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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 ***
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+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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+ Straußenpolitik
+ Neue Tierfabeln.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart.
+
+
+Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und
+damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen
+in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel
+glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher
+Literatur zu erreichen mittelst des
+
+
+ Kosmos, Handweiser für Naturfreunde
+ Jährlich zwölf Hefte. Preis M 2.80;
+
+ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
+Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
+erscheinen im Vereinsjahr 1908:
+
+ =Meyer, Dr. M. Wilh., Erdbeben und Vulkane. Reich illustriert. Geb.
+ M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=
+
+ =Dekker, Dr. Herm., Naturgeschichte des Kindes. Illustriert. Geb. M
+ 1.-- = K 1.20 h ö. W.=
+
+ =Sajó, Prof. Dr. K., Krieg u. Frieden im Ameisenstaat. Reich
+ illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=
+
+ =Teichmann, Dr. E., Vererbung als erhaltende Macht. Illustriert.
+ Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=
+
+ =Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes. Reich
+ illustriert. Geb. M 1.-- = K 1.20 h ö. W.=
+
+Diese Veröffentlichungen sind durch ~alle Buchhandlungen~ zu
+beziehen, daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur
+M 4.80) zum =Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch
+nachträglich noch für die Jahre 1904/07 unter den gleichen günstigen
+Bedingungen) entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der
+erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)
+
+
+Geschäftsstelle des Kosmos: =Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart=.
+
+
+
+
+ Straußenpolitik
+
+
+ Neue Tierfabeln
+
+ von
+
+ Dr. Th. Zell
+
+
+ Dreizehnte Auflage.
+
+ [Illustration]
+
+
+ Stuttgart
+ ~Kosmos~, Gesellschaft der Naturfreunde
+ Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung.
+
+
+ Max Dethleffs Buchdruckerei.
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+
+ Vorwort VII
+
+ Tiergestaltenverbesserer 1
+
+ Schämen sich manche Tiere? 8
+
+ Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen 15
+
+ Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden? 20
+
+ Die angebliche Nervosität der Tiere 27
+
+ Gibt es Tiere, die sich spiegeln? 32
+
+ Tiere als Heuchler 46
+
+ Verstellungskünste bei Vogeleltern 53
+
+ Straußenpolitik 58
+
+ Wittern die Geier Tierleichen? 64
+
+ Die Schnepfe als angeblicher Mediziner 70
+
+ Sichtotstellen als Rettungsmittel 73
+
+ Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen u. bei Tieren 76
+
+ Anhang 81
+
+
+
+
+ Vorwort.
+
+
+Zu den vor zwei Jahren erschienenen Tierfabeln soll das vorliegende
+Buch eine Fortsetzung bilden. Was ich dort im Vorwort sagte, gilt
+auch hier: es sind nämlich nicht nur wirkliche Fabeln behandelt
+worden, sondern auch solche Fälle, deren Unwahrheit noch nicht völlig
+ausgemacht ist.
+
+Ich hoffe, daß auch die vorliegende Arbeit dazu beiträgt, weiteren
+Kreisen Interesse für die meist so verkannte Tierwelt einzuflößen.
+
+Wegen der Zuschriften und Kritiken verweise ich auf den Anhang.
+
+ ~Berlin~ +W.+ 57, Ende Februar 1907.
+
+ =Der Verfasser.=
+
+
+
+
+ Tiergestaltenverbesserer.
+
+
+Obwohl jeder, der sich eingehend mit dem beschäftigt, was die uns
+umgebende Natur an Tieren und Pflanzen geschaffen hat, m. E. beinahe
+täglich einen neuen Grund zu größerer Bewunderung findet, so fehlt
+es nicht an Leuten, die einen ganz entgegengesetzten Standpunkt
+einnehmen. Fast mit einer gewissen Geringschätzung sprechen sie von
+den geschaffenen Gebilden, die deutlich durchblicken läßt, sie selber
+hätten die Sache viel zweckmäßiger gestaltet. Namentlich zwei Tiere
+sind wegen ihrer angeblichen Unzweckmäßigkeit kritisiert worden, das
+Nilpferd und die Giraffe. Da ich nirgends gelesen habe, daß diesen
+tadelnden Urteilen widersprochen wäre, so sei es in nachstehendem
+gestattet, den Beweis zu liefern, daß die Sache sich denn doch nicht so
+einfach verhält, wie die gelehrten Herren Kritiker vermeinen.
+
+Ich halte es nämlich für einen der verhängnisvollsten Irrtümer, der
+Natur ins Handwerk pfuschen zu wollen.
+
+Über das Nilpferd schreibt ein berühmter Philosophieprofessor
+(~Lotze~, im Mikrokosmus, 2. Aufl. Bd. 2 S. 77): Wir bewundern
+die entsetzliche Stärke des Nilpferdes, aber in der Tat ist dies mehr
+eine zerstörende als eine arbeitende, und wir würden in Verlegenheit
+geraten, wenn wir entsprechend große Vorteile nachweisen sollten,
+die dieses schwierig verwendbare Kapital dem Tiere selbst in seinen
+natürlichen Lebensverhältnissen verschaffte.
+
+Hierauf ist folgendes zu erwidern. Wenn der Hippopotamus nach dem
+Wunsche des Herrn Professors klein und zierlich gestaltet wäre, so
+existierte kein einziges Exemplar heute mehr. Ob das ausgewachsene Tier
+in seiner jetzigen Gestalt unter den Raubtieren Feinde hat, darüber
+streiten die Afrikareisenden. ~Brehm~ und andere verweisen die Kämpfe
+zwischen Löwen und Flußpferden in das Reich der Fabel, ~Bronsart von
+Schellendorf~ will selbst ein totes gesehen haben, das Wunden aufwies,
+die ihm ein Leopard, also ein viel kleineres Raubtier als der Löwe,
+zugefügt hatte. Für die Ansicht ~Bronsarts~ spricht der Umstand,
+daß die Nilpferde hauptsächlich in der Nacht ihr heimisches Element
+verlassen und weiden gehen, ferner daß die Eingeborenen versichern, es
+geschehe das aus Furcht vor einem Überfalle durch Löwen und Leoparden.
+Allerdings könnte man wieder einwenden, daß die beiden genannten
+Raubtiere mit Vorliebe in der Nacht auf Raub ausgehen, doch scheint
+ein Anschleichen bei der nächtlichen Stille schwieriger als am Tage
+zu sein. Überdies soll der Löwe zu dieser Zeit sein Kommen regelmäßig
+durch Brüllen anzeigen.
+
+Wir können die Sache hier auf sich beruhen lassen, jedenfalls kann
+nicht der geringste Zweifel bestehen, daß der junge Hippopotamus ohne
+den Schutz der Mutter unfehlbar ein Opfer von großen Raubtieren, auch
+von wilden Hunden usw. werden würde. Aber selbst in seinem heimischen
+Element, wohin er sonst flüchten könnte, wäre er seines Lebens nicht
+sicher, denn ein junges Nilpferd würde allein in Kürze ein Opfer eines
+Krokodils werden. Dasselbe Schicksal würde ein ausgewachsenes Nilpferd
+erleiden, wenn es, wie der Kritiker wünscht, nur klein und zierlich
+wäre.
+
+Sieht man von diesen Feinden ab, so kommt noch ein anderer Umstand
+hinzu, der ein kleines Nilpferd bei seiner Nahrungssuche gefährden
+würde. Bei seinen Weidegängen ebenso wie bei seinen Wanderungen
+nach anderen Flüssen und Seen stößt es in seiner Heimat häufig auf
+undurchdringliches Dickicht. Wäre das Nilpferd etwa von der Größe eines
+Hundes, so wäre es schlimmer daran als ein Mensch, der wenigstens
+mit Werkzeugen sich mühsam einen Weg bahnen kann. Gerade aber durch
+die Wucht ihres kolossalen Leibes können Elefanten, Nashörner,
+Kafferbüffel und ebenso auch unsere Nilpferde schnurgerade Wege oder
+Tunnels durch das dichteste Gestrüpp brechen. Dadurch werden sie zu
+Wohltätern für die Menschen, indem diese ihre Straßen gern benutzen.
+Die Afrikareisenden, namentlich v. ~Wißmann~, heben diesen Umstand
+besonders hervor.
+
+Ich glaube hiernach bewiesen zu haben, daß es vorläufig doch besser
+ist, wir überlassen die Schöpfung der Flußpferde der Natur und nicht
+unseren Gelehrten.
+
+Auch den Elefanten hielt derselbe Professor für zu groß, doch brauchen
+wir hierauf nicht näher einzugehen, da alles, was vom Nilpferd gesagt
+ist, auch für das Rüsseltier zutrifft.
+
+Was die Giraffe betrifft, so hat ein Kritiker (~Wolfgang Kirchbach~,
+im Zeitgeist 1902, Nr. 24) folgendes an ihr auszusetzen gehabt. Er
+betrachtete nämlich mit seinem Freunde die beiden Giraffen im Berliner
+Zoologischen Garten und sah, wie diese Tiere Heu fraßen, ferner, daß
+sie die Beine grätschen müssen, um frisches Gras vom Boden aufzunehmen.
+Er folgerte hieraus, daß der Hals dieser Tiere nicht zu lang, sondern
+vielmehr die Beine zu hoch geraten seien, oder daß der Rücken zu
+kurz sei. Indem er die Anpassungstheorie verwirft, setzt er seinem
+Freunde seine Theorie über die Giraffe auseinander, von der ich die
+markantesten Stellen in nachstehendem anführe. »Sie sehen, daß jedes
+Tier, Pferd, Ochse, Esel, alle vierfüßig laufenden Tiere zunächst so
+organisiert sind, daß sie mit dem Maul die Erde unter sich und mit
+ihren schlanken Affenhänden, Elefantenrüsseln und anderen Gliedmaßen
+auch Nahrung bis zu einer gewissen Höhe über sich erlangen können.
+Klettertiere wie Eichhörnchen und Affen kommen in diesem Verhältnis
+am höchsten. Unter ihnen zeichnen sich die Einhufer und Zweihufer
+durch Hälse aus, die so lang sind, daß sie trotz einer beträchtlichen
+Höhe des Rückgrats vom Boden doch auch, ohne die stehende Stellung,
+den Wandergang zu verlassen, den Boden abweiden können. Ein ganz
+bestimmtes Verhältnis der Halslänge zur Höhe der Vorderbeine und
+bis an die Schlüsselbeine ergibt sich daraus. So ist das Pferd zwar
+langhalsig, aber sein Hals ist nicht zu lang, sondern gerade lang
+genug, um den Boden zum Abweiden mit dem Maule zu erreichen; eine große
+Bequemlichkeit für diese Weidetiere, daß sie nicht erst niederzuknieen
+brauchen und mitten im Weiden, ohne zeitraubendes Aufspringen, auch
+gleich weiterlaufen können. Nun betrachten Sie die Giraffe! Ihr Hals
+ist eher etwas zu kurz geraten im Verhältnis zu ihren hohen Beinen, und
+wenn wir etwas an ihr zu lang fänden, so müßten wir uns zuerst fragen:
+Warum sind diese Beine so lang? Bei genauerer Betrachtung stellt
+sich heraus, daß der Giraffenhals im Verhältnis zur Größe des ganzen
+Tieres durchaus nur der Länge eines Pferdehalses entspricht. Soweit
+er, nach unten gebogen, zu kurz scheint, ist in Erwägung zu ziehen,
+daß er gerade lang genug ist, um höher gewachsenes Gras, wie es in den
+Verbreitungsgebieten der Giraffe wächst, bequem zu erreichen. Wenn sie,
+um ganz kurzes Gras zu erreichen, die Beine etwas breit stellen muß, so
+ist das für die Erwerbung anatomischer Eigentümlichkeiten im Kampfe ums
+Dasein ein schlechtes Zeugnis, denn eigentlich müßten ihre Beine dafür
+allmählich durch Anpassung etwas kürzer geworden sein. Das ist ihnen
+aber gar nicht eingefallen.« Weiter heißt es:
+
+»Wie wollen Sie also, mein Herr, behaupten, die Giraffe habe ihren
+allzu langen Hals durch ›Anpassung‹ im ~Lamarck-Darwinschen~
+Sinne erhalten in Anbetracht der hohen Bäume, während ihr Hals
+einfach zu kurz ist? Und sie frißt ja Gras, mein Herr, es fällt der
+Giraffe gar nicht ein, nur vom Laube zu hoher Bäume zu leben; der
+Kampf um Erhaltung und Nahrung weist sie gar nicht darauf an, das
+Laub von Bäumen abzufressen. Womit ich Ihnen das beweise, mein Herr?
+Eben mit diesen beiden schönen Berliner Giraffen vor uns. Hier in
+diesem Antilopenhaus ist weder die berühmte Palme noch eine +Acacia
+giraffae+ noch sonst ein Baum, den diese Giraffen abweiden, sie
+leben seit Jahren von Heu, Gras und anderen Futterdingen, welche
+in Ermangelung edler Giraffenbäume die Direktion des Zoologischen
+Gartens in hochherziger Weise diesen afrikanischen Persönlichkeiten
+zur Verfügung stellt. Daraus erkennen Sie klar, daß die Blätter
+hoher Bäume, besonders der Akazie, für besagte Giraffen nur eine
+gelegentliche Delikatesse sind, wie für jedes Pferd die Blätter vieler
+Bäume auch. Die Giraffen haben ihre langen Beine und Hälse nicht, weil
+sie genötigt sind, von hohen Bäumen zu fressen, sondern sie fressen
+davon, weil sie zufällig so lange Vorderbeine und Hälse haben, genau
+wie der Elefant mit seinem Rüssel sich auch aus beträchtlicher Höhe die
+schönsten Früchte bricht.«
+
+Diese Deduktion hört sich sehr gelehrt an, basiert aber völlig auf
+Irrtum. Dabei wollen wir die Berechtigung oder Nichtberechtigung der
+Anpassungstheorie an dieser Stelle ganz auf sich beruhen lassen. Dem
+Kritiker genügt es, daß er Giraffen Heu fressen sieht, und sofort
+steht es für ihn fest, daß Baumlaub nur Leckerbissen für sie sind.
+Jeder Tierbeobachter weiß, daß sich Tiere in der Gefangenschaft
+an Dinge gewöhnen, deren ausschließlicher Genuß auf die Dauer
+ihren Tod herbeiführt. Gefangene Gemsen fressen ebenfalls unser
+gewöhnliches Gras, gehen dafür aber auch bald ein, weil ihnen die
+trockenen Alpenkräuter fehlen. Ausführlich hat sich über diesen Punkt
+~Girtanner~ ausgesprochen (Der Zoologische Garten, Bd. 21, S. 1)
+und nachgewiesen, daß nur die unzweckmäßige Ernährung die Schuld daran
+trägt, wenn gefangene Gemsen so bald eingehen. Reicht man dagegen
+unserer europäischen Antilope Wildheu und namentlich Baumlaub, so kann
+man sie jahrelang in vorzüglichem Zustande erhalten. Es heißt bei ihm:
+»Für Gemsen in zoologischen Gärten des Tieflandes wäre heutzutage mit
+nicht allzuhohen Spesen Wildheu, wie es die Gemse liebt, in großen
+Quantitäten per Eisenbahn leicht zu verschaffen. Man muß dieses kurze,
+feine, mit seinem starken würzigen Geruch weithin duftende Heu nur
+kennen, um leicht zu begreifen, wie sehr die Gemse, weit von den Bergen
+entfernt, anders danach schnuppert und sich streckt, als nach dem
+schwachen geruchlosen Gewächs der Ebene. -- Nur neben dem im Winter als
+Hauptsache verfütterten Heu dürfen ohne Nachteil Küchenabfälle, Kohl,
+Salat, Kartoffelhäute, Rüben usw. und nur in ganz kleinen Quantitäten
+gereicht werden, sind aber bei leichtesten Darmkatarrh-Erscheinungen
+auf längere Zeit zu entziehen. Werden sie hingegen, wie oft zu sehen,
+der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit halber und gewöhnlich erst noch
+als einzige Abwechselung mit dem schädlichen, besonders jungen Gras
+gebraucht, so geht die Gemse den Weg alles Fleisches, nachdem zuerst
+das Fleisch in erstaunlich kurzer Zeit von der Gemse gegangen ist.«
+
+Kühe kann man mit Fischen füttern, wir hatten einen Hund, der Obst fraß
+usw. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die Rinder Fleischfresser
+und die Hunde Vegetarier sind. Daß es in zoologischen Gärten so wenige
+Giraffen gibt, liegt nicht bloß an der Seltenheit der Tiere, sondern
+vornehmlich daran, daß gerade die Nahrung zu wünschen übrig läßt.
+
+Wir haben noch ein anderes und zwar heimisches Tier, das ebenfalls
+Baumzweige und Blätter frißt, ich meine das Elentier. Obwohl es bei
+uns noch in Ostpreußen vorkommt, können sich gewiß nur wenige Leser
+entsinnen, jemals in einem zoologischen Garten ein Exemplar dieses
+Tieres gesehen zu haben. Hören wir, welchen Grund ~Brehm~, der
+doch gewiß eine unbestrittene Autorität auf diesem Gebiete ist,
+hierüber sagt: »Leider ertragen die nach Europa gebrachten Giraffen
+die Gefangenschaft nur bei bester Pflege längere Zeit. Die meisten
+gehen an einem eigentümlichen Knochenleiden zugrunde, welches man
+›Giraffenkrankheit‹ genannt hat. Ursachen der letzteren dürften Mangel
+an Bewegung und ungeeignete Nahrung sein. Nach den Erfahrungen, welche
+ich an Elchen gemacht habe, glaube ich, daß namentlich Gerbsäure dem
+Giraffenfutter zugesetzt werden muß, um ihr Wohlbefinden zu fördern;
+denn gerade die Mimosenblätter sind besonders reich an diesem Stoffe.«
+
+Baumlaub ist also für die Giraffen kein Leckerbissen, sondern etwas
+Unentbehrliches. Schillings hat bei seinen zahlreichen Beobachtungen
+überhaupt niemals gesehen, daß die Giraffe freiwillig Gras frißt. (Mit
+Blitzlicht und Büchse S. 231.)
+
+Zur Erreichung des auf dem Baume wachsenden Futters braucht die Giraffe
+ihren langen Hals und hohe Beine. -- Ja, wäre es denn nun nicht besser,
+die Giraffe hätte kürzere Beine oder einen längeren Rücken, damit sie,
+ohne die Beine zu grätschen, bequem wie ein Pferd oder ein Rind grasen
+könnte? Darauf kann man nur mit einem entschiedenen Nein antworten.
+
+Angenommen, die Giraffe könnte bequem grasen und Baumlaub wäre für ihre
+Gesundheit nicht notwendig -- was ja leicht denkbar wäre -- so ergäben
+sich folgende Konsequenzen.
+
+In ihrer Heimat gibt es zahllose Antilopen-, Zebra-, Straußenherden,
+die alle auf Grasnahrung angewiesen sind. Grasten die Giraffen, so
+würden sie natürlich den Tieren, die Baumlaub nicht erreichen können,
+vielfach die unentbehrliche Nahrung fortfressen.
+
+Ferner sei folgendes bemerkt: Die Giraffe ist eines der größten Tiere
+und wird von ihren Feinden, namentlich von Menschen und Löwen, schon
+aus weitester Ferne gesehen. Besonders würde das der Fall sein, wenn
+sie auf freier Ebene graste. Die Bäume dagegen gewähren ihr einen
+Schutz, der nicht hoch genug anzuschlagen ist.
+
+Wir wollen über diesen Punkt ~v. Wißmanns~ Ansicht hören. In
+seinen afrikanischen Jagderlebnissen heißt es: Diesmal traf ich das
+wundervolle Wild in einem lichten Hochwald, der aus Bäumen bestand, die
+ich noch nicht gesehen hatte -- ganz helle, ebenfalls fleckige Stämme,
+die der Giraffe durch gleiche Färbung denselben Schutz gewähren wie
+Mimosenwälder.
+
+Ferner kommt folgendes in Betracht.
+
+In die weiten wasserarmen Wildnisse, welche die Giraffe bevorzugt,
+kommen Europäer äußerst selten, und diese Gelände sind nicht offene,
+weit übersichtliche Steppen, sondern lichte, weite, meist aus Akazien
+bestehende Wälder, die der Giraffe Äsung bieten und die sie dem Auge
+verbergen. Es gehört schon Übung dazu, sie zwischen den gefleckten
+Akazienstämmen und anderen, meist hell gefärbten Bäumen herauszufinden,
+wenn sie sich nicht bewegt.
+
+Schließlich noch eins. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?«
+habe ich ausführlich dargetan, daß alle Geschöpfe mit guten Augen
+-- wie auch der Mensch -- nicht wittern können, also z. B. Affen,
+Vögel, daß umgekehrt alle feinnasigen Tiere wie Hunde, Hirsche usw.
+schlecht sehen können. Die Giraffe gehört zu der ersten Klasse; wie
+schon ihr wundervolles Auge anzeigt, kann sie ausgezeichnet sehen,
+vermag aber nicht zu wittern.[1] Das kann man z. B. daraus deutlich
+erkennen, daß sie Damen die künstlichen Blumen vom Hute genommen hat,
+was kein feinnasiges Tier jemals tun würde. Jetzt, wo es nach dem
+Wunsche der Natur geht, holt sie ihr Futter von hohen Bäumen und hat
+während des Fressens von ihrer turmartigen Höhe einen unendlich weiten
+Gesichtskreis. Ginge es nach dem Herrn Kritiker, so weidete sie, hätte
+ihren Kopf zur Erde geneigt und könnte naturgemäß unendlich leichter
+beschlichen werden.
+
+Auch hier wollen wir uns auf ~v. Wißmann~ berufen. Er sagt darüber
+folgendes: Schwierig ist die Jagd auf dieses Wild, denn die enorme
+Höhe des Lichtes über dem Boden erlaubt ihm nicht nur einen weiten
+Umblick, sondern auch Einblick in niedrige Dickungen, die sein Feind
+zum Anschleichen benutzt. -- Das Auge ist nicht allein der schönste
+Schmuck der Giraffe, sondern auch ihr schärfster Sinn, ihre beste Waffe
+im Kampfe ums Dasein.
+
+Also vorläufig wollen wir Nilpferde und Giraffen lieber so lassen, wie
+sie geschaffen sind, und sie nicht nach den Wünschen mehr oder weniger
+gelehrter Kritiker ummodeln.
+
+
+
+
+ Schämen sich manche Tiere?
+
+
+Die meisten Menschen werden die Frage, ob Tiere sich schämen können,
+entschieden bejahen. Sie werden darauf hinweisen, daß bei Jägern, die
+doch in gewissem Sinne die besten Hundekenner sind, die wenigstens am
+meisten Gelegenheit haben, die Seele dieses anhänglichen Vierfüßlers zu
+beobachten, Redensarten wie: »Pfui, Hekter, schämst du dich gar nicht!«
+etwas ganz Alltägliches sind. Auch ~Darwin~ und ~Perty~ nehmen an, daß
+hochentwickelte Tiere Scham besitzen. Trotzdem will es mir scheinen,
+daß diese Annahme auf sehr schwachen Füßen steht, und ich möchte in
+nachstehendem meine Ansicht näher begründen.
+
+Zunächst ist es einleuchtend, daß man Scham nicht mit Schuldbewußtsein
+verwechseln darf. Daß das letztgenannte hochentwickelte Tiere besitzen,
+davon bin ich überzeugt, und ich werde dafür später einige Beispiele
+anführen. Ein Verbrecher kann sehr wohl wissen, daß er Unrecht begeht,
+braucht sich deswegen aber noch lange nicht zu schämen. Ebenso ist
+Ärger und Scham zweierlei; es ist ärgerlich, wenn man als armer Teufel
+geboren ist, aber man braucht sich dessen nicht zu schämen. Wenn man
+es trotzdem tut, so liegt falsche Scham vor, denn Voraussetzung einer
+jeden wahren Scham ist immer der Gedanke, daß man es anders oder
+besser hätte machen oder unterlassen können. In meinem Buche: »Ist das
+Tier unvernünftig?« habe ich darauf hingewiesen, daß wir den Tieren
+kein Gefühl unterschieben sollen, das wir nicht bei Naturvölkern
+und Kindern antreffen. Nun ist es sicherlich bei den Naturvölkern
+recht zweifelhaft, ob der Begriff der Scham in unserem Sinne bei
+ihnen vorhanden ist. Kinder lernen jedenfalls das wirkliche Schämen
+verhältnismäßig spät, weil es etwas künstlich Anerzogenes ist.
+
+Wenn mein Hund gegen das Verbot auf dem Sofa gelegen oder genascht hat,
+und ich rufe ihm zu: »Aber pfui, was hast du getan?« so gewährt er das
+bekannte Bild, daß er sich furchtsam niederkauert und, mit dem Schwanze
+wedelnd, mich bittend ansieht. Ist das nun Scham, oder ist es Angst vor
+Schlägen? Das letzte ist zunächst das Wahrscheinliche.
+
+Ähnliche Fälle sind folgende. Hunde, z. B. Pudel, denen der hintere
+Teil des Körpers geschoren ist, pflegen diese Partie gern zu
+verstecken. Es heißt dann allgemein: Seht, wie der Hund sich schämt!
+In Wirklichkeit dürfte der Hund frieren und sich vor Kälte zu schützen
+suchen.
+
+Bekannt ist es ferner, daß Hirsche, die ihr Geweih abgeworfen haben,
+sich selten sehen lassen, sich vielmehr im dichtesten Gestrüpp
+aufhalten. Viele nehmen auch hier an, der König der Wälder schäme sich,
+sich ohne seine Krone in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viel näher und
+begründeter ist die Ansicht, daß das Tier sich infolge seiner geringen
+Wehrhaftigkeit nicht so sicher fühlt wie sonst und deshalb Verstecke
+bevorzugt.
+
+Für die Annahme, daß Tiere sich schämen, werden mit Vorliebe gewisse
+Handlungsweisen der großen Raubtierarten, insbesondere der Löwen
+angeführt. Es ist in unzähligen Fällen beobachtet worden, daß speziell
+die Katzenarten nach einem Fehlsprunge das beschlichene Wild nicht
+weiter verfolgen. Auch hier war man mit dem Urteile schnell bei der
+Hand. Der König der Tiere schämt sich, daß er den Sprung nicht richtig
+bemessen hat. Auch in diesem Falle liegt ein großer Irrtum vor, wie
+sich aus dem folgenden ergeben wird. Ich habe in meinem Buche eingehend
+dargetan, daß man zwischen Lauf- und Schleichraubtieren unterscheiden
+muß. Zu den erstgenannten gehören die Hundearten, zu den zweitgenannten
+die Katzen. Die Schleichraubtiere sind fast alle Kletterer, aber keine
+ausdauernden Läufer. Umgekehrt sind die Laufraubtiere vorzügliche
+Läufer, aber keine Kletterer. Der Löwe gehört zu den Katzen, und als
+solcher kann er einen schnellfüßigen Pflanzenfresser durch ausdauerndes
+Laufen nicht einholen. Es wären wohl alle Antilopenarten ausgerottet,
+wenn sie von den großen Katzen nicht nur beschlichen werden könnten,
+sondern -- falls sie sich vor einer Überlistung durch ihre Vorsicht
+bewahrt hatten -- nicht einmal fähig wären, sich durch die Flucht
+zu retten. Daß der Löwe bei einem Fehlsprunge nur deshalb nicht
+an Verfolgung denkt, weil er nicht so schnellfüßig ist, wie das
+beschlichene Tier, ersieht man daraus, daß er unter Umständen nochmals
+springt. Es kommt nämlich manchmal vor, daß das verfolgte Tier einen
+Weg einschlagen muß, der eine Krümmung aufweist, z. B. weil er durch
+eine gewundene Schlucht führt. Dann schneidet der Löwe die Krümmung ab
+und versucht den Sprung nochmals. Denn durch den kürzeren Weg besteht
+naturgemäß für ihn die Möglichkeit, ein Geschöpf einzuholen, obwohl es
+ihm an Schnelligkeit überlegen ist.
+
+Der ausgezeichnete Tierbeobachter ~Loewis~ erzählt von seinem
+zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem
+Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes:
+
+»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt.
+Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche,
+das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit
+einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein
+Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt.
+Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke
+gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem
+Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen
+Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei
+der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber,
+und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen
+mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf
+welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder
+Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn
+alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind
+untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten
+Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen
+Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in
+jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch
+die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden
+an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier
+konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.«
+
+Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch
+ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend
+gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei
+nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst
+unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im
+allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut
+ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein
+Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre
+folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine
+Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das
+laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen
+heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung -- allerdings
+daneben -- und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch
+nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut,
+so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man,
+daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie ~Loewis~
+berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf
+dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll,
+wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube
+ich nimmermehr.
+
+Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend.
+Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans
+oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr
+bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß
+zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich
+nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie
+Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt.
+
+Ich möchte nur daran erinnern, daß auch Menschen in neuen, ihnen
+ungewohnten Verhältnissen in ähnlicher Weise handeln. So las ich von
+einem deutschen Jäger folgendes Erlebnis aus Südrußland. Er war mit
+seinem Hunde, den er an der Leine führte, auf die Jagd gegangen.
+Unerwartet kamen ihm plötzlich Trappen zu Schuß, die sonst wegen
+ihrer Scheuheit schwer zu beschleichen sind. Er legte auf einen Hahn
+an, fehlte ihn jedoch. Ärgerlich über sein Mißgeschick erzählte er
+später seinem Wirt sein Erlebnis. Dieser fragte ihn, warum er denn
+nicht seinen Hund auf die Trappen losgelassen hätte? Der Deutsche
+sah ihn ganz erstaunt an, denn Trappen können bekanntlich, wenn sie
+auch vorher einen Anlauf nehmen müssen, ganz gut fliegen. Sein Wirt
+setzte ihm auseinander, daß bei der herrschenden Witterung -- es war
+gerade Rauhreif gefallen -- Trappen nicht fliegen können und von einem
+schnellen Hunde leicht eingeholt werden.
+
+Hier hat also der deutsche Jäger genau so wie der Luchs gehandelt.
+Beide waren ärgerlich und verstimmt über ihr Mißgeschick und beide
+dachten nicht daran, daß sie nachträglich noch zu einer Beute gelangen
+konnten, denn in den bisherigen, ihnen bekannten Verhältnissen war eine
+solche Möglichkeit ausgeschlossen.
+
+Wenn ich somit bezweifle, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so
+gehen m. E. diejenigen zu weit, die ihnen das Ehrgefühl und namentlich
+das Schuldbewußtsein absprechen. Ich bin vielmehr davon durchdrungen,
+daß manche hochorganisierten Tiere solches besitzen. Da gewöhnlich das
+Vorhandensein eines Schuldbewußtseins bei Tieren bestritten wird, so
+möchte ich hierfür einige Beispiele anführen.
+
+Der Hund einer meiner Tanten z. B. ist durchaus kein besonders kluges
+Tier, aber ein Schuldbewußtsein kann man ziemlich häufig bei ihm
+feststellen. So soll er sich nicht auf den besten Teppich legen, was
+er mit Vorliebe tut, da er am dichtesten und wärmsten ist. Gewöhnlich
+klimpert er mit seiner Hundemarke und einem Schlüssel, die beide an
+seinem Halsbande hängen, so laut wie ein Schäfchen mit einem Glöckchen,
+schleicht er sich aber zu dem gedachten Teppich, so weiß er so zu
+gehen, daß er nicht das geringste Geräusch erregt.
+
+Noch drastischer sind folgende Fälle. ~Milne Edwards~ erzählt,
+daß ein Haushund, der sehr blutdürstig war und Schafe erwürgte, alle
+Nächte an die Kette gelegt wurde. Er vermochte aber sein Halsband über
+den Kopf abzustreifen, worauf er aufs Feld lief, ein Schaf erwürgte,
+dann aber regelmäßig nach einem Bache lief, um den blutigen Rachen
+abzuwaschen. Hierauf eilte er vor Tagesanbruch auf den Hof zurück, wo
+er mühsam den Kopf durch das Halsband zwängte und dann sich schlafen
+legte, damit man nicht in ihm den Verbrecher entdeckte. -- Ein Hund in
+Berlin hatte besondere Neigung, im nahen Garten sein Wesen zu treiben,
+obwohl ihm verboten war, dorthin zu gehen. Er ging oft frühmorgens auf
+einem Umwege durch den Keller dahin; wurde er gerufen, so kam er nicht
+durch die Gartentüre herbei, sondern schlich durch den Keller nach
+seiner Hütte und aus derselben ganz langsam hervor, als wenn er eben
+erst vom Lager aufgestanden wäre.
+
+Selbst Ziegen haben ein sehr feines Gefühl für Recht und Unrecht.
+~Brehm~ erzählt von den Ziegen seiner Mutter folgendes: Meine
+Mutter hält Ziegen und achtet sie hoch, ist deshalb auch um ihre
+Abwartung sehr besorgt. Sie kann sofort erfahren, ob ihre Pfleglinge
+sich befriedigt fühlen oder nicht; denn sie braucht nur zum Fenster
+heraus zu fragen, so erhält sie die richtige Antwort. Vernehmen
+die Ziegen die Stimme ihrer Gebieterin und fühlen sie irgendwie
+sich vernachlässigt, so schreien sie laut auf, im entgegengesetzten
+Falle schweigen sie still. Genau so benehmen sie sich, falls sie
+unrechtmäßigerweise gezüchtigt werden. Wenn sie einmal in den Garten
+geraten und dort mit ein paar Peitschenhieben von den Blumenbeeten oder
+Obstbäumen weggetrieben werden, vernimmt man keinen Laut von ihnen;
+wenn aber die Magd im Stalle ihnen einen Schlag gibt, schreien sie
+jämmerlich.
+
+Am überzeugendsten aber dürfte der Fall sein, den ~Schomburgk~
+mitteilt und den ~Brehm~ wiedergibt: In der tierkundlichen
+Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit
+zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfige gehalten. Eines Tages
+griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung
+seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen
+Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für
+die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das
+Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern
+auch eine Schlagader schwer verletzte und dem Manne ein längeres
+Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war,
+verurteilte ich den Schuldigen zum Tode, und früh am folgenden Morgen
+nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich
+muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht
+werden, um Katzen, Ratten usw. zu vertilgen; die Affen haben sich daran
+so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns
+derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfige
+sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig
+auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter
+Eile in den Schlafkäfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und
+Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter
+wurde gebracht: er sah, was er früher nie getan hatte, ruhig zu, daß
+die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte,
+und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfige
+zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte,
+kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem
+Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort
+zu verzehren. Nachdem er zum zweitenmal herausgekommen war, um sich
+ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Tür seines Zufluchtsortes
+rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den
+Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß
+er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Tür
+des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang,
+stürmte er durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu
+entwischen, und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend,
+am ganzen Leibe zitternd, auf den Boden nieder und ergab sich in das
+Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten
+keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach.
+
+Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes
+Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden.
+
+Muß man somit bezweifeln, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so
+kann man ihnen doch nicht gut das Schuldbewußtsein absprechen.
+
+
+
+
+ Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen.
+
+
+Von jeher hat es der Mensch geliebt, das an sich seltsame Verhalten
+mancher Tiere dadurch zu erklären, daß er ihnen edelmütige oder
+ähnliche sympathische Beweggründe unterlegte. Beispiele hierfür können
+wir schon bei den Alten ausfindig machen.
+
+So erzählt uns ~Plutarch~, Herkules habe immer eine große Freude
+gehabt, wenn er bei seinen Unternehmungen einen Geier gesehen, weil er
+die Gerechtigkeit dieses Vogels bewunderte, indem derselbe, obgleich
+von Fleisch lebend, doch kein lebendiges Tier anfällt.
+
+Teilen wir heute etwa noch die Ansicht des alten Helden und halten den
+Geier für einen gerechten Vogel? Gewiß nicht! Wir sind der Meinung, daß
+der Geier wie die Hyäne deshalb Aas fressen, weil es für sie bequemer
+ist. Ferner sind sie beide nicht gewandt und schnell genug, um sich nur
+von lebenden Tieren zu ernähren. Nicht die Gerechtigkeit, sondern das
++Non possumus+ ist also der wahre Grund.
+
+Ähnlich schreibt ~Älian~: Der Adler wird oft von Raben gefoppt,
+verachtet sie aber, fliegt hoch durch die Lüfte und überläßt ihnen die
+Tiefe; das tut er nicht aus Furcht, sondern aus eigentümlichem Edelmut.
+
+Auch hier müssen wir zu dieser Erklärung ein großes Fragezeichen
+machen. Der wahre Grund ist vielmehr der, wie schon ~Lenz~ mit
+Recht betont, daß die von Raben, Schwalben, Bachstelzen geneckten
+Raubvögel nicht aus Edelmut forteilen, sondern weil sie wissen, daß da
+keine Beute zu hoffen ist, wo der schreiende Schwarm die übrigen Tiere
+warnt.
+
+Es ist auch nicht Kühnheit der Schwalbe, wie man annimmt, wenn sie mit
+Hohngeschrei die meisten Raubvögel umschwirrt, sondern das Gefühl der
+Sicherheit, schneller als der verspottete Räuber fliegen zu können. Das
+sieht man recht deutlich daran, daß sie ein Angstgeschrei erhebt und
+Reißaus nimmt -- zum Beispiel sich in das Schilf stürzt --, sobald der
+Baumfalk sich blicken läßt, weil dieser eben schneller als die Schwalbe
+fliegt.
