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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ + +======================================================================= + + + Straußenpolitik + Neue Tierfabeln. + + [Illustration] + + + + + Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart. + + +Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und +damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen +in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel +glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher +Literatur zu erreichen mittelst des + + + Kosmos, Handweiser für Naturfreunde + Jährlich zwölf Hefte. Preis M 2.80; + +ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten +Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es +erscheinen im Vereinsjahr 1908: + + =Meyer, Dr. M. Wilh., Erdbeben und Vulkane. Reich illustriert. Geb. + M 1.-- = K 1.20 h ö. W.= + + =Dekker, Dr. Herm., Naturgeschichte des Kindes. Illustriert. Geb. M + 1.-- = K 1.20 h ö. W.= + + =Sajó, Prof. Dr. K., Krieg u. Frieden im Ameisenstaat. Reich + illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.= + + =Teichmann, Dr. E., Vererbung als erhaltende Macht. Illustriert. + Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.= + + =Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes. Reich + illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.= + +Diese Veröffentlichungen sind durch ~alle Buchhandlungen~ zu +beziehen, daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur +M 4.80) zum =Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch +nachträglich noch für die Jahre 1904/07 unter den gleichen günstigen +Bedingungen) entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der +erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.) + + +Geschäftsstelle des Kosmos: =Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart=. + + + + + Straußenpolitik + + + Neue Tierfabeln + + von + + Dr. Th. Zell + + + Dreizehnte Auflage. + + [Illustration] + + + Stuttgart + ~Kosmos~, Gesellschaft der Naturfreunde + Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung. + + + Max Dethleffs Buchdruckerei. + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + + Vorwort VII + + Tiergestaltenverbesserer 1 + + Schämen sich manche Tiere? 8 + + Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen 15 + + Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden? 20 + + Die angebliche Nervosität der Tiere 27 + + Gibt es Tiere, die sich spiegeln? 32 + + Tiere als Heuchler 46 + + Verstellungskünste bei Vogeleltern 53 + + Straußenpolitik 58 + + Wittern die Geier Tierleichen? 64 + + Die Schnepfe als angeblicher Mediziner 70 + + Sichtotstellen als Rettungsmittel 73 + + Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen u. bei Tieren 76 + + Anhang 81 + + + + + Vorwort. + + +Zu den vor zwei Jahren erschienenen Tierfabeln soll das vorliegende +Buch eine Fortsetzung bilden. Was ich dort im Vorwort sagte, gilt +auch hier: es sind nämlich nicht nur wirkliche Fabeln behandelt +worden, sondern auch solche Fälle, deren Unwahrheit noch nicht völlig +ausgemacht ist. + +Ich hoffe, daß auch die vorliegende Arbeit dazu beiträgt, weiteren +Kreisen Interesse für die meist so verkannte Tierwelt einzuflößen. + +Wegen der Zuschriften und Kritiken verweise ich auf den Anhang. + + ~Berlin~ +W.+ 57, Ende Februar 1907. + + =Der Verfasser.= + + + + + Tiergestaltenverbesserer. + + +Obwohl jeder, der sich eingehend mit dem beschäftigt, was die uns +umgebende Natur an Tieren und Pflanzen geschaffen hat, m. E. beinahe +täglich einen neuen Grund zu größerer Bewunderung findet, so fehlt +es nicht an Leuten, die einen ganz entgegengesetzten Standpunkt +einnehmen. Fast mit einer gewissen Geringschätzung sprechen sie von +den geschaffenen Gebilden, die deutlich durchblicken läßt, sie selber +hätten die Sache viel zweckmäßiger gestaltet. Namentlich zwei Tiere +sind wegen ihrer angeblichen Unzweckmäßigkeit kritisiert worden, das +Nilpferd und die Giraffe. Da ich nirgends gelesen habe, daß diesen +tadelnden Urteilen widersprochen wäre, so sei es in nachstehendem +gestattet, den Beweis zu liefern, daß die Sache sich denn doch nicht so +einfach verhält, wie die gelehrten Herren Kritiker vermeinen. + +Ich halte es nämlich für einen der verhängnisvollsten Irrtümer, der +Natur ins Handwerk pfuschen zu wollen. + +Über das Nilpferd schreibt ein berühmter Philosophieprofessor +(~Lotze~, im Mikrokosmus, 2. Aufl. Bd. 2 S. 77): Wir bewundern +die entsetzliche Stärke des Nilpferdes, aber in der Tat ist dies mehr +eine zerstörende als eine arbeitende, und wir würden in Verlegenheit +geraten, wenn wir entsprechend große Vorteile nachweisen sollten, +die dieses schwierig verwendbare Kapital dem Tiere selbst in seinen +natürlichen Lebensverhältnissen verschaffte. + +Hierauf ist folgendes zu erwidern. Wenn der Hippopotamus nach dem +Wunsche des Herrn Professors klein und zierlich gestaltet wäre, so +existierte kein einziges Exemplar heute mehr. Ob das ausgewachsene Tier +in seiner jetzigen Gestalt unter den Raubtieren Feinde hat, darüber +streiten die Afrikareisenden. ~Brehm~ und andere verweisen die Kämpfe +zwischen Löwen und Flußpferden in das Reich der Fabel, ~Bronsart von +Schellendorf~ will selbst ein totes gesehen haben, das Wunden aufwies, +die ihm ein Leopard, also ein viel kleineres Raubtier als der Löwe, +zugefügt hatte. Für die Ansicht ~Bronsarts~ spricht der Umstand, +daß die Nilpferde hauptsächlich in der Nacht ihr heimisches Element +verlassen und weiden gehen, ferner daß die Eingeborenen versichern, es +geschehe das aus Furcht vor einem Überfalle durch Löwen und Leoparden. +Allerdings könnte man wieder einwenden, daß die beiden genannten +Raubtiere mit Vorliebe in der Nacht auf Raub ausgehen, doch scheint +ein Anschleichen bei der nächtlichen Stille schwieriger als am Tage +zu sein. Überdies soll der Löwe zu dieser Zeit sein Kommen regelmäßig +durch Brüllen anzeigen. + +Wir können die Sache hier auf sich beruhen lassen, jedenfalls kann +nicht der geringste Zweifel bestehen, daß der junge Hippopotamus ohne +den Schutz der Mutter unfehlbar ein Opfer von großen Raubtieren, auch +von wilden Hunden usw. werden würde. Aber selbst in seinem heimischen +Element, wohin er sonst flüchten könnte, wäre er seines Lebens nicht +sicher, denn ein junges Nilpferd würde allein in Kürze ein Opfer eines +Krokodils werden. Dasselbe Schicksal würde ein ausgewachsenes Nilpferd +erleiden, wenn es, wie der Kritiker wünscht, nur klein und zierlich +wäre. + +Sieht man von diesen Feinden ab, so kommt noch ein anderer Umstand +hinzu, der ein kleines Nilpferd bei seiner Nahrungssuche gefährden +würde. Bei seinen Weidegängen ebenso wie bei seinen Wanderungen +nach anderen Flüssen und Seen stößt es in seiner Heimat häufig auf +undurchdringliches Dickicht. Wäre das Nilpferd etwa von der Größe eines +Hundes, so wäre es schlimmer daran als ein Mensch, der wenigstens +mit Werkzeugen sich mühsam einen Weg bahnen kann. Gerade aber durch +die Wucht ihres kolossalen Leibes können Elefanten, Nashörner, +Kafferbüffel und ebenso auch unsere Nilpferde schnurgerade Wege oder +Tunnels durch das dichteste Gestrüpp brechen. Dadurch werden sie zu +Wohltätern für die Menschen, indem diese ihre Straßen gern benutzen. +Die Afrikareisenden, namentlich v. ~Wißmann~, heben diesen Umstand +besonders hervor. + +Ich glaube hiernach bewiesen zu haben, daß es vorläufig doch besser +ist, wir überlassen die Schöpfung der Flußpferde der Natur und nicht +unseren Gelehrten. + +Auch den Elefanten hielt derselbe Professor für zu groß, doch brauchen +wir hierauf nicht näher einzugehen, da alles, was vom Nilpferd gesagt +ist, auch für das Rüsseltier zutrifft. + +Was die Giraffe betrifft, so hat ein Kritiker (~Wolfgang Kirchbach~, +im Zeitgeist 1902, Nr. 24) folgendes an ihr auszusetzen gehabt. Er +betrachtete nämlich mit seinem Freunde die beiden Giraffen im Berliner +Zoologischen Garten und sah, wie diese Tiere Heu fraßen, ferner, daß +sie die Beine grätschen müssen, um frisches Gras vom Boden aufzunehmen. +Er folgerte hieraus, daß der Hals dieser Tiere nicht zu lang, sondern +vielmehr die Beine zu hoch geraten seien, oder daß der Rücken zu +kurz sei. Indem er die Anpassungstheorie verwirft, setzt er seinem +Freunde seine Theorie über die Giraffe auseinander, von der ich die +markantesten Stellen in nachstehendem anführe. »Sie sehen, daß jedes +Tier, Pferd, Ochse, Esel, alle vierfüßig laufenden Tiere zunächst so +organisiert sind, daß sie mit dem Maul die Erde unter sich und mit +ihren schlanken Affenhänden, Elefantenrüsseln und anderen Gliedmaßen +auch Nahrung bis zu einer gewissen Höhe über sich erlangen können. +Klettertiere wie Eichhörnchen und Affen kommen in diesem Verhältnis +am höchsten. Unter ihnen zeichnen sich die Einhufer und Zweihufer +durch Hälse aus, die so lang sind, daß sie trotz einer beträchtlichen +Höhe des Rückgrats vom Boden doch auch, ohne die stehende Stellung, +den Wandergang zu verlassen, den Boden abweiden können. Ein ganz +bestimmtes Verhältnis der Halslänge zur Höhe der Vorderbeine und +bis an die Schlüsselbeine ergibt sich daraus. So ist das Pferd zwar +langhalsig, aber sein Hals ist nicht zu lang, sondern gerade lang +genug, um den Boden zum Abweiden mit dem Maule zu erreichen; eine große +Bequemlichkeit für diese Weidetiere, daß sie nicht erst niederzuknieen +brauchen und mitten im Weiden, ohne zeitraubendes Aufspringen, auch +gleich weiterlaufen können. Nun betrachten Sie die Giraffe! Ihr Hals +ist eher etwas zu kurz geraten im Verhältnis zu ihren hohen Beinen, und +wenn wir etwas an ihr zu lang fänden, so müßten wir uns zuerst fragen: +Warum sind diese Beine so lang? Bei genauerer Betrachtung stellt +sich heraus, daß der Giraffenhals im Verhältnis zur Größe des ganzen +Tieres durchaus nur der Länge eines Pferdehalses entspricht. Soweit +er, nach unten gebogen, zu kurz scheint, ist in Erwägung zu ziehen, +daß er gerade lang genug ist, um höher gewachsenes Gras, wie es in den +Verbreitungsgebieten der Giraffe wächst, bequem zu erreichen. Wenn sie, +um ganz kurzes Gras zu erreichen, die Beine etwas breit stellen muß, so +ist das für die Erwerbung anatomischer Eigentümlichkeiten im Kampfe ums +Dasein ein schlechtes Zeugnis, denn eigentlich müßten ihre Beine dafür +allmählich durch Anpassung etwas kürzer geworden sein. Das ist ihnen +aber gar nicht eingefallen.« Weiter heißt es: + +»Wie wollen Sie also, mein Herr, behaupten, die Giraffe habe ihren +allzu langen Hals durch ›Anpassung‹ im ~Lamarck-Darwinschen~ +Sinne erhalten in Anbetracht der hohen Bäume, während ihr Hals +einfach zu kurz ist? Und sie frißt ja Gras, mein Herr, es fällt der +Giraffe gar nicht ein, nur vom Laube zu hoher Bäume zu leben; der +Kampf um Erhaltung und Nahrung weist sie gar nicht darauf an, das +Laub von Bäumen abzufressen. Womit ich Ihnen das beweise, mein Herr? +Eben mit diesen beiden schönen Berliner Giraffen vor uns. Hier in +diesem Antilopenhaus ist weder die berühmte Palme noch eine +Acacia +giraffae+ noch sonst ein Baum, den diese Giraffen abweiden, sie +leben seit Jahren von Heu, Gras und anderen Futterdingen, welche +in Ermangelung edler Giraffenbäume die Direktion des Zoologischen +Gartens in hochherziger Weise diesen afrikanischen Persönlichkeiten +zur Verfügung stellt. Daraus erkennen Sie klar, daß die Blätter +hoher Bäume, besonders der Akazie, für besagte Giraffen nur eine +gelegentliche Delikatesse sind, wie für jedes Pferd die Blätter vieler +Bäume auch. Die Giraffen haben ihre langen Beine und Hälse nicht, weil +sie genötigt sind, von hohen Bäumen zu fressen, sondern sie fressen +davon, weil sie zufällig so lange Vorderbeine und Hälse haben, genau +wie der Elefant mit seinem Rüssel sich auch aus beträchtlicher Höhe die +schönsten Früchte bricht.« + +Diese Deduktion hört sich sehr gelehrt an, basiert aber völlig auf +Irrtum. Dabei wollen wir die Berechtigung oder Nichtberechtigung der +Anpassungstheorie an dieser Stelle ganz auf sich beruhen lassen. Dem +Kritiker genügt es, daß er Giraffen Heu fressen sieht, und sofort +steht es für ihn fest, daß Baumlaub nur Leckerbissen für sie sind. +Jeder Tierbeobachter weiß, daß sich Tiere in der Gefangenschaft +an Dinge gewöhnen, deren ausschließlicher Genuß auf die Dauer +ihren Tod herbeiführt. Gefangene Gemsen fressen ebenfalls unser +gewöhnliches Gras, gehen dafür aber auch bald ein, weil ihnen die +trockenen Alpenkräuter fehlen. Ausführlich hat sich über diesen Punkt +~Girtanner~ ausgesprochen (Der Zoologische Garten, Bd. 21, S. 1) +und nachgewiesen, daß nur die unzweckmäßige Ernährung die Schuld daran +trägt, wenn gefangene Gemsen so bald eingehen. Reicht man dagegen +unserer europäischen Antilope Wildheu und namentlich Baumlaub, so kann +man sie jahrelang in vorzüglichem Zustande erhalten. Es heißt bei ihm: +»Für Gemsen in zoologischen Gärten des Tieflandes wäre heutzutage mit +nicht allzuhohen Spesen Wildheu, wie es die Gemse liebt, in großen +Quantitäten per Eisenbahn leicht zu verschaffen. Man muß dieses kurze, +feine, mit seinem starken würzigen Geruch weithin duftende Heu nur +kennen, um leicht zu begreifen, wie sehr die Gemse, weit von den Bergen +entfernt, anders danach schnuppert und sich streckt, als nach dem +schwachen geruchlosen Gewächs der Ebene. -- Nur neben dem im Winter als +Hauptsache verfütterten Heu dürfen ohne Nachteil Küchenabfälle, Kohl, +Salat, Kartoffelhäute, Rüben usw. und nur in ganz kleinen Quantitäten +gereicht werden, sind aber bei leichtesten Darmkatarrh-Erscheinungen +auf längere Zeit zu entziehen. Werden sie hingegen, wie oft zu sehen, +der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit halber und gewöhnlich erst noch +als einzige Abwechselung mit dem schädlichen, besonders jungen Gras +gebraucht, so geht die Gemse den Weg alles Fleisches, nachdem zuerst +das Fleisch in erstaunlich kurzer Zeit von der Gemse gegangen ist.« + +Kühe kann man mit Fischen füttern, wir hatten einen Hund, der Obst fraß +usw. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die Rinder Fleischfresser +und die Hunde Vegetarier sind. Daß es in zoologischen Gärten so wenige +Giraffen gibt, liegt nicht bloß an der Seltenheit der Tiere, sondern +vornehmlich daran, daß gerade die Nahrung zu wünschen übrig läßt. + +Wir haben noch ein anderes und zwar heimisches Tier, das ebenfalls +Baumzweige und Blätter frißt, ich meine das Elentier. Obwohl es bei +uns noch in Ostpreußen vorkommt, können sich gewiß nur wenige Leser +entsinnen, jemals in einem zoologischen Garten ein Exemplar dieses +Tieres gesehen zu haben. Hören wir, welchen Grund ~Brehm~, der +doch gewiß eine unbestrittene Autorität auf diesem Gebiete ist, +hierüber sagt: »Leider ertragen die nach Europa gebrachten Giraffen +die Gefangenschaft nur bei bester Pflege längere Zeit. Die meisten +gehen an einem eigentümlichen Knochenleiden zugrunde, welches man +›Giraffenkrankheit‹ genannt hat. Ursachen der letzteren dürften Mangel +an Bewegung und ungeeignete Nahrung sein. Nach den Erfahrungen, welche +ich an Elchen gemacht habe, glaube ich, daß namentlich Gerbsäure dem +Giraffenfutter zugesetzt werden muß, um ihr Wohlbefinden zu fördern; +denn gerade die Mimosenblätter sind besonders reich an diesem Stoffe.« + +Baumlaub ist also für die Giraffen kein Leckerbissen, sondern etwas +Unentbehrliches. Schillings hat bei seinen zahlreichen Beobachtungen +überhaupt niemals gesehen, daß die Giraffe freiwillig Gras frißt. (Mit +Blitzlicht und Büchse S. 231.) + +Zur Erreichung des auf dem Baume wachsenden Futters braucht die Giraffe +ihren langen Hals und hohe Beine. -- Ja, wäre es denn nun nicht besser, +die Giraffe hätte kürzere Beine oder einen längeren Rücken, damit sie, +ohne die Beine zu grätschen, bequem wie ein Pferd oder ein Rind grasen +könnte? Darauf kann man nur mit einem entschiedenen Nein antworten. + +Angenommen, die Giraffe könnte bequem grasen und Baumlaub wäre für ihre +Gesundheit nicht notwendig -- was ja leicht denkbar wäre -- so ergäben +sich folgende Konsequenzen. + +In ihrer Heimat gibt es zahllose Antilopen-, Zebra-, Straußenherden, +die alle auf Grasnahrung angewiesen sind. Grasten die Giraffen, so +würden sie natürlich den Tieren, die Baumlaub nicht erreichen können, +vielfach die unentbehrliche Nahrung fortfressen. + +Ferner sei folgendes bemerkt: Die Giraffe ist eines der größten Tiere +und wird von ihren Feinden, namentlich von Menschen und Löwen, schon +aus weitester Ferne gesehen. Besonders würde das der Fall sein, wenn +sie auf freier Ebene graste. Die Bäume dagegen gewähren ihr einen +Schutz, der nicht hoch genug anzuschlagen ist. + +Wir wollen über diesen Punkt ~v. Wißmanns~ Ansicht hören. In +seinen afrikanischen Jagderlebnissen heißt es: Diesmal traf ich das +wundervolle Wild in einem lichten Hochwald, der aus Bäumen bestand, die +ich noch nicht gesehen hatte -- ganz helle, ebenfalls fleckige Stämme, +die der Giraffe durch gleiche Färbung denselben Schutz gewähren wie +Mimosenwälder. + +Ferner kommt folgendes in Betracht. + +In die weiten wasserarmen Wildnisse, welche die Giraffe bevorzugt, +kommen Europäer äußerst selten, und diese Gelände sind nicht offene, +weit übersichtliche Steppen, sondern lichte, weite, meist aus Akazien +bestehende Wälder, die der Giraffe Äsung bieten und die sie dem Auge +verbergen. Es gehört schon Übung dazu, sie zwischen den gefleckten +Akazienstämmen und anderen, meist hell gefärbten Bäumen herauszufinden, +wenn sie sich nicht bewegt. + +Schließlich noch eins. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« +habe ich ausführlich dargetan, daß alle Geschöpfe mit guten Augen +-- wie auch der Mensch -- nicht wittern können, also z. B. Affen, +Vögel, daß umgekehrt alle feinnasigen Tiere wie Hunde, Hirsche usw. +schlecht sehen können. Die Giraffe gehört zu der ersten Klasse; wie +schon ihr wundervolles Auge anzeigt, kann sie ausgezeichnet sehen, +vermag aber nicht zu wittern.[1] Das kann man z. B. daraus deutlich +erkennen, daß sie Damen die künstlichen Blumen vom Hute genommen hat, +was kein feinnasiges Tier jemals tun würde. Jetzt, wo es nach dem +Wunsche der Natur geht, holt sie ihr Futter von hohen Bäumen und hat +während des Fressens von ihrer turmartigen Höhe einen unendlich weiten +Gesichtskreis. Ginge es nach dem Herrn Kritiker, so weidete sie, hätte +ihren Kopf zur Erde geneigt und könnte naturgemäß unendlich leichter +beschlichen werden. + +Auch hier wollen wir uns auf ~v. Wißmann~ berufen. Er sagt darüber +folgendes: Schwierig ist die Jagd auf dieses Wild, denn die enorme +Höhe des Lichtes über dem Boden erlaubt ihm nicht nur einen weiten +Umblick, sondern auch Einblick in niedrige Dickungen, die sein Feind +zum Anschleichen benutzt. -- Das Auge ist nicht allein der schönste +Schmuck der Giraffe, sondern auch ihr schärfster Sinn, ihre beste Waffe +im Kampfe ums Dasein. + +Also vorläufig wollen wir Nilpferde und Giraffen lieber so lassen, wie +sie geschaffen sind, und sie nicht nach den Wünschen mehr oder weniger +gelehrter Kritiker ummodeln. + + + + + Schämen sich manche Tiere? + + +Die meisten Menschen werden die Frage, ob Tiere sich schämen können, +entschieden bejahen. Sie werden darauf hinweisen, daß bei Jägern, die +doch in gewissem Sinne die besten Hundekenner sind, die wenigstens am +meisten Gelegenheit haben, die Seele dieses anhänglichen Vierfüßlers zu +beobachten, Redensarten wie: »Pfui, Hekter, schämst du dich gar nicht!« +etwas ganz Alltägliches sind. Auch ~Darwin~ und ~Perty~ nehmen an, daß +hochentwickelte Tiere Scham besitzen. Trotzdem will es mir scheinen, +daß diese Annahme auf sehr schwachen Füßen steht, und ich möchte in +nachstehendem meine Ansicht näher begründen. + +Zunächst ist es einleuchtend, daß man Scham nicht mit Schuldbewußtsein +verwechseln darf. Daß das letztgenannte hochentwickelte Tiere besitzen, +davon bin ich überzeugt, und ich werde dafür später einige Beispiele +anführen. Ein Verbrecher kann sehr wohl wissen, daß er Unrecht begeht, +braucht sich deswegen aber noch lange nicht zu schämen. Ebenso ist +Ärger und Scham zweierlei; es ist ärgerlich, wenn man als armer Teufel +geboren ist, aber man braucht sich dessen nicht zu schämen. Wenn man +es trotzdem tut, so liegt falsche Scham vor, denn Voraussetzung einer +jeden wahren Scham ist immer der Gedanke, daß man es anders oder +besser hätte machen oder unterlassen können. In meinem Buche: »Ist das +Tier unvernünftig?« habe ich darauf hingewiesen, daß wir den Tieren +kein Gefühl unterschieben sollen, das wir nicht bei Naturvölkern +und Kindern antreffen. Nun ist es sicherlich bei den Naturvölkern +recht zweifelhaft, ob der Begriff der Scham in unserem Sinne bei +ihnen vorhanden ist. Kinder lernen jedenfalls das wirkliche Schämen +verhältnismäßig spät, weil es etwas künstlich Anerzogenes ist. + +Wenn mein Hund gegen das Verbot auf dem Sofa gelegen oder genascht hat, +und ich rufe ihm zu: »Aber pfui, was hast du getan?« so gewährt er das +bekannte Bild, daß er sich furchtsam niederkauert und, mit dem Schwanze +wedelnd, mich bittend ansieht. Ist das nun Scham, oder ist es Angst vor +Schlägen? Das letzte ist zunächst das Wahrscheinliche. + +Ähnliche Fälle sind folgende. Hunde, z. B. Pudel, denen der hintere +Teil des Körpers geschoren ist, pflegen diese Partie gern zu +verstecken. Es heißt dann allgemein: Seht, wie der Hund sich schämt! +In Wirklichkeit dürfte der Hund frieren und sich vor Kälte zu schützen +suchen. + +Bekannt ist es ferner, daß Hirsche, die ihr Geweih abgeworfen haben, +sich selten sehen lassen, sich vielmehr im dichtesten Gestrüpp +aufhalten. Viele nehmen auch hier an, der König der Wälder schäme sich, +sich ohne seine Krone in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viel näher und +begründeter ist die Ansicht, daß das Tier sich infolge seiner geringen +Wehrhaftigkeit nicht so sicher fühlt wie sonst und deshalb Verstecke +bevorzugt. + +Für die Annahme, daß Tiere sich schämen, werden mit Vorliebe gewisse +Handlungsweisen der großen Raubtierarten, insbesondere der Löwen +angeführt. Es ist in unzähligen Fällen beobachtet worden, daß speziell +die Katzenarten nach einem Fehlsprunge das beschlichene Wild nicht +weiter verfolgen. Auch hier war man mit dem Urteile schnell bei der +Hand. Der König der Tiere schämt sich, daß er den Sprung nicht richtig +bemessen hat. Auch in diesem Falle liegt ein großer Irrtum vor, wie +sich aus dem folgenden ergeben wird. Ich habe in meinem Buche eingehend +dargetan, daß man zwischen Lauf- und Schleichraubtieren unterscheiden +muß. Zu den erstgenannten gehören die Hundearten, zu den zweitgenannten +die Katzen. Die Schleichraubtiere sind fast alle Kletterer, aber keine +ausdauernden Läufer. Umgekehrt sind die Laufraubtiere vorzügliche +Läufer, aber keine Kletterer. Der Löwe gehört zu den Katzen, und als +solcher kann er einen schnellfüßigen Pflanzenfresser durch ausdauerndes +Laufen nicht einholen. Es wären wohl alle Antilopenarten ausgerottet, +wenn sie von den großen Katzen nicht nur beschlichen werden könnten, +sondern -- falls sie sich vor einer Überlistung durch ihre Vorsicht +bewahrt hatten -- nicht einmal fähig wären, sich durch die Flucht +zu retten. Daß der Löwe bei einem Fehlsprunge nur deshalb nicht +an Verfolgung denkt, weil er nicht so schnellfüßig ist, wie das +beschlichene Tier, ersieht man daraus, daß er unter Umständen nochmals +springt. Es kommt nämlich manchmal vor, daß das verfolgte Tier einen +Weg einschlagen muß, der eine Krümmung aufweist, z. B. weil er durch +eine gewundene Schlucht führt. Dann schneidet der Löwe die Krümmung ab +und versucht den Sprung nochmals. Denn durch den kürzeren Weg besteht +naturgemäß für ihn die Möglichkeit, ein Geschöpf einzuholen, obwohl es +ihm an Schnelligkeit überlegen ist. + +Der ausgezeichnete Tierbeobachter ~Loewis~ erzählt von seinem +zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem +Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes: + +»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. +Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, +das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit +einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein +Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. +Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke +gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem +Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen +Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei +der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, +und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen +mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf +welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder +Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn +alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind +untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten +Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen +Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in +jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch +die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden +an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier +konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.« + +Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch +ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend +gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei +nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst +unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im +allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut +ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein +Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre +folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine +Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das +laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen +heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung -- allerdings +daneben -- und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch +nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut, +so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man, +daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie ~Loewis~ +berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf +dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll, +wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube +ich nimmermehr. + +Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend. +Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans +oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr +bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß +zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich +nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie +Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt. + +Ich möchte nur daran erinnern, daß auch Menschen in neuen, ihnen +ungewohnten Verhältnissen in ähnlicher Weise handeln. So las ich von +einem deutschen Jäger folgendes Erlebnis aus Südrußland. Er war mit +seinem Hunde, den er an der Leine führte, auf die Jagd gegangen. +Unerwartet kamen ihm plötzlich Trappen zu Schuß, die sonst wegen +ihrer Scheuheit schwer zu beschleichen sind. Er legte auf einen Hahn +an, fehlte ihn jedoch. Ärgerlich über sein Mißgeschick erzählte er +später seinem Wirt sein Erlebnis. Dieser fragte ihn, warum er denn +nicht seinen Hund auf die Trappen losgelassen hätte? Der Deutsche +sah ihn ganz erstaunt an, denn Trappen können bekanntlich, wenn sie +auch vorher einen Anlauf nehmen müssen, ganz gut fliegen. Sein Wirt +setzte ihm auseinander, daß bei der herrschenden Witterung -- es war +gerade Rauhreif gefallen -- Trappen nicht fliegen können und von einem +schnellen Hunde leicht eingeholt werden. + +Hier hat also der deutsche Jäger genau so wie der Luchs gehandelt. +Beide waren ärgerlich und verstimmt über ihr Mißgeschick und beide +dachten nicht daran, daß sie nachträglich noch zu einer Beute gelangen +konnten, denn in den bisherigen, ihnen bekannten Verhältnissen war eine +solche Möglichkeit ausgeschlossen. + +Wenn ich somit bezweifle, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so +gehen m. E. diejenigen zu weit, die ihnen das Ehrgefühl und namentlich +das Schuldbewußtsein absprechen. Ich bin vielmehr davon durchdrungen, +daß manche hochorganisierten Tiere solches besitzen. Da gewöhnlich das +Vorhandensein eines Schuldbewußtseins bei Tieren bestritten wird, so +möchte ich hierfür einige Beispiele anführen. + +Der Hund einer meiner Tanten z. B. ist durchaus kein besonders kluges +Tier, aber ein Schuldbewußtsein kann man ziemlich häufig bei ihm +feststellen. So soll er sich nicht auf den besten Teppich legen, was +er mit Vorliebe tut, da er am dichtesten und wärmsten ist. Gewöhnlich +klimpert er mit seiner Hundemarke und einem Schlüssel, die beide an +seinem Halsbande hängen, so laut wie ein Schäfchen mit einem Glöckchen, +schleicht er sich aber zu dem gedachten Teppich, so weiß er so zu +gehen, daß er nicht das geringste Geräusch erregt. + +Noch drastischer sind folgende Fälle. ~Milne Edwards~ erzählt, +daß ein Haushund, der sehr blutdürstig war und Schafe erwürgte, alle +Nächte an die Kette gelegt wurde. Er vermochte aber sein Halsband über +den Kopf abzustreifen, worauf er aufs Feld lief, ein Schaf erwürgte, +dann aber regelmäßig nach einem Bache lief, um den blutigen Rachen +abzuwaschen. Hierauf eilte er vor Tagesanbruch auf den Hof zurück, wo +er mühsam den Kopf durch das Halsband zwängte und dann sich schlafen +legte, damit man nicht in ihm den Verbrecher entdeckte. -- Ein Hund in +Berlin hatte besondere Neigung, im nahen Garten sein Wesen zu treiben, +obwohl ihm verboten war, dorthin zu gehen. Er ging oft frühmorgens auf +einem Umwege durch den Keller dahin; wurde er gerufen, so kam er nicht +durch die Gartentüre herbei, sondern schlich durch den Keller nach +seiner Hütte und aus derselben ganz langsam hervor, als wenn er eben +erst vom Lager aufgestanden wäre. + +Selbst Ziegen haben ein sehr feines Gefühl für Recht und Unrecht. +~Brehm~ erzählt von den Ziegen seiner Mutter folgendes: Meine +Mutter hält Ziegen und achtet sie hoch, ist deshalb auch um ihre +Abwartung sehr besorgt. Sie kann sofort erfahren, ob ihre Pfleglinge +sich befriedigt fühlen oder nicht; denn sie braucht nur zum Fenster +heraus zu fragen, so erhält sie die richtige Antwort. Vernehmen +die Ziegen die Stimme ihrer Gebieterin und fühlen sie irgendwie +sich vernachlässigt, so schreien sie laut auf, im entgegengesetzten +Falle schweigen sie still. Genau so benehmen sie sich, falls sie +unrechtmäßigerweise gezüchtigt werden. Wenn sie einmal in den Garten +geraten und dort mit ein paar Peitschenhieben von den Blumenbeeten oder +Obstbäumen weggetrieben werden, vernimmt man keinen Laut von ihnen; +wenn aber die Magd im Stalle ihnen einen Schlag gibt, schreien sie +jämmerlich. + +Am überzeugendsten aber dürfte der Fall sein, den ~Schomburgk~ +mitteilt und den ~Brehm~ wiedergibt: In der tierkundlichen +Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit +zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfige gehalten. Eines Tages +griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung +seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen +Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für +die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das +Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern +auch eine Schlagader schwer verletzte und dem Manne ein längeres +Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war, +verurteilte ich den Schuldigen zum Tode, und früh am folgenden Morgen +nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich +muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht +werden, um Katzen, Ratten usw. zu vertilgen; die Affen haben sich daran +so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns +derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfige +sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig +auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter +Eile in den Schlafkäfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und +Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter +wurde gebracht: er sah, was er früher nie getan hatte, ruhig zu, daß +die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte, +und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfige +zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte, +kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem +Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort +zu verzehren. Nachdem er zum zweitenmal herausgekommen war, um sich +ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Tür seines Zufluchtsortes +rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den +Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß +er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Tür +des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang, +stürmte er durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu +entwischen, und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend, +am ganzen Leibe zitternd, auf den Boden nieder und ergab sich in das +Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten +keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach. + +Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes +Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden. + +Muß man somit bezweifeln, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so +kann man ihnen doch nicht gut das Schuldbewußtsein absprechen. + + + + + Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen. + + +Von jeher hat es der Mensch geliebt, das an sich seltsame Verhalten +mancher Tiere dadurch zu erklären, daß er ihnen edelmütige oder +ähnliche sympathische Beweggründe unterlegte. Beispiele hierfür können +wir schon bei den Alten ausfindig machen. + +So erzählt uns ~Plutarch~, Herkules habe immer eine große Freude +gehabt, wenn er bei seinen Unternehmungen einen Geier gesehen, weil er +die Gerechtigkeit dieses Vogels bewunderte, indem derselbe, obgleich +von Fleisch lebend, doch kein lebendiges Tier anfällt. + +Teilen wir heute etwa noch die Ansicht des alten Helden und halten den +Geier für einen gerechten Vogel? Gewiß nicht! Wir sind der Meinung, daß +der Geier wie die Hyäne deshalb Aas fressen, weil es für sie bequemer +ist. Ferner sind sie beide nicht gewandt und schnell genug, um sich nur +von lebenden Tieren zu ernähren. Nicht die Gerechtigkeit, sondern das ++Non possumus+ ist also der wahre Grund. + +Ähnlich schreibt ~Älian~: Der Adler wird oft von Raben gefoppt, +verachtet sie aber, fliegt hoch durch die Lüfte und überläßt ihnen die +Tiefe; das tut er nicht aus Furcht, sondern aus eigentümlichem Edelmut. + +Auch hier müssen wir zu dieser Erklärung ein großes Fragezeichen +machen. Der wahre Grund ist vielmehr der, wie schon ~Lenz~ mit +Recht betont, daß die von Raben, Schwalben, Bachstelzen geneckten +Raubvögel nicht aus Edelmut forteilen, sondern weil sie wissen, daß da +keine Beute zu hoffen ist, wo der schreiende Schwarm die übrigen Tiere +warnt. + +Es ist auch nicht Kühnheit der Schwalbe, wie man annimmt, wenn sie mit +Hohngeschrei die meisten Raubvögel umschwirrt, sondern das Gefühl der +Sicherheit, schneller als der verspottete Räuber fliegen zu können. Das +sieht man recht deutlich daran, daß sie ein Angstgeschrei erhebt und +Reißaus nimmt -- zum Beispiel sich in das Schilf stürzt --, sobald der +Baumfalk sich blicken läßt, weil dieser eben schneller als die Schwalbe +fliegt. + +Edelmut nimmt man auch bei den Edelfalken an, um zu erklären, weshalb +sich diese eine geschlagene Beute von so elenden Schmarotzern wie +den Milanen abnehmen lassen. Eine Glucke verteidigt sich gegen den +Gabelweih -- sagt ~Naumann~ -- aber der Wanderfalk gibt ihm die +Beute heraus. + +Sollte auch hier wieder der Edelmut nicht nur in unserer Phantasie +existieren? Dürfte sich die Sache nicht etwas anders verhalten? Daß der +Wanderfalk keine Beute vom Erdboden nimmt, wissen wir, aber wir nehmen +mit Recht an, daß er nicht aus Edelmut ein sitzendes Tier verschont, +sondern wir vermuten ganz richtig, daß er wegen seiner rasenden +Schnelligkeit Gefahr liefe, zu zerschellen. Deshalb raubt er nur +fliegende Vögel. Ist doch vor ein paar Jahren selbst in Berlin einem +Habicht, der doch nicht so schnell fliegt, folgendes passiert: Bei der +Verfolgung einer wilden Ente stieß er so heftig auf die Herkulesbrücke, +daß ihn ein Passant mit leichter Mühe fangen konnte. + +Bedenkt man nun, daß alle schnellfliegenden Vögel auf dem Boden +regelmäßig sehr unbeholfen sind -- der Mauersegler, dieser +unübertreffliche Flieger, kann wegen seiner langen Flügel vom Erdboden +sich kaum erheben --, daß aus diesem Grunde als Sitz stets ein Baum +oder ein Ort, der das Abfliegen erleichtert, bevorzugt wird, so wird +die Nachgiebigkeit des Wanderfalken wahrscheinlich ihren Grund darin +haben, daß er auf der Erde als einem ihm fremden Element große Mühe +hätte, die Gabelweihe abzuwehren. Deshalb kalkuliert er mit Recht: Bei +meiner Gewandtheit im Erbeuten ist es praktischer für mich, mir ein +neues Opfer zu holen, als es auf einen ungewissen Streit ankommen zu +lassen. + +Nach diesen Beispielen möchte ich auf das eigentliche Thema zu sprechen +kommen und auseinandersetzen, daß ich zwar ohne weiteres zugebe, daß +die Raubtiere vor dem Menschen Respekt haben, aber nicht recht daran +glaube, daß der Grund darin liege, weil die Tiere in dem Menschen ein +höheres Wesen erkennen. + +Schon die Alten haben ähnliche Gedanken geäußert. So schreibt +~Plinius~ folgendes: Bemerkt der Elefant den Fußtritt eines +Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert, +blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht, +sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem +nächsten usw., worauf die Herde sich schwenkt und in Schlachtordnung +aufmarschiert. So soll auch die grimmige Tigerin, die keinem Tiere +weicht und selbst die Spuren des Elefanten verachtet, ihre Jungen in +Sicherheit bringen, sobald sie die Spur eines Menschen erblickt. Wie +erkennen sie die Spuren des Menschen? Wo haben sie ihn je gesehen, +da jene Wildnisse von ihm so selten betreten werden? Woher wissen +Elefanten und Tiger, daß der Mensch zu fürchten ist? Sie sind ihm doch +so weit an Kraft, Größe und Schnelligkeit überlegen! Das ist die große +Macht des Naturtriebes, daß die größten und wildesten Tiere gleich +wissen, was sie fürchten müssen, wenn sie es auch nie zuvor gesehen +haben. + +Ähnlich äußert sich ~Brehm~: Selbst Löwe, Tiger und Jaguar +fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; +nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er +ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob +sie dann das Menschenfleisch dem aller übrigen Säugetiere entschieden +vorzögen. + +Speziell vom Löwen schreibt er: Den Menschen greift der Löwe äußerst +selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht +einzuflößen. Im Sudan wenigstens, wo er in manchen Gegenden häufig +auftritt, sind so gut wie keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem +Löwen gefressen worden wäre. + +Die Araber jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen +ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf +verscheuchen könne, falls er Mut genug habe, auf ihn loszugehen. Wer +dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. Zweimal, so sagen sie, +weiche jeder Löwe dem Manne aus, weil er weiß, daß dieser das Ebenbild +Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Tier, +in Demut anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch gegen die Gebote des +Erhaltenden, welche bestimmen, daß niemand sein Leben tollkühn wage, +und geht er dem Löwen zum drittenmal entgegen, so muß er sein Leben +lassen. + +Die Araber sind auch der Meinung, daß der Löwe bei seinen Raubzügen +deshalb vorher brülle, um die Tiere zu warnen. ~Brehm~ meint +mit Recht, der wahre Grund dürfte der sein, daß er dadurch das Wild +aufscheuchen, insbesondere das Vieh der Nomaden zum Ausbrechen aus der +Hürde veranlassen will. Die Begründung der Wüstensöhne hinsichtlich des +Respekts scheint daher ebenfalls mehr poetisch als zutreffend zu sein. + +Hiervon abgesehen, wird aber die Tatsache, daß der Löwe häufig vor dem +Menschen zurückweicht, doch von zahlreichen glaubwürdigen Beobachtern +bestätigt. + +~Brehm~ hält den aufrechten Gang des Menschen für den ausschlaggebenden +Grund. Aber dieser kann schwerlich deshalb als furchterweckend in +Betracht kommen, weil es ja vierfüßige Tiere gibt, die viel größer als +der Mensch sind und trotzdem von Raubtieren angegriffen werden, wie zum +Beispiel manche Büffelarten. Tiger sind auf den Rücken von Elefanten +gesprungen und haben von dort Menschen heruntergeholt. Das große Kamel +ebenso wie die fast achtzehn Fuß hohe Giraffe bildet eine bevorzugte +Beute des Löwen. Gerade das letztgenannte Tier zeigt deutlich die +irrige Anschauung, daß die Größe imponierend wirkt, denn der Kopf der +Giraffe befindet sich etwa zwölf Fuß höher als der eines Menschen. + +Nur das soll zugegeben werden, daß ein vierfüßiges Tier bequemer am +Halse gepackt werden kann, als der aufrechtstehende Mensch. Trotzdem +aber überfällt der Leopard den Strauß, der viel größer als der Mensch +und ebenfalls nur zweifüßig ist. + +Im übrigen richten sich zahlreiche Tiere beim Angriff oder der +Verteidigung auf und gewähren dann einen weit überwältigenderen Anblick +als der Mensch, so Hengste, Gorillas usw. Daß sich hierdurch die großen +Raubtiere von einer Attacke jemals haben abhalten lassen, ist wohl noch +nicht behauptet worden. + +Dagegen steht fest, daß die sogenannten Menschenfresser fast +ausnahmslos Raubtiere mit schlechten Zähnen sind, nicht mehr imstande, +ihre sonstige Nahrung, nämlich das flüchtige Wild, Wildschweine und +Affen, zu erbeuten. Not kennt kein Gebot; ein Raubtier, das nur die +Wahl hat, zu verhungern oder Menschen anzufallen, wird unzweifelhaft +das letztere tun. + +Warum tut es das nun nicht auch in der Blüte seiner Jahre? Ich meine, +die unglückselige Vorstellung von der »Tapferkeit« der Raubtiere ist +schuld daran, daß wir uns darüber wundern. Man vergleiche das in den +»Tierfabeln« auf S. 25 Gesagte. Hier heißt es: Selbst die größten +Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, +und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt +haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem +etwaigen Kampfe hervorgehen. + +Kann man ein solches Verhalten Tapferkeit nennen? Gewiß nicht! +Außerdem muß man folgendes berücksichtigen. Bei jedem Angriff auf ein +vierfüßiges Geschöpf weiß das Raubtier im voraus ganz genau, welche +Waffen ihn bedrohen können: Das Pferd kann hinten ausschlagen, der +Büffel mit den Hörnern stoßen, der Eber mit seinen Gewehren schlagen, +der Pavian gefährlich beißen usw. Nur beim Menschen weiß es nicht +genau, was kommen kann. Er kann es von fern mit Bogen und Lanze +verwunden, mit Felsstücken werfen, in der Nähe mit Schwert oder Dolch +verletzen -- wobei wir von den furchtbaren Wirkungen des Feuergewehres +ganz absehen wollen. Selbst der Ureinwohner auf niedrigster Kulturstufe +vermag durch vergiftete Pfeile das größte Raubtier zu töten. + +Was also bei keinem Tiere vorkommt, das kann sich beim Menschen +ereignen; das Raubtier weiß niemals genau, woran es ist. + +Natürlich wird eine vom Hunger geplagte Bestie nicht lange Reflexionen +darüber anstellen, ob der Angriff auf den Menschen gelingt oder nicht. +Je häufiger sie ihn besiegt, desto frecher wird ihr Gebaren werden. +Aber wenn ein großes Raubtier gesättigt oder wenigstens nicht hungrig +ist, so ist folgende Reflexion nicht unwahrscheinlich: Wenn ich wüßte, +ich erbeute den Menschen, ohne erheblich verletzt zu werden, so würde +ich mich auf ihn stürzen -- aber man kann ja dem Frieden nicht trauen. +Anschleichen kann ich mich nicht, wie es meine liebste Methode ist, +denn der Kerl hat mich schon gesehen. Ob er gefährliche Waffen bei sich +trägt? Er glotzt mich so unverschämt an -- nun, die Sache ist mir doch +zu riskant, ich werde mich empfehlen. -- Umgekehrt wird ein fliehender +Mensch gewöhnlich deswegen verloren sein, weil er durch seine Flucht +offenbart, er fühle sich dem Feinde nicht gewachsen. + +Ein unbewaffneter Mensch, der einen Löwen mit Gemütsruhe anstarrt, ist +wie ein Kartenspieler, der sich den Anschein gibt, als habe er viele +Trümpfe, die er in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Einem solchen +Spieler gelingt es ja häufig, die anderen zu täuschen. + +Zum Beweise dafür, daß hauptsächlich die Unberechenbarkeit des Menschen +den Respekt hervorruft, will ich mich auf folgende Tatsachen berufen. +In nördlichen Ländern scheinen giftige Waffen wenig gebraucht zu +werden, so daß hier der Mensch erst durch Feuerwaffen gefährlichen +Tieren, wie Eisbären, Walrossen, Grislybären usw., energisch auf den +Leib rücken konnte. Die alten Schilderungen von der Furchtbarkeit +dieser Geschöpfe scheinen gar nicht so übertrieben zu sein. + +Ausdrücklich bestätigt das ~Haacke~, indem er schreibt: Übrigens +soll der Graubär von heute, mit den Wirkungen der Büchse bekannter als +der Graubär früherer Zeiten, viel vorsichtiger und furchtsamer sein als +dieser. + +Wie lieb im übrigen den Raubtieren ihr eigenes Leben ist, dafür seien +nur zwei Beispiele angeführt. ~v. Wißmann~ schildert einen bereits +früher erwähnten Angriff, den ein Kapbüffel auf einen ausgewachsenen +Löwen macht. Der »König der Tiere« läßt wirklich seinen Fraß -- eine +getötete Antilope -- im Stich und nimmt Reißaus. Sodann möchte ich +darauf aufmerksam machen, daß nach ~Livingstone~ angebundene +Pferde oder Ochsen nur ausnahmsweise von Löwen angegriffen werden, weil +diese eine -- Falle vermuten. Das gleiche berichtet ~Brehm~ von +Tigern. Man sieht also ganz deutlich, daß auch vierfüßige Tiere, und +zwar selbst solche, die sonst gern gefressen werden, unter Umständen +Respekt einflößen, daß also der aufrechte Gang des Menschen nicht der +wahre Grund sein kann. + +Die Tatsache, daß große Raubtiere vielfach den Menschen unbehelligt +lassen, erklärt sich also wohl daraus, daß sie nicht hungrig sind und +die Unberechenbarkeit seiner Verteidigung scheuen. Ihr Leben ist ihnen +zu lieb, um sich auf ein riskantes Unternehmen einzulassen. + + + + + Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden? + + +Es gibt gewisse Behauptungen, die gläubig nachgebetet werden, weil man +sie für allgemein gültige Wahrheiten hält. Zu ihnen gehört auch diese: +Nur aus Herdentieren können Haustiere gemacht werden. Ich teile diese +Meinung in keiner Weise und möchte in nachstehendem meine abweichende +Ansicht näher begründen. + +Eingehend hat sich mit der hier erörterten Frage ein so ausgezeichneter +Tierkenner wie ~Perty~ beschäftigt. Er schreibt darüber folgendes: + +»Die Domestikation der Tiere kommt nicht allein durch die Macht des +Menschen zustande, wie man früher und auch noch ~Buffon~ geglaubt +hat, und namentlich ~Friedrich Cuvier~ hat erkannt, daß hierzu +Geselligkeit der Tiere kommen müsse, nur gesellig lebende Tiere kann +der Mensch domestizieren. Der Geselligkeitstrieb, den auch der Mensch +in ausgezeichnetem Grade besitzt, und der auch seinen wildesten +Stämmen nicht fehlt, hängt nicht von der Intelligenz ab, sondern kommt +bei dummen und sehr gescheiten Tieren vor. Auch führt ihn nicht die +Gewohnheit des Zusammenlebens der Familienmitglieder herbei; der Bär +lebt einsam, obwohl er seine Jungen so lange und zärtlich pflegt wie +der Hund. Die Aïnos, das sonderbare Volk von Yesso und den Kurilen, +fast so behaart als der Bär selbst, haben, weil er kein geselliges Tier +ist, vergeblich versucht, ihn zum Haustier zu erziehen und zum Reiten +zu benützen, haben vergeblich junge Bären von ihren Weibern säugen +lassen; es gelang nicht, und sie müssen ihn fortwährend an der Kette +halten, wie ~Witson~ berichtet. ~Fr. Cuvier~ unterschied drei +Zustände: erstens den der einsam lebenden Tiere: Katzen, Marder, Bären, +Hyänen; dann den Zustand der in Familien lebenden Tiere: Wölfe, Rehe +usw.; endlich die wahren Gesellschaften, wie sie bei Bibern, Affen, +Hunden, Robben, Pferden, Elefanten, Wiederkäuern und beim Menschen +selbst vorkommen; nur aus der letzten Kategorie hat der Mensch seine +wahren Haustiere erhalten. Der Mensch, meint ~Cuvier~, gelte +den Haustieren für ein Mitglied ihrer Gesellschaft, und seine ganze +Kunst bestehe darin, sich als Gesellschaftsmitglied einzureihen. Ist +er einmal ein solches geworden, so kann er dann leicht das Tier durch +seine höhere Intelligenz beherrschen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil +es in ihm das Oberhaupt der Herde sieht. ~Buffon~ hatte behauptet, +der Mensch verändere bei der Zähmung das Naturell der Haustiere, was +~Cuvier~ bestritt, nach welchem der Mensch nur den natürlichen +Trieb benützt; er fand nämlich gesellige Tiere vor und knüpfte diese +an seine Familie. Demnach wäre die Domestikation nur eine Abänderung, +eine andere Form der Geselligkeit und eine bestimmte Folge des Triebes +zu letzterer. Die katzenartigen Tiere können deshalb nicht vollkommen +domestiziert, eigentlich familiarisiert werden, weil sie nicht gesellig +lebende Tiere sind. Die Fügsamkeit der Haustiere beruht nach ~F. +Cuviers~ und ~Dureau de la Malles~ Nachweisung auf der langen +Reihe von Generationen, seit welchen ihre Domestikation währt. Noch zur +Zeit des ~Plinius~ waren Pferde, Rindvieh, Geflügel halb wild.« -- + +Nur nebenbei sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung ~Pertys~ +etwas kühn erscheint. Kein Mensch kann aus den Schilderungen Homers +den Eindruck erhalten, daß die Rosse der Griechen und Trojaner halb +wild waren, und doch kämpften beide Völker ein Jahrtausend vor +~Plinius~. Die Erörterung anderer Irrtümer in nebensächlichen +Dingen -- z. B. daß Hyänen einzeln leben -- würde zu weit führen, da +uns hier nur das Prinzip interessiert. + +Die Katze soll kein wahres Haustier sein. Diese Behauptung ist wohl nur +deshalb aufgestellt, weil fast alle Katzenarten allein leben, und die +ganze Theorie mit der alleinigen Domestikation der Herdentiere über den +Haufen stürzen würde, wenn man zugäbe, daß Hinz zu unsern Haustieren +gehöre. Ich habe ein andermal ausführlich dargetan, weshalb die +Katze uns ferner steht als der Hund. Hier seien kurz die Hauptgründe +angegeben. + +Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen +Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf +totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen, +weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen. +Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge +seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen, +wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir +selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist +ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich +zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf. +Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann +und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der +Mensch noch die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen, +so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir +uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir +die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit +der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem +Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit +abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was +~Loewis~ von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht +man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte +Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam +zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt +hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich +anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er +hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung +und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in +die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem +unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden +kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein +gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der +Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom +Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen +Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen +hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken +Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe +nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns +sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein +Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager, +und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend, +beunruhigende Träume und Alpdrücken.« + +Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita) +allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation, +die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist +aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu +einem trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum +nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen +geachteten Jagdgehilfen. + +~Brehm~ hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt +über dieses interessante Tier: »~Daß die Zähmung nicht schwierig +sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft +gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß +es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie +unsern Jagdleoparden und bezweifle~, daß irgend eine Wildkatze so +zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres +Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten +Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie +daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und +man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und +liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und +das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter +spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß +ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in +den Straßen zu lustwandeln.