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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 ***
+
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+=======================================================================
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+ Anmerkungen zur Transkription.
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+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht
+wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt
+genutzt werden.
+
+Worte in Antiqua sind so =gekennzeichnet=, gesperrte so ~gesperrt~.
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+ Leben und Taten
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+ des scharfsinnigen Edlen
+
+ Don Quijote von la Mancha
+
+ von
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+ Miguel de Cervantes Saavedra
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+ Erster Band
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+ Übersetzt von Ludwig Tieck
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+ Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
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+ Holzfreies Papier
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+ Druck von Philipp Reclam jun.
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+ Leipzig
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+ ~Prolog~
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+Müßiger Leser. -- Ohne Schwur magst du mir
+glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind
+meines Gehirns, wäre das schönste, lieblichste und
+verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich
+habe aber unmöglich dem Gesetze der Natur zuwiderhandeln
+können, daß jedes Wesen sein ähnliches
+hervorbringt. Was konnte also mein unfruchtbarer,
+ungebildeter Geist anders erzeugen als die Geschichte
+eines dürren und welken Sohnes, der wunderlich und
+voll seltsamer Gedanken ist, die vorher noch niemand
+beigefallen sind: wie erzeugt sich's auch gut in einem
+Gefängnisse, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist
+und alles traurige Geräusch seine Wohnung hat?
+Ruhe, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit
+der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel
+der Quellen, diese Begünstigungen machen selbst
+die unfruchtbarsten Musen fruchtbar und teilen der
+Welt Werke mit, die Bewunderung und Frucht erregen.
+Ein Vater hat wohl einen häßlichen unliebenswürdigen
+Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt,
+knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine
+Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit
+und geistreiche Züge hält und sie allen seinen Freunden
+für Witz und Scharfsinn anrechnet. Ich aber,
+wenn ich auch der Vater scheine, bin nur der Gevatter
+des Don Quijote und will nicht dem Strome der gewöhnlichen
+Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser,
+wie wohl andere tun, mit Tränen in den Augen
+bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde
+wahrnimmst, vergeben oder übersehen mögest; denn
+du bist ja weder sein Verwandter noch sein Freund,
+du hast deine Seele für dich in deinem Körper, so uneingeschränkten
+Willen, daß einem das Herz im Leibe
+lacht, du bist in deinem Hause und darin so unumschränkter
+Herr, wie der König in seinen Domänen,
+und du weißt das Sprichwort recht gut zu schätzen,
+daß jeder in seinen vier Pfählen der Klügste ist. Dies
+zusammengenommen befreit und erlöst dich von jeder
+Achtung und Verpflichtung, und du kannst also von
+dieser Geschichte sagen, was dir gut dünkt, ohne
+Furcht, daß man dich für das Böse, das du sprichst,
+schelten, noch für das Gute, welches du von ihr redest,
+belohnen wird.
+
+Ich wollte dir diese Geschichte nackt und bloß
+überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne
+die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette,
+Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor
+den Anfang der Bücher zu setzen pflegt. Denn ich
+muß dir sagen, ob mir das Buch auszuarbeiten
+wohl einige Mühe kostete, ich doch die für die
+größte halte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt
+liesest. Ich habe oft die Feder genommen, um zu
+schreiben, und sie ebenso oft wieder hingeworfen,
+weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte: indem
+ich nun nachdenkend bin, das Papier vor mir, die
+Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem
+Tische und die Hand an der Wange, wohl sinnend,
+was ich sagen solle, tritt ein Freund von mir, der
+munter und verständig ist, herein, und wie er mich
+so schwermütig sieht, fragt er nach der Ursache; ich
+verhehlte sie ihm nicht, sondern sagte, wie ich auf
+den Prolog sönne, den ich zur Geschichte des Don
+Quijote machen wolle, und daß mich dies so anstrenge,
+daß ich ihn gar nicht machen und ebensowenig die
+Taten dieses edlen Ritters ans Licht stellen wolle.
+Soll ich denn nun nicht darüber in Sorgen sein, was
+der alte Gesetzgeber, der Haufen genannt, sagen wird,
+wenn er nun sieht, wie nach so vielen Jahren, in
+denen ich im Stillschweigen und Vergessenheit geschlafen
+habe, ich nun nach so manchem Jahre mit
+einer Lektüre hervortrete, trocken wie eine Binse,
+ohne Erfindung, mit schlechtem Stil, arm an Ideen
+und gänzlich ohne Gelehrsamkeit und Literatur,
+ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen
+am Ende des Buchs, wie ich doch sehe,
+daß andere Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte
+und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles,
+Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken,
+worüber sich alsdann die Leser verwundern und die
+Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer
+halten! Wenn sie dann aber gar die Heilige Schrift
+zitieren! Dann muß man sie vollends für Sankt
+Thamasse oder andere Lehrer der Kirche halten, indem
+sie eine so treffliche Schicklichkeit beobachten,
+daß sie in einer Zeile einen Verliebten schildern und
+in der folgenden eine christliche Predigt halten, so daß
+es eine Lust ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses
+mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande
+nichts bemerkt und am Ende nichts angemerkt, noch
+weniger weiß ich, welchem Autor ich folge, um sie,
+wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Abc
+zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und
+mit dem Xenophon oder Zoylus oder Zeuxis endigen,
+wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler
+war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange
+an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten,
+die Herzöge, Marquis, Grafen, Bischöfe, Damen und
+weltberühmte Poeten zu Verfassern haben. Wenn
+ich freilich zwei oder drei meiner vertrauten Freunde
+bäte, so weiß ich wohl, daß ich Verse bekommen
+könnte, und zwar solche, daß ihnen jene nicht gleichkämen,
+die von den angesehensten Verfassern in
+unserm Spanien herrühren.
+
+»Kurz, mein liebster Freund,« so fuhr ich fort, »ich
+bin entschlossen, daß der Herr Don Quijote in den
+Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der
+Himmel ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die
+ihm jetzt mangeln, denn meine Unerfahrenheit und
+wenige Wissenschaft machen mich unfähig, ihm alles
+dies zu verschaffen, auch weil ich von Natur zu furchtsam
+und zu träge bin, das in Autoren aufzusuchen,
+die das nämliche sagen, was ich ohne sie sagen kann.
+Dies alles erzeugt in mir jene Angst und tiefe Schwermut,
+in der du mich gefunden hast: und das, was ich
+dir soeben erzählt habe, ist dazu mehr als hinreichende
+Ursache.«
+
+Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die
+Stirn, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte:
+»Bei Gott, erst jetzt komme ich aus meinem Irrtum,
+in dem ich so lange gelebt habe, seit ich Euch kenne,
+indem ich Euch nämlich nach allen Euren Handlungen
+immer für einen vernünftigen und verständigen
+Menschen gehalten habe. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr
+ebenso weit davon entfernt seid, wie es der Himmel
+von der Erde ist.
+
+Wie ist es möglich, daß so geringfügige Dinge,
+die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen,
+einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden
+und zu verwirren, dem es ein leichtes ist, durch weit
+größere Schwierigkeiten zu brechen? Wahrlich, dies
+ist nicht Mangel an Geschicklichkeit, sondern nur
+überflüssige Trägheit. Soll ich Euch den Beweis darüber
+führen? Nun so hört mir aufmerksam zu und
+Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand
+umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel,
+von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt
+und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt
+nicht Euren berühmten Don Quijote schenken wollt,
+das Licht und den Spiegel der ganzen irrenden
+Ritterschaft.«
+
+»Nun, so sagt doch,« erwiderte ich, »wie wollt
+Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen und das Chaos
+meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?«
+
+Worauf er antwortete: »Zuerst, was die Sonetten,
+Epigramme und Lobgedichte betrifft, die vor
+Eurem Buche fehlen und die von würdigen, angesehenen
+Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn
+Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu
+schreiben und sie nachher taufen, und Namen vorsetzen,
+welche Ihr nur immer wollt, Ihr könnt ja
+gar den Priester Johann von Indien oder den Kaiser
+von Trapezunt adoptieren, von denen ich weiß, daß
+sie berühmte Poeten sind. Sind sie es nicht gewesen,
+und es kömmt irgendein Pedant oder Bakkalaureus,
+die Euch deshalb necken und die Wahrheit bezweifeln
+wollen, so sollt Ihr das nur verachten, denn wenn
+sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen
+sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es
+geschrieben habt.
+
+In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr
+auf dem Rand zitieren wollt und aus denen Ihr
+Sentenzen und Phrasen in Euer Buch aufgenommen
+habt, dürft Ihr nur einige Sentenzen und lateinische
+Brocken, die Ihr auswendig wißt, durcheinander
+werfen, oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe
+machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr
+von Freiheit oder Sklaverei sprecht:
+
+=Non bene pro toto libertas venditur auro.=
+
+Gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius,
+oder wer es sonst gesagt hat. Sprecht Ihr von der
+Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde
+auf das:
+
+ =Pallida mors aequo pulsat pede
+ Pauperum tabernas, regumque turres.=
+
+Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott
+auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich
+in die Heilige Schrift einbrechen, ja Ihr könnt so
+keck sein und die göttlichen Worte selbst aufführen:
+
+ =Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros.=
+
+Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so dürft Ihr
+nur das Evangelium anführen: =De corde exeunt
+cogitationes malae.= Kommt Ihr auf die Unzuverlässigkeit
+der Freunde, so ist gleich Cato da, der Euch
+sein Distichon anbietet:
+
+ =Donec eris felix, multos numerabis amicos,
+ Tempora si, fuerint nubila solus eris.=
+
+Und mit diesen und ähnlichen lateinischen Brocken
+halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches
+in unseren Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches
+ist. Was aber die Anmerkungen am Ende des
+Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreist so
+machen. Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem
+Buche, so fallt nur auf den Riesen Goliat, und bloß
+mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten
+macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung
+ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese
+Goliat oder Goliath war ein Philister, den der Schäfer
+Daniel mit einem Steinwurf im Tale Terebintus
+tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in
+demselben Kapitel, welches davon handelt.
+
+Damit Ihr Euch aber auch als einen Mann zeigen
+könnt, der in den weltlichen Dingen und der Kosmographie
+bewandert ist, so dürft Ihr es nur so einrichten,
+daß Ihr in Eurem Buche einmal den Tagofluß
+wöhnt, augenblicks könnt Ihr wieder eine
+herrliche Anmerkung niederschreiben: Dieser Fluß
+Tago führt seinen Namen von einem Könige von
+Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich
+in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten
+Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß
+er Goldsand mit sich führe, usw. Sprecht Ihr von
+Räubern, so will ich Euch gleich die Geschichte des
+Cacus schenken, die ich auswendig weiß. Wenn
+liederliche Weiber vorkommen, so habt Ihr ja den
+Bischof von Mondonnedo, der Euch die Lamia, Lais
+und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches
+Ansehen setzen wird. Nennt Ihr Grausame, so
+bietet Euch Ovidius die Medea an. Nennt Ihr Zauberinnen,
+so hat Homerus die Calypso und Virgilius
+die Circe. Sollen es tapfere Feldherren sein, so gibt
+Julius Cäsar Euch selbst in seinen Kommentarien
+und Plutarch gibt Euch gleich tausend Alexander.
+Wollt Ihr von Liebe etwas abhandeln, so trefft Ihr,
+wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf
+dem Leo Hebräus, der Euch ein ganzes Maß vollzapfen
+wird. Mögt Ihr Euch aber nicht nach fremden
+Gegenden bemühen, so habt Ihr ja den Fonseca von
+der Liebe Gottes zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste
+so viel über diese Materie finden wird, als
+sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts
+weiter zu tun, als diese Namen zu nennen, oder diese
+Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurige
+aufzunehmen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen
+und Anmerkungen sorgen, denn ich
+schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben
+und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben
+will.
+
+Jetzt bleibt uns nur noch die Zitation der Autoren
+übrig, die man in anderen Büchern findet und die
+in dem Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen gibt es
+ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins
+von denen Büchern zu nehmen, in denen sie alle,
+wie Ihr sagt, von A bis Z zitiert sind. Das nämliche
+Abc könnt Ihr nun auch Eurem Buche anheften: sieht
+man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das
+nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht, und
+vielleicht ist doch einer oder der andere so einfältig,
+daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer
+einfachen, schlichten Erzählung gebraucht. Überdies
+wird es niemand untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt
+seid oder nicht, denn keiner kümmert sich darum.
+Ihr habt aber gar, wenn Ihr die Sache genau nehmt,
+aller der Sachen nicht nötig, die, wie Ihr sagt, Eurem
+Buche mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die
+Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte,
+die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero
+niemals anführt; auch gehört in die Erzählung erdichteter
+Narrheiten keine pünktliche Wahrheit oder
+Beobachtungen aus der Astrologie; auch die geometrischen
+Maße sind hier unnütz, sowie die Widerlegung
+der Argumente, deren sich die Rhetorik bedient; auch
+soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem
+das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine
+Art Mischung, die kein christlicher Verstand billigen
+sollte. Euer Hauptzweck ist, das darzustellen, was
+Ihr schreiben wollt, und je mehr Ihr das erreicht,
+je vorzüglicher wird Euer Buch sein, da Ihr Euch
+auch in Eurem Buche nichts weiter vorsetzt, als das
+Ansehen zu stürzen, in dem bei der Welt und dem
+Haufen die Ritterbücher stehen, so gehen Euch auch
+die Sentenzen der Philosophen, die Ermahnungen der
+Heiligen Schrift, die Fabeln der Poeten, die Figuren
+der Redner, die Wunder der Heiligen gar nichts an,
+sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in
+einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden
+Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich
+wohlklingend und anständig fortbewegen, und daß
+Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne
+Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu
+verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches
+der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher
+noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich
+ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere,
+daß der Ernste sie nicht verwerfe und der
+Klügere sie nicht verachte. Kurz, richtet es ins Werk,
+daß Ihr das schlecht gegründete Ansehen dieser Ritterbücher
+zerstört, die von so vielen gehaßt und von
+noch mehreren verehrt werden; gelingt Euch dies, so
+ist Euch nichts Kleines gelungen.«
+
+Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich dem Rat
+meines Freundes zu und seine Gedanken waren mir
+so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu
+disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus
+ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun,
+freundlicher Leser, seinen Verstand findest, so wie
+mein Glück, daß ich ihn zu einer Zeit antraf, da mir
+guter Rat so nötig war, zugleich aber auch eine
+Freude für dich entdeckst, indem dir nun die aufrichtige
+und unverstellte Historie des berühmten Don
+Quijote von la Mancha geschenkt wird, der, wie alle
+Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der
+keuscheste Verliebte, sowie der tapferste Ritter gewesen
+ist, den man wohl seit vielen Jahren dort
+herum bemerkt hat. Ich will dir den Dienst nicht
+sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß
+ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen
+Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir,
+daß du mir für die Bekanntschaft seines Stallmeisters
+Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche
+Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen
+Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen
+wollen. Und hiermit beschütze dich Gott und vergiß
+mich nicht.
+
+Lebe wohl!
+
+
+
+
+Auf das Buch
+des Don Quijote von la Mancha
+
+
+Urganda die Unbekannte
+
+
+Kommst du, o Buch zu Bra--
+ So werden sie dich le--
+ Und keiner wird verwe--
+ So Plan wird Schreibart ta--
+
+Gerätst du unter Scha--
+ So wirst du bald verneh--
+ Wie schön sie dich verste--
+ Begreif'n sie auch kein Com--
+ Sie haben's sich vorgenom--
+ Sie müssen's urteiln be--
+Weil nun Erfahrung sa--
+ Daß, wer die Eiche su--
+ Im frischen Schatten ru--
+ So wirst du trefflich sa--
+Wenn Bejar dir will ra--
+ Der Fürsten schon gebo--
+ Jetzt blüht mit dem Herzo--
+ Dem neuen Alexan--
+Du brauchst wohl keinen an--
+ Ist er dir nur gewo--
+ Du sagst von dem Mancha--
+ Die seltnen Abenteu--
+ Ihn verrückten Leserei--
+ Den Kopf zu seinem Scha--
+Die Waffen, Ritter, Da--
+ Entzündten ihm ein Fie--
+ Wie Roland dem Wüti--
+ Er liebte so wie die--
+ Bekannt' durch Taten die Lie--
+ Zur Tobosischen Dulzi--
+Führt' nicht Inschrift und Sinn--
+ Als Rittersmann im Schil--
+ Er selbst statt tausend Bil--
+ Handelt' weislich wohl darin--
+Hält er die Zuschrift gerin--
+ So ist der zu bekla--
+ Der es voll Mut gewa--
+ Dies Ritterwerk zu schrei--
+ Dann wird ihn keiner nei--
+ Auf immer ist er geschla--
+Es hat sich nicht zugetra--
+ Daß der Schreiber dich geschmük--
+ Mit niedlichen kleinen Stük--
+ Von der lateinschen Spra--
+Mag keiner dagegen was ha--
+ Und drüber rezensi--
+ Der wird Gesichter zie--
+ Und halten ihn für tö--
+ Der das ganze Buch verste--
+ Hieher gehört keine Lati--
+Geklätsch sei wie deine Sa--
+ Laß jeden des Weges ge--
+ Das ist die beste Re--
+ So kommst du nie zu Scha--
+Die gerne andre schla--
+ Geh' ihnen aus der Stras--
+ Und trübe selbst kein Was--
+ Erwirb dir gut Gerüch--
+ Denn wer Torheit erdich--
+ Erregt gerechte Has--
+Sei niemals also wü--
+ Die Steine zu Hand zu neh--
+ Die Fenster sind ja glä--
+ Mußt nicht nach dem Nächsten zie--
+Es ist keinem Manne gebüh--
+ Wer nicht Vernunft verloh--
+ Der schont ja gern der To--
+ Wer aber nur gesun--
+ Wohl zu gefallen den Jun--
+ Hat selbst für Narren geschrie--
+
+
+
+
+Amadis von Gallia an Don Quijote
+von la Mancha
+
+
+Sonett
+
+In meinem Leid hab' ich dich zum Genossen,
+Wie ich der Ferne, Arme, der Verwaiste
+Einst nach dem großen Felsen Armut reiste
+Aus Freudigkeit in Trübsal hingestoßen.
+
+Wie mir, so sind die Augen dir geflossen
+Vom Tränenstrom, in dem das Salz das meiste,
+Du warst zufrieden, wie man dich auch speiste,
+Hast Erdensohn das Irdische genossen.
+
+Sei sicher, daß du ewiglich wirst leben,
+So lange nur Apoll den goldnen Wagen
+Noch lenkt vom roten Morgen nach dem Westen.
+
+Stets wird man dir den Ruhm des Tapfern geben,
+Dein Land wird schönen Preis von dannen tragen.
+Und deinen Weisen hält man für den Besten.
+
+
+
+
+Don Belianis von Graecia an Don Quijote
+von la Mancha
+
+
+Sonett
+
+Ich tobte, schlug, zerstörte baß verwegen,
+Mehr als ein Rittersmann jemals bewiesen;
+Ich war so stolz als tapfer, künstlich unterwiesen,
+Ich rächte die Beschwer mit tausend Schlägen.
+
+Den Taten mein kommt ew'ger Ruhm entgegen,
+Als Liebender manch' Träne ließ ich fließen,
+Nur Zwerglein waren mir die größten Riesen,
+Im Kampfe mocht ich all' zu Boden legen.
+
+Zu meinen Füßen lag das Glück geschmieget,
+Ein Stirnhaar wußte Klugheit doch zu finden
+Am Glück, wenn's auch ganz kahle Scheitel bote.
+
+Mags, daß mein Ruhm jenseit dem Monde flieget,
+Und aller Tatenglanz mir muß erblinden,
+Beneid' ich deine Größe, Don Quijote.
+
+
+
+
+Die Dame Oriana an Dulzinea von Toboso
+
+
+Sonett
+
+Lebt' ich wie du in sanfter Ruhe Schoße,
+So gönnt' ich dir, o schöne Dulzinea,
+Das prächtige London ach! mit Freuden ja,
+Hätt' ich dafür gewohnt dort in Tobose!
+
+Du warst dem Ritter seine süße Rose,
+O daß es mir nicht so wie dir geschah,
+Daß ich ihn nicht zu meinem Besten sah
+Im wilden Kampf mit Schwert und wackerm Rosse!
+
+Hätt' ich gekonnt den Amadis vermeiden,
+So keusch verharren, wie es dir gelungen
+Mit deinem sittgern Edlen Don Quijote!
+
+Ich wär' beneidet, brauchte nicht zu neiden;
+Es hätte mir kein Schmerz die Brust durchdrungen,
+Der schwerer war, als von 'nem halben Lote.
+
+
+
+
+Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia, an
+Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quijote
+
+
+Sonett
+
+Gegrüßt sei, braver Kerl, dem gutes Glücke,
+Als er stallmeisterlich in Dienst gegangen
+Die Leiden alle vorher weggefangen,
+Und niemals ihm bewiesen seine Tücke.
+
+Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke,
+Dem Irren nicht zuwider; mein Verlangen
+War Ruh', ich netzte oft um ihn die Wangen,
+Der stolz sucht' nach dem Monde eine Brücke.
+
+Ich neide dir den Namen und dein Tierlein,
+Auf deinen Schnappsack geht noch mehr die Mißgunst,
+In dem du deine Weisheit tätest zeigen.
+
+Noch einmal sei gegrüßt, du wackres Kerlein,
+Der spanische Ovid besinget mit Kunst
+Dich Edlen, drum mußt du dich ihm verneigen.
+
+
+
+
+Der rasende Orlando an Don Quijote
+von la Mancha
+
+
+Sonett
+
+Bist du kein Pair und so nicht meinesgleichen,
+Sind tausend dir nicht gleich, denn unter denen
+Darf keiner dich als ungebärd' verhöhnen,
+Du paarlos, unbesiegt in deinen Streichen.
+
+Orland' bin ich und schwärmt' in fernen Reichen,
+Angelika erzeugte meine Tränen;
+Ihr opfert' ich die Tat der kräftgen Sehnen,
+Den Glanz des Ruhms, der niemals wird erbleichen.
+
+Mich zu verdunkeln bist nur du geboren;
+Ich preise deine Taten als die größten,
+Und auch erreichst du mich als ein Verrückter.
+
+Doch kämpftest du mit großen Zaubermohren,
+So muß ich mich mit dem Gedanken trösten,
+In Lieb' bin ich wie du ein Unbeglückter.
+
+
+
+
+Der Ritter des Phöbus an Don Quijote
+von la Mancha
+
+
+Sonett
+
+Mein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen,
+Ihr spanischer Phöbus, Blume aller Feinen,
+Mein tapfrer Arm vermißt sich nicht dem deinen,
+Ertönten gleich Gebirge seinen Streichen.
+
+Ich wies die Völker ab mit ihren Reichen,
+Ließ Morgenland zu meinen Füßen weinen,
+Zu seh'n der Claridiana Antlitz scheinen,
+Mußt auch Aurorens Herrlichkeit erbleichen.
+
+Worauf es durch ein seltnes Wunder kame,
+Daß Hölle, als die Dame mich verschmähte,
+Den Arm gefürchtet, der gezähmt ihr Toben.
+
+Unsterblich, Don Quijote, bleibt Euer Name,
+Und Dulzinea Eure Morgenröte
+Wird jeder Mund als keusch und weise loben.
+
+
+
+
+Der Sultan an Don Quijote von la Manche
+
+
+Sonett
+
+Wohl sind, Herr Quijote, Eure Geschichten
+Beweise, wie das Haupt Euch sehr verrücket,
+Doch jeder muß gesteh'n, der auf Euch blicket,
+Daß Ihr nichts Kleines dachtet auszurichten.
+
+Ihr wolltet die Beschwer der Welt vernichten,
+Und spaßhaft ist es, wie es Euch geglücket,
+Denn Lümmelvolk, das sich darein nicht schicket,
+Euch oftmals wacker bei den Ohren kriegten.
+
+Und wenn die vielgeliebte Dulzinee
+Sich undankbar erwiesen, Don Quijote,
+Und kalt geblieben gegen Eure Triebe,
+
+So sei Euch dies ein Trost in Eurem Wehe;
+Herr Sancho war ein schlechter Liebesbote,
+Er dumm, sie hart, nicht weit her Eure Liebe.
+
+
+
+
+Gespräch zwischen Babinza und Rosinante
+
+
+Sonett
+
+B. Ihr, Rosinante, schaut so miserabel.
+R. Nur stets marschieren, nichts zu fressen kriegen.
+B. Ihr wollt gewiß auf Heu und Häcksel liegen?
+R. Mein Herr gibt mir auch nicht ein Maul voll Haber.
+
+B. O geht, Ihr seid ein ungezogner Knabe,
+ Wer wird so eselhaft den Herrn belügen!
+R. Er bleibt ein Esel, ist es von der Wiegen;
+ Wollt wissen wie? Er ist ja ein Liebhaber.
+
+B. Ist lieben Torheit? R. Weisheit nicht, mein Seele!
+B. Seid Philosoph. R. Das macht, weil ich nicht speise.
+B. Verklagt den Knappen. R. Ihr seid linker Hand.
+
+Wem klag' ich's wohl, daß ich mich hungrig quäle,
+Wenn es dem Herrn wie Knappen gleicherweise
+Noch knapper geht als selbst dem Rosinant?
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+ Don Quijote von la Mancha
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+ ~Erstes Buch~
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+ ~Erstes Kapitel~
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+Handelt von dem Stande und der Lebensweise des
+namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha
+
+
+In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen
+ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein
+Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß,
+einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine
+Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends
+gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter
+und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene
+Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner
+Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes
+Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art,
+ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich
+in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine
+Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine
+Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich
+ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt,
+der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt
+zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit
+fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution,
+mager, von dürrem Gesichte, ein großer
+Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige,
+die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada
+führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen
+unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten
+Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen
+Vermutungen schließen, daß er sich Quixana
+nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung
+wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem
+Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.
+
+Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die
+Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den
+größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher
+von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung
+zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der
+Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens
+vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit,
+daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte,
+um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in
+denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein
+Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter
+allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke,
+die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat,
+die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner
+Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er
+auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn
+an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige
+des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut,
+erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure
+Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn
+er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit
+göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die
+Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt
+ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter
+seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen
+und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht
+enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß
+darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich
+mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte
+und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn
+auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch
+kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus
+Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er
+darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem
+Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt,
+und oft kam ihm der Gedanke, die Feder
+zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen,
+fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan,
+wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken
+abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit
+mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter
+Mann war und zu Siguenza graduiert), wer
+von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin
+von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister
+Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß
+keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn
+sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor,
+der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus
+edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich
+wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit
+besser beschlagen.
+
+Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die
+Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die
+Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam
+es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein
+Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand
+verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit
+solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand,
+als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen,
+Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen
+und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein,
+daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las,
+wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine
+zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid
+Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen,
+er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom
+brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem
+einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen
+mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom
+Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den
+bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung
+des Herkules nachgeahmt, der den Anteus,
+den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel
+Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er
+gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle
+stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und
+artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von
+Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem
+Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er
+dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches
+ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er
+sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben
+zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe
+auch seine Nichte fortschenken wolle.
+
+Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß
+gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken,
+den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn
+es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung
+seiner Ehre als zum Besten seiner Republik,
+ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung
+und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer
+aufzusuchen und alles das auszuüben, was er
+von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht
+aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu
+unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm
+und Namen schmücken würden. Der Unglückliche
+stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines
+tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde
+gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken,
+angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte
+er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen.
+Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen,
+die er von seinen Urgroßvätern geerbt und
+die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen
+in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte
+sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen
+großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht
+vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber
+seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte
+aus Pappen die untere Hälfte und verband sie
+mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen
+Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu
+erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines
+Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei
+Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das
+wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet.
+Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der
+er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser
+Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte
+inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der
+Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere
+Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß
+dieser Helm der trefflichste sei.
+
+Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob
+dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte,
+als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als
+das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen
+war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der
+Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid
+mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem
+er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle,
+denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig,
+wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und
+das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen
+führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten,
+daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen,
+ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es
+nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie
+es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein
+anderer Name zukommen müsse, der es ziere und
+sich für das neue Amt und die neue Lebensweise
+gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den
+vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte,
+umarbeitete, wegwarf und wieder annahm,
+um den besten zu erfinden, wählte er endlich die
+Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener,
+volltönender und bedeutungsvoller Name,
+bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er
+seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der
+erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der
+Welt sei.
+
+Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem
+Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für
+sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen
+wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß
+er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird,
+die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit
+genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel
+Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere
+meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre
+Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis
+zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches
+und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu
+machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt
+habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern
+Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und
+er benamte sich also Don Quijote von la Mancha.
+Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland
+und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem
+er den Zunamen von ihr entlehnte.
+
+Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm
+gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener
+festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als
+eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein
+irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub
+und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn
+ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem
+Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn
+gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn
+in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue,
+oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär'
+es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte,
+sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte,
+vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe
+und mit demütiger und unterwürfiger Stimme
+spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro,
+Herr der Insel Malindrania, den im
+Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter
+Don Quijote von la Mancha überwand und mir
+befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit
+Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir
+schalte. -- Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter,
+als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er
+wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle.
+Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten
+Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in
+die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber
+wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals
+gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien
+ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken
+zu geben. Er suchte nun einen Namen, der
+dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und
+Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und
+er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie
+war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem
+Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie
+alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden
+hatte.
+
+
+
+
+ ~Zweites Kapitel~
+
+ Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don
+ Quijote aus seinem Besitztum
+
+
+Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es
+nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk
+zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach
+seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung
+erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen,
+die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er
+aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen,
+die er vergelten müsse. Ohne also irgend
+jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer
+bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem
+Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit
+allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den
+übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff
+die Lanze und zog durch eine kleine Tür des
+Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und
+vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten
+Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem
+Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher
+Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes
+Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm
+nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener
+Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der
+Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf
+weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als
+neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild
+auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne.
+Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz
+heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder
+andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten,
+auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen,
+in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren,
+wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung
+getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte
+er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell
+zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße
+überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte
+seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als
+den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß
+dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.
+
+Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt,
+sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel,
+daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte
+meiner Taten an das Licht tritt, der Weise,
+der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem
+ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote
+Apoll hatte kaum über das Angesicht der
+großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines
+schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die
+kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen
+die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher
+Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen
+Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone
+des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen
+zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote
+von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein
+berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über
+das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.«
+Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr
+weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter!
+in dem meine preisvollen Taten ans Licht
+treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz
+gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum
+Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser
+Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist,
+die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß,
+ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht,
+meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege
+und in jeglicher Bahn. -- Darauf sprach er, als wäre
+er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea!
+Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält
+es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer
+Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle
+nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt
+Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das
+so Großes um Willen Eurer Liebe leidet.
+
+An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn,
+alles, wie er es in seinen Büchern gefunden
+hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel
+es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine
+große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig
+und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die
+Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte.
+Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas
+stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er
+sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit,
+um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken
+Armes zu erproben.
+
+Es sind Autoren der Meinung, daß das erste
+Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice
+gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen
+auf, aber alles, was ich hierin erforschen
+können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha
+geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog,
+und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe
+gestorben waren.
+
+Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein
+Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um
+sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich
+erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine
+Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der
+ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden
+winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem
+Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von
+ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen
+nennt, die mit einigen Maultiertreibern,
+welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach
+Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles,
+was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien
+und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es
+ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein
+Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von
+glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und
+des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit
+denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er
+näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien,
+und da er nur noch wenig entfernt war, zog er
+dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß
+ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um
+mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich
+ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß
+er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem
+Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke
+und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen,
+die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige
+Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses
+in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein
+Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde
+Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln
+wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen
+Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich
+Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich
+ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe.
+Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der
+Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf
+diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich
+zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen
+wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht
+aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus
+Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht
+und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme
+diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten
+dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der
+Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub
+oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben,
+geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen
+mich Eure Gegenwart beglückt.«
+
+Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht
+mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte,
+aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das
+ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen
+nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß
+sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt
+Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit
+ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch
+sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich
+Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen
+als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden
+die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters
+vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie
+hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt
+nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der,
+wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war;
+als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen
+Waffen, als der Zaum des Pferdes, die
+Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte,
+so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild
+von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt
+hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur
+fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und
+sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe
+suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir
+haben keins in der Schenke, alles übrige im großen
+Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit
+des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt
+er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er:
+»Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn
+mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.«
+-- Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen
+hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man
+wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier,
+ein Eingeweihter in die falschen Künste der
+Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel
+wie ein Student oder Page, er antwortete daher:
+»So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine
+und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und
+wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich
+absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit
+und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen,
+geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte,
+hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler
+Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch
+den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte
+sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große
+Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier
+auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute
+es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es
+Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte
+so gut. Er führte es in den Stall und kam dann
+zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den
+indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er
+sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und
+Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit
+nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den
+nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen
+Bändern unter dem Halse festgebunden war und von
+denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen
+vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen,
+er blieb also den ganzen Abend in seinem
+Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur
+dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte,
+daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme
+Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären
+und sagte daher mit vielem Anstande:
+
+»Niemals ward ein edler Bote
+So bedient von Damen süß,
+Wie der große Don Quijote
+Als er seine Heimat ließ.
+Zarte Mädchen pflegten ihn,
+Prinzessin'n sein Rösselin.
+
+O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der
+Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von
+la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben,
+bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich
+kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote,
+die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand
+schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der
+Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann
+Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll,
+wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch
+dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen,
+die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren,
+antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur,
+ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas
+zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote,
+»denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.«
+Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke
+nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser
+Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er
+vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne
+ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote,
+der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es
+viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen,
+denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand
+acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von
+achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich
+mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen
+Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch
+das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei,
+was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer
+und Waffenlast können nur durch Erquickung
+des Innern ertragen werden.« -- Sie setzten also
+den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke,
+und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten
+und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot,
+schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein
+lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der
+Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den
+Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm
+nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der
+Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu
+trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich
+geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr
+ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt
+und durch das andere den Wein eingegossen hätte.
+Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder
+seines Helmes zerschneiden zu lassen.
+
+Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein
+Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und
+indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner
+Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig
+darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde,
+daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch
+Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren
+Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells;
+und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für
+glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er
+noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin
+nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe,
+ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.
+
+
+
+
+ ~Drittes Kapitel~
+
+ Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote
+ zum Ritter geschlagen wurde
+
+
+Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine
+magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange
+währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit
+dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die
+Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich
+mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure
+Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich
+flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen
+Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der
+Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen
+Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung,
+ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle.
+Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener
+aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte,
+um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit
+nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete
+Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß
+die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer
+liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr
+mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und
+daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells
+die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird
+dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie
+es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen
+könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen,
+wie es das Amt der Ritterschaft und
+der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne,
+und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«
+
+Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm
+war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit
+seines Gastes haben mochte, war
+jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden
+hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen,
+nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte
+also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche
+und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich
+und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei,
+als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde;
+er selbst habe sich in seinen Jugendjahren
+einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls
+verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine
+Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von
+Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in
+der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte
+von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia,
+imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer
+von San Lucar, unter den Rittern von Cordova,
+den Schenken von Toledo und andern verschiedenen
+Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und
+die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort
+sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er
+manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt
+und wenige Unmündige betrogen; kurz, er
+habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen
+Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht;
+letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses
+sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen
+und fremden Haushalte alle irrenden Ritter
+aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein
+möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum
+auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten
+Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in
+seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die
+Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen,
+um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß
+man die Wache im Falle der Not an jedwedem
+Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht
+das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten
+könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand
+die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß
+er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben
+wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen
+Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld
+mit sich führe? -- Don Quijote antwortete, daß er
+keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern
+von fahrenden Rittern niemals gelesen,
+daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf
+sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn
+es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den
+Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der
+Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als
+Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum
+niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei
+sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht,
+daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher
+angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine
+gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie
+auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden
+zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in
+den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die
+Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der
+sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer
+zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte
+und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau
+oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam
+schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu
+kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden
+so völlig zu genesen, als wenn man gar keine
+Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen
+Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden
+Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen,
+daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten
+versehen gewesen, wozu besonders
+Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn
+es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben
+waren, welches aber in der Tat nur sehr selten
+der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr
+subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem
+Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein
+ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen
+Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht
+sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen.
+Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon
+wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er
+auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen
+solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten
+bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem
+Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten
+gedächte.
+
+Don Quijote versprach seinen Rat auf das
+pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht,
+daß er die Waffen in einem Hofe bewachen
+solle, der zur Seite der Schenke lag. Don
+Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog,
+der neben einem Brunnen stand, dann nahm er
+seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem
+Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen;
+indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht
+an völlig hereinzubrechen.
+
+Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke
+waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die
+Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter
+geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über
+diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten
+ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden
+einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze
+stützte und seine Augen auf die Waffen heftete,
+ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war
+völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles,
+was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von
+allen gesehen wurde.
+
+Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in
+der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu
+geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes
+Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen,
+aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit
+lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger
+Ritter, der du dich nahst, die Waffen des
+allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein
+Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust,
+berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als
+Strafe deines Übermutes verlieren willst.« -- Der
+Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht,
+aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen,
+wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern
+nahm die Waffen herunter und warf sie eine
+große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses
+erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und
+richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu
+seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir,
+Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich
+dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht
+mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst
+und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen
+Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit
+beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber
+einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem
+er ihn so behende auf den Boden hinlegte,
+daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre,
+jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft
+hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die
+Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben
+Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen.
+Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen
+(denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein
+auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen
+Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er
+machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den
+Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort
+zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu
+flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff
+zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere
+Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber
+mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn
+an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei
+liefen alle aus der Schenke zusammen und unter
+diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote
+sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an
+seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit!
+Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu
+dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf
+deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares
+Abenteuer bevorsteht!« -- Hiedurch wurde, nach
+seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht
+einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle
+Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.
+
+Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen
+sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der
+Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel
+es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte,
+es aber dabei nicht wagte, den Trog zu
+verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu
+lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten,
+dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er
+närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen
+würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote
+aber schrie noch lauter und nannte sie alle
+Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells
+aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter,
+weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter
+verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft
+empfangen, wolle er auch über seine Verräterei
+mit ihm Rücksprache nehmen. -- »Was aber euch
+übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines
+Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter
+achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt
+mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn
+empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.«
+Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit,
+daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen
+wurden. Hiedurch und durch die Überredungen
+des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf
+zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich
+wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung
+seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit
+zurück, mit welcher er sie begonnen hatte.
+
+Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines
+Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm
+lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen,
+ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging
+also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung
+einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz
+ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch
+geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe.
+Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß
+er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß
+aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei;
+alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich
+im Nackenschlage mit der Hand und im
+Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den
+Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß
+dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne;
+mehr als genug habe er in der Bewachung der
+Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend
+wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt
+habe. Don Quijote glaubte dies alles und
+antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen
+und daß er alles so schnell als möglich beendigen
+möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und
+er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person
+im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen
+ausgenommen, die er ihm nennen würde
+und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.
+
+Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm
+sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und
+die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so
+und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug,
+und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu
+Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die
+Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale
+las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte,
+erhub er unter dem Lesen die Hand und gab
+ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen
+zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert,
+indem er immer zwischen den Zähnen murmelte,
+als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der
+einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es
+auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand
+tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien
+nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen;
+doch hielten die Tapferkeiten, die sie den
+neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren
+Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete,
+sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure
+Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch
+glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem
+Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene
+Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr
+einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines
+Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete
+mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie
+sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig,
+jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya
+ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen,
+dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen
+wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus
+Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen,
+und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich
+also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach
+es ihm, und die andere befestigte ihm die
+Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der
+Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen
+und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn
+ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera.
+Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen,
+und sich Donna Müllerin zu nennen, indem
+er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.
+
+Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien
+beendigt waren, konnte Don Quijote die
+Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu
+sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen.
+Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und
+umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche
+Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er
+von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es
+sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der
+Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke
+zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer
+und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf
+gut Glück fortziehen.
+
+
+
+
+ ~Viertes Kapitel~
+
+ Was unserm Ritter begegnete, als er
+ die Schenke verließ
+
+
+Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke,
+so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als
+Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den
+Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich
+aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen
+Erfordernisse, die er mit sich führen solle,
+vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach
+Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem
+Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern,
+seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder
+hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben
+der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.
+
+Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante
+nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als
+wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit
+zu laufen anfing, daß es schien, als wenn
+seine Beine den Boden nicht berührten. Er war
+noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als
+wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme
+einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte
+er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem
+Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren
+läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt,
+die Pflichten meines Standes zu erfüllen und
+die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln;
+ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten
+oder einer Notgeängsteten her, die
+meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« -- Er lenkte
+zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante
+dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien.
+Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht
+hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem
+anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden,
+der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war,
+ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben
+derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das
+nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem
+Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige
+Streiche und begleitete jeden Streich mit einer
+Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die
+Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter
+sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es
+nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit,
+ich will es nicht wieder tun, ich verspreche,
+künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.«
+
+Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit
+erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht
+geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich
+nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß
+und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah
+er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an
+der die Stute festgebunden war), damit ich Euch
+zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.«
+-- Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt
+über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem
+Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete
+mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge,
+den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde
+Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte,
+aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein
+Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit
+und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus
+Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich
+ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele,
+er lügt es.«
+
+»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner
+Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die
+uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit
+dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch
+bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und
+schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich
+binde ihn los!«
+
+Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein
+Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte
+Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei,
+worauf dieser antwortete: »Neun Monate und
+jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete
+es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig
+Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer,
+sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen
+wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß
+er dastehe und geschworen habe, ob er gleich
+gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel,
+denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen
+abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real
+für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er
+unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete
+Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe
+betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen,
+die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat
+er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen,
+so hast du dafür dasjenige seines Körpers
+zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da
+er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit
+abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.«
+
+»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein
+Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir
+nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real
+auf dem andern bezahlen.«
+
+»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen
+Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken,
+denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich
+schinden wie einen Sankt Bartholomäus.«
+
+»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug,
+daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete,
+er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft,
+den er empfangen, schwören, dich freizulassen und
+den Lohn gewiß zu bezahlen.«
+
+»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,«
+antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein
+Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der
+Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche
+Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.«
+
+»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote,
+»auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr,
+da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«
+
+»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was
+für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen
+Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«
+
+»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,«
+antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir
+kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden
+der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen
+wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern,
+und obenein lauter blankgeschliffene.«
+
+»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte
+Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so
+bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es
+vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre
+ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder
+aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden
+werde, und wenn Ihr Euch auch besser als
+eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber
+wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr
+Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen,
+so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von
+la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und
+Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht,
+was du versprochen und geschworen, bei Strafe der
+angekündigten Strafe.«
+
+Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die
+Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit
+den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz
+verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte
+er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun
+komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir
+schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr
+geboten hat.« -- »Ich schwöre Euch,« sagte
+Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der
+wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend
+Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig
+ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt
+Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit
+er das tut, was er gesagt hat.« -- »Ich schwöre dir
+ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute,
+das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern
+wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er
+nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder
+an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab,
+daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,«
+sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher
+Ungebühr und seht, wie er diese vernichten
+wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug,
+denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen,
+wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und
+gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen,
+um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres
+ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern
+Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles,
+was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um
+sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er
+ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.
+
+Also vernichtete der tapfere Don Quijote die
+Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg
+ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft
+auf die schönste und edelste Weise angetreten zu
+haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit
+den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit
+halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor
+allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor
+allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir
+unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer
+und überaus berühmter Ritter, wie ist und
+sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie
+die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und
+schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert
+hat, das jemals die Unvernunft ersann und
+die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel
+aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der
+ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«
+
+Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine
+Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und
+sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis,
+an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu
+überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in
+Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und
+nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante
+den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen
+eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen
+Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu
+begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen
+geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen,
+die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo
+waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen.
+Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen
+reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls
+beritten und drei Burschen zu Fuß für die
+Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt,
+so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer.
+Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten,
+die er in seinen Büchern gelesen,
+nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das
+ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich
+also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln
+fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem
+Schilde die Brust und lagerte sich dann in der
+Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die
+irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß
+sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als
+sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören
+konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach
+mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten,
+wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt
+keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la
+Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von
+Toboso.
+
+Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu
+hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die
+sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten
+merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides
+angehörte. Sie wollten aber gern erfahren,
+warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert
+werde und einer von ihnen, der gern spottete
+und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle
+kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht,
+zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet,
+so wollen wir freiwillig und ohne allen
+Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns
+fordert.«
+
+»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don
+Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte
+Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß
+Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet,
+beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt
+der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen
+nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach
+den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen,
+wie es Sitte und übler Gebrauch unter
+Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich
+Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache
+vertraue, die auf meiner Seite ist.«
+
+»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich
+flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches
+wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren
+mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie
+hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil
+aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten
+Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber
+Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis
+dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so
+groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem
+Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel,
+und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen,
+und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß
+wir alle schon für sie sind, und wenn man auch
+auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief
+sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein
+triefe, so wollen wir demungeachtet, um
+Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen,
+was Ihr nur verlangen werdet.«
+
+»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don
+Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag'
+ich dir, was du behauptest, außer Ambra und
+Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig,
+sondern sie ist gerader als eine Spindel von
+Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung
+bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit
+meiner Dame ausgestoßen habt.«
+
+Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen
+den, der gesprochen hatte ein und rannte mit
+solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn
+es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante
+mitten im Wege gestolpert und gefallen
+wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel
+ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte
+seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein.
+Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte
+es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die
+Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung.
+Indem er sich bestrebte aufzustehen und es
+doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel,
+elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht
+durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines
+Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen,
+der nicht sonderlich aufgeräumt war, den
+armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte,
+konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort
+auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm
+hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere
+Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm
+Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß
+er ihn unter der Last und dem Drucke seiner
+Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen
+ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte,
+aber der Junge war einmal erbittert und wollte
+das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen
+rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen
+Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem
+elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters
+von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht
+das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde,
+und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.
+
+Der Junge wurde müde und die Kaufleute
+setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von
+dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich
+allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben,
+aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund
+und wacker war, wie konnte er es jetzt, so
+zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber
+pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für
+ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich
+sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd
+schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben,
+denn er war am ganzen Körper zerschlagen.
+
+
+
+
+ ~Fünftes Kapitel~
+
+ Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters
+ zu erzählen
+
+
+Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so
+verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel,
+nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern
+zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom
+Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von
+Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im
+Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder,
+die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben
+sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als
+die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand
+schien ihm auf seine Lage am meisten passend
+zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke
+eines großen Schmerzes auf der Erde herum und
+sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete
+Ritter im Walde sagt:
+
+Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein,
+Daß dich mein Leid nicht schmerzt?
+Du magst wohl ohne Kunde sein,
+O'r hast die Treu verscherzt.
+
+So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:
+
+O du Marchese von Mantua fein,
+Mein Ohm, verwandtes Herz!
+
+Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer
+aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging,
+der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte.
+Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah,
+ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei
+und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt
+anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser
+der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete
+also nichts weiteres, als daß er in der
+Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die
+Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug,
+ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer
+stand verwundert da als er dergleichen Unsinn
+hörte; er machte das Visier los, das von den
+Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte
+ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte
+ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und
+rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name
+als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden
+Edelmanne noch nicht in einen irrenden
+Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden
+denn so zugerichtet?« -- Jener aber fuhr immer
+fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.
+
+Da dies der gute Mann sah, machte er ihm,
+so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um
+nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand
+weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich,
+ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe
+brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für
+die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen
+suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen
+und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel
+faßte, seinen Esel aber an einem Stricke
+führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat,
+sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don
+Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don
+Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum
+auf dem Lasttiere halten konnte und dann und
+wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß
+der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn
+zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan
+ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich
+auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den
+Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez,
+den der Kommandant von Antequera,
+Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach
+seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von
+neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh
+tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten,
+die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo
+de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte
+in der Diana des Georg de Montemayor
+gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte
+sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels
+werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören
+zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein
+Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem
+Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden,
+den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte
+erregte. Am Schluß derselben sagte dieser:
+»Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo
+de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa
+zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt
+wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will
+die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn,
+sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete
+hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich,
+bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de
+Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua,
+sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid
+Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern
+der ehrenfeste Herr Quixada.« -- »Ich weiß, wer
+ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch,
+daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern
+auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch
+dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die
+sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan
+haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«
+
+Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen
+sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer
+wartete, bis es finster würde, damit man nicht
+den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter
+sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte,
+zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes
+Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der
+Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes
+gute Freunde waren, befanden sich dort und
+die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme:
+»Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat
+Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn
+Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen,
+nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht
+die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn
+ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren
+werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten
+Ritterbücher, die er immer las, den Verstand
+verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß
+ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich
+sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und
+ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen.
+Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen
+Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf
+in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«
+
+Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch
+hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der
+Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal
+in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei
+Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf,
+den Degen nahm und auf die Mauer losschlug,
+wenn er dann ermüdet war, sagte er, er
+habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht,
+der Schweiß, den er von der Anstrengung
+vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden,
+die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank
+er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus
+und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß
+das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der
+weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund
+gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die
+Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines
+Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher
+dazu getan hätten, ehe er das geworden ist,
+was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen
+Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl
+als die Ketzer verdienen.«
+
+»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und
+wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn,
+ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt
+haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie
+zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem
+guten Freunde ergangen sein muß.«
+
+Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote
+mit an und der Bauer begriff daraus völlig die
+Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter
+Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen
+und dem Herrn Marques von Mantua, der
+schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn
+Mohren Abindarraez, den der Kommandant von
+Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen
+führt.«
+
+Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und
+wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren
+Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von
+seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte,
+wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt
+alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines
+Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett
+und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda,
+daß sie meine Wunden heile und untersuche.«
+
+»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin,
+»mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem
+Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit
+Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen,
+ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und
+noch hundertmal und noch tausendmal verflucht
+mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so
+zugerichtet haben.«
+
+Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine
+Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden,
+sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit
+seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan,
+in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten
+und wildesten, die man wohl auf einem
+großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!«
+sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz?
+Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr
+alle verbrannt sein.«
+
+Sie taten tausend Fragen an Don Quijote,
+aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man
+möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen,
+welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und
+der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher,
+auf welche Art er Don Quijote gefunden
+habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die
+jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen
+habe, welches den Lizentiaten in seinem
+Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich
+seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief,
+mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes
+begab.
+
+
+
+
+ ~Sechstes Kapitel~
+
+ Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und
+ Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen
+ hielten
+
+
+Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer
+sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer
+geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher
+befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen
+hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen
+mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden
+waren und außerdem noch mehrere in
+kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte,
+ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich
+mit einer Schale Weihwasser und einer Rute
+zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat,
+besprengt die Stube, damit nicht einer von
+den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken,
+uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe
+tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«
+
+Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin
+und befahl dem Barbier, daß er ihm ein
+Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn,
+weil sich vielleicht einige finden möchten, die
+die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die
+Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden,
+denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am
+besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen,
+sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer
+dran zu legen, oder man könnte sie auch in den
+Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten,
+weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich
+fiele.«
+
+Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile
+hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen,
+aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern
+er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.
+
+Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte,
+waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der
+Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu
+liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war
+dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das
+in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen
+ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken
+haben, darum muß man es auch als den Stifter
+einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne
+Gnade zum Feuer verdammen!«
+
+»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn
+man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste
+von allen in dieser Gattung sei und darum könnte
+man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«
+
+»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus
+diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt.
+Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«
+
+»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten
+des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis
+von Gallia.«
+
+»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das
+Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes
+setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn,
+macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den
+Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«
+
+Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden
+und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter,
+wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer
+Geduld erwartete.
+
+»Weiter!« sagte der Pfarrer. -- »Der nun
+kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von
+Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich
+glaube, von der Familie des Amadis.«
+
+»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte
+der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra
+verbrennen zu können und den Schäfer
+Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten
+und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd'
+ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben,
+wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters
+ertappen ließe.«
+
+»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier.
+-- »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. -- »Wenn es
+so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in
+den Hof hinunter!« -- Da es so viele waren und
+ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie
+alle aus dem Fenster in den Hof hinab.
+
+»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der
+Pfarrer fort. -- »Dieser«, antwortete der Barbier,
+»ist Don Olivante de Laura.« -- »Der Verfasser
+dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe,
+der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt
+sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von
+beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich
+richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist
+aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und
+Albernheit in den Hof wandern soll.«
+
+»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der
+Florismarte von Hircania.« -- »Ist der Herr Florismarte
+da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich
+eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren
+Geburt und seinen schimärischen Abenteuern,
+zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener
+Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den
+andern, Frau Haushälterin.«
+
+»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie,
+und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. --
+»Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. --
+»Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und
+ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente,
+also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.«
+-- Es geschah sogleich.
+
+Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden
+den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen
+Namens, den dieses Buch führte, könnte man
+ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man
+sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der
+Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.
+
+Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte:
+»Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« -- »Ich
+kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer;
+»da findet sich der Herr Reinald von Montalban
+mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer
+Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs
+und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin;
+eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige
+Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung
+des berühmten Mateo Boyardo, aus dem
+auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein
+Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und
+er redet nicht seine Landessprache, so werde ich
+nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet
+er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm
+alle Hochschätzung.« -- »Ich habe ihn italienisch,«
+sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« --
+»Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,«
+antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern
+dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu
+übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er
+hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit
+nicht ausgedrückt und eben das wird allen
+begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen
+wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit,
+die sie anwenden und besitzen, wird der
+Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen
+können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle,
+die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden
+sollten, in einen trockenen Brunnen legen
+müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen
+anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del
+Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt,
+ausnehme, wenn mir diese in die Hände
+fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben,
+die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem
+Feuer überliefern soll.«
+
+Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles
+gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der
+Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer
+Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze
+Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein
+anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de
+Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das
+Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat
+erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich
+verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut
+werden, aber die Palme von England bewahre man
+gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in
+einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter
+der Beute des Darius fand, die er brauchte, um
+die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren.
+Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen
+merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist,
+zweitens, weil es von einem geistreichen Könige
+von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer
+im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich
+ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar,
+zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande
+das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten.
+Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas,
+wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und
+der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein,
+alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen
+sollen.«
+
+»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn
+hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«
+
+»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre
+dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber
+vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen,
+dann müsse man alles wegstreichen, was
+sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen
+noch größeren Narrheiten, dann möchte man
+ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen
+und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade
+gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach
+Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.«
+-- »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne
+sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen,
+befahl er der Haushälterin, alle die großen
+zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen.
+Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam
+begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie
+alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes
+und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm
+also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster
+hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt,
+fiel eins davon dem Barbier auf die Füße
+nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen,
+der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter
+Tirante dem Weisen.
+
+»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter
+Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen
+haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere
+Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube
+von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don
+Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder
+Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn,
+imgleichen der Zweikampf, den der tapfere
+Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten
+der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln
+und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine
+Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito
+verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in
+Ansehung des Stils dies das beste Buch von der
+Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und
+sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor
+ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle
+übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen.
+Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne
+so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt
+zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf
+die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause
+und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die
+Wahrheit gesagt habe.«
+
+»Ich will es tun,« antwortete der Barbier,
+»aber was machen wir mit den übrigen kleinen
+Büchern?«
+
+»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher,
+sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf,
+welches die Diana des Georg de Montemayor war
+und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke
+hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt
+zu werden, denn sie stiften und werden niemals
+solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet
+haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie
+dem Leser Nachteil bringen.«
+
+»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet
+doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen
+lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim
+von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er
+diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein
+Schäfer zu werden und singend und musizierend
+durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird
+wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste
+und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«
+
+»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer,
+»wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen
+Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir
+wollen also mit der Diana des Montemayor den
+Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt
+werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden,
+was von der weisen Felicia und dem bezauberten
+Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen
+Verse und dem Werke in Gottes Namen die
+Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das
+erste zu sein.«
+
+»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die
+Diana, die man die zweite vom Salamantiner
+nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben
+Titel, vom Gil Polo verfaßt.«
+
+»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer,
+»mag jene zum Hofe verdammten begleiten und
+ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen
+wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. --
+Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn
+es wird schon spät.«
+
+»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein
+anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher
+vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso,
+einem sardinischen Poeten.«
+
+»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer,
+»seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und
+Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles
+Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste,
+ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung
+jemals an das Licht der Welt getreten sind, und
+wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß
+er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat.
+Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir
+mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid
+von dem groben florentinischen Tuche geschenkt
+hätte.«
+
+Er legte es mit der größten Freude beiseite und
+der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt
+der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares
+und die Entwirrung der Eifersucht.«
+
+»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,«
+sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen
+Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne
+mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals
+fertig würden.«
+
+»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«
+
+»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer,
+»sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn
+wie ein kostbares Kleinod.«
+
+»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier,
+»heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«
+
+»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer,
+»so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von
+manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden,
+die sich unter seinen Schönheiten befinden;
+hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den
+ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und
+heroischen Gedichte sehr hochschätze.«
+
+»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte
+des Lopez Maldonado.«
+
+»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete
+der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem
+Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört,
+denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein
+Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist
+er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals
+zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten.
+Was steht denn aber daneben?«
+
+»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete
+der Barbier.
+
+»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein
+guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im
+Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist
+manches gut erfunden, manches wird vorbereitet
+und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen
+zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient
+er sich durch diesen die Gnade für das Ganze,
+die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin,
+Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«
+
+»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und
+nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana
+des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des
+Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate
+des Cristoval de Virues, des Valenzischen
+Poeten.«
+
+»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind
+die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer
+Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den
+berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die
+köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien
+besitzt.«
+
+Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen,
+er endigte also damit, daß er befahl, alle
+übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt
+schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte:
+die Tränen der Angelica.
+
+»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der
+Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses
+Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der
+Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht
+allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der
+auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich
+übersetzt hat.«
+
+
+
+
+ ~Siebentes Kapitel~
+
+ Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don
+ Quijote von la Mancha
+
+
+In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit
+lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr
+tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die
+Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die
+Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!«
+Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und
+brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher
+ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea
+und der Löwe von Spanien mit allen Taten des
+Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen
+und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl
+hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht
+kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom
+Pfarrer angetroffen wären.
+
+Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon
+aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte
+und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so
+wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte.
+Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt
+auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt
+war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte:
+»Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande
+ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt
+werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den
+Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen
+Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage
+gewonnen haben.« -- »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,«
+antwortete der Pfarrer, »Gott wird es
+fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß
+das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen
+wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart
+Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet
+sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.«
+-- »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber
+gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der
+Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem
+Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus
+Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger
+Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will
+nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir
+nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe,
+trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen
+soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise,
+denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will
+ich schon auf Rache denken.«
+
+Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen
+ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem
+alle seine Torheit bewunderten. In dieser
+Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die
+sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl
+manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen
+Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal
+und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen
+nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort,
+daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen
+müssen.
+
+Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier
+gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war,
+das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen,
+damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände,
+weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung
+aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß
+ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt
+habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit
+ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch
+Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen
+Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da
+fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend
+von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die
+Tür gewesen war und tastete mit den Händen und
+blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges
+Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume
+Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin,
+wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die
+Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet
+war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht
+Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im
+Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr,
+denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«
+
+»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern
+ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben
+Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist
+waren; er stieg von einer Schlange ab, auf
+der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer,
+und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht,
+aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum
+Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und
+als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte,
+fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur
+das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin,
+daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen
+wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher
+Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und
+des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man
+nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte
+sich den weisen Munnaton.«
+
+»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don
+Quijote.
+
+»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin,
+»ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name
+endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don
+Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer
+Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine
+Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß
+ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit
+einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und
+ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern
+vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele
+Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm,
+daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen
+kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«
+
+»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte,
+»aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen
+Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer,
+ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt
+herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu
+kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher
+nach Wolle geht und geschoren nach Hause
+kömmt.«
+
+»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten
+Dinge sprichst du da! Bevor mich einer
+scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart
+dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges
+meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm
+nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet.
+Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz
+friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen,
+daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren
+werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige
+Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem
+Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete,
+daß das, was der Welt am meisten vonnöten,
+irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende
+Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach
+ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht,
+denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr,
+konnte er nicht mit ihm fertig werden.
+
+In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem
+Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden
+Manne (wenn man nämlich den so nennen
+kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen
+Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so
+sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß
+der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn
+und als sein Edelknabe zu dienen. Unter
+andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für
+ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn
+es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen,
+in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine
+Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter
+setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen
+verließ Sancho Pansa (so hieß der
+Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe
+seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür,
+Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete
+ein andres, alles aber in eiliger Unordnung
+und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen.
+Er versah sich auch mit einem Schilde,
+den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so
+gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte
+seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde,
+wann er sich auf den Weg machen wolle, damit
+dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor
+allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack
+mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu
+vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen
+wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht
+die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem
+Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er
+überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters
+entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise
+beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger
+kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet,
+ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze,
+ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er
+Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter,
+der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte
+sich auch mit Hemden und andern Dingen,
+dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben
+hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen
+sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und
+Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und
+Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei
+sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten,
+daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt
+zu werden, wenn man sie auch aufsuchen
+sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit
+Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher,
+indem er sich schon in seinen Gedanken als den
+Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen
+hatte.
+
+Don Quijote war bemüht, dieselben Wege
+wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten
+Reise genommen hatte, und diese gingen über das
+Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und
+mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal
+denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die
+Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten
+ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem
+Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu,
+daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen
+der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern
+und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte
+Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund
+Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte
+der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu
+Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen,
+die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß
+durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen
+soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern,
+denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis
+ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst
+und der bösen Tage und der noch bösern Nächte
+überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines
+Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von
+irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie
+groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich
+leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich
+innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre,
+daran hängende in sich begreift, und es mag denn
+zutreffen, daß du in dem einen von diesen als
+König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches,
+denn nach dem, was und wie alles den irrenden
+Rittern begegnet, das man weder je gesehn
+noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht
+fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«
+
+»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn
+ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer
+Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne
+Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder
+Infanten?«
+
+»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don
+Quijote.
+
+»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie
+es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf
+die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins
+davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein,
+Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin,
+Gräfin mag eher gehn, und auch das nur
+mit Gottes Beistand.«
+
+»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »der wird dir geben, was dir
+am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht
+so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der
+Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«
+
+»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,«
+antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen
+Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß,
+was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich
+ist.«
+
+
+
+
+ ~Achtes Kapitel~
+
+ Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote
+ in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den
+ Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der
+ Aufbewahrung würdig
+
+
+Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen,
+die hier auf dem Felde standen, und sowie
+sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben:
+»Das Glück führt unsre Sache besser, als
+wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund
+Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr
+ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu
+halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu
+nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den
+Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist
+ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst,
+diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«
+
+»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.
+
+»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr,
+»mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei
+Meilen lang sind.«
+
+»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho,
+»daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen
+sind, und was Ihr für die Arme haltet,
+sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch
+der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«
+
+»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote,
+»daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert
+bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so
+gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung
+dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche
+Schlacht mit ihnen beginne.«
+
+Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante
+die Sporen, ohne auf die Stimme seines
+Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer
+nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht
+Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er
+war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder
+nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte,
+noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie
+standen, nahe gekommen war, worauf er mit
+lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen
+und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger
+Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich
+erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel
+in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr
+ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme
+aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch
+bezahlen!« Und indem er dies sagte und
+sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea
+empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit
+zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der
+Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante
+im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los
+und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den
+der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze
+in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große
+Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.
+
+Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit
+seines Esels herbei, und als er hinzu kam,
+fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte,
+so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan
+hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte
+ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet,
+was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären,
+die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber
+welche im Kopfe hat!« -- »Gib dich zur Ruhe,
+Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist
+Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen
+einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr,
+da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß
+eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und
+meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese
+Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm
+ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die
+Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich,
+endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten
+nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«
+
+»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho
+Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf
+er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder
+ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie
+sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten,
+den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte
+Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer
+geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über
+den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und
+indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach,
+sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben,
+daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas
+genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang,
+er einen gewaltigen Zweig oder Ast von
+einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage
+solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug,
+daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm,
+von welcher Begebenheit sich auch späterhin
+seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten.
+Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der
+ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke,
+der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem
+ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn
+gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu
+auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge
+von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben
+können.«
+
+»Das gebe Gott!« sagte Sancho, »ich glaube
+auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber
+setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mich dünkt,
+Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein
+Malzeichen von dem Falle.«
+
+»Es ist wahr,« antwortete Don Quijote, »und
+wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es
+nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist,
+über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst
+die Eingeweide hindurch kämen.«
+
+»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen
+sagen,« antwortete Sancho, »aber das weiß Gott,
+daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet,
+falls es euch irgendwo weh tut; von mir kann ich
+versichern, daß ich mich über den allerkleinsten
+Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister
+der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie
+nicht klagen dürfen.«
+
+Don Quijote mußte über die Einfalt seines
+Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich
+beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe,
+denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil
+in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho
+sagte, er bemerke, daß es Zeit sei, zu essen. Sein
+Herr erwiderte, daß er es noch nicht bedürfe, daß
+er aber essen könne so viel er wolle. Mit dieser
+Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so
+bequem ein als er nur konnte; er nahm aus dem
+Schnappsack was er hineingepackt hatte, und so
+folgte er reitend und essend seinem Herrn eine
+große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den
+Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund
+setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga
+hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog
+und die Schlückchen immer schneller wiederholte,
+gedachte er keines Versprechens mehr, das
+ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für
+keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung,
+herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen,
+wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.
+
+Sie mußten endlich die Nacht unter einigen
+Bäumen zubringen, und von dem einen Baume
+brach Don Quijote einen trocknen Zweig ab, der
+ihm zur Lanze dienen sollte, an den er auch das
+Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen
+übrig geblieben war. Don Quijote schlief die ganze
+Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin
+Dulzinea, um es nachzutun, was er in
+seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf
+viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten
+und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen
+unterhielten. Nicht also trieb es Sancho
+Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit
+keinem Habersüppchen angefüllt hatte, die ganze
+Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher
+nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht
+aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die
+ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der
+Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange
+die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten
+es nicht. Als er sich ermuntert hatte,
+schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei
+er ihn viel eingefallner fand als den Abend
+vorher und sich von Herzen darüber betrübte,
+weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege
+seine Auszehrung würden heilen können. Don Quijote
+begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie
+schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten
+hatte.
+
+Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapize
+zu, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang
+entdeckten. »Hier,« rief Don Quijote, als
+er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir
+die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das
+tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm,
+daß, wenn du mich auch in der allergrößten
+Gefahr erblicken solltest, du doch niemalen die Hand
+an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen,
+außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom
+Pöbel oder gemeinem Volke beleidigt würde, in
+einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehn:
+sind es aber Ritter, so ist es dir nach den
+Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt,
+mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen
+bist.«
+
+»Seid versichert, gnädiger Herr,« antwortete
+Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam
+leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich
+nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge;
+aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen
+wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen
+nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze
+erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn
+ihm was zuleide geschieht.«
+
+»Das leugne ich auch gar nicht,« antwortete Don
+Quijote, »nur in dem Umstande, daß du mir nicht
+gegen Ritter beistehn darfst, sollst du deine natürliche
+Hitze bändigen.«
+
+»Ich sage ja auch, daß ich es tun will,« antwortete
+Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so
+genau halten will wie den Sonntag.«
+
+Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege
+zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt,
+die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner
+waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie
+trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine
+Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei
+Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche
+war, wie man nachher erfuhr, eine Biscajische
+Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste,
+der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien
+ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich
+dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don
+Quijote gesehen, als er zu seinem Stallmeister
+sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das
+berühmteste Abenteuer, das jemalen gesehen worden,
+denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen,
+mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer,
+die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin
+fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr
+nach meinem vollen Vermögen zu steuern.«
+
+»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den
+Windmühlen,« sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr,
+das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der
+Kutsche sind wohl andere reisende Leute. Hört, was
+ich sage, und seht was es ist, daß Euch der Teufel
+nicht einen Irrtum macht.«
+
+»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt,« antwortete
+Don Quijote, »daß du wenig von der Natur der
+Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie
+du sogleich gewahr werden sollst.«
+
+Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich
+in die Mitte des Weges, den die Patres kamen,
+und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen
+konnten, sagte er mit lauter Stimme:
+
+»Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt
+die erhabnen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt
+in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid
+gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer
+Übeltaten zu empfangen!«
+
+Die Patres hielten an und verwunderten sich
+sowohl über Don Quijotes Gestalt, als auch über
+seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr
+Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern
+zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre
+Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche
+mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder
+nicht.«
+
+»Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn
+ich kenne euch Lügenbrut,« sprach Don Quijote;
+und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte
+er den Rosinante und griff mit solcher Wut und
+Keckheit den vordersten Mönch mit eingesenkter
+Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende
+vom Maultier geworfen, er ihn übel von seiner
+Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar
+getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward,
+wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine
+Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers
+und fing an, leichter als der Wind, über das Feld
+zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der
+Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel
+ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider
+auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche
+kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen
+auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses
+rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die
+sein Herr Don Quijote gewonnen habe. Die Jungen,
+die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten,
+was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle,
+und Don Quijote weit ab von sich erblickten, der
+mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho,
+schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare
+aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so
+übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der
+Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten,
+stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesicht,
+wieder auf sein Maultier und trabte, so wie
+er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in
+einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag
+dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter
+den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten
+sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze,
+als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre.