+
+Edelmut nimmt man auch bei den Edelfalken an, um zu erklären, weshalb
+sich diese eine geschlagene Beute von so elenden Schmarotzern wie
+den Milanen abnehmen lassen. Eine Glucke verteidigt sich gegen den
+Gabelweih -- sagt ~Naumann~ -- aber der Wanderfalk gibt ihm die
+Beute heraus.
+
+Sollte auch hier wieder der Edelmut nicht nur in unserer Phantasie
+existieren? Dürfte sich die Sache nicht etwas anders verhalten? Daß der
+Wanderfalk keine Beute vom Erdboden nimmt, wissen wir, aber wir nehmen
+mit Recht an, daß er nicht aus Edelmut ein sitzendes Tier verschont,
+sondern wir vermuten ganz richtig, daß er wegen seiner rasenden
+Schnelligkeit Gefahr liefe, zu zerschellen. Deshalb raubt er nur
+fliegende Vögel. Ist doch vor ein paar Jahren selbst in Berlin einem
+Habicht, der doch nicht so schnell fliegt, folgendes passiert: Bei der
+Verfolgung einer wilden Ente stieß er so heftig auf die Herkulesbrücke,
+daß ihn ein Passant mit leichter Mühe fangen konnte.
+
+Bedenkt man nun, daß alle schnellfliegenden Vögel auf dem Boden
+regelmäßig sehr unbeholfen sind -- der Mauersegler, dieser
+unübertreffliche Flieger, kann wegen seiner langen Flügel vom Erdboden
+sich kaum erheben --, daß aus diesem Grunde als Sitz stets ein Baum
+oder ein Ort, der das Abfliegen erleichtert, bevorzugt wird, so wird
+die Nachgiebigkeit des Wanderfalken wahrscheinlich ihren Grund darin
+haben, daß er auf der Erde als einem ihm fremden Element große Mühe
+hätte, die Gabelweihe abzuwehren. Deshalb kalkuliert er mit Recht: Bei
+meiner Gewandtheit im Erbeuten ist es praktischer für mich, mir ein
+neues Opfer zu holen, als es auf einen ungewissen Streit ankommen zu
+lassen.
+
+Nach diesen Beispielen möchte ich auf das eigentliche Thema zu sprechen
+kommen und auseinandersetzen, daß ich zwar ohne weiteres zugebe, daß
+die Raubtiere vor dem Menschen Respekt haben, aber nicht recht daran
+glaube, daß der Grund darin liege, weil die Tiere in dem Menschen ein
+höheres Wesen erkennen.
+
+Schon die Alten haben ähnliche Gedanken geäußert. So schreibt
+~Plinius~ folgendes: Bemerkt der Elefant den Fußtritt eines
+Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert,
+blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht,
+sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem
+nächsten usw., worauf die Herde sich schwenkt und in Schlachtordnung
+aufmarschiert. So soll auch die grimmige Tigerin, die keinem Tiere
+weicht und selbst die Spuren des Elefanten verachtet, ihre Jungen in
+Sicherheit bringen, sobald sie die Spur eines Menschen erblickt. Wie
+erkennen sie die Spuren des Menschen? Wo haben sie ihn je gesehen,
+da jene Wildnisse von ihm so selten betreten werden? Woher wissen
+Elefanten und Tiger, daß der Mensch zu fürchten ist? Sie sind ihm doch
+so weit an Kraft, Größe und Schnelligkeit überlegen! Das ist die große
+Macht des Naturtriebes, daß die größten und wildesten Tiere gleich
+wissen, was sie fürchten müssen, wenn sie es auch nie zuvor gesehen
+haben.
+
+Ähnlich äußert sich ~Brehm~: Selbst Löwe, Tiger und Jaguar
+fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege;
+nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er
+ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob
+sie dann das Menschenfleisch dem aller übrigen Säugetiere entschieden
+vorzögen.
+
+Speziell vom Löwen schreibt er: Den Menschen greift der Löwe äußerst
+selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht
+einzuflößen. Im Sudan wenigstens, wo er in manchen Gegenden häufig
+auftritt, sind so gut wie keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem
+Löwen gefressen worden wäre.
+
+Die Araber jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen
+ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf
+verscheuchen könne, falls er Mut genug habe, auf ihn loszugehen. Wer
+dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. Zweimal, so sagen sie,
+weiche jeder Löwe dem Manne aus, weil er weiß, daß dieser das Ebenbild
+Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Tier,
+in Demut anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch gegen die Gebote des
+Erhaltenden, welche bestimmen, daß niemand sein Leben tollkühn wage,
+und geht er dem Löwen zum drittenmal entgegen, so muß er sein Leben
+lassen.
+
+Die Araber sind auch der Meinung, daß der Löwe bei seinen Raubzügen
+deshalb vorher brülle, um die Tiere zu warnen. ~Brehm~ meint
+mit Recht, der wahre Grund dürfte der sein, daß er dadurch das Wild
+aufscheuchen, insbesondere das Vieh der Nomaden zum Ausbrechen aus der
+Hürde veranlassen will. Die Begründung der Wüstensöhne hinsichtlich des
+Respekts scheint daher ebenfalls mehr poetisch als zutreffend zu sein.
+
+Hiervon abgesehen, wird aber die Tatsache, daß der Löwe häufig vor dem
+Menschen zurückweicht, doch von zahlreichen glaubwürdigen Beobachtern
+bestätigt.
+
+~Brehm~ hält den aufrechten Gang des Menschen für den ausschlaggebenden
+Grund. Aber dieser kann schwerlich deshalb als furchterweckend in
+Betracht kommen, weil es ja vierfüßige Tiere gibt, die viel größer als
+der Mensch sind und trotzdem von Raubtieren angegriffen werden, wie zum
+Beispiel manche Büffelarten. Tiger sind auf den Rücken von Elefanten
+gesprungen und haben von dort Menschen heruntergeholt. Das große Kamel
+ebenso wie die fast achtzehn Fuß hohe Giraffe bildet eine bevorzugte
+Beute des Löwen. Gerade das letztgenannte Tier zeigt deutlich die
+irrige Anschauung, daß die Größe imponierend wirkt, denn der Kopf der
+Giraffe befindet sich etwa zwölf Fuß höher als der eines Menschen.
+
+Nur das soll zugegeben werden, daß ein vierfüßiges Tier bequemer am
+Halse gepackt werden kann, als der aufrechtstehende Mensch. Trotzdem
+aber überfällt der Leopard den Strauß, der viel größer als der Mensch
+und ebenfalls nur zweifüßig ist.
+
+Im übrigen richten sich zahlreiche Tiere beim Angriff oder der
+Verteidigung auf und gewähren dann einen weit überwältigenderen Anblick
+als der Mensch, so Hengste, Gorillas usw. Daß sich hierdurch die großen
+Raubtiere von einer Attacke jemals haben abhalten lassen, ist wohl noch
+nicht behauptet worden.
+
+Dagegen steht fest, daß die sogenannten Menschenfresser fast
+ausnahmslos Raubtiere mit schlechten Zähnen sind, nicht mehr imstande,
+ihre sonstige Nahrung, nämlich das flüchtige Wild, Wildschweine und
+Affen, zu erbeuten. Not kennt kein Gebot; ein Raubtier, das nur die
+Wahl hat, zu verhungern oder Menschen anzufallen, wird unzweifelhaft
+das letztere tun.
+
+Warum tut es das nun nicht auch in der Blüte seiner Jahre? Ich meine,
+die unglückselige Vorstellung von der »Tapferkeit« der Raubtiere ist
+schuld daran, daß wir uns darüber wundern. Man vergleiche das in den
+»Tierfabeln« auf S. 25 Gesagte. Hier heißt es: Selbst die größten
+Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten,
+und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt
+haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem
+etwaigen Kampfe hervorgehen.
+
+Kann man ein solches Verhalten Tapferkeit nennen? Gewiß nicht!
+Außerdem muß man folgendes berücksichtigen. Bei jedem Angriff auf ein
+vierfüßiges Geschöpf weiß das Raubtier im voraus ganz genau, welche
+Waffen ihn bedrohen können: Das Pferd kann hinten ausschlagen, der
+Büffel mit den Hörnern stoßen, der Eber mit seinen Gewehren schlagen,
+der Pavian gefährlich beißen usw. Nur beim Menschen weiß es nicht
+genau, was kommen kann. Er kann es von fern mit Bogen und Lanze
+verwunden, mit Felsstücken werfen, in der Nähe mit Schwert oder Dolch
+verletzen -- wobei wir von den furchtbaren Wirkungen des Feuergewehres
+ganz absehen wollen. Selbst der Ureinwohner auf niedrigster Kulturstufe
+vermag durch vergiftete Pfeile das größte Raubtier zu töten.
+
+Was also bei keinem Tiere vorkommt, das kann sich beim Menschen
+ereignen; das Raubtier weiß niemals genau, woran es ist.
+
+Natürlich wird eine vom Hunger geplagte Bestie nicht lange Reflexionen
+darüber anstellen, ob der Angriff auf den Menschen gelingt oder nicht.
+Je häufiger sie ihn besiegt, desto frecher wird ihr Gebaren werden.
+Aber wenn ein großes Raubtier gesättigt oder wenigstens nicht hungrig
+ist, so ist folgende Reflexion nicht unwahrscheinlich: Wenn ich wüßte,
+ich erbeute den Menschen, ohne erheblich verletzt zu werden, so würde
+ich mich auf ihn stürzen -- aber man kann ja dem Frieden nicht trauen.
+Anschleichen kann ich mich nicht, wie es meine liebste Methode ist,
+denn der Kerl hat mich schon gesehen. Ob er gefährliche Waffen bei sich
+trägt? Er glotzt mich so unverschämt an -- nun, die Sache ist mir doch
+zu riskant, ich werde mich empfehlen. -- Umgekehrt wird ein fliehender
+Mensch gewöhnlich deswegen verloren sein, weil er durch seine Flucht
+offenbart, er fühle sich dem Feinde nicht gewachsen.
+
+Ein unbewaffneter Mensch, der einen Löwen mit Gemütsruhe anstarrt, ist
+wie ein Kartenspieler, der sich den Anschein gibt, als habe er viele
+Trümpfe, die er in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Einem solchen
+Spieler gelingt es ja häufig, die anderen zu täuschen.
+
+Zum Beweise dafür, daß hauptsächlich die Unberechenbarkeit des Menschen
+den Respekt hervorruft, will ich mich auf folgende Tatsachen berufen.
+In nördlichen Ländern scheinen giftige Waffen wenig gebraucht zu
+werden, so daß hier der Mensch erst durch Feuerwaffen gefährlichen
+Tieren, wie Eisbären, Walrossen, Grislybären usw., energisch auf den
+Leib rücken konnte. Die alten Schilderungen von der Furchtbarkeit
+dieser Geschöpfe scheinen gar nicht so übertrieben zu sein.
+
+Ausdrücklich bestätigt das ~Haacke~, indem er schreibt: Übrigens
+soll der Graubär von heute, mit den Wirkungen der Büchse bekannter als
+der Graubär früherer Zeiten, viel vorsichtiger und furchtsamer sein als
+dieser.
+
+Wie lieb im übrigen den Raubtieren ihr eigenes Leben ist, dafür seien
+nur zwei Beispiele angeführt. ~v. Wißmann~ schildert einen bereits
+früher erwähnten Angriff, den ein Kapbüffel auf einen ausgewachsenen
+Löwen macht. Der »König der Tiere« läßt wirklich seinen Fraß -- eine
+getötete Antilope -- im Stich und nimmt Reißaus. Sodann möchte ich
+darauf aufmerksam machen, daß nach ~Livingstone~ angebundene
+Pferde oder Ochsen nur ausnahmsweise von Löwen angegriffen werden, weil
+diese eine -- Falle vermuten. Das gleiche berichtet ~Brehm~ von
+Tigern. Man sieht also ganz deutlich, daß auch vierfüßige Tiere, und
+zwar selbst solche, die sonst gern gefressen werden, unter Umständen
+Respekt einflößen, daß also der aufrechte Gang des Menschen nicht der
+wahre Grund sein kann.
+
+Die Tatsache, daß große Raubtiere vielfach den Menschen unbehelligt
+lassen, erklärt sich also wohl daraus, daß sie nicht hungrig sind und
+die Unberechenbarkeit seiner Verteidigung scheuen. Ihr Leben ist ihnen
+zu lieb, um sich auf ein riskantes Unternehmen einzulassen.
+
+
+
+
+ Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?
+
+
+Es gibt gewisse Behauptungen, die gläubig nachgebetet werden, weil man
+sie für allgemein gültige Wahrheiten hält. Zu ihnen gehört auch diese:
+Nur aus Herdentieren können Haustiere gemacht werden. Ich teile diese
+Meinung in keiner Weise und möchte in nachstehendem meine abweichende
+Ansicht näher begründen.
+
+Eingehend hat sich mit der hier erörterten Frage ein so ausgezeichneter
+Tierkenner wie ~Perty~ beschäftigt. Er schreibt darüber folgendes:
+
+»Die Domestikation der Tiere kommt nicht allein durch die Macht des
+Menschen zustande, wie man früher und auch noch ~Buffon~ geglaubt
+hat, und namentlich ~Friedrich Cuvier~ hat erkannt, daß hierzu
+Geselligkeit der Tiere kommen müsse, nur gesellig lebende Tiere kann
+der Mensch domestizieren. Der Geselligkeitstrieb, den auch der Mensch
+in ausgezeichnetem Grade besitzt, und der auch seinen wildesten
+Stämmen nicht fehlt, hängt nicht von der Intelligenz ab, sondern kommt
+bei dummen und sehr gescheiten Tieren vor. Auch führt ihn nicht die
+Gewohnheit des Zusammenlebens der Familienmitglieder herbei; der Bär
+lebt einsam, obwohl er seine Jungen so lange und zärtlich pflegt wie
+der Hund. Die Aïnos, das sonderbare Volk von Yesso und den Kurilen,
+fast so behaart als der Bär selbst, haben, weil er kein geselliges Tier
+ist, vergeblich versucht, ihn zum Haustier zu erziehen und zum Reiten
+zu benützen, haben vergeblich junge Bären von ihren Weibern säugen
+lassen; es gelang nicht, und sie müssen ihn fortwährend an der Kette
+halten, wie ~Witson~ berichtet. ~Fr. Cuvier~ unterschied drei
+Zustände: erstens den der einsam lebenden Tiere: Katzen, Marder, Bären,
+Hyänen; dann den Zustand der in Familien lebenden Tiere: Wölfe, Rehe
+usw.; endlich die wahren Gesellschaften, wie sie bei Bibern, Affen,
+Hunden, Robben, Pferden, Elefanten, Wiederkäuern und beim Menschen
+selbst vorkommen; nur aus der letzten Kategorie hat der Mensch seine
+wahren Haustiere erhalten. Der Mensch, meint ~Cuvier~, gelte
+den Haustieren für ein Mitglied ihrer Gesellschaft, und seine ganze
+Kunst bestehe darin, sich als Gesellschaftsmitglied einzureihen. Ist
+er einmal ein solches geworden, so kann er dann leicht das Tier durch
+seine höhere Intelligenz beherrschen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil
+es in ihm das Oberhaupt der Herde sieht. ~Buffon~ hatte behauptet,
+der Mensch verändere bei der Zähmung das Naturell der Haustiere, was
+~Cuvier~ bestritt, nach welchem der Mensch nur den natürlichen
+Trieb benützt; er fand nämlich gesellige Tiere vor und knüpfte diese
+an seine Familie. Demnach wäre die Domestikation nur eine Abänderung,
+eine andere Form der Geselligkeit und eine bestimmte Folge des Triebes
+zu letzterer. Die katzenartigen Tiere können deshalb nicht vollkommen
+domestiziert, eigentlich familiarisiert werden, weil sie nicht gesellig
+lebende Tiere sind. Die Fügsamkeit der Haustiere beruht nach ~F.
+Cuviers~ und ~Dureau de la Malles~ Nachweisung auf der langen
+Reihe von Generationen, seit welchen ihre Domestikation währt. Noch zur
+Zeit des ~Plinius~ waren Pferde, Rindvieh, Geflügel halb wild.« --
+
+Nur nebenbei sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung ~Pertys~
+etwas kühn erscheint. Kein Mensch kann aus den Schilderungen Homers
+den Eindruck erhalten, daß die Rosse der Griechen und Trojaner halb
+wild waren, und doch kämpften beide Völker ein Jahrtausend vor
+~Plinius~. Die Erörterung anderer Irrtümer in nebensächlichen
+Dingen -- z. B. daß Hyänen einzeln leben -- würde zu weit führen, da
+uns hier nur das Prinzip interessiert.
+
+Die Katze soll kein wahres Haustier sein. Diese Behauptung ist wohl nur
+deshalb aufgestellt, weil fast alle Katzenarten allein leben, und die
+ganze Theorie mit der alleinigen Domestikation der Herdentiere über den
+Haufen stürzen würde, wenn man zugäbe, daß Hinz zu unsern Haustieren
+gehöre. Ich habe ein andermal ausführlich dargetan, weshalb die
+Katze uns ferner steht als der Hund. Hier seien kurz die Hauptgründe
+angegeben.
+
+Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen
+Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf
+totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen,
+weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen.
+Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge
+seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen,
+wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir
+selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist
+ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich
+zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf.
+Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann
+und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der
+Mensch noch die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen,
+so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir
+uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir
+die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit
+der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem
+Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit
+abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was
+~Loewis~ von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht
+man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte
+Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam
+zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt
+hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich
+anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er
+hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung
+und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in
+die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem
+unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden
+kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein
+gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der
+Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom
+Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen
+Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen
+hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken
+Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe
+nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns
+sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein
+Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager,
+und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend,
+beunruhigende Träume und Alpdrücken.«
+
+Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita)
+allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation,
+die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist
+aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu
+einem trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum
+nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen
+geachteten Jagdgehilfen.
+
+~Brehm~ hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt
+über dieses interessante Tier: »~Daß die Zähmung nicht schwierig
+sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft
+gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß
+es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie
+unsern Jagdleoparden und bezweifle~, daß irgend eine Wildkatze so
+zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres
+Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten
+Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie
+daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und
+man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und
+liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und
+das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter
+spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß
+ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in
+den Straßen zu lustwandeln.«
+
+Auch ~Ernst Friedel~ erzählt, daß in Potsdam im Parke eines
+königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und
+keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie
+für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen
+ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den
+Geparden völlig zum Haustier machen könnte.
+
+Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das
+Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche
+gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher
+wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen.
+Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als
+zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird
+die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe
+meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren Affen wird
+allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier
+gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht
+gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig
+die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden
+haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im
+Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König ~Ramses der
+Große~ kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde
+niederreißen half. Der römische Kaiser ~Heliogabal~ spannte Löwen
+und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin ~Cybele~
+und mit dem Gotte ~Bacchus~ verglich.
+
+In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor ~Havemann~
+eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle
+bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel,
+Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der
+einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet
+worden ist.
+
+Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in
+Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für
+leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die
+Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit
+zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel.
+Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso
+stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte.
+Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden
+leben.
+
+Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen
+sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente
+sind vielmehr folgende:
+
+1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein
+Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten
+kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene
+Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere
+ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen
+getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen.
+
+2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß
+manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung
+haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde,
+Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell,
+wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche
+mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw.
+Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm
+die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker
+auf diesem Gebiete Hervorragendes.
+
+3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir
+hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr
+Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh
+anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch
+nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd
+ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken
+gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler
+abgerichtet werden.
+
+Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können,
+haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier.
+Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland
+einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen
+wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so
+würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie
+Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines
+dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den
+südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet,
+teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils
+aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, ~die
+sogenannten zahmen Hausschweine~, zu verteidigen. Wie ich von den
+Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von
+ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes,
+überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde
+kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten
+ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge einen Eber vom Walde
+nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines
+Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben
+mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt
+und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete.
+Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine
+Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind
+-- und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung
+muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden.
+
+
+
+
+ Die angebliche Nervosität der Tiere.
+
+
+Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich
+bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung
+nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten
+anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten
+geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters
+beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach
+verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es
+dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös
+werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht:
+Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner
+zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen,
+damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen
+von Zebras hat der Hon. ~Walter Rothschild~, der bereits in
+den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist.
+Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er
+erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte
+ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen
+Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras
+im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras
+zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht
+taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von
+allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie
+nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich
+anfassen. Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar
+gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg!
+Auch der Afrikareisende Oberst ~Fred Baillie~ schließt sich
+dieser Meinung ~Rothschilds~ an. Da er schon seit längerem davon
+überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb
+er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika.
+Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet,
+deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist.
+Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut
+dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig
+gehen. ~Baillie~ glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier
+eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt
+jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten
+zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren
+Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch
+ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach
+geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. -- Baron
+~Rothschild~ ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras,
+aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind?
+
+Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da
+wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere,
+im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene
+Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste,
+kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn
+unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das
+Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das
+Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals
+von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den
+Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des
+Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß
+wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich
+gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt
+erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden
+das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in
+seine frühere Lage als freies Tier hineinversetzen. Auch in der
+Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig.
+Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern
+leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres
+verspeisen zu lassen; was tun sie also? -- entweder fliehen sie oder
+sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte
+(vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn,
+Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende
+wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende
+habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im
+allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht
+bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht
+der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt
+Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw.
+Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere,
+die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse
+Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere,
+wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw.
+Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch
+einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen
+Pflanzenfresser beschleichen kann.
+
+Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und
+eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird
+der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich
+rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen
+nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke
+Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder
+abgeschüttelt -- möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger
+muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen.
+Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie
+wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als
+fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht
+nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande
+befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt,
+ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös. Genau ebenso ist
+es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos
+bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der
+Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus
+triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die
+ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend
+machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem
+Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende
+Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst
+einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind
+also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit
+Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor
+ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist
+der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide
+Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die
+Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das
+Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen,
+gedacht werden. ~R. Böhm~ und ~v. Wißmann~ heben besonders
+hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt:
+Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser
+Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes
+so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück
+geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt.
+
+Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser
+ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das
+Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher.
+Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall
+treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen,
+ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine
+natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und
+Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd
+hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die
+Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen
+noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem
+Hauspferde und einem Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten
+Pferde schildert ~Gmelin~. Ein Tarpan erblickte einmal einen
+zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun;
+weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten
+beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen,
+der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller
+Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann
+seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. -- Daß das Zebra beißt,
+ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit
+abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem
+wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt
+man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers
+vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der
+unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus
+verständlich.
+
+Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen
+12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge
+vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen;
+die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine
+Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem
+Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst
+das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht!
+Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen;
+sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie,
+gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten.
+Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade
+zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam
+sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh
+war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere
+Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben
+dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe
+oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute -- solange
+dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, -- kam das Schmalreh
+auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit
+langen Fluchten. Auf etwa zwei Schritte vor mir wechselten sie in den
+Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh
+zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe,
+nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen
+annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches
+erlebt und erzählt es uns.
+
+Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein.
+Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren
+sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein
+Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an
+lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall
+eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst
+hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben
+Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der
+Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in
+der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis,
+Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.
+
+Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein
+Stier, gegen seine Feinde. ~v. Wißmann~ schildert z. B. folgenden
+Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein
+mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung
+brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem
+Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach
+der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin
+unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.
+
+Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist
+nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete
+Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd
+und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte,
+durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.
+
+
+
+
+ Gibt es Tiere, die sich spiegeln?
+
+
+Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich
+spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen,
+daß z. B. in unzähligen Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf
+denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als
+wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere
+Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in
+Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter
+bekannt!
+
+Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als
+Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als
+etwas Selbstverständliches betrachtet.
+
+Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen
+Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war,
+veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu
+beleuchten.
+
+In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin
+das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie
+Futter streute. Es heißt dort:
+
+»Von der eitlen Kohlmeise.«
+
+»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert
+es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig
+gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte
+von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf
+einen Stuhl und von da -- auf den Toilettentisch. ~Vor einen
+kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet
+sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.~ Ich kann es ihr auch
+gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein,
+das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen,
+glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf
+ein breiter schwarzer Streifen -- wer vermag ähnliche Schönheiten
+aufzuweisen? -- Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so
+fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel,
+turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt,
+flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt
+die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die
+zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann
+auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz
+zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet
+und untersucht. Darauf spiegelt sie sich wieder und ich -- hab'
+dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen
+Lauscherposten.«
+
+»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine
+gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den
+Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe
+hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder
+vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so
+beginnt das lustige Treiben von neuem.«
+
+Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube
+ohne weiteres, daß die Meise -- wie es ja jeder Kanarienvogel tut
+-- im Spiegel ihr Bild erblickt hat. ~Nur daß die Vögel sich
+gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit
+Entschiedenheit.~
+
+Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher
+Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes
+durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der
+einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat.
+Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier
+seien ganz kurz die Gründe angegeben.
+
+Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als
+bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und
+Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über
+diesen Punkt machen.
+
+Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen
+Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht
+bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse,
+Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind
+Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die
+Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie
+der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw.
+
+Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem ~Augen~tier
+etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der Nase richtet, ist
+er ein ganz unverständlicher Gegenstand. Gerade bei Hunden kann man
+das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich in einen Salon
+geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern erblickte sie ihr
+Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare und ging auf den
+Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von einem andern Hunde
+und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel.
+
+Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind
+rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur
+mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können.
+
+Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß
+der Spiegel auf sie großen Eindruck macht.
+
+Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist
+der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder
+Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere
+Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und
+Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß
+sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel.
+
+Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der
+Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so
+schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das
+Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art -- woher soll es
+nun wissen, daß es selbst so aussieht?
+
+Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln
+annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden.
+
+Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man
+einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm
+geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß
+er es selbst ist?
+
+Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise
+an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente
+Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den
+Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht
+ähnlich sah.
+
+Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein ~fremdes~ gleichartiges
+Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen
+wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie
+sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und
+deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr
+Haar.
+
+Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem
+Spiegel eine kampfbereite Stellung ein.
+
+Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von
+Lerchenspiegeln unzählige schießt.
+
+Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben
+gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit
+Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden
+Affen vor sich zu haben glauben.
+
+Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir,
+weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah.
+
+Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht
+völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den
+ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des
+zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., +Dr.+ ~Schmidt~,
+hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel
+angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen.
+
+Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein
+ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen
+Spielereien folgende erwähnt werden:
+
+»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang
+mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere
+überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen
+Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes
+Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar
+sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte,
+und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder
+herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als
+zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der Orang die
+Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein
+brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern
+stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses
+Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines
+Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und
+entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit
+mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans
+Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu
+verspeisen.«
+
+»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit
+die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier
+alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die
+Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel
+benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem
+Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und
+der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes
+in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte
+Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu
+sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der
+Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter
+geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen
+herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und
+dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf
+diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches
+nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein
+Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus
+welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden,
+oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des
+Orang äußerst possierlich hervorlugte.«
+
+Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande
+zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht --
+im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz
+halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel
+gegenüber benahm:
+
+»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein
+Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen
+und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich
+in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier
+nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den
+Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen.
+Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand
+an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er
+herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun
+den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken
+zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach,
+wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können.
+Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich
+fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort
+›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs
+in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen
+vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch
+Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art
+bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und
+gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im
+Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche
+Stelle seines Käfigs zu.«
+
+»Aber -- welches Entsetzen -- dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt
+entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn
+rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas
+vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam
+und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu
+gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der
+vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend
+eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz
+und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen.
+Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den
+Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht
+vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein
+Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt,
+machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er
+noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies
+geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen,
+welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl.,
+sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem
+seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.«
+
+»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht
+zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe
+gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer
+und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses
+Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden
+Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den
+Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das
+Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang
+es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar
+große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen
+Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte.
+Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens
+begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch
+Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein
+leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem
+Gegenüber an den Kopf flog.«
+
+»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den
+Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte
+sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter
+Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der
+Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem
+Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte,
+daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und
+mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu
+diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie
+um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen
+triumphierend nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier,
+streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und
+her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit
+eines Kindes zu erregen. ~Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst
+erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei
+Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden,
+wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist
+dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel
+sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte
+sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in
+Wirklichkeit da seien.~«
+
+»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem
+vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich
+vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen
+plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem
+Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete
+er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen
+war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er
+sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem
+vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des
+Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten
+die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich
+schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand
+betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung
+grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und
+sein gewöhnliches Treiben begann.« --
+
+Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte
+Leser doch unbedingt Glauben schenken.
+
+Auch ~Garner~, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache
+der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über
+seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen
+Übersetzung von Professor ~Marshall~): »Ich habe schon verschiedentlich
+des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von dem Spiegel zu
+machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch nicht beschrieben,
+welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst ist dieser
+Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder Zeit der
+gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art genau
+auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus meinen
+Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im
+allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.«
+
+»Als Puck -- ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen,
+die Garner anführt -- sich im Spiegel erblickte, hielt er sein
+Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich
+viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen
+herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und
+ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht
+schüchtern und zurückhaltend.«
+
+»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es
+offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah,
+zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem
+Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube
+auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu
+suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man
+deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu
+finden.«
+
+»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige
+eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert.
+Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das
+größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine
+Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 +cm+
+breit und 4 +cm+ lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in
+demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend
+einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er
+guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer
+Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen
+trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den
+Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle
+möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der
+andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können.
+Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien er noch verblüffter zu
+sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um,
+als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er
+sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter
+wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte
+er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer
+gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das
+Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich
+daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne
+Hilfe des Wärters gelang.«
+
+»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu
+finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie
+er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit
+dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem
+Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und
+wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem
+größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an
+den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen,
+z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und
+es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann
+kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein
+Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und
+schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte:
+›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie
+irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe
+stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«
+
+»Mickie schien über sein Spiegelbild nicht sonderlich erbaut zu sein.
+Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei
+ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures
+Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten
+redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals
+den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und
+ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war
+freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter
+solchen Umständen auch zu werden pflegen.«
+
+»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr
+forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne
+auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen
+von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im
+tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten
+können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das
+zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz
+zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes
+Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.«
+
+»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen
+Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut
+von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach
+dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen
+ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr
+vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.«
+
+»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm
+allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um
+auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus
+dem Wege zu gehen.«
+
+»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe
+von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten
+Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung
+durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel
+und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie
+denn diesen Affen aufgetrieben?‹«
+
+»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das
+Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich,
+gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob
+ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und
+versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen
+Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich
+wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine
+neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter
+gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein
+Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes
+dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses
+Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl
+angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr
+Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles
+sagen könnten, wenn sie nur wollten.«
+
+»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und
+verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art,
+gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend
+und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.«
+
+»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert.
+Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden,
+kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als
+gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er
+guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen
+langen Arm aus, ~um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu
+suchen~. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr
+oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von
+ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel
+ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint
+sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der
+häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und
+sein Bild anstarren.«
+
+Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor:
+
+Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder,
+sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen -- spiegeln sich
+also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt.
+
+Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in
+der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt.
+Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt,
+begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz
+besonders kein Nasentier.
+
+Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb nur Sehgeschöpfe,
+aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern.
+
+Nachtrag.
+
+Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht
+allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor ~Marshall~
+in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen
+Buche, das er übersetzt hat:
+
+»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten
+hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden,
+billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den
+Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz
+gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei
+fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den
+Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und
+schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte
+er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen.
+Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art
+Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in
+beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und
+bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe
+hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte,
+fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein
+Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch,
+daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den
+Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel
+zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem
+Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im
+hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich
+ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich
+war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn
+es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu
+lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.«
+
+Hierzu möchte ich folgendes bemerken:
+
+Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein Tier ~mit
+der Zeit~ infolge besonderer Umstände, wie hier durch das
+Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von
+~Marshall~ erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel
+trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie
+~allmählich~ gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt.
+
+Jedenfalls ist der von +Dr.+ Schmidt geschilderte Orang-Utan,
+trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken
+nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem
+gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche
+mit Affen angestellt habe. Der von ~Marshall~ beobachtete Makak
+muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder
+es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das -- vielleicht juckende --
+Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen
+Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon
+gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen.
+
+
+
+
+ Tiere als Heuchler.
+
+
+Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß
+das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es
+der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man
+die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der
+Menschenarzt, ~denn die Tiere verstellten sich nicht~. Diese
+Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.
+
+Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar
+vielfach mit Recht. So schildert uns schon ~Xenophon~ die
+Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und
+Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte ~Geßner~.
+
+Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist
+gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt
+darin. So schreibt z. B. ~Oppian~: Fühlt der schlaue Fuchs ein
+Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen:
+Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt
+Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und
+beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen und zu zupfen. Kommt ihm
+aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den
+Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.
+
+Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte
+Naturforscher ~v. Homeyer~ etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt:
+»Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es
+erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen
+der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise
+richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße
+liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem
+Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich
+näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier
+zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge
+Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes,
+und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe
+gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu
+bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber,
+gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es
+ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller
+Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben
+ergriff.«
+
+Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist
+etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt ~Scammon~ von einer
+so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um
+sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen
+sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut
+Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen
+Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze
+aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer
+Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der
+Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken.
+Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um
+dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen
+gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und
+verschlungen.
+
+Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll
+nach ~Krementz~ den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen
+zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so
+anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt,
+um Fische heranzulocken.
+
+Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere
+sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von
+schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S.
+12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und
+dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend
+gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte
+verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal
+gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund
+besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter
+Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war
+die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine
+Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber
+vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier
+bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun
+sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig
+folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein
+Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich
+bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde
+das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und
+nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs
+war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei
+seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die
+nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink
+auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts
+vorgefallen wäre.
+
+Ähnliches berichtet Rektor ~Gräßner~ von seiner deutschen Dogge
+Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit
+darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade
+beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen
+Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen
+und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben
+dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit,
+so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener
+Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine
+Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das
+Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man
+sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn
+nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele
+zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit
+einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde,
+unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den
+gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen
+schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte
+dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«
+
+Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So
+erzählt ~J. Franklin~ von einem Schweine folgendes: Auf einem
+Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen
+und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das
+Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des
+Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses
+wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine
+Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es
+daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in
+dessen Stall.
+
+Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die
+Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon
+~Älian~ schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne
+vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu
+täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die
+Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager
+will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen
+Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte
+zum Lager bringt.
+
+Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er
+sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der
+Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die
+allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.
+
+Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen
+intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen
+oft denen, die sie beißen wollen. ~Rengger~ berichtet von seinem
+Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz
+freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen,
+nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches,
+was ~Homeyer~ vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein
+zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte
+sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte,
+rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen
+totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen.
+Im ~Brökmannschen~ Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen
+zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler
+den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der
+ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben
+fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das
+gleiche wird vom Elefanten berichtet.
+
+Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das
+gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon
+Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von
+dem letztgenannten berichtet Freiherr ~v. Droste-Hülshoff~ im
+»Zoologischen Garten« folgenden Fall:
+
+»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch
+auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner
+Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen
+hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere
+bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem
+Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden
+jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich,
+das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen;
+das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des
+von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte
+und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer
+Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen
+meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel
+geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm
+zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich
+meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber,
+nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte
+das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei
+versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es
+hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich
+auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich
+das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht
+angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu
+ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt
+hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen
+von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch
+eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem
+mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es
+auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann
+und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu
+verschwinden.«
+
+»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und
+lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere
+doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir
+übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«
+
+Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen
+z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die
+starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich
+nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren,
+denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben
+daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht
+gewachsen.
+
+Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu
+verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben
+in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei ~Brehm~:
+
+»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in
+Morästen)«, schreibt mir ~Kade~, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe
+und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei
+den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und
+junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber
+die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende
+Juli zu heulen beginnen.«
+
+Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß
+man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in
+dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.
+
+Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der
+Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen
+dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter
+den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die
+Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige
+Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich
+geschildert werden.
+
+Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie
+~Brehm~ betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen.
+Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel
+nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt
+derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten
+übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.
+
+Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer
+Krähe gedacht, die ein Herr ~Keil~ kürzlich beobachtete. Er
+erzählt den Vorgang folgendermaßen:
+
+»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als
+liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten
+geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut
+im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe
+vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her.
+Sie hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten
+konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ.
+Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die
+erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und
+äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei.
+Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst
+harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe
+vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit
+zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln
+nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang
+herzlich gelacht.«
+
+
+
+
+ Verstellungskünste bei Vogeleltern.
+
+
+Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß
+gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur
+wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau,
+sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen
+Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.
+
+Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die
+Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.
+
+Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So
+schreibt z. B. ~Plinius~ vom Rebhuhn folgendes:
+
+»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das
+Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt
+etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein
+gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft
+vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht,
+ihn vom Nest wegzulocken.«
+
+Hiermit steht ganz im Einklange, was ~Naumann~ darüber schreibt:
+»Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben
+Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück
+drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während
+ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt,
+ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem
+jeden ein solches im Getreide, Grase, Gebüsche, hinter Furchen, in
+Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen
+glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder
+abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen,
+greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen
+seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben,
+ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu
+den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß
+breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück
+weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in
+Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon.
+Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung
+verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich
+beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«
+
+Der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~ bestätigt ebenfalls, daß es die
+List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu
+stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug
+schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer,
+solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur
+Einsicht gekommen ist.
+
+Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:
+
+»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der
+Ober-Medizinalrat ~Buddeus~ zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf
+einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens
+ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das
+Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann
+wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang
+zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und
+flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung
+zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine,
+kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die
+Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen
+Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die
+Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen
+Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden
+Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es
+wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren.
+Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden
+Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«
+
+Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule,
+worüber ~Tancré~ in den »Ornithologischen Briefen von ~E. F. v.
+Homeyer~« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:
+
+Ȇber ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit
+keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen
+eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem
+mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras
+bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet
+durch das Männchen -- vermutlich --, welches mich mit dem bekannten,
+dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das
+Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt
+fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen
+hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu
+holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier
+auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«
+
+»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort.
+Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber
+auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die
+Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich
+wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben
+mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der
+Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe
+dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus,
+aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer
+Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich
+wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der
+Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier
+untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das
+Männchen umherfliegt. Da machte es dasselbe Manöver zum dritten male,
+aber auf der ~entgegengesetzten~ Seite von mir. Jetzt erst wird
+mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch
+hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem
+der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«
+
+»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder,
+wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich
+große Junge befanden.«
+
+»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich
+nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt,
+nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes,
+dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und
+ahmte deshalb den Jungen nach.«
+
+In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet
+~Thompson~ von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die
+ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt
+dort:
+
+»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad
+entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner
+feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«
+
+»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise,
+aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln
+und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das
+eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln,
+ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes
+in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen
+Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes
+Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand
+gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein,
+und alles war still.«
+
+»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ
+sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den
+Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte
+wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade -- Gnade
+von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war
+sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch
+ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut
+bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase,
+drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte -- doch nein, ganz
+erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen
+Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn
+diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische
+Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon,
+kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine
+sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen
+ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte.
+Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber
+sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch
+noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht
+begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige,
+konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine
+Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan
+schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf
+von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder
+ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden
+Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen
+sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden
+Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«
+
+»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der
+Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« --
+
+Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich
+gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie
+folgender Bericht ~Andersons~ über ein Zusammentreffen mit einer
+Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die
+älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige
+Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das
+Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht
+schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern
+für ihre Jungen an den Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer
+näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und
+änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht
+abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen,
+so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in
+weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite
+nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die
+Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als
+müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen.
+Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es
+verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren,
+daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich
+ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter
+Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen
+bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«
+
+Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im
+Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird.
+Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.
+
+Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren
+ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig
+geborene Verstellungskünstler.
+
+
+
+
+ Straußenpolitik.
+
+
+In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen
+Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu
+verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich
+der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst
+seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn
+nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck
+»Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor,
+indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich
+verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten
+nicht mehr.
+
+Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß
+denn in der Tat bei seiner Verfolgung sich so unglaublich dumm
+benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem
+Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke
+z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber
+den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu
+bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).
+
+Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika
+persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik«
+entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so
+bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit
+größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen
+beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode
+des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt
+sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?
+
+Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes
+aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar
+und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien
+gibt es Strauße (+struthocameloi+, wörtlich Straußkamele) die wie
+ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier
+geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen
+kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und
+berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt,
+so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine
+Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen
+Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder
+sonstwo.
+
+Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen
+versehen.
+
+Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so
+liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein
+absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht
+vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich
+schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens
+besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der
+Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem
+Steine oder Felsstücke getroffen, das durch eine flüchtende Gemse in
+Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse
+absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem
+Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche
+Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine,
+so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube
+vom Strauße herrschte.
+
+Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil
+bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf
+gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt
+habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen,
+erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.
+
+Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten,
+geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt
+keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen
+Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen
+Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung
+bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren
+Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen
+Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und
+ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel,
+welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen
+Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten
+Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und
+noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts
+abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen
+Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar
+für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen
+dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male;
+sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere
+lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder
+wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr
+Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf
+das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen,
+verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit
+den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer
+nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er
+jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte.
+Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade
+in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in
+der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben
+wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte;
+doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich
+an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit
+Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge
+von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie
+träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich
+meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als
+friedlich bezeichnet.
+
+Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen
+Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von
+Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen
+lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier
+gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber
+trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit
+einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit
+besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.
+
+Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier,
+was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen
+pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in
+der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch
+solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes
+liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große
+Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde
+lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie
+möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische
+Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich
+Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich
+auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse,
+weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das
+Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.
+
+Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des
+Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare
+hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu
+besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken
+und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm
+vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein
+anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird
+ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße
+zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen,
+steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas
+verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und
+für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig
+zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit
+Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen
+Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei
+Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte
+von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5
+Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine
+kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig
+eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.
+
+Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen
+kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz
+übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen,
+und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber
+eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.
+
+Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht
+leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu
+verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch
+Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch
+fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig
+der Wahrheit entspricht.
+
+Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten Hühnervögeln ein
+vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie
+wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende
+Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen
+ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante
+Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele
+Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf
+ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils
+im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen
+anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion
+der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße
+hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig
+wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging,
+durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste
+hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen,
+plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden,
+um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren
+gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen,
+ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese
+Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie
+geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden
+zu schützen wissen.«
+
+Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes,
+wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum
+Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen,
+der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die
+Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu
+verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann
+hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.
+
+Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der
+»Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug
+ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer
+erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er
+nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet
+er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.
+
+
+
+
+ Wittern die Geier Tierleichen?
+
+
+Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in
+Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt.
+Bereits ~Plutarch~ schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des
+Aases nach.« ~Plinius~ fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen
+sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso
+berichtet ~Älian~: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und
+Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den
+Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote
+gibt.«
+
+Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst
+wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen
+besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen
+Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher
+annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind,
+und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben
+sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver
+versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die
+selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig
+fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese
+Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.
+
+Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck
+macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum
+gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer
+Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus
+dem nachstehenden ergeben wird.
+
+Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~:
+»Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die
+Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen,
+wenn sie Beute suchen.«
+
+Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers
+bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der
+Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn
+der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger und
+Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den
+Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen
+Beobachter existiert.
+
+Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die
+Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen
+ist. Dort führe ich auch an, daß bereits ~Brehm~ bestreitet, daß
+die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren
+wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.
+
+Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht
+orientieren, kommt neuerdings A. E. ~Bayer~ in »Hundesport und
+Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten
+angestellt wurden.
+
+»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt ~Georg Byam~,
+der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt
+hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare
+Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich
+möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der
+festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt
+werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder
+vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich
+verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig
+unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen
+gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher
+der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält
+sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in
+die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes
+Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der
+es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen
+Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell
+und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle
+anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem
+sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der
+Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht
+bemerkt haben. Ich glaube, es ist ~Waterton~, der erzählt, daß er
+einst ein totes Tier sorgfältig unter Bäumen und Büschen verborgen
+hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer
+Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht,
+aber vielleicht war es Herrn ~Waterton~ unbekannt, daß die Geier
+die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines
+Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein
+Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten
+können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen
+Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern
+überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum
+waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch
+schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde
+vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht
+ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in
+den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde
+erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war,
+begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in
+kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die
+der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das
+Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich
+habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier
+in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet
+und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu
+welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick,
+während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in
+unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die
+Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den
+Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«
+
+Zu demselben Resultat kommt Sir ~Samuel Baker~ durch die reichen
+Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man
+hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn
+oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich
+habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es
+auch keine Frage sein kann, daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin
+ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer
+großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern,
+verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen
+Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht
+wesentlich beeinträchtigen.«
+
+»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein
+interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten
+Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt,
+daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes
+gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach
+unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie
+näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im
+dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es
+selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer
+Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter
+Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie
+sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«
+
+»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube,
+daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige
+Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem
+menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten
+Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit
+Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die
+Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie
+von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen,
+daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein
+Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches
+Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht
+ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt
+auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln,
+so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu
+und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem
+Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«
+
+»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des
+Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und
+nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen
+läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen
+hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich
+auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht
+ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber
+kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und
+nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals
+gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen
+und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die
+Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der
+großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein
+Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier
+herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige
+Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die
+Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen
+lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel
+herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise
+über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich
+aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint
+der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und
+die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir
+uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern
+und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln
+zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem
+Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen
+und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den
+ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu
+Sin‹ -- (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist
+angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem
+langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den
+Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste,
+ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor
+ihm einen Vorsprung.«
+
+Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht
+dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel
+überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen,
+was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen
+Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen.
+Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen,
+umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt.
+Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in
+unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.
+
+Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst
+den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier
+unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den
+Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet
+Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen
+außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und
+verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück
+rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich
+auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«
+
+Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes
+Fleisch halten?
+
+Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten
+Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den
+Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann
+erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:
+
+»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend,
+den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der
+Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese
+Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung
+haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was
+bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte
+Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze
+Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich
+dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten fuhr über mich dahin,
+und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers,
+der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter
+folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann
+über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das
+Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten
+sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und
+für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«
+
+»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach,
+überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann
+eiligst davon.«
+
+Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz
+allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen
+Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen
+Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler
+näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese
+Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.
+
+
+
+
+ Die Schnepfe als angeblicher Mediziner.
+
+
+Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine
+Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete
+Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn
+angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht.
+Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster
+oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann
+die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden.
+Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre
+Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich
+hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen
+Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.
+
+Dr. ~Quistorp~ schreibt nämlich folgendes:
+
+»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder ~Müller~ Zweifel geäußert
+an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene
+Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich
+nicht im Besitze solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst
+erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen
+Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert ~Imgo~, sandte;
+sonst würde ich die Herren ~Müller~ sicherlich von der Richtigkeit
+obiger Ansicht überzeugt haben.«
+
+»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich
+am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit
+zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche
+ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken
+Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil
+des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum
+nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und
+zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe
+jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst
+krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und
+totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich
+zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen
+Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn
+umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande
+befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen,
+fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur
+kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr ~v.
+Homeyer-Wrangelsberg~ sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit
+vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«
+
+»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen
+regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber
+nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des
+Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem
+Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«
+
+Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl
+~Müller~ ist dagegen folgende:
+
+»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den
+›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen
+Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man
+durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete Stellen der
+Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde
+geschlungen waren.«
+
+»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger
+Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung
+übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um
+die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen
+Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung -- und sie mußte leider
+auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen --
+zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten,
+und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und
+die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der
+bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer
+sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, -- welche Eigenschaft
+wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren
+beobachteten -- tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in
+unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich.
+Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung
+eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und
+zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend
+nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der
+Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom
+Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund
+um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet.
+Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue
+Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener
+Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen
+natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt
+sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation
+und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine
+Baumlerche (+Alauda arborea+) hat uns dies in der Gefangenschaft
+zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar
+vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der
+größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des
+Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«
+
+»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer
+gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht
+sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe
+nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent
+anerkennen, wo keines vorhanden ist.«
+
+Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder ~Müller~, hat auch kürzlich
+ein Herr ~Schlabitz~ verteidigt, indem er behauptet, auch an den
+Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von
+selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den
+Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort
+ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen
+werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr ~Schlabitz~ an einem Uhu
+beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am
+oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht.
+Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu
+behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte
+er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne
+verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte
+feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte,
+sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort
+an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann
+fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit
+beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen
+und sonstige Raubvögel kröpfte.
+
+
+
+
+ Sichtotstellen als Rettungsmittel.
+
+
+In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen
+als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in
+der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären
+früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren
+als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe
+auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben
+kann.
+
+In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich
+dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein
+anderer in der Nase hat. Im westlichen Europa kamen in früheren
+Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in
+Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze,
+einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf
+der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende
+Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein
+Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht
+werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.
+
+Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender
+niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der
+Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der
+Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder
+ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.
+
+Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine
+Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist.
+Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das
+stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines
+Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen
+Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur
+eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er
+weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann.
+Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert,
+folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei
+einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der
+Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines
+Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte
+Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede
+Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor
+Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die
+beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein
+Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des
+Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der
+Trauer abgewendet haben sollen.
+
+Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl äußerlich so hinlegen
+können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen,
+daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können.
+Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.
+
+Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt
+erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen.
+Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung,
+daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann
+doch nicht der geringste Zweifel bestehen.
+
+Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder
+wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür
+verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro
+einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen
+kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.
+
+Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß
+selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste
+Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm -- ebenso
+wie der Fuchs -- »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für
+Aas hat.
+
+Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten
+seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom
+Luchse schreibt neuerdings Baron ~v. Staël-Holstein~ in »Wild und
+Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang
+gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen
+Afrikareisenden gern an Aas, und ~Selous~ erklärt ausdrücklich,
+der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.
+
+Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel
+kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder,
+gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten
+würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort
+erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.
+
+So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller
+dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen
+Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in
+der erwähnten Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn
+der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich
+wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei
+Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.
+
+Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich
+Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das
+folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust
+sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf
+findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn
+ruhig liegen, ~so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil
+er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch
+lebendig ist~. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten
+Raubtiere den Menschen -- und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier
+kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen
+(vgl. S. 19).
+
+Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und
+nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen
+angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es
+denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der
+sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie
+fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht
+vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war
+also für ihr Verhalten bestimmend.
+
+
+
+
+ Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.
+
+
+Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der
+Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern
+recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders
+gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche
+regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner
+Zeitung lesen konnte:
+
+Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als
+den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen
+verdächtig gemacht hatte.
+
+Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer in der Rekognoszierung
+von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen
+beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird
+auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer
+solchen Angabe Glauben schenken.
+
+Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines
+Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des
+Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.
+
+Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung
+des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im
+Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt ~Plutarch~
+beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere
+marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten
+bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon
+drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen
+zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber
+mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer
+gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der
+Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich
+aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut
+an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem
+Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl
+erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld
+hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. --
+
+Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche
+Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen
+philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als
+das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten
+diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also
+die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß
+beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf
+das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. -- Ist diese
+Deduktion zutreffend?
+
+Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem
+Vortrag zuhörte, den Dr. ~Heinroth~, langjähriger Assistent
+unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an
+gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das
+Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel
+folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind,
+unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar
+von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter
+verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen
+Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen
+und eventuell getötet.
+
+Dr. ~Heinroth~, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner
+ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm
+jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig
+Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es
+sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle
+ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande,
+gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe
+jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer
+Sicherheit fertig.
+
+Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen
+des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:
+
+Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem
+Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich
+ihm ganz widmen kann.
+
+Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das
+Tier unvernünftig? S. 78.
+
+Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich
+überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren
+lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände,
+so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in
+Südwestafrika erlitten.
+
+Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt
+unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre
+Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen
+ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern
+begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt
+wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man jedoch sofort die
+Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die
+meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder
+oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der
+das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein
+Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt
+noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.
+
+Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon
+wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist
+mir im Gedächtnis geblieben.
+
+Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund
+geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen
+recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.
+
+Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die
+Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie
+bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.
+
+Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte,
+zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie
+in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es
+nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher
+aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen
+erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie
+schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen.
+Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen
+nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des
+Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte
+es plötzlich auf.
+
+Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in
+der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung,
+und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort
+wohnte, angekommen war.
+
+Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung
+vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit
+ihren Augen ähnliches leistet.
+
+Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht
+für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw.
+ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese
+Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich
+niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich
+ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.
+
+Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden
+sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder
+Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln
+sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls
+ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der
+Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner -- er
+wirft sich dann auf den Rücken --, wenn das schärfste Menschenauge noch
+nichts wahrzunehmen vermag.
+
+Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind,
+ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie
+verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme
+folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten
+abspielte, wo viele Wildenten brüten.
+
+Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich
+begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten.
+Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine
+kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte
+weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte,
+kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die
+eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.
+
+Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten
+dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der
+Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den
+schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei,
+die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere
+irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben
+gesehen.
+
+
+
+
+ Anhang
+
+Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher.
+
+
+Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich
+stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der
+Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« -- Sodann
+aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er
+sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls
+eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes
+bemerken:
+
+Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst
+bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine
+einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In
+den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm
+findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst
+noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig
+bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von
+Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines
+Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. +Dr.+ Schäff,
+Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings
+veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal
+Stellung genommen -- sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt
+sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner
+Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist,
+im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben,
+daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet,
+daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten
+Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine
+Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war --
+oder bekämpfen sie vereinzelt sogar!
+
+Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich
+habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann,
+Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir
+im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als
+erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen
+anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und
+von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind.
+
+Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche
+steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil -- ich gebe ohne weiteres
+zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen.
+Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren
+Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen
+usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: ~Bei den höher organisierten
+Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.~ Bei den Fledermäusen
+wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die
+Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der
+leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann
+man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen
+hätten.
+
+Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner
+Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der
+ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets
+erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht,
+daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch
+hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang
+von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich
+in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen
+die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76)
+von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese
+Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren
+Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen
+den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten
+entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus.
+
+Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen
+Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen
+weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem
+Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit
+behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt
+habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist
+möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben
+wird mir niemand absprechen können.
+
+Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt
+einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde
+Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus
+Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine
+Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die
+bereits ein dummer Junge widerlegen kann? -- Weil sie der Herr Kritiker
+selbst nicht angeben kann!
+
+Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches
+feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang
+durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen
+Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher
+wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt,
+daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen
+Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe.
+Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß
+bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt
+wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle
+sei. In Wirklichkeit stammt sie aus -- Brehm, der ausdrücklich an zwei
+Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204).
+Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher
+besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben.
+
+Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus
+Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich
+veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger
+hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken.
+
+Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen
+einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß
+für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe
+ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe
+berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern
+anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen
+Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner
+nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen
+gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren
+seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen.
+Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische
+Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen,
+verbietet mir meine Erziehung.
+
+Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues.
+Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur
+Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben,
+und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war,
+verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich
+gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung
+und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche
+Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute -- mehr als
+sechs Monate seit ihrem Erscheinen -- mit keiner Silbe besprochen.
+Das läßt tief blicken -- würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche
+Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend
+beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung
+eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt.
+
+Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten
+hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber
+den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender
+Mittel:
+
+1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird
+er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen
+Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben
+war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich
+nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund
+gesehen.
+
+2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So
+wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich
+(S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw.
+
+3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und
+Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß
+ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so
+kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als
+hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings
+und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist,
+ebenfalls kurzsichtig -- und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade
+-- und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich
+wohlweislich verschwiegen. Habe ich ~eine~ Beobachtung vom
+Fenster aus gemacht, so habe ich sie ~öfter~ von dort aus
+gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem
+ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere
+mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn
+unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase
+keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören.
+
+4. Er stellt die unsinnigsten und unwahrsten Behauptungen auf, die er
+auf späteren Seiten wieder vergessen hat. So heißt es gleich im Anfang,
+daß es keine Schöpfungskrüppel gibt, daß die Natur den Kreaturen
+überreichlich Mittel und Waffen gegeben hat, um den Existenzkampf
+zu führen (S. 11 u. 30). Jeder, der eine Spur Logik besitzt, wird
+hiergegen einwenden, wie es unter diesen Umständen möglich sei, daß ein
+Pflanzenfresser von einem Raubtiere erbeutet werden könnte. Auf S. 60
+heißt es aber im vollsten Widerspruch damit, daß Rinder und Fische nur
+2 Sinne, ja die Eule nur einen hervorragenden Sinn besitzen, ferner auf
+S. 49, daß die Katzen schlecht wittern können.
+
+Ferner lesen wir gleich im Eingang auf S. 11 den Grundgedanken
+(wiederholt auf S. 60 und 80), daß die Sinnesorganisation des Tieres
+genau der dem Menschen verliehenen Ausrüstung entspricht. Hieraus geht
+hervor, daß R. nicht die elementarsten Kenntnisse in der Tierkunde
+besitzt. Ich will hier nur die Fledermäuse anführen, also Säugetiere,
+die dem Menschen sehr nahe stehen. Bei Brehm (2. Aufl. Bd. 1 S. 286)
+heißt es, daß einige Arten besonders kleine Augen haben und diese so
+unter dichten Gesichtshaaren versteckt stehen, ~daß sie unmöglich dem
+Zwecke des Sehens entsprechen können~. Schon vor vielen Jahrzehnten
+hat man festgestellt, daß Fledermäuse, denen man die Augen zuklebte,
+trotzdem den feinsten Fäden auswichen, daß sie sich also durch ihr
+feines Tastgefühl orientieren, während ihr Sehvermögen fast null
+ist. Im »Zoologischen Garten« sind mehrfach Fälle angeführt, wonach
+vollständig erblindete Fledermäuse gefangen wurden, die sich trotzdem
+in gutem Nährzustande befanden. Man stoße einen blinden Menschen in die
+Wildnis, wo Feinde lauern, und überlasse ihn seinem Schicksal. Nach
+wenigen Tagen dürfte er ausgelitten haben. Von dem Blindmull (+talpa
+caeca+), der Blindmaus (+mus typhlus+) usw., scheint R. niemals etwas
+gehört zu haben. Und ein »Kritiker«, dem die einfachsten Kenntnisse der
+heimischen bezw. europäischen Tierwelt fehlen, beurteilt ein Buch, das
+die Kenntnis der gesamten Tierwelt voraussetzt.
+
+5. R. betont, daß er nur eigene Beobachtungen bringe. So heißt es
+auf S. 61: Alles, was ich gebe, ist durchaus selbst erlebt. Da
+selbst ein Niedick, der in 5 Erdteilen gejagt hat, eine Unmenge
+Tiere niemals aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, so ist es
+selbstverständlich ein Unding, daß ein einzelner Mensch alle Tiere in
+der Wildnis genügend beobachtet hat. Nebenbei bemerkt, kosten solche
+Reisen ein ganzes Vermögen und viele Jahre. Ich nehme also von R. an,
+daß er nur die wenigen Tiere der Heimat kennt bezw. zu kennen glaubt,
+und daß er niemals außerhalb Deutschland gejagt hat. Selbst auf den
+Redaktionen wußte man nichts davon. Da R. allein über die Fährten
+zweier versprengten Wölfe seitenlang berichtet, so muß man bei seiner
+Weitschweifigkeit annehmen, daß er über einen erlegten Bären mindestens
+ein ganzes Werk geschrieben hätte.
+
+Auf S. 187 gebe ich ein Verzeichnis der Augen- und Nasentiere.
+Hierzu schreibt der »Kritiker« (S. 29): »Tierkundige mögen sich an
+diesem Verzeichnis prüfen.« Hier gibt R. freimütig zu, daß er zu den
+Tierkundigen nicht gehört.
+
+Es ist doch wirklich eine unerhörte Leistung, daß R. die ausländischen
+Tiere in der Freiheit nicht kennen gelernt hat und trotzdem
+apodiktische Urteile über sie abgibt. Der Leser urteile selbst darüber.
+Ich führe ca. 20 Tiere mit schwachem Gesicht an, bei sechs gebe ich
+sogar die Urteile wortgetreu von bekannten Autoritäten an, z. B. bei
+Elefant und Bison. Brehm, Haacke-Kuhnert und v. Wißmann erklären z.
+B. das Auge des Elefanten für schwach. R. dagegen erklärt (S. 24):
+»Alle diese Tiere haben ein vortreffliches Gesicht.« Nun ist zweierlei
+möglich. Entweder muß R. erklären, ich weiß es besser, da ich mehr
+Elefanten geschossen habe, als alle diese Herren zusammengenommen. Das
+ist sicherlich nicht wahr. Denn sonst würde er nicht bloß erzählen, daß
+er einen Elefanten im Zoologischen Garten beobachtet hätte (S. 62).
+Oder er besitzt die eherne Stirn, hier, wie so häufig, uns Jägerlatein
+vorzutragen und, ohne selbst Elefanten gejagt zu haben, diese
+Autoritäten zu bezichtigen, unrichtige Angaben gemacht zu haben.
+
+Ich hätte ja noch viel mehr Leute nennen können, die genau Elefanten
+kennen und ausdrücklich hervorheben, daß ihr Auge schwach sei, z.
+B. Schillings (Mit Blitzlicht und Büchse, S. 125 u. S. 141). Ein
+Jäger hat doch gewiß kein Interesse daran, das Auge eines erlegten
+Ungetüms als schlecht zu bezeichnen. Das mindert doch augenscheinlich
+seinen Jägerruhm. Tut er es trotzdem, so kann man ihm doch unbedingt
+glauben. Gerade Schillings schildert den Elefanten als ein besonders
+gefährliches Wild (S. 159). Nebenbei bemerke ich, daß dieser kühne
+Afrikareisende sofort die Unterscheidung von Augen- und Nasentieren
+übernommen hat (S. 235), auch neue Beispiele für das Zusammenwirken
+beider anführt (Giraffe und 2 Elefanten S. 126). Ferner hat er auch den
+Ausdruck »Post der Tiere« akzeptiert, man vergleiche Post des Nashorns
+S. 175, Post des Nilpferdes S. 209. R. hingegen schreibt über die Post
+der Tiere (S. 78): Meine Ausführungen sind »so überwältigend, daß ich
+sie dringend zum Studium empfehle«. -- Jedes weitere Wort ist wohl
+überflüssig.
+
+Bei dem Bison hätte ich für das schwache Gesicht außer Brehm noch den
+Präsidenten Roosevelt anführen können, der ein hervorragender Jäger
+ist und eigenhändig Bisons erlegt hat. Auch hier erklärt R., daß er
+vortrefflich sieht. Also R. hat auch in Amerika -- oder auf dem Monde?
+-- Bisons gejagt und mehr geschossen als die gedachten Herren!
+
+Überhaupt sind die Urteile, die R. über ausländische Tiere abgibt,
+geradezu haarsträubend, so daß man darin bestärkt wird, er redet
+lediglich vom Hörensagen. Einige Beispiele seien noch angeführt. Gegen
+meine Tigertheorie (Abneigung des Stieres gegen rote Farbe), macht er
+in der Deutschen Jägerzeitung (Bd. 44 S. 38) folgendes geltend: »Im
+übrigen geht auch das stärkste Tier nie auf einen Tiger los, sondern
+flüchtet vor ihm, solange es kann.« Dasselbe sagt er S. 15.
+
+Daß in Wirklichkeit die Wildbüffel den Tiger oft angreifen, weiß
+der geneigte Leser aus den Streifzügen S. 39. v. Wißmann hat selbst
+beobachtet, daß ein Kaffernbüffel sogar einen Löwen vom Fraße
+verscheuchte.
+
+Ebenda S. 5 heißt es: »Der Hund ist das intelligenteste und
+vielseitigste Tier. Der Affe erreicht ihn nicht im entferntesten.«
+
+Nur jemand, der sich niemals mit Affen beschäftigt hat, kann einen
+solchen Satz niederschreiben (vgl. Streifzüge S. 68).
+
+Bd. 40 S. 157 schreibt er, daß die Affen ihre Kinder oft aus Liebe
+ersticken, obwohl Brehm ausdrücklich erklärt, daß es in der Neuzeit
+niemals beobachtet sei (Bd. 1 S. 49). -- Brehm erklärt die Affenbrücke
+für eine Fabel, R. ist anderer Ansicht (S. 87). Brehm sagt auf Grund
+eigener Beobachtungen, der Löwe brüllt, um die Herde zum Ausbrechen
+zu veranlassen, R. dagegen sagt: »Nein, er brüllt aus hocherregter
+Raubgier und im Vollgefühl seiner unbezwinglichen Kraft« (S. 13).
+
+Im Anschluß hieran möchte ich noch über eigene Beobachtungen folgendes
+bemerken. Wenn ich in einem Buche etwas beweisen will, so bin ich
+Partei und -- wie in der Natur der Sache liegend -- befangen. Ich habe
+deshalb nur solche Beobachtungen angeführt, die jeder nachprüfen kann.
+Es beweist etwas, wenn ich sage, v. Wißmann, Horn, Marshall u. a.
+sind der Ansicht, Vögel können nicht wittern. Dagegen ist es geradezu
+lächerlich, wenn R. dagegen anführt (S. 52), er und mehrere Zuschauer
+hätten gesehen, daß eine Amsel gewittert hätte. Wer waren denn die
+andern Personen?
+
+Kein Mensch kann, wie gesagt, alle Tiere in der Wildnis beobachtet
+haben, selbst ein Brehm hat trotz seiner Reisen in andern Erdteilen
+drei Viertel seiner Tierschilderungen andern Personen entlehnen
+müssen. Dagegen haben wir jetzt einen Vorzug, den frühere Zeiten nicht
+besaßen. Durch die zahlreichen Tierschilderungen haben wir jetzt das
+Mittel der gegenseitigen Kontrolle. Ferner ist es klar, daß verwandte
+Tiere verwandte Handlungen begehen. Ich möchte das an einem Beispiele
+klarmachen. In »Zwinger und Feld« (vgl. Februarheft des »Kosmos«
+II. S. XXIII) wird von einem Rebhuhn erzählt, das eine Verletzung
+vortäuschte und dadurch einen Fuchs von seinen Jungen fortlockte.
+Wer Tiere nicht kennt, wird als Skeptiker wahrscheinlich sagen: »Ja,
+weiß man denn, ob es wahr ist?« Liest er hingegen in meinem Buche das
+Kapitel: Verstellungskünste bei Vogeleltern und sieht, daß es sich hier
+um einen bei fast allen Vögeln, insbesondere den Erdbrütern, üblichen
+Kunstgriff handelt, so wird ihm die Sache ganz einleuchtend vorkommen.
+Andererseits müßte er ja annehmen, daß Männer wie Naumann, Brehm usw.
+sich vorgenommen hätten, ihren Lesern etwas vorzulügen und zufällig auf
+denselben Schwindel geraten wären.
+
+Das Mittel der gegenseitigen Kontrolle gibt mir sofort die Möglichkeit
+zu sagen, ob eine Tiergeschichte wohl wahrscheinlich sei oder nicht.
+Obwohl ich ferner diesen Grundsatz auch bei Autoritäten angewandt und
+mich fast immer auf solche berufen habe, ist es mir trotzdem selbst
+bei wohlwollenden Kritikern passiert, daß sie fragten: Ja, ist denn
+das alles wahr, was Zell erzählt? Das kommt also vor, obwohl ich
+fortwährend die Autoritäten nenne, auf die ich mich berufe. -- Ich muß
+demnach meine Methode der Beweisführung für die allein richtige halten.
+
+Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu den Tieren mit schwachen
+Augen zurück, die es angeblich nach Rothe nicht gibt. So hätte ich --
+wäre ich jemals auf den Gedanken gekommen, daß es bezweifelt würde --
+noch eine größere Anzahl von Tieren mit schwachem Gesicht und eine
+größere Anzahl von Autoritäten, die mir recht geben, anführen können.
+Da aber z. B. bei der Spitzmaus die alten Römer bereits ein Sprichwort
+hatten (vgl. S. 63), so hielt ich es für unmöglich, daß solche
+Tatsachen in Deutschland »widerlegt« werden und zwar dadurch, daß ein
+»Kritiker« erklärt, diese Tiere sehen sehr gut.
+
+Wegen des Hundes wollte ich noch anführen, daß der Sachverständige
+für die Deutsche Jäger-Zeitung, +Dr.+ Ströse, Verfasser des
+Werkes: »Unsere Hunde«, bereits 1892 daselbst (Bd. II, S. 66 ff.),
+was mir damals noch nicht bekannt war, ausführlich nachweist, daß der
+Hund schlecht sieht. Wer das behauptet, ist nach R. (vgl. S. 40) ein
+Ignorant. Also die Deutsche Jäger-Zeitung, deren Mitarbeiter R. ist,
+hält sich zum Sachverständigen einen Ignoranten -- glücklicherweise
+nur nach R.s Ansicht, während andere Tierkundige +Dr.+ Ströse
+vollkommen recht geben.
+
+Selbst von Hunden versteht also Forstmeister R. trotz 60jähriger
+Beobachtung nichts.
+
+Hinsichtlich der Pferde wollte ich bemerken, daß mir eine Autorität
+auf diesem Gebiete, der gerichtliche Sachverständige für Pferde, Major
+Schoenbeck, sowie zahlreiche Kavallerieoffiziere vollkommen recht
+gegeben haben.
+
+6. Am ergötzlichsten ist die Anmaßung, daß R., der fortwährend
+betont, er habe sich im Freien herumgetrieben, trotzdem über meine
+Homerabhandlungen absprechend urteilt (S. 80). War er in Feld und
+Flur, dann kann er keine Homerstudien getrieben haben. Es ist ja nur
+charakteristisch für diesen »Kritiker«, daß er fortwährend über Dinge
+urteilt, die er nicht versteht.
+
+7. Ein Eckstein meiner Beweisführung ist der Windhund, der nach
+~Brehm~ gut äugt, aber schlecht wittert. Hier war R., der sonst
+das Unglaublichste behauptet, mit seinem Jägerlatein zu Ende, denn dem
+Leser zu erklären, das ist unwahr, der Windhund wittert vorzüglich, wie
+er das bei anderen Tieren tut, schien ihm zu riskant. Wie widerlegt
+er nun die meine Theorie überzeugend beweisende Tatsache, daß ein
+ausnehmend gut sehender Hund dafür ausnehmend schlecht wittert? Man
+lese (S. 24): »Es ist vom Windhund die Rede.« Das ist alles, was er zu
+sagen hat.
+
+8. Die tollste Leistung ist jedoch folgende. Während er in seiner
+Gegenschrift mit dem Brustton der Überzeugung erklärt, daß es
+Schöpfungskrüppel nicht gebe, hat er zwei Jahre früher in der Deutschen
+Jäger-Zeitung einen Artikel über die Seele der Tiere veröffentlicht
+(Bd. 40, S. 107 ff.), der genau das Gegenteil sagt, denn z. B. heißt
+es vom Hunde (S. 124), daß sein Auge Einzelheiten nicht erkennt (worin
+eben das Wesen des schwachen Gesichts besteht). Ferner berichtet
+er vom Wildschweine (S. 427), daß sein Gesicht außerordentlich
+schwach sei! Für Zweifler führe ich die Stelle wörtlich an: »Bei
+einer Wildart jedoch glaube ich mich überzeugt zu haben, daß ~das
+Gesicht ganz außerordentlich schwach ist~, nämlich bei den Sauen.
+Oft zog Schwarzwild nahe an mich heran, namentlich auch Bachen mit
+Frischlingen, obwohl ich der Beobachtung halber auf Deckung verzichtet
+hatte« usw. Also nachdem eine »Vorsehung« -- wie er äußert -- (vgl. S.
+8) ihn 57 Jahre lang Tiere beobachten ließ, kam er zu dem Resultate,
+daß manche schlecht sehen. Drei Jahre später ist das schon völliger
+Unsinn. Und zwar liegt hier kein Versehen oder Mißverständnis vor, denn
+er setzt auf mehreren Seiten (54 ff.) auseinander, daß das Schwarzwild
+gut sieht. Früher sah der Hase bei Mondschein gut, was auch meine
+Ansicht ist, da alle schwachsichtigen Tiere in der Nacht wegen ihrer
+großen Pupillen mindestens ebensogut sehen wie der Mensch, der wie die
+Tagvögel und Tagaffen ein Tagseher ist. Jetzt sieht der Hase plötzlich
+auch am Tage gut (S. 46). Dabei handelt es sich um die bekanntesten
+heimischen Tiere. -- Welche Meinung wird er einige Jahre später in
+die Welt als die allein richtige ausposaunen? -- Diese Proben von
+dem »Kritiker« R. dürften wohl genügen, sonst stehe ich mit weiteren
+Mitteilungen zur Verfügung.
+
+Mancher Leser dürfte darüber erstaunt sein, daß ich diese Entgegnung
+nicht früher veröffentlicht habe. Darauf kann ich nur erwidern,
+daß ich Wichtigeres zu tun habe. So habe ich inzwischen eine Reihe
+interessanter Arbeiten veröffentlicht, z. B. die Entstehung der
+Rechtshändigkeit, den Ursprung des Werwolfs- und Gorgonenmythus, die
+Wünschelrute usw. Andere große Arbeiten harren dagegen noch immer der
+Erledigung. So wollte ich bereits seit Jahren ein umfangreiches Werk
+über die Homermythen veröffentlichen, bin jedoch noch immer nicht dazu
+gekommen. Ebenso tut es mir sehr leid, daß eine Menge von Zuschriften
+wegen Zeitmangels noch immer nicht erledigt werden konnte.
+
+Ihre Beantwortung wäre mir um vieles angenehmer gewesen als diese
+Entgegnung, was mir wohl jeder Leser ohne weitere Versicherung glauben
+wird. Nur mit Widerwillen habe ich mich mit einem Gegner befaßt, dessen
+Kampfmethoden ich soeben geschildert habe, der namentlich hin und her
+schwankt und heute etwas für Unsinn erklärt, wofür er vor einiger
+Zeit selbst eingetreten ist. -- Brehm schreibt von der in Südeuropa
+hausenden Blindmaus, also einem Säugetier, einem Nager, der gewiß
+ein scharfes Auge zum Schutze gegen seine Feinde nötig hätte, da er
+sich gern sonnt (Bd. II, S. 399): »Die Augen haben kaum die Größe
+eines Mohnkorns und liegen ~unter der Haut~ verborgen, ~können
+also zum Sehen nicht benutzt werden~.« Hiermit vergleiche man
+R.: »Die Tiere sind überreichlich mit Mitteln und Waffen versehen,
+Schöpfungskrüppel gibt es nicht, die Sinnesorganisation der Tiere ist
+genau dieselbe wie die der Menschen« usw. -- Würde die Bezeichnung
+»Geschwätz« für diese Behauptungen nicht eine große Schmeichelei sein?
