glauben fester fassen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich sehe dich für einen andern glühen,</div> + <div class="verse indent0">Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben,</div> + <div class="verse indent0">Der niemals noch sein altes Reich verlassen:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich sage, ja, du magst mich immer hassen,</div> + <div class="verse indent0">So wie dein Körper schön, ist deine Seele,</div> + <div class="verse indent0">Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden,</div> + <div class="verse indent0">Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben</div> + <div class="verse indent0">Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben</div> + <div class="verse indent0">So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten,</div> + <div class="verse indent0">Das Grab empfange Körper dann und Seele,</div> + <div class="verse indent0">Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O du, die wortelos in dem Verachten</div> + <div class="verse indent0">Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich im Blute meines Herzens wüte:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten,</div> + <div class="verse indent0">Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen,</div> + <div class="verse indent0">Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Rührt dich mein früher Tod, o so behüte</div> + <div class="verse indent0">Den hellen Himmel deiner süßen Blicke,</div> + <div class="verse indent0">Daß keine Träne ihren Schimmer trübe,</div> + <div class="verse indent0">Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe,</div> + <div class="verse indent0">Ich weise jedes Mitleid nur zurücke.<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen,</div> + <div class="verse indent0">Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen.</div> + <div class="verse indent0">Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben,</div> + <div class="verse indent0">Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme,</div> + <div class="verse indent0">Daß du so früh geendiget mein Leben. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen,</div> + <div class="verse indent0">Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade,</div> + <div class="verse indent0">O Sisyphus mit deiner Felsenmasse,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden</div> + <div class="verse indent0">Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade,</div> + <div class="verse indent0">Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Verbunden dann mit den Verdammten lasse</div> + <div class="verse indent0">Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide</div> + <div class="verse indent0">Vereinen sie sich all mit mir im Singen,</div> + <div class="verse indent0">Dem Körper Totenopfer darzubringen,</div> + <div class="verse indent0">Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet,</div> + <div class="verse indent0">Und tausend andre Larven aufgetürmet,</div> + <div class="verse indent0">Sie heulen dann die trauervollen Chöre,</div> + <div class="verse indent0">Genug dem Liebenden, im Gram gestorben,</div> + <div class="verse indent0">Denn er verdient nicht größre Totenehre. --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte,</div> + <div class="verse indent0">Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke</div> + <div class="verse indent0">Von der, die nur beseligt wird durch Jammer,</div> + <div class="verse indent0">Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --</div> + </div> +</div> +</div> +</div> + +<p>Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus, +worauf der, welcher es vorgelesen, sagte, +daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> +Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen +schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht, +Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen +den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.</p> + +<p>Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten +Gedanken seines Freundes bekannt waren: +»Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte, +müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche +dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt +war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt, +um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche +Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende +von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen +Zweifeln erschüttert werden, so wurde +auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem +Argwohn gequält, die er nicht für +Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der +Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die +Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist +sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei +ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden +kann.«</p> + +<p>»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem +er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das +er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine +seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn +wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet +ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze +des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde, +erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die +Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde. +Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten +sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> +Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen +die Augen auf sie, wie diejenigen, denen +der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius +erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens +ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher +Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob +deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses +Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit +das Leben raubte? Oder kömmst du, um +über deine grausamen Taten zu triumphieren? +Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines +angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend +den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen, +wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius +tat? Sage nur schnell, was du willst oder +welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß, +wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir +dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen, +und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch +willfahren.«</p> + +<p>»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius, +führt mich her,« antwortete Marzella, +»sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir +die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben, +zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit +entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind, +aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel +Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um +meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen. +Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[ +und so, daß ihr, ohne weitere bewegende +Ursache, mich meiner Schönheit wegen +liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> +ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu +lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott +mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig +ist; aber das ist mir unverständlich, wie die, +weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben, +der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar +fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich +ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt +es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du +schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich +häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche +Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die +Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn +nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen +das Auge, lassen aber den Willen frei: denn +machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie +den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener +Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu +finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig +die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig +müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man +mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so +sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn +dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr +meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus +keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es +sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der +Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet +hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch +beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies +erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit +nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne +Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist, +daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet +hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir +aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn +die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem +Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes +keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen +fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck +der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei, +niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun +von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele +schmücken und verschönen kann: warum soll die, +welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren, +dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine +Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und +List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu +leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die +Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die +hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen +Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken +und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der +Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein +Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine +Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen +nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung +weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben, +so daß man sagen kann, er sei an seinem +Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben. +Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich +waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern +müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem +Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird, +mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> +ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist, +in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die +Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume +meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun +auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung +seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln +wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem +Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich +ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine +Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren +Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte +meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er +verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward: +wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines +Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage, +der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging, +der rede laut, um den ich klagte, der höhne +mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich +grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche, +ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere. +Bisher hat es der Himmel über mich noch +nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der +Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist +Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen +von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich +bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn +einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und +Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem +Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese +Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer +mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie +vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar +nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge +mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare, +Grausame, diese Unerkenntliche wird +keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft +wünschen und auf keine Weise keinem folgen. +Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus +töteten, warum wird meine Ehre und +Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in +Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich +wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht, +daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr +wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre +nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt +mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse +keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich +nicht um den andern, scherze nicht mit diesem, +lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft +sind die Hirtenmädchen dieser Gegend, +meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine +Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen +beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es +nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen, +den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer +ersten Heimat zurückkehrt.«</p> + +<p>Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um, +ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich +in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie +alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit +entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den +Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen +Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken, +ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung +auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> +bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier +trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten +Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen +und sagte mit lauter und verständlicher Stimme: +»Niemand, von was Stand und Würden er auch +sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen, +bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu +erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden +Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine +Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie +fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer +Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht, +daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie +als das Edelste in der Welt schätze und verehre, +denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die +mit so edlen Vorsätzen lebt.«</p> + +<p>Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder +des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles, +was er seinem wackeren Freunde schuldig sei, +noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle +gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner +entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht, +die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt, +sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle +Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem +großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf +dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius +folgende Inschrift wollte eingraben lassen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hier liegt ein Opfer der Liebe;</div> + <div class="verse indent0">Ein Schäfer vom Gefilde,</div> + <div class="verse indent0">Der Grausamkeit zu milde,</div> + <div class="verse indent0">Ihn tötete Mißliebe.<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er starb dem mächt'gen Triebe</div> + <div class="verse indent0">Zur undankbaren Schönen,</div> + <div class="verse indent0">Die durch Verschmähen, Verhöhnen</div> + <div class="verse indent0">Ihn tötete mit Liebe.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Über das Grab wurden dann viele Blumen und +Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius, +indem sie ihm wegen seines Freundes einen +Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten +Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote +trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden, +die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen, +einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem +sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse +stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote +bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche +Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt +noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle +diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern +gereinigt habe, mit denen sie angefüllt +sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß +hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern +nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen +ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es +ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über +die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus, +als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser +war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen +und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten. +Es kam aber nicht so, wie er es dachte, +wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften +Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen +wird. —</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> + +<h2><em class="gesperrt">Drittes Buch</em></h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches<br> +Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche<br> +Yangueser traf</span></h3> +</div> + +<p>Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don +Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen +übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus +gegenwärtig waren, Abschied genommen, +sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch +wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren +hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend +nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu +finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches +Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer +Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen +sie hier in der Hitze der Mittagsstunde +auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don +Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den +Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem +schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den +Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich +und ohne Zeremonien miteinander, was sie +darin antrafen.</p> + +<p>Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden, +denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen +Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten +von der Weide von Cordova nicht von dem Wege<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> +Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der +Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß +ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch +das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln +Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und +Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don +Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr +willkommen.</p> + +<p>In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich +mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er +witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine +sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem +Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen +Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen. +Diesen aber war mehr an der Weide als an +anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also +mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den +Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand. +Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß +die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren +Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn +mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den +Boden stürzte.</p> + +<p>Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung +des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst +herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich +gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine +Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes +Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb +wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich +wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die +er unter unsern Augen erlitten hat.«</p> + +<p>»Was Teufel können wir für Rache nehmen?«<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> +antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann, +und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur +anderthalb.«</p> + +<p>»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote, +zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den +Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat +Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt +und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote +dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter +drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die +vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen +gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren +Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte +hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und +Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon +mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem +Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote, +ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten +konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante +nieder, der sich noch nicht hatte aufheben +können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig +die Wirkung von Krippenstangen in den Händen +erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug +und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die +Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer +in schlechtem Zustande und noch schlechterem +Humore liegen.</p> + +<p>Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa, +der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand, +mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr +Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«</p> + +<p>»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don +Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete +Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei +Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten, +wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht +ist er für zerschlagene Knochen nicht minder +als für Wunden nützlich.«</p> + +<p>»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße, +was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber +ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters, +Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen, +wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will +ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«</p> + +<p>»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho +Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen +wir weder gehen noch stehen können?«</p> + +<p>»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte +der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die +Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber +ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht +gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen, +die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich +glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die +Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der +Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt +würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses +für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für +unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du +nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns +eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis +ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs +wieder tun, sondern greife du sogleich nach +deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust; +kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen, +denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen, +wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern +Armes erstrecke.«</p> + +<p>So eingebildet war der arme Mann auf die +Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho +Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht +so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger +Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger +Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn +ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen +muß; lasse es sich der gnädige Herr also +ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht, +daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde, +so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter, +indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit +verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist, +oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte, +erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann +von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder +Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung +auszuschließen.«</p> + +<p>Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich +wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne +große Beschwer reden zu können, und daß sich der +Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich +dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du +dich befindest. So antworte mir doch darauf, du +feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns +bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile +dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß +wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer +der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe?<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> +Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und +dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur +Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest, +du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch +so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes +Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu +verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten +Reichen und Provinzen die Gemüter der +Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich +auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn +sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas +unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern +und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil +zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue +Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen +und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen +oder sich dagegen zu beschützen.«</p> + +<p>»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete +Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand +und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen, +aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich +bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre. +Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt, +so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es +freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste +Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte +so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt +ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl +wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht +lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein +Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das +denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> +Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so +bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln +folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden +müssen?«</p> + +<p>»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen +Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem +Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die +Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse, +und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß +meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen +Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen +verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn +augenblicklich sterben.«</p> + +<p>Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger +Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft +ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten +oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen +Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube, +daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die +dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach +seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«</p> + +<p>»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote, +»daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren +und Unglücksfällen unterworfen ist, und +durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu +Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung +an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen +hat, deren Geschichte ich umständlich weiß, +wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte, +wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß +durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe +emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> +oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal +gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von +Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des +Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit +erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert +Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben +habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe +festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger +Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus +in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse +Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet +habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen +Abgrund an Händen und Füßen gefesselt +worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier +nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches +ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser +großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund +zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter +schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl +mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf, +den sie erduldeten, war noch härter, als +den wir heute haben aushalten müssen; überdies, +Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden +nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten +erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat, +auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen +Worten: schlägt ein Schuster einen andern +mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann +von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt +sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz +erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den +Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe +zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> +wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten +und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts +weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger +von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte +eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«</p> + +<p>»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete +Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte +ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten +sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch +schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und +mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß +mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob +mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind +oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von +den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse +wie meinen Schultern eingedrückt haben.«</p> + +<p>»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa, +daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht +verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht +vertilgt.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück +geben könnte, als solches, wobei man warten +muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht. +Wäre unser Unglück doch lieber von der Art, +daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten, +das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß +alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen +würden, um uns wieder zurechtzubringen.«</p> + +<p>»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner +Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote, +»und so will ich ebenfalls tun, damit wir +nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> +der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks +genossen hat.«</p> + +<p>»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete +Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender +Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß +der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen +ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten +müssen.«</p> + +<p>»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine +Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte +Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses +Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann, +damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem +ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese +Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere +mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus, +Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes +des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert +Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen +Esel ritt und saß.«</p> + +<p>»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da +erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein +großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder +wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«</p> + +<p>Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden, +die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre, +aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte +nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt, +erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege +mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen +Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt +und wir aus diesem einsamen Walde kommen +mögen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<p>»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen +hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden +Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und +Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres, +daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«</p> + +<p>»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann +sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind; +und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem +Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen +Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch +aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte, +und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel +nannte und auf dem Felsen Armut wohnte, +ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch, +denn hierin ist die Erzählung nicht genau, +weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis +Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte. +Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe +dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante +zustößt.«</p> + +<p>»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und +mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen +und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen +über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er +Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein +Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich +war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit +zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls, +bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages, +ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie +zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen +können, gewiß nicht hinter Sancho oder +seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> +packte Don Quijote über den Esel, an dessen +Schweif er den Rosinante band; er selber führte den +Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den +Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche +Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus +dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer +kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem +sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach +Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho +bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote +nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange, +bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn +Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel +hineinzog.</p> + + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em><br> +<span class="s5">Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete,<br> +die er für ein Kastell hielt</span></h3> +</div> + +<p>Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem +Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle. +Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er +von einem Felsen herunter einen Fall getan habe, +wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen +wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so +wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie +war von Natur mitleidig und es dauerte sie das +Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich +über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und +ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem +Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen. +In derselben Schenke diente eine asturianische +Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> +platter Nase, einem schiefen und einem nicht +ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden +durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe +von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht +ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern +zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den +Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte +wieder die Tochter, und beide besorgten dem +Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die, +wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen +Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren; +hier wohnte zugleich ein Eseltreiber, +dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas +entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln +und Decken seiner Maultiere bestand, doch das +Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches +auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über +welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf +diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine +Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man +nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß +sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für +Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher +aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden +man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte +zählen können, wenn man sich die Mühe hätte +geben wollen.</p> + +<p>In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don +Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit +ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten, +indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die +Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die +Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> +war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von +Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren +es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte +viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen +Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid +doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch +einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie +werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch +ziemlich weh tut.«</p> + +<p>»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl +auch einen Fall getan haben?«</p> + +<p>»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von +dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen +sah, tut mir der ganze Körper so weh, als +wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«</p> + +<p>»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn +mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme +herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen +könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume +erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre +ich wirklich heruntergefallen.«</p> + +<p>»Da liegt der Hund begraben,« antwortete +Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern +wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau +wurde als mein Herr Don Quijote.«</p> + +<p>»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische +Maritorne.</p> + +<p>»Don Quijote von la Mancha,« antwortete +Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter, +und der beste und kräftigste, den man wohl seit +lange in der Welt gesehen hat.«</p> + +<p>»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die +Magd.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<p>»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr +das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So +wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder +Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken +geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist +er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur +auf Erden und morgen hat er zwei oder drei +Kronen von Königreichen zu verschenken, die er +seinem Stallmeister geben kann.«</p> + +<p>»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so +gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß +Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft +im Besitz habt?«</p> + +<p>»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho, +»denn es ist noch nicht länger als einen Monat, +daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis +jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch +geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und +ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß, +wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung +oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht +davon einen Schaden zurück behalte, ich meine +Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien +vertausche.«</p> + +<p>Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr +aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er +sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und +sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch +glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell +meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich +mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil +Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister +erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> +sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen, +ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange +ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken +und hätten die hohen Himmelsmächte es +doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren +Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen +Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne, +untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener +schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens +sein dürften.«</p> + +<p>Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und +die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten +des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig +verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen +hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle +als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein +sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht +gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten +sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als +die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten +sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten +und gingen dann fort; die asturische Maritorne +sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit +ebensosehr bedurfte als sein Herr.</p> + +<p>Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden, +daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen +wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß, +sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft +eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte +und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es +war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein +so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch +ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> +sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es +sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke +zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes +Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.</p> + +<p>Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige +Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte +des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte +sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine +schilfene Matte war und eine Decke, die eher das +Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von +Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers, +wie schon gesagt, aus den Sätteln und +dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet, +deren er zwölf hatte, die spiegelblank, +dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer +der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor +dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders +erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen +wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist, +daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger +und in allen Dingen überaus gründlicher +Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten +erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten +Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht. +Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein +Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer +so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß +sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus +Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten +Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal +sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie +der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> +die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt +werden, denn diese haben gründlich und ausführlich +geschrieben.</p> + +<p>Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein +Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben +hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und +erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon +war Sancho bepflastert und im Bett, aber der +Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht, +einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz +die Augen weit offen, wie ein Hase. In der +ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch +kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in +der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese +nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser +Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern +seines Unglückes, in den Gedanken hatte, +bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten, +auf die nur eine Einbildung verfallen +kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr +berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon +gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein, +in denen er herbergte), und daß die Tochter des +Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle +sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt +und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen +ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu +schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen. +Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste +Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen +und über den gefährlichen Kampf zu sinnen, +den seine Keuschheit zu bestehen haben würde, +doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen, +wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra +mit ihrer Dame Quintannona darbieten +sollten.