« + +Auch ~Ernst Friedel~ erzählt, daß in Potsdam im Parke eines +königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und +keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie +für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen +ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den +Geparden völlig zum Haustier machen könnte. + +Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das +Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche +gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher +wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen. +Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als +zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird +die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe +meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren Affen wird +allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier +gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht +gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig +die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden +haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im +Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König ~Ramses der +Große~ kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde +niederreißen half. Der römische Kaiser ~Heliogabal~ spannte Löwen +und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin ~Cybele~ +und mit dem Gotte ~Bacchus~ verglich. + +In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor ~Havemann~ +eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle +bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel, +Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der +einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet +worden ist. + +Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in +Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für +leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die +Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit +zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel. +Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso +stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte. +Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden +leben. + +Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen +sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente +sind vielmehr folgende: + +1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein +Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten +kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene +Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere +ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen +getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen. + +2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß +manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung +haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde, +Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell, +wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche +mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw. +Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm +die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker +auf diesem Gebiete Hervorragendes. + +3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir +hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr +Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh +anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch +nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd +ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken +gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler +abgerichtet werden. + +Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können, +haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier. +Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland +einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen +wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so +würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie +Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines +dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den +südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet, +teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils +aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, ~die +sogenannten zahmen Hausschweine~, zu verteidigen. Wie ich von den +Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von +ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes, +überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde +kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten +ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge einen Eber vom Walde +nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines +Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben +mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt +und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete. +Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine +Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind +-- und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung +muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden. + + + + + Die angebliche Nervosität der Tiere. + + +Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich +bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung +nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten +anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten +geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters +beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach +verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es +dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös +werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht: +Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner +zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen, +damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen +von Zebras hat der Hon. ~Walter Rothschild~, der bereits in +den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist. +Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er +erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte +ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen +Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras +im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras +zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht +taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von +allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie +nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich +anfassen. Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar +gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg! +Auch der Afrikareisende Oberst ~Fred Baillie~ schließt sich +dieser Meinung ~Rothschilds~ an. Da er schon seit längerem davon +überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb +er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika. +Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet, +deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist. +Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut +dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig +gehen. ~Baillie~ glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier +eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt +jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten +zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren +Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch +ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach +geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. -- Baron +~Rothschild~ ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras, +aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind? + +Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da +wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere, +im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene +Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste, +kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn +unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das +Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das +Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals +von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den +Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des +Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß +wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich +gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt +erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden +das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in +seine frühere Lage als freies Tier hineinversetzen. Auch in der +Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig. +Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern +leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres +verspeisen zu lassen; was tun sie also? -- entweder fliehen sie oder +sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte +(vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn, +Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende +wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende +habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im +allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht +bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht +der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt +Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw. +Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere, +die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse +Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere, +wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw. +Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch +einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen +Pflanzenfresser beschleichen kann. + +Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und +eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird +der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich +rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen +nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke +Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder +abgeschüttelt -- möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger +muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen. +Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie +wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als +fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht +nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande +befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt, +ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös. Genau ebenso ist +es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos +bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der +Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus +triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die +ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend +machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem +Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende +Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst +einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind +also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit +Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor +ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist +der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide +Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die +Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das +Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen, +gedacht werden. ~R. Böhm~ und ~v. Wißmann~ heben besonders +hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt: +Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser +Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes +so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück +geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt. + +Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser +ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das +Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher. +Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall +treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen, +ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine +natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und +Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd +hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die +Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen +noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem +Hauspferde und einem Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten +Pferde schildert ~Gmelin~. Ein Tarpan erblickte einmal einen +zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun; +weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten +beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen, +der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller +Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann +seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. -- Daß das Zebra beißt, +ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit +abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem +wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt +man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers +vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der +unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus +verständlich. + +Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen +12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge +vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen; +die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine +Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem +Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst +das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht! +Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen; +sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie, +gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten. +Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade +zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam +sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh +war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere +Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben +dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe +oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute -- solange +dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, -- kam das Schmalreh +auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit +langen Fluchten. Auf etwa zwei Schritte vor mir wechselten sie in den +Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh +zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe, +nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen +annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches +erlebt und erzählt es uns. + +Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein. +Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren +sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein +Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an +lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall +eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst +hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben +Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der +Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in +der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis, +Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen. + +Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein +Stier, gegen seine Feinde. ~v. Wißmann~ schildert z. B. folgenden +Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein +mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung +brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem +Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach +der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin +unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen. + +Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist +nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete +Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd +und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte, +durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere. + + + + + Gibt es Tiere, die sich spiegeln? + + +Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich +spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen, +daß z. B. in unzähligen Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf +denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als +wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere +Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in +Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter +bekannt! + +Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als +Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als +etwas Selbstverständliches betrachtet. + +Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen +Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war, +veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu +beleuchten. + +In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin +das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie +Futter streute. Es heißt dort: + +»Von der eitlen Kohlmeise.« + +»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert +es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig +gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte +von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf +einen Stuhl und von da -- auf den Toilettentisch. ~Vor einen +kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet +sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.~ Ich kann es ihr auch +gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein, +das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen, +glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf +ein breiter schwarzer Streifen -- wer vermag ähnliche Schönheiten +aufzuweisen? -- Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so +fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel, +turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt, +flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt +die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die +zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann +auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz +zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet +und untersucht. Darauf spiegelt sie sich wieder und ich -- hab' +dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen +Lauscherposten.« + +»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine +gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den +Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe +hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder +vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so +beginnt das lustige Treiben von neuem.« + +Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube +ohne weiteres, daß die Meise -- wie es ja jeder Kanarienvogel tut +-- im Spiegel ihr Bild erblickt hat. ~Nur daß die Vögel sich +gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit +Entschiedenheit.~ + +Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher +Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes +durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der +einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat. +Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier +seien ganz kurz die Gründe angegeben. + +Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als +bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und +Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über +diesen Punkt machen. + +Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen +Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht +bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse, +Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind +Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die +Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie +der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw. + +Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem ~Augen~tier +etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der Nase richtet, ist +er ein ganz unverständlicher Gegenstand. Gerade bei Hunden kann man +das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich in einen Salon +geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern erblickte sie ihr +Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare und ging auf den +Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von einem andern Hunde +und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel. + +Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind +rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur +mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können. + +Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß +der Spiegel auf sie großen Eindruck macht. + +Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist +der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder +Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere +Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und +Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß +sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel. + +Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der +Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so +schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das +Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art -- woher soll es +nun wissen, daß es selbst so aussieht? + +Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln +annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden. + +Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man +einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm +geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß +er es selbst ist? + +Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise +an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente +Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den +Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht +ähnlich sah. + +Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein ~fremdes~ gleichartiges +Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen +wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie +sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und +deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr +Haar. + +Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem +Spiegel eine kampfbereite Stellung ein. + +Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von +Lerchenspiegeln unzählige schießt. + +Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben +gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit +Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden +Affen vor sich zu haben glauben. + +Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir, +weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah. + +Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht +völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den +ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des +zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., +Dr.+ ~Schmidt~, +hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel +angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen. + +Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein +ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen +Spielereien folgende erwähnt werden: + +»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang +mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere +überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen +Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes +Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar +sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte, +und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder +herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als +zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der Orang die +Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein +brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern +stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses +Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines +Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und +entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit +mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans +Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu +verspeisen.« + +»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit +die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier +alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die +Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel +benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem +Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und +der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes +in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte +Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu +sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der +Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter +geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen +herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und +dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf +diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches +nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein +Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus +welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden, +oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des +Orang äußerst possierlich hervorlugte.« + +Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande +zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht -- +im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz +halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel +gegenüber benahm: + +»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein +Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen +und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich +in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier +nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den +Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen. +Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand +an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er +herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun +den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken +zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach, +wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können. +Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich +fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort +›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs +in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen +vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch +Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art +bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und +gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im +Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche +Stelle seines Käfigs zu.« + +»Aber -- welches Entsetzen -- dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt +entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn +rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas +vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam +und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu +gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der +vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend +eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz +und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen. +Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den +Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht +vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein +Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt, +machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er +noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies +geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen, +welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl., +sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem +seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.« + +»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht +zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe +gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer +und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses +Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden +Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den +Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das +Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang +es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar +große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen +Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte. +Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens +begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch +Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein +leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem +Gegenüber an den Kopf flog.« + +»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den +Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte +sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter +Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der +Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem +Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte, +daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und +mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu +diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie +um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen +triumphierend nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier, +streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und +her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit +eines Kindes zu erregen. ~Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst +erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei +Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden, +wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist +dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel +sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte +sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in +Wirklichkeit da seien.~« + +»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem +vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich +vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen +plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem +Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete +er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen +war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er +sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem +vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des +Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten +die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich +schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand +betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung +grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und +sein gewöhnliches Treiben begann.« -- + +Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte +Leser doch unbedingt Glauben schenken. + +Auch ~Garner~, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache +der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über +seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen +Übersetzung von Professor ~Marshall~): »Ich habe schon verschiedentlich +des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von dem Spiegel zu +machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch nicht beschrieben, +welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst ist dieser +Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder Zeit der +gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art genau +auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus meinen +Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im +allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.« + +»Als Puck -- ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen, +die Garner anführt -- sich im Spiegel erblickte, hielt er sein +Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich +viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen +herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und +ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht +schüchtern und zurückhaltend.« + +»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es +offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah, +zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem +Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube +auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu +suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man +deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu +finden.« + +»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige +eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert. +Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das +größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine +Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 +cm+ +breit und 4 +cm+ lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in +demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend +einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er +guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer +Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen +trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den +Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle +möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der +andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können. +Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien er noch verblüffter zu +sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um, +als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er +sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter +wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte +er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer +gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das +Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich +daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne +Hilfe des Wärters gelang.« + +»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu +finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie +er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit +dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem +Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und +wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem +größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an +den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen, +z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und +es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann +kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein +Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und +schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte: +›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie +irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe +stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.« + +»Mickie schien über sein Spiegelbild nicht sonderlich erbaut zu sein. +Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei +ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures +Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten +redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals +den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und +ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war +freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter +solchen Umständen auch zu werden pflegen.« + +»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr +forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne +auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen +von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im +tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten +können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das +zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz +zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes +Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.« + +»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen +Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut +von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach +dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen +ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr +vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.« + +»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm +allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um +auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus +dem Wege zu gehen.« + +»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe +von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten +Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung +durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel +und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie +denn diesen Affen aufgetrieben?‹« + +»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das +Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich, +gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob +ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und +versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen +Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich +wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine +neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter +gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein +Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes +dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses +Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl +angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr +Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles +sagen könnten, wenn sie nur wollten.« + +»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und +verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art, +gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend +und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.« + +»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert. +Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden, +kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als +gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er +guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen +langen Arm aus, ~um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu +suchen~. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr +oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von +ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel +ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint +sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der +häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und +sein Bild anstarren.« + +Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor: + +Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder, +sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen -- spiegeln sich +also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt. + +Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in +der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt. +Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt, +begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz +besonders kein Nasentier. + +Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb nur Sehgeschöpfe, +aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern. + +Nachtrag. + +Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht +allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor ~Marshall~ +in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen +Buche, das er übersetzt hat: + +»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten +hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden, +billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den +Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz +gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei +fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den +Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und +schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte +er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen. +Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art +Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in +beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und +bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe +hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte, +fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein +Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch, +daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den +Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel +zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem +Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im +hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich +ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich +war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn +es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu +lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.« + +Hierzu möchte ich folgendes bemerken: + +Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein Tier ~mit +der Zeit~ infolge besonderer Umstände, wie hier durch das +Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von +~Marshall~ erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel +trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie +~allmählich~ gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt. + +Jedenfalls ist der von +Dr.+ Schmidt geschilderte Orang-Utan, +trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken +nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem +gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche +mit Affen angestellt habe. Der von ~Marshall~ beobachtete Makak +muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder +es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das -- vielleicht juckende -- +Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen +Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon +gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen. + + + + + Tiere als Heuchler. + + +Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß +das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es +der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man +die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der +Menschenarzt, ~denn die Tiere verstellten sich nicht~. Diese +Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird. + +Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar +vielfach mit Recht. So schildert uns schon ~Xenophon~ die +Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und +Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte ~Geßner~. + +Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist +gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt +darin. So schreibt z. B. ~Oppian~: Fühlt der schlaue Fuchs ein +Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen: +Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt +Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und +beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen und zu zupfen. Kommt ihm +aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den +Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken. + +Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte +Naturforscher ~v. Homeyer~ etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt: +»Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es +erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen +der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise +richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße +liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem +Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich +näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier +zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge +Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes, +und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe +gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu +bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber, +gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es +ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller +Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben +ergriff.« + +Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist +etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt ~Scammon~ von einer +so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um +sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen +sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut +Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen +Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze +aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer +Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der +Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken. +Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um +dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen +gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und +verschlungen. + +Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll +nach ~Krementz~ den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen +zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so +anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt, +um Fische heranzulocken. + +Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere +sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von +schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S. +12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und +dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend +gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte +verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal +gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund +besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter +Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war +die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine +Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber +vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier +bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun +sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig +folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein +Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich +bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde +das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und +nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs +war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei +seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die +nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink +auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts +vorgefallen wäre. + +Ähnliches berichtet Rektor ~Gräßner~ von seiner deutschen Dogge +Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit +darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade +beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen +Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen +und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben +dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, +so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener +Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine +Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das +Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man +sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn +nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele +zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit +einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, +unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den +gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen +schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte +dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.« + +Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So +erzählt ~J. Franklin~ von einem Schweine folgendes: Auf einem +Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen +und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das +Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des +Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses +wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine +Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es +daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in +dessen Stall. + +Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die +Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon +~Älian~ schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne +vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu +täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die +Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager +will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen +Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte +zum Lager bringt. + +Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er +sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der +Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die +allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden. + +Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen +intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen +oft denen, die sie beißen wollen. ~Rengger~ berichtet von seinem +Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz +freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen, +nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches, +was ~Homeyer~ vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein +zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte +sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte, +rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen +totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen. +Im ~Brökmannschen~ Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen +zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler +den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der +ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben +fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das +gleiche wird vom Elefanten berichtet. + +Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das +gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon +Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von +dem letztgenannten berichtet Freiherr ~v. Droste-Hülshoff~ im +»Zoologischen Garten« folgenden Fall: + +»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch +auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner +Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen +hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere +bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem +Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden +jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich, +das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen; +das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des +von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte +und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer +Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen +meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel +geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm +zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich +meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber, +nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte +das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei +versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es +hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich +auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich +das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht +angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu +ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt +hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen +von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch +eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem +mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es +auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann +und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu +verschwinden.« + +»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und +lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere +doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir +übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.« + +Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen +z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die +starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich +nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren, +denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben +daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht +gewachsen. + +Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu +verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben +in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei ~Brehm~: + +»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in +Morästen)«, schreibt mir ~Kade~, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe +und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei +den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und +junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber +die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende +Juli zu heulen beginnen.