+
+Don Quijote befand sich, wie schon gemeldet,
+bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure
+Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit
+ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten,
+denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden
+gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines
+Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den
+Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß
+ich Don Quijote von la Mancha bin, irrender Ritter
+und Abenteurer, Gefangener der unvergleichlichen
+und schönen Donna Dulzinea von Toboso; zum
+Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen,
+begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso
+kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert
+und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung
+getan.«
+
+Alles, was Don Quijote sagte, hörte ein Stallmeister,
+der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein
+Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den
+Wagen nicht wollte fort lassen, wenn er nicht den
+Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so
+machte er sich an Don Quijote, und indem er die
+Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen
+und noch schlechteren biskayischen Sprache:
+»Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott,
+an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich
+so schlachten, als wärst du Biskayer!«
+
+Don Quijote verstand seine Meinung wohl und
+antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein
+Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für
+deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt,
+du dienender Sklave!«
+
+Der Biskayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter?
+Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ!
+Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst
+sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen;
+Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann
+zum Teufel und lügst, sagst du's anders!«
+
+»Du wirst es plötzlich schauen, wie Agrages
+sagt,« antwortete Don Quijote und zugleich warf
+er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert,
+legte den Schild vor und griff den Biskayer mit
+dem Vorsatz an, ihm das Leben zu nehmen. Der
+Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von
+dem Maultier absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes
+war, auf das er sich nicht verlassen
+konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen
+zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche
+nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm
+zum Schilde diente und nun gingen die beiden gegen
+einander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen.
+Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber
+vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen
+schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht
+nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle
+andern tot machen wollte, die ihn stören würden.
+Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah,
+erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas
+beiseite zu fahren und so wollte sie von weitem
+dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.
+
+Zum Anbeginn gab der Biskayer dem Don
+Quijote über der Schulter und über dem Schilde
+einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild
+nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den
+Gürtel gespalten wäre. Don Quijote, der das Gewicht
+dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit
+lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea!
+Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter,
+der Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich
+in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies
+sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem
+Schild schirmen und auf den Biskayer zustürzen,
+tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf
+das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu
+lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen
+sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und
+war willens, es eben wie Don Quijote zu machen.
+Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt,
+wobei er sein Maultier weder auf die eine noch
+die andere Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit
+und auch weil es an dergleichen Possen nicht
+gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.
+
+Also, wie gemeldet, rannte Don Quijote gegen
+den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen
+und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen.
+Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert
+geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle
+Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich
+aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit
+denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame
+in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen
+Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend
+Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus
+einer so großen Gefahr erretten möge. -- -- --
+
+Schade aber ist es, daß gerade bei dieser Stelle
+der Autor abbricht und diesen Zweikampf mit der
+Entschuldigung unausgemacht läßt, daß er nichts
+weiteres von Don Quijotes Taten vorgefunden, als
+was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor
+dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß
+eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit
+soll überliefert sein oder daß die herrlichen
+Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben
+sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in
+einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften,
+die von diesem berühmten Ritter Meldung tun.
+Diesen Gedanken nährte ich und hoffte demnach,
+den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen,
+welches mir auch, unter Begünstigung des Himmels,
+auf folgende Weise gelungen ist, die ich im zweiten
+Teil erzählen will. --
+
+
+
+
+ ~Zweites Buch~
+
+
+
+
+ ~Erstes Kapitel~
+
+ Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den
+ der wackere Biskayer und der tapfere
+ Manchaner hielten
+
+
+Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den
+tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote
+mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend,
+zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn
+sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf
+teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel
+entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren
+Moment stand die treffliche Geschichte still
+und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht
+gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen
+könne.
+
+Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das
+Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte
+sich in Mißvergnügen, wenn ich an die
+Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden
+müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen
+Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien
+mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten
+Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser
+sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen,
+seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran
+es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von
+denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre
+Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen
+oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine
+Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken
+und Kindereien ausmalten, wenn sie auch
+noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern
+Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen,
+daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und
+andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher
+nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so
+brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben,
+sondern ich schob die ganze Schuld auf die
+Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie
+verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte.
+
+Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich
+unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung
+der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von
+Henares befanden, so müsse auch die Historie selber
+neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben
+existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines
+Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser
+Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die
+ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben
+und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen
+Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des
+Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft,
+des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser
+bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung
+irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten,
+den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu
+beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren
+Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen
+über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu
+Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn
+sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen
+Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen
+wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit
+sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen
+hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden,
+wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte,
+daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen
+Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche
+Lobpreisungen verdiene; die Arbeit
+und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß
+dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden
+mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß,
+wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden
+hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren
+würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und
+Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen,
+wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese
+Geschichte auf folgende Weise.
+
+Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo,
+da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und
+Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen
+wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu
+lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der
+Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen
+Neigung, nahm einige Blätter von denen, die
+der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die
+arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben,
+konnte sie aber nicht lesen und sah mich
+also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie
+mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen
+Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl
+welche für unverständlichere und ältere Sprachen
+finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei,
+gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm
+das Buch in die Hand gab; er schlug es in der
+Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing
+er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache,
+und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche
+als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei.
+Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein
+Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich
+gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea
+von Toboso, die so oftmals in dieser Historie
+genannt wird, hatte nach Berichten unter allen
+Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand,
+Schweinefleisch einzupökeln.«
+
+Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war
+ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich
+ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte
+des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken
+bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen,
+er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische
+übersetzte, folgendermaßen: Historia des
+Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide
+Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es
+war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen
+zu verbergen, da ich den Titel des Buches
+hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte
+von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere
+um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt
+hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären,
+wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen
+können.
+
+Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das
+Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die
+ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote
+handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas
+auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte,
+wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit
+fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen
+zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell
+zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern
+und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu
+geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo
+er in ungefähr einem und einem halben Monat
+alles so übersetzte, wie man es hier findet.
+
+Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht
+mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt,
+sie standen in derselben Stellung, wie sie die
+Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser
+mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt;
+zugleich war das Maultier des Biskayers
+so täuschend abgebildet, daß man es auf einen
+Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte.
+Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben,
+Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich
+sein Name war, unter Rosinantes Füßen
+war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don
+Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig
+abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen,
+mit einem so hervorstehenden Rückgrad
+und einem so anständigen Betragen, daß er beim
+Beschauen bewies, wie passend und mit welcher
+Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei.
+Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am
+Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein
+Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und
+wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat
+einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und
+sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den
+Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide
+Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden.
+Ich könnte noch einige andere Abweichungen
+anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine
+tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag,
+sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in
+ein helleres Licht setzt.
+
+Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit
+nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser
+ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich
+sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr
+unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß
+manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies
+scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn
+wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen
+des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte,
+geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber
+hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger
+Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau
+sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz
+noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe
+dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten,
+deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin
+der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen,
+Beispiel und Rat des Gegenwärtigen,
+Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man
+nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen
+Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin
+mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld
+an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem
+Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der
+Übersetzung folgendermaßen an. -- -- --
+
+Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter
+der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer,
+die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu
+dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und
+ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war
+der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend
+ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs
+gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend
+war, dem edlen Mute und allen künftigen
+Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen;
+aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte,
+drehte das Schwert seines Gegners, so daß
+es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter
+keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze
+Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege
+einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des
+Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen
+Gekrach auf die Erde stürzte und eine
+Strecke weit wegflog.
+
+Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut
+genügend zu beschreiben, die das Herz unseres
+Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah!
+Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der
+Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob,
+das Schwert mit beiden Händen faßte und
+damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet
+jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert
+war, trotz diesem herrlichen Schirme der
+Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus
+der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und
+er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen,
+auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den
+Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die
+Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das
+Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht,
+lief übers Feld und warf seinen Herrn mit
+wenigen Kapriolen auf den Boden.
+
+Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies
+alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom
+Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die
+Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle,
+sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen
+solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein
+da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre
+ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind,
+wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin
+mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten,
+herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten,
+ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und
+ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.
+
+Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster
+und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen,
+bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die
+Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß
+dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe
+Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen
+Donna Dulzinea zu präsentieren,
+damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten
+möge.«
+
+Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne
+sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen
+oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen,
+versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen
+werde, was man ihm gebiete. -- »So sei es denn
+im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein
+Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden
+sein kann.«
+
+
+
+
+ ~Zweites Kapitel~
+
+ Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho
+ Pansa, seinem Stallmeister
+
+
+Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den
+die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er
+hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam
+zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet,
+daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen
+lassen möge, über welche er ihn, seinem
+Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne.
+Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war
+und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen
+wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu
+halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf
+er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte
+sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr
+Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der
+Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen
+Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich
+fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz
+einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert
+hat.«
+
+Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend,
+Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche,
+keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer
+sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene
+Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld,
+es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht
+nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr
+eintragen sollen.«
+
+Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die
+Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen
+Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem
+Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der
+Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes
+Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe
+seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß
+er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut
+zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don
+Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an,
+bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf,
+als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut,
+Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn
+da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen
+habt, so ist er imstande, alles der heiligen
+Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben
+die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig
+der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns
+wieder herauslassen.«
+
+»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann
+hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender
+Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er
+auch tausend Homizidien begangen hätte.«
+
+»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete
+Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf
+keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die
+heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich
+auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich
+nichts an.«
+
+»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete
+Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der
+Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten
+wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl
+einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen
+bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den
+Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen
+hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr
+Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit
+zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«
+
+»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß
+ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich
+kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich
+behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als
+Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht
+gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit
+nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt
+habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu
+kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut,
+ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im
+Schnappsack.«
+
+»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn
+ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von
+dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem
+einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin
+ersparen.«
+
+»Was für eine Flasche und was für ein Balsam
+ist das?« fragte Sancho Pansa.
+
+»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von
+welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so
+beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu
+fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu
+besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige
+und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu
+tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten
+durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet),
+die Hälfte des Körpers, die auf den Boden
+gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe
+das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im
+Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und
+gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei
+Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und
+du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein
+Fisch.«
+
+»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich
+mich der Regierung der versprochenen Insel begeben,
+und ich verlange zum Lohn meiner vielen
+und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr
+mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes
+mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze
+wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr
+brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und
+lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen,
+ob es ihn zu machen viel kosten wird.«
+
+»Mit weniger als für drei Realen kannst du
+drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.
+
+»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht
+Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«
+
+»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote,
+»noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch
+größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt
+wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr
+schmerzt mich mehr als ich es sage.«
+
+Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und
+Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm
+verdorben war, wollte er unsinnig werden; er
+legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen
+zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim
+Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien,
+wo sie am umständlichsten geschrieben
+stehen, eben das Leben zu führen, welches der
+große Marquis von Mantua führte, als er schwur,
+den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches
+darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit
+seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen
+Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die
+ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige
+Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf
+erwiesen.«
+
+Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt,
+mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der
+Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich
+hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von
+Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan
+hat, was ihm zukömmt, und also keine andere
+Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen
+begeht.«
+
+»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete
+Don Quijote, »ich vernichte also den Eid,
+insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber
+ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte
+Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem
+Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser
+ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses
+vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich
+das nach, was sich in Ansehung des Helmes
+des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar
+war.«
+
+»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese
+Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit
+zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen!
+Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen
+Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen
+Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen
+wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit
+und Drückendes hat, wie in den Kleidern
+zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren,
+nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem
+Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis
+von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in
+Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr,
+daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten
+Männer reisen, die gar keine Helme tragen,
+ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen
+Helm haben nennen hören.«
+
+»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote,
+»denn nicht zwei Stunden werden wir auf den
+Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen,
+als nach Albraca kamen, um Angelika,
+die schöne, zu entsetzen.«
+
+»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho,
+»und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und
+daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen,
+die mir so köstlich ist; dann will ich
+sterben.«
+
+»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls
+unbekümmert sein darfst, denn wenn uns
+auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die
+Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir
+wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und
+die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf
+dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses
+der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem
+Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen
+wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese
+Nacht herbergen und den Balsam machen können,
+von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir
+zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«
+
+Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig
+Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und
+sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für
+einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind
+schicken.«
+
+»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don
+Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der
+irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate
+nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das,
+was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon
+versichert sein, wenn du so viele Historien wie
+ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge
+habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden,
+daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es
+sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett
+anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen
+Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich
+wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne
+die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten,
+denn sie waren eben solche Menschen wie wir es
+sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die
+meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden,
+und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß
+ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen
+Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben
+anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir
+etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die
+Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus
+ihren Angeln heben willst.«
+
+»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte
+Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder
+lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum
+keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich
+will aber künftig den Schnappsack mit aller Art
+von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr
+ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin,
+will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die
+kernigter und gewichtiger sind.«
+
+»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don
+Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien,
+nichts als die Früchte zu essen, von denen du da
+sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt
+darin und in etlichen Kräutern bestand, die
+sie im Felde fanden und kannten und welche ich
+ebenfalls kenne.«
+
+»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit
+solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir
+vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen,
+wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft
+Nutzen zu ziehen.«
+
+Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte
+und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da
+sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo
+sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten
+sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit.
+Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um
+noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen;
+aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter,
+das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei
+einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden,
+bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war
+sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht
+hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter
+freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte
+durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht
+mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine
+Ritterschaft beweisen könne.
+
+
+
+
+ ~Drittes Kapitel~
+
+ Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten
+ begegnete
+
+
+Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig
+aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich
+tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt
+hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken
+Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel
+kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch
+zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie
+ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu
+führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt,
+daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf
+der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald
+ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die
+beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig
+war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich
+ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden,
+nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten
+Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge
+niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote
+setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher
+herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als
+ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit
+du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft
+mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind,
+die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen,
+damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet
+und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite
+und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt,
+daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch
+dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus
+meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke.
+Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche
+sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie
+alle Dinge gleich macht.«
+
+»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß
+Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was
+Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für
+mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser
+zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die
+Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und
+Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne
+Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten,
+wenn ich nur langsam kauen soll, wenig
+trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen
+muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die
+Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit
+der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger
+Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt,
+da ich ein Diener und Zubehör der irrenden
+Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber
+in was anderes verwandeln, das mir bequemer und
+nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für
+empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in
+Ewigkeit.«
+
+»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der
+Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und
+zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit
+Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen
+von diesem Rotwelsch der Edelknaben und
+irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und
+beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende
+Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.
+
+Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht
+legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln,
+wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war,
+als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn
+war auch nicht müßig, denn es ging häufig
+herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer
+an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden
+preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.
+
+Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll
+Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete
+hierauf seinen Mund zu folgenden Worten:
+»O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem
+unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten,
+nicht weil man damals das Gold, welches
+in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in
+jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann,
+sondern weil unter denen, die damals lebten, die
+beiden Wörter mein und dein unbekannt waren.
+In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein,
+keiner durfte für seinen gewöhnlichen
+Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken,
+um sie von den starken Eichen zu pflücken,
+die einladend und freigebig die süße und gesunde
+Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer
+und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen
+Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum
+Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen
+bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren
+Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur
+Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen
+Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung
+des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her,
+womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen
+ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit
+des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe,
+Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des
+gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen
+Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und
+zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von
+allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was
+zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder
+diente. Damals schweiften die einfältigen und
+schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel
+zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter
+bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die
+Tugend damals und immer zu verhüllen geboten
+hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt
+geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig
+zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne
+Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der
+sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt
+unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen,
+die der sinnende Müßiggang erzeugt.
+Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der
+werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und
+suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um
+köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit
+waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt.
+Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit,
+weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu
+irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen.
+Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter,
+denn keiner richtete damals und keiner wurde
+gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie
+schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich
+selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und
+keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und
+aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber
+in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend
+sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth
+verborgen und verschlossen hielte: denn auch
+dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte,
+listerfüllte Begier hinein und vereitelt
+und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit
+wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der
+anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter
+begründet, um Jungfrauen zu verteidigen,
+Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen
+beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr
+Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme
+und den freundlichen Willkommen danke, welche sie
+mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich
+das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet,
+den irrenden Rittern freundlich zu sein, so
+habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen,
+aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich
+Euch um so mehr.«
+
+Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte
+unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn
+die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter
+erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten
+diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm,
+ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und
+Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still,
+aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten
+Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten,
+an einen Korkbaum gehängt hatten.
+
+Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war
+vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte
+nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen
+könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch
+gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so
+wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen
+machen, daß einer von unseren Kameraden singen
+soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer,
+klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein
+lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant
+auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher
+wünschen kann.«
+
+Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man
+den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch
+der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr
+zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden
+Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon
+zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja.
+Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte,
+sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio,
+den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser
+Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und
+hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen.
+Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt,
+und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir
+als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen
+die Freude und spiele und singe die Romanze,
+die dir dein Oheim gemacht hat und die
+dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« -- »Sehr gern,«
+sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu
+lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen
+Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich
+mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:
+
+~Antonio~.
+
+Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst,
+Wenn du kein einziges Wörtchen sagst --
+Mir nicht einmal ein Blickchen gibst,
+Der Liebe stummredende Sprache.
+
+Ich weiß, daß du ein verständiges Kind,
+Daß du mich liebst, macht's wieder kund,
+Der weiß, wie der andre ihm gesinnt
+Macht ja immer den glücklichsten Bund.
+
+Oft freilich, wollt' es sich weisen
+Olalla, deutlich genug,
+Daß wohl deine Seele von Eisen --
+Von Stein deine milchweiße Brust.
+
+Aber sie alle ja deine Reden,
+Die Worte, womit du mich strafst,
+Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden,
+Die lallten mir Trost zu im Schlaf.
+
+Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen,
+Kam meine Liebe dir immer zurück,
+Sie verminderte niemals dein Keifen,
+Sie vermehrte kein freundlicher Blick.
+
+Wenn Liebe wohl immer ist artig,
+Und artig bist du gewiß,
+So tröst' ich mich, Monate wart' ich
+Und endlich doch liebest du mich.
+
+Wenn Dienste es können bezeugen
+Daß man im Herzen gerührt,
+So will ich nicht alle verschweigen,
+Die ich für dich ausgeführt.
+
+Denn, wenn du geachtet so weit,
+So hast du mich oftmals gesehn
+In meinem schön' Sonntagskleid
+Am Montage selber noch gehn.
+
+Es gehn ja das Putzen und Liebe
+Wohl immer Hand in Hand,
+Und daß ich dir angenehm bliebe
+Drum habe so viel aufgewandt.
+
+Dir zuliebe so laß ich das Tanzen,
+Musizieren und auch Reimerei,
+Da ich sonst immer gesungen
+Schon vom ersten Hahnengeschrei.
+
+Unerwähnt, wie die Lippen dich loben,
+Wie schön und trefflich du bist,
+Daß manch andre deshalben toben
+Wenn alles auch Wahrheit ist.
+
+So wollte Therese von Berrocal
+Als ich dich lobte, mich strafen.
+Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal,
+Er denkt's, ja er liebt einen Affen!
+
+Das machen die Bänder, die bunten,
+Die falschen Haar' auf dem Kopf,
+Ist keine Schönheit dadrunten,
+Sie machen die Liebe zum Tropf.
+
+Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig,
+Da trat ihr Vetter ihr bei,
+Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne,
+Was er tat, was ich tat dabei.
+
+Zum Spaße will ich nicht hofieren,
+Ich diene dir nimmer darum
+Daß ich dich möchte verführen,
+Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm.
+
+Ein Joch hat die heilige Kirche,
+Für mich nur ein Faden von Seiden,
+Gefällt dir's da drinne zu wallen,
+So folg' ich mit zehntausend Freuden.
+
+Tust du's nicht, so schwört es dir heilig
+Dein treuster und herzlichster Diener,
+Aus den Bergen entflieh ich hier eilig,
+Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!
+
+
+Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don
+Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho
+Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr
+daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte
+also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich
+nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen
+wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten
+Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die
+Nacht mit Singen hinzubringen.«
+
+»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche
+beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf
+als durch Musik verlangen.«
+
+»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,«
+antwortete Sancho.
+
+»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote;
+»suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von
+meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei
+alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn
+du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es
+schmerzt mich mehr als billig.«
+
+Sancho tat, was er befahl, da aber einer von
+den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er,
+es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen.
+Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien,
+der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit
+etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er
+versicherte, daß es nun keiner andern Medizin
+brauche, wie es sich auch befand.
+
+
+
+
+ ~Viertes Kapitel~
+
+ Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft
+ erzählte
+
+
+Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen,
+die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu
+und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im
+Dorfe los ist?« -- »Wie sollen wir es wissen?«
+sagte einer von den andern. -- »Nun, so will ich
+euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute
+früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus
+gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus
+Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben,
+der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in
+Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«
+
+»Für die Marcella!« rief der eine aus.
+
+»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt,
+»und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem
+Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem
+Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar
+am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den
+Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle
+zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr
+dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher
+sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht
+zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein
+guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der
+sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie
+müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen
+habe und nichts dürfe fehlen, und darüber
+ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber
+sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen,
+was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine
+Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er
+nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich
+glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich
+wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn
+ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«
+
+»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten,
+»und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben
+und alle Ziegen hüten soll.«
+
+»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr
+braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich
+will für euch alle hierbleiben; und das ist keine
+Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre,
+sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich
+mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht
+laufen kann.«
+
+»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete
+Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der
+Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte:
+»Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines
+reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von
+unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele
+Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in
+sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig
+gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe
+er die Wissenschaft von den Sternen inne und was
+dort am Himmel Sonne und Mond machten, und
+buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von
+Sonne und Mond vorher.«
+
+»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht
+Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert
+werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro,
+ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so
+in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen,
+ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«
+
+»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,«
+rief Don Quijote.
+
+»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das
+ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's
+erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr
+reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten
+alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr
+sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen
+säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute
+Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät
+kein Tropfen.«
+
+»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte
+Don Quijote.
+
+»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete
+Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte
+und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate
+vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen
+war, als er eines Tages mit einem Male
+als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem
+Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug,
+war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer
+sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren
+sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen,
+Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene
+ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen,
+so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen
+Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für
+die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe
+hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß
+sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe
+die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer
+angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten
+es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf
+diese närrische Abänderung verfallen wären. Um
+die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus
+gestorben, und er erbte von ihm einen
+Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke
+und eine ziemliche Menge von großem und
+kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über
+das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er
+verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle,
+mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten
+Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein
+mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er
+seine Tracht verändert hatte, und es war nichts
+anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin
+Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher
+genannt hat und in die sich der arme gestorbene
+Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch
+auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es
+wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht,
+gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures
+Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr
+als Ysop erleben solltet.«
+
+»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es
+nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die
+Namen verstümmelte.
+
+»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro
+aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn
+wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«
+
+»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don
+Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied
+zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen;
+aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn
+Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt
+nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun
+nicht weiter unterbrechen.«
+
+»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der
+Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer,
+der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus
+und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst
+seinem vielen und großen Vermögen auch eine
+Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter
+starb, die wohl das herrlichste Weib war hier
+weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht
+vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne
+und auf der andern der Mond stand, und dabei
+war sie so arbeitsam und gegen die Armen so
+mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt
+jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus
+Gram über den Tod einer solchen braven Frau
+starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge
+und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht
+eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist.
+Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir
+immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein
+schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die
+Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es
+auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn
+Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht
+Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen
+hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie
+bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen
+und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von
+ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß
+deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht
+nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen
+in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen
+der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde,
+daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber,
+der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie
+auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre
+hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung
+tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor
+Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen
+des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe.
+Und wahrlich, das wird zum Lobe des
+braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt.
+Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man
+in kleinen Dörfern über alles spricht und über
+alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es
+für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz
+erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder
+dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends
+auf dem Lande.«
+
+»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote;
+»aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und
+Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«
+
+»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß
+alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist
+die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der
+Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften
+eines jeden auseinandersetzte, der sie zur
+Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und
+daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte.
+Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch
+nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und
+unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies
+schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der
+Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete
+darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich
+dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen
+möchte. Denn er behauptete, und das mit
+Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren
+Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages,
+als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige
+Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an
+ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu
+kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen
+Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre
+Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde
+und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es
+sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte,
+Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus
+anlegten und ihr durch die Felder nachzogen.
+Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war
+unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie
+nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß
+aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer
+so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei
+sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht
+steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn
+erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur
+etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht
+so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr
+dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner
+gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können,
+daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben
+hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen
+aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft
+und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie
+geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis
+irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt,
+und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten
+sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt
+sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und
+mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande
+mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche,
+denn ihre Freundlichkeit und Schönheit
+zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an,
+und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie
+in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts
+weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme
+die Grausame und Undankbare nennen, nebst
+anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für
+ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn
+Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten
+wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge
+und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen,
+die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein
+Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen;
+davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der
+Name Marzella gegraben und geschrieben wäre;
+zum Überfluß haben einige noch eine Krone in
+denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber
+ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß
+Marzella unter allen schönen Mädchen allein die
+Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein
+Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt
+man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle
+Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am
+Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne
+daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre
+Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am
+Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre
+Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen
+in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden
+auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken
+dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und
+über diesen und jenen sowie über jene und diese
+triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle,
+die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet,
+was aus ihrem Übermute werden soll und wer
+der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche
+Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit
+genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt
+habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß
+ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom
+Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch
+auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der
+Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu
+sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der
+Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe
+Meile von hier.«
+
+»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don
+Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen,
+welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen
+Geschichte gemacht habt.«
+
+»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die
+Hälfte von alledem, was den Liebhabern der
+Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber
+morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles
+sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr
+Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die
+freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich
+bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger
+Zufall mehr zu befürchten ist.«
+
+Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen
+Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat
+seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte
+möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte
+den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an
+seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener
+Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es
+sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem
+und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter,
+sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte
+erlitten hatte.
+
+
+
+
+ ~Fünftes Kapitel~
+
+ Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella
+ beschlossen, nebst anderen Begebenheiten
+
+
+Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des
+Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden,
+Don Quijote ermunterten und ihm sagten,
+daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne,
+wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis
+des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der
+es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich
+zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit
+vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den
+Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile
+fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern
+zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad
+kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen
+und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte
+in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme,
+und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu
+Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei
+Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie
+zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer
+fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich
+erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten,
+worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer
+von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter
+sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß
+die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei,
+um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches
+wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den
+Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen
+sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig
+sein muß.«
+
+»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo,
+»und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern
+wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«
+
+Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella
+und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf
+der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen
+Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt
+habe, aus welcher sie in Trauerkleidern
+gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von
+der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella
+erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie
+bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus
+nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz,
+er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von
+Pedro gehört hatte.
+
+Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein
+andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte,
+fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf
+diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land
+zöge.
+
+Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe,
+welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere
+Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und
+Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen,
+aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast
+werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die
+irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger
+mich zu den niedrigsten zähle.«
+
+Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn
+auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu
+sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit
+sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen
+irrenden Rittern?«
+
+»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote,
+»die Annalen und Historien von England gelesen?,
+in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus
+erzählt werden, den wir in unserer Sprache
+gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem
+eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien
+geht, daß er nicht gestorben, sondern
+durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei,
+und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren,
+seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen
+werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener
+Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet
+hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde
+der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde
+gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel,
+die vom Don Lanzarote vom See mit der
+Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin
+und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona
+war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm
+Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:
+
+Niemals ward ein edler Bote
+So bedient von Damen süß,
+Wie der große Lanzarote
+Da er einst Bretagna ließ.
+
+Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von
+seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt.
+Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft
+und erstreckte sich durch viele und verschiedene
+Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt
+und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen
+Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen
+der tapfere Felixmarte von Hircania und
+der niemals genug gepriesene Tirante der Weise,
+und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir
+ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und
+wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese,
+meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn
+beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den
+auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten
+lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben
+suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden
+Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß
+meinen Arm und meine Person der größten
+Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir
+nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen
+zuschicken kann.«
+
+Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends,
+daß es Don Quijote am Verstande fehle, so
+wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit
+er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten
+wie alle diejenigen, die dies an ihm zum
+ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger
+Mann und von fröhlichem Temperament
+war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm
+zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle
+hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch
+mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher:
+»Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner
+Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen,
+die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube,
+daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen
+Stand haben.«
+
+»So strenge mag hingehen,« antwortete unser
+Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen
+die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen
+Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen
+soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns
+ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann,
+der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen,
+die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom
+Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und
+Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten
+es mit der Stärke unseres Armes und mit den
+Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache
+bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den
+fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und
+dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind
+wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch
+den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und
+alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht,
+nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung
+gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen,
+welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr
+Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher
+Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht
+sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken,
+daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm
+sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich
+will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger
+und beschwerlicher, hungriger und durstiger,
+elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich
+zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im
+Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren
+haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich
+durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern
+emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit
+Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen,
+die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise
+beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre
+Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten
+Hoffnungen vereitelt sein.«
+
+»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der
+Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein
+Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich
+mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein
+großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen,
+in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr
+erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht
+dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem
+guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren
+unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame
+so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott
+wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem
+Heidentume.«
+
+»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses
+darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden
+Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen
+übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch
+und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der
+irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat
+unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd
+und liebevoll die Augen auf sie heftet, als
+flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge
+in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt;
+ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine
+Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen
+und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon
+auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt
+werden. Damit aber muß man nicht glauben,
+daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen
+sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen,
+dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe
+des Werkes verrichten.«
+
+»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe
+ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals
+gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von
+einer und der andern Seite der Zorn entbrennt,
+sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes
+zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du
+nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander
+losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen.
+Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß
+der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der
+Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere
+auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich
+nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich
+nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll,
+sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott
+zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die
+Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame
+empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ
+eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies
+glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen
+haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht
+alle sind verliebt.«
+
+»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote.
+»Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden
+Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es
+so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem
+Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß
+es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter
+ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen
+geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter,
+sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die
+Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die
+Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber
+und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«
+
+»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube
+ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß
+Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von
+Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er
+sich empfehlen konnte, und doch ward er darum
+nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus
+mannhafter und berühmter Ritter.«
+
+Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein
+Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer,
+um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser
+Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen
+Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber
+dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte.
+Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß
+er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren
+hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich,
+empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr
+geheimnisvoller Ritter zu sein.«
+
+»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der
+irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so
+kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da
+Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun
+also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin,
+so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte
+ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft
+und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft
+und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie
+muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt,
+daß sie von einem so vorzüglichen Ritter,
+wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«
+
+Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer
+und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr,
+der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt
+erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel
+sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren,
+daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso,
+ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens
+Prinzessin sein, da sie meine Königin und
+Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich,
+denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen
+und erträumten Schönheitsideale, die die
+Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist
+golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre
+Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen,
+ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen,
+Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor
+die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der
+Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem
+menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung
+so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen
+köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«
+
+»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft
+wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.
+
+Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt
+nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen
+Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den
+Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes
+von Katalonien, ebensowenig von den
+Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas,
+Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones,
+Urreas, Foces und Gurreas von Arragon;
+den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans
+von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses
+von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de
+la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten
+Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren
+edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere
+man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung
+geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen
+der Waffen des Orlando schrieb:
+
+Keiner soll sie berühren,
+Der sich nicht unterfängt
+Mit Roldan Streit zu führen.«
+
+»Mein Stamm ist von den Cachopines von
+Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe
+mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von
+la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit
+gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals
+zu Ohren gekommen.«
+
+»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don
+Quijote.
+
+Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der
+beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und
+selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an
+unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes.
+Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte,
+für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf
+gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von
+Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals
+hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin
+etwas gehört, so nahe er auch an Toboso
+lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen,
+als sie zwischen dem Risse von zwei hohen
+Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in
+Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen
+von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs
+von ihnen gingen unter einer Trage, die mit
+mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war.
+Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte
+er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus
+tragen und am Fuße des Felsens, da ist die
+Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«
+
+Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und
+sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die
+Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen
+mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite
+eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte
+sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle,
+die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre,
+auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie
+ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig
+Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines
+schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um
+ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und
+viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle
+Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten,
+beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von
+den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius,
+ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich
+Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles
+buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem
+Testament verordnet hat.«
+
+»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh,
+wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier
+die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er
+mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin
+des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst
+seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er
+von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung,
+wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben
+Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun
+als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der
+ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«
+
+Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und
+die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam,
+edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen
+betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel
+mit seinen reichsten Geschenken geschmückt
+hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus,
+der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten
+im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit,
+ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne
+Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein
+zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die
+den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite
+in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte
+und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt,
+er flehte zu einer Unmenschlichen, seine
+Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den
+tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er
+diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung
+gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine
+Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine
+Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen
+wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen
+leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen,
+die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie
+dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der
+Erde überliefert ist.«
+
+»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und
+grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener
+Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig,
+einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle
+Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals
+gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung
+dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der
+göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl.
+Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam
+Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt
+Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit
+zu übergeben, wenn er es im Unwillen
+so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr
+es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr,
+daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer
+das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe,
+damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur
+Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund
+zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen
+sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und
+unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft
+zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie
+wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden
+befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt
+sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der
+Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe
+und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel
+erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen
+Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem
+sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren
+wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben
+werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen
+wir unsere gerade Straße, um das mit Augen
+zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt
+hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und
+des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich
+wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens
+bitte ich dich dringend darum, diese Papiere
+nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu
+überlassen.«
+
+Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten,
+streckte er die Hand aus und faßte einige,
+die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius
+sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr
+die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt,
+aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht,
+daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.«
+Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere
+enthielten, schlug eins davon auf und sah die
+Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius
+das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte,
+was der Unglückselige geschrieben hat, und damit
+Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset
+dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit
+dem Grabe fertig werden.«
+
+»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da
+die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten
+sie sich um ihn und er las mit lauter
+Stimme folgendes Gedicht ab.
+
+
+
+
+ ~Sechstes Kapitel~
+
+ Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst
+ anderen unverhofften Begebenheiten
+
+
+Gedicht des Chrysostomus
+
+Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden,
+Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme,
+Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,
+
+Zur Hölle selbst will ich die Wege finden,
+Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme,
+Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.
+
+Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen,
+Mein Leiden, deine Taten zu besingen,
+Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden,
+Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden,
+Im armen Busen seufzend widerklingen.
+
+So höre denn, und lausche meinen Tönen,
+Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen,
+So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen,
+Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer,
+Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. --
+
+Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen,
+Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen
+Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen
+
+Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen
+Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen
+Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen:
+
+Gegirr der Witwentauben in den Klausen,
+Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde
+Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne
+Der gattenlosen Eule, Klagetöne
+Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde.
+
+O klingt, und helft mir meine Klagen weinen,
+Daß alle sich zu einem Ton vereinen,
+In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen,
+Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden,
+Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. --
+
+Nie schallten noch so laute Klagen wider
+Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen,
+Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten:
+
+Doch tönten dort so viele Jammerlieder
+Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen,
+In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten:
+
+Einsame, sichre Tale, o ihr weiten
+Einöden, die kein Menschenfuß versehret;
+Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze,
+Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze,
+Die Natter sich im feuchten Schatten nähret:
+
+Du Widerhall in diesen Wüsteneien,
+Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien,
+Von ihrem unerhörten harten Sinne,
+Daß ihn die ganze weite Welt erkundet,
+Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. --
+
+Verachtung tötet, durch des Argwohns herben
+Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren;
+Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen:
+
+Der Liebende muß an der Trennung sterben:
+Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren,
+Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.
+
+Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen;
+Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben,
+Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet
+Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret:
+Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.
+
+Und unter allen Martern läßt das Hoffen
+Mir nach dem Lichte keine Spalte offen:
+Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören;
+Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich
+Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. --
+
+Wer kann zugleich in einem Augenblicke
+Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren!
+Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!
+
+Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke,
+Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren,
+Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?
+
+Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet,
+Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen?
+Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen,
+Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen?
+Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?
+
+Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet:
+Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet;
+Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände.
+Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget
+Verbittert dein Andenken auch mein Ende. --
+
+Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen,
+Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben,
+Und meinen festen Glauben fester fassen.
+
+Ich sehe dich für einen andern glühen,
+Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben,
+Der niemals noch sein altes Reich verlassen:
+
+Ich sage, ja, du magst mich immer hassen,
+So wie dein Körper schön, ist deine Seele,
+Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden,
+Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden,
+Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.
+
+Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben
+Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben
+So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten,
+Das Grab empfange Körper dann und Seele,
+Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. --
+
+O du, die wortelos in dem Verachten
+Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen,
+Daß ich im Blute meines Herzens wüte:
+
+Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten,
+Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen,
+Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete:
+
+Rührt dich mein früher Tod, o so behüte
+Den hellen Himmel deiner süßen Blicke,
+Daß keine Träne ihren Schimmer trübe,
+Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe,
+Ich weise jedes Mitleid nur zurücke.
+
+Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen,
+Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen.
+Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben,
+Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme,
+Daß du so früh geendiget mein Leben. --
+
+So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen,
+Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade,
+O Sisyphus mit deiner Felsenmasse,
+
+Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden
+Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade,
+Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.
+
+Verbunden dann mit den Verdammten lasse
+Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide
+Vereinen sie sich all mit mir im Singen,
+Dem Körper Totenopfer darzubringen,
+Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide.
+
+Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet,
+Und tausend andre Larven aufgetürmet,
+Sie heulen dann die trauervollen Chöre,
+Genug dem Liebenden, im Gram gestorben,
+Denn er verdient nicht größre Totenehre. --
+
+Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte,
+Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte,
+Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke
+Von der, die nur beseligt wird durch Jammer,
+Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --
+
+Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus,
+worauf der, welcher es vorgelesen, sagte,
+daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas
+Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen
+schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht,
+Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen
+den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.
+
+Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten
+Gedanken seines Freundes bekannt waren:
+»Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte,
+müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche
+dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt
+war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt,
+um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche
+Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende
+von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen
+Zweifeln erschüttert werden, so wurde
+auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem
+Argwohn gequält, die er nicht für
+Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der
+Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die
+Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist
+sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei
+ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden
+kann.«
+
+»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem
+er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das
+er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine
+seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn
+wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet
+ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze
+des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde,
+erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die
+Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde.
+Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten
+sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren
+Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen
+die Augen auf sie, wie diejenigen, denen
+der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius
+erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens
+ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher
+Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob
+deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses
+Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit
+das Leben raubte? Oder kömmst du, um
+über deine grausamen Taten zu triumphieren?
+Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines
+angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend
+den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen,
+wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius
+tat? Sage nur schnell, was du willst oder
+welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß,
+wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir
+dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen,
+und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch
+willfahren.«
+
+»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius,
+führt mich her,« antwortete Marzella,
+»sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir
+die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben,
+zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit
+entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind,
+aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel
+Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um
+meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen.
+Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[
+und so, daß ihr, ohne weitere bewegende
+Ursache, mich meiner Schönheit wegen
+liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie
+ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu
+lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott
+mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig
+ist; aber das ist mir unverständlich, wie die,
+weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben,
+der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar
+fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich
+ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt
+es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du
+schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich
+häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche
+Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die
+Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn
+nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen
+das Auge, lassen aber den Willen frei: denn
+machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie
+den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener
+Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu
+finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig
+die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig
+müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man
+mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so
+sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn
+dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr
+meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus
+keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es
+sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der
+Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet
+hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch
+beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies
+erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit
+nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne
+Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen
+hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist,
+daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet
+hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir
+aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn
+die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem
+Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes
+keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen
+fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck
+der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei,
+niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun
+von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele
+schmücken und verschönen kann: warum soll die,
+welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren,
+dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine
+Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und
+List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu
+leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die
+Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die
+hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen
+Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken
+und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der
+Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein
+Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine
+Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen
+nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung
+weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben,
+so daß man sagen kann, er sei an seinem
+Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben.
+Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich
+waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern
+müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem
+Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird,
+mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich
+ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist,
+in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die
+Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume
+meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun
+auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung
+seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln
+wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem
+Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich
+ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine
+Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren
+Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte
+meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er
+verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward:
+wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines
+Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage,
+der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging,
+der rede laut, um den ich klagte, der höhne
+mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich
+grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche,
+ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere.
+Bisher hat es der Himmel über mich noch
+nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der
+Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist
+Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen
+von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich
+bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn
+einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und
+Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem
+Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese
+Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer
+mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie
+vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar
+nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich
+heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge
+mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare,
+Grausame, diese Unerkenntliche wird
+keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft
+wünschen und auf keine Weise keinem folgen.
+Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus
+töteten, warum wird meine Ehre und
+Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in
+Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich
+wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht,
+daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr
+wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre
+nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt
+mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse
+keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich
+nicht um den andern, scherze nicht mit diesem,
+lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft
+sind die Hirtenmädchen dieser Gegend,
+meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine
+Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen
+beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es
+nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen,
+den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer
+ersten Heimat zurückkehrt.«
+
+Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um,
+ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich
+in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie
+alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit
+entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den
+Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen
+Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken,
+ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung
+auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies
+bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier
+trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten
+Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen
+und sagte mit lauter und verständlicher Stimme:
+»Niemand, von was Stand und Würden er auch
+sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen,
+bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu
+erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden
+Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine
+Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie
+fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer
+Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht,
+daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie
+als das Edelste in der Welt schätze und verehre,
+denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die
+mit so edlen Vorsätzen lebt.«
+
+Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder
+des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles,
+was er seinem wackeren Freunde schuldig sei,
+noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle
+gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner
+entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht,
+die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt,
+sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle
+Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem
+großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf
+dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius
+folgende Inschrift wollte eingraben lassen:
+
+Hier liegt ein Opfer der Liebe;
+Ein Schäfer vom Gefilde,
+Der Grausamkeit zu milde,
+Ihn tötete Mißliebe.
+
+Er starb dem mächt'gen Triebe
+Zur undankbaren Schönen,
+Die durch Verschmähen, Verhöhnen
+Ihn tötete mit Liebe.
+
+Über das Grab wurden dann viele Blumen und
+Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius,
+indem sie ihm wegen seines Freundes einen
+Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten
+Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote
+trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden,
+die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen,
+einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem
+sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse
+stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote
+bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche
+Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt
+noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle
+diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern
+gereinigt habe, mit denen sie angefüllt
+sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß
+hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern
+nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen
+ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es
+ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über
+die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus,
+als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser
+war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen
+und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten.
+Es kam aber nicht so, wie er es dachte,
+wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften
+Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen
+wird. --
+
+
+
+
+ ~Drittes Buch~
+
+
+
+
+ ~Erstes Kapitel~
+
+ Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches
+ Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche
+ Yangueser traf
+
+
+Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don
+Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen
+übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus
+gegenwärtig waren, Abschied genommen,
+sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch
+wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren
+hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend
+nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu
+finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches
+Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer
+Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen
+sie hier in der Hitze der Mittagsstunde
+auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don
+Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den
+Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem
+schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den
+Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich
+und ohne Zeremonien miteinander, was sie
+darin antrafen.
+
+Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden,
+denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen
+Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten
+von der Weide von Cordova nicht von dem Wege
+Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der
+Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß
+ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch
+das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln
+Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und
+Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don
+Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr
+willkommen.
+
+In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich
+mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er
+witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine
+sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem
+Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen
+Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen.
+Diesen aber war mehr an der Weide als an
+anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also
+mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den
+Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand.
+Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß
+die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren
+Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn
+mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den
+Boden stürzte.
+
+Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung
+des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst
+herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich
+gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine
+Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes
+Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb
+wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich
+wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die
+er unter unsern Augen erlitten hat.«
+
+»Was Teufel können wir für Rache nehmen?«
+antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann,
+und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur
+anderthalb.«
+
+»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote,
+zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den
+Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat
+Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt
+und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote
+dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter
+drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die
+vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen
+gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren
+Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte
+hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und
+Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon
+mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem
+Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote,
+ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten
+konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante
+nieder, der sich noch nicht hatte aufheben
+können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig
+die Wirkung von Krippenstangen in den Händen
+erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug
+und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die
+Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer
+in schlechtem Zustande und noch schlechterem
+Humore liegen.
+
+Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa,
+der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand,
+mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr
+Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«
+
+»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don
+Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.
+
+»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete
+Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei
+Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten,
+wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht
+ist er für zerschlagene Knochen nicht minder
+als für Wunden nützlich.«
+
+»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße,
+was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber
+ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters,
+Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen,
+wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will
+ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«
+
+»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho
+Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen
+wir weder gehen noch stehen können?«
+
+»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte
+der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die
+Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber
+ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht
+gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen,
+die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich
+glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die
+Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der
+Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt
+würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses
+für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für
+unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du
+nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns
+eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis
+ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs
+wieder tun, sondern greife du sogleich nach
+deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust;
+kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich
+dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen,
+denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen,
+wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern
+Armes erstrecke.«
+
+So eingebildet war der arme Mann auf die
+Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho
+Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht
+so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger
+Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger
+Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn
+ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen
+muß; lasse es sich der gnädige Herr also
+ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht,
+daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde,
+so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter,
+indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit
+verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist,
+oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte,
+erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann
+von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder
+Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung
+auszuschließen.«
+
+Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich
+wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne
+große Beschwer reden zu können, und daß sich der
+Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich
+dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du
+dich befindest. So antworte mir doch darauf, du
+feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns
+bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile
+dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß
+wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer
+der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe?
+Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und
+dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur
+Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest,
+du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch
+so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes
+Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu
+verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten
+Reichen und Provinzen die Gemüter der
+Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich
+auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn
+sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas
+unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern
+und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil
+zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue
+Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen
+und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen
+oder sich dagegen zu beschützen.«
+
+»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete
+Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand
+und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen,
+aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich
+bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre.
+Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt,
+so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es
+freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste
+Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte
+so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt
+ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl
+wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht
+lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein
+Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das
+denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten
+Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so
+bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln
+folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden
+müssen?«
+
+»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen
+Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem
+Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die
+Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse,
+und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß
+meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen
+Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen
+verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn
+augenblicklich sterben.«
+
+Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger
+Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft
+ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten
+oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen
+Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube,
+daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die
+dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach
+seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«
+
+»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote,
+»daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren
+und Unglücksfällen unterworfen ist, und
+durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu
+Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung
+an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen
+hat, deren Geschichte ich umständlich weiß,
+wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte,
+wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß
+durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe
+emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher
+oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal
+gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von
+Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des
+Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit
+erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert
+Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben
+habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe
+festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger
+Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus
+in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse
+Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet
+habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen
+Abgrund an Händen und Füßen gefesselt
+worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier
+nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches
+ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser
+großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund
+zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter
+schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl
+mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf,
+den sie erduldeten, war noch härter, als
+den wir heute haben aushalten müssen; überdies,
+Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden
+nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten
+erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat,
+auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen
+Worten: schlägt ein Schuster einen andern
+mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann
+von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt
+sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz
+erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den
+Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe
+zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft
+wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten
+und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts
+weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger
+von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte
+eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«
+
+»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete
+Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte
+ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten
+sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch
+schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und
+mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß
+mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob
+mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind
+oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von
+den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse
+wie meinen Schultern eingedrückt haben.«
+
+»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa,
+daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht
+verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht
+vertilgt.«
+
+»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück
+geben könnte, als solches, wobei man warten
+muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht.
+Wäre unser Unglück doch lieber von der Art,
+daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten,
+das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß
+alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen
+würden, um uns wieder zurechtzubringen.«
+
+»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner
+Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote,
+»und so will ich ebenfalls tun, damit wir
+nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß
+der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks
+genossen hat.«
+
+»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete
+Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender
+Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß
+der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen
+ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten
+müssen.«
+
+»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine
+Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte
+Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses
+Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann,
+damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem
+ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese
+Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere
+mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus,
+Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes
+des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert
+Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen
+Esel ritt und saß.«
+
+»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da
+erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein
+großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder
+wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«
+
+Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden,
+die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre,
+aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte
+nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt,
+erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege
+mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen
+Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt
+und wir aus diesem einsamen Walde kommen
+mögen.«
+
+»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen
+hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden
+Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und
+Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres,
+daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«
+
+»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann
+sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind;
+und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem
+Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen
+Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch
+aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte,
+und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel
+nannte und auf dem Felsen Armut wohnte,
+ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch,
+denn hierin ist die Erzählung nicht genau,
+weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis
+Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte.
+Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe
+dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante
+zustößt.«
+
+»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und
+mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen
+und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen
+über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er
+Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein
+Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich
+war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit
+zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls,
+bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages,
+ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie
+zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen
+können, gewiß nicht hinter Sancho oder
+seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho
+packte Don Quijote über den Esel, an dessen
+Schweif er den Rosinante band; er selber führte den
+Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den
+Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche
+Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus
+dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer
+kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem
+sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach
+Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho
+bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote
+nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange,
+bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn
+Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel
+hineinzog.
+
+
+
+
+ ~Zweites Kapitel~
+
+ Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete,
+ die er für ein Kastell hielt
+
+
+Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem
+Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle.
+Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er
+von einem Felsen herunter einen Fall getan habe,
+wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen
+wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so
+wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie
+war von Natur mitleidig und es dauerte sie das
+Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich
+über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und
+ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem
+Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen.
+In derselben Schenke diente eine asturianische
+Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf,
+platter Nase, einem schiefen und einem nicht
+ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden
+durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe
+von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht
+ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern
+zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den
+Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte
+wieder die Tochter, und beide besorgten dem
+Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die,
+wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen
+Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren;
+hier wohnte zugleich ein Eseltreiber,
+dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas
+entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln
+und Decken seiner Maultiere bestand, doch das
+Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches
+auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über
+welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf
+diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine
+Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man
+nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß
+sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für
+Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher
+aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden
+man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte
+zählen können, wenn man sich die Mühe hätte
+geben wollen.
+
+In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don
+Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit
+ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten,
+indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die
+Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die
+Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig
+war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von
+Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren
+es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte
+viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen
+Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid
+doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch
+einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie
+werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch
+ziemlich weh tut.«
+
+»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl
+auch einen Fall getan haben?«
+
+»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von
+dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen
+sah, tut mir der ganze Körper so weh, als
+wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«
+
+»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn
+mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme
+herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen
+könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume
+erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre
+ich wirklich heruntergefallen.«
+
+»Da liegt der Hund begraben,« antwortete
+Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern
+wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau
+wurde als mein Herr Don Quijote.«
+
+»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische
+Maritorne.
+
+»Don Quijote von la Mancha,« antwortete
+Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter,
+und der beste und kräftigste, den man wohl seit
+lange in der Welt gesehen hat.«
+
+»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die
+Magd.
+
+»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr
+das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So
+wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder
+Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken
+geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist
+er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur
+auf Erden und morgen hat er zwei oder drei
+Kronen von Königreichen zu verschenken, die er
+seinem Stallmeister geben kann.«
+
+»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so
+gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß
+Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft
+im Besitz habt?«
+
+»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho,
+»denn es ist noch nicht länger als einen Monat,
+daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis
+jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch
+geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und
+ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß,
+wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung
+oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht
+davon einen Schaden zurück behalte, ich meine
+Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien
+vertausche.«
+
+Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr
+aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er
+sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und
+sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch
+glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell
+meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich
+mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil
+Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister
+erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich
+sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen,
+ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange
+ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken
+und hätten die hohen Himmelsmächte es
+doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren
+Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen
+Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne,
+untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener
+schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens
+sein dürften.«
+
+Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und
+die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten
+des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig
+verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen
+hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle
+als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein
+sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht
+gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten
+sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als
+die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten
+sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten
+und gingen dann fort; die asturische Maritorne
+sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit
+ebensosehr bedurfte als sein Herr.
+
+Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden,
+daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen
+wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß,
+sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft
+eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte
+und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es
+war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein
+so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch
+ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn
+sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es
+sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke
+zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes
+Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.
+
+Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige
+Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte
+des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte
+sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine
+schilfene Matte war und eine Decke, die eher das
+Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von
+Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers,
+wie schon gesagt, aus den Sätteln und
+dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet,
+deren er zwölf hatte, die spiegelblank,
+dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer
+der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor
+dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders
+erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen
+wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist,
+daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger
+und in allen Dingen überaus gründlicher
+Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten
+erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten
+Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht.
+Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein
+Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer
+so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß
+sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus
+Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten
+Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal
+sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie
+der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem
+die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt
+werden, denn diese haben gründlich und ausführlich
+geschrieben.
+
+Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein
+Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben
+hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und
+erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon
+war Sancho bepflastert und im Bett, aber der
+Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht,
+einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz
+die Augen weit offen, wie ein Hase. In der
+ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch
+kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in
+der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese
+nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser
+Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern
+seines Unglückes, in den Gedanken hatte,
+bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten,
+auf die nur eine Einbildung verfallen
+kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr
+berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon
+gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein,
+in denen er herbergte), und daß die Tochter des
+Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle
+sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt
+und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen
+ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu
+schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen.
+Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste
+Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen
+und über den gefährlichen Kampf zu sinnen,
+den seine Keuschheit zu bestehen haben würde,
+doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit
+gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen,
+wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra
+mit ihrer Dame Quintannona darbieten
+sollten.
+
+Indem er noch über diesen Gedanken brütete,
+kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde),
+die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie
+schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter
+einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte,
+wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem
+Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum
+zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte,
+sich im Bette, trotz seiner Pflaster und
+den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die
+Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau
+zu empfangen, die leise und schüchtern mit
+den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand
+zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote,
+der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und
+sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang,
+sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald
+das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch
+der feinste und zarteste Zindel schien. Um die
+Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz
+köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die
+Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren
+ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren
+Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem,
+der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch,
+war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem
+Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit
+allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern
+die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden
+hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten
+Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem
+übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der
+arme Mann war auch so verblendet, daß weder
+die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge,
+die die edle Jungfrau an sich hatte und die
+jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt
+hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt
+sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart
+bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser
+Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden
+können, schöne und erhabene Dame, um für eine
+so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den
+Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen
+wollen: aber das Glück, welches nie müde wird,
+die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager
+geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert
+liege, so daß, wenn ich auch gesonnen
+wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir
+unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit
+kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die
+versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen
+Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen
+Beherrscherin meiner innigsten Gedanken.
+Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich
+als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt
+ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches
+Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen
+wollen.«
+
+Maritorne war voller Verdruß und schwitzte,
+sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und
+ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden
+acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich
+von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den
+seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine
+Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten
+war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte,
+aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die
+Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging
+er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen,
+auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren,
+hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht
+war, sich loszumachen und daß Don Quijote
+arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß
+sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ
+einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere
+Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er
+ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit
+noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und
+trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller
+Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach
+war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die
+hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten,
+sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern
+der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte,
+daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie
+ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben.
+In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht
+an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch
+vernommen hatte. Als die Magd ihren
+Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete,
+kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho
+Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte
+und in ein Knäuel drückte.
+
+Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du,
+Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.«
+Indem ward Sancho munter und da er die Last auf
+sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und
+schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei
+er Maritornen nicht selten traf. Als diese den
+Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren
+und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück,
+daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde.
+Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu
+wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich
+nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und
+die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche
+Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom
+Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung
+seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte
+dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat
+der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die
+Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein
+den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun
+im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die
+Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug
+der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die
+Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt,
+und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander,
+daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem
+kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des
+Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so
+unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm
+hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.
+
+Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke
+ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen
+alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das
+ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete
+er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat
+im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im
+Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der
+heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf,
+war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem
+zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und
+ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand
+seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!«
+Da er aber sah, daß der, den er festhielt,
+nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für
+tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder;
+in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme:
+»Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt,
+denn hier ist ein Mensch umgebracht!«
+
+Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ
+den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als
+er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach
+seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln,
+die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur
+die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho
+konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie
+lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don
+Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher
+zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte
+die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein
+Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach
+dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit
+und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.
+
+
+
+
+ ~Drittes Kapitel~
+
+ Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten,
+ die den braven Don Quijote und seinen wackern
+ Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem
+ Unglück für ein Kastell ansah
+
+
+Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner
+Betäubung erholt und mit demselben Ton der
+Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen
+Stallmeister angerufen hatte, als er von den
+Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er
+auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du?
+Schläfst du, Freund Sancho?«
+
+»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete
+Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es
+ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich
+alle Teufel über mich hergemacht hätten.«
+
+»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete
+Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle
+Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein
+verzaubertes ist, denn du mußt erfahren -- -- --
+Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen
+werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode
+aufbewahren willst.«
+
+»Ich schwöre,« antwortete Sancho.
+
+»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort,
+»weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand
+zu kränken.«
+
+»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete
+Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden
+tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es
+morgen schon entdecken dürfte.«
+
+»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem
+Leben eine so nahe Grenze steckt?«
+
+»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern
+es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben,
+und es ist immer mein Wunsch, daß sie
+von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«
+
+»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß
+ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du
+mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines
+der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich
+wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit
+wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die
+Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die
+zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen
+Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von
+den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen
+Verstande? Was von anderen verborgenen
+Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen
+vergraben lasse, um die Treue nicht zu
+brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von
+Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen,
+daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches
+das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder
+vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil,
+wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es
+geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten
+Gesprächen begriffen war, ohne daß ich
+sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine
+Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen
+angehörte und mir einen solchen Schlag auf den
+Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf
+ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich
+weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber
+der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die
+Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst.
+Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz
+dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten
+Mohren bewacht und mir nicht zugedacht
+ist.«
+
+»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn
+über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt,
+daß das mit den Krippenstangen
+nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt
+mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches
+Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen
+haben, was man uns gereicht hat? Euer
+Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt
+doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in
+den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten
+Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt
+habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück
+auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender
+Ritter und denke es auch niemals zu sein, und
+doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«
+
+»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don
+Quijote.
+
+»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?«
+rief Sancho.
+
+»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete
+Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen
+Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen
+ganz gesund machen soll.«
+
+Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet
+und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen
+Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho
+hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um
+den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich
+widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn:
+»Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte
+Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen
+will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«
+
+»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete
+Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich
+vor niemand blicken.«
+
+»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich
+fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern
+bezeugen.«
+
+»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte
+Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein
+hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten
+Mohren zu halten.«
+
+Der Häscher kam näher, und da er die beiden in
+einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll
+Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch
+mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen
+er war, nicht regen oder bewegen konnte.
+Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie
+steht's, mein guter Kerl?«
+
+»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte
+Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle
+wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden
+Rittern, Ihr Lümmel?«
+
+Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden
+Menschen so schlecht behandeln sah, verlor
+die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an
+Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem
+Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich
+wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß,
+gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte
+Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für
+uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«
+
+»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es
+ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu
+tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu
+ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare
+Phantome, so daß wir an ihnen durchaus
+keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch
+schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf,
+wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten
+dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein,
+Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu
+verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt
+gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die
+mir das Gespenst geschlagen hat.«
+
+Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich
+Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete
+dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit
+seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte
+Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut
+und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien,
+Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der
+besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund
+zu machen, der dort im Bette schwer verwundet
+liegt, von den Händen des verzauberten Mohren,
+der in dieser Schenke umgeht.«
+
+Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen
+Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden,
+machte er die Tür der Schenke auf und rief
+den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen
+Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das
+Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück,
+der den Kopf auf den Händen stützte und sich über
+den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein
+anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt
+hatte, denn was er für Blut hielt, war nur
+Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen
+des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun
+sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum
+machte, indem er sie zusammentat und eine gute
+Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die
+gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte
+alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen,
+da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß
+er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu
+tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein
+Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis
+wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave
+Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte
+machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete;
+bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der
+Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber
+war stillschweigend fortgegangen, um seine
+Tiere abzufüttern.
+
+Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er
+gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen
+Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene
+aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen
+können und es war wohl ein Viertel Quart in dem
+Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum
+getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel,
+daß er nichts im Magen behielt, und durch
+diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in
+einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man
+ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es
+und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte
+und sich so stark fühlte und seine Schmerzen
+so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und
+wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des
+Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht
+alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch
+noch so gefährlich, bestehen könne.
+
+Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen
+besser fand, bat um das, was noch im
+Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war.
+Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff
+mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den
+Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel
+als sein Herr hinunter. Der Magen des armen
+Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit
+sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen,
+wobei er schwitzte und sich quälte,
+daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte
+Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig
+wurde und den Balsam und den Totschläger, der
+ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote
+dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß
+dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum
+Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung,
+daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes
+bedienen dürfe.«
+
+»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum
+in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten
+lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und
+der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde
+aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die
+Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit
+dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht
+werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen
+und Martern, daß nicht bloß er, sondern
+alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu
+Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte
+ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie
+sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet
+war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte.
+Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und
+kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer
+aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er
+zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und
+die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes
+bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen
+Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke
+schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben,
+sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte
+das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf
+anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte.
+Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine
+Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die
+ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen,
+die in der Schenke waren, standen umher
+und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die
+Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein
+Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer,
+schwer wie aus dem Innersten seines Leibes
+heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb,
+weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens
+dachten so diejenigen, die ihn am vorigen
+Abend hatten bepflastern sehen.
+
+Als sie nun beide beritten waren, rief er am
+Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit
+feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß
+sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich
+in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine
+Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar
+zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich
+an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr
+erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit
+sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen,
+die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen.
+Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding
+der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt,
+so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft,
+den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und
+Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«
+
+Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt:
+»Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß
+Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn
+ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die
+Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer
+Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu
+und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das
+Abendessen und die Betten.«
+
+»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don
+Quijote.
+
+»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der
+Wirt.
+
+»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte
+Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte,
+es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil
+es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so
+kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr
+die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann
+unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln,
+von denen ich gewiß weiß (denn bisher
+habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß
+sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den
+Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz
+wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet
+zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten,
+denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag
+Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu
+Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und
+Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des
+Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen
+waren.«
+
+»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der
+Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir
+mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem
+Krame gar nichts, sondern ich will das meinige
+haben.«
+
+»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!«
+antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante
+die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke
+hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber,
+ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge,
+entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt,
+der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah,
+wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen,
+der aber die Antwort gab, daß, da sein
+Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch
+nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines
+irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn
+derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in
+den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu
+bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm,
+daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen
+wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte,
+daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr
+zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde,
+wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn
+durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche
+Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen,
+und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich
+niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten
+Vorwurf machen dürfen.
+
+Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho
+fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in
+der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia,
+drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und
+zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges,
+aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes
+Volk, die, wie von einem Geiste zugleich
+angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel
+hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte,
+sie ihn darauflegten und dann die Augen in
+die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die
+Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten,
+zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof
+zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde.
+Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen
+ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie
+man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel
+zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub
+ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines
+Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam
+hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm
+ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte,
+daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister
+sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen
+Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen
+fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu
+finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam,
+die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble
+Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen
+wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut
+und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen,
+daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn
+sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er
+machte also den Versuch, vom Pferde auf die
+Mauer zu steigen, aber er war so schwach und
+steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen
+konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die
+Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und
+Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich
+niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im
+Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch
+ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er
+bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte;
+alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie
+aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also
+seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten
+ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige
+Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich,
+ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen,
+das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit
+es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und
+führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen
+seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho,
+trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es
+bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam
+(wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit
+zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund
+und frisch!«
+
+Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die
+Schulter an und sagte unter andern härteren
+Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen,
+daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt
+wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien
+soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind?
+Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt
+mich!« -- Und indem er diese Worte noch sprach,
+fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim
+ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte
+er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne,
+ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem
+Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte,
+denn man kann mit Recht von ihr sagen,
+daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren
+und Schatten vom Christentum behalten hatte.
+
+Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen
+Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke
+aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden,
+daß er noch nichts bezahlt und seinen
+Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten
+seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern
+geschehen war. Der Wirt behielt freilich als
+Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück,
+aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt.
+Der Wirt wollte, als er hinaus war, das
+Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht
+zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote,
+wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der
+Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei
+Dreier achteten.
+
+
+
+
+ ~Viertes Kapitel~
+
+ Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa
+ mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen
+ Abenteuern, die der Erzählung würdig sind
+
+
+Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem
+Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten
+konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt
+bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß
+jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß,
+denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk
+mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster
+und Wesen aus einer andern Welt! Was
+mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb
+der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie
+zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer
+zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben,
+weil sie mich gleichfalls bezaubert
+hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre,
+hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben
+können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß
+diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes
+gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze
+der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie
+ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß
+ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert
+ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines
+Lebens und seiner Person oder im dringendsten
+Falle der Not tut.«
+
+»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter
+oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im
+Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß
+die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster
+oder verzauberte Menschen waren, wie
+Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch
+und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle
+als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen
+nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der
+andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque
+der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr
+auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht
+auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde
+heruntersteigen konntet, sondern was ich davon
+halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern
+herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute
+Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht
+wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das
+Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande,
+jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem
+Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach
+Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.«
+
+»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft!
+Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du
+es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll
+es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so
+sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen,
+läßt sich der Freude irgend etwas anderes
+vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt
+oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich,
+nichts anderes kommt diesem bei.«
+
+»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch
+kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das,
+daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr
+Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen
+Herren rechnen, wir noch keine einzige
+Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer,
+und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre
+und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat
+es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe
+gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und
+obendrein von verzauberten Personen, an denen
+ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen,
+über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie
+Ihr es nennt.«
+
+»Dieses ist es, was mich verdrießt und was
+dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete
+Don Quijote; »aber ich will von nun an streben,
+mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben,
+daß derjenige, der es führt, keiner Art
+von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück
+kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände
+spielen, als er sich den Ritter des brennenden
+Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der
+trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen
+kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es
+so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung,
+so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte
+ihm Widerstand leisten.«
+
+»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß,
+wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden
+ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder
+wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was
+taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual
+daran erlebt.«
+
+»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir
+meinen.«
+
+Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit
+seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit
+einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte,
+die ihm auf seinem Wege entgegenzog;
+sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho
+und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an
+welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal
+aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an
+dem sich mehr als an irgendeinem andern die
+Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an
+welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den
+Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte
+eingeschrieben werden sollen. Siehst du
+jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt?
+Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen
+und zahlreichen Völkern geworben, uns
+von dort entgegenzieht.«
+
+»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn
+von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer
+Staub auf.«
+
+Don Quijote drehte sich um und sah, daß es
+wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er
+war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die
+hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der
+großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in
+jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit,
+Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und
+Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern
+gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und
+tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken,
+die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen
+und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei
+verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so
+bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte;
+Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es
+Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen
+glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber
+dabei tun? gnädiger Herr!«
+
+»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten
+und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du
+mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von
+dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando
+des großen Kaisers Alifanfaron stehen,
+Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber,
+der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der
+Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten
+Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm
+in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«
+
+»Warum sind sich aber diese Herren so böse?«
+fragte Sancho.
+
+»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don
+Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide,
+dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt,
+die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige
+Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie
+aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er
+nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten
+Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«
+
+»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin
+tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in
+meinen Kräften steht.«
+
+»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don
+Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen,
+braucht man den Ritterschlag nicht erhalten
+zu haben.«
+
+»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho,
+»aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn
+wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn
+so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen,
+ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«
+
+»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du
+mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück
+laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder
+nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind,
+werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten,
+daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen
+ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei
+aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten
+Ritter kenntlich machen, die sich in diesen
+beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser
+sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns
+auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir
+beide Heere genau beobachten können.«
+
+Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen
+Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don
+Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen
+können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben,
+sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten.
+Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles,
+was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun
+mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den
+du in gelber Rüstung siehst und der in seinem
+Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den
+Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere
+Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke.
+Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen
+bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne
+Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog
+von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur
+Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran
+von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien,
+der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und
+als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt,
+von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß,
+als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen
+Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal
+auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe
+jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten
+Timonel von Carcajona, Herrn des neuen
+Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen
+Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb;
+in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im
+hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift,
+nämlich Miau, als den Anfang des Namens
+seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die
+Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien.
+Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren
+Rosses belastet und dessen Rüstung so
+weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von
+französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr
+der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen
+Fersen in die Seiten des bunten und gewandten
+Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der
+ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom
+Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein
+Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück
+wächst nach.« --
+
+So nannte er noch viele Ritter von einer wie
+von der andern Schwadron, die er sich einbildete;
+allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen,
+Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus
+dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er
+fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes
+mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen
+Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind
+die, welche die süßen Gewässer des berühmten
+Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen
+Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und
+reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten,
+die, welche die berühmten und frischen Wasser des
+klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen
+nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden
+Pactolus zu sich leiten, die Numidier
+dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die
+Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther
+und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber,
+deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die
+eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren
+Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen
+Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren
+Namen ich mich aber nicht erinnere. -- In jener
+Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen
+Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer,
+die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen,
+goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen
+Wasser des göttlichen Genil genießen, die
+die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen,
+diejenigen, die sich auf den himmlischen
+Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner
+dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet,
+Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen,
+die sich im Pisuenga baden, berühmt
+wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre
+Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten
+Guadiana weiden, dessen verborgener
+Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der
+beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen
+Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz,
+alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in
+sich faßt und begreift.«
+
+Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er
+noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er
+jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden
+Attribute erteilte, trunken und entzückt
+von dem, was er in seinen lügenhaften
+Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über
+diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen;
+er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und
+her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr
+aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus
+keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol
+mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder
+Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist,
+wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß
+wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den
+Gespenstern vorige Nacht.«
+
+»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote,
+»hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der
+Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«
+
+»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho,
+»als Blöken von Schafen und Hammeln.« -- Und
+dies war es auch, denn die beiden Herden waren
+nun ziemlich nahe gekommen.
+
+»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote,
+»macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch
+hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht
+besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und
+dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als
+sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit,
+so abseitige dich und laß mich allein, denn
+allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu
+verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit
+diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen,
+faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er
+wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter.
+Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein
+gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott,
+Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen
+wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit
+willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja
+kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung,
+weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue
+Felder, noch der Teufel und seine Großmutter.
+Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge
+vor?«
+
+Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern
+rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr
+Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen
+Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel
+streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie
+leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von
+Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach,
+stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein
+und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen,
+als wenn er wirklich mit Todfeinden zu
+kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die
+Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also
+verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit
+nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern
+und begannen seine Ohren mit Steinen wie die
+Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte
+sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er
+sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du,
+stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein
+einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann
+deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen
+kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen
+Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte
+eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die
+Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er
+diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot
+oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes,
+nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und
+fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er
+hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm
+nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und
+traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß
+sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier
+Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei
+Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So
+heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite,
+daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom
+Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei
+und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten;
+sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden
+die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben
+beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas
+anderes abzuwarten.
+
+In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem
+Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß
+sich den Bart aus, indem er die Stunde und den
+Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft
+gemacht hatte. Da er nun sah, daß er
+auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen,
+stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand
+ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er
+noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte
+ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr
+halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet,
+keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«
+
+»So hat sie der Schelm von Weisen, mein
+Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen,
+Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist,
+alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser
+Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den
+Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht
+erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine
+Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht,
+so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit
+du deines Irrtums los werdest und merkest, wie
+ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und
+reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß,
+sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie
+ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel
+mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht,
+wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne
+dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und
+Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und
+Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte
+ich keinen einzigen im Munde behalten.«
+
+Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die
+Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah,
+indem der Balsam schon im Magen Don
+Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an
+ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß
+er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er
+in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen
+Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter
+Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen?
+Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet,
+denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.«
+Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe,
+Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut,
+sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er
+ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger
+Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er
+seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie
+Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem
+Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen,
+sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da
+er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand
+zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm
+sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und
+nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen
+Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der
+versprochenen Insel verlieren sollte.
+
+Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke
+Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer
+noch weh taten, mit der anderen faßte er die
+Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite
+seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön
+war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister,
+der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und
+die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie
+ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken
+ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so
+gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse,
+Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein
+anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer;
+alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise,
+daß sich das Wetter bald aufheitern muß und
+daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen,
+denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück
+immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück
+überstanden, das Glück uns nahe sein muß.
+Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten,
+die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«
+
+»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn
+der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich
+in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute
+mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört
+wohl einem anderen als mir?«
+
+»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don
+Quijote.
+
+»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.
+
+»Auf die Weise haben wir heute nichts zu
+essen,« erwiderte Don Quijote.
+
+»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier
+auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg
+wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt,
+mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche
+irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«
+
+»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre
+mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering
+viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides
+beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor
+Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier,
+Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott,
+der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen,
+da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem
+Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der
+Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen
+der Flut; seine Güte läßt die Sonne über
+Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten
+und Ungerechten.«
+
+»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum
+Prediger als zum irrenden Ritter.«
+
+»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles
+und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote,
+»denn ein irrender Ritter aus den verflossenen
+Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit
+gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem
+Felde halten können, so gut, als wenn er auf der
+Universität Paris den Gradus empfangen hätte:
+woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die
+Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«
+
+»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete
+Sancho, »wir wollen weiter und für die
+Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge
+uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher
+und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte
+Mohren, denn wenn das wieder kömmt,
+so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«
+
+»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote,
+»und nimm du selbst den Weg, welchen du
+willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in
+Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir
+aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie
+viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der
+Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«
+
+Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam
+und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten
+Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«
+
+»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote,
+»alle vollständig und gesund.«
+
+»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete
+Sancho.
+
+»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don
+Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn
+habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen
+lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder
+Flüssen ausgefallen.«
+
+»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho,
+»habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in
+der oberen aber keinen halben und keinen ganzen,
+denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«
+
+»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm
+sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte,
+»ich hätte lieber einen Arm hingegeben,
+nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du
+mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne
+ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn
+ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber
+allem diesen sind die unterworfen, die wir uns
+zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also
+steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich
+will dem Wege folgen, den du aussuchst.«
+
+Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er
+eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen,
+auf dem er sich eben befand. So zogen sie
+langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte
+Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu
+eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung
+und Ergötzung zu verursachen, und unter
+anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was
+man im folgenden Kapitel erzählen wird.
+
+
+
+
+ ~Fünftes Kapitel~
+
+ Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn
+ führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam
+ begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten
+
+
+«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle,
+die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß
+eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen
+den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn
+Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt,
+auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit
+der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen
+Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun
+geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem
+Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag,
+denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«
+
+»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war
+meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls
+vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du
+mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen
+hat. Aber ich will es wieder gut machen,
+denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle
+Dinge Mittel.«
+
+»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?«
+fragte Sancho.
+
+»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen
+hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich
+einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung
+gesichert, es mag nun aber sein oder
+nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu
+denken.«
+
+»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so
+trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso
+wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster
+wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß
+zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch,
+wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«
+
+Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel
+sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen
+Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen
+möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor
+Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war
+ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden
+und um ihr Unglück vollständig zu
+machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der
+Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die
+Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis
+herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg
+fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei
+Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie
+sich auf dem großen Wege befanden.
+
+Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der
+Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise
+lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße
+eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die
+Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak,
+indem er es bemerkte und dem Don Quijote
+war es nicht ganz unheimlich; jener zog den
+Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes
+an und so standen sie beide und schauten aufmerksam
+hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen,
+wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie
+immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen.
+Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie
+Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten
+sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe;
+er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne
+Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und
+furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein
+wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«
+
+»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho,
+»wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht,
+wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen,
+um alles auszuhalten?«
+
+»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don
+Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß
+sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie
+jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil
+ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber
+jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich,
+soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte
+ausholen kann.«
+
+»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und
+kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,«
+sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei
+sein oder nicht?«
+
+»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote,
+»so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu
+fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie
+ich dieses Unternehmen anfassen will.«
+
+»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte
+Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite
+des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen,
+was das doch mit den wandernden Lichtern
+sein möchte und so entdeckten sie nach und nach
+viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren
+fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den
+letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte,
+als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein
+Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte,
+in welchem sie die Gegenstände genauer
+erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl
+zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden
+Fackeln in den Händen, hinter denen eine
+Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere
+Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören
+bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt,
+denn daß es keine Pferde waren, sah
+man an dem langsamen Gange; die in den weißen
+Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher
+Stimme.
+
+Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde
+und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend,
+das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen,
+auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote
+gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho
+schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen
+war: der Gebieter aber ermunterte sich bald,
+der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete,
+wie dieses eines von den Abenteuern aus
+seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken
+die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher
+sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände,
+den zu rächen ihm allein vorbehalten sei:
+er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein,
+setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann
+mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des
+Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei
+mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe
+genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter,
+wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer
+ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer
+derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt,
+denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht
+entweder verübt oder erlitten und es geziemt
+sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch
+für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen
+oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an
+euch verübt.«
+
+»Wir haben Eile«, antwortete einer von den
+Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß
+wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft
+zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein
+Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort
+wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden,
+er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und
+seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich
+verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.«
+Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als
+es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte
+und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf.
+Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen
+sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der,
+schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte,
+die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten
+angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun
+machte er sich an die übrigen, und es war eine
+Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff
+und auf sie einhieb, so daß es schien, als
+wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel
+gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät
+war sein Betragen. Die in den Hemden
+waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen
+also sogleich ohne Widerstand den Kampf
+und flüchteten mit den brennenden Fackeln über
+das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als
+wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen
+Nacht aufführen wollten. So konnten sich
+auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und
+Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht
+zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don
+Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm
+erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle
+hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für
+den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um
+den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre
+mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung
+der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte
+bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer
+und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende
+Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote
+zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem
+Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die
+Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er
+sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen
+solle; worauf der Liegende antwortete:
+»Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann
+mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich
+bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher
+Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr
+würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen,
+denn ich bin ein Lizentiat und habe die
+ersten Orden.«
+
+»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte
+Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«
+
+»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene,
+»sondern mein Unstern.«
+
+»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,«
+sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf
+meine anfängliche Frage genug tut.«
+
+»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten
+genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also
+müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei
+Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und
+Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und
+komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit
+ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir
+wollen nach der Stadt Segovia und führen einen
+Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter,
+der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und
+dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis
+nach Segovia führen, in welcher
+Stadt er geboren ist.«
+
+»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don
+Quijote.
+
+»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers,
+welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus.
+
+»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der
+Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod
+zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte;
+da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat,
+so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und
+die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn
+er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr,
+müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter
+aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen
+Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen,
+um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden
+abzuhelfen.«
+
+»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen
+heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was
+mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil
+ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit
+meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die
+Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht
+darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen
+habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen
+wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir
+ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird
+zu stehen kommen.«
+
+»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote,
+»geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr
+Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so
+durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und
+den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder
+schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse
+Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben
+konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch
+anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn
+ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß
+Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür
+ich Euch ansah und hielt.«
+
+»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen
+hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich
+nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der
+mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch
+unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine
+Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«
+
+»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,«
+antwortete Don Quijote, »warum wartet
+Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?«
+Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen
+möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen
+nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen
+Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn
+trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten.
+Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel
+und stopfte so viel er nur mochte und konnte
+in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier,
+worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem
+Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf,
+ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel
+reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er
+sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte,
+die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung
+bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden,
+sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf:
+»Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer
+der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt,
+so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte
+Don Quijote von la Mancha, der sich mit
+einem anderen Namen nennt der Ritter von der
+traurigen Gestalt.«
+
+Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und
+Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen,
+ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der
+traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch
+sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine
+Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die
+dem armen Manne gehörte und da spielte Euer
+Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die
+ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es
+nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet
+oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne
+fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«
+
+»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote,
+»sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die
+Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen,
+daß es gut sei, wenn ich mir noch einen
+anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter
+der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der
+Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der
+vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser
+der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter
+vom Greifen, noch ein anderer der des Todes,
+und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie
+auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage
+ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner
+Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den
+Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie
+ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke,
+und damit sich ein solcher Namen noch
+besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es
+die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine
+überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«
+
+»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit
+und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern
+was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt
+sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten,
+Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann
+nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift
+werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt
+nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich
+versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu
+spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen
+Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben,
+daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei
+gar wohl entbehren könnt.«
+
+Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit,
+nahm sich aber doch vor, sich bei diesem
+Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem
+Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er
+sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe
+der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die
+Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche
+gelegt, =juxta illud: si quis suadente diabolo etc.=,
+aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern
+nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies
+glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu
+verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es
+einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt,
+sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale
+aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht,
+so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai
+Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen
+Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des
+Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte,
+der wackere Rodrigo de Vivar aber
+darum immer ein geehrter und tapferer Ritter
+blieb.«
+
+Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog
+hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas
+zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen,
+ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen
+bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu,
+sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses
+gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen
+habe, am allerschönsten beendigt. Diese
+Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen
+sind, könnten darauf kommen, daß sie doch
+nur von einem einzigen Manne überwunden wären,
+deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren
+und uns suchen, um uns noch das Nötige
+beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß,
+das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste
+wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig
+zurück und so gehe denn, wie man sagt, der
+Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem
+Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen
+Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen,
+dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe,
+und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren
+nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als
+sie sich in einem geräumigen und abgelegenen
+Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho
+seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert,
+vollbrachten sie nun mit der Würze des
+Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl,
+Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen
+mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die
+Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne
+Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt
+hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit,
+die Sancho für die schlimmste von allen
+hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken
+hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß
+zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho,
+da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem
+frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden
+Kapitel erfahren wird.
+
+
+
+
+ ~Sechstes Kapitel~
+
+ Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer,
+ welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr
+ vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha
+ vollbracht wurde
+
+
+»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn
+diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon,
+als daß hier herum eine Quelle oder ein
+Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß
+macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir
+etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen,
+womit wir diesen schrecklichen Durst löschen
+könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch
+mehr als der Hunger peinigt.«
+
+Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er
+nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm
+seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel
+ihres Nachtessens geladen wurden, und so
+zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis
+der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich
+sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert
+Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause
+eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen
+und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen
+war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um
+zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch
+komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen,
+das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte,
+dem Sancho besonders, der von Natur
+furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich,
+wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit
+einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit
+dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden,
+hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote
+mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt,
+dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen
+Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt,
+still und schauerlich rauschten, so daß die
+Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch
+des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht
+und Grausen erwecken durften, da sie überdies
+sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind
+nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei
+ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in
+der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt
+von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante,
+nahm den Schild, faßte die Lanze und
+sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich
+geboren bin, um vom Himmel herab in dieser
+unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches
+man nur das von Gold oder das goldene zu nennen
+pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen,
+mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind:
+ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die
+Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun
+Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die
+Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus
+und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt
+der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in
+vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem
+gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten
+ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe,
+daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene
+jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher
+Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht,
+die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende
+Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen
+jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen
+und zu brausen scheint von mondhohen,
+steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen
+Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet,
+welche Dinge zusammen, ja jedes für sich
+hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der
+Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem
+Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen
+Begegnissen und Abenteuern. Alles aber,
+was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker
+und Entzünder meines Mutes, so daß mir das
+Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses
+Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den
+furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also
+ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen
+und lebe wohl, erwarte mich hier drei
+Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit
+nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat
+zurückkehren und von dort, um etwas Edles und
+Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und
+der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen,
+daß ihr gefangener Ritter umgekommen
+sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig
+gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«
+
+Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing
+er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger
+Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch
+doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen
+wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier,
+wir können ja schnell umlenken und der Gefahr
+aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen
+nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch
+hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige
+Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer
+in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet,
+habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig
+in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es
+nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so
+ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht
+anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann;
+da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan
+hat, indem er Euch von der Prelle lossprach,
+die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund
+und frei aus dem Treffen mit der großen Schar
+kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und
+bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes
+Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke
+muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht,
+ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur
+mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und
+Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen,
+weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern
+dachte, aber freilich allzuviel zerreißt
+den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in
+die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die
+verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die
+Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür
+lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen,
+den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend
+Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht
+ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr
+denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch
+dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens
+bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner
+Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe,
+muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn
+der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über
+uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der
+Linie linker Hand befindet.«
+
+»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote,
+»diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr
+werden, wovon du sprichst, da die Nacht so
+finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel
+scheint?«
+
+»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho,
+»aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die
+Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn
+am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem
+puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit
+vom Tage sein kann.«
+
+»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don
+Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von
+mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich
+abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht
+schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho,
+ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins
+Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und
+entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für
+meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit
+trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante
+den Sattelgurt festzumachen und dann hier
+zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder
+tot, zurück.«
+
+Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß
+seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine
+Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte
+er die Probe machen, was er durch List ausrichten
+könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse;
+indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog,
+band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem
+Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine
+zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten
+wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd
+nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho
+den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte
+er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen
+und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet,
+daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr
+nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen
+und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur
+böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt,
+gegen den Stachel lecken.«
+
+Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn
+je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger
+wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband
+zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig
+zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen
+werden oder Rosinante berühriger werden möchte,
+weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache,
+nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte
+also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich
+nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden
+sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich
+ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft
+verzögern wird.«
+
+»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete
+Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug
+verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen,
+wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf
+dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise
+schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer
+findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer,
+worauf Ihr wartet, anfassen könnt.«
+
+»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte
+Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen
+Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf
+du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue,
+was du willst, ich werde meinerseits das tun, was
+meiner Würde am besten zusteht.«
+
+»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,«
+antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;«
+zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die
+eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die
+andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er
+den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt,
+ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen:
+solche Furcht flößten ihm die Schläge ein,
+die unaufhörlich abwechselnd erklangen.
+
+Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung
+eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen
+habe, worauf Sancho erwiderte, daß er
+es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel
+dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch
+anstrengen, eine Historie vorzutragen, die,
+wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz
+und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor
+allen anderen die schönste Historie ist; nun aber
+gebt acht, denn ich fange an.
+
+Es war das, was war, das Gute, das uns
+kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem,
+der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr,
+wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise
+anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer
+Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland,
+welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es
+aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh
+auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig
+halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu
+suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg
+einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja,
+diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken
+auf uns lauern.«
+
+»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte
+Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu
+verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«
+
+»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in
+einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von
+Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen
+hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie
+ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und
+dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt,
+die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva
+hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten,
+und dieser reiche Hirte -- --«
+
+»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,«
+sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben
+Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen
+nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger
+Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«
+
+»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho,
+»werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt,
+ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es
+ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue
+Sitten aufbringen soll.«
+
+»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote,
+»da es das Schicksal einmal will, daß ich dir
+zuhören muß, so fahre nur fort.«
+
+»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho
+fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer
+in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes,
+unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges
+an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen
+Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu
+sehen glaube.«
+
+»So hast du sie also gekannt?« fragte Don
+Quijote.
+
+»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho,
+»aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte
+mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn
+ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen
+und schwören könnte, wie ich selber alles mit
+meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so
+Tage gingen und Tage kamen, richtete es der
+Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander
+rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen
+seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen
+verkehrte, und die Ursache davon war, wie die
+bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine
+gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben
+hatte, die wirklich über die Schnur und ins
+Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so
+zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu
+sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um
+hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden.
+Wie nun Torralva merkte, daß sie vom
+Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks
+stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«
+
+»So ist der natürliche Charakter der Weiber,«
+sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die
+sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie
+gehaßt werden. Aber fahre fort.«
+
+»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der
+Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er
+trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf
+den Weg nach den Feldern von Estremadura, um
+von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen.
+Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und
+folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem,
+einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um
+den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen
+Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und
+noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht.
+Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie
+will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt
+nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man
+mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner
+Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und
+dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen
+und auf dem diesseitigen Ufer war kein
+Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine
+Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden
+konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er
+sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen,
+die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen
+und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange
+um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit
+davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß
+in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine
+Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit
+diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert
+Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der
+Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege
+über, er kam zurück und setzte eine andere über,
+er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine
+andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr,
+die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn
+wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert,
+so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher
+nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu
+erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz
+auf der andern Seite voller Schmutz
+und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit
+Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch
+kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und
+nochmal fuhr er über und nochmal.«
+
+»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don
+Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht
+aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn
+sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt
+haben.«
+
+»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?«
+fragte Sancho.
+
+»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don
+Quijote.
+
+»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau
+zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte
+ist nun so völlig aus, daß ich nichts
+weiter erzählen kann.«
+
+»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote,
+»ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich,
+ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt
+sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du
+in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«
+
+»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,«
+antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte,
+wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr
+mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet,
+so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was
+noch übrig war und wahrhaftig, das war von
+nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«
+
+»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun
+die Geschichte aus?«
+
+»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho.
+
+»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast
+da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie
+vorgetragen, was kein anderer Mensch auf
+der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es
+vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört
+und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört
+bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem
+feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber
+hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen
+Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«
+
+»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das
+weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts
+mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende
+ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten
+Ziegen einen Fehler macht.«
+
+»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo
+sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir
+lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er
+gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum
+machte jener Sprünge und blieb auf demselben
+Flecke, so meisterhaft war er festgebunden.
+
+Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des
+Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß
+Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte,
+oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein
+mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug,
+es kam ihm der Wunsch und das Begehren
+an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun
+konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang
+gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen
+Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute:
+der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht
+auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm
+also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb,
+war, daß er seine rechte Hand von dem
+Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit
+dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte
+Schleife löste, die ganz allein und ohne
+irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe
+hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife
+plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen
+blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst
+erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile
+reckte, die nicht unansehnlich zu nennen.
+Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste
+vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst
+und Not zu kommen), zeigte sich eine andere,
+größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht
+ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können,
+somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf
+und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr
+er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen
+zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er
+unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr
+verschieden von jenem, welches ihn in so große
+Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und
+sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?«
+
+»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser,
+»es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle
+wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.«
+Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt,
+sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug,
+daß ohne größeres Geräusch und Aussehen
+als das vergangene, er sich von der Last befreit
+sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber
+der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht
+weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho
+ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast
+in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen,
+so war es nicht anders möglich, als daß einige
+davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum
+hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon
+zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte,
+worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte:
+»Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.«
+
+»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber
+woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als
+sonst?«
+
+»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht
+nach Ambra,« antwortete Don Quijote.
+
+»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich
+bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich
+zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten
+Taten herumzieht.«
+
+»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,«
+sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase
+zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst
+du besser berechnen, wer du seist und was du mir
+schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen
+dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.«
+
+»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden
+denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet
+und ein Ding getan, das nicht sein sollte.«
+
+»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu
+rühren,« antwortete Don Quijote.
+
+Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten
+Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte,
+daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit
+vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die
+Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so
+wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er
+wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine
+bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis
+sei's gesagt, keine andere Courbetten zu
+machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich
+Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein
+gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das
+furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte
+sich auch das helle Morgenrot, wobei man die
+Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don
+Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen
+befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten
+Schatten machen: er hörte aber zugleich,
+wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts,
+was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne
+längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen,
+nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm,
+drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er
+schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in
+dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein
+möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine
+Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen.
+Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und
+die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der
+Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch,
+was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine
+Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament
+gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe,
+in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche
+Besoldung für die Zeit seines Dienstes
+vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig,
+gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück,
+so könnte er gewisser als jemals die versprochene
+Insel erwarten. Sancho fing wieder an
+zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden
+seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich,
+ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns
+zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle
+Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser
+dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn
+guter Eltern oder wenigstens für einen alten
+Christen zu halten; auch war sein Herr durch
+diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß
+er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte
+sich so gut er konnte und richtete sich nun
+nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers
+sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm
+zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel
+führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen
+und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine
+ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren
+Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie
+auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt
+wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom
+herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen
+einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von
+Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie
+bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen
+Schläge ertönte. Rosinante wurde vor
+dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu,
+aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach
+auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen
+seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in
+dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis
+begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich
+Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte.
+Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang
+als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen
+den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm
+so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als
+sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren
+und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und
+entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß
+kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen
+und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große
+Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht
+hatte, und es waren (wenn du es, mein
+Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten
+hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden
+Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.
+
+Als Don Quijote sah, was es war, wurde er
+still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen.
+Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt
+auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung.
+Auch Don Quijote sah den Sancho an
+und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff
+und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten,
+mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen
+möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht
+so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos
+Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho
+sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste
+er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit
+den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor
+Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe
+und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit
+gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote
+dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies
+parodischerweise diese Worte sagte: »Freund
+Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um
+vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit
+das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen.
+Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen,
+mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so
+hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her,
+die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das
+furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote
+sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte
+und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob
+und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige,
+daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den
+Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt
+hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht
+seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho
+merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte
+er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr
+möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch,
+gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«
+
+»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete
+Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger
+Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer
+waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen
+wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um
+es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich
+denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen
+und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von
+Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es
+überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist,
+daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen
+habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein
+gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und
+aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen
+sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach
+dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich,
+und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten
+Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt,
+Euren Spaß aus mir.«
+
+»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger
+Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß
+ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten
+bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden
+leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer,
+das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie
+aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding
+zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche
+Furcht ausgestanden haben? Wenigstens
+habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen
+Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und
+einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«
+
+»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote,
+»daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding
+würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist
+es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig
+genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.«
+-- »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein
+gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck
+zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken
+und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine
+Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite
+wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man
+hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt
+dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem
+Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl
+ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich
+wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar
+Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht
+nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf
+dem festen Lande verschenken.«
+
+»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don
+Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit
+würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst
+du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen
+nicht in der Gewalt des Menschen stehen
+und sei von nun an für die Zukunft in einem
+Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken
+haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich
+führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen
+habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals
+gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem
+Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem
+deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für
+einen großen Fehler, sowohl von deiner als von
+meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung
+gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in
+größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin,
+dem Stallmeister des Amadis von Gallia,
+der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß
+er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das
+Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den
+Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen
+wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don
+Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um
+uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens
+zu verstehen zu geben, sein Name nur
+ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen
+Geschichte genannt wird? Aus alle dem
+Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig
+sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht,
+zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und
+Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun
+an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne
+über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch
+über Euch erzürnen möge, wird es immer übel
+für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und
+Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu
+ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so
+kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen,
+wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«
+
+»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,«
+sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen
+(wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt
+und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen
+muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden
+Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich
+monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei
+den Maurergesellen, verdungen?«
+
+»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote,
+»daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient
+haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich
+dir aber in meinem zurückgelassenen Testament
+etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum
+geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen
+Zeiten die Ritterschaft geraten wird,
+und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge
+wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide;
+denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren
+Stand, als den eines Abenteurers.«
+
+»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein
+das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz
+eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie
+Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber
+Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine
+Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure
+Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem
+Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«
+
+»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben
+auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung
+der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt
+werden.«
+
+
+
+
+ ~Siebentes Kapitel~
+
+ Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung
+ von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die
+ dem unüberwindlichen Ritter zustießen
+
+
+Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho
+schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber
+Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes
+einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er
+durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug
+einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine
+andere Straße als auf welcher sie erst gereist
+waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don
+Quijote einen Menschen, der beritten war und auf
+dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte.
+Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon
+gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung,
+Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches
+nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche,
+die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften,
+geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt:
+Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere
+auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die
+Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden
+ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt
+sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und
+unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur
+meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände,
+denn jetzund kann ich es nicht auf meine
+Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis
+der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls
+ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der
+auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen
+dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«
+
+»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und
+seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht
+wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht
+walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«
+
+»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote,
+»was tun denn Helm und Walken miteinander?«
+
+»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber
+wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so
+würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr
+einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«
+
+»Wie kann ich mich in meiner Behauptung
+irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote,
+»sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der
+uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und
+auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«
+
+»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen
+kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein
+Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner
+ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat,
+das blitzert.«
+
+»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,«
+sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und
+laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich,
+ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit,
+dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm
+verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«
+
+»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte
+Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns
+Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke
+bescheren.«
+
+»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals,
+ja nicht in Gedanken einmal der Walken
+erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe
+-- -- -- ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte
+dir die Seele zusammenwalken.«
+
+Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr
+machte das Gelübde vollführen, welches er ihm so
+kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem
+Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche
+Don Quijote sah, verhielt es sich also. In jener
+Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das
+eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte,
+das andere benachbarte aber war mit einem versorgt
+und daher bediente der Barbier des größeren
+Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker
+gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein
+anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb
+der Barbier eben kam und ein Bartbecken von
+Messing mit sich führte, und da es das Schicksal
+um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut,
+der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben
+lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf,
+welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe
+Meile weit flimmerte. Er ritt in der Tat, wie
+Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel und
+dies zusammen war dem Don Quijote der Apfelschimmel,
+der Ritter und der goldene Helm, denn
+es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er
+sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen
+irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte,
+daß der arme Ritter ihm nahe genug war,
+legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen,
+die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit
+dem Vorsatz, jenen durch und durch zu rennen; als
+er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu,
+ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige
+dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig,
+was mir nach allem Recht zukommt!«
+
+Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb,
+dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein
+besseres Mittel den Lanzenstoß von sich abzuhalten,
+als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte
+aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie
+eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit
+über das Feld rannte, daß ihn der Wind
+selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ
+er auf der Erde liegen, womit sich Don Quijote
+zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig
+genug gewesen, und daß er dem Biber trefflich
+nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die
+Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße,
+weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt
+seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho
+den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm
+und sagte: »Mein Seel! Ein köstliches Bartbecken,
+unter Brüdern ist es seinen Taler wert.« Zugleich
+gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den
+Kopf setzte und es rundherum drehte, um das
+Visier zu finden, wie er es aber nicht antraf,
+sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße
+diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß
+in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben und,
+was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.«
+
+Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen
+hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken,
+aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die
+Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber
+lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote.
+
+»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich
+mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide
+muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte,
+die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht,
+wie ein Ei dem andern.«
+
+»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho?
+Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte
+Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall
+in die Hände eines solchen geraten sein, der
+seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so
+in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das
+feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich
+damit zu bereichern, und somit die andere Hälfte
+zu einem Dinge machte, das, wie du bemerktest,
+einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm
+aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne,
+ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies
+will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied
+befindet, fertig machen, und zwar so, daß ihn jener
+Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt,
+den der Gott der Schmiede für den Gott
+der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will
+ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist
+besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend
+sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.«
+
+»Vielleicht,« sagte Sancho, »wenn die Steine
+nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so
+wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf,
+als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die
+Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite
+Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen
+ließ.«
+
+»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren
+zu haben, denn du weißt, Sancho,« sagte
+Don Quijote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnis
+habe.«
+
+»Auch ich hab's im Gedächtnis,« antwortete
+Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache
+oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte; ich
+denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo
+ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit
+allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals
+verwundet zu werden und auch keinen andern zu
+verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden
+möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen
+Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und
+wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter
+tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten,
+die Augen zudrücken und sich dann in
+Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal
+und das Bettuch meint.«
+
+»Du bist ein schlechter Christ, Sancho,« sagte
+Don Quijote bei diesen Worten, »denn du vergißt
+niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren
+ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist
+es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten
+keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem
+Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen?
+Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen
+Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn
+beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß
+und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen,
+so wär' ich schon längst umgekehrt und
+hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet,
+als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten,
+die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulzinea
+zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte,
+nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu
+haben, den sie nun davongetragen hat.«
+
+Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten
+Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: »So
+mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein
+Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was
+Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der
+Spaß mir niemals aus dem Gedächtnis kommen
+wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern
+eingeprägt hat. Wir wollen aber von was andern
+reden und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was
+machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie
+ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns
+hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt?
+Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine
+machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich
+wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren,
+und bei meinem Barte, der Graue ist
+wacker.«
+
+»Es war niemals meine Gewohnheit,« sagte
+Don Quijote, »die zu berauben, die ich überwinde,
+auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen
+zu nehmen und sie unberitten zu lassen,
+wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im
+Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm
+allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen
+als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrecht
+zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen
+Esel oder wofür du es halten magst, denn so wie
+uns sein Herr in der Entfernung sehen wird,
+kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.«
+
+»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte,«
+sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen,
+der mir nicht so wacker scheint! Wie sind
+doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man
+nicht einmal einen Esel gegen einen andern austauschen
+darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich
+nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen
+dürfte.«
+
+»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher,« sagte
+Don Quijote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser
+unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du
+es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im
+äußersten Grade bedürftig bist.«
+
+»So zum äußersten bedürftig,« antwortete
+Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht
+nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis tauschte er
+die Kleider sogleich um und zierte seinen Esel so
+köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien als
+vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten
+sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem
+Küchenesel übriggeblieben war und tranken von
+dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen
+trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen, so
+heftig war der Haß, den sie wegen ihrer Furcht
+gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren
+Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen
+sie wieder auf und ohne einen bestimmten Weg
+einzuschlagen (weil es irrenden Rittern gut ansteht,
+sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die
+Straße, die Rosinante erwählte; dieser Wahl folgte
+sein Herr und auch der Esel, der immer nachging,
+wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter
+führte. Sie gerieten demungeachtet auf
+die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach,
+ohne sich eine Absicht vorzusetzen.
+
+Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem
+Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht
+die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu
+schwatzen? Denn seit mir das harte Gebot, still zu
+schweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier
+Dinge im Magen verdorben und jetzt habe ich eins
+auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte
+umkommen lassen.«
+
+»So sprich es aus«, sagte Don Quijote, »und
+befleißige dich der Kürze, denn das Weitläufige
+macht nie Vergnügen.«
+
+»Ich sage also, gnädiger Herr,« sprach Sancho,
+»daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen
+darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen
+und Erquickung Abenteuer sucht hier in den
+Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr
+auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und
+weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen
+Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht
+und Eurer Verdienste. Es scheint mir also,
+mit Eurer Erlaubnis, besser, daß wir irgendeinem
+Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen
+sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste
+könnt Ihr dann Eure tapfere Gesinnung, Eure
+gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand
+an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir
+dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung
+geben, jedem nach seinem Werte, dann würden
+auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Andenken
+aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht
+erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken
+des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten,
+daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch
+wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen,
+meine Verrichtungen gewiß auch schwarz
+auf weiß erscheinen würden.«
+
+»Nicht übel sprichst du, Sancho,« antwortete
+Don Quijote; »bevor ich aber zu jenem Ziele gelange,
+ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen,
+gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen,
+damit, wenn ich etwelche beendige, mich
+der Ruhm bekränze. Wenn sich nun ein solcher
+Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt,
+so ist er durch seine Taten schon bekannt,
+so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore
+der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn
+mit Geschrei umgeben und ausrufen: dieses ist der
+Ritter von der Sonne, oder von der Schlange, oder
+von irgendeinem anderen Sinnbilde, unter welchem
+er denkwürdige Taten vollbracht hat. Dieser ist
+es, werden sie sagen, der im einzelnen Zweikampfe
+den Riesen Brocabruno von der gewaltigen Kraft
+überwand, er löste den mächtigen Zauber, in welchem
+der große Mameluk von Persien fast seit
+neun Jahrhunderten schmachtete. Also werden von
+Mund zu Mund seine Taten gepriesen und über
+dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes
+tritt der König des Reiches an die Fenster seines
+herrlichen Palastes: sowie er den Ritter gewahrt,
+erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem
+Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle
+meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden,
+ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die
+sich dorten naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen
+diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich
+bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig
+und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den
+Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach
+Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter
+die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so
+schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie
+gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt
+finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten
+Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter
+wirft; er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint
+dem andern mehr eine Gottheit als ein
+menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder
+wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen
+Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber
+ihre Herzen in großen Sorgen stehn, weil
+sie nicht wissen was sie reden oder wie sie ihre
+Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von
+dorten führen sie ihn wohl in ein anderes Quartier
+des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er
+die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren
+Scharlachmantel bedecken; schien er in der
+Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide
+noch trefflicher. Der Abend kommt und er speist
+mit dem Könige, der Königin und der Infantin,
+wobei er niemals die Augen von ihr wendet und
+sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden
+merken; sie tut das nämliche mit der
+nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt,
+sie ist eine verständige Jungfrau. Sowie die
+Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die
+Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg
+mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei
+Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich
+bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat,
+daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten
+Ritter von der Welt gehalten werden muß.
+Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die
+zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen,
+keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde
+Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein großes
+vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin,
+die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem
+so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das
+Hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder
+Fürst oder was er nur sein mag, in einen gefährlichen
+Krieg mit einem anderen, ebenso mächtigen,
+verwickelt ist; der fremde Ritter bittet ihn hierauf,
+(nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten)
+um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege
+Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König
+und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade
+mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben
+Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin,
+Abschied, die er im Garten hinter einem
+Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt
+auf den Garten: hier hat er sie auch schon oftmals
+gesprochen, denn eine Jungfrau, die das
+völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin
+und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig
+nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr
+in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum
+Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde;
+endlich kommt die Infantin wieder zu sich, durch
+das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem
+Ritter, der sie tausend und tausendmal küßt und
+sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird
+endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück
+oder Unglück mitteilen wollen; es fleht die Prinzessin,
+daß er so schnell als möglich zurückkommen
+möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder
+küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit
+solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das
+Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach,
+wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz
+der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der
+Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der
+Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt,
+nachdem er sich von den beiden beurlaubt,
+daß die gnädige Infantin sich übel befinde und
+keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt,
+wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz
+schlägt ihm und es fehlt wenig, so läßt er seine
+Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die
+Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es
+ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt
+und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge
+sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von
+königlichem Geschlechte abstamme oder nicht. Die
+Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große
+Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne,
+wenn er nicht von Königlichem Geschlechte sei; mit
+diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden,
+um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen
+und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie
+sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er
+streitet im Kriege, er überwindet den Feind des
+Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert
+in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück,
+am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame,
+sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater
+zum Lohne seiner Dienste zum Weibe begehren
+soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht
+weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß
+er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst
+geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin
+und der Vater selbst preist sich deshalb
+glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der
+Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von
+welchem Königreiche ist, denn es mag wohl in der
+Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater
+stirbt, die Infantin erbt den Thron und wie man die
+Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es
+in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen
+zu belohnen, die ihm darin beigestanden
+haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen
+Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich
+derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe
+war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen
+Herzogs.«
+
+»So wünsch' ich's, und das ist der Weg Rechtens,«
+sagte Sancho, »und buchstäblich wird es Euer
+Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der
+traurigen Gestalt.«
+
+»Du darfst nicht zweifeln, Sancho,« versetzte
+Don Quijote, »denn auf dieselbe Weise und auf
+die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe,
+haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen,
+Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß
+ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich
+einen christlichen oder heidnischen König antreffe,
+der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber
+es wird uns noch Zeit übrig bleiben, darauf zu
+denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen
+herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle.
+Mir fehlt aber noch ein anderes Ding,
+denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und
+einer schönen Tochter, und daß ich unglaublichen
+Ruhm im ganzen Universum erhalten habe, so
+weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich
+vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich
+wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein
+kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals
+zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht
+nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich
+meine Taten noch größeren Ruhm verdienen; so
+werde ich dieses Mangels halber den Lohn meines
+tapferen Armes verlieren. Ich bin freilich wohl
+ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte,
+ich besitze ein Eigentum und meine Einnahme erstreckt
+sich wohl über fünfhundert Taler; es mag
+auch wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte
+niederschreibt, meine Verwandtschaft und
+Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich
+wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel des
+Königs bin: denn du mußt wissen, Sancho, wie es
+zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt, eine
+Art, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen
+ableitet, die aber die Zeit nach und nach erniedrigt
+hat, so daß sie sich endlich gleichsam in der Basis
+einer Pyramide verlieren; andere entspringen aus
+niedrigem Geschlechte und steigen und steigen nach
+und nach, bis sie vornehme Leute werden; der
+Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß
+jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese
+sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich
+gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein
+Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann
+auch der König, mein Schwiegervater, zufrieden
+stellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird
+mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß
+sie ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt
+wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners,
+mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo
+nicht, so raube ich sie dann und entführe sie, wohin
+es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn
+ihrer Eltern vertilgen.«
+
+»Es paßt hier schön,« sagte Sancho, »was
+manche Schelme sagen: bitte das nicht im Guten,
+was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man
+könnte auch noch besser sagen: das Rauben eines
+Spitzbuben ist besser als das Bitten eines braven
+Mannes; ich sage das nur, weil, wenn der Herr
+König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele
+legen und Euch die gnädige Infantin übergeben
+will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu rauben
+und wegzunehmen. Das Unglück ist nur, daß bis
+wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche
+ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes mit
+leeren Backen auf den Lohn passen muß, wenn
+nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die
+seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft
+und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der
+Himmel anders beschert, denn ich glaube, sein Herr
+ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen
+Frau zu geben.«
+
+»Niemand kann ihm solches verweigern,« sagte
+Don Quijote.
+
+»Damit es aber so komme,« antwortete Sancho,
+»müssen wir brav zu Gott beten und das Glück
+dann gehen lassen, wohin es uns führen will.«
+
+»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quijote,
+»wie ich es wünsche und du, Sancho, es
+brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein
+hält.«
+
+»Das weiß Gott,« sagte Sancho, »daß ich ein
+alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um
+Graf zu sein.«
+
+»Überflüssig genug ist es,« sagte Don Quijote,
+»und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne
+Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich
+dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst
+oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich
+dich zum Grafen mache, ich dich zugleich zum Ritter
+mache, und sie mögen sich dann stellen wie sie
+wollen, so müssen sie dir denn durchaus deinen
+gnädigen Herrn geben.«
+
+»Und denkt nur nicht, daß ich mich nicht in
+Hauterdiät setzen werde,« sagte Sancho.
+
+»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du
+sagen,« erwiderte sein Herr.
+
+»Auch gut,« antwortete Sancho Pansa, »ich sage
+nur, daß ich mich schon drein schicken will, denn
+meiner Seel, ich war nur einmal Hochzeitbitter
+und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich
+könnte wohl gar einen Küster vorstellen. Wie
+wird's aber vollends werden, wenn sie mir den
+Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich
+ganz voll Gold und Perlen sitze wie ein fremder
+Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um
+mich nur zu sehen.«
+
+»Du wirst gut aussehen,« sagte Don Quijote,
+»doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren
+lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein
+Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um
+den anderen unter das Messer bringen, sonst weiß
+doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.«
+
+»Was gilt's,« sagte Sancho, »ich nehme mir
+lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im
+Hause wohnen, und wenn's nötig tut, muß er
+mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines
+Großen.«
+
+»Aber wie weißt du,« fragte Don Quijote, »daß
+die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?«
+
+»Ich will es sagen,« antwortete Sancho; »ich
+war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang
+in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn
+vorbei reiten, von dem die Leute sagten, er wäre
+sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen
+Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er
+mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die
+Leute, warum der Mann nicht neben dem anderen
+ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da
+antworteten sie, daß er sein Bereiter sei und daß
+es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich
+zu führen: das weiß ich seitdem so gut, daß ich
+es niemals wieder vergessen habe.«
+
+»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote,
+»und auf die Weise kannst du deinen Barbier
+mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht
+auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit
+erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf
+sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und
+überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres
+Geschäft als ein Pferd satteln.«
+
+»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge
+sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu
+denken, wie Ihr König werdet und mich zum
+Grafen macht.«
+
+»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem
+er die Augen erhob, sah er, was das folgende
+Kapitel erzählen wird.
+
+
+
+
+ ~Achtes Kapitel~
+
+ Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit,
+ die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern
+ gingen
+
+
+Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische
+Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen,
+erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen
+Geschichte, daß, nachdem zwischen dem
+berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem
+Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen
+waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind,
+der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der
+Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen
+zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines
+Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne
+Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen
+trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu
+Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren
+mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit
+Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte,
+sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten,
+die der König zwingt, ihm auf den Galeeren
+zu dienen.«
+
+»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie
+kommt der König dazu, irgend jemand zu
+zwingen?«
+
+»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern
+das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen
+verurteilt hat und sie zwingt, auf den
+Galeeren zu dienen.«
+
+»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich
+dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man
+fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien
+Willen.«
+
+»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho.
+
+»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt
+hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang
+aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und
+beizustehen.«
+
+»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte
+Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König
+vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an
+dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen
+ihrer Verbrechen gestraft.«
+
+Indem kam die Kette mit den Ruderknechten
+heran und Don Quijote bat diejenigen, die als
+Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den
+Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen,
+warum man diese Leute auf solche Weise fortführe.
+Einer von den Wachen zu Pferde antwortete,
+daß es Ruderknechte wären, Sklaven
+Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren
+gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und
+mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«,
+erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem
+insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.«
+Er fügte noch so viele und so höfliche
+Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß
+der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir
+haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche
+von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber
+wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu
+lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie
+werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese
+Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«
+
+Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote
+würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht
+gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte
+den vordersten, um welcher Sünden willen er in
+so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete,
+daß er als Verliebter so ginge.
+
+»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote.
+»Bringt man die Verliebten nach den Galeeren,
+so hätte ich schon seit langem dort rudern
+müssen.«
+
+»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der
+Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine
+Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche
+mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so
+kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit
+meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn
+ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte.
+Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung
+war unnötig, die Sache machte sich bald,
+ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel,
+ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten
+gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.«
+
+»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote.
+
+»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der
+Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig
+Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft
+nach ein Felsenherzer.
+
+Don Quijote tat dem zweiten die nämliche
+Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still
+und schwermütig war; der erste aber antwortete
+für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht
+mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein
+Musikus und Sänger.«
+
+»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und
+Sänger werden auf Galeeren geschickt?«
+
+»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht,
+»kein böser Ding auf der Welt, als in der Not
+singen.«
+
+»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don
+Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«
+
+»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn,
+wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.«
+
+»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote;
+einer von der Wache aber antwortete: »Herr
+Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen
+rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser
+Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein
+Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs
+Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er
+schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen
+hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil
+ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht
+behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er
+bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu
+sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei
+Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent
+kein besseres Glück wünschen könne, als daß
+auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod
+schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise
+gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung
+nach nicht unrecht.«
+
+»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote
+und wandte sich zum dritten, den er wie die
+vorigen befragte, der auch behende und mit großer
+Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf
+Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir
+zehn Dukaten mangelten.«
+
+»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte
+Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu
+lösen.«
+
+»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht,
+»als wenn einer mitten auf der See Geld
+hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er
+nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte
+ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt,
+die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die
+Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf
+meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich
+heute mitten auf dem Platze von Zocodover in
+Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein
+Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott
+ist mächtig und man muß Geduld haben.«
+
+Don Quijote kam zum vierten, einem Manne
+mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer
+Bart bis auf die Brust herunterhing; als
+er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt
+würde, fing er an zu weinen und antwortete
+nichts. Aber der fünfte Gefangene diente
+zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige
+Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren,
+nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde
+und in großer Pracht gehalten hat.«
+
+»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa,
+»öffentlich am Pranger gestanden haben.«
+
+»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie
+haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler
+für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen
+gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein
+Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als
+Zauberer ausgeübt.«
+
+»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,«
+sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen,
+wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen
+hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern
+man hätte ihn vielmehr zum General derselben
+ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines
+Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert
+verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten
+Staate von äußerster Notwendigkeit, so
+wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben
+müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren
+über sie ansetzen, wie es bei den übrigen
+Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die
+Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde
+vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen,
+daß sich unwissende und einfältige Menschen
+mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger
+alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher
+sind, die wenige Jahre und noch weniger
+Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen
+oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag
+zu machen, dastehen, als wenn ihnen der
+Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche
+ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber
+noch weitläufiger sein und Gründe anführen,
+warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im
+Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber
+hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es
+aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben
+und die Sache einrichten können. Ich will nur
+noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese
+silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und
+diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung,
+bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei
+vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine
+Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu
+verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige
+glauben, denn unser Geist ist frei und weder
+Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen.
+Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige
+Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte
+mischen, die den Menschen töricht machen, womit
+sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen,
+da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien
+Willen zu zwingen.«
+
+»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und
+wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der
+Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das
+Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit
+nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht
+war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in
+Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht;
+aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen,
+ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht
+wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe
+außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir
+keinen Augenblick Ruhe läßt.«
+
+Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch
+Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen
+aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen
+reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den
+folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher
+als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil
+ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und
+mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt
+waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige,
+daß durch all dies Scherzen eine so verworrene
+Verwandtschaft entstand, daß sie kein
+Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag.
+Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte,
+so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf
+sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde.
+Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung,
+das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist
+alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen
+Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch
+Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden
+wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten,
+daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem
+Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher
+Charakter verdient.«
+
+Dieser war wie ein Student gekleidet und einer
+von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und
+geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein
+Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt,
+der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte:
+die Weise, wie er angefesselt war, war von der der
+übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße
+hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um
+den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei
+Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am
+andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund
+befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von
+oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder
+in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden
+Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen
+waren, so daß er weder die Hände zum Munde
+erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen
+konnte. Don Quijote fragte, warum
+dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an
+sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht
+allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen
+begangen habe, und daß er so verwegen und listig
+sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten,
+wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten,
+sondern stets seine Flucht befürchteten.
+
+»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann
+er begangen haben, wenn er keine größere Strafe
+als die Galeere verdient?«
+
+»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die
+Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man
+braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche
+Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst
+auch Hans Gines Diebsfinger genannt.«
+
+»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht,
+»laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf
+aus, Namen und Beinamen herzuerzählen.
+Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg
+ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie
+Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und
+er wird genug zu tun finden.«
+
+»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius,
+»du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte,
+wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll,
+wie es dir gewiß nicht lieb ist.«
+
+»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß
+sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß
+der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans
+Gines Diebsfinger heiße oder nicht.«
+
+»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?«
+fragte der Wächter.
+
+»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon
+dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder
+ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr
+uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her
+und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das
+Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr
+aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines
+Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen
+Fingern niedergeschrieben habe.«
+
+»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius,
+»er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben,
+so gut man es nur verlangen kann, er hat
+das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als
+Pfand zurückgelassen.«
+
+»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und
+wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen
+hätte.«
+
+»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote.
+
+»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den
+Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in
+dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben
+werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch
+soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält,
+und diese Wahrheiten sind so anmutig und
+lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein
+können.«
+
+»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte
+Don Quijote.
+
+»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete
+jener.
+
+»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote.
+
+»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines,
+»da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben
+habe, hebt mit meiner Geburt an und
+beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren
+gesandt wurde.«
+
+»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte
+Don Quijote.
+
+»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich
+schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß,
+wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,«
+antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich,
+wieder hinzukommen, denn ich werde dort
+Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem
+mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf
+den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als
+ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum
+Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon
+auswendig.«
+
+»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote.
+
+»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das
+Unglück verfolgt immer die Genies.«
+
+»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius.
+
+»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,«
+antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die
+Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut,
+die armen Schelmen zu mißhandeln, die
+unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und
+dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät
+lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele -- --
+Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der
+Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert
+sind und alle Welt sei ruhig und lebe
+wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen,
+denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«
+
+Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem
+Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber
+Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht
+zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest
+gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei
+zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette
+wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir
+gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel
+verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen
+gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen
+eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und
+gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch
+ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser
+auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei
+jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und
+überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache
+eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit
+gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches
+alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß
+ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch
+den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der
+Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden
+der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß,
+als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein
+Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die
+unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir
+aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist,
+das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten
+läßt, daher ergeht meine Bitte an diese
+Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch
+gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu
+lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die
+dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn
+mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven
+zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute
+geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,«
+fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen
+euch nichts getan; dorten aber wird
+jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im
+Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute
+zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche
+Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen
+nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit
+dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch
+danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt,
+falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet,
+so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern
+Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen,
+es also zu vollstrecken.«
+
+»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius,
+»ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz!
+Wir sollen die Sklaven des Königs frei
+lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu
+tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein
+Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer
+Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um
+ungelegte Eier.«
+
+»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein
+Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote.
+Und in demselben Augenblick rannte er so
+wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr
+setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet
+zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich
+ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte
+führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak
+über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber
+wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen,
+die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten
+sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe
+erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen,
+wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese
+günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie
+in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an
+der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand
+eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald
+zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten,
+bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus
+nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits
+half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus,
+der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde
+herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius
+machte und ihm Degen und Flinte abnahm;
+hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald
+zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald
+keiner von der Wache mehr das Feld behauptete,
+denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg,
+teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen
+Ruderknechte erregten. Sancho wurde über
+diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte,
+daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft
+den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die
+Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen;
+diese Besorgnis trug er auch seinem
+Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen,
+damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken
+könnten.
+
+»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber
+ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf
+er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich
+schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd
+ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um
+zu sehen was er haben wollte, er aber sagte:
+»Braven Leuten steht es gut an, für empfangene
+Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist
+eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am
+meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine
+edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren
+habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum
+Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese
+Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch
+nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch
+nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der
+Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr
+sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt,
+euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt
+für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem
+berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung
+zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so
+könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch
+gefällt.«
+
+Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg:
+»Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser
+Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit,
+es auszurichten, denn wir können nicht in
+Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln
+und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre
+gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen
+könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft
+nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns
+macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun
+könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft
+nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl
+Ave Marias und Credos zu verwandeln, die
+wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das
+läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf
+der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu
+glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens
+zurückkehren werden, ich meine, daß wir
+unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf
+den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte
+man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn
+Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt
+Birnen vom Ulmbaum fordern.«
+
+»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt,
+»Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans
+Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt,
+daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen
+den Beinen und die ganze Kette über den Buckel
+gehängt!«
+
+Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart
+war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don
+Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen
+angefangen, sie frei zu machen), gab, da er
+sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen
+Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten,
+und einen solchen Hagel von Steinen nach
+Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug
+hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei
+der arme Rosinante sich aus allem Spornen
+nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen
+wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg
+sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das
+auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich
+nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel
+so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie
+ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen,
+als sich der Student über ihn machte, ihm
+das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei
+oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so
+lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach;
+er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über
+der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst
+die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der
+Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen
+sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf
+sie untereinander die in der Schlacht gewonnene
+Beute verteilten und jeder sich nach einer andern
+Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren
+Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der
+Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea
+von Toboso zu präsentieren.
+
+Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote
+blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich,
+indem er je zuweilen die Ohren schüttelte,
+wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der
+seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe;
+Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls
+durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne
+Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft,
+Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so
+schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so
+großes Gut verschafft hatte.
+
+
+
+
+ ~Neuntes Kapitel~
+
+ Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen
+ Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer,
+ die in dieser wahrhaftigen Geschichte
+ vorgetragen werden
+
+
+Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah,
+sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho,
+habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes
+erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich
+deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen
+Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen
+ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige
+vorsichtiger sein werde.«
+
+»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete
+Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr
+aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren,
+wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt
+mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer
+Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die
+heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert,
+denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen
+noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon,
+als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«
+
+»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte
+Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest,
+ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat,
+will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem
+Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch
+nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so
+im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst,
+ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern
+nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst
+du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann,
+auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen
+strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken
+oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn
+wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr
+aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der
+Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht
+mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben
+und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein
+diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht,
+sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen
+Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor
+und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und
+Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.«
+
+»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen
+ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein
+Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie
+nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute
+für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an
+einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner
+Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit
+meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen;
+drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen
+guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den
+Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich
+Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant
+mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände
+brauchen werden.«
+
+Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu
+antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte
+an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen
+Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte
+die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach
+Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und
+sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken,
+damit sie von der heiligen Brüderschaft
+nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als
+er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem
+Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den
+Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein
+Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen
+so heftige Jagd gemacht hatten.
+
+Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte
+des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die
+Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen,
+wenigstens so lange, als ihre Speisekammer
+sie versorgte, und also machten sie ihr
+Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in
+der sich viele Korkbäume befanden. Aber das
+Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht
+vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles
+lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt,
+führte den Gines Friedberg, diesen berühmten
+Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit
+des Don Quijote von der Kette erlöst war und der
+ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft,
+die er mit großem Rechte fürchtete, auf den
+Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken,
+diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die
+nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho
+Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie,
+da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter
+immer undankbar sind, die Not auch oft
+das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch
+der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines,
+der weder dankbar noch von edler Gesinnung war,
+darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen,
+indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm,
+den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum
+Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho
+Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe
+es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß
+er nicht wiedergefunden werden konnte.
+
+Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen
+und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen
+Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah,
+begann er so heftig und laut den allerkläglichsten
+Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte
+und folgende Reden vernahm: »O du mein
+eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause
+erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines
+Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten!
+O du Ernährer meiner halben Person,
+du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis
+und das war mein halbes Auskommen.«
+
+Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die
+Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den
+besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich
+in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich
+eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf
+Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit
+stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine
+Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don
+Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank,
+dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte,
+das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders
+für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte.
+Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in
+die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und
+wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet
+waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen
+zog er fort, ohne an etwas anderes zu
+denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken
+(seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu
+reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich
+zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen
+geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer
+über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend,
+in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er
+für ein neues Abenteuer, solange er auf solche
+Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.
+
+Indem hub er die Augen auf und bemerkte,
+wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze
+seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der
+Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen,
+wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub
+jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen
+Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz
+vermodert und zerrissen; sie waren aber von so
+großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um
+sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen,
+was sich im Mantelsack befinde. Sancho
+richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus,
+und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß
+zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher
+alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden
+von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes
+Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand
+er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie
+er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der
+uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was
+trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein
+kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses
+ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das
+Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho
+küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er
+noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte,
+stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer
+war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote
+mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders
+ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender,
+der durch dieses Gebirge gezogen ist, von
+Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an
+irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«
+
+»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn
+wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld
+wohl nicht liegenlassen.«
+
+»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so
+kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl
+sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich
+in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet
+findet, wodurch wir auf die Spur geraten
+und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«
+
+Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als
+Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben,
+ein Sonett, welches er laut ablas, damit
+es auch Sancho hören könnte:
+
+Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden,
+Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen,
+Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen,
+Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.
+
+Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden;
+Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,
+
+Daß Götter wüten: aber warum steigen
+Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?
+
+Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen,
+Daß du so großes Unheil mir geschicket;
+Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?
+
+Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen,
+Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket,
+Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.
+
+»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch
+nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der
+Filz da auf den rechten Weg bringt.«
+
+»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.
+
+»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr
+von Filz oder Pilz etwas daher läset.«
+
+»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und
+dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame,
+über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt,
+der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich
+anders in der Kunst nicht unerfahren.«
+
+»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho,
+»Reime zu machen?«
+
+»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete
+Don Quijote, »das sollst du gewahr werden,
+wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller
+Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea
+von Toboso senden werde; denn du mußt
+wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger
+Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und
+Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder
+richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die
+verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten
+die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr
+Geist als Kunst.«
+
+»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden
+wir, was wir wollen.«
+
+Don Quijote schlug das Blatt um und sagte:
+»Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«
+
+»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte
+Sancho.
+
+»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von
+Liebe,« antwortete Don Quijote.
+
+»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe
+eine große Freude an den Liebessachen.«
+
+»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an
+laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf
+er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:
+
+»Dein falsches Versprechen und mein gewisses
+Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl
+die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine
+Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen,
+Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber
+besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum,
+den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück
+beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch
+deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine
+Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein
+Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist.
+Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und
+gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls
+nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust,
+was du getan hast und ich nicht so gerächt werde,
+wie ich es nicht wünsche.«
+
+Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte,
+sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich
+nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von
+beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte
+hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch
+andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen
+konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen
+waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und
+Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen,
+diese beweint. Indes Don Quijote das Buch
+durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack,
+ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht
+unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte
+jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander,
+denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit
+oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten
+in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich
+auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht
+mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er
+sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die
+Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge
+des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes,
+die Beraubung des Mantels und für allen
+Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur
+immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden
+hatte, durch die Güte, daß ihm dieser
+Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der
+Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem
+heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der
+Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie
+aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus
+der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein
+anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand
+sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit
+seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse
+geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren
+wilden Gegend niemand zu sehen war, den
+er hätte fragen können, so richtete er nunmehr
+seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen,
+immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in
+diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer
+aufstoßen müsse.
+
+Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog,
+bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der
+vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger
+Schnelligkeit von Stein zu Stein und von
+Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war
+halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen
+Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh
+und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel
+trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem
+Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß
+man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte;
+sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt,
+schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter
+von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale.
+So viele Mühe er sich aber auch gab, war
+es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der
+Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf
+in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein
+Gemüt saumselig und phlegmatisch war.
+
+Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß
+ebendieser der Herr des Reitkissens und des
+Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den
+Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein
+Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu
+finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen
+und von der einen Seite die Runde um
+den Berg zu machen, indem er von der andern
+Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt
+vielleicht den Menschen anträfen, der mit so
+großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.
+
+»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho,
+»denn sowie ich mich von meinem werten Herrn
+entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei
+Schrecken und Einbildungen verursacht: das,
+was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht
+dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen
+Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«
+
+»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt,
+»und es freut mich sehr, daß du meinem
+Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen
+soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper
+verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir
+am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen
+statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen,
+vielleicht treffen wir den Menschen, den wir
+erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer
+unseres Fundes sein muß.«
+
+Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre
+doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir
+ihn finden und er vielleicht der Herr von dem
+Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm
+wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen
+diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen
+einstecken kann, bis wir auf eine andere,
+nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen
+Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit,
+wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser
+sein Recht verloren hat.«
+
+»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung
+geraten sind, daß er der Eigentümer sein
+möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu
+suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen
+wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er
+der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein
+Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also,
+Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß
+erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.«
+Mit diesen Worten spornte er den Rosinante
+und Sancho folgte auf seinem Esel nach.
+Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten
+waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von
+Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes
+und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie
+in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling
+der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes
+sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine
+Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt,
+und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen
+und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen
+Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don
+Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen
+möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei,
+wie sie in diese Gegend gekommen wären,
+die wenig oder gar nicht betreten würde, außer
+von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder
+anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho
+antwortete, er möchte herunterkommen, und sie
+wollten ihm dann alles erzählen.
+
+Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an
+die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er:
+»Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot
+in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon
+seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt,
+habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«
+
+»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don
+Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack,
+die wir nicht weit von hier fanden.«
+
+»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der
+Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen
+wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich
+vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal
+für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel
+ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße,
+worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht,
+wie's kömmt.«
+
+»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete
+Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich
+mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen;
+hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie
+es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie
+mich kratzen.«
+
+»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don
+Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem
+Herrn der Sachen?«
+
+»Was ich Euch sagen kann,« antwortete der
+Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate
+sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger
+Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen
+von hier; er sah vornehm und stattlich aus und
+ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot
+liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das
+Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt
+habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges
+am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir
+ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden,
+und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch
+nur noch eine halbe Meile tiefer hinein begebt,
+so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es
+ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher
+gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig
+führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch
+unsere Antwort vernommen hatte, ritt er nach der
+Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem
+uns allen sein schönes Ansehen gefiel und
+wir uns über seine Fragen verwunderten sowie
+über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge
+einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr,
+bis er nach etlichen Tagen einem von unseren
+Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich
+an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße
+gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte
+und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm,
+hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das
+Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten
+dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage
+in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum,
+um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in
+der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes
+fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung
+war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt
+und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn
+kaum wiederkannten, doch gaben uns seine Kleider,
+obschon sie zerrissen waren, Merkmale genug,
+woraus wir entnahmen, daß er der nämliche sei,
+den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und
+sagte uns in wenigen und verständigen Worten,
+daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern
+möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um
+eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen
+seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir
+baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte,
+wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht
+bringen: worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn
+er zu seinem Unterhalte etwas bedürfe, er uns
+sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn
+wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft
+bringen, wäre aber auch dies nicht nach
+seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens
+darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit
+Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere
+Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten
+um Verzeihung, versprach auch, uns
+künftig um Gottes willen darum anzusprechen, ohne
+jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung
+betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andere
+als das, was er gerade fände, wenn ihn die
+Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher
+herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle,
+die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen,
+wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten
+uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal
+gesehen hatten und wie wir ihn nun vor
+uns sahen, denn wie gesagt, er war ein sehr
+schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine
+höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch,
+daß er von vornehmer Familie sein mußte, und obgleich
+wir, seine Zuhörer, nur Bauersleute waren,
+so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst
+ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden
+mußte. Indem er nun noch am besten in seiner
+Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte,
+lange Zeit verschloß er die Augen, indes
+wir alle verwundert dastanden und warteten, was
+aus dieser Verzückung werden sollte, es war uns
+ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen
+wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr
+den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen,
+dann drückte er sie wieder zu, rührte die
+Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus
+wir leicht entnahmen, daß ihn wieder ein
+Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch
+zu erkennen, wie richtig unsere Vermutung gewesen
+sei, denn wild sprang er plötzlich von der
+Erde auf und warf sich auf den, der ihm am
+nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit,
+daß, wenn wir ihn nicht aus den Händen
+rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben
+umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ha!
+nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen
+bezahlen, diese Hände sollen dir das
+Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen
+und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist.
+Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich
+alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu
+sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen
+zu behandeln. Wir verließen ihn sehr
+betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte
+sich von uns und rannte so schnell in das
+Buschwerk und in die Steinklippen hinein, daß wir
+ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir
+aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele,
+und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus
+großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch
+so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen
+haben sich auch bestätigt, denn er hat
+sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die
+Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem
+Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es
+aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald
+er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf,
+wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten,
+sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er
+wieder bei Sinnen ist, bittet er um Gotteswillen
+und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch
+dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung
+häufiger Tränen. Seitdem, meine Herrn«,
+fuhr der Ziegenhirte fort, »haben ich und vier
+andere Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei
+von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so
+lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn
+wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei's nun
+mit Güte oder Gewalt nach Almodovar führen,
+was nur acht Meilen von hier liegt und ihn da
+kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur
+verträgt oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von
+ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der
+Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann.
+Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf
+eure Fragen antworten kann; der, dem die Sachen
+gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche,
+den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt
+vorüberrennen saht« (denn Don Quijote hatte ihm
+schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge
+habe klettern sehen). Dieser war durch das, was
+ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen
+gesetzt und seine Begierde, zu erfahren, wer der
+arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht,
+er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher
+beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge
+aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet
+zu lassen, bis er ihn endlich gefunden
+hätte. Das Schicksal führte es aber besser als er es
+erwartete oder erhoffte, denn in demselben Augenblicke
+zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen
+den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der
+etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an
+ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen
+konnte. Seine Tracht war wie sie oben beschrieben
+ist, nur bemerkte Don Quijote in der Nähe, daß
+das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten
+korduanischen Leder sei, wodurch er völlig überzeugt
+wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider
+führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.
+
+Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie
+mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler
+Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß
+ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte
+ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit,
+indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen
+Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen
+Jahren kenne. Der andere, den man den Zerlumpten
+von der kläglichen Gestalt nennen könnte,
+wie Don Quijote der von der traurigen heißt, entfernte
+ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich
+wieder aus den Armen gelassen hatten und legte
+seine Hände auf die Schultern Don Quijotes, er beschaute
+ihn dann, als wolle er sich besinnen, ob
+er ihn kenne, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt,
+Bildung und Waffenrüstung Don Quijotes vor sich
+zu sehen, als Don Quijote erstaunt war, ihn zu
+erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung
+redete, war der Zerlumpte, und er sagte,
+was man nachher erfahren wird.