</p> + +<p>Indem er noch über diesen Gedanken brütete, +kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde), +die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie +schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter +einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte, +wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem +Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum +zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte, +sich im Bette, trotz seiner Pflaster und +den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die +Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau +zu empfangen, die leise und schüchtern mit +den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand +zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote, +der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und +sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang, +sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald +das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch +der feinste und zarteste Zindel schien. Um die +Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz +köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die +Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren +ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren +Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem, +der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch, +war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem +Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit +allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern +die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> +hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten +Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem +übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der +arme Mann war auch so verblendet, daß weder +die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge, +die die edle Jungfrau an sich hatte und die +jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt +hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt +sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart +bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser +Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden +können, schöne und erhabene Dame, um für eine +so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den +Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen +wollen: aber das Glück, welches nie müde wird, +die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager +geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert +liege, so daß, wenn ich auch gesonnen +wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir +unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit +kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die +versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen +Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen +Beherrscherin meiner innigsten Gedanken. +Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich +als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt +ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches +Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen +wollen.«</p> + +<p>Maritorne war voller Verdruß und schwitzte, +sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und +ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden +acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> +von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den +seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine +Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten +war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte, +aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die +Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging +er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen, +auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren, +hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht +war, sich loszumachen und daß Don Quijote +arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß +sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ +einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere +Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er +ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit +noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und +trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller +Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach +war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die +hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten, +sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern +der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte, +daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie +ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben. +In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht +an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch +vernommen hatte. Als die Magd ihren +Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete, +kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho +Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte +und in ein Knäuel drückte.</p> + +<p>Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du, +Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.«<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> +Indem ward Sancho munter und da er die Last auf +sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und +schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei +er Maritornen nicht selten traf. Als diese den +Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren +und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück, +daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde. +Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu +wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich +nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und +die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche +Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom +Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung +seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte +dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat +der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die +Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein +den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun +im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die +Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug +der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die +Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt, +und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander, +daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem +kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des +Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so +unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm +hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.</p> + +<p>Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke +ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen +alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das +ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete +er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> +im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im +Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der +heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf, +war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem +zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und +ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand +seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!« +Da er aber sah, daß der, den er festhielt, +nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für +tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder; +in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme: +»Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt, +denn hier ist ein Mensch umgebracht!«</p> + +<p>Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ +den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als +er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach +seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln, +die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur +die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho +konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie +lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don +Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher +zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte +die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein +Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach +dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit +und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten,<br> +die den braven Don Quijote und seinen wackern<br> +Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem<br> +Unglück für ein Kastell ansah</span></h3> +</div> + +<p>Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner +Betäubung erholt und mit demselben Ton der +Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen +Stallmeister angerufen hatte, als er von den +Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er +auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du? +Schläfst du, Freund Sancho?«</p> + +<p>»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete +Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es +ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich +alle Teufel über mich hergemacht hätten.«</p> + +<p>»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete +Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle +Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein +verzaubertes ist, denn du mußt erfahren — — — +Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen +werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode +aufbewahren willst.«</p> + +<p>»Ich schwöre,« antwortete Sancho.</p> + +<p>»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort, +»weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand +zu kränken.«</p> + +<p>»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete +Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden +tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es +morgen schon entdecken dürfte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem +Leben eine so nahe Grenze steckt?«</p> + +<p>»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern +es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, +und es ist immer mein Wunsch, daß sie +von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«</p> + +<p>»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß +ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du +mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines +der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich +wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit +wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die +Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die +zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen +Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von +den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen +Verstande? Was von anderen verborgenen +Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen +vergraben lasse, um die Treue nicht zu +brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von +Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, +daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches +das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder +vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil, +wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es +geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten +Gesprächen begriffen war, ohne daß ich +sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine +Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen +angehörte und mir einen solchen Schlag auf den +Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf +ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> +weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber +der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die +Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. +Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz +dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten +Mohren bewacht und mir nicht zugedacht +ist.«</p> + +<p>»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn +über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, +daß das mit den Krippenstangen +nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt +mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches +Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen +haben, was man uns gereicht hat? Euer +Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt +doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in +den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten +Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt +habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück +auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender +Ritter und denke es auch niemals zu sein, und +doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«</p> + +<p>»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don +Quijote.</p> + +<p>»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?« +rief Sancho.</p> + +<p>»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete +Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen +Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen +ganz gesund machen soll.«</p> + +<p>Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet +und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> +Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho +hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um +den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich +widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn: +»Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte +Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen +will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«</p> + +<p>»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete +Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich +vor niemand blicken.«</p> + +<p>»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich +fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern +bezeugen.«</p> + +<p>»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte +Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein +hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten +Mohren zu halten.«</p> + +<p>Der Häscher kam näher, und da er die beiden in +einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll +Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch +mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen +er war, nicht regen oder bewegen konnte. +Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie +steht's, mein guter Kerl?«</p> + +<p>»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte +Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle +wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden +Rittern, Ihr Lümmel?«</p> + +<p>Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden +Menschen so schlecht behandeln sah, verlor +die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an +Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem +Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> +wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß, +gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte +Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für +uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«</p> + +<p>»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es +ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu +tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu +ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare +Phantome, so daß wir an ihnen durchaus +keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch +schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf, +wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten +dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein, +Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu +verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt +gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die +mir das Gespenst geschlagen hat.«</p> + +<p>Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich +Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete +dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit +seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte +Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut +und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien, +Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der +besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund +zu machen, der dort im Bette schwer verwundet +liegt, von den Händen des verzauberten Mohren, +der in dieser Schenke umgeht.«</p> + +<p>Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen +Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden, +machte er die Tür der Schenke auf und rief +den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen +Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> +Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück, +der den Kopf auf den Händen stützte und sich über +den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein +anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt +hatte, denn was er für Blut hielt, war nur +Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen +des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun +sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum +machte, indem er sie zusammentat und eine gute +Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die +gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte +alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen, +da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß +er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu +tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein +Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis +wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave +Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte +machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete; +bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der +Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber +war stillschweigend fortgegangen, um seine +Tiere abzufüttern.</p> + +<p>Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er +gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen +Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene +aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen +können und es war wohl ein Viertel Quart in dem +Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum +getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel, +daß er nichts im Magen behielt, und durch +diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in +einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> +ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es +und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte +und sich so stark fühlte und seine Schmerzen +so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und +wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des +Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht +alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch +noch so gefährlich, bestehen könne.</p> + +<p>Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen +besser fand, bat um das, was noch im +Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war. +Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff +mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den +Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel +als sein Herr hinunter. Der Magen des armen +Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit +sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen, +wobei er schwitzte und sich quälte, +daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte +Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig +wurde und den Balsam und den Totschläger, der +ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote +dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß +dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum +Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung, +daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes +bedienen dürfe.«</p> + +<p>»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum +in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten +lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und +der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde +aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die +Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> +dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht +werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen +und Martern, daß nicht bloß er, sondern +alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu +Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte +ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie +sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet +war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. +Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und +kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer +aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er +zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und +die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes +bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen +Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke +schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben, +sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte +das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf +anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte. +Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine +Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die +ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen, +die in der Schenke waren, standen umher +und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die +Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein +Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer, +schwer wie aus dem Innersten seines Leibes +heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb, +weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens +dachten so diejenigen, die ihn am vorigen +Abend hatten bepflastern sehen.</p> + +<p>Als sie nun beide beritten waren, rief er am +Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> +feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß +sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich +in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine +Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar +zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich +an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr +erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit +sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen, +die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen. +Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding +der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt, +so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft, +den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und +Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«</p> + +<p>Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt: +»Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß +Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn +ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die +Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer +Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu +und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das +Abendessen und die Betten.«</p> + +<p>»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don +Quijote.</p> + +<p>»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der +Wirt.</p> + +<p>»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte +Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte, +es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil +es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so +kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr +die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> +unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln, +von denen ich gewiß weiß (denn bisher +habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß +sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den +Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz +wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet +zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten, +denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag +Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu +Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und +Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des +Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen +waren.«</p> + +<p>»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der +Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir +mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem +Krame gar nichts, sondern ich will das meinige +haben.«</p> + +<p>»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!« +antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante +die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke +hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber, +ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge, +entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt, +der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah, +wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen, +der aber die Antwort gab, daß, da sein +Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch +nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines +irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn +derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in +den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu +bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> +daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen +wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte, +daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr +zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde, +wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn +durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche +Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen, +und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich +niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten +Vorwurf machen dürfen.</p> + +<p>Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho +fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in +der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia, +drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und +zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges, +aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes +Volk, die, wie von einem Geiste zugleich +angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel +hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte, +sie ihn darauflegten und dann die Augen in +die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die +Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten, +zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof +zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde. +Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen +ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie +man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel +zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub +ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines +Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam +hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm +ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte, +daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> +sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen +Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen +fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu +finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam, +die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble +Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen +wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut +und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen, +daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn +sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er +machte also den Versuch, vom Pferde auf die +Mauer zu steigen, aber er war so schwach und +steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen +konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die +Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und +Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich +niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im +Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch +ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er +bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte; +alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie +aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also +seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten +ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige +Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich, +ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen, +das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit +es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und +führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen +seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho, +trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es +bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam +(wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> +zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund +und frisch!«</p> + +<p>Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die +Schulter an und sagte unter andern härteren +Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen, +daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt +wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien +soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind? +Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt +mich!« — Und indem er diese Worte noch sprach, +fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim +ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte +er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne, +ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem +Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte, +denn man kann mit Recht von ihr sagen, +daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren +und Schatten vom Christentum behalten hatte.</p> + +<p>Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen +Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke +aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden, +daß er noch nichts bezahlt und seinen +Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten +seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern +geschehen war. Der Wirt behielt freilich als +Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück, +aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt. +Der Wirt wollte, als er hinaus war, das +Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht +zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote, +wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der +Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei +Dreier achteten.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa<br> +mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen<br> +Abenteuern, die der Erzählung würdig sind</span></h3> +</div> + +<p>Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem +Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten +konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt +bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß +jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß, +denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk +mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster +und Wesen aus einer andern Welt! Was +mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb +der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie +zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer +zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben, +weil sie mich gleichfalls bezaubert +hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre, +hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben +können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß +diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes +gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze +der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie +ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß +ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert +ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines +Lebens und seiner Person oder im dringendsten +Falle der Not tut.«</p> + +<p>»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter +oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im +Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> +die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster +oder verzauberte Menschen waren, wie +Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch +und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle +als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen +nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der +andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque +der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr +auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht +auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde +heruntersteigen konntet, sondern was ich davon +halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern +herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute +Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht +wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das +Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande, +jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem +Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach +Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.«</p> + +<p>»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete +Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft! +Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du +es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll +es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so +sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen, +läßt sich der Freude irgend etwas anderes +vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt +oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich, +nichts anderes kommt diesem bei.«</p> + +<p>»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch +kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das, +daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr +Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> +Herren rechnen, wir noch keine einzige +Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer, +und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre +und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat +es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe +gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und +obendrein von verzauberten Personen, an denen +ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen, +über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie +Ihr es nennt.«</p> + +<p>»Dieses ist es, was mich verdrießt und was +dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete +Don Quijote; »aber ich will von nun an streben, +mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben, +daß derjenige, der es führt, keiner Art +von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück +kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände +spielen, als er sich den Ritter des brennenden +Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der +trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen +kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es +so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung, +so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte +ihm Widerstand leisten.«</p> + +<p>»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß, +wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden +ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder +wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was +taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual +daran erlebt.«</p> + +<p>»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir +meinen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p> + +<p>Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit +seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit +einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte, +die ihm auf seinem Wege entgegenzog; +sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho +und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an +welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal +aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an +dem sich mehr als an irgendeinem andern die +Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an +welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den +Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte +eingeschrieben werden sollen. Siehst du +jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt? +Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen +und zahlreichen Völkern geworben, uns +von dort entgegenzieht.«</p> + +<p>»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn +von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer +Staub auf.«</p> + +<p>Don Quijote drehte sich um und sah, daß es +wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er +war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die +hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der +großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in +jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit, +Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und +Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern +gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und +tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken, +die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen +und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei +verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> +bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte; +Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es +Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen +glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber +dabei tun? gnädiger Herr!«</p> + +<p>»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten +und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du +mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von +dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando +des großen Kaisers Alifanfaron stehen, +Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber, +der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der +Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten +Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm +in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«</p> + +<p>»Warum sind sich aber diese Herren so böse?« +fragte Sancho.</p> + +<p>»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don +Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide, +dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt, +die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige +Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie +aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er +nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten +Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«</p> + +<p>»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin +tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in +meinen Kräften steht.«</p> + +<p>»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don +Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, +braucht man den Ritterschlag nicht erhalten +zu haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> + +<p>»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho, +»aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn +wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn +so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen, +ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«</p> + +<p>»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du +mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück +laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder +nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind, +werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten, +daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen +ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei +aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten +Ritter kenntlich machen, die sich in diesen +beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser +sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns +auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir +beide Heere genau beobachten können.«</p> + +<p>Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen +Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don +Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen +können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben, +sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten. +Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles, +was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun +mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den +du in gelber Rüstung siehst und der in seinem +Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den +Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere +Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke. +Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen +bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> +Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog +von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur +Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran +von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien, +der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und +als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt, +von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß, +als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen +Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal +auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe +jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten +Timonel von Carcajona, Herrn des neuen +Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen +Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb; +in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im +hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift, +nämlich Miau, als den Anfang des Namens +seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die +Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien. +Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren +Rosses belastet und dessen Rüstung so +weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von +französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr +der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen +Fersen in die Seiten des bunten und gewandten +Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der +ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom +Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein +Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück +wächst nach.« —</p> + +<p>So nannte er noch viele Ritter von einer wie +von der andern Schwadron, die er sich einbildete; +allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen,<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> +Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus +dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er +fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes +mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen +Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind +die, welche die süßen Gewässer des berühmten +Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen +Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und +reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten, +die, welche die berühmten und frischen Wasser des +klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen +nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden +Pactolus zu sich leiten, die Numidier +dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die +Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther +und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber, +deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die +eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren +Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen +Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren +Namen ich mich aber nicht erinnere. — In jener +Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen +Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer, +die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen, +goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen +Wasser des göttlichen Genil genießen, die +die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen, +diejenigen, die sich auf den himmlischen +Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner +dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet, +Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen, +die sich im Pisuenga baden, berühmt +wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> +Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten +Guadiana weiden, dessen verborgener +Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der +beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen +Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz, +alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in +sich faßt und begreift.«</p> + +<p>Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er +noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er +jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden +Attribute erteilte, trunken und entzückt +von dem, was er in seinen lügenhaften +Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über +diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen; +er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und +her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr +aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus +keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol +mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder +Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist, +wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß +wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den +Gespenstern vorige Nacht.«</p> + +<p>»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote, +»hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der +Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«</p> + +<p>»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho, +»als Blöken von Schafen und Hammeln.« — Und +dies war es auch, denn die beiden Herden waren +nun ziemlich nahe gekommen.</p> + +<p>»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote, +»macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> +hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht +besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und +dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als +sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit, +so abseitige dich und laß mich allein, denn +allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu +verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit +diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen, +faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er +wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter. +Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein +gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott, +Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen +wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit +willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja +kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung, +weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue +Felder, noch der Teufel und seine Großmutter. +Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge +vor?«</p> + +<p>Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern +rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr +Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen +Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel +streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie +leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von +Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach, +stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein +und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen, +als wenn er wirklich mit Todfeinden zu +kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die +Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also +verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> +nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern +und begannen seine Ohren mit Steinen wie die +Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte +sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er +sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du, +stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein +einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann +deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen +kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen +Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte +eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die +Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er +diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot +oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes, +nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und +fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er +hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm +nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und +traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß +sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier +Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei +Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So +heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite, +daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom +Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei +und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten; +sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden +die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben +beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas +anderes abzuwarten.