« + +Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß +man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in +dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen. + +Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der +Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen +dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter +den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die +Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige +Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich +geschildert werden. + +Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie +~Brehm~ betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen. +Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel +nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt +derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten +übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen. + +Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer +Krähe gedacht, die ein Herr ~Keil~ kürzlich beobachtete. Er +erzählt den Vorgang folgendermaßen: + +»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als +liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten +geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut +im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe +vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her. +Sie hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten +konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ. +Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die +erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und +äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei. +Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst +harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe +vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit +zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln +nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang +herzlich gelacht.« + + + + + Verstellungskünste bei Vogeleltern. + + +Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß +gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur +wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau, +sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen +Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt. + +Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die +Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich. + +Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So +schreibt z. B. ~Plinius~ vom Rebhuhn folgendes: + +»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das +Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt +etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein +gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft +vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht, +ihn vom Nest wegzulocken.« + +Hiermit steht ganz im Einklange, was ~Naumann~ darüber schreibt: +»Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben +Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück +drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während +ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt, +ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem +jeden ein solches im Getreide, Grase, Gebüsche, hinter Furchen, in +Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen +glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder +abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen, +greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen +seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben, +ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu +den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß +breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück +weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in +Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon. +Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung +verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich +beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.« + +Der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~ bestätigt ebenfalls, daß es die +List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu +stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug +schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer, +solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur +Einsicht gekommen ist. + +Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte: + +»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der +Ober-Medizinalrat ~Buddeus~ zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf +einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens +ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das +Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann +wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang +zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und +flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung +zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine, +kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die +Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen +Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die +Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen +Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden +Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es +wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren. +Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden +Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.« + +Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule, +worüber ~Tancré~ in den »Ornithologischen Briefen von ~E. F. v. +Homeyer~« berichtet. Hier wird folgendes geschildert: + +»Über ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit +keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen +eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem +mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras +bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet +durch das Männchen -- vermutlich --, welches mich mit dem bekannten, +dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das +Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt +fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen +hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu +holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier +auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.« + +»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort. +Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber +auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die +Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich +wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben +mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der +Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe +dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus, +aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer +Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich +wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der +Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier +untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das +Männchen umherfliegt. Da machte es dasselbe Manöver zum dritten male, +aber auf der ~entgegengesetzten~ Seite von mir. Jetzt erst wird +mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch +hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem +der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.« + +»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder, +wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich +große Junge befanden.« + +»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich +nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt, +nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes, +dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und +ahmte deshalb den Jungen nach.« + +In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet +~Thompson~ von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die +ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt +dort: + +»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad +entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner +feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.« + +»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, +aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln +und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das +eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln, +ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes +in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen +Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes +Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand +gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein, +und alles war still.« + +»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ +sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den +Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte +wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade -- Gnade +von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war +sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch +ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut +bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase, +drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte -- doch nein, ganz +erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen +Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn +diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische +Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon, +kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine +sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen +ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte. +Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber +sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch +noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht +begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige, +konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine +Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan +schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf +von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder +ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden +Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen +sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden +Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.« + +»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der +Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« -- + +Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich +gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie +folgender Bericht ~Andersons~ über ein Zusammentreffen mit einer +Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die +älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige +Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das +Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht +schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern +für ihre Jungen an den Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer +näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und +änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht +abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen, +so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in +weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite +nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die +Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als +müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen. +Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es +verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren, +daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich +ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter +Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen +bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.« + +Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im +Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird. +Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen. + +Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren +ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig +geborene Verstellungskünstler. + + + + + Straußenpolitik. + + +In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen +Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu +verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich +der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst +seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn +nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck +»Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor, +indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich +verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten +nicht mehr. + +Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß +denn in der Tat bei seiner Verfolgung sich so unglaublich dumm +benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem +Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke +z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber +den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu +bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84). + +Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika +persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik« +entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so +bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit +größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen +beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode +des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt +sich nun die Entstehung einer solchen Fabel? + +Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes +aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar +und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien +gibt es Strauße (+struthocameloi+, wörtlich Straußkamele) die wie +ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier +geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen +kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und +berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt, +so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine +Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen +Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder +sonstwo. + +Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen +versehen. + +Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so +liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein +absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht +vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich +schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens +besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der +Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem +Steine oder Felsstücke getroffen, das durch eine flüchtende Gemse in +Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse +absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem +Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche +Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine, +so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube +vom Strauße herrschte. + +Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil +bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf +gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt +habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen, +erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse. + +Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten, +geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt +keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen +Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen +Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung +bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren +Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen +Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und +ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel, +welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen +Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten +Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und +noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts +abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen +Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar +für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen +dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male; +sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere +lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder +wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr +Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf +das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen, +verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit +den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer +nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er +jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte. +Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade +in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in +der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben +wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte; +doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich +an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit +Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge +von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie +träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich +meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als +friedlich bezeichnet. + +Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen +Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von +Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen +lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier +gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber +trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit +einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit +besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht. + +Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier, +was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen +pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in +der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch +solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes +liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große +Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde +lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie +möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische +Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich +Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich +auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse, +weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das +Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten. + +Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des +Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare +hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu +besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken +und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm +vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein +anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird +ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße +zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen, +steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas +verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und +für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig +zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit +Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen +Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei +Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte +von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5 +Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine +kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig +eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw. + +Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen +kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz +übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen, +und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber +eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat. + +Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht +leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu +verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch +Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch +fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig +der Wahrheit entspricht. + +Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten Hühnervögeln ein +vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie +wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende +Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen +ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante +Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele +Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf +ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils +im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen +anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion +der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße +hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig +wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging, +durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste +hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen, +plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden, +um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren +gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen, +ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese +Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie +geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden +zu schützen wissen.« + +Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes, +wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum +Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen, +der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die +Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu +verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann +hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg. + +Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der +»Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug +ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer +erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er +nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet +er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an. + + + + + Wittern die Geier Tierleichen? + + +Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in +Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt. +Bereits ~Plutarch~ schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des +Aases nach.« ~Plinius~ fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen +sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso +berichtet ~Älian~: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und +Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den +Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote +gibt.« + +Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst +wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen +besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen +Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher +annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind, +und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben +sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver +versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die +selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig +fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese +Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen. + +Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck +macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum +gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer +Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus +dem nachstehenden ergeben wird. + +Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~: +»Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die +Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen, +wenn sie Beute suchen.« + +Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers +bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der +Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn +der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger und +Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den +Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen +Beobachter existiert. + +Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die +Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen +ist. Dort führe ich auch an, daß bereits ~Brehm~ bestreitet, daß +die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren +wichtigsten und vorzüglichsten Sinn. + +Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht +orientieren, kommt neuerdings A. E. ~Bayer~ in »Hundesport und +Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten +angestellt wurden. + +»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt ~Georg Byam~, +der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt +hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare +Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich +möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der +festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt +werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder +vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich +verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig +unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen +gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher +der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält +sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in +die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes +Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der +es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen +Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell +und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle +anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem +sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der +Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht +bemerkt haben. Ich glaube, es ist ~Waterton~, der erzählt, daß er +einst ein totes Tier sorgfältig unter Bäumen und Büschen verborgen +hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer +Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht, +aber vielleicht war es Herrn ~Waterton~ unbekannt, daß die Geier +die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines +Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein +Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten +können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen +Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern +überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum +waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch +schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde +vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht +ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in +den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde +erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war, +begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in +kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die +der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das +Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich +habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier +in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet +und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu +welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick, +während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in +unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die +Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den +Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.« + +Zu demselben Resultat kommt Sir ~Samuel Baker~ durch die reichen +Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man +hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn +oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich +habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es +auch keine Frage sein kann, daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin +ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer +großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern, +verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen +Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht +wesentlich beeinträchtigen.« + +»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein +interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten +Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt, +daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes +gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach +unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie +näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im +dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es +selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer +Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter +Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie +sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.« + +»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube, +daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige +Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem +menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten +Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit +Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die +Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie +von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen, +daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein +Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches +Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht +ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt +auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln, +so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu +und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem +Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.« + +»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des +Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und +nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen +läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen +hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich +auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht +ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber +kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und +nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals +gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen +und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die +Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der +großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein +Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier +herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige +Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die +Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen +lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel +herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise +über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich +aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint +der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und +die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir +uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern +und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln +zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem +Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen +und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den +ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu +Sin‹ -- (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist +angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem +langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den +Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste, +ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor +ihm einen Vorsprung.« + +Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht +dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel +überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen, +was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen +Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen. +Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen, +umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt. +Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in +unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat. + +Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst +den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier +unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den +Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet +Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen +außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und +verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück +rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich +auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.« + +Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes +Fleisch halten? + +Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten +Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den +Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann +erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden: + +»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend, +den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der +Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese +Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung +haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was +bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte +Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze +Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich +dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten fuhr über mich dahin, +und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers, +der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter +folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann +über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das +Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten +sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und +für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.« + +»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach, +überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann +eiligst davon.« + +Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz +allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen +Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen +Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler +näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese +Tiere den herannahenden Tod im voraus merken. + + + + + Die Schnepfe als angeblicher Mediziner. + + +Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine +Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete +Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn +angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht. +Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster +oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann +die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden. +Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre +Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich +hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen +Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben. + +Dr. ~Quistorp~ schreibt nämlich folgendes: + +»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder ~Müller~ Zweifel geäußert +an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene +Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich +nicht im Besitze solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst +erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen +Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert ~Imgo~, sandte; +sonst würde ich die Herren ~Müller~ sicherlich von der Richtigkeit +obiger Ansicht überzeugt haben.« + +»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich +am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit +zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche +ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken +Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil +des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum +nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und +zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe +jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst +krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und +totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich +zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen +Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn +umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande +befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen, +fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur +kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr ~v. +Homeyer-Wrangelsberg~ sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit +vielen, lose angeklebten kleinen Federn.« + +»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen +regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber +nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des +Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem +Leben viele solcher Schnepfen geschossen.« + +Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl +~Müller~ ist dagegen folgende: + +»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den +›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen +Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man +durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete Stellen der +Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde +geschlungen waren.« + +»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger +Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung +übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um +die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen +Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung -- und sie mußte leider +auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen -- +zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten, +und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und +die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der +bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer +sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, -- welche Eigenschaft +wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren +beobachteten -- tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in +unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich. +Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung +eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und +zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend +nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der +Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom +Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund +um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet. +Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue +Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener +Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen +natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt +sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation +und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine +Baumlerche (+Alauda arborea+) hat uns dies in der Gefangenschaft +zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar +vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der +größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des +Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.« + +»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer +gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht +sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe +nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent +anerkennen, wo keines vorhanden ist.« + +Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder ~Müller~, hat auch kürzlich +ein Herr ~Schlabitz~ verteidigt, indem er behauptet, auch an den +Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von +selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den +Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort +ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen +werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr ~Schlabitz~ an einem Uhu +beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am +oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht. +Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu +behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte +er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne +verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte +feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte, +sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort +an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann +fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit +beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen +und sonstige Raubvögel kröpfte. + + + + + Sichtotstellen als Rettungsmittel. + + +In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen +als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in +der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären +früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren +als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe +auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben +kann. + +In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich +dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein +anderer in der Nase hat. Im westlichen Europa kamen in früheren +Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in +Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze, +einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf +der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende +Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein +Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht +werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht. + +Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender +niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der +Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der +Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder +ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten. + +Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine +Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist. +Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das +stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines +Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen +Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur +eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er +weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann. +Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert, +folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei +einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der +Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines +Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte +Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede +Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor +Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die +beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein +Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des +Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der +Trauer abgewendet haben sollen. + +Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl äußerlich so hinlegen +können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen, +daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können. +Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung. + +Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt +erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen. +Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung, +daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann +doch nicht der geringste Zweifel bestehen. + +Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder +wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür +verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro +einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen +kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben. + +Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß +selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste +Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm -- ebenso +wie der Fuchs -- »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für +Aas hat. + +Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten +seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom +Luchse schreibt neuerdings Baron ~v. Staël-Holstein~ in »Wild und +Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang +gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen +Afrikareisenden gern an Aas, und ~Selous~ erklärt ausdrücklich, +der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser. + +Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel +kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder, +gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten +würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort +erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt. + +So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller +dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen +Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in +der erwähnten Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn +der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich +wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei +Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist. + +Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich +Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das +folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust +sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf +findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn +ruhig liegen, ~so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil +er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch +lebendig ist~. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten +Raubtiere den Menschen -- und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier +kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen +(vgl. S. 19). + +Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und +nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen +angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es +denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der +sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie +fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht +vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war +also für ihr Verhalten bestimmend. + + + + + Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren. + + +Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der +Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern +recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders +gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche +regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner +Zeitung lesen konnte: + +Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als +den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen +verdächtig gemacht hatte. + +Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer in der Rekognoszierung +von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen +beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird +auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer +solchen Angabe Glauben schenken. + +Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines +Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des +Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen. + +Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung +des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im +Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt ~Plutarch~ +beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere +marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten +bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon +drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen +zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber +mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer +gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der +Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich +aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut +an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem +Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl +erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld +hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. -- + +Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche +Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen +philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als +das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten +diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also +die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß +beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf +das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. -- Ist diese +Deduktion zutreffend? + +Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem +Vortrag zuhörte, den Dr. ~Heinroth~, langjähriger Assistent +unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an +gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das +Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel +folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind, +unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar +von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter +verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen +Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen +und eventuell getötet. + +Dr. ~Heinroth~, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner +ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm +jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig +Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es +sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle +ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande, +gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe +jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer +Sicherheit fertig. + +Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen +des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen: + +Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem +Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich +ihm ganz widmen kann. + +Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das +Tier unvernünftig? S. 78. + +Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich +überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren +lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände, +so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in +Südwestafrika erlitten. + +Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt +unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre +Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen +ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern +begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt +wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man jedoch sofort die +Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die +meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder +oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der +das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein +Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt +noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt. + +Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon +wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist +mir im Gedächtnis geblieben. + +Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund +geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen +recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer. + +Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die +Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie +bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah. + +Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte, +zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie +in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es +nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher +aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen +erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie +schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen. +Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen +nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des +Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte +es plötzlich auf. + +Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in +der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung, +und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort +wohnte, angekommen war. + +Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung +vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit +ihren Augen ähnliches leistet. + +Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht +für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw. +ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese +Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich +niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich +ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen. + +Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden +sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder +Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln +sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls +ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der +Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner -- er +wirft sich dann auf den Rücken --, wenn das schärfste Menschenauge noch +nichts wahrzunehmen vermag. + +Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind, +ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie +verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme +folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten +abspielte, wo viele Wildenten brüten. + +Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich +begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten. +Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine +kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte +weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte, +kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die +eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte. + +Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten +dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der +Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den +schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei, +die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere +irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben +gesehen. + + + + + Anhang + +Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher. + + +Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich +stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der +Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« -- Sodann +aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er +sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls +eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes +bemerken: + +Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst +bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine +einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In +den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm +findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst +noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig +bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von +Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines +Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. +Dr.