+
+
+
+
+ Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!
+
+
+Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir
+
+ alle Naturfreunde
+
+jeden Standes sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._
+ein. -- Außer dem geringen
+
+ _Jahresbeitrag von nur M 4.80_
+
+(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post
+Porto besonders.)
+
+= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied =keinerlei=
+Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende _große Vorteile
+geboten_:
+
+Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren
+Jahresbeitrag im Jahre 1912 =kostenlos=:
+
+ I. =Die Monatschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.= Reich
+ illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes) Preis
+ für Nichtmitglieder M 3.--.
+
+ II. =Die ordentlichen Veröffentlichungen.=
+
+ Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.
+
+ Ch. Gibson-H. Günther, Was ist Elektrizität?
+ Dr. F. Dannemann, Wie unser Weltbild entstand.
+ Dr. K. Floericke, Kriechtiere und Lurche fremder Länder.
+ Prof. Dr. K. Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge.
+ Dr. A. Koelsch, Die Erschaffung der Seele.
+
+ Änderungen vorbehalten.
+
+ III. =Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
+ naturwissenschaftlichen Werken= (siehe Seite 7 des Prospektes).
+
+
+[symbol] ~Jede Buchhandlung~ nimmt Beitrittserklärungen entgegen
+und besorgt die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die
+Geschäftsstelle des Kosmos in Stuttgart.
+
+
+ Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
+ Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.
+
+
+
+
+ Satzung
+
+
+ § 1. Die Gesellschaft Kosmos (eine freie Vereinigung der Naturfreunde
+ auf geschäftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis
+ der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das
+ Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres
+ Volkes verbreiten.
+
+ § 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die
+ Herausgabe eines den Mitgliedern =kostenlos= zur Verfügung
+ gestellten naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch Herausgabe
+ neuer, von hervorragenden Autoren verfaßter, im guten Sinne
+ gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie
+ ihren Mitgliedern =unentgeltlich= oder zu =einem besonders
+ billigen Preise= zugänglich macht, usw.
+
+ § 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden
+ Ausschuß, den Vorstand usw.
+
+ § 4. =Mitglied kann jeder werden=, der sich zu einem
+ Jahresbeitrag von M 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto)
+ verpflichtet. Andere Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung
+ angegeben sind, erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann
+ jederzeit erfolgen; bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der
+ Austritt ist gegebenenfalls bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen,
+ womit alle weiteren Ansprüche an die Gesellschaft erlöschen.
+
+ § 5. Siehe vorige Seite.
+
+ § 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der =Franckh'schen
+ Verlagshandlung, Stuttgart=, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften,
+ Sendungen und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine
+ Buchhandlung Erledigung finden konnten, dahin zu richten.
+
+
+
+
+ Kosmos
+
+ Handweiser für Naturfreunde
+
+Erscheint jährlich zwölfmal -- 2 bis 3 Bogen stark -- und enthält:
+
+
+ =Originalaufsätze= von allgemeinem Interesse aus sämtlichen
+ Gebieten der Naturwissenschaften. Reich illustriert.
+
+ =Regelmäßig orientierende Berichte= über Fortschritte und neue
+ Forschungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.
+
+ =Auskunftsstelle -- Interessante kleine Mitteilungen.=
+
+ =Mitteilungen über Naturbeobachtungen=, Vorschläge und Anfragen
+ aus dem Leserkreise.
+
+ =Bibliographische Notizen= über bemerkenswerte neue Erscheinungen
+ der deutschen naturwissenschaftlichen Literatur.
+
+
+
+
+Dem »Handweiser« werden kostenlos beigegeben die illustr. Beiblätter:
+
+Wandern und Reisen ▪▪ Aus Wald und Heide ▪▪ Photographie und
+Naturwissenschaft ▪▪ Technik und Naturwissenschaft ▪▪ Haus, Garten und
+Feld ▪▪ Die Natur in der Kunst ▪▪ Lesefrüchte.
+
+Der »Kosmos« allein kostet für Nichtmitglieder jährlich M 3.--.
+
+Probehefte durch jede Buchhandlung oder direkt.
+
+
+Im Jahre 1912 erhalten die Mitglieder außer der reichhaltigen
+Vereinszeitschrift (jährlich 12 umfangreiche, reich illustr. Hefte) die
+folgenden ordentlichen Veröffentlichungen kostenfrei:
+
+
+ Wie unser Weltbild entstand
+
+Eine Geschichte der Anschauungen über den Bau des Weltalls vom Altertum
+bis zur Gegenwart.
+
+ Von =Dr. F. Dannemann=
+
+ Mit zahlreichen Abbildungen.
+
+Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen
+gebunden M 1.80.
+
+Im Wandel des Weltbildes, also des Bildes, das sich die Völker,
+das sich die einzelnen Menschen vom Weltall machten, spiegelt sich
+die Geschichte der Menschheit selber wieder. Dannemann rollt diese
+Geschichte in scharf ineinandergreifenden Bildern in seinem Bändchen
+vor uns auf. Wir hören von den Anfängen der Wissenschaft bei Chaldäern
+und Ägyptern, stehen mit ihnen im heißen Wüstensand und starren empor
+zu den ewigen funkelnden Sternen. Die Astrologen wollen uns ihre
+Wunder glauben machen, aber die kühle Wissenschaft der Griechen jagt
+die Nebel von dannen, und wir sehen hier bereits Spuren der späteren
+reifen Erkenntnis auftauchen, die allerdings die Nebel der Zeit doch
+wieder verhüllen. Nieder geht die Wissenschaft im alten Rom und dann
+kommt das Mittelalter mit seinem tiefen Geistesschlaf, aus dem nur
+einzelne Gipfel, in lichter Morgensonne leuchtend, ragen. Giordano
+Bruno, der Dominikanermönch, schleudert mit mächtigem Schwunge die
+Sonne als Stern unter Sternen hinaus in den eisigen Raum. Er büßt
+auf dem Scheiterhaufen seine Verwegenheit, aber die Vielheit der
+Welten ist einmal ausgesprochen und damit die Sonderstellung der Erde
+erschüttert. Dann sitzt Galilei droben auf seiner Sternwarte und sieht
+die Monde des Jupiter leuchten und schwingen, und er erkennt die Erde
+als Sonnentrabant. +Eppur si muove+ -- und sie bewegt sich doch
+-- so klingt das so bezeichnende, ihm zugeschriebene Wort, mit dem
+er seine Hoffnungen begräbt, hinaus in die Weite. Dann aber kommen
+Kepler, Kopernikus und Newton und mit ihnen die reine Mathematik, die
+strenge Rechnerin, die ihre Netze über das All wirft, einzufangen und
+zu berechnen, und so zu beweisen, was Denken und Forschen uns verriet.
+Von da ab geht's aufwärts und immer aufwärts. Licht über Licht flutet
+auf uns herein, und am Schluß stehen wir stolz vor dem Erreichten
+und demütig vor dem Unerforschlichen, das wir mit Goethes Wort ruhig
+verehren.
+
+
+
+
+ Was ist Elektrizität?
+
+ Die Naturgeschichte eines Elektrons
+
+ von Charles Gibson
+
+
+ Nach dem Englischen frei bearbeitet von =Hanns Günther=
+
+ Mit zahlreichen Abbildungen
+
+Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinwand
+gebunden M 1.80
+
+ [Illustration]
+
+Was ist Elektrizität? Eine inhaltschwere Frage liegt in diesem Titel,
+eine Frage, an deren Lösung Jahrhunderte vergeblich gerätselt haben,
+weil sie den Forschern immer wieder unter der Hand entglitt. Das
+letzte Jahrzehnt, das beginnende 20. Jahrhundert erst hat die dunkle
+Pforte soweit erschlossen, daß wir langsam Licht zu sehen beginnen,
+wo vorher tiefer schwarzer Schatten war. Nach der heute geltenden
+Theorie erscheint uns Elektrizität als das wechselvolle Spiel winzig
+kleiner Teilchen, die man Elektronen nennt. Wie man sie fand, wie man
+ihr Wesen erkannte, wie sie schaffen und wirken, um uns zu dienen und
+zu helfen, das alles erzählt uns dieses kleine Bändchen -- läßt es uns
+erzählen von einem Elektron selber, das aus der Schar seiner Genossen
+erwählt ward, uns sichere Kunde zu bringen von jenem neuen großen
+Reich. Die ganzen Wunder der Elektrik wachsen hier langsam vor unseren
+Augen empor; erst groß und mächtig und überwältigend, daß wir sie kaum
+erfassen können. Und dann plötzlich vertraut und verständlich, weil wir
+hinter ihre Ursachen sehen. Es ist ein Buch, das Gegenstücke hat in der
+Geschichte der Physik, ~aber es hat keine Vorläufer~, und darum
+wird es jedem Neues und Gutes bringen.
+
+
+
+
+ Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge
+
+Anfänge und Urformen der menschlichen Wirtschaft u. Organisation
+
+ Von =Dr. Karl Weule=
+
+ Direktor des Museums für Völkerkunde und
+ :: Professor an der Universität zu Leipzig ::
+
+ Mit zahlreichen Abbildungen
+
+ Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen
+ gebunden M 1.80
+
+Der »Kultur der Kulturlosen« und den »Kulturelementen« läßt
+der bekannte Ethnolog in diesem dritten Bändchen seiner Serie
+die Schilderung der Anfänge des menschlichen Wirtschafts- und
+Gesellschaftslebens folgen. Auch hier führt er uns aus dem
+Völkerleben der Vergangenheit und der Gegenwart eine solche Fülle
+der eigenartigsten und interessantesten Erscheinungen vor, daß es,
+wie immer, eine wahre Freude ist, unter der lebendigen Führung des
+Gelehrten zu sehen, nein zu erleben, wie der Primitive sich seinen
+Lebensunterhalt erkämpft, wie er anderseits des Lebens Annehmlichkeiten
+nach seiner Weise genießt, wie er fast überall zu einem wirklichen
+Handelsverkehr emporsteigt, zu dessen leichterer Abwicklung er sogar
+die seltsamsten Geldsorten erfindet, und wie er endlich den Raum durch
+bestimmte Verkehrsmittel zu besiegen gewußt hat. Noch fesselnder
+sind die Ausblicke auf die so vielumstrittenen Ausgangsformen der
+menschlichen Gesellschaft und deren Weiterbildung.
+
+
+
+
+ Kriechtiere und Lurche fremder Länder
+
+ Von =Dr. Kurt Floericke=
+
+ Mit zahlreichen Abbildungen
+
+ [Illustration]
+
+Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen
+gebunden M 1.80
+
+Die Kenntnis weniger Tierklassen hat in den letzten beiden Jahrzehnten
+so überraschende Fortschritte gemacht, wie diejenige der Kriechtiere
+und Lurche, wozu nicht nur die Erschließung fremder Länder, sondern
+namentlich auch das Erwachen und die überraschende Erstarkung der
+Terrarienliebhaberei beigetragen hat. In der Tat ist ja auch die
+bunte Fülle merkwürdiger oft geradezu abenteuerlich gestalteter
+Formen im Reich der Kaltblütler ganz dazu angetan, das Interesse des
+denkenden Naturfreundes in hohem Grade zu erregen. Dazu kommen noch die
+absonderlichen Lebensgewohnheiten dieser Tiere, die sich namentlich bei
+der Sorge für ihre Nachkommenschaft oft in ganz überraschender Weise
+äußern. Die »Kosmos«-Mitglieder werden es daher mit Freuden begrüßen,
+nunmehr auch über diese Tiergruppe aus der bewährten Feder Floerickes
+eine alle wichtigen Punkte umfassende und die interessantesten
+plastisch herausarbeitende Darstellung zu erhalten.
+
+
+
+
+ Die Erschaffung der Seele
+
+ von =Dr. Adolf Koelsch=
+
+ Mit zahlreichen Abbildungen
+
+Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.-- In Leinen
+gebunden M 1.80
+
+Das lebende Wesen unterscheidet sich durch nichts so deutlich vom
+toten unbelebten Stoff als durch die Fähigkeit, sich Eindrücke und
+Erfahrungen einzuverleiben und so Empfindung und Gedächtnis, ~eine
+Seele~ entstehen zu lassen. Alle die vielen Einflüsse, die die
+Umwelt in jedem Augenblick auf uns ausübt, gehen nicht verloren --
+sie wirken in allem Lebendigen weiter, und nicht nur im einzelnen
+Wesen, sondern in der langen Kette seiner Nachkommen. Dieses Tiefste
+und Wunderbarste, ~die Erschaffung der Seele~ will das Büchlein
+in klarer, einfacher Weise vorführen, gestützt auf ein reiches
+Erfahrungsmaterial und zahllose Experimente. ~Das Geheimnis der
+empfindenden Seele, die langsam erweckt wird und sich entfaltet,
+das Geheimnis der Vererbung~ wird an der Hand zahlreicher
+experimenteller Untersuchungen gezeigt.
+
+
+Die Naturwissenschaft fördert die Fähigkeit des Menschen, das Leben zu
+behaupten und sich Lebensgüter zu verschaffen!
+
+
+
+
+Die Mitglieder des ~Kosmos~ haben bekanntlich nach Paragraph 5 III
+das Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern
+angebotenen Bücher zu ~einem Ausnahmepreis~ zu beziehen. Es
+befinden sich u. a. darunter folgende Werke:
+
+
+ +--------+--------
+ |Preis f.|Mit-
+ |Nicht- |glieder-
+ |mitgl. |preis
+ +--------+--------
+ | M | M
+ Altpeter, ABC der Chemie | 2.40 | 1.--
+ =Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.= Fein gebunden | 1.80 | 1.50
+ =Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d. Niederjagd.= Geb.| 4.50 | 2.90
+ Ewald, Mutter Natur erzählt | 4.80 | 3.60
+ " Der Zweifüßler | 4.80 | 3.60
+ Fabre, J. H., Sternhimmel | 4.80 | 3.60
+ " =Bilder aus der Insektenwelt.= Geb. | 4.50 | 3.40
+ " =Blick ins Käferleben.= Brosch. | 1.-- |--.50
+ =Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.= Gebunden |10.-- | 8.40
+ Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten | 3.60 | 2.80
+ =Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.= Kart. | 4.50 | 1.70
+ =Jahrbuch der Vogelkunde.= II. Jahrgang. 1908 | 2.80 | 2.--
+ =Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.= Brosch. | 1.-- |--.50
+ =Leben der Pflanze.= Bd. I, II, III, IV geb. je |15.-- |13.50
+ =Lindemann, Die Erde.= Bd. I. Gebunden | 9.-- | 8.--
+ =Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.= Geb. | 3.-- | 1.90
+ =Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.= Gebunden |13.60 |12.20
+ =Schrader, Liebesleben der Tiere.= Broschiert | 1.40 | 1.10
+ =Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.= Geb. | 2.50 | 1.85
+ " " =Die Reise ins Bienenland.= Geb. | 3.-- | 1.85
+ =Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.= Geb. | 4.80 | 3.60
+ " =Prärietiere und ihre Schicksale.= Fein gebunden | 4.80 | 3.60
+ " =Tierhelden.= Fein gebunden | 4.80 | 3.60
+ Wandtafeln zur Tierkunde: | |
+ =Reihe I, Reihe II= (mit je 4 Einzelbildern) roh je | 4.50 | 3.50
+ auf Leinwand gezogen je | 7.50 | 5.80
+ " " " u. mit Stäben versehen je | 8.50 | 6.50
+ =Reihe I= Einzelbild 1, 2, 3, 4, | |
+ =Reihe II= Einzelbild 1, 2, 3, 4 | |
+ jedes Bild roh | 1.50 | 1.20
+ " " " auf Leinwd. gez. | 3.-- | 2.20
+ " " " " " " u. mit Stäben | 4.-- |10
+ versehen | |
+ (Ausführliche Prospekte von der Geschäftsstelle.) | |
+ =Wurm, Waldgeheimnisse.= Gebunden | 4.80 | 3.60
+ Monographien unserer Haustiere: Bd. I Schumann, | |
+ Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III | |
+ Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn à | 1.40 | 1.05
+ und zahlreiche andere mehr. | |
+
+
+
+
+ Die ordentlichen Veröffentlichungen
+
+der früheren Jahre stehen neu eintretenden Mitgliedern, solange Vorrat,
+zu Ausnahmepreisen zur Verfügung.
+
+
+[Sidenote:: 1904:]
+
+(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.-- (Preis für Nichtmitglieder
+ M 5.--), geb. für M 6.20 (für Nichtmitglieder M 8.40):
+
+ Bölsche, W., Abstammung des Menschen.
+
+ Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltuntergang.
+
+ Zell, Dr. Th., Ist das Tier unvernünftig? (Doppelband.)
+
+ Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltschöpfung.
+
+
+[Sidenote:: 1905:]
+
+(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.-- (Preis für Nichtmitglieder
+ M 5.--), geb. für M 6.75 (für Nichtmitglieder M 9.--):
+
+ Bölsche, Wilhelm, Stammbaum der Tiere.
+
+ Francé. R. H., Das Sinnesleben der Pflanzen.
+
+ Zell, Dr. Th., Tierfabeln.
+
+ Teichmann, Dr. E., Leben und Tod.
+
+ Meyer Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Sonne und Sterne.
+
+
+[Sidenote:: 1906:]
+
+ ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
+ für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80):
+
+ =Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.= 1906: 12 Hefte (Preis für
+ Nichtmitglieder M 2.80).
+
+ Francé, R. H., Liebesleben der Pflanzen.
+
+ Meyer, Dr. M. Wilh., Rätsel d. Erdpole.
+
+ Zell, Dr. Th., Streifzüge durch d. Tierwelt.
+
+ Bölsche, Wilh., Im Steinkohlenwald.
+
+ Ament, Dr. W., Die Seele des Kindes.
+
+
+[Sidenote:: 1907:]
+
+ ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
+ für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80):
+
+ =Kosmos, Wegweiser für Naturfreunde.= 1907: 12 Hefte (für
+ Nichtmitgl. M 2.80).
+
+ Kuhlmann, Aus der Wunderwelt des Wassertropfens.
+
+ Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
+
+ Meyer, Dr. M. W., Kometen u. Meteore.
+
+ Teichmann, Dr. E., Fortpflanzung und Zeugung.
+
+ Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.
+
+
+[Sidenote:: 1908:]
+
+ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
+für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80):
+
+ Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane.
+
+ Teichmann, Dr. E., Die Vererbung als erhaltende Macht im Flusse
+ organischen Geschehens.
+
+ Sajó, Krieg u. Frieden im Ameisenstaat.
+
+ Dekker, Naturgeschichte des Kindes.
+
+ Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes.
+
+
+[Sidenote:: 1909:]
+
+ ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
+ für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80):
+
+ Unruh, Leben mit Tieren.
+
+ Meyer, Dr. M. Wilh., Der Mond.
+
+ Sajó, Prof. K., Die Honigbiene.
+
+ Floericke, Dr. K., Kriechtiere und Lurche Deutschlands.
+
+ Bölsche, Wilh., Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium.
+
+
+[Sidenote:: 1910:]
+
+ ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
+ für M 7.55[A] (für Nichtmitglieder M 11.80):
+
+ Koelsch, Von Pflanzen zwischen Dorf und Trift.
+
+ Dekker, Fühlen und Hören.
+
+ Meyer, Welt der Planeten.
+
+ Floericke, Säugetiere fremder Länder.
+
+ Weule, Kultur der Kulturlosen.
+
+
+[Sidenote:: 1911:]
+
+ ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
+ für M 7.55[2] (für Nichtmitglieder M 11.80):
+
+ Koelsch, Durch Heide und Moor.
+
+ Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
+
+ Weule, Kulturelemente der Menschheit.
+
+ Floericke, Vögel fremder Länder.
+
+ Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit.
+
+
+Die sämtlichen noch vorhandenen Jahrgänge der Kosmos-Veröffentlichungen
+(s. obige Zusammenstellung) liefern wir an Mitglieder:
+
+ geheftet für M 31.50 (Preis für Nichtmitglieder M 56.80)
+ gebunden
+ (auch Handweiser) " " 52.50 ( " " " " 93.--)
+
+auch gegen kleine monatliche Ratenzahlungen.
+
+
+FOOTNOTES:
+
+[1] Es liegt ein Mißverständnis vor, wenn Schillings (a. a. O. S. 239)
+annimmt, ich behaupte, Giraffen könnten nicht ~riechen~. Sicherlich
+könnten sie ebenso riechen wie der Mensch, aber beide vermögen nicht zu
+~wittern~ wie der Hund und andere Nasentiere.
+
+[2] Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht sich der
+Preis um 85 Pf.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 ***
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+ Straußenpolitik | Project Gutenberg
+ </title>
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+/* Transcriber's notes */
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<p class="s2 p2 center">Straußenpolitik<br>
+<span class="s5">Neue Tierfabeln.</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop3 padbot2 illowe5" id="illu-001">
+ <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s4 center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart.</p>
+<p>Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und
+damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen
+in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. — Dieses Ziel
+glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher
+Literatur zu erreichen mittelst des</p>
+
+<p class="s3 center">Kosmos, Handweiser für Naturfreunde<br>
+<span class="s5">Jährlich zwölf Hefte. Preis M 2.80;</span></p>
+
+<p class="p0">ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
+Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
+erscheinen im Vereinsjahr 1908:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="center"><b>Meyer, Dr. M. Wilh., Erdbeben und Vulkane.</b><br> Reich illustriert. Geb.
+M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p>
+
+<p class="center"><b>Dekker, Dr. Herm., Naturgeschichte des Kindes.</b><br>
+Illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p>
+
+<p class="center"><b>Sajó, Prof. Dr. K., Krieg u. Frieden im Ameisenstaat.</b><br>
+Reich illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p>
+
+<p class="center"><b>Teichmann, Dr. E., Vererbung als erhaltende Macht.</b><br>
+Illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p>
+
+<p class="center"><b>Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes.</b><br>
+Reich illustriert. Geb. M 1.— = K 1.20 h ö. W.</p>
+</div>
+
+<p>Diese Veröffentlichungen sind durch <em class="gesperrt">alle Buchhandlungen</em> zu
+beziehen, daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur
+M 4.80) zum <b>Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde</b> (auch
+nachträglich noch für die Jahre 1904/07 unter den gleichen günstigen
+Bedingungen) entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der
+erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)</p>
+<p class="center">Geschäftsstelle des Kosmos: <b>Franckh'sche Verlagshandlung,
+Stuttgart.</b></p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowp48" id="frontispiece" style="max-width: 40em;">
+ <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt="frontispiece">
+</figure>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title"><b>Straußenpolitik</b></h1>
+<p class="s3 p2 center">Neue Tierfabeln</p>
+<p class="s5 p2 center">von</p>
+<p class="s3 p2 center">Dr. Th. Zell</p>
+ <hr class="r5">
+<p class="p4 center"><em class="gesperrt">Dreizehnte Auflage.</em></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe5" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="p4 center">Stuttgart</p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">Kosmos</em>, Gesellschaft der Naturfreunde<br></p>
+<p class="center"><span class="s5">Geschäftsstelle:</span> Franckh'sche Verlagshandlung.</p>
+</div>
+
+<div class="newpage">
+<p class="p4 center">Max Dethleffs Buchdruckerei.</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Vorwort</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_VII">VII</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Tiergestaltenverbesserer</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_1">&#8201;&nbsp;&nbsp;1</a></td>
+
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Schämen sich manche Tiere?</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_8">&#8201;&nbsp;&nbsp;8</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_15">15</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_20">20</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Die angebliche Nervosität der Tiere</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_27">27</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Gibt es Tiere, die sich spiegeln?</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_33">33</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Tiere als Heuchler</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_46">46</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Verstellungskünste bei Vogeleltern</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_53">53</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Straußenpolitik</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_58">58</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Wittern die Geier Tierleichen?</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_64">64</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Die Schnepfe als angeblicher Mediziner</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_70">70</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Sichtotstellen als Rettungsmittel</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_73">73</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen u. bei Tieren</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_76">76</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Anhang</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_81">81</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_VII">[S. VII]</span></p>
+
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+<p>Zu den vor zwei Jahren erschienenen Tierfabeln soll das vorliegende
+Buch eine Fortsetzung bilden. Was ich dort im Vorwort sagte, gilt
+auch hier: es sind nämlich nicht nur wirkliche Fabeln behandelt
+worden, sondern auch solche Fälle, deren Unwahrheit noch nicht völlig
+ausgemacht ist.</p>
+
+<p>Ich hoffe, daß auch die vorliegende Arbeit dazu beiträgt, weiteren
+Kreisen Interesse für die meist so verkannte Tierwelt einzuflößen.</p>
+
+<p>Wegen der Zuschriften und Kritiken verweise ich auf den Anhang.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><em class="gesperrt">Berlin</em> <span class="antiqua">W.</span> 57, Ende Februar 1907.</p>
+
+<p class="s4 right"><b>Der Verfasser.</b></p><br>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<h2>Tiergestaltenverbesserer.</h2>
+
+<p>Obwohl jeder, der sich eingehend mit dem beschäftigt, was die uns
+umgebende Natur an Tieren und Pflanzen geschaffen hat, m. E. beinahe
+täglich einen neuen Grund zu größerer Bewunderung findet, so fehlt
+es nicht an Leuten, die einen ganz entgegengesetzten Standpunkt
+einnehmen. Fast mit einer gewissen Geringschätzung sprechen sie von
+den geschaffenen Gebilden, die deutlich durchblicken läßt, sie selber
+hätten die Sache viel zweckmäßiger gestaltet. Namentlich zwei Tiere
+sind wegen ihrer angeblichen Unzweckmäßigkeit kritisiert worden, das
+Nilpferd und die Giraffe. Da ich nirgends gelesen habe, daß diesen
+tadelnden Urteilen widersprochen wäre, so sei es in nachstehendem
+gestattet, den Beweis zu liefern, daß die Sache sich denn doch nicht so
+einfach verhält, wie die gelehrten Herren Kritiker vermeinen.</p>
+
+<p>Ich halte es nämlich für einen der verhängnisvollsten Irrtümer, der
+Natur ins Handwerk pfuschen zu wollen.</p>
+
+<p>Über das Nilpferd schreibt ein berühmter Philosophieprofessor
+(<em class="gesperrt">Lotze</em>, im Mikrokosmus, 2. Aufl. Bd. 2 S. 77): Wir bewundern
+die entsetzliche Stärke des Nilpferdes, aber in der Tat ist dies mehr
+eine zerstörende als eine arbeitende, und wir würden in Verlegenheit
+geraten, wenn wir entsprechend große Vorteile nachweisen sollten,
+die dieses schwierig verwendbare Kapital dem Tiere selbst in seinen
+natürlichen Lebensverhältnissen verschaffte.</p>
+
+<p>Hierauf ist folgendes zu erwidern. Wenn der Hippopotamus nach dem
+Wunsche des Herrn Professors klein und zierlich gestaltet wäre, so
+existierte kein einziges Exemplar heute mehr. Ob das ausgewachsene
+Tier in seiner jetzigen Gestalt unter den Raubtieren Feinde hat,
+darüber streiten die Afrikareisenden. <em class="gesperrt">Brehm</em> und andere
+verweisen die Kämpfe zwischen Löwen und Flußpferden in das Reich
+der Fabel, <em class="gesperrt">Bronsart von Schellendorf</em> will selbst ein totes
+gesehen haben, das Wunden aufwies, die ihm ein Leopard, also ein viel
+kleineres Raubtier als der Löwe, zugefügt hatte. Für die Ansicht<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span>
+<em class="gesperrt">Bronsarts</em> spricht der Umstand, daß die Nilpferde hauptsächlich
+in der Nacht ihr heimisches Element verlassen und weiden gehen, ferner
+daß die Eingeborenen versichern, es geschehe das aus Furcht vor einem
+Überfalle durch Löwen und Leoparden. Allerdings könnte man wieder
+einwenden, daß die beiden genannten Raubtiere mit Vorliebe in der Nacht
+auf Raub ausgehen, doch scheint ein Anschleichen bei der nächtlichen
+Stille schwieriger als am Tage zu sein. Überdies soll der Löwe zu
+dieser Zeit sein Kommen regelmäßig durch Brüllen anzeigen.</p>
+
+<p>Wir können die Sache hier auf sich beruhen lassen, jedenfalls kann
+nicht der geringste Zweifel bestehen, daß der junge Hippopotamus ohne
+den Schutz der Mutter unfehlbar ein Opfer von großen Raubtieren, auch
+von wilden Hunden usw. werden würde. Aber selbst in seinem heimischen
+Element, wohin er sonst flüchten könnte, wäre er seines Lebens nicht
+sicher, denn ein junges Nilpferd würde allein in Kürze ein Opfer eines
+Krokodils werden. Dasselbe Schicksal würde ein ausgewachsenes Nilpferd
+erleiden, wenn es, wie der Kritiker wünscht, nur klein und zierlich
+wäre.</p>
+
+<p>Sieht man von diesen Feinden ab, so kommt noch ein anderer Umstand
+hinzu, der ein kleines Nilpferd bei seiner Nahrungssuche gefährden
+würde. Bei seinen Weidegängen ebenso wie bei seinen Wanderungen
+nach anderen Flüssen und Seen stößt es in seiner Heimat häufig auf
+undurchdringliches Dickicht. Wäre das Nilpferd etwa von der Größe eines
+Hundes, so wäre es schlimmer daran als ein Mensch, der wenigstens
+mit Werkzeugen sich mühsam einen Weg bahnen kann. Gerade aber durch
+die Wucht ihres kolossalen Leibes können Elefanten, Nashörner,
+Kafferbüffel und ebenso auch unsere Nilpferde schnurgerade Wege oder
+Tunnels durch das dichteste Gestrüpp brechen. Dadurch werden sie zu
+Wohltätern für die Menschen, indem diese ihre Straßen gern benutzen.
+Die Afrikareisenden, namentlich v. <em class="gesperrt">Wißmann</em>, heben diesen Umstand
+besonders hervor.</p>
+
+<p>Ich glaube hiernach bewiesen zu haben, daß es vorläufig doch besser
+ist, wir überlassen die Schöpfung der Flußpferde der Natur und nicht
+unseren Gelehrten.</p>
+
+<p>Auch den Elefanten hielt derselbe Professor für zu groß, doch brauchen
+wir hierauf nicht näher einzugehen,<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> da alles, was vom Nilpferd gesagt
+ist, auch für das Rüsseltier zutrifft.</p>
+
+<p>Was die Giraffe betrifft, so hat ein Kritiker (<em class="gesperrt">Wolfgang
+Kirchbach</em>, im Zeitgeist 1902, Nr. 24) folgendes an ihr auszusetzen
+gehabt. Er betrachtete nämlich mit seinem Freunde die beiden Giraffen
+im Berliner Zoologischen Garten und sah, wie diese Tiere Heu fraßen,
+ferner, daß sie die Beine grätschen müssen, um frisches Gras vom Boden
+aufzunehmen. Er folgerte hieraus, daß der Hals dieser Tiere nicht zu
+lang, sondern vielmehr die Beine zu hoch geraten seien, oder daß der
+Rücken zu kurz sei. Indem er die Anpassungstheorie verwirft, setzt er
+seinem Freunde seine Theorie über die Giraffe auseinander, von der ich
+die markantesten Stellen in nachstehendem anführe. »Sie sehen, daß
+jedes Tier, Pferd, Ochse, Esel, alle vierfüßig laufenden Tiere zunächst
+so organisiert sind, daß sie mit dem Maul die Erde unter sich und mit
+ihren schlanken Affenhänden, Elefantenrüsseln und anderen Gliedmaßen
+auch Nahrung bis zu einer gewissen Höhe über sich erlangen können.
+Klettertiere wie Eichhörnchen und Affen kommen in diesem Verhältnis
+am höchsten. Unter ihnen zeichnen sich die Einhufer und Zweihufer
+durch Hälse aus, die so lang sind, daß sie trotz einer beträchtlichen
+Höhe des Rückgrats vom Boden doch auch, ohne die stehende Stellung,
+den Wandergang zu verlassen, den Boden abweiden können. Ein ganz
+bestimmtes Verhältnis der Halslänge zur Höhe der Vorderbeine und
+bis an die Schlüsselbeine ergibt sich daraus. So ist das Pferd zwar
+langhalsig, aber sein Hals ist nicht zu lang, sondern gerade lang
+genug, um den Boden zum Abweiden mit dem Maule zu erreichen; eine große
+Bequemlichkeit für diese Weidetiere, daß sie nicht erst niederzuknieen
+brauchen und mitten im Weiden, ohne zeitraubendes Aufspringen, auch
+gleich weiterlaufen können. Nun betrachten Sie die Giraffe! Ihr Hals
+ist eher etwas zu kurz geraten im Verhältnis zu ihren hohen Beinen, und
+wenn wir etwas an ihr zu lang fänden, so müßten wir uns zuerst fragen:
+Warum sind diese Beine so lang? Bei genauerer Betrachtung stellt
+sich heraus, daß der Giraffenhals im Verhältnis zur Größe des ganzen
+Tieres durchaus nur der Länge eines Pferdehalses entspricht. Soweit
+er, nach unten gebogen, zu kurz scheint, ist in<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> Erwägung zu ziehen,
+daß er gerade lang genug ist, um höher gewachsenes Gras, wie es in den
+Verbreitungsgebieten der Giraffe wächst, bequem zu erreichen. Wenn sie,
+um ganz kurzes Gras zu erreichen, die Beine etwas breit stellen muß, so
+ist das für die Erwerbung anatomischer Eigentümlichkeiten im Kampfe ums
+Dasein ein schlechtes Zeugnis, denn eigentlich müßten ihre Beine dafür
+allmählich durch Anpassung etwas kürzer geworden sein. Das ist ihnen
+aber gar nicht eingefallen.« Weiter heißt es:</p>
+
+<p>»Wie wollen Sie also, mein Herr, behaupten, die Giraffe habe ihren
+allzu langen Hals durch ›Anpassung‹ im <em class="gesperrt">Lamarck-Darwinschen</em>
+Sinne erhalten in Anbetracht der hohen Bäume, während ihr Hals
+einfach zu kurz ist? Und sie frißt ja Gras, mein Herr, es fällt der
+Giraffe gar nicht ein, nur vom Laube zu hoher Bäume zu leben; der
+Kampf um Erhaltung und Nahrung weist sie gar nicht darauf an, das
+Laub von Bäumen abzufressen. Womit ich Ihnen das beweise, mein Herr?
+Eben mit diesen beiden schönen Berliner Giraffen vor uns. Hier in
+diesem Antilopenhaus ist weder die berühmte Palme noch eine <span class="antiqua">Acacia
+giraffae</span> noch sonst ein Baum, den diese Giraffen abweiden, sie
+leben seit Jahren von Heu, Gras und anderen Futterdingen, welche
+in Ermangelung edler Giraffenbäume die Direktion des Zoologischen
+Gartens in hochherziger Weise diesen afrikanischen Persönlichkeiten
+zur Verfügung stellt. Daraus erkennen Sie klar, daß die Blätter
+hoher Bäume, besonders der Akazie, für besagte Giraffen nur eine
+gelegentliche Delikatesse sind, wie für jedes Pferd die Blätter vieler
+Bäume auch. Die Giraffen haben ihre langen Beine und Hälse nicht, weil
+sie genötigt sind, von hohen Bäumen zu fressen, sondern sie fressen
+davon, weil sie zufällig so lange Vorderbeine und Hälse haben, genau
+wie der Elefant mit seinem Rüssel sich auch aus beträchtlicher Höhe die
+schönsten Früchte bricht.«</p>
+
+<p>Diese Deduktion hört sich sehr gelehrt an, basiert aber völlig auf
+Irrtum. Dabei wollen wir die Berechtigung oder Nichtberechtigung der
+Anpassungstheorie an dieser Stelle ganz auf sich beruhen lassen. Dem
+Kritiker genügt es, daß er Giraffen Heu fressen sieht, und sofort
+steht es für ihn fest, daß Baumlaub nur Leckerbissen für<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> sie sind.