</p> + +<p>In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem +Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß +sich den Bart aus, indem er die Stunde und den<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> +Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft +gemacht hatte. Da er nun sah, daß er +auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen, +stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand +ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er +noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte +ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr +halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet, +keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«</p> + +<p>»So hat sie der Schelm von Weisen, mein +Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen, +Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist, +alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser +Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den +Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht +erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine +Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht, +so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit +du deines Irrtums los werdest und merkest, wie +ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und +reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß, +sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie +ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel +mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht, +wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne +dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und +Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und +Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte +ich keinen einzigen im Munde behalten.«</p> + +<p>Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die +Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah, +indem der Balsam schon im Magen Don +Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> +ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß +er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er +in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen +Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter +Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen? +Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet, +denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.« +Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe, +Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut, +sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er +ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger +Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er +seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie +Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem +Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen, +sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da +er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand +zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm +sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und +nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen +Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der +versprochenen Insel verlieren sollte.</p> + +<p>Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke +Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer +noch weh taten, mit der anderen faßte er die +Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite +seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön +war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister, +der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und +die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie +ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken +ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so +gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse,<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> +Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein +anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer; +alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise, +daß sich das Wetter bald aufheitern muß und +daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen, +denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück +immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück +überstanden, das Glück uns nahe sein muß. +Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten, +die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«</p> + +<p>»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn +der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich +in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute +mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört +wohl einem anderen als mir?«</p> + +<p>»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don +Quijote.</p> + +<p>»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.</p> + +<p>»Auf die Weise haben wir heute nichts zu +essen,« erwiderte Don Quijote.</p> + +<p>»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier +auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg +wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt, +mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche +irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«</p> + +<p>»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre +mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering +viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides +beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor +Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier, +Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott, +der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen, +da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> +Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der +Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen +der Flut; seine Güte läßt die Sonne über +Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten +und Ungerechten.«</p> + +<p>»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum +Prediger als zum irrenden Ritter.«</p> + +<p>»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles +und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote, +»denn ein irrender Ritter aus den verflossenen +Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit +gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem +Felde halten können, so gut, als wenn er auf der +Universität Paris den Gradus empfangen hätte: +woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die +Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«</p> + +<p>»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete +Sancho, »wir wollen weiter und für die +Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge +uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher +und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte +Mohren, denn wenn das wieder kömmt, +so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«</p> + +<p>»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote, +»und nimm du selbst den Weg, welchen du +willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in +Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir +aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie +viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der +Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«</p> + +<p>Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam +und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten +Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> + +<p>»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote, +»alle vollständig und gesund.«</p> + +<p>»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete +Sancho.</p> + +<p>»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don +Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn +habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen +lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder +Flüssen ausgefallen.«</p> + +<p>»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho, +»habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in +der oberen aber keinen halben und keinen ganzen, +denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«</p> + +<p>»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm +sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte, +»ich hätte lieber einen Arm hingegeben, +nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du +mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne +ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn +ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber +allem diesen sind die unterworfen, die wir uns +zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also +steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich +will dem Wege folgen, den du aussuchst.«</p> + +<p>Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er +eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen, +auf dem er sich eben befand. So zogen sie +langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte +Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu +eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung +und Ergötzung zu verursachen, und unter +anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was +man im folgenden Kapitel erzählen wird.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn<br> +führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam<br> +begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten</span></h3> +</div> + + +<p>«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle, +die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß +eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen +den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn +Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt, +auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit +der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen +Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun +geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem +Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag, +denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«</p> + +<p>»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war +meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls +vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du +mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen +hat. Aber ich will es wieder gut machen, +denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle +Dinge Mittel.«</p> + +<p>»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?« +fragte Sancho.</p> + +<p>»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen +hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich +einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung +gesichert, es mag nun aber sein oder +nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu +denken.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p> + +<p>»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so +trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso +wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster +wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß +zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch, +wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«</p> + +<p>Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel +sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen +Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen +möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor +Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war +ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden +und um ihr Unglück vollständig zu +machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der +Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die +Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis +herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg +fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei +Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie +sich auf dem großen Wege befanden.</p> + +<p>Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der +Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise +lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße +eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die +Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak, +indem er es bemerkte und dem Don Quijote +war es nicht ganz unheimlich; jener zog den +Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes +an und so standen sie beide und schauten aufmerksam +hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen, +wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie +immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen. +Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> +Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten +sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe; +er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne +Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und +furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein +wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«</p> + +<p>»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho, +»wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht, +wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen, +um alles auszuhalten?«</p> + +<p>»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don +Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß +sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie +jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil +ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber +jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich, +soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte +ausholen kann.«</p> + +<p>»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und +kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,« +sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei +sein oder nicht?«</p> + +<p>»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote, +»so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu +fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie +ich dieses Unternehmen anfassen will.«</p> + +<p>»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte +Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite +des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen, +was das doch mit den wandernden Lichtern +sein möchte und so entdeckten sie nach und nach +viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> +fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den +letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte, +als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein +Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte, +in welchem sie die Gegenstände genauer +erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl +zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden +Fackeln in den Händen, hinter denen eine +Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere +Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören +bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt, +denn daß es keine Pferde waren, sah +man an dem langsamen Gange; die in den weißen +Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher +Stimme.</p> + +<p>Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde +und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend, +das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen, +auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote +gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho +schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen +war: der Gebieter aber ermunterte sich bald, +der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete, +wie dieses eines von den Abenteuern aus +seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken +die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher +sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände, +den zu rächen ihm allein vorbehalten sei: +er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein, +setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann +mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des +Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei +mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> +genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter, +wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer +ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer +derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt, +denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht +entweder verübt oder erlitten und es geziemt +sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch +für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen +oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an +euch verübt.«</p> + +<p>»Wir haben Eile«, antwortete einer von den +Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß +wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft +zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein +Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort +wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden, +er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und +seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich +verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.« +Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als +es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte +und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf. +Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen +sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der, +schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte, +die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten +angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun +machte er sich an die übrigen, und es war eine +Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff +und auf sie einhieb, so daß es schien, als +wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel +gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät +war sein Betragen. Die in den Hemden<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> +waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen +also sogleich ohne Widerstand den Kampf +und flüchteten mit den brennenden Fackeln über +das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als +wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen +Nacht aufführen wollten. So konnten sich +auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und +Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht +zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don +Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm +erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle +hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für +den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um +den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre +mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung +der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte +bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer +und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende +Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote +zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem +Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die +Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er +sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen +solle; worauf der Liegende antwortete: +»Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann +mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich +bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher +Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr +würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen, +denn ich bin ein Lizentiat und habe die +ersten Orden.«</p> + +<p>»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte +Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<p>»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene, +»sondern mein Unstern.«</p> + +<p>»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,« +sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf +meine anfängliche Frage genug tut.«</p> + +<p>»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten +genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also +müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei +Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und +Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und +komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit +ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir +wollen nach der Stadt Segovia und führen einen +Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter, +der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und +dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis +nach Segovia führen, in welcher +Stadt er geboren ist.«</p> + +<p>»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don +Quijote.</p> + +<p>»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers, +welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus.</p> + +<p>»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der +Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod +zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte; +da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat, +so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und +die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn +er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr, +müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter +aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen +Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen,<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> +um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden +abzuhelfen.«</p> + +<p>»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen +heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was +mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil +ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit +meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die +Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht +darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen +habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen +wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir +ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird +zu stehen kommen.«</p> + +<p>»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote, +»geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr +Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so +durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und +den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder +schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse +Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben +konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch +anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn +ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß +Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür +ich Euch ansah und hielt.«</p> + +<p>»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen +hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich +nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der +mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch +unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine +Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«</p> + +<p>»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,« +antwortete Don Quijote, »warum wartet<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> +Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?« +Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen +möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen +nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen +Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn +trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten. +Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel +und stopfte so viel er nur mochte und konnte +in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier, +worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem +Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf, +ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel +reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er +sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte, +die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung +bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden, +sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf: +»Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer +der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt, +so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte +Don Quijote von la Mancha, der sich mit +einem anderen Namen nennt der Ritter von der +traurigen Gestalt.«</p> + +<p>Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und +Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen, +ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der +traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch +sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine +Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die +dem armen Manne gehörte und da spielte Euer +Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die +ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es +nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> +oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne +fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«</p> + +<p>»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote, +»sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die +Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen, +daß es gut sei, wenn ich mir noch einen +anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter +der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der +Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der +vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser +der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter +vom Greifen, noch ein anderer der des Todes, +und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie +auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage +ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner +Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den +Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie +ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke, +und damit sich ein solcher Namen noch +besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es +die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine +überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«</p> + +<p>»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit +und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern +was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt +sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten, +Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann +nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift +werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt +nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich +versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu +spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen +Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben,<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> +daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei +gar wohl entbehren könnt.«</p> + +<p>Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit, +nahm sich aber doch vor, sich bei diesem +Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem +Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er +sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe +der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die +Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche +gelegt, <span class="antiqua">juxta illud: si quis suadente diabolo etc.</span>, +aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern +nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies +glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu +verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es +einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt, +sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale +aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht, +so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai +Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen +Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des +Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte, +der wackere Rodrigo de Vivar aber +darum immer ein geehrter und tapferer Ritter +blieb.«</p> + +<p>Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog +hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas +zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen, +ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen +bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu, +sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses +gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen +habe, am allerschönsten beendigt. Diese +Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> +sind, könnten darauf kommen, daß sie doch +nur von einem einzigen Manne überwunden wären, +deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren +und uns suchen, um uns noch das Nötige +beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß, +das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste +wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig +zurück und so gehe denn, wie man sagt, der +Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem +Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen +Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen, +dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe, +und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren +nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als +sie sich in einem geräumigen und abgelegenen +Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho +seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert, +vollbrachten sie nun mit der Würze des +Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl, +Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen +mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die +Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne +Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt +hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit, +die Sancho für die schlimmste von allen +hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken +hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß +zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho, +da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem +frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden +Kapitel erfahren wird.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer,<br> +welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr<br> +vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha<br> +vollbracht wurde</span></h3> +</div> + + +<p>»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn +diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon, +als daß hier herum eine Quelle oder ein +Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß +macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir +etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen, +womit wir diesen schrecklichen Durst löschen +könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch +mehr als der Hunger peinigt.«</p> + +<p>Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er +nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm +seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel +ihres Nachtessens geladen wurden, und so +zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis +der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich +sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert +Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause +eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen +und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen +war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um +zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch +komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen, +das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte, +dem Sancho besonders, der von Natur +furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich, +wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> +einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit +dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden, +hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote +mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt, +dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen +Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt, +still und schauerlich rauschten, so daß die +Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch +des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht +und Grausen erwecken durften, da sie überdies +sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind +nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei +ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in +der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt +von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante, +nahm den Schild, faßte die Lanze und +sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich +geboren bin, um vom Himmel herab in dieser +unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches +man nur das von Gold oder das goldene zu nennen +pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, +mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind: +ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die +Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun +Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die +Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus +und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt +der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in +vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem +gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten +ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe, +daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene +jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> +Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht, +die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende +Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen +jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen +und zu brausen scheint von mondhohen, +steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen +Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet, +welche Dinge zusammen, ja jedes für sich +hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der +Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem +Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen +Begegnissen und Abenteuern. Alles aber, +was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker +und Entzünder meines Mutes, so daß mir das +Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses +Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den +furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also +ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen +und lebe wohl, erwarte mich hier drei +Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit +nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat +zurückkehren und von dort, um etwas Edles und +Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und +der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen, +daß ihr gefangener Ritter umgekommen +sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig +gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«</p> + +<p>Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing +er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger +Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch +doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen +wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier, +wir können ja schnell umlenken und der Gefahr<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> +aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen +nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch +hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige +Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer +in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet, +habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig +in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es +nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so +ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht +anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann; +da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan +hat, indem er Euch von der Prelle lossprach, +die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund +und frei aus dem Treffen mit der großen Schar +kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und +bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes +Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke +muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht, +ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur +mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und +Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen, +weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern +dachte, aber freilich allzuviel zerreißt +den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in +die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die +verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die +Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür +lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen, +den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend +Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht +ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr +denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch +dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> +bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner +Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe, +muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn +der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über +uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der +Linie linker Hand befindet.«</p> + +<p>»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote, +»diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr +werden, wovon du sprichst, da die Nacht so +finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel +scheint?«</p> + +<p>»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho, +»aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die +Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn +am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem +puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit +vom Tage sein kann.«</p> + +<p>»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don +Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von +mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich +abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht +schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho, +ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins +Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und +entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für +meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit +trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante +den Sattelgurt festzumachen und dann hier +zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder +tot, zurück.«</p> + +<p>Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß +seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine +Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> +er die Probe machen, was er durch List ausrichten +könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse; +indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog, +band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem +Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine +zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten +wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd +nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho +den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte +er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen +und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet, +daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr +nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen +und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur +böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt, +gegen den Stachel lecken.«</p> + +<p>Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn +je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger +wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband +zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig +zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen +werden oder Rosinante berühriger werden möchte, +weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache, +nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte +also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich +nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden +sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich +ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft +verzögern wird.«</p> + +<p>»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete +Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug +verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen, +wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> +dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise +schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer +findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer, +worauf Ihr wartet, anfassen könnt.«</p> + +<p>»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte +Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen +Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf +du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue, +was du willst, ich werde meinerseits das tun, was +meiner Würde am besten zusteht.«</p> + +<p>»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,« +antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;« +zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die +eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die +andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er +den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt, +ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen: +solche Furcht flößten ihm die Schläge ein, +die unaufhörlich abwechselnd erklangen.</p> + +<p>Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung +eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen +habe, worauf Sancho erwiderte, daß er +es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel +dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch +anstrengen, eine Historie vorzutragen, die, +wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz +und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor +allen anderen die schönste Historie ist; nun aber +gebt acht, denn ich fange an.</p> + +<p>Es war das, was war, das Gute, das uns +kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem, +der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr, +wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> +anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer +Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland, +welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es +aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh +auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig +halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu +suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg +einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja, +diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken +auf uns lauern.«</p> + +<p>»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte +Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu +verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«</p> + +<p>»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in +einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von +Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen +hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie +ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und +dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt, +die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva +hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten, +und dieser reiche Hirte — —«</p> + +<p>»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,« +sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben +Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen +nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger +Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«</p> + +<p>»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho, +»werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt, +ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es +ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue +Sitten aufbringen soll.«</p> + +<p>»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote,<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> +»da es das Schicksal einmal will, daß ich dir +zuhören muß, so fahre nur fort.«</p> + +<p>»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho +fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer +in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes, +unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges +an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen +Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu +sehen glaube.«</p> + +<p>»So hast du sie also gekannt?« fragte Don +Quijote.</p> + +<p>»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho, +»aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte +mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn +ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen +und schwören könnte, wie ich selber alles mit +meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so +Tage gingen und Tage kamen, richtete es der +Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander +rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen +seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen +verkehrte, und die Ursache davon war, wie die +bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine +gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben +hatte, die wirklich über die Schnur und ins +Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so +zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu +sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um +hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden. +Wie nun Torralva merkte, daß sie vom +Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks +stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«</p> + +<p>»So ist der natürliche Charakter der Weiber,«<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> +sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die +sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie +gehaßt werden. Aber fahre fort.«</p> + +<p>»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der +Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er +trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf +den Weg nach den Feldern von Estremadura, um +von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen. +Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und +folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem, +einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um +den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen +Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und +noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht. +Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie +will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt +nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man +mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner +Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und +dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen +und auf dem diesseitigen Ufer war kein +Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine +Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden +konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er +sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen, +die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen +und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange +um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit +davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß +in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine +Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit +diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert +Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> +Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege +über, er kam zurück und setzte eine andere über, +er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine +andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr, +die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn +wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert, +so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher +nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu +erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz +auf der andern Seite voller Schmutz +und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit +Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch +kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und +nochmal fuhr er über und nochmal.«</p> + +<p>»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don +Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht +aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn +sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt +haben.«</p> + +<p>»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?« +fragte Sancho.</p> + +<p>»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don +Quijote.</p> + +<p>»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau +zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte +ist nun so völlig aus, daß ich nichts +weiter erzählen kann.«</p> + +<p>»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote, +»ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich, +ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt +sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du +in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«</p> + +<p>»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,«<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> +antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte, +wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr +mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet, +so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was +noch übrig war und wahrhaftig, das war von +nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«</p> + +<p>»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun +die Geschichte aus?