+ Schäff, +Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings +veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal +Stellung genommen -- sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt +sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner +Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist, +im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben, +daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet, +daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten +Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine +Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war -- +oder bekämpfen sie vereinzelt sogar! + +Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich +habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann, +Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir +im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als +erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen +anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und +von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind. + +Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche +steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil -- ich gebe ohne weiteres +zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen. +Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren +Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen +usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: ~Bei den höher organisierten +Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.~ Bei den Fledermäusen +wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die +Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der +leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann +man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen +hätten. + +Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner +Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der +ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets +erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht, +daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch +hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang +von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich +in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen +die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76) +von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese +Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren +Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen +den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten +entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus. + +Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen +Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen +weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem +Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit +behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt +habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist +möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben +wird mir niemand absprechen können. + +Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt +einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde +Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus +Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine +Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die +bereits ein dummer Junge widerlegen kann? -- Weil sie der Herr Kritiker +selbst nicht angeben kann! + +Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches +feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang +durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen +Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher +wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt, +daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen +Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe. +Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß +bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt +wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle +sei. In Wirklichkeit stammt sie aus -- Brehm, der ausdrücklich an zwei +Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204). +Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher +besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben. + +Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus +Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich +veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger +hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken. + +Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen +einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß +für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe +ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe +berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern +anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen +Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner +nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen +gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren +seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen. +Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische +Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen, +verbietet mir meine Erziehung. + +Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues. +Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur +Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben, +und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war, +verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich +gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung +und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche +Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute -- mehr als +sechs Monate seit ihrem Erscheinen -- mit keiner Silbe besprochen. +Das läßt tief blicken -- würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche +Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend +beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung +eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt. + +Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten +hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber +den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender +Mittel: + +1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird +er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen +Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben +war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich +nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund +gesehen. + +2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So +wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich +(S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw. + +3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und +Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß +ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so +kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als +hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings +und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist, +ebenfalls kurzsichtig -- und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade +-- und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich +wohlweislich verschwiegen. Habe ich ~eine~ Beobachtung vom +Fenster aus gemacht, so habe ich sie ~öfter~ von dort aus +gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem +ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere +mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn +unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase +keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören. + +4. Er stellt die unsinnigsten und unwahrsten Behauptungen auf, die er +auf späteren Seiten wieder vergessen hat. So heißt es gleich im Anfang, +daß es keine Schöpfungskrüppel gibt, daß die Natur den Kreaturen +überreichlich Mittel und Waffen gegeben hat, um den Existenzkampf +zu führen (S. 11 u. 30). Jeder, der eine Spur Logik besitzt, wird +hiergegen einwenden, wie es unter diesen Umständen möglich sei, daß ein +Pflanzenfresser von einem Raubtiere erbeutet werden könnte. Auf S. 60 +heißt es aber im vollsten Widerspruch damit, daß Rinder und Fische nur +2 Sinne, ja die Eule nur einen hervorragenden Sinn besitzen, ferner auf +S. 49, daß die Katzen schlecht wittern können. + +Ferner lesen wir gleich im Eingang auf S. 11 den Grundgedanken +(wiederholt auf S. 60 und 80), daß die Sinnesorganisation des Tieres +genau der dem Menschen verliehenen Ausrüstung entspricht. Hieraus geht +hervor, daß R. nicht die elementarsten Kenntnisse in der Tierkunde +besitzt. Ich will hier nur die Fledermäuse anführen, also Säugetiere, +die dem Menschen sehr nahe stehen. Bei Brehm (2. Aufl. Bd. 1 S. 286) +heißt es, daß einige Arten besonders kleine Augen haben und diese so +unter dichten Gesichtshaaren versteckt stehen, ~daß sie unmöglich dem +Zwecke des Sehens entsprechen können~. Schon vor vielen Jahrzehnten +hat man festgestellt, daß Fledermäuse, denen man die Augen zuklebte, +trotzdem den feinsten Fäden auswichen, daß sie sich also durch ihr +feines Tastgefühl orientieren, während ihr Sehvermögen fast null +ist. Im »Zoologischen Garten« sind mehrfach Fälle angeführt, wonach +vollständig erblindete Fledermäuse gefangen wurden, die sich trotzdem +in gutem Nährzustande befanden. Man stoße einen blinden Menschen in die +Wildnis, wo Feinde lauern, und überlasse ihn seinem Schicksal. Nach +wenigen Tagen dürfte er ausgelitten haben. Von dem Blindmull (+talpa +caeca+), der Blindmaus (+mus typhlus+) usw., scheint R. niemals etwas +gehört zu haben. Und ein »Kritiker«, dem die einfachsten Kenntnisse der +heimischen bezw. europäischen Tierwelt fehlen, beurteilt ein Buch, das +die Kenntnis der gesamten Tierwelt voraussetzt. + +5. R. betont, daß er nur eigene Beobachtungen bringe. So heißt es +auf S. 61: Alles, was ich gebe, ist durchaus selbst erlebt. Da +selbst ein Niedick, der in 5 Erdteilen gejagt hat, eine Unmenge +Tiere niemals aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, so ist es +selbstverständlich ein Unding, daß ein einzelner Mensch alle Tiere in +der Wildnis genügend beobachtet hat. Nebenbei bemerkt, kosten solche +Reisen ein ganzes Vermögen und viele Jahre. Ich nehme also von R. an, +daß er nur die wenigen Tiere der Heimat kennt bezw. zu kennen glaubt, +und daß er niemals außerhalb Deutschland gejagt hat. Selbst auf den +Redaktionen wußte man nichts davon. Da R. allein über die Fährten +zweier versprengten Wölfe seitenlang berichtet, so muß man bei seiner +Weitschweifigkeit annehmen, daß er über einen erlegten Bären mindestens +ein ganzes Werk geschrieben hätte. + +Auf S. 187 gebe ich ein Verzeichnis der Augen- und Nasentiere. +Hierzu schreibt der »Kritiker« (S. 29): »Tierkundige mögen sich an +diesem Verzeichnis prüfen.« Hier gibt R. freimütig zu, daß er zu den +Tierkundigen nicht gehört. + +Es ist doch wirklich eine unerhörte Leistung, daß R. die ausländischen +Tiere in der Freiheit nicht kennen gelernt hat und trotzdem +apodiktische Urteile über sie abgibt. Der Leser urteile selbst darüber. +Ich führe ca. 20 Tiere mit schwachem Gesicht an, bei sechs gebe ich +sogar die Urteile wortgetreu von bekannten Autoritäten an, z. B. bei +Elefant und Bison. Brehm, Haacke-Kuhnert und v. Wißmann erklären z. +B. das Auge des Elefanten für schwach. R. dagegen erklärt (S. 24): +»Alle diese Tiere haben ein vortreffliches Gesicht.« Nun ist zweierlei +möglich. Entweder muß R. erklären, ich weiß es besser, da ich mehr +Elefanten geschossen habe, als alle diese Herren zusammengenommen. Das +ist sicherlich nicht wahr. Denn sonst würde er nicht bloß erzählen, daß +er einen Elefanten im Zoologischen Garten beobachtet hätte (S. 62). +Oder er besitzt die eherne Stirn, hier, wie so häufig, uns Jägerlatein +vorzutragen und, ohne selbst Elefanten gejagt zu haben, diese +Autoritäten zu bezichtigen, unrichtige Angaben gemacht zu haben. + +Ich hätte ja noch viel mehr Leute nennen können, die genau Elefanten +kennen und ausdrücklich hervorheben, daß ihr Auge schwach sei, z. +B. Schillings (Mit Blitzlicht und Büchse, S. 125 u. S. 141). Ein +Jäger hat doch gewiß kein Interesse daran, das Auge eines erlegten +Ungetüms als schlecht zu bezeichnen. Das mindert doch augenscheinlich +seinen Jägerruhm. Tut er es trotzdem, so kann man ihm doch unbedingt +glauben. Gerade Schillings schildert den Elefanten als ein besonders +gefährliches Wild (S. 159). Nebenbei bemerke ich, daß dieser kühne +Afrikareisende sofort die Unterscheidung von Augen- und Nasentieren +übernommen hat (S. 235), auch neue Beispiele für das Zusammenwirken +beider anführt (Giraffe und 2 Elefanten S. 126). Ferner hat er auch den +Ausdruck »Post der Tiere« akzeptiert, man vergleiche Post des Nashorns +S. 175, Post des Nilpferdes S. 209. R. hingegen schreibt über die Post +der Tiere (S. 78): Meine Ausführungen sind »so überwältigend, daß ich +sie dringend zum Studium empfehle«. -- Jedes weitere Wort ist wohl +überflüssig. + +Bei dem Bison hätte ich für das schwache Gesicht außer Brehm noch den +Präsidenten Roosevelt anführen können, der ein hervorragender Jäger +ist und eigenhändig Bisons erlegt hat. Auch hier erklärt R., daß er +vortrefflich sieht. Also R. hat auch in Amerika -- oder auf dem Monde? +-- Bisons gejagt und mehr geschossen als die gedachten Herren! + +Überhaupt sind die Urteile, die R. über ausländische Tiere abgibt, +geradezu haarsträubend, so daß man darin bestärkt wird, er redet +lediglich vom Hörensagen. Einige Beispiele seien noch angeführt. Gegen +meine Tigertheorie (Abneigung des Stieres gegen rote Farbe), macht er +in der Deutschen Jägerzeitung (Bd. 44 S. 38) folgendes geltend: »Im +übrigen geht auch das stärkste Tier nie auf einen Tiger los, sondern +flüchtet vor ihm, solange es kann.« Dasselbe sagt er S. 15. + +Daß in Wirklichkeit die Wildbüffel den Tiger oft angreifen, weiß +der geneigte Leser aus den Streifzügen S. 39. v. Wißmann hat selbst +beobachtet, daß ein Kaffernbüffel sogar einen Löwen vom Fraße +verscheuchte. + +Ebenda S. 5 heißt es: »Der Hund ist das intelligenteste und +vielseitigste Tier. Der Affe erreicht ihn nicht im entferntesten.« + +Nur jemand, der sich niemals mit Affen beschäftigt hat, kann einen +solchen Satz niederschreiben (vgl. Streifzüge S. 68). + +Bd. 40 S. 157 schreibt er, daß die Affen ihre Kinder oft aus Liebe +ersticken, obwohl Brehm ausdrücklich erklärt, daß es in der Neuzeit +niemals beobachtet sei (Bd. 1 S. 49). -- Brehm erklärt die Affenbrücke +für eine Fabel, R. ist anderer Ansicht (S. 87). Brehm sagt auf Grund +eigener Beobachtungen, der Löwe brüllt, um die Herde zum Ausbrechen +zu veranlassen, R. dagegen sagt: »Nein, er brüllt aus hocherregter +Raubgier und im Vollgefühl seiner unbezwinglichen Kraft« (S. 13). + +Im Anschluß hieran möchte ich noch über eigene Beobachtungen folgendes +bemerken. Wenn ich in einem Buche etwas beweisen will, so bin ich +Partei und -- wie in der Natur der Sache liegend -- befangen. Ich habe +deshalb nur solche Beobachtungen angeführt, die jeder nachprüfen kann. +Es beweist etwas, wenn ich sage, v. Wißmann, Horn, Marshall u. a. +sind der Ansicht, Vögel können nicht wittern. Dagegen ist es geradezu +lächerlich, wenn R. dagegen anführt (S. 52), er und mehrere Zuschauer +hätten gesehen, daß eine Amsel gewittert hätte. Wer waren denn die +andern Personen? + +Kein Mensch kann, wie gesagt, alle Tiere in der Wildnis beobachtet +haben, selbst ein Brehm hat trotz seiner Reisen in andern Erdteilen +drei Viertel seiner Tierschilderungen andern Personen entlehnen +müssen. Dagegen haben wir jetzt einen Vorzug, den frühere Zeiten nicht +besaßen. Durch die zahlreichen Tierschilderungen haben wir jetzt das +Mittel der gegenseitigen Kontrolle. Ferner ist es klar, daß verwandte +Tiere verwandte Handlungen begehen. Ich möchte das an einem Beispiele +klarmachen. In »Zwinger und Feld« (vgl. Februarheft des »Kosmos« +II. S. XXIII) wird von einem Rebhuhn erzählt, das eine Verletzung +vortäuschte und dadurch einen Fuchs von seinen Jungen fortlockte. +Wer Tiere nicht kennt, wird als Skeptiker wahrscheinlich sagen: »Ja, +weiß man denn, ob es wahr ist?« Liest er hingegen in meinem Buche das +Kapitel: Verstellungskünste bei Vogeleltern und sieht, daß es sich hier +um einen bei fast allen Vögeln, insbesondere den Erdbrütern, üblichen +Kunstgriff handelt, so wird ihm die Sache ganz einleuchtend vorkommen. +Andererseits müßte er ja annehmen, daß Männer wie Naumann, Brehm usw. +sich vorgenommen hätten, ihren Lesern etwas vorzulügen und zufällig auf +denselben Schwindel geraten wären. + +Das Mittel der gegenseitigen Kontrolle gibt mir sofort die Möglichkeit +zu sagen, ob eine Tiergeschichte wohl wahrscheinlich sei oder nicht. +Obwohl ich ferner diesen Grundsatz auch bei Autoritäten angewandt und +mich fast immer auf solche berufen habe, ist es mir trotzdem selbst +bei wohlwollenden Kritikern passiert, daß sie fragten: Ja, ist denn +das alles wahr, was Zell erzählt? Das kommt also vor, obwohl ich +fortwährend die Autoritäten nenne, auf die ich mich berufe. -- Ich muß +demnach meine Methode der Beweisführung für die allein richtige halten. + +Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu den Tieren mit schwachen +Augen zurück, die es angeblich nach Rothe nicht gibt. So hätte ich -- +wäre ich jemals auf den Gedanken gekommen, daß es bezweifelt würde -- +noch eine größere Anzahl von Tieren mit schwachem Gesicht und eine +größere Anzahl von Autoritäten, die mir recht geben, anführen können. +Da aber z. B. bei der Spitzmaus die alten Römer bereits ein Sprichwort +hatten (vgl. S. 63), so hielt ich es für unmöglich, daß solche +Tatsachen in Deutschland »widerlegt« werden und zwar dadurch, daß ein +»Kritiker« erklärt, diese Tiere sehen sehr gut. + +Wegen des Hundes wollte ich noch anführen, daß der Sachverständige +für die Deutsche Jäger-Zeitung, +Dr.+ Ströse, Verfasser des +Werkes: »Unsere Hunde«, bereits 1892 daselbst (Bd. II, S. 66 ff.), +was mir damals noch nicht bekannt war, ausführlich nachweist, daß der +Hund schlecht sieht. Wer das behauptet, ist nach R. (vgl. S. 40) ein +Ignorant. Also die Deutsche Jäger-Zeitung, deren Mitarbeiter R. ist, +hält sich zum Sachverständigen einen Ignoranten -- glücklicherweise +nur nach R.s Ansicht, während andere Tierkundige +Dr.+ Ströse +vollkommen recht geben. + +Selbst von Hunden versteht also Forstmeister R. trotz 60jähriger +Beobachtung nichts. + +Hinsichtlich der Pferde wollte ich bemerken, daß mir eine Autorität +auf diesem Gebiete, der gerichtliche Sachverständige für Pferde, Major +Schoenbeck, sowie zahlreiche Kavallerieoffiziere vollkommen recht +gegeben haben. + +6. Am ergötzlichsten ist die Anmaßung, daß R., der fortwährend +betont, er habe sich im Freien herumgetrieben, trotzdem über meine +Homerabhandlungen absprechend urteilt (S. 80). War er in Feld und +Flur, dann kann er keine Homerstudien getrieben haben. Es ist ja nur +charakteristisch für diesen »Kritiker«, daß er fortwährend über Dinge +urteilt, die er nicht versteht. + +7. Ein Eckstein meiner Beweisführung ist der Windhund, der nach +~Brehm~ gut äugt, aber schlecht wittert. Hier war R., der sonst +das Unglaublichste behauptet, mit seinem Jägerlatein zu Ende, denn dem +Leser zu erklären, das ist unwahr, der Windhund wittert vorzüglich, wie +er das bei anderen Tieren tut, schien ihm zu riskant. Wie widerlegt +er nun die meine Theorie überzeugend beweisende Tatsache, daß ein +ausnehmend gut sehender Hund dafür ausnehmend schlecht wittert? Man +lese (S. 24): »Es ist vom Windhund die Rede.« Das ist alles, was er zu +sagen hat. + +8. Die tollste Leistung ist jedoch folgende. Während er in seiner +Gegenschrift mit dem Brustton der Überzeugung erklärt, daß es +Schöpfungskrüppel nicht gebe, hat er zwei Jahre früher in der Deutschen +Jäger-Zeitung einen Artikel über die Seele der Tiere veröffentlicht +(Bd. 40, S. 107 ff.), der genau das Gegenteil sagt, denn z. B. heißt +es vom Hunde (S. 124), daß sein Auge Einzelheiten nicht erkennt (worin +eben das Wesen des schwachen Gesichts besteht). Ferner berichtet +er vom Wildschweine (S. 427), daß sein Gesicht außerordentlich +schwach sei! Für Zweifler führe ich die Stelle wörtlich an: »Bei +einer Wildart jedoch glaube ich mich überzeugt zu haben, daß ~das +Gesicht ganz außerordentlich schwach ist~, nämlich bei den Sauen. +Oft zog Schwarzwild nahe an mich heran, namentlich auch Bachen mit +Frischlingen, obwohl ich der Beobachtung halber auf Deckung verzichtet +hatte« usw. Also nachdem eine »Vorsehung« -- wie er äußert -- (vgl. S. +8) ihn 57 Jahre lang Tiere beobachten ließ, kam er zu dem Resultate, +daß manche schlecht sehen. Drei Jahre später ist das schon völliger +Unsinn. Und zwar liegt hier kein Versehen oder Mißverständnis vor, denn +er setzt auf mehreren Seiten (54 ff.) auseinander, daß das Schwarzwild +gut sieht. Früher sah der Hase bei Mondschein gut, was auch meine +Ansicht ist, da alle schwachsichtigen Tiere in der Nacht wegen ihrer +großen Pupillen mindestens ebensogut sehen wie der Mensch, der wie die +Tagvögel und Tagaffen ein Tagseher ist. Jetzt sieht der Hase plötzlich +auch am Tage gut (S. 46). Dabei handelt es sich um die bekanntesten +heimischen Tiere. -- Welche Meinung wird er einige Jahre später in +die Welt als die allein richtige ausposaunen? -- Diese Proben von +dem »Kritiker« R. dürften wohl genügen, sonst stehe ich mit weiteren +Mitteilungen zur Verfügung. + +Mancher Leser dürfte darüber erstaunt sein, daß ich diese Entgegnung +nicht früher veröffentlicht habe. Darauf kann ich nur erwidern, +daß ich Wichtigeres zu tun habe. So habe ich inzwischen eine Reihe +interessanter Arbeiten veröffentlicht, z. B. die Entstehung der +Rechtshändigkeit, den Ursprung des Werwolfs- und Gorgonenmythus, die +Wünschelrute usw. Andere große Arbeiten harren dagegen noch immer der +Erledigung. So wollte ich bereits seit Jahren ein umfangreiches Werk +über die Homermythen veröffentlichen, bin jedoch noch immer nicht dazu +gekommen. Ebenso tut es mir sehr leid, daß eine Menge von Zuschriften +wegen Zeitmangels noch immer nicht erledigt werden konnte. + +Ihre Beantwortung wäre mir um vieles angenehmer gewesen als diese +Entgegnung, was mir wohl jeder Leser ohne weitere Versicherung glauben +wird. Nur mit Widerwillen habe ich mich mit einem Gegner befaßt, dessen +Kampfmethoden ich soeben geschildert habe, der namentlich hin und her +schwankt und heute etwas für Unsinn erklärt, wofür er vor einiger +Zeit selbst eingetreten ist. -- Brehm schreibt von der in Südeuropa +hausenden Blindmaus, also einem Säugetier, einem Nager, der gewiß +ein scharfes Auge zum Schutze gegen seine Feinde nötig hätte, da er +sich gern sonnt (Bd. II, S. 399): »Die Augen haben kaum die Größe +eines Mohnkorns und liegen ~unter der Haut~ verborgen, ~können +also zum Sehen nicht benutzt werden~.« Hiermit vergleiche man +R.: »Die Tiere sind überreichlich mit Mitteln und Waffen versehen, +Schöpfungskrüppel gibt es nicht, die Sinnesorganisation der Tiere ist +genau dieselbe wie die der Menschen« usw. -- Würde die Bezeichnung +»Geschwätz« für diese Behauptungen nicht eine große Schmeichelei sein? + + + + + Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages! + + +Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir + + alle Naturfreunde + +jeden Standes sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ +ein. -- Außer dem geringen + + _Jahresbeitrag von nur M 4.80_ + +(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post +Porto besonders.) + += K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied =keinerlei= +Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende _große Vorteile +geboten_: + +Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren +Jahresbeitrag im Jahre 1912 =kostenlos=: + + I. =Die Monatschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.= Reich + illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes) Preis + für Nichtmitglieder M 3.--. + + II. =Die ordentlichen Veröffentlichungen.= + + Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band. + + Ch. Gibson-H. Günther, Was ist Elektrizität? + Dr. F. Dannemann, Wie unser Weltbild entstand. + Dr. K. Floericke, Kriechtiere und Lurche fremder Länder. + Prof. Dr. K. Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. + Dr. A. Koelsch, Die Erschaffung der Seele. + + Änderungen vorbehalten. + + III. =Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden + naturwissenschaftlichen Werken= (siehe Seite 7 des Prospektes). + + +[symbol] ~Jede Buchhandlung~ nimmt Beitrittserklärungen entgegen +und besorgt die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die +Geschäftsstelle des Kosmos in Stuttgart. + + + Jedermann kann jederzeit Mitglied werden. + Bereits Erschienenes wird nachgeliefert. + + + + + Satzung + + + § 1. Die Gesellschaft Kosmos (eine freie Vereinigung der Naturfreunde + auf geschäftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis + der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das + Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres + Volkes verbreiten. + + § 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die + Herausgabe eines den Mitgliedern =kostenlos= zur Verfügung + gestellten naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch Herausgabe + neuer, von hervorragenden Autoren verfaßter, im guten Sinne + gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie + ihren Mitgliedern =unentgeltlich= oder zu =einem besonders + billigen Preise= zugänglich macht, usw. + + § 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden + Ausschuß, den Vorstand usw. + + § 4. =Mitglied kann jeder werden=, der sich zu einem + Jahresbeitrag von M 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto) + verpflichtet. Andere Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung + angegeben sind, erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann + jederzeit erfolgen; bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der + Austritt ist gegebenenfalls bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen, + womit alle weiteren Ansprüche an die Gesellschaft erlöschen. + + § 5. Siehe vorige Seite. + + § 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der =Franckh'schen + Verlagshandlung, Stuttgart=, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften, + Sendungen und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine + Buchhandlung Erledigung finden konnten, dahin zu richten. + + + + + Kosmos + + Handweiser für Naturfreunde + +Erscheint jährlich zwölfmal -- 2 bis 3 Bogen stark -- und enthält: + + + =Originalaufsätze= von allgemeinem Interesse aus sämtlichen + Gebieten der Naturwissenschaften. Reich illustriert. + + =Regelmäßig orientierende Berichte= über Fortschritte und neue + Forschungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft. + + =Auskunftsstelle -- Interessante kleine Mitteilungen.= + + =Mitteilungen über Naturbeobachtungen=, Vorschläge und Anfragen + aus dem Leserkreise. + + =Bibliographische Notizen= über bemerkenswerte neue Erscheinungen + der deutschen naturwissenschaftlichen Literatur. + + + + +Dem »Handweiser« werden kostenlos beigegeben die illustr. Beiblätter: + +Wandern und Reisen ▪▪ Aus Wald und Heide ▪▪ Photographie und +Naturwissenschaft ▪▪ Technik und Naturwissenschaft ▪▪ Haus, Garten und +Feld ▪▪ Die Natur in der Kunst ▪▪ Lesefrüchte. + +Der »Kosmos« allein kostet für Nichtmitglieder jährlich M 3.--. + +Probehefte durch jede Buchhandlung oder direkt. + + +Im Jahre 1912 erhalten die Mitglieder außer der reichhaltigen +Vereinszeitschrift (jährlich 12 umfangreiche, reich illustr. Hefte) die +folgenden ordentlichen Veröffentlichungen kostenfrei: + + + Wie unser Weltbild entstand + +Eine Geschichte der Anschauungen über den Bau des Weltalls vom Altertum +bis zur Gegenwart. + + Von =Dr. F. Dannemann= + + Mit zahlreichen Abbildungen. + +Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen +gebunden M 1.80. + +Im Wandel des Weltbildes, also des Bildes, das sich die Völker, +das sich die einzelnen Menschen vom Weltall machten, spiegelt sich +die Geschichte der Menschheit selber wieder. Dannemann rollt diese +Geschichte in scharf ineinandergreifenden Bildern in seinem Bändchen +vor uns auf. Wir hören von den Anfängen der Wissenschaft bei Chaldäern +und Ägyptern, stehen mit ihnen im heißen Wüstensand und starren empor +zu den ewigen funkelnden Sternen. Die Astrologen wollen uns ihre +Wunder glauben machen, aber die kühle Wissenschaft der Griechen jagt +die Nebel von dannen, und wir sehen hier bereits Spuren der späteren +reifen Erkenntnis auftauchen, die allerdings die Nebel der Zeit doch +wieder verhüllen. Nieder geht die Wissenschaft im alten Rom und dann +kommt das Mittelalter mit seinem tiefen Geistesschlaf, aus dem nur +einzelne Gipfel, in lichter Morgensonne leuchtend, ragen. Giordano +Bruno, der Dominikanermönch, schleudert mit mächtigem Schwunge die +Sonne als Stern unter Sternen hinaus in den eisigen Raum. Er büßt +auf dem Scheiterhaufen seine Verwegenheit, aber die Vielheit der +Welten ist einmal ausgesprochen und damit die Sonderstellung der Erde +erschüttert. Dann sitzt Galilei droben auf seiner Sternwarte und sieht +die Monde des Jupiter leuchten und schwingen, und er erkennt die Erde +als Sonnentrabant. +Eppur si muove+ -- und sie bewegt sich doch +-- so klingt das so bezeichnende, ihm zugeschriebene Wort, mit dem +er seine Hoffnungen begräbt, hinaus in die Weite. Dann aber kommen +Kepler, Kopernikus und Newton und mit ihnen die reine Mathematik, die +strenge Rechnerin, die ihre Netze über das All wirft, einzufangen und +zu berechnen, und so zu beweisen, was Denken und Forschen uns verriet. +Von da ab geht's aufwärts und immer aufwärts. Licht über Licht flutet +auf uns herein, und am Schluß stehen wir stolz vor dem Erreichten +und demütig vor dem Unerforschlichen, das wir mit Goethes Wort ruhig +verehren. + + + + + Was ist Elektrizität? + + Die Naturgeschichte eines Elektrons + + von Charles Gibson + + + Nach dem Englischen frei bearbeitet von =Hanns Günther= + + Mit zahlreichen Abbildungen + +Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinwand +gebunden M 1.80 + + [Illustration] + +Was ist Elektrizität? Eine inhaltschwere Frage liegt in diesem Titel, +eine Frage, an deren Lösung Jahrhunderte vergeblich gerätselt haben, +weil sie den Forschern immer wieder unter der Hand entglitt. Das +letzte Jahrzehnt, das beginnende 20. Jahrhundert erst hat die dunkle +Pforte soweit erschlossen, daß wir langsam Licht zu sehen beginnen, +wo vorher tiefer schwarzer Schatten war. Nach der heute geltenden +Theorie erscheint uns Elektrizität als das wechselvolle Spiel winzig +kleiner Teilchen, die man Elektronen nennt. Wie man sie fand, wie man +ihr Wesen erkannte, wie sie schaffen und wirken, um uns zu dienen und +zu helfen, das alles erzählt uns dieses kleine Bändchen -- läßt es uns +erzählen von einem Elektron selber, das aus der Schar seiner Genossen +erwählt ward, uns sichere Kunde zu bringen von jenem neuen großen +Reich. Die ganzen Wunder der Elektrik wachsen hier langsam vor unseren +Augen empor; erst groß und mächtig und überwältigend, daß wir sie kaum +erfassen können. Und dann plötzlich vertraut und verständlich, weil wir +hinter ihre Ursachen sehen. Es ist ein Buch, das Gegenstücke hat in der +Geschichte der Physik, ~aber es hat keine Vorläufer~, und darum +wird es jedem Neues und Gutes bringen. + + + + + Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge + +Anfänge und Urformen der menschlichen Wirtschaft u. Organisation + + Von =Dr. Karl Weule= + + Direktor des Museums für Völkerkunde und + :: Professor an der Universität zu Leipzig :: + + Mit zahlreichen Abbildungen + + Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen + gebunden M 1.80 + +Der »Kultur der Kulturlosen« und den »Kulturelementen« läßt +der bekannte Ethnolog in diesem dritten Bändchen seiner Serie +die Schilderung der Anfänge des menschlichen Wirtschafts- und +Gesellschaftslebens folgen. Auch hier führt er uns aus dem +Völkerleben der Vergangenheit und der Gegenwart eine solche Fülle +der eigenartigsten und interessantesten Erscheinungen vor, daß es, +wie immer, eine wahre Freude ist, unter der lebendigen Führung des +Gelehrten zu sehen, nein zu erleben, wie der Primitive sich seinen +Lebensunterhalt erkämpft, wie er anderseits des Lebens Annehmlichkeiten +nach seiner Weise genießt, wie er fast überall zu einem wirklichen +Handelsverkehr emporsteigt, zu dessen leichterer Abwicklung er sogar +die seltsamsten Geldsorten erfindet, und wie er endlich den Raum durch +bestimmte Verkehrsmittel zu besiegen gewußt hat. Noch fesselnder +sind die Ausblicke auf die so vielumstrittenen Ausgangsformen der +menschlichen Gesellschaft und deren Weiterbildung. + + + + + Kriechtiere und Lurche fremder Länder + + Von =Dr. Kurt Floericke= + + Mit zahlreichen Abbildungen + + [Illustration] + +Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen +gebunden M 1.80 + +Die Kenntnis weniger Tierklassen hat in den letzten beiden Jahrzehnten +so überraschende Fortschritte gemacht, wie diejenige der Kriechtiere +und Lurche, wozu nicht nur die Erschließung fremder Länder, sondern +namentlich auch das Erwachen und die überraschende Erstarkung der +Terrarienliebhaberei beigetragen hat. In der Tat ist ja auch die +bunte Fülle merkwürdiger oft geradezu abenteuerlich gestalteter +Formen im Reich der Kaltblütler ganz dazu angetan, das Interesse des +denkenden Naturfreundes in hohem Grade zu erregen. Dazu kommen noch die +absonderlichen Lebensgewohnheiten dieser Tiere, die sich namentlich bei +der Sorge für ihre Nachkommenschaft oft in ganz überraschender Weise +äußern. Die »Kosmos«-Mitglieder werden es daher mit Freuden begrüßen, +nunmehr auch über diese Tiergruppe aus der bewährten Feder Floerickes +eine alle wichtigen Punkte umfassende und die interessantesten +plastisch herausarbeitende Darstellung zu erhalten. + + + + + Die Erschaffung der Seele + + von =Dr. Adolf Koelsch= + + Mit zahlreichen Abbildungen + +Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen +gebunden M 1.80 + +Das lebende Wesen unterscheidet sich durch nichts so deutlich vom +toten unbelebten Stoff als durch die Fähigkeit, sich Eindrücke und +Erfahrungen einzuverleiben und so Empfindung und Gedächtnis, ~eine +Seele~ entstehen zu lassen. Alle die vielen Einflüsse, die die +Umwelt in jedem Augenblick auf uns ausübt, gehen nicht verloren -- +sie wirken in allem Lebendigen weiter, und nicht nur im einzelnen +Wesen, sondern in der langen Kette seiner Nachkommen. Dieses Tiefste +und Wunderbarste, ~die Erschaffung der Seele~ will das Büchlein +in klarer, einfacher Weise vorführen, gestützt auf ein reiches +Erfahrungsmaterial und zahllose Experimente. ~Das Geheimnis der +empfindenden Seele, die langsam erweckt wird und sich entfaltet, +das Geheimnis der Vererbung~ wird an der Hand zahlreicher +experimenteller Untersuchungen gezeigt. + + +Die Naturwissenschaft fördert die Fähigkeit des Menschen, das Leben zu +behaupten und sich Lebensgüter zu verschaffen! + + + + +Die Mitglieder des ~Kosmos~ haben bekanntlich nach Paragraph 5 III +das Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern +angebotenen Bücher zu ~einem Ausnahmepreis~ zu beziehen. Es +befinden sich u. a. darunter folgende Werke: + + + +--------+-------- + |Preis f.|Mit- + |Nicht- |glieder- + |mitgl. |preis + +--------+-------- + | M | M + Altpeter, ABC der Chemie | 2.40 | 1.-- + =Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.= Fein gebunden | 1.80 | 1.50 + =Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d. Niederjagd.= Geb.| 4.50 | 2.90 + Ewald, Mutter Natur erzählt | 4.80 | 3.60 + " Der Zweifüßler | 4.80 | 3.60 + Fabre, J. H., Sternhimmel | 4.80 | 3.60 + " =Bilder aus der Insektenwelt.= Geb. | 4.50 | 3.40 + " =Blick ins Käferleben.= Brosch. | 1.-- |--.50 + =Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.= Gebunden |10.-- | 8.40 + Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten | 3.60 | 2.80 + =Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.= Kart. | 4.50 | 1.70 + =Jahrbuch der Vogelkunde.= II. Jahrgang. 1908 | 2.80 | 2.-- + =Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.= Brosch. | 1.-- |--.50 + =Leben der Pflanze.= Bd. I, II, III, IV geb. je |15.-- |13.50 + =Lindemann, Die Erde.= Bd. I. Gebunden | 9.-- | 8.-- + =Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.= Geb. | 3.-- | 1.90 + =Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.= Gebunden |13.60 |12.20 + =Schrader, Liebesleben der Tiere.= Broschiert | 1.40 | 1.10 + =Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.= Geb. | 2.50 | 1.85 + " " =Die Reise ins Bienenland.= Geb. | 3.-- | 1.85 + =Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.= Geb. | 4.80 | 3.60 + " =Prärietiere und ihre Schicksale.= Fein gebunden | 4.80 | 3.60 + " =Tierhelden.= Fein gebunden | 4.80 | 3.60 + Wandtafeln zur Tierkunde: | | + =Reihe I, Reihe II= (mit je 4 Einzelbildern) roh je | 4.50 | 3.50 + auf Leinwand gezogen je | 7.50 | 5.80 + " " " u. mit Stäben versehen je | 8.50 | 6.50 + =Reihe I= Einzelbild 1, 2, 3, 4, | | + =Reihe II= Einzelbild 1, 2, 3, 4 | | + jedes Bild roh | 1.50 | 1.20 + " " " auf Leinwd. gez. | 3.-- | 2.20 + " " " " " " u. mit Stäben | 4.-- |10 + versehen | | + (Ausführliche Prospekte von der Geschäftsstelle.) | | + =Wurm, Waldgeheimnisse.= Gebunden | 4.80 | 3.60 + Monographien unserer Haustiere: Bd. I Schumann, | | + Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III | | + Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn à | 1.40 | 1.05 + und zahlreiche andere mehr. | | + + + + + Die ordentlichen Veröffentlichungen + +der früheren Jahre stehen neu eintretenden Mitgliedern, solange Vorrat, +zu Ausnahmepreisen zur Verfügung. + + +[Sidenote:: 1904:] + +(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.-- (Preis für Nichtmitglieder + M 5.--), geb. für M 6.20 (für Nichtmitglieder M 8.40): + + Bölsche, W., Abstammung des Menschen. + + Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltuntergang. + + Zell, Dr. Th., Ist das Tier unvernünftig? (Doppelband.) + + Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltschöpfung. + + +[Sidenote:: 1905:] + +(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.-- (Preis für Nichtmitglieder + M 5.--), geb. für M 6.75 (für Nichtmitglieder M 9.--): + + Bölsche, Wilhelm, Stammbaum der Tiere. + + Francé. R. H., Das Sinnesleben der Pflanzen. + + Zell, Dr. Th., Tierfabeln. + + Teichmann, Dr. E., Leben und Tod. + + Meyer Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Sonne und Sterne. + + +[Sidenote:: 1906:] + + ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden + für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80): + + =Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.= 1906: 12 Hefte (Preis für + Nichtmitglieder M 2.80). + + Francé, R. H., Liebesleben der Pflanzen. + + Meyer, Dr. M. Wilh., Rätsel d. Erdpole. + + Zell, Dr. Th., Streifzüge durch d. Tierwelt. + + Bölsche, Wilh., Im Steinkohlenwald. + + Ament, Dr. W., Die Seele des Kindes. + + +[Sidenote:: 1907:] + + ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden + für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80): + + =Kosmos, Wegweiser für Naturfreunde.= 1907: 12 Hefte (für + Nichtmitgl. M 2.80). + + Kuhlmann, Aus der Wunderwelt des Wassertropfens. + + Zell, Dr. Th., Straußenpolitik. + + Meyer, Dr. M. W., Kometen u. Meteore. + + Teichmann, Dr. E., Fortpflanzung und Zeugung. + + Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes. + + +[Sidenote:: 1908:] + +ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden +für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80): + + Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. + + Teichmann, Dr. E., Die Vererbung als erhaltende Macht im Flusse + organischen Geschehens. + + Sajó, Krieg u. Frieden im Ameisenstaat. + + Dekker, Naturgeschichte des Kindes. + + Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes. + + +[Sidenote:: 1909:] + + ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden + für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80): + + Unruh, Leben mit Tieren. + + Meyer, Dr. M. Wilh., Der Mond. + + Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. + + Floericke, Dr. K., Kriechtiere und Lurche Deutschlands. + + Bölsche, Wilh., Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium. + + +[Sidenote:: 1910:] + + ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden + für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80): + + Koelsch, Von Pflanzen zwischen Dorf und Trift. + + Dekker, Fühlen und Hören. + + Meyer, Welt der Planeten. + + Floericke, Säugetiere fremder Länder. + + Weule, Kultur der Kulturlosen. + + +[Sidenote:: 1911:] + + ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden + für M 7.55[2] (für Nichtmitglieder M 11.80): + + Koelsch, Durch Heide und Moor. + + Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken. + + Weule, Kulturelemente der Menschheit. + + Floericke, Vögel fremder Länder. + + Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. + + +Die sämtlichen noch vorhandenen Jahrgänge der Kosmos-Veröffentlichungen +(s. obige Zusammenstellung) liefern wir an Mitglieder: + + geheftet für M 31.50 (Preis für Nichtmitglieder M 56.80) + gebunden + (auch Handweiser) " " 52.50 ( " " " " 93.--) + +auch gegen kleine monatliche Ratenzahlungen. + + +FOOTNOTES: + +[1] Es liegt ein Mißverständnis vor, wenn Schillings (a. a. O. S. 239) +annimmt, ich behaupte, Giraffen könnten nicht ~riechen~. Sicherlich +könnten sie ebenso riechen wie der Mensch, aber beide vermögen nicht zu +~wittern~ wie der Hund und andere Nasentiere. + +[2] Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht sich der +Preis um 85 Pf. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 *** diff --git a/76968-h/76968-h.htm b/76968-h/76968-h.htm new file mode 100644 index 0000000..8ba6643 --- /dev/null +++ b/76968-h/76968-h.htm @@ -0,0 +1,4468 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Straußenpolitik | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + +div.frontmatter { page-break-before:always; + margin:auto; + max-width:35em; } + +h1,h2 {text-align: center; + clear: both;} + +h2,.s2 {font-size: 160%} +.s3 {font-size: 135%} +.s4 {font-size: 105%} +.s5 {font-size: 75%;} + +h1.title {font-size: 210%; + page-break-before: always; + font-weight: normal;} + +h2 { + padding-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +p.floatleft { + width: auto; + float: left; + text-indent: 0; + border: 1px solid; + margin-top: 0; + margin-right: 0.3em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +.padtop2 {padding-top: 2em;} +.padtop3 {padding-top: 3em;} + +.padbot2 {padding-bottom: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 47.5%; margin-right: 47.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +div.newpage { page-break-before: always } + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + width: 30em;} + +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right; + vertical-align: bottom } + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + +.hang p { + margin-left: 2em; + text-indent: -2em } + +.hang2 p { + margin-left: 4em; + text-indent: -2em } + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.antiqua {font-style: italic; } + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; } + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em; } + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.x-ebookmaker em.gesperrt { + font-family: sans-serif, serif; + font-size: 90%; + margin-right: 0;} + +.h3em {height: 1.0em; width: auto;} + +div.dc { + float: left; + margin: 0 1.5em 0 0; + line-height: 0.5;} + +.x-ebookmaker div.dc { + float: left; + margin:0 1.5em 0 0; + line-height: 0.5;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} + +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +.figleft { + float: left; + clear: left; + margin-left: 0; + margin-bottom: 1em; + margin-top: 1em; + margin-right: 1em; + padding: 0; + text-align: center;} + +.footnote {margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; + right: 84%; + text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: none;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +.illowe5 {width: 5em;} +.illowe15 {width: 15em;} +.illowe18 {width: 18em;} + +.illowp46 {width: 46%;} +.illowp48 {width: 48%;} + +/* Illustration classes (e-Books) */ +.x-ebookmaker .illowe5 {width: 10%; margin: auto 45%;} +.x-ebookmaker .illowe15 {width: 30%; margin: auto 35%;} +.x-ebookmaker .illowe18 {width: 36%; margin: auto 32%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<p class="s2 p2 center">Straußenpolitik<br> +<span class="s5">Neue Tierfabeln.</span></p> + +<figure class="figcenter padtop3 padbot2 illowe5" id="illu-001"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="s4 center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart.</p> +<p>Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und +damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen +in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. — Dieses Ziel +glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher +Literatur zu erreichen mittelst des</p> + +<p class="s3 center">Kosmos, Handweiser für Naturfreunde<br> +<span class="s5">Jährlich zwölf Hefte. Preis M 2.80;</span></p> + +<p class="p0">ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten +Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es +erscheinen im Vereinsjahr 1908:</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="center"><b>Meyer, Dr. M. Wilh., Erdbeben und Vulkane.</b><br> Reich illustriert. Geb. +M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p> + +<p class="center"><b>Dekker, Dr. Herm., Naturgeschichte des Kindes.</b><br> +Illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p> + +<p class="center"><b>Sajó, Prof. Dr. K., Krieg u. Frieden im Ameisenstaat.</b><br> +Reich illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p> + +<p class="center"><b>Teichmann, Dr. E., Vererbung als erhaltende Macht.</b><br> +Illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p> + +<p class="center"><b>Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes.</b><br> +Reich illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p> +</div> + +<p>Diese Veröffentlichungen sind durch <em class="gesperrt">alle Buchhandlungen</em> zu +beziehen, daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur +M 4.80) zum <b>Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde</b> (auch +nachträglich noch für die Jahre 1904/07 unter den gleichen günstigen +Bedingungen) entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der +erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)</p> +<p class="center">Geschäftsstelle des Kosmos: <b>Franckh'sche Verlagshandlung, +Stuttgart.</b></p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowp48" id="frontispiece" style="max-width: 40em;"> + <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt="frontispiece"> +</figure> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"><b>Straußenpolitik</b></h1> +<p class="s3 p2 center">Neue Tierfabeln</p> +<p class="s5 p2 center">von</p> +<p class="s3 p2 center">Dr. Th. Zell</p> + <hr class="r5"> +<p class="p4 center"><em class="gesperrt">Dreizehnte Auflage.</em></p> + +<figure class="figcenter padtop2 illowe5" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p4 center">Stuttgart</p> +<p class="center"><em class="gesperrt">Kosmos</em>, Gesellschaft der Naturfreunde<br></p> +<p class="center"><span class="s5">Geschäftsstelle:</span> Franckh'sche Verlagshandlung.</p> +</div> + +<div class="newpage"> +<p class="p4 center">Max Dethleffs Buchdruckerei.</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Vorwort</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_VII">VII</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Tiergestaltenverbesserer</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_1">  1</a></td> + +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Schämen sich manche Tiere?</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_8">  8</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_20">20</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die angebliche Nervosität der Tiere</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_27">27</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Gibt es Tiere, die sich spiegeln?</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Tiere als Heuchler</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Verstellungskünste bei Vogeleltern</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_53">53</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Straußenpolitik</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Wittern die Geier Tierleichen?</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_64">64</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die Schnepfe als angeblicher Mediziner</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Sichtotstellen als Rettungsmittel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen u. bei Tieren</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_76">76</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Anhang</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_81">81</a></td> +</tr> +</table> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_VII">[S. VII]</span></p> + +<h2>Vorwort.</h2> + +<p>Zu den vor zwei Jahren erschienenen Tierfabeln soll das vorliegende +Buch eine Fortsetzung bilden. Was ich dort im Vorwort sagte, gilt +auch hier: es sind nämlich nicht nur wirkliche Fabeln behandelt +worden, sondern auch solche Fälle, deren Unwahrheit noch nicht völlig +ausgemacht ist.</p> + +<p>Ich hoffe, daß auch die vorliegende Arbeit dazu beiträgt, weiteren +Kreisen Interesse für die meist so verkannte Tierwelt einzuflößen.</p> + +<p>Wegen der Zuschriften und Kritiken verweise ich auf den Anhang.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><em class="gesperrt">Berlin</em> <span class="antiqua">W.</span> 57, Ende Februar 1907.</p> + +<p class="s4 right"><b>Der Verfasser.</b></p><br> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + +<h2>Tiergestaltenverbesserer.</h2> + +<p>Obwohl jeder, der sich eingehend mit dem beschäftigt, was die uns +umgebende Natur an Tieren und Pflanzen geschaffen hat, m. E. beinahe +täglich einen neuen Grund zu größerer Bewunderung findet, so fehlt +es nicht an Leuten, die einen ganz entgegengesetzten Standpunkt +einnehmen. Fast mit einer gewissen Geringschätzung sprechen sie von +den geschaffenen Gebilden, die deutlich durchblicken läßt, sie selber +hätten die Sache viel zweckmäßiger gestaltet. Namentlich zwei Tiere +sind wegen ihrer angeblichen Unzweckmäßigkeit kritisiert worden, das +Nilpferd und die Giraffe. Da ich nirgends gelesen habe, daß diesen +tadelnden Urteilen widersprochen wäre, so sei es in nachstehendem +gestattet, den Beweis zu liefern, daß die Sache sich denn doch nicht so +einfach verhält, wie die gelehrten Herren Kritiker vermeinen.</p> + +<p>Ich halte es nämlich für einen der verhängnisvollsten Irrtümer, der +Natur ins Handwerk pfuschen zu wollen.</p> + +<p>Über das Nilpferd schreibt ein berühmter Philosophieprofessor +(<em class="gesperrt">Lotze</em>, im Mikrokosmus, 2. Aufl. Bd. 2 S. 77): Wir bewundern +die entsetzliche Stärke des Nilpferdes, aber in der Tat ist dies mehr +eine zerstörende als eine arbeitende, und wir würden in Verlegenheit +geraten, wenn wir entsprechend große Vorteile nachweisen sollten, +die dieses schwierig verwendbare Kapital dem Tiere selbst in seinen +natürlichen Lebensverhältnissen verschaffte.