+Jeder Tierbeobachter weiß, daß sich Tiere in der Gefangenschaft
+an Dinge gewöhnen, deren ausschließlicher Genuß auf die Dauer
+ihren Tod herbeiführt. Gefangene Gemsen fressen ebenfalls unser
+gewöhnliches Gras, gehen dafür aber auch bald ein, weil ihnen die
+trockenen Alpenkräuter fehlen. Ausführlich hat sich über diesen Punkt
+<em class="gesperrt">Girtanner</em> ausgesprochen (Der Zoologische Garten, Bd. 21, S. 1)
+und nachgewiesen, daß nur die unzweckmäßige Ernährung die Schuld daran
+trägt, wenn gefangene Gemsen so bald eingehen. Reicht man dagegen
+unserer europäischen Antilope Wildheu und namentlich Baumlaub, so kann
+man sie jahrelang in vorzüglichem Zustande erhalten. Es heißt bei ihm:
+»Für Gemsen in zoologischen Gärten des Tieflandes wäre heutzutage mit
+nicht allzuhohen Spesen Wildheu, wie es die Gemse liebt, in großen
+Quantitäten per Eisenbahn leicht zu verschaffen. Man muß dieses kurze,
+feine, mit seinem starken würzigen Geruch weithin duftende Heu nur
+kennen, um leicht zu begreifen, wie sehr die Gemse, weit von den Bergen
+entfernt, anders danach schnuppert und sich streckt, als nach dem
+schwachen geruchlosen Gewächs der Ebene. — Nur neben dem im Winter als
+Hauptsache verfütterten Heu dürfen ohne Nachteil Küchenabfälle, Kohl,
+Salat, Kartoffelhäute, Rüben usw. und nur in ganz kleinen Quantitäten
+gereicht werden, sind aber bei leichtesten Darmkatarrh-Erscheinungen
+auf längere Zeit zu entziehen. Werden sie hingegen, wie oft zu sehen,
+der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit halber und gewöhnlich erst noch
+als einzige Abwechselung mit dem schädlichen, besonders jungen Gras
+gebraucht, so geht die Gemse den Weg alles Fleisches, nachdem zuerst
+das Fleisch in erstaunlich kurzer Zeit von der Gemse gegangen ist.«</p>
+
+<p>Kühe kann man mit Fischen füttern, wir hatten einen Hund, der Obst fraß
+usw. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die Rinder Fleischfresser
+und die Hunde Vegetarier sind. Daß es in zoologischen Gärten so wenige
+Giraffen gibt, liegt nicht bloß an der Seltenheit der Tiere, sondern
+vornehmlich daran, daß gerade die Nahrung zu wünschen übrig läßt.</p>
+
+<p>Wir haben noch ein anderes und zwar heimisches Tier, das ebenfalls
+Baumzweige und Blätter frißt, ich meine das Elentier. Obwohl es bei
+uns noch in Ostpreußen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> vorkommt, können sich gewiß nur wenige Leser
+entsinnen, jemals in einem zoologischen Garten ein Exemplar dieses
+Tieres gesehen zu haben. Hören wir, welchen Grund <em class="gesperrt">Brehm</em>, der
+doch gewiß eine unbestrittene Autorität auf diesem Gebiete ist,
+hierüber sagt: »Leider ertragen die nach Europa gebrachten Giraffen
+die Gefangenschaft nur bei bester Pflege längere Zeit. Die meisten
+gehen an einem eigentümlichen Knochenleiden zugrunde, welches man
+›Giraffenkrankheit‹ genannt hat. Ursachen der letzteren dürften Mangel
+an Bewegung und ungeeignete Nahrung sein. Nach den Erfahrungen, welche
+ich an Elchen gemacht habe, glaube ich, daß namentlich Gerbsäure dem
+Giraffenfutter zugesetzt werden muß, um ihr Wohlbefinden zu fördern;
+denn gerade die Mimosenblätter sind besonders reich an diesem Stoffe.«</p>
+
+<p>Baumlaub ist also für die Giraffen kein Leckerbissen, sondern etwas
+Unentbehrliches. Schillings hat bei seinen zahlreichen Beobachtungen
+überhaupt niemals gesehen, daß die Giraffe freiwillig Gras frißt. (Mit
+Blitzlicht und Büchse S. 231.)</p>
+
+<p>Zur Erreichung des auf dem Baume wachsenden Futters braucht die Giraffe
+ihren langen Hals und hohe Beine. — Ja, wäre es denn nun nicht besser,
+die Giraffe hätte kürzere Beine oder einen längeren Rücken, damit sie,
+ohne die Beine zu grätschen, bequem wie ein Pferd oder ein Rind grasen
+könnte? Darauf kann man nur mit einem entschiedenen Nein antworten.</p>
+
+<p>Angenommen, die Giraffe könnte bequem grasen und Baumlaub wäre für ihre
+Gesundheit nicht notwendig — was ja leicht denkbar wäre — so ergäben
+sich folgende Konsequenzen.</p>
+
+<p>In ihrer Heimat gibt es zahllose Antilopen-, Zebra-, Straußenherden,
+die alle auf Grasnahrung angewiesen sind. Grasten die Giraffen, so
+würden sie natürlich den Tieren, die Baumlaub nicht erreichen können,
+vielfach die unentbehrliche Nahrung fortfressen.</p>
+
+<p>Ferner sei folgendes bemerkt: Die Giraffe ist eines der größten Tiere
+und wird von ihren Feinden, namentlich von Menschen und Löwen, schon
+aus weitester Ferne gesehen. Besonders würde das der Fall sein, wenn
+sie auf freier Ebene graste. Die Bäume dagegen gewähren ihr einen
+Schutz, der nicht hoch genug anzuschlagen ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<p>Wir wollen über diesen Punkt <em class="gesperrt">v. Wißmanns</em> Ansicht hören. In
+seinen afrikanischen Jagderlebnissen heißt es: Diesmal traf ich das
+wundervolle Wild in einem lichten Hochwald, der aus Bäumen bestand, die
+ich noch nicht gesehen hatte — ganz helle, ebenfalls fleckige Stämme,
+die der Giraffe durch gleiche Färbung denselben Schutz gewähren wie
+Mimosenwälder.</p>
+
+<p>Ferner kommt folgendes in Betracht.</p>
+
+<p>In die weiten wasserarmen Wildnisse, welche die Giraffe bevorzugt,
+kommen Europäer äußerst selten, und diese Gelände sind nicht offene,
+weit übersichtliche Steppen, sondern lichte, weite, meist aus Akazien
+bestehende Wälder, die der Giraffe Äsung bieten und die sie dem Auge
+verbergen. Es gehört schon Übung dazu, sie zwischen den gefleckten
+Akazienstämmen und anderen, meist hell gefärbten Bäumen herauszufinden,
+wenn sie sich nicht bewegt.</p>
+
+<p>Schließlich noch eins. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?«
+habe ich ausführlich dargetan, daß alle Geschöpfe mit guten Augen
+— wie auch der Mensch — nicht wittern können, also z. B. Affen,
+Vögel, daß umgekehrt alle feinnasigen Tiere wie Hunde, Hirsche usw.
+schlecht sehen können. Die Giraffe gehört zu der ersten Klasse; wie
+schon ihr wundervolles Auge anzeigt, kann sie ausgezeichnet sehen,
+vermag aber nicht zu wittern.<a id="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Das kann man z. B. daraus deutlich
+erkennen, daß sie Damen die künstlichen Blumen vom Hute genommen hat,
+was kein feinnasiges Tier jemals tun würde. Jetzt, wo es nach dem
+Wunsche der Natur geht, holt sie ihr Futter von hohen Bäumen und hat
+während des Fressens von ihrer turmartigen Höhe einen unendlich weiten
+Gesichtskreis. Ginge es nach dem Herrn Kritiker, so weidete sie, hätte
+ihren Kopf zur Erde geneigt und könnte naturgemäß unendlich leichter
+beschlichen werden.</p>
+
+<p>Auch hier wollen wir uns auf <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> berufen. Er sagt darüber
+folgendes: Schwierig ist die Jagd auf dieses Wild, denn die enorme
+Höhe des Lichtes über dem Boden erlaubt ihm nicht nur einen weiten
+Umblick, sondern auch Einblick in niedrige Dickungen, die sein Feind<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+zum Anschleichen benutzt. — Das Auge ist nicht allein der schönste
+Schmuck der Giraffe, sondern auch ihr schärfster Sinn, ihre beste Waffe
+im Kampfe ums Dasein.</p>
+
+<p>Also vorläufig wollen wir Nilpferde und Giraffen lieber so lassen, wie
+sie geschaffen sind, und sie nicht nach den Wünschen mehr oder weniger
+gelehrter Kritiker ummodeln.</p>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">[1]</a> Es liegt ein Mißverständnis vor, wenn Schillings (a. a. O.
+S. 239) annimmt, ich behaupte, Giraffen könnten nicht <em class="gesperrt">riechen</em>.
+Sicherlich könnten sie ebenso riechen wie der Mensch, aber beide
+vermögen nicht zu <em class="gesperrt">wittern</em> wie der Hund und andere Nasentiere.</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Schamen_sich_manche_Tiere">Schämen sich manche Tiere?</h2>
+</div>
+
+<p>Die meisten Menschen werden die Frage, ob Tiere sich schämen können,
+entschieden bejahen. Sie werden darauf hinweisen, daß bei Jägern, die
+doch in gewissem Sinne die besten Hundekenner sind, die wenigstens am
+meisten Gelegenheit haben, die Seele dieses anhänglichen Vierfüßlers zu
+beobachten, Redensarten wie: »Pfui, Hekter, schämst du dich gar nicht!«
+etwas ganz Alltägliches sind. Auch <em class="gesperrt">Darwin</em> und <em class="gesperrt">Perty</em>
+nehmen an, daß hochentwickelte Tiere Scham besitzen. Trotzdem will es
+mir scheinen, daß diese Annahme auf sehr schwachen Füßen steht, und ich
+möchte in nachstehendem meine Ansicht näher begründen.</p>
+
+<p>Zunächst ist es einleuchtend, daß man Scham nicht mit Schuldbewußtsein
+verwechseln darf. Daß das letztgenannte hochentwickelte Tiere besitzen,
+davon bin ich überzeugt, und ich werde dafür später einige Beispiele
+anführen. Ein Verbrecher kann sehr wohl wissen, daß er Unrecht begeht,
+braucht sich deswegen aber noch lange nicht zu schämen. Ebenso ist
+Ärger und Scham zweierlei; es ist ärgerlich, wenn man als armer Teufel
+geboren ist, aber man braucht sich dessen nicht zu schämen. Wenn man
+es trotzdem tut, so liegt falsche Scham vor, denn Voraussetzung einer
+jeden wahren Scham ist immer der Gedanke, daß man es anders oder
+besser hätte machen oder unterlassen können. In meinem Buche: »Ist das
+Tier unvernünftig?« habe ich darauf hingewiesen, daß wir den Tieren
+kein Gefühl unterschieben sollen, das wir nicht bei Naturvölkern
+und Kindern antreffen. Nun ist es sicherlich bei den Naturvölkern
+recht zweifelhaft, ob der Begriff der Scham in unserem Sinne bei
+ihnen vorhanden ist. Kinder lernen jedenfalls das wirkliche Schämen
+verhältnismäßig spät, weil es etwas künstlich Anerzogenes ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<p>Wenn mein Hund gegen das Verbot auf dem Sofa gelegen oder genascht hat,
+und ich rufe ihm zu: »Aber pfui, was hast du getan?« so gewährt er das
+bekannte Bild, daß er sich furchtsam niederkauert und, mit dem Schwanze
+wedelnd, mich bittend ansieht. Ist das nun Scham, oder ist es Angst vor
+Schlägen? Das letzte ist zunächst das Wahrscheinliche.</p>
+
+<p>Ähnliche Fälle sind folgende. Hunde, z. B. Pudel, denen der hintere
+Teil des Körpers geschoren ist, pflegen diese Partie gern zu
+verstecken. Es heißt dann allgemein: Seht, wie der Hund sich schämt!
+In Wirklichkeit dürfte der Hund frieren und sich vor Kälte zu schützen
+suchen.</p>
+
+<p>Bekannt ist es ferner, daß Hirsche, die ihr Geweih abgeworfen haben,
+sich selten sehen lassen, sich vielmehr im dichtesten Gestrüpp
+aufhalten. Viele nehmen auch hier an, der König der Wälder schäme sich,
+sich ohne seine Krone in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viel näher und
+begründeter ist die Ansicht, daß das Tier sich infolge seiner geringen
+Wehrhaftigkeit nicht so sicher fühlt wie sonst und deshalb Verstecke
+bevorzugt.</p>
+
+<p>Für die Annahme, daß Tiere sich schämen, werden mit Vorliebe gewisse
+Handlungsweisen der großen Raubtierarten, insbesondere der Löwen
+angeführt. Es ist in unzähligen Fällen beobachtet worden, daß speziell
+die Katzenarten nach einem Fehlsprunge das beschlichene Wild nicht
+weiter verfolgen. Auch hier war man mit dem Urteile schnell bei der
+Hand. Der König der Tiere schämt sich, daß er den Sprung nicht richtig
+bemessen hat. Auch in diesem Falle liegt ein großer Irrtum vor, wie
+sich aus dem folgenden ergeben wird. Ich habe in meinem Buche eingehend
+dargetan, daß man zwischen Lauf- und Schleichraubtieren unterscheiden
+muß. Zu den erstgenannten gehören die Hundearten, zu den zweitgenannten
+die Katzen. Die Schleichraubtiere sind fast alle Kletterer, aber keine
+ausdauernden Läufer. Umgekehrt sind die Laufraubtiere vorzügliche
+Läufer, aber keine Kletterer. Der Löwe gehört zu den Katzen, und als
+solcher kann er einen schnellfüßigen Pflanzenfresser durch ausdauerndes
+Laufen nicht einholen. Es wären wohl alle Antilopenarten ausgerottet,
+wenn sie von den großen Katzen nicht nur beschlichen werden könnten,
+sondern — falls sie sich vor einer Überlistung durch ihre Vorsicht
+bewahrt hatten — nicht einmal fähig<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> wären, sich durch die Flucht
+zu retten. Daß der Löwe bei einem Fehlsprunge nur deshalb nicht
+an Verfolgung denkt, weil er nicht so schnellfüßig ist, wie das
+beschlichene Tier, ersieht man daraus, daß er unter Umständen nochmals
+springt. Es kommt nämlich manchmal vor, daß das verfolgte Tier einen
+Weg einschlagen muß, der eine Krümmung aufweist, z. B. weil er durch
+eine gewundene Schlucht führt. Dann schneidet der Löwe die Krümmung ab
+und versucht den Sprung nochmals. Denn durch den kürzeren Weg besteht
+naturgemäß für ihn die Möglichkeit, ein Geschöpf einzuholen, obwohl es
+ihm an Schnelligkeit überlegen ist.</p>
+
+<p>Der ausgezeichnete Tierbeobachter <em class="gesperrt">Loewis</em> erzählt von seinem
+zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem
+Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes:</p>
+
+<p>»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt.
+Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche,
+das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit
+einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein
+Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt.
+Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke
+gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem
+Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen
+Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei
+der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber,
+und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen
+mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf
+welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder
+Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn
+alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind
+untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten
+Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen
+Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in
+jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch
+die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden
+an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.«</p>
+
+<p>Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch
+ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend
+gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei
+nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst
+unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im
+allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut
+ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein
+Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre
+folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine
+Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das
+laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen
+heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung — allerdings
+daneben — und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch
+nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut,
+so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man,
+daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie <em class="gesperrt">Loewis</em>
+berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf
+dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll,
+wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube
+ich nimmermehr.</p>
+
+<p>Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend.
+Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans
+oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr
+bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß
+zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich
+nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie
+Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt.</p>
+
+<p>Ich möchte nur daran erinnern, daß auch Menschen in neuen, ihnen
+ungewohnten Verhältnissen in ähnlicher Weise handeln. So las ich von
+einem deutschen Jäger folgendes Erlebnis aus Südrußland. Er war mit
+seinem Hunde, den er an der Leine führte, auf die Jagd gegangen.
+Unerwartet kamen ihm plötzlich Trappen zu Schuß,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> die sonst wegen
+ihrer Scheuheit schwer zu beschleichen sind. Er legte auf einen Hahn
+an, fehlte ihn jedoch. Ärgerlich über sein Mißgeschick erzählte er
+später seinem Wirt sein Erlebnis. Dieser fragte ihn, warum er denn
+nicht seinen Hund auf die Trappen losgelassen hätte? Der Deutsche
+sah ihn ganz erstaunt an, denn Trappen können bekanntlich, wenn sie
+auch vorher einen Anlauf nehmen müssen, ganz gut fliegen. Sein Wirt
+setzte ihm auseinander, daß bei der herrschenden Witterung — es war
+gerade Rauhreif gefallen — Trappen nicht fliegen können und von einem
+schnellen Hunde leicht eingeholt werden.</p>
+
+<p>Hier hat also der deutsche Jäger genau so wie der Luchs gehandelt.
+Beide waren ärgerlich und verstimmt über ihr Mißgeschick und beide
+dachten nicht daran, daß sie nachträglich noch zu einer Beute gelangen
+konnten, denn in den bisherigen, ihnen bekannten Verhältnissen war eine
+solche Möglichkeit ausgeschlossen.</p>
+
+<p>Wenn ich somit bezweifle, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so
+gehen m. E. diejenigen zu weit, die ihnen das Ehrgefühl und namentlich
+das Schuldbewußtsein absprechen. Ich bin vielmehr davon durchdrungen,
+daß manche hochorganisierten Tiere solches besitzen. Da gewöhnlich das
+Vorhandensein eines Schuldbewußtseins bei Tieren bestritten wird, so
+möchte ich hierfür einige Beispiele anführen.</p>
+
+<p>Der Hund einer meiner Tanten z. B. ist durchaus kein besonders kluges
+Tier, aber ein Schuldbewußtsein kann man ziemlich häufig bei ihm
+feststellen. So soll er sich nicht auf den besten Teppich legen, was
+er mit Vorliebe tut, da er am dichtesten und wärmsten ist. Gewöhnlich
+klimpert er mit seiner Hundemarke und einem Schlüssel, die beide an
+seinem Halsbande hängen, so laut wie ein Schäfchen mit einem Glöckchen,
+schleicht er sich aber zu dem gedachten Teppich, so weiß er so zu
+gehen, daß er nicht das geringste Geräusch erregt.</p>
+
+<p>Noch drastischer sind folgende Fälle. <em class="gesperrt">Milne Edwards</em> erzählt,
+daß ein Haushund, der sehr blutdürstig war und Schafe erwürgte, alle
+Nächte an die Kette gelegt wurde. Er vermochte aber sein Halsband über
+den Kopf abzustreifen, worauf er aufs Feld lief, ein Schaf erwürgte,
+dann aber regelmäßig nach einem Bache lief, um den blutigen Rachen
+abzuwaschen. Hierauf eilte er<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> vor Tagesanbruch auf den Hof zurück, wo
+er mühsam den Kopf durch das Halsband zwängte und dann sich schlafen
+legte, damit man nicht in ihm den Verbrecher entdeckte. — Ein Hund in
+Berlin hatte besondere Neigung, im nahen Garten sein Wesen zu treiben,
+obwohl ihm verboten war, dorthin zu gehen. Er ging oft frühmorgens auf
+einem Umwege durch den Keller dahin; wurde er gerufen, so kam er nicht
+durch die Gartentüre herbei, sondern schlich durch den Keller nach
+seiner Hütte und aus derselben ganz langsam hervor, als wenn er eben
+erst vom Lager aufgestanden wäre.</p>
+
+<p>Selbst Ziegen haben ein sehr feines Gefühl für Recht und Unrecht.
+<em class="gesperrt">Brehm</em> erzählt von den Ziegen seiner Mutter folgendes: Meine
+Mutter hält Ziegen und achtet sie hoch, ist deshalb auch um ihre
+Abwartung sehr besorgt. Sie kann sofort erfahren, ob ihre Pfleglinge
+sich befriedigt fühlen oder nicht; denn sie braucht nur zum Fenster
+heraus zu fragen, so erhält sie die richtige Antwort. Vernehmen
+die Ziegen die Stimme ihrer Gebieterin und fühlen sie irgendwie
+sich vernachlässigt, so schreien sie laut auf, im entgegengesetzten
+Falle schweigen sie still. Genau so benehmen sie sich, falls sie
+unrechtmäßigerweise gezüchtigt werden. Wenn sie einmal in den Garten
+geraten und dort mit ein paar Peitschenhieben von den Blumenbeeten oder
+Obstbäumen weggetrieben werden, vernimmt man keinen Laut von ihnen;
+wenn aber die Magd im Stalle ihnen einen Schlag gibt, schreien sie
+jämmerlich.</p>
+
+<p>Am überzeugendsten aber dürfte der Fall sein, den <em class="gesperrt">Schomburgk</em>
+mitteilt und den <em class="gesperrt">Brehm</em> wiedergibt: In der tierkundlichen
+Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit
+zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfige gehalten. Eines Tages
+griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung
+seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen
+Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für
+die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das
+Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern
+auch eine Schlagader schwer verletzte und dem Manne ein längeres
+Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war,
+verurteilte ich den Schuldigen<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> zum Tode, und früh am folgenden Morgen
+nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich
+muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht
+werden, um Katzen, Ratten usw. zu vertilgen; die Affen haben sich daran
+so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns
+derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfige
+sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig
+auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter
+Eile in den Schlafkäfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und
+Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter
+wurde gebracht: er sah, was er früher nie getan hatte, ruhig zu, daß
+die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte,
+und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfige
+zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte,
+kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem
+Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort
+zu verzehren. Nachdem er zum zweitenmal herausgekommen war, um sich
+ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Tür seines Zufluchtsortes
+rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den
+Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß
+er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Tür
+des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang,
+stürmte er durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu
+entwischen, und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend,
+am ganzen Leibe zitternd, auf den Boden nieder und ergab sich in das
+Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten
+keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach.</p>
+
+<p>Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes
+Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden.</p>
+
+<p>Muß man somit bezweifeln, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so
+kann man ihnen doch nicht gut das Schuldbewußtsein absprechen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Respekt_der_Raubtiere_vor_den_Menschen">Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen.</h2>
+</div>
+
+<p>Von jeher hat es der Mensch geliebt, das an sich seltsame Verhalten
+mancher Tiere dadurch zu erklären, daß er ihnen edelmütige oder
+ähnliche sympathische Beweggründe unterlegte. Beispiele hierfür können
+wir schon bei den Alten ausfindig machen.</p>
+
+<p>So erzählt uns <em class="gesperrt">Plutarch</em>, Herkules habe immer eine große Freude
+gehabt, wenn er bei seinen Unternehmungen einen Geier gesehen, weil er
+die Gerechtigkeit dieses Vogels bewunderte, indem derselbe, obgleich
+von Fleisch lebend, doch kein lebendiges Tier anfällt.</p>
+
+<p>Teilen wir heute etwa noch die Ansicht des alten Helden und halten den
+Geier für einen gerechten Vogel? Gewiß nicht! Wir sind der Meinung, daß
+der Geier wie die Hyäne deshalb Aas fressen, weil es für sie bequemer
+ist. Ferner sind sie beide nicht gewandt und schnell genug, um sich nur
+von lebenden Tieren zu ernähren. Nicht die Gerechtigkeit, sondern das
+<span class="antiqua">Non possumus</span> ist also der wahre Grund.</p>
+
+<p>Ähnlich schreibt <em class="gesperrt">Älian</em>: Der Adler wird oft von Raben gefoppt,
+verachtet sie aber, fliegt hoch durch die Lüfte und überläßt ihnen die
+Tiefe; das tut er nicht aus Furcht, sondern aus eigentümlichem Edelmut.</p>
+
+<p>Auch hier müssen wir zu dieser Erklärung ein großes Fragezeichen
+machen. Der wahre Grund ist vielmehr der, wie schon <em class="gesperrt">Lenz</em> mit
+Recht betont, daß die von Raben, Schwalben, Bachstelzen geneckten
+Raubvögel nicht aus Edelmut forteilen, sondern weil sie wissen, daß da
+keine Beute zu hoffen ist, wo der schreiende Schwarm die übrigen Tiere
+warnt.</p>
+
+<p>Es ist auch nicht Kühnheit der Schwalbe, wie man annimmt, wenn sie mit
+Hohngeschrei die meisten Raubvögel umschwirrt, sondern das Gefühl der
+Sicherheit, schneller als der verspottete Räuber fliegen zu können. Das
+sieht man recht deutlich daran, daß sie ein Angstgeschrei erhebt und
+Reißaus nimmt — zum Beispiel sich in das Schilf stürzt —, sobald der
+Baumfalk sich blicken läßt, weil dieser eben schneller als die Schwalbe
+fliegt.</p>
+
+<p>Edelmut nimmt man auch bei den Edelfalken an, um zu erklären, weshalb
+sich diese eine geschlagene Beute von so elenden Schmarotzern wie
+den Milanen abnehmen<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> lassen. Eine Glucke verteidigt sich gegen den
+Gabelweih — sagt <em class="gesperrt">Naumann</em> — aber der Wanderfalk gibt ihm die
+Beute heraus.</p>
+
+<p>Sollte auch hier wieder der Edelmut nicht nur in unserer Phantasie
+existieren? Dürfte sich die Sache nicht etwas anders verhalten? Daß der
+Wanderfalk keine Beute vom Erdboden nimmt, wissen wir, aber wir nehmen
+mit Recht an, daß er nicht aus Edelmut ein sitzendes Tier verschont,
+sondern wir vermuten ganz richtig, daß er wegen seiner rasenden
+Schnelligkeit Gefahr liefe, zu zerschellen. Deshalb raubt er nur
+fliegende Vögel. Ist doch vor ein paar Jahren selbst in Berlin einem
+Habicht, der doch nicht so schnell fliegt, folgendes passiert: Bei der
+Verfolgung einer wilden Ente stieß er so heftig auf die Herkulesbrücke,
+daß ihn ein Passant mit leichter Mühe fangen konnte.</p>
+
+<p>Bedenkt man nun, daß alle schnellfliegenden Vögel auf dem Boden
+regelmäßig sehr unbeholfen sind — der Mauersegler, dieser
+unübertreffliche Flieger, kann wegen seiner langen Flügel vom Erdboden
+sich kaum erheben —, daß aus diesem Grunde als Sitz stets ein Baum
+oder ein Ort, der das Abfliegen erleichtert, bevorzugt wird, so wird
+die Nachgiebigkeit des Wanderfalken wahrscheinlich ihren Grund darin
+haben, daß er auf der Erde als einem ihm fremden Element große Mühe
+hätte, die Gabelweihe abzuwehren. Deshalb kalkuliert er mit Recht: Bei
+meiner Gewandtheit im Erbeuten ist es praktischer für mich, mir ein
+neues Opfer zu holen, als es auf einen ungewissen Streit ankommen zu
+lassen.</p>
+
+<p>Nach diesen Beispielen möchte ich auf das eigentliche Thema zu sprechen
+kommen und auseinandersetzen, daß ich zwar ohne weiteres zugebe, daß
+die Raubtiere vor dem Menschen Respekt haben, aber nicht recht daran
+glaube, daß der Grund darin liege, weil die Tiere in dem Menschen ein
+höheres Wesen erkennen.</p>
+
+<p>Schon die Alten haben ähnliche Gedanken geäußert. So schreibt
+<em class="gesperrt">Plinius</em> folgendes: Bemerkt der Elefant den Fußtritt eines
+Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert,
+blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht,
+sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem
+nächsten usw., worauf die Herde sich schwenkt und in Schlachtordnung<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>
+aufmarschiert. So soll auch die grimmige Tigerin, die keinem Tiere
+weicht und selbst die Spuren des Elefanten verachtet, ihre Jungen in
+Sicherheit bringen, sobald sie die Spur eines Menschen erblickt. Wie
+erkennen sie die Spuren des Menschen? Wo haben sie ihn je gesehen,
+da jene Wildnisse von ihm so selten betreten werden? Woher wissen
+Elefanten und Tiger, daß der Mensch zu fürchten ist? Sie sind ihm doch
+so weit an Kraft, Größe und Schnelligkeit überlegen! Das ist die große
+Macht des Naturtriebes, daß die größten und wildesten Tiere gleich
+wissen, was sie fürchten müssen, wenn sie es auch nie zuvor gesehen
+haben.</p>
+
+<p>Ähnlich äußert sich <em class="gesperrt">Brehm</em>: Selbst Löwe, Tiger und Jaguar
+fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege;
+nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er
+ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob
+sie dann das Menschenfleisch dem aller übrigen Säugetiere entschieden
+vorzögen.</p>
+
+<p>Speziell vom Löwen schreibt er: Den Menschen greift der Löwe äußerst
+selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht
+einzuflößen. Im Sudan wenigstens, wo er in manchen Gegenden häufig
+auftritt, sind so gut wie keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem
+Löwen gefressen worden wäre.</p>
+
+<p>Die Araber jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen
+ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf
+verscheuchen könne, falls er Mut genug habe, auf ihn loszugehen. Wer
+dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. Zweimal, so sagen sie,
+weiche jeder Löwe dem Manne aus, weil er weiß, daß dieser das Ebenbild
+Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Tier,
+in Demut anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch gegen die Gebote des
+Erhaltenden, welche bestimmen, daß niemand sein Leben tollkühn wage,
+und geht er dem Löwen zum drittenmal entgegen, so muß er sein Leben
+lassen.</p>
+
+<p>Die Araber sind auch der Meinung, daß der Löwe bei seinen Raubzügen
+deshalb vorher brülle, um die Tiere zu warnen. <em class="gesperrt">Brehm</em> meint
+mit Recht, der wahre Grund dürfte der sein, daß er dadurch das Wild
+aufscheuchen, insbesondere das Vieh der Nomaden zum Ausbrechen aus<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> der
+Hürde veranlassen will. Die Begründung der Wüstensöhne hinsichtlich des
+Respekts scheint daher ebenfalls mehr poetisch als zutreffend zu sein.</p>
+
+<p>Hiervon abgesehen, wird aber die Tatsache, daß der Löwe häufig vor dem
+Menschen zurückweicht, doch von zahlreichen glaubwürdigen Beobachtern
+bestätigt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Brehm</em> hält den aufrechten Gang des Menschen für den
+ausschlaggebenden Grund. Aber dieser kann schwerlich deshalb als
+furchterweckend in Betracht kommen, weil es ja vierfüßige Tiere gibt,
+die viel größer als der Mensch sind und trotzdem von Raubtieren
+angegriffen werden, wie zum Beispiel manche Büffelarten. Tiger sind
+auf den Rücken von Elefanten gesprungen und haben von dort Menschen
+heruntergeholt. Das große Kamel ebenso wie die fast achtzehn Fuß
+hohe Giraffe bildet eine bevorzugte Beute des Löwen. Gerade das
+letztgenannte Tier zeigt deutlich die irrige Anschauung, daß die Größe
+imponierend wirkt, denn der Kopf der Giraffe befindet sich etwa zwölf
+Fuß höher als der eines Menschen.</p>
+
+<p>Nur das soll zugegeben werden, daß ein vierfüßiges Tier bequemer am
+Halse gepackt werden kann, als der aufrechtstehende Mensch. Trotzdem
+aber überfällt der Leopard den Strauß, der viel größer als der Mensch
+und ebenfalls nur zweifüßig ist.</p>
+
+<p>Im übrigen richten sich zahlreiche Tiere beim Angriff oder der
+Verteidigung auf und gewähren dann einen weit überwältigenderen Anblick
+als der Mensch, so Hengste, Gorillas usw. Daß sich hierdurch die großen
+Raubtiere von einer Attacke jemals haben abhalten lassen, ist wohl noch
+nicht behauptet worden.</p>
+
+<p>Dagegen steht fest, daß die sogenannten Menschenfresser fast
+ausnahmslos Raubtiere mit schlechten Zähnen sind, nicht mehr imstande,
+ihre sonstige Nahrung, nämlich das flüchtige Wild, Wildschweine und
+Affen, zu erbeuten. Not kennt kein Gebot; ein Raubtier, das nur die
+Wahl hat, zu verhungern oder Menschen anzufallen, wird unzweifelhaft
+das letztere tun.</p>
+
+<p>Warum tut es das nun nicht auch in der Blüte seiner Jahre? Ich meine,
+die unglückselige Vorstellung von der »Tapferkeit« der Raubtiere ist
+schuld daran, daß wir uns darüber wundern. Man vergleiche das in den<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>
+»Tierfabeln« auf S. 25 Gesagte. Hier heißt es: Selbst die größten
+Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten,
+und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt
+haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem
+etwaigen Kampfe hervorgehen.</p>
+
+<p>Kann man ein solches Verhalten Tapferkeit nennen? Gewiß nicht!
+Außerdem muß man folgendes berücksichtigen. Bei jedem Angriff auf ein
+vierfüßiges Geschöpf weiß das Raubtier im voraus ganz genau, welche
+Waffen ihn bedrohen können: Das Pferd kann hinten ausschlagen, der
+Büffel mit den Hörnern stoßen, der Eber mit seinen Gewehren schlagen,
+der Pavian gefährlich beißen usw. Nur beim Menschen weiß es nicht
+genau, was kommen kann. Er kann es von fern mit Bogen und Lanze
+verwunden, mit Felsstücken werfen, in der Nähe mit Schwert oder Dolch
+verletzen — wobei wir von den furchtbaren Wirkungen des Feuergewehres
+ganz absehen wollen. Selbst der Ureinwohner auf niedrigster Kulturstufe
+vermag durch vergiftete Pfeile das größte Raubtier zu töten.</p>
+
+<p>Was also bei keinem Tiere vorkommt, das kann sich beim Menschen
+ereignen; das Raubtier weiß niemals genau, woran es ist.</p>
+
+<p>Natürlich wird eine vom Hunger geplagte Bestie nicht lange Reflexionen
+darüber anstellen, ob der Angriff auf den Menschen gelingt oder nicht.
+Je häufiger sie ihn besiegt, desto frecher wird ihr Gebaren werden.
+Aber wenn ein großes Raubtier gesättigt oder wenigstens nicht hungrig
+ist, so ist folgende Reflexion nicht unwahrscheinlich: Wenn ich wüßte,
+ich erbeute den Menschen, ohne erheblich verletzt zu werden, so würde
+ich mich auf ihn stürzen — aber man kann ja dem Frieden nicht trauen.
+Anschleichen kann ich mich nicht, wie es meine liebste Methode ist,
+denn der Kerl hat mich schon gesehen. Ob er gefährliche Waffen bei sich
+trägt? Er glotzt mich so unverschämt an — nun, die Sache ist mir doch
+zu riskant, ich werde mich empfehlen. — Umgekehrt wird ein fliehender
+Mensch gewöhnlich deswegen verloren sein, weil er durch seine Flucht
+offenbart, er fühle sich dem Feinde nicht gewachsen.</p>
+
+<p>Ein unbewaffneter Mensch, der einen Löwen mit Gemütsruhe anstarrt, ist
+wie ein Kartenspieler, der sich den Anschein gibt, als habe er viele
+Trümpfe, die er in Wirklichkeit<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> gar nicht besitzt. Einem solchen
+Spieler gelingt es ja häufig, die anderen zu täuschen.</p>
+
+<p>Zum Beweise dafür, daß hauptsächlich die Unberechenbarkeit des Menschen
+den Respekt hervorruft, will ich mich auf folgende Tatsachen berufen.