«</p> + +<p>»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho.</p> + +<p>»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast +da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie +vorgetragen, was kein anderer Mensch auf +der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es +vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört +und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört +bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem +feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber +hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen +Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«</p> + +<p>»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das +weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts +mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende +ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten +Ziegen einen Fehler macht.«</p> + +<p>»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo +sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir +lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er +gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum +machte jener Sprünge und blieb auf demselben +Flecke, so meisterhaft war er festgebunden.</p> + +<p>Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des +Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> +Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte, +oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein +mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug, +es kam ihm der Wunsch und das Begehren +an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun +konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang +gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen +Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute: +der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht +auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm +also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb, +war, daß er seine rechte Hand von dem +Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit +dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte +Schleife löste, die ganz allein und ohne +irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe +hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife +plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen +blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst +erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile +reckte, die nicht unansehnlich zu nennen. +Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste +vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst +und Not zu kommen), zeigte sich eine andere, +größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht +ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können, +somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf +und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr +er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen +zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er +unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr +verschieden von jenem, welches ihn in so große +Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> +sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser, +»es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle +wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.« +Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt, +sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug, +daß ohne größeres Geräusch und Aussehen +als das vergangene, er sich von der Last befreit +sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber +der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht +weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho +ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast +in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen, +so war es nicht anders möglich, als daß einige +davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum +hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon +zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte, +worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte: +»Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.«</p> + +<p>»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber +woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als +sonst?«</p> + +<p>»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht +nach Ambra,« antwortete Don Quijote.</p> + +<p>»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich +bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich +zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten +Taten herumzieht.«</p> + +<p>»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,« +sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase +zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst +du besser berechnen, wer du seist und was du mir<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> +schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen +dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.«</p> + +<p>»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden +denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet +und ein Ding getan, das nicht sein sollte.«</p> + +<p>»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu +rühren,« antwortete Don Quijote.</p> + +<p>Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten +Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte, +daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit +vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die +Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so +wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er +wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine +bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis +sei's gesagt, keine andere Courbetten zu +machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich +Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein +gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das +furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte +sich auch das helle Morgenrot, wobei man die +Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don +Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen +befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten +Schatten machen: er hörte aber zugleich, +wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts, +was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne +längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen, +nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm, +drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er +schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in +dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein +möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> +Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen. +Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und +die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der +Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch, +was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine +Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament +gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe, +in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche +Besoldung für die Zeit seines Dienstes +vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig, +gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück, +so könnte er gewisser als jemals die versprochene +Insel erwarten. Sancho fing wieder an +zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden +seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich, +ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns +zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle +Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser +dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn +guter Eltern oder wenigstens für einen alten +Christen zu halten; auch war sein Herr durch +diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß +er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte +sich so gut er konnte und richtete sich nun +nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers +sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm +zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel +führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen +und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine +ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren +Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie +auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt +wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> +herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen +einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von +Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie +bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen +Schläge ertönte. Rosinante wurde vor +dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu, +aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach +auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen +seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in +dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis +begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich +Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte. +Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang +als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen +den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm +so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als +sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren +und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und +entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß +kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen +und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große +Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht +hatte, und es waren (wenn du es, mein +Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten +hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden +Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.</p> + +<p>Als Don Quijote sah, was es war, wurde er +still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen. +Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt +auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung. +Auch Don Quijote sah den Sancho an +und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff +und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten,<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> +mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen +möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht +so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos +Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho +sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste +er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit +den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor +Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe +und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit +gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote +dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies +parodischerweise diese Worte sagte: »Freund +Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um +vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit +das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen. +Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, +mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so +hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her, +die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das +furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote +sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte +und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob +und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige, +daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den +Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt +hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht +seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho +merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte +er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr +möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch, +gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«</p> + +<p>»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete +Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> +Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer +waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen +wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um +es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich +denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen +und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von +Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es +überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist, +daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen +habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein +gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und +aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen +sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach +dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich, +und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten +Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt, +Euren Spaß aus mir.«</p> + +<p>»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger +Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß +ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten +bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden +leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer, +das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie +aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding +zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche +Furcht ausgestanden haben? Wenigstens +habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen +Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und +einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«</p> + +<p>»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote, +»daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding +würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist +es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> +genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.« +— »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein +gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck +zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken +und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine +Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite +wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man +hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt +dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem +Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl +ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich +wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar +Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht +nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf +dem festen Lande verschenken.«</p> + +<p>»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don +Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit +würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst +du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen +nicht in der Gewalt des Menschen stehen +und sei von nun an für die Zukunft in einem +Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken +haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich +führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen +habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals +gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem +Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem +deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für +einen großen Fehler, sowohl von deiner als von +meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung +gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in +größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin, +dem Stallmeister des Amadis von Gallia,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> +der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß +er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das +Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den +Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen +wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don +Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um +uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens +zu verstehen zu geben, sein Name nur +ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen +Geschichte genannt wird? Aus alle dem +Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig +sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht, +zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und +Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun +an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne +über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch +über Euch erzürnen möge, wird es immer übel +für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und +Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu +ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so +kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen, +wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«</p> + +<p>»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,« +sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen +(wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt +und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen +muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden +Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich +monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei +den Maurergesellen, verdungen?«</p> + +<p>»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote, +»daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient +haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> +dir aber in meinem zurückgelassenen Testament +etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum +geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen +Zeiten die Ritterschaft geraten wird, +und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge +wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide; +denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren +Stand, als den eines Abenteurers.«</p> + +<p>»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein +das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz +eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie +Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber +Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine +Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure +Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem +Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«</p> + +<p>»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben +auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung +der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt +werden.«</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung +von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die<br> +dem unüberwindlichen Ritter zustießen</span></h3> +</div> + + +<p>Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho +schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber +Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes +einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er +durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug +einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine +andere Straße als auf welcher sie erst gereist<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> +waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don +Quijote einen Menschen, der beritten war und auf +dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte. +Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon +gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung, +Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches +nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche, +die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften, +geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt: +Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere +auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die +Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden +ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt +sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und +unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur +meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände, +denn jetzund kann ich es nicht auf meine +Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis +der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls +ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der +auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen +dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«</p> + +<p>»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und +seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht +wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht +walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«</p> + +<p>»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote, +»was tun denn Helm und Walken miteinander?«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber +wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so +würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr +einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> + +<p>»Wie kann ich mich in meiner Behauptung +irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote, +»sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der +uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und +auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«</p> + +<p>»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen +kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein +Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner +ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat, +das blitzert.«</p> + +<p>»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,« +sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und +laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich, +ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit, +dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm +verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«</p> + +<p>»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte +Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns +Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke +bescheren.«</p> + +<p>»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals, +ja nicht in Gedanken einmal der Walken +erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe +— — — ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte +dir die Seele zusammenwalken.«</p> + +<p>Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr +machte das Gelübde vollführen, welches er ihm so +kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem +Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche +Don Quijote sah, verhielt es sich also. In jener +Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das +eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte, +das andere benachbarte aber war mit einem versorgt<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> +und daher bediente der Barbier des größeren +Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker +gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein +anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb +der Barbier eben kam und ein Bartbecken von +Messing mit sich führte, und da es das Schicksal +um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut, +der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben +lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf, +welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe +Meile weit flimmerte. Er ritt in der Tat, wie +Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel und +dies zusammen war dem Don Quijote der Apfelschimmel, +der Ritter und der goldene Helm, denn +es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er +sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen +irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte, +daß der arme Ritter ihm nahe genug war, +legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen, +die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit +dem Vorsatz, jenen durch und durch zu rennen; als +er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu, +ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige +dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig, +was mir nach allem Recht zukommt!«</p> + +<p>Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb, +dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein +besseres Mittel den Lanzenstoß von sich abzuhalten, +als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte +aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie +eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit +über das Feld rannte, daß ihn der Wind +selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> +er auf der Erde liegen, womit sich Don Quijote +zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig +genug gewesen, und daß er dem Biber trefflich +nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die +Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße, +weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt +seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho +den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm +und sagte: »Mein Seel! Ein köstliches Bartbecken, +unter Brüdern ist es seinen Taler wert.« Zugleich +gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den +Kopf setzte und es rundherum drehte, um das +Visier zu finden, wie er es aber nicht antraf, +sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße +diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß +in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben und, +was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.«</p> + +<p>Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen +hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken, +aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die +Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber +lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote.</p> + +<p>»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich +mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide +muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte, +die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht, +wie ein Ei dem andern.«</p> + +<p>»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho? +Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte +Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall +in die Hände eines solchen geraten sein, der +seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so +in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> +feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich +damit zu bereichern, und somit die andere Hälfte +zu einem Dinge machte, das, wie du bemerktest, +einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm +aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne, +ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies +will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied +befindet, fertig machen, und zwar so, daß ihn jener +Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt, +den der Gott der Schmiede für den Gott +der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will +ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist +besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend +sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.«</p> + +<p>»Vielleicht,« sagte Sancho, »wenn die Steine +nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so +wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf, +als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die +Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite +Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen +ließ.«</p> + +<p>»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren +zu haben, denn du weißt, Sancho,« sagte +Don Quijote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnis +habe.«</p> + +<p>»Auch ich hab's im Gedächtnis,« antwortete +Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache +oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte; ich +denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo +ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit +allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals +verwundet zu werden und auch keinen andern zu<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> +verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden +möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen +Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und +wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter +tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten, +die Augen zudrücken und sich dann in +Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal +und das Bettuch meint.«</p> + +<p>»Du bist ein schlechter Christ, Sancho,« sagte +Don Quijote bei diesen Worten, »denn du vergißt +niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren +ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist +es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten +keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem +Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen? +Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen +Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn +beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß +und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen, +so wär' ich schon längst umgekehrt und +hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet, +als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten, +die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulzinea +zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte, +nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu +haben, den sie nun davongetragen hat.«</p> + +<p>Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten +Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: »So +mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein +Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was +Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der +Spaß mir niemals aus dem Gedächtnis kommen +wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> +eingeprägt hat. Wir wollen aber von was andern +reden und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was +machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie +ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns +hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt? +Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine +machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich +wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren, +und bei meinem Barte, der Graue ist +wacker.«</p> + +<p>»Es war niemals meine Gewohnheit,« sagte +Don Quijote, »die zu berauben, die ich überwinde, +auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen +zu nehmen und sie unberitten zu lassen, +wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im +Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm +allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen +als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrecht +zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen +Esel oder wofür du es halten magst, denn so wie +uns sein Herr in der Entfernung sehen wird, +kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.«</p> + +<p>»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte,« +sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen, +der mir nicht so wacker scheint! Wie sind +doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man +nicht einmal einen Esel gegen einen andern austauschen +darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich +nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen +dürfte.«</p> + +<p>»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher,« sagte +Don Quijote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser +unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> +es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im +äußersten Grade bedürftig bist.«</p> + +<p>»So zum äußersten bedürftig,« antwortete +Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht +nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis tauschte er +die Kleider sogleich um und zierte seinen Esel so +köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien als +vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten +sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem +Küchenesel übriggeblieben war und tranken von +dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen +trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen, so +heftig war der Haß, den sie wegen ihrer Furcht +gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren +Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen +sie wieder auf und ohne einen bestimmten Weg +einzuschlagen (weil es irrenden Rittern gut ansteht, +sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die +Straße, die Rosinante erwählte; dieser Wahl folgte +sein Herr und auch der Esel, der immer nachging, +wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter +führte. Sie gerieten demungeachtet auf +die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach, +ohne sich eine Absicht vorzusetzen.</p> + +<p>Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem +Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht +die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu +schwatzen? Denn seit mir das harte Gebot, still zu +schweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier +Dinge im Magen verdorben und jetzt habe ich eins +auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte +umkommen lassen.«</p> + +<p>»So sprich es aus«, sagte Don Quijote, »und<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> +befleißige dich der Kürze, denn das Weitläufige +macht nie Vergnügen.«</p> + +<p>»Ich sage also, gnädiger Herr,« sprach Sancho, +»daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen +darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen +und Erquickung Abenteuer sucht hier in den +Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr +auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und +weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen +Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht +und Eurer Verdienste. Es scheint mir also, +mit Eurer Erlaubnis, besser, daß wir irgendeinem +Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen +sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste +könnt Ihr dann Eure tapfere Gesinnung, Eure +gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand +an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir +dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung +geben, jedem nach seinem Werte, dann würden +auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Andenken +aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht +erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken +des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten, +daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch +wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen, +meine Verrichtungen gewiß auch schwarz +auf weiß erscheinen würden.«</p> + +<p>»Nicht übel sprichst du, Sancho,« antwortete +Don Quijote; »bevor ich aber zu jenem Ziele gelange, +ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen, +gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen, +damit, wenn ich etwelche beendige, mich +der Ruhm bekränze. Wenn sich nun ein solcher<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> +Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt, +so ist er durch seine Taten schon bekannt, +so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore +der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn +mit Geschrei umgeben und ausrufen: dieses ist der +Ritter von der Sonne, oder von der Schlange, oder +von irgendeinem anderen Sinnbilde, unter welchem +er denkwürdige Taten vollbracht hat. Dieser ist +es, werden sie sagen, der im einzelnen Zweikampfe +den Riesen Brocabruno von der gewaltigen Kraft +überwand, er löste den mächtigen Zauber, in welchem +der große Mameluk von Persien fast seit +neun Jahrhunderten schmachtete. Also werden von +Mund zu Mund seine Taten gepriesen und über +dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes +tritt der König des Reiches an die Fenster seines +herrlichen Palastes: sowie er den Ritter gewahrt, +erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem +Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle +meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden, +ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die +sich dorten naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen +diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich +bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig +und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den +Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach +Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter +die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so +schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie +gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt +finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten +Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter +wirft; er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> +dem andern mehr eine Gottheit als ein +menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder +wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen +Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber +ihre Herzen in großen Sorgen stehn, weil +sie nicht wissen was sie reden oder wie sie ihre +Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von +dorten führen sie ihn wohl in ein anderes Quartier +des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er +die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren +Scharlachmantel bedecken; schien er in der +Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide +noch trefflicher. Der Abend kommt und er speist +mit dem Könige, der Königin und der Infantin, +wobei er niemals die Augen von ihr wendet und +sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden +merken; sie tut das nämliche mit der +nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt, +sie ist eine verständige Jungfrau. Sowie die +Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die +Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg +mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei +Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich +bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat, +daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten +Ritter von der Welt gehalten werden muß. +Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die +zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen, +keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde +Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein großes +vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin, +die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem +so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> +Hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder +Fürst oder was er nur sein mag, in einen gefährlichen +Krieg mit einem anderen, ebenso mächtigen, +verwickelt ist; der fremde Ritter bittet ihn hierauf, +(nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten) +um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege +Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König +und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade +mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben +Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin, +Abschied, die er im Garten hinter einem +Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt +auf den Garten: hier hat er sie auch schon oftmals +gesprochen, denn eine Jungfrau, die das +völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin +und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig +nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr +in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum +Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde; +endlich kommt die Infantin wieder zu sich, durch +das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem +Ritter, der sie tausend und tausendmal küßt und +sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird +endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück +oder Unglück mitteilen wollen; es fleht die Prinzessin, +daß er so schnell als möglich zurückkommen +möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder +küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit +solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das +Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach, +wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz +der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der +Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> +Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt, +nachdem er sich von den beiden beurlaubt, +daß die gnädige Infantin sich übel befinde und +keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt, +wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz +schlägt ihm und es fehlt wenig, so läßt er seine +Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die +Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es +ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt +und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge +sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von +königlichem Geschlechte abstamme oder nicht. Die +Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große +Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne, +wenn er nicht von Königlichem Geschlechte sei; mit +diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden, +um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen +und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie +sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er +streitet im Kriege, er überwindet den Feind des +Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert +in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück, +am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame, +sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater +zum Lohne seiner Dienste zum Weibe begehren +soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht +weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß +er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst +geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin +und der Vater selbst preist sich deshalb +glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der +Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von +welchem Königreiche ist, denn es mag wohl in der<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> +Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater +stirbt, die Infantin erbt den Thron und wie man die +Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es +in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen +zu belohnen, die ihm darin beigestanden +haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen +Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich +derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe +war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen +Herzogs.«</p> + +<p>»So wünsch' ich's, und das ist der Weg Rechtens,« +sagte Sancho, »und buchstäblich wird es Euer +Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der +traurigen Gestalt.«</p> + +<p>»Du darfst nicht zweifeln, Sancho,« versetzte +Don Quijote, »denn auf dieselbe Weise und auf +die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe, +haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen, +Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß +ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich +einen christlichen oder heidnischen König antreffe, +der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber +es wird uns noch Zeit übrig bleiben, darauf zu +denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen +herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle. +Mir fehlt aber noch ein anderes Ding, +denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und +einer schönen Tochter, und daß ich unglaublichen +Ruhm im ganzen Universum erhalten habe, so +weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich +vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich +wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein +kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> +zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht +nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich +meine Taten noch größeren Ruhm verdienen; so +werde ich dieses Mangels halber den Lohn meines +tapferen Armes verlieren. Ich bin freilich wohl +ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte, +ich besitze ein Eigentum und meine Einnahme erstreckt +sich wohl über fünfhundert Taler; es mag +auch wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte +niederschreibt, meine Verwandtschaft und +Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich +wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel des +Königs bin: denn du mußt wissen, Sancho, wie es +zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt, eine +Art, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen +ableitet, die aber die Zeit nach und nach erniedrigt +hat, so daß sie sich endlich gleichsam in der Basis +einer Pyramide verlieren; andere entspringen aus +niedrigem Geschlechte und steigen und steigen nach +und nach, bis sie vornehme Leute werden; der +Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß +jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese +sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich +gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein +Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann +auch der König, mein Schwiegervater, zufrieden +stellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird +mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß +sie ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt +wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners, +mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo +nicht, so raube ich sie dann und entführe sie, wohin<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> +es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn +ihrer Eltern vertilgen.«</p> + +<p>»Es paßt hier schön,« sagte Sancho, »was +manche Schelme sagen: bitte das nicht im Guten, +was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man +könnte auch noch besser sagen: das Rauben eines +Spitzbuben ist besser als das Bitten eines braven +Mannes; ich sage das nur, weil, wenn der Herr +König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele +legen und Euch die gnädige Infantin übergeben +will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu rauben +und wegzunehmen. Das Unglück ist nur, daß bis +wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche +ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes mit +leeren Backen auf den Lohn passen muß, wenn +nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die +seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft +und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der +Himmel anders beschert, denn ich glaube, sein Herr +ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen +Frau zu geben.«</p> + +<p>»Niemand kann ihm solches verweigern,« sagte +Don Quijote.</p> + +<p>»Damit es aber so komme,« antwortete Sancho, +»müssen wir brav zu Gott beten und das Glück +dann gehen lassen, wohin es uns führen will.«</p> + +<p>»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quijote, +»wie ich es wünsche und du, Sancho, es +brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein +hält.«</p> + +<p>»Das weiß Gott,« sagte Sancho, »daß ich ein +alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um +Graf zu sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<p>»Überflüssig genug ist es,« sagte Don Quijote, +»und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne +Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich +dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst +oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich +dich zum Grafen mache, ich dich zugleich zum Ritter +mache, und sie mögen sich dann stellen wie sie +wollen, so müssen sie dir denn durchaus deinen +gnädigen Herrn geben.«</p> + +<p>»Und denkt nur nicht, daß ich mich nicht in +Hauterdiät setzen werde,« sagte Sancho.</p> + +<p>»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du +sagen,« erwiderte sein Herr.</p> + +<p>»Auch gut,« antwortete Sancho Pansa, »ich sage +nur, daß ich mich schon drein schicken will, denn +meiner Seel, ich war nur einmal Hochzeitbitter +und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich +könnte wohl gar einen Küster vorstellen. Wie +wird's aber vollends werden, wenn sie mir den +Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich +ganz voll Gold und Perlen sitze wie ein fremder +Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um +mich nur zu sehen.«</p> + +<p>»Du wirst gut aussehen,« sagte Don Quijote, +»doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren +lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein +Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um +den anderen unter das Messer bringen, sonst weiß +doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.«</p> + +<p>»Was gilt's,« sagte Sancho, »ich nehme mir +lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im +Hause wohnen, und wenn's nötig tut, muß er<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> +mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines +Großen.«</p> + +<p>»Aber wie weißt du,« fragte Don Quijote, »daß +die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?«</p> + +<p>»Ich will es sagen,« antwortete Sancho; »ich +war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang +in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn +vorbei reiten, von dem die Leute sagten, er wäre +sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen +Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er +mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die +Leute, warum der Mann nicht neben dem anderen +ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da +antworteten sie, daß er sein Bereiter sei und daß +es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich +zu führen: das weiß ich seitdem so gut, daß ich +es niemals wieder vergessen habe.