</p> + +<p>Hierauf ist folgendes zu erwidern. Wenn der Hippopotamus nach dem +Wunsche des Herrn Professors klein und zierlich gestaltet wäre, so +existierte kein einziges Exemplar heute mehr. Ob das ausgewachsene +Tier in seiner jetzigen Gestalt unter den Raubtieren Feinde hat, +darüber streiten die Afrikareisenden. <em class="gesperrt">Brehm</em> und andere +verweisen die Kämpfe zwischen Löwen und Flußpferden in das Reich +der Fabel, <em class="gesperrt">Bronsart von Schellendorf</em> will selbst ein totes +gesehen haben, das Wunden aufwies, die ihm ein Leopard, also ein viel +kleineres Raubtier als der Löwe, zugefügt hatte. Für die Ansicht<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> +<em class="gesperrt">Bronsarts</em> spricht der Umstand, daß die Nilpferde hauptsächlich +in der Nacht ihr heimisches Element verlassen und weiden gehen, ferner +daß die Eingeborenen versichern, es geschehe das aus Furcht vor einem +Überfalle durch Löwen und Leoparden. Allerdings könnte man wieder +einwenden, daß die beiden genannten Raubtiere mit Vorliebe in der Nacht +auf Raub ausgehen, doch scheint ein Anschleichen bei der nächtlichen +Stille schwieriger als am Tage zu sein. Überdies soll der Löwe zu +dieser Zeit sein Kommen regelmäßig durch Brüllen anzeigen.</p> + +<p>Wir können die Sache hier auf sich beruhen lassen, jedenfalls kann +nicht der geringste Zweifel bestehen, daß der junge Hippopotamus ohne +den Schutz der Mutter unfehlbar ein Opfer von großen Raubtieren, auch +von wilden Hunden usw. werden würde. Aber selbst in seinem heimischen +Element, wohin er sonst flüchten könnte, wäre er seines Lebens nicht +sicher, denn ein junges Nilpferd würde allein in Kürze ein Opfer eines +Krokodils werden. Dasselbe Schicksal würde ein ausgewachsenes Nilpferd +erleiden, wenn es, wie der Kritiker wünscht, nur klein und zierlich +wäre.</p> + +<p>Sieht man von diesen Feinden ab, so kommt noch ein anderer Umstand +hinzu, der ein kleines Nilpferd bei seiner Nahrungssuche gefährden +würde. Bei seinen Weidegängen ebenso wie bei seinen Wanderungen +nach anderen Flüssen und Seen stößt es in seiner Heimat häufig auf +undurchdringliches Dickicht. Wäre das Nilpferd etwa von der Größe eines +Hundes, so wäre es schlimmer daran als ein Mensch, der wenigstens +mit Werkzeugen sich mühsam einen Weg bahnen kann. Gerade aber durch +die Wucht ihres kolossalen Leibes können Elefanten, Nashörner, +Kafferbüffel und ebenso auch unsere Nilpferde schnurgerade Wege oder +Tunnels durch das dichteste Gestrüpp brechen. Dadurch werden sie zu +Wohltätern für die Menschen, indem diese ihre Straßen gern benutzen. +Die Afrikareisenden, namentlich v. <em class="gesperrt">Wißmann</em>, heben diesen Umstand +besonders hervor.</p> + +<p>Ich glaube hiernach bewiesen zu haben, daß es vorläufig doch besser +ist, wir überlassen die Schöpfung der Flußpferde der Natur und nicht +unseren Gelehrten.</p> + +<p>Auch den Elefanten hielt derselbe Professor für zu groß, doch brauchen +wir hierauf nicht näher einzugehen,<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> da alles, was vom Nilpferd gesagt +ist, auch für das Rüsseltier zutrifft.</p> + +<p>Was die Giraffe betrifft, so hat ein Kritiker (<em class="gesperrt">Wolfgang +Kirchbach</em>, im Zeitgeist 1902, Nr. 24) folgendes an ihr auszusetzen +gehabt. Er betrachtete nämlich mit seinem Freunde die beiden Giraffen +im Berliner Zoologischen Garten und sah, wie diese Tiere Heu fraßen, +ferner, daß sie die Beine grätschen müssen, um frisches Gras vom Boden +aufzunehmen. Er folgerte hieraus, daß der Hals dieser Tiere nicht zu +lang, sondern vielmehr die Beine zu hoch geraten seien, oder daß der +Rücken zu kurz sei. Indem er die Anpassungstheorie verwirft, setzt er +seinem Freunde seine Theorie über die Giraffe auseinander, von der ich +die markantesten Stellen in nachstehendem anführe. »Sie sehen, daß +jedes Tier, Pferd, Ochse, Esel, alle vierfüßig laufenden Tiere zunächst +so organisiert sind, daß sie mit dem Maul die Erde unter sich und mit +ihren schlanken Affenhänden, Elefantenrüsseln und anderen Gliedmaßen +auch Nahrung bis zu einer gewissen Höhe über sich erlangen können. +Klettertiere wie Eichhörnchen und Affen kommen in diesem Verhältnis +am höchsten. Unter ihnen zeichnen sich die Einhufer und Zweihufer +durch Hälse aus, die so lang sind, daß sie trotz einer beträchtlichen +Höhe des Rückgrats vom Boden doch auch, ohne die stehende Stellung, +den Wandergang zu verlassen, den Boden abweiden können. Ein ganz +bestimmtes Verhältnis der Halslänge zur Höhe der Vorderbeine und +bis an die Schlüsselbeine ergibt sich daraus. So ist das Pferd zwar +langhalsig, aber sein Hals ist nicht zu lang, sondern gerade lang +genug, um den Boden zum Abweiden mit dem Maule zu erreichen; eine große +Bequemlichkeit für diese Weidetiere, daß sie nicht erst niederzuknieen +brauchen und mitten im Weiden, ohne zeitraubendes Aufspringen, auch +gleich weiterlaufen können. Nun betrachten Sie die Giraffe! Ihr Hals +ist eher etwas zu kurz geraten im Verhältnis zu ihren hohen Beinen, und +wenn wir etwas an ihr zu lang fänden, so müßten wir uns zuerst fragen: +Warum sind diese Beine so lang? Bei genauerer Betrachtung stellt +sich heraus, daß der Giraffenhals im Verhältnis zur Größe des ganzen +Tieres durchaus nur der Länge eines Pferdehalses entspricht. Soweit +er, nach unten gebogen, zu kurz scheint, ist in<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> Erwägung zu ziehen, +daß er gerade lang genug ist, um höher gewachsenes Gras, wie es in den +Verbreitungsgebieten der Giraffe wächst, bequem zu erreichen. Wenn sie, +um ganz kurzes Gras zu erreichen, die Beine etwas breit stellen muß, so +ist das für die Erwerbung anatomischer Eigentümlichkeiten im Kampfe ums +Dasein ein schlechtes Zeugnis, denn eigentlich müßten ihre Beine dafür +allmählich durch Anpassung etwas kürzer geworden sein. Das ist ihnen +aber gar nicht eingefallen.« Weiter heißt es:</p> + +<p>»Wie wollen Sie also, mein Herr, behaupten, die Giraffe habe ihren +allzu langen Hals durch ›Anpassung‹ im <em class="gesperrt">Lamarck-Darwinschen</em> +Sinne erhalten in Anbetracht der hohen Bäume, während ihr Hals +einfach zu kurz ist? Und sie frißt ja Gras, mein Herr, es fällt der +Giraffe gar nicht ein, nur vom Laube zu hoher Bäume zu leben; der +Kampf um Erhaltung und Nahrung weist sie gar nicht darauf an, das +Laub von Bäumen abzufressen. Womit ich Ihnen das beweise, mein Herr? +Eben mit diesen beiden schönen Berliner Giraffen vor uns. Hier in +diesem Antilopenhaus ist weder die berühmte Palme noch eine <span class="antiqua">Acacia +giraffae</span> noch sonst ein Baum, den diese Giraffen abweiden, sie +leben seit Jahren von Heu, Gras und anderen Futterdingen, welche +in Ermangelung edler Giraffenbäume die Direktion des Zoologischen +Gartens in hochherziger Weise diesen afrikanischen Persönlichkeiten +zur Verfügung stellt. Daraus erkennen Sie klar, daß die Blätter +hoher Bäume, besonders der Akazie, für besagte Giraffen nur eine +gelegentliche Delikatesse sind, wie für jedes Pferd die Blätter vieler +Bäume auch. Die Giraffen haben ihre langen Beine und Hälse nicht, weil +sie genötigt sind, von hohen Bäumen zu fressen, sondern sie fressen +davon, weil sie zufällig so lange Vorderbeine und Hälse haben, genau +wie der Elefant mit seinem Rüssel sich auch aus beträchtlicher Höhe die +schönsten Früchte bricht.«</p> + +<p>Diese Deduktion hört sich sehr gelehrt an, basiert aber völlig auf +Irrtum. Dabei wollen wir die Berechtigung oder Nichtberechtigung der +Anpassungstheorie an dieser Stelle ganz auf sich beruhen lassen. Dem +Kritiker genügt es, daß er Giraffen Heu fressen sieht, und sofort +steht es für ihn fest, daß Baumlaub nur Leckerbissen für<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> sie sind. +Jeder Tierbeobachter weiß, daß sich Tiere in der Gefangenschaft +an Dinge gewöhnen, deren ausschließlicher Genuß auf die Dauer +ihren Tod herbeiführt. Gefangene Gemsen fressen ebenfalls unser +gewöhnliches Gras, gehen dafür aber auch bald ein, weil ihnen die +trockenen Alpenkräuter fehlen. Ausführlich hat sich über diesen Punkt +<em class="gesperrt">Girtanner</em> ausgesprochen (Der Zoologische Garten, Bd. 21, S. 1) +und nachgewiesen, daß nur die unzweckmäßige Ernährung die Schuld daran +trägt, wenn gefangene Gemsen so bald eingehen. Reicht man dagegen +unserer europäischen Antilope Wildheu und namentlich Baumlaub, so kann +man sie jahrelang in vorzüglichem Zustande erhalten. Es heißt bei ihm: +»Für Gemsen in zoologischen Gärten des Tieflandes wäre heutzutage mit +nicht allzuhohen Spesen Wildheu, wie es die Gemse liebt, in großen +Quantitäten per Eisenbahn leicht zu verschaffen. Man muß dieses kurze, +feine, mit seinem starken würzigen Geruch weithin duftende Heu nur +kennen, um leicht zu begreifen, wie sehr die Gemse, weit von den Bergen +entfernt, anders danach schnuppert und sich streckt, als nach dem +schwachen geruchlosen Gewächs der Ebene. — Nur neben dem im Winter als +Hauptsache verfütterten Heu dürfen ohne Nachteil Küchenabfälle, Kohl, +Salat, Kartoffelhäute, Rüben usw. und nur in ganz kleinen Quantitäten +gereicht werden, sind aber bei leichtesten Darmkatarrh-Erscheinungen +auf längere Zeit zu entziehen. Werden sie hingegen, wie oft zu sehen, +der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit halber und gewöhnlich erst noch +als einzige Abwechselung mit dem schädlichen, besonders jungen Gras +gebraucht, so geht die Gemse den Weg alles Fleisches, nachdem zuerst +das Fleisch in erstaunlich kurzer Zeit von der Gemse gegangen ist.«</p> + +<p>Kühe kann man mit Fischen füttern, wir hatten einen Hund, der Obst fraß +usw. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die Rinder Fleischfresser +und die Hunde Vegetarier sind. Daß es in zoologischen Gärten so wenige +Giraffen gibt, liegt nicht bloß an der Seltenheit der Tiere, sondern +vornehmlich daran, daß gerade die Nahrung zu wünschen übrig läßt.</p> + +<p>Wir haben noch ein anderes und zwar heimisches Tier, das ebenfalls +Baumzweige und Blätter frißt, ich meine das Elentier. Obwohl es bei +uns noch in Ostpreußen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> vorkommt, können sich gewiß nur wenige Leser +entsinnen, jemals in einem zoologischen Garten ein Exemplar dieses +Tieres gesehen zu haben. Hören wir, welchen Grund <em class="gesperrt">Brehm</em>, der +doch gewiß eine unbestrittene Autorität auf diesem Gebiete ist, +hierüber sagt: »Leider ertragen die nach Europa gebrachten Giraffen +die Gefangenschaft nur bei bester Pflege längere Zeit. Die meisten +gehen an einem eigentümlichen Knochenleiden zugrunde, welches man +›Giraffenkrankheit‹ genannt hat. Ursachen der letzteren dürften Mangel +an Bewegung und ungeeignete Nahrung sein. Nach den Erfahrungen, welche +ich an Elchen gemacht habe, glaube ich, daß namentlich Gerbsäure dem +Giraffenfutter zugesetzt werden muß, um ihr Wohlbefinden zu fördern; +denn gerade die Mimosenblätter sind besonders reich an diesem Stoffe.«</p> + +<p>Baumlaub ist also für die Giraffen kein Leckerbissen, sondern etwas +Unentbehrliches. Schillings hat bei seinen zahlreichen Beobachtungen +überhaupt niemals gesehen, daß die Giraffe freiwillig Gras frißt. (Mit +Blitzlicht und Büchse S. 231.)</p> + +<p>Zur Erreichung des auf dem Baume wachsenden Futters braucht die Giraffe +ihren langen Hals und hohe Beine. — Ja, wäre es denn nun nicht besser, +die Giraffe hätte kürzere Beine oder einen längeren Rücken, damit sie, +ohne die Beine zu grätschen, bequem wie ein Pferd oder ein Rind grasen +könnte? Darauf kann man nur mit einem entschiedenen Nein antworten.</p> + +<p>Angenommen, die Giraffe könnte bequem grasen und Baumlaub wäre für ihre +Gesundheit nicht notwendig — was ja leicht denkbar wäre — so ergäben +sich folgende Konsequenzen.</p> + +<p>In ihrer Heimat gibt es zahllose Antilopen-, Zebra-, Straußenherden, +die alle auf Grasnahrung angewiesen sind. Grasten die Giraffen, so +würden sie natürlich den Tieren, die Baumlaub nicht erreichen können, +vielfach die unentbehrliche Nahrung fortfressen.</p> + +<p>Ferner sei folgendes bemerkt: Die Giraffe ist eines der größten Tiere +und wird von ihren Feinden, namentlich von Menschen und Löwen, schon +aus weitester Ferne gesehen. Besonders würde das der Fall sein, wenn +sie auf freier Ebene graste. Die Bäume dagegen gewähren ihr einen +Schutz, der nicht hoch genug anzuschlagen ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<p>Wir wollen über diesen Punkt <em class="gesperrt">v. Wißmanns</em> Ansicht hören. In +seinen afrikanischen Jagderlebnissen heißt es: Diesmal traf ich das +wundervolle Wild in einem lichten Hochwald, der aus Bäumen bestand, die +ich noch nicht gesehen hatte — ganz helle, ebenfalls fleckige Stämme, +die der Giraffe durch gleiche Färbung denselben Schutz gewähren wie +Mimosenwälder.</p> + +<p>Ferner kommt folgendes in Betracht.</p> + +<p>In die weiten wasserarmen Wildnisse, welche die Giraffe bevorzugt, +kommen Europäer äußerst selten, und diese Gelände sind nicht offene, +weit übersichtliche Steppen, sondern lichte, weite, meist aus Akazien +bestehende Wälder, die der Giraffe Äsung bieten und die sie dem Auge +verbergen. Es gehört schon Übung dazu, sie zwischen den gefleckten +Akazienstämmen und anderen, meist hell gefärbten Bäumen herauszufinden, +wenn sie sich nicht bewegt.</p> + +<p>Schließlich noch eins. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« +habe ich ausführlich dargetan, daß alle Geschöpfe mit guten Augen +— wie auch der Mensch — nicht wittern können, also z. B. Affen, +Vögel, daß umgekehrt alle feinnasigen Tiere wie Hunde, Hirsche usw. +schlecht sehen können. Die Giraffe gehört zu der ersten Klasse; wie +schon ihr wundervolles Auge anzeigt, kann sie ausgezeichnet sehen, +vermag aber nicht zu wittern.<a id="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Das kann man z. B. daraus deutlich +erkennen, daß sie Damen die künstlichen Blumen vom Hute genommen hat, +was kein feinnasiges Tier jemals tun würde. Jetzt, wo es nach dem +Wunsche der Natur geht, holt sie ihr Futter von hohen Bäumen und hat +während des Fressens von ihrer turmartigen Höhe einen unendlich weiten +Gesichtskreis. Ginge es nach dem Herrn Kritiker, so weidete sie, hätte +ihren Kopf zur Erde geneigt und könnte naturgemäß unendlich leichter +beschlichen werden.</p> + +<p>Auch hier wollen wir uns auf <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> berufen. Er sagt darüber +folgendes: Schwierig ist die Jagd auf dieses Wild, denn die enorme +Höhe des Lichtes über dem Boden erlaubt ihm nicht nur einen weiten +Umblick, sondern auch Einblick in niedrige Dickungen, die sein Feind<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> +zum Anschleichen benutzt. — Das Auge ist nicht allein der schönste +Schmuck der Giraffe, sondern auch ihr schärfster Sinn, ihre beste Waffe +im Kampfe ums Dasein.</p> + +<p>Also vorläufig wollen wir Nilpferde und Giraffen lieber so lassen, wie +sie geschaffen sind, und sie nicht nach den Wünschen mehr oder weniger +gelehrter Kritiker ummodeln.</p> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">[1]</a> Es liegt ein Mißverständnis vor, wenn Schillings (a. a. O. +S. 239) annimmt, ich behaupte, Giraffen könnten nicht <em class="gesperrt">riechen</em>. +Sicherlich könnten sie ebenso riechen wie der Mensch, aber beide +vermögen nicht zu <em class="gesperrt">wittern</em> wie der Hund und andere Nasentiere.</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Schamen_sich_manche_Tiere">Schämen sich manche Tiere?</h2> +</div> + +<p>Die meisten Menschen werden die Frage, ob Tiere sich schämen können, +entschieden bejahen. Sie werden darauf hinweisen, daß bei Jägern, die +doch in gewissem Sinne die besten Hundekenner sind, die wenigstens am +meisten Gelegenheit haben, die Seele dieses anhänglichen Vierfüßlers zu +beobachten, Redensarten wie: »Pfui, Hekter, schämst du dich gar nicht!« +etwas ganz Alltägliches sind. Auch <em class="gesperrt">Darwin</em> und <em class="gesperrt">Perty</em> +nehmen an, daß hochentwickelte Tiere Scham besitzen. Trotzdem will es +mir scheinen, daß diese Annahme auf sehr schwachen Füßen steht, und ich +möchte in nachstehendem meine Ansicht näher begründen.</p> + +<p>Zunächst ist es einleuchtend, daß man Scham nicht mit Schuldbewußtsein +verwechseln darf. Daß das letztgenannte hochentwickelte Tiere besitzen, +davon bin ich überzeugt, und ich werde dafür später einige Beispiele +anführen. Ein Verbrecher kann sehr wohl wissen, daß er Unrecht begeht, +braucht sich deswegen aber noch lange nicht zu schämen. Ebenso ist +Ärger und Scham zweierlei; es ist ärgerlich, wenn man als armer Teufel +geboren ist, aber man braucht sich dessen nicht zu schämen. Wenn man +es trotzdem tut, so liegt falsche Scham vor, denn Voraussetzung einer +jeden wahren Scham ist immer der Gedanke, daß man es anders oder +besser hätte machen oder unterlassen können. In meinem Buche: »Ist das +Tier unvernünftig?« habe ich darauf hingewiesen, daß wir den Tieren +kein Gefühl unterschieben sollen, das wir nicht bei Naturvölkern +und Kindern antreffen. Nun ist es sicherlich bei den Naturvölkern +recht zweifelhaft, ob der Begriff der Scham in unserem Sinne bei +ihnen vorhanden ist. Kinder lernen jedenfalls das wirkliche Schämen +verhältnismäßig spät, weil es etwas künstlich Anerzogenes ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<p>Wenn mein Hund gegen das Verbot auf dem Sofa gelegen oder genascht hat, +und ich rufe ihm zu: »Aber pfui, was hast du getan?« so gewährt er das +bekannte Bild, daß er sich furchtsam niederkauert und, mit dem Schwanze +wedelnd, mich bittend ansieht. Ist das nun Scham, oder ist es Angst vor +Schlägen? Das letzte ist zunächst das Wahrscheinliche.</p> + +<p>Ähnliche Fälle sind folgende. Hunde, z. B. Pudel, denen der hintere +Teil des Körpers geschoren ist, pflegen diese Partie gern zu +verstecken. Es heißt dann allgemein: Seht, wie der Hund sich schämt! +In Wirklichkeit dürfte der Hund frieren und sich vor Kälte zu schützen +suchen.</p> + +<p>Bekannt ist es ferner, daß Hirsche, die ihr Geweih abgeworfen haben, +sich selten sehen lassen, sich vielmehr im dichtesten Gestrüpp +aufhalten. Viele nehmen auch hier an, der König der Wälder schäme sich, +sich ohne seine Krone in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viel näher und +begründeter ist die Ansicht, daß das Tier sich infolge seiner geringen +Wehrhaftigkeit nicht so sicher fühlt wie sonst und deshalb Verstecke +bevorzugt.</p> + +<p>Für die Annahme, daß Tiere sich schämen, werden mit Vorliebe gewisse +Handlungsweisen der großen Raubtierarten, insbesondere der Löwen +angeführt. Es ist in unzähligen Fällen beobachtet worden, daß speziell +die Katzenarten nach einem Fehlsprunge das beschlichene Wild nicht +weiter verfolgen. Auch hier war man mit dem Urteile schnell bei der +Hand. Der König der Tiere schämt sich, daß er den Sprung nicht richtig +bemessen hat. Auch in diesem Falle liegt ein großer Irrtum vor, wie +sich aus dem folgenden ergeben wird. Ich habe in meinem Buche eingehend +dargetan, daß man zwischen Lauf- und Schleichraubtieren unterscheiden +muß. Zu den erstgenannten gehören die Hundearten, zu den zweitgenannten +die Katzen. Die Schleichraubtiere sind fast alle Kletterer, aber keine +ausdauernden Läufer. Umgekehrt sind die Laufraubtiere vorzügliche +Läufer, aber keine Kletterer. Der Löwe gehört zu den Katzen, und als +solcher kann er einen schnellfüßigen Pflanzenfresser durch ausdauerndes +Laufen nicht einholen. Es wären wohl alle Antilopenarten ausgerottet, +wenn sie von den großen Katzen nicht nur beschlichen werden könnten, +sondern — falls sie sich vor einer Überlistung durch ihre Vorsicht +bewahrt hatten — nicht einmal fähig<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> wären, sich durch die Flucht +zu retten. Daß der Löwe bei einem Fehlsprunge nur deshalb nicht +an Verfolgung denkt, weil er nicht so schnellfüßig ist, wie das +beschlichene Tier, ersieht man daraus, daß er unter Umständen nochmals +springt. Es kommt nämlich manchmal vor, daß das verfolgte Tier einen +Weg einschlagen muß, der eine Krümmung aufweist, z. B. weil er durch +eine gewundene Schlucht führt. Dann schneidet der Löwe die Krümmung ab +und versucht den Sprung nochmals. Denn durch den kürzeren Weg besteht +naturgemäß für ihn die Möglichkeit, ein Geschöpf einzuholen, obwohl es +ihm an Schnelligkeit überlegen ist.</p> + +<p>Der ausgezeichnete Tierbeobachter <em class="gesperrt">Loewis</em> erzählt von seinem +zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem +Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes:</p> + +<p>»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. +Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, +das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit +einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein +Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. +Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke +gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem +Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen +Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei +der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, +und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen +mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf +welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder +Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn +alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind +untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten +Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen +Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in +jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch +die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden +an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> +konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.«</p> + +<p>Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch +ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend +gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei +nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst +unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im +allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut +ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein +Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre +folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine +Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das +laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen +heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung — allerdings +daneben — und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch +nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut, +so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man, +daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie <em class="gesperrt">Loewis</em> +berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf +dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll, +wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube +ich nimmermehr.</p> + +<p>Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend. +Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans +oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr +bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß +zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich +nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie +Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt.</p> + +<p>Ich möchte nur daran erinnern, daß auch Menschen in neuen, ihnen +ungewohnten Verhältnissen in ähnlicher Weise handeln. So las ich von +einem deutschen Jäger folgendes Erlebnis aus Südrußland. Er war mit +seinem Hunde, den er an der Leine führte, auf die Jagd gegangen. +Unerwartet kamen ihm plötzlich Trappen zu Schuß,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> die sonst wegen +ihrer Scheuheit schwer zu beschleichen sind. Er legte auf einen Hahn +an, fehlte ihn jedoch. Ärgerlich über sein Mißgeschick erzählte er +später seinem Wirt sein Erlebnis. Dieser fragte ihn, warum er denn +nicht seinen Hund auf die Trappen losgelassen hätte? Der Deutsche +sah ihn ganz erstaunt an, denn Trappen können bekanntlich, wenn sie +auch vorher einen Anlauf nehmen müssen, ganz gut fliegen. Sein Wirt +setzte ihm auseinander, daß bei der herrschenden Witterung — es war +gerade Rauhreif gefallen — Trappen nicht fliegen können und von einem +schnellen Hunde leicht eingeholt werden.</p> + +<p>Hier hat also der deutsche Jäger genau so wie der Luchs gehandelt. +Beide waren ärgerlich und verstimmt über ihr Mißgeschick und beide +dachten nicht daran, daß sie nachträglich noch zu einer Beute gelangen +konnten, denn in den bisherigen, ihnen bekannten Verhältnissen war eine +solche Möglichkeit ausgeschlossen.</p> + +<p>Wenn ich somit bezweifle, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so +gehen m. E. diejenigen zu weit, die ihnen das Ehrgefühl und namentlich +das Schuldbewußtsein absprechen. Ich bin vielmehr davon durchdrungen, +daß manche hochorganisierten Tiere solches besitzen. Da gewöhnlich das +Vorhandensein eines Schuldbewußtseins bei Tieren bestritten wird, so +möchte ich hierfür einige Beispiele anführen.</p> + +<p>Der Hund einer meiner Tanten z. B. ist durchaus kein besonders kluges +Tier, aber ein Schuldbewußtsein kann man ziemlich häufig bei ihm +feststellen. So soll er sich nicht auf den besten Teppich legen, was +er mit Vorliebe tut, da er am dichtesten und wärmsten ist. Gewöhnlich +klimpert er mit seiner Hundemarke und einem Schlüssel, die beide an +seinem Halsbande hängen, so laut wie ein Schäfchen mit einem Glöckchen, +schleicht er sich aber zu dem gedachten Teppich, so weiß er so zu +gehen, daß er nicht das geringste Geräusch erregt.</p> + +<p>Noch drastischer sind folgende Fälle. <em class="gesperrt">Milne Edwards</em> erzählt, +daß ein Haushund, der sehr blutdürstig war und Schafe erwürgte, alle +Nächte an die Kette gelegt wurde. Er vermochte aber sein Halsband über +den Kopf abzustreifen, worauf er aufs Feld lief, ein Schaf erwürgte, +dann aber regelmäßig nach einem Bache lief, um den blutigen Rachen +abzuwaschen. Hierauf eilte er<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> vor Tagesanbruch auf den Hof zurück, wo +er mühsam den Kopf durch das Halsband zwängte und dann sich schlafen +legte, damit man nicht in ihm den Verbrecher entdeckte. — Ein Hund in +Berlin hatte besondere Neigung, im nahen Garten sein Wesen zu treiben, +obwohl ihm verboten war, dorthin zu gehen. Er ging oft frühmorgens auf +einem Umwege durch den Keller dahin; wurde er gerufen, so kam er nicht +durch die Gartentüre herbei, sondern schlich durch den Keller nach +seiner Hütte und aus derselben ganz langsam hervor, als wenn er eben +erst vom Lager aufgestanden wäre.</p> + +<p>Selbst Ziegen haben ein sehr feines Gefühl für Recht und Unrecht. +<em class="gesperrt">Brehm</em> erzählt von den Ziegen seiner Mutter folgendes: Meine +Mutter hält Ziegen und achtet sie hoch, ist deshalb auch um ihre +Abwartung sehr besorgt. Sie kann sofort erfahren, ob ihre Pfleglinge +sich befriedigt fühlen oder nicht; denn sie braucht nur zum Fenster +heraus zu fragen, so erhält sie die richtige Antwort. Vernehmen +die Ziegen die Stimme ihrer Gebieterin und fühlen sie irgendwie +sich vernachlässigt, so schreien sie laut auf, im entgegengesetzten +Falle schweigen sie still. Genau so benehmen sie sich, falls sie +unrechtmäßigerweise gezüchtigt werden. Wenn sie einmal in den Garten +geraten und dort mit ein paar Peitschenhieben von den Blumenbeeten oder +Obstbäumen weggetrieben werden, vernimmt man keinen Laut von ihnen; +wenn aber die Magd im Stalle ihnen einen Schlag gibt, schreien sie +jämmerlich.</p> + +<p>Am überzeugendsten aber dürfte der Fall sein, den <em class="gesperrt">Schomburgk</em> +mitteilt und den <em class="gesperrt">Brehm</em> wiedergibt: In der tierkundlichen +Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit +zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfige gehalten. Eines Tages +griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung +seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen +Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für +die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das +Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern +auch eine Schlagader schwer verletzte und dem Manne ein längeres +Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war, +verurteilte ich den Schuldigen<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> zum Tode, und früh am folgenden Morgen +nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich +muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht +werden, um Katzen, Ratten usw. zu vertilgen; die Affen haben sich daran +so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns +derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfige +sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig +auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter +Eile in den Schlafkäfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und +Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter +wurde gebracht: er sah, was er früher nie getan hatte, ruhig zu, daß +die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte, +und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfige +zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte, +kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem +Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort +zu verzehren. Nachdem er zum zweitenmal herausgekommen war, um sich +ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Tür seines Zufluchtsortes +rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den +Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß +er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Tür +des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang, +stürmte er durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu +entwischen, und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend, +am ganzen Leibe zitternd, auf den Boden nieder und ergab sich in das +Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten +keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach.</p> + +<p>Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes +Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden.</p> + +<p>Muß man somit bezweifeln, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so +kann man ihnen doch nicht gut das Schuldbewußtsein absprechen.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Respekt_der_Raubtiere_vor_den_Menschen">Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen.</h2> +</div> + +<p>Von jeher hat es der Mensch geliebt, das an sich seltsame Verhalten +mancher Tiere dadurch zu erklären, daß er ihnen edelmütige oder +ähnliche sympathische Beweggründe unterlegte. Beispiele hierfür können +wir schon bei den Alten ausfindig machen.</p> + +<p>So erzählt uns <em class="gesperrt">Plutarch</em>, Herkules habe immer eine große Freude +gehabt, wenn er bei seinen Unternehmungen einen Geier gesehen, weil er +die Gerechtigkeit dieses Vogels bewunderte, indem derselbe, obgleich +von Fleisch lebend, doch kein lebendiges Tier anfällt.</p> + +<p>Teilen wir heute etwa noch die Ansicht des alten Helden und halten den +Geier für einen gerechten Vogel? Gewiß nicht! Wir sind der Meinung, daß +der Geier wie die Hyäne deshalb Aas fressen, weil es für sie bequemer +ist. Ferner sind sie beide nicht gewandt und schnell genug, um sich nur +von lebenden Tieren zu ernähren. Nicht die Gerechtigkeit, sondern das +<span class="antiqua">Non possumus</span> ist also der wahre Grund.</p> + +<p>Ähnlich schreibt <em class="gesperrt">Älian</em>: Der Adler wird oft von Raben gefoppt, +verachtet sie aber, fliegt hoch durch die Lüfte und überläßt ihnen die +Tiefe; das tut er nicht aus Furcht, sondern aus eigentümlichem Edelmut.</p> + +<p>Auch hier müssen wir zu dieser Erklärung ein großes Fragezeichen +machen. Der wahre Grund ist vielmehr der, wie schon <em class="gesperrt">Lenz</em> mit +Recht betont, daß die von Raben, Schwalben, Bachstelzen geneckten +Raubvögel nicht aus Edelmut forteilen, sondern weil sie wissen, daß da +keine Beute zu hoffen ist, wo der schreiende Schwarm die übrigen Tiere +warnt.</p> + +<p>Es ist auch nicht Kühnheit der Schwalbe, wie man annimmt, wenn sie mit +Hohngeschrei die meisten Raubvögel umschwirrt, sondern das Gefühl der +Sicherheit, schneller als der verspottete Räuber fliegen zu können. Das +sieht man recht deutlich daran, daß sie ein Angstgeschrei erhebt und +Reißaus nimmt — zum Beispiel sich in das Schilf stürzt —, sobald der +Baumfalk sich blicken läßt, weil dieser eben schneller als die Schwalbe +fliegt.</p> + +<p>Edelmut nimmt man auch bei den Edelfalken an, um zu erklären, weshalb +sich diese eine geschlagene Beute von so elenden Schmarotzern wie +den Milanen abnehmen<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> lassen. Eine Glucke verteidigt sich gegen den +Gabelweih — sagt <em class="gesperrt">Naumann</em> — aber der Wanderfalk gibt ihm die +Beute heraus.</p> + +<p>Sollte auch hier wieder der Edelmut nicht nur in unserer Phantasie +existieren? Dürfte sich die Sache nicht etwas anders verhalten? Daß der +Wanderfalk keine Beute vom Erdboden nimmt, wissen wir, aber wir nehmen +mit Recht an, daß er nicht aus Edelmut ein sitzendes Tier verschont, +sondern wir vermuten ganz richtig, daß er wegen seiner rasenden +Schnelligkeit Gefahr liefe, zu zerschellen. Deshalb raubt er nur +fliegende Vögel. Ist doch vor ein paar Jahren selbst in Berlin einem +Habicht, der doch nicht so schnell fliegt, folgendes passiert: Bei der +Verfolgung einer wilden Ente stieß er so heftig auf die Herkulesbrücke, +daß ihn ein Passant mit leichter Mühe fangen konnte.</p> + +<p>Bedenkt man nun, daß alle schnellfliegenden Vögel auf dem Boden +regelmäßig sehr unbeholfen sind — der Mauersegler, dieser +unübertreffliche Flieger, kann wegen seiner langen Flügel vom Erdboden +sich kaum erheben —, daß aus diesem Grunde als Sitz stets ein Baum +oder ein Ort, der das Abfliegen erleichtert, bevorzugt wird, so wird +die Nachgiebigkeit des Wanderfalken wahrscheinlich ihren Grund darin +haben, daß er auf der Erde als einem ihm fremden Element große Mühe +hätte, die Gabelweihe abzuwehren. Deshalb kalkuliert er mit Recht: Bei +meiner Gewandtheit im Erbeuten ist es praktischer für mich, mir ein +neues Opfer zu holen, als es auf einen ungewissen Streit ankommen zu +lassen.</p> + +<p>Nach diesen Beispielen möchte ich auf das eigentliche Thema zu sprechen +kommen und auseinandersetzen, daß ich zwar ohne weiteres zugebe, daß +die Raubtiere vor dem Menschen Respekt haben, aber nicht recht daran +glaube, daß der Grund darin liege, weil die Tiere in dem Menschen ein +höheres Wesen erkennen.</p> + +<p>Schon die Alten haben ähnliche Gedanken geäußert. So schreibt +<em class="gesperrt">Plinius</em> folgendes: Bemerkt der Elefant den Fußtritt eines +Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert, +blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht, +sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem +nächsten usw., worauf die Herde sich schwenkt und in Schlachtordnung<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> +aufmarschiert. So soll auch die grimmige Tigerin, die keinem Tiere +weicht und selbst die Spuren des Elefanten verachtet, ihre Jungen in +Sicherheit bringen, sobald sie die Spur eines Menschen erblickt. Wie +erkennen sie die Spuren des Menschen? Wo haben sie ihn je gesehen, +da jene Wildnisse von ihm so selten betreten werden? Woher wissen +Elefanten und Tiger, daß der Mensch zu fürchten ist? Sie sind ihm doch +so weit an Kraft, Größe und Schnelligkeit überlegen! Das ist die große +Macht des Naturtriebes, daß die größten und wildesten Tiere gleich +wissen, was sie fürchten müssen, wenn sie es auch nie zuvor gesehen +haben.</p> + +<p>Ähnlich äußert sich <em class="gesperrt">Brehm</em>: Selbst Löwe, Tiger und Jaguar +fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; +nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er +ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob +sie dann das Menschenfleisch dem aller übrigen Säugetiere entschieden +vorzögen.</p> + +<p>Speziell vom Löwen schreibt er: Den Menschen greift der Löwe äußerst +selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht +einzuflößen. Im Sudan wenigstens, wo er in manchen Gegenden häufig +auftritt, sind so gut wie keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem +Löwen gefressen worden wäre.</p> + +<p>Die Araber jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen +ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf +verscheuchen könne, falls er Mut genug habe, auf ihn loszugehen. Wer +dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. Zweimal, so sagen sie, +weiche jeder Löwe dem Manne aus, weil er weiß, daß dieser das Ebenbild +Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Tier, +in Demut anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch gegen die Gebote des +Erhaltenden, welche bestimmen, daß niemand sein Leben tollkühn wage, +und geht er dem Löwen zum drittenmal entgegen, so muß er sein Leben +lassen.</p> + +<p>Die Araber sind auch der Meinung, daß der Löwe bei seinen Raubzügen +deshalb vorher brülle, um die Tiere zu warnen. <em class="gesperrt">Brehm</em> meint +mit Recht, der wahre Grund dürfte der sein, daß er dadurch das Wild +aufscheuchen, insbesondere das Vieh der Nomaden zum Ausbrechen aus<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> der +Hürde veranlassen will. Die Begründung der Wüstensöhne hinsichtlich des +Respekts scheint daher ebenfalls mehr poetisch als zutreffend zu sein.</p> + +<p>Hiervon abgesehen, wird aber die Tatsache, daß der Löwe häufig vor dem +Menschen zurückweicht, doch von zahlreichen glaubwürdigen Beobachtern +bestätigt.</p> + +<p><em class="gesperrt">Brehm</em> hält den aufrechten Gang des Menschen für den +ausschlaggebenden Grund. Aber dieser kann schwerlich deshalb als +furchterweckend in Betracht kommen, weil es ja vierfüßige Tiere gibt, +die viel größer als der Mensch sind und trotzdem von Raubtieren +angegriffen werden, wie zum Beispiel manche Büffelarten. Tiger sind +auf den Rücken von Elefanten gesprungen und haben von dort Menschen +heruntergeholt. Das große Kamel ebenso wie die fast achtzehn Fuß +hohe Giraffe bildet eine bevorzugte Beute des Löwen. Gerade das +letztgenannte Tier zeigt deutlich die irrige Anschauung, daß die Größe +imponierend wirkt, denn der Kopf der Giraffe befindet sich etwa zwölf +Fuß höher als der eines Menschen.</p> + +<p>Nur das soll zugegeben werden, daß ein vierfüßiges Tier bequemer am +Halse gepackt werden kann, als der aufrechtstehende Mensch. Trotzdem +aber überfällt der Leopard den Strauß, der viel größer als der Mensch +und ebenfalls nur zweifüßig ist.</p> + +<p>Im übrigen richten sich zahlreiche Tiere beim Angriff oder der +Verteidigung auf und gewähren dann einen weit überwältigenderen Anblick +als der Mensch, so Hengste, Gorillas usw. Daß sich hierdurch die großen +Raubtiere von einer Attacke jemals haben abhalten lassen, ist wohl noch +nicht behauptet worden.</p> + +<p>Dagegen steht fest, daß die sogenannten Menschenfresser fast +ausnahmslos Raubtiere mit schlechten Zähnen sind, nicht mehr imstande, +ihre sonstige Nahrung, nämlich das flüchtige Wild, Wildschweine und +Affen, zu erbeuten. Not kennt kein Gebot; ein Raubtier, das nur die +Wahl hat, zu verhungern oder Menschen anzufallen, wird unzweifelhaft +das letztere tun.</p> + +<p>Warum tut es das nun nicht auch in der Blüte seiner Jahre? Ich meine, +die unglückselige Vorstellung von der »Tapferkeit« der Raubtiere ist +schuld daran, daß wir uns darüber wundern. Man vergleiche das in den<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> +»Tierfabeln« auf S. 25 Gesagte. Hier heißt es: Selbst die größten +Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, +und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt +haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem +etwaigen Kampfe hervorgehen.</p> + +<p>Kann man ein solches Verhalten Tapferkeit nennen? Gewiß nicht! +Außerdem muß man folgendes berücksichtigen. Bei jedem Angriff auf ein +vierfüßiges Geschöpf weiß das Raubtier im voraus ganz genau, welche +Waffen ihn bedrohen können: Das Pferd kann hinten ausschlagen, der +Büffel mit den Hörnern stoßen, der Eber mit seinen Gewehren schlagen, +der Pavian gefährlich beißen usw. Nur beim Menschen weiß es nicht +genau, was kommen kann. Er kann es von fern mit Bogen und Lanze +verwunden, mit Felsstücken werfen, in der Nähe mit Schwert oder Dolch +verletzen — wobei wir von den furchtbaren Wirkungen des Feuergewehres +ganz absehen wollen. Selbst der Ureinwohner auf niedrigster Kulturstufe +vermag durch vergiftete Pfeile das größte Raubtier zu töten.</p> + +<p>Was also bei keinem Tiere vorkommt, das kann sich beim Menschen +ereignen; das Raubtier weiß niemals genau, woran es ist.</p> + +<p>Natürlich wird eine vom Hunger geplagte Bestie nicht lange Reflexionen +darüber anstellen, ob der Angriff auf den Menschen gelingt oder nicht. +Je häufiger sie ihn besiegt, desto frecher wird ihr Gebaren werden. +Aber wenn ein großes Raubtier gesättigt oder wenigstens nicht hungrig +ist, so ist folgende Reflexion nicht unwahrscheinlich: Wenn ich wüßte, +ich erbeute den Menschen, ohne erheblich verletzt zu werden, so würde +ich mich auf ihn stürzen — aber man kann ja dem Frieden nicht trauen. +Anschleichen kann ich mich nicht, wie es meine liebste Methode ist, +denn der Kerl hat mich schon gesehen. Ob er gefährliche Waffen bei sich +trägt? Er glotzt mich so unverschämt an — nun, die Sache ist mir doch +zu riskant, ich werde mich empfehlen. — Umgekehrt wird ein fliehender +Mensch gewöhnlich deswegen verloren sein, weil er durch seine Flucht +offenbart, er fühle sich dem Feinde nicht gewachsen.</p> + +<p>Ein unbewaffneter Mensch, der einen Löwen mit Gemütsruhe anstarrt, ist +wie ein Kartenspieler, der sich den Anschein gibt, als habe er viele +Trümpfe, die er in Wirklichkeit<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> gar nicht besitzt. Einem solchen +Spieler gelingt es ja häufig, die anderen zu täuschen.</p> + +<p>Zum Beweise dafür, daß hauptsächlich die Unberechenbarkeit des Menschen +den Respekt hervorruft, will ich mich auf folgende Tatsachen berufen. +In nördlichen Ländern scheinen giftige Waffen wenig gebraucht zu +werden, so daß hier der Mensch erst durch Feuerwaffen gefährlichen +Tieren, wie Eisbären, Walrossen, Grislybären usw., energisch auf den +Leib rücken konnte. Die alten Schilderungen von der Furchtbarkeit +dieser Geschöpfe scheinen gar nicht so übertrieben zu sein.</p> + +<p>Ausdrücklich bestätigt das <em class="gesperrt">Haacke</em>, indem er schreibt: Übrigens +soll der Graubär von heute, mit den Wirkungen der Büchse bekannter als +der Graubär früherer Zeiten, viel vorsichtiger und furchtsamer sein als +dieser.</p> + +<p>Wie lieb im übrigen den Raubtieren ihr eigenes Leben ist, dafür seien +nur zwei Beispiele angeführt. <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> schildert einen bereits +früher erwähnten Angriff, den ein Kapbüffel auf einen ausgewachsenen +Löwen macht. Der »König der Tiere« läßt wirklich seinen Fraß — eine +getötete Antilope — im Stich und nimmt Reißaus. Sodann möchte ich +darauf aufmerksam machen, daß nach <em class="gesperrt">Livingstone</em> angebundene +Pferde oder Ochsen nur ausnahmsweise von Löwen angegriffen werden, weil +diese eine — Falle vermuten. Das gleiche berichtet <em class="gesperrt">Brehm</em> von +Tigern. Man sieht also ganz deutlich, daß auch vierfüßige Tiere, und +zwar selbst solche, die sonst gern gefressen werden, unter Umständen +Respekt einflößen, daß also der aufrechte Gang des Menschen nicht der +wahre Grund sein kann.</p> + +<p>Die Tatsache, daß große Raubtiere vielfach den Menschen unbehelligt +lassen, erklärt sich also wohl daraus, daß sie nicht hungrig sind und +die Unberechenbarkeit seiner Verteidigung scheuen. Ihr Leben ist ihnen +zu lieb, um sich auf ein riskantes Unternehmen einzulassen.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Konnen_nur_Herdentiere_zu_Haustieren_gemacht_werden">Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?</h2> +</div> + + +<p>Es gibt gewisse Behauptungen, die gläubig nachgebetet werden, weil man +sie für allgemein gültige Wahrheiten hält. Zu ihnen gehört auch diese: +Nur aus Herdentieren können Haustiere gemacht werden. Ich teile diese<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> +Meinung in keiner Weise und möchte in nachstehendem meine abweichende +Ansicht näher begründen.</p> + +<p>Eingehend hat sich mit der hier erörterten Frage ein so ausgezeichneter +Tierkenner wie <em class="gesperrt">Perty</em> beschäftigt. Er schreibt darüber folgendes:</p> + +<p>»Die Domestikation der Tiere kommt nicht allein durch die Macht des +Menschen zustande, wie man früher und auch noch <em class="gesperrt">Buffon</em> geglaubt +hat, und namentlich <em class="gesperrt">Friedrich Cuvier</em> hat erkannt, daß hierzu +Geselligkeit der Tiere kommen müsse, nur gesellig lebende Tiere kann +der Mensch domestizieren. Der Geselligkeitstrieb, den auch der Mensch +in ausgezeichnetem Grade besitzt, und der auch seinen wildesten +Stämmen nicht fehlt, hängt nicht von der Intelligenz ab, sondern kommt +bei dummen und sehr gescheiten Tieren vor. Auch führt ihn nicht die +Gewohnheit des Zusammenlebens der Familienmitglieder herbei; der Bär +lebt einsam, obwohl er seine Jungen so lange und zärtlich pflegt wie +der Hund. Die Aïnos, das sonderbare Volk von Yesso und den Kurilen, +fast so behaart als der Bär selbst, haben, weil er kein geselliges Tier +ist, vergeblich versucht, ihn zum Haustier zu erziehen und zum Reiten +zu benützen, haben vergeblich junge Bären von ihren Weibern säugen +lassen; es gelang nicht, und sie müssen ihn fortwährend an der Kette +halten, wie <em class="gesperrt">Witson</em> berichtet. <em class="gesperrt">Fr. Cuvier</em> unterschied drei +Zustände: erstens den der einsam lebenden Tiere: Katzen, Marder, Bären, +Hyänen; dann den Zustand der in Familien lebenden Tiere: Wölfe, Rehe +usw.; endlich die wahren Gesellschaften, wie sie bei Bibern, Affen, +Hunden, Robben, Pferden, Elefanten, Wiederkäuern und beim Menschen +selbst vorkommen; nur aus der letzten Kategorie hat der Mensch seine +wahren Haustiere erhalten. Der Mensch, meint <em class="gesperrt">Cuvier</em>, gelte +den Haustieren für ein Mitglied ihrer Gesellschaft, und seine ganze +Kunst bestehe darin, sich als Gesellschaftsmitglied einzureihen. Ist +er einmal ein solches geworden, so kann er dann leicht das Tier durch +seine höhere Intelligenz beherrschen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil +es in ihm das Oberhaupt der Herde sieht. <em class="gesperrt">Buffon</em> hatte behauptet, +der Mensch verändere bei der Zähmung das Naturell der Haustiere, was +<em class="gesperrt">Cuvier</em> bestritt, nach welchem der Mensch nur den natürlichen +Trieb benützt; er fand nämlich gesellige Tiere<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> vor und knüpfte diese +an seine Familie. Demnach wäre die Domestikation nur eine Abänderung, +eine andere Form der Geselligkeit und eine bestimmte Folge des Triebes +zu letzterer. Die katzenartigen Tiere können deshalb nicht vollkommen +domestiziert, eigentlich familiarisiert werden, weil sie nicht gesellig +lebende Tiere sind. Die Fügsamkeit der Haustiere beruht nach <em class="gesperrt">F. +Cuviers</em> und <em class="gesperrt">Dureau de la Malles</em> Nachweisung auf der langen +Reihe von Generationen, seit welchen ihre Domestikation währt. Noch zur +Zeit des <em class="gesperrt">Plinius</em> waren Pferde, Rindvieh, Geflügel halb wild.« —</p> + +<p>Nur nebenbei sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung <em class="gesperrt">Pertys</em> +etwas kühn erscheint. Kein Mensch kann aus den Schilderungen Homers +den Eindruck erhalten, daß die Rosse der Griechen und Trojaner halb +wild waren, und doch kämpften beide Völker ein Jahrtausend vor +<em class="gesperrt">Plinius</em>. Die Erörterung anderer Irrtümer in nebensächlichen +Dingen — z. B. daß Hyänen einzeln leben — würde zu weit führen, da +uns hier nur das Prinzip interessiert.</p> + +<p>Die Katze soll kein wahres Haustier sein. Diese Behauptung ist wohl nur +deshalb aufgestellt, weil fast alle Katzenarten allein leben, und die +ganze Theorie mit der alleinigen Domestikation der Herdentiere über den +Haufen stürzen würde, wenn man zugäbe, daß Hinz zu unsern Haustieren +gehöre. Ich habe ein andermal ausführlich dargetan, weshalb die +Katze uns ferner steht als der Hund. Hier seien kurz die Hauptgründe +angegeben.</p> + +<p>Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen +Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf +totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen, +weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen. +Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge +seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen, +wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir +selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist +ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich +zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf. +Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann +und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der +Mensch noch<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen, +so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir +uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir +die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit +der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem +Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit +abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was +<em class="gesperrt">Loewis</em> von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht +man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte +Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam +zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt +hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich +anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er +hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung +und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in +die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem +unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden +kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein +gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der +Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom +Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen +Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen +hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken +Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe +nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns +sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein +Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager, +und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend, +beunruhigende Träume und Alpdrücken.«</p> + +<p>Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita) +allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation, +die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist +aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu +einem<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum +nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen +geachteten Jagdgehilfen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Brehm</em> hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt +über dieses interessante Tier: »<em class="gesperrt">Daß die Zähmung nicht schwierig +sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft +gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß +es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie +unsern Jagdleoparden und bezweifle</em>, daß irgend eine Wildkatze so +zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres +Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten +Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie +daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und +man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und +liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und +das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter +spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß +ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in +den Straßen zu lustwandeln.«</p> + +<p>Auch <em class="gesperrt">Ernst Friedel</em> erzählt, daß in Potsdam im Parke eines +königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und +keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie +für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen +ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den +Geparden völlig zum Haustier machen könnte.</p> + +<p>Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das +Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche +gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher +wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen. +Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als +zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird +die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe +meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Affen wird +allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier +gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht +gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig +die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden +haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im +Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König <em class="gesperrt">Ramses der +Große</em> kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde +niederreißen half. Der römische Kaiser <em class="gesperrt">Heliogabal</em> spannte Löwen +und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin <em class="gesperrt">Cybele</em> +und mit dem Gotte <em class="gesperrt">Bacchus</em> verglich.</p> + +<p>In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor <em class="gesperrt">Havemann</em> +eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle +bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel, +Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der +einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet +worden ist.</p> + +<p>Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in +Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für +leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die +Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit +zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel. +Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso +stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte. +Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden +leben.