+In nördlichen Ländern scheinen giftige Waffen wenig gebraucht zu
+werden, so daß hier der Mensch erst durch Feuerwaffen gefährlichen
+Tieren, wie Eisbären, Walrossen, Grislybären usw., energisch auf den
+Leib rücken konnte. Die alten Schilderungen von der Furchtbarkeit
+dieser Geschöpfe scheinen gar nicht so übertrieben zu sein.</p>
+
+<p>Ausdrücklich bestätigt das <em class="gesperrt">Haacke</em>, indem er schreibt: Übrigens
+soll der Graubär von heute, mit den Wirkungen der Büchse bekannter als
+der Graubär früherer Zeiten, viel vorsichtiger und furchtsamer sein als
+dieser.</p>
+
+<p>Wie lieb im übrigen den Raubtieren ihr eigenes Leben ist, dafür seien
+nur zwei Beispiele angeführt. <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> schildert einen bereits
+früher erwähnten Angriff, den ein Kapbüffel auf einen ausgewachsenen
+Löwen macht. Der »König der Tiere« läßt wirklich seinen Fraß — eine
+getötete Antilope — im Stich und nimmt Reißaus. Sodann möchte ich
+darauf aufmerksam machen, daß nach <em class="gesperrt">Livingstone</em> angebundene
+Pferde oder Ochsen nur ausnahmsweise von Löwen angegriffen werden, weil
+diese eine — Falle vermuten. Das gleiche berichtet <em class="gesperrt">Brehm</em> von
+Tigern. Man sieht also ganz deutlich, daß auch vierfüßige Tiere, und
+zwar selbst solche, die sonst gern gefressen werden, unter Umständen
+Respekt einflößen, daß also der aufrechte Gang des Menschen nicht der
+wahre Grund sein kann.</p>
+
+<p>Die Tatsache, daß große Raubtiere vielfach den Menschen unbehelligt
+lassen, erklärt sich also wohl daraus, daß sie nicht hungrig sind und
+die Unberechenbarkeit seiner Verteidigung scheuen. Ihr Leben ist ihnen
+zu lieb, um sich auf ein riskantes Unternehmen einzulassen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Konnen_nur_Herdentiere_zu_Haustieren_gemacht_werden">Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?</h2>
+</div>
+
+
+<p>Es gibt gewisse Behauptungen, die gläubig nachgebetet werden, weil man
+sie für allgemein gültige Wahrheiten hält. Zu ihnen gehört auch diese:
+Nur aus Herdentieren können Haustiere gemacht werden. Ich teile diese<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+Meinung in keiner Weise und möchte in nachstehendem meine abweichende
+Ansicht näher begründen.</p>
+
+<p>Eingehend hat sich mit der hier erörterten Frage ein so ausgezeichneter
+Tierkenner wie <em class="gesperrt">Perty</em> beschäftigt. Er schreibt darüber folgendes:</p>
+
+<p>»Die Domestikation der Tiere kommt nicht allein durch die Macht des
+Menschen zustande, wie man früher und auch noch <em class="gesperrt">Buffon</em> geglaubt
+hat, und namentlich <em class="gesperrt">Friedrich Cuvier</em> hat erkannt, daß hierzu
+Geselligkeit der Tiere kommen müsse, nur gesellig lebende Tiere kann
+der Mensch domestizieren. Der Geselligkeitstrieb, den auch der Mensch
+in ausgezeichnetem Grade besitzt, und der auch seinen wildesten
+Stämmen nicht fehlt, hängt nicht von der Intelligenz ab, sondern kommt
+bei dummen und sehr gescheiten Tieren vor. Auch führt ihn nicht die
+Gewohnheit des Zusammenlebens der Familienmitglieder herbei; der Bär
+lebt einsam, obwohl er seine Jungen so lange und zärtlich pflegt wie
+der Hund. Die Aïnos, das sonderbare Volk von Yesso und den Kurilen,
+fast so behaart als der Bär selbst, haben, weil er kein geselliges Tier
+ist, vergeblich versucht, ihn zum Haustier zu erziehen und zum Reiten
+zu benützen, haben vergeblich junge Bären von ihren Weibern säugen
+lassen; es gelang nicht, und sie müssen ihn fortwährend an der Kette
+halten, wie <em class="gesperrt">Witson</em> berichtet. <em class="gesperrt">Fr. Cuvier</em> unterschied drei
+Zustände: erstens den der einsam lebenden Tiere: Katzen, Marder, Bären,
+Hyänen; dann den Zustand der in Familien lebenden Tiere: Wölfe, Rehe
+usw.; endlich die wahren Gesellschaften, wie sie bei Bibern, Affen,
+Hunden, Robben, Pferden, Elefanten, Wiederkäuern und beim Menschen
+selbst vorkommen; nur aus der letzten Kategorie hat der Mensch seine
+wahren Haustiere erhalten. Der Mensch, meint <em class="gesperrt">Cuvier</em>, gelte
+den Haustieren für ein Mitglied ihrer Gesellschaft, und seine ganze
+Kunst bestehe darin, sich als Gesellschaftsmitglied einzureihen. Ist
+er einmal ein solches geworden, so kann er dann leicht das Tier durch
+seine höhere Intelligenz beherrschen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil
+es in ihm das Oberhaupt der Herde sieht. <em class="gesperrt">Buffon</em> hatte behauptet,
+der Mensch verändere bei der Zähmung das Naturell der Haustiere, was
+<em class="gesperrt">Cuvier</em> bestritt, nach welchem der Mensch nur den natürlichen
+Trieb benützt; er fand nämlich gesellige Tiere<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> vor und knüpfte diese
+an seine Familie. Demnach wäre die Domestikation nur eine Abänderung,
+eine andere Form der Geselligkeit und eine bestimmte Folge des Triebes
+zu letzterer. Die katzenartigen Tiere können deshalb nicht vollkommen
+domestiziert, eigentlich familiarisiert werden, weil sie nicht gesellig
+lebende Tiere sind. Die Fügsamkeit der Haustiere beruht nach <em class="gesperrt">F.
+Cuviers</em> und <em class="gesperrt">Dureau de la Malles</em> Nachweisung auf der langen
+Reihe von Generationen, seit welchen ihre Domestikation währt. Noch zur
+Zeit des <em class="gesperrt">Plinius</em> waren Pferde, Rindvieh, Geflügel halb wild.« —</p>
+
+<p>Nur nebenbei sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung <em class="gesperrt">Pertys</em>
+etwas kühn erscheint. Kein Mensch kann aus den Schilderungen Homers
+den Eindruck erhalten, daß die Rosse der Griechen und Trojaner halb
+wild waren, und doch kämpften beide Völker ein Jahrtausend vor
+<em class="gesperrt">Plinius</em>. Die Erörterung anderer Irrtümer in nebensächlichen
+Dingen — z. B. daß Hyänen einzeln leben — würde zu weit führen, da
+uns hier nur das Prinzip interessiert.</p>
+
+<p>Die Katze soll kein wahres Haustier sein. Diese Behauptung ist wohl nur
+deshalb aufgestellt, weil fast alle Katzenarten allein leben, und die
+ganze Theorie mit der alleinigen Domestikation der Herdentiere über den
+Haufen stürzen würde, wenn man zugäbe, daß Hinz zu unsern Haustieren
+gehöre. Ich habe ein andermal ausführlich dargetan, weshalb die
+Katze uns ferner steht als der Hund. Hier seien kurz die Hauptgründe
+angegeben.</p>
+
+<p>Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen
+Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf
+totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen,
+weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen.
+Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge
+seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen,
+wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir
+selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist
+ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich
+zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf.
+Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann
+und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der
+Mensch noch<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen,
+so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir
+uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir
+die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit
+der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem
+Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit
+abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was
+<em class="gesperrt">Loewis</em> von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht
+man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte
+Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam
+zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt
+hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich
+anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er
+hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung
+und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in
+die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem
+unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden
+kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein
+gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der
+Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom
+Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen
+Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen
+hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken
+Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe
+nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns
+sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein
+Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager,
+und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend,
+beunruhigende Träume und Alpdrücken.«</p>
+
+<p>Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita)
+allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation,
+die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist
+aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu
+einem<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum
+nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen
+geachteten Jagdgehilfen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Brehm</em> hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt
+über dieses interessante Tier: »<em class="gesperrt">Daß die Zähmung nicht schwierig
+sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft
+gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß
+es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie
+unsern Jagdleoparden und bezweifle</em>, daß irgend eine Wildkatze so
+zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres
+Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten
+Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie
+daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und
+man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und
+liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und
+das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter
+spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß
+ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in
+den Straßen zu lustwandeln.«</p>
+
+<p>Auch <em class="gesperrt">Ernst Friedel</em> erzählt, daß in Potsdam im Parke eines
+königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und
+keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie
+für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen
+ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den
+Geparden völlig zum Haustier machen könnte.</p>
+
+<p>Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das
+Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche
+gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher
+wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen.
+Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als
+zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird
+die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe
+meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> Affen wird
+allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier
+gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht
+gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig
+die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden
+haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im
+Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König <em class="gesperrt">Ramses der
+Große</em> kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde
+niederreißen half. Der römische Kaiser <em class="gesperrt">Heliogabal</em> spannte Löwen
+und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin <em class="gesperrt">Cybele</em>
+und mit dem Gotte <em class="gesperrt">Bacchus</em> verglich.</p>
+
+<p>In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor <em class="gesperrt">Havemann</em>
+eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle
+bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel,
+Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der
+einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet
+worden ist.</p>
+
+<p>Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in
+Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für
+leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die
+Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit
+zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel.
+Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso
+stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte.
+Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden
+leben.</p>
+
+<p>Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen
+sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente
+sind vielmehr folgende:</p>
+
+<p>1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein
+Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten
+kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene
+Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere
+ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen
+getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<p>2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß
+manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung
+haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde,
+Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell,
+wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche
+mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw.
+Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm
+die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker
+auf diesem Gebiete Hervorragendes.</p>
+
+<p>3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir
+hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr
+Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh
+anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch
+nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd
+ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken
+gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler
+abgerichtet werden.</p>
+
+<p>Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können,
+haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier.
+Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland
+einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen
+wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so
+würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie
+Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines
+dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den
+südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet,
+teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils
+aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, <em class="gesperrt">die
+sogenannten zahmen Hausschweine</em>, zu verteidigen. Wie ich von den
+Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von
+ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes,
+überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde
+kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten
+ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> einen Eber vom Walde
+nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines
+Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben
+mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt
+und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete.
+Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine
+Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind
+— und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung
+muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Die_angebliche_Nervositat_der_Tiere">Die angebliche Nervosität der Tiere.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich
+bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung
+nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten
+anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten
+geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters
+beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach
+verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es
+dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös
+werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht:
+Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner
+zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen,
+damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen
+von Zebras hat der Hon. <em class="gesperrt">Walter Rothschild</em>, der bereits in
+den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist.
+Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er
+erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte
+ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen
+Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras
+im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras
+zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht
+taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von
+allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie
+nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich
+anfassen.<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar
+gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg!
+Auch der Afrikareisende Oberst <em class="gesperrt">Fred Baillie</em> schließt sich
+dieser Meinung <em class="gesperrt">Rothschilds</em> an. Da er schon seit längerem davon
+überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb
+er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika.
+Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet,
+deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist.
+Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut
+dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig
+gehen. <em class="gesperrt">Baillie</em> glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier
+eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt
+jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten
+zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren
+Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch
+ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach
+geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. — Baron
+<em class="gesperrt">Rothschild</em> ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras,
+aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind?</p>
+
+<p>Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da
+wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere,
+im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene
+Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste,
+kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn
+unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das
+Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das
+Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals
+von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den
+Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des
+Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß
+wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich
+gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt
+erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden
+das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in
+seine frühere Lage als<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> freies Tier hineinversetzen. Auch in der
+Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig.
+Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern
+leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres
+verspeisen zu lassen; was tun sie also? — entweder fliehen sie oder
+sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte
+(vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn,
+Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende
+wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende
+habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im
+allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht
+bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht
+der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt
+Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw.
+Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere,
+die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse
+Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere,
+wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw.
+Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch
+einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen
+Pflanzenfresser beschleichen kann.</p>
+
+<p>Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und
+eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird
+der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich
+rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen
+nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke
+Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder
+abgeschüttelt — möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger
+muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen.
+Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie
+wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als
+fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht
+nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande
+befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt,
+ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös.<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Genau ebenso ist
+es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos
+bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der
+Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus
+triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die
+ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend
+machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem
+Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende
+Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst
+einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind
+also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit
+Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor
+ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist
+der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide
+Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die
+Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das
+Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen,
+gedacht werden. <em class="gesperrt">R. Böhm</em> und <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> heben besonders
+hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt:
+Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser
+Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes
+so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück
+geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt.</p>
+
+<p>Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser
+ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das
+Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher.
+Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall
+treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen,
+ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine
+natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und
+Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd
+hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die
+Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen
+noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem
+Hauspferde und einem<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten
+Pferde schildert <em class="gesperrt">Gmelin</em>. Ein Tarpan erblickte einmal einen
+zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun;
+weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten
+beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen,
+der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller
+Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann
+seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. — Daß das Zebra beißt,
+ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit
+abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem
+wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt
+man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers
+vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der
+unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus
+verständlich.</p>
+
+<p>Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen
+12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge
+vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen;
+die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine
+Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem
+Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst
+das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht!
+Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen;
+sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie,
+gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten.
+Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade
+zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam
+sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh
+war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere
+Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben
+dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe
+oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute — solange
+dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, — kam das Schmalreh
+auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit
+langen Fluchten. Auf etwa<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> zwei Schritte vor mir wechselten sie in den
+Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh
+zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe,
+nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen
+annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches
+erlebt und erzählt es uns.</p>
+
+<p>Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein.
+Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren
+sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein
+Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an
+lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall
+eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst
+hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben
+Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der
+Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in
+der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis,
+Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.</p>
+
+<p>Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein
+Stier, gegen seine Feinde. <em class="gesperrt">v. Wißmann</em> schildert z. B. folgenden
+Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein
+mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung
+brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem
+Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach
+der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin
+unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.</p>
+
+<p>Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist
+nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete
+Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd
+und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte,
+durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Gibt_es_Tiere_die_sich_spiegeln">Gibt es Tiere, die sich spiegeln?</h2>
+</div>
+
+
+<p>Mancher Leser wird staunen, daß die Frage, ob es Tiere gibt, die sich
+spiegeln, überhaupt aufgeworfen werden kann. Er wird darauf hinweisen,
+daß z. B. in unzähligen<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Schaufenstern Bilder zu erblicken sind, auf
+denen ein Dachshund sich wohlgefällig in dem Spiegel beschaut, als
+wollte er sagen: Bin ich nicht ein schöner Kerl? Wie könnten unsere
+Künstler etwas durch Pinsel oder Stift wiedergeben, wenn es nicht in
+Wirklichkeit vorkäme? Sind doch gerade Maler als vorzügliche Beobachter
+bekannt!</p>
+
+<p>Diese Anschauung, daß Tiere sich spiegeln, wird so allgemein als
+Tatsache aufgefaßt, daß man selbst in Fachblättern diesen Vorgang als
+etwas Selbstverständliches betrachtet.</p>
+
+<p>Gerade der Umstand, daß kürzlich in einer naturwissenschaftlichen
+Zeitschrift ein Bericht über ein Sichspiegeln der Tiere enthalten war,
+veranlaßt mich, diesen allgemein verbreiteten Irrtum etwas näher zu
+beleuchten.</p>
+
+<p>In der betreffenden Zeitschrift schilderte nämlich eine Tierfreundin
+das allerliebste Verhalten der Vögel, namentlich der Meisen, denen sie
+Futter streute. Es heißt dort:</p>
+
+<p>»Von der eitlen Kohlmeise.«</p>
+
+<p>»Wenn ich in meinem Schlafzimmer die Balkontür öffne, so dauert
+es nicht lange, und auf der Türschwelle erscheint eine prächtig
+gezeichnete Kohlmeise. Ich gehe dann in das Nebenzimmer und beobachte
+von dort den kleinen Eindringling. Der hüpft von der Schwelle auf
+einen Stuhl und von da — auf den Toilettentisch. <em class="gesperrt">Vor einen
+kleinen Stehspiegel setzt sich die Kohlmeise zuerst und betrachtet
+sich darin mit sichtbarem Wohlgefallen.</em> Ich kann es ihr auch
+gar nicht verdenken; sie kann wohl zufrieden mit dem Bilde sein,
+das ihr der Spiegel zeigt. Dunkelbraune Augen, schneeweiße Wangen,
+glänzend tiefschwarzes Haar und eine schön schwefelgelbe Brust, darauf
+ein breiter schwarzer Streifen — wer vermag ähnliche Schönheiten
+aufzuweisen? — Hat sie sich in dem kleinen Spiegel sattgesehen, so
+fliegt sie auf den größeren, am Toilettentisch angebrachten Spiegel,
+turnt auf dem geschnitzten Holzrahmen herum, spiegelt sich, singt,
+flattert gegen das Glas und pickt nach ihrem Spiegelbilde. Verspürt
+die Meise Appetit, so knabbert sie an den Stearinkerzen herum, die
+zu beiden Seiten des Spiegels stehen. Zur Abwechslung werden dann
+auch all die kleinen Gegenstände, die auf einem Putztisch ihren Platz
+zu haben pflegen, wie: Nadelkissen, Schmuckschale u. a. betrachtet
+und untersucht. Darauf<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> spiegelt sie sich wieder und ich — hab'
+dann meistens keine Zeit mehr, länger zuzugucken und verlasse meinen
+Lauscherposten.«</p>
+
+<p>»Sehe ich nach einem halben Stündchen wieder nach, was das kleine
+gefiederte Äffchen treibt, so sehe ich es immer noch vergnügt vor den
+Spiegeln umherhüpfen, bis es durch mein Näherkommen erschreckt zur Türe
+hinausfliegt. Lange dauert es aber nicht, so lugt mein Meischen wieder
+vorsichtig von draußen herein, und sieht es niemand im Zimmer, so
+beginnt das lustige Treiben von neuem.«</p>
+
+<p>Hat die Dame etwa die Unwahrheit berichtet? Keineswegs. Ich glaube
+ohne weiteres, daß die Meise — wie es ja jeder Kanarienvogel tut
+— im Spiegel ihr Bild erblickt hat. <em class="gesperrt">Nur daß die Vögel sich
+gespiegelt d. h. ihr Bild als solches erkannt haben, bestreite ich mit
+Entschiedenheit.</em></p>
+
+<p>Beruht bei den Vögeln der Irrtum lediglich darin, daß ein wirklicher
+Vorgang falsch gedeutet ist, so ist die Spiegelung des Dachshundes
+durchaus ein Produkt der Phantasie. Ich möchte den Leser sehen, der
+einen sich spiegelnden Dachshund jemals in seinem Leben erblickt hat.
+Woher das kommt, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargetan. Hier
+seien ganz kurz die Gründe angegeben.</p>
+
+<p>Ich setze den Inhalt meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« als
+bekannt voraus, namentlich den Unterschied zwischen Sehgeschöpfen und
+Nasentieren. Hier möchte ich folgende allgemeine Bemerkungen über
+diesen Punkt machen.</p>
+
+<p>Der Mensch hat seinen Grundsinn in den Augen, er hütet etwas wie einen
+Augapfel ist eine durchaus treffende Bezeichnung. Das ist jedoch nicht
+bei allen Geschöpfen der Fall. Zahllose Tiere z. B. Hunde, Füchse,
+Pferde, Rinder usw. haben ihren Grundsinn in der Nase. Deshalb sind
+Pferde und Hunde noch gebrauchsfähig, wenn sie erblindet sind, denn die
+Augen spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Sehgeschöpfe wie
+der Mensch sind noch Affen, Vögel, Katzen usw.</p>
+
+<p>Es ist nun ganz einleuchtend, daß der Spiegel nur einem
+<em class="gesperrt">Augen</em>tier etwas sagen kann. Für ein Tier, das sich nach der
+Nase richtet, ist er ein ganz unverständlicher<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Gegenstand. Gerade bei
+Hunden kann man das deutlich betrachten. Eine Dogge wurde kürzlich
+in einen Salon geführt, in dem ein großer Spiegel stand. Von fern
+erblickte sie ihr Spiegelbild, fletschte die Zähne, sträubte die Haare
+und ging auf den Spiegel zu. In der Nähe roch sie, merkte nichts von
+einem andern Hunde und kümmerte sich nun nicht weiter um den Spiegel.</p>
+
+<p>Affen dagegen, die sich wie der Mensch nach den Augen richten, sind
+rein verliebt in Spiegel. Ich habe manchmal im Zoologischen Garten nur
+mit Not und Mühe einen Taschenspiegel von ihnen wiedererhalten können.</p>
+
+<p>Vögel sind auch Sehgeschöpfe, und deshalb ist es ganz naturgemäß, daß
+der Spiegel auf sie großen Eindruck macht.</p>
+
+<p>Die Hunde richten sich fast ausnahmslos nach der Nase, namentlich ist
+der Dachshund ein ausgezeichnetes Nasentier. Ein sich spiegelnder
+Dachshund ist also ein Unding. Die einzigen Hunderassen, die bessere
+Augen, dafür auch eine schlechtere Nase besitzen, sind Windhunde und
+Schäferhunde. Bei ihnen ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß
+sie der Spiegel ebenso interessiert wie Affen und Vögel.</p>
+
+<p>Nur die Tiere, die Sehgeschöpfe sind, können also einem Spiegel in der
+Nähe Beachtung schenken. Wenn sie das tun, wie vorhin die Meise, so
+schließen wir Kulturmenschen sofort, daß das Tier sich spiegele. Das
+Tier sieht im Spiegel ein anderes Geschöpf seiner Art — woher soll es
+nun wissen, daß es selbst so aussieht?</p>
+
+<p>Daß hier ein folgenschwerer Irrtum vorliegt, wenn man ein Sichspiegeln
+annimmt, kann in der einfachsten Weise bewiesen werden.</p>
+
+<p>Zunächst berichten unzählige Reisende von wilden Völkern, daß, wenn man
+einem Naturmenschen einen Spiegel vorhält, er stets glaubt, die von ihm
+geschaute Person sei ein anderer Wilder. Woher soll er auch wissen, daß
+er es selbst ist?</p>
+
+<p>Sodann kann man die Wahrheit dieser Berichte in überzeugender Weise
+an unsern Kindern erproben. Das zweijährige, sonst recht intelligente
+Töchterchen meines Freundes behauptete immer wieder, wenn es in den
+Spiegel sah, das wäre seine Freundin Anna, die ihm allerdings recht
+ähnlich sah.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p>
+
+<p>Bei den Tieren ist die Annahme, es sei ein <em class="gesperrt">fremdes</em> gleichartiges
+Geschöpf, deshalb unverkennbar, weil diejenigen, die ihresgleichen
+wütend bekämpfen, genau dieselben Bewegungen machen, als wollten sie
+sich auf den Feind stürzen. Doggen kämpfen gern miteinander, und
+deshalb fletschte die vorhin erwähnte Dogge ihre Zähne und sträubte ihr
+Haar.</p>
+
+<p>Raubvögel bekämpfen Artgenossen wütend, deshalb nehmen sie vor dem
+Spiegel eine kampfbereite Stellung ein.</p>
+
+<p>Lerchen sind so eifersüchtig auf ihresgleichen, daß man mit Hilfe von
+Lerchenspiegeln unzählige schießt.</p>
+
+<p>Herdentiere wie Affen sehen ihresgleichen sehr gern. Affen haben
+gewisse Bewegungen, die eine Begrüßung andeuten. Diese machen sie mit
+Vorliebe vor einem Spiegel, woraus man sieht, daß sie einen fremden
+Affen vor sich zu haben glauben.</p>
+
+<p>Auch die Meisen leben sehr gern gesellig, und nun verstehen wir,
+weshalb die vorhin geschilderte Meise so gern in den Spiegel sah.</p>
+
+<p>Doch ich befürchte, daß der geneigte Leser meinen Darlegungen nicht
+völligen Glauben schenken wird. Ich will mich deshalb auf den
+ausführlichen Bericht eines Fachmannes berufen. Der Direktor des
+zoologischen Gartens zu Frankfurt a. M., <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Schmidt</em>,
+hat eingehende Beobachtungen mit einem Orang-Utan und einem Spiegel
+angestellt, von deren Schilderungen hier einige Stellen folgen mögen.</p>
+
+<p>Um zunächst den Verdacht zu zerstreuen, daß der Affe vielleicht ein
+ungewöhnlich stupides Exemplar gewesen sei, mögen hier von seinen
+Spielereien folgende erwähnt werden:</p>
+
+<p>»Ein Fangbecher, das bekannte Spielzeug, welchen jemand für den Orang
+mitgebracht hatte, wurde unter sorgfältiger Überwachung dem Tiere
+überlassen. Vermochte ihn dasselbe auch nicht seiner eigentlichen
+Bestimmung gemäß zu verwenden, so bereitete er ihm doch großes
+Vergnügen und mannigfaltige Unterhaltung. So war es dem Affen offenbar
+sehr merkwürdig, daß der hölzerne Ball so schön in den Becher paßte,
+und er legte ihn oftmals hinein, um ihn im nächsten Moment wieder
+herauszuwerfen. Die Schnur, welche beide Stücke verband, war als
+zu störend bald abgerissen worden, dagegen hatte der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Orang die
+Wahrnehmung gemacht, daß der Becher, wenn man ihn ans Ohr hält, ein
+brausendes Geräusch hören läßt, wie dies bei derartigen hohlen Körpern
+stets der Fall ist. Er machte sich seitdem öfter das Vergnügen, dieses
+Rauschen zu hören, dem er mit sichtlichem Behagen lauschte. Eines
+Tages hatte er aus einem halben Milchbrot die Krumen herausgebohrt und
+entdeckte in der ausgehöhlten Kruste offenbar eine gewisse Ähnlichkeit
+mit dem Fangbecher, denn er hielt sie plötzlich aufmerksam horchend ans
+Ohr. Als der erwartete Ton ausblieb, beeilte er sich, den Brotrest zu
+verspeisen.«</p>
+
+<p>»In dem Stiel des Fangbechers, der am Ende etwas zugespitzt ist, damit
+die Kugel auf denselben gesteckt werden kann, erkannte unser Tier
+alsbald ein sehr brauchbares Werkzeug und war überrascht über die
+Wirkung, welche sich mit demselben erzielen ließ, wenn man es als Hebel
+benützte. Auf diese Weise wurde alsbald eine kleine Vertiefung in dem
+Kalkbewurf des Zimmers in eine recht ansehnliche Grube umgewandelt und
+der Stuhlsitz schwer beschädigt, indem der Orang die Spitze des Holzes
+in die Öffnungen des Geflechtes schob und dann das entgegengesetzte
+Ende niederdrückte, wodurch es ihm gelang, einige Rohrstreifen zu
+sprengen. Das gemeinschädliche Werkzeug wurde nun weggenommen, aber der
+Stuhl war durch die Beschädigung des Sitzes nur um so interessanter
+geworden. Es gelang nämlich, zuweilen einen der Rohrstreifen
+herauszulösen, und dann freute sich der Orang über dessen Länge und
+dehnte ihn mit über den Kopf emporgehobenen Händen möglichst aus. Auf
+diese Weise entstand nach kurzer Zeit ein Loch in dem Geflecht, welches
+nun wieder zu manchen Studien Anlaß wurde. Bald wurde ein Arm, bald ein
+Bein hindurchgeschoben, bald wurde es als Schießscharte benützt, aus
+welcher die Kugeln und anderes Spielzeug herausgeschleudert wurden,
+oder es diente als Guckfenster, aus welchem das altkluge Gesicht des
+Orang äußerst possierlich hervorlugte.«</p>
+
+<p>Dumm ist der Affe sicherlich nicht, wenn er an einem hohlen Gegenstande
+zu horchen versucht, und einen Stiel als Hebel zu benutzen versteht —
+im Gegenteil, man muß das für ein Zeichen außerordentlicher Intelligenz
+halten. Hören wir nun, wie sich derselbe Orang-Utan einem Spiegel
+gegenüber benahm:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p>
+
+<p>»Um zu sehen, was der Orang wohl machen würde, wenn man ihm sein
+Bild im Spiegel zeigte, ließ ich einen solchen in das Zimmer bringen
+und denselben, nachdem man ihn verdeckt getragen hatte, plötzlich
+in einiger Entfernung von dem Käfig aufstellen, so daß ihn das Tier
+nicht mit den Händen erreichen konnte. Das Glas war groß genug, um den
+Affen in ganzer Figur und außerdem einen Teil der Umgebung zu zeigen.
+Er saß auf seinem Baume und blickte ruhig den fremden Gegenstand
+an, der nun aufrecht an die Wand gelehnt wurde. Ruhig begann er
+herabzusteigen, um sich die Sache näher zu betrachten, und als er nun
+den Käfig sich spiegeln sah, ohne noch seine eigene Gestalt bemerken
+zu können, hielt er im Klettern inne, als dächte er darüber nach,
+wie seine gewohnte Umgebung sich so plötzlich habe verändern können.
+Aber die Neugierde überwog und er stieg auf den Boden herab. Ich
+fühlte mich fast versucht, anstatt des Ausdrucks ›Neugierde‹ das Wort
+›Wißbegierde‹ zu setzen, besonders wenn ich das Benehmen des Orangs
+in diesem Falle mit dem anderer Affen unter ähnlichen Verhältnissen
+vergleiche. Da fand sich nicht diese Hast und Unruhe, die sich durch
+Hin- und Herfahren, durch Töne und Grimassen der verschiedensten Art
+bei Pavianen, Meerkatzen usw. auszudrücken pflegt, sondern ruhig und
+gemessen, mit ernstem, sinnendem Gesichtsausdrucke, den Spiegel fest im
+Auge behaltend, stieg der Orang auf die dem Glase gegenüber befindliche
+Stelle seines Käfigs zu.«</p>
+
+<p>»Aber — welches Entsetzen — dort blickte ihm ja eine fremde Gestalt
+entgegen, die ihm einen sehr unheimlichen Eindruck machen mußte, denn
+rasch drehte er um, sträubte das Haar, schob die Unterlippe etwas
+vor, wodurch sein Gesicht einen ungemein verdrossenen Ausdruck bekam
+und beeilte sich, an das entgegengesetzte Ende seines Behälters zu
+gelangen. Es gereichte ihm offenbar zu großer Beruhigung, daß ihm der
+vermeintliche Eindringling nicht folgte, und nachdem er überlegend
+eine Zeitlang nach dem Spiegel geblickt hatte, faßte er sich ein Herz
+und marschierte nochmals dorthin, um sich die Sache näher anzusehen.
+Noch einige Male hielt sein Mut nicht stand, und furchtsam trat er den
+Rückweg an, bald aber hatte er sich überzeugt, daß eine Gefahr nicht
+vorhanden sei, und er setzte sich nun vor den Spiegel hin, um sein<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>
+Gegenüber zu betrachten. Daß dieses sich ebenfalls ruhig verhielt,
+machte ihn dreist, und bald wagte er, den vermeintlichen Feind, den er
+noch vor wenigen Minuten sehr gefürchtet hatte, herauszufordern. Dies
+geschah aber keineswegs in der tierischen Weise, wie bei anderen Affen,
+welche in diesem Falle rückende Bewegungen machen, schreien u. dgl.,
+sondern er bediente sich eines weit menschlicheren Verfahrens, um jenem
+seine Nichtachtung auszudrücken, indem er nach ihm spuckte.«</p>
+
+<p>»Natürlich blieben die Geschosse wirkungslos, der andere schritt nicht
+zum Angriff, und es mußte ihm mit einem kräftigeren Mittel zu Leibe
+gerückt werden. Der harmlose hölzerne Hammer wurde zum Streithammer
+und flog alsbald wuchtig nach dem Gegner. Da aber der Orang dieses
+Schleudern nicht mit den Armgelenken, sondern mittels einer rotierenden
+Bewegung des Handgelenkes ausführte, wahrscheinlich, weil er dabei den
+Arm zwischen den Gitterstäben herausstrecken mußte, so verfehlte das
+Werkzeug jedesmal sein Ziel und fiel seitlich nieder. Einigemale gelang
+es dem Tiere, den Hammer senkrecht emporzuwerfen, was ihm offenbar
+große Freude machte, die man deutlich aus seinem, trotz der kritischen
+Situation, vergnüglich schmunzelnden Gesichtsausdrucke erkannte.
+Natürlich hatte er alsbald die Unzweckmäßigkeit seines Verfahrens
+begriffen und fand nun in einigen Brotresten, die von seinem, durch
+Aufstellen des Spiegels unterbrochenen Frühmahle noch übrig waren, ein
+leichter zu handhabendes Wurfgeschoß, welches dann auch sofort dem
+Gegenüber an den Kopf flog.«</p>
+
+<p>»Bewegte man während dieser Vorgänge den Spiegel langsam gegen den
+Käfig, so daß das Spiegelbild sich zu nähern schien, so verwandelte
+sich die Stimmung unseres Tieres sofort, und mit dem Ausdruck größter
+Besorgnis begab er sich schleunigst auf die Flucht, sowie aber der
+Spiegel wieder zur Ruhe gekommen war, beeilte sich der Affe, mit seinem
+Gegenüber aufs neue anzubinden. In dem Maße, als er sich überzeugte,
+daß ihm von jenem keine Gefahr drohe, trat seine Gutmütigkeit mehr und
+mehr hervor, und er versuchte nun, ihn zum Spielen zu veranlassen. Zu
+diesem Zwecke brachte er seine Kugel herbei, hob sie hoch empor, wie
+um sie zu zeigen, rollte sie dann umher und blickte immer dazwischen
+triumphierend<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> nach dem Spiegel. Dann holte er ein Blatt Papier,
+streckte es, soweit er konnte, jenem entgegen und bewegte es hin und
+her, wie wir zu tun pflegen, um in ähnlichen Fällen die Aufmerksamkeit
+eines Kindes zu erregen. <em class="gesperrt">Daß er in dem Spiegelbilde sich selbst
+erkannt habe, war nicht nachweisbar, denn er machte keinerlei
+Bewegungen und Grimassen, die doch wohl nicht ausgeblieben sein würden,
+wenn ihm die Bedeutung jener Erscheinung klar geworden wäre. Es ist
+dies um so erstaunlicher, als er die anwesenden Personen im Spiegel
+sah und erkannte, denn er fixierte sie zeitweise im Bilde und blickte
+sich dann nach ihnen um, als wolle er sich versichern, daß sie auch in
+Wirklichkeit da seien.</em>«</p>
+
+<p>»Da ich fürchtete, daß er sich zu sehr in das Spiel mit dem
+vermeintlichen Kameraden vertiefen und diesen später schmerzlich
+vermissen würde, ließ ich den Spiegel wegnehmen. Hatte ihm dessen
+plötzliches Erscheinen zu denken gegeben, so war dies mit dem
+Verschwinden des Glases nicht minder der Fall. Überrascht betrachtete
+er die Stelle der Wand, an welcher ihm soeben eine neue Welt erschienen
+war, und näherte sich derselben so weit als tunlich, als wolle er
+sich ganz genau überzeugen, ob denn wirklich nichts mehr von alledem
+vorhanden sei. Er stieg auf den Baum, kletterte an den Wänden des
+Käfigs empor und suchte so von den verschiedensten Standpunkten
+die merkwürdige Stelle zu prüfen. Noch eine Zeitlang hielt er sich
+schwebend zwischen Sprungseil und Strickleiter, stets die Wand
+betrachtend, als ob er immer noch über die gemachte Wahrnehmung
+grübelte, bis er endlich sich in der Gegenwart wieder zurechtfand und
+sein gewöhnliches Treiben begann.« —</p>
+
+<p>Diesen durchaus sachlichen Berichten eines Fachmanns wird der geneigte
+Leser doch unbedingt Glauben schenken.</p>
+
+<p>Auch <em class="gesperrt">Garner</em>, der Verfasser des bekannten Buches: »Die Sprache
+der Affen« kommt zu demselben Ergebnis. Er berichtet nämlich über
+seine Beobachtungen auf diesem Gebiete folgendes (in der deutschen
+Übersetzung von Professor <em class="gesperrt">Marshall</em>): »Ich habe schon
+verschiedentlich des Gebrauches, den ich bei meinen Experimenten von
+dem Spiegel zu machen pflegte, gedacht, aber ich habe noch<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> nicht
+beschrieben, welchen Einfluß er auf verschiedene Affen ausübt. Zunächst
+ist dieser Einfluß auf ein und dasselbe Affenindividuum nicht zu jeder
+Zeit der gleiche, noch wirkt er auf alle Affenindividuen derselben Art
+genau auf die nämliche Weise, und daher ist es mir nicht möglich, aus
+meinen Versuchen ein Bild davon zu entwerfen, wie jede Spezies sich im
+allgemeinen vor dem Spiegel benimmt.«</p>
+
+<p>»Als Puck — ein Kapuzineraffe, wie die meisten andern Affen,
+die Garner anführt — sich im Spiegel erblickte, hielt er sein
+Bild unzweifelhaft für einen anderen Affen, mit dem er sich
+viel ungezwungener unterhielt als mit den aus dem Phonographen
+herausschallenden Tönen. Oft fing er an, das Bild zu hätscheln und
+ihm Beweise von Freundschaft zu geben, dabei war er aber doch recht
+schüchtern und zurückhaltend.«</p>
+
+<p>»Nellie schnatterte gegen ihr Konterfei im Spiegel und konnte es
+offenbar gar nicht satt bekommen, das schöne Äffchen, das sie da sah,
+zu betrachten, und ich glaube nicht, daß ihre Zuneigung in diesem
+Falle auf weibliche Eitelkeit zurückgeführt werden kann. Ich glaube
+auch nicht, daß sie jemals dahinter kam, wo dieser Affe eigentlich zu
+suchen sei, sie drehte aber den Spiegel den Tag über so oft um, daß man
+deutlich sah, sie gäbe die Hoffnung nicht auf, ihn endlich doch noch zu
+finden.«</p>
+
+<p>»Ich zerbrach einmal zufällig einen kleinen Spiegel neben dem Käfige
+eines Grünaffen. Das Glas war in viele kleine Stückchen zerschmettert.
+Im Nu hatte der Affe einen Arm durch das Gitter hindurchgezwängt, das
+größte Stück ergriffen und es sich angeeignet, bevor ich nur seine
+Absicht noch recht bemerkt hatte. Das Stück war etwa 2,5 <span class="antiqua">cm</span>
+breit und 4 <span class="antiqua">cm</span> lang. Er warf einen Blick auf sein Abbild in
+demselben, und sein Benehmen war dabei toller, als ich es bei irgend
+einer Gelegenheit von irgend einem Affen sonst gesehen habe. Er
+guckte in das Stückchen Spiegelglas, das er für ein Loch in einer
+Art Scheidewand zu halten schien, die ihn von einem anderen Affen
+trennte. Dann hielt er es in Armslänge von sich, legte es auf den
+Boden, drückte es an die Wand und drehte und wendete sich in alle
+möglichen Lagen und Richtungen, um den geheimnisvollen Affen an der
+andern Seite von einer ihm unbegreiflichen Sache betrachten zu können.