«</p> + +<p>»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote, +»und auf die Weise kannst du deinen Barbier +mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht +auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit +erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf +sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und +überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres +Geschäft als ein Pferd satteln.«</p> + +<p>»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge +sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu +denken, wie Ihr König werdet und mich zum +Grafen macht.«</p> + +<p>»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem +er die Augen erhob, sah er, was das folgende +Kapitel erzählen wird.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p> + +<h3>Achtes Kapitel<br> +<span class="s5">Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit,<br> +die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern<br> +gingen</span></h3> +</div> + + +<p>Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische +Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen, +erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen +Geschichte, daß, nachdem zwischen dem +berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem +Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen +waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind, +der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der +Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen +zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines +Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne +Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen +trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu +Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren +mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit +Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte, +sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten, +die der König zwingt, ihm auf den Galeeren +zu dienen.«</p> + +<p>»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie +kommt der König dazu, irgend jemand zu +zwingen?«</p> + +<p>»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern +das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen +verurteilt hat und sie zwingt, auf den +Galeeren zu dienen.«</p> + +<p>»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> +dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man +fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien +Willen.«</p> + +<p>»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho.</p> + +<p>»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt +hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang +aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und +beizustehen.«</p> + +<p>»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte +Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König +vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an +dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen +ihrer Verbrechen gestraft.«</p> + +<p>Indem kam die Kette mit den Ruderknechten +heran und Don Quijote bat diejenigen, die als +Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den +Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen, +warum man diese Leute auf solche Weise fortführe. +Einer von den Wachen zu Pferde antwortete, +daß es Ruderknechte wären, Sklaven +Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren +gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und +mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«, +erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem +insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.« +Er fügte noch so viele und so höfliche +Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß +der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir +haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche +von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber +wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu +lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie +werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> +Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«</p> + +<p>Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote +würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht +gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte +den vordersten, um welcher Sünden willen er in +so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete, +daß er als Verliebter so ginge.</p> + +<p>»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote. +»Bringt man die Verliebten nach den Galeeren, +so hätte ich schon seit langem dort rudern +müssen.«</p> + +<p>»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der +Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine +Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche +mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so +kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit +meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn +ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte. +Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung +war unnötig, die Sache machte sich bald, +ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel, +ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten +gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.«</p> + +<p>»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote.</p> + +<p>»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der +Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig +Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft +nach ein Felsenherzer.</p> + +<p>Don Quijote tat dem zweiten die nämliche +Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still +und schwermütig war; der erste aber antwortete +für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> +mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein +Musikus und Sänger.«</p> + +<p>»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und +Sänger werden auf Galeeren geschickt?«</p> + +<p>»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht, +»kein böser Ding auf der Welt, als in der Not +singen.«</p> + +<p>»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don +Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«</p> + +<p>»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn, +wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.«</p> + +<p>»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote; +einer von der Wache aber antwortete: »Herr +Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen +rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser +Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein +Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs +Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er +schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen +hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil +ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht +behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er +bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu +sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei +Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent +kein besseres Glück wünschen könne, als daß +auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod +schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise +gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung +nach nicht unrecht.«</p> + +<p>»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote +und wandte sich zum dritten, den er wie die +vorigen befragte, der auch behende und mit großer<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> +Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf +Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir +zehn Dukaten mangelten.«</p> + +<p>»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte +Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu +lösen.«</p> + +<p>»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht, +»als wenn einer mitten auf der See Geld +hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er +nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte +ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt, +die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die +Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf +meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich +heute mitten auf dem Platze von Zocodover in +Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein +Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott +ist mächtig und man muß Geduld haben.«</p> + +<p>Don Quijote kam zum vierten, einem Manne +mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer +Bart bis auf die Brust herunterhing; als +er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt +würde, fing er an zu weinen und antwortete +nichts. Aber der fünfte Gefangene diente +zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige +Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren, +nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde +und in großer Pracht gehalten hat.«</p> + +<p>»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa, +»öffentlich am Pranger gestanden haben.«</p> + +<p>»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie +haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler +für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> +gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein +Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als +Zauberer ausgeübt.«</p> + +<p>»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,« +sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen, +wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen +hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern +man hätte ihn vielmehr zum General derselben +ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines +Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert +verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten +Staate von äußerster Notwendigkeit, so +wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben +müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren +über sie ansetzen, wie es bei den übrigen +Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die +Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde +vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen, +daß sich unwissende und einfältige Menschen +mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger +alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher +sind, die wenige Jahre und noch weniger +Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen +oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag +zu machen, dastehen, als wenn ihnen der +Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche +ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber +noch weitläufiger sein und Gründe anführen, +warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im +Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber +hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es +aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben +und die Sache einrichten können. Ich will nur<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> +noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese +silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und +diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung, +bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei +vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine +Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu +verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige +glauben, denn unser Geist ist frei und weder +Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen. +Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige +Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte +mischen, die den Menschen töricht machen, womit +sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen, +da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien +Willen zu zwingen.«</p> + +<p>»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und +wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der +Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das +Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit +nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht +war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in +Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht; +aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen, +ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht +wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe +außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir +keinen Augenblick Ruhe läßt.«</p> + +<p>Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch +Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen +aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen +reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den +folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher +als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> +ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und +mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt +waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige, +daß durch all dies Scherzen eine so verworrene +Verwandtschaft entstand, daß sie kein +Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag. +Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte, +so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf +sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde. +Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung, +das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist +alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen +Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch +Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden +wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten, +daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem +Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher +Charakter verdient.«</p> + +<p>Dieser war wie ein Student gekleidet und einer +von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und +geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein +Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt, +der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte: +die Weise, wie er angefesselt war, war von der der +übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße +hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um +den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei +Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am +andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund +befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von +oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder +in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden +Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> +waren, so daß er weder die Hände zum Munde +erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen +konnte. Don Quijote fragte, warum +dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an +sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht +allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen +begangen habe, und daß er so verwegen und listig +sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten, +wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten, +sondern stets seine Flucht befürchteten.</p> + +<p>»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann +er begangen haben, wenn er keine größere Strafe +als die Galeere verdient?«</p> + +<p>»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die +Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man +braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche +Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst +auch Hans Gines Diebsfinger genannt.«</p> + +<p>»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht, +»laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf +aus, Namen und Beinamen herzuerzählen. +Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg +ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie +Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und +er wird genug zu tun finden.«</p> + +<p>»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius, +»du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte, +wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll, +wie es dir gewiß nicht lieb ist.«</p> + +<p>»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß +sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß +der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans +Gines Diebsfinger heiße oder nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p> + +<p>»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?« +fragte der Wächter.</p> + +<p>»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon +dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder +ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr +uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her +und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das +Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr +aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines +Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen +Fingern niedergeschrieben habe.«</p> + +<p>»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius, +»er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben, +so gut man es nur verlangen kann, er hat +das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als +Pfand zurückgelassen.«</p> + +<p>»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und +wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen +hätte.«</p> + +<p>»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote.</p> + +<p>»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den +Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in +dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben +werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch +soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält, +und diese Wahrheiten sind so anmutig und +lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein +können.«</p> + +<p>»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte +Don Quijote.</p> + +<p>»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete +jener.</p> + +<p>»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p> + +<p>»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines, +»da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben +habe, hebt mit meiner Geburt an und +beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren +gesandt wurde.«</p> + +<p>»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte +Don Quijote.</p> + +<p>»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich +schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß, +wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,« +antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich, +wieder hinzukommen, denn ich werde dort +Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem +mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf +den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als +ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum +Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon +auswendig.«</p> + +<p>»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote.</p> + +<p>»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das +Unglück verfolgt immer die Genies.«</p> + +<p>»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius.</p> + +<p>»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,« +antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die +Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut, +die armen Schelmen zu mißhandeln, die +unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und +dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät +lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele — — +Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der +Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert +sind und alle Welt sei ruhig und lebe<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> +wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen, +denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«</p> + +<p>Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem +Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber +Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht +zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest +gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei +zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette +wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir +gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel +verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen +gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen +eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und +gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch +ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser +auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei +jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und +überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache +eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit +gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches +alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß +ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch +den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der +Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden +der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß, +als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein +Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die +unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir +aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist, +das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten +läßt, daher ergeht meine Bitte an diese +Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch +gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> +lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die +dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn +mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven +zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute +geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,« +fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen +euch nichts getan; dorten aber wird +jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im +Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute +zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche +Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen +nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit +dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch +danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt, +falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet, +so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern +Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen, +es also zu vollstrecken.«</p> + +<p>»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius, +»ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz! +Wir sollen die Sklaven des Königs frei +lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu +tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein +Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer +Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um +ungelegte Eier.«</p> + +<p>»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein +Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote. +Und in demselben Augenblick rannte er so +wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr +setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet +zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich +ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> +führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak +über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber +wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen, +die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten +sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe +erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, +wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese +günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie +in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an +der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand +eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald +zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten, +bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus +nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits +half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus, +der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde +herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius +machte und ihm Degen und Flinte abnahm; +hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald +zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald +keiner von der Wache mehr das Feld behauptete, +denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg, +teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen +Ruderknechte erregten. Sancho wurde über +diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte, +daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft +den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die +Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen; +diese Besorgnis trug er auch seinem +Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen, +damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken +könnten.</p> + +<p>»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> +ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf +er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich +schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd +ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um +zu sehen was er haben wollte, er aber sagte: +»Braven Leuten steht es gut an, für empfangene +Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist +eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am +meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine +edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren +habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum +Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese +Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch +nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch +nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der +Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr +sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt, +euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt +für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem +berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung +zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so +könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch +gefällt.«</p> + +<p>Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg: +»Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser +Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit, +es auszurichten, denn wir können nicht in +Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln +und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre +gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen +könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft +nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns +macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> +könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft +nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl +Ave Marias und Credos zu verwandeln, die +wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das +läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf +der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu +glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens +zurückkehren werden, ich meine, daß wir +unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf +den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte +man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn +Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt +Birnen vom Ulmbaum fordern.«</p> + +<p>»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt, +»Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans +Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt, +daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen +den Beinen und die ganze Kette über den Buckel +gehängt!«</p> + +<p>Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart +war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don +Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen +angefangen, sie frei zu machen), gab, da er +sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen +Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten, +und einen solchen Hagel von Steinen nach +Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug +hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei +der arme Rosinante sich aus allem Spornen +nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen +wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg +sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das +auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> +nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel +so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie +ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen, +als sich der Student über ihn machte, ihm +das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei +oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so +lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach; +er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über +der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst +die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der +Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen +sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf +sie untereinander die in der Schlacht gewonnene +Beute verteilten und jeder sich nach einer andern +Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren +Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der +Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea +von Toboso zu präsentieren.</p> + +<p>Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote +blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich, +indem er je zuweilen die Ohren schüttelte, +wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der +seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe; +Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls +durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne +Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft, +Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so +schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so +großes Gut verschafft hatte.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<h3><em class="gesperrt">Neuntes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen<br> +Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer,<br> +die in dieser wahrhaftigen Geschichte<br> +vorgetragen werden</span></h3> +</div> + + +<p>Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah, +sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho, +habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes +erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich +deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen +Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen +ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige +vorsichtiger sein werde.«</p> + +<p>»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete +Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr +aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren, +wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt +mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer +Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die +heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert, +denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen +noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon, +als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«</p> + +<p>»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte +Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest, +ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat, +will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem +Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch +nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so +im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst, +ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern +nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> +du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann, +auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen +strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken +oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn +wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr +aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der +Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht +mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben +und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein +diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht, +sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen +Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor +und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und +Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.«</p> + +<p>»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen +ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein +Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie +nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute +für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an +einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner +Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit +meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen; +drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen +guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den +Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich +Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant +mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände +brauchen werden.«</p> + +<p>Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu +antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte +an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen +Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte +die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> +Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und +sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken, +damit sie von der heiligen Brüderschaft +nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als +er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem +Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den +Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein +Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen +so heftige Jagd gemacht hatten.</p> + +<p>Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte +des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die +Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen, +wenigstens so lange, als ihre Speisekammer +sie versorgte, und also machten sie ihr +Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in +der sich viele Korkbäume befanden. Aber das +Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht +vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles +lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt, +führte den Gines Friedberg, diesen berühmten +Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit +des Don Quijote von der Kette erlöst war und der +ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft, +die er mit großem Rechte fürchtete, auf den +Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken, +diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die +nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho +Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie, +da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter +immer undankbar sind, die Not auch oft +das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch +der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines, +der weder dankbar noch von edler Gesinnung war,<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> +darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen, +indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm, +den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum +Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho +Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe +es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß +er nicht wiedergefunden werden konnte.</p> + +<p>Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen +und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen +Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah, +begann er so heftig und laut den allerkläglichsten +Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte +und folgende Reden vernahm: »O du mein +eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause +erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines +Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten! +O du Ernährer meiner halben Person, +du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis +und das war mein halbes Auskommen.«</p> + +<p>Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die +Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den +besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich +in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich +eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf +Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit +stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine +Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don +Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank, +dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte, +das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders +für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte. +Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in +die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> +wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet +waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen +zog er fort, ohne an etwas anderes zu +denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken +(seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu +reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich +zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen +geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer +über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend, +in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er +für ein neues Abenteuer, solange er auf solche +Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.</p> + +<p>Indem hub er die Augen auf und bemerkte, +wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze +seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der +Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen, +wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub +jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen +Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz +vermodert und zerrissen; sie waren aber von so +großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um +sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen, +was sich im Mantelsack befinde. Sancho +richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus, +und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß +zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher +alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden +von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes +Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand +er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie +er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der +uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was +trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> +kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses +ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das +Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho +küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er +noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte, +stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer +war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote +mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders +ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender, +der durch dieses Gebirge gezogen ist, von +Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an +irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«</p> + +<p>»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn +wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld +wohl nicht liegenlassen.«</p> + +<p>»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so +kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl +sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich +in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet +findet, wodurch wir auf die Spur geraten +und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«</p> + +<p>Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als +Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben, +ein Sonett, welches er laut ablas, damit +es auch Sancho hören könnte:</p> + +<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden,</div> + <div class="verse indent0">Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen,</div> + <div class="verse indent0">Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen,</div> + <div class="verse indent0">Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.</div> +</div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden;</div> + <div class="verse indent0">Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,</div> + <div class="verse indent0">Daß Götter wüten: aber warum steigen</div> + <div class="verse indent0">Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?</div> +</div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen,</div> + <div class="verse indent0">Daß du so großes Unheil mir geschicket;</div> + <div class="verse indent0">Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?</div> +</div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen,</div> + <div class="verse indent0">Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket,</div> + <div class="verse indent0">Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch +nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der +Filz da auf den rechten Weg bringt.«</p> + +<p>»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.</p> + +<p>»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr +von Filz oder Pilz etwas daher läset.«</p> + +<p>»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und +dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame, +über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt, +der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich +anders in der Kunst nicht unerfahren.«</p> + +<p>»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho, +»Reime zu machen?«</p> + +<p>»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete +Don Quijote, »das sollst du gewahr werden, +wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller +Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea +von Toboso senden werde; denn du mußt +wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger +Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und +Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder +richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die +verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> +die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr +Geist als Kunst.«</p> + +<p>»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden +wir, was wir wollen.«</p> + +<p>Don Quijote schlug das Blatt um und sagte: +»Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«</p> + +<p>»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte +Sancho.</p> + +<p>»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von +Liebe,« antwortete Don Quijote.</p> + +<p>»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe +eine große Freude an den Liebessachen.«</p> + +<p>»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an +laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf +er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:</p> + +<p>»Dein falsches Versprechen und mein gewisses +Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl +die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine +Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen, +Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber +besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum, +den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück +beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch +deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine +Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein +Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist. +Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und +gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls +nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust, +was du getan hast und ich nicht so gerächt werde, +wie ich es nicht wünsche.«</p> + +<p>Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte, +sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> +nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von +beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte +hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch +andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen +konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen +waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und +Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen, +diese beweint. Indes Don Quijote das Buch +durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack, +ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht +unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte +jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander, +denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit +oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten +in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich +auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht +mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er +sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die +Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge +des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes, +die Beraubung des Mantels und für allen +Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur +immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden +hatte, durch die Güte, daß ihm dieser +Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der +Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem +heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der +Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie +aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus +der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein +anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand +sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit +seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> +geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren +wilden Gegend niemand zu sehen war, den +er hätte fragen können, so richtete er nunmehr +seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen, +immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in +diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer +aufstoßen müsse.</p> + +<p>Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog, +bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der +vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger +Schnelligkeit von Stein zu Stein und von +Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war +halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen +Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh +und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel +trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem +Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß +man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte; +sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt, +schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter +von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale. +So viele Mühe er sich aber auch gab, war +es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der +Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf +in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein +Gemüt saumselig und phlegmatisch war.</p> + +<p>Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß +ebendieser der Herr des Reitkissens und des +Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den +Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein +Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu +finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen +und von der einen Seite die Runde um<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> +den Berg zu machen, indem er von der andern +Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt +vielleicht den Menschen anträfen, der mit so +großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.</p> + +<p>»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho, +»denn sowie ich mich von meinem werten Herrn +entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei +Schrecken und Einbildungen verursacht: das, +was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht +dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen +Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«</p> + +<p>»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt, +»und es freut mich sehr, daß du meinem +Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen +soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper +verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir +am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen +statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen, +vielleicht treffen wir den Menschen, den wir +erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer +unseres Fundes sein muß.