</p> + +<p>Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen +sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente +sind vielmehr folgende:</p> + +<p>1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein +Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten +kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene +Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere +ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen +getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<p>2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß +manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung +haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde, +Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell, +wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche +mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw. +Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm +die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker +auf diesem Gebiete Hervorragendes.</p> + +<p>3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir +hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr +Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh +anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch +nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd +ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken +gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler +abgerichtet werden.</p> + +<p>Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können, +haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier. +Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland +einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen +wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so +würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie +Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines +dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den +südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet, +teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils +aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, <em class="gesperrt">die +sogenannten zahmen Hausschweine</em>, zu verteidigen. Wie ich von den +Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von +ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes, +überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde +kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten +ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> einen Eber vom Walde +nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines +Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben +mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt +und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete. +Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine +Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind +— und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung +muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Die_angebliche_Nervositat_der_Tiere">Die angebliche Nervosität der Tiere.</h2> +</div> + + +<p>Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich +bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung +nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten +anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten +geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters +beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach +verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es +dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös +werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht: +Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner +zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen, +damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen +von Zebras hat der Hon. <em class="gesperrt">Walter Rothschild</em>, der bereits in +den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist. +Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er +erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte +ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen +Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras +im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras +zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht +taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von +allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie +nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich +anfassen.<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar +gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg! +Auch der Afrikareisende Oberst <em class="gesperrt">Fred Baillie</em> schließt sich +dieser Meinung <em class="gesperrt">Rothschilds</em> an. Da er schon seit längerem davon +überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb +er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika. +Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet, +deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist. +Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut +dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig +gehen. <em class="gesperrt">Baillie</em> glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier +eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt +jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten +zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren +Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch +ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach +geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. — Baron +<em class="gesperrt">Rothschild</em> ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras, +aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind?</p> + +<p>Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da +wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere, +im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene +Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste, +kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn +unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das +Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das +Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals +von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den +Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des +Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß +wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich +gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt +erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden +das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in +seine frühere Lage als<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> freies Tier hineinversetzen. Auch in der +Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig. +Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern +leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres +verspeisen zu lassen; was tun sie also? — entweder fliehen sie oder +sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte +(vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn, +Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende +wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende +habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im +allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht +bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht +der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt +Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw. +Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere, +die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse +Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere, +wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw. +Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch +einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen +Pflanzenfresser beschleichen kann.</p> + +<p>Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und +eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird +der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich +rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen +nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke +Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder +abgeschüttelt — möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger +muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen. +Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie +wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als +fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht +nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande +befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt, +ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös.<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Genau ebenso ist +es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos +bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der +Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus +triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die +ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend +machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem +Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende +Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst +einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind +also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit +Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor +ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist +der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide +Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die +Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das +Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen, +gedacht werden. <em class="gesperrt">R. Böhm</em> und <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> heben besonders +hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt: +Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser +Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes +so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück +geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt.</p> + +<p>Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser +ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das +Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher. +Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall +treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen, +ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine +natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und +Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd +hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die +Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen +noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem +Hauspferde und einem<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten +Pferde schildert <em class="gesperrt">Gmelin</em>. Ein Tarpan erblickte einmal einen +zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun; +weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten +beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen, +der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller +Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann +seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. — Daß das Zebra beißt, +ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit +abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem +wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt +man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers +vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der +unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus +verständlich.</p> + +<p>Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen +12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge +vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen; +die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine +Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem +Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst +das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht! +Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen; +sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie, +gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten. +Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade +zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam +sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh +war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere +Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben +dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe +oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute — solange +dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, — kam das Schmalreh +auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit +langen Fluchten. Auf etwa<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> zwei Schritte vor mir wechselten sie in den +Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh +zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe, +nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen +annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches +erlebt und erzählt es uns.</p> + +<p>Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein. +Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren +sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein +Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an +lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall +eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst +hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben +Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der +Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in +der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis, +Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.</p> + +<p>Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein +Stier, gegen seine Feinde. <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> schildert z. B. folgenden +Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein +mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung +brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem +Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach +der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin +unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.</p> + +<p>Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist +nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete +Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd +und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte, +durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Gibt_es_Tiere_die_sich_spiegeln">Gibt es Tiere, die sich spiegeln?</h2> +</div> + + +<p>Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich +spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen, +daß z. B. in unzähligen<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf +denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als +wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere +Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in +Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter +bekannt!</p> + +<p>Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als +Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als +etwas Selbstverständliches betrachtet.</p> + +<p>Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen +Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war, +veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu +beleuchten.</p> + +<p>In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin +das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie +Futter streute. Es heißt dort:</p> + +<p>»Von der eitlen Kohlmeise.«</p> + +<p>»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert +es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig +gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte +von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf +einen Stuhl und von da — auf den Toilettentisch. <em class="gesperrt">Vor einen +kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet +sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.</em> Ich kann es ihr auch +gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein, +das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen, +glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf +ein breiter schwarzer Streifen — wer vermag ähnliche Schönheiten +aufzuweisen? — Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so +fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel, +turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt, +flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt +die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die +zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann +auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz +zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet +und untersucht. Darauf<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> spiegelt sie sich wieder und ich — hab' +dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen +Lauscherposten.«</p> + +<p>»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine +gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den +Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe +hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder +vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so +beginnt das lustige Treiben von neuem.«</p> + +<p>Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube +ohne weiteres, daß die Meise — wie es ja jeder Kanarienvogel tut +— im Spiegel ihr Bild erblickt hat. <em class="gesperrt">Nur daß die Vögel sich +gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit +Entschiedenheit.</em></p> + +<p>Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher +Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes +durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der +einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat. +Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier +seien ganz kurz die Gründe angegeben.</p> + +<p>Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als +bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und +Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über +diesen Punkt machen.</p> + +<p>Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen +Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht +bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse, +Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind +Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die +Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie +der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw.</p> + +<p>Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem +<em class="gesperrt">Augen</em>tier etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der +Nase richtet, ist er ein ganz unverständlicher<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Gegenstand. Gerade bei +Hunden kann man das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich +in einen Salon geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern +erblickte sie ihr Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare +und ging auf den Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von +einem andern Hunde und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel.</p> + +<p>Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind +rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur +mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können.</p> + +<p>Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß +der Spiegel auf sie großen Eindruck macht.</p> + +<p>Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist +der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder +Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere +Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und +Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß +sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel.</p> + +<p>Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der +Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so +schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das +Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art — woher soll es +nun wissen, daß es selbst so aussieht?</p> + +<p>Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln +annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden.</p> + +<p>Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man +einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm +geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß +er es selbst ist?</p> + +<p>Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise +an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente +Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den +Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht +ähnlich sah.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p> + +<p>Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein <em class="gesperrt">fremdes</em> gleichartiges +Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen +wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie +sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und +deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr +Haar.</p> + +<p>Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem +Spiegel eine kampfbereite Stellung ein.</p> + +<p>Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von +Lerchenspiegeln unzählige schießt.</p> + +<p>Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben +gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit +Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden +Affen vor sich zu haben glauben.</p> + +<p>Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir, +weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah.</p> + +<p>Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht +völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den +ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des +zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Schmidt</em>, +hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel +angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen.</p> + +<p>Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein +ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen +Spielereien folgende erwähnt werden:</p> + +<p>»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang +mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere +überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen +Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes +Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar +sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte, +und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder +herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als +zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Orang die +Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein +brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern +stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses +Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines +Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und +entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit +mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans +Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu +verspeisen.«</p> + +<p>»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit +die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier +alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die +Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel +benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem +Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und +der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes +in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte +Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu +sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der +Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter +geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen +herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und +dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf +diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches +nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein +Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus +welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden, +oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des +Orang äußerst possierlich hervorlugte.«</p> + +<p>Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande +zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht — +im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz +halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel +gegenüber benahm:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p> + +<p>»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein +Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen +und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich +in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier +nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den +Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen. +Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand +an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er +herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun +den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken +zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach, +wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können. +Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich +fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort +›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs +in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen +vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch +Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art +bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und +gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im +Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche +Stelle seines Käfigs zu.«</p> + +<p>»Aber — welches Entsetzen — dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt +entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn +rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas +vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam +und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu +gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der +vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend +eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz +und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen. +Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den +Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht +vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> +Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt, +machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er +noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies +geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen, +welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl., +sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem +seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.«</p> + +<p>»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht +zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe +gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer +und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses +Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden +Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den +Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das +Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang +es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar +große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen +Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte. +Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens +begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch +Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein +leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem +Gegenüber an den Kopf flog.«</p> + +<p>»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den +Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte +sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter +Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der +Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem +Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte, +daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und +mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu +diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie +um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen +triumphierend<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier, +streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und +her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit +eines Kindes zu erregen. <em class="gesperrt">Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst +erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei +Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden, +wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist +dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel +sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte +sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in +Wirklichkeit da seien.</em>«</p> + +<p>»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem +vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich +vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen +plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem +Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete +er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen +war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er +sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem +vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des +Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten +die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich +schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand +betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung +grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und +sein gewöhnliches Treiben begann.« —</p> + +<p>Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte +Leser doch unbedingt Glauben schenken.</p> + +<p>Auch <em class="gesperrt">Garner</em>, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache +der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über +seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen +Übersetzung von Professor <em class="gesperrt">Marshall</em>): »Ich habe schon +verschiedentlich des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von +dem Spiegel zu machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> nicht +beschrieben, welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst +ist dieser Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder +Zeit der gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art +genau auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus +meinen Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im +allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.«</p> + +<p>»Als Puck — ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen, +die Garner anführt — sich im Spiegel erblickte, hielt er sein +Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich +viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen +herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und +ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht +schüchtern und zurückhaltend.«</p> + +<p>»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es +offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah, +zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem +Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube +auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu +suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man +deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu +finden.«</p> + +<p>»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige +eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert. +Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das +größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine +Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 <span class="antiqua">cm</span> +breit und 4 <span class="antiqua">cm</span> lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in +demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend +einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er +guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer +Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen +trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den +Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle +möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der +andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können. +Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> er noch verblüffter zu +sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um, +als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er +sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter +wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte +er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer +gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das +Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich +daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne +Hilfe des Wärters gelang.«</p> + +<p>»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu +finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie +er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit +dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem +Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und +wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem +größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an +den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen, +z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und +es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann +kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein +Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und +schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte: +›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie +irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe +stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«</p> + +<p>»Mickie schien über sein Spiegelbild nicht sonderlich erbaut zu sein. +Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei +ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures +Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten +redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals +den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und +ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war +freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter +solchen Umständen auch zu werden pflegen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> + +<p>»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr +forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne +auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen +von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im +tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten +können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das +zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz +zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes +Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.«</p> + +<p>»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen +Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut +von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach +dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen +ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr +vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.«</p> + +<p>»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm +allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um +auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus +dem Wege zu gehen.«</p> + +<p>»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe +von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten +Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung +durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel +und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie +denn diesen Affen aufgetrieben?‹«</p> + +<p>»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das +Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich, +gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob +ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und +versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen +Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich +wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine +neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein +Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes +dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses +Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl +angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr +Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles +sagen könnten, wenn sie nur wollten.«</p> + +<p>»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und +verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art, +gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend +und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.«</p> + +<p>»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert. +Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden, +kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als +gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er +guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen +langen Arm aus, <em class="gesperrt">um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu +suchen</em>. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr +oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von +ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel +ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint +sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der +häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und +sein Bild anstarren.«</p> + +<p>Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor:</p> + +<p>Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder, +sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen — spiegeln sich +also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt.</p> + +<p>Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in +der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt. +Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt, +begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz +besonders kein Nasentier.</p> + +<p>Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> nur Sehgeschöpfe, +aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern.</p> + +<p>Nachtrag.</p> + +<p>Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht +allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor <em class="gesperrt">Marshall</em> +in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen +Buche, das er übersetzt hat:</p> + +<p>»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten +hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden, +billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den +Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz +gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei +fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den +Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und +schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte +er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen. +Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art +Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in +beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und +bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe +hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte, +fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein +Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch, +daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den +Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel +zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem +Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im +hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich +ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich +war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn +es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu +lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.«</p> + +<p>Hierzu möchte ich folgendes bemerken:</p> + +<p>Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Tier <em class="gesperrt">mit +der Zeit</em> infolge besonderer Umstände, wie hier durch das +Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von +<em class="gesperrt">Marshall</em> erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel +trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie +<em class="gesperrt">allmählich</em> gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt.</p> + +<p>Jedenfalls ist der von <span class="antiqua">Dr.</span> Schmidt geschilderte Orang-Utan, +trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken +nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem +gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche +mit Affen angestellt habe. Der von <em class="gesperrt">Marshall</em> beobachtete Makak +muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder +es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das — vielleicht juckende — +Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen +Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon +gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Tiere_als_Heuchler">Tiere als Heuchler.</h2> +</div> + + +<p>Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß +das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es +der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man +die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der +Menschenarzt, <em class="gesperrt">denn die Tiere verstellten sich nicht</em>. Diese +Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.</p> + +<p>Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar +vielfach mit Recht. So schildert uns schon <em class="gesperrt">Xenophon</em> die +Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und +Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte <em class="gesperrt">Geßner</em>.</p> + +<p>Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist +gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt +darin. So schreibt z. B. <em class="gesperrt">Oppian</em>: Fühlt der schlaue Fuchs ein +Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen: +Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt +Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und +beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> und zu zupfen. Kommt ihm +aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den +Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.</p> + +<p>Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte +Naturforscher <em class="gesperrt">v. Homeyer</em> etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt: +»Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es +erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen +der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise +richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße +liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem +Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich +näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier +zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge +Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes, +und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe +gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu +bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber, +gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es +ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller +Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben +ergriff.«</p> + +<p>Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist +etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt <em class="gesperrt">Scammon</em> von einer +so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um +sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen +sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut +Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen +Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze +aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer +Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der +Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken. +Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um +dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen +gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und +verschlungen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll +nach <em class="gesperrt">Krementz</em> den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen +zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so +anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt, +um Fische heranzulocken.</p> + +<p>Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere +sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von +schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S. +12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und +dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend +gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte +verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal +gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund +besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter +Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war +die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine +Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber +vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier +bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun +sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig +folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein +Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich +bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde +das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und +nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs +war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei +seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die +nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink +auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts +vorgefallen wäre.</p> + +<p>Ähnliches berichtet Rektor <em class="gesperrt">Gräßner</em> von seiner deutschen Dogge +Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit +darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade +beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> +Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen +und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben +dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, +so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener +Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine +Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das +Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man +sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn +nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele +zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit +einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, +unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den +gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen +schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte +dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«</p> + +<p>Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So +erzählt <em class="gesperrt">J. Franklin</em> von einem Schweine folgendes: Auf einem +Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen +und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das +Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des +Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses +wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine +Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es +daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in +dessen Stall.</p> + +<p>Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die +Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon +<em class="gesperrt">Älian</em> schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne +vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu +täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die +Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager +will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen +Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte +zum Lager bringt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er +sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der +Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die +allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.</p> + +<p>Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen +intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen +oft denen, die sie beißen wollen. <em class="gesperrt">Rengger</em> berichtet von seinem +Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz +freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen, +nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches, +was <em class="gesperrt">Homeyer</em> vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein +zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte +sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte, +rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen +totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen. +Im <em class="gesperrt">Brökmannschen</em> Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen +zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler +den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der +ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben +fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das +gleiche wird vom Elefanten berichtet.</p> + +<p>Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das +gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon +Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von +dem letztgenannten berichtet Freiherr <em class="gesperrt">v. Droste-Hülshoff</em> im +»Zoologischen Garten« folgenden Fall:</p> + +<p>»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch +auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner +Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen +hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere +bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem +Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden +jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich, +das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> zu erfassen; +das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des +von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte +und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer +Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen +meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel +geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm +zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich +meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber, +nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte +das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei +versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es +hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich +auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich +das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht +angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu +ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt +hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen +von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch +eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem +mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es +auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann +und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu +verschwinden.«</p> + +<p>»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und +lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere +doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir +übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«</p> + +<p>Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen +z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die +starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich +nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren, +denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben +daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht +gewachsen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<p>Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu +verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben +in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei <em class="gesperrt">Brehm</em>:</p> + +<p>»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in +Morästen)«, schreibt mir <em class="gesperrt">Kade</em>, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe +und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei +den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und +junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber +die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende +Juli zu heulen beginnen.«</p> + +<p>Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß +man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in +dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.