+Wenn er das Glasstückchen umdrehte, schien<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> er noch verblüffter zu
+sein und sprang manchmal hoch in die Höhe und drehte sich um und um,
+als ob er dadurch des Rätsels Lösung zu finden hoffte. Dann wendete er
+sich die spiegelnde Seite wieder zu und schnitt wieder seine Gesichter
+wie vorher. Manchmal, wenn er das Glas an die Wand drückte, brachte
+er sein Auge so nahe daran, als ob er durch ein Loch in der Mauer
+gucken wollte. Ich gab mir eine Zeitlang vergebliche Mühe, ihm das
+Spiegelstückchen wieder abzunehmen, weil ich fürchtete, er könne sich
+daran verletzen, bis es mir endlich nach vielen Mühen und nicht ohne
+Hilfe des Wärters gelang.«</p>
+
+<p>»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu
+finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie
+er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit
+dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem
+Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und
+wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem
+größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an
+den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen,
+z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und
+es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann
+kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein
+Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und
+schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte:
+›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie
+irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe
+stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«</p>
+
+<p>»Mickie schien über sein Spiegelbild nicht sonderlich erbaut zu sein.
+Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei
+ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures
+Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten
+redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals
+den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und
+ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war
+freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter
+solchen Umständen auch zu werden pflegen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
+
+<p>»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr
+forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne
+auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen
+von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im
+tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten
+können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das
+zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz
+zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes
+Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.«</p>
+
+<p>»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen
+Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut
+von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach
+dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen
+ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr
+vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.«</p>
+
+<p>»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm
+allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um
+auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus
+dem Wege zu gehen.«</p>
+
+<p>»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe
+von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten
+Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung
+durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel
+und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie
+denn diesen Affen aufgetrieben?‹«</p>
+
+<p>»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das
+Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich,
+gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob
+ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und
+versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen
+Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich
+wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine
+neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein
+Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes
+dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses
+Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl
+angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr
+Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles
+sagen könnten, wenn sie nur wollten.«</p>
+
+<p>»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und
+verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art,
+gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend
+und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.«</p>
+
+<p>»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert.
+Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden,
+kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als
+gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er
+guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen
+langen Arm aus, <em class="gesperrt">um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu
+suchen</em>. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr
+oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von
+ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel
+ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint
+sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der
+häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und
+sein Bild anstarren.«</p>
+
+<p>Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor:</p>
+
+<p>Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder,
+sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen — spiegeln sich
+also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt.</p>
+
+<p>Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in
+der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt.
+Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt,
+begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz
+besonders kein Nasentier.</p>
+
+<p>Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> nur Sehgeschöpfe,
+aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern.</p>
+
+<p>Nachtrag.</p>
+
+<p>Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht
+allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor <em class="gesperrt">Marshall</em>
+in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen
+Buche, das er übersetzt hat:</p>
+
+<p>»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten
+hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden,
+billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den
+Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz
+gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei
+fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den
+Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und
+schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte
+er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen.
+Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art
+Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in
+beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und
+bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe
+hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte,
+fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein
+Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch,
+daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den
+Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel
+zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem
+Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im
+hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich
+ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich
+war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn
+es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu
+lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.«</p>
+
+<p>Hierzu möchte ich folgendes bemerken:</p>
+
+<p>Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Tier <em class="gesperrt">mit
+der Zeit</em> infolge besonderer Umstände, wie hier durch das
+Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von
+<em class="gesperrt">Marshall</em> erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel
+trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie
+<em class="gesperrt">allmählich</em> gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt.</p>
+
+<p>Jedenfalls ist der von <span class="antiqua">Dr.</span> Schmidt geschilderte Orang-Utan,
+trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken
+nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem
+gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche
+mit Affen angestellt habe. Der von <em class="gesperrt">Marshall</em> beobachtete Makak
+muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder
+es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das — vielleicht juckende —
+Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen
+Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon
+gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Tiere_als_Heuchler">Tiere als Heuchler.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß
+das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es
+der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man
+die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der
+Menschenarzt, <em class="gesperrt">denn die Tiere verstellten sich nicht</em>. Diese
+Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.</p>
+
+<p>Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar
+vielfach mit Recht. So schildert uns schon <em class="gesperrt">Xenophon</em> die
+Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und
+Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte <em class="gesperrt">Geßner</em>.</p>
+
+<p>Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist
+gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt
+darin. So schreibt z. B. <em class="gesperrt">Oppian</em>: Fühlt der schlaue Fuchs ein
+Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen:
+Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt
+Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und
+beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> und zu zupfen. Kommt ihm
+aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den
+Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.</p>
+
+<p>Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte
+Naturforscher <em class="gesperrt">v. Homeyer</em> etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt:
+»Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es
+erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen
+der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise
+richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße
+liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem
+Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich
+näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier
+zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge
+Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes,
+und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe
+gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu
+bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber,
+gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es
+ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller
+Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben
+ergriff.«</p>
+
+<p>Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist
+etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt <em class="gesperrt">Scammon</em> von einer
+so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um
+sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen
+sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut
+Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen
+Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze
+aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer
+Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der
+Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken.
+Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um
+dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen
+gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und
+verschlungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll
+nach <em class="gesperrt">Krementz</em> den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen
+zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so
+anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt,
+um Fische heranzulocken.</p>
+
+<p>Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere
+sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von
+schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S.
+12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und
+dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend
+gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte
+verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal
+gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund
+besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter
+Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war
+die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine
+Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber
+vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier
+bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun
+sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig
+folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein
+Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich
+bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde
+das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und
+nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs
+war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei
+seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die
+nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink
+auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts
+vorgefallen wäre.</p>
+
+<p>Ähnliches berichtet Rektor <em class="gesperrt">Gräßner</em> von seiner deutschen Dogge
+Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit
+darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade
+beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen
+und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben
+dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit,
+so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener
+Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine
+Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das
+Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man
+sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn
+nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele
+zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit
+einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde,
+unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den
+gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen
+schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte
+dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«</p>
+
+<p>Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So
+erzählt <em class="gesperrt">J. Franklin</em> von einem Schweine folgendes: Auf einem
+Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen
+und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das
+Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des
+Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses
+wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine
+Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es
+daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in
+dessen Stall.</p>
+
+<p>Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die
+Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon
+<em class="gesperrt">Älian</em> schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne
+vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu
+täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die
+Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager
+will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen
+Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte
+zum Lager bringt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er
+sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der
+Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die
+allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.</p>
+
+<p>Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen
+intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen
+oft denen, die sie beißen wollen. <em class="gesperrt">Rengger</em> berichtet von seinem
+Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz
+freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen,
+nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches,
+was <em class="gesperrt">Homeyer</em> vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein
+zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte
+sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte,
+rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen
+totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen.
+Im <em class="gesperrt">Brökmannschen</em> Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen
+zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler
+den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der
+ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben
+fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das
+gleiche wird vom Elefanten berichtet.</p>
+
+<p>Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das
+gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon
+Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von
+dem letztgenannten berichtet Freiherr <em class="gesperrt">v. Droste-Hülshoff</em> im
+»Zoologischen Garten« folgenden Fall:</p>
+
+<p>»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch
+auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner
+Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen
+hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere
+bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem
+Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden
+jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich,
+das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> zu erfassen;
+das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des
+von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte
+und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer
+Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen
+meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel
+geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm
+zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich
+meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber,
+nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte
+das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei
+versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es
+hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich
+auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich
+das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht
+angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu
+ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt
+hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen
+von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch
+eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem
+mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es
+auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann
+und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu
+verschwinden.«</p>
+
+<p>»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und
+lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere
+doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir
+übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«</p>
+
+<p>Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen
+z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die
+starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich
+nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren,
+denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben
+daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht
+gewachsen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
+
+<p>Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu
+verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben
+in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei <em class="gesperrt">Brehm</em>:</p>
+
+<p>»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in
+Morästen)«, schreibt mir <em class="gesperrt">Kade</em>, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe
+und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei
+den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und
+junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber
+die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende
+Juli zu heulen beginnen.«</p>
+
+<p>Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß
+man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in
+dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.</p>
+
+<p>Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der
+Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen
+dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter
+den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die
+Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige
+Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich
+geschildert werden.</p>
+
+<p>Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie
+<em class="gesperrt">Brehm</em> betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen.
+Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel
+nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt
+derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten
+übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.</p>
+
+<p>Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer
+Krähe gedacht, die ein Herr <em class="gesperrt">Keil</em> kürzlich beobachtete. Er
+erzählt den Vorgang folgendermaßen:</p>
+
+<p>»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als
+liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten
+geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut
+im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe
+vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her.
+Sie<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten
+konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ.
+Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die
+erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und
+äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei.
+Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst
+harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe
+vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit
+zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln
+nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang
+herzlich gelacht.«</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Verstellungskunste_bei_Vogeleltern">Verstellungskünste bei Vogeleltern.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß
+gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur
+wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau,
+sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen
+Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.</p>
+
+<p>Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die
+Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.</p>
+
+<p>Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So
+schreibt z. B. <em class="gesperrt">Plinius</em> vom Rebhuhn folgendes:</p>
+
+<p>»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das
+Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt
+etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein
+gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft
+vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht,
+ihn vom Nest wegzulocken.«</p>
+
+<p>Hiermit steht ganz im Einklange, was <em class="gesperrt">Naumann</em> darüber schreibt:
+»Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben
+Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück
+drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während
+ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt,
+ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem
+jeden ein solches im Getreide, Grase,<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Gebüsche, hinter Furchen, in
+Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen
+glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder
+abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen,
+greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen
+seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben,
+ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu
+den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß
+breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück
+weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in
+Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon.
+Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung
+verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich
+beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«</p>
+
+<p>Der ausgezeichnete Zoologe <em class="gesperrt">Lenz</em> bestätigt ebenfalls, daß es die
+List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu
+stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug
+schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer,
+solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur
+Einsicht gekommen ist.</p>
+
+<p>Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:</p>
+
+<p>»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der
+Ober-Medizinalrat <em class="gesperrt">Buddeus</em> zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf
+einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens
+ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das
+Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann
+wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang
+zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und
+flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung
+zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine,
+kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die
+Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen
+Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die
+Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen
+Tage zu<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden
+Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es
+wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren.
+Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden
+Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«</p>
+
+<p>Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule,
+worüber <em class="gesperrt">Tancré</em> in den »Ornithologischen Briefen von <em class="gesperrt">E. F. v.
+Homeyer</em>« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:</p>
+
+<p>Ȇber ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit
+keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen
+eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem
+mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras
+bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet
+durch das Männchen — vermutlich —, welches mich mit dem bekannten,
+dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das
+Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt
+fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen
+hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu
+holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier
+auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«</p>
+
+<p>»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort.
+Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber
+auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die
+Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich
+wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben
+mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der
+Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe
+dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus,
+aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer
+Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich
+wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der
+Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier
+untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das
+Männchen umherfliegt. Da<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> machte es dasselbe Manöver zum dritten male,
+aber auf der <em class="gesperrt">entgegengesetzten</em> Seite von mir. Jetzt erst wird
+mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch
+hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem
+der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«</p>
+
+<p>»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder,
+wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich
+große Junge befanden.«</p>
+
+<p>»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich
+nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt,
+nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes,
+dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und
+ahmte deshalb den Jungen nach.«</p>
+
+<p>In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet
+<em class="gesperrt">Thompson</em> von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die
+ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt
+dort:</p>
+
+<p>»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad
+entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner
+feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«</p>
+
+<p>»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise,
+aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln
+und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das
+eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln,
+ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes
+in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen
+Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes
+Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand
+gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein,
+und alles war still.«</p>
+
+<p>»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ
+sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den
+Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte
+wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade — Gnade
+von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs?<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> O nein! so töricht war
+sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch
+ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut
+bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase,
+drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte — doch nein, ganz
+erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen
+Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn
+diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische
+Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon,
+kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine
+sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen
+ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte.
+Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber
+sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch
+noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht
+begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige,
+konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine
+Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan
+schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf
+von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder
+ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden
+Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen
+sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden
+Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«</p>
+
+<p>»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der
+Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« —</p>
+
+<p>Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich
+gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie
+folgender Bericht <em class="gesperrt">Andersons</em> über ein Zusammentreffen mit einer
+Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die
+älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige
+Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das
+Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht
+schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern
+für ihre Jungen an den<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer
+näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und
+änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht
+abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen,
+so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in
+weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite
+nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die
+Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als
+müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen.
+Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es
+verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren,
+daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich
+ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter
+Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen
+bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«</p>
+
+<p>Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im
+Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird.
+Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.</p>
+
+<p>Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren
+ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig
+geborene Verstellungskünstler.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Strau_enpolitik">Straußenpolitik.</h2>
+</div>
+
+
+<p>In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen
+Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu
+verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich
+der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst
+seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn
+nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck
+»Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor,
+indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich
+verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten
+nicht mehr.</p>
+
+<p>Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß
+denn in der Tat bei seiner Verfolgung<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> sich so unglaublich dumm
+benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem
+Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke
+z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber
+den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu
+bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).</p>
+
+<p>Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika
+persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik«
+entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so
+bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit
+größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen
+beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode
+des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt
+sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?</p>
+
+<p>Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes
+aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar
+und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien
+gibt es Strauße (<span class="antiqua">struthocameloi</span>, wörtlich Straußkamele) die wie
+ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier
+geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen
+kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und
+berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt,
+so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine
+Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen
+Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder
+sonstwo.</p>
+
+<p>Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen
+versehen.</p>
+
+<p>Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so
+liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein
+absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht
+vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich
+schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens
+besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der
+Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem
+Steine oder Felsstücke getroffen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> das durch eine flüchtende Gemse in
+Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse
+absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem
+Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche
+Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine,
+so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube
+vom Strauße herrschte.</p>
+
+<p>Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil
+bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf
+gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt
+habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen,
+erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.</p>
+
+<p>Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten,
+geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt
+keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen
+Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen
+Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung
+bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren
+Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen
+Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und
+ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel,
+welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen
+Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten
+Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und
+noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts
+abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen
+Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar
+für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen
+dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male;
+sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere
+lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder
+wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr
+Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf
+das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen,
+verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer
+nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er
+jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte.
+Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade
+in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in
+der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben
+wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte;
+doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich
+an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit
+Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge
+von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie
+träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich
+meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als
+friedlich bezeichnet.</p>
+
+<p>Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen
+Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von
+Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen
+lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier
+gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber
+trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit
+einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit
+besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.</p>
+
+<p>Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier,
+was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen
+pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in
+der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch
+solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes
+liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große
+Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde
+lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie
+möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische
+Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich
+Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich
+auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse,<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das
+Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.</p>
+
+<p>Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des
+Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare
+hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu
+besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken
+und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm
+vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein
+anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird
+ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße
+zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen,
+steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas
+verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und
+für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig
+zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit
+Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen
+Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei
+Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte
+von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5
+Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine
+kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig
+eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.</p>
+
+<p>Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen
+kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz
+übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen,
+und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber
+eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.</p>
+
+<p>Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht
+leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu
+verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch
+Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch
+fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig
+der Wahrheit entspricht.</p>
+
+<p>Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Hühnervögeln ein
+vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie
+wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende
+Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen
+ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante
+Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele
+Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf
+ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils
+im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen
+anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion
+der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße
+hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig
+wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging,
+durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste
+hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen,
+plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden,
+um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren
+gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen,
+ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese
+Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie
+geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden
+zu schützen wissen.«</p>
+
+<p>Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes,
+wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum
+Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen,
+der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die
+Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu
+verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann
+hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.</p>
+
+<p>Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der
+»Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug
+ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer
+erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er
+nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet
+er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Wittern_die_Geier_Tierleichen">Wittern die Geier Tierleichen?</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in
+Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt.
+Bereits <em class="gesperrt">Plutarch</em> schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des
+Aases nach.« <em class="gesperrt">Plinius</em> fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen
+sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso
+berichtet <em class="gesperrt">Älian</em>: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und
+Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den
+Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote
+gibt.«</p>
+
+<p>Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst
+wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen
+besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen
+Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher
+annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind,
+und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben
+sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver
+versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die
+selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig
+fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese
+Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.</p>
+
+<p>Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck
+macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum
+gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer
+Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus
+dem nachstehenden ergeben wird.</p>
+
+<p>Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe <em class="gesperrt">Lenz</em>:
+»Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die
+Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen,
+wenn sie Beute suchen.«</p>
+
+<p>Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers
+bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der
+Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn
+der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> und
+Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den
+Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen
+Beobachter existiert.</p>
+
+<p>Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die
+Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen
+ist. Dort führe ich auch an, daß bereits <em class="gesperrt">Brehm</em> bestreitet, daß
+die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren
+wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.</p>
+
+<p>Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht
+orientieren, kommt neuerdings A. E. <em class="gesperrt">Bayer</em> in »Hundesport und
+Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten
+angestellt wurden.</p>
+
+<p>»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt <em class="gesperrt">Georg Byam</em>,
+der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt
+hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare
+Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich
+möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der
+festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt
+werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder
+vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich
+verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig
+unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen
+gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher
+der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält
+sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in
+die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes
+Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der
+es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen
+Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell
+und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle
+anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem
+sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der
+Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht
+bemerkt haben. Ich glaube, es ist <em class="gesperrt">Waterton</em>, der erzählt, daß er
+einst ein totes Tier sorgfältig<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> unter Bäumen und Büschen verborgen
+hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer
+Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht,
+aber vielleicht war es Herrn <em class="gesperrt">Waterton</em> unbekannt, daß die Geier
+die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines
+Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein
+Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten
+können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen
+Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern
+überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum
+waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch
+schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde
+vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht
+ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in
+den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde
+erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war,
+begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in
+kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die
+der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das
+Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich
+habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier
+in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet
+und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu
+welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick,
+während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in
+unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die
+Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den
+Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«</p>
+
+<p>Zu demselben Resultat kommt Sir <em class="gesperrt">Samuel Baker</em> durch die reichen
+Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man
+hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn
+oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich
+habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es
+auch keine Frage sein kann,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin
+ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer
+großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern,
+verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen
+Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht
+wesentlich beeinträchtigen.«</p>
+
+<p>»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein
+interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten
+Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt,
+daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes
+gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach
+unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie
+näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im
+dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es
+selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer
+Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter
+Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie
+sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«</p>
+
+<p>»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube,
+daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige
+Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem
+menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten
+Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit
+Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die
+Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie
+von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen,
+daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein
+Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches
+Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht
+ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt
+auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln,
+so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu
+und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem
+Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des
+Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und
+nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen
+läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen
+hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich
+auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht
+ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber
+kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und
+nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals
+gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen
+und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die
+Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der
+großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein
+Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier
+herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige
+Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die
+Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen
+lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel
+herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise
+über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich
+aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint
+der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und
+die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir
+uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern
+und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln
+zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem
+Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen
+und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den
+ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu
+Sin‹ — (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist
+angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem
+langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den
+Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste,<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
+ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor
+ihm einen Vorsprung.«</p>
+
+<p>Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht
+dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel
+überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen,
+was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen
+Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen.
+Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen,
+umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt.
+Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in
+unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.</p>
+
+<p>Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst
+den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier
+unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den
+Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet
+Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen
+außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und
+verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück
+rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich
+auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«</p>
+
+<p>Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes
+Fleisch halten?</p>
+
+<p>Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten
+Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den
+Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann
+erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:</p>
+
+<p>»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend,
+den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der
+Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese
+Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung
+haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was
+bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte
+Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze
+Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich
+dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> fuhr über mich dahin,
+und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers,
+der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter
+folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann
+über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das
+Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten
+sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und
+für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«</p>
+
+<p>»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach,
+überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann
+eiligst davon.«</p>
+
+<p>Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz
+allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen
+Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen
+Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler
+näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese
+Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Die_Schnepfe_als_angeblicher_Mediziner">Die Schnepfe als angeblicher Mediziner.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine
+Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete
+Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn
+angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht.
+Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster
+oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann
+die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden.
+Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre
+Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich
+hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen
+Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.</p>
+
+<p>Dr. <em class="gesperrt">Quistorp</em> schreibt nämlich folgendes:</p>
+
+<p>»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder <em class="gesperrt">Müller</em> Zweifel geäußert
+an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene
+Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich
+nicht im Besitze<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst
+erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen
+Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert <em class="gesperrt">Imgo</em>, sandte;
+sonst würde ich die Herren <em class="gesperrt">Müller</em> sicherlich von der Richtigkeit
+obiger Ansicht überzeugt haben.«</p>
+
+<p>»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich
+am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit
+zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche
+ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken
+Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil
+des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum
+nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und
+zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe
+jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst
+krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und
+totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich
+zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen
+Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn
+umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande
+befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen,
+fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur
+kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr <em class="gesperrt">v.
+Homeyer-Wrangelsberg</em> sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit
+vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«</p>
+
+<p>»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen
+regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber
+nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des
+Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem
+Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«</p>
+
+<p>Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl
+<em class="gesperrt">Müller</em> ist dagegen folgende:</p>
+
+<p>»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den
+›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen
+Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man
+durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Stellen der
+Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde
+geschlungen waren.«</p>
+
+<p>»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger
+Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung
+übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um
+die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen
+Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung — und sie mußte leider
+auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen —
+zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten,
+und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und
+die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der
+bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer
+sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, — welche Eigenschaft
+wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren
+beobachteten — tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in
+unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich.
+Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung
+eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und
+zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend
+nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der
+Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom
+Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund
+um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet.
+Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue
+Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener
+Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen
+natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt
+sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation
+und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine
+Baumlerche (<span class="antiqua">Alauda arborea</span>) hat uns dies in der Gefangenschaft
+zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar
+vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der
+größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des
+Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer
+gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht
+sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe
+nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent
+anerkennen, wo keines vorhanden ist.«</p>
+
+<p>Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder <em class="gesperrt">Müller</em>, hat auch kürzlich
+ein Herr <em class="gesperrt">Schlabitz</em> verteidigt, indem er behauptet, auch an den
+Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von
+selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den
+Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort
+ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen
+werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr <em class="gesperrt">Schlabitz</em> an einem Uhu
+beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am
+oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht.
+Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu
+behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte
+er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne
+verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte
+feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte,
+sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort
+an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann
+fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit
+beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen
+und sonstige Raubvögel kröpfte.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Sichtotstellen_als_Rettungsmittel">Sichtotstellen als Rettungsmittel.</h2>
+</div>
+
+
+<p>In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen
+als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in
+der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären
+früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren
+als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe
+auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben
+kann.</p>
+
+<p>In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich
+dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein
+anderer in der Nase<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> hat. Im westlichen Europa kamen in früheren
+Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in
+Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze,
+einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf
+der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende
+Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein
+Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht
+werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.</p>
+
+<p>Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender
+niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der
+Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der
+Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder
+ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.</p>
+
+<p>Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine
+Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist.
+Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das
+stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines
+Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen
+Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur
+eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er
+weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann.
+Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert,
+folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei
+einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der
+Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines
+Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte
+Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede
+Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor
+Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die
+beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein
+Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des
+Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der
+Trauer abgewendet haben sollen.</p>
+
+<p>Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> äußerlich so hinlegen
+können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen,
+daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können.
+Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.</p>
+
+<p>Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt
+erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen.
+Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung,
+daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann
+doch nicht der geringste Zweifel bestehen.</p>
+
+<p>Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder
+wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür
+verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro
+einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen
+kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.</p>
+
+<p>Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß
+selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste
+Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm — ebenso
+wie der Fuchs — »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für
+Aas hat.</p>
+
+<p>Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten
+seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom
+Luchse schreibt neuerdings Baron <em class="gesperrt">v. Staël-Holstein</em> in »Wild und
+Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang
+gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen
+Afrikareisenden gern an Aas, und <em class="gesperrt">Selous</em> erklärt ausdrücklich,
+der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.</p>
+
+<p>Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel
+kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder,
+gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten
+würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort
+erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.</p>
+
+<p>So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller
+dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen
+Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in
+der erwähnten<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn
+der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich
+wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei
+Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.</p>
+
+<p>Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich
+Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das
+folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust
+sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf
+findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn
+ruhig liegen, <em class="gesperrt">so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil
+er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch
+lebendig ist</em>. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten
+Raubtiere den Menschen — und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier
+kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen
+(vgl. S. 19).</p>
+
+<p>Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und
+nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen
+angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es
+denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der
+sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie
+fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht
+vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war
+also für ihr Verhalten bestimmend.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Das_Wiedererkennungsvermogen_bei_Menschen_und_bei_Tieren">Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der
+Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern
+recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders
+gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche
+regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner
+Zeitung lesen konnte:</p>
+
+<p>Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als
+den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen
+verdächtig gemacht hatte.</p>
+
+<p>Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> in der Rekognoszierung
+von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen
+beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird
+auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer
+solchen Angabe Glauben schenken.</p>
+
+<p>Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines
+Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des
+Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.</p>
+
+<p>Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung
+des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im
+Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt <em class="gesperrt">Plutarch</em>
+beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere
+marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten
+bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon
+drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen
+zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber
+mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer
+gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der
+Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich
+aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut
+an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem
+Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl
+erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld
+hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. —</p>
+
+<p>Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche
+Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen
+philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als
+das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten
+diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also
+die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß
+beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf
+das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. — Ist diese
+Deduktion zutreffend?</p>
+
+<p>Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem
+Vortrag zuhörte, den Dr. <em class="gesperrt">Heinroth<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></em>, langjähriger Assistent
+unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an
+gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das
+Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel
+folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind,
+unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar
+von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter
+verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen
+Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen
+und eventuell getötet.</p>
+
+<p>Dr. <em class="gesperrt">Heinroth</em>, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner
+ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm
+jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig
+Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es
+sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle
+ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande,
+gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe
+jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer
+Sicherheit fertig.</p>
+
+<p>Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen
+des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:</p>
+
+<p>Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem
+Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich
+ihm ganz widmen kann.</p>
+
+<p>Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das
+Tier unvernünftig? S. 78.</p>
+
+<p>Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich
+überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren
+lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände,
+so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in
+Südwestafrika erlitten.</p>
+
+<p>Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt
+unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre
+Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen
+ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern
+begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt
+wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> jedoch sofort die
+Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die
+meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder
+oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der
+das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein
+Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt
+noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.</p>
+
+<p>Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon
+wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist
+mir im Gedächtnis geblieben.</p>
+
+<p>Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund
+geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen
+recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.</p>
+
+<p>Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die
+Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie
+bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.</p>
+
+<p>Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte,
+zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie
+in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es
+nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher
+aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen
+erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie
+schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen.
+Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen
+nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des
+Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte
+es plötzlich auf.</p>
+
+<p>Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in
+der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung,
+und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort
+wohnte, angekommen war.</p>
+
+<p>Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung
+vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit
+ihren Augen ähnliches leistet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht
+für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw.
+ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese
+Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich
+niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich
+ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.</p>
+
+<p>Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden
+sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder
+Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln
+sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls
+ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der
+Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner — er
+wirft sich dann auf den Rücken —, wenn das schärfste Menschenauge noch
+nichts wahrzunehmen vermag.</p>
+
+<p>Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind,
+ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie
+verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme
+folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten
+abspielte, wo viele Wildenten brüten.</p>
+
+<p>Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich
+begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten.
+Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine
+kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte
+weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte,
+kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die
+eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.</p>
+
+<p>Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten
+dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der
+Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den
+schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei,
+die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere
+irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben
+gesehen.</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Anhang">Anhang<br>
+<span class="s5 center">Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher.</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich
+stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der
+Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« — Sodann
+aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er
+sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls
+eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes
+bemerken:</p>
+
+<p>Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst
+bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine
+einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In
+den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm
+findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst
+noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig
+bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von
+Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines
+Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. <span class="antiqua">Dr.</span> Schäff,
+Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings
+veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal
+Stellung genommen — sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt
+sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner
+Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist,
+im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben,
+daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet,
+daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten
+Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine
+Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war —
+oder bekämpfen sie vereinzelt sogar!</p>
+
+<p>Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich
+habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann,
+Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir
+im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als
+erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen
+anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und
+von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind.</p>
+
+<p>Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche
+steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil — ich gebe ohne weiteres
+zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen.
+Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren
+Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen
+usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: <em class="gesperrt">Bei den höher organisierten
+Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.</em> Bei den Fledermäusen
+wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die
+Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der
+leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann
+man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen
+hätten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner
+Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der
+ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets
+erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht,
+daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch
+hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang
+von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich
+in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen
+die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76)
+von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese
+Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren
+Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen
+den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten
+entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus.</p>
+
+<p>Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen
+Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen
+weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem
+Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit
+behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt
+habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist
+möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben
+wird mir niemand absprechen können.</p>
+
+<p>Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt
+einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde
+Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus
+Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine
+Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die
+bereits ein dummer Junge widerlegen kann? — Weil sie der Herr Kritiker
+selbst nicht angeben kann!</p>
+
+<p>Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches
+feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang
+durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen
+Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher
+wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt,
+daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen
+Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe.
+Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß
+bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt
+wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle
+sei. In Wirklichkeit stammt sie aus — Brehm, der ausdrücklich an zwei
+Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204).
+Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher
+besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben.</p>
+
+<p>Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus
+Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich
+veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger
+hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p>Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen
+einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß
+für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe
+ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe
+berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern
+anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen
+Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner
+nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen
+gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren
+seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen.
+Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische
+Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen,
+verbietet mir meine Erziehung.</p>
+
+<p>Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues.
+Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur
+Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben,
+und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war,
+verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich
+gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung
+und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche
+Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute — mehr als
+sechs Monate seit ihrem Erscheinen — mit keiner Silbe besprochen.
+Das läßt tief blicken — würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche
+Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend
+beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung
+eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt.</p>
+
+<p>Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten
+hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber
+den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender
+Mittel:</p>
+
+<p>1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird
+er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen
+Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben
+war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich
+nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund
+gesehen.</p>
+
+<p>2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So
+wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich
+(S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw.</p>
+
+<p>3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und
+Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß
+ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so
+kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als
+hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings
+und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist,
+ebenfalls kurzsichtig — und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade
+— und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich
+wohlweislich verschwiegen. Habe ich <em class="gesperrt">eine</em> Beobachtung vom
+Fenster aus gemacht, so habe ich<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> sie <em class="gesperrt">öfter</em> von dort aus
+gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem
+ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere
+mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn
+unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase
+keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören.</p>
+
+<p>4. Er stellt die unsinnigsten und unwahrsten Behauptungen auf, die er
+auf späteren Seiten wieder vergessen hat. So heißt es gleich im Anfang,
+daß es keine Schöpfungskrüppel gibt, daß die Natur den Kreaturen
+überreichlich Mittel und Waffen gegeben hat, um den Existenzkampf
+zu führen (S. 11 u. 30). Jeder, der eine Spur Logik besitzt, wird
+hiergegen einwenden, wie es unter diesen Umständen möglich sei, daß ein
+Pflanzenfresser von einem Raubtiere erbeutet werden könnte. Auf S. 60
+heißt es aber im vollsten Widerspruch damit, daß Rinder und Fische nur
+2 Sinne, ja die Eule nur einen hervorragenden Sinn besitzen, ferner auf
+S. 49, daß die Katzen schlecht wittern können.</p>
+
+<p>Ferner lesen wir gleich im Eingang auf S. 11 den Grundgedanken
+(wiederholt auf S. 60 und 80), daß die Sinnesorganisation des Tieres
+genau der dem Menschen verliehenen Ausrüstung entspricht. Hieraus geht
+hervor, daß R. nicht die elementarsten Kenntnisse in der Tierkunde
+besitzt. Ich will hier nur die Fledermäuse anführen, also Säugetiere,
+die dem Menschen sehr nahe stehen. Bei Brehm (2. Aufl. Bd. 1 S. 286)
+heißt es, daß einige Arten besonders kleine Augen haben und diese so
+unter dichten Gesichtshaaren versteckt stehen, <em class="gesperrt">daß sie unmöglich dem
+Zwecke des Sehens entsprechen können</em>. Schon vor vielen Jahrzehnten
+hat man festgestellt, daß Fledermäuse, denen man die Augen zuklebte,
+trotzdem den feinsten Fäden auswichen, daß sie sich also durch ihr
+feines Tastgefühl orientieren, während ihr Sehvermögen fast null
+ist. Im »Zoologischen Garten« sind mehrfach Fälle angeführt, wonach
+vollständig erblindete Fledermäuse gefangen wurden, die sich trotzdem
+in gutem Nährzustande befanden. Man stoße einen blinden Menschen in die
+Wildnis, wo Feinde lauern, und überlasse ihn seinem Schicksal. Nach
+wenigen Tagen dürfte er ausgelitten haben. Von dem Blindmull (<span class="antiqua">talpa
+caeca</span>), der Blindmaus (<span class="antiqua">mus typhlus</span>) usw., scheint R.
+niemals etwas gehört zu haben. Und ein »Kritiker«, dem die einfachsten
+Kenntnisse der heimischen bezw. europäischen Tierwelt fehlen, beurteilt
+ein Buch, das die Kenntnis der gesamten Tierwelt voraussetzt.</p>
+
+<p>5. R. betont, daß er nur eigene Beobachtungen bringe. So heißt es
+auf S. 61: Alles, was ich gebe, ist durchaus selbst erlebt. Da
+selbst ein Niedick, der in 5 Erdteilen gejagt hat, eine Unmenge
+Tiere niemals aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, so ist es
+selbstverständlich ein Unding, daß ein einzelner Mensch alle Tiere in
+der Wildnis genügend beobachtet hat. Nebenbei bemerkt, kosten solche
+Reisen ein ganzes Vermögen und viele Jahre. Ich nehme also von R. an,
+daß er nur die wenigen Tiere der Heimat kennt bezw. zu kennen glaubt,
+und daß er niemals außerhalb Deutschland gejagt hat. Selbst auf den
+Redaktionen wußte man nichts davon. Da R. allein über die Fährten
+zweier versprengten Wölfe seitenlang berichtet, so muß<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> man bei seiner
+Weitschweifigkeit annehmen, daß er über einen erlegten Bären mindestens
+ein ganzes Werk geschrieben hätte.</p>
+
+<p>Auf S. 187 gebe ich ein Verzeichnis der Augen- und Nasentiere.
+Hierzu schreibt der »Kritiker« (S. 29): »Tierkundige mögen sich an
+diesem Verzeichnis prüfen.« Hier gibt R. freimütig zu, daß er zu den
+Tierkundigen nicht gehört.</p>
+
+<p>Es ist doch wirklich eine unerhörte Leistung, daß R. die ausländischen
+Tiere in der Freiheit nicht kennen gelernt hat und trotzdem
+apodiktische Urteile über sie abgibt. Der Leser urteile selbst darüber.
+Ich führe ca. 20 Tiere mit schwachem Gesicht an, bei sechs gebe ich
+sogar die Urteile wortgetreu von bekannten Autoritäten an, z. B. bei
+Elefant und Bison. Brehm, Haacke-Kuhnert und v. Wißmann erklären z.
+B. das Auge des Elefanten für schwach. R. dagegen erklärt (S. 24):
+»Alle diese Tiere haben ein vortreffliches Gesicht.« Nun ist zweierlei
+möglich. Entweder muß R. erklären, ich weiß es besser, da ich mehr
+Elefanten geschossen habe, als alle diese Herren zusammengenommen. Das
+ist sicherlich nicht wahr. Denn sonst würde er nicht bloß erzählen, daß
+er einen Elefanten im Zoologischen Garten beobachtet hätte (S. 62).
+Oder er besitzt die eherne Stirn, hier, wie so häufig, uns Jägerlatein
+vorzutragen und, ohne selbst Elefanten gejagt zu haben, diese
+Autoritäten zu bezichtigen, unrichtige Angaben gemacht zu haben.</p>
+
+<p>Ich hätte ja noch viel mehr Leute nennen können, die genau Elefanten
+kennen und ausdrücklich hervorheben, daß ihr Auge schwach sei, z.
+B. Schillings (Mit Blitzlicht und Büchse, S. 125 u. S. 141). Ein
+Jäger hat doch gewiß kein Interesse daran, das Auge eines erlegten
+Ungetüms als schlecht zu bezeichnen. Das mindert doch augenscheinlich
+seinen Jägerruhm. Tut er es trotzdem, so kann man ihm doch unbedingt
+glauben. Gerade Schillings schildert den Elefanten als ein besonders
+gefährliches Wild (S. 159). Nebenbei bemerke ich, daß dieser kühne
+Afrikareisende sofort die Unterscheidung von Augen- und Nasentieren
+übernommen hat (S. 235), auch neue Beispiele für das Zusammenwirken
+beider anführt (Giraffe und 2 Elefanten S. 126). Ferner hat er auch den
+Ausdruck »Post der Tiere« akzeptiert, man vergleiche Post des Nashorns
+S. 175, Post des Nilpferdes S. 209. R. hingegen schreibt über die Post
+der Tiere (S. 78): Meine Ausführungen sind »so überwältigend, daß ich
+sie dringend zum Studium empfehle«. — Jedes weitere Wort ist wohl
+überflüssig.</p>
+
+<p>Bei dem Bison hätte ich für das schwache Gesicht außer Brehm noch den
+Präsidenten Roosevelt anführen können, der ein hervorragender Jäger
+ist und eigenhändig Bisons erlegt hat. Auch hier erklärt R., daß er
+vortrefflich sieht. Also R. hat auch in Amerika — oder auf dem Monde?