«</p> + +<p>Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre +doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir +ihn finden und er vielleicht der Herr von dem +Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm +wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen +diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen +einstecken kann, bis wir auf eine andere, +nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen +Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit, +wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser +sein Recht verloren hat.«</p> + +<p>»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> +Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung +geraten sind, daß er der Eigentümer sein +möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu +suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen +wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er +der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein +Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also, +Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß +erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.« +Mit diesen Worten spornte er den Rosinante +und Sancho folgte auf seinem Esel nach. +Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten +waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von +Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes +und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie +in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling +der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes +sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine +Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt, +und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen +und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen +Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don +Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen +möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei, +wie sie in diese Gegend gekommen wären, +die wenig oder gar nicht betreten würde, außer +von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder +anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho +antwortete, er möchte herunterkommen, und sie +wollten ihm dann alles erzählen.</p> + +<p>Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an +die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er: +»Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> +in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon +seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt, +habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«</p> + +<p>»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don +Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack, +die wir nicht weit von hier fanden.«</p> + +<p>»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der +Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen +wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich +vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal +für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel +ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße, +worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht, +wie's kömmt.«</p> + +<p>»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete +Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich +mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen; +hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie +es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie +mich kratzen.«</p> + +<p>»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don +Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem +Herrn der Sachen?«</p> + +<p>»Was ich Euch sagen kann,« antwortete der +Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate +sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger +Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen +von hier; er sah vornehm und stattlich aus und +ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot +liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das +Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt +habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges +am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> +ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden, +und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch +nur noch eine halbe Meile tiefer hinein begebt, +so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es +ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher +gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig +führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch +unsere Antwort vernommen hatte, ritt er nach der +Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem +uns allen sein schönes Ansehen gefiel und +wir uns über seine Fragen verwunderten sowie +über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge +einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr, +bis er nach etlichen Tagen einem von unseren +Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich +an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße +gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte +und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm, +hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das +Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten +dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage +in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum, +um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in +der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes +fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung +war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt +und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn +kaum wiederkannten, doch gaben uns seine Kleider, +obschon sie zerrissen waren, Merkmale genug, +woraus wir entnahmen, daß er der nämliche sei, +den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und +sagte uns in wenigen und verständigen Worten, +daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> +möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um +eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen +seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir +baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte, +wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht +bringen: worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn +er zu seinem Unterhalte etwas bedürfe, er uns +sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn +wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft +bringen, wäre aber auch dies nicht nach +seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens +darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit +Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere +Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten +um Verzeihung, versprach auch, uns +künftig um Gottes willen darum anzusprechen, ohne +jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung +betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andere +als das, was er gerade fände, wenn ihn die +Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher +herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle, +die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen, +wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten +uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal +gesehen hatten und wie wir ihn nun vor +uns sahen, denn wie gesagt, er war ein sehr +schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine +höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch, +daß er von vornehmer Familie sein mußte, und obgleich +wir, seine Zuhörer, nur Bauersleute waren, +so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst +ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden +mußte. Indem er nun noch am besten in seiner<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> +Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte, +lange Zeit verschloß er die Augen, indes +wir alle verwundert dastanden und warteten, was +aus dieser Verzückung werden sollte, es war uns +ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen +wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr +den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen, +dann drückte er sie wieder zu, rührte die +Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus +wir leicht entnahmen, daß ihn wieder ein +Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch +zu erkennen, wie richtig unsere Vermutung gewesen +sei, denn wild sprang er plötzlich von der +Erde auf und warf sich auf den, der ihm am +nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit, +daß, wenn wir ihn nicht aus den Händen +rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben +umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ha! +nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen +bezahlen, diese Hände sollen dir das +Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen +und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist. +Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich +alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu +sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen +zu behandeln. Wir verließen ihn sehr +betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte +sich von uns und rannte so schnell in das +Buschwerk und in die Steinklippen hinein, daß wir +ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir +aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele, +und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus +großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> +so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen +haben sich auch bestätigt, denn er hat +sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die +Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem +Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es +aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald +er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf, +wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten, +sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er +wieder bei Sinnen ist, bittet er um Gotteswillen +und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch +dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung +häufiger Tränen. Seitdem, meine Herrn«, +fuhr der Ziegenhirte fort, »haben ich und vier +andere Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei +von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so +lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn +wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei's nun +mit Güte oder Gewalt nach Almodovar führen, +was nur acht Meilen von hier liegt und ihn da +kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur +verträgt oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von +ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der +Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann. +Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf +eure Fragen antworten kann; der, dem die Sachen +gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche, +den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt +vorüberrennen saht« (denn Don Quijote hatte ihm +schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge +habe klettern sehen). Dieser war durch das, was +ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen +gesetzt und seine Begierde, zu erfahren, wer der<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> +arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht, +er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher +beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge +aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet +zu lassen, bis er ihn endlich gefunden +hätte. Das Schicksal führte es aber besser als er es +erwartete oder erhoffte, denn in demselben Augenblicke +zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen +den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der +etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an +ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen +konnte. Seine Tracht war wie sie oben beschrieben +ist, nur bemerkte Don Quijote in der Nähe, daß +das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten +korduanischen Leder sei, wodurch er völlig überzeugt +wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider +führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.</p> + +<p>Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie +mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler +Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß +ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte +ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit, +indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen +Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen +Jahren kenne. Der andere, den man den Zerlumpten +von der kläglichen Gestalt nennen könnte, +wie Don Quijote der von der traurigen heißt, entfernte +ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich +wieder aus den Armen gelassen hatten und legte +seine Hände auf die Schultern Don Quijotes, er beschaute +ihn dann, als wolle er sich besinnen, ob +er ihn kenne, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt, +Bildung und Waffenrüstung Don Quijotes vor sich<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> +zu sehen, als Don Quijote erstaunt war, ihn zu +erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung +redete, war der Zerlumpte, und er sagte, +was man nachher erfahren wird.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Zehntes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem schwarzen<br> +Gebirge</span></h3> +</div> + + +<p>Die Geschichte erzählt, daß Don Quijote mit der +gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen +Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher +also sprach: »Wahrlich mein Herr, wer Ihr, +da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke +ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft, +die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich +wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr +als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur +Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat +mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen +edle Teilnahme erwidern kann, als meine +guten Wünsche.«</p> + +<p>»Meine Wünsche«, antwortete Don Quijote, »bestehen +nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen +war, diese Berge nicht eher zu verlassen, +bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte, +ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche +Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine +Linderung zu finden sei, und wenn es nötig +wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem +ersinnlichen Fleiße aufsuchen, wäre aber Euer Unglück +von der Art, daß für Euch die Türen aller<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> +möglichen Hilfe verschlossen wären, so wollte ich +zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so +gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer +ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert, +und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche +Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler +Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch +gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was +Ihr im Leben am meisten geliebt habt oder noch +liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund +zu entdecken, der Euch soweit führt, in diesen +Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu +sterben, denn hier sterben werdet Ihr, Euch +selbst so entfremdet, wie Eure Tracht und Euer +Anstand bezeugen. Und ich schwöre«, fuhr Don +Quijote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den +ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich +auch bin, und bei dem Stande eines irrenden +Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler +Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen +erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin, +der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn +es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit +Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen +habe.«</p> + +<p>Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede +dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat +nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder +beschaute und wiederum vom Kopfe bis zu den +Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet +hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu +essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes +willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> +Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so +freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen +habt.«</p> + +<p>Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und +der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor, +womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte, +der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang, +daß er schnell einen Bissen nach dem andern +ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während +dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm +zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen +hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen +möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen +grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die +Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren, +setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das +nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte, +nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit +gesetzt hatte, sagte: »Wenn ihr es wünscht, +meine Herrn, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit +meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir +versprechen, weder durch eine Frage noch auf +andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte +zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde +ich keineswegs die Erzählung vollenden können.«</p> + +<p>Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don +Quijote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister +vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die +über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch +die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte +aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich +um so schneller die Geschichte meines Unglücks vollenden +kann, denn es meinem Gedächtnis wiederholen,<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> +dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen, +und je weniger ihr mich also unterbrecht, +je schneller werde ich meine Erzählung endigen, +ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz +eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quijote +versprach alles im Namen der übrigen und jener +fing nach dieser Versicherung also an: »Mein Name +ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten +Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine +Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß +meine Eltern es beweinen werden, meine Familie +darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren +Reichtümern helfen können, denn um die Verhängnisse +des Himmels abzuwenden, sind die Güter des +Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen +Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller +ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht +zu erregen, so groß war die Schönheit Lucindens, +eines Mädchens, nicht minder edel und reich +als ich, aber von besserem Glück und geringerer +Sündhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig +war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen +frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie +liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die +ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten +unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber, +denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere +Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut +mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens +übereinstimmte. Unsere Jahre nahmen zu und mit +ihnen wuchs unsere beiderseitige Liebe, so daß es +Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen +Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> +verweigern, und so war er hierin dem Vater der +Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen +ist. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf +Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war +auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so +konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen +machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die +Empfindungen des Herzens zu erkennen geben, +denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes +macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste +Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel! +wie viele Briefe schrieb ich ihr, wie viele Antworten, +so erfreulich als anständig erhielt ich von +ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten +Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das +Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen +Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich +ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese +Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den +Wunsch sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den +Vorsatz, das Beste und Einzige zu tun, um das erwünschte +und verdiente Gut zu besitzen, und dies +war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen +Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete, +wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll +fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da +aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten +anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht +mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei +Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen +oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine +edle und verständige Antwort und versprach, daß +mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> +werde, worauf ich mich auch sogleich zu +meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen +und so wie ich in sein Zimmer trat, finde +ich ihn mit einem offenen Brief in der Hand, und +ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir: +»Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade +dir der Herzog Ricardo erzeigt. Dieser Herzog Ricardo +ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen +im schönsten Teile von Andalusien hat.« +Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft +schien, daß es mir selber unverständig vorkam, +wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs +gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte, +um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten +Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu +befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die +er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte, +noch mehr, als mein Vater sagte: ›In +zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den +Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem +Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem +deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten +können.‹ Diesen Worten fügte mein Vater noch +andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit +meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach +ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging +dann zu ihrem Vater und bat einige Zeit zu warten +und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich +gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er +versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend +Schwüren und heißen Tränen.</p> + +<p>Ich kam beim Herzog Ricardo an, er empfing +mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> +den Neid seiner älteren Diener in Bewegung +setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die +der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteil +gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft +entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs, +Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling, +großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so +sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber +verwunderten, und ob mir gleich der ältere +Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht +mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem +mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter +wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich +nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos +Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr, +vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht +wenige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein +Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so +schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war, +daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen +Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären. +Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten +die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er, +um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen, +ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich +ihm auf keine andere Weise ergeben wollte. Ich +versuchte es als Freund ihn mit den dringendsten +Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem +Vorsatz zurückzubringen; da ich aber sah, wie +unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir +vor, die Sache seinem Vater, dem Herzog Ricardo +zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und +klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> +wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als +ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu +entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig +werden konnte, um mich also zu hintergehen, sagte +er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus +seinem Gedächtnis das Bild jener Schönheit, die sich +seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen, +als auf einige Monate zu verreisen, und zwar, +wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich +in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne +Pferde in meiner Vaterstadt aufzusuchen und zu +kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt. +Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen, +als ich auch, von meiner Leidenschaft angetrieben, +ihn als den glücklichsten und heilsamsten +Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursache dieses +Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich +fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf, +meine teure Lucinde wieder zu sehen. Ich billigte +und lobte also seinen Vorsatz und bestätigte ihn +darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn +die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste +Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag +tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr, +unter dem Titel eines Gemahls die Gunst des Landmädchens +genossen und wartete nur auf eine schickliche +Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge +entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln +seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine +Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei +den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich +das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse +dann alle Wünsche mit verschwinden und sich<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> +dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie +die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur +setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige +Liebe gar nicht gestellt ist, also, wie Don Fernando +die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten +seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie +er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu +heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das +nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen +hatte.</p> + +<p>Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir, +ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an, +mein Vater empfing ihn nach seinem Stande und +ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe, +die weder gestorben noch eingeschläfert war, von +neuem belebt wurde. Zu meinem Unglück erzählte +ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte, +ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde, +nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit, +Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde +so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den +Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehen, das mit +allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu +meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich +zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem +Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten; +er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick +alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus +vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit, +ward in sich verschlossen und mit einem Worte +so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung +meines Unglücks erfahren werdet. Um seine +Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> +verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel +vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem +Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie +mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu +verlangen, der so geistreich, edel und in solchen +Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir +schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten +des Körpers und der Seele, die unter den übrigen +Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen, +daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch +schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden +ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus +seinem Munde zu hören, ich fing an ihn zu fürchten +und ihm weniger zu trauen, denn es verging +kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden +gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie, +wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte, +wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt +wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend +und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das +Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen +hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere +zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir +zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß +ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle. +So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein +Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte +und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte +nämlich den Amadis von Gallia.«</p> + +<p>Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen +hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr, +gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das +Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> +wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um +mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch +würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie +Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der +Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt +hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch +mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu +verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und +Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe +ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von +der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur +Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis +von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von +Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna +Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya +gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des +Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen +Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner +Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch +läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht +verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein +werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat +kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert +Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner +Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen. +Doch halte ich im stillen dafür, daß ich +keins von allen behalten habe, soweit hat es die +Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer +durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß +ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine +Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von +Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es +mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> +sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist, +nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes, +nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung, +sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich +mir zur Stunde am meisten wünsche.«</p> + +<p>Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ +Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken +und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich +ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte +fortzufahren, hob er doch weder den Kopf +auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber +richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann +es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein +Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken +schlagen oder mich eines andern überreden und der +soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil +überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der +Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der +Königin Madasima geschlafen habe.«</p> + +<p>»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete +Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem +er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine +schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei! +Die Königin Madasima war eine hocherhabene +Dame, und es läßt sich unmöglich glauben, +daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl +geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint, +lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm +zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet, +bei Tage oder in der Nacht, oder wie es +ihm gut dünkt, beweisen.«</p> + +<p>Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht, +er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> +und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen, +Don Quijote war aber ebensowenig zum +Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert, +was er von der Madasima hatte hören müssen. +Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte, +als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame: +so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in +Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt +war, für einen Lügner und Hundsfott schelten +hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so +empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein +und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don +Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte. +Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher +Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter +Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber +empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage +zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf +ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen +eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen +wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und +nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte, +stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um +sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich +auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft +zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine +Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb, +daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen +Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie +sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten +hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er +es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört +habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> +Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der +Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab +sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und +solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote +nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen +wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt: +»Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von +der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer +wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann +also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung +nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher +Kerl prügeln.«</p> + +<p>»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe +ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig +ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote +fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht +möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn +er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß +seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte, +was er schon einmal gesagt hatte, daß man +seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben +könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden +herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit +oder verrückt, antreffen.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Elftes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen<br> +Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten,<br> +und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte</span></h3> +</div> + + +<p>Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und +dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl +dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> +Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam +weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden +des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit +seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß +jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht +dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er +aber das lange Stillschweigen nicht aushalten +konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt +mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem +Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und +Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch +alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe, +aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und +Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu +reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich +bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch +der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es +zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich +doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur +Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen; +aber das ist zu hart, und keine Geduld +reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern +herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen, +Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem +nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß +man gar nicht herausreden darf, was man auf dem +Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«</p> + +<p>»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don +Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge +einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit +auflösen, sprich was du willst, doch unter der +Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange +wir in diesen Bergen herumziehen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p> + +<p>»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will +ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag, +ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen, +und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch +so der Königin Madam Trine anzunehmen oder +wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie +Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht? +Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr +waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte +in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre +nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen +vorgefallen.«</p> + +<p>»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote, +»wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine +ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin +Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß +ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den +Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen +Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu +sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die +Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre +an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von +dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger +Mann und kluger Kopf war. Er diente der +Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen, +daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine +Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient: +und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte, +was er redete, mußt du nur darauf merken, daß, +als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«</p> + +<p>»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß +man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben +müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> +so daß der Kieselstein Euch nach dem +Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden +wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns +der Dame angenommen haben, die Gott verderben +mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio +mochte verrückt sein oder nicht.«</p> + +<p>»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder +irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre +der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie +vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und +gar für die Königin Madasima, die ich wegen +ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe, +denn außer daß sie über alle Maßen schön war, +war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden, +deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig, +und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister +Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen +ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit +ertragen, und hieraus nahm der unwissende und +schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und +zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber +sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal, +alle diejenigen, die es denken oder sagen.«</p> + +<p>»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete +Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische +seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen +oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor +seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist +nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer +einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt: +und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen, +nackt geh' ich wieder fort, mir kann's +nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> +will, was kümmert's mich? So mancher geht nach +Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann +man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott +ist der Richter über alles.«</p> + +<p>»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote, +»welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander? +Was haben deine Sprichwörter mit unserer +Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig +und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel +anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert, +was dich nichts angeht. Begreife überdies +mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was +ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und +in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß +ist, die ich besser inne habe, als alle die +Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«</p> + +<p>»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn +das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen, +daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen +in den Bergen herumziehen, um einen +Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun +finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen, +was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte, +sondern Euern Kopf und meine Rippen, +wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu +schmeißen?«</p> + +<p>»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote, +»wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den +Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife, +sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung +unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und +Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten +Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> +sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden +Ritter vollendet und berühmt machen kann, die +Krone aufsetzen will.«</p> + +<p>»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?« +fragte Sancho Pansa.</p> + +<p>»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt, +»denn der Würfel mag wohl so fallen, daß +wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht +auf deiner Betriebsamkeit.«</p> + +<p>»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.</p> + +<p>»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald +von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so +wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort +meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit +du nicht länger in Erwartungen bleiben und +sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen, +so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer +der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein, +unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen +der fürnehmste, ja der einzige, der König von +allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht. +Schlimm möchte es dem Don Belianis und +allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich +ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich +schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte, +daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt +werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler, +die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt +sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur +Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch +der handeln, der den Ruhm eines Klugen und +Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> +nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus +ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung +malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden +Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und +den Scharfsinn eines tapferen und verständigen +Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder +darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein +sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild +ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise +ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern +zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit +wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den +Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen +haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so +leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der +irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch +dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters +am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser +Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde, +sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies, +war, wie er sich entfernte, von der Dame +Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut +Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön +veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der +sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt +hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin +nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte, +Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte, +Flotten aufreibe und Bezauberungen löse: +da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen +schicken, so will ich auch diese Gelegenheit +nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit +so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span></p> + +<p>»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr +denn nun hier in der Einsamkeit tun?«</p> + +<p>»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don +Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will, +einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen, +um zugleich den gewaltigen Don Roldan +in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer +Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne, +mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe, +worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume +ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte, +Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte, +die Häuser niederriß, das Vieh gebunden +führte und tausend andere Tollheiten beging, die +eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind. +Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando +(denn er führt alle drei Namen) nicht in allen +seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch +vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen, +die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten, +vielleicht begnüge ich mich aber auch in der +Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen +Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und +Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten +Ruhm errang.