+
+
+
+
+ ~Zehntes Kapitel~
+
+ Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem schwarzen
+ Gebirge
+
+
+Die Geschichte erzählt, daß Don Quijote mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen
+Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher
+also sprach: »Wahrlich mein Herr, wer Ihr,
+da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke
+ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft,
+die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich
+wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr
+als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur
+Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat
+mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen
+edle Teilnahme erwidern kann, als meine
+guten Wünsche.«
+
+»Meine Wünsche«, antwortete Don Quijote, »bestehen
+nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen
+war, diese Berge nicht eher zu verlassen,
+bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte,
+ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche
+Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine
+Linderung zu finden sei, und wenn es nötig
+wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem
+ersinnlichen Fleiße aufsuchen, wäre aber Euer Unglück
+von der Art, daß für Euch die Türen aller
+möglichen Hilfe verschlossen wären, so wollte ich
+zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so
+gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer
+ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert,
+und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche
+Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler
+Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch
+gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was
+Ihr im Leben am meisten geliebt habt oder noch
+liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund
+zu entdecken, der Euch soweit führt, in diesen
+Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu
+sterben, denn hier sterben werdet Ihr, Euch
+selbst so entfremdet, wie Eure Tracht und Euer
+Anstand bezeugen. Und ich schwöre«, fuhr Don
+Quijote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den
+ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich
+auch bin, und bei dem Stande eines irrenden
+Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler
+Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen
+erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin,
+der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn
+es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit
+Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen
+habe.«
+
+Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede
+dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat
+nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder
+beschaute und wiederum vom Kopfe bis zu den
+Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet
+hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu
+essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes
+willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach
+Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so
+freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen
+habt.«
+
+Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und
+der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor,
+womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte,
+der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang,
+daß er schnell einen Bissen nach dem andern
+ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während
+dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm
+zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen
+hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen
+möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen
+grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die
+Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren,
+setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das
+nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte,
+nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit
+gesetzt hatte, sagte: »Wenn ihr es wünscht,
+meine Herrn, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit
+meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir
+versprechen, weder durch eine Frage noch auf
+andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte
+zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde
+ich keineswegs die Erzählung vollenden können.«
+
+Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don
+Quijote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister
+vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die
+über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch
+die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte
+aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich
+um so schneller die Geschichte meines Unglücks vollenden
+kann, denn es meinem Gedächtnis wiederholen,
+dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen,
+und je weniger ihr mich also unterbrecht,
+je schneller werde ich meine Erzählung endigen,
+ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz
+eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quijote
+versprach alles im Namen der übrigen und jener
+fing nach dieser Versicherung also an: »Mein Name
+ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten
+Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine
+Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß
+meine Eltern es beweinen werden, meine Familie
+darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren
+Reichtümern helfen können, denn um die Verhängnisse
+des Himmels abzuwenden, sind die Güter des
+Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen
+Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller
+ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht
+zu erregen, so groß war die Schönheit Lucindens,
+eines Mädchens, nicht minder edel und reich
+als ich, aber von besserem Glück und geringerer
+Sündhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig
+war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen
+frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie
+liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die
+ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten
+unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber,
+denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere
+Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut
+mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens
+übereinstimmte. Unsere Jahre nahmen zu und mit
+ihnen wuchs unsere beiderseitige Liebe, so daß es
+Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen
+Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu
+verweigern, und so war er hierin dem Vater der
+Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen
+ist. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf
+Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war
+auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so
+konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen
+machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die
+Empfindungen des Herzens zu erkennen geben,
+denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes
+macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste
+Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel!
+wie viele Briefe schrieb ich ihr, wie viele Antworten,
+so erfreulich als anständig erhielt ich von
+ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten
+Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das
+Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen
+Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich
+ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese
+Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den
+Wunsch sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den
+Vorsatz, das Beste und Einzige zu tun, um das erwünschte
+und verdiente Gut zu besitzen, und dies
+war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen
+Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete,
+wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll
+fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da
+aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten
+anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht
+mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei
+Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen
+oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine
+edle und verständige Antwort und versprach, daß
+mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen
+werde, worauf ich mich auch sogleich zu
+meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen
+und so wie ich in sein Zimmer trat, finde
+ich ihn mit einem offenen Brief in der Hand, und
+ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir:
+»Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade
+dir der Herzog Ricardo erzeigt. Dieser Herzog Ricardo
+ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen
+im schönsten Teile von Andalusien hat.«
+Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft
+schien, daß es mir selber unverständig vorkam,
+wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs
+gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte,
+um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten
+Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu
+befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die
+er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte,
+noch mehr, als mein Vater sagte: ›In
+zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den
+Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem
+Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem
+deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten
+können.‹ Diesen Worten fügte mein Vater noch
+andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit
+meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach
+ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging
+dann zu ihrem Vater und bat einige Zeit zu warten
+und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich
+gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er
+versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend
+Schwüren und heißen Tränen.
+
+Ich kam beim Herzog Ricardo an, er empfing
+mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich
+den Neid seiner älteren Diener in Bewegung
+setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die
+der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteil
+gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft
+entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs,
+Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling,
+großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so
+sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber
+verwunderten, und ob mir gleich der ältere
+Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht
+mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem
+mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter
+wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich
+nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos
+Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr,
+vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht
+wenige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein
+Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so
+schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war,
+daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen
+Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären.
+Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten
+die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er,
+um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen,
+ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich
+ihm auf keine andere Weise ergeben wollte. Ich
+versuchte es als Freund ihn mit den dringendsten
+Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem
+Vorsatz zurückzubringen; da ich aber sah, wie
+unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir
+vor, die Sache seinem Vater, dem Herzog Ricardo
+zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und
+klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er
+wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als
+ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu
+entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig
+werden konnte, um mich also zu hintergehen, sagte
+er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus
+seinem Gedächtnis das Bild jener Schönheit, die sich
+seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen,
+als auf einige Monate zu verreisen, und zwar,
+wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich
+in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne
+Pferde in meiner Vaterstadt aufzusuchen und zu
+kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt.
+Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen,
+als ich auch, von meiner Leidenschaft angetrieben,
+ihn als den glücklichsten und heilsamsten
+Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursache dieses
+Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich
+fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf,
+meine teure Lucinde wieder zu sehen. Ich billigte
+und lobte also seinen Vorsatz und bestätigte ihn
+darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn
+die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste
+Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag
+tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr,
+unter dem Titel eines Gemahls die Gunst des Landmädchens
+genossen und wartete nur auf eine schickliche
+Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge
+entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln
+seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine
+Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei
+den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich
+das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse
+dann alle Wünsche mit verschwinden und sich
+dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie
+die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur
+setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige
+Liebe gar nicht gestellt ist, also, wie Don Fernando
+die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten
+seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie
+er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu
+heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das
+nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen
+hatte.
+
+Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir,
+ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an,
+mein Vater empfing ihn nach seinem Stande und
+ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe,
+die weder gestorben noch eingeschläfert war, von
+neuem belebt wurde. Zu meinem Unglück erzählte
+ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte,
+ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde,
+nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit,
+Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde
+so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den
+Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehen, das mit
+allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu
+meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich
+zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem
+Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten;
+er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick
+alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus
+vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit,
+ward in sich verschlossen und mit einem Worte
+so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung
+meines Unglücks erfahren werdet. Um seine
+Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir
+verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel
+vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem
+Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie
+mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu
+verlangen, der so geistreich, edel und in solchen
+Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir
+schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten
+des Körpers und der Seele, die unter den übrigen
+Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen,
+daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch
+schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden
+ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus
+seinem Munde zu hören, ich fing an ihn zu fürchten
+und ihm weniger zu trauen, denn es verging
+kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden
+gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie,
+wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte,
+wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt
+wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend
+und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das
+Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen
+hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere
+zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir
+zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß
+ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle.
+So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein
+Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte
+und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte
+nämlich den Amadis von Gallia.«
+
+Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen
+hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr,
+gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das
+Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so
+wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um
+mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch
+würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie
+Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der
+Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt
+hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch
+mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu
+verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und
+Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe
+ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von
+der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur
+Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis
+von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von
+Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna
+Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya
+gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des
+Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen
+Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner
+Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch
+läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht
+verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein
+werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat
+kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert
+Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner
+Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen.
+Doch halte ich im stillen dafür, daß ich
+keins von allen behalten habe, soweit hat es die
+Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer
+durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß
+ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine
+Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von
+Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es
+mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu
+sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist,
+nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes,
+nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung,
+sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich
+mir zur Stunde am meisten wünsche.«
+
+Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ
+Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken
+und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich
+ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte
+fortzufahren, hob er doch weder den Kopf
+auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber
+richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann
+es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein
+Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken
+schlagen oder mich eines andern überreden und der
+soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil
+überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der
+Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der
+Königin Madasima geschlafen habe.«
+
+»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete
+Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem
+er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine
+schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei!
+Die Königin Madasima war eine hocherhabene
+Dame, und es läßt sich unmöglich glauben,
+daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl
+geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint,
+lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm
+zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet,
+bei Tage oder in der Nacht, oder wie es
+ihm gut dünkt, beweisen.«
+
+Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht,
+er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn
+und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen,
+Don Quijote war aber ebensowenig zum
+Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert,
+was er von der Madasima hatte hören müssen.
+Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte,
+als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame:
+so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in
+Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt
+war, für einen Lügner und Hundsfott schelten
+hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so
+empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein
+und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don
+Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte.
+Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher
+Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter
+Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber
+empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage
+zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf
+ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen
+eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen
+wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und
+nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte,
+stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um
+sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich
+auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft
+zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine
+Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb,
+daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen
+Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie
+sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten
+hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er
+es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört
+habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho
+Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der
+Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab
+sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und
+solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote
+nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen
+wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt:
+»Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von
+der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer
+wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann
+also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung
+nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher
+Kerl prügeln.«
+
+»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe
+ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig
+ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote
+fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht
+möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn
+er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß
+seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte,
+was er schon einmal gesagt hatte, daß man
+seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben
+könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden
+herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit
+oder verrückt, antreffen.
+
+
+
+
+ ~Elftes Kapitel~
+
+ Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen
+ Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten,
+ und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte
+
+
+Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und
+dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl
+dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem
+Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam
+weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden
+des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit
+seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß
+jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht
+dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er
+aber das lange Stillschweigen nicht aushalten
+konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt
+mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem
+Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und
+Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch
+alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe,
+aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und
+Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu
+reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich
+bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch
+der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es
+zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich
+doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur
+Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen;
+aber das ist zu hart, und keine Geduld
+reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern
+herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen,
+Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem
+nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß
+man gar nicht herausreden darf, was man auf dem
+Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«
+
+»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge
+einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit
+auflösen, sprich was du willst, doch unter der
+Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange
+wir in diesen Bergen herumziehen.«
+
+»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will
+ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag,
+ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen,
+und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch
+so der Königin Madam Trine anzunehmen oder
+wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie
+Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht?
+Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr
+waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte
+in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre
+nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen
+vorgefallen.«
+
+»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote,
+»wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine
+ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin
+Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß
+ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den
+Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen
+Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu
+sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die
+Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre
+an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von
+dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger
+Mann und kluger Kopf war. Er diente der
+Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen,
+daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine
+Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient:
+und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte,
+was er redete, mußt du nur darauf merken, daß,
+als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«
+
+»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß
+man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben
+müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden,
+so daß der Kieselstein Euch nach dem
+Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden
+wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns
+der Dame angenommen haben, die Gott verderben
+mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio
+mochte verrückt sein oder nicht.«
+
+»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder
+irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre
+der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie
+vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und
+gar für die Königin Madasima, die ich wegen
+ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe,
+denn außer daß sie über alle Maßen schön war,
+war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden,
+deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig,
+und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister
+Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen
+ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit
+ertragen, und hieraus nahm der unwissende und
+schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und
+zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber
+sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal,
+alle diejenigen, die es denken oder sagen.«
+
+»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete
+Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische
+seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen
+oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor
+seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist
+nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer
+einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt:
+und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen,
+nackt geh' ich wieder fort, mir kann's
+nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er
+will, was kümmert's mich? So mancher geht nach
+Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann
+man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott
+ist der Richter über alles.«
+
+»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote,
+»welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander?
+Was haben deine Sprichwörter mit unserer
+Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig
+und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel
+anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert,
+was dich nichts angeht. Begreife überdies
+mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was
+ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und
+in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß
+ist, die ich besser inne habe, als alle die
+Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«
+
+»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn
+das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen,
+daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen
+in den Bergen herumziehen, um einen
+Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun
+finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen,
+was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte,
+sondern Euern Kopf und meine Rippen,
+wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu
+schmeißen?«
+
+»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote,
+»wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den
+Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife,
+sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung
+unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und
+Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten
+Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen
+sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden
+Ritter vollendet und berühmt machen kann, die
+Krone aufsetzen will.«
+
+»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?«
+fragte Sancho Pansa.
+
+»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt,
+»denn der Würfel mag wohl so fallen, daß
+wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht
+auf deiner Betriebsamkeit.«
+
+»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.
+
+»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald
+von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so
+wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort
+meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit
+du nicht länger in Erwartungen bleiben und
+sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen,
+so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer
+der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein,
+unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen
+der fürnehmste, ja der einzige, der König von
+allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht.
+Schlimm möchte es dem Don Belianis und
+allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich
+ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich
+schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte,
+daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt
+werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler,
+die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt
+sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur
+Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch
+der handeln, der den Ruhm eines Klugen und
+Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses
+nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus
+ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung
+malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden
+Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und
+den Scharfsinn eines tapferen und verständigen
+Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder
+darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein
+sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild
+ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise
+ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern
+zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit
+wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den
+Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen
+haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so
+leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der
+irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch
+dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters
+am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser
+Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde,
+sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies,
+war, wie er sich entfernte, von der Dame
+Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut
+Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön
+veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der
+sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt
+hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin
+nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte,
+Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte,
+Flotten aufreibe und Bezauberungen löse:
+da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen
+schicken, so will ich auch diese Gelegenheit
+nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit
+so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.«
+
+»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr
+denn nun hier in der Einsamkeit tun?«
+
+»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don
+Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will,
+einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen,
+um zugleich den gewaltigen Don Roldan
+in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer
+Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne,
+mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe,
+worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume
+ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte,
+Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte,
+die Häuser niederriß, das Vieh gebunden
+führte und tausend andere Tollheiten beging, die
+eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind.
+Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando
+(denn er führt alle drei Namen) nicht in allen
+seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch
+vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen,
+die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten,
+vielleicht begnüge ich mich aber auch in der
+Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen
+Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und
+Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten
+Ruhm errang.«
+
+»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter,
+die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine
+Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen;
+aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend
+zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht?
+Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu
+wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit
+einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht
+habe?«
+
+»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote,
+»und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung:
+denn daß ein irrender Ritter aus Gründen
+rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als
+Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache
+unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu
+verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen
+Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends
+da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit
+von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso
+finde, denn wie du den Schäfer von neulich,
+Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei,
+alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho,
+verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche
+und nie erhörte Nachahmung ausreden zu
+wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich
+bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief
+bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden
+will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine
+Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine
+Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich
+im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort
+zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so
+werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den
+Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich,
+gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir
+bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde,
+das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho,
+verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig?
+Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn
+jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm
+nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit
+seines Metalls ermessen kann.«
+
+Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr
+Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich
+nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr
+sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den
+Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft
+sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen
+und Inseln verschenken und andere Gnaden
+und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden
+Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur
+Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße
+oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn
+wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken
+ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als
+vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich
+wohl anders denken, als daß dem, der so etwas
+glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen
+ist? Das Becken, das voller Beulen ist,
+habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will
+ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen
+barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich
+noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«
+
+»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei
+dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don
+Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den
+nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie
+ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner
+Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die
+irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit
+und Unsinn aussieht und alles verkehrt und
+wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich
+also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment
+von Zauberern hinter uns herläuft, die
+alle unsere Dinge verändern und verwandeln und
+sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem
+sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint,
+was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der
+Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder
+für was andres ansehen: auch war es eine herrliche
+Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite
+ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken
+scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der
+Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem
+Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen,
+um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber
+nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie
+sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei
+jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn
+dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er
+ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte,
+wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut
+auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht,
+sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke
+ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom
+Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner
+Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.«
+
+Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß
+eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden
+wie eine einzelne abgeschnittene Klippe
+dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach
+vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen
+eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge
+einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde
+Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und
+Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen
+Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen
+Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie
+er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als
+ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel,
+ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um
+hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst
+über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz,
+wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses
+kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine
+immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das
+Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und
+Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz
+erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche
+Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend
+euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des
+unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und
+eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in
+dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit
+jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise,
+jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr
+Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern
+der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und
+wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt
+sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o
+helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens
+sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea
+von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz
+meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern
+meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes
+Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge
+den Ort und den Zustand, zu dem mich die
+Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit
+Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O
+ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter
+meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften
+Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine
+Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister,
+liebwerter Gefährte im Glück und Unglück,
+fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was
+du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener
+wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache
+von allem ist.« -- Und sowie er dieses sagte, stieg
+er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich
+Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen
+Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte:
+»Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist,
+o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich
+in deinem Schicksale, wandle, wohin du
+willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben,
+daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an
+Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin,
+der dem Bradamante so kostbar war.«
+
+Wie Sancho dies sah, sagte er: »Es ist gut, daß
+uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen
+den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig
+so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand
+zu geben, als Lobpreisungen herzusagen; wäre er
+aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß
+man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht
+das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei
+mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung,
+denn soweit denke ich es mit Gottes
+Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr
+Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit
+meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein
+Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der
+Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen,
+denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens
+und Wiederkommens lange währen, denn
+wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht,
+wenn ich dasein oder wiederkommen möchte, denn
+ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter
+Wandersmann.«
+
+»Ich sage dir, Sancho,« antwortete Don Quijote,
+richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine
+Idee scheint mir nicht übel, ich sage ferner, daß du
+in drei Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit
+du das, was ich tue und rede, beobachten sollst,
+damit du darüber Rede stehen kannst.«
+
+»Was soll ich noch weiter sehen,« fragte Sancho,
+»als was ich schon gesehen habe.«
+
+»Sauber hast du dich verrechnet,« antwortete
+Don Quijote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider
+zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich
+bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen
+angerennt, sowie ich noch viele andere Dinge gleicher
+Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern
+wirst.«
+
+»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagte
+Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie
+Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen
+einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen,
+daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön
+ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung,
+wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig
+achtet und daß das Werk ohne sie nicht vollführt
+werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn
+alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes
+Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet,
+sag' ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben oder
+doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle
+ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich
+der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch
+die Stöße gegen eine Felskante gebt, die härter
+als der Diamant ist.«
+
+»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund
+Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber du mußt
+wissend sein, daß alle diese Dinge, die ich vornehme,
+kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders
+hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die
+uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, unter
+der Strafe der Ächtung, und ein Ding für das
+andere tun, ist um nichts besser, als lügen; darum
+also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte
+und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes
+an sich führen; es wird deshalb auch nötig
+sein, daß du mir etwas Charpie zum Verbinden
+zurückläßt, denn durch einen Zufall fehlt uns der
+Balsam, den wir verloren haben.«
+
+»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren,« antwortete
+Sancho, »denn mit dem ist Charpie und
+alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten
+haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite
+Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen
+höre, kehrt sich mir Seele und Magen um. Noch
+mehr aber bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt,
+die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich
+die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte,
+denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen
+und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge
+davon erzählen: schreibt mir nur den Brief
+und gebt mir geschwind meinen Abschied, denn ich
+habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald
+aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier
+bleibt.«
+
+»Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don
+Quijote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen
+oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas
+Schlimmeres gibt.«
+
+»Wen die Hölle hat,« antwortete Sancho, »=nulla
+est retentio=, wie ich gehört habe.«
+
+»Ich verstehe nicht, was du mit =retentio= meinst,«
+sagte Don Quijote.
+
+»=Retentio= ist so viel,« erwiderte Sancho, »daß,
+wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen
+kann, das wird aber mit Euer Gnaden
+nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben,
+um den Rosinante anzuspornen; dann will ich mich
+stracks nach Toboso begeben und gleich zur gnädigen
+Dulzinea, und dann will ich ihr so viel von den
+Narrheiten und Unsinnigkeiten (das ist doch eins)
+erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen
+wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden
+soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit
+ihrer zärtlichen honigsüßen Antwort komme ich
+dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück
+und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie
+eine Hölle vorkommt, es aber nicht ist, denn Ihr
+habt die Hoffnung herauszukommen, was aber,
+wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen,
+die sich in der Hölle aufhalten, und darin
+werdet Ihr mir gewiß Recht geben.«
+
+»Du sprichst die Wahrheit,« sagte der von der
+traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen,
+um den Brief zu schreiben?«
+
+»Und auch die Eselsverschreibung?« fügte Sancho
+hinzu.
+
+»Wir müssen alles,« sagte Don Quijote, »und
+der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben,
+auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die
+Alten taten, ingleichen auf etlichen Wachstafeln,
+obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten
+sein dürften als Papier. Ich denke aber eben
+daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann,
+nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio zugehörte;
+du wirst alsdann Sorge tragen, es auf
+Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im
+ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder
+wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben
+können; gib es aber ja nicht zum Kopieren einem
+Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt,
+sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.«
+
+»Wie wird's aber mit der Unterschrift werden?«
+fragte Sancho.
+
+»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben,«
+antwortete Don Ouijote.
+
+»Ganz gut,« antwortete Sancho, »aber die Verschreibung
+muß mit aller Gewalt eine Unterschrift
+haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so
+werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch und
+mir die jungen Esel nicht ausliefern.«
+
+»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche
+selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte
+dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung
+keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief
+betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift
+setzen: Der Eurige bis in den Tod, der
+Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch
+wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden
+Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulzinea
+weder lesen noch schreiben, hat auch Zeit ihres
+Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen,
+denn meine und ihre Liebe blieb immer
+platonisch, ohne sich weiter bis auf ein anständiges
+Anblicken zu erstrecken, und auch das nur je zuweilen,
+denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß
+ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das
+Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen
+habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es
+in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat,
+wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben
+sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonzo
+Nogales erzogen.«
+
+»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter
+des Aldonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulzinea
+von Toboso, mit einem andern Namen
+Aldonza Lorenzo getauft?«
+
+»Sie ist es,« sagte Don Quijote, »sie ist dieselbe,
+die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.«
+
+»Ich kenne sie recht gut,« sagte Sancho, »und
+wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der
+stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott
+lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein
+muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den
+besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem
+das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! was sie
+für ein Maul am Halse hat und was für eine
+Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem
+Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres
+Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon,
+und die hörten's, als hätten sie unten am
+Turm gestanden; und was das Beste an ihr ist, so
+heuchelt sie nicht, nein, sie ist sehr beredsam, sie ist
+lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß
+und ihr Gelächter. Nun sag' ich auch, Herr Ritter
+von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht
+nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern
+Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte
+desperat, ja besessen werden, und jeder, der es erfährt,
+wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zuviel
+leidet, wenn Euch auch der Teufel gar holen sollte.
+Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege
+wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr
+lange nicht gesehen und sie muß sich wohl sehr verändert
+haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht
+bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne
+und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe
+meinem gnädigen Herrn Don Quijote, daß ich
+bisher in einem tüchtigen Irrtum gelebt habe, denn
+ich meinte nicht anders, als die Dame Dulzinea sei
+irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret,
+oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente,
+die Ihr ihr zugeschickt habt, wie die Biskayer
+und die Ruderknechte, nebst noch vielen
+andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege
+in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben,
+als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im
+Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen
+Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen
+Dulzinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer
+Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich
+vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? Denn
+es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen,
+daß sie gerade Flachs hechelt oder auf
+der Tenne drischt, so werden die sich ärgern, und
+sie wird wohl gar darüber spotten und sich lustig
+machen.«
+
+»Ich habe es dir schon sonst oftmals gesagt,
+Sancho,« sagte Don Quijote, »daß du ein Schwätzer
+seist und so dummköpfig du bist, willst du dich doch
+oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber
+einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig
+ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine
+schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die
+überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich nämlich
+in einen jungen Burschen, der rundlich und von
+versprechender Statur war. Dies erfuhr ihr Oheim
+und sagte eines Tages in Form eines freundschaftlichen
+Vorwurfes zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert,
+gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie
+eine so vornehme, schöne und reiche Dame sich in
+einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen
+Menschen verlieben kann, da doch in diesem
+Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte
+Theologen sind, unter denen Ihr nur, wie unter
+gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen
+mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und
+vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe:
+›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtum und
+schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit
+diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen,
+wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn
+dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr
+Philosophie als Aristoteles.‹ -- Ebenso, Freund
+Sancho, wozu ich die Dulzinea von Toboso will, gilt
+sie mir soviel wie die höchste Prinzessin auf Erden.
+Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame
+unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach
+ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis,
+Phyllis, die Sylvien, Dianen, Galatheen,
+Alinen und noch viele andere, von denen die
+Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele
+angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und
+Blut waren und die wirklichen Geliebten von
+denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht,
+sondern die meisten erfinden sie nur, um einen
+Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit
+man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande
+wären, es zu sein; und darum ist es mir
+auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die
+ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei,
+die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals danach
+gefragt werden, um ein Stiftsfräulein abgeben
+zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein,
+daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn
+du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon
+weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur
+Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter
+Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst
+bei Dulzinea, denn in der Schönheit
+kommt ihr niemand gleich und im guten Rufe
+kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich
+zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so
+ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch
+rechts etwas mangelt, in meiner Einbildung male
+ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was
+Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt
+ihr Helena nicht nahe und Lukrezia erreicht sie
+nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der
+verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch
+oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was
+er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen
+tadeln sollten, so werden mich doch die
+Strengen gewiß darum nicht schelten.«
+
+»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen
+recht,« antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel.
+Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem
+Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja
+nicht vom Stricke reden; aber macht nur den Brief
+und ich will mein Maul halten.«
+
+Don Quijote nahm die Schreibtafel, ging beiseite
+und schrieb mit vieler Andacht den Brief
+nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei
+und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle,
+damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die
+Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil
+er von seinem Unglück alles zu fürchten habe.
+
+Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur
+drei- oder viermal im Buche nieder und gebt es
+mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu
+glauben, daß ich's im Gedächtnisse behalten könnte,
+ist nur Narrheit, denn mein Gedächtnis ist so
+schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse.
+Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich
+werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist
+gewiß wie gegossen.«
+
+»Höre zu, denn also lautet er,« sagte Don
+Quijote.
+
+
+ ~Don Quijotes Brief an Dulzinea
+ von Toboso.~
+
+ Monarchin! Erhabene Herrscherin!
+
+Der von der Trennung tief Verwundete, der
+von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir,
+o süßeste Dulzinea von Toboso, das: Wohl sei Dir!
+welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt,
+wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn
+Deine Verschmähung zu meiner bitteren Qual gereicht,
+obgleichen ich schon im Leiden geübt, so vermag
+doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren,
+die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend
+ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir,
+o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu
+erzählen, auf was Weise ich zu Liebe Dir
+zurück verbleibe: gefällt es Dir, mir beizustehen,
+so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu
+Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend
+habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit
+genug getan, wie meinem Wunsche.
+
+ Der Deinige bis in den Tod.
+
+ Der Ritter von der traurigen Gestalt.
+
+»Bei meines Vaters armer Seele,« rief Sancho
+aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das
+erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen
+ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie
+man's nur wünschen kann und wie herrlich schraubt
+es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter
+von der traurigen Gestalt. Meiner Seel, ich sage
+doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es
+gibt gar nichts, was Ihr nicht könntet.«
+
+»Alles«, antwortete Don Quijote, »ist in dem
+Amte, welches ich bekleide, vonnöten.«
+
+»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch
+auf einem andern Blatte den Zettul wegen der
+drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar
+und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.«
+
+»Gern,« sagte Don Quijote, und nachdem er
+geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor:
+
+»Bitte Ew. Wohlgeboren, meine liebe Nichte,
+auf diesen Schein über Eselsfüllen, dem Sancho
+Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen,
+die im Hause geblieben, zu überliefern. Solche
+drei Füllen bitte ihm als Bezahlung für gleichmäßige
+Valuta zu reichen, die bar empfangen.
+Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen.
+Gegeben im Innern des schwarzen Gebirges,
+am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt
+laufenden Jahres.«
+
+»Es ist gut,« sagte Sancho, »nun unterschreibet
+nur.«
+
+»Das Unterschreiben ist nicht nötig,« sagte Don
+Quijote, »sondern ich will nur meinen Namenszug
+hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift
+für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert
+wären.«
+
+»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden,« antwortete
+Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den
+Rosinante satteln und Ihr erteilt mir Euren Segen;
+denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten
+weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt,
+und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe,
+als nur mein Herz wünschen konnte.«
+
+»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur weil
+es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt
+sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten
+vollführen, denn ich will sie in weniger
+als einer halben Stunde fertig haben; hast du
+diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf
+alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst,
+wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges
+sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir
+vorgesetzt habe.«
+
+»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt
+mich Euch nicht nackend sehen, denn das würde
+mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte,
+und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so
+schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben
+habe, daß ich das Heulen nicht von neuem
+anfangen mag: gefällt es Euch aber, daß ich ihrer
+etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie
+doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten,
+die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist
+dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt,
+es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich
+Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie
+wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme
+sich die Dame Dulzinea nur in acht, denn wenn sie
+nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör' ich
+hoch und teuer, ich will Ihr die schickliche Antwort
+mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen
+herausholen, denn warum soll man's denn leiden,
+daß ein so berühmter irrender Ritter wie Ihr seid,
+um nichts und wieder nichts unsinnig wird für
+eine -- -- --. Die gute Dame soll mich nur nicht
+ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst
+ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich
+bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber
+meiner Seel, wenn sie mich kennt, so mag sie mich
+zum Frühstück nehmen.«
+
+»Wahrlich, Sancho,« sagte Don Quijote, »dem
+Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.«
+
+»So unsinnig bin ich nicht,« antwortete Sancho,
+»aber hitzköpfiger; doch, von was anderem, was
+werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme?
+Wollt Ihr wie Cardenio auf der Straße
+lauern und die Hirten plündern?«
+
+»Sei deshalb unbesorgt,« antwortete Don Quijote,
+»denn hätte ich gleich andere Speise, so würde
+ich doch nichts als die Krauter dieser Wiese und
+die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen,
+denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung,
+nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.«
+
+Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger
+Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht
+wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist
+gar zu abgelegen.«
+
+»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich
+will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen,«
+sagte Don Quijote, »auch werde ich darauf denken,
+oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen,
+um mich droben umzusehen, ob du nicht
+wiederkommst; das Beste und Sicherste aber wird
+sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß
+du von dem hier häufigen Ginster etwas nimmst
+und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das
+offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum
+Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden,
+wie der Faden dem Perseus aus dem
+Labyrinthe half.«
+
+»Das soll geschehen,« antwortete Sancho Pansa;
+er nahm Ginster, bat seinen Herrn um seinen
+Segen und unter häufigen Tränen von beiden
+Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den
+Rosinante, den ihm Don Quijote fleißig empfahl,
+daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst
+wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem
+flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit
+Zweige des Ginsters ausstreute, wie es ihm sein
+Herr geraten hatte: so entfernte er sich, obgleich
+ihn Don Quijote noch immer quälte, daß er bleiben
+möchte, um ihn etliche Tollheiten machen zu sehen.
+Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt,
+als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr
+habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich
+Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit
+ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum
+will ich um etliche bitten, obwohl das freilich die
+tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.«
+
+»Habe ich es dir nicht gesagt?« sagte Don Quijote,
+»warte, mein Sancho, in einem Vaterunser
+ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf
+die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir
+nichts dir nichts schlug er zweimal Rad und warf
+sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine
+in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie
+nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen,
+den Rosinante umzuwenden, völlig zufrieden und
+hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können,
+sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße
+ziehen, bis er wiederkommt, welches nicht lange
+dauern wird.
+
+
+
+
+ ~Zwölftes Kapitel~
+
+ Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don
+ Quijote als Verrückter im schwarzen Gebirge
+ unternahm
+
+
+Um auf das zurückzukommen, was der von der
+traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah,
+so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote
+mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte
+bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet,
+und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne
+weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg
+er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte
+noch einmal, was er schon oft überlegt hatte,
+ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich
+besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in
+seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen
+schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf
+er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich
+ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein
+von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare?
+denn am Ende war er doch immer bezaubert
+und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn
+nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt
+seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit
+siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich
+diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio
+half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in
+seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine
+Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren
+kommen; gewiß ist es, er verlor
+ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand
+und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab,
+wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem
+jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben
+des Agramant, geschlafen habe: und indem
+er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame
+ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte
+er nichts sonderliches darin, unsinnig zu
+werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten
+nachahmen, wenn ich ihn nicht auch
+in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte
+wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von
+Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit
+Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner
+Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie
+die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein
+hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr
+dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der
+rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf
+der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von
+Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten
+zu begehen, sich wohl als Verliebter
+noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte
+erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana
+verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als
+bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen:
+er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth
+zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und
+dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in
+seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete.
+Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich
+mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen,
+diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein
+Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren
+Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin,
+zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis!
+und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen,
+so gut er es nur kann: wenigstens soll
+man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden
+können, daß, wenn er große Taten nicht
+vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch
+nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet
+bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von
+ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans
+Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen
+des Amadis und lehrt mich, wie ich den
+Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere
+mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und
+dieses will ich auch tun. --
+
+Er zog hierauf einige große Galläpfel vou
+einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze
+dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte,
+war, daß er keinen Einsiedler auffinden
+konnte, dem er beichtete und mit dem er sich
+tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf
+der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in
+die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande
+niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen
+und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen,
+die man noch fand und die man noch lesen konnte,
+als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:
+
+Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter,
+die ihr auf dem Platze hier seid,
+ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter,
+wenn ihr euch des Unglücks nicht freut,
+so hört meine Klagen nun weiter.
+
+Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote,
+denn er ist so fürchterlich ja,
+so steht euch ein Bach zu Gebote,
+denn hier bewein' ich, Don Quijote,
+die Trennung von Dulzinea
+von Toboso.
+
+Hier ist er, der Ort, den erwählet
+der Liebende, ewig getreu,
+der ihn der Geliebten verhehlet,
+hier reißet der Schmerz ihn entzwei,
+er weiß nicht recht, was ihn so quälet.
+Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote,
+wie keinem es jemals geschah,
+drum welkt er wie Bohn' oder Schote
+denn hier bewein' ich, Don Quijote,
+die Trennung von Dulzinea
+von Toboso.
+
+Er suchte wohl hier Abenteuer
+in Orten, an Felsen so reich,
+er flüchtete dem Ungeheuer,
+doch hört er im wüsten Gesträuch
+von Leiden nur die alte Leier.
+Es peitscht ihn die Liebe zu Tode
+und bleibet zur Marter ihm nah,
+drum kratzt er den Kopf mit der Pfote,
+denn hier bewein' ich, Don Quijote,
+die Trennung von Dulzinea
+von Toboso.
+
+Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte
+der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea
+ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don
+Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea
+nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die
+Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch
+in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden
+hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt,
+sie erhielten sich nicht und nur diese drei
+Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und
+daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der
+Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und
+die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle
+antworten, Trost geben und zuhören möchten,
+unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich
+mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme:
+wenn dieser so drei Wochen weggeblieben
+wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der
+von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden,
+daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt
+hätte.
+
+Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und
+Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem
+Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete.
+Als er auf die große Straße gelangt war, machte
+er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte
+am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn
+das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er
+hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch
+schon so war, als wenn er wieder in den Lüften
+flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich
+es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt
+und gesollt hätte, denn es war um die
+Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen
+spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit
+vielen Tagen danach großen Hunger empfunden
+hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht
+an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß,
+sollte er einkehren oder nicht: wie er noch
+in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute
+aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von
+denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat,
+ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von
+dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte,
+daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen
+sei?«
+
+»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas
+Pferd gehört auch unserm Don Quijote.
+
+Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der
+Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren,
+die nämlichen, die das Verhör und Gericht über
+die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den
+Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten,
+begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören,
+liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn
+bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho
+Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?«
+
+Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm
+sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein
+Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein
+Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle
+und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich
+wichtig sei, die er aber nicht verraten
+dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.
+
+»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr
+uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist,
+so werden wir glauben, wie wir es schon glauben,
+daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn
+Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr
+müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es
+ergeht Euch übel.«
+
+»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich
+bin ein Mann, der keinen plündert und keinen
+umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder
+vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten
+im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust
+Buße tut.« -- Und zugleich erzählte er ihnen
+in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben
+sei, samt allen gehabten Abenteuern und
+wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso
+bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo,
+in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei.
+
+Die beiden standen voll Erstaunen über das,
+was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich
+sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben
+kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert,
+so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho
+Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die
+Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er
+sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und
+wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier
+im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der
+Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn
+er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho
+Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und
+suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und
+hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht
+hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten
+und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen
+hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie
+er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte,
+er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem
+Körper herum und sah und begriff zum zweiten
+Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne
+weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn
+halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen
+ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht
+und gegen die Nase gab, daß das Blut
+herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier
+sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei,
+daß er sich so übel begegne?
+
+»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete
+Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt,
+drei junge Esel verloren habe, wovon mir
+jeder so wert wie ein Palast war.«
+
+»Wie das?« fragte der Barbier.
+
+»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete
+Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und
+auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn,
+auf die mir die Nichte drei junge Esel von den
+vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im
+Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust
+seines Grauen erzählte.
+
+Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn
+er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung
+wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf
+Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich
+sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern
+würden nicht für gültig anerkannt.
+
+Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn
+dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er
+den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er
+wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben
+werden könnte, wo und wann sie es wollten.
+
+»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier,
+»wir wollen ihn gleich niederschreiben.«
+
+Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um
+den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er
+sich auf den einen Fuß und bald auf den andern,
+jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den
+Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom
+Finger heruntergebissen hatte und die beiden in
+der größten Erwartung standen, was er doch sagen
+würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause:
+»Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich
+das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen
+Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde:
+Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«
+
+»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen
+heißen, sondern vielleicht meine Königin oder
+Monarchin.«
+
+»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich
+darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam -- --
+-- -- wenn ich mich recht erinnere -- -- -- --
+der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete
+küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich
+unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß
+nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er
+schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende
+hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von
+der traurigen Gestalt.«
+
+Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte
+den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn
+sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und
+dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal
+sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf
+erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber
+er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm
+in der Schenke widerfahren war, in die er nicht
+einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr,
+wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute
+Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu
+machen und Kaiser zu werden oder wenigstens
+Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht,
+nach der Tapferkeit seiner Person und der
+Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding
+ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle
+er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl
+Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das
+Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die
+eine reiche und große Herrschaft auf dem festen
+Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache
+er sich nichts.
+
+Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem
+er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so
+ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten,
+indem sie erwogen, wie gewaltig Don
+Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den
+Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen
+habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm
+seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß
+dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe,
+wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten
+ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten
+ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines
+Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches
+und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe
+der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens
+Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme.
+
+Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren,
+wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten
+sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser,
+sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl
+wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren
+Stallmeistern zu geben pflegen.«
+
+»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer,
+»irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der
+etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet,
+die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«
+
+»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho,
+»daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß
+er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach!
+ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht
+die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir
+werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt,
+Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch
+sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«
+
+»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der
+Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und
+ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache
+machen, Kaiser und nicht Erzbischof
+zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein,
+denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«
+
+»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß
+ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat;
+was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben
+Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm
+am meisten diene und wobei er mir das meiste
+geben kann.«
+
+»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der
+Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter
+Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist
+auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen
+Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt;
+damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich
+essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in
+diese Schenke hineingehen.«
+
+Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten,
+er aber wolle draußen warten und ihnen nachher
+die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe
+und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er
+sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas
+Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante.
+Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach
+einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu
+essen.
+
+Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich,
+wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der
+Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz
+in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war,
+wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich
+dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine
+irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich,
+so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen
+möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don
+Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte
+Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von
+ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer
+irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber,
+um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen
+möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln,
+in das sie ein schlechter Ritter verwickelt
+habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht
+befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben,
+auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten,
+bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade
+gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in
+dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte,
+und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und
+nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es
+möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit
+zu heilen.
+
+
+
+
+ ~Dreizehntes Kapitel~
+
+ Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet,
+ nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte
+ vorgetragen zu werden
+
+
+Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers
+nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich
+zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von
+der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür
+der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum
+Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen
+weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze,
+an dem der Wirt seine Kämme aufhing.
+Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen
+anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich
+Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung
+dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge
+herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der
+Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß
+dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und
+der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse;
+sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich
+mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu
+verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg.
+Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie
+man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm
+nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer
+Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt
+waren, hierauf ein Leibchen von grünem
+Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles
+aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien.
+Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte,
+sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes
+Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte,
+und um die Stirn band er ein Strumpfband von
+schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband
+machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich
+gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er
+sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er
+ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf
+er noch einen langen Mantel überwarf und sich
+quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg
+seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf
+den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche
+spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze
+eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen
+von allen Abschied, auch von der braven Maritorne,
+die, so sündhaft sie auch selber sei, einen
+Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen
+Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche
+Unternehmung, die sie unternommen hatten,
+glücklich beendigen möchten.
+
+Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als
+dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm
+nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren,
+sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester,
+wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so
+gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den
+Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß
+er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle
+der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte
+weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er
+fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den
+Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte.
+Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug
+lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der
+Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte,
+sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete
+ihn, wie er sich gebärden und welche
+Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe,
+um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu
+gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner
+unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete,
+daß er selbst seine Lektion wüßte und sie
+gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte
+sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der
+Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also
+den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen
+Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von
+Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was
+ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im
+Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig
+den Fund des Mantelsacks und das, was er in
+diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm
+er auch war, so war dieser brave Herr doch gut
+auf sein Bestes bedacht.
+
+Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo
+Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut
+hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er
+seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte,
+sagte er, daß dieses der Eingang sei, und
+daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies
+nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie
+hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und
+diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen
+Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien,
+welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr
+nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie
+wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte,
+wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an
+Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und
+weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche
+Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer
+Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen,
+weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch
+und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären
+sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen
+und ihn so anzufrischen, daß er sich
+gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot
+zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber
+solle er ohne Sorgen sein.
+
+Sancho hörte alles an und prägte es sich gut
+ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht,
+daß sie seinem Herrn zureden wollten, er
+möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er
+seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die
+Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr
+als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte
+auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn
+zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame
+zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend,
+ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so
+viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien
+das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort
+zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen
+Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.
+
+Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein
+und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein
+kleiner friedlicher Bach murmelte und auf dem
+Felsen und einige Bäume einen angenehmen frischen
+Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es
+war im August, in welchem Monat die Sonne dort
+sehr heiß brennt; drei Stunden nach Mittag waren
+verflossen, welches alles ihnen diesen Ort sehr
+angenehm machte und sie einlud, hier die Rückkehr
+des Sancho zu erwarten, wie sie auch taten. Indem
+die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen
+sie eine Stimme, die ohne den begleitenden Ton
+eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber
+sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie
+hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute
+Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft
+erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden
+Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies
+mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit;
+da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die
+sie singen hörten, kein Lied eines Bauern sein
+könne, sondern von einem feinen Manne herrühren
+müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die
+Verse, die sie hörten, waren folgende:
+
+Wer hat mir zerstört mein gutes Glücke?
+Die Tücke.
+Und was macht mich nun in Qual vergehen?
+Verschmähen.
+Welcher Lehrer, daß ich dulden lerne?
+Die Ferne:
+
+und also machen bessre Sterne
+mir niemals lichtern Himmel offen,
+vereinigt töten mich das Hoffen,
+Verschmähen, Tücke, wie die Ferne.
+
+Wer macht mir mein Leben schwarz und trübe?
+Die Liebe.
+Und wer scheucht die Freude weit zurücke?
+Das Glücke.
+Und wer weigert mir zu sein ein Retter?
+Die Götter:
+Und also brechen tausend Wetter
+daß ich muß ein Verlorner sein
+nur zum Verderben auf mich ein,
+das Glück, die Liebe und die Götter.
+
+Wie kann ich ein beßres Glück erwerben?
+Durch Sterben.
+Und was macht, das uns die Lieb' erfreue?
+Untreue.
+Und für wen ist alles Leid verloren?
+Dem Toren:
+
+und also bin ich nur geboren,
+in meinem Leiden zu verschmachten,
+für Helfer sind ja nur zu achten
+Untreue, Sterben, oh, des Toren!
+
+Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und
+die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den
+beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung,
+sie hielten sich ruhig, indem sie noch
+mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß
+alles schwieg, beschlossen sie aufzustehen und den
+Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang,
+und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten,
+machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten,
+denn ein neuer Ton traf ihr Ohr und folgendes
+Sonett wurde gesungen.
+
+Sonett
+
+Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen
+Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen,
+Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen,
+Zu den gebenedeiten Himmelsreichen.
+
+Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen
+Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen,
+Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen,
+Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen.
+
+Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder,
+Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen,
+Er tötet schleichend jegliches Vertrauen.
+
+Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder,
+So wird die Welt den alten Krieg begonnen
+Und Zwietracht wieder als Regenten schauen.
+
+Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer und die
+beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie
+noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß
+sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen
+verkehrt hatte, beschlossen sie zu erfahren, wer der
+Traurige sei, dessen Stimme so schön, wie sein
+Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen,
+als sie, indem sie um einen Felsen bogen,
+einen Menschen von eben der Gestalt gewahr
+wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er
+von Cardenio erzählte. Als der Mensch sie erblickte,
+blieb er unverändert in seiner traurigen
+Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken
+und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die
+Augen aufzuschlagen oder sie noch einmal anzusehen.
+
+Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und
+schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an
+den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu
+und bat und beschwur ihn in wenigen, aber vernünftigen
+Worten, dieses unglückselige Leben zu
+verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches
+das allerhöchste Elend zu nennen sei. Cardenio
+war gerade bei vollem Verstande und ohne einen
+Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm
+selbst entfernte; da er also die beiden sah, anders
+gekleidet als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien
+aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig,
+noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer
+Sache reden hörte, die man kannte; auf das aber,
+was ihm der Pfarrer gesagt hatte, antwortete er
+mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer ihr auch
+sein mögt, meine Herren, daß der Himmel, der für
+die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft,
+wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein
+Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller
+Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit
+Eindringlichkeit und Vernunft, obgleich ich ohne
+diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier
+entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle.
+Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl
+möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne,
+wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen
+kann, ihr müßt mich also für einen Menschen
+von schwachem Verstande halten, oder, was noch
+schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und
+freilich wäre es kein Wunder, wenn ihr es tätet,
+denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige
+Bild meines Elendes so überwältigt hat
+und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich
+selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos
+wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung
+entbehre; darum muß ich alles glauben,
+was mir manche erzählen und mir durch Spuren
+beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener
+schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht.
+Ich kann nun nichts weiter tun, als vergeblich
+klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen
+und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem,
+der mich anhören will, mein Unglück erzählen,
+damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie
+sich nicht über die Folgen desselben wundern und
+wenn sie mir nicht helfen können, mich doch
+wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über
+meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt
+werden muß. Kommt ihr also, meine
+Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der
+schon manche hergekommen sind, so bitte ich euch,
+ehe ihr noch in euren gütigen Überredungen fortfahrt,
+die Geschichte meines Unglücks anzuhören,
+weil ihr vielleicht nachher selber eure Mühe unnütz
+findet, mir in meinem Elende Trost zu geben,
+das durchaus keinen Trost zuläßt.«
+
+Es war gerade der Wunsch der beiden, aus
+seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut
+zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte
+vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm
+keine andere Hilfe und keinen andern Trost anzubieten,
+als die er selber wünschen würde. Der
+traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte
+an und trug sie fast mit den nämlichen Worten
+und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quijote
+und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt
+hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und
+durch die Gewissenhaftigkeit Don Quijotes, den Gesetzen
+der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung
+abgebrochen wurde, wie es die Historie
+oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück,
+daß sie durch keinen Anfall von Wahnsinn gestört
+wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu
+Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando
+im Amadis von Gallia den Brief fand, sagte
+Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb
+sagte er ihn mit diesen Worten her:
+
+Lucinde an Cardenio.
+
+›Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch,
+die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem
+hochzuschätzen, wenn Ihr mich also von meinen
+Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre
+bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun.
+Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich
+liebt, und der ohne mich zu zwingen Euch das bewilligen
+wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr
+mich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es
+glaube.‹
+
+Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt,
+bewogen, um Lucinden als meine Gemahlin anzuhalten,
+und durch dieses Blatt wurde Fernando in
+seiner Meinung bestätigt, Lucinden für das verständigste
+und klügste Mädchen seiner Zeit zu
+halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch,
+mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch
+in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando
+was mir Lucindens Vater erwidert hatte, daß es
+meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich
+es aber nicht wagte, es ihm zu sagen, aus Furcht,
+daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil
+ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Lucinde
+unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären
+hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen
+Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriff
+wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich
+so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der
+Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich
+sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit
+meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur
+dies Hindernis, sondern noch manches andere mache
+mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne, was;
+es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals
+in Erfüllung gehen würden.
+
+Don Fernando antwortete mir, daß er es über
+sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und
+ihn dahin zu bringen, daß er mit Lucindens Vater
+redete. -- O du ehrsüchtiger Marius! grausamer
+Catilina! schändlicher Sylla! verräterischer Galalon!
+du hinterlistiger Vellido! rachsüchtiger Julian! o
+habsüchtiger Judas! du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger,
+Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche
+getan, der dir so offen die geheimsten
+Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich
+dich beleidigt? Welchen Rat habe ich dir je gegeben,
+welches Wort jemals gesprochen, das nicht
+hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück
+zu befördern? Aber worüber klag' ich, Elender!
+es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne
+Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt
+und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft
+des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des
+Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben
+können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller
+Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten,
+der so angesehen war, daß er nur wählen durfte,
+um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht
+ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt
+hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will
+diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen
+und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen
+Geschichte anknüpfen.
+
+Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich
+war, um seine schändliche Falschheit auszuüben,
+beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder
+zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem
+für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb
+gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine
+verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er
+kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot,
+mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte,
+daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte.
+Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte
+ich sie nur ahnden? Weit davon entfernt, bot ich
+mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an,
+sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft
+hielt. In derselben Nacht sprach ich mit
+Lucinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando
+verabredet habe, und daß sie die feste Hoffnung
+fassen könne, daß nun unsere tugendhaften
+Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich,
+vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie
+ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei
+überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein
+Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung
+zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah,
+aber indem sie es gesagt hatte, wurden ihre Augen
+von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle,
+so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, obgleich
+es mir schien, sie habe mir noch vieles zu
+sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich
+noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn
+so oft das gute Glück und meine Sorgfalt uns eine
+Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch
+jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere
+Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht
+einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß
+der Himmel mir sie zur Geliebten vergönnt habe,
+ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz
+und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit
+ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen
+schien. Nebenher erzählten wir uns tausend lustige
+Vorfälle von unseren Nachbarn und Bekannten,
+und das höchste, was meine Kühnheit dann wagte,
+war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt
+zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des
+niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem
+Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem
+traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte
+und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und
+Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte
+Traurigkeit Lucindens. Um aber meine
+Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles
+der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den
+wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich
+innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich
+endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken
+und Argwohn, ohne daß ich wußte oder
+erdenken konnte, was ich argwöhnte; Zeichen, die
+mir den traurigen Erfolg und das Unglück, das
+meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben.
+
+Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich
+überreichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando.
+Man empfing mich freundlich, fertigte mich
+aber nicht so freundlich ab, sondern ich erhielt zu
+meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht
+Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der
+Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder
+schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen
+Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur
+eine Erfindung des falschen Fernando, denn es
+fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich
+abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe
+dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir
+unmöglich, so viele Tage von Lucinden entfernt zu
+leben, besonders da ich sie so schwermütig verlassen
+hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein
+redlicher Diener, obgleich ich einsah, daß es auf
+Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier
+Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich
+aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich
+sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Lucindens
+Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn
+nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen
+haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn
+sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur
+selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer
+ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf
+dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie
+er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei um
+die Mittagstunde, als ihm aus einem Fenster eine
+Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß und
+zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: Wenn Ihr
+ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so
+bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich
+nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an
+die er gerichtet ist; es ist ein gutes Werk, womit
+Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset,
+damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt
+das, was in dem Tuche ist. Und wie sie dies gesagt
+hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch
+herab, in dem hundert Realen eingebunden
+waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger
+habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort
+abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück,
+doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das
+Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß
+ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun
+für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt
+sah und aus der Überschrift erkannte, daß der
+Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich
+sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen
+Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das
+Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief
+selbst zu überliefern; seitdem sind sechszehn Stunden
+verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt
+habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.
+
+Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich,
+von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen,
+daß ich mich kaum aufrechterhalten konnte. Ich
+erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt:
+
+»Das Versprechen, welches Don Fernando Euch
+gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen
+zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu
+Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur
+Gemahlin begehrt hat und mein Vater, von Don
+Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht,
+verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb
+zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll,
+und zwar so verborgen und geheim, daß nur der
+Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeugen
+sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen;
+wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch
+liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben.
+Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich
+mich gezwungen sehe, die Meinigen mit dem zu
+verbinden, der so schlecht die versprochene Treue zu
+halten weiß.«
+
+Dies war der Inhalt des Briefes, der mich
+sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort
+oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein,
+daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens,
+den Don Fernando bewogen hatte, mich
+zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don
+Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren,
+den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und
+der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn
+ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern
+Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Lucinden
+zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin
+und ließ mein Maultier in dem Hause des braven
+Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es
+fügte sich so glücklich, daß ich Lucinden gerade am
+Gitterfenster traf, dem Zeugen unserer Liebe. Lucinde
+sah mich gleich und ich sah sie, aber nicht so,
+wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber
+in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt
+und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu
+kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner.
+Wie mich Lucinde erblickte, sagte sie: Cardenio,
+ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten
+schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger
+Vater, nebst anderen Zeugen, die wohl Zeugen
+meines Todes, aber niemals meiner Vermählung
+sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber
+Freund und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu
+sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so
+soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle
+Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt
+und du anfängst, meine Liebe zu dir völlig zu erkennen.
+
+Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich
+fürchtete, gestört zu werden: Laß, Geliebte, deine
+Taten deine Worte wahr machen, führst du einen
+Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein
+Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen,
+wenn uns das Glück entgegen ist. Ich
+glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie
+riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete.
+Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein,
+die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft,
+ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß
+in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung
+verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine
+Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich
+ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging
+in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und
+Eingänge kannte, noch mehr mich aber der Tumult
+begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen
+zu werden. Ohne bemerkt zu werden, begab ich
+mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von
+herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß
+ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die
+Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken
+mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich
+kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so
+viele und von solcher Art drängten sich mir auf,
+daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam
+trat endlich ohne weiteren Schmuck in den
+Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider.
+Als Zeuge kam ein Verwandter Lucindens mit ihm
+und weiter war niemand im Saale zugegen, als
+Diener des Hauses. Bald darauf erschien Lucinde
+aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und
+zwei Mädchen begleitet; ihre Kleidung war so schön
+und reich, wie es ihr Stand und ihre Schönheit
+verdienten und so schön, als sich der Putz mit edler
+Pracht gepaart erweisen kann. Meine Angst und
+Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer
+zu betrachten, ich merkte nur die Farben
+Rot und Weiß und den Glanz der Edelgesteine,
+die auf dem Kopfe schimmerten, wie auf ihrem
+ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer
+glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde,
+so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem
+Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale
+waren, wetteiferten und ihr Schimmer dennoch den
+Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind
+meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die
+unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin
+vorzustellen? Wär' es, grausames Gedächtnis,
+nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals
+tat, damit ich von so unendlicher Beleidigung
+empöret, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens
+dies Leben verliere? -- Laßt es euch, meine
+Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit
+anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß,
+daß ich sie nicht kürzlich und in wenigen Worten
+erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in
+meinen Augen eine lange Rede.«
+
+Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig
+verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauern
+Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären,
+denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie
+nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen
+ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten
+schenken müsse.
+
+»Indem ich also im Saale wartete,« fuhr Cardenio
+fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein,
+faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie
+vorzunehmen, indem er sagte: Wollt Ihr,
+Fräulein Lucinde, diesen hier gegenwärtigen Don
+Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es
+die heilige Mutter Kirche befiehlt? Ich stürzte mit
+Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich
+hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und
+mit verwirrter Seele, um Lucindens Antwort zu
+vernehmen, das Urteil meines Todes oder die Bestätigung
+meines Lebens! O wär' ich doch damals
+hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Lucinde!
+Lucinde! bedenke, was du tust, erwäge, was du
+mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist,
+und daß du keinem andern angehören darfst!
+Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines
+Lebens ein und dasselbe ist. Ha! Verräter Don
+Fernando! du Räuber meines Glücks, du Tod
+meines Lebens! Was willst du? Was verlangst
+du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel
+deiner Wünsche erlangen kannst, denn Lucinde ist
+meine Gattin und ich bin ihr Gemahl!
+
+O ich Tor! jetzt abwesend und fern von der
+Gefahr, jetzt erzähl' ich, was ich damals hätte tun
+sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein
+köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber,
+an dem ich mich rächen konnte, hätte ich ein
+Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle,
+Klagen auszustoßen: nun gut, ich war damals ein
+Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zuviel,
+wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in
+Reue und Wahnsinn. -- Der Priester erwartete
+Lucindens Antwort, die lange zögerte, und als ich
+nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich
+zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die
+Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem
+Besten zu enttäuschen, da hörte ich, daß sie mit
+schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das
+nämliche sagte Don Fernando, die Ringe wurden
+gewechselt, das unauflösliche Band war geknüpft.
+Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber
+sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank
+ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter.
+
+Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen
+hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die
+Worte und Versprechungen Lucindens falsch fand
+und die Möglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das
+Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke
+verloren hatte; da verließ mich jeder Gedanke,
+mir war's, als würde der Himmel mir abtrünnig,
+als trüge die Erde mich nur als ihren
+Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern
+Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt:
+nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich
+vor Wut und Eifersucht mich an allen Adern
+brennen fühlte.
+
+Alle waren durch Lucindens Ohnmacht verwirrt;
+die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr
+Luft zu machen und fand ein zusammengelegtes
+Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und
+es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt
+hatte, sank er in einen Stuhl und stützte
+den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken
+versunken, ohne den übrigen zu helfen,
+seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so
+alle Leute des Hauses im Tumulte sah, beschloß
+ich, fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen
+möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man
+mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze
+Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung
+des falschen Fernando erführe, sowie den
+Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber
+mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt
+hat, wenn es größere gibt, führte es so,
+daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft
+fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne
+also an meinem ärgsten Feinde Rache zu nehmen,
+wie ich leicht gekonnt hätte, wär' ich nicht von
+allen Gedanken verlassen worden, beschloß ich, die
+Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben.
+Ich war also grausamer gegen mich, wie ich
+gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet
+hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber,
+der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet,
+ermordet sich unaufhörlich, ohne sein
+Leben zu beschließen.
+
+Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier
+stand; ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied
+zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es,
+wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts
+zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen
+Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte
+und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob
+ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich
+einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen
+begleitete ich die Namen Lucinde und Don Fernando,
+als wenn sie dadurch das Unrecht büßten,
+das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie
+grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich
+aber habsüchtig, weil sie von den Reichtümern
+meines Feindes geblendet, mich verlassen
+und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit
+mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult
+dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie
+dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der
+Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie
+konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen
+reichen, schönen und vornehmen Mann gaben, ohne
+den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen
+handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches
+ihrem guten Namen und ihrer Ehre so nachteilig
+war. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen
+dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten
+sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen,
+denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten
+sie selbst keinen besseren Gatten für ihre
+Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt
+nachgegeben hätte und die Hand gereicht,
+hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben,
+daß ich kommen und alles das bestätigen
+werde, was sie so gut gefunden hätte, zu erdichten.
+Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig
+Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe
+sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen,
+womit sie mich getäuscht und in meiner
+festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen
+hingehalten hatte. So schreiend und in dieser
+Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit
+Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange
+dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne
+Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf
+Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite
+dieser Berge liegen, und etliche Schäfer nach der
+wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen
+mir diese Gegend nach und sogleich begab ich mich
+mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu
+endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis
+kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger
+tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so
+unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu
+Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert,
+ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung
+meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag
+ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf
+ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich
+bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten
+beigestanden haben, denn sie erzählten mir,
+wie sie mich angetroffen hätten, und daß ich so
+vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt,
+daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren
+habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden,
+daß er nicht immer hinreichend stark ist,
+sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend
+Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch
+die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und
+vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin
+wiederhole, meine Absicht ist dann, mir mit diesem
+Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann
+wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so
+matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann.
+Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines
+geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden
+Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten,
+die in diesen Bergen streifen, legen mir,
+aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen
+Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehe
+und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht
+Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt
+der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt
+in mir die Begierde, sie zu nehmen und sie zu verzehren.
+Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne
+begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und
+nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie's mir auch
+aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem
+Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies
+elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel
+gefallen wird, es zu beschließen, oder mein Gedächtnis
+so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit
+und des Verrats Lucindens, sowie Don Fernandos
+Schändlichkeiten gedenke, geschieht das vor meinem
+Tode, so will ich meine Gedanken anders richten,
+wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner
+Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle
+ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper
+aus diesem Elend zu reißen, in das ich mich freiwillig
+gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die
+trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun,
+ob ich weniger empfinden kann als wie ihr an
+mir gesehen habt? Gebt euch darum keine Mühe,
+mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir
+so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten
+Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will.
+Ich will keine Wohlfahrt ohne Lucinden, und da sie
+einen andern erwählt hat, indem sie die Meine
+war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück,
+da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie
+machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig,
+ich will mich selbst verderben und dadurch
+ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein
+Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen
+Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß
+ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich
+um so grössere Marter, weil ich glaube, daß sie
+sich nicht mit dem Tod endigen werden.«
+
+Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die
+Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem
+ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte,
+unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und
+sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der
+vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn
+hier beschließt den dritten der weise und genaue
+Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 ***
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+ Leben Und Taten Des Scharfsinnigen Edlen | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und
+Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich
+offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht wird nicht
+geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>.
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot4 illowp46" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s4 center">Leben und Taten<br>
+des scharfsinnigen Edlen</p>
+
+<h1>Don Quijote von la Mancha</h1>
+
+<p class="p3 s5 center">von</p>
+
+<p class="p2 mbot2 s2 center">Miguel de Cervantes Saavedra</p>
+
+<p class="p4 mbot4 s3 center">Erster Band</p>
+
+<p class="p4 center">Übersetzt von Ludwig Tieck</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<p class="s5 mbot4 center">Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig</p>
+
+<p class="p4 s5 center">Holzfreies Papier<br>
+Druck von Philipp Reclam jun.<br>
+Leipzig</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h2>Prolog</h2>
+</div>
+
+<p>Müßiger Leser. — Ohne Schwur magst du mir
+glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind
+meines Gehirns, wäre das schönste, lieblichste und
+verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich
+habe aber unmöglich dem Gesetze der Natur zuwiderhandeln
+können, daß jedes Wesen sein ähnliches
+hervorbringt. Was konnte also mein unfruchtbarer,
+ungebildeter Geist anders erzeugen als die Geschichte
+eines dürren und welken Sohnes, der wunderlich und
+voll seltsamer Gedanken ist, die vorher noch niemand
+beigefallen sind: wie erzeugt sich's auch gut in einem
+Gefängnisse, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist
+und alles traurige Geräusch seine Wohnung hat?
+Ruhe, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit
+der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel
+der Quellen, diese Begünstigungen machen selbst
+die unfruchtbarsten Musen fruchtbar und teilen der
+Welt Werke mit, die Bewunderung und Frucht erregen.
+Ein Vater hat wohl einen häßlichen unliebenswürdigen
+Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt,
+knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine
+Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit
+und geistreiche Züge hält und sie allen seinen Freunden
+für Witz und Scharfsinn anrechnet. Ich aber,
+wenn ich auch der Vater scheine, bin nur der Gevatter
+des Don Quijote und will nicht dem Strome der gewöhnlichen<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser,
+wie wohl andere tun, mit Tränen in den Augen
+bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde
+wahrnimmst, vergeben oder übersehen mögest; denn
+du bist ja weder sein Verwandter noch sein Freund,
+du hast deine Seele für dich in deinem Körper, so uneingeschränkten
+Willen, daß einem das Herz im Leibe
+lacht, du bist in deinem Hause und darin so unumschränkter
+Herr, wie der König in seinen Domänen,
+und du weißt das Sprichwort recht gut zu schätzen,
+daß jeder in seinen vier Pfählen der Klügste ist. Dies
+zusammengenommen befreit und erlöst dich von jeder
+Achtung und Verpflichtung, und du kannst also von
+dieser Geschichte sagen, was dir gut dünkt, ohne
+Furcht, daß man dich für das Böse, das du sprichst,
+schelten, noch für das Gute, welches du von ihr redest,
+belohnen wird.</p>
+
+<p>Ich wollte dir diese Geschichte nackt und bloß
+überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne
+die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette,
+Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor
+den Anfang der Bücher zu setzen pflegt. Denn ich
+muß dir sagen, ob mir das Buch auszuarbeiten
+wohl einige Mühe kostete, ich doch die für die
+größte halte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt
+liesest. Ich habe oft die Feder genommen, um zu
+schreiben, und sie ebenso oft wieder hingeworfen,
+weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte: indem
+ich nun nachdenkend bin, das Papier vor mir, die
+Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem
+Tische und die Hand an der Wange, wohl sinnend,
+was ich sagen solle, tritt ein Freund von mir, der
+munter und verständig ist, herein, und wie er mich<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span>
+so schwermütig sieht, fragt er nach der Ursache; ich
+verhehlte sie ihm nicht, sondern sagte, wie ich auf
+den Prolog sönne, den ich zur Geschichte des Don
+Quijote machen wolle, und daß mich dies so anstrenge,
+daß ich ihn gar nicht machen und ebensowenig die
+Taten dieses edlen Ritters ans Licht stellen wolle.
+Soll ich denn nun nicht darüber in Sorgen sein, was
+der alte Gesetzgeber, der Haufen genannt, sagen wird,
+wenn er nun sieht, wie nach so vielen Jahren, in
+denen ich im Stillschweigen und Vergessenheit geschlafen
+habe, ich nun nach so manchem Jahre mit
+einer Lektüre hervortrete, trocken wie eine Binse,
+ohne Erfindung, mit schlechtem Stil, arm an Ideen
+und gänzlich ohne Gelehrsamkeit und Literatur,
+ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen
+am Ende des Buchs, wie ich doch sehe,
+daß andere Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte
+und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles,
+Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken,
+worüber sich alsdann die Leser verwundern und die
+Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer
+halten! Wenn sie dann aber gar die Heilige Schrift
+zitieren! Dann muß man sie vollends für Sankt
+Thamasse oder andere Lehrer der Kirche halten, indem
+sie eine so treffliche Schicklichkeit beobachten,
+daß sie in einer Zeile einen Verliebten schildern und
+in der folgenden eine christliche Predigt halten, so daß
+es eine Lust ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses
+mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande
+nichts bemerkt und am Ende nichts angemerkt, noch
+weniger weiß ich, welchem Autor ich folge, um sie,
+wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Abc
+zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span>
+mit dem Xenophon oder Zoylus oder Zeuxis endigen,
+wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler
+war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange
+an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten,
+die Herzöge, Marquis, Grafen, Bischöfe, Damen und
+weltberühmte Poeten zu Verfassern haben. Wenn
+ich freilich zwei oder drei meiner vertrauten Freunde
+bäte, so weiß ich wohl, daß ich Verse bekommen
+könnte, und zwar solche, daß ihnen jene nicht gleichkämen,
+die von den angesehensten Verfassern in
+unserm Spanien herrühren.</p>
+
+<p>»Kurz, mein liebster Freund,« so fuhr ich fort, »ich
+bin entschlossen, daß der Herr Don Quijote in den
+Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der
+Himmel ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die
+ihm jetzt mangeln, denn meine Unerfahrenheit und
+wenige Wissenschaft machen mich unfähig, ihm alles
+dies zu verschaffen, auch weil ich von Natur zu furchtsam
+und zu träge bin, das in Autoren aufzusuchen,
+die das nämliche sagen, was ich ohne sie sagen kann.