+— Bisons gejagt und mehr geschossen als die gedachten Herren!</p>
+
+<p>Überhaupt sind die Urteile, die R. über ausländische Tiere abgibt,
+geradezu haarsträubend, so daß man darin bestärkt wird, er redet
+lediglich vom Hörensagen. Einige Beispiele seien noch angeführt. Gegen
+meine Tigertheorie (Abneigung des Stieres gegen rote Farbe), macht er
+in der Deutschen Jägerzeitung (Bd. 44 S. 38) folgendes geltend: »Im
+übrigen geht auch das stärkste Tier<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> nie auf einen Tiger los, sondern
+flüchtet vor ihm, solange es kann.« Dasselbe sagt er S. 15.</p>
+
+<p>Daß in Wirklichkeit die Wildbüffel den Tiger oft angreifen, weiß
+der geneigte Leser aus den Streifzügen S. 39. v. Wißmann hat selbst
+beobachtet, daß ein Kaffernbüffel sogar einen Löwen vom Fraße
+verscheuchte.</p>
+
+<p>Ebenda S. 5 heißt es: »Der Hund ist das intelligenteste und
+vielseitigste Tier. Der Affe erreicht ihn nicht im entferntesten.«</p>
+
+<p>Nur jemand, der sich niemals mit Affen beschäftigt hat, kann einen
+solchen Satz niederschreiben (vgl. Streifzüge S. 68).</p>
+
+<p>Bd. 40 S. 157 schreibt er, daß die Affen ihre Kinder oft aus Liebe
+ersticken, obwohl Brehm ausdrücklich erklärt, daß es in der Neuzeit
+niemals beobachtet sei (Bd. 1 S. 49). — Brehm erklärt die Affenbrücke
+für eine Fabel, R. ist anderer Ansicht (S. 87). Brehm sagt auf Grund
+eigener Beobachtungen, der Löwe brüllt, um die Herde zum Ausbrechen
+zu veranlassen, R. dagegen sagt: »Nein, er brüllt aus hocherregter
+Raubgier und im Vollgefühl seiner unbezwinglichen Kraft« (S. 13).</p>
+
+<p>Im Anschluß hieran möchte ich noch über eigene Beobachtungen folgendes
+bemerken. Wenn ich in einem Buche etwas beweisen will, so bin ich
+Partei und — wie in der Natur der Sache liegend — befangen. Ich habe
+deshalb nur solche Beobachtungen angeführt, die jeder nachprüfen kann.
+Es beweist etwas, wenn ich sage, v. Wißmann, Horn, Marshall u. a.
+sind der Ansicht, Vögel können nicht wittern. Dagegen ist es geradezu
+lächerlich, wenn R. dagegen anführt (S. 52), er und mehrere Zuschauer
+hätten gesehen, daß eine Amsel gewittert hätte. Wer waren denn die
+andern Personen?</p>
+
+<p>Kein Mensch kann, wie gesagt, alle Tiere in der Wildnis beobachtet
+haben, selbst ein Brehm hat trotz seiner Reisen in andern Erdteilen
+drei Viertel seiner Tierschilderungen andern Personen entlehnen
+müssen. Dagegen haben wir jetzt einen Vorzug, den frühere Zeiten nicht
+besaßen. Durch die zahlreichen Tierschilderungen haben wir jetzt das
+Mittel der gegenseitigen Kontrolle. Ferner ist es klar, daß verwandte
+Tiere verwandte Handlungen begehen. Ich möchte das an einem Beispiele
+klarmachen. In »Zwinger und Feld« (vgl. Februarheft des »Kosmos«
+II. S. XXIII) wird von einem Rebhuhn erzählt, das eine Verletzung
+vortäuschte und dadurch einen Fuchs von seinen Jungen fortlockte.
+Wer Tiere nicht kennt, wird als Skeptiker wahrscheinlich sagen: »Ja,
+weiß man denn, ob es wahr ist?« Liest er hingegen in meinem Buche das
+Kapitel: Verstellungskünste bei Vogeleltern und sieht, daß es sich hier
+um einen bei fast allen Vögeln, insbesondere den Erdbrütern, üblichen
+Kunstgriff handelt, so wird ihm die Sache ganz einleuchtend vorkommen.
+Andererseits müßte er ja annehmen, daß Männer wie Naumann, Brehm usw.
+sich vorgenommen hätten, ihren Lesern etwas vorzulügen und zufällig auf
+denselben Schwindel geraten wären.</p>
+
+<p>Das Mittel der gegenseitigen Kontrolle gibt mir sofort die Möglichkeit
+zu sagen, ob eine Tiergeschichte wohl wahrscheinlich sei oder nicht.
+Obwohl ich ferner diesen Grundsatz auch bei Autoritäten angewandt und
+mich fast immer auf solche berufen habe, ist es mir trotzdem selbst
+bei wohlwollenden Kritikern passiert,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> daß sie fragten: Ja, ist denn
+das alles wahr, was Zell erzählt? Das kommt also vor, obwohl ich
+fortwährend die Autoritäten nenne, auf die ich mich berufe. — Ich muß
+demnach meine Methode der Beweisführung für die allein richtige halten.</p>
+
+<p>Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu den Tieren mit schwachen
+Augen zurück, die es angeblich nach Rothe nicht gibt. So hätte ich —
+wäre ich jemals auf den Gedanken gekommen, daß es bezweifelt würde —
+noch eine größere Anzahl von Tieren mit schwachem Gesicht und eine
+größere Anzahl von Autoritäten, die mir recht geben, anführen können.
+Da aber z. B. bei der Spitzmaus die alten Römer bereits ein Sprichwort
+hatten (vgl. S. 63), so hielt ich es für unmöglich, daß solche
+Tatsachen in Deutschland »widerlegt« werden und zwar dadurch, daß ein
+»Kritiker« erklärt, diese Tiere sehen sehr gut.</p>
+
+<p>Wegen des Hundes wollte ich noch anführen, daß der Sachverständige
+für die Deutsche Jäger-Zeitung, <span class="antiqua">Dr.</span> Ströse, Verfasser des
+Werkes: »Unsere Hunde«, bereits 1892 daselbst (Bd. II, S. 66 ff.),
+was mir damals noch nicht bekannt war, ausführlich nachweist, daß der
+Hund schlecht sieht. Wer das behauptet, ist nach R. (vgl. S. 40) ein
+Ignorant. Also die Deutsche Jäger-Zeitung, deren Mitarbeiter R. ist,
+hält sich zum Sachverständigen einen Ignoranten — glücklicherweise
+nur nach R.s Ansicht, während andere Tierkundige <span class="antiqua">Dr.</span> Ströse
+vollkommen recht geben.</p>
+
+<p>Selbst von Hunden versteht also Forstmeister R. trotz 60jähriger
+Beobachtung nichts.</p>
+
+<p>Hinsichtlich der Pferde wollte ich bemerken, daß mir eine Autorität
+auf diesem Gebiete, der gerichtliche Sachverständige für Pferde, Major
+Schoenbeck, sowie zahlreiche Kavallerieoffiziere vollkommen recht
+gegeben haben.</p>
+
+<p>6. Am ergötzlichsten ist die Anmaßung, daß R., der fortwährend
+betont, er habe sich im Freien herumgetrieben, trotzdem über meine
+Homerabhandlungen absprechend urteilt (S. 80). War er in Feld und
+Flur, dann kann er keine Homerstudien getrieben haben. Es ist ja nur
+charakteristisch für diesen »Kritiker«, daß er fortwährend über Dinge
+urteilt, die er nicht versteht.</p>
+
+<p>7. Ein Eckstein meiner Beweisführung ist der Windhund, der nach
+<em class="gesperrt">Brehm</em> gut äugt, aber schlecht wittert. Hier war R., der sonst
+das Unglaublichste behauptet, mit seinem Jägerlatein zu Ende, denn dem
+Leser zu erklären, das ist unwahr, der Windhund wittert vorzüglich, wie
+er das bei anderen Tieren tut, schien ihm zu riskant. Wie widerlegt
+er nun die meine Theorie überzeugend beweisende Tatsache, daß ein
+ausnehmend gut sehender Hund dafür ausnehmend schlecht wittert? Man
+lese (S. 24): »Es ist vom Windhund die Rede.« Das ist alles, was er zu
+sagen hat.</p>
+
+<p>8. Die tollste Leistung ist jedoch folgende. Während er in seiner
+Gegenschrift mit dem Brustton der Überzeugung erklärt, daß es
+Schöpfungskrüppel nicht gebe, hat er zwei Jahre früher in der Deutschen
+Jäger-Zeitung einen Artikel über die Seele der Tiere veröffentlicht
+(Bd. 40, S. 107 ff.), der genau das Gegenteil sagt, denn z. B. heißt
+es vom Hunde (S. 124), daß sein Auge Einzelheiten nicht erkennt (worin
+eben das Wesen des schwachen Gesichts besteht). Ferner berichtet
+er vom Wildschweine<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> (S. 427), daß sein Gesicht außerordentlich
+schwach sei! Für Zweifler führe ich die Stelle wörtlich an: »Bei
+einer Wildart jedoch glaube ich mich überzeugt zu haben, daß <em class="gesperrt">das
+Gesicht ganz außerordentlich schwach ist</em>, nämlich bei den Sauen.
+Oft zog Schwarzwild nahe an mich heran, namentlich auch Bachen mit
+Frischlingen, obwohl ich der Beobachtung halber auf Deckung verzichtet
+hatte« usw. Also nachdem eine »Vorsehung« — wie er äußert — (vgl. S.
+8) ihn 57 Jahre lang Tiere beobachten ließ, kam er zu dem Resultate,
+daß manche schlecht sehen. Drei Jahre später ist das schon völliger
+Unsinn. Und zwar liegt hier kein Versehen oder Mißverständnis vor, denn
+er setzt auf mehreren Seiten (54 ff.) auseinander, daß das Schwarzwild
+gut sieht. Früher sah der Hase bei Mondschein gut, was auch meine
+Ansicht ist, da alle schwachsichtigen Tiere in der Nacht wegen ihrer
+großen Pupillen mindestens ebensogut sehen wie der Mensch, der wie die
+Tagvögel und Tagaffen ein Tagseher ist. Jetzt sieht der Hase plötzlich
+auch am Tage gut (S. 46). Dabei handelt es sich um die bekanntesten
+heimischen Tiere. — Welche Meinung wird er einige Jahre später in
+die Welt als die allein richtige ausposaunen? — Diese Proben von
+dem »Kritiker« R. dürften wohl genügen, sonst stehe ich mit weiteren
+Mitteilungen zur Verfügung.</p>
+
+<p>Mancher Leser dürfte darüber erstaunt sein, daß ich diese Entgegnung
+nicht früher veröffentlicht habe. Darauf kann ich nur erwidern,
+daß ich Wichtigeres zu tun habe. So habe ich inzwischen eine Reihe
+interessanter Arbeiten veröffentlicht, z. B. die Entstehung der
+Rechtshändigkeit, den Ursprung des Werwolfs- und Gorgonenmythus, die
+Wünschelrute usw. Andere große Arbeiten harren dagegen noch immer der
+Erledigung. So wollte ich bereits seit Jahren ein umfangreiches Werk
+über die Homermythen veröffentlichen, bin jedoch noch immer nicht dazu
+gekommen. Ebenso tut es mir sehr leid, daß eine Menge von Zuschriften
+wegen Zeitmangels noch immer nicht erledigt werden konnte.</p>
+
+<p>Ihre Beantwortung wäre mir um vieles angenehmer gewesen als diese
+Entgegnung, was mir wohl jeder Leser ohne weitere Versicherung glauben
+wird. Nur mit Widerwillen habe ich mich mit einem Gegner befaßt, dessen
+Kampfmethoden ich soeben geschildert habe, der namentlich hin und her
+schwankt und heute etwas für Unsinn erklärt, wofür er vor einiger
+Zeit selbst eingetreten ist. — Brehm schreibt von der in Südeuropa
+hausenden Blindmaus, also einem Säugetier, einem Nager, der gewiß
+ein scharfes Auge zum Schutze gegen seine Feinde nötig hätte, da er
+sich gern sonnt (Bd. II, S. 399): »Die Augen haben kaum die Größe
+eines Mohnkorns und liegen <em class="gesperrt">unter der Haut</em> verborgen, <em class="gesperrt">können
+also zum Sehen nicht benutzt werden</em>.« Hiermit vergleiche man
+R.: »Die Tiere sind überreichlich mit Mitteln und Waffen versehen,
+Schöpfungskrüppel gibt es nicht, die Sinnesorganisation der Tiere ist
+genau dieselbe wie die der Menschen« usw. — Würde die Bezeichnung
+»Geschwätz« für diese Behauptungen nicht eine große Schmeichelei sein?</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="p4 s2"><b>Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!</b></p>
+<p>Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir</p>
+<p class ="s2 center"><b><em class="gesperrt">alle Naturfreunde</em></b></p>
+<p class="p0">jeden Standes sowie alle <i>Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw.</i>
+ein. — Außer dem geringen</p>
+
+<p class="s2 center"><i>Jahresbeitrag von nur M 4.80</i></p>
+<p class="s5 center">(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post
+Porto besonders.)</p>
+
+<p>= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied <b>keinerlei</b>
+Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende <i>große Vorteile
+geboten</i>:</p>
+<p>Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren
+Jahresbeitrag im Jahre 1912 <b>kostenlos</b>:</p>
+
+<div class="hang">
+<p>I. <b>Die Monatschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.</b>
+<span class="s5">reich illustr. Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes) Preis
+für Nichtmitglieder M 3.—.</span></p>
+<p>II. <b>Die ordentlichen Veröffentlichungen.</b>
+<span class="s5">Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.— pro Band.</span></p>
+</div>
+
+<div class="hang2">
+<p><b>Ch. Gibson-H. Günther, Was ist Elektrizität?</b></p>
+<p><b>Dr. F. Dannemann, Wie unser Weltbild entstand.</b></p>
+<p><b>Dr. K. Floericke, Kriechtiere und Lurche fremder Länder.</b></p>
+<p><b>Prof. Dr. K. Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge.</b></p>
+<p><b>Dr. A. Koelsch, Die Erschaffung der Seele.</b></p>
+
+<p class="s5 center">Änderungen vorbehalten.</p>
+
+<p>III. <b>Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
+naturwissenschaftlichen Werken</b> (siehe Seite 7 des Prospektes).</p>
+
+<p class="center">▖▗</p>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="illu-097" src="images/illu-097.jpg" alt="handzeichen">
+</div>
+
+<p class="s5"><em class="gesperrt">Jede Buchhandlung</em> nimmt Beitrittserklärungen entgegen
+und besorgt die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die
+Geschäftsstelle des Kosmos in Stuttgart.</p>
+<p class="center">▖▗</p>
+<p class="center"><b>Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.<br>
+Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.</b></p>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 center"><b>===Satzung===</b></p>
+
+<div class="hang2">
+<p>§ 1. <b>Die Gesellschaft Kosmos</b> (eine freie Vereinigung der Naturfreunde
+auf geschäftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis
+der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das
+Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres
+Volkes verbreiten.</p>
+
+<p>§ 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die
+Herausgabe eines den Mitgliedern <b>kostenlos</b> zur Verfügung
+gestellten naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch Herausgabe
+neuer, von hervorragenden Autoren verfaßter, im guten Sinne
+gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie
+ihren Mitgliedern <b>unentgeltlich</b> oder zu <b>einem besonders
+billigen Preise</b> zugänglich macht, usw.</p>
+
+<p>§ 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden
+Ausschuß, den Vorstand usw.</p>
+
+<p>§ 4. <b>Mitglied kann jeder werden</b>, der sich zu einem
+Jahresbeitrag von M 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto)
+verpflichtet. Andere Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung
+angegeben sind, erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann
+jederzeit erfolgen; bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der
+Austritt ist gegebenenfalls bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen,
+womit alle weiteren Ansprüche an die Gesellschaft erlöschen.</p>
+
+<p>§ 5. Siehe vorige Seite.</p>
+
+<p>§ 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der <b>Franckh'schen
+Verlagshandlung, Stuttgart</b>, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften,
+Sendungen und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine
+Buchhandlung Erledigung finden konnten, dahin zu richten.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 center">⯀ ⯀ <b>Kosmos</b> ⯀ ⯀</p>
+
+<p class="s3 center">Handweiser für Naturfreunde</p>
+<p class="center">Erscheint jährlich zwölfmal — 2 bis 3 Bogen stark —<br>
+und enthält:</p>
+
+<div class="hang2">
+<p><b>Originalaufsätze</b> von allgemeinem Interesse aus sämtlichen
+Gebieten der Naturwissenschaften. Reich illustriert.</p>
+<p><b>Regelmäßig orientierende Berichte</b> über Fortschritte und neue
+Forschungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.</p>
+<p><b>Auskunftsstelle — Interessante kleine Mitteilungen.</b></p>
+<p><b>Mitteilungen über Naturbeobachtungen</b>, Vorschläge und Anfragen
+aus dem Leserkreise.</p>
+<p><b>Bibliographische Notizen</b> über bemerkenswerte neue Erscheinungen
+der deutschen naturwissenschaftlichen Literatur.</p>
+</div>
+
+<p>Dem »Handweiser« werden kostenlos beigegeben die illustr. Beiblätter:</p>
+<p>Wandern und Reisen ▪▪ Aus Wald und Heide ▪▪ Photographie und
+Naturwissenschaft ▪▪ Technik und Naturwissenschaft &nbsp;▪&nbsp;▪&nbsp; Haus, Garten und
+Feld&nbsp; ▪&nbsp;▪&nbsp; Die Natur in der Kunst &nbsp;▪&nbsp;▪&nbsp; Lesefrüchte.</p>
+<p class="s5 center">Der »Kosmos« allein kostet für Nichtmitglieder jährlich M 3.—.</p>
+
+<p class="center"><b>====Probehefte durch jede Buchhandlung oder direkt.====</b></p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<p>Im Jahre 1912 erhalten die Mitglieder außer der reichhaltigen
+Vereinszeitschrift (jährlich 12 umfangreiche, reich illustr. Hefte) die
+folgenden ordentlichen Veröffentlichungen kostenfrei:</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 center"><b>Wie unser Weltbild entstand</b></p>
+<p class="center">Eine Geschichte der Anschauungen über den Bau<br>
+des Weltalls vom Altertum bis zur Gegenwart.</p><br>
+
+<p class="s3 center">Von <b>Dr. F. Dannemann</b></p>
+<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen.</p><br>
+
+<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br>
+In Leinen gebunden M 1.80.</b></p>
+
+<p>Im Wandel des Weltbildes, also des Bildes, das sich die Völker,
+das sich die einzelnen Menschen vom Weltall machten, spiegelt sich
+die Geschichte der Menschheit selber wieder. Dannemann rollt diese
+Geschichte in scharf ineinandergreifenden Bildern in seinem Bändchen
+vor uns auf. Wir hören von den Anfängen der Wissenschaft bei Chaldäern
+und Ägyptern, stehen mit ihnen im heißen Wüstensand und starren empor
+zu den ewigen funkelnden Sternen. Die Astrologen wollen uns ihre
+Wunder glauben machen, aber die kühle Wissenschaft der Griechen jagt
+die Nebel von dannen, und wir sehen hier bereits Spuren der späteren
+reifen Erkenntnis auftauchen, die allerdings die Nebel der Zeit doch
+wieder verhüllen. Nieder geht die Wissenschaft im alten Rom und dann
+kommt das Mittelalter mit seinem tiefen Geistesschlaf, aus dem nur
+einzelne Gipfel, in lichter Morgensonne leuchtend, ragen. Giordano
+Bruno, der Dominikanermönch, schleudert mit mächtigem Schwunge die
+Sonne als Stern unter Sternen hinaus in den eisigen Raum. Er büßt
+auf dem Scheiterhaufen seine Verwegenheit, aber die Vielheit der
+Welten ist einmal ausgesprochen und damit die Sonderstellung der Erde
+erschüttert. Dann sitzt Galilei droben auf seiner Sternwarte und sieht
+die Monde des Jupiter leuchten und schwingen, und er erkennt die Erde
+als Sonnentrabant. <span class="antiqua">Eppur si muove</span> — und sie bewegt sich doch
+— so klingt das so bezeichnende, ihm zugeschriebene Wort, mit dem
+er seine Hoffnungen begräbt, hinaus in die Weite. Dann aber kommen
+Kepler, Kopernikus und Newton und mit ihnen die reine Mathematik, die
+strenge Rechnerin, die ihre Netze über das All wirft, einzufangen und
+zu berechnen, und so zu beweisen, was Denken und Forschen uns verriet.
+Von da ab geht's aufwärts und immer aufwärts. Licht über Licht flutet
+auf uns herein, und am Schluß stehen wir stolz vor dem Erreichten
+und demütig vor dem Unerforschlichen, das wir mit Goethes Wort ruhig
+verehren.</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 center"><b>Was ist Elektrizität?</b></p>
+<p class="center">Die Naturgeschichte eines Elektrons</p>
+<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Charles Gibson</b></span></p>
+
+<p class="center">Nach dem Englischen frei bearbeitet von <b>Hanns Günther</b></p>
+
+<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br>
+
+<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br>
+In Leinen gebunden M 1.80.</b></p>
+
+<figure class="figleft illowe15" id="illu-100">
+ <img class="w100" src="images/illu-100.jpg" alt="blitzeinschlag">
+</figure>
+
+<p>Was ist Elektrizität? Eine inhaltschwere Frage liegt in diesem Titel,
+eine Frage, an deren Lösung Jahrhunderte vergeblich gerätselt haben,
+weil sie den Forschern immer wieder unter der Hand entglitt. Das
+letzte Jahrzehnt, das beginnende 20. Jahrhundert erst hat die dunkle
+Pforte soweit erschlossen, daß wir langsam Licht zu sehen beginnen,
+wo vorher tiefer schwarzer Schatten war. Nach der heute geltenden
+Theorie erscheint uns Elektrizität als das wechselvolle Spiel winzig
+kleiner Teilchen, die man Elektronen nennt. Wie man sie fand, wie man
+ihr Wesen erkannte, wie sie schaffen und wirken, um uns zu dienen und
+zu helfen, das alles erzählt uns dieses kleine Bändchen — läßt es uns
+erzählen von einem Elektron selber, das aus der Schar seiner Genossen
+erwählt ward, uns sichere Kunde zu bringen von jenem neuen großen
+Reich. Die ganzen Wunder der Elektrik wachsen hier langsam vor unseren
+Augen empor; erst groß und mächtig und überwältigend, daß wir sie kaum
+erfassen können. Und dann plötzlich vertraut und verständlich, weil wir
+hinter ihre Ursachen sehen. Es ist ein Buch, das Gegenstücke hat in der
+Geschichte der Physik, <em class="gesperrt">aber es hat keine Vorläufer</em>, und darum
+wird es jedem Neues und Gutes bringen.</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 center"><b>Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge</b></p>
+<p class="center">Anfänge und Urformen der menschlichen Wirtschaft u. Organisation</p>
+<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Dr. Karl Weule</b></span></p>
+
+<p class="center">Direktor des Museums für Völkerkunde und<br>
+:: Professor an der Universität zu Leipzig ::</p>
+<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br>
+
+<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br>
+In Leinen gebunden M 1.80.</b></p>
+
+<p>Der »Kultur der Kulturlosen« und den »Kulturelementen« läßt
+der bekannte Ethnolog in diesem dritten Bändchen seiner Serie
+die Schilderung der Anfänge des menschlichen Wirtschafts- und
+Gesellschaftslebens folgen. Auch hier führt er uns aus dem
+Völkerleben der Vergangenheit und der Gegenwart eine solche Fülle
+der eigenartigsten und interessantesten Erscheinungen vor, daß es,
+wie immer, eine wahre Freude ist, unter der lebendigen Führung des
+Gelehrten zu sehen, nein zu erleben, wie der Primitive sich seinen
+Lebensunterhalt erkämpft, wie er anderseits des Lebens Annehmlichkeiten
+nach seiner Weise genießt, wie er fast überall zu einem wirklichen
+Handelsverkehr emporsteigt, zu dessen leichterer Abwicklung er sogar
+die seltsamsten Geldsorten erfindet, und wie er endlich den Raum durch
+bestimmte Verkehrsmittel zu besiegen gewußt hat. Noch fesselnder
+sind die Ausblicke auf die so vielumstrittenen Ausgangsformen der
+menschlichen Gesellschaft und deren Weiterbildung.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 center"><b>Kriechtiere und Lurche fremder Länder</b></p>
+<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Dr. Kurt Floericke</b></span></p>
+<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br>
+
+<figure class="figleft illowe18" id="illu-101">
+ <img class="w100" src="images/illu-101.jpg" alt="tierbild">
+</figure>
+
+<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br>
+In Leinen gebunden M 1.80.</b></p>
+
+<p>Die Kenntnis weniger Tierklassen hat in den letzten beiden Jahrzehnten
+so überraschende Fortschritte gemacht, wie diejenige der Kriechtiere
+und Lurche, wozu nicht nur die Erschließung fremder Länder, sondern
+namentlich auch das Erwachen und die überraschende Erstarkung der
+Terrarienliebhaberei beigetragen hat. In der Tat ist ja auch die
+bunte Fülle merkwürdiger oft geradezu abenteuerlich gestalteter
+Formen im Reich der Kaltblütler ganz dazu angetan, das Interesse des
+denkenden Naturfreundes in hohem Grade zu erregen. Dazu kommen noch die
+absonderlichen Lebensgewohnheiten dieser Tiere, die sich namentlich bei
+der Sorge für ihre Nachkommenschaft oft in ganz überraschender Weise
+äußern. Die »Kosmos«-Mitglieder werden es daher mit Freuden begrüßen,
+nunmehr auch über diese Tiergruppe aus der bewährten Feder Floerickes
+eine alle wichtigen Punkte umfassende und die interessantesten
+plastisch herausarbeitende Darstellung zu erhalten.</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 center"><b>Die Erschaffung der Seele</b></p>
+<p class="center">Von<span class="s3"> <b>Dr. Adolf Koelsch</b></span></p>
+
+<p class="center">Mit zahlreichen Abbildungen</p><br>
+
+<p class="center"><b>Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geheftet M 1.—<br>
+In Leinen gebunden M 1.80.</b></p>
+
+<p>Das lebende Wesen unterscheidet sich durch nichts so deutlich vom
+toten unbelebten Stoff als durch die Fähigkeit, sich Eindrücke und
+Erfahrungen einzuverleiben und so Empfindung und Gedächtnis, <em class="gesperrt">eine
+Seele</em> entstehen zu lassen. Alle die vielen Einflüsse, die die
+Umwelt in jedem Augenblick auf uns ausübt, gehen nicht verloren —
+sie wirken in allem Lebendigen weiter, und nicht nur im einzelnen
+Wesen, sondern in der langen Kette seiner Nachkommen. Dieses Tiefste
+und Wunderbarste, <em class="gesperrt">die Erschaffung der Seele</em> will das Büchlein
+in klarer, einfacher Weise vorführen, gestützt auf ein reiches
+Erfahrungsmaterial und zahllose Experimente. <em class="gesperrt">Das Geheimnis der
+empfindenden Seele, die langsam erweckt wird und sich entfaltet,
+das Geheimnis der Vererbung</em> wird an der Hand zahlreicher
+experimenteller Untersuchungen gezeigt.</p>
+
+<p class="p2 s4 center"><b>Die Naturwissenschaft fördert die Fähigkeit des Menschen, das Leben zu
+behaupten und sich Lebensgüter zu verschaffen!</b></p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p class="p0">Die Mitglieder des <em class="gesperrt">Kosmos</em> haben bekanntlich nach Paragraph 5 III
+das Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern
+angebotenen Bücher zu <em class="gesperrt">einem Ausnahmepreis</em> zu beziehen. Es
+befinden sich u. a. darunter folgende Werke:</p>
+</div>
+
+<table data-summary="Katalog">
+<tbody><tr>
+<td></td>
+<td class="tdr">Preis f. Nicht­mitgl.</td>
+<td class="tdr">Mit­glieder­preis</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Alt, ABC der Chemie</b></td>
+<td class="tdr">2.40</td>
+<td class="tdr">1.–</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.</b> Fein gebunden</td>
+<td class="tdr">1.80</td>
+<td class="tdr">1.50</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d. Niederjagd.</b> Geb.</td>
+<td class="tdr">4.50</td>
+<td class="tdr">2.90</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Ewald, Mutter Natur erzählt.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Ewald, Der Zweifüssler.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Fabre. J. H., Sternhimmel.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Fabre, J. H., Bilder a. d. Insektenwelt.</b>
+ I/II, III/IV. 2 Bde. geb. je</td>
+<td class="tdr">4.50</td>
+<td class="tdr">3.40</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Fabre, J. H., Blick ins Käferleben.</b> Broschiert</td>
+<td class="tdr">1.–</td>
+<td class="tdr">–.50</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">10.–</td>
+<td class="tdr">8.40</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+<td class="tdr">2.80</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.</b> Kart.</td>
+<td class="tdr">4.50</td>
+<td class="tdr">1.70</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Jahrbuch der Vogelkunde</b> II. Jahrgang. 1908</td>
+<td class="tdr">2.80</td>
+<td class="tdr">2.-</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.</b> Brosch.</td>
+<td class="tdr">1.–</td>
+<td class="tdr">–.50</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Leben der Pflanze.</b> Bd. I, II, III, IV, geb. je</td>
+<td class="tdr">15.–</td>
+<td class="tdr">13.50</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Lindemann, Die Erde.</b> Bd. I. Gebunden</td>
+<td class="tdr">9.–</td>
+<td class="tdr">8.–</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.</b> Geb.</td>
+<td class="tdr">3.–</td>
+<td class="tdr">1.90</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">13.60</td>
+<td class="tdr">12.20</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Schrader, Liebesleben der Tiere.</b> Broschiert</td>
+<td class="tdr">1.40</td>
+<td class="tdr">1.10</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.</b> Geb.</td>
+<td class="tdr">2.50</td>
+<td class="tdr">1.85</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Stevens, Frank, Die Reise ins Bienenland.</b> Geb.</td>
+<td class="tdr">3.-</td>
+<td class="tdr">1.85</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.</b> Geb.</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Thompson, E. S., Prärietiere und ihre Schicksale.</b> Fein geb.</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Thompson, E. S., Tierhelden.</b> Fein gebunden</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Wandtafeln zur Tierkunde:</b></td>
+<td class="tdr"></td>
+<td class="tdr"></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Reihe I, Reihe II</b> (mit je 4 Einzelbildern) roh je</td>
+<td class="tdr">4.50</td>
+<td class="tdr">3.50</td>
+</tr>
+<tr>
+<td>auf Leinwand gezogen je</td>
+<td class="tdr">7.50</td>
+<td class="tdr">5.80</td>
+</tr>
+<tr>
+<td>auf Leinwand gezogen u. mit Stäben versehen je</td>
+<td class="tdr">8.50</td>
+<td class="tdr">6.50</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Reihe I, Einzelbild 1, 2,3,4, Reihe II</b> Einzelbild 1, 2,3,4</td>
+<td class="tdr"></td>
+<td class="tdr"></td>
+</tr>
+<tr>
+<td>jedes Bild roh</td>
+<td class="tdr">1.50</td>
+<td class="tdr">1.20</td>
+</tr>
+<tr>
+<td>jedes Bild roh auf Leinwand gezogen</td>
+<td class="tdr">3.-</td>
+<td class="tdr">2.20</td>
+</tr>
+<tr>
+<td>jedes Bild auf Leinwand gezogen u. mit Stäben versehen</td>
+<td class="tdr">4.-</td>
+<td class="tdr">3.10</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><p class="s5">(Ausführliche prospekte von der Geschäftsstelle</p></td>
+<td class="tdr"></td>
+<td class="tdr"></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Wurm, Waldgeheimnisse.</b> Gebunden</td>
+<td class="tdr">4.80</td>
+<td class="tdr">3.60</td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Monographien unserer Haustiere:</b> Bd. I Schumann,<br>
+Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III<br>
+Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn à</td>
+<td class="tdr">1.40</td>
+<td class="tdr">1.05</td>
+</tr>
+<tr>
+<td>und zahlreiche andere mehr.</td>
+<td class="tdr"></td>
+<td class="tdr"></td>
+</tr>
+</tbody></table>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<div class="newpage">
+<p class="s2 center"><i><b>Die ordentlichen Veröffentlichungen</b></i></p>
+<p class="center">der früheren Jahre stehen neu eintretenden Mitgliedern, solange Vorrat,
+zu Ausnahmepreisen zur Verfügung.</p>
+
+<p class="floatleft">:1904:</p>
+<p class="p0">(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.— (Preis für Nichtmitglieder M 5.—),<br>
+geb. für M 6.20 (für Nichtmitglieder M 8.40):</p>
+<p>Bölsche, W., Abstammung des Menschen.</p>
+<p>Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltuntergang.</p>
+<p>Zell, Dr. Th., Ist das Tier unvernünftig? (Doppelband.)</p>
+<p>Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltschöpfung.</p>
+
+<p class="floatleft">:1905:</p>
+<p class="p0">(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.— (Preis für Nichtmitglieder M 5.—),<br>
+geb. für M 6.75 (für Nichtmitglieder M 9.—):</p>
+<p>Bölsche, Wilhelm, Stammbaum der Tiere.</p>
+<p>Francé. R. H., Das Sinnesleben der Pflanzen.</p>
+<p>Zell, Dr. Th., Tierfabeln.</p>
+<p>Teichmann, Dr. E., Leben und Tod.</p>
+<p>Meyer Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Sonne und Sterne.</p>
+
+<p class="floatleft">:1906:</p>
+<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br>
+für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80).
+Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht sich der Preis um 85 Pf.:</p>
+<p>Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. 1906: 12 Hefte (Preis für Nichtmitglieder M 2.80).</p>
+<p>Francé, R. H., Liebesleben der Pflanzen.</p>
+<p>Meyer, Dr. M. Wilh., Rätsel d. Erdpole.</p>
+<p>Zell, Dr. Th., Streifzüge durch d. Tierwelt.</p>
+<p>Bölsche, Wilh., Im Steinkohlenwald.</p>
+<p>Ament, Dr. W., Die Seele des Kindes.</p>
+
+<p class="floatleft">:1907:</p>
+<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br>
+für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht
+sich der Preis um 85 Pf.:</p>
+<p>Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. 1907: 12 Hefte (für
+Nichtmitgl. M 2.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht
+sich der Preis um 85 Pf.</p>
+<p>Kuhlmann, Aus der Wunderwelt des Wassertropfens.</p>
+<p>Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.</p>
+<p>Meyer, Dr. M. W., Kometen u. Meteore.</p>
+<p>Teichmann, Dr. E., Fortpflanzung und Zeugung.</p>
+<p>Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.</p>
+
+<p class="floatleft">:1908:</p>
+<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br>
+für M 7.55(für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht
+sich der Preis um 85 Pf.:</p>
+<p>Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane.</p>
+<p>Teichmann, Dr. E., Die Vererbung als erhaltende Macht im Flusse
+organischen Geschehens.</p>
+<p>Sajó, Krieg u. Frieden im Ameisenstaat.</p>
+<p>Dekker, Naturgeschichte des Kindes.</p>
+<p>Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes.</p>
+
+<p class="floatleft">:1909:</p>
+<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br>
+für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80).
+Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht
+sich der Preis um 85 Pf.:</p>
+<p>Unruh, Leben mit Tieren.</p>
+<p>Meyer, Dr. M. Wilh., Der Mond.</p>
+<p>Sajó, Prof. K., Die Honigbiene.</p>
+<p>Floericke, Dr. K., Kriechtiere und Lurche Deutschlands.</p>
+<p>Bölsche, Wilh., Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium.</p>
+
+<p class="floatleft">:1910:</p>
+<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br>
+für M 7.55 (für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht
+sich der Preis um 85 Pf.:</p>
+<p>Koelsch, Von Pflanzen zwischen Dorf und Trift.</p>
+<p>Dekker, Fühlen und Hören.</p>
+<p>Meyer, Welt der Planeten.</p>
+<p>Floericke, Säugetiere fremder Länder.</p>
+<p>Weule, Kultur der Kulturlosen.</p>
+
+<p class="floatleft">:1911:</p>
+<p class="p0">ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden<br>
+für M 7.55(für Nichtmitglieder M 11.80). Wird auch der Handweiser gebunden gewünscht, so erhöht
+sich der Preis um 85 Pf.:</p>
+<p>Koelsch, Durch Heide und Moor.</p>
+<p>Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.</p>
+<p>Weule, Kulturelemente der Menschheit.</p>
+<p>Floericke, Vögel fremder Länder.</p>
+<p>Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit.</p>
+
+<p class="p2">Die sämtlichen noch vorhandenen Jahrgänge der Kosmos-Veröffentlichungen
+(s. obige Zusammenstellung) liefern wir an Mitglieder:</p>
+
+<p class="p0">geheftet für M 31.50 (Preis für Nichtmitglieder M 56.80)<br>
+gebunden (auch Handweiser) für M 52.50 (Preis für Nichtmitglieder 93.—)</p>
+<p class="p0 center">auch gegen kleine monatliche Ratenzahlungen.</p>
+<hr class="r5">
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76968 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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