«</p> + +<p>»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter, +die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine +Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen; +aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend +zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht? +Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu +wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span> +einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht +habe?«</p> + +<p>»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote, +»und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung: +denn daß ein irrender Ritter aus Gründen +rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als +Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache +unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu +verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen +Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends +da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit +von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso +finde, denn wie du den Schäfer von neulich, +Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei, +alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho, +verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche +und nie erhörte Nachahmung ausreden zu +wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich +bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief +bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden +will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine +Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine +Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich +im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort +zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so +werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den +Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich, +gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir +bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde, +das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho, +verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig? +Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn +jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> +nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit +seines Metalls ermessen kann.«</p> + +<p>Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr +Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich +nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr +sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den +Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft +sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen +und Inseln verschenken und andere Gnaden +und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden +Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur +Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße +oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn +wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken +ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als +vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich +wohl anders denken, als daß dem, der so etwas +glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen +ist? Das Becken, das voller Beulen ist, +habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will +ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen +barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich +noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«</p> + +<p>»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei +dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don +Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den +nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie +ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner +Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die +irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit +und Unsinn aussieht und alles verkehrt und +wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich +also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> +von Zauberern hinter uns herläuft, die +alle unsere Dinge verändern und verwandeln und +sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem +sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint, +was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der +Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder +für was andres ansehen: auch war es eine herrliche +Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite +ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken +scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der +Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem +Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen, +um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber +nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie +sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei +jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn +dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er +ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte, +wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut +auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht, +sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke +ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom +Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner +Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.«</p> + +<p>Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß +eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden +wie eine einzelne abgeschnittene Klippe +dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach +vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen +eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge +einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde +Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> +Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen +Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen +Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie +er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als +ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel, +ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um +hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst +über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz, +wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses +kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine +immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das +Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und +Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz +erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche +Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend +euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des +unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und +eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in +dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit +jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise, +jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr +Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern +der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und +wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt +sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o +helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens +sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea +von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz +meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern +meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes +Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge +den Ort und den Zustand, zu dem mich die +Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> +Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O +ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter +meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften +Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine +Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister, +liebwerter Gefährte im Glück und Unglück, +fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was +du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener +wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache +von allem ist.« — Und sowie er dieses sagte, stieg +er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich +Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen +Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte: +»Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist, +o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich +in deinem Schicksale, wandle, wohin du +willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben, +daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an +Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin, +der dem Bradamante so kostbar war.«</p> + +<p>Wie Sancho dies sah, sagte er: »Es ist gut, daß +uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen +den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig +so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand +zu geben, als Lobpreisungen herzusagen; wäre er +aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß +man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht +das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei +mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung, +denn soweit denke ich es mit Gottes +Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr +Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit +meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> +Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der +Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen, +denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens +und Wiederkommens lange währen, denn +wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht, +wenn ich dasein oder wiederkommen möchte, denn +ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter +Wandersmann.«</p> + +<p>»Ich sage dir, Sancho,« antwortete Don Quijote, +richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine +Idee scheint mir nicht übel, ich sage ferner, daß du +in drei Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit +du das, was ich tue und rede, beobachten sollst, +damit du darüber Rede stehen kannst.«</p> + +<p>»Was soll ich noch weiter sehen,« fragte Sancho, +»als was ich schon gesehen habe.«</p> + +<p>»Sauber hast du dich verrechnet,« antwortete +Don Quijote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider +zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich +bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen +angerennt, sowie ich noch viele andere Dinge gleicher +Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern +wirst.«</p> + +<p>»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagte +Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie +Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen +einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen, +daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön +ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung, +wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig +achtet und daß das Werk ohne sie nicht vollführt +werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn +alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> +Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet, +sag' ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben oder +doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle +ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich +der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch +die Stöße gegen eine Felskante gebt, die härter +als der Diamant ist.«</p> + +<p>»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund +Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber du mußt +wissend sein, daß alle diese Dinge, die ich vornehme, +kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders +hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die +uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, unter +der Strafe der Ächtung, und ein Ding für das +andere tun, ist um nichts besser, als lügen; darum +also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte +und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes +an sich führen; es wird deshalb auch nötig +sein, daß du mir etwas Charpie zum Verbinden +zurückläßt, denn durch einen Zufall fehlt uns der +Balsam, den wir verloren haben.«</p> + +<p>»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren,« antwortete +Sancho, »denn mit dem ist Charpie und +alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten +haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite +Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen +höre, kehrt sich mir Seele und Magen um. Noch +mehr aber bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt, +die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich +die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte, +denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen +und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge +davon erzählen: schreibt mir nur den Brief<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> +und gebt mir geschwind meinen Abschied, denn ich +habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald +aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier +bleibt.«</p> + +<p>»Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don +Quijote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen +oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas +Schlimmeres gibt.«</p> + +<p>»Wen die Hölle hat,« antwortete Sancho, »<span class="antiqua">nulla +est retentio</span>, wie ich gehört habe.«</p> + +<p>»Ich verstehe nicht, was du mit <span class="antiqua">retentio</span> meinst,« +sagte Don Quijote.</p> + +<p>»<span class="antiqua">Retentio</span> ist so viel,« erwiderte Sancho, »daß, +wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen +kann, das wird aber mit Euer Gnaden +nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben, +um den Rosinante anzuspornen; dann will ich mich +stracks nach Toboso begeben und gleich zur gnädigen +Dulzinea, und dann will ich ihr so viel von den +Narrheiten und Unsinnigkeiten (das ist doch eins) +erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen +wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden +soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit +ihrer zärtlichen honigsüßen Antwort komme ich +dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück +und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie +eine Hölle vorkommt, es aber nicht ist, denn Ihr +habt die Hoffnung herauszukommen, was aber, +wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen, +die sich in der Hölle aufhalten, und darin +werdet Ihr mir gewiß Recht geben.«</p> + +<p>»Du sprichst die Wahrheit,« sagte der von der<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> +traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen, +um den Brief zu schreiben?«</p> + +<p>»Und auch die Eselsverschreibung?« fügte Sancho +hinzu.</p> + +<p>»Wir müssen alles,« sagte Don Quijote, »und +der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben, +auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die +Alten taten, ingleichen auf etlichen Wachstafeln, +obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten +sein dürften als Papier. Ich denke aber eben +daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann, +nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio zugehörte; +du wirst alsdann Sorge tragen, es auf +Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im +ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder +wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben +können; gib es aber ja nicht zum Kopieren einem +Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt, +sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.«</p> + +<p>»Wie wird's aber mit der Unterschrift werden?« +fragte Sancho.</p> + +<p>»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben,« +antwortete Don Ouijote.</p> + +<p>»Ganz gut,« antwortete Sancho, »aber die Verschreibung +muß mit aller Gewalt eine Unterschrift +haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so +werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch und +mir die jungen Esel nicht ausliefern.«</p> + +<p>»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche +selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte +dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung +keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> +betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift +setzen: Der Eurige bis in den Tod, der +Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch +wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden +Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulzinea +weder lesen noch schreiben, hat auch Zeit ihres +Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen, +denn meine und ihre Liebe blieb immer +platonisch, ohne sich weiter bis auf ein anständiges +Anblicken zu erstrecken, und auch das nur je zuweilen, +denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß +ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das +Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen +habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es +in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat, +wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben +sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonzo +Nogales erzogen.«</p> + +<p>»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter +des Aldonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulzinea +von Toboso, mit einem andern Namen +Aldonza Lorenzo getauft?«</p> + +<p>»Sie ist es,« sagte Don Quijote, »sie ist dieselbe, +die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.«</p> + +<p>»Ich kenne sie recht gut,« sagte Sancho, »und +wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der +stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott +lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein +muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den +besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem +das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! was sie +für ein Maul am Halse hat und was für eine<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> +Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem +Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres +Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon, +und die hörten's, als hätten sie unten am +Turm gestanden; und was das Beste an ihr ist, so +heuchelt sie nicht, nein, sie ist sehr beredsam, sie ist +lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß +und ihr Gelächter. Nun sag' ich auch, Herr Ritter +von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht +nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern +Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte +desperat, ja besessen werden, und jeder, der es erfährt, +wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zuviel +leidet, wenn Euch auch der Teufel gar holen sollte. +Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege +wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr +lange nicht gesehen und sie muß sich wohl sehr verändert +haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht +bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne +und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe +meinem gnädigen Herrn Don Quijote, daß ich +bisher in einem tüchtigen Irrtum gelebt habe, denn +ich meinte nicht anders, als die Dame Dulzinea sei +irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret, +oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente, +die Ihr ihr zugeschickt habt, wie die Biskayer +und die Ruderknechte, nebst noch vielen +andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege +in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben, +als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im +Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen +Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen +Dulzinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> +Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich +vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? Denn +es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen, +daß sie gerade Flachs hechelt oder auf +der Tenne drischt, so werden die sich ärgern, und +sie wird wohl gar darüber spotten und sich lustig +machen.«</p> + +<p>»Ich habe es dir schon sonst oftmals gesagt, +Sancho,« sagte Don Quijote, »daß du ein Schwätzer +seist und so dummköpfig du bist, willst du dich doch +oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber +einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig +ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine +schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die +überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich nämlich +in einen jungen Burschen, der rundlich und von +versprechender Statur war. Dies erfuhr ihr Oheim +und sagte eines Tages in Form eines freundschaftlichen +Vorwurfes zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert, +gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie +eine so vornehme, schöne und reiche Dame sich in +einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen +Menschen verlieben kann, da doch in diesem +Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte +Theologen sind, unter denen Ihr nur, wie unter +gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen +mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und +vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe: +›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtum und +schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit +diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen, +wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn +dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span> +Philosophie als Aristoteles.‹ — Ebenso, Freund +Sancho, wozu ich die Dulzinea von Toboso will, gilt +sie mir soviel wie die höchste Prinzessin auf Erden. +Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame +unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach +ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis, +Phyllis, die Sylvien, Dianen, Galatheen, +Alinen und noch viele andere, von denen die +Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele +angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und +Blut waren und die wirklichen Geliebten von +denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht, +sondern die meisten erfinden sie nur, um einen +Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit +man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande +wären, es zu sein; und darum ist es mir +auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die +ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei, +die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals danach +gefragt werden, um ein Stiftsfräulein abgeben +zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein, +daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn +du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon +weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur +Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter +Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst +bei Dulzinea, denn in der Schönheit +kommt ihr niemand gleich und im guten Rufe +kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich +zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so +ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch +rechts etwas mangelt, in meiner Einbildung male +ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> +Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt +ihr Helena nicht nahe und Lukrezia erreicht sie +nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der +verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch +oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was +er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen +tadeln sollten, so werden mich doch die +Strengen gewiß darum nicht schelten.«</p> + +<p>»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen +recht,« antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel. +Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem +Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja +nicht vom Stricke reden; aber macht nur den Brief +und ich will mein Maul halten.«</p> + +<p>Don Quijote nahm die Schreibtafel, ging beiseite +und schrieb mit vieler Andacht den Brief +nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei +und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle, +damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die +Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil +er von seinem Unglück alles zu fürchten habe.</p> + +<p>Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur +drei- oder viermal im Buche nieder und gebt es +mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu +glauben, daß ich's im Gedächtnisse behalten könnte, +ist nur Narrheit, denn mein Gedächtnis ist so +schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse. +Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich +werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist +gewiß wie gegossen.«</p> + +<p>»Höre zu, denn also lautet er,« sagte Don +Quijote.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span></p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Don Quijotes Brief an Dulzinea<br> +von Toboso</em>.</p> + +<p class="center">Monarchin! Erhabene Herrscherin!</p> + +<p>Der von der Trennung tief Verwundete, der +von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir, +o süßeste Dulzinea von Toboso, das: Wohl sei Dir! +welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt, +wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn +Deine Verschmähung zu meiner bitteren Qual gereicht, +obgleichen ich schon im Leiden geübt, so vermag +doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren, +die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend +ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir, +o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu +erzählen, auf was Weise ich zu Liebe Dir +zurück verbleibe: gefällt es Dir, mir beizustehen, +so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu +Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend +habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit +genug getan, wie meinem Wunsche.</p> + +<p class="center">Der Deinige bis in den Tod.</p> +<p class="center">Der Ritter von der traurigen Gestalt.</p><br> + +<p>»Bei meines Vaters armer Seele,« rief Sancho +aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das +erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen +ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie +man's nur wünschen kann und wie herrlich schraubt +es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter +von der traurigen Gestalt. Meiner Seel, ich sage +doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es +gibt gar nichts, was Ihr nicht könntet.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> + +<p>»Alles«, antwortete Don Quijote, »ist in dem +Amte, welches ich bekleide, vonnöten.«</p> + +<p>»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch +auf einem andern Blatte den Zettul wegen der +drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar +und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.«</p> + +<p>»Gern,« sagte Don Quijote, und nachdem er +geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor:</p> + +<p>»Bitte Ew. Wohlgeboren, meine liebe Nichte, +auf diesen Schein über Eselsfüllen, dem Sancho +Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen, +die im Hause geblieben, zu überliefern. Solche +drei Füllen bitte ihm als Bezahlung für gleichmäßige +Valuta zu reichen, die bar empfangen. +Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen. +Gegeben im Innern des schwarzen Gebirges, +am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt +laufenden Jahres.«</p> + +<p>»Es ist gut,« sagte Sancho, »nun unterschreibet +nur.«</p> + +<p>»Das Unterschreiben ist nicht nötig,« sagte Don +Quijote, »sondern ich will nur meinen Namenszug +hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift +für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert +wären.«</p> + +<p>»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden,« antwortete +Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den +Rosinante satteln und Ihr erteilt mir Euren Segen; +denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten +weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt, +und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe, +als nur mein Herz wünschen konnte.«</p> + +<p>»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur weil<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> +es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt +sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten +vollführen, denn ich will sie in weniger +als einer halben Stunde fertig haben; hast du +diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf +alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst, +wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges +sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir +vorgesetzt habe.«</p> + +<p>»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt +mich Euch nicht nackend sehen, denn das würde +mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte, +und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so +schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben +habe, daß ich das Heulen nicht von neuem +anfangen mag: gefällt es Euch aber, daß ich ihrer +etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie +doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten, +die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist +dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt, +es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich +Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie +wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme +sich die Dame Dulzinea nur in acht, denn wenn sie +nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör' ich +hoch und teuer, ich will Ihr die schickliche Antwort +mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen +herausholen, denn warum soll man's denn leiden, +daß ein so berühmter irrender Ritter wie Ihr seid, +um nichts und wieder nichts unsinnig wird für +eine — — —. Die gute Dame soll mich nur nicht +ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst +ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> +bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber +meiner Seel, wenn sie mich kennt, so mag sie mich +zum Frühstück nehmen.«</p> + +<p>»Wahrlich, Sancho,« sagte Don Quijote, »dem +Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.«</p> + +<p>»So unsinnig bin ich nicht,« antwortete Sancho, +»aber hitzköpfiger; doch, von was anderem, was +werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme? +Wollt Ihr wie Cardenio auf der Straße +lauern und die Hirten plündern?«</p> + +<p>»Sei deshalb unbesorgt,« antwortete Don Quijote, +»denn hätte ich gleich andere Speise, so würde +ich doch nichts als die Krauter dieser Wiese und +die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen, +denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung, +nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.«</p> + +<p>Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger +Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht +wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist +gar zu abgelegen.«</p> + +<p>»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich +will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen,« +sagte Don Quijote, »auch werde ich darauf denken, +oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen, +um mich droben umzusehen, ob du nicht +wiederkommst; das Beste und Sicherste aber wird +sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß +du von dem hier häufigen Ginster etwas nimmst +und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das +offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum +Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden, +wie der Faden dem Perseus aus dem +Labyrinthe half.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p> + +<p>»Das soll geschehen,« antwortete Sancho Pansa; +er nahm Ginster, bat seinen Herrn um seinen +Segen und unter häufigen Tränen von beiden +Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den +Rosinante, den ihm Don Quijote fleißig empfahl, +daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst +wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem +flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit +Zweige des Ginsters ausstreute, wie es ihm sein +Herr geraten hatte: so entfernte er sich, obgleich +ihn Don Quijote noch immer quälte, daß er bleiben +möchte, um ihn etliche Tollheiten machen zu sehen. +Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt, +als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr +habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich +Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit +ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum +will ich um etliche bitten, obwohl das freilich die +tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.«</p> + +<p>»Habe ich es dir nicht gesagt?« sagte Don Quijote, +»warte, mein Sancho, in einem Vaterunser +ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf +die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir +nichts dir nichts schlug er zweimal Rad und warf +sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine +in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie +nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen, +den Rosinante umzuwenden, völlig zufrieden und +hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können, +sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße +ziehen, bis er wiederkommt, welches nicht lange +dauern wird.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p> + +<h3>Zwölftes Kapitel<br> +<span class="s5">Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don<br> +Quijote als Verrückter im schwarzen Gebirge<br> +unternahm</span></h3> +</div> + + +<p>Um auf das zurückzukommen, was der von der +traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah, +so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote +mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte +bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet, +und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne +weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg +er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte +noch einmal, was er schon oft überlegt hatte, +ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich +besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in +seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen +schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf +er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich +ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein +von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare? +denn am Ende war er doch immer bezaubert +und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn +nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt +seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit +siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich +diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio +half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in +seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine +Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren +kommen; gewiß ist es, er verlor +ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> +und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab, +wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem +jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben +des Agramant, geschlafen habe: und indem +er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame +ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte +er nichts sonderliches darin, unsinnig zu +werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten +nachahmen, wenn ich ihn nicht auch +in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte +wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von +Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit +Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner +Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie +die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein +hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr +dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der +rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf +der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von +Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten +zu begehen, sich wohl als Verliebter +noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte +erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana +verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als +bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen: +er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth +zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und +dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in +seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete. +Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich +mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen, +diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein +Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> +Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin, +zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis! +und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen, +so gut er es nur kann: wenigstens soll +man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden +können, daß, wenn er große Taten nicht +vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch +nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet +bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von +ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans +Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen +des Amadis und lehrt mich, wie ich den +Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere +mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und +dieses will ich auch tun. —</p> + +<p>Er zog hierauf einige große Galläpfel vou +einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze +dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte, +war, daß er keinen Einsiedler auffinden +konnte, dem er beichtete und mit dem er sich +tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf +der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in +die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande +niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen +und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen, +die man noch fand und die man noch lesen konnte, +als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter,</div> + <div class="verse indent2">die ihr auf dem Platze hier seid,</div> + <div class="verse indent2">ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter,</div> + <div class="verse indent2">wenn ihr euch des Unglücks nicht freut,</div> + <div class="verse indent2">so hört meine Klagen nun weiter.</div> + <div class="verse indent0">Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote,<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></div> + <div class="verse indent2">denn er ist so fürchterlich ja,</div> + <div class="verse indent2">so steht euch ein Bach zu Gebote,</div> + <div class="verse indent2">denn hier bewein' ich, Don Quijote,</div> + <div class="verse indent2">die Trennung von Dulzinea</div> + <div class="verse indent4">von Toboso.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hier ist er, der Ort, den erwählet</div> + <div class="verse indent2">der Liebende, ewig getreu,</div> + <div class="verse indent2">der ihn der Geliebten verhehlet,</div> + <div class="verse indent2">hier reißet der Schmerz ihn entzwei,</div> + <div class="verse indent2">er weiß nicht recht, was ihn so quälet.</div> + <div class="verse indent0">Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote,</div> + <div class="verse indent2">wie keinem es jemals geschah,</div> + <div class="verse indent2">drum welkt er wie Bohn' oder Schote</div> + <div class="verse indent2">denn hier bewein' ich, Don Quijote,</div> + <div class="verse indent2">die Trennung von Dulzinea</div> + <div class="verse indent4">von Toboso.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er suchte wohl hier Abenteuer</div> + <div class="verse indent2">in Orten, an Felsen so reich,</div> + <div class="verse indent2">er flüchtete dem Ungeheuer,</div> + <div class="verse indent2">doch hört er im wüsten Gesträuch</div> + <div class="verse indent2">von Leiden nur die alte Leier.</div> + <div class="verse indent0">Es peitscht ihn die Liebe zu Tode</div> + <div class="verse indent2">und bleibet zur Marter ihm nah,</div> + <div class="verse indent2">drum kratzt er den Kopf mit der Pfote,</div> + <div class="verse indent2">denn hier bewein' ich, Don Quijote,</div> + <div class="verse indent2">die Trennung von Dulzinea</div> + <div class="verse indent4">von Toboso.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte +der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea +ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> +Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea +nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die +Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch +in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden +hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt, +sie erhielten sich nicht und nur diese drei +Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und +daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der +Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und +die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle +antworten, Trost geben und zuhören möchten, +unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich +mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme: +wenn dieser so drei Wochen weggeblieben +wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der +von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden, +daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt +hätte.</p> + +<p>Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und +Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem +Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete. +Als er auf die große Straße gelangt war, machte +er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte +am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn +das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er +hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch +schon so war, als wenn er wieder in den Lüften +flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich +es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt +und gesollt hätte, denn es war um die +Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen +spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit +vielen Tagen danach großen Hunger empfunden<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> +hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht +an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß, +sollte er einkehren oder nicht: wie er noch +in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute +aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von +denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat, +ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von +dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte, +daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen +sei?«</p> + +<p>»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas +Pferd gehört auch unserm Don Quijote.</p> + +<p>Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der +Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren, +die nämlichen, die das Verhör und Gericht über +die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den +Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten, +begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören, +liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn +bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho +Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?«</p> + +<p>Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm +sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein +Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein +Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle +und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich +wichtig sei, die er aber nicht verraten +dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr +uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist, +so werden wir glauben, wie wir es schon glauben, +daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn +Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> +müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es +ergeht Euch übel.«</p> + +<p>»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich +bin ein Mann, der keinen plündert und keinen +umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder +vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten +im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust +Buße tut.« — Und zugleich erzählte er ihnen +in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben +sei, samt allen gehabten Abenteuern und +wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso +bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo, +in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei.</p> + +<p>Die beiden standen voll Erstaunen über das, +was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich +sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben +kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert, +so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho +Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die +Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er +sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und +wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier +im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der +Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn +er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho +Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und +suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und +hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht +hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten +und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen +hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie +er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte,<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> +er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem +Körper herum und sah und begriff zum zweiten +Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne +weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn +halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen +ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht +und gegen die Nase gab, daß das Blut +herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier +sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei, +daß er sich so übel begegne?</p> + +<p>»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete +Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt, +drei junge Esel verloren habe, wovon mir +jeder so wert wie ein Palast war.«</p> + +<p>»Wie das?« fragte der Barbier.</p> + +<p>»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete +Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und +auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn, +auf die mir die Nichte drei junge Esel von den +vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im +Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust +seines Grauen erzählte.</p> + +<p>Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn +er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung +wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf +Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich +sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern +würden nicht für gültig anerkannt.</p> + +<p>Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn +dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er +den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er +wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben +werden könnte, wo und wann sie es wollten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> + +<p>»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier, +»wir wollen ihn gleich niederschreiben.«</p> + +<p>Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um +den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er +sich auf den einen Fuß und bald auf den andern, +jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den +Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom +Finger heruntergebissen hatte und die beiden in +der größten Erwartung standen, was er doch sagen +würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause: +»Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich +das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen +Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde: +Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«</p> + +<p>»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen +heißen, sondern vielleicht meine Königin oder +Monarchin.«</p> + +<p>»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich +darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam — — +— — wenn ich mich recht erinnere — — — — +der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete +küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich +unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß +nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er +schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende +hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von +der traurigen Gestalt.«</p> + +<p>Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte +den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn +sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und +dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal +sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf +erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> +er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm +in der Schenke widerfahren war, in die er nicht +einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr, +wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute +Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu +machen und Kaiser zu werden oder wenigstens +Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht, +nach der Tapferkeit seiner Person und der +Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding +ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle +er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl +Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das +Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die +eine reiche und große Herrschaft auf dem festen +Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache +er sich nichts.