+Dies alles erzeugt in mir jene Angst und tiefe Schwermut,
+in der du mich gefunden hast: und das, was ich
+dir soeben erzählt habe, ist dazu mehr als hinreichende
+Ursache.«</p>
+
+<p>Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die
+Stirn, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte:
+»Bei Gott, erst jetzt komme ich aus meinem Irrtum,
+in dem ich so lange gelebt habe, seit ich Euch kenne,
+indem ich Euch nämlich nach allen Euren Handlungen
+immer für einen vernünftigen und verständigen
+Menschen gehalten habe. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr
+ebenso weit davon entfernt seid, wie es der Himmel
+von der Erde ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<p>Wie ist es möglich, daß so geringfügige Dinge,
+die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen,
+einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden
+und zu verwirren, dem es ein leichtes ist, durch weit
+größere Schwierigkeiten zu brechen? Wahrlich, dies
+ist nicht Mangel an Geschicklichkeit, sondern nur
+überflüssige Trägheit. Soll ich Euch den Beweis darüber
+führen? Nun so hört mir aufmerksam zu und
+Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand
+umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel,
+von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt
+und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt
+nicht Euren berühmten Don Quijote schenken wollt,
+das Licht und den Spiegel der ganzen irrenden
+Ritterschaft.«</p>
+
+<p>»Nun, so sagt doch,« erwiderte ich, »wie wollt
+Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen und das Chaos
+meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?«</p>
+
+<p>Worauf er antwortete: »Zuerst, was die Sonetten,
+Epigramme und Lobgedichte betrifft, die vor
+Eurem Buche fehlen und die von würdigen, angesehenen
+Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn
+Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu
+schreiben und sie nachher taufen, und Namen vorsetzen,
+welche Ihr nur immer wollt, Ihr könnt ja
+gar den Priester Johann von Indien oder den Kaiser
+von Trapezunt adoptieren, von denen ich weiß, daß
+sie berühmte Poeten sind. Sind sie es nicht gewesen,
+und es kömmt irgendein Pedant oder Bakkalaureus,
+die Euch deshalb necken und die Wahrheit bezweifeln
+wollen, so sollt Ihr das nur verachten, denn wenn
+sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es
+geschrieben habt.</p>
+
+<p>In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr
+auf dem Rand zitieren wollt und aus denen Ihr
+Sentenzen und Phrasen in Euer Buch aufgenommen
+habt, dürft Ihr nur einige Sentenzen und lateinische
+Brocken, die Ihr auswendig wißt, durcheinander
+werfen, oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe
+machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr
+von Freiheit oder Sklaverei sprecht:</p>
+
+<p class="center">
+<span class="antiqua">Non bene pro toto libertas venditur auro.</span><br>
+</p>
+
+<p>Gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius,
+oder wer es sonst gesagt hat. Sprecht Ihr von der
+Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde
+auf das:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Pallida mors aequo pulsat pede</span><br></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Pauperum tabernas, regumque turres.</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott
+auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich
+in die Heilige Schrift einbrechen, ja Ihr könnt so
+keck sein und die göttlichen Worte selbst aufführen:</p>
+
+<p class="center">
+<span class="antiqua">Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros.</span>
+</p>
+
+<p>Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so dürft Ihr
+nur das Evangelium anführen: <span class="antiqua">De corde exeunt
+cogitationes malae.</span> Kommt Ihr auf die Unzuverlässigkeit
+der Freunde, so ist gleich Cato da, der Euch
+sein Distichon anbietet:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Donec eris felix, multos numerabis amicos,</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Tempora si, fuerint nubila solus eris.</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und mit diesen und ähnlichen lateinischen Brocken
+halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches
+in unseren Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches
+ist. Was aber die Anmerkungen am Ende des<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>
+Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreist so
+machen. Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem
+Buche, so fallt nur auf den Riesen Goliat, und bloß
+mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten
+macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung
+ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese
+Goliat oder Goliath war ein Philister, den der Schäfer
+Daniel mit einem Steinwurf im Tale Terebintus
+tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in
+demselben Kapitel, welches davon handelt.</p>
+
+<p>Damit Ihr Euch aber auch als einen Mann zeigen
+könnt, der in den weltlichen Dingen und der Kosmographie
+bewandert ist, so dürft Ihr es nur so einrichten,
+daß Ihr in Eurem Buche einmal den Tagofluß
+wöhnt, augenblicks könnt Ihr wieder eine
+herrliche Anmerkung niederschreiben: Dieser Fluß
+Tago führt seinen Namen von einem Könige von
+Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich
+in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten
+Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß
+er Goldsand mit sich führe, usw. Sprecht Ihr von
+Räubern, so will ich Euch gleich die Geschichte des
+Cacus schenken, die ich auswendig weiß. Wenn
+liederliche Weiber vorkommen, so habt Ihr ja den
+Bischof von Mondonnedo, der Euch die Lamia, Lais
+und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches
+Ansehen setzen wird. Nennt Ihr Grausame, so
+bietet Euch Ovidius die Medea an. Nennt Ihr Zauberinnen,
+so hat Homerus die Calypso und Virgilius
+die Circe. Sollen es tapfere Feldherren sein, so gibt
+Julius Cäsar Euch selbst in seinen Kommentarien
+und Plutarch gibt Euch gleich tausend Alexander.
+Wollt Ihr von Liebe etwas abhandeln, so trefft Ihr,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>
+wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf
+dem Leo Hebräus, der Euch ein ganzes Maß vollzapfen
+wird. Mögt Ihr Euch aber nicht nach fremden
+Gegenden bemühen, so habt Ihr ja den Fonseca von
+der Liebe Gottes zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste
+so viel über diese Materie finden wird, als
+sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts
+weiter zu tun, als diese Namen zu nennen, oder diese
+Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurige
+aufzunehmen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen
+und Anmerkungen sorgen, denn ich
+schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben
+und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben
+will.</p>
+
+<p>Jetzt bleibt uns nur noch die Zitation der Autoren
+übrig, die man in anderen Büchern findet und die
+in dem Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen gibt es
+ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins
+von denen Büchern zu nehmen, in denen sie alle,
+wie Ihr sagt, von A bis Z zitiert sind. Das nämliche
+Abc könnt Ihr nun auch Eurem Buche anheften: sieht
+man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das
+nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht, und
+vielleicht ist doch einer oder der andere so einfältig,
+daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer
+einfachen, schlichten Erzählung gebraucht. Überdies
+wird es niemand untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt
+seid oder nicht, denn keiner kümmert sich darum.
+Ihr habt aber gar, wenn Ihr die Sache genau nehmt,
+aller der Sachen nicht nötig, die, wie Ihr sagt, Eurem
+Buche mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die
+Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte,
+die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+niemals anführt; auch gehört in die Erzählung erdichteter
+Narrheiten keine pünktliche Wahrheit oder
+Beobachtungen aus der Astrologie; auch die geometrischen
+Maße sind hier unnütz, sowie die Widerlegung
+der Argumente, deren sich die Rhetorik bedient; auch
+soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem
+das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine
+Art Mischung, die kein christlicher Verstand billigen
+sollte. Euer Hauptzweck ist, das darzustellen, was
+Ihr schreiben wollt, und je mehr Ihr das erreicht,
+je vorzüglicher wird Euer Buch sein, da Ihr Euch
+auch in Eurem Buche nichts weiter vorsetzt, als das
+Ansehen zu stürzen, in dem bei der Welt und dem
+Haufen die Ritterbücher stehen, so gehen Euch auch
+die Sentenzen der Philosophen, die Ermahnungen der
+Heiligen Schrift, die Fabeln der Poeten, die Figuren
+der Redner, die Wunder der Heiligen gar nichts an,
+sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in
+einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden
+Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich
+wohlklingend und anständig fortbewegen, und daß
+Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne
+Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu
+verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches
+der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher
+noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich
+ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere,
+daß der Ernste sie nicht verwerfe und der
+Klügere sie nicht verachte. Kurz, richtet es ins Werk,
+daß Ihr das schlecht gegründete Ansehen dieser Ritterbücher
+zerstört, die von so vielen gehaßt und von
+noch mehreren verehrt werden; gelingt Euch dies, so
+ist Euch nichts Kleines gelungen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich dem Rat
+meines Freundes zu und seine Gedanken waren mir
+so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu
+disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus
+ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun,
+freundlicher Leser, seinen Verstand findest, so wie
+mein Glück, daß ich ihn zu einer Zeit antraf, da mir
+guter Rat so nötig war, zugleich aber auch eine
+Freude für dich entdeckst, indem dir nun die aufrichtige
+und unverstellte Historie des berühmten Don
+Quijote von la Mancha geschenkt wird, der, wie alle
+Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der
+keuscheste Verliebte, sowie der tapferste Ritter gewesen
+ist, den man wohl seit vielen Jahren dort
+herum bemerkt hat. Ich will dir den Dienst nicht
+sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß
+ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen
+Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir,
+daß du mir für die Bekanntschaft seines Stallmeisters
+Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche
+Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen
+Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen
+wollen. Und hiermit beschütze dich Gott und vergiß
+mich nicht.</p>
+
+<p>Lebe wohl!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
+
+
+<h3>Auf das Buch<br>
+des Don Quijote von la Mancha</h3>
+</div>
+
+<p class="s4 mbot2 center">Urganda die Unbekannte</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Kommst du, o Buch zu Bra--</div>
+ <div class="verse indent20">So werden sie dich le--</div>
+ <div class="verse indent20">Und keiner wird verwe--</div>
+ <div class="verse indent20">So Plan wird Schreibart ta--</div>
+ <div class="verse indent18">Gerätst du unter Scha--</div>
+ <div class="verse indent20">So wirst du bald verneh--</div>
+ <div class="verse indent20">Wie schön sie dich verste--</div>
+ <div class="verse indent20">Begreif'n sie auch kein Com--</div>
+ <div class="verse indent20">Sie haben's sich vorgenom--</div>
+ <div class="verse indent20">Sie müssen's urteiln be--</div>
+ <div class="verse indent17">Weil nun Erfahrung sa--</div>
+ <div class="verse indent20">Daß, wer die Eiche su--</div>
+ <div class="verse indent20">Im frischen Schatten ru--</div>
+ <div class="verse indent20">So wirst du trefflich sa--</div>
+ <div class="verse indent17">Wenn Bejar dir will ra--</div>
+ <div class="verse indent20">Der Fürsten schon gebo--</div>
+ <div class="verse indent20">Jetzt blüht mit dem Herzo--</div>
+ <div class="verse indent20">Dem neuen Alexan--</div>
+ <div class="verse indent17">Du brauchst wohl keinen<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> an--</div>
+ <div class="verse indent20">Ist er dir nur gewo--</div>
+ <div class="verse indent20">Du sagst von dem Mancha--</div>
+ <div class="verse indent20">Die seltnen Abenteu--</div>
+ <div class="verse indent20">Ihn verrückten Leserei--</div>
+ <div class="verse indent20">Den Kopf zu seinem Scha--</div>
+ <div class="verse indent17">Die Waffen, Ritter, Da--</div>
+ <div class="verse indent20">Entzündten ihm ein Fie--</div>
+ <div class="verse indent20">Wie Roland dem Wüti--</div>
+ <div class="verse indent20">Er liebte so wie die--</div>
+ <div class="verse indent20">Bekannt' durch Taten die Lie--</div>
+ <div class="verse indent20">Zur Tobosischen Dulzi--</div>
+ <div class="verse indent17">Führt' nicht Inschrift und Sinn--</div>
+ <div class="verse indent20">Als Rittersmann im Schil--</div>
+ <div class="verse indent20">Er selbst statt tausend Bil--</div>
+ <div class="verse indent20">Handelt' weislich wohl darin--</div>
+ <div class="verse indent17">Hält er die Zuschrift gerin--</div>
+ <div class="verse indent20">So ist der zu bekla--</div>
+ <div class="verse indent20">Der es voll Mut gewa--</div>
+ <div class="verse indent20">Dies Ritterwerk zu schrei--</div>
+ <div class="verse indent20">Dann wird ihn keiner nei--</div>
+ <div class="verse indent20">Auf immer ist er geschla--</div>
+ <div class="verse indent17">Es hat sich nicht zugetra--</div>
+ <div class="verse indent20">Daß der Schreiber dich geschmük--</div>
+ <div class="verse indent20">Mit niedlichen kleinen Stük--</div>
+ <div class="verse indent20">Von der lateinschen Spra--</div>
+ <div class="verse indent17">Mag keiner dagegen was ha--</div>
+ <div class="verse indent20">Und drüber rezensi--</div>
+ <div class="verse indent20">Der wird Gesichter zie--</div>
+ <div class="verse indent20">Und halten ihn für tö--</div>
+ <div class="verse indent20">Der das ganze Buch verste--</div>
+ <div class="verse indent20">Hieher gehört keine Lati--</div>
+ <div class="verse indent17">Geklätsch sei wie deine Sa--</div>
+ <div class="verse indent20">Laß jeden des Weges ge--</div>
+ <div class="verse indent20">Das ist die beste Re--</div>
+ <div class="verse indent20">So kommst du nie zu<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Scha--</div>
+ <div class="verse indent17">Die gerne andre schla--</div>
+ <div class="verse indent20">Geh' ihnen aus der Stras--</div>
+ <div class="verse indent20">Und trübe selbst kein Was--</div>
+ <div class="verse indent20">Erwirb dir gut Gerüch--</div>
+ <div class="verse indent20">Denn wer Torheit erdich--</div>
+ <div class="verse indent20">Erregt gerechte Has--</div>
+ <div class="verse indent17">Sei niemals also wü--</div>
+ <div class="verse indent20">Die Steine zu Hand zu neh--</div>
+ <div class="verse indent20">Die Fenster sind ja glä--</div>
+ <div class="verse indent20">Mußt nicht nach dem Nächsten zie--</div>
+ <div class="verse indent17">Es ist keinem Manne gebüh--</div>
+ <div class="verse indent20">Wer nicht Vernunft verloh--</div>
+ <div class="verse indent20">Der schont ja gern der To--</div>
+ <div class="verse indent20">Wer aber nur gesun--</div>
+ <div class="verse indent20">Wohl zu gefallen den Jun--</div>
+ <div class="verse indent20">Hat selbst für Narren geschrie--</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p class="p4 mbot2 center">Amadis von Gallia an Don Quijote<br>
+von la Mancha</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In meinem Leid hab' ich dich zum Genossen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ich der Ferne, Arme, der Verwaiste</div>
+ <div class="verse indent0">Einst nach dem großen Felsen Armut reiste</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Freudigkeit in Trübsal hingestoßen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie mir, so sind die Augen dir geflossen</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Tränenstrom, in dem das Salz das meiste,</div>
+ <div class="verse indent0">Du warst zufrieden, wie man dich auch speiste,</div>
+ <div class="verse indent0">Hast Erdensohn das Irdische genossen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sei sicher, daß du ewiglich wirst leben,</div>
+ <div class="verse indent0">So lange nur Apoll den goldnen Wagen</div>
+ <div class="verse indent0">Noch lenkt vom roten Morgen nach dem Westen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Stets wird man dir den Ruhm des Tapfern geben,</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Land wird schönen Preis von dannen tragen.</div>
+ <div class="verse indent0">Und deinen Weisen hält man für den Besten.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Don Belianis von Graecia an Don Quijote
+von la Mancha</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich tobte, schlug, zerstörte baß verwegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mehr als ein Rittersmann jemals bewiesen;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich war so stolz als tapfer, künstlich unterwiesen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich rächte die Beschwer mit tausend Schlägen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Den Taten mein kommt ew'ger Ruhm entgegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Liebender manch' Träne ließ ich fließen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Zwerglein waren mir die größten Riesen,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Kampfe mocht ich all' zu Boden legen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zu meinen Füßen lag das Glück geschmieget,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Stirnhaar wußte Klugheit doch zu finden</div>
+ <div class="verse indent0">Am Glück, wenn's auch ganz kahle Scheitel bote.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mags, daß mein Ruhm jenseit dem Monde flieget,</div>
+ <div class="verse indent0">Und aller Tatenglanz mir muß erblinden,</div>
+ <div class="verse indent0">Beneid' ich deine Größe, Don Quijote.</div>
+ <div class="verse"></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Die Dame Oriana an Dulzinea von Toboso</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lebt' ich wie du in sanfter Ruhe Schoße,</div>
+ <div class="verse indent0">So gönnt' ich dir, o schöne Dulzinea,</div>
+ <div class="verse indent0">Das prächtige London ach! mit Freuden ja,</div>
+ <div class="verse indent0">Hätt' ich dafür gewohnt dort in Tobose!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du warst dem Ritter seine süße Rose,</div>
+ <div class="verse indent0">O daß es mir nicht so wie dir geschah,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich ihn nicht zu meinem Besten sah</div>
+ <div class="verse indent0">Im wilden Kampf mit Schwert und wackerm Rosse!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hätt' ich gekonnt den Amadis vermeiden,</div>
+ <div class="verse indent0">So keusch verharren, wie es dir gelungen</div>
+ <div class="verse indent0">Mit deinem sittgern Edlen Don Quijote!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich wär' beneidet, brauchte nicht zu neiden;</div>
+ <div class="verse indent0">Es hätte mir kein Schmerz die Brust durchdrungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der schwerer war, als von 'nem halben Lote.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia, an<br>
+Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quijote</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gegrüßt sei, braver Kerl, dem gutes Glücke,</div>
+ <div class="verse indent0">Als er stallmeisterlich in Dienst gegangen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Leiden alle vorher weggefangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und niemals ihm bewiesen seine Tücke.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Irren nicht zuwider; mein Verlangen</div>
+ <div class="verse indent0">War Ruh', ich netzte oft um ihn die Wangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der stolz sucht' nach dem Monde eine Brücke.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich neide dir den Namen und dein Tierlein,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf deinen Schnappsack geht noch mehr die Mißgunst,</div>
+ <div class="verse indent0">In dem du deine Weisheit tätest zeigen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch einmal sei gegrüßt, du wackres Kerlein,</div>
+ <div class="verse indent0">Der spanische Ovid besinget mit Kunst</div>
+ <div class="verse indent0">Dich Edlen, drum mußt du dich ihm verneigen.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Der rasende Orlando an Don Quijote
+von la Mancha</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bist du kein Pair und so nicht meinesgleichen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sind tausend dir nicht gleich, denn unter denen</div>
+ <div class="verse indent0">Darf keiner dich als ungebärd' verhöhnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Du paarlos, unbesiegt in deinen Streichen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Orland' bin ich und schwärmt' in fernen Reichen,</div>
+ <div class="verse indent0">Angelika erzeugte meine Tränen;</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr opfert' ich die Tat der kräftgen Sehnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Glanz des Ruhms, der niemals wird erbleichen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mich zu verdunkeln bist nur du geboren;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich preise deine Taten als die größten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und auch erreichst du mich als ein Verrückter.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch kämpftest du mit großen Zaubermohren,</div>
+ <div class="verse indent0">So muß ich mich mit dem Gedanken trösten,</div>
+ <div class="verse indent0">In Lieb' bin ich wie du ein Unbeglückter.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Der Ritter des Phöbus an Don Quijote
+von la Mancha</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen, </div>
+ <div class="verse indent0">Ihr spanischer Phöbus, Blume aller Feinen, </div>
+ <div class="verse indent0">Mein tapfrer Arm vermißt sich nicht dem deinen, </div>
+ <div class="verse indent0">Ertönten gleich Gebirge seinen Streichen. </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich wies die Völker ab mit ihren Reichen, </div>
+ <div class="verse indent0">Ließ Morgenland zu meinen Füßen weinen, </div>
+ <div class="verse indent0">Zu seh'n der Claridiana Antlitz scheinen, </div>
+ <div class="verse indent0">Mußt auch Aurorens Herrlichkeit erbleichen. </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Worauf es durch ein seltnes Wunder kame, </div>
+ <div class="verse indent0">Daß Hölle, als die Dame mich verschmähte, </div>
+ <div class="verse indent0">Den Arm gefürchtet, der gezähmt ihr Toben. </div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Unsterblich, Don Quijote, bleibt Euer Name, </div>
+ <div class="verse indent0">Und Dulzinea Eure Morgenröte</div>
+ <div class="verse indent0">Wird jeder Mund als keusch und weise loben.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Der Sultan an Don Quijote von la Manche</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wohl sind, Herr Quijote, Eure Geschichten</div>
+ <div class="verse indent0">Beweise, wie das Haupt Euch sehr verrücket,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch jeder muß gesteh'n, der auf Euch blicket,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Ihr nichts Kleines dachtet auszurichten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr wolltet die Beschwer der Welt vernichten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und spaßhaft ist es, wie es Euch geglücket,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn Lümmelvolk, das sich darein nicht schicket,</div>
+ <div class="verse indent0">Euch oftmals wacker bei den Ohren kriegten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wenn die vielgeliebte Dulzinee</div>
+ <div class="verse indent0">Sich undankbar erwiesen, Don Quijote,</div>
+ <div class="verse indent0">Und kalt geblieben gegen Eure Triebe,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So sei Euch dies ein Trost in Eurem Wehe;</div>
+ <div class="verse indent0">Herr Sancho war ein schlechter Liebesbote,</div>
+ <div class="verse indent0">Er dumm, sie hart, nicht weit her Eure Liebe.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p class="p4 center">Gespräch zwischen Babinza und Rosinante</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">B. Ihr, Rosinante, schaut so miserabel.</div>
+ <div class="verse indent0">R. Nur stets marschieren, nichts zu fressen kriegen.</div>
+ <div class="verse indent0">B. Ihr wollt gewiß auf Heu und Häcksel liegen?</div>
+ <div class="verse indent0">R. Mein Herr gibt mir auch nicht ein Maul voll Haber.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">B. O geht, Ihr seid ein ungezogner Knabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Wer wird so eselhaft den Herrn belügen!</div>
+ <div class="verse indent0">R. Er bleibt ein Esel, ist es von der Wiegen;</div>
+ <div class="verse indent0">Wollt wissen wie? Er ist ja ein Liebhaber.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">B. Ist lieben Torheit?&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;R. Weisheit nicht, mein Seele!</div>
+ <div class="verse indent0">B. Seid Philosoph.&#8239;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;R. Das macht, weil ich nicht speise.</div>
+ <div class="verse indent0">B. Verklagt den Knappen. R. Ihr seid linker Hand.</div>
+ <div class="verse indent1"></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wem klag' ich's wohl, daß ich mich hungrig quäle,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn es dem Herrn wie Knappen gleicherweise</div>
+ <div class="verse indent0">Noch knapper geht als selbst dem Rosinant?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 s2 center">Don Quijote von la Mancha</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<h2><em class="gesperrt">Erstes Buch</em></h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Handelt von dem Stande und der Lebensweise des<br>
+namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen
+ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein
+Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß,
+einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine
+Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends
+gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter
+und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene
+Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner
+Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes
+Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art,
+ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich
+in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine
+Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine
+Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich
+ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt,
+der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt
+zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit
+fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution,
+mager, von dürrem Gesichte, ein großer
+Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige,
+die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada
+führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen
+unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>
+Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen
+Vermutungen schließen, daß er sich Quixana
+nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung
+wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem
+Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.</p>
+
+<p>Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die
+Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den
+größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher
+von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung
+zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der
+Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens
+vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit,
+daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte,
+um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in
+denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein
+Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter
+allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke,
+die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat,
+die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner
+Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er
+auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn
+an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige
+des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut,
+erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure
+Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn
+er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit
+göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die
+Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt
+ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter
+seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen
+und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht
+enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß
+darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>
+mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte
+und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn
+auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch
+kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus
+Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er
+darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem
+Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt,
+und oft kam ihm der Gedanke, die Feder
+zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen,
+fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan,
+wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken
+abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit
+mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter
+Mann war und zu Siguenza graduiert), wer
+von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin
+von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister
+Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß
+keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn
+sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor,
+der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus
+edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich
+wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit
+besser beschlagen.</p>
+
+<p>Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die
+Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die
+Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam
+es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein
+Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand
+verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit
+solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand,
+als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen,
+Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen
+und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein,<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
+daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las,
+wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine
+zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid
+Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen,
+er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom
+brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem
+einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen
+mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom
+Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den
+bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung
+des Herkules nachgeahmt, der den Anteus,
+den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel
+Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er
+gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle
+stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und
+artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von
+Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem
+Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er
+dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches
+ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er
+sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben
+zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe
+auch seine Nichte fortschenken wolle.</p>
+
+<p>Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß
+gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken,
+den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn
+es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung
+seiner Ehre als zum Besten seiner Republik,
+ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung
+und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer
+aufzusuchen und alles das auszuüben, was er
+von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht
+aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm
+und Namen schmücken würden. Der Unglückliche
+stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines
+tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde
+gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken,
+angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte
+er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen.
+Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen,
+die er von seinen Urgroßvätern geerbt und
+die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen
+in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte
+sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen
+großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht
+vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber
+seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte
+aus Pappen die untere Hälfte und verband sie
+mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen
+Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu
+erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines
+Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei
+Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das
+wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet.
+Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der
+er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser
+Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte
+inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der
+Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere
+Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß
+dieser Helm der trefflichste sei.</p>
+
+<p>Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob
+dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte,
+als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als
+das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der
+Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid
+mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem
+er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle,
+denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig,
+wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und
+das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen
+führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten,
+daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen,
+ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es
+nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie
+es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein
+anderer Name zukommen müsse, der es ziere und
+sich für das neue Amt und die neue Lebensweise
+gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den
+vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte,
+umarbeitete, wegwarf und wieder annahm,
+um den besten zu erfinden, wählte er endlich die
+Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener,
+volltönender und bedeutungsvoller Name,
+bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er
+seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der
+erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der
+Welt sei.</p>
+
+<p>Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem
+Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für
+sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen
+wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß
+er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird,
+die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit
+genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel
+Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere
+meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis
+zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches
+und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu
+machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt
+habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern
+Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und
+er benamte sich also Don Quijote von la Mancha.
+Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland
+und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem
+er den Zunamen von ihr entlehnte.</p>
+
+<p>Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm
+gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener
+festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als
+eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein
+irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub
+und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn
+ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem
+Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn
+gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn
+in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue,
+oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär'
+es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte,
+sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte,
+vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe
+und mit demütiger und unterwürfiger Stimme
+spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro,
+Herr der Insel Malindrania, den im
+Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter
+Don Quijote von la Mancha überwand und mir
+befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit
+Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir
+schalte. — Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter,
+als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle.
+Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten
+Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in
+die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber
+wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals
+gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien
+ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken
+zu geben. Er suchte nun einen Namen, der
+dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und
+Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und
+er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie
+war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem
+Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie
+alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden
+hatte.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don<br>
+Quijote aus seinem Besitztum</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es
+nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk
+zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach
+seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung
+erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen,
+die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er
+aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen,
+die er vergelten müsse. Ohne also irgend
+jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer
+bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem
+Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit
+allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den
+übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>
+die Lanze und zog durch eine kleine Tür des
+Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und
+vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten
+Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem
+Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher
+Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes
+Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm
+nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener
+Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der
+Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf
+weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als
+neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild
+auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne.
+Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz
+heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder
+andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten,
+auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen,
+in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren,
+wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung
+getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte
+er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell
+zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße
+überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte
+seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als
+den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß
+dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.</p>
+
+<p>Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt,
+sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel,
+daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte
+meiner Taten an das Licht tritt, der Weise,
+der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem
+ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote
+Apoll hatte kaum über das Angesicht der<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
+großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines
+schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die
+kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen
+die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher
+Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen
+Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone
+des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen
+zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote
+von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein
+berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über
+das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.«
+Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr
+weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter!
+in dem meine preisvollen Taten ans Licht
+treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz
+gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum
+Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser
+Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist,
+die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß,
+ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht,
+meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege
+und in jeglicher Bahn. — Darauf sprach er, als wäre
+er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea!
+Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält
+es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer
+Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle
+nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt
+Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das
+so Großes um Willen Eurer Liebe leidet.</p>
+
+<p>An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn,
+alles, wie er es in seinen Büchern gefunden
+hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel
+es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig
+und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die
+Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte.
+Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas
+stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er
+sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit,
+um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken
+Armes zu erproben.</p>
+
+<p>Es sind Autoren der Meinung, daß das erste
+Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice
+gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen
+auf, aber alles, was ich hierin erforschen
+können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha
+geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog,
+und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe
+gestorben waren.</p>
+
+<p>Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein
+Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um
+sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich
+erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine
+Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der
+ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden
+winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem
+Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von
+ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen
+nennt, die mit einigen Maultiertreibern,
+welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach
+Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles,
+was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien
+und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es
+ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein
+Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von
+glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
+des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit
+denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er
+näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien,
+und da er nur noch wenig entfernt war, zog er
+dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß
+ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um
+mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich
+ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß
+er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem
+Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke
+und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen,
+die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige
+Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses
+in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein
+Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde
+Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln
+wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen
+Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich
+Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich
+ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe.
+Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der
+Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf
+diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich
+zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen
+wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht
+aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus
+Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht
+und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme
+diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten
+dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der
+Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub
+oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen
+mich Eure Gegenwart beglückt.«</p>
+
+<p>Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht
+mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte,
+aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das
+ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen
+nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß
+sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt
+Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit
+ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch
+sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich
+Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen
+als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden
+die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters
+vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie
+hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt
+nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der,
+wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war;
+als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen
+Waffen, als der Zaum des Pferdes, die
+Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte,
+so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild
+von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt
+hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur
+fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und
+sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe
+suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir
+haben keins in der Schenke, alles übrige im großen
+Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit
+des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt
+er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er:
+»Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn
+mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.«<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>
+— Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen
+hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man
+wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier,
+ein Eingeweihter in die falschen Künste der
+Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel
+wie ein Student oder Page, er antwortete daher:
+»So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine
+und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und
+wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich
+absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit
+und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen,
+geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte,
+hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler
+Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch
+den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte
+sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große
+Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier
+auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute
+es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es
+Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte
+so gut. Er führte es in den Stall und kam dann
+zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den
+indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er
+sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und
+Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit
+nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den
+nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen
+Bändern unter dem Halse festgebunden war und von
+denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen
+vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen,
+er blieb also den ganzen Abend in seinem
+Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur
+dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>
+daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme
+Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären
+und sagte daher mit vielem Anstande:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Niemals ward ein edler Bote</div>
+ <div class="verse indent0">So bedient von Damen süß,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie der große Don Quijote</div>
+ <div class="verse indent0">Als er seine Heimat ließ.</div>
+ <div class="verse indent0">Zarte Mädchen pflegten ihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Prinzessin'n sein Rösselin.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der
+Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von
+la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben,
+bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich
+kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote,
+die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand
+schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der
+Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann
+Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll,
+wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch
+dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen,
+die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren,
+antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur,
+ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas
+zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote,
+»denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.«
+Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke
+nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser
+Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er
+vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne
+ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote,
+der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es
+viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen,<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
+denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand
+acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von
+achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich
+mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen
+Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch
+das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei,
+was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer
+und Waffenlast können nur durch Erquickung
+des Innern ertragen werden.« — Sie setzten also
+den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke,
+und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten
+und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot,
+schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein
+lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der
+Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den
+Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm
+nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der
+Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu
+trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich
+geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr
+ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt
+und durch das andere den Wein eingegossen hätte.
+Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder
+seines Helmes zerschneiden zu lassen.</p>
+
+<p>Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein
+Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und
+indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner
+Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig
+darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde,
+daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch
+Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren
+Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells;
+und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>
+glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er
+noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin
+nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe,
+ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote<br>
+zum Ritter geschlagen wurde</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine
+magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange
+währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit
+dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die
+Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich
+mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure
+Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich
+flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen
+Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der
+Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen
+Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung,
+ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle.
+Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener
+aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte,
+um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit
+nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete
+Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß
+die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer
+liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr
+mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und
+daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells
+die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird
+dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen
+könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen,
+wie es das Amt der Ritterschaft und
+der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne,
+und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«</p>
+
+<p>Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm
+war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit
+seines Gastes haben mochte, war
+jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden
+hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen,
+nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte
+also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche
+und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich
+und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei,
+als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde;
+er selbst habe sich in seinen Jugendjahren
+einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls
+verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine
+Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von
+Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in
+der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte
+von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia,
+imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer
+von San Lucar, unter den Rittern von Cordova,
+den Schenken von Toledo und andern verschiedenen
+Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und
+die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort
+sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er
+manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt
+und wenige Unmündige betrogen; kurz, er
+habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen
+Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht;
+letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>
+sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen
+und fremden Haushalte alle irrenden Ritter
+aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein
+möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum
+auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten
+Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in
+seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die
+Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen,
+um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß
+man die Wache im Falle der Not an jedwedem
+Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht
+das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten
+könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand
+die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß
+er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben
+wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen
+Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld
+mit sich führe? — Don Quijote antwortete, daß er
+keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern
+von fahrenden Rittern niemals gelesen,
+daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf
+sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn
+es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den
+Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der
+Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als
+Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum
+niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei
+sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht,
+daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher
+angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine
+gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie
+auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden
+zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die
+Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der
+sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer
+zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte
+und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau
+oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam
+schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu
+kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden
+so völlig zu genesen, als wenn man gar keine
+Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen
+Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden
+Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen,
+daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten
+versehen gewesen, wozu besonders
+Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn
+es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben
+waren, welches aber in der Tat nur sehr selten
+der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr
+subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem
+Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein
+ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen
+Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht
+sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen.
+Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon
+wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er
+auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen
+solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten
+bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem
+Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten
+gedächte.</p>
+
+<p>Don Quijote versprach seinen Rat auf das
+pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht,
+daß er die Waffen in einem Hofe bewachen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+solle, der zur Seite der Schenke lag. Don
+Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog,
+der neben einem Brunnen stand, dann nahm er
+seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem
+Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen;
+indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht
+an völlig hereinzubrechen.</p>
+
+<p>Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke
+waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die
+Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter
+geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über
+diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten
+ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden
+einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze
+stützte und seine Augen auf die Waffen heftete,
+ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war
+völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles,
+was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von
+allen gesehen wurde.</p>
+
+<p>Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in
+der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu
+geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes
+Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen,
+aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit
+lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger
+Ritter, der du dich nahst, die Waffen des
+allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein
+Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust,
+berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als
+Strafe deines Übermutes verlieren willst.« — Der
+Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht,
+aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen,
+wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>
+nahm die Waffen herunter und warf sie eine
+große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses
+erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und
+richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu
+seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir,
+Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich
+dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht
+mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst
+und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen
+Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit
+beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber
+einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem
+er ihn so behende auf den Boden hinlegte,
+daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre,
+jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft
+hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die
+Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben
+Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen.
+Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen
+(denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein
+auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen
+Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er
+machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den
+Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort
+zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu
+flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff
+zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere
+Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber
+mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn
+an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei
+liefen alle aus der Schenke zusammen und unter
+diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote
+sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit!
+Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu
+dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf
+deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares
+Abenteuer bevorsteht!« — Hiedurch wurde, nach
+seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht
+einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle
+Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.</p>
+
+<p>Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen
+sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der
+Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel
+es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte,
+es aber dabei nicht wagte, den Trog zu
+verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu
+lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten,
+dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er
+närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen
+würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote
+aber schrie noch lauter und nannte sie alle
+Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells
+aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter,
+weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter
+verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft
+empfangen, wolle er auch über seine Verräterei
+mit ihm Rücksprache nehmen. — »Was aber euch
+übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines
+Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter
+achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt
+mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn
+empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.«
+Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit,
+daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen
+wurden. Hiedurch und durch die Überredungen<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span>
+des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf
+zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich
+wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung
+seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit
+zurück, mit welcher er sie begonnen hatte.</p>
+
+<p>Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines
+Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm
+lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen,
+ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging
+also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung
+einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz
+ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch
+geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe.
+Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß
+er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß
+aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei;
+alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich
+im Nackenschlage mit der Hand und im
+Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den
+Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß
+dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne;
+mehr als genug habe er in der Bewachung der
+Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend
+wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt
+habe. Don Quijote glaubte dies alles und
+antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen
+und daß er alles so schnell als möglich beendigen
+möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und
+er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person
+im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen
+ausgenommen, die er ihm nennen würde
+und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.</p>
+
+<p>Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und
+die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so
+und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug,
+und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu
+Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die
+Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale
+las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte,
+erhub er unter dem Lesen die Hand und gab
+ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen
+zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert,
+indem er immer zwischen den Zähnen murmelte,
+als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der
+einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es
+auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand
+tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien
+nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen;
+doch hielten die Tapferkeiten, die sie den
+neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren
+Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete,
+sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure
+Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch
+glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem
+Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene
+Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr
+einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines
+Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete
+mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie
+sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig,
+jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya
+ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen,
+dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen
+wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus
+Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich
+also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach
+es ihm, und die andere befestigte ihm die
+Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der
+Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen
+und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn
+ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera.
+Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen,
+und sich Donna Müllerin zu nennen, indem
+er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.</p>
+
+<p>Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien
+beendigt waren, konnte Don Quijote die
+Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu
+sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen.
+Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und
+umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche
+Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er
+von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es
+sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der
+Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke
+zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer
+und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf
+gut Glück fortziehen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Was unserm Ritter begegnete, als er<br>
+die Schenke verließ</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke,
+so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als
+Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den
+Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
+aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen
+Erfordernisse, die er mit sich führen solle,
+vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach
+Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem
+Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern,
+seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder
+hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben
+der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.</p>
+
+<p>Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante
+nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als
+wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit
+zu laufen anfing, daß es schien, als wenn
+seine Beine den Boden nicht berührten. Er war
+noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als
+wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme
+einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte
+er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem
+Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren
+läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt,
+die Pflichten meines Standes zu erfüllen und
+die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln;
+ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten
+oder einer Notgeängsteten her, die
+meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« — Er lenkte
+zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante
+dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien.
+Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht
+hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem
+anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden,
+der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war,
+ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben
+derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das
+nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>
+Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige
+Streiche und begleitete jeden Streich mit einer
+Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die
+Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter
+sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es
+nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit,
+ich will es nicht wieder tun, ich verspreche,
+künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.«</p>
+
+<p>Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit
+erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht
+geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich
+nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß
+und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah
+er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an
+der die Stute festgebunden war), damit ich Euch
+zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.«
+— Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt
+über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem
+Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete
+mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge,
+den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde
+Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte,
+aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein
+Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit
+und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus
+Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich
+ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele,
+er lügt es.«</p>
+
+<p>»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner
+Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die
+uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit
+dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch
+bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich
+binde ihn los!«</p>
+
+<p>Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein
+Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte
+Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei,
+worauf dieser antwortete: »Neun Monate und
+jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete
+es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig
+Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer,
+sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen
+wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß
+er dastehe und geschworen habe, ob er gleich
+gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel,
+denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen
+abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real
+für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er
+unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete
+Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe
+betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen,
+die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat
+er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen,
+so hast du dafür dasjenige seines Körpers
+zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da
+er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit
+abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.«</p>
+
+<p>»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein
+Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir
+nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real
+auf dem andern bezahlen.«</p>
+
+<p>»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen
+Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken,
+denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich
+schinden wie einen Sankt Bartholomäus.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug,
+daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete,
+er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft,
+den er empfangen, schwören, dich freizulassen und
+den Lohn gewiß zu bezahlen.«</p>
+
+<p>»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,«
+antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein
+Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der
+Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche
+Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.«</p>
+
+<p>»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote,
+»auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr,
+da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was
+für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen
+Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«</p>
+
+<p>»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,«
+antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir
+kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden
+der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen
+wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern,
+und obenein lauter blankgeschliffene.«</p>
+
+<p>»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte
+Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so
+bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es
+vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre
+ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder
+aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden
+werde, und wenn Ihr Euch auch besser als
+eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber
+wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr
+Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen,
+so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und
+Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht,
+was du versprochen und geschworen, bei Strafe der
+angekündigten Strafe.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die
+Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit
+den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz
+verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte
+er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun
+komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir
+schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr
+geboten hat.« — »Ich schwöre Euch,« sagte
+Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der
+wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend
+Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig
+ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt
+Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit
+er das tut, was er gesagt hat.« — »Ich schwöre dir
+ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute,
+das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern
+wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er
+nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder
+an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab,
+daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,«
+sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher
+Ungebühr und seht, wie er diese vernichten
+wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug,
+denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen,
+wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und
+gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen,
+um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres
+ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern
+Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles,<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>
+was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um
+sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er
+ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.</p>
+
+<p>Also vernichtete der tapfere Don Quijote die
+Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg
+ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft
+auf die schönste und edelste Weise angetreten zu
+haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit
+den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit
+halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor
+allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor
+allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir
+unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer
+und überaus berühmter Ritter, wie ist und
+sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie
+die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und
+schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert
+hat, das jemals die Unvernunft ersann und
+die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel
+aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der
+ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«</p>
+
+<p>Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine
+Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und
+sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis,
+an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu
+überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in
+Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und
+nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante
+den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen
+eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen
+Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu
+begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen
+geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen,<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo
+waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen.
+Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen
+reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls
+beritten und drei Burschen zu Fuß für die
+Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt,
+so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer.
+Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten,
+die er in seinen Büchern gelesen,
+nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das
+ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich
+also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln
+fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem
+Schilde die Brust und lagerte sich dann in der
+Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die
+irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß
+sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als
+sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören
+konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach
+mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten,
+wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt
+keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la
+Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von
+Toboso.</p>
+
+<p>Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu
+hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die
+sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten
+merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides
+angehörte. Sie wollten aber gern erfahren,
+warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert
+werde und einer von ihnen, der gern spottete
+und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle
+kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet,
+so wollen wir freiwillig und ohne allen
+Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns
+fordert.«</p>
+
+<p>»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don
+Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte
+Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß
+Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet,
+beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt
+der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen
+nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach
+den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen,
+wie es Sitte und übler Gebrauch unter
+Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich
+Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache
+vertraue, die auf meiner Seite ist.«</p>
+
+<p>»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich
+flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches
+wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren
+mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie
+hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil
+aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten
+Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber
+Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis
+dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so
+groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem
+Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel,
+und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen,
+und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß
+wir alle schon für sie sind, und wenn man auch
+auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief
+sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein
+triefe, so wollen wir demungeachtet, um<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen,
+was Ihr nur verlangen werdet.«</p>
+
+<p>»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don
+Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag'
+ich dir, was du behauptest, außer Ambra und
+Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig,
+sondern sie ist gerader als eine Spindel von
+Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung
+bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit
+meiner Dame ausgestoßen habt.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen
+den, der gesprochen hatte ein und rannte mit
+solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn
+es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante
+mitten im Wege gestolpert und gefallen
+wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel
+ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte
+seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein.
+Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte
+es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die
+Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung.
+Indem er sich bestrebte aufzustehen und es
+doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel,
+elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht
+durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines
+Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen,
+der nicht sonderlich aufgeräumt war, den
+armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte,
+konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort
+auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm
+hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere
+Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm
+Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+er ihn unter der Last und dem Drucke seiner
+Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen
+ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte,
+aber der Junge war einmal erbittert und wollte
+das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen
+rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen
+Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem
+elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters
+von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht
+das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde,
+und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.</p>
+
+<p>Der Junge wurde müde und die Kaufleute
+setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von
+dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich
+allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben,
+aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund
+und wacker war, wie konnte er es jetzt, so
+zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber
+pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für
+ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich
+sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd
+schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben,
+denn er war am ganzen Körper zerschlagen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters<br>
+zu erzählen</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so
+verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel,
+nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern
+zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>
+Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von
+Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im
+Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder,
+die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben
+sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als
+die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand
+schien ihm auf seine Lage am meisten passend
+zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke
+eines großen Schmerzes auf der Erde herum und
+sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete
+Ritter im Walde sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß dich mein Leid nicht schmerzt?</div>
+ <div class="verse indent0">Du magst wohl ohne Kunde sein,</div>
+ <div class="verse indent0">O'r hast die Treu verscherzt.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O du Marchese von Mantua fein,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Ohm, verwandtes Herz!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer
+aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging,
+der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte.
+Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah,
+ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei
+und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt
+anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser
+der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete
+also nichts weiteres, als daß er in der
+Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die
+Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug,
+ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer
+stand verwundert da als er dergleichen Unsinn
+hörte; er machte das Visier los, das von den<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
+Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte
+ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte
+ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und
+rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name
+als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden
+Edelmanne noch nicht in einen irrenden
+Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden
+denn so zugerichtet?« — Jener aber fuhr immer
+fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.</p>
+
+<p>Da dies der gute Mann sah, machte er ihm,
+so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um
+nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand
+weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich,
+ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe
+brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für
+die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen
+suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen
+und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel
+faßte, seinen Esel aber an einem Stricke
+führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat,
+sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don
+Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don
+Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum
+auf dem Lasttiere halten konnte und dann und
+wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß
+der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn
+zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan
+ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich
+auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den
+Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez,
+den der Kommandant von Antequera,
+Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von
+neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh
+tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten,
+die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo
+de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte
+in der Diana des Georg de Montemayor
+gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte
+sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels
+werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören
+zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein
+Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem
+Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden,
+den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte
+erregte. Am Schluß derselben sagte dieser:
+»Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo
+de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa
+zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt
+wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will
+die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn,
+sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete
+hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich,
+bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de
+Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua,
+sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid
+Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern
+der ehrenfeste Herr Quixada.« — »Ich weiß, wer
+ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch,
+daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern
+auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch
+dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die
+sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan
+haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«</p>
+
+<p>Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer
+wartete, bis es finster würde, damit man nicht
+den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter
+sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte,
+zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes
+Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der
+Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes
+gute Freunde waren, befanden sich dort und
+die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme:
+»Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat
+Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn
+Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen,
+nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht
+die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn
+ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren
+werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten
+Ritterbücher, die er immer las, den Verstand
+verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß
+ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich
+sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und
+ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen.
+Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen
+Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf
+in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«</p>
+
+<p>Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch
+hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der
+Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal
+in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei
+Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf,
+den Degen nahm und auf die Mauer losschlug,
+wenn er dann ermüdet war, sagte er, er
+habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>
+der Schweiß, den er von der Anstrengung
+vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden,
+die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank
+er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus
+und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß
+das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der
+weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund
+gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die
+Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines
+Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher
+dazu getan hätten, ehe er das geworden ist,
+was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen
+Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl
+als die Ketzer verdienen.«</p>
+
+<p>»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und
+wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn,
+ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt
+haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie
+zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem
+guten Freunde ergangen sein muß.«</p>
+
+<p>Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote
+mit an und der Bauer begriff daraus völlig die
+Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter
+Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen
+und dem Herrn Marques von Mantua, der
+schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn
+Mohren Abindarraez, den der Kommandant von
+Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen
+führt.«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und
+wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren
+Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von
+seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte,<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt
+alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines
+Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett
+und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda,
+daß sie meine Wunden heile und untersuche.«</p>
+
+<p>»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin,
+»mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem
+Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit
+Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen,
+ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und
+noch hundertmal und noch tausendmal verflucht
+mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so
+zugerichtet haben.«</p>
+
+<p>Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine
+Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden,
+sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit
+seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan,
+in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten
+und wildesten, die man wohl auf einem
+großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!«
+sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz?
+Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr
+alle verbrannt sein.«</p>
+
+<p>Sie taten tausend Fragen an Don Quijote,
+aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man
+möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen,
+welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und
+der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher,
+auf welche Art er Don Quijote gefunden
+habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die
+jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen
+habe, welches den Lizentiaten in seinem<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
+Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich
+seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief,
+mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes
+begab.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und<br>
+Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen<br>
+hielten</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer
+sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer
+geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher
+befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen
+hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen
+mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden
+waren und außerdem noch mehrere in
+kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte,
+ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich
+mit einer Schale Weihwasser und einer Rute
+zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat,
+besprengt die Stube, damit nicht einer von
+den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken,
+uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe
+tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«</p>
+
+<p>Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin
+und befahl dem Barbier, daß er ihm ein
+Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn,
+weil sich vielleicht einige finden möchten, die
+die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die
+Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden,
+denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am
+besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen,<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>
+sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer
+dran zu legen, oder man könnte sie auch in den
+Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten,
+weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich
+fiele.«</p>
+
+<p>Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile
+hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen,
+aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern
+er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.</p>
+
+<p>Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte,
+waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der
+Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu
+liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war
+dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das
+in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen
+ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken
+haben, darum muß man es auch als den Stifter
+einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne
+Gnade zum Feuer verdammen!«</p>
+
+<p>»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn
+man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste
+von allen in dieser Gattung sei und darum könnte
+man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus
+diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt.
+Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«</p>
+
+<p>»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten
+des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis
+von Gallia.«</p>
+
+<p>»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das
+Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes
+setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>
+macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den
+Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«</p>
+
+<p>Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden
+und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter,
+wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer
+Geduld erwartete.</p>
+
+<p>»Weiter!« sagte der Pfarrer. — »Der nun
+kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von
+Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich
+glaube, von der Familie des Amadis.«</p>
+
+<p>»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte
+der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra
+verbrennen zu können und den Schäfer
+Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten
+und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd'
+ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben,
+wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters
+ertappen ließe.«</p>
+
+<p>»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier.
+— »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. — »Wenn es
+so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in
+den Hof hinunter!« — Da es so viele waren und
+ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie
+alle aus dem Fenster in den Hof hinab.</p>
+
+<p>»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der
+Pfarrer fort. — »Dieser«, antwortete der Barbier,
+»ist Don Olivante de Laura.« — »Der Verfasser
+dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe,
+der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt
+sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von
+beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich
+richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und
+Albernheit in den Hof wandern soll.«</p>
+
+<p>»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der
+Florismarte von Hircania.« — »Ist der Herr Florismarte
+da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich
+eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren
+Geburt und seinen schimärischen Abenteuern,
+zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener
+Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den
+andern, Frau Haushälterin.«</p>
+
+<p>»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie,
+und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. —
+»Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. —
+»Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und
+ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente,
+also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.«
+— Es geschah sogleich.</p>
+
+<p>Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden
+den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen
+Namens, den dieses Buch führte, könnte man
+ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man
+sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der
+Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.</p>
+
+<p>Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte:
+»Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« — »Ich
+kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer;
+»da findet sich der Herr Reinald von Montalban
+mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer
+Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs
+und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin;
+eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige
+Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung
+des berühmten Mateo Boyardo, aus dem<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>
+auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein
+Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und
+er redet nicht seine Landessprache, so werde ich
+nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet
+er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm
+alle Hochschätzung.« — »Ich habe ihn italienisch,«
+sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« —
+»Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,«
+antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern
+dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu
+übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er
+hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit
+nicht ausgedrückt und eben das wird allen
+begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen
+wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit,
+die sie anwenden und besitzen, wird der
+Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen
+können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle,
+die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden
+sollten, in einen trockenen Brunnen legen
+müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen
+anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del
+Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt,
+ausnehme, wenn mir diese in die Hände
+fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben,
+die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem
+Feuer überliefern soll.«</p>
+
+<p>Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles
+gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der
+Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer
+Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze
+Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein
+anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das
+Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat
+erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich
+verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut
+werden, aber die Palme von England bewahre man
+gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in
+einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter
+der Beute des Darius fand, die er brauchte, um
+die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren.
+Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen
+merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist,
+zweitens, weil es von einem geistreichen Könige
+von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer
+im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich
+ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar,
+zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande
+das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten.
+Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas,
+wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und
+der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein,
+alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen
+sollen.«</p>
+
+<p>»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn
+hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«</p>
+
+<p>»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre
+dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber
+vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen,
+dann müsse man alles wegstreichen, was
+sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen
+noch größeren Narrheiten, dann möchte man
+ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen
+und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade
+gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.«
+— »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne
+sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen,
+befahl er der Haushälterin, alle die großen
+zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen.
+Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam
+begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie
+alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes
+und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm
+also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster
+hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt,
+fiel eins davon dem Barbier auf die Füße
+nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen,
+der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter
+Tirante dem Weisen.</p>
+
+<p>»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter
+Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen
+haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere
+Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube
+von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don
+Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder
+Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn,
+imgleichen der Zweikampf, den der tapfere
+Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten
+der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln
+und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine
+Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito
+verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in
+Ansehung des Stils dies das beste Buch von der
+Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und
+sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor
+ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle
+übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen.<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne
+so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt
+zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf
+die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause
+und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die
+Wahrheit gesagt habe.«</p>
+
+<p>»Ich will es tun,« antwortete der Barbier,
+»aber was machen wir mit den übrigen kleinen
+Büchern?«</p>
+
+<p>»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher,
+sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf,
+welches die Diana des Georg de Montemayor war
+und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke
+hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt
+zu werden, denn sie stiften und werden niemals
+solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet
+haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie
+dem Leser Nachteil bringen.«</p>
+
+<p>»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet
+doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen
+lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim
+von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er
+diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein
+Schäfer zu werden und singend und musizierend
+durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird
+wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste
+und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«</p>
+
+<p>»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer,
+»wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen
+Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir
+wollen also mit der Diana des Montemayor den
+Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt
+werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden,<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>
+was von der weisen Felicia und dem bezauberten
+Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen
+Verse und dem Werke in Gottes Namen die
+Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das
+erste zu sein.«</p>
+
+<p>»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die
+Diana, die man die zweite vom Salamantiner
+nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben
+Titel, vom Gil Polo verfaßt.«</p>
+
+<p>»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer,
+»mag jene zum Hofe verdammten begleiten und
+ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen
+wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. —
+Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn
+es wird schon spät.«</p>
+
+<p>»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein
+anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher
+vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso,
+einem sardinischen Poeten.«</p>
+
+<p>»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer,
+»seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und
+Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles
+Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste,
+ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung
+jemals an das Licht der Welt getreten sind, und
+wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß
+er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat.
+Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir
+mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid
+von dem groben florentinischen Tuche geschenkt
+hätte.«</p>
+
+<p>Er legte es mit der größten Freude beiseite und
+der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>
+der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares
+und die Entwirrung der Eifersucht.«</p>
+
+<p>»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,«
+sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen
+Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne
+mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals
+fertig würden.«</p>
+
+<p>»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«</p>
+
+<p>»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer,
+»sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn
+wie ein kostbares Kleinod.«</p>
+
+<p>»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier,
+»heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«</p>
+
+<p>»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer,
+»so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von
+manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden,
+die sich unter seinen Schönheiten befinden;
+hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den
+ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und
+heroischen Gedichte sehr hochschätze.«</p>
+
+<p>»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte
+des Lopez Maldonado.«</p>
+
+<p>»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete
+der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem
+Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört,
+denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein
+Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist
+er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals
+zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten.
+Was steht denn aber daneben?«</p>
+
+<p>»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete
+der Barbier.</p>
+
+<p>»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>
+guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im
+Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist
+manches gut erfunden, manches wird vorbereitet
+und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen
+zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient
+er sich durch diesen die Gnade für das Ganze,
+die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin,
+Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«</p>
+
+<p>»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und
+nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana
+des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des
+Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate
+des Cristoval de Virues, des Valenzischen
+Poeten.«</p>
+
+<p>»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind
+die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer
+Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den
+berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die
+köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien
+besitzt.«</p>
+
+<p>Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen,
+er endigte also damit, daß er befahl, alle
+übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt
+schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte:
+die Tränen der Angelica.</p>
+
+<p>»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der
+Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses
+Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der
+Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht
+allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der
+auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich
+übersetzt hat.«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don<br>
+Quijote von la Mancha</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit
+lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr
+tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die
+Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die
+Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!«
+Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und
+brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher
+ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea
+und der Löwe von Spanien mit allen Taten des
+Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen
+und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl
+hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht
+kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom
+Pfarrer angetroffen wären.</p>
+
+<p>Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon
+aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte
+und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so
+wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte.
+Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt
+auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt
+war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte:
+»Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande
+ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt
+werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den
+Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen
+Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage
+gewonnen haben.« — »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,«
+antwortete der Pfarrer, »Gott wird es<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span>
+fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß
+das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen
+wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart
+Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet
+sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.«
+— »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber
+gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der
+Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem
+Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus
+Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger
+Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will
+nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir
+nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe,
+trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen
+soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise,
+denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will
+ich schon auf Rache denken.«</p>
+
+<p>Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen
+ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem
+alle seine Torheit bewunderten. In dieser
+Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die
+sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl
+manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen
+Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal
+und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen
+nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort,
+daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen
+müssen.</p>
+
+<p>Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier
+gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war,
+das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen,
+damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände,
+weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß
+ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt
+habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit
+ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch
+Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen
+Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da
+fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend
+von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die
+Tür gewesen war und tastete mit den Händen und
+blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges
+Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume
+Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin,
+wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die
+Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet
+war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht
+Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im
+Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr,
+denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«</p>
+
+<p>»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern
+ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben
+Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist
+waren; er stieg von einer Schlange ab, auf
+der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer,
+und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht,
+aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum
+Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und
+als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte,
+fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur
+das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin,
+daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen
+wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher
+Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und
+des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>
+nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte
+sich den weisen Munnaton.«</p>
+
+<p>»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin,
+»ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name
+endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don
+Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer
+Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine
+Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß
+ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit
+einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und
+ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern
+vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele
+Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm,
+daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen
+kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«</p>
+
+<p>»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte,
+»aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen
+Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer,
+ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt
+herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu
+kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher
+nach Wolle geht und geschoren nach Hause
+kömmt.«</p>
+
+<p>»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten
+Dinge sprichst du da! Bevor mich einer
+scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart
+dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges
+meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm
+nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet.
+Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz
+friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span>
+daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren
+werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige
+Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem
+Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete,
+daß das, was der Welt am meisten vonnöten,
+irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende
+Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach
+ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht,
+denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr,
+konnte er nicht mit ihm fertig werden.</p>
+
+<p>In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem
+Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden
+Manne (wenn man nämlich den so nennen
+kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen
+Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so
+sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß
+der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn
+und als sein Edelknabe zu dienen. Unter
+andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für
+ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn
+es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen,
+in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine
+Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter
+setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen
+verließ Sancho Pansa (so hieß der
+Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe
+seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür,
+Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete
+ein andres, alles aber in eiliger Unordnung
+und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen.
+Er versah sich auch mit einem Schilde,
+den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so
+gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde,
+wann er sich auf den Weg machen wolle, damit
+dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor
+allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack
+mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu
+vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen
+wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht
+die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem
+Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er
+überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters
+entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise
+beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger
+kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet,
+ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze,
+ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er
+Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter,
+der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte
+sich auch mit Hemden und andern Dingen,
+dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben
+hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen
+sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und
+Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und
+Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei
+sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten,
+daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt
+zu werden, wenn man sie auch aufsuchen
+sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit
+Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher,
+indem er sich schon in seinen Gedanken als den
+Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen
+hatte.</p>
+
+<p>Don Quijote war bemüht, dieselben Wege
+wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+Reise genommen hatte, und diese gingen über das
+Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und
+mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal
+denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die
+Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten
+ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem
+Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu,
+daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen
+der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern
+und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte
+Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund
+Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte
+der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu
+Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen,
+die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß
+durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen
+soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern,
+denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis
+ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst
+und der bösen Tage und der noch bösern Nächte
+überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines
+Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von
+irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie
+groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich
+leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich
+innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre,
+daran hängende in sich begreift, und es mag denn
+zutreffen, daß du in dem einen von diesen als
+König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches,
+denn nach dem, was und wie alles den irrenden
+Rittern begegnet, das man weder je gesehn
+noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span>
+fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«</p>
+
+<p>»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn
+ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer
+Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne
+Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder
+Infanten?«</p>
+
+<p>»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie
+es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf
+die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins
+davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein,
+Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin,
+Gräfin mag eher gehn, und auch das nur
+mit Gottes Beistand.«</p>
+
+<p>»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »der wird dir geben, was dir
+am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht
+so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der
+Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«</p>
+
+<p>»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,«
+antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen
+Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß,
+was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich
+ist.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Achtes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote<br>
+in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den<br>
+Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der<br>
+Aufbewahrung würdig</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen,
+die hier auf dem Felde standen, und sowie
+sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben:
+»Das Glück führt unsre Sache besser, als
+wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund
+Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr
+ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu
+halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu
+nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den
+Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist
+ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst,
+diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«</p>
+
+<p>»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.</p>
+
+<p>»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr,
+»mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei
+Meilen lang sind.«</p>
+
+<p>»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho,
+»daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen
+sind, und was Ihr für die Arme haltet,
+sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch
+der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«</p>
+
+<p>»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote,
+»daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert
+bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so
+gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>
+dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche
+Schlacht mit ihnen beginne.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante
+die Sporen, ohne auf die Stimme seines
+Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer
+nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht
+Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er
+war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder
+nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte,
+noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie
+standen, nahe gekommen war, worauf er mit
+lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen
+und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger
+Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich
+erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel
+in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr
+ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme
+aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch
+bezahlen!« Und indem er dies sagte und
+sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea
+empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit
+zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der
+Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante
+im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los
+und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den
+der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze
+in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große
+Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.</p>
+
+<p>Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit
+seines Esels herbei, und als er hinzu kam,
+fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte,
+so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan
+hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet,
+was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären,
+die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber
+welche im Kopfe hat!« — »Gib dich zur Ruhe,
+Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist
+Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen
+einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr,
+da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß
+eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und
+meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese
+Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm
+ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die
+Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich,
+endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten
+nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«</p>
+
+<p>»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho
+Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf
+er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder
+ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie
+sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten,
+den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte
+Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer
+geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über
+den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und
+indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach,
+sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben,
+daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas
+genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang,
+er einen gewaltigen Zweig oder Ast von
+einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage
+solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug,
+daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+von welcher Begebenheit sich auch späterhin
+seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten.
+Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der
+ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke,
+der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem
+ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn
+gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu
+auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge
+von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben
+können.«</p>
+
+<p>»Das gebe Gott!« sagte Sancho, »ich glaube
+auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber
+setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mich dünkt,
+Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein
+Malzeichen von dem Falle.«</p>
+
+<p>»Es ist wahr,« antwortete Don Quijote, »und
+wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es
+nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist,
+über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst
+die Eingeweide hindurch kämen.«</p>
+
+<p>»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen
+sagen,« antwortete Sancho, »aber das weiß Gott,
+daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet,
+falls es euch irgendwo weh tut; von mir kann ich
+versichern, daß ich mich über den allerkleinsten
+Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister
+der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie
+nicht klagen dürfen.«</p>
+
+<p>Don Quijote mußte über die Einfalt seines
+Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich
+beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe,
+denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil
+in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>
+sagte, er bemerke, daß es Zeit sei, zu essen. Sein
+Herr erwiderte, daß er es noch nicht bedürfe, daß
+er aber essen könne so viel er wolle. Mit dieser
+Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so
+bequem ein als er nur konnte; er nahm aus dem
+Schnappsack was er hineingepackt hatte, und so
+folgte er reitend und essend seinem Herrn eine
+große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den
+Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund
+setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga
+hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog
+und die Schlückchen immer schneller wiederholte,
+gedachte er keines Versprechens mehr, das
+ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für
+keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung,
+herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen,
+wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.</p>
+
+<p>Sie mußten endlich die Nacht unter einigen
+Bäumen zubringen, und von dem einen Baume
+brach Don Quijote einen trocknen Zweig ab, der
+ihm zur Lanze dienen sollte, an den er auch das
+Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen
+übrig geblieben war. Don Quijote schlief die ganze
+Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin
+Dulzinea, um es nachzutun, was er in
+seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf
+viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten
+und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen
+unterhielten. Nicht also trieb es Sancho
+Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit
+keinem Habersüppchen angefüllt hatte, die ganze
+Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher
+nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span>
+aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die
+ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der
+Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange
+die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten
+es nicht. Als er sich ermuntert hatte,
+schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei
+er ihn viel eingefallner fand als den Abend
+vorher und sich von Herzen darüber betrübte,
+weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege
+seine Auszehrung würden heilen können. Don Quijote
+begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie
+schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten
+hatte.</p>
+
+<p>Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapize
+zu, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang
+entdeckten. »Hier,« rief Don Quijote, als
+er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir
+die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das
+tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm,
+daß, wenn du mich auch in der allergrößten
+Gefahr erblicken solltest, du doch niemalen die Hand
+an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen,
+außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom
+Pöbel oder gemeinem Volke beleidigt würde, in
+einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehn:
+sind es aber Ritter, so ist es dir nach den
+Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt,
+mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen
+bist.«</p>
+
+<p>»Seid versichert, gnädiger Herr,« antwortete
+Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam
+leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich
+nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge;<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen
+wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen
+nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze
+erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn
+ihm was zuleide geschieht.«</p>
+
+<p>»Das leugne ich auch gar nicht,« antwortete Don
+Quijote, »nur in dem Umstande, daß du mir nicht
+gegen Ritter beistehn darfst, sollst du deine natürliche
+Hitze bändigen.«</p>
+
+<p>»Ich sage ja auch, daß ich es tun will,« antwortete
+Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so
+genau halten will wie den Sonntag.«</p>
+
+<p>Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege
+zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt,
+die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner
+waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie
+trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine
+Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei
+Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche
+war, wie man nachher erfuhr, eine Biscajische
+Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste,
+der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien
+ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich
+dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don
+Quijote gesehen, als er zu seinem Stallmeister
+sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das
+berühmteste Abenteuer, das jemalen gesehen worden,
+denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen,
+mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer,
+die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin
+fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr
+nach meinem vollen Vermögen zu steuern.«</p>
+
+<p>»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+Windmühlen,« sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr,
+das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der
+Kutsche sind wohl andere reisende Leute. Hört, was
+ich sage, und seht was es ist, daß Euch der Teufel
+nicht einen Irrtum macht.«</p>
+
+<p>»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt,« antwortete
+Don Quijote, »daß du wenig von der Natur der
+Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie
+du sogleich gewahr werden sollst.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich
+in die Mitte des Weges, den die Patres kamen,
+und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen
+konnten, sagte er mit lauter Stimme:</p>
+
+<p>»Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt
+die erhabnen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt
+in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid
+gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer
+Übeltaten zu empfangen!«</p>
+
+<p>Die Patres hielten an und verwunderten sich
+sowohl über Don Quijotes Gestalt, als auch über
+seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr
+Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern
+zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre
+Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche
+mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder
+nicht.«</p>
+
+<p>»Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn
+ich kenne euch Lügenbrut,« sprach Don Quijote;
+und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte
+er den Rosinante und griff mit solcher Wut und
+Keckheit den vordersten Mönch mit eingesenkter
+Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende
+vom Maultier geworfen, er ihn übel von seiner<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>
+Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar
+getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward,
+wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine
+Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers
+und fing an, leichter als der Wind, über das Feld
+zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der
+Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel
+ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider
+auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche
+kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen
+auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses
+rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die
+sein Herr Don Quijote gewonnen habe. Die Jungen,
+die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten,
+was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle,
+und Don Quijote weit ab von sich erblickten, der
+mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho,
+schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare
+aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so
+übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der
+Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten,
+stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesicht,
+wieder auf sein Maultier und trabte, so wie
+er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in
+einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag
+dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter
+den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten
+sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze,
+als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre.</p>
+
+<p>Don Quijote befand sich, wie schon gemeldet,
+bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure
+Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit
+ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten,<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span>
+denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden
+gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines
+Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den
+Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß
+ich Don Quijote von la Mancha bin, irrender Ritter
+und Abenteurer, Gefangener der unvergleichlichen
+und schönen Donna Dulzinea von Toboso; zum
+Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen,
+begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso
+kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert
+und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung
+getan.«</p>
+
+<p>Alles, was Don Quijote sagte, hörte ein Stallmeister,
+der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein
+Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den
+Wagen nicht wollte fort lassen, wenn er nicht den
+Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so
+machte er sich an Don Quijote, und indem er die
+Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen
+und noch schlechteren biskayischen Sprache:
+»Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott,
+an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich
+so schlachten, als wärst du Biskayer!«</p>
+
+<p>Don Quijote verstand seine Meinung wohl und
+antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein
+Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für
+deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt,
+du dienender Sklave!«</p>
+
+<p>Der Biskayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter?
+Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ!
+Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst
+sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen;<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span>
+Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann
+zum Teufel und lügst, sagst du's anders!«</p>
+
+<p>»Du wirst es plötzlich schauen, wie Agrages
+sagt,« antwortete Don Quijote und zugleich warf
+er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert,
+legte den Schild vor und griff den Biskayer mit
+dem Vorsatz an, ihm das Leben zu nehmen. Der
+Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von
+dem Maultier absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes
+war, auf das er sich nicht verlassen
+konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen
+zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche
+nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm
+zum Schilde diente und nun gingen die beiden gegen
+einander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen.
+Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber
+vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen
+schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht
+nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle
+andern tot machen wollte, die ihn stören würden.
+Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah,
+erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas
+beiseite zu fahren und so wollte sie von weitem
+dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.</p>
+
+<p>Zum Anbeginn gab der Biskayer dem Don
+Quijote über der Schulter und über dem Schilde
+einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild
+nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den
+Gürtel gespalten wäre. Don Quijote, der das Gewicht
+dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit
+lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea!
+Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter,
+der Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>
+in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies
+sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem
+Schild schirmen und auf den Biskayer zustürzen,
+tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf
+das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu
+lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen
+sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und
+war willens, es eben wie Don Quijote zu machen.
+Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt,
+wobei er sein Maultier weder auf die eine noch
+die andere Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit
+und auch weil es an dergleichen Possen nicht
+gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.</p>
+
+<p>Also, wie gemeldet, rannte Don Quijote gegen
+den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen
+und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen.
+Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert
+geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle
+Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich
+aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit
+denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame
+in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen
+Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend
+Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus
+einer so großen Gefahr erretten möge. — — —</p>
+
+<p>Schade aber ist es, daß gerade bei dieser Stelle
+der Autor abbricht und diesen Zweikampf mit der
+Entschuldigung unausgemacht läßt, daß er nichts
+weiteres von Don Quijotes Taten vorgefunden, als
+was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor
+dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß
+eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit
+soll überliefert sein oder daß die herrlichen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span>
+Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben
+sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in
+einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften,
+die von diesem berühmten Ritter Meldung tun.
+Diesen Gedanken nährte ich und hoffte demnach,
+den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen,
+welches mir auch, unter Begünstigung des Himmels,
+auf folgende Weise gelungen ist, die ich im zweiten
+Teil erzählen will. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+
+<h2><em class="gesperrt">Zweites Buch</em></h2>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den<br>
+der wackere Biskayer und der tapfere<br>
+Manchaner hielten</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den
+tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote
+mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend,
+zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn
+sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf
+teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel
+entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren
+Moment stand die treffliche Geschichte still
+und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht
+gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen
+könne.</p>
+
+<p>Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das
+Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte
+sich in Mißvergnügen, wenn ich an die
+Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden
+müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen
+Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien
+mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten
+Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser
+sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen,
+seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran
+es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span>
+denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre
+Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen
+oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine
+Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken
+und Kindereien ausmalten, wenn sie auch
+noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern
+Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen,
+daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und
+andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher
+nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so
+brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben,
+sondern ich schob die ganze Schuld auf die
+Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie
+verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte.</p>
+
+<p>Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich
+unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung
+der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von
+Henares befanden, so müsse auch die Historie selber
+neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben
+existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines
+Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser
+Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die
+ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben
+und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen
+Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des
+Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft,
+des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser
+bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung
+irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten,
+den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu
+beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren
+Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen
+über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span>
+Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn
+sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen
+Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen
+wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit
+sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen
+hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden,
+wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte,
+daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen
+Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche
+Lobpreisungen verdiene; die Arbeit
+und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß
+dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden
+mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß,
+wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden
+hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren
+würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und
+Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen,
+wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese
+Geschichte auf folgende Weise.</p>
+
+<p>Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo,
+da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und
+Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen
+wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu
+lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der
+Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen
+Neigung, nahm einige Blätter von denen, die
+der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die
+arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben,
+konnte sie aber nicht lesen und sah mich
+also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie
+mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen
+Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl
+welche für unverständlichere und ältere Sprachen<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span>
+finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei,
+gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm
+das Buch in die Hand gab; er schlug es in der
+Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing
+er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache,
+und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche
+als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei.
+Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein
+Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich
+gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea
+von Toboso, die so oftmals in dieser Historie
+genannt wird, hatte nach Berichten unter allen
+Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand,
+Schweinefleisch einzupökeln.«</p>
+
+<p>Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war
+ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich
+ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte
+des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken
+bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen,
+er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische
+übersetzte, folgendermaßen: Historia des
+Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide
+Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es
+war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen
+zu verbergen, da ich den Titel des Buches
+hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte
+von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere
+um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt
+hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären,
+wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen
+können.</p>
+
+<p>Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das
+Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>
+ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote
+handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas
+auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte,
+wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit
+fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen
+zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell
+zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern
+und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu
+geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo
+er in ungefähr einem und einem halben Monat
+alles so übersetzte, wie man es hier findet.</p>
+
+<p>Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht
+mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt,
+sie standen in derselben Stellung, wie sie die
+Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser
+mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt;
+zugleich war das Maultier des Biskayers
+so täuschend abgebildet, daß man es auf einen
+Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte.
+Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben,
+Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich
+sein Name war, unter Rosinantes Füßen
+war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don
+Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig
+abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen,
+mit einem so hervorstehenden Rückgrad
+und einem so anständigen Betragen, daß er beim
+Beschauen bewies, wie passend und mit welcher
+Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei.
+Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am
+Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein
+Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und
+wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span>
+einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und
+sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den
+Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide
+Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden.
+Ich könnte noch einige andere Abweichungen
+anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine
+tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag,
+sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in
+ein helleres Licht setzt.</p>
+
+<p>Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit
+nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser
+ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich
+sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr
+unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß
+manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies
+scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn
+wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen
+des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte,
+geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber
+hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger
+Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau
+sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz
+noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe
+dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten,
+deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin
+der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen,
+Beispiel und Rat des Gegenwärtigen,
+Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man
+nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen
+Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin
+mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld
+an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span>
+Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der
+Übersetzung folgendermaßen an. — — —</p>
+
+<p>Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter
+der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer,
+die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu
+dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und
+ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war
+der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend
+ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs
+gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend
+war, dem edlen Mute und allen künftigen
+Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen;
+aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte,
+drehte das Schwert seines Gegners, so daß
+es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter
+keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze
+Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege
+einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des
+Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen
+Gekrach auf die Erde stürzte und eine
+Strecke weit wegflog.</p>
+
+<p>Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut
+genügend zu beschreiben, die das Herz unseres
+Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah!
+Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der
+Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob,
+das Schwert mit beiden Händen faßte und
+damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet
+jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert
+war, trotz diesem herrlichen Schirme der
+Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus
+der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und
+er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span>
+auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den
+Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die
+Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das
+Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht,
+lief übers Feld und warf seinen Herrn mit
+wenigen Kapriolen auf den Boden.</p>
+
+<p>Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies
+alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom
+Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die
+Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle,
+sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen
+solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein
+da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre
+ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind,
+wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin
+mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten,
+herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten,
+ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und
+ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.</p>
+
+<p>Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster
+und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen,
+bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die
+Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß
+dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe
+Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen
+Donna Dulzinea zu präsentieren,
+damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten
+möge.«</p>
+
+<p>Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne
+sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen
+oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen,
+versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span>
+werde, was man ihm gebiete. — »So sei es denn
+im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein
+Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden
+sein kann.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho<br>
+Pansa, seinem Stallmeister</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den
+die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er
+hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam
+zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet,
+daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen
+lassen möge, über welche er ihn, seinem
+Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne.
+Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war
+und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen
+wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu
+halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf
+er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte
+sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr
+Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der
+Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen
+Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich
+fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz
+einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert
+hat.«</p>
+
+<p>Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend,
+Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche,
+keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer
+sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span>
+Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld,
+es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht
+nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr
+eintragen sollen.«</p>
+
+<p>Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die
+Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen
+Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem
+Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der
+Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes
+Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe
+seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß
+er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut
+zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don
+Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an,
+bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf,
+als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut,
+Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn
+da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen
+habt, so ist er imstande, alles der heiligen
+Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben
+die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig
+der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns
+wieder herauslassen.«</p>
+
+<p>»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann
+hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender
+Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er
+auch tausend Homizidien begangen hätte.«</p>
+
+<p>»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete
+Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf
+keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die
+heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich
+auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich
+nichts an.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete
+Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der
+Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten
+wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl
+einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen
+bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den
+Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen
+hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr
+Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit
+zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«</p>
+
+<p>»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß
+ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich
+kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich
+behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als
+Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht
+gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit
+nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt
+habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu
+kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut,
+ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im
+Schnappsack.«</p>
+
+<p>»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn
+ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von
+dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem
+einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin
+ersparen.«</p>
+
+<p>»Was für eine Flasche und was für ein Balsam
+ist das?« fragte Sancho Pansa.</p>
+
+<p>»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von
+welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so
+beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu
+fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span>
+besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige
+und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu
+tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten
+durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet),
+die Hälfte des Körpers, die auf den Boden
+gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe
+das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im
+Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und
+gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei
+Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und
+du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein
+Fisch.«</p>
+
+<p>»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich
+mich der Regierung der versprochenen Insel begeben,
+und ich verlange zum Lohn meiner vielen
+und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr
+mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes
+mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze
+wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr
+brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und
+lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen,
+ob es ihn zu machen viel kosten wird.«</p>
+
+<p>»Mit weniger als für drei Realen kannst du
+drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.</p>
+
+<p>»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht
+Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«</p>
+
+<p>»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote,
+»noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch
+größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt
+wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr
+schmerzt mich mehr als ich es sage.«</p>
+
+<p>Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und
+Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span>
+verdorben war, wollte er unsinnig werden; er
+legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen
+zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim
+Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien,
+wo sie am umständlichsten geschrieben
+stehen, eben das Leben zu führen, welches der
+große Marquis von Mantua führte, als er schwur,
+den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches
+darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit
+seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen
+Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die
+ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige
+Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf
+erwiesen.«</p>
+
+<p>Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt,
+mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der
+Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich
+hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von
+Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan
+hat, was ihm zukömmt, und also keine andere
+Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen
+begeht.«</p>
+
+<p>»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete
+Don Quijote, »ich vernichte also den Eid,
+insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber
+ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte
+Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem
+Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser
+ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses
+vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich
+das nach, was sich in Ansehung des Helmes
+des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar
+war.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese
+Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit
+zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen!
+Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen
+Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen
+Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen
+wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit
+und Drückendes hat, wie in den Kleidern
+zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren,
+nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem
+Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis
+von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in
+Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr,
+daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten
+Männer reisen, die gar keine Helme tragen,
+ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen
+Helm haben nennen hören.«</p>
+
+<p>»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote,
+»denn nicht zwei Stunden werden wir auf den
+Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen,
+als nach Albraca kamen, um Angelika,
+die schöne, zu entsetzen.«</p>
+
+<p>»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho,
+»und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und
+daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen,
+die mir so köstlich ist; dann will ich
+sterben.«</p>
+
+<p>»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls
+unbekümmert sein darfst, denn wenn uns
+auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die
+Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir
+wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und
+die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span>
+dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses
+der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem
+Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen
+wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese
+Nacht herbergen und den Balsam machen können,
+von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir
+zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«</p>
+
+<p>Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig
+Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und
+sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für
+einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind
+schicken.«</p>
+
+<p>»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don
+Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der
+irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate
+nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das,
+was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon
+versichert sein, wenn du so viele Historien wie
+ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge
+habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden,
+daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es
+sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett
+anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen
+Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich
+wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne
+die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten,
+denn sie waren eben solche Menschen wie wir es
+sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die
+meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden,
+und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß
+ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen
+Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben
+anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span>
+etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die
+Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus
+ihren Angeln heben willst.«</p>
+
+<p>»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte
+Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder
+lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum
+keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich
+will aber künftig den Schnappsack mit aller Art
+von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr
+ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin,
+will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die
+kernigter und gewichtiger sind.«</p>
+
+<p>»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don
+Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien,
+nichts als die Früchte zu essen, von denen du da
+sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt
+darin und in etlichen Kräutern bestand, die
+sie im Felde fanden und kannten und welche ich
+ebenfalls kenne.«</p>
+
+<p>»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit
+solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir
+vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen,
+wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft
+Nutzen zu ziehen.«</p>
+
+<p>Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte
+und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da
+sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo
+sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten
+sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit.
+Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um
+noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen;
+aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei
+einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden,
+bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war
+sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht
+hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter
+freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte
+durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht
+mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine
+Ritterschaft beweisen könne.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten<br>
+begegnete</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig
+aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich
+tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt
+hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken
+Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel
+kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch
+zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie
+ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu
+führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt,
+daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf
+der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald
+ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die
+beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig
+war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich
+ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden,
+nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten
+Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge
+niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span>
+setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher
+herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als
+ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit
+du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft
+mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind,
+die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen,
+damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet
+und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite
+und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt,
+daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch
+dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus
+meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke.
+Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche
+sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie
+alle Dinge gleich macht.«</p>
+
+<p>»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß
+Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was
+Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für
+mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser
+zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die
+Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und
+Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne
+Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten,
+wenn ich nur langsam kauen soll, wenig
+trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen
+muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die
+Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit
+der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger
+Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt,
+da ich ein Diener und Zubehör der irrenden
+Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber
+in was anderes verwandeln, das mir bequemer und
+nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
+empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in
+Ewigkeit.«</p>
+
+<p>»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der
+Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und
+zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit
+Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen
+von diesem Rotwelsch der Edelknaben und
+irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und
+beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende
+Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.</p>
+
+<p>Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht
+legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln,
+wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war,
+als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn
+war auch nicht müßig, denn es ging häufig
+herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer
+an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden
+preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.</p>
+
+<p>Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll
+Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete
+hierauf seinen Mund zu folgenden Worten:
+»O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem
+unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten,
+nicht weil man damals das Gold, welches
+in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in
+jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann,
+sondern weil unter denen, die damals lebten, die
+beiden Wörter mein und dein unbekannt waren.
+In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein,
+keiner durfte für seinen gewöhnlichen
+Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken,
+um sie von den starken Eichen zu pflücken,
+die einladend und freigebig die süße und gesunde<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span>
+Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer
+und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen
+Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum
+Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen
+bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren
+Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur
+Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen
+Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung
+des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her,
+womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen
+ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit
+des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe,
+Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des
+gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen
+Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und
+zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von
+allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was
+zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder
+diente. Damals schweiften die einfältigen und
+schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel
+zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter
+bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die
+Tugend damals und immer zu verhüllen geboten
+hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt
+geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig
+zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne
+Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der
+sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt
+unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen,
+die der sinnende Müßiggang erzeugt.
+Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der
+werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und
+suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span>
+köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit
+waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt.
+Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit,
+weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu
+irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen.
+Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter,
+denn keiner richtete damals und keiner wurde
+gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie
+schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich
+selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und
+keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und
+aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber
+in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend
+sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth
+verborgen und verschlossen hielte: denn auch
+dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte,
+listerfüllte Begier hinein und vereitelt
+und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit
+wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der
+anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter
+begründet, um Jungfrauen zu verteidigen,
+Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen
+beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr
+Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme
+und den freundlichen Willkommen danke, welche sie
+mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich
+das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet,
+den irrenden Rittern freundlich zu sein, so
+habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen,
+aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich
+Euch um so mehr.«</p>
+
+<p>Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte
+unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span>
+die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter
+erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten
+diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm,
+ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und
+Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still,
+aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten
+Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten,
+an einen Korkbaum gehängt hatten.</p>
+
+<p>Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war
+vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte
+nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen
+könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch
+gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so
+wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen
+machen, daß einer von unseren Kameraden singen
+soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer,
+klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein
+lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant
+auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher
+wünschen kann.«</p>
+
+<p>Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man
+den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch
+der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr
+zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden
+Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon
+zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja.
+Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte,
+sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio,
+den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser
+Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und
+hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen.
+Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt,
+und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span>
+als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen
+die Freude und spiele und singe die Romanze,
+die dir dein Oheim gemacht hat und die
+dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« — »Sehr gern,«
+sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu
+lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen
+Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich
+mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:</p>
+
+<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Antonio</em>.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn du kein einziges Wörtchen sagst --</div>
+ <div class="verse indent0">Mir nicht einmal ein Blickchen gibst,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Liebe stummredende Sprache.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich weiß, daß du ein verständiges Kind,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß du mich liebst, macht's wieder kund,</div>
+ <div class="verse indent0">Der weiß, wie der andre ihm gesinnt</div>
+ <div class="verse indent0">Macht ja immer den glücklichsten Bund.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Oft freilich, wollt' es sich weisen</div>
+ <div class="verse indent0">Olalla, deutlich genug,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß wohl deine Seele von Eisen --</div>
+ <div class="verse indent0">Von Stein deine milchweiße Brust.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber sie alle ja deine Reden,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Worte, womit du mich strafst,</div>
+ <div class="verse indent0">Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden,</div>
+ <div class="verse indent0">Die lallten mir Trost zu im Schlaf.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kam meine Liebe dir immer zurück,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie verminderte niemals dein Keifen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie vermehrte kein freundlicher Blick.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wenn Liebe wohl immer ist<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> artig,</div>
+ <div class="verse indent0">Und artig bist du gewiß,</div>
+ <div class="verse indent0">So tröst' ich mich, Monate wart' ich</div>
+ <div class="verse indent0">Und endlich doch liebest du mich.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wenn Dienste es können bezeugen</div>
+ <div class="verse indent0">Daß man im Herzen gerührt,</div>
+ <div class="verse indent0">So will ich nicht alle verschweigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ich für dich ausgeführt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Denn, wenn du geachtet so weit,</div>
+ <div class="verse indent0">So hast du mich oftmals gesehn</div>
+ <div class="verse indent0">In meinem schön' Sonntagskleid</div>
+ <div class="verse indent0">Am Montage selber noch gehn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es gehn ja das Putzen und Liebe</div>
+ <div class="verse indent0">Wohl immer Hand in Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und daß ich dir angenehm bliebe</div>
+ <div class="verse indent0">Drum habe so viel aufgewandt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dir zuliebe so laß ich das Tanzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Musizieren und auch Reimerei,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ich sonst immer gesungen</div>
+ <div class="verse indent0">Schon vom ersten Hahnengeschrei.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Unerwähnt, wie die Lippen dich loben,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie schön und trefflich du bist,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß manch andre deshalben toben</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn alles auch Wahrheit ist.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So wollte Therese von Berrocal</div>
+ <div class="verse indent0">Als ich dich lobte, mich strafen.</div>
+ <div class="verse indent0">Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal,</div>
+ <div class="verse indent0">Er denkt's, ja er liebt<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> einen Affen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das machen die Bänder, die bunten,</div>
+ <div class="verse indent0">Die falschen Haar' auf dem Kopf,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist keine Schönheit dadrunten,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie machen die Liebe zum Tropf.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig,</div>
+ <div class="verse indent0">Da trat ihr Vetter ihr bei,</div>
+ <div class="verse indent0">Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne,</div>
+ <div class="verse indent0">Was er tat, was ich tat dabei.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zum Spaße will ich nicht hofieren,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich diene dir nimmer darum</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich dich möchte verführen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Joch hat die heilige Kirche,</div>
+ <div class="verse indent0">Für mich nur ein Faden von Seiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Gefällt dir's da drinne zu wallen,</div>
+ <div class="verse indent0">So folg' ich mit zehntausend Freuden.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Tust du's nicht, so schwört es dir heilig</div>
+ <div class="verse indent0">Dein treuster und herzlichster Diener,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus den Bergen entflieh ich hier eilig,</div>
+ <div class="verse indent0">Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don
+Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho
+Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr
+daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte
+also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich
+nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen
+wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten
+Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die
+Nacht mit Singen hinzubringen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche
+beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf
+als durch Musik verlangen.«</p>
+
+<p>»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,«
+antwortete Sancho.</p>
+
+<p>»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote;
+»suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von
+meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei
+alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn
+du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es
+schmerzt mich mehr als billig.«</p>
+
+<p>Sancho tat, was er befahl, da aber einer von
+den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er,
+es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen.
+Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien,
+der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit
+etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er
+versicherte, daß es nun keiner andern Medizin
+brauche, wie es sich auch befand.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft<br>
+erzählte</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen,
+die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu
+und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im
+Dorfe los ist?« — »Wie sollen wir es wissen?«
+sagte einer von den andern. — »Nun, so will ich
+euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute
+früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span>
+gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus
+Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben,
+der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in
+Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«</p>
+
+<p>»Für die Marcella!« rief der eine aus.</p>
+
+<p>»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt,
+»und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem
+Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem
+Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar
+am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den
+Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle
+zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr
+dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher
+sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht
+zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein
+guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der
+sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie
+müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen
+habe und nichts dürfe fehlen, und darüber
+ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber
+sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen,
+was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine
+Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er
+nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich
+glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich
+wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn
+ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«</p>
+
+<p>»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten,
+»und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben
+und alle Ziegen hüten soll.«</p>
+
+<p>»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr
+braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich
+will für euch alle hierbleiben; und das ist keine<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span>
+Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre,
+sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich
+mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht
+laufen kann.«</p>
+
+<p>»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete
+Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der
+Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte:
+»Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines
+reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von
+unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele
+Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in
+sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig
+gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe
+er die Wissenschaft von den Sternen inne und was
+dort am Himmel Sonne und Mond machten, und
+buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von
+Sonne und Mond vorher.«</p>
+
+<p>»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht
+Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert
+werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro,
+ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so
+in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen,
+ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«</p>
+
+<p>»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,«
+rief Don Quijote.</p>
+
+<p>»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das
+ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's
+erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr
+reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten
+alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr
+sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen
+säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>
+Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät
+kein Tropfen.«</p>
+
+<p>»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte
+Don Quijote.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete
+Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte
+und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate
+vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen
+war, als er eines Tages mit einem Male
+als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem
+Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug,
+war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer
+sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren
+sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen,
+Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene
+ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen,
+so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen
+Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für
+die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe
+hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß
+sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe
+die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer
+angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten
+es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf
+diese närrische Abänderung verfallen wären. Um
+die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus
+gestorben, und er erbte von ihm einen
+Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke
+und eine ziemliche Menge von großem und
+kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über
+das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er
+verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle,
+mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span>
+Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein
+mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er
+seine Tracht verändert hatte, und es war nichts
+anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin
+Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher
+genannt hat und in die sich der arme gestorbene
+Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch
+auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es
+wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht,
+gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures
+Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr
+als Ysop erleben solltet.«</p>
+
+<p>»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es
+nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die
+Namen verstümmelte.</p>
+
+<p>»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro
+aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn
+wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«</p>
+
+<p>»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don
+Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied
+zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen;
+aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn
+Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt
+nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun
+nicht weiter unterbrechen.«</p>
+
+<p>»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der
+Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer,
+der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus
+und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst
+seinem vielen und großen Vermögen auch eine
+Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter
+starb, die wohl das herrlichste Weib war hier
+weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span>
+vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne
+und auf der andern der Mond stand, und dabei
+war sie so arbeitsam und gegen die Armen so
+mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt
+jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus
+Gram über den Tod einer solchen braven Frau
+starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge
+und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht
+eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist.
+Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir
+immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein
+schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die
+Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es
+auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn
+Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht
+Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen
+hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie
+bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen
+und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von
+ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß
+deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht
+nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen
+in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen
+der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde,
+daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber,
+der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie
+auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre
+hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung
+tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor
+Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen
+des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe.
+Und wahrlich, das wird zum Lobe des
+braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt.<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span>
+Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man
+in kleinen Dörfern über alles spricht und über
+alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es
+für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz
+erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder
+dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends
+auf dem Lande.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote;
+»aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und
+Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«</p>
+
+<p>»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß
+alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist
+die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der
+Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften
+eines jeden auseinandersetzte, der sie zur
+Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und
+daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte.
+Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch
+nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und
+unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies
+schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der
+Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete
+darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich
+dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen
+möchte. Denn er behauptete, und das mit
+Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren
+Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages,
+als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige
+Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an
+ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu
+kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen
+Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre
+Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
+und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es
+sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte,
+Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus
+anlegten und ihr durch die Felder nachzogen.
+Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war
+unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie
+nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß
+aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer
+so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei
+sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht
+steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn
+erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur
+etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht
+so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr
+dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner
+gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können,
+daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben
+hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen
+aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft
+und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie
+geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis
+irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt,
+und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten
+sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt
+sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und
+mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande
+mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche,
+denn ihre Freundlichkeit und Schönheit
+zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an,
+und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie
+in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts
+weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme
+die Grausame und Undankbare nennen, nebst<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span>
+anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für
+ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn
+Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten
+wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge
+und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen,
+die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein
+Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen;
+davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der
+Name Marzella gegraben und geschrieben wäre;
+zum Überfluß haben einige noch eine Krone in
+denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber
+ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß
+Marzella unter allen schönen Mädchen allein die
+Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein
+Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt
+man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle
+Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am
+Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne
+daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre
+Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am
+Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre
+Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen
+in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden
+auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken
+dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und
+über diesen und jenen sowie über jene und diese
+triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle,
+die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet,
+was aus ihrem Übermute werden soll und wer
+der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche
+Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit
+genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt
+habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span>
+ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom
+Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch
+auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der
+Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu
+sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der
+Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe
+Meile von hier.«</p>
+
+<p>»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don
+Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen,
+welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen
+Geschichte gemacht habt.«</p>
+
+<p>»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die
+Hälfte von alledem, was den Liebhabern der
+Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber
+morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles
+sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr
+Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die
+freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich
+bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger
+Zufall mehr zu befürchten ist.«</p>
+
+<p>Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen
+Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat
+seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte
+möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte
+den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an
+seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener
+Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es
+sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem
+und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter,
+sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte
+erlitten hatte.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella<br>
+beschlossen, nebst anderen Begebenheiten</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des
+Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden,
+Don Quijote ermunterten und ihm sagten,
+daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne,
+wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis
+des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der
+es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich
+zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit
+vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den
+Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile
+fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern
+zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad
+kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen
+und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte
+in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme,
+und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu
+Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei
+Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie
+zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer
+fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich
+erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten,
+worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer
+von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter
+sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß
+die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei,
+um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches
+wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den
+Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span>
+sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig
+sein muß.«</p>
+
+<p>»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo,
+»und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern
+wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«</p>
+
+<p>Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella
+und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf
+der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen
+Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt
+habe, aus welcher sie in Trauerkleidern
+gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von
+der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella
+erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie
+bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus
+nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz,
+er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von
+Pedro gehört hatte.</p>
+
+<p>Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein
+andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte,
+fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf
+diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land
+zöge.</p>
+
+<p>Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe,
+welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere
+Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und
+Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen,
+aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast
+werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die
+irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger
+mich zu den niedrigsten zähle.«</p>
+
+<p>Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn
+auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu
+sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span>
+sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen
+irrenden Rittern?«</p>
+
+<p>»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote,
+»die Annalen und Historien von England gelesen?,
+in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus
+erzählt werden, den wir in unserer Sprache
+gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem
+eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien
+geht, daß er nicht gestorben, sondern
+durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei,
+und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren,
+seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen
+werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener
+Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet
+hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde
+der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde
+gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel,
+die vom Don Lanzarote vom See mit der
+Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin
+und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona
+war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm
+Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Niemals ward ein edler Bote</div>
+ <div class="verse indent0">So bedient von Damen süß,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie der große Lanzarote</div>
+ <div class="verse indent0">Da er einst Bretagna ließ.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von
+seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt.
+Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft
+und erstreckte sich durch viele und verschiedene
+Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt
+und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span>
+Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen
+der tapfere Felixmarte von Hircania und
+der niemals genug gepriesene Tirante der Weise,
+und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir
+ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und
+wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese,
+meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn
+beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den
+auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten
+lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben
+suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden
+Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß
+meinen Arm und meine Person der größten
+Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir
+nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen
+zuschicken kann.«</p>
+
+<p>Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends,
+daß es Don Quijote am Verstande fehle, so
+wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit
+er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten
+wie alle diejenigen, die dies an ihm zum
+ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger
+Mann und von fröhlichem Temperament
+war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm
+zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle
+hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch
+mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher:
+»Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner
+Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen,
+die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube,
+daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen
+Stand haben.«</p>
+
+<p>»So strenge mag hingehen,« antwortete unser<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span>
+Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen
+die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen
+Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen
+soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns
+ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann,
+der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen,
+die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom
+Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und
+Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten
+es mit der Stärke unseres Armes und mit den
+Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache
+bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den
+fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und
+dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind
+wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch
+den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und
+alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht,
+nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung
+gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen,
+welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr
+Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher
+Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht
+sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken,
+daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm
+sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich
+will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger
+und beschwerlicher, hungriger und durstiger,
+elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich
+zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im
+Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren
+haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich
+durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern
+emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen,
+die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise
+beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre
+Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten
+Hoffnungen vereitelt sein.«</p>
+
+<p>»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der
+Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein
+Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich
+mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein
+großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen,
+in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr
+erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht
+dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem
+guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren
+unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame
+so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott
+wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem
+Heidentume.«</p>
+
+<p>»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses
+darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden
+Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen
+übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch
+und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der
+irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat
+unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd
+und liebevoll die Augen auf sie heftet, als
+flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge
+in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt;
+ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine
+Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen
+und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon
+auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt
+werden. Damit aber muß man nicht glauben,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span>
+daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen
+sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen,
+dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe
+des Werkes verrichten.«</p>
+
+<p>»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe
+ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals
+gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von
+einer und der andern Seite der Zorn entbrennt,
+sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes
+zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du
+nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander
+losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen.
+Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß
+der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der
+Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere
+auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich
+nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich
+nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll,
+sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott
+zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die
+Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame
+empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ
+eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies
+glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen
+haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht
+alle sind verliebt.«</p>
+
+<p>»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote.
+»Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden
+Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es
+so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem
+Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß
+es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter
+ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter,
+sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die
+Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die
+Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber
+und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«</p>
+
+<p>»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube
+ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß
+Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von
+Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er
+sich empfehlen konnte, und doch ward er darum
+nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus
+mannhafter und berühmter Ritter.«</p>
+
+<p>Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein
+Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer,
+um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser
+Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen
+Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber
+dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte.
+Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß
+er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren
+hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich,
+empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr
+geheimnisvoller Ritter zu sein.«</p>
+
+<p>»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der
+irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so
+kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da
+Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun
+also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin,
+so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte
+ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft
+und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft
+und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie
+muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span>
+daß sie von einem so vorzüglichen Ritter,
+wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«</p>
+
+<p>Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer
+und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr,
+der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt
+erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel
+sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren,
+daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso,
+ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens
+Prinzessin sein, da sie meine Königin und
+Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich,
+denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen
+und erträumten Schönheitsideale, die die
+Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist
+golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre
+Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen,
+ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen,
+Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor
+die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der
+Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem
+menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung
+so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen
+köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«</p>
+
+<p>»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft
+wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.</p>
+
+<p>Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt
+nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen
+Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den
+Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes
+von Katalonien, ebensowenig von den
+Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas,
+Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones,
+Urreas, Foces und Gurreas von Arragon;<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span>
+den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans
+von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses
+von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de
+la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten
+Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren
+edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere
+man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung
+geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen
+der Waffen des Orlando schrieb:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Keiner soll sie berühren,</div>
+ <div class="verse indent0">Der sich nicht unterfängt</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Roldan Streit zu führen.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>»Mein Stamm ist von den Cachopines von
+Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe
+mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von
+la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit
+gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals
+zu Ohren gekommen.«</p>
+
+<p>»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don
+Quijote.</p>
+
+<p>Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der
+beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und
+selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an
+unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes.
+Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte,
+für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf
+gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von
+Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals
+hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin
+etwas gehört, so nahe er auch an Toboso
+lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen,
+als sie zwischen dem Risse von zwei hohen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span>
+Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in
+Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen
+von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs
+von ihnen gingen unter einer Trage, die mit
+mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war.
+Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte
+er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus
+tragen und am Fuße des Felsens, da ist die
+Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«</p>
+
+<p>Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und
+sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die
+Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen
+mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite
+eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte
+sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle,
+die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre,
+auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie
+ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig
+Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines
+schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um
+ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und
+viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle
+Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten,
+beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von
+den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius,
+ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich
+Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles
+buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem
+Testament verordnet hat.«</p>
+
+<p>»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh,
+wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier
+die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er
+mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span>
+des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst
+seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er
+von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung,
+wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben
+Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun
+als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der
+ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«</p>
+
+<p>Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und
+die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam,
+edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen
+betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel
+mit seinen reichsten Geschenken geschmückt
+hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus,
+der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten
+im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit,
+ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne
+Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein
+zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die
+den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite
+in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte
+und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt,
+er flehte zu einer Unmenschlichen, seine
+Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den
+tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er
+diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung
+gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine
+Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine
+Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen
+wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen
+leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen,
+die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie
+dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der
+Erde überliefert ist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und
+grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener
+Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig,
+einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle
+Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals
+gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung
+dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der
+göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl.
+Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam
+Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt
+Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit
+zu übergeben, wenn er es im Unwillen
+so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr
+es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr,
+daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer
+das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe,
+damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur
+Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund
+zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen
+sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und
+unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft
+zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie
+wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden
+befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt
+sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der
+Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe
+und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel
+erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen
+Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem
+sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren
+wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben
+werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen
+wir unsere gerade Straße, um das mit Augen<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span>
+zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt
+hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und
+des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich
+wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens
+bitte ich dich dringend darum, diese Papiere
+nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu
+überlassen.«</p>
+
+<p>Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten,
+streckte er die Hand aus und faßte einige,
+die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius
+sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr
+die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt,
+aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht,
+daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.«
+Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere
+enthielten, schlug eins davon auf und sah die
+Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius
+das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte,
+was der Unglückselige geschrieben hat, und damit
+Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset
+dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit
+dem Grabe fertig werden.«</p>
+
+<p>»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da
+die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten
+sie sich um ihn und er las mit lauter
+Stimme folgendes Gedicht ab.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst<br>
+anderen unverhofften Begebenheiten</span></h3>
+</div>
+
+<p class="center">Gedicht des Chrysostomus</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zur Hölle selbst will ich die Wege finden,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Leiden, deine Taten zu besingen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Im armen Busen seufzend widerklingen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So höre denn, und lausche meinen Tönen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen,</div>
+ <div class="verse indent0">So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer,</div>
+ <div class="verse indent0">Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen</div>
+ <div class="verse indent0">Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen:<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gegirr der Witwentauben in den Klausen,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde</div>
+ <div class="verse indent0">Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne</div>
+ <div class="verse indent0">Der gattenlosen Eule, Klagetöne</div>
+ <div class="verse indent0">Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O klingt, und helft mir meine Klagen weinen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß alle sich zu einem Ton vereinen,</div>
+ <div class="verse indent0">In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nie schallten noch so laute Klagen wider</div>
+ <div class="verse indent0">Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch tönten dort so viele Jammerlieder</div>
+ <div class="verse indent0">Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen,</div>
+ <div class="verse indent0">In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Einsame, sichre Tale, o ihr weiten</div>
+ <div class="verse indent0">Einöden, die kein Menschenfuß versehret;</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Natter sich im feuchten Schatten nähret:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du Widerhall in diesen Wüsteneien,</div>
+ <div class="verse indent0">Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien,</div>
+ <div class="verse indent0">Von ihrem unerhörten harten Sinne,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ihn die ganze weite Welt erkundet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Verachtung tötet, durch des Argwohns herben</div>
+ <div class="verse indent0">Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren;</div>
+ <div class="verse indent0">Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen:<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Liebende muß an der Trennung sterben:</div>
+ <div class="verse indent0">Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben,</div>
+ <div class="verse indent0">Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet</div>
+ <div class="verse indent0">Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret:</div>
+ <div class="verse indent0">Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und unter allen Martern läßt das Hoffen</div>
+ <div class="verse indent0">Mir nach dem Lichte keine Spalte offen:</div>
+ <div class="verse indent0">Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören;</div>
+ <div class="verse indent0">Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich</div>
+ <div class="verse indent0">Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer kann zugleich in einem Augenblicke</div>
+ <div class="verse indent0">Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren!</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke,</div>
+ <div class="verse indent0">Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen?</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen?</div>
+ <div class="verse indent0">Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet:</div>
+ <div class="verse indent0">Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet;</div>
+ <div class="verse indent0">Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget</div>
+ <div class="verse indent0">Verbittert dein Andenken auch mein Ende. --<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meinen festen Glauben fester fassen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich sehe dich für einen andern glühen,</div>
+ <div class="verse indent0">Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Der niemals noch sein altes Reich verlassen:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich sage, ja, du magst mich immer hassen,</div>
+ <div class="verse indent0">So wie dein Körper schön, ist deine Seele,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben</div>
+ <div class="verse indent0">Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben</div>
+ <div class="verse indent0">So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Grab empfange Körper dann und Seele,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O du, die wortelos in dem Verachten</div>
+ <div class="verse indent0">Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich im Blute meines Herzens wüte:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Rührt dich mein früher Tod, o so behüte</div>
+ <div class="verse indent0">Den hellen Himmel deiner süßen Blicke,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß keine Träne ihren Schimmer trübe,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich weise jedes Mitleid nur zurücke.<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß du so früh geendiget mein Leben. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen,</div>
+ <div class="verse indent0">Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade,</div>
+ <div class="verse indent0">O Sisyphus mit deiner Felsenmasse,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Verbunden dann mit den Verdammten lasse</div>
+ <div class="verse indent0">Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide</div>
+ <div class="verse indent0">Vereinen sie sich all mit mir im Singen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Körper Totenopfer darzubringen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet,</div>
+ <div class="verse indent0">Und tausend andre Larven aufgetürmet,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie heulen dann die trauervollen Chöre,</div>
+ <div class="verse indent0">Genug dem Liebenden, im Gram gestorben,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn er verdient nicht größre Totenehre. --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke</div>
+ <div class="verse indent0">Von der, die nur beseligt wird durch Jammer,</div>
+ <div class="verse indent0">Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus,
+worauf der, welcher es vorgelesen, sagte,
+daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span>
+Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen
+schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht,
+Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen
+den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.</p>
+
+<p>Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten
+Gedanken seines Freundes bekannt waren:
+»Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte,
+müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche
+dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt
+war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt,
+um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche
+Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende
+von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen
+Zweifeln erschüttert werden, so wurde
+auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem
+Argwohn gequält, die er nicht für
+Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der
+Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die
+Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist
+sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei
+ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden
+kann.«</p>
+
+<p>»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem
+er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das
+er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine
+seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn
+wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet
+ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze
+des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde,
+erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die
+Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde.
+Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten
+sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span>
+Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen
+die Augen auf sie, wie diejenigen, denen
+der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius
+erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens
+ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher
+Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob
+deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses
+Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit
+das Leben raubte? Oder kömmst du, um
+über deine grausamen Taten zu triumphieren?
+Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines
+angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend
+den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen,
+wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius
+tat? Sage nur schnell, was du willst oder
+welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß,
+wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir
+dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen,
+und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch
+willfahren.«</p>
+
+<p>»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius,
+führt mich her,« antwortete Marzella,
+»sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir
+die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben,
+zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit
+entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind,
+aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel
+Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um
+meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen.
+Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[
+und so, daß ihr, ohne weitere bewegende
+Ursache, mich meiner Schönheit wegen
+liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
+ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu
+lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott
+mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig
+ist; aber das ist mir unverständlich, wie die,
+weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben,
+der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar
+fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich
+ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt
+es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du
+schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich
+häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche
+Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die
+Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn
+nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen
+das Auge, lassen aber den Willen frei: denn
+machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie
+den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener
+Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu
+finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig
+die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig
+müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man
+mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so
+sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn
+dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr
+meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus
+keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es
+sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der
+Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet
+hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch
+beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies
+erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit
+nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne
+Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist,
+daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet
+hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir
+aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn
+die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem
+Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes
+keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen
+fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck
+der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei,
+niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun
+von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele
+schmücken und verschönen kann: warum soll die,
+welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren,
+dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine
+Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und
+List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu
+leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die
+Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die
+hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen
+Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken
+und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der
+Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein
+Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine
+Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen
+nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung
+weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben,
+so daß man sagen kann, er sei an seinem
+Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben.
+Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich
+waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern
+müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem
+Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird,
+mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span>
+ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist,
+in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die
+Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume
+meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun
+auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung
+seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln
+wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem
+Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich
+ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine
+Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren
+Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte
+meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er
+verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward:
+wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines
+Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage,
+der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging,
+der rede laut, um den ich klagte, der höhne
+mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich
+grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche,
+ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere.
+Bisher hat es der Himmel über mich noch
+nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der
+Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist
+Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen
+von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich
+bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn
+einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und
+Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem
+Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese
+Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer
+mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie
+vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar
+nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge
+mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare,
+Grausame, diese Unerkenntliche wird
+keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft
+wünschen und auf keine Weise keinem folgen.
+Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus
+töteten, warum wird meine Ehre und
+Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in
+Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich
+wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht,
+daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr
+wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre
+nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt
+mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse
+keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich
+nicht um den andern, scherze nicht mit diesem,
+lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft
+sind die Hirtenmädchen dieser Gegend,
+meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine
+Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen
+beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es
+nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen,
+den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer
+ersten Heimat zurückkehrt.«</p>
+
+<p>Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um,
+ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich
+in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie
+alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit
+entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den
+Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen
+Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken,
+ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung
+auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span>
+bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier
+trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten
+Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen
+und sagte mit lauter und verständlicher Stimme:
+»Niemand, von was Stand und Würden er auch
+sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen,
+bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu
+erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden
+Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine
+Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie
+fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer
+Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht,
+daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie
+als das Edelste in der Welt schätze und verehre,
+denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die
+mit so edlen Vorsätzen lebt.«</p>
+
+<p>Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder
+des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles,
+was er seinem wackeren Freunde schuldig sei,
+noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle
+gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner
+entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht,
+die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt,
+sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle
+Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem
+großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf
+dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius
+folgende Inschrift wollte eingraben lassen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier liegt ein Opfer der Liebe;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schäfer vom Gefilde,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Grausamkeit zu milde,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn tötete Mißliebe.<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er starb dem mächt'gen Triebe</div>
+ <div class="verse indent0">Zur undankbaren Schönen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die durch Verschmähen, Verhöhnen</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn tötete mit Liebe.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Über das Grab wurden dann viele Blumen und
+Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius,
+indem sie ihm wegen seines Freundes einen
+Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten
+Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote
+trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden,
+die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen,
+einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem
+sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse
+stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote
+bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche
+Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt
+noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle
+diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern
+gereinigt habe, mit denen sie angefüllt
+sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß
+hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern
+nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen
+ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es
+ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über
+die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus,
+als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser
+war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen
+und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten.
+Es kam aber nicht so, wie er es dachte,
+wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften
+Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen
+wird. —</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<h2><em class="gesperrt">Drittes Buch</em></h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Erstes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches<br>
+Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche<br>
+Yangueser traf</span></h3>
+</div>
+
+<p>Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don
+Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen
+übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus
+gegenwärtig waren, Abschied genommen,
+sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch
+wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren
+hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend
+nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu
+finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches
+Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer
+Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen
+sie hier in der Hitze der Mittagsstunde
+auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don
+Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den
+Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem
+schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den
+Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich
+und ohne Zeremonien miteinander, was sie
+darin antrafen.</p>
+
+<p>Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden,
+denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen
+Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten
+von der Weide von Cordova nicht von dem Wege<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span>
+Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der
+Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß
+ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch
+das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln
+Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und
+Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don
+Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr
+willkommen.</p>
+
+<p>In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich
+mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er
+witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine
+sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem
+Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen
+Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen.
+Diesen aber war mehr an der Weide als an
+anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also
+mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den
+Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand.
+Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß
+die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren
+Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn
+mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den
+Boden stürzte.</p>
+
+<p>Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung
+des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst
+herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich
+gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine
+Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes
+Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb
+wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich
+wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die
+er unter unsern Augen erlitten hat.«</p>
+
+<p>»Was Teufel können wir für Rache nehmen?«<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann,
+und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur
+anderthalb.«</p>
+
+<p>»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote,
+zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den
+Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat
+Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt
+und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote
+dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter
+drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die
+vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen
+gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren
+Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte
+hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und
+Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon
+mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem
+Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote,
+ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten
+konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante
+nieder, der sich noch nicht hatte aufheben
+können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig
+die Wirkung von Krippenstangen in den Händen
+erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug
+und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die
+Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer
+in schlechtem Zustande und noch schlechterem
+Humore liegen.</p>
+
+<p>Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa,
+der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand,
+mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr
+Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«</p>
+
+<p>»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don
+Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete
+Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei
+Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten,
+wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht
+ist er für zerschlagene Knochen nicht minder
+als für Wunden nützlich.«</p>
+
+<p>»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße,
+was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber
+ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters,
+Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen,
+wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will
+ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«</p>
+
+<p>»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho
+Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen
+wir weder gehen noch stehen können?«</p>
+
+<p>»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte
+der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die
+Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber
+ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht
+gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen,
+die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich
+glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die
+Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der
+Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt
+würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses
+für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für
+unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du
+nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns
+eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis
+ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs
+wieder tun, sondern greife du sogleich nach
+deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust;
+kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen,
+denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen,
+wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern
+Armes erstrecke.«</p>
+
+<p>So eingebildet war der arme Mann auf die
+Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho
+Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht
+so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger
+Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger
+Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn
+ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen
+muß; lasse es sich der gnädige Herr also
+ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht,
+daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde,
+so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter,
+indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit
+verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist,
+oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte,
+erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann
+von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder
+Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung
+auszuschließen.«</p>
+
+<p>Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich
+wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne
+große Beschwer reden zu können, und daß sich der
+Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich
+dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du
+dich befindest. So antworte mir doch darauf, du
+feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns
+bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile
+dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß
+wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer
+der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe?<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span>
+Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und
+dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur
+Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest,
+du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch
+so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes
+Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu
+verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten
+Reichen und Provinzen die Gemüter der
+Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich
+auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn
+sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas
+unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern
+und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil
+zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue
+Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen
+und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen
+oder sich dagegen zu beschützen.«</p>
+
+<p>»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete
+Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand
+und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen,
+aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich
+bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre.
+Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt,
+so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es
+freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste
+Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte
+so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt
+ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl
+wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht
+lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein
+Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das
+denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span>
+Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so
+bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln
+folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden
+müssen?«</p>
+
+<p>»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen
+Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem
+Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die
+Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse,
+und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß
+meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen
+Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen
+verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn
+augenblicklich sterben.«</p>
+
+<p>Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger
+Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft
+ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten
+oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen
+Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube,
+daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die
+dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach
+seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«</p>
+
+<p>»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote,
+»daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren
+und Unglücksfällen unterworfen ist, und
+durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu
+Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung
+an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen
+hat, deren Geschichte ich umständlich weiß,
+wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte,
+wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß
+durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe
+emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span>
+oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal
+gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von
+Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des
+Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit
+erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert
+Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben
+habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe
+festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger
+Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus
+in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse
+Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet
+habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen
+Abgrund an Händen und Füßen gefesselt
+worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier
+nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches
+ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser
+großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund
+zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter
+schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl
+mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf,
+den sie erduldeten, war noch härter, als
+den wir heute haben aushalten müssen; überdies,
+Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden
+nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten
+erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat,
+auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen
+Worten: schlägt ein Schuster einen andern
+mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann
+von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt
+sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz
+erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den
+Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe
+zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span>
+wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten
+und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts
+weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger
+von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte
+eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«</p>
+
+<p>»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete
+Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte
+ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten
+sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch
+schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und
+mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß
+mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob
+mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind
+oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von
+den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse
+wie meinen Schultern eingedrückt haben.«</p>
+
+<p>»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa,
+daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht
+verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht
+vertilgt.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück
+geben könnte, als solches, wobei man warten
+muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht.
+Wäre unser Unglück doch lieber von der Art,
+daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten,
+das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß
+alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen
+würden, um uns wieder zurechtzubringen.«</p>
+
+<p>»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner
+Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote,
+»und so will ich ebenfalls tun, damit wir
+nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks
+genossen hat.«</p>
+
+<p>»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete
+Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender
+Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß
+der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen
+ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten
+müssen.«</p>
+
+<p>»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine
+Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte
+Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses
+Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann,
+damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem
+ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese
+Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere
+mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus,
+Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes
+des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert
+Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen
+Esel ritt und saß.«</p>
+
+<p>»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da
+erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein
+großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder
+wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«</p>
+
+<p>Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden,
+die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre,
+aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte
+nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt,
+erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege
+mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen
+Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt
+und wir aus diesem einsamen Walde kommen
+mögen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<p>»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen
+hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden
+Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und
+Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres,
+daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«</p>
+
+<p>»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann
+sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind;
+und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem
+Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen
+Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch
+aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte,
+und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel
+nannte und auf dem Felsen Armut wohnte,
+ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch,
+denn hierin ist die Erzählung nicht genau,
+weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis
+Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte.
+Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe
+dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante
+zustößt.«</p>
+
+<p>»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und
+mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen
+und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen
+über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er
+Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein
+Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich
+war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit
+zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls,
+bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages,
+ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie
+zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen
+können, gewiß nicht hinter Sancho oder
+seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>
+packte Don Quijote über den Esel, an dessen
+Schweif er den Rosinante band; er selber führte den
+Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den
+Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche
+Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus
+dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer
+kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem
+sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach
+Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho
+bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote
+nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange,
+bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn
+Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel
+hineinzog.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Zweites Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete,<br>
+die er für ein Kastell hielt</span></h3>
+</div>
+
+<p>Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem
+Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle.
+Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er
+von einem Felsen herunter einen Fall getan habe,
+wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen
+wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so
+wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie
+war von Natur mitleidig und es dauerte sie das
+Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich
+über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und
+ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem
+Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen.
+In derselben Schenke diente eine asturianische
+Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span>
+platter Nase, einem schiefen und einem nicht
+ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden
+durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe
+von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht
+ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern
+zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den
+Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte
+wieder die Tochter, und beide besorgten dem
+Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die,
+wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen
+Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren;
+hier wohnte zugleich ein Eseltreiber,
+dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas
+entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln
+und Decken seiner Maultiere bestand, doch das
+Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches
+auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über
+welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf
+diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine
+Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man
+nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß
+sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für
+Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher
+aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden
+man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte
+zählen können, wenn man sich die Mühe hätte
+geben wollen.</p>
+
+<p>In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don
+Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit
+ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten,
+indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die
+Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die
+Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span>
+war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von
+Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren
+es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte
+viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen
+Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid
+doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch
+einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie
+werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch
+ziemlich weh tut.«</p>
+
+<p>»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl
+auch einen Fall getan haben?«</p>
+
+<p>»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von
+dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen
+sah, tut mir der ganze Körper so weh, als
+wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«</p>
+
+<p>»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn
+mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme
+herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen
+könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume
+erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre
+ich wirklich heruntergefallen.«</p>
+
+<p>»Da liegt der Hund begraben,« antwortete
+Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern
+wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau
+wurde als mein Herr Don Quijote.«</p>
+
+<p>»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische
+Maritorne.</p>
+
+<p>»Don Quijote von la Mancha,« antwortete
+Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter,
+und der beste und kräftigste, den man wohl seit
+lange in der Welt gesehen hat.«</p>
+
+<p>»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die
+Magd.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr
+das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So
+wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder
+Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken
+geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist
+er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur
+auf Erden und morgen hat er zwei oder drei
+Kronen von Königreichen zu verschenken, die er
+seinem Stallmeister geben kann.«</p>
+
+<p>»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so
+gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß
+Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft
+im Besitz habt?«</p>
+
+<p>»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho,
+»denn es ist noch nicht länger als einen Monat,
+daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis
+jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch
+geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und
+ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß,
+wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung
+oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht
+davon einen Schaden zurück behalte, ich meine
+Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien
+vertausche.«</p>
+
+<p>Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr
+aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er
+sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und
+sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch
+glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell
+meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich
+mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil
+Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister
+erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span>
+sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen,
+ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange
+ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken
+und hätten die hohen Himmelsmächte es
+doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren
+Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen
+Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne,
+untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener
+schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens
+sein dürften.«</p>
+
+<p>Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und
+die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten
+des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig
+verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen
+hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle
+als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein
+sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht
+gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten
+sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als
+die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten
+sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten
+und gingen dann fort; die asturische Maritorne
+sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit
+ebensosehr bedurfte als sein Herr.</p>
+
+<p>Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden,
+daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen
+wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß,
+sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft
+eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte
+und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es
+war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein
+so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch
+ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>
+sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es
+sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke
+zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes
+Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.</p>
+
+<p>Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige
+Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte
+des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte
+sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine
+schilfene Matte war und eine Decke, die eher das
+Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von
+Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers,
+wie schon gesagt, aus den Sätteln und
+dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet,
+deren er zwölf hatte, die spiegelblank,
+dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer
+der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor
+dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders
+erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen
+wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist,
+daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger
+und in allen Dingen überaus gründlicher
+Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten
+erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten
+Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht.
+Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein
+Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer
+so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß
+sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus
+Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten
+Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal
+sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie
+der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span>
+die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt
+werden, denn diese haben gründlich und ausführlich
+geschrieben.</p>
+
+<p>Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein
+Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben
+hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und
+erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon
+war Sancho bepflastert und im Bett, aber der
+Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht,
+einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz
+die Augen weit offen, wie ein Hase. In der
+ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch
+kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in
+der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese
+nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser
+Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern
+seines Unglückes, in den Gedanken hatte,
+bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten,
+auf die nur eine Einbildung verfallen
+kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr
+berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon
+gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein,
+in denen er herbergte), und daß die Tochter des
+Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle
+sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt
+und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen
+ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu
+schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen.
+Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste
+Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen
+und über den gefährlichen Kampf zu sinnen,
+den seine Keuschheit zu bestehen haben würde,
+doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen,
+wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra
+mit ihrer Dame Quintannona darbieten
+sollten.</p>
+
+<p>Indem er noch über diesen Gedanken brütete,
+kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde),
+die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie
+schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter
+einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte,
+wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem
+Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum
+zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte,
+sich im Bette, trotz seiner Pflaster und
+den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die
+Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau
+zu empfangen, die leise und schüchtern mit
+den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand
+zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote,
+der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und
+sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang,
+sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald
+das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch
+der feinste und zarteste Zindel schien. Um die
+Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz
+köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die
+Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren
+ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren
+Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem,
+der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch,
+war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem
+Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit
+allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern
+die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span>
+hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten
+Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem
+übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der
+arme Mann war auch so verblendet, daß weder
+die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge,
+die die edle Jungfrau an sich hatte und die
+jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt
+hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt
+sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart
+bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser
+Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden
+können, schöne und erhabene Dame, um für eine
+so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den
+Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen
+wollen: aber das Glück, welches nie müde wird,
+die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager
+geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert
+liege, so daß, wenn ich auch gesonnen
+wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir
+unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit
+kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die
+versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen
+Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen
+Beherrscherin meiner innigsten Gedanken.
+Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich
+als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt
+ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches
+Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen
+wollen.«</p>
+
+<p>Maritorne war voller Verdruß und schwitzte,
+sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und
+ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden
+acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span>
+von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den
+seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine
+Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten
+war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte,
+aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die
+Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging
+er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen,
+auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren,
+hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht
+war, sich loszumachen und daß Don Quijote
+arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß
+sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ
+einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere
+Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er
+ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit
+noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und
+trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller
+Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach
+war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die
+hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten,
+sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern
+der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte,
+daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie
+ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben.
+In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht
+an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch
+vernommen hatte. Als die Magd ihren
+Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete,
+kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho
+Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte
+und in ein Knäuel drückte.</p>
+
+<p>Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du,
+Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.«<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+Indem ward Sancho munter und da er die Last auf
+sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und
+schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei
+er Maritornen nicht selten traf. Als diese den
+Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren
+und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück,
+daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde.
+Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu
+wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich
+nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und
+die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche
+Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom
+Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung
+seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte
+dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat
+der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die
+Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein
+den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun
+im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die
+Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug
+der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die
+Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt,
+und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander,
+daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem
+kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des
+Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so
+unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm
+hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.</p>
+
+<p>Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke
+ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen
+alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das
+ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete
+er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
+im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im
+Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der
+heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf,
+war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem
+zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und
+ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand
+seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!«
+Da er aber sah, daß der, den er festhielt,
+nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für
+tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder;
+in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme:
+»Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt,
+denn hier ist ein Mensch umgebracht!«</p>
+
+<p>Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ
+den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als
+er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach
+seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln,
+die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur
+die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho
+konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie
+lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don
+Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher
+zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte
+die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein
+Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach
+dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit
+und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Drittes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten,<br>
+die den braven Don Quijote und seinen wackern<br>
+Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem<br>
+Unglück für ein Kastell ansah</span></h3>
+</div>
+
+<p>Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner
+Betäubung erholt und mit demselben Ton der
+Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen
+Stallmeister angerufen hatte, als er von den
+Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er
+auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du?
+Schläfst du, Freund Sancho?«</p>
+
+<p>»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete
+Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es
+ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich
+alle Teufel über mich hergemacht hätten.«</p>
+
+<p>»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete
+Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle
+Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein
+verzaubertes ist, denn du mußt erfahren — — —
+Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen
+werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode
+aufbewahren willst.«</p>
+
+<p>»Ich schwöre,« antwortete Sancho.</p>
+
+<p>»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort,
+»weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand
+zu kränken.«</p>
+
+<p>»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete
+Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden
+tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es
+morgen schon entdecken dürfte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem
+Leben eine so nahe Grenze steckt?«</p>
+
+<p>»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern
+es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben,
+und es ist immer mein Wunsch, daß sie
+von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«</p>
+
+<p>»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß
+ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du
+mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines
+der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich
+wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit
+wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die
+Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die
+zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen
+Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von
+den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen
+Verstande? Was von anderen verborgenen
+Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen
+vergraben lasse, um die Treue nicht zu
+brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von
+Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen,
+daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches
+das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder
+vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil,
+wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es
+geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten
+Gesprächen begriffen war, ohne daß ich
+sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine
+Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen
+angehörte und mir einen solchen Schlag auf den
+Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf
+ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span>
+weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber
+der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die
+Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst.
+Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz
+dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten
+Mohren bewacht und mir nicht zugedacht
+ist.«</p>
+
+<p>»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn
+über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt,
+daß das mit den Krippenstangen
+nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt
+mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches
+Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen
+haben, was man uns gereicht hat? Euer
+Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt
+doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in
+den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten
+Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt
+habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück
+auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender
+Ritter und denke es auch niemals zu sein, und
+doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«</p>
+
+<p>»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?«
+rief Sancho.</p>
+
+<p>»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete
+Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen
+Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen
+ganz gesund machen soll.«</p>
+
+<p>Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet
+und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span>
+Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho
+hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um
+den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich
+widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn:
+»Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte
+Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen
+will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«</p>
+
+<p>»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete
+Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich
+vor niemand blicken.«</p>
+
+<p>»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich
+fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern
+bezeugen.«</p>
+
+<p>»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte
+Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein
+hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten
+Mohren zu halten.«</p>
+
+<p>Der Häscher kam näher, und da er die beiden in
+einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll
+Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch
+mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen
+er war, nicht regen oder bewegen konnte.
+Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie
+steht's, mein guter Kerl?«</p>
+
+<p>»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte
+Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle
+wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden
+Rittern, Ihr Lümmel?«</p>
+
+<p>Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden
+Menschen so schlecht behandeln sah, verlor
+die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an
+Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem
+Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span>
+wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß,
+gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte
+Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für
+uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«</p>
+
+<p>»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es
+ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu
+tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu
+ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare
+Phantome, so daß wir an ihnen durchaus
+keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch
+schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf,
+wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten
+dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein,
+Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu
+verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt
+gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die
+mir das Gespenst geschlagen hat.«</p>
+
+<p>Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich
+Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete
+dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit
+seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte
+Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut
+und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien,
+Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der
+besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund
+zu machen, der dort im Bette schwer verwundet
+liegt, von den Händen des verzauberten Mohren,
+der in dieser Schenke umgeht.«</p>
+
+<p>Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen
+Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden,
+machte er die Tür der Schenke auf und rief
+den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen
+Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>
+Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück,
+der den Kopf auf den Händen stützte und sich über
+den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein
+anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt
+hatte, denn was er für Blut hielt, war nur
+Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen
+des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun
+sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum
+machte, indem er sie zusammentat und eine gute
+Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die
+gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte
+alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen,
+da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß
+er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu
+tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein
+Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis
+wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave
+Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte
+machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete;
+bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der
+Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber
+war stillschweigend fortgegangen, um seine
+Tiere abzufüttern.</p>
+
+<p>Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er
+gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen
+Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene
+aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen
+können und es war wohl ein Viertel Quart in dem
+Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum
+getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel,
+daß er nichts im Magen behielt, und durch
+diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in
+einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span>
+ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es
+und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte
+und sich so stark fühlte und seine Schmerzen
+so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und
+wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des
+Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht
+alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch
+noch so gefährlich, bestehen könne.</p>
+
+<p>Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen
+besser fand, bat um das, was noch im
+Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war.
+Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff
+mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den
+Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel
+als sein Herr hinunter. Der Magen des armen
+Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit
+sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen,
+wobei er schwitzte und sich quälte,
+daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte
+Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig
+wurde und den Balsam und den Totschläger, der
+ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote
+dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß
+dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum
+Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung,
+daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes
+bedienen dürfe.«</p>
+
+<p>»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum
+in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten
+lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und
+der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde
+aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die
+Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span>
+dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht
+werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen
+und Martern, daß nicht bloß er, sondern
+alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu
+Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte
+ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie
+sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet
+war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte.
+Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und
+kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer
+aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er
+zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und
+die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes
+bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen
+Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke
+schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben,
+sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte
+das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf
+anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte.
+Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine
+Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die
+ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen,
+die in der Schenke waren, standen umher
+und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die
+Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein
+Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer,
+schwer wie aus dem Innersten seines Leibes
+heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb,
+weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens
+dachten so diejenigen, die ihn am vorigen
+Abend hatten bepflastern sehen.</p>
+
+<p>Als sie nun beide beritten waren, rief er am
+Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span>
+feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß
+sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich
+in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine
+Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar
+zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich
+an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr
+erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit
+sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen,
+die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen.
+Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding
+der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt,
+so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft,
+den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und
+Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«</p>
+
+<p>Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt:
+»Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß
+Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn
+ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die
+Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer
+Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu
+und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das
+Abendessen und die Betten.«</p>
+
+<p>»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der
+Wirt.</p>
+
+<p>»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte
+Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte,
+es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil
+es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so
+kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr
+die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span>
+unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln,
+von denen ich gewiß weiß (denn bisher
+habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß
+sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den
+Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz
+wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet
+zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten,
+denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag
+Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu
+Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und
+Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des
+Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen
+waren.«</p>
+
+<p>»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der
+Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir
+mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem
+Krame gar nichts, sondern ich will das meinige
+haben.«</p>
+
+<p>»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!«
+antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante
+die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke
+hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber,
+ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge,
+entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt,
+der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah,
+wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen,
+der aber die Antwort gab, daß, da sein
+Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch
+nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines
+irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn
+derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in
+den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu
+bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span>
+daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen
+wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte,
+daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr
+zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde,
+wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn
+durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche
+Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen,
+und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich
+niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten
+Vorwurf machen dürfen.</p>
+
+<p>Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho
+fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in
+der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia,
+drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und
+zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges,
+aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes
+Volk, die, wie von einem Geiste zugleich
+angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel
+hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte,
+sie ihn darauflegten und dann die Augen in
+die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die
+Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten,
+zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof
+zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde.
+Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen
+ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie
+man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel
+zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub
+ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines
+Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam
+hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm
+ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte,
+daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span>
+sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen
+Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen
+fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu
+finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam,
+die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble
+Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen
+wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut
+und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen,
+daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn
+sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er
+machte also den Versuch, vom Pferde auf die
+Mauer zu steigen, aber er war so schwach und
+steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen
+konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die
+Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und
+Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich
+niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im
+Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch
+ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er
+bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte;
+alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie
+aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also
+seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten
+ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige
+Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich,
+ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen,
+das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit
+es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und
+führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen
+seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho,
+trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es
+bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam
+(wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span>
+zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund
+und frisch!«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die
+Schulter an und sagte unter andern härteren
+Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen,
+daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt
+wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien
+soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind?
+Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt
+mich!« — Und indem er diese Worte noch sprach,
+fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim
+ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte
+er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne,
+ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem
+Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte,
+denn man kann mit Recht von ihr sagen,
+daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren
+und Schatten vom Christentum behalten hatte.</p>
+
+<p>Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen
+Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke
+aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden,
+daß er noch nichts bezahlt und seinen
+Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten
+seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern
+geschehen war. Der Wirt behielt freilich als
+Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück,
+aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt.
+Der Wirt wollte, als er hinaus war, das
+Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht
+zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote,
+wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der
+Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei
+Dreier achteten.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Viertes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa<br>
+mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen<br>
+Abenteuern, die der Erzählung würdig sind</span></h3>
+</div>
+
+<p>Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem
+Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten
+konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt
+bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß
+jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß,
+denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk
+mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster
+und Wesen aus einer andern Welt! Was
+mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb
+der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie
+zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer
+zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben,
+weil sie mich gleichfalls bezaubert
+hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre,
+hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben
+können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß
+diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes
+gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze
+der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie
+ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß
+ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert
+ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines
+Lebens und seiner Person oder im dringendsten
+Falle der Not tut.«</p>
+
+<p>»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter
+oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im
+Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span>
+die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster
+oder verzauberte Menschen waren, wie
+Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch
+und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle
+als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen
+nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der
+andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque
+der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr
+auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht
+auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde
+heruntersteigen konntet, sondern was ich davon
+halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern
+herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute
+Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht
+wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das
+Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande,
+jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem
+Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach
+Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.«</p>
+
+<p>»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete
+Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft!
+Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du
+es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll
+es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so
+sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen,
+läßt sich der Freude irgend etwas anderes
+vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt
+oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich,
+nichts anderes kommt diesem bei.«</p>
+
+<p>»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch
+kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das,
+daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr
+Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span>
+Herren rechnen, wir noch keine einzige
+Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer,
+und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre
+und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat
+es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe
+gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und
+obendrein von verzauberten Personen, an denen
+ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen,
+über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie
+Ihr es nennt.«</p>
+
+<p>»Dieses ist es, was mich verdrießt und was
+dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete
+Don Quijote; »aber ich will von nun an streben,
+mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben,
+daß derjenige, der es führt, keiner Art
+von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück
+kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände
+spielen, als er sich den Ritter des brennenden
+Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der
+trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen
+kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es
+so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung,
+so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte
+ihm Widerstand leisten.«</p>
+
+<p>»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß,
+wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden
+ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder
+wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was
+taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual
+daran erlebt.«</p>
+
+<p>»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir
+meinen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit
+seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit
+einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte,
+die ihm auf seinem Wege entgegenzog;
+sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho
+und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an
+welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal
+aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an
+dem sich mehr als an irgendeinem andern die
+Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an
+welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den
+Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte
+eingeschrieben werden sollen. Siehst du
+jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt?
+Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen
+und zahlreichen Völkern geworben, uns
+von dort entgegenzieht.«</p>
+
+<p>»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn
+von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer
+Staub auf.«</p>
+
+<p>Don Quijote drehte sich um und sah, daß es
+wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er
+war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die
+hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der
+großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in
+jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit,
+Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und
+Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern
+gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und
+tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken,
+die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen
+und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei
+verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
+bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte;
+Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es
+Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen
+glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber
+dabei tun? gnädiger Herr!«</p>
+
+<p>»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten
+und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du
+mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von
+dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando
+des großen Kaisers Alifanfaron stehen,
+Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber,
+der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der
+Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten
+Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm
+in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«</p>
+
+<p>»Warum sind sich aber diese Herren so böse?«
+fragte Sancho.</p>
+
+<p>»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don
+Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide,
+dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt,
+die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige
+Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie
+aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er
+nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten
+Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«</p>
+
+<p>»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin
+tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in
+meinen Kräften steht.«</p>
+
+<p>»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don
+Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen,
+braucht man den Ritterschlag nicht erhalten
+zu haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho,
+»aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn
+wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn
+so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen,
+ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«</p>
+
+<p>»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du
+mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück
+laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder
+nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind,
+werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten,
+daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen
+ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei
+aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten
+Ritter kenntlich machen, die sich in diesen
+beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser
+sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns
+auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir
+beide Heere genau beobachten können.«</p>
+
+<p>Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen
+Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don
+Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen
+können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben,
+sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten.
+Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles,
+was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun
+mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den
+du in gelber Rüstung siehst und der in seinem
+Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den
+Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere
+Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke.
+Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen
+bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog
+von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur
+Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran
+von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien,
+der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und
+als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt,
+von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß,
+als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen
+Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal
+auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe
+jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten
+Timonel von Carcajona, Herrn des neuen
+Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen
+Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb;
+in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im
+hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift,
+nämlich Miau, als den Anfang des Namens
+seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die
+Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien.
+Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren
+Rosses belastet und dessen Rüstung so
+weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von
+französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr
+der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen
+Fersen in die Seiten des bunten und gewandten
+Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der
+ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom
+Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein
+Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück
+wächst nach.« —</p>
+
+<p>So nannte er noch viele Ritter von einer wie
+von der andern Schwadron, die er sich einbildete;
+allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen,<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span>
+Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus
+dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er
+fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes
+mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen
+Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind
+die, welche die süßen Gewässer des berühmten
+Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen
+Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und
+reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten,
+die, welche die berühmten und frischen Wasser des
+klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen
+nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden
+Pactolus zu sich leiten, die Numidier
+dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die
+Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther
+und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber,
+deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die
+eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren
+Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen
+Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren
+Namen ich mich aber nicht erinnere. — In jener
+Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen
+Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer,
+die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen,
+goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen
+Wasser des göttlichen Genil genießen, die
+die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen,
+diejenigen, die sich auf den himmlischen
+Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner
+dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet,
+Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen,
+die sich im Pisuenga baden, berühmt
+wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span>
+Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten
+Guadiana weiden, dessen verborgener
+Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der
+beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen
+Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz,
+alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in
+sich faßt und begreift.«</p>
+
+<p>Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er
+noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er
+jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden
+Attribute erteilte, trunken und entzückt
+von dem, was er in seinen lügenhaften
+Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über
+diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen;
+er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und
+her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr
+aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus
+keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol
+mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder
+Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist,
+wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß
+wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den
+Gespenstern vorige Nacht.«</p>
+
+<p>»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote,
+»hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der
+Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«</p>
+
+<p>»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho,
+»als Blöken von Schafen und Hammeln.« — Und
+dies war es auch, denn die beiden Herden waren
+nun ziemlich nahe gekommen.</p>
+
+<p>»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote,
+»macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span>
+hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht
+besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und
+dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als
+sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit,
+so abseitige dich und laß mich allein, denn
+allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu
+verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit
+diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen,
+faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er
+wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter.
+Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein
+gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott,
+Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen
+wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit
+willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja
+kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung,
+weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue
+Felder, noch der Teufel und seine Großmutter.
+Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge
+vor?«</p>
+
+<p>Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern
+rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr
+Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen
+Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel
+streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie
+leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von
+Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach,
+stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein
+und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen,
+als wenn er wirklich mit Todfeinden zu
+kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die
+Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also
+verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span>
+nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern
+und begannen seine Ohren mit Steinen wie die
+Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte
+sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er
+sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du,
+stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein
+einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann
+deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen
+kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen
+Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte
+eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die
+Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er
+diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot
+oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes,
+nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und
+fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er
+hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm
+nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und
+traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß
+sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier
+Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei
+Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So
+heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite,
+daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom
+Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei
+und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten;
+sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden
+die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben
+beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas
+anderes abzuwarten.</p>
+
+<p>In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem
+Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß
+sich den Bart aus, indem er die Stunde und den<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span>
+Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft
+gemacht hatte. Da er nun sah, daß er
+auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen,
+stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand
+ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er
+noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte
+ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr
+halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet,
+keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«</p>
+
+<p>»So hat sie der Schelm von Weisen, mein
+Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen,
+Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist,
+alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser
+Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den
+Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht
+erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine
+Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht,
+so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit
+du deines Irrtums los werdest und merkest, wie
+ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und
+reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß,
+sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie
+ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel
+mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht,
+wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne
+dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und
+Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und
+Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte
+ich keinen einzigen im Munde behalten.«</p>
+
+<p>Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die
+Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah,
+indem der Balsam schon im Magen Don
+Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span>
+ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß
+er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er
+in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen
+Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter
+Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen?
+Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet,
+denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.«
+Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe,
+Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut,
+sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er
+ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger
+Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er
+seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie
+Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem
+Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen,
+sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da
+er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand
+zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm
+sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und
+nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen
+Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der
+versprochenen Insel verlieren sollte.</p>
+
+<p>Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke
+Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer
+noch weh taten, mit der anderen faßte er die
+Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite
+seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön
+war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister,
+der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und
+die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie
+ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken
+ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so
+gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse,<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span>
+Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein
+anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer;
+alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise,
+daß sich das Wetter bald aufheitern muß und
+daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen,
+denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück
+immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück
+überstanden, das Glück uns nahe sein muß.
+Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten,
+die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«</p>
+
+<p>»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn
+der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich
+in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute
+mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört
+wohl einem anderen als mir?«</p>
+
+<p>»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.</p>
+
+<p>»Auf die Weise haben wir heute nichts zu
+essen,« erwiderte Don Quijote.</p>
+
+<p>»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier
+auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg
+wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt,
+mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche
+irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«</p>
+
+<p>»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre
+mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering
+viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides
+beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor
+Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier,
+Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott,
+der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen,
+da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span>
+Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der
+Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen
+der Flut; seine Güte läßt die Sonne über
+Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten
+und Ungerechten.«</p>
+
+<p>»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum
+Prediger als zum irrenden Ritter.«</p>
+
+<p>»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles
+und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote,
+»denn ein irrender Ritter aus den verflossenen
+Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit
+gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem
+Felde halten können, so gut, als wenn er auf der
+Universität Paris den Gradus empfangen hätte:
+woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die
+Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«</p>
+
+<p>»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete
+Sancho, »wir wollen weiter und für die
+Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge
+uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher
+und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte
+Mohren, denn wenn das wieder kömmt,
+so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«</p>
+
+<p>»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote,
+»und nimm du selbst den Weg, welchen du
+willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in
+Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir
+aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie
+viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der
+Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«</p>
+
+<p>Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam
+und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten
+Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p>
+
+<p>»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote,
+»alle vollständig und gesund.«</p>
+
+<p>»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete
+Sancho.</p>
+
+<p>»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don
+Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn
+habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen
+lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder
+Flüssen ausgefallen.«</p>
+
+<p>»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho,
+»habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in
+der oberen aber keinen halben und keinen ganzen,
+denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«</p>
+
+<p>»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm
+sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte,
+»ich hätte lieber einen Arm hingegeben,
+nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du
+mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne
+ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn
+ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber
+allem diesen sind die unterworfen, die wir uns
+zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also
+steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich
+will dem Wege folgen, den du aussuchst.«</p>
+
+<p>Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er
+eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen,
+auf dem er sich eben befand. So zogen sie
+langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte
+Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu
+eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung
+und Ergötzung zu verursachen, und unter
+anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was
+man im folgenden Kapitel erzählen wird.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Fünftes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn<br>
+führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam<br>
+begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle,
+die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß
+eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen
+den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn
+Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt,
+auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit
+der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen
+Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun
+geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem
+Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag,
+denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«</p>
+
+<p>»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war
+meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls
+vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du
+mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen
+hat. Aber ich will es wieder gut machen,
+denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle
+Dinge Mittel.«</p>
+
+<p>»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?«
+fragte Sancho.</p>
+
+<p>»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen
+hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich
+einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung
+gesichert, es mag nun aber sein oder
+nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu
+denken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p>
+
+<p>»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so
+trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso
+wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster
+wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß
+zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch,
+wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«</p>
+
+<p>Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel
+sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen
+Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen
+möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor
+Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war
+ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden
+und um ihr Unglück vollständig zu
+machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der
+Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die
+Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis
+herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg
+fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei
+Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie
+sich auf dem großen Wege befanden.</p>
+
+<p>Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der
+Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise
+lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße
+eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die
+Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak,
+indem er es bemerkte und dem Don Quijote
+war es nicht ganz unheimlich; jener zog den
+Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes
+an und so standen sie beide und schauten aufmerksam
+hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen,
+wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie
+immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen.
+Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>
+Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten
+sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe;
+er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne
+Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und
+furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein
+wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«</p>
+
+<p>»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho,
+»wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht,
+wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen,
+um alles auszuhalten?«</p>
+
+<p>»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don
+Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß
+sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie
+jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil
+ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber
+jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich,
+soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte
+ausholen kann.«</p>
+
+<p>»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und
+kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,«
+sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei
+sein oder nicht?«</p>
+
+<p>»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote,
+»so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu
+fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie
+ich dieses Unternehmen anfassen will.«</p>
+
+<p>»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte
+Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite
+des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen,
+was das doch mit den wandernden Lichtern
+sein möchte und so entdeckten sie nach und nach
+viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span>
+fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den
+letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte,
+als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein
+Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte,
+in welchem sie die Gegenstände genauer
+erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl
+zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden
+Fackeln in den Händen, hinter denen eine
+Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere
+Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören
+bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt,
+denn daß es keine Pferde waren, sah
+man an dem langsamen Gange; die in den weißen
+Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher
+Stimme.</p>
+
+<p>Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde
+und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend,
+das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen,
+auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote
+gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho
+schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen
+war: der Gebieter aber ermunterte sich bald,
+der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete,
+wie dieses eines von den Abenteuern aus
+seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken
+die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher
+sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände,
+den zu rächen ihm allein vorbehalten sei:
+er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein,
+setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann
+mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des
+Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei
+mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span>
+genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter,
+wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer
+ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer
+derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt,
+denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht
+entweder verübt oder erlitten und es geziemt
+sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch
+für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen
+oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an
+euch verübt.«</p>
+
+<p>»Wir haben Eile«, antwortete einer von den
+Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß
+wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft
+zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein
+Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort
+wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden,
+er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und
+seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich
+verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.«
+Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als
+es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte
+und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf.
+Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen
+sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der,
+schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte,
+die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten
+angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun
+machte er sich an die übrigen, und es war eine
+Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff
+und auf sie einhieb, so daß es schien, als
+wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel
+gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät
+war sein Betragen. Die in den Hemden<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span>
+waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen
+also sogleich ohne Widerstand den Kampf
+und flüchteten mit den brennenden Fackeln über
+das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als
+wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen
+Nacht aufführen wollten. So konnten sich
+auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und
+Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht
+zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don
+Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm
+erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle
+hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für
+den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um
+den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre
+mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung
+der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte
+bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer
+und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende
+Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote
+zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem
+Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die
+Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er
+sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen
+solle; worauf der Liegende antwortete:
+»Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann
+mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich
+bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher
+Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr
+würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen,
+denn ich bin ein Lizentiat und habe die
+ersten Orden.«</p>
+
+<p>»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte
+Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<p>»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene,
+»sondern mein Unstern.«</p>
+
+<p>»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,«
+sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf
+meine anfängliche Frage genug tut.«</p>
+
+<p>»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten
+genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also
+müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei
+Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und
+Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und
+komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit
+ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir
+wollen nach der Stadt Segovia und führen einen
+Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter,
+der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und
+dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis
+nach Segovia führen, in welcher
+Stadt er geboren ist.«</p>
+
+<p>»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers,
+welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus.</p>
+
+<p>»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der
+Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod
+zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte;
+da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat,
+so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und
+die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn
+er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr,
+müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter
+aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen
+Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen,<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden
+abzuhelfen.«</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen
+heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was
+mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil
+ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit
+meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die
+Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht
+darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen
+habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen
+wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir
+ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird
+zu stehen kommen.«</p>
+
+<p>»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote,
+»geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr
+Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so
+durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und
+den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder
+schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse
+Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben
+konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch
+anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn
+ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß
+Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür
+ich Euch ansah und hielt.«</p>
+
+<p>»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen
+hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich
+nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der
+mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch
+unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine
+Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«</p>
+
+<p>»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,«
+antwortete Don Quijote, »warum wartet<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span>
+Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?«
+Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen
+möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen
+nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen
+Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn
+trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten.
+Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel
+und stopfte so viel er nur mochte und konnte
+in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier,
+worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem
+Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf,
+ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel
+reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er
+sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte,
+die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung
+bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden,
+sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf:
+»Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer
+der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt,
+so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte
+Don Quijote von la Mancha, der sich mit
+einem anderen Namen nennt der Ritter von der
+traurigen Gestalt.«</p>
+
+<p>Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und
+Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen,
+ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der
+traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch
+sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine
+Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die
+dem armen Manne gehörte und da spielte Euer
+Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die
+ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es
+nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
+oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne
+fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote,
+»sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die
+Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen,
+daß es gut sei, wenn ich mir noch einen
+anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter
+der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der
+Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der
+vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser
+der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter
+vom Greifen, noch ein anderer der des Todes,
+und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie
+auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage
+ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner
+Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den
+Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie
+ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke,
+und damit sich ein solcher Namen noch
+besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es
+die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine
+überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit
+und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern
+was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt
+sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten,
+Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann
+nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift
+werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt
+nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich
+versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu
+spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen
+Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben,<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span>
+daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei
+gar wohl entbehren könnt.«</p>
+
+<p>Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit,
+nahm sich aber doch vor, sich bei diesem
+Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem
+Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er
+sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe
+der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die
+Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche
+gelegt, <span class="antiqua">juxta illud: si quis suadente diabolo etc.</span>,
+aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern
+nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies
+glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu
+verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es
+einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt,
+sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale
+aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht,
+so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai
+Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen
+Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des
+Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte,
+der wackere Rodrigo de Vivar aber
+darum immer ein geehrter und tapferer Ritter
+blieb.«</p>
+
+<p>Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog
+hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas
+zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen,
+ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen
+bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu,
+sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses
+gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen
+habe, am allerschönsten beendigt. Diese
+Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span>
+sind, könnten darauf kommen, daß sie doch
+nur von einem einzigen Manne überwunden wären,
+deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren
+und uns suchen, um uns noch das Nötige
+beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß,
+das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste
+wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig
+zurück und so gehe denn, wie man sagt, der
+Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem
+Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen
+Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen,
+dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe,
+und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren
+nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als
+sie sich in einem geräumigen und abgelegenen
+Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho
+seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert,
+vollbrachten sie nun mit der Würze des
+Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl,
+Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen
+mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die
+Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne
+Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt
+hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit,
+die Sancho für die schlimmste von allen
+hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken
+hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß
+zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho,
+da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem
+frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden
+Kapitel erfahren wird.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Sechstes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer,<br>
+welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr<br>
+vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha<br>
+vollbracht wurde</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn
+diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon,
+als daß hier herum eine Quelle oder ein
+Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß
+macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir
+etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen,
+womit wir diesen schrecklichen Durst löschen
+könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch
+mehr als der Hunger peinigt.«</p>
+
+<p>Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er
+nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm
+seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel
+ihres Nachtessens geladen wurden, und so
+zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis
+der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich
+sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert
+Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause
+eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen
+und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen
+war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um
+zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch
+komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen,
+das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte,
+dem Sancho besonders, der von Natur
+furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich,
+wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span>
+einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit
+dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden,
+hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote
+mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt,
+dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen
+Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt,
+still und schauerlich rauschten, so daß die
+Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch
+des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht
+und Grausen erwecken durften, da sie überdies
+sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind
+nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei
+ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in
+der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt
+von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante,
+nahm den Schild, faßte die Lanze und
+sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich
+geboren bin, um vom Himmel herab in dieser
+unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches
+man nur das von Gold oder das goldene zu nennen
+pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen,
+mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind:
+ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die
+Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun
+Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die
+Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus
+und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt
+der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in
+vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem
+gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten
+ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe,
+daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene
+jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span>
+Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht,
+die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende
+Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen
+jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen
+und zu brausen scheint von mondhohen,
+steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen
+Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet,
+welche Dinge zusammen, ja jedes für sich
+hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der
+Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem
+Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen
+Begegnissen und Abenteuern. Alles aber,
+was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker
+und Entzünder meines Mutes, so daß mir das
+Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses
+Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den
+furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also
+ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen
+und lebe wohl, erwarte mich hier drei
+Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit
+nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat
+zurückkehren und von dort, um etwas Edles und
+Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und
+der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen,
+daß ihr gefangener Ritter umgekommen
+sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig
+gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«</p>
+
+<p>Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing
+er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger
+Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch
+doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen
+wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier,
+wir können ja schnell umlenken und der Gefahr<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span>
+aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen
+nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch
+hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige
+Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer
+in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet,
+habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig
+in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es
+nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so
+ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht
+anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann;
+da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan
+hat, indem er Euch von der Prelle lossprach,
+die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund
+und frei aus dem Treffen mit der großen Schar
+kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und
+bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes
+Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke
+muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht,
+ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur
+mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und
+Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen,
+weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern
+dachte, aber freilich allzuviel zerreißt
+den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in
+die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die
+verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die
+Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür
+lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen,
+den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend
+Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht
+ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr
+denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch
+dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span>
+bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner
+Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe,
+muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn
+der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über
+uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der
+Linie linker Hand befindet.«</p>
+
+<p>»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote,
+»diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr
+werden, wovon du sprichst, da die Nacht so
+finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel
+scheint?«</p>
+
+<p>»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho,
+»aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die
+Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn
+am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem
+puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit
+vom Tage sein kann.«</p>
+
+<p>»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don
+Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von
+mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich
+abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht
+schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho,
+ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins
+Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und
+entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für
+meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit
+trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante
+den Sattelgurt festzumachen und dann hier
+zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder
+tot, zurück.«</p>
+
+<p>Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß
+seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine
+Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span>
+er die Probe machen, was er durch List ausrichten
+könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse;
+indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog,
+band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem
+Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine
+zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten
+wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd
+nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho
+den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte
+er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen
+und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet,
+daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr
+nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen
+und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur
+böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt,
+gegen den Stachel lecken.«</p>
+
+<p>Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn
+je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger
+wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband
+zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig
+zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen
+werden oder Rosinante berühriger werden möchte,
+weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache,
+nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte
+also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich
+nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden
+sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich
+ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft
+verzögern wird.«</p>
+
+<p>»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete
+Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug
+verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen,
+wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span>
+dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise
+schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer
+findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer,
+worauf Ihr wartet, anfassen könnt.«</p>
+
+<p>»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte
+Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen
+Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf
+du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue,
+was du willst, ich werde meinerseits das tun, was
+meiner Würde am besten zusteht.«</p>
+
+<p>»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,«
+antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;«
+zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die
+eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die
+andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er
+den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt,
+ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen:
+solche Furcht flößten ihm die Schläge ein,
+die unaufhörlich abwechselnd erklangen.</p>
+
+<p>Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung
+eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen
+habe, worauf Sancho erwiderte, daß er
+es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel
+dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch
+anstrengen, eine Historie vorzutragen, die,
+wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz
+und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor
+allen anderen die schönste Historie ist; nun aber
+gebt acht, denn ich fange an.</p>
+
+<p>Es war das, was war, das Gute, das uns
+kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem,
+der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr,
+wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span>
+anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer
+Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland,
+welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es
+aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh
+auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig
+halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu
+suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg
+einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja,
+diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken
+auf uns lauern.«</p>
+
+<p>»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte
+Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu
+verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«</p>
+
+<p>»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in
+einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von
+Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen
+hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie
+ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und
+dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt,
+die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva
+hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten,
+und dieser reiche Hirte — —«</p>
+
+<p>»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,«
+sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben
+Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen
+nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger
+Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«</p>
+
+<p>»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho,
+»werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt,
+ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es
+ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue
+Sitten aufbringen soll.«</p>
+
+<p>»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote,<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span>
+»da es das Schicksal einmal will, daß ich dir
+zuhören muß, so fahre nur fort.«</p>
+
+<p>»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho
+fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer
+in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes,
+unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges
+an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen
+Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu
+sehen glaube.«</p>
+
+<p>»So hast du sie also gekannt?« fragte Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho,
+»aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte
+mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn
+ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen
+und schwören könnte, wie ich selber alles mit
+meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so
+Tage gingen und Tage kamen, richtete es der
+Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander
+rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen
+seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen
+verkehrte, und die Ursache davon war, wie die
+bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine
+gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben
+hatte, die wirklich über die Schnur und ins
+Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so
+zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu
+sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um
+hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden.
+Wie nun Torralva merkte, daß sie vom
+Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks
+stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«</p>
+
+<p>»So ist der natürliche Charakter der Weiber,«<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span>
+sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die
+sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie
+gehaßt werden. Aber fahre fort.«</p>
+
+<p>»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der
+Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er
+trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf
+den Weg nach den Feldern von Estremadura, um
+von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen.
+Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und
+folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem,
+einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um
+den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen
+Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und
+noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht.
+Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie
+will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt
+nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man
+mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner
+Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und
+dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen
+und auf dem diesseitigen Ufer war kein
+Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine
+Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden
+konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er
+sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen,
+die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen
+und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange
+um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit
+davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß
+in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine
+Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit
+diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert
+Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span>
+Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege
+über, er kam zurück und setzte eine andere über,
+er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine
+andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr,
+die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn
+wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert,
+so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher
+nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu
+erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz
+auf der andern Seite voller Schmutz
+und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit
+Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch
+kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und
+nochmal fuhr er über und nochmal.«</p>
+
+<p>»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don
+Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht
+aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn
+sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt
+haben.«</p>
+
+<p>»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?«
+fragte Sancho.</p>
+
+<p>»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don
+Quijote.</p>
+
+<p>»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau
+zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte
+ist nun so völlig aus, daß ich nichts
+weiter erzählen kann.«</p>
+
+<p>»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote,
+»ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich,
+ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt
+sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du
+in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«</p>
+
+<p>»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,«<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span>
+antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte,
+wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr
+mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet,
+so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was
+noch übrig war und wahrhaftig, das war von
+nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«</p>
+
+<p>»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun
+die Geschichte aus?«</p>
+
+<p>»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho.</p>
+
+<p>»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast
+da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie
+vorgetragen, was kein anderer Mensch auf
+der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es
+vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört
+und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört
+bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem
+feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber
+hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen
+Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«</p>
+
+<p>»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das
+weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts
+mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende
+ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten
+Ziegen einen Fehler macht.«</p>
+
+<p>»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo
+sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir
+lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er
+gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum
+machte jener Sprünge und blieb auf demselben
+Flecke, so meisterhaft war er festgebunden.</p>
+
+<p>Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des
+Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span>
+Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte,
+oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein
+mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug,
+es kam ihm der Wunsch und das Begehren
+an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun
+konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang
+gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen
+Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute:
+der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht
+auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm
+also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb,
+war, daß er seine rechte Hand von dem
+Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit
+dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte
+Schleife löste, die ganz allein und ohne
+irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe
+hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife
+plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen
+blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst
+erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile
+reckte, die nicht unansehnlich zu nennen.
+Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste
+vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst
+und Not zu kommen), zeigte sich eine andere,
+größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht
+ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können,
+somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf
+und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr
+er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen
+zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er
+unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr
+verschieden von jenem, welches ihn in so große
+Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span>
+sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser,
+»es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle
+wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.«
+Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt,
+sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug,
+daß ohne größeres Geräusch und Aussehen
+als das vergangene, er sich von der Last befreit
+sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber
+der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht
+weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho
+ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast
+in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen,
+so war es nicht anders möglich, als daß einige
+davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum
+hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon
+zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte,
+worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte:
+»Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.«</p>
+
+<p>»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber
+woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als
+sonst?«</p>
+
+<p>»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht
+nach Ambra,« antwortete Don Quijote.</p>
+
+<p>»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich
+bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich
+zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten
+Taten herumzieht.«</p>
+
+<p>»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,«
+sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase
+zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst
+du besser berechnen, wer du seist und was du mir<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span>
+schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen
+dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.«</p>
+
+<p>»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden
+denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet
+und ein Ding getan, das nicht sein sollte.«</p>
+
+<p>»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu
+rühren,« antwortete Don Quijote.</p>
+
+<p>Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten
+Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte,
+daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit
+vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die
+Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so
+wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er
+wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine
+bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis
+sei's gesagt, keine andere Courbetten zu
+machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich
+Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein
+gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das
+furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte
+sich auch das helle Morgenrot, wobei man die
+Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don
+Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen
+befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten
+Schatten machen: er hörte aber zugleich,
+wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts,
+was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne
+längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen,
+nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm,
+drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er
+schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in
+dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein
+möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
+Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen.
+Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und
+die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der
+Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch,
+was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine
+Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament
+gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe,
+in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche
+Besoldung für die Zeit seines Dienstes
+vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig,
+gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück,
+so könnte er gewisser als jemals die versprochene
+Insel erwarten. Sancho fing wieder an
+zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden
+seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich,
+ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns
+zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle
+Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser
+dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn
+guter Eltern oder wenigstens für einen alten
+Christen zu halten; auch war sein Herr durch
+diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß
+er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte
+sich so gut er konnte und richtete sich nun
+nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers
+sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm
+zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel
+führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen
+und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine
+ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren
+Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie
+auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt
+wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span>
+herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen
+einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von
+Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie
+bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen
+Schläge ertönte. Rosinante wurde vor
+dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu,
+aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach
+auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen
+seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in
+dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis
+begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich
+Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte.
+Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang
+als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen
+den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm
+so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als
+sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren
+und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und
+entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß
+kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen
+und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große
+Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht
+hatte, und es waren (wenn du es, mein
+Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten
+hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden
+Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.</p>
+
+<p>Als Don Quijote sah, was es war, wurde er
+still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen.
+Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt
+auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung.
+Auch Don Quijote sah den Sancho an
+und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff
+und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten,<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span>
+mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen
+möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht
+so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos
+Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho
+sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste
+er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit
+den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor
+Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe
+und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit
+gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote
+dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies
+parodischerweise diese Worte sagte: »Freund
+Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um
+vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit
+das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen.
+Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen,
+mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so
+hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her,
+die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das
+furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote
+sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte
+und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob
+und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige,
+daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den
+Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt
+hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht
+seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho
+merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte
+er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr
+möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch,
+gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«</p>
+
+<p>»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete
+Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span>
+Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer
+waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen
+wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um
+es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich
+denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen
+und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von
+Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es
+überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist,
+daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen
+habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein
+gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und
+aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen
+sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach
+dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich,
+und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten
+Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt,
+Euren Spaß aus mir.«</p>
+
+<p>»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger
+Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß
+ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten
+bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden
+leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer,
+das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie
+aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding
+zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche
+Furcht ausgestanden haben? Wenigstens
+habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen
+Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und
+einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«</p>
+
+<p>»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote,
+»daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding
+würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist
+es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span>
+genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.«
+— »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein
+gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck
+zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken
+und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine
+Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite
+wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man
+hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt
+dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem
+Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl
+ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich
+wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar
+Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht
+nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf
+dem festen Lande verschenken.«</p>
+
+<p>»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don
+Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit
+würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst
+du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen
+nicht in der Gewalt des Menschen stehen
+und sei von nun an für die Zukunft in einem
+Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken
+haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich
+führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen
+habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals
+gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem
+Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem
+deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für
+einen großen Fehler, sowohl von deiner als von
+meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung
+gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in
+größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin,
+dem Stallmeister des Amadis von Gallia,<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span>
+der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß
+er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das
+Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den
+Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen
+wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don
+Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um
+uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens
+zu verstehen zu geben, sein Name nur
+ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen
+Geschichte genannt wird? Aus alle dem
+Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig
+sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht,
+zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und
+Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun
+an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne
+über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch
+über Euch erzürnen möge, wird es immer übel
+für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und
+Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu
+ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so
+kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen,
+wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«</p>
+
+<p>»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,«
+sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen
+(wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt
+und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen
+muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden
+Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich
+monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei
+den Maurergesellen, verdungen?«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote,
+»daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient
+haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span>
+dir aber in meinem zurückgelassenen Testament
+etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum
+geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen
+Zeiten die Ritterschaft geraten wird,
+und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge
+wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide;
+denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren
+Stand, als den eines Abenteurers.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein
+das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz
+eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie
+Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber
+Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine
+Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure
+Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem
+Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«</p>
+
+<p>»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben
+auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung
+der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt
+werden.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Siebentes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung
+von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die<br>
+dem unüberwindlichen Ritter zustießen</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho
+schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber
+Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes
+einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er
+durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug
+einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine
+andere Straße als auf welcher sie erst gereist<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span>
+waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don
+Quijote einen Menschen, der beritten war und auf
+dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte.
+Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon
+gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung,
+Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches
+nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche,
+die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften,
+geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt:
+Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere
+auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die
+Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden
+ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt
+sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und
+unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur
+meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände,
+denn jetzund kann ich es nicht auf meine
+Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis
+der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls
+ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der
+auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen
+dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«</p>
+
+<p>»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und
+seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht
+wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht
+walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«</p>
+
+<p>»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote,
+»was tun denn Helm und Walken miteinander?«</p>
+
+<p>»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber
+wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so
+würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr
+einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p>
+
+<p>»Wie kann ich mich in meiner Behauptung
+irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote,
+»sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der
+uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und
+auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«</p>
+
+<p>»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen
+kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein
+Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner
+ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat,
+das blitzert.«</p>
+
+<p>»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,«
+sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und
+laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich,
+ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit,
+dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm
+verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«</p>
+
+<p>»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte
+Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns
+Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke
+bescheren.«</p>
+
+<p>»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals,
+ja nicht in Gedanken einmal der Walken
+erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe
+— — — ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte
+dir die Seele zusammenwalken.«</p>
+
+<p>Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr
+machte das Gelübde vollführen, welches er ihm so
+kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem
+Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche
+Don Quijote sah, verhielt es sich also. In jener
+Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das
+eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte,
+das andere benachbarte aber war mit einem versorgt<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span>
+und daher bediente der Barbier des größeren
+Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker
+gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein
+anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb
+der Barbier eben kam und ein Bartbecken von
+Messing mit sich führte, und da es das Schicksal
+um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut,
+der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben
+lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf,
+welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe
+Meile weit flimmerte. Er ritt in der Tat, wie
+Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel und
+dies zusammen war dem Don Quijote der Apfelschimmel,
+der Ritter und der goldene Helm, denn
+es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er
+sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen
+irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte,
+daß der arme Ritter ihm nahe genug war,
+legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen,
+die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit
+dem Vorsatz, jenen durch und durch zu rennen; als
+er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu,
+ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige
+dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig,
+was mir nach allem Recht zukommt!«</p>
+
+<p>Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb,
+dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein
+besseres Mittel den Lanzenstoß von sich abzuhalten,
+als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte
+aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie
+eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit
+über das Feld rannte, daß ihn der Wind
+selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span>
+er auf der Erde liegen, womit sich Don Quijote
+zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig
+genug gewesen, und daß er dem Biber trefflich
+nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die
+Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße,
+weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt
+seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho
+den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm
+und sagte: »Mein Seel! Ein köstliches Bartbecken,
+unter Brüdern ist es seinen Taler wert.« Zugleich
+gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den
+Kopf setzte und es rundherum drehte, um das
+Visier zu finden, wie er es aber nicht antraf,
+sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße
+diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß
+in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben und,
+was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.«</p>
+
+<p>Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen
+hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken,
+aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die
+Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber
+lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote.</p>
+
+<p>»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich
+mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide
+muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte,
+die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht,
+wie ein Ei dem andern.«</p>
+
+<p>»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho?
+Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte
+Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall
+in die Hände eines solchen geraten sein, der
+seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so
+in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span>
+feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich
+damit zu bereichern, und somit die andere Hälfte
+zu einem Dinge machte, das, wie du bemerktest,
+einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm
+aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne,
+ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies
+will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied
+befindet, fertig machen, und zwar so, daß ihn jener
+Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt,
+den der Gott der Schmiede für den Gott
+der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will
+ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist
+besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend
+sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht,« sagte Sancho, »wenn die Steine
+nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so
+wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf,
+als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die
+Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite
+Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen
+ließ.«</p>
+
+<p>»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren
+zu haben, denn du weißt, Sancho,« sagte
+Don Quijote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnis
+habe.«</p>
+
+<p>»Auch ich hab's im Gedächtnis,« antwortete
+Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache
+oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte; ich
+denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo
+ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit
+allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals
+verwundet zu werden und auch keinen andern zu<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span>
+verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden
+möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen
+Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und
+wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter
+tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten,
+die Augen zudrücken und sich dann in
+Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal
+und das Bettuch meint.«</p>
+
+<p>»Du bist ein schlechter Christ, Sancho,« sagte
+Don Quijote bei diesen Worten, »denn du vergißt
+niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren
+ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist
+es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten
+keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem
+Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen?
+Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen
+Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn
+beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß
+und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen,
+so wär' ich schon längst umgekehrt und
+hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet,
+als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten,
+die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulzinea
+zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte,
+nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu
+haben, den sie nun davongetragen hat.«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten
+Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: »So
+mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein
+Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was
+Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der
+Spaß mir niemals aus dem Gedächtnis kommen
+wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span>
+eingeprägt hat. Wir wollen aber von was andern
+reden und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was
+machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie
+ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns
+hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt?
+Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine
+machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich
+wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren,
+und bei meinem Barte, der Graue ist
+wacker.«</p>
+
+<p>»Es war niemals meine Gewohnheit,« sagte
+Don Quijote, »die zu berauben, die ich überwinde,
+auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen
+zu nehmen und sie unberitten zu lassen,
+wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im
+Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm
+allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen
+als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrecht
+zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen
+Esel oder wofür du es halten magst, denn so wie
+uns sein Herr in der Entfernung sehen wird,
+kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.«</p>
+
+<p>»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte,«
+sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen,
+der mir nicht so wacker scheint! Wie sind
+doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man
+nicht einmal einen Esel gegen einen andern austauschen
+darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich
+nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen
+dürfte.«</p>
+
+<p>»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher,« sagte
+Don Quijote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser
+unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span>
+es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im
+äußersten Grade bedürftig bist.«</p>
+
+<p>»So zum äußersten bedürftig,« antwortete
+Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht
+nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis tauschte er
+die Kleider sogleich um und zierte seinen Esel so
+köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien als
+vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten
+sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem
+Küchenesel übriggeblieben war und tranken von
+dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen
+trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen, so
+heftig war der Haß, den sie wegen ihrer Furcht
+gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren
+Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen
+sie wieder auf und ohne einen bestimmten Weg
+einzuschlagen (weil es irrenden Rittern gut ansteht,
+sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die
+Straße, die Rosinante erwählte; dieser Wahl folgte
+sein Herr und auch der Esel, der immer nachging,
+wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter
+führte. Sie gerieten demungeachtet auf
+die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach,
+ohne sich eine Absicht vorzusetzen.</p>
+
+<p>Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem
+Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht
+die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu
+schwatzen? Denn seit mir das harte Gebot, still zu
+schweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier
+Dinge im Magen verdorben und jetzt habe ich eins
+auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte
+umkommen lassen.«</p>
+
+<p>»So sprich es aus«, sagte Don Quijote, »und<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span>
+befleißige dich der Kürze, denn das Weitläufige
+macht nie Vergnügen.«</p>
+
+<p>»Ich sage also, gnädiger Herr,« sprach Sancho,
+»daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen
+darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen
+und Erquickung Abenteuer sucht hier in den
+Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr
+auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und
+weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen
+Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht
+und Eurer Verdienste. Es scheint mir also,
+mit Eurer Erlaubnis, besser, daß wir irgendeinem
+Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen
+sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste
+könnt Ihr dann Eure tapfere Gesinnung, Eure
+gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand
+an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir
+dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung
+geben, jedem nach seinem Werte, dann würden
+auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Andenken
+aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht
+erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken
+des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten,
+daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch
+wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen,
+meine Verrichtungen gewiß auch schwarz
+auf weiß erscheinen würden.«</p>
+
+<p>»Nicht übel sprichst du, Sancho,« antwortete
+Don Quijote; »bevor ich aber zu jenem Ziele gelange,
+ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen,
+gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen,
+damit, wenn ich etwelche beendige, mich
+der Ruhm bekränze. Wenn sich nun ein solcher<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span>
+Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt,
+so ist er durch seine Taten schon bekannt,
+so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore
+der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn
+mit Geschrei umgeben und ausrufen: dieses ist der
+Ritter von der Sonne, oder von der Schlange, oder
+von irgendeinem anderen Sinnbilde, unter welchem
+er denkwürdige Taten vollbracht hat. Dieser ist
+es, werden sie sagen, der im einzelnen Zweikampfe
+den Riesen Brocabruno von der gewaltigen Kraft
+überwand, er löste den mächtigen Zauber, in welchem
+der große Mameluk von Persien fast seit
+neun Jahrhunderten schmachtete. Also werden von
+Mund zu Mund seine Taten gepriesen und über
+dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes
+tritt der König des Reiches an die Fenster seines
+herrlichen Palastes: sowie er den Ritter gewahrt,
+erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem
+Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle
+meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden,
+ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die
+sich dorten naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen
+diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich
+bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig
+und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den
+Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach
+Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter
+die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so
+schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie
+gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt
+finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten
+Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter
+wirft; er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span>
+dem andern mehr eine Gottheit als ein
+menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder
+wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen
+Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber
+ihre Herzen in großen Sorgen stehn, weil
+sie nicht wissen was sie reden oder wie sie ihre
+Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von
+dorten führen sie ihn wohl in ein anderes Quartier
+des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er
+die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren
+Scharlachmantel bedecken; schien er in der
+Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide
+noch trefflicher. Der Abend kommt und er speist
+mit dem Könige, der Königin und der Infantin,
+wobei er niemals die Augen von ihr wendet und
+sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden
+merken; sie tut das nämliche mit der
+nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt,
+sie ist eine verständige Jungfrau. Sowie die
+Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die
+Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg
+mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei
+Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich
+bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat,
+daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten
+Ritter von der Welt gehalten werden muß.
+Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die
+zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen,
+keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde
+Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein großes
+vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin,
+die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem
+so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span>
+Hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder
+Fürst oder was er nur sein mag, in einen gefährlichen
+Krieg mit einem anderen, ebenso mächtigen,
+verwickelt ist; der fremde Ritter bittet ihn hierauf,
+(nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten)
+um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege
+Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König
+und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade
+mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben
+Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin,
+Abschied, die er im Garten hinter einem
+Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt
+auf den Garten: hier hat er sie auch schon oftmals
+gesprochen, denn eine Jungfrau, die das
+völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin
+und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig
+nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr
+in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum
+Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde;
+endlich kommt die Infantin wieder zu sich, durch
+das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem
+Ritter, der sie tausend und tausendmal küßt und
+sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird
+endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück
+oder Unglück mitteilen wollen; es fleht die Prinzessin,
+daß er so schnell als möglich zurückkommen
+möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder
+küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit
+solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das
+Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach,
+wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz
+der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der
+Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span>
+Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt,
+nachdem er sich von den beiden beurlaubt,
+daß die gnädige Infantin sich übel befinde und
+keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt,
+wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz
+schlägt ihm und es fehlt wenig, so läßt er seine
+Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die
+Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es
+ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt
+und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge
+sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von
+königlichem Geschlechte abstamme oder nicht. Die
+Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große
+Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne,
+wenn er nicht von Königlichem Geschlechte sei; mit
+diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden,
+um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen
+und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie
+sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er
+streitet im Kriege, er überwindet den Feind des
+Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert
+in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück,
+am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame,
+sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater
+zum Lohne seiner Dienste zum Weibe begehren
+soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht
+weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß
+er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst
+geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin
+und der Vater selbst preist sich deshalb
+glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der
+Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von
+welchem Königreiche ist, denn es mag wohl in der<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span>
+Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater
+stirbt, die Infantin erbt den Thron und wie man die
+Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es
+in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen
+zu belohnen, die ihm darin beigestanden
+haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen
+Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich
+derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe
+war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen
+Herzogs.«</p>
+
+<p>»So wünsch' ich's, und das ist der Weg Rechtens,«
+sagte Sancho, »und buchstäblich wird es Euer
+Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der
+traurigen Gestalt.«</p>
+
+<p>»Du darfst nicht zweifeln, Sancho,« versetzte
+Don Quijote, »denn auf dieselbe Weise und auf
+die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe,
+haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen,
+Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß
+ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich
+einen christlichen oder heidnischen König antreffe,
+der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber
+es wird uns noch Zeit übrig bleiben, darauf zu
+denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen
+herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle.
+Mir fehlt aber noch ein anderes Ding,
+denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und
+einer schönen Tochter, und daß ich unglaublichen
+Ruhm im ganzen Universum erhalten habe, so
+weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich
+vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich
+wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein
+kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span>
+zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht
+nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich
+meine Taten noch größeren Ruhm verdienen; so
+werde ich dieses Mangels halber den Lohn meines
+tapferen Armes verlieren. Ich bin freilich wohl
+ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte,
+ich besitze ein Eigentum und meine Einnahme erstreckt
+sich wohl über fünfhundert Taler; es mag
+auch wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte
+niederschreibt, meine Verwandtschaft und
+Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich
+wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel des
+Königs bin: denn du mußt wissen, Sancho, wie es
+zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt, eine
+Art, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen
+ableitet, die aber die Zeit nach und nach erniedrigt
+hat, so daß sie sich endlich gleichsam in der Basis
+einer Pyramide verlieren; andere entspringen aus
+niedrigem Geschlechte und steigen und steigen nach
+und nach, bis sie vornehme Leute werden; der
+Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß
+jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese
+sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich
+gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein
+Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann
+auch der König, mein Schwiegervater, zufrieden
+stellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird
+mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß
+sie ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt
+wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners,
+mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo
+nicht, so raube ich sie dann und entführe sie, wohin<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span>
+es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn
+ihrer Eltern vertilgen.«</p>
+
+<p>»Es paßt hier schön,« sagte Sancho, »was
+manche Schelme sagen: bitte das nicht im Guten,
+was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man
+könnte auch noch besser sagen: das Rauben eines
+Spitzbuben ist besser als das Bitten eines braven
+Mannes; ich sage das nur, weil, wenn der Herr
+König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele
+legen und Euch die gnädige Infantin übergeben
+will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu rauben
+und wegzunehmen. Das Unglück ist nur, daß bis
+wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche
+ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes mit
+leeren Backen auf den Lohn passen muß, wenn
+nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die
+seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft
+und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der
+Himmel anders beschert, denn ich glaube, sein Herr
+ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen
+Frau zu geben.«</p>
+
+<p>»Niemand kann ihm solches verweigern,« sagte
+Don Quijote.</p>
+
+<p>»Damit es aber so komme,« antwortete Sancho,
+»müssen wir brav zu Gott beten und das Glück
+dann gehen lassen, wohin es uns führen will.«</p>
+
+<p>»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quijote,
+»wie ich es wünsche und du, Sancho, es
+brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein
+hält.«</p>
+
+<p>»Das weiß Gott,« sagte Sancho, »daß ich ein
+alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um
+Graf zu sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p>
+
+<p>»Überflüssig genug ist es,« sagte Don Quijote,
+»und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne
+Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich
+dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst
+oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich
+dich zum Grafen mache, ich dich zugleich zum Ritter
+mache, und sie mögen sich dann stellen wie sie
+wollen, so müssen sie dir denn durchaus deinen
+gnädigen Herrn geben.«</p>
+
+<p>»Und denkt nur nicht, daß ich mich nicht in
+Hauterdiät setzen werde,« sagte Sancho.</p>
+
+<p>»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du
+sagen,« erwiderte sein Herr.</p>
+
+<p>»Auch gut,« antwortete Sancho Pansa, »ich sage
+nur, daß ich mich schon drein schicken will, denn
+meiner Seel, ich war nur einmal Hochzeitbitter
+und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich
+könnte wohl gar einen Küster vorstellen. Wie
+wird's aber vollends werden, wenn sie mir den
+Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich
+ganz voll Gold und Perlen sitze wie ein fremder
+Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um
+mich nur zu sehen.«</p>
+
+<p>»Du wirst gut aussehen,« sagte Don Quijote,
+»doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren
+lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein
+Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um
+den anderen unter das Messer bringen, sonst weiß
+doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.«</p>
+
+<p>»Was gilt's,« sagte Sancho, »ich nehme mir
+lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im
+Hause wohnen, und wenn's nötig tut, muß er<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span>
+mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines
+Großen.«</p>
+
+<p>»Aber wie weißt du,« fragte Don Quijote, »daß
+die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?«</p>
+
+<p>»Ich will es sagen,« antwortete Sancho; »ich
+war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang
+in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn
+vorbei reiten, von dem die Leute sagten, er wäre
+sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen
+Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er
+mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die
+Leute, warum der Mann nicht neben dem anderen
+ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da
+antworteten sie, daß er sein Bereiter sei und daß
+es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich
+zu führen: das weiß ich seitdem so gut, daß ich
+es niemals wieder vergessen habe.«</p>
+
+<p>»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote,
+»und auf die Weise kannst du deinen Barbier
+mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht
+auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit
+erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf
+sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und
+überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres
+Geschäft als ein Pferd satteln.«</p>
+
+<p>»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge
+sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu
+denken, wie Ihr König werdet und mich zum
+Grafen macht.«</p>
+
+<p>»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem
+er die Augen erhob, sah er, was das folgende
+Kapitel erzählen wird.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p>
+
+<h3>Achtes Kapitel<br>
+<span class="s5">Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit,<br>
+die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern<br>
+gingen</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische
+Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen,
+erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen
+Geschichte, daß, nachdem zwischen dem
+berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem
+Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen
+waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind,
+der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der
+Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen
+zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines
+Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne
+Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen
+trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu
+Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren
+mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit
+Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte,
+sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten,
+die der König zwingt, ihm auf den Galeeren
+zu dienen.«</p>
+
+<p>»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie
+kommt der König dazu, irgend jemand zu
+zwingen?«</p>
+
+<p>»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern
+das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen
+verurteilt hat und sie zwingt, auf den
+Galeeren zu dienen.«</p>
+
+<p>»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span>
+dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man
+fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien
+Willen.«</p>
+
+<p>»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho.</p>
+
+<p>»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt
+hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang
+aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und
+beizustehen.«</p>
+
+<p>»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte
+Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König
+vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an
+dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen
+ihrer Verbrechen gestraft.«</p>
+
+<p>Indem kam die Kette mit den Ruderknechten
+heran und Don Quijote bat diejenigen, die als
+Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den
+Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen,
+warum man diese Leute auf solche Weise fortführe.
+Einer von den Wachen zu Pferde antwortete,
+daß es Ruderknechte wären, Sklaven
+Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren
+gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und
+mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«,
+erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem
+insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.«
+Er fügte noch so viele und so höfliche
+Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß
+der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir
+haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche
+von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber
+wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu
+lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie
+werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span>
+Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«</p>
+
+<p>Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote
+würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht
+gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte
+den vordersten, um welcher Sünden willen er in
+so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete,
+daß er als Verliebter so ginge.</p>
+
+<p>»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote.
+»Bringt man die Verliebten nach den Galeeren,
+so hätte ich schon seit langem dort rudern
+müssen.«</p>
+
+<p>»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der
+Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine
+Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche
+mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so
+kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit
+meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn
+ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte.
+Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung
+war unnötig, die Sache machte sich bald,
+ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel,
+ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten
+gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.«</p>
+
+<p>»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote.</p>
+
+<p>»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der
+Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig
+Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft
+nach ein Felsenherzer.</p>
+
+<p>Don Quijote tat dem zweiten die nämliche
+Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still
+und schwermütig war; der erste aber antwortete
+für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span>
+mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein
+Musikus und Sänger.«</p>
+
+<p>»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und
+Sänger werden auf Galeeren geschickt?«</p>
+
+<p>»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht,
+»kein böser Ding auf der Welt, als in der Not
+singen.«</p>
+
+<p>»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don
+Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«</p>
+
+<p>»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn,
+wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.«</p>
+
+<p>»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote;
+einer von der Wache aber antwortete: »Herr
+Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen
+rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser
+Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein
+Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs
+Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er
+schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen
+hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil
+ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht
+behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er
+bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu
+sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei
+Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent
+kein besseres Glück wünschen könne, als daß
+auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod
+schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise
+gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung
+nach nicht unrecht.«</p>
+
+<p>»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote
+und wandte sich zum dritten, den er wie die
+vorigen befragte, der auch behende und mit großer<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span>
+Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf
+Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir
+zehn Dukaten mangelten.«</p>
+
+<p>»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte
+Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu
+lösen.«</p>
+
+<p>»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht,
+»als wenn einer mitten auf der See Geld
+hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er
+nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte
+ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt,
+die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die
+Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf
+meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich
+heute mitten auf dem Platze von Zocodover in
+Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein
+Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott
+ist mächtig und man muß Geduld haben.«</p>
+
+<p>Don Quijote kam zum vierten, einem Manne
+mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer
+Bart bis auf die Brust herunterhing; als
+er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt
+würde, fing er an zu weinen und antwortete
+nichts. Aber der fünfte Gefangene diente
+zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige
+Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren,
+nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde
+und in großer Pracht gehalten hat.«</p>
+
+<p>»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa,
+»öffentlich am Pranger gestanden haben.«</p>
+
+<p>»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie
+haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler
+für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span>
+gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein
+Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als
+Zauberer ausgeübt.«</p>
+
+<p>»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,«
+sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen,
+wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen
+hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern
+man hätte ihn vielmehr zum General derselben
+ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines
+Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert
+verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten
+Staate von äußerster Notwendigkeit, so
+wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben
+müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren
+über sie ansetzen, wie es bei den übrigen
+Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die
+Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde
+vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen,
+daß sich unwissende und einfältige Menschen
+mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger
+alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher
+sind, die wenige Jahre und noch weniger
+Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen
+oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag
+zu machen, dastehen, als wenn ihnen der
+Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche
+ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber
+noch weitläufiger sein und Gründe anführen,
+warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im
+Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber
+hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es
+aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben
+und die Sache einrichten können. Ich will nur<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span>
+noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese
+silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und
+diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung,
+bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei
+vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine
+Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu
+verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige
+glauben, denn unser Geist ist frei und weder
+Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen.
+Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige
+Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte
+mischen, die den Menschen töricht machen, womit
+sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen,
+da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien
+Willen zu zwingen.«</p>
+
+<p>»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und
+wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der
+Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das
+Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit
+nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht
+war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in
+Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht;
+aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen,
+ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht
+wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe
+außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir
+keinen Augenblick Ruhe läßt.«</p>
+
+<p>Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch
+Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen
+aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen
+reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den
+folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher
+als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span>
+ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und
+mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt
+waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige,
+daß durch all dies Scherzen eine so verworrene
+Verwandtschaft entstand, daß sie kein
+Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag.
+Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte,
+so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf
+sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde.
+Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung,
+das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist
+alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen
+Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch
+Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden
+wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten,
+daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem
+Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher
+Charakter verdient.«</p>
+
+<p>Dieser war wie ein Student gekleidet und einer
+von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und
+geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein
+Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt,
+der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte:
+die Weise, wie er angefesselt war, war von der der
+übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße
+hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um
+den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei
+Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am
+andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund
+befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von
+oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder
+in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden
+Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span>
+waren, so daß er weder die Hände zum Munde
+erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen
+konnte. Don Quijote fragte, warum
+dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an
+sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht
+allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen
+begangen habe, und daß er so verwegen und listig
+sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten,
+wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten,
+sondern stets seine Flucht befürchteten.</p>
+
+<p>»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann
+er begangen haben, wenn er keine größere Strafe
+als die Galeere verdient?«</p>
+
+<p>»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die
+Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man
+braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche
+Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst
+auch Hans Gines Diebsfinger genannt.«</p>
+
+<p>»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht,
+»laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf
+aus, Namen und Beinamen herzuerzählen.
+Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg
+ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie
+Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und
+er wird genug zu tun finden.«</p>
+
+<p>»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius,
+»du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte,
+wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll,
+wie es dir gewiß nicht lieb ist.«</p>
+
+<p>»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß
+sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß
+der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans
+Gines Diebsfinger heiße oder nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p>
+
+<p>»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?«
+fragte der Wächter.</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon
+dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder
+ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr
+uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her
+und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das
+Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr
+aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines
+Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen
+Fingern niedergeschrieben habe.«</p>
+
+<p>»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius,
+»er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben,
+so gut man es nur verlangen kann, er hat
+das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als
+Pfand zurückgelassen.«</p>
+
+<p>»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und
+wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen
+hätte.«</p>
+
+<p>»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote.</p>
+
+<p>»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den
+Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in
+dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben
+werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch
+soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält,
+und diese Wahrheiten sind so anmutig und
+lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein
+können.«</p>
+
+<p>»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte
+Don Quijote.</p>
+
+<p>»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete
+jener.</p>
+
+<p>»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p>
+
+<p>»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines,
+»da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben
+habe, hebt mit meiner Geburt an und
+beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren
+gesandt wurde.«</p>
+
+<p>»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte
+Don Quijote.</p>
+
+<p>»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich
+schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß,
+wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,«
+antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich,
+wieder hinzukommen, denn ich werde dort
+Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem
+mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf
+den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als
+ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum
+Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon
+auswendig.«</p>
+
+<p>»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote.</p>
+
+<p>»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das
+Unglück verfolgt immer die Genies.«</p>
+
+<p>»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius.</p>
+
+<p>»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,«
+antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die
+Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut,
+die armen Schelmen zu mißhandeln, die
+unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und
+dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät
+lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele — —
+Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der
+Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert
+sind und alle Welt sei ruhig und lebe<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span>
+wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen,
+denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«</p>
+
+<p>Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem
+Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber
+Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht
+zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest
+gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei
+zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette
+wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir
+gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel
+verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen
+gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen
+eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und
+gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch
+ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser
+auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei
+jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und
+überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache
+eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit
+gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches
+alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß
+ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch
+den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der
+Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden
+der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß,
+als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein
+Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die
+unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir
+aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist,
+das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten
+läßt, daher ergeht meine Bitte an diese
+Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch
+gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span>
+lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die
+dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn
+mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven
+zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute
+geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,«
+fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen
+euch nichts getan; dorten aber wird
+jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im
+Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute
+zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche
+Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen
+nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit
+dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch
+danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt,
+falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet,
+so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern
+Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen,
+es also zu vollstrecken.«</p>
+
+<p>»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius,
+»ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz!
+Wir sollen die Sklaven des Königs frei
+lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu
+tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein
+Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer
+Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um
+ungelegte Eier.«</p>
+
+<p>»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein
+Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote.
+Und in demselben Augenblick rannte er so
+wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr
+setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet
+zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich
+ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span>
+führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak
+über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber
+wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen,
+die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten
+sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe
+erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen,
+wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese
+günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie
+in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an
+der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand
+eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald
+zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten,
+bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus
+nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits
+half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus,
+der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde
+herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius
+machte und ihm Degen und Flinte abnahm;
+hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald
+zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald
+keiner von der Wache mehr das Feld behauptete,
+denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg,
+teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen
+Ruderknechte erregten. Sancho wurde über
+diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte,
+daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft
+den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die
+Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen;
+diese Besorgnis trug er auch seinem
+Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen,
+damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken
+könnten.</p>
+
+<p>»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span>
+ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf
+er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich
+schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd
+ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um
+zu sehen was er haben wollte, er aber sagte:
+»Braven Leuten steht es gut an, für empfangene
+Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist
+eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am
+meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine
+edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren
+habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum
+Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese
+Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch
+nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch
+nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der
+Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr
+sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt,
+euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt
+für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem
+berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung
+zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so
+könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch
+gefällt.«</p>
+
+<p>Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg:
+»Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser
+Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit,
+es auszurichten, denn wir können nicht in
+Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln
+und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre
+gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen
+könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft
+nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns
+macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span>
+könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft
+nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl
+Ave Marias und Credos zu verwandeln, die
+wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das
+läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf
+der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu
+glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens
+zurückkehren werden, ich meine, daß wir
+unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf
+den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte
+man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn
+Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt
+Birnen vom Ulmbaum fordern.«</p>
+
+<p>»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt,
+»Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans
+Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt,
+daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen
+den Beinen und die ganze Kette über den Buckel
+gehängt!«</p>
+
+<p>Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart
+war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don
+Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen
+angefangen, sie frei zu machen), gab, da er
+sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen
+Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten,
+und einen solchen Hagel von Steinen nach
+Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug
+hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei
+der arme Rosinante sich aus allem Spornen
+nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen
+wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg
+sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das
+auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span>
+nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel
+so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie
+ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen,
+als sich der Student über ihn machte, ihm
+das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei
+oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so
+lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach;
+er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über
+der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst
+die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der
+Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen
+sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf
+sie untereinander die in der Schlacht gewonnene
+Beute verteilten und jeder sich nach einer andern
+Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren
+Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der
+Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea
+von Toboso zu präsentieren.</p>
+
+<p>Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote
+blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich,
+indem er je zuweilen die Ohren schüttelte,
+wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der
+seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe;
+Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls
+durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne
+Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft,
+Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so
+schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so
+großes Gut verschafft hatte.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
+
+<h3><em class="gesperrt">Neuntes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen<br>
+Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer,<br>
+die in dieser wahrhaftigen Geschichte<br>
+vorgetragen werden</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah,
+sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho,
+habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes
+erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich
+deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen
+Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen
+ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige
+vorsichtiger sein werde.«</p>
+
+<p>»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete
+Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr
+aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren,
+wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt
+mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer
+Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die
+heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert,
+denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen
+noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon,
+als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«</p>
+
+<p>»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte
+Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest,
+ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat,
+will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem
+Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch
+nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so
+im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst,
+ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern
+nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span>
+du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann,
+auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen
+strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken
+oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn
+wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr
+aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der
+Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht
+mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben
+und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein
+diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht,
+sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen
+Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor
+und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und
+Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.«</p>
+
+<p>»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen
+ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein
+Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie
+nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute
+für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an
+einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner
+Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit
+meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen;
+drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen
+guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den
+Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich
+Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant
+mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände
+brauchen werden.«</p>
+
+<p>Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu
+antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte
+an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen
+Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte
+die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span>
+Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und
+sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken,
+damit sie von der heiligen Brüderschaft
+nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als
+er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem
+Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den
+Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein
+Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen
+so heftige Jagd gemacht hatten.</p>
+
+<p>Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte
+des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die
+Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen,
+wenigstens so lange, als ihre Speisekammer
+sie versorgte, und also machten sie ihr
+Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in
+der sich viele Korkbäume befanden. Aber das
+Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht
+vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles
+lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt,
+führte den Gines Friedberg, diesen berühmten
+Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit
+des Don Quijote von der Kette erlöst war und der
+ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft,
+die er mit großem Rechte fürchtete, auf den
+Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken,
+diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die
+nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho
+Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie,
+da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter
+immer undankbar sind, die Not auch oft
+das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch
+der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines,
+der weder dankbar noch von edler Gesinnung war,<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span>
+darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen,
+indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm,
+den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum
+Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho
+Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe
+es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß
+er nicht wiedergefunden werden konnte.</p>
+
+<p>Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen
+und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen
+Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah,
+begann er so heftig und laut den allerkläglichsten
+Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte
+und folgende Reden vernahm: »O du mein
+eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause
+erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines
+Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten!
+O du Ernährer meiner halben Person,
+du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis
+und das war mein halbes Auskommen.«</p>
+
+<p>Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die
+Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den
+besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich
+in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich
+eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf
+Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit
+stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine
+Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don
+Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank,
+dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte,
+das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders
+für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte.
+Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in
+die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span>
+wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet
+waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen
+zog er fort, ohne an etwas anderes zu
+denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken
+(seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu
+reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich
+zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen
+geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer
+über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend,
+in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er
+für ein neues Abenteuer, solange er auf solche
+Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.</p>
+
+<p>Indem hub er die Augen auf und bemerkte,
+wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze
+seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der
+Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen,
+wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub
+jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen
+Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz
+vermodert und zerrissen; sie waren aber von so
+großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um
+sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen,
+was sich im Mantelsack befinde. Sancho
+richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus,
+und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß
+zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher
+alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden
+von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes
+Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand
+er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie
+er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der
+uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was
+trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span>
+kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses
+ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das
+Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho
+küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er
+noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte,
+stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer
+war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote
+mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders
+ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender,
+der durch dieses Gebirge gezogen ist, von
+Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an
+irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«</p>
+
+<p>»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn
+wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld
+wohl nicht liegenlassen.«</p>
+
+<p>»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so
+kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl
+sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich
+in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet
+findet, wodurch wir auf die Spur geraten
+und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«</p>
+
+<p>Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als
+Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben,
+ein Sonett, welches er laut ablas, damit
+es auch Sancho hören könnte:</p>
+
+<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen,</div>
+ <div class="verse indent0">Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.</div>
+</div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Götter wüten: aber warum steigen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?</div>
+</div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß du so großes Unheil mir geschicket;</div>
+ <div class="verse indent0">Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?</div>
+</div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket,</div>
+ <div class="verse indent0">Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch
+nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der
+Filz da auf den rechten Weg bringt.«</p>
+
+<p>»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.</p>
+
+<p>»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr
+von Filz oder Pilz etwas daher läset.«</p>
+
+<p>»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und
+dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame,
+über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt,
+der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich
+anders in der Kunst nicht unerfahren.«</p>
+
+<p>»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho,
+»Reime zu machen?«</p>
+
+<p>»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete
+Don Quijote, »das sollst du gewahr werden,
+wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller
+Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea
+von Toboso senden werde; denn du mußt
+wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger
+Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und
+Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder
+richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die
+verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span>
+die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr
+Geist als Kunst.«</p>
+
+<p>»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden
+wir, was wir wollen.«</p>
+
+<p>Don Quijote schlug das Blatt um und sagte:
+»Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«</p>
+
+<p>»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte
+Sancho.</p>
+
+<p>»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von
+Liebe,« antwortete Don Quijote.</p>
+
+<p>»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe
+eine große Freude an den Liebessachen.«</p>
+
+<p>»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an
+laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf
+er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:</p>
+
+<p>»Dein falsches Versprechen und mein gewisses
+Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl
+die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine
+Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen,
+Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber
+besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum,
+den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück
+beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch
+deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine
+Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein
+Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist.
+Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und
+gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls
+nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust,
+was du getan hast und ich nicht so gerächt werde,
+wie ich es nicht wünsche.«</p>
+
+<p>Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte,
+sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span>
+nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von
+beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte
+hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch
+andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen
+konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen
+waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und
+Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen,
+diese beweint. Indes Don Quijote das Buch
+durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack,
+ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht
+unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte
+jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander,
+denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit
+oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten
+in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich
+auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht
+mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er
+sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die
+Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge
+des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes,
+die Beraubung des Mantels und für allen
+Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur
+immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden
+hatte, durch die Güte, daß ihm dieser
+Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der
+Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem
+heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der
+Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie
+aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus
+der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein
+anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand
+sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit
+seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span>
+geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren
+wilden Gegend niemand zu sehen war, den
+er hätte fragen können, so richtete er nunmehr
+seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen,
+immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in
+diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer
+aufstoßen müsse.</p>
+
+<p>Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog,
+bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der
+vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger
+Schnelligkeit von Stein zu Stein und von
+Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war
+halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen
+Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh
+und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel
+trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem
+Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß
+man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte;
+sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt,
+schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter
+von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale.
+So viele Mühe er sich aber auch gab, war
+es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der
+Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf
+in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein
+Gemüt saumselig und phlegmatisch war.</p>
+
+<p>Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß
+ebendieser der Herr des Reitkissens und des
+Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den
+Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein
+Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu
+finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen
+und von der einen Seite die Runde um<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span>
+den Berg zu machen, indem er von der andern
+Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt
+vielleicht den Menschen anträfen, der mit so
+großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.</p>
+
+<p>»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho,
+»denn sowie ich mich von meinem werten Herrn
+entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei
+Schrecken und Einbildungen verursacht: das,
+was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht
+dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen
+Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«</p>
+
+<p>»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt,
+»und es freut mich sehr, daß du meinem
+Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen
+soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper
+verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir
+am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen
+statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen,
+vielleicht treffen wir den Menschen, den wir
+erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer
+unseres Fundes sein muß.«</p>
+
+<p>Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre
+doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir
+ihn finden und er vielleicht der Herr von dem
+Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm
+wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen
+diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen
+einstecken kann, bis wir auf eine andere,
+nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen
+Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit,
+wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser
+sein Recht verloren hat.«</p>
+
+<p>»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span>
+Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung
+geraten sind, daß er der Eigentümer sein
+möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu
+suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen
+wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er
+der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein
+Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also,
+Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß
+erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.«
+Mit diesen Worten spornte er den Rosinante
+und Sancho folgte auf seinem Esel nach.
+Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten
+waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von
+Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes
+und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie
+in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling
+der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes
+sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine
+Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt,
+und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen
+und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen
+Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don
+Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen
+möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei,
+wie sie in diese Gegend gekommen wären,
+die wenig oder gar nicht betreten würde, außer
+von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder
+anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho
+antwortete, er möchte herunterkommen, und sie
+wollten ihm dann alles erzählen.</p>
+
+<p>Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an
+die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er:
+»Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span>
+in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon
+seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt,
+habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«</p>
+
+<p>»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don
+Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack,
+die wir nicht weit von hier fanden.«</p>
+
+<p>»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der
+Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen
+wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich
+vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal
+für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel
+ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße,
+worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht,
+wie's kömmt.«</p>
+
+<p>»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete
+Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich
+mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen;
+hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie
+es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie
+mich kratzen.«</p>
+
+<p>»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don
+Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem
+Herrn der Sachen?«</p>
+
+<p>»Was ich Euch sagen kann,« antwortete der
+Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate
+sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger
+Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen
+von hier; er sah vornehm und stattlich aus und
+ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot
+liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das
+Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt
+habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges
+am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span>
+ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden,
+und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch
+nur noch eine halbe Meile tiefer hinein begebt,
+so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es
+ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher
+gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig
+führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch
+unsere Antwort vernommen hatte, ritt er nach der
+Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem
+uns allen sein schönes Ansehen gefiel und
+wir uns über seine Fragen verwunderten sowie
+über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge
+einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr,
+bis er nach etlichen Tagen einem von unseren
+Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich
+an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße
+gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte
+und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm,
+hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das
+Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten
+dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage
+in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum,
+um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in
+der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes
+fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung
+war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt
+und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn
+kaum wiederkannten, doch gaben uns seine Kleider,
+obschon sie zerrissen waren, Merkmale genug,
+woraus wir entnahmen, daß er der nämliche sei,
+den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und
+sagte uns in wenigen und verständigen Worten,
+daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span>
+möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um
+eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen
+seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir
+baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte,
+wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht
+bringen: worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn
+er zu seinem Unterhalte etwas bedürfe, er uns
+sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn
+wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft
+bringen, wäre aber auch dies nicht nach
+seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens
+darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit
+Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere
+Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten
+um Verzeihung, versprach auch, uns
+künftig um Gottes willen darum anzusprechen, ohne
+jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung
+betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andere
+als das, was er gerade fände, wenn ihn die
+Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher
+herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle,
+die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen,
+wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten
+uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal
+gesehen hatten und wie wir ihn nun vor
+uns sahen, denn wie gesagt, er war ein sehr
+schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine
+höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch,
+daß er von vornehmer Familie sein mußte, und obgleich
+wir, seine Zuhörer, nur Bauersleute waren,
+so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst
+ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden
+mußte. Indem er nun noch am besten in seiner<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span>
+Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte,
+lange Zeit verschloß er die Augen, indes
+wir alle verwundert dastanden und warteten, was
+aus dieser Verzückung werden sollte, es war uns
+ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen
+wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr
+den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen,
+dann drückte er sie wieder zu, rührte die
+Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus
+wir leicht entnahmen, daß ihn wieder ein
+Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch
+zu erkennen, wie richtig unsere Vermutung gewesen
+sei, denn wild sprang er plötzlich von der
+Erde auf und warf sich auf den, der ihm am
+nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit,
+daß, wenn wir ihn nicht aus den Händen
+rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben
+umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ha!
+nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen
+bezahlen, diese Hände sollen dir das
+Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen
+und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist.
+Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich
+alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu
+sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen
+zu behandeln. Wir verließen ihn sehr
+betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte
+sich von uns und rannte so schnell in das
+Buschwerk und in die Steinklippen hinein, daß wir
+ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir
+aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele,
+und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus
+großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span>
+so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen
+haben sich auch bestätigt, denn er hat
+sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die
+Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem
+Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es
+aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald
+er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf,
+wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten,
+sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er
+wieder bei Sinnen ist, bittet er um Gotteswillen
+und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch
+dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung
+häufiger Tränen. Seitdem, meine Herrn«,
+fuhr der Ziegenhirte fort, »haben ich und vier
+andere Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei
+von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so
+lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn
+wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei's nun
+mit Güte oder Gewalt nach Almodovar führen,
+was nur acht Meilen von hier liegt und ihn da
+kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur
+verträgt oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von
+ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der
+Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann.
+Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf
+eure Fragen antworten kann; der, dem die Sachen
+gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche,
+den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt
+vorüberrennen saht« (denn Don Quijote hatte ihm
+schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge
+habe klettern sehen). Dieser war durch das, was
+ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen
+gesetzt und seine Begierde, zu erfahren, wer der<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span>
+arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht,
+er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher
+beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge
+aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet
+zu lassen, bis er ihn endlich gefunden
+hätte. Das Schicksal führte es aber besser als er es
+erwartete oder erhoffte, denn in demselben Augenblicke
+zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen
+den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der
+etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an
+ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen
+konnte. Seine Tracht war wie sie oben beschrieben
+ist, nur bemerkte Don Quijote in der Nähe, daß
+das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten
+korduanischen Leder sei, wodurch er völlig überzeugt
+wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider
+führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.</p>
+
+<p>Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie
+mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler
+Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß
+ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte
+ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit,
+indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen
+Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen
+Jahren kenne. Der andere, den man den Zerlumpten
+von der kläglichen Gestalt nennen könnte,
+wie Don Quijote der von der traurigen heißt, entfernte
+ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich
+wieder aus den Armen gelassen hatten und legte
+seine Hände auf die Schultern Don Quijotes, er beschaute
+ihn dann, als wolle er sich besinnen, ob
+er ihn kenne, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt,
+Bildung und Waffenrüstung Don Quijotes vor sich<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span>
+zu sehen, als Don Quijote erstaunt war, ihn zu
+erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung
+redete, war der Zerlumpte, und er sagte,
+was man nachher erfahren wird.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Zehntes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem schwarzen<br>
+Gebirge</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Die Geschichte erzählt, daß Don Quijote mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen
+Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher
+also sprach: »Wahrlich mein Herr, wer Ihr,
+da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke
+ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft,
+die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich
+wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr
+als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur
+Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat
+mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen
+edle Teilnahme erwidern kann, als meine
+guten Wünsche.«</p>
+
+<p>»Meine Wünsche«, antwortete Don Quijote, »bestehen
+nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen
+war, diese Berge nicht eher zu verlassen,
+bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte,
+ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche
+Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine
+Linderung zu finden sei, und wenn es nötig
+wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem
+ersinnlichen Fleiße aufsuchen, wäre aber Euer Unglück
+von der Art, daß für Euch die Türen aller<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span>
+möglichen Hilfe verschlossen wären, so wollte ich
+zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so
+gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer
+ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert,
+und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche
+Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler
+Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch
+gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was
+Ihr im Leben am meisten geliebt habt oder noch
+liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund
+zu entdecken, der Euch soweit führt, in diesen
+Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu
+sterben, denn hier sterben werdet Ihr, Euch
+selbst so entfremdet, wie Eure Tracht und Euer
+Anstand bezeugen. Und ich schwöre«, fuhr Don
+Quijote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den
+ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich
+auch bin, und bei dem Stande eines irrenden
+Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler
+Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen
+erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin,
+der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn
+es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit
+Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen
+habe.«</p>
+
+<p>Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede
+dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat
+nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder
+beschaute und wiederum vom Kopfe bis zu den
+Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet
+hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu
+essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes
+willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span>
+Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so
+freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen
+habt.«</p>
+
+<p>Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und
+der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor,
+womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte,
+der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang,
+daß er schnell einen Bissen nach dem andern
+ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während
+dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm
+zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen
+hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen
+möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen
+grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die
+Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren,
+setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das
+nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte,
+nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit
+gesetzt hatte, sagte: »Wenn ihr es wünscht,
+meine Herrn, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit
+meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir
+versprechen, weder durch eine Frage noch auf
+andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte
+zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde
+ich keineswegs die Erzählung vollenden können.«</p>
+
+<p>Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don
+Quijote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister
+vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die
+über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch
+die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte
+aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich
+um so schneller die Geschichte meines Unglücks vollenden
+kann, denn es meinem Gedächtnis wiederholen,<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span>
+dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen,
+und je weniger ihr mich also unterbrecht,
+je schneller werde ich meine Erzählung endigen,
+ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz
+eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quijote
+versprach alles im Namen der übrigen und jener
+fing nach dieser Versicherung also an: »Mein Name
+ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten
+Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine
+Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß
+meine Eltern es beweinen werden, meine Familie
+darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren
+Reichtümern helfen können, denn um die Verhängnisse
+des Himmels abzuwenden, sind die Güter des
+Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen
+Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller
+ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht
+zu erregen, so groß war die Schönheit Lucindens,
+eines Mädchens, nicht minder edel und reich
+als ich, aber von besserem Glück und geringerer
+Sündhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig
+war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen
+frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie
+liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die
+ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten
+unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber,
+denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere
+Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut
+mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens
+übereinstimmte. Unsere Jahre nahmen zu und mit
+ihnen wuchs unsere beiderseitige Liebe, so daß es
+Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen
+Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span>
+verweigern, und so war er hierin dem Vater der
+Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen
+ist. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf
+Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war
+auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so
+konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen
+machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die
+Empfindungen des Herzens zu erkennen geben,
+denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes
+macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste
+Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel!
+wie viele Briefe schrieb ich ihr, wie viele Antworten,
+so erfreulich als anständig erhielt ich von
+ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten
+Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das
+Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen
+Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich
+ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese
+Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den
+Wunsch sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den
+Vorsatz, das Beste und Einzige zu tun, um das erwünschte
+und verdiente Gut zu besitzen, und dies
+war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen
+Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete,
+wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll
+fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da
+aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten
+anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht
+mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei
+Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen
+oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine
+edle und verständige Antwort und versprach, daß
+mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span>
+werde, worauf ich mich auch sogleich zu
+meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen
+und so wie ich in sein Zimmer trat, finde
+ich ihn mit einem offenen Brief in der Hand, und
+ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir:
+»Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade
+dir der Herzog Ricardo erzeigt. Dieser Herzog Ricardo
+ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen
+im schönsten Teile von Andalusien hat.«
+Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft
+schien, daß es mir selber unverständig vorkam,
+wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs
+gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte,
+um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten
+Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu
+befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die
+er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte,
+noch mehr, als mein Vater sagte: ›In
+zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den
+Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem
+Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem
+deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten
+können.‹ Diesen Worten fügte mein Vater noch
+andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit
+meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach
+ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging
+dann zu ihrem Vater und bat einige Zeit zu warten
+und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich
+gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er
+versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend
+Schwüren und heißen Tränen.</p>
+
+<p>Ich kam beim Herzog Ricardo an, er empfing
+mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span>
+den Neid seiner älteren Diener in Bewegung
+setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die
+der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteil
+gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft
+entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs,
+Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling,
+großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so
+sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber
+verwunderten, und ob mir gleich der ältere
+Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht
+mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem
+mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter
+wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich
+nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos
+Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr,
+vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht
+wenige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein
+Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so
+schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war,
+daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen
+Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären.
+Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten
+die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er,
+um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen,
+ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich
+ihm auf keine andere Weise ergeben wollte. Ich
+versuchte es als Freund ihn mit den dringendsten
+Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem
+Vorsatz zurückzubringen; da ich aber sah, wie
+unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir
+vor, die Sache seinem Vater, dem Herzog Ricardo
+zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und
+klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span>
+wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als
+ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu
+entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig
+werden konnte, um mich also zu hintergehen, sagte
+er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus
+seinem Gedächtnis das Bild jener Schönheit, die sich
+seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen,
+als auf einige Monate zu verreisen, und zwar,
+wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich
+in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne
+Pferde in meiner Vaterstadt aufzusuchen und zu
+kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt.
+Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen,
+als ich auch, von meiner Leidenschaft angetrieben,
+ihn als den glücklichsten und heilsamsten
+Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursache dieses
+Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich
+fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf,
+meine teure Lucinde wieder zu sehen. Ich billigte
+und lobte also seinen Vorsatz und bestätigte ihn
+darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn
+die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste
+Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag
+tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr,
+unter dem Titel eines Gemahls die Gunst des Landmädchens
+genossen und wartete nur auf eine schickliche
+Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge
+entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln
+seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine
+Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei
+den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich
+das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse
+dann alle Wünsche mit verschwinden und sich<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span>
+dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie
+die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur
+setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige
+Liebe gar nicht gestellt ist, also, wie Don Fernando
+die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten
+seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie
+er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu
+heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das
+nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen
+hatte.</p>
+
+<p>Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir,
+ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an,
+mein Vater empfing ihn nach seinem Stande und
+ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe,
+die weder gestorben noch eingeschläfert war, von
+neuem belebt wurde. Zu meinem Unglück erzählte
+ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte,
+ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde,
+nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit,
+Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde
+so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den
+Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehen, das mit
+allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu
+meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich
+zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem
+Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten;
+er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick
+alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus
+vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit,
+ward in sich verschlossen und mit einem Worte
+so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung
+meines Unglücks erfahren werdet. Um seine
+Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span>
+verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel
+vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem
+Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie
+mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu
+verlangen, der so geistreich, edel und in solchen
+Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir
+schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten
+des Körpers und der Seele, die unter den übrigen
+Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen,
+daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch
+schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden
+ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus
+seinem Munde zu hören, ich fing an ihn zu fürchten
+und ihm weniger zu trauen, denn es verging
+kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden
+gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie,
+wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte,
+wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt
+wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend
+und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das
+Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen
+hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere
+zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir
+zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß
+ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle.
+So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein
+Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte
+und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte
+nämlich den Amadis von Gallia.«</p>
+
+<p>Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen
+hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr,
+gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das
+Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span>
+wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um
+mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch
+würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie
+Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der
+Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt
+hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch
+mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu
+verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und
+Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe
+ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von
+der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur
+Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis
+von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von
+Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna
+Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya
+gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des
+Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen
+Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner
+Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch
+läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht
+verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein
+werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat
+kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert
+Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner
+Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen.
+Doch halte ich im stillen dafür, daß ich
+keins von allen behalten habe, soweit hat es die
+Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer
+durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß
+ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine
+Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von
+Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es
+mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span>
+sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist,
+nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes,
+nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung,
+sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich
+mir zur Stunde am meisten wünsche.«</p>
+
+<p>Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ
+Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken
+und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich
+ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte
+fortzufahren, hob er doch weder den Kopf
+auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber
+richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann
+es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein
+Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken
+schlagen oder mich eines andern überreden und der
+soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil
+überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der
+Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der
+Königin Madasima geschlafen habe.«</p>
+
+<p>»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete
+Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem
+er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine
+schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei!
+Die Königin Madasima war eine hocherhabene
+Dame, und es läßt sich unmöglich glauben,
+daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl
+geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint,
+lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm
+zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet,
+bei Tage oder in der Nacht, oder wie es
+ihm gut dünkt, beweisen.«</p>
+
+<p>Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht,
+er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span>
+und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen,
+Don Quijote war aber ebensowenig zum
+Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert,
+was er von der Madasima hatte hören müssen.
+Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte,
+als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame:
+so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in
+Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt
+war, für einen Lügner und Hundsfott schelten
+hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so
+empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein
+und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don
+Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte.
+Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher
+Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter
+Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber
+empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage
+zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf
+ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen
+eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen
+wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und
+nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte,
+stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um
+sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich
+auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft
+zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine
+Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb,
+daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen
+Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie
+sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten
+hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er
+es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört
+habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span>
+Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der
+Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab
+sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und
+solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote
+nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen
+wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt:
+»Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von
+der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer
+wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann
+also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung
+nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher
+Kerl prügeln.«</p>
+
+<p>»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe
+ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig
+ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote
+fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht
+möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn
+er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß
+seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte,
+was er schon einmal gesagt hatte, daß man
+seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben
+könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden
+herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit
+oder verrückt, antreffen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Elftes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen<br>
+Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten,<br>
+und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und
+dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl
+dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span>
+Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam
+weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden
+des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit
+seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß
+jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht
+dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er
+aber das lange Stillschweigen nicht aushalten
+konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt
+mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem
+Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und
+Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch
+alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe,
+aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und
+Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu
+reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich
+bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch
+der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es
+zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich
+doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur
+Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen;
+aber das ist zu hart, und keine Geduld
+reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern
+herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen,
+Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem
+nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß
+man gar nicht herausreden darf, was man auf dem
+Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don
+Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge
+einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit
+auflösen, sprich was du willst, doch unter der
+Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange
+wir in diesen Bergen herumziehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p>
+
+<p>»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will
+ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag,
+ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen,
+und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch
+so der Königin Madam Trine anzunehmen oder
+wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie
+Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht?
+Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr
+waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte
+in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre
+nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen
+vorgefallen.«</p>
+
+<p>»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote,
+»wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine
+ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin
+Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß
+ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den
+Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen
+Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu
+sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die
+Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre
+an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von
+dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger
+Mann und kluger Kopf war. Er diente der
+Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen,
+daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine
+Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient:
+und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte,
+was er redete, mußt du nur darauf merken, daß,
+als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«</p>
+
+<p>»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß
+man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben
+müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden,<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span>
+so daß der Kieselstein Euch nach dem
+Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden
+wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns
+der Dame angenommen haben, die Gott verderben
+mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio
+mochte verrückt sein oder nicht.«</p>
+
+<p>»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder
+irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre
+der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie
+vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und
+gar für die Königin Madasima, die ich wegen
+ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe,
+denn außer daß sie über alle Maßen schön war,
+war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden,
+deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig,
+und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister
+Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen
+ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit
+ertragen, und hieraus nahm der unwissende und
+schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und
+zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber
+sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal,
+alle diejenigen, die es denken oder sagen.«</p>
+
+<p>»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete
+Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische
+seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen
+oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor
+seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist
+nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer
+einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt:
+und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen,
+nackt geh' ich wieder fort, mir kann's
+nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span>
+will, was kümmert's mich? So mancher geht nach
+Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann
+man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott
+ist der Richter über alles.«</p>
+
+<p>»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote,
+»welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander?
+Was haben deine Sprichwörter mit unserer
+Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig
+und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel
+anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert,
+was dich nichts angeht. Begreife überdies
+mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was
+ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und
+in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß
+ist, die ich besser inne habe, als alle die
+Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«</p>
+
+<p>»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn
+das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen,
+daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen
+in den Bergen herumziehen, um einen
+Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun
+finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen,
+was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte,
+sondern Euern Kopf und meine Rippen,
+wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu
+schmeißen?«</p>
+
+<p>»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote,
+»wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den
+Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife,
+sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung
+unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und
+Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten
+Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span>
+sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden
+Ritter vollendet und berühmt machen kann, die
+Krone aufsetzen will.«</p>
+
+<p>»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?«
+fragte Sancho Pansa.</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt,
+»denn der Würfel mag wohl so fallen, daß
+wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht
+auf deiner Betriebsamkeit.«</p>
+
+<p>»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald
+von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so
+wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort
+meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit
+du nicht länger in Erwartungen bleiben und
+sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen,
+so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer
+der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein,
+unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen
+der fürnehmste, ja der einzige, der König von
+allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht.
+Schlimm möchte es dem Don Belianis und
+allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich
+ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich
+schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte,
+daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt
+werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler,
+die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt
+sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur
+Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch
+der handeln, der den Ruhm eines Klugen und
+Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span>
+nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus
+ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung
+malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden
+Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und
+den Scharfsinn eines tapferen und verständigen
+Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder
+darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein
+sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild
+ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise
+ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern
+zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit
+wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den
+Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen
+haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so
+leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der
+irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch
+dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters
+am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser
+Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde,
+sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies,
+war, wie er sich entfernte, von der Dame
+Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut
+Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön
+veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der
+sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt
+hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin
+nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte,
+Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte,
+Flotten aufreibe und Bezauberungen löse:
+da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen
+schicken, so will ich auch diese Gelegenheit
+nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit
+so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span></p>
+
+<p>»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr
+denn nun hier in der Einsamkeit tun?«</p>
+
+<p>»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don
+Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will,
+einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen,
+um zugleich den gewaltigen Don Roldan
+in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer
+Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne,
+mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe,
+worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume
+ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte,
+Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte,
+die Häuser niederriß, das Vieh gebunden
+führte und tausend andere Tollheiten beging, die
+eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind.
+Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando
+(denn er führt alle drei Namen) nicht in allen
+seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch
+vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen,
+die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten,
+vielleicht begnüge ich mich aber auch in der
+Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen
+Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und
+Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten
+Ruhm errang.«</p>
+
+<p>»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter,
+die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine
+Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen;
+aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend
+zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht?
+Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu
+wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit<span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span>
+einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht
+habe?«</p>
+
+<p>»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote,
+»und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung:
+denn daß ein irrender Ritter aus Gründen
+rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als
+Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache
+unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu
+verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen
+Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends
+da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit
+von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso
+finde, denn wie du den Schäfer von neulich,
+Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei,
+alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho,
+verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche
+und nie erhörte Nachahmung ausreden zu
+wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich
+bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief
+bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden
+will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine
+Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine
+Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich
+im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort
+zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so
+werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den
+Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich,
+gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir
+bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde,
+das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho,
+verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig?
+Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn
+jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span>
+nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit
+seines Metalls ermessen kann.«</p>
+
+<p>Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr
+Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich
+nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr
+sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den
+Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft
+sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen
+und Inseln verschenken und andere Gnaden
+und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden
+Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur
+Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße
+oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn
+wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken
+ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als
+vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich
+wohl anders denken, als daß dem, der so etwas
+glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen
+ist? Das Becken, das voller Beulen ist,
+habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will
+ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen
+barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich
+noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«</p>
+
+<p>»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei
+dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don
+Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den
+nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie
+ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner
+Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die
+irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit
+und Unsinn aussieht und alles verkehrt und
+wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich
+also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span>
+von Zauberern hinter uns herläuft, die
+alle unsere Dinge verändern und verwandeln und
+sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem
+sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint,
+was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der
+Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder
+für was andres ansehen: auch war es eine herrliche
+Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite
+ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken
+scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der
+Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem
+Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen,
+um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber
+nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie
+sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei
+jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn
+dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er
+ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte,
+wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut
+auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht,
+sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke
+ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom
+Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner
+Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.«</p>
+
+<p>Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß
+eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden
+wie eine einzelne abgeschnittene Klippe
+dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach
+vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen
+eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge
+einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde
+Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span>
+Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen
+Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen
+Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie
+er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als
+ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel,
+ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um
+hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst
+über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz,
+wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses
+kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine
+immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das
+Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und
+Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz
+erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche
+Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend
+euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des
+unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und
+eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in
+dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit
+jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise,
+jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr
+Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern
+der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und
+wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt
+sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o
+helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens
+sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea
+von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz
+meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern
+meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes
+Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge
+den Ort und den Zustand, zu dem mich die
+Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span>
+Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O
+ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter
+meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften
+Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine
+Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister,
+liebwerter Gefährte im Glück und Unglück,
+fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was
+du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener
+wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache
+von allem ist.« — Und sowie er dieses sagte, stieg
+er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich
+Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen
+Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte:
+»Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist,
+o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich
+in deinem Schicksale, wandle, wohin du
+willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben,
+daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an
+Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin,
+der dem Bradamante so kostbar war.«</p>
+
+<p>Wie Sancho dies sah, sagte er: »Es ist gut, daß
+uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen
+den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig
+so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand
+zu geben, als Lobpreisungen herzusagen; wäre er
+aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß
+man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht
+das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei
+mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung,
+denn soweit denke ich es mit Gottes
+Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr
+Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit
+meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span>
+Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der
+Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen,
+denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens
+und Wiederkommens lange währen, denn
+wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht,
+wenn ich dasein oder wiederkommen möchte, denn
+ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter
+Wandersmann.«</p>
+
+<p>»Ich sage dir, Sancho,« antwortete Don Quijote,
+richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine
+Idee scheint mir nicht übel, ich sage ferner, daß du
+in drei Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit
+du das, was ich tue und rede, beobachten sollst,
+damit du darüber Rede stehen kannst.«</p>
+
+<p>»Was soll ich noch weiter sehen,« fragte Sancho,
+»als was ich schon gesehen habe.«</p>
+
+<p>»Sauber hast du dich verrechnet,« antwortete
+Don Quijote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider
+zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich
+bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen
+angerennt, sowie ich noch viele andere Dinge gleicher
+Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern
+wirst.«</p>
+
+<p>»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagte
+Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie
+Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen
+einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen,
+daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön
+ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung,
+wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig
+achtet und daß das Werk ohne sie nicht vollführt
+werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn
+alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span>
+Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet,
+sag' ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben oder
+doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle
+ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich
+der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch
+die Stöße gegen eine Felskante gebt, die härter
+als der Diamant ist.«</p>
+
+<p>»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund
+Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber du mußt
+wissend sein, daß alle diese Dinge, die ich vornehme,
+kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders
+hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die
+uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, unter
+der Strafe der Ächtung, und ein Ding für das
+andere tun, ist um nichts besser, als lügen; darum
+also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte
+und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes
+an sich führen; es wird deshalb auch nötig
+sein, daß du mir etwas Charpie zum Verbinden
+zurückläßt, denn durch einen Zufall fehlt uns der
+Balsam, den wir verloren haben.«</p>
+
+<p>»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren,« antwortete
+Sancho, »denn mit dem ist Charpie und
+alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten
+haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite
+Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen
+höre, kehrt sich mir Seele und Magen um. Noch
+mehr aber bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt,
+die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich
+die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte,
+denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen
+und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge
+davon erzählen: schreibt mir nur den Brief<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span>
+und gebt mir geschwind meinen Abschied, denn ich
+habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald
+aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier
+bleibt.«</p>
+
+<p>»Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don
+Quijote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen
+oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas
+Schlimmeres gibt.«</p>
+
+<p>»Wen die Hölle hat,« antwortete Sancho, »<span class="antiqua">nulla
+est retentio</span>, wie ich gehört habe.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe nicht, was du mit <span class="antiqua">retentio</span> meinst,«
+sagte Don Quijote.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Retentio</span> ist so viel,« erwiderte Sancho, »daß,
+wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen
+kann, das wird aber mit Euer Gnaden
+nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben,
+um den Rosinante anzuspornen; dann will ich mich
+stracks nach Toboso begeben und gleich zur gnädigen
+Dulzinea, und dann will ich ihr so viel von den
+Narrheiten und Unsinnigkeiten (das ist doch eins)
+erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen
+wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden
+soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit
+ihrer zärtlichen honigsüßen Antwort komme ich
+dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück
+und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie
+eine Hölle vorkommt, es aber nicht ist, denn Ihr
+habt die Hoffnung herauszukommen, was aber,
+wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen,
+die sich in der Hölle aufhalten, und darin
+werdet Ihr mir gewiß Recht geben.«</p>
+
+<p>»Du sprichst die Wahrheit,« sagte der von der<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span>
+traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen,
+um den Brief zu schreiben?«</p>
+
+<p>»Und auch die Eselsverschreibung?« fügte Sancho
+hinzu.</p>
+
+<p>»Wir müssen alles,« sagte Don Quijote, »und
+der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben,
+auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die
+Alten taten, ingleichen auf etlichen Wachstafeln,
+obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten
+sein dürften als Papier. Ich denke aber eben
+daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann,
+nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio zugehörte;
+du wirst alsdann Sorge tragen, es auf
+Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im
+ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder
+wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben
+können; gib es aber ja nicht zum Kopieren einem
+Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt,
+sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.«</p>
+
+<p>»Wie wird's aber mit der Unterschrift werden?«
+fragte Sancho.</p>
+
+<p>»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben,«
+antwortete Don Ouijote.</p>
+
+<p>»Ganz gut,« antwortete Sancho, »aber die Verschreibung
+muß mit aller Gewalt eine Unterschrift
+haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so
+werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch und
+mir die jungen Esel nicht ausliefern.«</p>
+
+<p>»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche
+selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte
+dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung
+keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span>
+betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift
+setzen: Der Eurige bis in den Tod, der
+Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch
+wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden
+Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulzinea
+weder lesen noch schreiben, hat auch Zeit ihres
+Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen,
+denn meine und ihre Liebe blieb immer
+platonisch, ohne sich weiter bis auf ein anständiges
+Anblicken zu erstrecken, und auch das nur je zuweilen,
+denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß
+ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das
+Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen
+habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es
+in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat,
+wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben
+sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonzo
+Nogales erzogen.«</p>
+
+<p>»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter
+des Aldonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulzinea
+von Toboso, mit einem andern Namen
+Aldonza Lorenzo getauft?«</p>
+
+<p>»Sie ist es,« sagte Don Quijote, »sie ist dieselbe,
+die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.«</p>
+
+<p>»Ich kenne sie recht gut,« sagte Sancho, »und
+wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der
+stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott
+lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein
+muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den
+besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem
+das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! was sie
+für ein Maul am Halse hat und was für eine<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span>
+Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem
+Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres
+Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon,
+und die hörten's, als hätten sie unten am
+Turm gestanden; und was das Beste an ihr ist, so
+heuchelt sie nicht, nein, sie ist sehr beredsam, sie ist
+lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß
+und ihr Gelächter. Nun sag' ich auch, Herr Ritter
+von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht
+nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern
+Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte
+desperat, ja besessen werden, und jeder, der es erfährt,
+wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zuviel
+leidet, wenn Euch auch der Teufel gar holen sollte.
+Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege
+wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr
+lange nicht gesehen und sie muß sich wohl sehr verändert
+haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht
+bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne
+und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe
+meinem gnädigen Herrn Don Quijote, daß ich
+bisher in einem tüchtigen Irrtum gelebt habe, denn
+ich meinte nicht anders, als die Dame Dulzinea sei
+irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret,
+oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente,
+die Ihr ihr zugeschickt habt, wie die Biskayer
+und die Ruderknechte, nebst noch vielen
+andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege
+in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben,
+als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im
+Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen
+Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen
+Dulzinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span>
+Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich
+vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? Denn
+es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen,
+daß sie gerade Flachs hechelt oder auf
+der Tenne drischt, so werden die sich ärgern, und
+sie wird wohl gar darüber spotten und sich lustig
+machen.«</p>
+
+<p>»Ich habe es dir schon sonst oftmals gesagt,
+Sancho,« sagte Don Quijote, »daß du ein Schwätzer
+seist und so dummköpfig du bist, willst du dich doch
+oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber
+einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig
+ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine
+schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die
+überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich nämlich
+in einen jungen Burschen, der rundlich und von
+versprechender Statur war. Dies erfuhr ihr Oheim
+und sagte eines Tages in Form eines freundschaftlichen
+Vorwurfes zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert,
+gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie
+eine so vornehme, schöne und reiche Dame sich in
+einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen
+Menschen verlieben kann, da doch in diesem
+Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte
+Theologen sind, unter denen Ihr nur, wie unter
+gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen
+mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und
+vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe:
+›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtum und
+schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit
+diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen,
+wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn
+dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr<span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span>
+Philosophie als Aristoteles.‹ — Ebenso, Freund
+Sancho, wozu ich die Dulzinea von Toboso will, gilt
+sie mir soviel wie die höchste Prinzessin auf Erden.
+Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame
+unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach
+ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis,
+Phyllis, die Sylvien, Dianen, Galatheen,
+Alinen und noch viele andere, von denen die
+Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele
+angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und
+Blut waren und die wirklichen Geliebten von
+denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht,
+sondern die meisten erfinden sie nur, um einen
+Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit
+man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande
+wären, es zu sein; und darum ist es mir
+auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die
+ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei,
+die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals danach
+gefragt werden, um ein Stiftsfräulein abgeben
+zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein,
+daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn
+du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon
+weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur
+Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter
+Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst
+bei Dulzinea, denn in der Schönheit
+kommt ihr niemand gleich und im guten Rufe
+kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich
+zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so
+ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch
+rechts etwas mangelt, in meiner Einbildung male
+ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span>
+Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt
+ihr Helena nicht nahe und Lukrezia erreicht sie
+nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der
+verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch
+oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was
+er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen
+tadeln sollten, so werden mich doch die
+Strengen gewiß darum nicht schelten.«</p>
+
+<p>»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen
+recht,« antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel.
+Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem
+Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja
+nicht vom Stricke reden; aber macht nur den Brief
+und ich will mein Maul halten.«</p>
+
+<p>Don Quijote nahm die Schreibtafel, ging beiseite
+und schrieb mit vieler Andacht den Brief
+nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei
+und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle,
+damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die
+Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil
+er von seinem Unglück alles zu fürchten habe.</p>
+
+<p>Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur
+drei- oder viermal im Buche nieder und gebt es
+mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu
+glauben, daß ich's im Gedächtnisse behalten könnte,
+ist nur Narrheit, denn mein Gedächtnis ist so
+schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse.
+Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich
+werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist
+gewiß wie gegossen.«</p>
+
+<p>»Höre zu, denn also lautet er,« sagte Don
+Quijote.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span></p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Don Quijotes Brief an Dulzinea<br>
+von Toboso</em>.</p>
+
+<p class="center">Monarchin! Erhabene Herrscherin!</p>
+
+<p>Der von der Trennung tief Verwundete, der
+von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir,
+o süßeste Dulzinea von Toboso, das: Wohl sei Dir!
+welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt,
+wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn
+Deine Verschmähung zu meiner bitteren Qual gereicht,
+obgleichen ich schon im Leiden geübt, so vermag
+doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren,
+die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend
+ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir,
+o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu
+erzählen, auf was Weise ich zu Liebe Dir
+zurück verbleibe: gefällt es Dir, mir beizustehen,
+so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu
+Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend
+habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit
+genug getan, wie meinem Wunsche.</p>
+
+<p class="center">Der Deinige bis in den Tod.</p>
+<p class="center">Der Ritter von der traurigen Gestalt.</p><br>
+
+<p>»Bei meines Vaters armer Seele,« rief Sancho
+aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das
+erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen
+ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie
+man's nur wünschen kann und wie herrlich schraubt
+es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter
+von der traurigen Gestalt. Meiner Seel, ich sage
+doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es
+gibt gar nichts, was Ihr nicht könntet.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p>
+
+<p>»Alles«, antwortete Don Quijote, »ist in dem
+Amte, welches ich bekleide, vonnöten.«</p>
+
+<p>»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch
+auf einem andern Blatte den Zettul wegen der
+drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar
+und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.«</p>
+
+<p>»Gern,« sagte Don Quijote, und nachdem er
+geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor:</p>
+
+<p>»Bitte Ew. Wohlgeboren, meine liebe Nichte,
+auf diesen Schein über Eselsfüllen, dem Sancho
+Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen,
+die im Hause geblieben, zu überliefern. Solche
+drei Füllen bitte ihm als Bezahlung für gleichmäßige
+Valuta zu reichen, die bar empfangen.
+Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen.
+Gegeben im Innern des schwarzen Gebirges,
+am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt
+laufenden Jahres.«</p>
+
+<p>»Es ist gut,« sagte Sancho, »nun unterschreibet
+nur.«</p>
+
+<p>»Das Unterschreiben ist nicht nötig,« sagte Don
+Quijote, »sondern ich will nur meinen Namenszug
+hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift
+für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert
+wären.«</p>
+
+<p>»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden,« antwortete
+Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den
+Rosinante satteln und Ihr erteilt mir Euren Segen;
+denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten
+weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt,
+und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe,
+als nur mein Herz wünschen konnte.«</p>
+
+<p>»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur weil<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span>
+es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt
+sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten
+vollführen, denn ich will sie in weniger
+als einer halben Stunde fertig haben; hast du
+diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf
+alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst,
+wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges
+sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir
+vorgesetzt habe.«</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt
+mich Euch nicht nackend sehen, denn das würde
+mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte,
+und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so
+schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben
+habe, daß ich das Heulen nicht von neuem
+anfangen mag: gefällt es Euch aber, daß ich ihrer
+etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie
+doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten,
+die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist
+dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt,
+es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich
+Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie
+wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme
+sich die Dame Dulzinea nur in acht, denn wenn sie
+nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör' ich
+hoch und teuer, ich will Ihr die schickliche Antwort
+mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen
+herausholen, denn warum soll man's denn leiden,
+daß ein so berühmter irrender Ritter wie Ihr seid,
+um nichts und wieder nichts unsinnig wird für
+eine — — —. Die gute Dame soll mich nur nicht
+ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst
+ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span>
+bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber
+meiner Seel, wenn sie mich kennt, so mag sie mich
+zum Frühstück nehmen.«</p>
+
+<p>»Wahrlich, Sancho,« sagte Don Quijote, »dem
+Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.«</p>
+
+<p>»So unsinnig bin ich nicht,« antwortete Sancho,
+»aber hitzköpfiger; doch, von was anderem, was
+werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme?
+Wollt Ihr wie Cardenio auf der Straße
+lauern und die Hirten plündern?«</p>
+
+<p>»Sei deshalb unbesorgt,« antwortete Don Quijote,
+»denn hätte ich gleich andere Speise, so würde
+ich doch nichts als die Krauter dieser Wiese und
+die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen,
+denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung,
+nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.«</p>
+
+<p>Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger
+Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht
+wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist
+gar zu abgelegen.«</p>
+
+<p>»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich
+will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen,«
+sagte Don Quijote, »auch werde ich darauf denken,
+oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen,
+um mich droben umzusehen, ob du nicht
+wiederkommst; das Beste und Sicherste aber wird
+sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß
+du von dem hier häufigen Ginster etwas nimmst
+und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das
+offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum
+Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden,
+wie der Faden dem Perseus aus dem
+Labyrinthe half.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p>
+
+<p>»Das soll geschehen,« antwortete Sancho Pansa;
+er nahm Ginster, bat seinen Herrn um seinen
+Segen und unter häufigen Tränen von beiden
+Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den
+Rosinante, den ihm Don Quijote fleißig empfahl,
+daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst
+wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem
+flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit
+Zweige des Ginsters ausstreute, wie es ihm sein
+Herr geraten hatte: so entfernte er sich, obgleich
+ihn Don Quijote noch immer quälte, daß er bleiben
+möchte, um ihn etliche Tollheiten machen zu sehen.
+Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt,
+als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr
+habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich
+Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit
+ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum
+will ich um etliche bitten, obwohl das freilich die
+tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.«</p>
+
+<p>»Habe ich es dir nicht gesagt?« sagte Don Quijote,
+»warte, mein Sancho, in einem Vaterunser
+ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf
+die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir
+nichts dir nichts schlug er zweimal Rad und warf
+sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine
+in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie
+nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen,
+den Rosinante umzuwenden, völlig zufrieden und
+hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können,
+sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße
+ziehen, bis er wiederkommt, welches nicht lange
+dauern wird.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span></p>
+
+<h3>Zwölftes Kapitel<br>
+<span class="s5">Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don<br>
+Quijote als Verrückter im schwarzen Gebirge<br>
+unternahm</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Um auf das zurückzukommen, was der von der
+traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah,
+so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote
+mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte
+bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet,
+und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne
+weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg
+er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte
+noch einmal, was er schon oft überlegt hatte,
+ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich
+besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in
+seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen
+schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf
+er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich
+ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein
+von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare?
+denn am Ende war er doch immer bezaubert
+und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn
+nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt
+seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit
+siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich
+diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio
+half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in
+seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine
+Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren
+kommen; gewiß ist es, er verlor
+ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span>
+und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab,
+wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem
+jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben
+des Agramant, geschlafen habe: und indem
+er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame
+ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte
+er nichts sonderliches darin, unsinnig zu
+werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten
+nachahmen, wenn ich ihn nicht auch
+in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte
+wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von
+Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit
+Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner
+Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie
+die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein
+hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr
+dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der
+rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf
+der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von
+Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten
+zu begehen, sich wohl als Verliebter
+noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte
+erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana
+verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als
+bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen:
+er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth
+zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und
+dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in
+seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete.
+Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich
+mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen,
+diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein
+Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span>
+Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin,
+zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis!
+und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen,
+so gut er es nur kann: wenigstens soll
+man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden
+können, daß, wenn er große Taten nicht
+vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch
+nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet
+bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von
+ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans
+Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen
+des Amadis und lehrt mich, wie ich den
+Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere
+mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und
+dieses will ich auch tun. —</p>
+
+<p>Er zog hierauf einige große Galläpfel vou
+einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze
+dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte,
+war, daß er keinen Einsiedler auffinden
+konnte, dem er beichtete und mit dem er sich
+tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf
+der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in
+die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande
+niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen
+und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen,
+die man noch fand und die man noch lesen konnte,
+als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter,</div>
+ <div class="verse indent2">die ihr auf dem Platze hier seid,</div>
+ <div class="verse indent2">ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter,</div>
+ <div class="verse indent2">wenn ihr euch des Unglücks nicht freut,</div>
+ <div class="verse indent2">so hört meine Klagen nun weiter.</div>
+ <div class="verse indent0">Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote,<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span></div>
+ <div class="verse indent2">denn er ist so fürchterlich ja,</div>
+ <div class="verse indent2">so steht euch ein Bach zu Gebote,</div>
+ <div class="verse indent2">denn hier bewein' ich, Don Quijote,</div>
+ <div class="verse indent2">die Trennung von Dulzinea</div>
+ <div class="verse indent4">von Toboso.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier ist er, der Ort, den erwählet</div>
+ <div class="verse indent2">der Liebende, ewig getreu,</div>
+ <div class="verse indent2">der ihn der Geliebten verhehlet,</div>
+ <div class="verse indent2">hier reißet der Schmerz ihn entzwei,</div>
+ <div class="verse indent2">er weiß nicht recht, was ihn so quälet.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote,</div>
+ <div class="verse indent2">wie keinem es jemals geschah,</div>
+ <div class="verse indent2">drum welkt er wie Bohn' oder Schote</div>
+ <div class="verse indent2">denn hier bewein' ich, Don Quijote,</div>
+ <div class="verse indent2">die Trennung von Dulzinea</div>
+ <div class="verse indent4">von Toboso.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er suchte wohl hier Abenteuer</div>
+ <div class="verse indent2">in Orten, an Felsen so reich,</div>
+ <div class="verse indent2">er flüchtete dem Ungeheuer,</div>
+ <div class="verse indent2">doch hört er im wüsten Gesträuch</div>
+ <div class="verse indent2">von Leiden nur die alte Leier.</div>
+ <div class="verse indent0">Es peitscht ihn die Liebe zu Tode</div>
+ <div class="verse indent2">und bleibet zur Marter ihm nah,</div>
+ <div class="verse indent2">drum kratzt er den Kopf mit der Pfote,</div>
+ <div class="verse indent2">denn hier bewein' ich, Don Quijote,</div>
+ <div class="verse indent2">die Trennung von Dulzinea</div>
+ <div class="verse indent4">von Toboso.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte
+der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea
+ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span>
+Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea
+nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die
+Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch
+in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden
+hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt,
+sie erhielten sich nicht und nur diese drei
+Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und
+daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der
+Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und
+die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle
+antworten, Trost geben und zuhören möchten,
+unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich
+mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme:
+wenn dieser so drei Wochen weggeblieben
+wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der
+von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden,
+daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt
+hätte.</p>
+
+<p>Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und
+Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem
+Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete.
+Als er auf die große Straße gelangt war, machte
+er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte
+am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn
+das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er
+hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch
+schon so war, als wenn er wieder in den Lüften
+flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich
+es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt
+und gesollt hätte, denn es war um die
+Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen
+spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit
+vielen Tagen danach großen Hunger empfunden<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span>
+hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht
+an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß,
+sollte er einkehren oder nicht: wie er noch
+in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute
+aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von
+denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat,
+ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von
+dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte,
+daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen
+sei?«</p>
+
+<p>»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas
+Pferd gehört auch unserm Don Quijote.</p>
+
+<p>Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der
+Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren,
+die nämlichen, die das Verhör und Gericht über
+die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den
+Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten,
+begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören,
+liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn
+bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho
+Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?«</p>
+
+<p>Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm
+sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein
+Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein
+Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle
+und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich
+wichtig sei, die er aber nicht verraten
+dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr
+uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist,
+so werden wir glauben, wie wir es schon glauben,
+daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn
+Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span>
+müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es
+ergeht Euch übel.«</p>
+
+<p>»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich
+bin ein Mann, der keinen plündert und keinen
+umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder
+vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten
+im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust
+Buße tut.« — Und zugleich erzählte er ihnen
+in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben
+sei, samt allen gehabten Abenteuern und
+wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso
+bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo,
+in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei.</p>
+
+<p>Die beiden standen voll Erstaunen über das,
+was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich
+sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben
+kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert,
+so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho
+Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die
+Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er
+sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und
+wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier
+im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der
+Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn
+er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho
+Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und
+suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und
+hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht
+hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten
+und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen
+hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie
+er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte,<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span>
+er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem
+Körper herum und sah und begriff zum zweiten
+Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne
+weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn
+halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen
+ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht
+und gegen die Nase gab, daß das Blut
+herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier
+sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei,
+daß er sich so übel begegne?</p>
+
+<p>»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete
+Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt,
+drei junge Esel verloren habe, wovon mir
+jeder so wert wie ein Palast war.«</p>
+
+<p>»Wie das?« fragte der Barbier.</p>
+
+<p>»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete
+Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und
+auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn,
+auf die mir die Nichte drei junge Esel von den
+vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im
+Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust
+seines Grauen erzählte.</p>
+
+<p>Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn
+er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung
+wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf
+Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich
+sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern
+würden nicht für gültig anerkannt.</p>
+
+<p>Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn
+dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er
+den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er
+wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben
+werden könnte, wo und wann sie es wollten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p>
+
+<p>»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier,
+»wir wollen ihn gleich niederschreiben.«</p>
+
+<p>Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um
+den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er
+sich auf den einen Fuß und bald auf den andern,
+jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den
+Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom
+Finger heruntergebissen hatte und die beiden in
+der größten Erwartung standen, was er doch sagen
+würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause:
+»Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich
+das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen
+Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde:
+Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«</p>
+
+<p>»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen
+heißen, sondern vielleicht meine Königin oder
+Monarchin.«</p>
+
+<p>»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich
+darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam — —
+— — wenn ich mich recht erinnere — — — —
+der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete
+küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich
+unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß
+nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er
+schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende
+hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von
+der traurigen Gestalt.«</p>
+
+<p>Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte
+den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn
+sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und
+dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal
+sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf
+erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span>
+er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm
+in der Schenke widerfahren war, in die er nicht
+einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr,
+wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute
+Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu
+machen und Kaiser zu werden oder wenigstens
+Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht,
+nach der Tapferkeit seiner Person und der
+Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding
+ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle
+er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl
+Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das
+Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die
+eine reiche und große Herrschaft auf dem festen
+Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache
+er sich nichts.</p>
+
+<p>Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem
+er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so
+ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten,
+indem sie erwogen, wie gewaltig Don
+Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den
+Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen
+habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm
+seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß
+dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe,
+wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten
+ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten
+ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines
+Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches
+und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe
+der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens
+Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme.</p>
+
+<p>Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren,<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span>
+wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten
+sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser,
+sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl
+wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren
+Stallmeistern zu geben pflegen.«</p>
+
+<p>»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer,
+»irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der
+etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet,
+die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«</p>
+
+<p>»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho,
+»daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß
+er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach!
+ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht
+die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir
+werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt,
+Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch
+sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«</p>
+
+<p>»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der
+Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und
+ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache
+machen, Kaiser und nicht Erzbischof
+zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein,
+denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«</p>
+
+<p>»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß
+ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat;
+was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben
+Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm
+am meisten diene und wobei er mir das meiste
+geben kann.«</p>
+
+<p>»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der
+Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter
+Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span>
+auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen
+Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt;
+damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich
+essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in
+diese Schenke hineingehen.«</p>
+
+<p>Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten,
+er aber wolle draußen warten und ihnen nachher
+die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe
+und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er
+sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas
+Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante.
+Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach
+einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu
+essen.</p>
+
+<p>Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich,
+wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der
+Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz
+in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war,
+wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich
+dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine
+irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich,
+so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen
+möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don
+Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte
+Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von
+ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer
+irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber,
+um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen
+möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln,
+in das sie ein schlechter Ritter verwickelt
+habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht
+befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben,
+auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span>
+bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade
+gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in
+dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte,
+und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und
+nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es
+möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit
+zu heilen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h3><em class="gesperrt">Dreizehntes Kapitel</em><br>
+<span class="s5">Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet,<br>
+nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte<br>
+vorgetragen zu werden</span></h3>
+</div>
+
+
+<p>Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers
+nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich
+zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von
+der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür
+der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum
+Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen
+weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze,
+an dem der Wirt seine Kämme aufhing.
+Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen
+anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich
+Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung
+dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge
+herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der
+Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß
+dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und
+der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse;
+sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich
+mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu
+verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg.
+Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span>
+man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm
+nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer
+Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt
+waren, hierauf ein Leibchen von grünem
+Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles
+aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien.
+Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte,
+sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes
+Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte,
+und um die Stirn band er ein Strumpfband von
+schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband
+machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich
+gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er
+sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er
+ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf
+er noch einen langen Mantel überwarf und sich
+quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg
+seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf
+den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche
+spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze
+eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen
+von allen Abschied, auch von der braven Maritorne,
+die, so sündhaft sie auch selber sei, einen
+Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen
+Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche
+Unternehmung, die sie unternommen hatten,
+glücklich beendigen möchten.</p>
+
+<p>Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als
+dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm
+nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren,
+sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester,
+wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so
+gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span>
+Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß
+er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle
+der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte
+weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er
+fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den
+Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte.
+Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug
+lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der
+Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte,
+sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete
+ihn, wie er sich gebärden und welche
+Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe,
+um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu
+gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner
+unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete,
+daß er selbst seine Lektion wüßte und sie
+gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte
+sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der
+Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also
+den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen
+Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von
+Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was
+ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im
+Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig
+den Fund des Mantelsacks und das, was er in
+diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm
+er auch war, so war dieser brave Herr doch gut
+auf sein Bestes bedacht.</p>
+
+<p>Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo
+Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut
+hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er
+seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte,
+sagte er, daß dieses der Eingang sei, und<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span>
+daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies
+nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie
+hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und
+diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen
+Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien,
+welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr
+nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie
+wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte,
+wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an
+Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und
+weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche
+Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer
+Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen,
+weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch
+und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären
+sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen
+und ihn so anzufrischen, daß er sich
+gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot
+zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber
+solle er ohne Sorgen sein.</p>
+
+<p>Sancho hörte alles an und prägte es sich gut
+ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht,
+daß sie seinem Herrn zureden wollten, er
+möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er
+seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die
+Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr
+als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte
+auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn
+zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame
+zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend,
+ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so
+viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien
+das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span>
+zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen
+Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.</p>
+
+<p>Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein
+und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein
+kleiner friedlicher Bach murmelte und auf dem
+Felsen und einige Bäume einen angenehmen frischen
+Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es
+war im August, in welchem Monat die Sonne dort
+sehr heiß brennt; drei Stunden nach Mittag waren
+verflossen, welches alles ihnen diesen Ort sehr
+angenehm machte und sie einlud, hier die Rückkehr
+des Sancho zu erwarten, wie sie auch taten. Indem
+die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen
+sie eine Stimme, die ohne den begleitenden Ton
+eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber
+sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie
+hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute
+Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft
+erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden
+Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies
+mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit;
+da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die
+sie singen hörten, kein Lied eines Bauern sein
+könne, sondern von einem feinen Manne herrühren
+müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die
+Verse, die sie hörten, waren folgende:</p>
+
+<p>Wer hat mir zerstört mein gutes Glücke?</p>
+<p class="center">Die Tücke.</p>
+<p>Und was macht mich nun in Qual vergehen?</p>
+<p class="center">Verschmähen.</p>
+<p>Welcher Lehrer, daß ich dulden lerne?</p>
+<p class="center">Die Ferne:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">und also machen bessre Sterne</div>
+ <div class="verse indent0">mir niemals lichtern Himmel offen,</div>
+ <div class="verse indent0">vereinigt töten mich das Hoffen,</div>
+ <div class="verse indent0">Verschmähen, Tücke, wie die Ferne.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wer macht mir mein Leben schwarz und trübe?</p>
+<p class="center">Die Liebe.</p>
+<p>Und wer scheucht die Freude weit zurücke?</p>
+<p class="center">Das Glücke.</p>
+<p>Und wer weigert mir zu sein ein Retter?</p>
+<p class="center">Die Götter:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und also brechen tausend Wetter</div>
+ <div class="verse indent0">daß ich muß ein Verlorner sein</div>
+ <div class="verse indent0">nur zum Verderben auf mich ein,</div>
+ <div class="verse indent0">das Glück, die Liebe und die Götter.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wie kann ich ein beßres Glück erwerben?</p>
+<p class="center">Durch Sterben.</p>
+<p>Und was macht, das uns die Lieb' erfreue?</p>
+<p class="center">Untreue.</p>
+<p>Und für wen ist alles Leid verloren?</p>
+<p class="center">Dem Toren:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">und also bin ich nur geboren,</div>
+ <div class="verse indent0">in meinem Leiden zu verschmachten,</div>
+ <div class="verse indent0">für Helfer sind ja nur zu achten</div>
+ <div class="verse indent0">Untreue, Sterben, oh, des Toren!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und
+die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den
+beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung,
+sie hielten sich ruhig, indem sie noch
+mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß
+alles schwieg, beschlossen sie aufzustehen und den
+Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang,<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span>
+und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten,
+machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten,
+denn ein neuer Ton traf ihr Ohr und folgendes
+Sonett wurde gesungen.</p>
+
+<p class="p2 center">Sonett</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen</div>
+ <div class="verse indent0">Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu den gebenedeiten Himmelsreichen.</div>
+ <div class="verse indent1"></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen.</div>
+ <div class="verse indent1"></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Er tötet schleichend jegliches Vertrauen.</div>
+ <div class="verse indent1"></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder,</div>
+ <div class="verse indent0">So wird die Welt den alten Krieg begonnen</div>
+ <div class="verse indent0">Und Zwietracht wieder als Regenten schauen.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer und die
+beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie
+noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß
+sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen
+verkehrt hatte, beschlossen sie zu erfahren, wer der
+Traurige sei, dessen Stimme so schön, wie sein
+Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen,
+als sie, indem sie um einen Felsen bogen,
+einen Menschen von eben der Gestalt gewahr
+wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span>
+von Cardenio erzählte. Als der Mensch sie erblickte,
+blieb er unverändert in seiner traurigen
+Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken
+und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die
+Augen aufzuschlagen oder sie noch einmal anzusehen.</p>
+
+<p>Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und
+schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an
+den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu
+und bat und beschwur ihn in wenigen, aber vernünftigen
+Worten, dieses unglückselige Leben zu
+verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches
+das allerhöchste Elend zu nennen sei. Cardenio
+war gerade bei vollem Verstande und ohne einen
+Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm
+selbst entfernte; da er also die beiden sah, anders
+gekleidet als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien
+aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig,
+noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer
+Sache reden hörte, die man kannte; auf das aber,
+was ihm der Pfarrer gesagt hatte, antwortete er
+mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer ihr auch
+sein mögt, meine Herren, daß der Himmel, der für
+die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft,
+wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein
+Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller
+Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit
+Eindringlichkeit und Vernunft, obgleich ich ohne
+diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier
+entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle.
+Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl
+möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne,
+wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen
+kann, ihr müßt mich also für einen Menschen<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span>
+von schwachem Verstande halten, oder, was noch
+schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und
+freilich wäre es kein Wunder, wenn ihr es tätet,
+denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige
+Bild meines Elendes so überwältigt hat
+und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich
+selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos
+wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung
+entbehre; darum muß ich alles glauben,
+was mir manche erzählen und mir durch Spuren
+beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener
+schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht.
+Ich kann nun nichts weiter tun, als vergeblich
+klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen
+und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem,
+der mich anhören will, mein Unglück erzählen,
+damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie
+sich nicht über die Folgen desselben wundern und
+wenn sie mir nicht helfen können, mich doch
+wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über
+meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt
+werden muß. Kommt ihr also, meine
+Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der
+schon manche hergekommen sind, so bitte ich euch,
+ehe ihr noch in euren gütigen Überredungen fortfahrt,
+die Geschichte meines Unglücks anzuhören,
+weil ihr vielleicht nachher selber eure Mühe unnütz
+findet, mir in meinem Elende Trost zu geben,
+das durchaus keinen Trost zuläßt.«</p>
+
+<p>Es war gerade der Wunsch der beiden, aus
+seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut
+zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte
+vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span>
+keine andere Hilfe und keinen andern Trost anzubieten,
+als die er selber wünschen würde. Der
+traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte
+an und trug sie fast mit den nämlichen Worten
+und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quijote
+und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt
+hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und
+durch die Gewissenhaftigkeit Don Quijotes, den Gesetzen
+der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung
+abgebrochen wurde, wie es die Historie
+oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück,
+daß sie durch keinen Anfall von Wahnsinn gestört
+wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu
+Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando
+im Amadis von Gallia den Brief fand, sagte
+Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb
+sagte er ihn mit diesen Worten her:</p>
+
+<p class="center">Lucinde an Cardenio.</p>
+
+<p>›Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch,
+die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem
+hochzuschätzen, wenn Ihr mich also von meinen
+Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre
+bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun.
+Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich
+liebt, und der ohne mich zu zwingen Euch das bewilligen
+wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr
+mich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es
+glaube.‹</p>
+
+<p>Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt,
+bewogen, um Lucinden als meine Gemahlin anzuhalten,
+und durch dieses Blatt wurde Fernando in
+seiner Meinung bestätigt, Lucinden für das verständigste<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span>
+und klügste Mädchen seiner Zeit zu
+halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch,
+mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch
+in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando
+was mir Lucindens Vater erwidert hatte, daß es
+meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich
+es aber nicht wagte, es ihm zu sagen, aus Furcht,
+daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil
+ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Lucinde
+unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären
+hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen
+Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriff
+wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich
+so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der
+Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich
+sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit
+meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur
+dies Hindernis, sondern noch manches andere mache
+mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne, was;
+es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals
+in Erfüllung gehen würden.</p>
+
+<p>Don Fernando antwortete mir, daß er es über
+sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und
+ihn dahin zu bringen, daß er mit Lucindens Vater
+redete. — O du ehrsüchtiger Marius! grausamer
+Catilina! schändlicher Sylla! verräterischer Galalon!
+du hinterlistiger Vellido! rachsüchtiger Julian! o
+habsüchtiger Judas! du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger,
+Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche
+getan, der dir so offen die geheimsten
+Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich
+dich beleidigt? Welchen Rat habe ich dir je gegeben,
+welches Wort jemals gesprochen, das nicht<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span>
+hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück
+zu befördern? Aber worüber klag' ich, Elender!
+es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne
+Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt
+und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft
+des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des
+Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben
+können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller
+Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten,
+der so angesehen war, daß er nur wählen durfte,
+um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht
+ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt
+hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will
+diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen
+und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen
+Geschichte anknüpfen.</p>
+
+<p>Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich
+war, um seine schändliche Falschheit auszuüben,
+beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder
+zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem
+für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb
+gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine
+verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er
+kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot,
+mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte,
+daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte.
+Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte
+ich sie nur ahnden? Weit davon entfernt, bot ich
+mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an,
+sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft
+hielt. In derselben Nacht sprach ich mit
+Lucinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando
+verabredet habe, und daß sie die feste Hoffnung<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span>
+fassen könne, daß nun unsere tugendhaften
+Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich,
+vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie
+ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei
+überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein
+Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung
+zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah,
+aber indem sie es gesagt hatte, wurden ihre Augen
+von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle,
+so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, obgleich
+es mir schien, sie habe mir noch vieles zu
+sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich
+noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn
+so oft das gute Glück und meine Sorgfalt uns eine
+Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch
+jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere
+Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht
+einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß
+der Himmel mir sie zur Geliebten vergönnt habe,
+ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz
+und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit
+ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen
+schien. Nebenher erzählten wir uns tausend lustige
+Vorfälle von unseren Nachbarn und Bekannten,
+und das höchste, was meine Kühnheit dann wagte,
+war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt
+zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des
+niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem
+Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem
+traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte
+und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und
+Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte
+Traurigkeit Lucindens. Um aber meine<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span>
+Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles
+der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den
+wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich
+innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich
+endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken
+und Argwohn, ohne daß ich wußte oder
+erdenken konnte, was ich argwöhnte; Zeichen, die
+mir den traurigen Erfolg und das Unglück, das
+meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben.</p>
+
+<p>Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich
+überreichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando.
+Man empfing mich freundlich, fertigte mich
+aber nicht so freundlich ab, sondern ich erhielt zu
+meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht
+Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der
+Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder
+schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen
+Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur
+eine Erfindung des falschen Fernando, denn es
+fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich
+abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe
+dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir
+unmöglich, so viele Tage von Lucinden entfernt zu
+leben, besonders da ich sie so schwermütig verlassen
+hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein
+redlicher Diener, obgleich ich einsah, daß es auf
+Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier
+Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich
+aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich
+sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Lucindens
+Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn
+nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen
+haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span>
+sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur
+selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer
+ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf
+dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie
+er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei um
+die Mittagstunde, als ihm aus einem Fenster eine
+Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß und
+zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: Wenn Ihr
+ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so
+bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich
+nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an
+die er gerichtet ist; es ist ein gutes Werk, womit
+Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset,
+damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt
+das, was in dem Tuche ist. Und wie sie dies gesagt
+hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch
+herab, in dem hundert Realen eingebunden
+waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger
+habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort
+abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück,
+doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das
+Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß
+ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun
+für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt
+sah und aus der Überschrift erkannte, daß der
+Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich
+sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen
+Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das
+Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief
+selbst zu überliefern; seitdem sind sechszehn Stunden
+verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt
+habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.</p>
+
+<p>Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich,<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span>
+von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen,
+daß ich mich kaum aufrechterhalten konnte. Ich
+erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt:</p>
+
+<p>»Das Versprechen, welches Don Fernando Euch
+gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen
+zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu
+Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur
+Gemahlin begehrt hat und mein Vater, von Don
+Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht,
+verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb
+zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll,
+und zwar so verborgen und geheim, daß nur der
+Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeugen
+sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen;
+wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch
+liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben.
+Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich
+mich gezwungen sehe, die Meinigen mit dem zu
+verbinden, der so schlecht die versprochene Treue zu
+halten weiß.«</p>
+
+<p>Dies war der Inhalt des Briefes, der mich
+sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort
+oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein,
+daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens,
+den Don Fernando bewogen hatte, mich
+zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don
+Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren,
+den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und
+der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn
+ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern
+Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Lucinden
+zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin
+und ließ mein Maultier in dem Hause des braven<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span>
+Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es
+fügte sich so glücklich, daß ich Lucinden gerade am
+Gitterfenster traf, dem Zeugen unserer Liebe. Lucinde
+sah mich gleich und ich sah sie, aber nicht so,
+wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber
+in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt
+und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu
+kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner.
+Wie mich Lucinde erblickte, sagte sie: Cardenio,
+ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten
+schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger
+Vater, nebst anderen Zeugen, die wohl Zeugen
+meines Todes, aber niemals meiner Vermählung
+sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber
+Freund und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu
+sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so
+soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle
+Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt
+und du anfängst, meine Liebe zu dir völlig zu erkennen.</p>
+
+<p>Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich
+fürchtete, gestört zu werden: Laß, Geliebte, deine
+Taten deine Worte wahr machen, führst du einen
+Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein
+Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen,
+wenn uns das Glück entgegen ist. Ich
+glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie
+riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete.
+Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein,
+die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft,
+ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß
+in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span>
+verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine
+Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich
+ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging
+in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und
+Eingänge kannte, noch mehr mich aber der Tumult
+begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen
+zu werden. Ohne bemerkt zu werden, begab ich
+mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von
+herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß
+ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die
+Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken
+mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich
+kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so
+viele und von solcher Art drängten sich mir auf,
+daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam
+trat endlich ohne weiteren Schmuck in den
+Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider.
+Als Zeuge kam ein Verwandter Lucindens mit ihm
+und weiter war niemand im Saale zugegen, als
+Diener des Hauses. Bald darauf erschien Lucinde
+aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und
+zwei Mädchen begleitet; ihre Kleidung war so schön
+und reich, wie es ihr Stand und ihre Schönheit
+verdienten und so schön, als sich der Putz mit edler
+Pracht gepaart erweisen kann. Meine Angst und
+Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer
+zu betrachten, ich merkte nur die Farben
+Rot und Weiß und den Glanz der Edelgesteine,
+die auf dem Kopfe schimmerten, wie auf ihrem
+ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer
+glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde,
+so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span>
+Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale
+waren, wetteiferten und ihr Schimmer dennoch den
+Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind
+meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die
+unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin
+vorzustellen? Wär' es, grausames Gedächtnis,
+nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals
+tat, damit ich von so unendlicher Beleidigung
+empöret, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens
+dies Leben verliere? — Laßt es euch, meine
+Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit
+anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß,
+daß ich sie nicht kürzlich und in wenigen Worten
+erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in
+meinen Augen eine lange Rede.«</p>
+
+<p>Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig
+verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauern
+Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären,
+denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie
+nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen
+ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten
+schenken müsse.</p>
+
+<p>»Indem ich also im Saale wartete,« fuhr Cardenio
+fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein,
+faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie
+vorzunehmen, indem er sagte: Wollt Ihr,
+Fräulein Lucinde, diesen hier gegenwärtigen Don
+Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es
+die heilige Mutter Kirche befiehlt? Ich stürzte mit
+Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich
+hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und
+mit verwirrter Seele, um Lucindens Antwort zu<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span>
+vernehmen, das Urteil meines Todes oder die Bestätigung
+meines Lebens! O wär' ich doch damals
+hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Lucinde!
+Lucinde! bedenke, was du tust, erwäge, was du
+mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist,
+und daß du keinem andern angehören darfst!
+Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines
+Lebens ein und dasselbe ist. Ha! Verräter Don
+Fernando! du Räuber meines Glücks, du Tod
+meines Lebens! Was willst du? Was verlangst
+du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel
+deiner Wünsche erlangen kannst, denn Lucinde ist
+meine Gattin und ich bin ihr Gemahl!</p>
+
+<p>O ich Tor! jetzt abwesend und fern von der
+Gefahr, jetzt erzähl' ich, was ich damals hätte tun
+sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein
+köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber,
+an dem ich mich rächen konnte, hätte ich ein
+Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle,
+Klagen auszustoßen: nun gut, ich war damals ein
+Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zuviel,
+wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in
+Reue und Wahnsinn. — Der Priester erwartete
+Lucindens Antwort, die lange zögerte, und als ich
+nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich
+zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die
+Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem
+Besten zu enttäuschen, da hörte ich, daß sie mit
+schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das
+nämliche sagte Don Fernando, die Ringe wurden
+gewechselt, das unauflösliche Band war geknüpft.
+Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span>
+sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank
+ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter.</p>
+
+<p>Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen
+hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die
+Worte und Versprechungen Lucindens falsch fand
+und die Möglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das
+Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke
+verloren hatte; da verließ mich jeder Gedanke,
+mir war's, als würde der Himmel mir abtrünnig,
+als trüge die Erde mich nur als ihren
+Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern
+Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt:
+nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich
+vor Wut und Eifersucht mich an allen Adern
+brennen fühlte.</p>
+
+<p>Alle waren durch Lucindens Ohnmacht verwirrt;
+die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr
+Luft zu machen und fand ein zusammengelegtes
+Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und
+es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt
+hatte, sank er in einen Stuhl und stützte
+den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken
+versunken, ohne den übrigen zu helfen,
+seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so
+alle Leute des Hauses im Tumulte sah, beschloß
+ich, fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen
+möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man
+mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze
+Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung
+des falschen Fernando erführe, sowie den
+Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber
+mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span>
+hat, wenn es größere gibt, führte es so,
+daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft
+fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne
+also an meinem ärgsten Feinde Rache zu nehmen,
+wie ich leicht gekonnt hätte, wär' ich nicht von
+allen Gedanken verlassen worden, beschloß ich, die
+Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben.
+Ich war also grausamer gegen mich, wie ich
+gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet
+hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber,
+der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet,
+ermordet sich unaufhörlich, ohne sein
+Leben zu beschließen.</p>
+
+<p>Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier
+stand; ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied
+zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es,
+wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts
+zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen
+Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte
+und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob
+ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich
+einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen
+begleitete ich die Namen Lucinde und Don Fernando,
+als wenn sie dadurch das Unrecht büßten,
+das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie
+grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich
+aber habsüchtig, weil sie von den Reichtümern
+meines Feindes geblendet, mich verlassen
+und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit
+mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult
+dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie
+dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span>
+Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie
+konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen
+reichen, schönen und vornehmen Mann gaben, ohne
+den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen
+handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches
+ihrem guten Namen und ihrer Ehre so nachteilig
+war. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen
+dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten
+sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen,
+denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten
+sie selbst keinen besseren Gatten für ihre
+Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt
+nachgegeben hätte und die Hand gereicht,
+hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben,
+daß ich kommen und alles das bestätigen
+werde, was sie so gut gefunden hätte, zu erdichten.
+Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig
+Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe
+sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen,
+womit sie mich getäuscht und in meiner
+festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen
+hingehalten hatte. So schreiend und in dieser
+Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit
+Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange
+dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne
+Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf
+Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite
+dieser Berge liegen, und etliche Schäfer nach der
+wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen
+mir diese Gegend nach und sogleich begab ich mich
+mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu
+endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis
+kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger<span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span>
+tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so
+unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu
+Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert,
+ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung
+meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag
+ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf
+ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich
+bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten
+beigestanden haben, denn sie erzählten mir,
+wie sie mich angetroffen hätten, und daß ich so
+vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt,
+daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren
+habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden,
+daß er nicht immer hinreichend stark ist,
+sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend
+Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch
+die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und
+vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin
+wiederhole, meine Absicht ist dann, mir mit diesem
+Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann
+wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so
+matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann.
+Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines
+geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden
+Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten,
+die in diesen Bergen streifen, legen mir,
+aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen
+Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehe
+und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht
+Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt
+der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt
+in mir die Begierde, sie zu nehmen und sie zu verzehren.
+Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span>
+begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und
+nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie's mir auch
+aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem
+Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies
+elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel
+gefallen wird, es zu beschließen, oder mein Gedächtnis
+so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit
+und des Verrats Lucindens, sowie Don Fernandos
+Schändlichkeiten gedenke, geschieht das vor meinem
+Tode, so will ich meine Gedanken anders richten,
+wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner
+Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle
+ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper
+aus diesem Elend zu reißen, in das ich mich freiwillig
+gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die
+trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun,
+ob ich weniger empfinden kann als wie ihr an
+mir gesehen habt? Gebt euch darum keine Mühe,
+mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir
+so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten
+Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will.
+Ich will keine Wohlfahrt ohne Lucinden, und da sie
+einen andern erwählt hat, indem sie die Meine
+war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück,
+da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie
+machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig,
+ich will mich selbst verderben und dadurch
+ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein
+Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen
+Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß
+ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich
+um so grössere Marter, weil ich glaube, daß sie
+sich nicht mit dem Tod endigen werden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span></p>
+
+<p>Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die
+Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem
+ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte,
+unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und
+sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der
+vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn
+hier beschließt den dritten der weise und genaue
+Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli.</p>
+<hr class="chapter">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77337 ***</div>
+</body>
+</html>
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