</p> + +<p>Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der +Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen +dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter +den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die +Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige +Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich +geschildert werden.</p> + +<p>Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie +<em class="gesperrt">Brehm</em> betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen. +Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel +nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt +derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten +übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.</p> + +<p>Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer +Krähe gedacht, die ein Herr <em class="gesperrt">Keil</em> kürzlich beobachtete. Er +erzählt den Vorgang folgendermaßen:</p> + +<p>»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als +liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten +geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut +im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe +vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her. +Sie<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten +konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ. +Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die +erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und +äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei. +Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst +harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe +vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit +zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln +nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang +herzlich gelacht.«</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Verstellungskunste_bei_Vogeleltern">Verstellungskünste bei Vogeleltern.</h2> +</div> + + +<p>Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß +gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur +wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau, +sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen +Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.</p> + +<p>Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die +Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.</p> + +<p>Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So +schreibt z. B. <em class="gesperrt">Plinius</em> vom Rebhuhn folgendes:</p> + +<p>»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das +Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt +etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein +gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft +vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht, +ihn vom Nest wegzulocken.«</p> + +<p>Hiermit steht ganz im Einklange, was <em class="gesperrt">Naumann</em> darüber schreibt: +»Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben +Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück +drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während +ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt, +ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem +jeden ein solches im Getreide, Grase,<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Gebüsche, hinter Furchen, in +Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen +glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder +abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen, +greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen +seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben, +ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu +den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß +breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück +weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in +Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon. +Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung +verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich +beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«</p> + +<p>Der ausgezeichnete Zoologe <em class="gesperrt">Lenz</em> bestätigt ebenfalls, daß es die +List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu +stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug +schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer, +solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur +Einsicht gekommen ist.</p> + +<p>Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:</p> + +<p>»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der +Ober-Medizinalrat <em class="gesperrt">Buddeus</em> zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf +einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens +ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das +Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann +wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang +zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und +flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung +zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine, +kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die +Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen +Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die +Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen +Tage zu<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden +Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es +wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren. +Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden +Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«</p> + +<p>Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule, +worüber <em class="gesperrt">Tancré</em> in den »Ornithologischen Briefen von <em class="gesperrt">E. F. v. +Homeyer</em>« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:</p> + +<p>»Über ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit +keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen +eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem +mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras +bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet +durch das Männchen — vermutlich —, welches mich mit dem bekannten, +dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das +Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt +fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen +hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu +holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier +auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«</p> + +<p>»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort. +Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber +auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die +Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich +wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben +mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der +Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe +dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus, +aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer +Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich +wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der +Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier +untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das +Männchen umherfliegt. Da<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> machte es dasselbe Manöver zum dritten male, +aber auf der <em class="gesperrt">entgegengesetzten</em> Seite von mir. Jetzt erst wird +mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch +hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem +der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«</p> + +<p>»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder, +wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich +große Junge befanden.«</p> + +<p>»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich +nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt, +nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes, +dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und +ahmte deshalb den Jungen nach.«</p> + +<p>In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet +<em class="gesperrt">Thompson</em> von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die +ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt +dort:</p> + +<p>»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad +entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner +feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«</p> + +<p>»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, +aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln +und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das +eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln, +ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes +in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen +Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes +Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand +gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein, +und alles war still.«</p> + +<p>»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ +sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den +Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte +wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade — Gnade +von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs?<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> O nein! so töricht war +sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch +ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut +bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase, +drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte — doch nein, ganz +erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen +Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn +diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische +Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon, +kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine +sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen +ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte. +Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber +sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch +noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht +begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige, +konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine +Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan +schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf +von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder +ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden +Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen +sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden +Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«</p> + +<p>»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der +Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« —</p> + +<p>Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich +gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie +folgender Bericht <em class="gesperrt">Andersons</em> über ein Zusammentreffen mit einer +Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die +älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige +Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das +Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht +schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern +für ihre Jungen an den<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer +näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und +änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht +abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen, +so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in +weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite +nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die +Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als +müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen. +Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es +verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren, +daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich +ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter +Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen +bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«</p> + +<p>Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im +Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird. +Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.</p> + +<p>Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren +ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig +geborene Verstellungskünstler.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Strau_enpolitik">Straußenpolitik.</h2> +</div> + + +<p>In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen +Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu +verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich +der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst +seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn +nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck +»Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor, +indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich +verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten +nicht mehr.</p> + +<p>Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß +denn in der Tat bei seiner Verfolgung<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> sich so unglaublich dumm +benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem +Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke +z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber +den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu +bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).</p> + +<p>Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika +persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik« +entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so +bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit +größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen +beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode +des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt +sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?</p> + +<p>Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes +aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar +und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien +gibt es Strauße (<span class="antiqua">struthocameloi</span>, wörtlich Straußkamele) die wie +ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier +geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen +kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und +berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt, +so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine +Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen +Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder +sonstwo.</p> + +<p>Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen +versehen.</p> + +<p>Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so +liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein +absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht +vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich +schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens +besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der +Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem +Steine oder Felsstücke getroffen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> das durch eine flüchtende Gemse in +Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse +absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem +Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche +Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine, +so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube +vom Strauße herrschte.</p> + +<p>Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil +bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf +gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt +habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen, +erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.</p> + +<p>Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten, +geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt +keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen +Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen +Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung +bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren +Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen +Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und +ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel, +welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen +Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten +Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und +noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts +abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen +Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar +für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen +dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male; +sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere +lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder +wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr +Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf +das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen, +verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> +den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer +nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er +jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte. +Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade +in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in +der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben +wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte; +doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich +an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit +Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge +von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie +träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich +meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als +friedlich bezeichnet.</p> + +<p>Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen +Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von +Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen +lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier +gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber +trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit +einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit +besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.</p> + +<p>Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier, +was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen +pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in +der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch +solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes +liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große +Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde +lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie +möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische +Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich +Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich +auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse,<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das +Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.</p> + +<p>Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des +Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare +hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu +besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken +und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm +vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein +anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird +ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße +zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen, +steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas +verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und +für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig +zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit +Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen +Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei +Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte +von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5 +Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine +kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig +eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.</p> + +<p>Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen +kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz +übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen, +und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber +eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.</p> + +<p>Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht +leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu +verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch +Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch +fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig +der Wahrheit entspricht.</p> + +<p>Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Hühnervögeln ein +vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie +wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende +Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen +ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante +Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele +Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf +ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils +im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen +anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion +der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße +hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig +wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging, +durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste +hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen, +plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden, +um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren +gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen, +ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese +Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie +geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden +zu schützen wissen.«</p> + +<p>Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes, +wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum +Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen, +der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die +Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu +verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann +hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.</p> + +<p>Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der +»Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug +ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer +erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er +nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet +er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Wittern_die_Geier_Tierleichen">Wittern die Geier Tierleichen?</h2> +</div> + + +<p>Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in +Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt. +Bereits <em class="gesperrt">Plutarch</em> schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des +Aases nach.« <em class="gesperrt">Plinius</em> fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen +sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso +berichtet <em class="gesperrt">Älian</em>: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und +Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den +Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote +gibt.«</p> + +<p>Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst +wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen +besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen +Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher +annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind, +und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben +sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver +versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die +selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig +fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese +Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.</p> + +<p>Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck +macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum +gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer +Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus +dem nachstehenden ergeben wird.</p> + +<p>Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe <em class="gesperrt">Lenz</em>: +»Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die +Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen, +wenn sie Beute suchen.«</p> + +<p>Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers +bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der +Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn +der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> und +Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den +Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen +Beobachter existiert.</p> + +<p>Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die +Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen +ist. Dort führe ich auch an, daß bereits <em class="gesperrt">Brehm</em> bestreitet, daß +die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren +wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.</p> + +<p>Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht +orientieren, kommt neuerdings A. E. <em class="gesperrt">Bayer</em> in »Hundesport und +Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten +angestellt wurden.</p> + +<p>»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt <em class="gesperrt">Georg Byam</em>, +der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt +hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare +Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich +möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der +festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt +werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder +vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich +verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig +unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen +gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher +der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält +sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in +die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes +Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der +es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen +Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell +und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle +anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem +sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der +Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht +bemerkt haben. Ich glaube, es ist <em class="gesperrt">Waterton</em>, der erzählt, daß er +einst ein totes Tier sorgfältig<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> unter Bäumen und Büschen verborgen +hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer +Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht, +aber vielleicht war es Herrn <em class="gesperrt">Waterton</em> unbekannt, daß die Geier +die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines +Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein +Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten +können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen +Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern +überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum +waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch +schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde +vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht +ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in +den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde +erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war, +begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in +kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die +der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das +Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich +habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier +in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet +und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu +welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick, +während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in +unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die +Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den +Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«</p> + +<p>Zu demselben Resultat kommt Sir <em class="gesperrt">Samuel Baker</em> durch die reichen +Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man +hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn +oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich +habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es +auch keine Frage sein kann,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin +ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer +großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern, +verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen +Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht +wesentlich beeinträchtigen.«</p> + +<p>»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein +interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten +Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt, +daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes +gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach +unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie +näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im +dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es +selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer +Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter +Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie +sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«</p> + +<p>»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube, +daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige +Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem +menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten +Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit +Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die +Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie +von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen, +daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein +Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches +Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht +ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt +auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln, +so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu +und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem +Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des +Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und +nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen +läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen +hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich +auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht +ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber +kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und +nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals +gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen +und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die +Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der +großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein +Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier +herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige +Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die +Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen +lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel +herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise +über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich +aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint +der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und +die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir +uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern +und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln +zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem +Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen +und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den +ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu +Sin‹ — (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist +angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem +langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den +Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste,<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> +ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor +ihm einen Vorsprung.«</p> + +<p>Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht +dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel +überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen, +was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen +Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen. +Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen, +umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt. +Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in +unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.</p> + +<p>Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst +den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier +unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den +Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet +Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen +außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und +verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück +rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich +auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«</p> + +<p>Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes +Fleisch halten?</p> + +<p>Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten +Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den +Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann +erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:</p> + +<p>»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend, +den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der +Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese +Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung +haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was +bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte +Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze +Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich +dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> fuhr über mich dahin, +und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers, +der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter +folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann +über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das +Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten +sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und +für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«</p> + +<p>»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach, +überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann +eiligst davon.«</p> + +<p>Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz +allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen +Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen +Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler +näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese +Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Die_Schnepfe_als_angeblicher_Mediziner">Die Schnepfe als angeblicher Mediziner.</h2> +</div> + + +<p>Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine +Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete +Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn +angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht. +Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster +oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann +die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden. +Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre +Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich +hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen +Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.</p> + +<p>Dr. <em class="gesperrt">Quistorp</em> schreibt nämlich folgendes:</p> + +<p>»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder <em class="gesperrt">Müller</em> Zweifel geäußert +an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene +Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich +nicht im Besitze<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst +erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen +Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert <em class="gesperrt">Imgo</em>, sandte; +sonst würde ich die Herren <em class="gesperrt">Müller</em> sicherlich von der Richtigkeit +obiger Ansicht überzeugt haben.«</p> + +<p>»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich +am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit +zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche +ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken +Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil +des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum +nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und +zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe +jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst +krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und +totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich +zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen +Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn +umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande +befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen, +fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur +kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr <em class="gesperrt">v. +Homeyer-Wrangelsberg</em> sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit +vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«</p> + +<p>»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen +regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber +nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des +Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem +Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«</p> + +<p>Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl +<em class="gesperrt">Müller</em> ist dagegen folgende:</p> + +<p>»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den +›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen +Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man +durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Stellen der +Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde +geschlungen waren.«</p> + +<p>»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger +Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung +übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um +die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen +Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung — und sie mußte leider +auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen — +zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten, +und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und +die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der +bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer +sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, — welche Eigenschaft +wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren +beobachteten — tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in +unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich. +Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung +eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und +zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend +nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der +Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom +Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund +um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet. +Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue +Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener +Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen +natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt +sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation +und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine +Baumlerche (<span class="antiqua">Alauda arborea</span>) hat uns dies in der Gefangenschaft +zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar +vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der +größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des +Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<p>»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer +gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht +sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe +nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent +anerkennen, wo keines vorhanden ist.«</p> + +<p>Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder <em class="gesperrt">Müller</em>, hat auch kürzlich +ein Herr <em class="gesperrt">Schlabitz</em> verteidigt, indem er behauptet, auch an den +Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von +selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den +Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort +ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen +werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr <em class="gesperrt">Schlabitz</em> an einem Uhu +beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am +oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht. +Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu +behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte +er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne +verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte +feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte, +sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort +an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann +fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit +beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen +und sonstige Raubvögel kröpfte.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Sichtotstellen_als_Rettungsmittel">Sichtotstellen als Rettungsmittel.</h2> +</div> + + +<p>In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen +als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in +der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären +früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren +als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe +auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben +kann.</p> + +<p>In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich +dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein +anderer in der Nase<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> hat. Im westlichen Europa kamen in früheren +Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in +Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze, +einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf +der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende +Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein +Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht +werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.</p> + +<p>Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender +niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der +Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der +Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder +ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.</p> + +<p>Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine +Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist. +Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das +stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines +Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen +Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur +eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er +weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann. +Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert, +folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei +einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der +Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines +Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte +Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede +Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor +Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die +beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein +Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des +Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der +Trauer abgewendet haben sollen.</p> + +<p>Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> äußerlich so hinlegen +können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen, +daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können. +Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.</p> + +<p>Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt +erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen. +Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung, +daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann +doch nicht der geringste Zweifel bestehen.</p> + +<p>Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder +wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür +verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro +einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen +kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.</p> + +<p>Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß +selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste +Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm — ebenso +wie der Fuchs — »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für +Aas hat.</p> + +<p>Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten +seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom +Luchse schreibt neuerdings Baron <em class="gesperrt">v. Staël-Holstein</em> in »Wild und +Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang +gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen +Afrikareisenden gern an Aas, und <em class="gesperrt">Selous</em> erklärt ausdrücklich, +der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.</p> + +<p>Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel +kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder, +gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten +würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort +erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.</p> + +<p>So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller +dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen +Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in +der erwähnten<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn +der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich +wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei +Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.</p> + +<p>Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich +Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das +folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust +sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf +findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn +ruhig liegen, <em class="gesperrt">so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil +er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch +lebendig ist</em>. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten +Raubtiere den Menschen — und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier +kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen +(vgl. S. 19).</p> + +<p>Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und +nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen +angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es +denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der +sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie +fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht +vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war +also für ihr Verhalten bestimmend.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Das_Wiedererkennungsvermogen_bei_Menschen_und_bei_Tieren">Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.</h2> +</div> + + +<p>Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der +Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern +recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders +gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche +regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner +Zeitung lesen konnte:</p> + +<p>Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als +den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen +verdächtig gemacht hatte.</p> + +<p>Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> in der Rekognoszierung +von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen +beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird +auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer +solchen Angabe Glauben schenken.</p> + +<p>Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines +Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des +Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.</p> + +<p>Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung +des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im +Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt <em class="gesperrt">Plutarch</em> +beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere +marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten +bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon +drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen +zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber +mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer +gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der +Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich +aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut +an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem +Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl +erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld +hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. —</p> + +<p>Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche +Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen +philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als +das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten +diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also +die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß +beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf +das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. — Ist diese +Deduktion zutreffend?</p> + +<p>Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem +Vortrag zuhörte, den Dr. <em class="gesperrt">Heinroth<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></em>, langjähriger Assistent +unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an +gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das +Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel +folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind, +unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar +von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter +verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen +Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen +und eventuell getötet.</p> + +<p>Dr. <em class="gesperrt">Heinroth</em>, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner +ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm +jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig +Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es +sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle +ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande, +gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe +jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer +Sicherheit fertig.</p> + +<p>Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen +des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:</p> + +<p>Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem +Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich +ihm ganz widmen kann.</p> + +<p>Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das +Tier unvernünftig? S. 78.</p> + +<p>Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich +überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren +lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände, +so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in +Südwestafrika erlitten.