</p> + +<p>Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem +er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so +ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten, +indem sie erwogen, wie gewaltig Don +Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den +Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen +habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm +seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß +dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe, +wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten +ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten +ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines +Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches +und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe +der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens +Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme.</p> + +<p>Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren,<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> +wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten +sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser, +sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl +wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren +Stallmeistern zu geben pflegen.«</p> + +<p>»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer, +»irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der +etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet, +die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«</p> + +<p>»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho, +»daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß +er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach! +ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht +die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir +werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt, +Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch +sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«</p> + +<p>»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der +Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und +ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache +machen, Kaiser und nicht Erzbischof +zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein, +denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«</p> + +<p>»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß +ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat; +was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben +Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm +am meisten diene und wobei er mir das meiste +geben kann.«</p> + +<p>»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der +Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter +Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> +auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen +Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt; +damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich +essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in +diese Schenke hineingehen.«</p> + +<p>Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten, +er aber wolle draußen warten und ihnen nachher +die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe +und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er +sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas +Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante. +Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach +einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu +essen.</p> + +<p>Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich, +wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der +Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz +in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war, +wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich +dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine +irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich, +so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen +möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don +Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte +Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von +ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer +irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber, +um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen +möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln, +in das sie ein schlechter Ritter verwickelt +habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht +befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben, +auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> +bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade +gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in +dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte, +und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und +nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es +möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit +zu heilen.</p> + +<div class="chapter"> +<h3><em class="gesperrt">Dreizehntes Kapitel</em><br> +<span class="s5">Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet,<br> +nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte<br> +vorgetragen zu werden</span></h3> +</div> + + +<p>Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers +nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich +zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von +der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür +der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum +Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen +weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze, +an dem der Wirt seine Kämme aufhing. +Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen +anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich +Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung +dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge +herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der +Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß +dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und +der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse; +sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich +mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu +verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg. +Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> +man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm +nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer +Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt +waren, hierauf ein Leibchen von grünem +Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles +aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien. +Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte, +sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes +Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte, +und um die Stirn band er ein Strumpfband von +schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband +machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich +gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er +sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er +ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf +er noch einen langen Mantel überwarf und sich +quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg +seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf +den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche +spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze +eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen +von allen Abschied, auch von der braven Maritorne, +die, so sündhaft sie auch selber sei, einen +Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen +Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche +Unternehmung, die sie unternommen hatten, +glücklich beendigen möchten.</p> + +<p>Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als +dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm +nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren, +sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester, +wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so +gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> +Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß +er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle +der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte +weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er +fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den +Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte. +Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug +lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der +Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte, +sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete +ihn, wie er sich gebärden und welche +Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe, +um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu +gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner +unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete, +daß er selbst seine Lektion wüßte und sie +gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte +sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der +Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also +den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen +Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von +Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was +ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im +Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig +den Fund des Mantelsacks und das, was er in +diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm +er auch war, so war dieser brave Herr doch gut +auf sein Bestes bedacht.</p> + +<p>Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo +Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut +hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er +seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte, +sagte er, daß dieses der Eingang sei, und<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> +daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies +nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie +hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und +diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen +Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien, +welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr +nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie +wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte, +wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an +Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und +weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche +Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer +Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen, +weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch +und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären +sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen +und ihn so anzufrischen, daß er sich +gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot +zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber +solle er ohne Sorgen sein.</p> + +<p>Sancho hörte alles an und prägte es sich gut +ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht, +daß sie seinem Herrn zureden wollten, er +möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er +seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die +Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr +als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte +auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn +zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame +zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend, +ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so +viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien +das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> +zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen +Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.</p> + +<p>Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein +und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein +kleiner friedlicher Bach murmelte und auf dem +Felsen und einige Bäume einen angenehmen frischen +Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es +war im August, in welchem Monat die Sonne dort +sehr heiß brennt; drei Stunden nach Mittag waren +verflossen, welches alles ihnen diesen Ort sehr +angenehm machte und sie einlud, hier die Rückkehr +des Sancho zu erwarten, wie sie auch taten. Indem +die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen +sie eine Stimme, die ohne den begleitenden Ton +eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber +sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie +hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute +Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft +erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden +Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies +mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit; +da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die +sie singen hörten, kein Lied eines Bauern sein +könne, sondern von einem feinen Manne herrühren +müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die +Verse, die sie hörten, waren folgende:</p> + +<p>Wer hat mir zerstört mein gutes Glücke?</p> +<p class="center">Die Tücke.</p> +<p>Und was macht mich nun in Qual vergehen?</p> +<p class="center">Verschmähen.</p> +<p>Welcher Lehrer, daß ich dulden lerne?</p> +<p class="center">Die Ferne:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">und also machen bessre Sterne</div> + <div class="verse indent0">mir niemals lichtern Himmel offen,</div> + <div class="verse indent0">vereinigt töten mich das Hoffen,</div> + <div class="verse indent0">Verschmähen, Tücke, wie die Ferne.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wer macht mir mein Leben schwarz und trübe?</p> +<p class="center">Die Liebe.</p> +<p>Und wer scheucht die Freude weit zurücke?</p> +<p class="center">Das Glücke.</p> +<p>Und wer weigert mir zu sein ein Retter?</p> +<p class="center">Die Götter:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und also brechen tausend Wetter</div> + <div class="verse indent0">daß ich muß ein Verlorner sein</div> + <div class="verse indent0">nur zum Verderben auf mich ein,</div> + <div class="verse indent0">das Glück, die Liebe und die Götter.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wie kann ich ein beßres Glück erwerben?</p> +<p class="center">Durch Sterben.</p> +<p>Und was macht, das uns die Lieb' erfreue?</p> +<p class="center">Untreue.</p> +<p>Und für wen ist alles Leid verloren?</p> +<p class="center">Dem Toren:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">und also bin ich nur geboren,</div> + <div class="verse indent0">in meinem Leiden zu verschmachten,</div> + <div class="verse indent0">für Helfer sind ja nur zu achten</div> + <div class="verse indent0">Untreue, Sterben, oh, des Toren!</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und +die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den +beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung, +sie hielten sich ruhig, indem sie noch +mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß +alles schwieg, beschlossen sie aufzustehen und den +Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang,<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> +und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten, +machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten, +denn ein neuer Ton traf ihr Ohr und folgendes +Sonett wurde gesungen.</p> + +<p class="p2 center">Sonett</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen</div> + <div class="verse indent0">Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen,</div> + <div class="verse indent0">Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen,</div> + <div class="verse indent0">Zu den gebenedeiten Himmelsreichen.</div> + <div class="verse indent1"></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen</div> + <div class="verse indent0">Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen,</div> + <div class="verse indent0">Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen,</div> + <div class="verse indent0">Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen.</div> + <div class="verse indent1"></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder,</div> + <div class="verse indent0">Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen,</div> + <div class="verse indent0">Er tötet schleichend jegliches Vertrauen.</div> + <div class="verse indent1"></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder,</div> + <div class="verse indent0">So wird die Welt den alten Krieg begonnen</div> + <div class="verse indent0">Und Zwietracht wieder als Regenten schauen.</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer und die +beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie +noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß +sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen +verkehrt hatte, beschlossen sie zu erfahren, wer der +Traurige sei, dessen Stimme so schön, wie sein +Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen, +als sie, indem sie um einen Felsen bogen, +einen Menschen von eben der Gestalt gewahr +wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> +von Cardenio erzählte. Als der Mensch sie erblickte, +blieb er unverändert in seiner traurigen +Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken +und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die +Augen aufzuschlagen oder sie noch einmal anzusehen.</p> + +<p>Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und +schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an +den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu +und bat und beschwur ihn in wenigen, aber vernünftigen +Worten, dieses unglückselige Leben zu +verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches +das allerhöchste Elend zu nennen sei. Cardenio +war gerade bei vollem Verstande und ohne einen +Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm +selbst entfernte; da er also die beiden sah, anders +gekleidet als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien +aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig, +noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer +Sache reden hörte, die man kannte; auf das aber, +was ihm der Pfarrer gesagt hatte, antwortete er +mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer ihr auch +sein mögt, meine Herren, daß der Himmel, der für +die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft, +wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein +Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller +Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit +Eindringlichkeit und Vernunft, obgleich ich ohne +diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier +entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle. +Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl +möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne, +wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen +kann, ihr müßt mich also für einen Menschen<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> +von schwachem Verstande halten, oder, was noch +schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und +freilich wäre es kein Wunder, wenn ihr es tätet, +denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige +Bild meines Elendes so überwältigt hat +und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich +selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos +wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung +entbehre; darum muß ich alles glauben, +was mir manche erzählen und mir durch Spuren +beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener +schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht. +Ich kann nun nichts weiter tun, als vergeblich +klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen +und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem, +der mich anhören will, mein Unglück erzählen, +damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie +sich nicht über die Folgen desselben wundern und +wenn sie mir nicht helfen können, mich doch +wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über +meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt +werden muß. Kommt ihr also, meine +Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der +schon manche hergekommen sind, so bitte ich euch, +ehe ihr noch in euren gütigen Überredungen fortfahrt, +die Geschichte meines Unglücks anzuhören, +weil ihr vielleicht nachher selber eure Mühe unnütz +findet, mir in meinem Elende Trost zu geben, +das durchaus keinen Trost zuläßt.«</p> + +<p>Es war gerade der Wunsch der beiden, aus +seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut +zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte +vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> +keine andere Hilfe und keinen andern Trost anzubieten, +als die er selber wünschen würde. Der +traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte +an und trug sie fast mit den nämlichen Worten +und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quijote +und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt +hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und +durch die Gewissenhaftigkeit Don Quijotes, den Gesetzen +der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung +abgebrochen wurde, wie es die Historie +oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück, +daß sie durch keinen Anfall von Wahnsinn gestört +wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu +Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando +im Amadis von Gallia den Brief fand, sagte +Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb +sagte er ihn mit diesen Worten her:</p> + +<p class="center">Lucinde an Cardenio.</p> + +<p>›Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch, +die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem +hochzuschätzen, wenn Ihr mich also von meinen +Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre +bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun. +Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich +liebt, und der ohne mich zu zwingen Euch das bewilligen +wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr +mich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es +glaube.‹</p> + +<p>Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt, +bewogen, um Lucinden als meine Gemahlin anzuhalten, +und durch dieses Blatt wurde Fernando in +seiner Meinung bestätigt, Lucinden für das verständigste<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> +und klügste Mädchen seiner Zeit zu +halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch, +mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch +in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando +was mir Lucindens Vater erwidert hatte, daß es +meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich +es aber nicht wagte, es ihm zu sagen, aus Furcht, +daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil +ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Lucinde +unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären +hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen +Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriff +wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich +so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der +Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich +sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit +meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur +dies Hindernis, sondern noch manches andere mache +mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne, was; +es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals +in Erfüllung gehen würden.</p> + +<p>Don Fernando antwortete mir, daß er es über +sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und +ihn dahin zu bringen, daß er mit Lucindens Vater +redete. — O du ehrsüchtiger Marius! grausamer +Catilina! schändlicher Sylla! verräterischer Galalon! +du hinterlistiger Vellido! rachsüchtiger Julian! o +habsüchtiger Judas! du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger, +Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche +getan, der dir so offen die geheimsten +Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich +dich beleidigt? Welchen Rat habe ich dir je gegeben, +welches Wort jemals gesprochen, das nicht<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> +hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück +zu befördern? Aber worüber klag' ich, Elender! +es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne +Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt +und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft +des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des +Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben +können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller +Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten, +der so angesehen war, daß er nur wählen durfte, +um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht +ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt +hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will +diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen +und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen +Geschichte anknüpfen.</p> + +<p>Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich +war, um seine schändliche Falschheit auszuüben, +beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder +zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem +für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb +gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine +verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er +kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot, +mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte, +daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte. +Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte +ich sie nur ahnden? Weit davon entfernt, bot ich +mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an, +sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft +hielt. In derselben Nacht sprach ich mit +Lucinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando +verabredet habe, und daß sie die feste Hoffnung<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> +fassen könne, daß nun unsere tugendhaften +Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich, +vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie +ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei +überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein +Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung +zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah, +aber indem sie es gesagt hatte, wurden ihre Augen +von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle, +so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, obgleich +es mir schien, sie habe mir noch vieles zu +sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich +noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn +so oft das gute Glück und meine Sorgfalt uns eine +Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch +jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere +Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht +einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß +der Himmel mir sie zur Geliebten vergönnt habe, +ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz +und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit +ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen +schien. Nebenher erzählten wir uns tausend lustige +Vorfälle von unseren Nachbarn und Bekannten, +und das höchste, was meine Kühnheit dann wagte, +war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt +zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des +niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem +Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem +traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte +und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und +Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte +Traurigkeit Lucindens. Um aber meine<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> +Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles +der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den +wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich +innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich +endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken +und Argwohn, ohne daß ich wußte oder +erdenken konnte, was ich argwöhnte; Zeichen, die +mir den traurigen Erfolg und das Unglück, das +meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben.</p> + +<p>Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich +überreichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando. +Man empfing mich freundlich, fertigte mich +aber nicht so freundlich ab, sondern ich erhielt zu +meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht +Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der +Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder +schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen +Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur +eine Erfindung des falschen Fernando, denn es +fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich +abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe +dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir +unmöglich, so viele Tage von Lucinden entfernt zu +leben, besonders da ich sie so schwermütig verlassen +hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein +redlicher Diener, obgleich ich einsah, daß es auf +Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier +Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich +aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich +sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Lucindens +Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn +nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen +haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> +sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur +selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer +ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf +dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie +er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei um +die Mittagstunde, als ihm aus einem Fenster eine +Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß und +zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: Wenn Ihr +ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so +bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich +nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an +die er gerichtet ist; es ist ein gutes Werk, womit +Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset, +damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt +das, was in dem Tuche ist. Und wie sie dies gesagt +hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch +herab, in dem hundert Realen eingebunden +waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger +habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort +abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück, +doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das +Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß +ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun +für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt +sah und aus der Überschrift erkannte, daß der +Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich +sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen +Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das +Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief +selbst zu überliefern; seitdem sind sechszehn Stunden +verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt +habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.</p> + +<p>Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich,<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> +von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen, +daß ich mich kaum aufrechterhalten konnte. Ich +erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt:</p> + +<p>»Das Versprechen, welches Don Fernando Euch +gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen +zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu +Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur +Gemahlin begehrt hat und mein Vater, von Don +Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht, +verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb +zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll, +und zwar so verborgen und geheim, daß nur der +Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeugen +sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen; +wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch +liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben. +Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich +mich gezwungen sehe, die Meinigen mit dem zu +verbinden, der so schlecht die versprochene Treue zu +halten weiß.«</p> + +<p>Dies war der Inhalt des Briefes, der mich +sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort +oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein, +daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens, +den Don Fernando bewogen hatte, mich +zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don +Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren, +den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und +der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn +ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern +Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Lucinden +zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin +und ließ mein Maultier in dem Hause des braven<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> +Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es +fügte sich so glücklich, daß ich Lucinden gerade am +Gitterfenster traf, dem Zeugen unserer Liebe. Lucinde +sah mich gleich und ich sah sie, aber nicht so, +wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber +in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt +und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu +kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner. +Wie mich Lucinde erblickte, sagte sie: Cardenio, +ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten +schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger +Vater, nebst anderen Zeugen, die wohl Zeugen +meines Todes, aber niemals meiner Vermählung +sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber +Freund und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu +sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so +soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle +Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt +und du anfängst, meine Liebe zu dir völlig zu erkennen.</p> + +<p>Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich +fürchtete, gestört zu werden: Laß, Geliebte, deine +Taten deine Worte wahr machen, führst du einen +Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein +Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen, +wenn uns das Glück entgegen ist. Ich +glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie +riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete. +Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein, +die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft, +ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß +in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> +verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine +Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich +ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging +in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und +Eingänge kannte, noch mehr mich aber der Tumult +begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen +zu werden. Ohne bemerkt zu werden, begab ich +mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von +herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß +ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die +Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken +mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich +kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so +viele und von solcher Art drängten sich mir auf, +daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam +trat endlich ohne weiteren Schmuck in den +Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider. +Als Zeuge kam ein Verwandter Lucindens mit ihm +und weiter war niemand im Saale zugegen, als +Diener des Hauses. Bald darauf erschien Lucinde +aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und +zwei Mädchen begleitet; ihre Kleidung war so schön +und reich, wie es ihr Stand und ihre Schönheit +verdienten und so schön, als sich der Putz mit edler +Pracht gepaart erweisen kann. Meine Angst und +Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer +zu betrachten, ich merkte nur die Farben +Rot und Weiß und den Glanz der Edelgesteine, +die auf dem Kopfe schimmerten, wie auf ihrem +ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer +glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde, +so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> +Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale +waren, wetteiferten und ihr Schimmer dennoch den +Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind +meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die +unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin +vorzustellen? Wär' es, grausames Gedächtnis, +nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals +tat, damit ich von so unendlicher Beleidigung +empöret, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens +dies Leben verliere? — Laßt es euch, meine +Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit +anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß, +daß ich sie nicht kürzlich und in wenigen Worten +erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in +meinen Augen eine lange Rede.«</p> + +<p>Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig +verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauern +Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären, +denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie +nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen +ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten +schenken müsse.</p> + +<p>»Indem ich also im Saale wartete,« fuhr Cardenio +fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein, +faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie +vorzunehmen, indem er sagte: Wollt Ihr, +Fräulein Lucinde, diesen hier gegenwärtigen Don +Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es +die heilige Mutter Kirche befiehlt? Ich stürzte mit +Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich +hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und +mit verwirrter Seele, um Lucindens Antwort zu<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> +vernehmen, das Urteil meines Todes oder die Bestätigung +meines Lebens! O wär' ich doch damals +hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Lucinde! +Lucinde! bedenke, was du tust, erwäge, was du +mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist, +und daß du keinem andern angehören darfst! +Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines +Lebens ein und dasselbe ist. Ha! Verräter Don +Fernando! du Räuber meines Glücks, du Tod +meines Lebens! Was willst du? Was verlangst +du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel +deiner Wünsche erlangen kannst, denn Lucinde ist +meine Gattin und ich bin ihr Gemahl!</p> + +<p>O ich Tor! jetzt abwesend und fern von der +Gefahr, jetzt erzähl' ich, was ich damals hätte tun +sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein +köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber, +an dem ich mich rächen konnte, hätte ich ein +Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle, +Klagen auszustoßen: nun gut, ich war damals ein +Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zuviel, +wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in +Reue und Wahnsinn. — Der Priester erwartete +Lucindens Antwort, die lange zögerte, und als ich +nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich +zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die +Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem +Besten zu enttäuschen, da hörte ich, daß sie mit +schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das +nämliche sagte Don Fernando, die Ringe wurden +gewechselt, das unauflösliche Band war geknüpft. +Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> +sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank +ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter.</p> + +<p>Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen +hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die +Worte und Versprechungen Lucindens falsch fand +und die Möglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das +Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke +verloren hatte; da verließ mich jeder Gedanke, +mir war's, als würde der Himmel mir abtrünnig, +als trüge die Erde mich nur als ihren +Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern +Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt: +nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich +vor Wut und Eifersucht mich an allen Adern +brennen fühlte.</p> + +<p>Alle waren durch Lucindens Ohnmacht verwirrt; +die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr +Luft zu machen und fand ein zusammengelegtes +Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und +es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt +hatte, sank er in einen Stuhl und stützte +den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken +versunken, ohne den übrigen zu helfen, +seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so +alle Leute des Hauses im Tumulte sah, beschloß +ich, fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen +möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man +mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze +Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung +des falschen Fernando erführe, sowie den +Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber +mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> +hat, wenn es größere gibt, führte es so, +daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft +fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne +also an meinem ärgsten Feinde Rache zu nehmen, +wie ich leicht gekonnt hätte, wär' ich nicht von +allen Gedanken verlassen worden, beschloß ich, die +Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben. +Ich war also grausamer gegen mich, wie ich +gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet +hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber, +der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet, +ermordet sich unaufhörlich, ohne sein +Leben zu beschließen.</p> + +<p>Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier +stand; ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied +zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es, +wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts +zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen +Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte +und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob +ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich +einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen +begleitete ich die Namen Lucinde und Don Fernando, +als wenn sie dadurch das Unrecht büßten, +das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie +grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich +aber habsüchtig, weil sie von den Reichtümern +meines Feindes geblendet, mich verlassen +und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit +mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult +dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie +dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> +Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie +konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen +reichen, schönen und vornehmen Mann gaben, ohne +den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen +handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches +ihrem guten Namen und ihrer Ehre so nachteilig +war. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen +dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten +sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen, +denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten +sie selbst keinen besseren Gatten für ihre +Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt +nachgegeben hätte und die Hand gereicht, +hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben, +daß ich kommen und alles das bestätigen +werde, was sie so gut gefunden hätte, zu erdichten. +Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig +Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe +sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen, +womit sie mich getäuscht und in meiner +festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen +hingehalten hatte. So schreiend und in dieser +Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit +Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange +dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne +Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf +Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite +dieser Berge liegen, und etliche Schäfer nach der +wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen +mir diese Gegend nach und sogleich begab ich mich +mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu +endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis +kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span> +tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so +unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu +Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert, +ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung +meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag +ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf +ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich +bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten +beigestanden haben, denn sie erzählten mir, +wie sie mich angetroffen hätten, und daß ich so +vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt, +daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren +habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden, +daß er nicht immer hinreichend stark ist, +sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend +Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch +die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und +vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin +wiederhole, meine Absicht ist dann, mir mit diesem +Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann +wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so +matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann. +Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines +geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden +Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten, +die in diesen Bergen streifen, legen mir, +aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen +Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehe +und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht +Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt +der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt +in mir die Begierde, sie zu nehmen und sie zu verzehren. +Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> +begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und +nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie's mir auch +aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem +Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies +elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel +gefallen wird, es zu beschließen, oder mein Gedächtnis +so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit +und des Verrats Lucindens, sowie Don Fernandos +Schändlichkeiten gedenke, geschieht das vor meinem +Tode, so will ich meine Gedanken anders richten, +wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner +Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle +ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper +aus diesem Elend zu reißen, in das ich mich freiwillig +gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die +trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun, +ob ich weniger empfinden kann als wie ihr an +mir gesehen habt? Gebt euch darum keine Mühe, +mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir +so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten +Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will. +Ich will keine Wohlfahrt ohne Lucinden, und da sie +einen andern erwählt hat, indem sie die Meine +war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück, +da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie +machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig, +ich will mich selbst verderben und dadurch +ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein +Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen +Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß +ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich +um so grössere Marter, weil ich glaube, daß sie +sich nicht mit dem Tod endigen werden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span></p> + +<p>Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die +Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem +ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte, +unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und +sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der +vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn +hier beschließt den dritten der weise und genaue +Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli.</p> +<hr class="chapter"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77337-h/images/cover.jpg b/77337-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c06234d --- /dev/null +++ b/77337-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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