</p> + +<p>Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt +unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre +Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen +ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern +begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt +wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> jedoch sofort die +Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die +meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder +oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der +das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein +Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt +noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.</p> + +<p>Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon +wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist +mir im Gedächtnis geblieben.</p> + +<p>Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund +geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen +recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.</p> + +<p>Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die +Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie +bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.</p> + +<p>Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte, +zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie +in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es +nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher +aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen +erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie +schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen. +Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen +nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des +Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte +es plötzlich auf.</p> + +<p>Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in +der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung, +und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort +wohnte, angekommen war.</p> + +<p>Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung +vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit +ihren Augen ähnliches leistet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<p>Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht +für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw. +ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese +Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich +niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich +ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.</p> + +<p>Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden +sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder +Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln +sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls +ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der +Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner — er +wirft sich dann auf den Rücken —, wenn das schärfste Menschenauge noch +nichts wahrzunehmen vermag.</p> + +<p>Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind, +ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie +verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme +folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten +abspielte, wo viele Wildenten brüten.</p> + +<p>Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich +begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten. +Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine +kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte +weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte, +kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die +eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.</p> + +<p>Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten +dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der +Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den +schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei, +die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere +irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben +gesehen.</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang<br> +<span class="s5 center">Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher.</span></h2> +</div> + + +<p>Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich +stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der +Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« — Sodann +aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er +sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls +eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes +bemerken:</p> + +<p>Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst +bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine +einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In +den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm +findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst +noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig +bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von +Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines +Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. <span class="antiqua">Dr.</span> Schäff, +Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings +veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal +Stellung genommen — sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt +sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner +Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist, +im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben, +daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet, +daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten +Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine +Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war — +oder bekämpfen sie vereinzelt sogar!</p> + +<p>Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich +habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann, +Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir +im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als +erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen +anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und +von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind.</p> + +<p>Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche +steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil — ich gebe ohne weiteres +zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen. +Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren +Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen +usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: <em class="gesperrt">Bei den höher organisierten +Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.</em> Bei den Fledermäusen +wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die +Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der +leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann +man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen +hätten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<p>Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner +Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der +ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets +erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht, +daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch +hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang +von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich +in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen +die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76) +von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese +Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren +Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen +den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten +entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus.</p> + +<p>Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen +Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen +weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem +Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit +behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt +habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist +möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben +wird mir niemand absprechen können.</p> + +<p>Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt +einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde +Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus +Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine +Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die +bereits ein dummer Junge widerlegen kann? — Weil sie der Herr Kritiker +selbst nicht angeben kann!</p> + +<p>Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches +feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang +durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen +Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher +wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt, +daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen +Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe. +Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß +bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt +wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle +sei. In Wirklichkeit stammt sie aus — Brehm, der ausdrücklich an zwei +Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204). +Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher +besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben.</p> + +<p>Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus +Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich +veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger +hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<p>Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen +einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß +für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe +ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe +berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern +anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen +Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner +nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen +gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren +seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen. +Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische +Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen, +verbietet mir meine Erziehung.</p> + +<p>Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues. +Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur +Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben, +und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war, +verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich +gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung +und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche +Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute — mehr als +sechs Monate seit ihrem Erscheinen — mit keiner Silbe besprochen. +Das läßt tief blicken — würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche +Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend +beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung +eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt.</p> + +<p>Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten +hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber +den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender +Mittel:</p> + +<p>1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird +er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen +Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben +war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich +nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund +gesehen.</p> + +<p>2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So +wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich +(S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw.</p> + +<p>3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und +Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß +ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so +kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als +hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings +und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist, +ebenfalls kurzsichtig — und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade +— und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich +wohlweislich verschwiegen. Habe ich <em class="gesperrt">eine</em> Beobachtung vom +Fenster aus gemacht, so habe ich<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> sie <em class="gesperrt">öfter</em> von dort aus +gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem +ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere +mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn +unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase +keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören.</p> + +<p>4. Er stellt die unsinnigsten und unwahrsten Behauptungen auf, die er +auf späteren Seiten wieder vergessen hat. So heißt es gleich im Anfang, +daß es keine Schöpfungskrüppel gibt, daß die Natur den Kreaturen +überreichlich Mittel und Waffen gegeben hat, um den Existenzkampf +zu führen (S. 11 u. 30). Jeder, der eine Spur Logik besitzt, wird +hiergegen einwenden, wie es unter diesen Umständen möglich sei, daß ein +Pflanzenfresser von einem Raubtiere erbeutet werden könnte. Auf S. 60 +heißt es aber im vollsten Widerspruch damit, daß Rinder und Fische nur +2 Sinne, ja die Eule nur einen hervorragenden Sinn besitzen, ferner auf +S. 49, daß die Katzen schlecht wittern können.</p> + +<p>Ferner lesen wir gleich im Eingang auf S. 11 den Grundgedanken +(wiederholt auf S. 60 und 80), daß die Sinnesorganisation des Tieres +genau der dem Menschen verliehenen Ausrüstung entspricht. Hieraus geht +hervor, daß R. nicht die elementarsten Kenntnisse in der Tierkunde +besitzt. Ich will hier nur die Fledermäuse anführen, also Säugetiere, +die dem Menschen sehr nahe stehen. Bei Brehm (2. Aufl. Bd. 1 S. 286) +heißt es, daß einige Arten besonders kleine Augen haben und diese so +unter dichten Gesichtshaaren versteckt stehen, <em class="gesperrt">daß sie unmöglich dem +Zwecke des Sehens entsprechen können</em>. Schon vor vielen Jahrzehnten +hat man festgestellt, daß Fledermäuse, denen man die Augen zuklebte, +trotzdem den feinsten Fäden auswichen, daß sie sich also durch ihr +feines Tastgefühl orientieren, während ihr Sehvermögen fast null +ist. Im »Zoologischen Garten« sind mehrfach Fälle angeführt, wonach +vollständig erblindete Fledermäuse gefangen wurden, die sich trotzdem +in gutem Nährzustande befanden. Man stoße einen blinden Menschen in die +Wildnis, wo Feinde lauern, und überlasse ihn seinem Schicksal. Nach +wenigen Tagen dürfte er ausgelitten haben. Von dem Blindmull (<span class="antiqua">talpa +caeca</span>), der Blindmaus (<span class="antiqua">mus typhlus</span>) usw., scheint R. +niemals etwas gehört zu haben. Und ein »Kritiker«, dem die einfachsten +Kenntnisse der heimischen bezw. europäischen Tierwelt fehlen, beurteilt +ein Buch, das die Kenntnis der gesamten Tierwelt voraussetzt.</p> + +<p>5. R. betont, daß er nur eigene Beobachtungen bringe. So heißt es +auf S. 61: Alles, was ich gebe, ist durchaus selbst erlebt. Da +selbst ein Niedick, der in 5 Erdteilen gejagt hat, eine Unmenge +Tiere niemals aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, so ist es +selbstverständlich ein Unding, daß ein einzelner Mensch alle Tiere in +der Wildnis genügend beobachtet hat. Nebenbei bemerkt, kosten solche +Reisen ein ganzes Vermögen und viele Jahre. Ich nehme also von R. an, +daß er nur die wenigen Tiere der Heimat kennt bezw. zu kennen glaubt, +und daß er niemals außerhalb Deutschland gejagt hat. Selbst auf den +Redaktionen wußte man nichts davon. Da R. allein über die Fährten +zweier versprengten Wölfe seitenlang berichtet, so muß<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> man bei seiner +Weitschweifigkeit annehmen, daß er über einen erlegten Bären mindestens +ein ganzes Werk geschrieben hätte.</p> + +<p>Auf S. 187 gebe ich ein Verzeichnis der Augen- und Nasentiere. +Hierzu schreibt der »Kritiker« (S. 29): »Tierkundige mögen sich an +diesem Verzeichnis prüfen.« Hier gibt R. freimütig zu, daß er zu den +Tierkundigen nicht gehört.</p> + +<p>Es ist doch wirklich eine unerhörte Leistung, daß R. die ausländischen +Tiere in der Freiheit nicht kennen gelernt hat und trotzdem +apodiktische Urteile über sie abgibt. Der Leser urteile selbst darüber. +Ich führe ca. 20 Tiere mit schwachem Gesicht an, bei sechs gebe ich +sogar die Urteile wortgetreu von bekannten Autoritäten an, z. B. bei +Elefant und Bison. Brehm, Haacke-Kuhnert und v. Wißmann erklären z. +B. das Auge des Elefanten für schwach. R. dagegen erklärt (S. 24): +»Alle diese Tiere haben ein vortreffliches Gesicht.« Nun ist zweierlei +möglich. Entweder muß R. erklären, ich weiß es besser, da ich mehr +Elefanten geschossen habe, als alle diese Herren zusammengenommen. Das +ist sicherlich nicht wahr. Denn sonst würde er nicht bloß erzählen, daß +er einen Elefanten im Zoologischen Garten beobachtet hätte (S. 62). +Oder er besitzt die eherne Stirn, hier, wie so häufig, uns Jägerlatein +vorzutragen und, ohne selbst Elefanten gejagt zu haben, diese +Autoritäten zu bezichtigen, unrichtige Angaben gemacht zu haben.</p> + +<p>Ich hätte ja noch viel mehr Leute nennen können, die genau Elefanten +kennen und ausdrücklich hervorheben, daß ihr Auge schwach sei, z. +B. Schillings (Mit Blitzlicht und Büchse, S. 125 u. S. 141). Ein +Jäger hat doch gewiß kein Interesse daran, das Auge eines erlegten +Ungetüms als schlecht zu bezeichnen. Das mindert doch augenscheinlich +seinen Jägerruhm. Tut er es trotzdem, so kann man ihm doch unbedingt +glauben. Gerade Schillings schildert den Elefanten als ein besonders +gefährliches Wild (S. 159). Nebenbei bemerke ich, daß dieser kühne +Afrikareisende sofort die Unterscheidung von Augen- und Nasentieren +übernommen hat (S. 235), auch neue Beispiele für das Zusammenwirken +beider anführt (Giraffe und 2 Elefanten S. 126). Ferner hat er auch den +Ausdruck »Post der Tiere« akzeptiert, man vergleiche Post des Nashorns +S. 175, Post des Nilpferdes S. 209. R. hingegen schreibt über die Post +der Tiere (S. 78): Meine Ausführungen sind »so überwältigend, daß ich +sie dringend zum Studium empfehle«. — Jedes weitere Wort ist wohl +überflüssig.</p> + +<p>Bei dem Bison hätte ich für das schwache Gesicht außer Brehm noch den +Präsidenten Roosevelt anführen können, der ein hervorragender Jäger +ist und eigenhändig Bisons erlegt hat. Auch hier erklärt R., daß er +vortrefflich sieht. Also R. hat auch in Amerika — oder auf dem Monde? +— Bisons gejagt und mehr geschossen als die gedachten Herren!</p> + +<p>Überhaupt sind die Urteile, die R. über ausländische Tiere abgibt, +geradezu haarsträubend, so daß man darin bestärkt wird, er redet +lediglich vom Hörensagen. Einige Beispiele seien noch angeführt. Gegen +meine Tigertheorie (Abneigung des Stieres gegen rote Farbe), macht er +in der Deutschen Jägerzeitung (Bd. 44 S. 38) folgendes geltend: »Im +übrigen geht auch das stärkste Tier<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> nie auf einen Tiger los, sondern +flüchtet vor ihm, solange es kann.« Dasselbe sagt er S. 15.</p> + +<p>Daß in Wirklichkeit die Wildbüffel den Tiger oft angreifen, weiß +der geneigte Leser aus den Streifzügen S. 39. v. Wißmann hat selbst +beobachtet, daß ein Kaffernbüffel sogar einen Löwen vom Fraße +verscheuchte.</p> + +<p>Ebenda S. 5 heißt es: »Der Hund ist das intelligenteste und +vielseitigste Tier. Der Affe erreicht ihn nicht im entferntesten.«</p> + +<p>Nur jemand, der sich niemals mit Affen beschäftigt hat, kann einen +solchen Satz niederschreiben (vgl. Streifzüge S. 68).</p> + +<p>Bd. 40 S. 157 schreibt er, daß die Affen ihre Kinder oft aus Liebe +ersticken, obwohl Brehm ausdrücklich erklärt, daß es in der Neuzeit +niemals beobachtet sei (Bd. 1 S. 49). — Brehm erklärt die Affenbrücke +für eine Fabel, R. ist anderer Ansicht (S. 87). Brehm sagt auf Grund +eigener Beobachtungen, der Löwe brüllt, um die Herde zum Ausbrechen +zu veranlassen, R. dagegen sagt: »Nein, er brüllt aus hocherregter +Raubgier und im Vollgefühl seiner unbezwinglichen Kraft« (S. 13).</p> + +<p>Im Anschluß hieran möchte ich noch über eigene Beobachtungen folgendes +bemerken. Wenn ich in einem Buche etwas beweisen will, so bin ich +Partei und — wie in der Natur der Sache liegend — befangen. Ich habe +deshalb nur solche Beobachtungen angeführt, die jeder nachprüfen kann. +Es beweist etwas, wenn ich sage, v. Wißmann, Horn, Marshall u. a. +sind der Ansicht, Vögel können nicht wittern. Dagegen ist es geradezu +lächerlich, wenn R. dagegen anführt (S. 52), er und mehrere Zuschauer +hätten gesehen, daß eine Amsel gewittert hätte. Wer waren denn die +andern Personen?</p> + +<p>Kein Mensch kann, wie gesagt, alle Tiere in der Wildnis beobachtet +haben, selbst ein Brehm hat trotz seiner Reisen in andern Erdteilen +drei Viertel seiner Tierschilderungen andern Personen entlehnen +müssen. Dagegen haben wir jetzt einen Vorzug, den frühere Zeiten nicht +besaßen. Durch die zahlreichen Tierschilderungen haben wir jetzt das +Mittel der gegenseitigen Kontrolle. Ferner ist es klar, daß verwandte +Tiere verwandte Handlungen begehen. Ich möchte das an einem Beispiele +klarmachen. In »Zwinger und Feld« (vgl. Februarheft des »Kosmos« +II. S. XXIII) wird von einem Rebhuhn erzählt, das eine Verletzung +vortäuschte und dadurch einen Fuchs von seinen Jungen fortlockte. +Wer Tiere nicht kennt, wird als Skeptiker wahrscheinlich sagen: »Ja, +weiß man denn, ob es wahr ist?« Liest er hingegen in meinem Buche das +Kapitel: Verstellungskünste bei Vogeleltern und sieht, daß es sich hier +um einen bei fast allen Vögeln, insbesondere den Erdbrütern, üblichen +Kunstgriff handelt, so wird ihm die Sache ganz einleuchtend vorkommen. +Andererseits müßte er ja annehmen, daß Männer wie Naumann, Brehm usw. +sich vorgenommen hätten, ihren Lesern etwas vorzulügen und zufällig auf +denselben Schwindel geraten wären.</p> + +<p>Das Mittel der gegenseitigen Kontrolle gibt mir sofort die Möglichkeit +zu sagen, ob eine Tiergeschichte wohl wahrscheinlich sei oder nicht. +Obwohl ich ferner diesen Grundsatz auch bei Autoritäten angewandt und +mich fast immer auf solche berufen habe, ist es mir trotzdem selbst +bei wohlwollenden Kritikern passiert,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> daß sie fragten: Ja, ist denn +das alles wahr, was Zell erzählt? Das kommt also vor, obwohl ich +fortwährend die Autoritäten nenne, auf die ich mich berufe. — Ich muß +demnach meine Methode der Beweisführung für die allein richtige halten.</p> + +<p>Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu den Tieren mit schwachen +Augen zurück, die es angeblich nach Rothe nicht gibt. So hätte ich — +wäre ich jemals auf den Gedanken gekommen, daß es bezweifelt würde — +noch eine größere Anzahl von Tieren mit schwachem Gesicht und eine +größere Anzahl von Autoritäten, die mir recht geben, anführen können. +Da aber z. B. bei der Spitzmaus die alten Römer bereits ein Sprichwort +hatten (vgl. S. 63), so hielt ich es für unmöglich, daß solche +Tatsachen in Deutschland »widerlegt« werden und zwar dadurch, daß ein +»Kritiker« erklärt, diese Tiere sehen sehr gut.</p> + +<p>Wegen des Hundes wollte ich noch anführen, daß der Sachverständige +für die Deutsche Jäger-Zeitung, <span class="antiqua">Dr.</span> Ströse, Verfasser des +Werkes: »Unsere Hunde«, bereits 1892 daselbst (Bd. II, S. 66 ff.), +was mir damals noch nicht bekannt war, ausführlich nachweist, daß der +Hund schlecht sieht. Wer das behauptet, ist nach R. (vgl. S. 40) ein +Ignorant. Also die Deutsche Jäger-Zeitung, deren Mitarbeiter R. ist, +hält sich zum Sachverständigen einen Ignoranten — glücklicherweise +nur nach R.s Ansicht, während andere Tierkundige <span class="antiqua">Dr.</span> Ströse +vollkommen recht geben.</p> + +<p>Selbst von Hunden versteht also Forstmeister R. trotz 60jähriger +Beobachtung nichts.</p> + +<p>Hinsichtlich der Pferde wollte ich bemerken, daß mir eine Autorität +auf diesem Gebiete, der gerichtliche Sachverständige für Pferde, Major +Schoenbeck, sowie zahlreiche Kavallerieoffiziere vollkommen recht +gegeben haben.</p> + +<p>6. Am ergötzlichsten ist die Anmaßung, daß R., der fortwährend +betont, er habe sich im Freien herumgetrieben, trotzdem über meine +Homerabhandlungen absprechend urteilt (S. 80). War er in Feld und +Flur, dann kann er keine Homerstudien getrieben haben. Es ist ja nur +charakteristisch für diesen »Kritiker«, daß er fortwährend über Dinge +urteilt, die er nicht versteht.</p> + +<p>7. Ein Eckstein meiner Beweisführung ist der Windhund, der nach +<em class="gesperrt">Brehm</em> gut äugt, aber schlecht wittert. Hier war R., der sonst +das Unglaublichste behauptet, mit seinem Jägerlatein zu Ende, denn dem +Leser zu erklären, das ist unwahr, der Windhund wittert vorzüglich, wie +er das bei anderen Tieren tut, schien ihm zu riskant. Wie widerlegt +er nun die meine Theorie überzeugend beweisende Tatsache, daß ein +ausnehmend gut sehender Hund dafür ausnehmend schlecht wittert? Man +lese (S. 24): »Es ist vom Windhund die Rede.« Das ist alles, was er zu +sagen hat.</p> + +<p>8. Die tollste Leistung ist jedoch folgende. Während er in seiner +Gegenschrift mit dem Brustton der Überzeugung erklärt, daß es +Schöpfungskrüppel nicht gebe, hat er zwei Jahre früher in der Deutschen +Jäger-Zeitung einen Artikel über die Seele der Tiere veröffentlicht +(Bd. 40, S. 107 ff.), der genau das Gegenteil sagt, denn z. B. heißt +es vom Hunde (S. 124), daß sein Auge Einzelheiten nicht erkennt (worin +eben das Wesen des schwachen Gesichts besteht). Ferner berichtet +er vom Wildschweine<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> (S. 427), daß sein Gesicht außerordentlich +schwach sei! Für Zweifler führe ich die Stelle wörtlich an: »Bei +einer Wildart jedoch glaube ich mich überzeugt zu haben, daß <em class="gesperrt">das +Gesicht ganz außerordentlich schwach ist</em>, nämlich bei den Sauen. +Oft zog Schwarzwild nahe an mich heran, namentlich auch Bachen mit +Frischlingen, obwohl ich der Beobachtung halber auf Deckung verzichtet +hatte« usw. Also nachdem eine »Vorsehung« — wie er äußert — (vgl. S. +8) ihn 57 Jahre lang Tiere beobachten ließ, kam er zu dem Resultate, +daß manche schlecht sehen. Drei Jahre später ist das schon völliger +Unsinn. Und zwar liegt hier kein Versehen oder Mißverständnis vor, denn +er setzt auf mehreren Seiten (54 ff.) auseinander, daß das Schwarzwild +gut sieht. Früher sah der Hase bei Mondschein gut, was auch meine +Ansicht ist, da alle schwachsichtigen Tiere in der Nacht wegen ihrer +großen Pupillen mindestens ebensogut sehen wie der Mensch, der wie die +Tagvögel und Tagaffen ein Tagseher ist. Jetzt sieht der Hase plötzlich +auch am Tage gut (S. 46). Dabei handelt es sich um die bekanntesten +heimischen Tiere. — Welche Meinung wird er einige Jahre später in +die Welt als die allein richtige ausposaunen? — Diese Proben von +dem »Kritiker« R. dürften wohl genügen, sonst stehe ich mit weiteren +Mitteilungen zur Verfügung.</p> + +<p>Mancher Leser dürfte darüber erstaunt sein, daß ich diese Entgegnung +nicht früher veröffentlicht habe. Darauf kann ich nur erwidern, +daß ich Wichtigeres zu tun habe. So habe ich inzwischen eine Reihe +interessanter Arbeiten veröffentlicht, z. B. die Entstehung der +Rechtshändigkeit, den Ursprung des Werwolfs- und Gorgonenmythus, die +Wünschelrute usw. Andere große Arbeiten harren dagegen noch immer der +Erledigung. So wollte ich bereits seit Jahren ein umfangreiches Werk +über die Homermythen veröffentlichen, bin jedoch noch immer nicht dazu +gekommen. Ebenso tut es mir sehr leid, daß eine Menge von Zuschriften +wegen Zeitmangels noch immer nicht erledigt werden konnte.</p> + +<p>Ihre Beantwortung wäre mir um vieles angenehmer gewesen als diese +Entgegnung, was mir wohl jeder Leser ohne weitere Versicherung glauben +wird. Nur mit Widerwillen habe ich mich mit einem Gegner befaßt, dessen +Kampfmethoden ich soeben geschildert habe, der namentlich hin und her +schwankt und heute etwas für Unsinn erklärt, wofür er vor einiger +Zeit selbst eingetreten ist. — Brehm schreibt von der in Südeuropa +hausenden Blindmaus, also einem Säugetier, einem Nager, der gewiß +ein scharfes Auge zum Schutze gegen seine Feinde nötig hätte, da er +sich gern sonnt (Bd. II, S. 399): »Die Augen haben kaum die Größe +eines Mohnkorns und liegen <em class="gesperrt">unter der Haut</em> verborgen, <em class="gesperrt">können +also zum Sehen nicht benutzt werden</em>.« Hiermit vergleiche man +R.: »Die Tiere sind überreichlich mit Mitteln und Waffen versehen, +Schöpfungskrüppel gibt es nicht, die Sinnesorganisation der Tiere ist +genau dieselbe wie die der Menschen« usw. — Würde die Bezeichnung +»Geschwätz« für diese Behauptungen nicht eine große Schmeichelei sein?</p> + + +<div class="chapter"> +<p class="p4 s2"><b>Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!</b></p> +<p>Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir</p> +<p class ="s2 center"><b><em class="gesperrt">alle Naturfreunde</em></b></p> +<p class="p0">jeden Standes sowie alle <i>Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw.</i> +ein. — Außer dem geringen</p> + +<p class="s2 center"><i>Jahresbeitrag von nur M 4.80</i></p> +<p class="s5 center">(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post +Porto besonders.)</p> + +<p>= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied <b>keinerlei</b> +Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende <i>große Vorteile +geboten</i>:</p> +<p>Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren +Jahresbeitrag im Jahre 1912 <b>kostenlos</b>:</p> + +<div class="hang"> +<p>I. <b>Die Monatschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.</b> +<span class="s5">reich illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes) Preis +für Nichtmitglieder M 3.—.</span></p> +<p>II. <b>Die ordentlichen Veröffentlichungen.</b> +<span class="s5">Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.— pro Band.</span></p> +</div> + +<div class="hang2"> +<p><b>Ch. Gibson-H. Günther, Was ist Elektrizität?</b></p> +<p><b>Dr. F. Dannemann, Wie unser Weltbild entstand.</b></p> +<p><b>Dr. K. Floericke, Kriechtiere und Lurche fremder Länder.</b></p> +<p><b>Prof. Dr. K. Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge.</b></p> +<p><b>Dr. A. Koelsch, Die Erschaffung der Seele.</b></p> + +<p class="s5 center">Änderungen vorbehalten.</p> + +<p>III. <b>Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden +naturwissenschaftlichen Werken</b> (siehe Seite 7 des Prospektes).</p> + +<p class="center">▖▗</p> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="illu-097" src="images/illu-097.jpg" alt="handzeichen"> +</div> + +<p class="s5"><em class="gesperrt">Jede Buchhandlung</em> nimmt Beitrittserklärungen entgegen +und besorgt die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die +Geschäftsstelle des Kosmos in Stuttgart.</p> +<p class="center">▖▗</p> +<p class="center"><b>Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.<br> +Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.</b></p> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 center"><b>===Satzung===</b></p> + +<div class="hang2"> +<p>§ 1. <b>Die Gesellschaft Kosmos</b> (eine freie Vereinigung der Naturfreunde +auf geschäftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis +der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das +Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres +Volkes verbreiten.</p> + +<p>§ 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die +Herausgabe eines den Mitgliedern <b>kostenlos</b> zur Verfügung +gestellten naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch Herausgabe +neuer, von hervorragenden Autoren verfaßter, im guten Sinne +gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie +ihren Mitgliedern <b>unentgeltlich</b> oder zu <b>einem besonders +billigen Preise</b> zugänglich macht, usw.</p> + +<p>§ 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden +Ausschuß, den Vorstand usw.</p> + +<p>§ 4. <b>Mitglied kann jeder werden</b>, der sich zu einem +Jahresbeitrag von M 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto) +verpflichtet. Andere Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung +angegeben sind, erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann +jederzeit erfolgen; bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der +Austritt ist gegebenenfalls bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen, +womit alle weiteren Ansprüche an die Gesellschaft erlöschen.</p> + +<p>§ 5. Siehe vorige Seite.</p> + +<p>§ 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der <b>Franckh'schen +Verlagshandlung, Stuttgart</b>, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften, +Sendungen und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine +Buchhandlung Erledigung finden konnten, dahin zu richten.</p> +</div> +</div> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 center">⯀ ⯀ <b>Kosmos</b> ⯀ ⯀</p> + +<p class="s3 center">Handweiser für Naturfreunde</p> +<p class="center">Erscheint jährlich zwölfmal — 2 bis 3 Bogen stark —<br> +und enthält:</p> + +<div class="hang2"> +<p><b>Originalaufsätze</b> von allgemeinem Interesse aus sämtlichen +Gebieten der Naturwissenschaften. Reich illustriert.</p> +<p><b>Regelmäßig orientierende Berichte</b> über Fortschritte und neue +Forschungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.</p> +<p><b>Auskunftsstelle — Interessante kleine Mitteilungen.</b></p> +<p><b>Mitteilungen über Naturbeobachtungen</b>, Vorschläge und Anfragen +aus dem Leserkreise.</p> +<p><b>Bibliographische Notizen</b> über bemerkenswerte neue Erscheinungen +der deutschen naturwissenschaftlichen Literatur.</p> +</div> + +<p>Dem »Handweiser« werden kostenlos beigegeben die illustr. Beiblätter:</p> +<p>Wandern und Reisen ▪▪ Aus Wald und Heide ▪▪ Photographie und +Naturwissenschaft ▪▪ Technik und Naturwissenschaft ▪ ▪ Haus, Garten und +Feld ▪ ▪ Die Natur in der Kunst ▪ ▪ Lesefrüchte.</p> +<p class="s5 center">Der »Kosmos« allein kostet für Nichtmitglieder jährlich M 3.—.</p> + +<p class="center"><b>====Probehefte durch jede Buchhandlung oder direkt.====</b></p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + +<p>Im Jahre 1912 erhalten die Mitglieder außer der reichhaltigen +Vereinszeitschrift (jährlich 12 umfangreiche, reich illustr. Hefte) die +folgenden ordentlichen Veröffentlichungen kostenfrei:</p> + + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 center"><b>Wie unser Weltbild entstand</b></p> +<p class="center">Eine Geschichte der Anschauungen über den Bau<br> +des Weltalls vom Altertum bis zur Gegenwart.</p><br> + +<p class="s3 center">Von <b>Dr. F. Dannemann</b></p> +<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen.</p><br> + +<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br> +In Leinen gebunden M 1.80.</b></p> + +<p>Im Wandel des Weltbildes, also des Bildes, das sich die Völker, +das sich die einzelnen Menschen vom Weltall machten, spiegelt sich +die Geschichte der Menschheit selber wieder. Dannemann rollt diese +Geschichte in scharf ineinandergreifenden Bildern in seinem Bändchen +vor uns auf. Wir hören von den Anfängen der Wissenschaft bei Chaldäern +und Ägyptern, stehen mit ihnen im heißen Wüstensand und starren empor +zu den ewigen funkelnden Sternen. Die Astrologen wollen uns ihre +Wunder glauben machen, aber die kühle Wissenschaft der Griechen jagt +die Nebel von dannen, und wir sehen hier bereits Spuren der späteren +reifen Erkenntnis auftauchen, die allerdings die Nebel der Zeit doch +wieder verhüllen. Nieder geht die Wissenschaft im alten Rom und dann +kommt das Mittelalter mit seinem tiefen Geistesschlaf, aus dem nur +einzelne Gipfel, in lichter Morgensonne leuchtend, ragen. Giordano +Bruno, der Dominikanermönch, schleudert mit mächtigem Schwunge die +Sonne als Stern unter Sternen hinaus in den eisigen Raum. Er büßt +auf dem Scheiterhaufen seine Verwegenheit, aber die Vielheit der +Welten ist einmal ausgesprochen und damit die Sonderstellung der Erde +erschüttert. Dann sitzt Galilei droben auf seiner Sternwarte und sieht +die Monde des Jupiter leuchten und schwingen, und er erkennt die Erde +als Sonnentrabant. <span class="antiqua">Eppur si muove</span> — und sie bewegt sich doch +— so klingt das so bezeichnende, ihm zugeschriebene Wort, mit dem +er seine Hoffnungen begräbt, hinaus in die Weite. Dann aber kommen +Kepler, Kopernikus und Newton und mit ihnen die reine Mathematik, die +strenge Rechnerin, die ihre Netze über das All wirft, einzufangen und +zu berechnen, und so zu beweisen, was Denken und Forschen uns verriet. +Von da ab geht's aufwärts und immer aufwärts. Licht über Licht flutet +auf uns herein, und am Schluß stehen wir stolz vor dem Erreichten +und demütig vor dem Unerforschlichen, das wir mit Goethes Wort ruhig +verehren.</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 center"><b>Was ist Elektrizität?</b></p> +<p class="center">Die Naturgeschichte eines Elektrons</p> +<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Charles Gibson</b></span></p> + +<p class="center">Nach dem Englischen frei bearbeitet von <b>Hanns Günther</b></p> + +<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br> + +<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br> +In Leinen gebunden M 1.80.</b></p> + +<figure class="figleft illowe15" id="illu-100"> + <img class="w100" src="images/illu-100.jpg" alt="blitzeinschlag"> +</figure> + +<p>Was ist Elektrizität? Eine inhaltschwere Frage liegt in diesem Titel, +eine Frage, an deren Lösung Jahrhunderte vergeblich gerätselt haben, +weil sie den Forschern immer wieder unter der Hand entglitt. Das +letzte Jahrzehnt, das beginnende 20. Jahrhundert erst hat die dunkle +Pforte soweit erschlossen, daß wir langsam Licht zu sehen beginnen, +wo vorher tiefer schwarzer Schatten war. Nach der heute geltenden +Theorie erscheint uns Elektrizität als das wechselvolle Spiel winzig +kleiner Teilchen, die man Elektronen nennt. Wie man sie fand, wie man +ihr Wesen erkannte, wie sie schaffen und wirken, um uns zu dienen und +zu helfen, das alles erzählt uns dieses kleine Bändchen — läßt es uns +erzählen von einem Elektron selber, das aus der Schar seiner Genossen +erwählt ward, uns sichere Kunde zu bringen von jenem neuen großen +Reich. Die ganzen Wunder der Elektrik wachsen hier langsam vor unseren +Augen empor; erst groß und mächtig und überwältigend, daß wir sie kaum +erfassen können. Und dann plötzlich vertraut und verständlich, weil wir +hinter ihre Ursachen sehen. Es ist ein Buch, das Gegenstücke hat in der +Geschichte der Physik, <em class="gesperrt">aber es hat keine Vorläufer</em>, und darum +wird es jedem Neues und Gutes bringen.</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 center"><b>Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge</b></p> +<p class="center">Anfänge und Urformen der menschlichen Wirtschaft u. Organisation</p> +<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Dr. Karl Weule</b></span></p> + +<p class="center">Direktor des Museums für Völkerkunde und<br> +:: Professor an der Universität zu Leipzig ::</p> +<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br> + +<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br> +In Leinen gebunden M 1.80.</b></p> + +<p>Der »Kultur der Kulturlosen« und den »Kulturelementen« läßt +der bekannte Ethnolog in diesem dritten Bändchen seiner Serie +die Schilderung der Anfänge des menschlichen Wirtschafts- und +Gesellschaftslebens folgen. Auch hier führt er uns aus dem +Völkerleben der Vergangenheit und der Gegenwart eine solche Fülle +der eigenartigsten und interessantesten Erscheinungen vor, daß es, +wie immer, eine wahre Freude ist, unter der lebendigen Führung des +Gelehrten zu sehen, nein zu erleben, wie der Primitive sich seinen +Lebensunterhalt erkämpft, wie er anderseits des Lebens Annehmlichkeiten +nach seiner Weise genießt, wie er fast überall zu einem wirklichen +Handelsverkehr emporsteigt, zu dessen leichterer Abwicklung er sogar +die seltsamsten Geldsorten erfindet, und wie er endlich den Raum durch +bestimmte Verkehrsmittel zu besiegen gewußt hat. Noch fesselnder +sind die Ausblicke auf die so vielumstrittenen Ausgangsformen der +menschlichen Gesellschaft und deren Weiterbildung.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 center"><b>Kriechtiere und Lurche fremder Länder</b></p> +<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Dr. Kurt Floericke</b></span></p> +<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br> + +<figure class="figleft illowe18" id="illu-101"> + <img class="w100" src="images/illu-101.jpg" alt="tierbild"> +</figure> + +<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br> +In Leinen gebunden M 1.80.</b></p> + +<p>Die Kenntnis weniger Tierklassen hat in den letzten beiden Jahrzehnten +so überraschende Fortschritte gemacht, wie diejenige der Kriechtiere +und Lurche, wozu nicht nur die Erschließung fremder Länder, sondern +namentlich auch das Erwachen und die überraschende Erstarkung der +Terrarienliebhaberei beigetragen hat. In der Tat ist ja auch die +bunte Fülle merkwürdiger oft geradezu abenteuerlich gestalteter +Formen im Reich der Kaltblütler ganz dazu angetan, das Interesse des +denkenden Naturfreundes in hohem Grade zu erregen. Dazu kommen noch die +absonderlichen Lebensgewohnheiten dieser Tiere, die sich namentlich bei +der Sorge für ihre Nachkommenschaft oft in ganz überraschender Weise +äußern. Die »Kosmos«-Mitglieder werden es daher mit Freuden begrüßen, +nunmehr auch über diese Tiergruppe aus der bewährten Feder Floerickes +eine alle wichtigen Punkte umfassende und die interessantesten +plastisch herausarbeitende Darstellung zu erhalten.</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 center"><b>Die Erschaffung der Seele</b></p> +<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Dr. Adolf Koelsch</b></span></p> + +<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br> + +<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br> +In Leinen gebunden M 1.80.</b></p> + +<p>Das lebende Wesen unterscheidet sich durch nichts so deutlich vom +toten unbelebten Stoff als durch die Fähigkeit, sich Eindrücke und +Erfahrungen einzuverleiben und so Empfindung und Gedächtnis, <em class="gesperrt">eine +Seele</em> entstehen zu lassen. Alle die vielen Einflüsse, die die +Umwelt in jedem Augenblick auf uns ausübt, gehen nicht verloren — +sie wirken in allem Lebendigen weiter, und nicht nur im einzelnen +Wesen, sondern in der langen Kette seiner Nachkommen. Dieses Tiefste +und Wunderbarste, <em class="gesperrt">die Erschaffung der Seele</em> will das Büchlein +in klarer, einfacher Weise vorführen, gestützt auf ein reiches +Erfahrungsmaterial und zahllose Experimente. <em class="gesperrt">Das Geheimnis der +empfindenden Seele, die langsam erweckt wird und sich entfaltet, +das Geheimnis der Vererbung</em> wird an der Hand zahlreicher +experimenteller Untersuchungen gezeigt.</p> + +<p class="p2 s4 center"><b>Die Naturwissenschaft fördert die Fähigkeit des Menschen, das Leben zu +behaupten und sich Lebensgüter zu verschaffen!</b></p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p class="p0">Die Mitglieder des <em class="gesperrt">Kosmos</em> haben bekanntlich nach Paragraph 5 III +das Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern +angebotenen Bücher zu <em class="gesperrt">einem Ausnahmepreis</em> zu beziehen. Es +befinden sich u. a. darunter folgende Werke:</p> +</div> + +<table data-summary="Katalog"> +<tbody><tr> +<td></td> +<td class="tdr">Preis f. Nichtmitgl.</td> +<td class="tdr">Mitgliederpreis</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Alt, ABC der Chemie</b></td> +<td class="tdr">2.40</td> +<td class="tdr">1.–</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.</b> Fein gebunden</td> +<td class="tdr">1.80</td> +<td class="tdr">1.50</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d. Niederjagd.</b> Geb.</td> +<td class="tdr">4.50</td> +<td class="tdr">2.90</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Ewald, Mutter Natur erzählt.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Ewald, Der Zweifüssler.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Fabre. J. H., Sternhimmel.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Fabre, J. H., Bilder a. d. Insektenwelt.</b> + I/II, III/IV. 2 Bde. geb. je</td> +<td class="tdr">4.50</td> +<td class="tdr">3.40</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Fabre, J. H., Blick ins Käferleben.</b> Broschiert</td> +<td class="tdr">1.–</td> +<td class="tdr">–.50</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">10.–</td> +<td class="tdr">8.40</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">3.60</td> +<td class="tdr">2.80</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.</b> Kart.</td> +<td class="tdr">4.50</td> +<td class="tdr">1.70</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Jahrbuch der Vogelkunde</b> II. Jahrgang. 1908</td> +<td class="tdr">2.80</td> +<td class="tdr">2.-</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.</b> Brosch.</td> +<td class="tdr">1.–</td> +<td class="tdr">–.50</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Leben der Pflanze.</b> Bd. I, II, III, IV, geb. je</td> +<td class="tdr">15.–</td> +<td class="tdr">13.50</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Lindemann, Die Erde.</b> Bd. I. Gebunden</td> +<td class="tdr">9.–</td> +<td class="tdr">8.–</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.</b> Geb.</td> +<td class="tdr">3.–</td> +<td class="tdr">1.90</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">13.60</td> +<td class="tdr">12.20</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Schrader, Liebesleben der Tiere.</b> Broschiert</td> +<td class="tdr">1.40</td> +<td class="tdr">1.10</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.</b> Geb.</td> +<td class="tdr">2.50</td> +<td class="tdr">1.85</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Stevens, Frank, Die Reise ins Bienenland.</b> Geb.</td> +<td class="tdr">3.-</td> +<td class="tdr">1.85</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.</b> Geb.</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Thompson, E. S., Prärietiere und ihre Schicksale.</b> Fein geb.</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Thompson, E. S., Tierhelden.</b> Fein gebunden</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Wandtafeln zur Tierkunde:</b></td> +<td class="tdr"></td> +<td class="tdr"></td> +</tr> +<tr> +<td><b>Reihe I, Reihe II</b> (mit je 4 Einzelbildern) roh je</td> +<td class="tdr">4.50</td> +<td class="tdr">3.50</td> +</tr> +<tr> +<td>auf Leinwand gezogen je</td> +<td class="tdr">7.50</td> +<td class="tdr">5.80</td> +</tr> +<tr> +<td>auf Leinwand gezogen u. mit Stäben versehen je</td> +<td class="tdr">8.50</td> +<td class="tdr">6.50</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Reihe I, Einzelbild 1, 2,3,4, Reihe II</b> Einzelbild 1, 2,3,4</td> +<td class="tdr"></td> +<td class="tdr"></td> +</tr> +<tr> +<td>jedes Bild roh</td> +<td class="tdr">1.50</td> +<td class="tdr">1.20</td> +</tr> +<tr> +<td>jedes Bild roh auf Leinwand gezogen</td> +<td class="tdr">3.-</td> +<td class="tdr">2.20</td> +</tr> +<tr> +<td>jedes Bild auf Leinwand gezogen u. mit Stäben versehen</td> +<td class="tdr">4.-</td> +<td class="tdr">3.10</td> +</tr> +<tr> +<td><p class="s5">(Ausführliche prospekte von der Geschäftsstelle</p></td> +<td class="tdr"></td> +<td class="tdr"></td> +</tr> +<tr> +<td><b>Wurm, Waldgeheimnisse.</b> Gebunden</td> +<td class="tdr">4.80</td> +<td class="tdr">3.60</td> +</tr> +<tr> +<td><b>Monographien unserer Haustiere:</b> Bd. I Schumann,<br> +Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III<br> +Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn à</td> +<td class="tdr">1.40</td> +<td class="tdr">1.05</td> +</tr> +<tr> +<td>und zahlreiche andere mehr.</td> +<td class="tdr"></td> +<td class="tdr"></td> +</tr> +</tbody></table> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<div class="newpage"> +<p class="s2 center"><i><b>Die ordentlichen Veröffentlichungen</b></i></p> +<p class="center">der früheren Jahre stehen neu eintretenden Mitgliedern, solange Vorrat, +zu Ausnahmepreisen zur Verfügung.</p> + +<p class="floatleft">:1904:</p> +<p class="p0">(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.— (Preis für Nichtmitglieder M 5.—),<br> +geb. für M 6.20 (für Nichtmitglieder M 8.40):</p> +<p>Bölsche, W., Abstammung des Menschen.</p> +<p>Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltuntergang.</p> +<p>Zell, Dr. Th., Ist das Tier unvernünftig? (Doppelband.)</p> +<p>Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltschöpfung.</p> + +<p class="floatleft">:1905:</p> +<p class="p0">(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.— (Preis für Nichtmitglieder M 5.—),<br> +geb. für M 6.75 (für Nichtmitglieder M 9.—):</p> +<p>Bölsche, Wilhelm, Stammbaum der Tiere.</p> +<p>Francé. R. H., Das Sinnesleben der Pflanzen.</p> +<p>Zell, Dr. Th., Tierfabeln.</p> +<p>Teichmann, Dr. E., Leben und Tod.</p> +<p>Meyer Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Sonne und Sterne.</p> + +<p class="floatleft">:1906:</p> +<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br> +für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80). +Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht sich der Preis um 85 Pf.:</p> +<p>Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. 1906: 12 Hefte (Preis für Nichtmitglieder M 2.80).</p> +<p>Francé, R. H., Liebesleben der Pflanzen.</p> +<p>Meyer, Dr. M. Wilh., Rätsel d. Erdpole.</p> +<p>Zell, Dr. Th., Streifzüge durch d. Tierwelt.</p> +<p>Bölsche, Wilh., Im Steinkohlenwald.</p> +<p>Ament, Dr. W., Die Seele des Kindes.</p> + +<p class="floatleft">:1907:</p> +<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br> +für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht +sich der Preis um 85 Pf.:</p> +<p>Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. 1907: 12 Hefte (für +Nichtmitgl. M 2.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht +sich der Preis um 85 Pf.</p> +<p>Kuhlmann, Aus der Wunderwelt des Wassertropfens.</p> +<p>Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.</p> +<p>Meyer, Dr. M. W., Kometen u. Meteore.</p> +<p>Teichmann, Dr. E., Fortpflanzung und Zeugung.</p> +<p>Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.</p> + +<p class="floatleft">:1908:</p> +<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br> +für M 7.55(für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht +sich der Preis um 85 Pf.:</p> +<p>Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane.</p> +<p>Teichmann, Dr. E., Die Vererbung als erhaltende Macht im Flusse +organischen Geschehens.</p> +<p>Sajó, Krieg u. Frieden im Ameisenstaat.</p> +<p>Dekker, Naturgeschichte des Kindes.</p> +<p>Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes.</p> + +<p class="floatleft">:1909:</p> +<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br> +für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80). +Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht +sich der Preis um 85 Pf.:</p> +<p>Unruh, Leben mit Tieren.</p> +<p>Meyer, Dr. M. Wilh., Der Mond.</p> +<p>Sajó, Prof. K., Die Honigbiene.</p> +<p>Floericke, Dr. K., Kriechtiere und Lurche Deutschlands.</p> +<p>Bölsche, Wilh., Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium.</p> + +<p class="floatleft">:1910:</p> +<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br> +für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht +sich der Preis um 85 Pf.:</p> +<p>Koelsch, Von Pflanzen zwischen Dorf und Trift.</p> +<p>Dekker, Fühlen und Hören.</p> +<p>Meyer, Welt der Planeten.</p> +<p>Floericke, Säugetiere fremder Länder.</p> +<p>Weule, Kultur der Kulturlosen.</p> + +<p class="floatleft">:1911:</p> +<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br> +für M 7.55(für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht +sich der Preis um 85 Pf.:</p> +<p>Koelsch, Durch Heide und Moor.</p> +<p>Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.</p> +<p>Weule, Kulturelemente der Menschheit.</p> +<p>Floericke, Vögel fremder Länder.</p> +<p>Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit.</p> + +<p class="p2">Die sämtlichen noch vorhandenen Jahrgänge der Kosmos-Veröffentlichungen +(s. obige Zusammenstellung) liefern wir an Mitglieder:</p> + +<p class="p0">geheftet für M 31.50 (Preis für Nichtmitglieder M 56.80)<br> +gebunden (auch Handweiser) für M 52.50 (Preis für Nichtmitglieder 93.—)</p> +<p class="p0 center">auch gegen kleine monatliche Ratenzahlungen.</p> +<hr class="r5"> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76968-h/images/cover.jpg b/76968-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..af693b4 --- /dev/null +++ b/76968-h/images/cover.jpg diff --git a/76968-h/images/frontispiece.jpg b/76968-h/images/frontispiece.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..125a59d --- /dev/null +++ b/76968-h/images/frontispiece.jpg diff --git a/76968-h/images/illu-001.jpg b/76968-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8b35e29 --- /dev/null +++ b/76968-h/images/illu-001.jpg diff --git a/76968-h/images/illu-097.jpg b/76968-h/images/illu-097.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b2a84af --- /dev/null +++ b/76968-h/images/illu-097.jpg diff --git a/76968-h/images/illu-100.jpg b/76968-h/images/illu-100.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8a7557b --- /dev/null +++ b/76968-h/images/illu-100.jpg diff --git a/76968-h/images/illu-101.jpg b/76968-h/images/illu-101.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..274e164 --- /dev/null +++ b/76968-h/images/illu-101.jpg diff --git a/76968-h/images/signet.jpg b/76968-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dddc1a8 --- /dev/null +++ b/76968-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..b5dba15 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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